zur „Äugslmrger postzeitnng." Nr. 17. Samstag, 28 . August 1880. Verdammt den Richter nicht, er darf nicht billig sein; Für ihn ist das Gesetz von Eisen Und seme Pflichten sind von Stein, Ihn kalt und Laub mir auf das Recht zu weisen. Seume. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Der Abend war herangebrochen und der Baron mußte an die Heimkehr denken. Die schöne Frau hatte sich heute noch geistreicher, liebenswürdiger als sonst gezeigt und gegen ihre Gäste die ganzen Zauber ihrer Anmuth entfaltet. Der Baron hatte darüber ler häßlichen Anschuldigungen seines Freundes völlig vergessen. War es denn möglich, daß jenes ungewöhnlich schöne Weib, das unter den Besten des Landes wählen konnte sich an einen Bedienten wegwerfen würde? — Wenn er das liebliche, feine Geschöpf ganz im Stillen betrachtete, dann kam es ihm vollends zum Bewußtsein, daß die Wittwe seines Vetters den abscheulichsten Verleumdungen ausgesetzt worden. Er konnte auch wrtrauliche Beziehungen zwischen der schönen Frau und ihrem Kammerdiener nicht cnt- lecken. Iwan hielt sich in den gemessensten Schranken und auch die Baronin ertappte r nicht über einen jener Zärtlichkeitsbeweise, die sie heimlich ihrem Kammerdiener schenken sollte. Gustav hatte gewiß in seinem gewohnten Argwohn Dinge gesehen, die nie vorhanden waren. Nur zu rasch verging der Tag im harmlosesten und bcglückendsten Geplauder. Es mußte endlich aufgebrochen werden und man verabschiedete sich. Die Pferde standen schon im Schloßhofe bereit, während die Baronin ihren Gästen bis zur Rampe das Geleit gab, und als die Freunde schon ihre Rosse.bestiegen hatten, schwenkte sie freundlich grüßend mit dem Taschentuchs und rief mit ihrem bezauberndsten Lächeln: Auf Wiedersehen! — Hinter ihr stand Iwan, der sie stets wie ihr Schatten begleiten mußte. Er mochte sich bereits unbeachtet wähnen, denn seine Haltung war so vornehm und sicher, als sei er nicht der Kammerdiener, sondern der gebietende Herr, während er sonst in Gegenwart von Fremden, sehr geschickt und vorsichtig, die Rolle des unterwürfigen Bedienten zu spielen wußte. Als die Freunde schon davon sprengen wollten, hielt der Graf plötzlich sein Pferd an und den Kopf zurückwendend, rief er mit scharfer, befehlender Stimme: Ich Habs meine Cigarrentasche vergessen. Sie liegt auf dem Waschtisch, Iwan, hole sie geschwind! und er machte eine bezeichnende Bewegung mit seiner Reitpeitsche. Der Kammerdiener rührte sich nicht voin Fleck. Sein Gesicht entfärbte sich, er preßte krampfhaft die Lippen aneinander, dann wandte er sich Zu einem Bedienten zurück, 130 dcr in ver Nähe stand, und sagte ebenso laut und befehlend wie Brückenburg: August, hole einmal die Cigarrentasche des Herrn Grafen. Brückenburg gab seinem Pferde die Sporen und sprengte die Rampe hinauf, so daß er in der nächsten Sekunde dicht vor dem Kammerdiener hielt: Willst Du Schuft wohl die Tasche selber holen? Oder fühlst Du Dich zu vornehm dazu? Er zeigte dabe scheinbar den heftigsten Zorn. Iwan rührte sich auch jetzt nicht von der Stelle und blickte nur schweigend, mit Augen, aus denen die wildeste Wuth funkelte, zu dem Reiter hinauf; aber die Baronin trat mit hochgcröthetcm Antlitz an Brückenburg heran und mit allen Zeichen der Empörung fragte sie rasch, während ihr Busen heftig wogte: Wie kommen Sie dazu, hier zu befehlen, Herr Graf? Das ist ein Uebertreten der Gesetze der Gastfreundschaft, das ich ganz unerhört finde. Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber in Rußland ist man an den unbedingten Gehorsam von Bedienten gewöhnt und solch' unverschämte Burschen, wie Ihr Iwan, müssen in Ordnung gebracht werden. Eine zarte Frau vermag das selten, gestatten Sie mir, daß ich Sie dabei unterstütze und sich wieder zu Iwan wendend, rief er mit noch stärkerer Stimme: Was stehst Du noch hier, Tagedieb! Willst Du augenblicklich selber die Tasche holen. Auch jetzt blieb der Kammerdiener regungslos. Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, er ballte heimlich die Fäuste, als sei er bereit, sich wie ein wildes, zur Verzweiflung gehetztes Thier, auf den Reiter zu werfen. Trotz seiner furchtbaren Aufregung entging ihn: nicht, wie die im Schloß anwesenden Leute der Baronin vergnüglich vor sich hin grinsten und ihm die tiefe Demüthigung von Herzen gönnten und diese Beobachtung drückte noch schärfere Stacheln in seine Brust. Du gehst nicht, Bursche!? Dann werde ich Dich dazu zwingen, donnerte der Graf und sich vorn überbcugend, erhob er die Reitpeitsche um sie auf den Rücken des Widerspenstigen fallen zu lassen. Eh' er noch den Schlag ausführen konnte, war die Baroniir mit einem lauten Schrei vorgestürzt, um Iwan vor einer Mißhandlung zu schützen. Was wagen Sie, Unverschämter! rief sie außer sich vor Entrüstung. Entfernen Sie sich auf der Stelle und lassen Sie sich nie wieder vor meinen Augen sehen! Sie stand dabei stolz aufgerichtet da und erhob drohend die Hand. Ach, Verzeihung, gnädige Frau! Aber ich wollte mich nur überzeugen, ob das öffentliche Gerücht begründet ist, daß Ihr Bedienter Ihrem Herzen sehr theuer sei. Wie ich zu meiner Genugthuung erfahren habe, sagt man von Ihnen nicht zu viel. In dcr That, Ihr Geschmack macht Ihnen alle Ehre! und Brückenburg wollte sein Pferd wenden und hohnlachend die Rampe hinunter sprengen. Zu seiner grenzenlosen Ueberraschung übten seine Worte nicht die niederschmetternde Wirkung aus, die er davon erwartet hatte. Nur eine Sekunde stand die Baronin in sprachloser Verwirrung da, um sich dann stolz in die Höhe zu richten und wie von einem schnellen Entschlüsse fortgerissen, warf sie sich plötzlich an die Brust ihres Kammerdieners und als ob sie durch dies Bekenntniß selbst von einer furchtbaren Last befreit werde, jubelte sie förmlich hervor: Ja, Herr Graf, Sie haben Recht! und ich bin glücklich, daß ich dies treue und warme Herz mein nennen kann! Frau Baronin, was thun Sie? rief der Kammerdiener erschrocken und suchte sich rasch ihrer Umarmung zu entziehen, aber sie hielt ihn nur um so fester: Iwan, wozu sollen wir länger die Komödie aufführen? Mag doch alle Welt endlich erfahren, daß ich Dich über alles liebe und Dir mein Herz bis zum letzten Athemzuge gehört! Und sie schmiegte sich mit der ganzen hingebenden Gluth eines liebenden Weibes an ihn an. Der Graf sah völlig verblüfft auf die Gruppe herab. Das hatte er doch nicht erwartet und ging über all' seine Berechnungei: hinaw:>. Seltsam genug, er hatte von der schönen Wittwe bisher eine sehr geringe Meinung gehabt, jetzt stieg sie plötzlich in seiner Achtung. Das war wenigstens ein Muth der Leidenschaft, der ihm beinahe im-> 131 ponirte. Mit ganz anderen Empfindungen hatte der Baron dem Austritt beigewohnt, ßr war anfangs ebenfalls empört über das unerhörte Auftreten seines Freundes rtTch schon naher geritten, um in der peinlichen Angelegenheit zu vermitteln; aber als die Baronin plötzlich, alles vergessend, sich an die Brust ihres Kammerdieners stürzte, da ging es wie ein gewaltiger Riß durch sein Herz. Ja, Vrückenburg hatte Recht, diese Frau war eines Edelmannes unwürdig, denn sie hatte sich in schamlosester Weise weggeworfen, und damit bewiesen, daß auch die üblen Nachreden ihrer Leute auf voller Wahrheit beruhten. Es war alles so unerwartet, so plötzlich geschehen, daß es dem Baron wie ein häßlicher Traum vorkam und er wurde erst durch das Wort des Freundes, der jetzt zu ihm heranritt, aus seine»: schmerzlichen Sinnen geweckt. Sie hat Courage, diese Französin! flüsterte ihm der Graf zu, als er an seiner Seite war. Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Ich glaubte, sie würde die Heuchelei hartnäckig weiter treiben. Der Baron antwortete nicht sogleich, sein Herz war zu tief erschüttert. Vorwärts, Richard! fuhr Brückenburg fort. Hier kann unseres Bleibens nicht länger sein. Du weißt fitzt wenigstens, 'daß meine Beobachtungen und Forschungen auf gutem Grunds beruhten. Es war freilich ein etwas plumpes Mittel, aber was thut man nicht einem alten Freunde zu Liebe! Ach und ich habe sie vergöttert! klagte der Baron leise und dann, als wolle ev sich selbst gewaltsam aus seiner sentimentalen Stimmung aufraffen, setzte er seinem Pferde die Sporen ein, das mit ihm davonflog. Der Graf hatte Mühe, ihm zu folgen. Beide wandte:: die Augen nicht mehr nach den: Schloße zurück und ritten eine ganze Zeit neben einander her, ein Jeder, seinen eigenen Gedanken nachhängend. Endlich begann Brückenburg von Neuen:: Weiht Du, was mir bei dem fatalen Auftritte besonders aufgefallen ist? Nun? fragte Noscnberg einsilbig zurück. Ich habe die Wittwe Deines Vetters schon immer im Verdacht gehabt, daß sie eine ehemalige Schauspielerin ist, aber jetzt bin ich davon überzeugt. Wie so? Als sie mir so entrüstet entgegentrat, und sich dann in die Brust des Geliebten warf, geschah das alles mit so theatralischem Aufwande, daß mir unwillkürlich der Gedanke kam, eine Bühnenkünstlerin, vor mir zu haben. Möglich, sagte der Baron ziemlich zerstreut. Nachdem ich diese Ueberzeugnng gewonnen habe, halte ich es doch für nothwendig, ein wenig nach der Vergangenheit der Baronin zu forschen. Wir haben sie Alle, selbst Du, der an: meisten betheiligt ist, in: guten Glauben als die Wittwe Deines Vetters hingenommen, ohne nur im' Mindesten nach den Beweisen zu fragen, daß sie diejenige ist, für die sie sich ausgibt. Erst jetzt wurde Noscnberg aufmerksam. Wir Habei: nur als Edelleute gehandelt, sagte er, den hübsche:: Kopf etwas stolz und selbstbewußt zurückwerfend. Ganz gut, wo es sich aber um eine so bedeutende Besitzung handelt, wäre wohl die Frage nicht nur erlaubt, sondern auch geboten, ob die betreffende Person wirklich ein Recht hat nach einem solch glänzenden Erbe die Hand auszustrecken. Dein gewohntes Mißtrauen brütet doch die wunderlichsten Vorstellungen aus, bemerkte der Baron, der durch den Eifer, mit den: sein Freund seine Auseinandersetzungen vortrug, :um doch zu größerer Antheilnahme an diesen Erörterungen mit fortgerissen wurde. Mir erscheinen sie gar nicht so sonderbar, als sie Dir vorkommen mögen, war Vrückenburg's trockene Entgegnung. Bedenke doch, lieber Gustav, wie würde eine völlig unberechtigte Person es wagen, hier als Erbin aufzutreten. 132 Dem Kühnen lacht das Glücks ich will auch gar nicht einmal behaupten, daß sie nicht die Wittwe Deines Vetters, aber ich möchte nur wissen, wie sie dies plötzlich geworden äst? Hier liegt jedenfalls ein düsteres Geheimniß zum Grunde, irgend eine Tragödie, und als der Baron nicht gleich etwas entgegnete, fuhr der Graf eifrig fort: Mir war es schon aufgefallen, daß die schöne Wittwe uns ungern von ihrem verstorbenen Mann sprach und leicht darüber hinwegglitt, wenn ich über Deinen Vetter Näheres erfahren wollte. Wenn ich nun die heftige Neigung bedenke, die sie für ihren Kammerdiener hegt und die sie schon lange empfunden haben muß, dann kommen mir ganz eigenthümliche Gedanken. — Du willst doch nicht sagen, daß sie meinen Vetter ermordet hat? fragte der Baron heftig und richtete, trotz der Dämmerung ganz betroffen, die gutmüthigen blauen Augen auf den dicht neben ihm reitenden Freund. Muß sie eS denn gerade selbst gethan haben? entgegnete Brückenburg mit seinem gewohnten scharfen Tone. Aber Iwan kann ihr ja diesen Dienst geleistet haben und seitdem sind diese Beiden noch inniger und unzertrennlicher mit einander verbunden. Deshalb darf sie auch nicht dulden, daß dem treuen Burschen irgend eine Demüthigung