Nr. 14. 1880. zur „Ämgsbirrger Pofhritimg." Mittwoch, 18. August Nicht i>Ns genug dem Schwachen anfznhelsen, Auch stutzen muß man ihn. Shakspeare. Timon vvn*Athen A- I. 1. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Zweiter Theil. I. Auf dem Schloß Bloomhaus herrschte heute ein ungewöhnliches Leben. Der gnädige Herr war freilich im fernen Süden plötzlich verstorben, aber seine hinterlassene Wittwe hatte angezeigt, daß sie am heutigen Tage auf ihrer Besitzung eintreffen und dann für immer hier ihren Wohnsitz nehmen werde. Die Freude darüber war allgemein, denn vor mehreren Jahren war der Herr Baron auf Reisen gegangen, um sich nie wieder in seiner Heimath sehen zu lassen. Erhalte nur seine Renten eingefordert, die man bald hier, bald dahin senden mußte. .Nun war der Herr Baron ganz unerwartet in Italien gestorben und die Dienerschaft, die wirklich noch mit großer Treue an ihrem Herrn hing, empfand darüber die aufrichtigste Trauer, die jetzt durch die erwartete Ankunft der Frau Baronin ein wenig gedämpft wurde. Man war höchst neugierig, wie die künftige Herrin wohl aussehen und welches Regiment sie auf Bloomhaus führen würde? Iwan hatte freilich schon über die Eigenschaften der Frau Baronin die aufgeregten Gemüther ein wenig beruhigt, aber man bestürmte ihn immer wieder von Neuem mit Fragen über die schlechten und guten Eigenschaften der gnädigen Frau, denn er war der Einzige, der darüber Auskunft geben konnte, weil er allein die Frau Baronin kannte. Als Baron Bloomhaus damals auf Reisen ging, hatte er nur seinen Iwan mitgenommen, der sein volles Vertrauen besaß und auf dessen Umsicht und Gewandtheit er sich verlassen konnte. Iwan war ein geborener Russe und zeigte die ganze Geschmeidigkeit eines Slaven. Der Baron hatte den jungen, ungewöhnlich aufgeweckten Burschen rasch lieb gewonnen und zog ihn allen seinen übrigen Dienern vor. Kein Wunder, daß der junge hübsche Mensch von den Leuten des Barons gehaßt wurde. Man hatte ihm auch nicht das Glück und die Ehre gegönnt, den gnädigen Herrn zu begleiten; aber der Baron war nun einmal für den Burschen sehr eingenommen und so mußten sich die zurückgebliebenen in ihr Schicksal finden. . Vor einigen Tagen war Iwan plötzlich auf dem Schlosse angekommen, um die Ankunft der neuen Herrin zu melden und alles für ihren Empfang vorzubereiten. Da blieb den anderen Leuten des Barons nichts weiter übrig, als freundlich gegen den ! Menschen zu sein, wenn sie schon jetzt etwas über die neue Herrin erfahren wollten. f Es ist also eine Französin? fragte der Kutscher von Neuem, indem er eifrig an i dem Wagen weiter wusch, mit dem er die Baronin vom Bahnhöfe abhole» sollte. - Natürlich! Ich hab' Dir's ja schon hundertmal gesagt, entgegnete Iwan ein wenig ' verdrießlich. ^ - Ach, du mein Himmel, die wird uns schön aufspielen! rief ein alter Diener, der ^ müßig uMherstand, und dem Kutscher ruhig zusah. Wenn es noch wenigstens eine Deutsche wäre, die sind gutmüthiger; aber eine Französin! Als ich vor zwanzig Jahren s ist Petersburg war — ^ Wir wissen schon, da dientest Du bei einer Gräfin, die auch eine Französin war. Ach, du mein Himmel, wie hat die uns maldräthieret — so heißt's ja wohl? Aber unsere gnädige Baronin soll gutmüthig sein. Du hast es uns wenigstens s versprochen Iwan, meinte der Kutscher. ' Ich verspreche Euch, daß Ihr noch niemals eine so schöne, kluge Herrin gehabt, f wie unsere gnädige Frau, entgegnete Iwan mit großer Zuversicht. ! Wir wollen es sehr wünschen, sagte der alte Diener, denn die Weiber — da hat > man Beispiele. Du alter Junggeselle kannst ja nicht über die Frauen sprechen, entgegnete Iwan ^ lachend. ! Ach, du mein Himmel, ich kenne sie schon, seufzte der Alte, und erhob wie anklagend