Unterüaktunggökat zur „Mgslmrger Postzeltimg." Nr. 18. Mittwoch, 1. September 1880. Laß die schwerste Pflicht dir die allerheiligste Pflicht sein. Lavater. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) IV. Graf Brückenburg hielt Wort; erunachte die Angelegenheit des Freundes zu seiner eigenen und suchte schon am andern Tage einen Advokaten auf, um ihn mit der wettern Verfolgung dieser Sache zu beauftragen. Feodor Rasinsky war ein echter Russe, schlau, voll ungewöhnlicher Umsicht und unter den einschmeichelndsten Manieren, die schärfste Berechnung und Herzenskälte verbergend. Gerade dieser Mann schien dem Grafen völlig geeignet, die immerhin heikle Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Der noch ziemlich junge Advokat hörte den Auseinandersetzungen des Grafen mit großer Aufmerksamkeit zu, ohne ihn mit einem Worte zu unterbrechen; nachdem Brückenburg die lebhafte Frage an ihn richtete: Was sagen Sie zu der Geschichte? cntgcgnete er nach längerem Nachsinnen, während seine Antwort längst fertig war: Ein interessanter Fall. Ich bin Ihnen sehr dankbar, das; Sie mich damit beauftragt haben. Sie glauben also auch, daß an der ganzen Sache Vieles dunkel ist? fragte der Graf weiter. Nun, ich werde mein Möglichstes thun und versuchen, die Baronin in die Enge zu treiben. Sie können doch französisch? , Der Advokat nickte. Und dann lassen Sie sich nur nicht von den funkelnden Augen der schönen Wittwe bestechen, ermähnte Brückenburg lächelnd. Ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, das; die Baronin außerordentlich liebenswürdig sein kann. Nasinsky zuckte die Achseln. Wir Juristen sind mit dreifachem Erz umpanzert. Sollte da wirklich ein Pfeil des Liebesgottes nicht durchdrungen? fragte der Graf scherzend, setzte aber dann rasch hinzu, indem er vertraulich seine Hand auf die Schulter des Advokaten legte. Ich verlasse mich ganz auf Sie und wenn es Ihnen gelingt, die Französin zu entlarven, sichere ich Ihnen im Namen meines Freundes 50,000 Rubel zu. Hier haben Sie mein Edelmannswort, und er reichte ihm dabei die Rechte. Ich würde auch ohne diese Aussicht alles aufbieten, um die jetzige Besitzerin von Vloomhaus in die Enge zu treiben, war die gelassene Antwort Nasinsky's. Es winkt Ihnen ein doppelter Gewinn, fuhr Brückenburg lebhaft fort. Wenn eL Ihnen gelingt, meinem Freunde zu seinen; Erbe zu verhelfen, sind Sie mit einem Schlags der berühmteste Advokat der Ostseeprovinzen, denn die Sache wird natürlich, besonders in den höheren Kreisen, ungeheures Aufsehen erregen. Ich werde mein Möglichstes thun, Herr Graf, sagte Rafinsky ruhig, ohne durch ' das geringste Zeichen zu verrathen, wie sehr sein Ehrgeiz durch diese glänzende Aussicht aufgestachelt worden. ^ Noch an demselben Tage fuhr der Advokat nach Bloomhaus. Er kam erst in ^ spater Nachmittagsstunde an und ließ sogleich die Baronin in einer wichtigen Angelegenheit um eine Audienz bitten. Trotzdem erschien statt der gnädigen Frau der Kammerdiener, der Nasinsky nach seinem Anliegen fragte. Ich habe nothwendig mit der Frau Baronin selbst zu sprechen. Lieber Herr, Sie können mir ruhig sagen, was Sie herbeiführt. Ich habe von der Baronin den Auftrag alle geschäftlichen Angelegenheiten in ihrem Namen zu erledigen, st entgegnete Iwan, der seit vorgestern allen Fremden gegenüber mit ganz anderer Sicherheit auftrat und hier nun ebenfalls den Herrn herauskehrte. Er hatte nicht mehr nöthig den unterwürfigen Diener zu spielen, seitdem seine gnädige Herrin rücksichtslos ihre Gefühle