Nr. 15 1880. zur „Äugsbiirger Postzeitimg." Sam.stag, 21. August Von weicher Seite prallt Zurück die scharfe Klinge. — Sanftmut!) wirkt größ're Dinge, Als schneidende Gewalt. Friedrich Bodenstedt. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht, (Fortsetzung.) Die Baronin hatte bereits das Coups verlassen und sah sich nach allen Seiten ängstlich um. Sie wollen wohl wissen, wo ihr Kammerdiener hingerathen ist? fragte der Baron. Der wird inzwischen schon sich um das Gepäck bekümmert haben. Sie können ganz ohne Sorgen sein, es ist ein anstelliger zuverlässiger Mensch. Mein seliger Freund war auch mit ihm sehr zufrieden. Iwan! rief dennoch die Baronin und wenige Augenblicke später eilte der Kammerdiener schon herbei. Was befehlen Frau Baronin? fragte er unterwürfig. Die Baronin fuhr mit dem Taschentuch über das ein wenig geröthete Antlitz und sagte dann nach einigem Zögern mit leiser Stimme, wenn auch etwas in befehlendem Tone: Ist das Gepäck schon in Ordnung? Ja wohl, Frau Baronin. Wir können abfahren. Der Wagen steht bereit. Sie sehen, daß Sie sich auf Iwan verlassen können, und nun kommen Sie, Frau Baronin, und er bot ihr von Neuem den Arm, den sie vorhin nicht angenommen hatte. Auch jetzt zögerte sie noch und bemerkte mit gezwungenem Lächeln: .Aber ich weiß noch immer nicht, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen. Baron Greiffenthal klopfte sich mit den Fingern seiner Linken vorwurfsvoll auf die Stirn. Ach, ich vergaß, daß ich mich Ihnen zuerst in deutscher Sprache vorgestellt ^ habe, und er wiederholte jetzt in seinem ziemlich knarrenden Französisch, was ihm nach seiner Meinung ein Recht gab, sich so zutraulich der schönen Wittwe zu nähern. Die Baronin verlor damit den letzten Rest von Zurückhaltung, den sie gegen Greiffenthal gezeigt hatte, und mit einer Liebenswürdigkeit, die vollends den alten Herrn bezauberte, nahm sie sein Anerbieten an und ließ sich von ihm zrim Wagen geleiten. Am liebsten hätte er sogleich an ihrer Seite Platz genommen und wäre mit ihr nach Bloomhaus gefahren, aber er durfte doch bei der ersten Begegnung nicht gleich so weit gehen, und er sagte nur, als er seine schöne Nachbarin in den Wagen gehoben hatte und ihr noch einmal die Hand reichte: Also auf baldiges Wiedersehen, verehrte Frau. Ich werde mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben, Sie mit den Meinigen zu besuchen, wenn Sie es mir gestatten. ,_^_,_.. ^ o 114 — ^ Es wirb mir ein großes Vergnügen sein, entgegnete die Baronin> und sie schenkte 4hm zum Abschiede noch einmal ein reizendes Lächeln, dann sah sie sich schon wieder nach ihrem Kammerdiener um, der eben zum Kutscher auf den Bock steigen wollte. Haben wir auch alles Gepäck? fragte sie ihn besorgt? Ja wohl, Frau Baronin, bestätigte der Diener Ich danke Dir, Iwan, sagte Sie, und Baron Greiffenthal bemerkte mtt blassem. Neid, daß sie auch für diesen Menschen ein freundliches Lächeln hatte. Nochmals leben Sie wohl, Frau Baronin! und der alte Herr verbeugte sich zum letzten Mal, während die Wittwe zum Gruß nur mit dem Taschentuch winkte, und dann fuhr der Wagen davon. Schon nach wenigen Wochen war die schöne Wittwe ein Stern, der nicht nur den Weisen, sondern auch vielen Narren den Weg nach Bloomhaus zeigte. Die Frau Baronin war gegen Alle gleich freundlich, gleich liebenswürdig, aber auch gleich kühl und trieb damit ihre zahlreichen Anbeter zur Verzweiflung. Man nannte sie eine Kokette, verwünschte ihre Herzlosigkeit und betete dennoch um so leidenschaftlicher die schöne Französin an. Unter ihren Verehrern nahm Baron Bloomhaus-Rosenberg den ersten Platz ein. Er trug der Wittwe seines Verwandten nicht einmal nach, daß sie ihn um die glänzende Erbschaft gebracht, denn ohne ihr Vorhandensein wäre ihm jetzt das Glück zugefallen, wie Baron Greiffenthal meinte, auch diese große Herrschaft zu verjubeln. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte die Dreißig noch nicht erreicht aber schon ein sehr bewegtes Leben hinter sich, trotzdem sah er noch ungewöhnlich frisch und jugendlich aus. Eine geniale Sorglosigkeit, die schon an Liederlichkeit streifte, bekundete sein ganzes Wesen und hatte ihm über alle Klippen und Fährlichkeiten immer wieder hinweggeholfen. Der schlank gewachsene, hübsche, blonde Edelmann mit den gewinnenden, einnehmenden Manieren, war in allen Kreisen beliebt und galt bei den Damen als unwiderstehlich. Trotzdem er durch seine Verschwendungssucht zu einem verarmten Edelmann herabgesunken war, hätte er in manchem adligen, reichen Hause ruhig anklopfen können und man würde dem prächtigen Kavalier gern eine der Töchter gegeben haben, aber Baron Nosenberg lebte nun schon seit Jahresfrist von der kleinen Rente, die ihm eine alte Tante ausgeworfen, ohne daran zu denken, sich durch eine reiche Heirath wieder flott zu machen. Seinen Freunden erklärte er, daß er nicht so leicht seine Freiheit verkaufen wolle. Da erschien die Wittwe seines Vetters, und die Unabhängigkeitsgedanken, mit denen sich der Baron so lange getragen, gingen plötzlich in die Brüche. Und es war nicht einmal die Besitzerin der großen Herrschaft, nach der er die Hand ausstreckte, — es war wirklich nur die schöne geistreiche Frau, um deren Gunst er eifrig warb. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er für ein weibliches Wesen eine tiefe ehrliche Liebe und glühende Leidenschaft. Die Baronin dagegen schien durchaus nicht geneigt, An eifriges Werben zu er- chören, sie behandelte ihn wohl wie ihren lieben Verwandten und schenkte ihm eine Art Zutrauen, aber sie wußte doch immer wieder ihn in den gehörigen Schranken zu halten. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte einen Freund, den Grafen Brückenburg, mit 4>em er ein Herz und eine Seele war. Man nannte den Grafen nur den bösen Dämon Rosenberg's, und doch mit Unrecht. Der Schein war freilich gegen Brückenburg; er stammte aus einer verarmten gräflichen Familie Westpreußens, besaß keinen Pfennig Vermögen und hielt sich größtentheils bei Verwandten, die in den Ostseeprovinzen begütert waren, auf. Er hatte auf diese Weise den mehrere Jahre älteren Baron kennen gelernt und sich innig an ihn angeschlossen, aber er war es, der trotz seiner Jugend, den Freund von manchen Thorheiten zurückhielt, obwohl es den Anschein hatte, als ob er die verschwenderischen Neigungen Rosenberg's noch unterstütze. 115 Graf Brückenburg war klüger, berechnender als der Baron; eine große Welterfahrung stand ihm zur Seite, denn er hatte sich sehr früh auf eigenen Füßen umher- getummelt, er konnte zwar nicht immer hindern, daß sein Freund nicht mit vollen Händen das Geld fortwarf, sobald er im Besitz desselben war, aber er wußte dennoch manche Unbesonnenheit des Barons geschickt zu ordnen und ohne seine kluge Vermittelung würde die Tante Nosenberg's vielleicht schon längst ihren Neffen aufgegeben und die Hand von ihm zurückgezogen haben. Brückenburg war es auch, der seinen Freund fortwährend zu bearbeiten suchte, durch eine reiche Partie sich mit einem Schlage aus aller Verlegenheit zu helfen. Bisher hatte ihm der Freund auf alles Drängen immer lachend zur Antwort gegeben: Warum willst Du nicht selber zu dem Rezept greifen, was Du mir verordnest — und der Graf entgegnete dann nur mit ziemlich scharfer Selbsterkenntniß: Ich bin für ein sehr reiches, junges Mädchen nicht hübsch und anziehend genug. Wirklich war Brückenburg keine einnehmende Erscheinung und sein scharfer, kritischer Geist