widerfährt. Gräßlich, murmelte Nosenberg, und dennoch ist vielleicht Dein furchtbarer Verdacht nicht ganz ohne Berechtigung. Es freut mich, daß selbst Deine sorglose Natur meine Grübeleien nicht ganz als Trugschlüsse zurückweist. Eine Frau, die sich an ihren Bedienten wegwirft, scheint mir zu Allem fähig, bemerkte der Baron und verrieth damit wieder, aus welcher Wunde er noch blutete. Die Freunde ritten jetzt langsamer den einsamen Waldweg dahin und der Graf begann nach kurzer Pause von Neuem: Je länger ich darüber nachdenke, je mehr Beweisgründe entdecke ich für meine Vermuthung. Die Frau Deines Vetters hat sich in den hübschen Burschen verliebt, als Pariserin und besonders als Bühnenkünstlerin hat sie von der Heiligkeit der Ehe nicht gerade die stärksten Vorstellungen. Vielleicht haben es die beiden Liebenden etwas zu arg getrieben und Bloomhaus ist dahinter gekommen. Nun mußte sich die schöne Frau entscheiden und sie zog den stattlichen Kammerdiener vor, da galt es freilich, den unbequemen Gatten aus dem Wege zu räumen. Das Ehepaar lebte damals in Italien, Dein Vetter ist in Neapel gestorben, wie sie behauptet, und dort soll das Gift wohlfeil sein. Vielleicht täusche ich mich, vielleicht bin ich auf der rechten Fährte. Ich sträube mich noch immer, an diesen Abgrund von Schlechtigkeit zu glauben, sagte der Baron mit gepreßter Stimme. Sie hat mich durch ihren Geist, ihre Schönheit völlig geblendet und zuletzt muß ich erfahren, daß sie mit ihrem Bedienten ein zärtliches Verhältniß unterhält. Ich würde all' Deinen scharfsinnigsten Auseinandersetzungen nicht geglaubt haben, wenn mich nicht der Augenschein darüber belehrt hätte. Wir haben die schöne Frau und ihre Angelegenheiten mit viel zu großer Noblesse behandelt, meinte Brückcnburg, und nach dem heutigen Auftritt ist es Zeit, daß wir die Dinge etwas nüchterner auffassen. Einer solchen Person gegenüber fallen alle Rücksichten. Du hast als nächster Agnat ein Recht zu fordern, daß sie über ihre Erbberechtigung die vollgültigsten Beweise antritt. Bisher hat Niemand ihr die nöthigen Dokumente abverlangt, um zu sehen, daß wir es wirklich mit der Wittwe des Baron Bloomhaus zu thun haben. Wäre es nicht unritterlich jetzt mit solchen Forderungen hervorzutreten? äußerte der Baron seine Bedenken. Versprich es mir, das Alles in meine Hände zu legen, sagte der Graf und reichte dem Freunde seine Rechte, die dieser herzlich drückte, denn es kam ihm wieder einmal zum Bewußtsein, wie fest und treu Brückenburg zu ihm hielt, den alle Welt für kalt und herzlos hielt» 'ü k'o-, 'l' 133 Ich muß es wohl, wenn Du es wünschest, entgegnete er deshalb, im eigenen Bewußtsein, daß er dem Grafen selten widerstehen konnte. Nur heut morgen hatte er in liebeglühender Verblendung allen Beweisgründen Brückenburgs' getrotzt. Das ist mir lieb, erwiderte der Graf lebhaft. Ich werde ihr zunächst einen Advokaten auf den Hals schicken und dann wollen wir sehen, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Wenn ich- mich nicht sehr irre, endet die Komödie damit, daß Du als einziger berechtigter Erbe in Bloomhaus einziehst. Also vorwärts! er setzte sein Pferd wieder in raschern Trab. Der Baron folgte ihm, ohne ein Wort zu entgegnen. (Fortsetzung folgt.) Die Tempel vott Slgrigent. , Von Atsons von Rosthorn. Die Sonne stand schon hoch und brannte tüchtig auf uns nieder, als wir uns erwartungsvoll und ob des heitern Wetters guter Dinge auf dem Wege nach den Resten des ehemaligen Agrigcnt befanden. Zwei Girgentiner Equipagen, die, ihrem alterthüm- lichcn Aussehen und schlechten Zustande nach zu schließen, noch aus jenen Zeiten stammen mochten, da Goethe diese Gegenden bereiste, hatten unsere Gesellschaft aufgenommen. Dieselbe bestand aus einem Bcrsagliere-Major sammt Frau, einem österreichischen Fräulein, einer