preisgegeben. Die Sache kann ich dennoch nur mit der Frau Baronin selbst besprechen, entgegnete ? Rafinsky mit solcher Entschiedenheit, daß Iwan davon wirklich eingeschüchtert wurde, und mit der Erklärung: er werde die gnädige Frau fragen, ob sie zu sprechen sei, sich entfernte. Nach kurzer Zeit rauschte die Baronin in das Empfangszimmer, gefolgt von ihrem treuen Iwan, der jetzt nicht mehr von ihrer Seite wich. ^ Die schöne Frau schien ziemlich verdrießlich zu sein, denn sie entfaltete gegen den Fremden nicht gleich ihre gewohnte Liebenswürdigkeit, sondern fragte nach einer flüchtigen » Verbeugung ziemlich kühl und herablassend: Was wünschen Sie, mein Herr? ^ Nasinsky war nicht der Mann, der sich so leicht außer Fassung bringen ließ. Der Graf hatte zwar Recht, die Baronin war eine höchst brillante Erscheinung, aber er war nicht gekommen, um eine Frauenschönheit zu bewundern, sondern um seinen juristischen Scharfsinn zu entfalten. Gestatten Sie mir, Frau Baronin, daß ich Platz nehme, denn unsere Angelegenheit dürfte nicht so rasch erledigt sein, sagte der Advokat mit einer so überlegenen Miene- als habe er schon über diese Frau den Sieg gewonnen. Wirklich wurde die Baronin durch die Haltung des Fremden ein wenig verblüfft. Sie machte nur eine einladende Handbewegung und ließ sich dann selbst mit einer Miene, die auf eine sehr langweilige Auseinandersetzung gefaßt ist, im nächsten Sessel nieder. Iwan zog sich ebenfalls einen Stuhl herbei, aber nur, um seine Arme darauf zu l lehnen und in bequemer Haltung, dicht hinter der Baronin, die Eröffnungen des Advokaten abzuwarten. Nasinsky nahm ohne Weiteres Ptatz und einen Blick auf den Kammerdiener werfend, sagte er mit einiger Betonung: Meine Mittheilungen, Frau Baronin, hätte ich Ihnen gern unter vier Augen gemacht. Sie können ruhig sprechen, vor diesem Herrn habe ich keine Geheimnisse und sis wandte sich küchelnd nach Iwan um und zeigte ihm ihr strahlendstes Antlitz. ^ Sie ist in der That frech, dachte der Advokat, laut entgegnete er jedoch nnt einer s leichten, höflichen Verbeugung: Wie Sie es wünschen, Frau Baronin. Und was ist Ihr Begehr? Ich bitte, fassen Sie sich kurz. Ich habe wenig Zeit,' sagte sie mit allen Zeichen der Ungeduld. Ich habe nur einige Fragen an Sie zu stellen, begann Nasinsky von Neuem, der ^ absichtlich eine juristische Bedächtigkeit entfaltete und der sich den Anschein gab, als bereits ihm die Handhabung der französischen Sprache ganz besondere Schwierigkeiten, während j er derselben völlig mächtig war. Fragen Sie! drängte die schöne Frau und nagte dabei ein wenig an ihrer Unterlippe» 139 — Wann hat Ihre Vermählung mit dem Herrn Baron Bloomhaus stattgefunden und seit mann sind Sie Wittwe? Mein Herr! Was berechtigt Sie, solche zudringliche Fragen zu stellen!? rief die Baronin empört und wollte von ihrem Sessel aufspringen; aber Iwan mochte ihr ein beruhigendes Wort zugeflüstert haben, denn sie blieb nach einer heftigen Bewegung sitzen. Ich komme als Bevollmächtigter des Baron Bloomhaus-Nosenberg, der als nächster Agnat ein vollgiltiges Recht darauf hat, diese näheren Informationen einzuziehen. Die Baronin stieß ein höhnisches Lachen aus und flüsterte ihrem Kammerdiener leise etwas zu, dann sagte sie laut: Ah, das ist vortrefflich! Der Herr Baron ist also solchen Freundes, wie des Grafen Brückenburg vollkommen würdig. Ich muß gestehen, das sind ganz bewundernswürdige Edelleute! und sie lachte von Neuem. ? Rasinsky ließ sich durch die spöttische Heiterkeit der schönen Frau