Nr. 16. 1880 . zur „Mgslmrger PostMrmg." Mittwoch, 25. August Weg mit dem schlechten Menschen, der im Alte, vws darum keinen Baum mehr pflanzen will, weil die Frucht davon ihm nicht mehr reist! Das Wirken des Edeln ist an keine Zeit gebunden, und seine Thaten fließen durch die Ewigkeit. Klinger. Der Herr Arrron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Der Baron folgte seinem Geheiß und nahm wieder auf der Moosbank Platz, wahrend Brückenburg mit gedämpfter Stimme fortfuhr und sich dabei vorsichtig nach allen Seiten umsah. Mir erschien schon bei unserm ersten Besuch das Verhältniß der Baronin zu ihrem Kammerdiener sehr sonderbar. Iwan zeigte ein solch selbstbewußtes, gönnerhaftes Benehmen, wenn er sich unbeachtet wähnte. Das ist bei Kammerdienern keine Seltenheit, warf der Baron dazwischen. Ganz Recht, bemerkte der Graf. Aber ich fing zufällig einen Blick auf, den die Baronin mit Iwan austauschte und dieser Blick weckte meinen Argwohn. Du gehst in Deinen Bedenken zu weit. Laß mich nur weiter erzählen, sagte Brückenburg, der sich durch diese Unterbrechungen in seiner Ruhe nicht stör«: ließ. Dieser Blick verrieth mir, baß zwischen Herrin und Diener ein sehr vertrautes Verhältniß bestand und nun verschärfte ich meine Beobachtungen, während ich mich ganz harmlos gab. Wirklich machte ich damit die Leutchen sicher. Dich glaubte sie ohnehin nicht fürchten zu dürfen, denn ein wirklich Verliebter sieht nicht so weit wie meine Hand reicht, und der Graf streckte seinen langen Arm aus. Der Baron hatte sich auf der Moosbank ein wenig zurückgelehnt und blickte mit allen Zeichen der Langeweile vor sich hin. Das argwöhnische Gemüth seines Freundes hatte da wieder einmal aus dem Nichts ein wunderliches Gewebe gesponnen, aber wie er den Grafen kannte, war es vergeblich, ihn zu widerlegen. — Es war deshalb das Beste, vorläufig zu schweigen und Brückenburg fuhr nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme fort: Ich erhielt bald eine Menge kleiner Beweise, die meine Annahme rechtfertigten. Bei Tische beugte sich die Baronin mehrmals nach ihrem Kammerdiener zurück und ich konnte dann in dem gegenüberstehenden Pfeiler-spiegel ganz gut bemerken, daß sie ihm zulächelte, so glückstrahlend und freundlich, wie nur eine junge Frau, die noch mit ihrem Manne in den Flitterwochcn lebt. Narrheiten! — murrte es durch das Innere des Barons, aber er schwieg und der Graf, der schon auf einen lebhaften Eimvurf gefaßt gew efcn, begann von Neuem: Wenn Iwan in ihre Nähe kam, dann suchte sie wie zufällig /ech e Hand zu berühren und ein seliges Lächeln, das ich nur bei Verliebten gesehen, sp-L lts um ihre Lippen, sobald si^ — 122 -< ihres Kammerdieners ansichtig wurde. Nun hatte ich einmal eine Fährte entdeckt und beschloß, sie weiter zu verfolgen. Du machtest der schönen Wittwe den Hof und ich hielt es daher für meine Pflicht, ihrem Verhältniß zu dem Kammerdiener auf den Grund zu kommen. Du wirst freilich die Wege, die ich dazu einschlug, nicht recht passend finden, aber ich halte es in solchem Falle mit dem Satze: Der Zweck heiligt die Mittel. - Niemals! warf jetzt der Baron ziemlich heftig dazwischen» Doch, entgegnete Brückenburg ruhig; sobald es sich um die Ehre und das Lebensglück eines lieben Freundes handelt und auch bin ich hartgesotten genug, mein kleines Spionirsystem nicht zu bereuen. Rosenberg schüttelte bedenklich den Kopf; aber der Graf fuhr in größter Ruhe fort: Ich suchte heimlich die Leute der Baronin auszuforschen und da hörte ich freilich die wunderlichsten Dinge. Der Kutscher besonders ist ein Schlaukopf, wie dumm er sich auch stellt. Dem ist die Sache bereits am Tage der Ankunft sehr sonderbar vorgekommen. Anfangs hatte der Kammerdiener neben ihm auf dem Bocke Platz