die Hände. Geh' lieber an Deine Arbeit, sagte Iwan in förmlich befehlendem Tone. Johann muß in der halben Stunde anspannen und drinnen ist noch viel zu thun. . Du hast mir gar nichts zu befehlen, murrte der Alte und blieb trotzig mit unter- f geschlagenen Armen stehen. t Das hübsche Gesicht Jwan's röthete sich vor Zorn, er ballte die Faust und schien ^ nicht abgeneigt, den störrischen Alten für seine Frechheit augenblicklich zu züchtigen; aber k er besann sich noch und bemerkte ruhig: Wenn Du glaubst, daß Du fortan wirft müßig f gehen können, weil nun eine Frau hier herrscht, so irrst Du Dich sehr. s Hast Dich wohl bei der Baronin schon recht einschmarotzt, daß Du hier beinahe ^ j>en Herrn spielen willst? sagte der Alte trocken, den die Drohung des Andern wenig s einschüchterte. Ach, du mein Himmel, warum mußte unser guter, junger Herr sterben, r denn das Weiberregiment taugt niemals was. ^ Iwan drehte ihm zornig den Rücken und kehrte rasch in das Schloß zurück, um i' nicht den uunützen Streit mit dem starrköpfigen Alten fortzusetzen. ^ Von dem Grünschnabel laß ich mir nicht befehlen, brummte ihm der Bediente nach, s trotzdem ihm der vorsichtige Kutscher abmahnend zuwinkte. Das hättest Du nicht thun sollen, August, sagte er mit bedenklicher Miene. Ach was, vor dem fürcht' ich mich noch lange nicht. Ich bin ja weit älter und so ein unreifer Bursche hat mir gar nichts zu sagen. ^ Aber Iwan ist mit der Baronin gereist und gewiß bei ihr gut angeschrieben. ! Gib' Acht, er wird Dir's gedenken, daß Du heut so grob zu ihm warst. ^ Was kann der mir anhaben. Er ist ja nichts mehr als ich selber, meinte der > Bediente. Johann war anderer Meinung, aber er schwieg, denn er wußte doch, daß sich der starrköpfige Alte nicht belehren ließ. Ohne sich in weitere Erörterungen einzulassen, ; putzte er noch eifriger an dem Wagen herum. t Warum beeilst Du Dich so? fragte August. Es ist ggr nicht ängstlich. Hast Du nicht gehört, daß ich in einer halben Stunde anspannen soll? Na, der Grünspecht hat Dir doch nichts zu befehlen, der ist ja nicht unser Baron, f Aber er muß doch wissen, wann ich die gnädige Frau abholen soll. 107 Die hätte gar nicht nöthig gehabt- so einen aufgeblasenen Burschen vorauszuschicken. Sie konnte uns einfach schreiben, da hätte sie Alles in Ordnung gefunden, meinte der Alte und dampfte dabei behaglich seine Pfeife weiter. Der Kutscher ließ sich durch diesen Widerspruch nicht beirren, sondern ging mit einer Hast seinen Geschäften nach, als ob der Baron selber hinter ihm stände und ihn antrieb. Ach, du mein Himmel, brummte der Alte. Das waren früher bessere Zeiten, aber nun kommt ein Unterrock ins Schloß, nun werden wir wie die Hasen herumgehetzt werden, — und dennoch rührte er sich selbst bei diesen schrecklichen Gedanken nicht von der Stelle Auch die Gemüther aller Andern waren durch die nahe Ankunft der neuen Herrin nicht wenig in Aufregung versetzt. Man stritt lebhaft hin und her, ob es nun besser oder schlechter werden würde, und eigenthümlich genug, neigte sich die im Schlosse vorhandene weibliche Dienerschaft dieser letzten Ansicht zu, während der männliche Theil nicht ganz ohne Hoffnung war, daß nun erst ein neues Leben anfangen werde. Zur bestimmten Stunde stand der Wagen bereit; Iwan stieg mit auf den Bock und das bereits alterthümliche Gefährt rollte davon, die übrige Dienerschaft in der gespanntesten Erwartung zurücklassend. Der Kutscher war ein Leite; er mochte wohl das Schwabenalter erreicht haben, aber er stand bei seinen Kameraden trotzdem im Ruf großer Beschränktheit. Johaniv sah sehr gutmüthig und wirklich ziemlich dumm aus; er war jedoch bei Allen wegen seines Harmlosigkeit beliebt und in seinem Berufe ließ er sich nicht