nicht außer Fassung bringen und er ffuhr in trockenem Geschäftstone fort: es ist freilich nur eine einfache Förmlichkeit; aber das Gesetz schreibt vor, daß Derjenige, der irgend einen Besitz antreten will, auch sein Recht darauf nachweisen muß und in diesem Falle möchte ich Sie bitten, mir das Zeugniß über ihre mit dem Herrrn Baron eingegangene Ehe und dann den Todtenschein des Baron Bloomhaus vorzulegen. Und weiter bedürfen Sie nichts, mein Herr? fragte die Baronin mit geringschätziger Miene, ohne den Advokaten noch eines . Blickes zu würdigen. Lieber Iwan, wandte sie sich zu dem Kammerdiener, willst Du so gut sein und diese Papiere Herbeibringen, damit der Wunsch des Herrn befriedigt wird. ^ , Iwan flüsterte ihr wieder ganz leise ein paar Worte zu, und entfernte sich dann. Die schöne Wittwe machte also aus ihrem Verhältniß zu ihrem Bedienten nicht mehr das mindeste Hehl. Einer solchen Person gegenüber hielt sich Rasinsky ebenfalls jeder Rücksicht überhoben. Er lehnte sich bequemer im Lehnsessel zurück und betrachtete hinter seiner goldenen Brille mit aufmerksamen, scharfen Augen die Baronin, die in vornehmer Haltung dasaß, und anscheinend den Advokaten keines Blickes würdigte, während sie doch verstohlen den Ausdruck seines glatten, eiskalten Gesichtes zu studiren suchte. Der Graf hat Recht, es ist eine Schauspielerin, dachte Rasinsky und ein Lächeln glitt dabei um seine Lippen, das der Baronin nicht entging, denn sie fragte plötzlich: Es bereitet Ihnen wohl ein großes Vergnügen, eine arme schutzlose Frau zu beleidigen? und ihre Stimme hatte dabei einen rührenden Klang. Ah, jetzt beginnt sie die verfolgte Unschuld zu spielen! sagte sich der Advokat, aber er entgegnete ohne allen Sarkasmus: Sie verkennen mich, Frau Baronin. Als Advokat habe ich nur meine Pflicht zu thun. Müssen sie nicht selbst gestehen, daß die Zumuthung, die mir mein Vetter plötzlich stellt, etwas sehr Demüthigendes hat? Alle Welt und Baron Rosenbcrg zuerst hat mich als rechtmäßige Erbin von Bloomhaus anerkannt und jetzt hält es der Baron nicht unter seiner Würde, sich erst durch Dokumente überzeugen zu lassen, daß ich wirklich die Wittwe seines Vetters bin. Zum Glück kann ich mit den gütigsten Papieren anfwartcn. Iwan wird sie sogleich bringen. Die Baronin hatte so rasch und lebhaft gesprochen, daß Rasinsky jetzt erst zu Worte kam. Es ist dies eine bloße Förmlichkeit, die damals vergessen worden und die jetzt mein Klient als nächster Agnat nachholt, weil er dies der ganzen Familie schuldig ist. Sagen Sie lieber, es ist ein Ausfluß kleinlicher Rache! warf die Wittwe hastig ein. Der Baron kann es mir nicht vergeben, daß mir alle aristokratischen Vorurthcils fremd sind und daß ich einem einfachen, schlichten Menschen, dessen Treue ich erprobt, mein Herz geschenkt habe. Der Advokat erkannte recht gut, daß all' diese Reden darauf hinausliefen, seine günstige Meinung zu wecken und dies steigerte nur seinen Verdacht. Er entgegnete deshalb nichts, sondern machte nur eine nichtssagende Handbewegung. Auch die Baronin schwieg jetzt; sie nagte nur ein wenig an ihrer Unterlippe. Da 140 bist Du ja schon! rief sie plötzlich erfreut, als Iwan mit einigen Papieren m der Hand wieder in's Zimmer trat. Nun wollen wir sogleich die Sehnsucht des Herrn Advokaten befriedigen, und sie griff hastig nach den Dokumenten, um sie Rasinsky zu überreichen. Der Kammeldiener jedoch hielt die Papiere fest und sagte mit eigenthümlichem Lächeln: Wir wollen sie hier auf dem Tisch ausbreiten, dann kann sie