genommen, weil bei der Abfahrt zufällig der Baron Greiffenthal zugegen war, aber nach kurzer Fahrt hat die gnädige Frau anhalten lassen und befohlen, daß Iwan mit in den Wagen kommen solle, denn sie fürchte sich in der wildfremden Gegend allein zu fahren. Sie habe das Alles mit dem Kammerdiener französisch besprochen und Iwan ihm dann den Grund erklärt, warum er der gnädigen Frau Gesellschaft leisten solle. Der Kutscher war klug genug, über dies Verlangen nicht die-geringste Verwunderung zu zeigen, aber als es ein bischen dämmerig geworden, hat er neugierig und vorsichtig etwas in den Wagen hineingeschielt, und deutlich bemerkt, daß die Baronin Iwan geküßt. Der nichtswürdige Schurke müßte Peitschenhiebe bekommen! rief der Baron voll Empörung aus. Iwan? fragte trocken der Graf. Nein, der Schuft von Kutscher, der seiner Herrin solche Gemeinheiten nachzureden wagt. O, die Leute der Baronin erzählen noch ganz andere Dinge, wer nur die Kunst versteht, sie zum Sprechen zu bringen. Und solchem Bedientengeschwätz kannst Du wirklich nur die geringste Beachtung schenken? fragte der Baron und sah dem Freunde erstaunt in's Auge. Gewiß, sobald alle Angaben übereinstimmen, antwortete der Graf. Die Leute dei Baronin sind alle empört, denn sie legt vor der Dienerschaft ihren Gefühlen wenig Zwang an. Der Bursche freilich ist klüger und vorsichtiger; er sucht Fms Liebesfeuer noch ein Wenig zu verbergen, aber die schöne Wittwe legt bei jeder Gelegenheit das herzliche Wohlgefallen offen zur Schau, das sie für ihren hübschen Kammerdiener hegt, der bereits im Schlosse und wenn keine Fremden da find, den Herrn spielt. Alle müssen ihm blind gehorchen und jeden seiner Befehle ausführen, und wer sein Mißfallen erregt, wird sogleich entlassen. Bedientenneid, nichts weiter, entgegnete Rosenberg. Die Baronin ist harmlos und gutmüthig, fuhr der Graf ohne sich durch diesen Einwurf stören zu lassen, fort: Aber sie versteht keinen Spaß, wenn ihrem Kammerdiener nur das Geringste widerfährt, dann gerüth sie in den heftigsten Zorn und in die größte Aufregung. Ein alter Diener wagte sich über die Willkür Jwan's zu beschweren und anstatt seine gerechten Klagen anzuhören, jagte sie ihn auf der Stelle fort. Weißt Du, daß diese Klagen gerecht waren. Du willst nur in Deiner Verblendung all' diese Dinge als harmlos aufnehmen, entgegnete Brückenburg nun doch etwas verdrießlich. Aber was denkst Du darüber, wenn ich Dir sage, daß man den Kammerdiener am frühen Morgen in der Nähe der Zimmer der Baronin hat umherschleichen sehen? Ach, das ist infam! 123 Das sage ich auch, bemerkte der Graf, wieder in seinen irrnrmen Ton sackend und obwohl er recht gut wußte, gegen wen der Zorn seines Freundes gerichtet war, fuhr er doch mit sarkastischem Lächeln fort: Manche vornehme Frau, und besonders eine Französin hat nun einmal einen eigenthümlichen Geschmack und eine Vorliebe für Lakaien. Ich begreife in der That nicht, wie Du solch' erbärmlichem Bedientengeschwätz die geringste Beachtung schenken kannst! rief der Baron heftig aus, der seine tiefe Erregung nicht länger niederkämpfen konnte. Du irrst, lieber Richard, wenn Du glaubst, daß man mir diese interessanten Mittheilungen freiwillig gemacht hat, dann würden sie auch für mich wenig Werth gehabt haben, ich mußte sie vielmehr sehr theuer bezahlen; allein was thut man nicht alles einem theuren Freunde zu Liebe. Man hat Dir dennoch elende Lügen und Verleumdungen hinterbracht, entgegnete der Baron aufstehend, als wolle er damit das ihm höchst unangenehme Gespräch abbrechen. Der Graf erhob sich ebenfalls und an seine Seite tretend, sagte er mit weit größerer Wärme als bisher: Sei endlich vernünftig, Richard. Wie kannst Du nur denken, daß ich Dir nur irgend etwas hinterbringen würde, von