hinderte ihn, bei den Damen den feurigen Anbeter zu spielen. Er sah dort noch immer Fehler und Schwächen, wo die Andern anbetend in die Knie sanken. — Der ungewöhnlich magere, lang aufgeschossene junge Mann, mit dem schmalen, raubvogelartigen Gesicht, war besonders bei der jungen Damenwelt nicht sehr beliebt. Man fand seine Persönlichkeit komisch und lächerlich und man fürchtete zu gleicher Zeit seine scharfen Augen, denen keine falsche Haarflechte und selbst die feinste Schminke nicht entging und noch mehr seine scharfe Zunge, die gnadenlos die kleinen Eitelkeiten und Schwächen der guten Gesellschaft verspottete. Heute war Baron Rosenberg mit dem Grafen nach Bloomhaus wieder einmal zum Besuch gekommen. Die schöne Wittwe hatte ihren lieben Vetter und seinen Freund mit gewohnter Liebenswürdigkeit empfangen, aber sie hatte auch ebenso geschickt wie früher, ihn in angemessener Entfernung zu halten gewußt. Jetzt wanderten die Freunde allein im Park umher, da die Baronin sie soeben verlassen hatte, weil sie kurz vor Tisch Toilette machen wollte. Ein herrliches Weib! murmelte der Baron, indem seine feurigen Blicke die schlanke Gestalt noch so lange verfolgten, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war. Schade, daß sie so wenig von einer Französin an sich hat, Sie ist in ihren Gefühlen eine echt nordische Schönheit. Eine kalte Polarsonne, spottete der Graf. Aber vielleicht beglückt sie ganz heimlich irgend einen Sterblichen mit ihren wärmsten Strahlen. Du bleibst ein unverbesserlicher Weiberfeind, Gustav, Deine Stunde wird jedoch auch einmal schlagen, entgegnete der Baron. Merkwürdig bleibt es mir freilich, daß selbst meine Cousine auf Dich keinen Eindruck gemacht hat. Ich bin vernünftig genug, dort nicht anzubeten, wo ich doch kein Gehör finde. Als ob eine echte unverfälschte Leidenschaft darnach gefragt hätte! rief der Baron lebhaft aus. Ich müßte sie lieben und wenn sie mein Herz noch so grausam mißhandelte; aber ich hoffe doch, daß sie sich endlich von dem Ernst meiner Liebe überzeugen und mich erhören wird. Um die Lippen des Grafen zuckte ein spöttisches Lächeln, als er antwortete: Ich hätte Dir eine solche Hoffnungsfreudigkeit gar nicht zugetraut. Der Baron blieb stehen und sah seinem Freunde vorwurfsvoll in die Augen.' Nein, Gustav, Du darfst die Sache nicht länger leicht nehmen, sagte er sehr ernst und mit bewegter Stimme. Dies Weib hat es verstanden, Empfindungen zu wecken, die ich noch nie gekannt habe. Das Glück meines ganzen Lebens hängt an seinem Besitz. Jetzt verlor sich auch der sarkastische Zug in dem Antlitz des Grafen. Er legte zutraulich seine langen Arme auf des Barons Schultern und erwiderte mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: Steht es wirklich so schlimm mit Dir? , 116 Kannst Du noch fragen? Ich liebe diese Frau so tief und leidenschaftlich, daß ich sie besitzen muß, wenn ich nicht untergehen soll, war die Antwort des Barons. Graf Brückenburg ließ beinahe erschrocken seine Arme von den Schultern des Freundes los und sagte niedergeschlagen: Ah, das hatte ich doch nicht von Dir erwartet. Die Wittwe Deines Vetters zu heirathen, war ja gar keine üble Idee, nur hielt ich Dich für alt und klug genug, die Geschichte nicht mit Deinem Herzen, sondern mit Deinem Verstände einzufädeln. Bei der echten Liebe hört eben alle Berechnung auf und dies verführerisch schöne Weib liebe ich mit einer stürmischen Gluth, wie ich sie als neunzehnjähriger Jüngling nicht empfunden habe. Dann muß ich Dir dennoch rathen, diese glühenden Gefühle mit aller Gewalt zu unterdrücken, bemerkte der Graf. Unmöglich! sie werden nur mit meinem Leben enden. Beide Freunde wanderten im Park weiter, ohne noch ein Wort zu sprechen. Sie hatten