deutschen Familie vom Rhein und meiner Wenigkeit. Der Umstand, daß der allbekannte Fremdenführer und Custos der Alterthümer mitfuhr, überzeugte sofort alle Vorübergehenden, das; wir ^InZIeoi^ seien. Die üppige Fruchtbarkeit der uns umgebenden Gegend macht uns bald an den ans Fabelhafte grenzenden Reichthum der glücklichen Bewohner des gewesenen AkragaS glauben.' Die Girgentiner verbinden, wie alle Sicilianer, meist Garten und Feld, und so ist denn auch hier der Boden cultivirt, weist Hafer und Gerste vom schönsten Stande auf, während die saftgrünen Mandeln, immergrünen Oleander, frischblühcnden Maulbeerbäume und Früchte verheißenden Feigen wohlthuenden Schatten bieten und erquickende Abwechslung in die sonst eintönige Landschaft bringen. Das Getreide soll nach statistischen Berichten aus Palermo jetzt noch siebenfache Ernte zulassen, mährend man zu den Zeiten Cicero's zehnfach erntete, und es soll nach den Reiscbeschreibungen des Baron Riedesel aus dem vorigen Jahrhundert einst einen Reiter sammt Pferd vollends verdeckt haben. Die Wiesen, mit einen: Blumcnteppich überzogen, dessen einzelne Formen in großen, bunten aneinanderstoßenden Flächen sich absondern und wiederholen und in welchem verschiedene Kleeartcn und unsere rothe Mohnblume vorherrschen, werden recht hübsch durch weidende Hcerden ausgeschmückt. Das Rindvieh, hier wie auf ganz Sicilien durchgehcnds von rothbrauner Farbe, ist schön gebaut, ziemlich groß und zeichnet sich durch kräftig geschwungene Hörner aus. Abgegrenzt werden diese Felder Wiesen und Gärten untereinander sowohl als von der Straße her durch lebende Hecken, die von hohen, Fruchtstämme treibenden, hier bereits blühenden Alo n und'dicht nebeneinander gesetzten Cacteen gebildet werden. Die letzter«, das Eharaktergewächs dieser südlichen Landschaft (Opuntia, 6eus inctia), hier indische Feigen (üolii cl'Inckin) genannt, sind für Sicilien das geworden, was für Nordeuropa die Kartoffel bedeutet. Aus Südamerika ebenso wie die fälschlich Aloe genannte Agave herübergebracht, haben sie nicht nur die Physiognomie der Landschaft verändert, indem sie ganze Berge mit ihren: ins Bleifahle schimmernden Blattgrün bedecken, sondern auch unbebaute Landesstrecken der Cultur wiedergaben. Sie kommen nämlich selbst auf Felsbodcn fort, bilden Erdreich um sich, das durch die zu Boden fallenden Blätter eine Humusschichte entwickelt, und so dient diese dem Unkraut ähnliche sehende Pflanze zur Fruchtbarmachung des sterilsten Bodens. Die jungen Blätter dienen zum Viehfutter, die saftigen, rothen Früchte werden im Nachsommer und Herbst von Jung und Alt, Arm und Reich in großen Quantitäten vertilgt. Zahlreiche Staudengewächse, von Blüthen strotzend, Weißdorn, Busch an Busch, 134 lehnen sich an die Hecken, indeß die in Reihen gepflanzten Orangen- und ^itronenüäume, schattige Spaziergänge bietend, aus ewig dunklem Laub die goldenen Früchte und herrlich weißen Blüthen hcrvorlugen lassen, so daß ihr Anblick und der balsamische Wohlgerach gleich bczaubern. Leicht begreift man hier, wie dieselben in der Poesie Gegenstand der heißesten Sehnsucht werden konnten. Zwischen den verschiedenen Reihen von Culturbaumen fallen sofort zwei Fremdlinge aus, die, dem fernen Osten entstammend, vor nicht zu langer Zeit hicher verpflanzt, herrlich gedeihen; es sind dies die Mandarinen, jene bekannte, kleine Apfelsinenart von feinem Geschmack, deren erster aus China imvortirter Staunn noch jetzt im botanischen Garten zu Palermo gezeigt wird, und die schnell wachsende, reichlich tragende Wollmiopel (Lluspilns jnponicm). Ein Wald nach unsern Begriffen kommt hier ebensowenig als sonst irgendwo in Sicilien vor; jene Zusammenstellung von Bäumen, wie sie wohl öfter in schmalen Thälern, kleine Complexc umfassend, auftritt, Wald zu nennen, untre für den