dessen Wahrheit ich nicht völlig überzeugt wäre. Du bist von dem lügnerischen Gesinde! arg getäuscht worden. Da hat Dich einmal Dein gewohnter Scharfblick im Stich gelassen. Durchaus nicht, entgegnete der Graf mit großer Entschiedenheit. Bedenke, daß mir all' diese Angaben von mehreren Personen gemacht worden, die um eines guten Trinkgeldes willen ihre Stellung nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen würden. Aber sie sind Alle von dem Treiben der Baronin auf's Tiefste empört, nimm dazu meine eigenen Beobachtungen und Du wirst zugestehen müssen, daß die schöne Wittwe Deines Vetters wenigstens Deiner Liebe unwürdig ist. Ich kann's, ich will es nicht glauben, denn ich halte sie einer solchen Verirrung für unfähig. Du willst es nicht glauben. Nun gut, ich werde Dir noch heute den schlagendsten Beweis liefern, daß zwischen unserer gnädigen Frau und ihrem Kammerdiener ein sehr zärtliches Verhältniß besteht, war die Entgegnung des Grafen, er bot dabei dem Freunds den Arm und Beide wanderten, ohne ein Wort zu sprechen, in das Schloß zurück. (Fortsetzung folgt.) Das Klima von SüdlirqL. Eine Studie. Ein eisiger Winter — eine iuvernatu bruta, wie unsere Nachbarn, die Wälschcn sagen, lag 1880 über dem Etschland. So sagten die Eingeborenen, so diejenigen, die sich irgend eines Gebrechens wegen da aufhalten, so der Thermometer. Es kamen zehn bis vierzehn Grad Kälte vor. Brunnen froren ein und in raschen Flüssen mengte sich Eisbrei unter die Wellen. Wie gewöhnlich fehlte aber, was überall den: Winter so untrennbar beigelegt wird, wie etwa den Furien ihr Schlangenhaar: die Trübung. Ich habe Aufzeichnungen. Unter siebenundfünszig Tagen gab es sieben verdüsterte, die übrigen n,aren wolkenlos. Und mit dem Mittag kam die Wärme, und jeden Tag gab es zwei SMden, welche das Bild des Vorfrühlings zeigten. So kommt mir dieser viclver- schxiene Winter vor wie ein sonniger Traum. Die Berichte über das europäische Wetter, die man in den Zeitungen las: Niederschlüge, Nebel, Schneefälle in den Alpen und so fort, mochten für die ganze Welt gelten, nur nicht für das Etschland. Dieses schien die Enclave eines anderen Reiches, in welchem unser irdischer Wettermacher nichts zu gebieten hat. Morgen für Morgen glänzten hoch oben auf der Mendelscharte die reichbehanaenen Fichten dem Gestirne entgegen, Und Abend für Abend drang aus dein Rosengarten heraus jenes wundersame Leuchten, das einer Reise werth ist. Ich sage geflissentlich: heraus, denn es wird von dieser Nubinblendung die Sinnesirrführung bewirkt, die dem Wolke den Glauben an die Rosen in tiefen Hallen des Felsgebirges eingegeben hat. Diese Wolkenlosigkeit des winterlichen Etschlandes ist eine bekannte Sache. Verschiedene Poeten nennen daher das Land ein sonniges, und das Vorhandensein von Cur- vrten stützt sich auf die Verschlossenheit der himmlischen Schleusen. Rath Kaltenegger in Vrixen, der viele Jahre das Land bewohnt und beobachtet, hat hiefür den treffenden Ausdruck der niederschlagsarmen Winterzone ersonnen. Dieselbe erstreckt sich auf das Dreieck vom Ende des Vinstgaues bis zur Brixener Klause und wird durch die Oerrlichkeiten Meran, Bozen, Brixen bezeichnet. Wie es sich begreift, hat eine Menge von Männern über den Grund nachgedacht, warum der Himmel über einem schmalen Landstreifen knapp am Südabsturze des Centralwalles der Alpen sich seine Heiterkeit nicht stören läßt. Alles Mögliche ist behauptet worden. In so manchem Winter habe ich nun auch zugeschaut, mich besonnen und verglichen, wozu häufige Reisen Gelegenheit boten. Ich will deshalb mit meiner eigenen Weisheit nicht zurückhalten und den früheren Erklärungsversuchen einen neuen beifügen. Seit Rambert „Im xusstion äu I'ödn" erörtert hat, ist sehr viel über diese