das Mindeste zu Schulden" kommen. Unterwegs bestürmte der Nosselenker Iwan noch mit einer Menge Fragen über die künftige Herrin, aber der Kammerdiener gab einsilbige Antworten und sagte nur: Du wirst ja die gnädige Frau bald sehen und kannst Dich dann selber überzeugen, wie sie ist. Iwan war überhaupt plötzlich ganz verändert. Im Schlöffe hatte er sich äußerst lebhaft und energisch gezeigt, Alles zum Empfang der Baronin sorgfältig angeordnet und überwacht; jetzt saß er schweigsam auf dem Bock, in Nachdenken versunken, aus dem ihn kaum die lebhaften Fragen Johann's ein wenig aufscheuchen konnten. Nach zweistündiger Fahrt war der Bahnhof erreicht. Der Kutscher mußte bei seinen Pferden bleiben und Iwan eilte in den Wartesalon. Ungeduldig wanderte der Kammerdiener darin auf und ab, von Zeit zu Zeit hinausblickend, ob noch nicht gezogen sei. Ei was Tausend, Du hier? ließ sich plötzlich hinter ihm eine scharfe Stimme vernehmen und ein hochgewachsener alter Herr legte leicht die Hand auf seine Schulter. Iwan blickte sich erschrocken um und starrte nicht ohne Bestürzung in das vornehme Gesicht des Fragers, eh' er sich zu einer raschen Antwort aufraffen konnte. Ja wohl, ja wohl/ Herr Baron, sagte er dann mit einer höflichen Verbeugung. Du erwartest wohl Deinen Herrn? Was macht mein lieber Freund Gregor Bloomhaus? Wissen Sie das noch nicht, Herr Baron, er ist todt, antwortete Iwan mit einem schweren Seufzer, der seine Anhänglichkeit an den verstorbenen Herren beweisen sollte» Ah, nicht möglich! Seit wann und wo ist er denn gestorben? Vor drei Monaten in Neapel, war die Antwort. Hm, das thut mir leid. Gregor war ein guter Kerl, ein bischen wunderlich, aber doch ein prächtiger Mensch. Da wird sich BloomhauS-Rosenberg schön freuen. Der ist plötzlich aus aller Verlegenheit und kann nun noch eine große Herrschaft verjubeln. Das wird wohl nicht möglich sein. Mein gnädiger Herr hat in: Auslande geheiratet und ich erwarte soeben die Frau Baronin. Aber der Zug muß jetzt jeden Augenblick kommen und Sie entschuldigen mich daher wohl, Herr Baron, mit diesen Worten versuchte der Kammerdiener rasch hinauszustürzen, doch der alte Herr hielt ihn energisch an: Nockärmel fest. Halt, ich begleite Dich. Ich muß doch sehen wie die Frau meines jungen Freundes aussieht, ob er einen guten Geschmack gehabt hat? Werden der Herr Baron darüber nicht den Zug verpaffen? er hält hier nur wenige Minuten. Thut nichts, ich kann warten und fahre mit dem nächsten, denn ich bin viel zu neugierig auf die Wittwe meines lieben Gregor und ohne Weiteres schloß sich der alte Herr dem Kammerdiener an und betrat mit ihm zu gleicher Zeit den Perron. Baron Grciffenthal hatte früher mit Gregor Bloomhaus viel verkehrt, obwohl ihre Besitzungen sehr weit auseinander lagen, aber für die Gutsherren in den Ostseeprovinzcn haben große Entfernungen wenig zu bedeuten und um einen Abend beim Whist oder in lustiger Unterhaltung zuzubringen, unternimmt man gern halbe Tagreiscn. Greiffcnthal wußte nur, daß sein Freund nach Italien gegangen sei, weiter hatte er nichts von ihm gehört. Zu einem Briefwechsel hatte sich keiner von ihnen aufgeschwungen. Was man inzwischen sah und erlebte, konnte ja bei dem nächsten Widersetzen mitgetheilt werden, das war weit bequemer. Obwohl der alte Baron dem Kammerdiener gegenüber die Nachricht von dem Ableben des jungen Freundes ziemlich leicht nahm, war er davon doch tief erschüttert. Der arme Gregor! Ein so prächtiger, fröhlicher und guter Mensch mußte plötzlich sterben! Warum war er aber in's Ausland gegangen! Er hatte ihm genug davon abgerathen. Was war denn dort in der Fremde zu holen und als ob es nicht in der Heimath viel schöner sei. Jetzt kam schon der Zug und störte das