jetzt eine Moosbank erreicht und Vrückenburg unterbrach plötzlich das Schweigen mit der Frage: Wollen wir uns nicht ein wenig ausruhen? und wie erschöpft ließ er sich auf der Bank nieder. Obwohl der Baron in seiner aufgeregten Stimmung den Spaziergang weit lieber fortgesetzt hätte, folgte er dennoch dem Beispiel des Freundes. Du bist plötzlich stumm geworden, begann Rosenberg, der das Gespräch über einen Gegenstand fortsetzen wollte, der allein seine ganze Seele erfüllte. Hm, was läßt sich da sagen? erwiderte der Graf. Wenn Du mit unserer schönen Wittwe eine Convenienz-Heirath eingegangen wärest, hätte ich ja gar nichts dagegen gehabt, aber daß Du sie wirklich liebst, macht mich stutzig und bedenklich. Was sind da für Bedenken? Sie ist schön, geistreich, und daß sie zufällig die reiche Witte meines Vetters ist, darf mich doch nicht hindern, um ihre Hand zu werben. Der Graf schwenkte das auf schlankein Halse sitzende kleine Haupt hin und her. Das wäre Alles ganz gut, wenn nur nicht — Du machst mich ungeduldig, mit Deinen wunderlichen Einwürfen, unterbrach ihn der Baron. Und Du lässest mich ja nicht aussprechen, entgegncte Vrückenburg. Es fällt mir ohnehin schwer genug, Dir die Binde pon den Augen zu reißen, aber wenn die Sachs so mit Dir steht, bin ich Dir die Wahrheit schuldig. Willst Du Dich nur über mich lustig machen und meine Neugier erregen? Nein, lieber Richard, das will ich nicht, erwiderte der Graf ungewöhnlich ernst und sein so scharfes sarkastisches Gesicht zeigte jetzt einen gutmüthigen, theilnahmvollen Ausdruck. Ich will Dir nur einen Freundschaftsdienst erweisen, selbst wenn Du mir wenig dafür danken kannst. Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung, aber Vrückenburg fuhr ruhig fort: Diese Frau darfst Du nicht aus Liebe heirathen. Warum nicht? rief Rosenberg aus und wollte in heftiger Erregung aufspringen, doch der Freund hielt ihn zurück; Du hast einen sehr unwürdigen glücklichen Nebenbuhler. Ach laß die Scherze, Gustav, ich bin wirklich heute dazu nicht aufgelegt. Es ist durchaus kein Scherz, es - ist die volle Wahrheit, erwiderte der Graf mit gpoßer Entschiedenheit. Sage selbst, ob es sich für den Baron Bloomhaus-Nosenberg schicken würde, wenn er das Herz seiner Dame mit deren Kammerdiener theilen müßte, und diesem dabei noch der weit größere Antheil zufiele? Ilnsinn! Du machst heute wieder Deine bitteren Späße, nur muß ich Dir offen gestehen, daß sie nicht nach meinem Geschmack sind. Das glaube ich gern. Wann Hütte je die Wahrheit gefallen und noch dazu einem leidenschaftlich Verliebten? Wenn Du dies weißt, so bitte ich Dich, mich nicht weiter zu kränken, sagte der Baron mit ungewöhnlicher Schärfe. Es ist durchaus kein Scherz, entgegnen der Graf so ruhig wie bisher, aber doch mit ernster Stimme. Du hast an Iwan einen sehr gefährlichen Nebenbuhler, und wenn Du die schöne Wittwe heirathest, dann fürchte ich — Weiter kam Brückenburg nicht, denn der Baron stieß ein Helles übermüthiges Gelächter aus. Nein, das ist kostbar! Und das tischest Du mir mit ganz ernster Miene auf! Du kannst doch selbst gegen Deinen besten Freund den Schalk nicht verleugnen. ^ Du irrst Dich, ich habe anfangs gezögert, Dir meine Beobachtungen mitzutheilen; jetzt darf ich sie Dir nicht länger vorenthalten, erwiderte Brückenburg. Diese Frau ist! Deiner unwürdig, sie unterhält mit ihrem Kammerdiener ein sehr intimes Liebesverhältniß.' Der Baron sprang von der Bank auf und rief in höchster Erregung: nicht mög-' lich! Wärest Du nicht mein einziger und bester Freund, ich müßte Dir entgegenwerfen: Du verleumdest! Es ist dennoch die volle Wahrheit! Ich habe mehr als einen Beweis dafür, sagte der Graf so ruhig wie bisher. Und der wäre? fragte Rosenberg