Lufterscheinung gesprochen worden. Der Föhn ist genau der nämliche Wind, den man in Tirol Scirocco nennt. Diese Bezeichnung hat mit dem Scirocco oder Scilocco, der auf Mittelmeer und Adria so geheißen wird, nichts zu schaffen. Jeder, der beispielsweise mit venetianischen oder dalmatinischen Schiffern verkehrt hat, weiß, daß sie unter jenem Worte einen Südostwind verstehen. Nun sage ich: so oft in Tirol der Föhn, hierzulande Scirocco genannt, weht, war kurz vorher, zehn bis vierundzwanzig Stunden etwa, an den Küsten Spaniens, Frankreichs, im Canal La Manche, am Strande von Wales und Irland Südweststurm. Nicht ein einzigesmal unter Hunderten von Malen, die ich verglichen habe, war es anders. Dieser Südweststrom erreicht die Alpen, er staut sich an ihnen und fließt durch ihre Einsattlungen und Pässe ab, und zwar nicht nur gegen Norden, sondern sehr häufig auch gleichzeitig gegen Süden, so daß am Fuße eines Passes auf der Nordseite Südsturm, auf der Südseite Nordsturm sein kann. Der Passatstaub, die Staubmeteors aus Westindien, die so oft — erst wieder in Körnten — mit unserem sogenannten Scirocco daherflogen, sind eine weitere Stütze der Behauptung, daß unser Scirocco, der sofort Regen oder Schnee im Gefolge hat, ein verschlagener Südweststurm, passatischen Ursprungs, ist. Nun nehme man eine Landkarte zur Hand. In ganz Europa findet man keine Gegend, die in der Richtung des Octanten Westsüdwest in gleicher Weise durch reihenweise hinter einander aufgeworfene Bergwälle gleichartig verbarricadirt und verschanzt wäre, wie das Etschland. Da folgen sich nacheinander die lange Mauer der Mendel, die Dolomitmassen der Bocca di Brenta-Berge, die Sulz- berger Hochalpen, Ortler- und Adamello-Gruppe, die Höhen von.Val Camonica, das Vergamasker Gebirge, die Felsmauern des Veltlin, dann weiter nach Piemont und Frankreich hinein die Penninischen und Cottischen Alpen. Ueber all dieses Mauerwerk kommen die Passatwinde zwar hinüber, aber sie werden eben durch dasselbe in einer gewissen Höhe gehalten und sinken nicht ins Etschland hinab, sondern gleiten darüber hin oder fließen seitwärts darum herum. Das Hinfließen nimmt man wahr, wenn man im Winter eine bedeutendere Höhe ansteigt. Der leichtere und wärmere Strom gleitet über die kalte Luftschicht hinweg, die im Thals stocken bleibt. In Klobenstein und Jenesien ist es im Januar meist wärmer als im Bozener Kessel — obwohl, oder vielmehr weil sie um 2800 und 2370 Fuß höher liegen als die Stadt. Ost wird auch von Vrixen oder Bozen aus das Vorhandensein des feuchtwarmen Luftstromes, der, an den wafserscheidenden Kämmen der hohen Cen- tralkette angekommen, durch niedrige Einsattlungen, insbesondere die des Brenner, gegen Norden abfließt, mit dem Auge gesehen. Man nimmt eine eigenthümlich weißlich ge- 125 färbte Dunstmasse gegen Norden wahr. Im Süden des Witralkammes ist ruhige, sonnenerhellte Luft — in der gleichen Stunde aber stürmt und wüthet zu Innsbruck der gewaltthätigste Föhn. Auch Schneefälle im Norden der Alpen werfen in den nördlichen Horizont des Etschlandes noch einen eigenthümlichen fahlen Schimmer herüber, der in seiner Weise mit dem bekannten „Eisblink" der arktischen Gegenden zu vergleichen sein ? mag. Dutzendemal in jedem Winter sieht man triefende oder flockenverwehte Waggons über den Brenner herüber ins Etschland kommen, in dem sich seit Wochen keine Wolke gezeigt und kein Wind gerührt hat. Allerdings bekommt man später von diesen Niederschlügen noch andere als Augenschein-Kunde. Wenn einige Tage später in Folge der flockigen Niederschlüge im Norden die Luft entsprechend kalt geworden ist, dann gibt es eine eisige Strömung gegen das wärmere Mittelmeerbecken hinab. Dann kommt das, was man in Meran Passeirer Wind nennt. Ein verwandtes