echten deutschen Wald, den prächtigen und charakteristischen Schmuck unserer Gegenden, eine Beleidigung. Bei eingehender Betrachtung der Feldarbeit gewinnt man wieder die Ueberzeugung von der Trägheit und Nachlnsigkeit des dortigen Landmanncs. Da in Sicilien kein eigentlicher Bauernstand eristirt, so wäre für das Wort „Landmann" entweder „Pächter" oder „Taglöhner" zu substituircn. Indeß ein großer Theil des Bodens unbenützt bleibt, ist der Ackerbau selbst in einen: erbärmlichen Zustande. Kein Mensch denkt hier daran, zu düngen. Dieselbe Sorglosigkeit, welche die Leute bei Behandlung ihres Grundes zeigen, legen sie auch mit Bezug auf ihre Wohnhäuser an den Tag, indem sie dieselben lieber einstürzen lassen, als daß sie sich zu einigen Reparaturen aufrafften. Kurz, Alles ist südlich! Damit ist genug gesagt. Man vertraut eben gänzlich auf die Produktionsfähigkeit des Bodens, der ohne Beihilfe des Menschen Alles hervorbringen soll. Man möchte am liebsten einige Monate hindurch schlafen, um dann zur Erntezeit zu erwachen und plötzlich reich zu sein. Trotz alledem herrscht hier ein Reichthum an Früchten und Getreide, der mir von eurem Theile der paradiesischen Ostküste Siciliens, der Gegend von Catania, dem ewigen Garten, übertroffcn wird. Zum Export all' dieser Herrlichkeiten dient der 3'7 Kilometer von Girgenti entfernte Hafen, den man von den Tempest: aus gut sehen kann. Durch einen gegen 2000 Meter langen Molo geschützt und mit einem Leuchtthurm versehen, ehemals Molo di Girgenti, jetzt Porto Empedoclc genannt, besitzt derselbe die liog'io vurioutujo, die größten Korn-Magazine Siciliens, tief in den Fels gehauene Gewölbe. Außer Oliveiröl, Mandeln, Soda und großen Mengen Getreides kommt von hier aus etwa ein Sechstel des sicilianischen Schwefels zur Ausfuhr, der aus den ringsum in Gyps und blauem Ton liegenden Schwefel-Minen durch zahllose Esel und Maulthiers zur Küste geschafft wird. In diesen botanisch-landwirthschaftlichen Betrachtungen wurden wir durch den Anblick der plötzlich aus dem Grün der Umgebung auftauchenden Tempel unterbrochen, auf die uns sodann der von lebhaften Gesten begleitete Ausruf unseres Führers auf gut italienische Art mit den: nöthigen Spectakel aufmerksam machen wollte, nachdem wir sie längst selbst entdeckt hatten. Und wahrhaftig, wer könnte in Sicilien, der Landesgeschichte kundig, auch nur einige Schritte thun, ohne des großen Zuges der Vergangenheit bewußt zu werden! Platen hat dieser Stimmung, die just den Deutschen hier beschleicht in seinem „Hymnus an Sicilien" classischen Ausdruck verliehen. Gewiß ein großer Anblick! Auf kleinen Plnteaux längs der südlichen Stadtmauer fituirt, erheben sich diese beiden herrlicher: und trotz ihrer 2000 Jahre recht gut erhaltenen Baudenkmäler griechischer Kunst ernst und feierlich. Vor: ihren: Standpunkte die Gegend weithin beherrschend, scheinen sie so angelegt worden zu sein, um den: von: Meere aus anlangenden, vielleicht aus den: Mutterlande Hellas kommenden Fremdling zu imponiren. Der gelbbraune Tuffstein, der, ursprünglich wohl weiß, durch die Einflüsse der Witterung 135 während des etwa langen Zeitraumes ähnlich wie das menschliche Antlitz durch die Sonne und Stürme gebräunt worden war, das Baumaterial dieser Tempel stimmt zwar recht harmonisch zu dem Hintergründe der ebenfalls braunen, öde an-.