heftig, und seine Blicke ruhten voll Unruhe auf dem schmalen blassen Antlitz des Freundes. Du weißt, ich bin den Frauen gegenüber eine etwas mißtrauische Natur, begann der Graf; aber setz' Dich wieder, unterbrach er sich selbst. Es läßt sich so leiser sprechen, und diese Dinge möchte ich vorläufig doch nicht so laut erörtern. (Fortsetzung folgt.) Das Kleid des Buches. Von Bruno Bücher. Jemand hat behauptet: „Alle Deutschen schreiben Bücher, wenige lesen Bücher und die wenigsten kaufen Bücher." Ganz ohne Einschränkung wird man diesen Satz vielleicht nicht gelten lassen; er bedarf indessen auch einer Ergänzung, da er das Schreiben und Lesen über Bücher unberücksichtigt läßt. Auf diesem Gebiete aber stehen Production und Consumtion in richtigem Verhältnisse und mancher Deutsche, welcher glaubt, die obige Anklage sei mit auf ihn gemünzt, kann dieselbe stolz mit der Erklärung zurückweisen:! „Ich lese zwar die Bücher nicht, aber doch die Bücher-Kritiken", oder auch: „Ich kritisire sie wenigstens." Es ist also unrichtig, zu sagen, das Volk, welches den Letterndruck er-' funden hat, kümmere sich um das Gedruckte nicht. Und aus diesem Verhältnisse kann man den Muth schöpfen, über Buch-Einbände zu schreiben, wenn auch bis vor Kurzem das deutsche Publicum es den Engländern und Franzosen überlassen hat, die Kunst des Büchbindens zu pflegen und zu fördern. So groß war die Gleichmütigkeit, daß Deutschland kaum eine Literatur über die Buchbindung hat. Als Franzosen und Engländer diesbezüglich längst reiche und schöne Publicationen besaßen, brachten wir es höchstens zu Schriften über das Technische des, Bindens — Schriften von sehr zweifelhaftem Werthe, da doch kein Handwerk sich aus Büchern erlernen läßt. Neuerdings haben wir allerdings werthvolle Beiträge zur Geschichte des höchst interessanten Kunstzweiges erhalten, so in den Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels, welche der Kölner Buchhändler Lempertz herausgegeben hat, in Wattenbach's vortrefflicher Geschichte des Schriftwesens im Mittelalter und in Steche's Abhandlung über' die Buchbindung in Sachsen — einer dankenswerthen Arbeit, welche hoffentlich die Anregung zu weitem Special-Forschungen geben wird. Ebenso unleugbar ist der Aufschwung, welchen die Buchbindekunst in Deutschland, besonders in den letzten zehn Jahren, genommen hat. Wie rüstig allerorten vorwärts gestrebt wird, wie sich stetig die Zahl derjenigen Buchbinder und Buchhändler vermehrt, welche nicht mehr Alles gut finden, was neu ist, und daZ am besten, was durch Bizarrerie überrascht, sondern sich bemühen, stylvolle Ornamentation wieder zu Ehren zu bringen; das sehen wir in der modernen Abtheilung der Buch-Ausstellung im österreichischen Museum. Noch find Franzosen und Engländer den Deutschen überlegen, aber aus einem allbekannten Grunde, welcher auch wieder mit den eingangs erwähnten Verhältnissen zusammenhängt; wenn der deutsche Bücherfreund Preise zahlen soll, welche das Drittel von den in Paris und . London üblichen betragen, so bekreuzt er sich. Wir sind zu lange Zeit gewöhnt gewesen, auf diese Dinge gar keinen Werth zu legen, Ob ein Buch sich gut aufschlagen läßt und aufgeschlagen liegen bleibt oder nicht, ob es, zugeschlagen, auch wirklich schließt oder „das Maul aufsperrt", ob die nur eingesägten, nicht gehefteten Bogen bei einmaligem Gebrauche des Buches hervorspringen und herausfallen, ob der Papierrücken berstet und bricht, die Ecken sich abstoßen, der Calico-Ueberzug schäbig und rissig wird und all' dergleichen mehr, wurde gar nicht beachtet, wenn nur der Einband wenig kostete. Wie hätten wir für gute Ornamentation, den Unterschied zwischen Maschinen- und Handarbeit rc. ein Auge gehabt! Jetzt müssen wir erst