Beispiel liefert das berüchtigte Winterklima Karntens. Die Drau- Ebene um Klagenfurt und Völkermarkt herum wird durch die Gailthaler Alpen und Karawanken gegen südwestliche und südliche Luftströmungen vertheidigt. Solche Strömungen stauen sich an den genannnten Wällen und fließen gegen Norden hinab, ohne das unmittelbar vor ihnen gelegene Thal zu erreichen. Klagenfurt liegt ebenso im todten Winkel der Süd-, wie das Etschland in dem der Westwinde. Dagegen fallen eben jene Winde draußen, weil weiter gegen Norden, auf das Land ein, und so kommt es, daß der Traun- oder Mondsee im Winter zehnmal Thauwetter sieht, bis Klagenfurt einmal. Ebenso verhält es sich mit Südtirol und dem nördlichen Alpenrand. Am letzteren nennt man den Föhn „Etschwind" — beispielsweise in Partenkirchen, Mittenwald in Bayern. Weil er warm ist, meint das Volk, er komme aus den wärmeren Gegenden deS süd- « lichen Nachbars. Die Leute würden sich wundern, wenn sie dort die an sich kalte, täglich nur in den Sonnenstunden erwärmte, alsbald aber wieder von Frost klirrende Luft verspürten, die in strengen Wintern über den Niederungen der Etsch liegt. Jener „Etschwind" aber ist warm, ob er des Tages oder während der Nacht wehe. Mit einem Worte: der Südwestpassat, der über Südtirol dahingeflossen ist, ohne sich seinen Thälern bemerklich zu machen, hat im Norden den Boden erreicht. Das ist der Grund der Klarheit und Trockenheit der Zone am Südrande der Centralalpen. Mit Körnten hat es eine andere Bewandtnis;. Allerdings werden dort die Süd- und Südwestwinde abgeholtes dafür aber kommen die Polarströmung über die Niedrigen Dauern, sowie die eisigen Küste von Osten, die Lüfte der pannonischen Con- tinental-Winter, von keinen: Gebirge gehemmt, ungehindert herein. Aus diesen drei Factoren, wozu man dann noch die dicken Nebel der Flußläufe rechnen mag, kommt das Endergebniß zusammen: ein Winter, der dem russischen durchaus nichts nachgibt. Klagenfurt ist während dreier oder vier Monate, auch Moskau nicht ausgenommen, eine der kältesten Städte Europas. Kehren wir zu den Verhältnissen deS Etschlandes zurück. Ich wage, auf die vorhergegangene Betrachtung mich stützend, eine Behauptung, die wie eine auffallende Sonderbarkeit sich anhört, es aber gar nicht ist. Wir befinden >. uns hier auf dem 46. Breitengrade. Wenn es da sonnenwarm sein soll, so muß es kalt sein. Das heißt: wenn unter Tags die Luft so dunstlos, so rein, durchsichtig, transparent, ohne Wasserblüschcn und unsichtbares Naß sein soll, daß die niedrig stehende Wintersonne durch sie hindurch noch wärmen kann, so muß es am Abend, bei der Nacht, am Morgen, so kalt sein, daß sich eben solche Dünste nicht erheben und vertheilen können. Beispiele: Die Morgenwärme von Plymouth, Jersey, Finisterre oder Morbihan ist im Winter meist der von Rom und Neapel überlegen. Nun gehe man aber Mittags oder Nachmittags dorthin, so wird man den Felsen des Keltenlandes den Wärmemesser kaum in die Höhe gerückt sehen, man wird eine Luft, ein Gebrodel athmen, wie in einer Waschküche. Der Römer aber, der Morgens schau- dernd, in seinen schäbigen Mantel gehüllt, vor den Eiszapfen an Fontana di Trevi oder an den Brunnen von Piazza Navona blau angefroren vorübertrippelte, steht des Mittags an irgend einer Mauer und gibt sich einer Beschäftigung hin, die seine Ahnen aprieLtio nannten. Nachts friert er wieder. — Dort aber, an der Atlantis, halten die Dünste, die mit der warmen Meeresströmung kommen, Mittag und Mitternacht den Thermometer auf Linien, die nicht gar weit von einander entfernt sind. Es wird deßhalb den Meisten einleuchten, daß aus der Angebung der Morgen- oder Abendwärme oder gar der sogenannten „mittleren" Temperatur, bei welcher Alles zusammengezählt und dann durch 24 getheilt