weitere Nachdenken des Barons, der ohnehin nicht dazu neigte. Er nahm gern in seiner heitern, jovialen Weise alle Sachen leicht und spielte unter seinen Bekannten mit Vorliebe den lachenden Philosophen. Eine junge Dame blickte aus dem Coups erster Klaffe und nickte schon von Weitem dein Kammerdiener freundlich zu, der in ruhiger, ehrfurchtsvoller Haltung seinen Gruß erwiderte. Die Dame lehnte sich noch weiter hinaus und öffnete schon den Mund, um Iwan etwas zuzurufen, da sagte dieser rasch und mit sehr lauter Stimme: Herr Baron Grciffenthal will sich die Ehre geben, seine Nachbarin, die Frau Baronin hier willkommen zu heißen und er wies dabei auf den alten Herrn, der sich vor der Fremden höflich verbeugte und sie mit seinen hellen gutmüthigen Augen schweigend einige Sekunden musterte. Er war sehr angenehm überrascht. Daß die Wittwe seines Freundes eine solche Schönheit sein würde, hatte er nicht gedacht. Diese Frau mußte eine Zierde für die ganze Nachbarschaft werden und in, Umkreise von zehn Meilen allen jungen Männern die Köpfe verdrehen. Der Baron hatte in ein so feines geistreiches Gesicht, in so prächtige, leuchtende Augen lange nicht geschaut. Und welch' reizendes, glückliches Lächeln hatte um ihre Lippen gespielt! Das war freilich jetzt verschwunden und hatte sogar einem verdrießlichen Zuge um ihren Mund Platz gemacht, es war deshalb Zeit, die Schöne durch eine freundliche Redensart zu versöhnen. Verzeihen Sie, Frau Baronin, meine Zudringlichkeit, sagte er verbindlich und trat jetzt dicht an das Coups heran, aber ich werde es immer für eine Gunst des Schicksals ansehen, daß ich der Erste bin, der das Glück hatte, Sie in ihrer neuen Heimath begrüßen zu können. Als alter Freund Ihres verstorbenen Gatten heiße ich Sie herzlich willkommen, und er reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand hin. Die Baronin warf ihrem Kammerdiener heimlich einen vorwurfsvollen Blick zu, der zu sagen schien: Warum hast Du mir diesen alten Herrn mitgebracht? — und Iwan zuckle nur die Achseln, er konnte doch nicht in Gegenwart des Barons sagen, daß er daran unschuldig sei. Jetzt hatte die Baronin schon ihre Fassung und ihr bezauberndes Lächeln wiedergewonnen und die derbe große Hand des Barons mit ihren schlanken zierlichen Fingern berührend, sagte sie in französischer Sprache und mit einer Stimme, die außerordentlich 109 einschmeichelnd klang: Verzeihen Sie, mein Herr, ich verstehe noch nicht Deutsch, aber ich will mich bemühen, es zu lernen. Baron Greiffenthal bediente sich nun auch der französischen Sprache, obwohl sie ihm einige Schwierigkeiten machte: Ach, was werden Sie denn gedacht haben, daß plötzlich ein deutsch-russischer Bär so unerwartet auf Sie eindringt? Wenn alle deutsch-russischen Bären so aussehen, habe ich wenig zu fürchten l ent- gegnete die Baronin scherzend und ihre großen funkelnden Augen blitzten über den alten Herrn hinweg, der davon geschmeichelt, sein glücklichstes Lachen ausstieß. Wenn Sie mich gleich bei unserer ersten Begegnung mit solch' liebenswürdiger Schmeichelei verwöhnen wollen, dann bin ich verloren, sagte er und seine Blicke ruhten voll Entzücken auf der schlanken anmuthigen Gestalt der schönen Frau. Aber wir dürfen uns hier nicht länger aufhalten, gestatten Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten — und er bot ihr mit altfränkischer Galanterie den Arm. (Fortsetzung solgt.) Girgenti. Von Alsons v. Rost Horn. Cesalü, im April 1880. Rauchende Minen und intensiver Schwefelgeruch, der die Luft erfüllt, lehren uns, daß wir den Süden Siciliens, den Sitz des Schwefelkönigs, erreicht haben. Nur wenige Stationen mehr und wir sind am Ziele unseres von Palermo aus unternommenen Ausfluges, dem einst