der Herr in aller Bequemlichkeit prüfen, und dürfen wir nicht gestatten, daß er sie selber in die Hand nimmt — und er warf dabei der Wittwe einen Blick zu, die ihn augenblicklich verstand, denn sie rief lachend aus: Ganz Recht. Mißtrauen gegen Mißtrauen! Wer bürgt uns dafür, daß der Herr Advokat die wichtigen Dokumente an sich reißt und sie für immer Verschwinden läßt, um mich zu verderben. Das glatt rasirte Gesicht Rasinsky's verrieth auch nicht eine Spur von Kränkung. Er nahm seine goldene Brille ab, putzte in aller Gemüthlichkeit mit seinem seidenen Taschentuch die Gläser und entgegnete dabei in größter Ruhe: Schade nur, daß dieser Handgriff wenig nützen würde, denn Sie vergessen, gnädige Frau, daß Sie in der Lage wären, jeden Augenblick dieselben Papiere herbeizuschaffen. Thut nichts, dem Baron gegenüber ist jede Vorsicht geboten, erwiderte die Baronin rasch und gereizt und ihre schönen geistfunkelnden Augen ruhten dabei mit finsterm Groll auf dessen Abgesandten. Auch diese Beleidigung, die mehr ihm als seinem Klienten galt, nahm der Advokat sehr gelassen hin. Es wird vorläufig genügen, wenn ich die vorgelegten Dokumente in der mir gestatteten Entfernung studire, sagte er mit sarkastischem Lächeln, und schickte sich an, die bereits von Iwan anf dem Tische ausgebreiteten Papiere zu prüfen. Der Todtenschein des Barons ist in lateinischer Sprache abgefaßt bemerkte der Kammerdiener und sein Gesicht verzog sich etwas spöttisch. Thut nichts, muß ich ebenfalls sehen, mir ist das Italienische durchaus nicht fremd, war die Antwort Rasinsky's und er blickte etwas höhnisch zu dem vor ihm stehenden Bedienten auf, der mit Argusaugen die Dokumente zu bewachen schien, dann vertiefte er sich schon in seine Aufgabe, ohne das wunderliche Paar noch weiter zu betrachten. Das Zeugniß über die zwischen dem Baron Gregor Bloomhaus und Fräulein Combe- laine stattgefunden eheliche Verbindung war aus Paris datirt und in aller Form ausgestellt. Es hatte den Stempel der Behörden und an seiner Echtheit ließ sich kaum zweifeln. Auch das Zeugniß des Geistlichen über den kirchlichen Trauakt fehlte nicht. Es konnte hier eine Fälschung unmöglich vorliegen, das mußte sich Rasinsky selbst gestehen. Jetzt wandte der Advokat seine Aufmerksamkeit dem Todtenscheine zu, den er einer noch sorgsameren Prüfung unterzog. Das Papier war in italienischer Sprache abgefaßt und aus Neapel datirt. — All' diese Angaben stimmten. Aber seltsam, aus dem Scheine ging hervor, daß Baron Bloomhaus in einer Irrenanstalt Neapels und an einem Gehirnleiden gestorben war. Dann ist der Mann am Ende schon wahnsinnig gewesen, als er diese Frau geheirathet hat, dachte der Advokat und prüfte noch einmal die beiden Daten des Trau- und des Todtenscheins» Ein unwillkürliches leises „Hm" entfuhr seinen Lippen. Die Hochzeit des Barons hatte in Paris am 12. November stattgefunden und am 13. Februar des nächstfolgenden Jahres war der junge Gatte schon in Neapel seinem Gehirnleiden erlegen. Dann war ja die furchtbare Katastrophe ungeheuer rasch erfolgt. Die Baronin hatte sich ebenfalls dem Tische genähert und beobachtete mit unruhig blitzenden Augen, wenn auch ganz heimlich, jede Bewegung in dem Gesicht Rasinsky's; als er jetzt sein verdächtiges „Hm" murmelte, fragte sie in vornehmer Haltung, aber auch mit allen Zeichen der Ungeduld: ist die Prüfung noch nicht zu Ende? meine Zeit ist mir wirklich für derlei Geschäfts zu kostbar. Ich habe nur noch eine Bitte. Mir zu gestatten, die Dokumente zu kopiren, entgegnete der Advokat mit großer Höflichkeit. Es wird sehr rasch geschehen sein. 141 Wozu? rief die Baronin hastig. Ich glaube nicht, daß Sie zu dieser Forderung ein Recht haben und sie warf dabei einen fragenden Blick auf ihren Kammerdiener. Das glaube ich ebenfalls nicht bemerkte Iwan und griff schon nach den Papieren, um sie wieder zusammenzufalten. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. Der Berg, auf dem ich stehe, Das That, in das ich sehe. Der Wald so frisch und grün — Wie ist das Alles schön! Wer wollt' sich da nicht neigen, Nicht vor dem Schöpfer beugen, Der Alles dies erschuf Durch seiner Allmacht Ruf! DaS Spielrad der Zeit, in beständigem Umschwünge begriffen, hat in neuerer Zeit die böhmischen Bäder so empfohlen, daß sie die Zielpunkte von Hunderttausenden geworden sind, welche dort theils Heilung verschiedener Krankheiten, theils Erquickung und Unterhaltung suchen oder auch durch andere geschäftliche Interessen dahin' geleitet werden. Unter diesen Bädern steht Karlsbad obenan, welches im Sommer 1877 20,000 Curgäste gehabt hat, im August 1880 bereits 23,000 zählte und im Laufe der Saison diese Zahl wohl noch bedeutend erhöht sehen wird. Es ist nun über die böhmischen Bäder und speciell über Karlsbad schon so Vieles geschrieben worden, daß es erklecken dürfte. Weil indeß Jeder, der den Rsgi, die Zugspitze, Rom oder Jerusalem gesehen, von demselben Gegenstände ein anderes Bild mitbringt, so mag es wenigstens verantwortet werden können, wenn wieder ein Anderer, der in Karlsbad gewesen, für solche die dort waren, etwelche Nückerinnerungen oder für Andere einige neue Mittheilungen bietet. Aber in welcher Art und Gestalt soll dieses „Gedenkblatt" sich einführen? Etwa in streng gelehrter Weise, wobei man mit der Geologie und Hydrologie, incl. der alten Controversen vom Neptunismus und Plutonismus zu beginnen, daran dann die betreffenden physikalischen, geographischen, naturhistorischen, anthropologischen, politischen, historischen, religiösen, socialen, medicinalen, gewerblichen und statistischen Punkte streng systematisch anzureihen Hütte? Es wäre dagegen wohl nichts einzuwenden; indeß so weit will sich dieses Gedenkblatt nicht versteigen, es räth vielmehr dem Leser etliche Bilder von Karlsbad zur Hand zu nehmen und wollen wir Angesichts derselben hier lediglich in alphabetischer Reihenfolge etliche Buchstaben von den ersten und letzten des Alphabets als Ordnungscom missäre (wie folgt) auftreten lassen. Allgemeine Anschauung. Wir steigen in Gedanken auf die „Franzens-Höhe" bei Karlsbad und benutzen diesen glücklichen Standpunkt, ein wenig abw ärts und aufwärts, hin- und herzublicken. Ohne die Gedanken Anderer beeinträchtigen zu wollen, glaube ich meine Gefühle an dieser Stelle also kundgeben zu dürfen: „Der Berg auf dem ich stehe u. s. f. w. o." In einem schönen, von der Tepl durchströmten Thals, umschlossen von waldreichen Höhen, mit oft malerischen Fels-Gebilden, in sehr günstiger Lage, sehen wir da Karlsbad, welches wenn auch z. Z. noch nicht die Größe, so doch das Zeug zu einer großen Stadt hat und ihr immer mehr cntgegenreift. Der Gesammtanblick der Stadt ist, von jeder Seite besehen, sehr interessant. Die beachtenswerthesten Gebäude benennen wir unten, Bewohner. Die Bewohner von Karlsbad lassen sich füglich in zwei Klassen theilen, nämlich g) in ständige Stadtbewohner, d) in unständige und Fremde, wozu namentlich die Curgäste gehören. Man schätzt die ersteren z. Z. auf 14,000 und nimmt in der Sommerssaison von der Letzter» eine