wird, für so trockene Länder, in denen keine Dünste Wärme oder Kälte abschwächen, wo Nachts die Ausstrahlung, Tags die „Besonnung" ungehindert wirken, wo überhaupt die Luft ein viel durchgänglicheres Medium ist, als sonstwo, keine Vorstellung über das Klima eben dieser Gegenden gewonnen werden kann. Vielleicht wird die Sache am besten dadurch geschildert, daß man sagt, man kann an den meisten Tagen gegen drei Stunden hemdärmelig Schlittschuh laufen. Eis und Staub, kalte Nacht-, Morgen-, Abendstunden, unbeschreiblicher Sonnenglanz um die Culminationszeit des Gestirns herum: das ist die Signatur des etschländischew Winters. Es ist gesagt worden; daß auch nordwärts der Alpen die Wintersonne wärme, wenn sie scheine. Es gehört aber gar kein Thermometer, keine meteorologische Tabelle, kein Strahlenmesser dazu, sondern blos ein nicht von blauen Brillen oder London-Smoke-, Binocle getäuschtes Auge, um die Helle beispielsweise der Donau-Niederung selbst an einem wolkenlosen Wintertage von der Sonnenwirkung jenseits der Alpen zu unterscheiden. Schon dem artistischen Blicke fällt das sofort auf: auf Felsen, auf Gemäuer, in Falten des Gebirges liegt ein Glanz, den die nördlicheren Gegenden nicht kennen. Das ist ganz unleugbar, und vor Allem steht es für Jenen fest, der ungezähltemale den Brenner überschritten hat, sich also nicht auf die Zufälligkeiten zu verlassen braucht, mit denen ein vereinzelter, gelegentlicher Besuch im Süden unter Umständen den Beobachter irrezuführen vermag. Wie das Licht wirkt, das wissen nicht nur die Maler, die sehr wohl zwischen den Tinten des Dolomitgesteins im Etschland und dem des Salzkammergutes unterscheiden (obwohl Schlorn, Mendel und Rosengarten ganz gleich gefärbt sind wie Höllengebirge, Traunstein oder Trisselwanb), sondern auch diejenigen, die den Pflanzemvuchs beobachten. In einer Orangerie zum Beispiel ist während des Winters die Wärme-Erhaltung zum Gedeihen der Bäume keine Schwierigkeit. Wenn diese nur nicht unter ein bis zwei Grade herabgeht, dann genügt es gegen das Absterben. Daher kommt es, daß man in den Bozener Kalthäusern wohl nur in besonders strengen Wintern, wie der heurige einer war, öfter einheizen muß. Die während der Tagesstunden eingesammelte und durch die Focuse in den Glasscheiben verstärkte Wärme genügt sehr häufig, um den Bäumen die Bedingungen ihres Daseins zu geben. Es ist aber ein Unterschied zwischen Fortkommen und Gedeihen. Man schaue sich die Höhe und Kronenmächtigkeit der Citronen- oder Orangenbäume beispielsweise im Toggenburg'schen Garten zu Bozen an. Solches Gedeihen verdanken sie dem Lichte. Nie wird man in Ländern, wo sich die Sonns wochenlang nicht sehen läßt, gleiche Entwicklung und gleichen Reichthum an Früchten erzielen. Uns Culturmenschen ist das Verständniß für die Schönheit und namentlich für die unschätzbare Ei-nwirkung des Sonnenlichtes auf Nerven und Ganglien fast abhanden gekommen. Wir sind zufrieden, wenn wir einen warmen Ofen und Doppelfenster haben, die keine Luft hereinlassen. Unsere Hunde sind hierin anderer Anschauung. Diese verlassen den Ofen, er mag so warm sein wie immer, und suchen ein Quadrat von Sonnenlicht auf, welchen: die Scheiben den Eingang verstatten. Für das Sonnenbad, die „Heliosis", haben wir keinen Sinn mehr. Ich habe bis jetzt nur vom Winter gesprochen und von anderen Jahreszeiten nichts 127 gesagt. Und gleichwohl hätte ich doch alle Veranlassung, der ahnungsvollen Herrlichkeit zu gedenken, in der jetzt Berg und Thal dastehen. Nehmen wir als Beispiel einen Tag, den 1. März. Dort oben, beim Kvfler in Ceslar, ist die Wiese, die von einem großen Lorbeerbäume und einer Pinie beschattet wird, grün geworden. Citronenfalter bewegen sich in der Luft, und Morgens erschallt Vogelgesang. Ein