mächtigen Akragas, jetzt elenden Orte Girgenti, angelangt. Noch herrscht Monotonie in der Landschaft, die durch keinen Baum angenehm unterbrochen wird. Ueberall ein eigenthümlicher Farbenton: Braun in Braun — fast Monochromie zu nennen. Gleichwohl muß man staunen, was die Natur mit einer einzigen Farbe zu malen vermag. Ein helleres Gelbbraun oder Rothdunkel markirt zum Theil die einsame Berg- wildniß, und die ganz merkwürdig grotesken, nur durch vulcanische Thätigkeit erklärbaren Felsbildungen, die schönen Bergsormen mit prächtigen Hebungen und Senkungen, welche das Innere Siciliens auszeichnen, treten uns entgegen, wenn wir den primitiven Bahnhof von Girgenti, die vorletzte Station jener Bahn, welche, vor wenigen Jahren vollendet, eine direkte Verbindung der Nord- und der Südküste in sechs Stunden herstellt, verlassen haben. Eine Viertelstunde scharfen Fahrens — wobei ich die in Sicilien herrschende Sitte, die steilsten Partien des Weges in Carriere zu nehmen, sowie bei Beginn von Fahrten durch heftiges Peitschengeknall, lautes Schreien und rohes Dreinschlagen auf die bedauernswerthen Pferde möglichst viel Effect hervorzurufen, nicht unerwähnt lassen will — bringt uns auf die Höhe des Camicus hinauf, jenes Berges, dessen Spitze durch Girgenti recht malerisch geschmückt wird. Welch' herrliches Bild entrollt sich dort oben unsern Augen! Die Schönheit der Landschaft mit ihrer tropisch ausgebrannten, doch üppigen Vegetation, im Hintergrund eingefaßt durch das Aegatische Meer, erklärt es sofort, wie Pindar das ehemals hier gelegene Akragas oder Agrigent als die schönste Stadt der Sterblichen besingen konnte. Doch noch haben wir nicht Zeit, die Schönheiten des Bildes im Einzelnen zu studiren. Durch einfache Gartenanlagen, die mit der Statue des für das alte Agrigent so bedeutungsvollen Philosophen, Arztes und zugleich Herrschers Empedokles geschmückt sind und einen prächtigen Ausblick auf das Meer gestatten, gelangen wir zur Stadt und durch das östliche Stadtthor, die Porta di Ponte, in die einzige fahrbare Straße derselben, die Via Atenea. Wir trachten eiligst das Hotel zu erreichen und unser Gepäck abzuladen, um, dann zurückkehrend, das Bild der Landschaft bei Sonnenuntergang mit Ruhe von einem höhern Punkte aus genießen zu können. Durch Volksmassen, durchwegs aus Männern bestehend, deren Lebensprincip das volos kur uisuts, das ewig 110 und einzig südliche Nichtsthun, zu sein scheint, durch die in Unter-Italien übliche Menge von Bettlern bahnen wir uns langsam unsern Weg. Schon zeigt sich hier deutlich jener Typus, welcher durch die eigenthümliche Gesichtsbildung, den broncefarbenen Teint und die schwarzen, krausen Haare an den der Nord-Afrikaner mahnt und uns daran erinnert, daß dieses Volk eine Misch-Race aus Spaniern, Sarazenen und Italienern ist. Doch darf man hier nicht edle Gesichtszüge erwarten, im Gegentheil ist in den Zügen fast durchwegs nur Nohheit und sittliche Grausamkeit zu lesen und die tiefe Culturstufe erkennbar, auf der sich dieses arme Volk im Gegensatze zu den meist sehr intelligenten Ober-Italienern noch befindet. Nicht bald wird man, wie ich glaube, außer in Spanien und in Griechenland, an einem Orte .eiste ähnliche Fülle von Gaunergesichtern versammelt finden, als eben in Girgenti und ähnlichen sicilianischen Kleinstädten. Nicht ein einziges Gesicht konnte mir da Vertrauen einstoßen oder eine Sympathie erregen, und einige Facta aus den letzten Jahren, namentlich der in diesem Frühjahr zur Verhandlung gelangte Proceß Catalfama, waren sehr geeignet, diesen ungünstigen Eindruck zu steigern. Desgleichen konnte ich auch unter dem' schönen Geschlecht trotz aufmerksamer Beobachtung kein einziges nur halbwegs hübsches Gesicht