Durchschnitts-Summe von 4—5000 an, so daß dann eine Zahl von 18—19000 Seelen gegeben erscheint. Gehören erstere vorherrschend dem deutschen Stamme an, so begreifen letztere eine gewaltige Variation von Stämmen und Sprachen. Abgesehen vom singulären Erscheinen von Chinesen, Japanesen, Afrikanern, Australiern und Südamerikanern, so sind da vor Allem die Völker des österreichischen Kaiserstaates (Deutsche, Ungarn, Polen, Czechen und Slaven), dann Norddeutsche, Holländer und Niederländer, Engländer, Russen, Franzosen rc. mehr oder minder zahlreich vertreten. Ueberaus zahlreich sind die Jsraeliten aus allen Ländern. Die Haltung der städtischen Behörden gegen die Gäste ist eine würdige, einsichtsvolle und noble; die der Bevölkerung (wie billig) eine wohlwollende, artige, gefällige und bereitwillige. — Gegen Diebe, Streuner und Bettler ist die Polizei sehr vigilant. 0 Der Buchstabe 0 spielt hier eine ganz hervorragende Rolls, namentlich durch die zwei Worte: Cultus und Cur. Die Bewohner der Stadt Karlsbad sind vorherrschend katholischer Religion; für den katholischen Cultus finden wir hier eine schöne, aber allbereits zu kleine Pfarrkirche, dann noch etliche Kapellen. Die katholische Seclsorge für Karlsbad und dessen Filialorte obliegt den HH. Geistlichen vom ritterlichen Orden der Kreuzherren mit dem rothen Stern. Zur Zeit find dieß 1) der hochwürdige Herr Joseph Dobner, Pfarrer und Dekan, dann 2) der hochwürdige Herr I'. I. Zwittlinger und 3) der hochwürdige Herr I. Bergmann, beide letztere als Hilfsgeistliche oder Kapläne. Die dritte Kaplaneistelle ist unbesetzt. Diese Herren, wie sie mit Eifer und Fleiß pastoriren, genießen auch allgemeine Verehrung. Eben denselben fällt auch ine Besorgung der religiösen Angelegenheiten der katholischen Badegäste zu, und hier dürfte folgende Frage nicht so ganz unpassend erscheinen: Da nämlich schon zweimal, im Jahre 1741 und im Jahre 1778 (durch Jesuiten) Missionen hier abgehalten worden sind, so frägt sich, ob es nicht auch in unserer Zeit angezeigt wäre, durch Männer, welche in scientifischer und praktischer Weise hiezu speciell sehr geeignet wären, gerade den vielen Fremden gegenüber, religiöse Vortrüge, (Confercnzen) nebst passendem Gottesdienste zu halten? Gewiß können gegen dies Project verschiedene Bedenken und Hindernisse erhoben werden, von denen auch nicht alle ganz bedeutungslos sind: aber es bleibt wieder die Frage, ob diese Hindernisse nicht doch überwunden werden könnten und ob nicht die Gründe für ein solches Project sehr überwiegend sind? Wir nehmen keinen Anstand, diese Frage zu bejahen, wünschen aber eventuell dis Ausführung dieses Projectes nicht durch Jesuiten, und zwar der Sache wegen und der Jesuiten selbst wegen, sondern durch andere Geistliche. Viele Fremde, unter denen sich oft Fürsten, Grafen, Minister, Generäle, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, große Kaufleute, Industrielle befinden, sammt den vielen mitanwesenden vornehmen Damen schenken vielleicht aus Neugierde, langer Weile oder Kritisirsucht solchen Predigern des Evangeliums Beachtung, und diese brachte schon sehr viel Segen. Der dankenswerthen pastorellen Thätigkeit des Kreuzherren-Ordens in Karlsbad würde damit gewiß kein Abtrag geschehen. — Was aber diesen Orden anbelangt, so besteht derselbe z. Z. nur in Oesterreich als ehrwürdiger Rest des einst sehr großartigen geistlich-ritterlichen Ordens. Es mag für viele Leser nicht ganz ohne Interesse sein, über diesen, bei uns wenig bekannten Orden, einige