wieder lernen, daß für Schleuderpreise auch nur schleuderische Arbeit verlangt werden kann. Leistungsfähig sind jetzt unsere Buchbinder so gut wie andere. Man vergleiche, um sich davon zu überzeugen, die modernen englischen und französischen Bücher, welche von Gerold und Comp, und Lechner's Universitätsbuchhandlung ausgestellt worden sind, ferner die aus einzelnen Privatbibliotheken, wie jenen der Fürsten Liechtenstein und Metternich, hergeliehenen mit deutschen und österreichischen Arbeiten. Das bekannte Geschäft von Fritzsche in Leipzig hat einen ganzen großen Glaskasten mit Einbänden gefüllt, für welche Architekt Leopold Theyer, Docent an der Kunstgewerbeschule, die Entwürfe gemacht hat: elegante Bände, darauf berechnet, auf Salon- und Lesetischen zu liegen, und daher vorzugsweise auf dem Deckel reich mit Vergoldung im Nenaissance- Styl ausgestattet. Lechner hat in langen Reihen Bibliothekswerke vorgeführt; sie haben sich mit den solid gearbeiteten, zugleich praktisch und gefällig eingetheilten und betitelten Rücken zu präsentiren und zeigen erfreulicherweise, daß der Ledereinband mit den natürliche Felder bildenden plastischen „Nerven" und bunten Titelschildern wieder allgemeiner in Aufnahme gekommen ist, welcher einen gefüllten Bücherschrank zu einem ungleich erfreulichern Anblick macht, als die so lange dominirenden dunkeln Calico-Bände nur mit Golddruck. Sind schon in dieser Abtheilung der Lechner'schen Ausstellung wohl zumeist, wenn nicht ausschließlich, einheimische Arbeiten zu sehen, so hat das Publikum nun auch Gelegenheit, im Einzelnen zu beurtheilen, was unsere Buchbinder liefern können. In Schau-, und Prachtstücken, Albums, Adressen u. dgl. hat Wien sich längst hervorgethan. Von viel größerer und allgemeinerer Wichtigkeit aber ist der tüchtige und geschmackvolle Bibliotheksband, und auf diesem Gebiete entwickeln Beringer, Franke, Hollnsteiner, Kritz, Scheibe u. A. in Wien eine höchst anerkennenswerthe Thätigkeit. Strebsame und geschickte Techniker, Specialisten unter den zeichnenden Künstlern haben wir also, fort und fort tauchen mechanische Verbesserungen auf, durch welche die Arbeit vervollkommnet oder erleichtert wird; jetzt kommt es nur noch darauf an, daß die Schätzung der guten und schönen Arbeit auch wieder allgemein werde. Und aus diesem Grunde wünschen wir der Ausstellung der alten Einbände recht viel und recht aufmerksame Besucher. Dieselbe gibt allerdings nicht eine vollständige Geschichte des Buch-Einbandes, aber doch reiches Material zur Illustration derjenigen Perioden, in welchen sich das Buchbinden zu einem selbstständigen Zweige des Kunstgewerbes entwickelte; seit der-Erfindung der Buchbruckerkunst und der Loslösung des Handwerks von der Klostergemeinschaft. Wohl hatte schon zu Beginn des Mittelalters jene Einheit von Buch und Deckel, wie sie in dem römischen Diptychon noch besteht, aufgehört. Man schützte das geschriebene, so häufig mit Miniaturmalereien gezierte Buch durch starke Holzdeckel mit Lederüberzug oder, wie das vornehmlich in Byzanz Sitte war, mjt vergoldeten Metallplatten, die gravirt oder emaillirt, oder mit Edelsteinen, Elfenbein-Schnitzwerk oder Filigran-Ornament ausgestattet 119 waren. Einzelne Beispiele dieser Arten finden wir auch in der Ausstellung, so einen venetianischen Metallband mit Schmelzmalerei aus dem fünfzehnten Jahründert (Eigenthum des Herrn Artaria), dann galvanoplastische Nachbildungen des berühmten Oocio^ nureuZ aus dem Kloster Prüm (jetzt in der Stadtbibliothek zu Trier) mit der aus den ersten Jahren des zwölften Jahrhunderts stammenden, in Kupfer gravirten Darstellung des Heilands, umgeben von Pipin, Karl dem Großen, Ludwig dem Frommen, Lothar, Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen, ferner