entdecken. Man sieht eben meist nur ganz kleine Mädchen oder altgewordene Weiber im schlechtesten oder engsten Sinne des Wortes. Jener Mädchenflor, welcher unserm Lände sowohl als unsern Städten durch sein frisches, gesundes Aussehen, die unmuthige Gestalt und sein freundliches, liebes Wesen zur Zierde gereicht, scheint hier zu fehlen. Während die Männer, eingehüllt in den wohl etwas kurzen, blauen oder dunkel gefärbten Radmantel (Capuletto genannt), der nach oben direkt in die Kapuze übergeht und nur das von der bereits afrikanischen Sonne gebräunte, meist rasirte Antlitz hervorlugen läßt, immerhin einen recht malerischen Anblick gewähren, zeichnen sich die Weiber durch kein eigenthümliches Kleidungsstück aus. Charakteristisch ist für sie wie für die Männer, nur der crasse Sicilianer-Schmutz. . Wie in den meisten sicilianischen Kleinstädten, ist allerdings die einzige Hauptstraße erträglich rein und der erste Eindruck, welchen man beim Eintritt durch dieselbe von Girgenti gewinnt, kein so schrecklicher. Doch verlange man nimmer zu schauen, was die kleinen Nebengäßchen bergen. Wenn schön die Neugierde ein einfaches Vorübergehen an diesen nicht zuläßt, so wage man sich ja nicht zu weit hinein, um nicht bald entsetzt umkehren oder sich beim weitern Vordringen mit stoischem Naturforscher-Gleichmuth wappnen zu müssen. Damen, zu deren Haupteigenschaften etwa die Neugierde gehören sollte, sind ganz entschieden vor einem solchen Wagniß zu warnen. Wir haben bald den in Italien obligaten Bummelplatz, den Corso, erreicht, biegen um eine Ecke und stehen vor dem ersten Gasthof Girgentis. Aeußerlich am besten mit einer Strafanstalt zu vergleichen und 'den andern Häusern, die meist ein-, selten zweistöckig, sich durch Gleichförmigkeit der Bauart und des Styls, durch Gleichheit der Farbe, Größe, der Dächer und durch eine große Menge von Balconen mit die Fenster ersetzenden Glasthüren auszeichnen, durchaus unähnlich, ist es innerlich ein Labyrinth, ein Gewirrs von Gängen. Während sonst der Reisende, wenn er nicht gerade sehr vielversprechend aussieht, über zahllose Stufen mit kellnerhaftem Gleichmuth aufwärts geführt zu werden pflegt, um das durch die allgemeine Stubenmädchen-Einrichtung, die infusoricnreiche Wasserflasche und die kostbaren zwei Kerzen „geschmückte" Zimmer angewiesen zu erhalten, muß man hier viele merkwürdige Treppen abwärts steigen, und zwar werden die untersten, der Tiefe nach unsern Kellerwohnungen vergleichbaren Localitäten den Gästen als die elegantesten angewiesen. Durch das Reisen in der torrg, lblies an alle Unannehmlichkeiten des Wanderlebens gewöhnt, achtet man weder auf die wohlwollende Freundlichkeit des begleitenden Jünglings, noch auf jene allüberall angebrachten Placate, welche in gedruckter Gemüthsruhe dem Fremdling andeuten, daß seine Werthsachen in dein neu acquirirten Logement wohl nicht am besten aufgehoben seien, indem sie ihm empfehlen, dieselben, falls er sie nicht durch einen Diebstahl oder Raub zu verlieren gedenke, beim Besitzer des Hotels selbst deponiren zu wollen. Man wirft einen Blick nach dem Pla- 111 fand, ob er nicht etwa, einem alten Palazzo angehörend, einzufallen drohe, überzeugt sich von der Spcrrbarkeit des Thürschlosses, besieht sich das Bett, ob es nicht, aus Holz verfertigt, eine Brutstätte des einheimischen Ungeziefers aller Art sei, und läßt, da mau mit dem Gegebenen doch zufrieden sein muß, das Gepäck herein bringen. Hat man schließlich durch sorgsame Untersuchung sich auch darüber beruhigt, daß die Koffer während des Hereintragens nicht aufgebrochen wurden, so entledigt man sich jener zu den Haupteigenthümlichkeiten Unter-Italiens gehörenden modernen Erinnpen, der „Facchini", durch Zahlen der verdoppelten