-,..'brannten Küstenland- schaft, paßt auch in seiner Derbheit und prunklosen Einfachheit zu der ernsten Würde des dorischen Styls, kann aber auf den Beschauer aus der Nähe keineswegs jene gewaltige Wirkung hervorbringen wie die aus dein edlen Marmor erbauten Denkmäler gleicher Art. Der erste, weniger gut erhaltene Tempel, jener der lluno Imcrinia, stammt" aus der ersten großen Blütheperiode der griechischen Baukunst, die, hervorgerufen durch das gesteigerte Selbstbewußtsein in Folge der glänzenden Siege und allgemeinen nationalen Erhebung, in das Ende des fünften Jhrhunderts vor Christus fallend, wesentlich darauf beruht, daß man sich durch die nach plastischen Gesetzen durchgebildeten Gestalten von den strengen Regeln und Banden einer unveränderlichen Architektonik frei zu machen suchte. Unter der erheblichen Anzahl von dorischen Peripteral-Tempeln Siciliens, die, jener Zeit ihren Ursprung verdankend, in ihren derbern Formen noch strengern Dorismus bewahrt haben, ist dieser ein Beispiel für die günstigere Entwicklung des Styls. Das Festhalten an dem Hergebrachten, Ursprünglichen dürfte in Sicilien, einer von Dorern gegründeten Colonie Griechenlands, ebenso wie in Ornoein ma§nn Unter-Italiens seinen Grund in der weiten Entfernung vom Mutterlands finden. Wäre nicht in Folge des unedlen Materials indem man Thon, Tuff und Sandstein zum Bau verwendete, durch die Einflüsse der Witterung und besonders des gesürchteten Sciroeco der größte Theil dieses Bauwerkes theils zusammengestürzt, theils zerfallen, derart, daß von den dreizehn noch aufrechten Säulen kaum sieben weitern Einwirkungen zu widerstehen versprechen, so wäre dieser Tempel der schönste SicilienS zu nennen. Wie alle sicilinnische Tempel dorischen Styls, trägt er die Vorzüge dieser einfachen, energischen und bestimmten Architektonik, die klar den Zweck ausspricht, den sie verfolgt. 3-1 straffe, kühne Säulen, je aus 5 Steinblöcken sammt Capitäl bestehend, mit der gewöhnlichen 20fachen Cannclirung ausgestattet, bildeten ursprünglich den Portieus, so daß auf die Längsseiten je 13, auf die Fronten je 6 entfielen. Der Durchmesser verhält sich zur Höhe derselben wie 1 zu 4^/.. Alle diese Zahlen, dem mathematischen Formensinn der Griechen entstammend, bringen in das Ganze eine unvergleichliche Harmonie. Bei Betrachtung dieser geometrischen Grundverhaltnisss kommt man zu der Ueberzeugung: so mußte es sein und anders konnte es nicht werden. Wie allüberall finden wir auch hier einen Unterbau von vier Stufen, sowie auch Spuren der von Wänden umschlossen gewesenen Zelle (OuUn). Diese enthielt nach Plinius jenes berühmte, die Juno darstellende Bild von Zeuxis, wozu der alte Meister die fünf schönsten Jungfrauen von Agrigcnt als Modelle benützt haben soll, und öffnete sich nach vorne in die Vorhalle. Nach rückwärts stand sie. mit einem für Priester und geheime Cultuszwecke dienenden Raum, der wieder mit unterirdischen Gängen communicirte, in Verbindung. Dieser Umstand ließ lange glaube», der Tempel sei für den mistischen Demeter-Cult bestimmt gewesen. Nicht weit von diesen Ruinen erhebt sich auf einem ähnlichen Hügel, und mitten in einer gleich malerischen Umgebung der sogenannte Concordia-Tcmpel. Von dem Historiker Fazcllo wurde er fälschlich so benannt, da man in seiner Nähe eine darauf hinweisende lateinische Inschrift gesunden hatte, die noch heutzutage in Girgenti gezeigt wird. Obgleich viel besser, bis auf das fehlende Dach sogar vollkommen erhalten, deutet derselbe mit seinen weniger charakteristischen Formen auf eine spätere Zeit der Entstehung hin. Er stimmt in Form und Zahl seiner Säulen, sowie in den Grundelementen des dorischen Styles mit dem früher beschriebenen überein. Goethe sowohl als Bartels bemerkten jedoch schon in ihren diesbezügliche!: Schriften, daß sie an den Wänden und Säulen Ausbesserungen wahrgenommen hätten, die sie der eifrigen Geschäftigkeit der in Folge ihrer großen Zahl meist müßigen Geistlichen zuschrieben, was um so wahrscheinlicher" klingt, als dieser Tempel seine vollkommene Erhaltung nur dem Umstände zu verdanken: hat, daß er, von den Karthagern verschont geblieben, in eine christliche Kirche umgewandelt und, dem heiligen Gregorio delle Nape, Bischof zu Girgenti, geweiht, als solche lange Zeit verwendet