byzantinischer Metallbände aus dem elften und zwölften Jahrhundert (Marcus-Bibliothek) und eines deutschen Evangeliariums mit getriebener Hochrelieffigur aus der Zeit des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts; auch einen alten Lederband, wie die „Bruder vom gemeinsamen Leben" sie gemacht haben mögen; die breiten Lederstreifen, welche die Pergamentlagen zusammenhalten, kunstreich mit den Deckeln vernäht, die letztem mit einer Ueberfallklappe und Schnalle zum Verschluß versehen; endlich einen hochinteressanten geschnitzten Holzband, welchen ein Udalricus im Jahre 1227 für ein Äissals des Abts Verthold von Weingarten angefertigt hat. Als Curiosum mag hier auch der Lederband erwähnt werden, an welchem etwas echt ist, nämlich ein Eckbeschlag, während alles Uebrige theils imitirt, theils adaptirt wurde. Diese Eckbeschläge, Knöpfe, Schilder rc. aus Metall erscheinen gewissermaßen als die Ueberreste der alten Metallplatten; auf sie wurde in der Zeit vom fünfzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert bewundernswerthe Kunstfertigkeit verwendet, wie prächtige Beispiele in Guß-, Treib- und Schneidarbeit, Gravirung und Filigran verdeutlichen. Die vorhin erwähnte Holzschnitzerei gehört zu den Kunstsammlungen des kaiserlichen Hauses (Ambraser Sammlung), aus welchen noch eine Reihe der kostbarsten Stücke beigesteuert sind; so ein Folioband, auf dessen Deckel in derben, aus Metall geschnittenen und von Emblemen (Krone, Kranaten rc.) umgebenen Buchstaben zu lesen ist, das; das Werk von dem „Zeug" der Grafschaft Tyrol handelt, vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts; ein Gebetbuch des Erzherzogs Ferdinand, des Begründers der Ambraser Sammlung, in schwarzem Sammt mit emaillirten Goldbeschlügen und dem Original- „Buchbeutel" aus braunem Sammt; eine Grammatik, 1470 für den künftigen Kaiser Max verfaßt und in Leder gebunden, welches, stark verschossen, auf dem vorder» Deckel braun-roth, auf dem rückwärtigen grün zu sein scheint; ein Liederbuch, dessen Noten und Text in vollendeter Weise — gestickt sind u. A. m. Zur reichsten Blüthe entfaltet, sich die Ornamentation der Bucheinbände im sechzehnten Jahrhundert. Italien bildet, wie in allem Kunstschaffen der Renaissance, den Ausgangspunkt, und zwar lassen sich zwei verschiedene Systeme verfolgen, sich die bald vereinigen, später wieder getrennt auftreten; das eine benützt die Zierathen des Buchdruckers auch für den Einband und combinirt aus den einzelnen Schnörkeln, Blätter u> s. w> sinnreiche Mittel- und Eckstücke; das andere entlehnt der orientalischen Flächen- Decoration, Motive der Band- und Linienverschlingung. In glänzender Weise vereinigt erscheinen beide in den italienischen Einbänden, welche sich an den Namen Majoli knüpfen, und in denjenigen, welche Grolier in Frankreich nach italienischer Art machen ließ; die Bänder bilden ein Gerüst, an welchem sich das reizendste Ranken- und Blattwerk empor- schlingt, das aber häufig auch Felder freiläßt für einen Titel, ein Wappen, einen Wahlspruch oder den'Namen des Eigenthümers. Noch reicher wird die Wirkung, wenn di'' Bände aus andersfarbigen, in den Ledcrgrund eingelegten Streifen bestehen. Im Styl Grolier's wird neuestens viel gearbeitet. Doch nicht minder der Beachtung werth sind spanische, italienische und französische Pergamentbände aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Pergament und das häufig an dessen Stelle tretende Schweinsleder sind in unserer Zeit in Mißcredit gerathen — mit welchem Unrecht, das Machen die erwähnten Einbände deutlich, an denen jene Lederarten ungleich rationellere Verwendung gefunden haben als da, wo sie über Holz- oder dicke Pappendeckel gespannt