Duft, mit dessen Versinnbildlichung Tinte und Druckerschwärze nichts zu schaffen haben können, zieht sich durch das weite Thal hinab und verwebt dort tief unten die Völkerscheide, die alte lombardische Salurner Klause, in wunderliche, goldglitzernde Dämmerung, und das sommerliche Gewölk an jenen fernen Felshalden ballt sich zu Gestalten zusammen, wie zu Rossen, Streitern und Niesen, mit denen die Wilkina-Sage jene herrliche Grenzmark Germaniens ausstattet. Der Leser mag an der Hand der Zeitung vergleichen. Eben an diesem Tage, Donnerstag den 4. März, Nachmittags 3 Uhr, zeigt der hundertgradige Wärmemesser in der Bozener Ebene 18.4 im Schatten, 26.3 in der Sonne. Gleichzeitig aber wird im Norden der erwähnte fahle Schein bemerkt, der auf irgend welche Trübung, vielleicht Niederschlüge, jenseits der Alpen hindeutet. Halt inne — o Feder! Du könntest Unheil anstiften und zugscheue Gäste hereinlocken, verschnupften Gemüthes, mit dumoribug oootis, mit Säften, die der Ofen verdickt hat. Und wenn sie alsdann nicht blühende Haine finden, so werden sie dem Andenken deines Herrn fluchen. Das sei ferne. Im Etschlande ist zur Frühlingszeit das Aufbrechen der Blüthen und das Springen der Blattknospen dem Donauthale vielleicht drei Wochen, ganz gewiß aber nicht mehr, voraus. Aehnlich ist es im Herbste mit dem Absterben. April- und Maien-Wochen des Etschlandes bleiben unvergeßlich. Denn auch hier äußert sich meist wieder jene, stürmischein und wetterwendischem Treiben abgeneigte Gleichmäßigkeit des Himmels. Nordische Frühlingsleiden'kommen selten vor. Für denjenigen, der die Sprache der Zahlen anderen Behauptungen vorzieht, füge ich hier nach der rühmlichen Arbeit des Professors August Polt „Ueber die Temperatur von Bozen" einige Angaben bei. Während des Frühlings, zu welcher Zeit die Schwankungen zwischen der eisigen Kälte der Nacht und der Sonnenwärme der Mittagszeit nicht mehr in Betracht kommen können, tritt die sogenannte mittlere Tagestemperatur allmälig wieder in ihr Recht. Und da sehen wir Bozen im März (während 36jähriger Beobachtung) mit 7.4 Grad Celsius bezeichnet. (Montreux 4.9, Comersee 8.3, Pau 8.8.) Im April steigt die Wärme zum Mittel von 12.8. (Montreux 10.7, Pau 12.1, Comersee 12.2, Mentone 13,5.) Der Mai hat in Bozen ein Mittel von 17. (Montreux 15.7, Lugano 16.3, Nizza 18.) Man sieht daraus, wie sich der Frühling im Etschlande gestaltet. Hinsichtlich seiner gilt, was vom südlichen Frühlinge überhaupt gesagt werden muß. Es ist eine Wahnvorstellung, die von weiß Gott welchen nordeutschen oder schwäbischen Lyrikern der Welt beizubringen versucht worden ist, daß es im Süden keinen Frühling gebe. Er ist um ebensoviel herzerfrcuender, duftcrsüllter und berauschender, als seine Sonne glänzender und seine Blumen bunter sind, als die des Nordens. Der Dichter hat nicht, wie der Lübecker Geibel, es nothwendig, seinen Frühlingssang in den Juni hineinzuvertagen oder, wie die Münchener Künstler es oft thun müssen, ihr Lenzfest auf den 40. oder 45. Mai zu verlegen. Wer an einem echten etschländischen Frühlingstage etwa nach Schönna, Lebenberg, Eppan gewandert ist, wird mich verstehen. Nun kommt der Sommer. Der ist italienisch, aber immerhin nicht so lästig, wie ihn die Fama und insbesondere die Fama in Tirol selbst macht. Brixen, Obermais, Eppan können ohne Beschwerde auch im Sommer bewohnt werden. Namentlich Brixen, vielmehr sein Villen-Vorort Bahrn, erfreut sich meist einer herrlichen Luft. Und dann sind überall oben die Hochflächen des Gebirges mit ihrer wcitschauenden Ansiedelungen von wundervollem Hauche schneebedeckter Berge gekühlt. Ein Gang oder eine Fahrt von wenigen Stunden bringt aus dem zu warmen Thale auf die gastliche Höhe. Die Tiroler schaden sich viel mit dem Gerede von