Taxe mittelst eines tüchtigen Griffes in die beim praktischen Reisenden von Centesimi stets strotzende Tasche, die, wenn sie nicht deutscher Schneider- hand ihren Ursprung verdanken würde, in Folge des äußerst zweckmäßigen italienischen Kleingeldes schon längst in Fetzen gegangen wäre. „Neoo per In botti^lm" oder In duona, irmno" sind die jedem Unter-Italien Besuchenden leider nur zu wohl bekannten Worte, mit welchen man den Facchini zuvorkommen muß, will man sich nickt durch ihre unablässige Verfolgungswuth von Anfang an den Aufenthalt verbittern lassen. Endlich ist man die Bande losgeworden, die Berufenen sowie die Unberufenen, und schöpft ein wenig Athem. Man ist allein, ohne Begleitung, in Italien eine Seltenheit! Wie wohl thut da das Gefühl des Alleinseins, der Einsamkeit! Jedoch wir müssen uns aufraffen und eilen zur Stadt hinaus, um das von den letzten Strahlen der Abendsonne erleuchtete Bild der historisch so berühmten Gegend von der Höhe des Athene-Felsens (ruxs atensa), dem besten Aussichtspunkte in der Nähe Girgentis, genießen zu können. Gerade der Porta del Ponte gegenüber ist der Fels in einer starken Viertelstunde ersteigbar; der Weg führt beim ehemaligen Kapuzinerkioster S. Vito vorüber, das jetzt die Gefängnisse enthält, und windet sich durch Oliven- und Mandel-Haine hinan. Auf der Spitze befindet sich eine ziemlich große Abplattung, wo ehedem ein Tempel der Pallas Athene gestanden haben soll. Von dieser hat man die herrlichsten Ausblicke nach allen Richtungen hin; gegen Norden zu sieht man weit in das Innere Siciliens hinein, gegen Westen auf dem etwas niedrigern Camicus das heutige Girgenti, das mit seinen glatten Dächern' und der unregelmäßigen Zusammenstellung der Häuser einen sehr hübschen Anblick gewährt, während sich gegen Süden hin jenes bereits früher erwähnte Bild entrollt, das durch Reinheit der Contouren, Weichheit des Ganzen und Harmonie von Himmel, Meer und Erde — um mich dieser so schön gewählten Worte Goethe's zu bedienen — überwältigen muß. Zu unsern Füßen breitet stch jene schiefe Hochebene aus, die, ein unregelmäßiges Dreieck bildend, das ehemalige Stadtgebiet umfaßt. Die Basis nach Nord zu bilden die Höhen des Camicus und des Athene-Felsens, seine Seiten die beiden Flüßchen Sän Biagio und Trag» (ehedem Akragas und Hypsa). Es ist ein weiter Abhang, ganz von Gärten und Weinbergen bedeckt, unter deren meist ewigem Grün man kaum den Schutt einer einst so mächtigen Stadt vermuthen würde, wenn nicht die weithin bemerkbaren Tempel der Concordia und der Juno Lucina, die schönst erhaltenen Denkmäler griechischer Baukunst in Sicilien, sowie die Ueberreste zahlreicher anderer Tempel und Baulichkeiten und die zahlreich aufgefundenen Münzen uns dessen versicherten. Hier auf diesem sanften Abhang breitete sich ehedem der neuere Theil von Agrigent aus, nach Plutarch die Neopolis genannt, während der ältere Theil der Stadt mit der Akropolis, auf dem Camicus gelegen, zum Theil denselben Raum einnahm wie das heutige Girgenti. Diese letztere Hochfläche fällt gegen Ost und Süd in steilen, als Stadtmauer,: benützten Felswänden zur Küstcn- Ebene ab, welche, braun, öde und ausgebrannt, allmülig gegen das Meer sich senkt und in ihrer ernsten Würde wundervoll mit der erhebenden Einfachheit und Größe jener die Südseite der Stadt schmückenden Reihe von dorischen Tempeln übereinstimmt; endlich zum Abschluß des Bildes gegen Süden das Acgntische Meer, in der Ferne begrenzt durch einen langen Nebelstreif, der dem Horizont aufzulagern scheint — die Küß? Afrikas! Wie phantastisch malt man sich jenen Streifen aus, mit welchen Gestalten belebt man denselben, von welchen Gefühlen wird man überwältigt bei dem Gedanken, einem andern Welttheil