isind. Ein selbst so haltbares Material bedarf solcher Unterlage nicht, ermöglicht viel» 120 — mehr einen festen und doch nicht steifen Einband. Diesen Vortheil sehen wir in den erwähnten Bänden bestens ausgenützt, und dabei macht das symmetrisch vertheilte, in der Regel nur Mitte und Ecke betonende Gold-Ornament auf dem gelblich-weißen Grunde den Eindruck vollendeter Noblesse. In Deutschland hat man meistens auf den berühmten Vortheil verzichtet, und das hängt wohl mit dem herrschenden Styl der Verzierung zusammen, welcher ein architektonischer ist. Auch das erinnert uns wieder an die Abhängigkeit der Buchbindung vom Buchdruck. Die im Zeitalter der deutschen Renaissance so beliebten Frontispices der Büchertitel kehren in Blindpressung auf den Pergament-Deckeln wieder, mehr oder minder phantastische Säulenstellungen in Verbindung mit mythologischen oder allegorischen Figuren, Profilbildern römischer Cäsaren, Darstellungen von Scenen der alten Geschichte, welchen eine symbolische Deutung gegeben werden kann u. dgl. m. Der ganze Charakter dieser Verzierungen setzt aber feste Fläche, feste Begrenzung voraus. War das Material nicht Pergament, sondern Kalbsleder, so ließ man gern Figuren und Ornament sich in lebhaften Lackfarben von dem braunen Grunde abheben. Der Specialist wird sich mit Entzücken in das Detail der Styl-Abzweigungen und Styl-Umwandlungen vertiefen, die sich durch das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert hindurch vollziehen, um endlich wieder bei den Anfängen, dem einfachen Buchdruck- Ornament und dem Teppichmuster, anzulangen, welches nun aber in der Gestalt von Papierüberzug chinesischer Herkunft oder in chinesischer Manier erscheint. Wie die Gro- lier'schen Bandverschlingungen nach und nach steif und nüchtern werden, wie eine zeitlang die Rosette (das gothische Radfenster), theils vollständig, theils in einzelne Fächer zerlegt, beliebt ist, wie Spitzenmuster sich ein- und vordringen; das Alles ist an zahlreichen, sehr schönen Exemplaren aus den Liechtenstein'schen, der Apponyi'schen und andern Bibliotheken und den Sammlungen des Museums anschaulich gemacht. Darunter sind Bücher, welche auch wegen ihrer einstigen Besitzer Interesse einflößen, wie ein Gebetbuch der Maria Stuart, verschiedene mit den bekannten sechs Kugeln der Medicäer. Auch reiche orientalische und schlichte japanesische Einbände fehlen nicht. H Aus Allem wird der Bücherfreund und der Buchbinder Belehrung schöpfen. Hoffentlich werden uns aber Nachahmungen der antikisierenden Einbände vom Schluß des achtzehnten und Anfang dieses Jahrhunderts erspart, die steifen Palmetten- und Mäander- Bordüren um Vasenbilder aus schwarzem Leder, in braunes eingelegt! (Deutsche Ztg.) Miscelleir. * (Rollenverwechslung.) Die Zeche eines Gastes in einem Bierhause betrug 57 dl., während der Gast nur mehr 50 dl. in seinem Portemonnaie auszuweisen hatte. — Die Kellnerin, welche die Verlegenheit des Gastes merkte, sagte zu diesem: die 7 Pfennig können's mir ja morgen geben!" — Ersterer erwidert hierauf in seiner Verwirrung mit abwehrender Handbewegung und entsprechender Noblesse: „O, ich verzichte darauf!" ' (Ein Stoßseufzer.) Ein Bauer hatte sein ganzes Vermögen zur Erziehung *eines Sohnes aufgeopfert und als er sah, daß er nichts dafür gelernt hatte, seufzte er: „Ach, wie viele Kühe habe ich für diesen einzigen Ochsen hingegeben!" (Des Doktors Werke.) Als ein Doktor ein Quartier nicht beziehen wollte/ dessen Fenster auf den Kirchhof gingen, meinte der Hausherr: „Herr Doktor! Hier können Sie ganz in Betrachtung Ihrer Werke leben." Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 13: „Große Partie nach Chiemsee." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.