der übertriebenen Sommerhitze des Etschlandes. Es kommt davon her, daß ein großer Theil seiner Bewohner an energische Berglust gewöhnt ist und es demnach zu schwül findet, wenn er an einen Ort kommt, dessen Mittel im Juni 21.4 Celsius (Nizza 20.5), im Juli 23.1 (Nizza 22.2), im August 22.2 (Nizza 24.3) beträgt. Es ist in Folge dessen vorgekommen, daß Reisende selbst vor einer flüchtigen Berührung Bozens oder Merans zurückscheuten. Zur nämlichen Zeit aber ist es oben in Nazes, Seis, Völs, Oberbozen so kühl wie im Salzkammergut, die Nächte sind voll erfrischenden Hauches, und der Süden spendet zu dieser Erquickung noch obendrein seinen regenarmen Himmel. Zudem fehlt es nicht an Solchen, welche den Sommer sogar in der Hitze des Tieflandes wundervoll finden — es ist wenigstens ein echtwerthiger, wirklicher, ausgewachsener Sommer, nicht jene Parapluie- Verkäufern heilige Zeit nordischer Wallfahrtsorte. Den goldenen Herbst dieses fruchtreichen Landes, dem noch Mitte des November so manche Rose entgegenglänzt, willl ich nicht schildern, weil das Andere besser gethan haben. Ich will den Zahlen ihr Schlußwort gönnen: Bozen September 18.4 Celsius (Montreux 16.4, Comersee 17.9, Nizza 20.6); Oktober 12.8 (Montreux 10.6, Comersee 14.2). Das ist die Wahrheit vom Klima dieses Alpenlandes. Es ist das schönste Besitz- thum Oesterreichs, und der Germane findet unter den Burgtrümmern und Feigenbäumen hier seine Provence. Denn einst klang es hier unter dem sonnigen Himmel allerorten von Minnelied und Fröhlichkeit. Warum ist es anders geworden? Das ist ein „anderes Kapitel." Nicht das Klima ist es, das sich in der Heimath Walther's von der Vogel- wZde verändert hat, > N, Miseellerr. (Mögliches aus Ammergau.) Was der Huberbauer seinem Nachbar' von der Oberammergauer Reise erzählt hat, können wir unsern Lesern nicht verschweigen: Bin ganz gut aber etwas durchnäßt am Freitag in Ammergau angekommen. Herodes war so freundlich mir einen Rock zu leihen, während der meinige zum Trocknen aufgehängt war. Die Kinder des Herodes führten mich zum Pilatus, wo ich eine sehr angenehme Wohnung bekam. In der Nacht hat es mich sehr stark gefroren, die Schwägerin des Pilatus, die Maria Magdalena» verschaffte mir einen guten Shawl. Als ich gleich nach dem Frühstücke einen Rundgang im Dorfe machte, lernte ich Jesum Christum kennen. Bei Joseph von Arimathäa mußte ich mir eine Kleinigkeit kaufen. Da lernte ich den linken Schacher, einen sehr charmanten Mann kennen, der mich dem Hohenpriester Kaiphas vorstellte, welcher mich gleich zum Essen einlud. Habe mich dabei sehr gut unterhalten. Rechts neben mir saß Maria, links der Apostel Petrus. Die Vorstellung hatte großartigen Eindruck auf mich gemacht. Leider ist ein Theil durch Platzregen gestört worden. Judas war so gütig mir ein Regendach zu leihen. Nach der Vorstellung habe ich mit dem Hohenpriester Annas, dem rechten Schächer und einem Kriegsknecht einen Tarock gemacht. Mein Herbergsvater Pontius Pilatus gab mir seine Photographie; mit Petrus habe ich Bruderschaft getrunken» ' (Salzb. Chr.) (Chinesische Aerzte.) In der Unterredung eines englischen Arztes mit dem Kaiser von China fragte dieser, wie man in England die Aerzte bezahle. Als der Arzt ihm den englischen Gebrauch erzählt hatte, sagte der Kaiser scherzhaft: „Es ist unmöglich, daß man sich in England wohlbefinde. Ich halte es mit meinen Aerzten anders. Ich Habe deren vier, und bezahle ihnen wöchentlich ein anständiges Gehalt. Werde ich krank, ifo hört die Bezahlung so lange auf, bis ich wieder gesund bin. Ich brauche nicht zu ^agen, daß meine Krankheiten immer nur von kurzer Dauer find." ^llr. die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des f ^ Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.