wurde. Doch kann man nicht bestimmt entscheiden, ob diese wie Ausbesserungen aussehenden lichtern Partien wirklich Gyps oder nur Neste des alten Marmorstucks sind, mit welchem die Griechen das rohe Material überzogen hatten. Der Haupteiugang liegt gegen Osten und steigt man auf vier, das Paviment inbegriffen auf fünf alterthümlich-unbequemen Stufen hinan. Kein einziger Tempel Italiens kann eine ähnlich gut erhaltene Zelle ausweisen; die sechs in jede der Wände gebrochenen Bogen- Oeffnungen dürfen jedoch den Beschauer nicht beirren, da sie aus viel späterer, der christlichen Zeit herstammen. Am Haupteingange sind selbst jenes Treppen erhalten, welche in sechs Absätzen zu fünf Stufen auf das Tempelvach hinaufführten. Dieses war doppelt und bestand aus dem untern, flachen, die Säulen-Corridore oben deckenden, und einem spitz zulaufenden Theil, wie man dies noch an der Lage des Giebelfeldes erkennen kann. Das ganze Epistyl oder Architrav, jene mächtigen Balken, welche unmittelbar auf den Säulen ruhen, zur Längenverbindung des Ganzen dienen und die übrigen Theile des Gebälkes tragen, ist in vortrefflichster Weise erhalten, so daß man sich kein vollständigeres Bild der dorischen Architektonik wünschen kann. Welch' merkwürdiges Gefühl überkömmt den Wanderer in diesen zweitausendjährigcn Hallen! Der Gedanke, durch denselben Säulengang zu wandeln, denselben Boden, dieselben Steine zu betreten, auf denen Tausende von Hellenen ihre heitere Religion ausübten, erzeugt in uns jene beste feierliche Stimmung, die sich durch allgemeines Verstummen kundgibt. Grabesstille ringsumher! Kein Vogelgesang unterbricht die tiefe Ruhe. Unter uns eine unendliche Zahl von Gräbern. Wie nichtig und vergänglich ist doch auch das Größte! Meer und Himmel, zwei unendliche Weiten, erblicken wir durch die Säulen. — Zwischen den Trümmern einstiger Größe prangt ein immerwährender Schmelz kräftig duftender Blumen, zwischen dem Myrthenstrauch blühen große rothe Allien spanischer Ginster und Hiacynthen. Jasmin und Rosmarin wechseln mit Fettkräutern und saftigen Lattichstengeln. Die vielen Pflanzen, die man nur meist in Kübeln und Töpfen hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt ist, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel. Um Säulen-Fragmente schlingen sich schönfarbige Winden, die umgestürzten Steinblöcke bedecken große Malven und strauchartige Wolfsmilcharten. Um Disteln flattern bunte Falter, hohe Gräser bieten der reichen Jnsektenwelt sein geeignetes Versteck, auf den heißen Steinen sonnen sich grüne Lacerten, die jedoch im Nu in Trümmerhaufen verschwunden sind. Recht charakteristisch für diese todten Gefilde sind die antiken Acantus- blätter und die niedrigen Zwergpalmen mit ihren fingerförmig zertheilten Blättern. Eine ganze Reihe von Tempeln schließt sich in diesen beiden an, so der ehemals berühmteste aller Tempel Siciliens, der Tempel des olympischen Zeus, das Olympion, von dessen kolossaler Größe nur mehr der Plan zeugt; der durch die gigantischen Steinblöcke und seine hochberühmte Broncesigur ausgezeichnete Herkulestempel; der große Thrümmerhaufe, genannt Castor und Polluxtempel, auf dessen malerischen Ueberresten der Zufall heute gerade zwei ganz gleichgcstaltete Esel weiden ließ und noch viele anders von minderer Bedeutung. Nachdem ganze Werke diese Bau-Denkmäler ausführlich behandeln, wäre es nicht möglich, an dieser Stelle auch nur eine ganz flüchtige Skizze von denselben zu liefern. Die Sciroccogluth war gewaltig und wir schmachteten nach Erquickung, Labung und Ruhe. So wurde denn bei der rücksichtslosen Gluth der afrikanischen Sonne die Rückfahrt ohne Debatte einstimmig beschlossen und glücklich ausgeführt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Aerlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.