so nahe zu sein?! Die Sehnsucht, die nahen Ruinen von Karthago zu sehen, auf jenen Trümmern gleich Marius sitzen zu können, hat auch uns überkommen und nur mit Mühe entschlagen wir uns derselben, um unsern Blick sowohl als unsere Gedanken den uns ja zu Füßen liegenden Ruinen und Resten einer einst nicht minder mächtigen Stadt zuzuwenden. Im Geiste führen wir uns die Geschichte des einst so glücklichen Akragas vor, und in Gedanken versetzen wir uns in jene Zeit zurück, wo hier, wie in allen Städten Siciliens, Tyrannen die Herrschaft an sich rissen. Als ersten Alleinherrscher zu Akragas, das, vom nahen Gela gegründet, erst 582 hellenisch geworden war, nennt die Geschichte Phalaris, von dessen unter den Griechen sprichwörtlich gewordener Grausamkeit die 'Sage vom broncenen Stier zeugt. Nach Phalaris wird Theron genannt, unter dessen Herrschaft die Stadt zu ihrer Glanzperiode emporstieg. Es war zu jenen Zeiten, als Pindar und Aeschylus ab und zu Akragas besuchten. Der Erstere war es, welcher in seinen isthmischen Lobgesängen Herrscher und Stadt pries. Unter Empedokles, von dem die Sage erzählt, er habe sich selbst für einen Gott gehalten und sein Leben dadurch beendet, daß er sich in den Krater des Aetna stürzte, befand sich der Staat auf dem Gipfelpunkt seiner Macht, aber zugleich hatte die Weichlichkeit der Bürger, deren abnormer Reichthum zu den merkwürdigsten und vielfach citirten Excessen Anlaß gab, einen solchen Höhepunkt erreicht, daß der bald darauf und plötzlich erfolgende Sturz als natürliche Folge erscheint. Im Jahre 406 vor Christi Geburt nach achtmonatlicher Belagerung karthagisch geworden, spielte Agrigent als Waffenplatz in den punischen Kriegen eine Rolle. Durch einen rachsüchtigen Feldherrn, Namens Mutines, wurde es an die Römer unter dem Consul Lävinus verrathen. Mit Agrigent fiel im Jahre 221 auch ganz Sicilien in die Hände der Römer. Von der unseligen Stadt war in Folge der vielen Plünderungen und Brände wenig übrig geblieben; die zahlreichen Kunstschätze waren theils nach Karthago, theils nach Rom gebracht worden und nur die Tempel trotzten der langen Zeit und jenem barbarischen Vorgehen. Gre- gorovius vergleicht in seinen trefflichen „Siciliana" („Wanderjahre in Italien", 3. Band) den jähen Fall Agrigents mit dem plötzlichen Tode eines Menschen, der mitten in der Fülle seiner Herrlichkeit dahingestreckt wird. Seit jenem so verhängnißvollen Zeitpunkte war die Stadt fast ganz verschollen. Unter der Herrschaft der Sarazenen sowohl als unter den Normanen sank sie immer tiefer, ihre Einwohnerzahl fiel von den fabelhaften 400,000 auf 15,000 herab und aus der Geschichte verschwand der Name gänzlich. . . . Die Sonne war untergegangen, über das Meer, das eben erst in allen Farben- tönen gespielt hatte, breitete sich Dunkel und die Contouren der ferner gelegenen Objecte verschwammen mehr und mehr. Die Erde strahlte die tagsüber aufgenommene Hitze aus und ein lauer Südwind wehte von der afrikanischen Küste herüber. Es war Nacht geworden, als wir, durch die empfangenen Eindrücke fast traurig gestimmt, nach dem „modernen" Girgenti, in dessen Straßen, gleichwie im Orient, das eigentliche Leben und Treiben erst begonnen hatte, zurückkehrten. Miseelke«. (Oelmalerei.) In Wien wollte jüngst ein reicher, aber sehr magerer Knopfmacher sich malen lassen. Der Maler fragte ihn nun, ob er in Wasserfarbe oder in Oel gemalt sein wollte. „In Oel, dacht i," erwiderte der Knopfmacher, „damit i halt a bisse! fetter ausschau." (Die Börse.) Ein Witzkopf erklärte: „Die Börse komme ihm vor wie eins Kinderstube." Als man nach der Ähnlichkeit fragte, antwortete er: „Die Großen ziehen die Kleinen aus." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.