Notizen zu erhalten. k jl' 143 Unter dem obigen Namen versteht man im weiteren Sinne auch die Deutschordensritter, Maltheser u.dgl.; im engeren Sinne aber nur jene Ordens-Congregation, welche aus der Zeit des Ausgangs der Kreuzzüge stammend, den Specialnamen: „Kreuzherren mit dem rothen Stern" trägt und von Papst Jnnocenz IV, (1243—54) bestätigt worden ist. Dieselbe ließ sich vorzüglich in Oesterreich nieder und gelangte da zu großem Vermögen. Bis ins 17. Jahrhundert stand sie unter der Oberaufsicht des Präger Erzbischofs; in benannter Zeit erlangte sie aber erhebliche Freiheiten. Ihre Geschichte, z. Z. noch zu wenig bekannt, wäre gewiß fleißiger Nachforschung und geeigneter Publikation würdig. Nach dem Ordensschematismus pro 1880 zählt der bezeichnete Orden im Ganzen 74 Mitglieder. Ihr Großmeister und Oberhaupt (infulirter Prälat) residirt in Prah Wir geben noch eine kurze Uebersicht der Großmeister dieses Ordens: Sterbjahr Name 1) 1248 Graf Albrecht v. Starnberg, ein Croate 2) 1620 Conrad, ein Schwede. 3) 1276 Mercotti, ein Schlesier. 4) 1282, Otto, ein Sachse. 5) 1293 Echard, ein Mähre. 6) 1313 Friedrich, ein Böhme' 7) 1325 Studinger aus Trier 8) 1351 Ulrich, ein Böhme. 9) 1351 Heinrich von Wratislav, ein Böhme; 10) 1363 Leo. 11) 1380 Friedrich II., ein Böhme. 12) 1407 Zdenko, ein Böhme. 13) 1426 Johann von Zdaniez, ein Böhme.' 14) 1426 Johann Ezasky, ein Mähre» 15) 1428 Wenzel Holus. 16) 1454 Erasmus von Karlsbad. 17) 1460 Andreas Peßmes von Glattau) 18) 1480 Nikol Büchner von Zettlitz. 19) 1511 Mathias Strzabska, ein Böhme.' 20) 1552 Wenzel von Hradessin. 21) 1580 Anton (Bruß) aus Mäglitz, ein Mähre) 22) 1590 Martin Medek aus Mäglitz ein Mähre. 23) 1606 Spignew Bercka. 24) 1606 Lorenz Nigrinus (resign. 1606). 25) 1612 Carl von Lamberg. 26) 1622 Johann Lohelius. 27) 1667 Graf Ernst Adam von Harrach. 28) 1668 Johann Wilh., Graf von Kotowrat. 29) 1694 Graf Johann Fridrich v. Waldstein. 30) 1699 Georg Jgn. Pospichal. 31) 1707 Franz von Frankenfeld. 32) 1721 Martin Ernst Beinlich. 33) - 1750 Franz Mathias Böhm. 34) 1754 Julius Franz Waha. 35) 1795 A. Jacob Suchanek. 36) 1809 Jgnaz Blasius Zeidler.' 37) 1814 Franz Chri st ian Pittroff von Karlsbad 88) 1839 Johann Anton Köbler. 89) 1866 Jakob Beer. l- 144 — 40) 1878 Joh. Nep. Jestrzschabek. 41) — Heinr. Emanuel Schöbel, erwählt im Jahre 1879 Derselbe ist ein gebürtiger Böhme und Priester seit 1848. Die unter diesem dermaligen Großmeister stehende kleine geistliche Armada begreift in sich einen Generalvikar, mehrere Ordens-Comendatores und Consultores, dann einige Professoren, Pfarrer und Kapläne auf den Seelsorgestellen des Ordens in Prag, Wien, Karlsbad, Ellbogen, Maria Kulm rc. Auch ein Bayer ist z. Z. Ordensmitglied, nämlich Hr. Josef Wiedemann von Günz, geboren 1830, Priester seit 1856, z. Z. kais. Hof- kaplan in Ofen (Buda) in Ungarn. Der einst sehr beliebte theologische Schriftsteller Natter gehörte gleichfalls diesem in Oesterreich sehr geehrten Orden an. Soviel von diesem Orden. In Karlsbad gibt es aber namentlich in der Sommerzeit auch Protestanten, welche eine eigene, neue geräumige Kirche besitzen, erbaut 1856, vergrößert 1865; ebenso hat die englische Hochkirche auf reizender Höhe i. I. 1861 einen Tempel erbaut. Die Jsraeliten besitzen in Karlsbad (in der Parkstraße) eine Synagoge, welche zu den schönsten in ganz Deutschland gehört: erbaut i. I. 1847. Seit dem Jahre 1866 sind die oft sehr zahlreichen Russen auch im Besitze eines eigenen Bet-Lokales. Wer also in die Kirche gehen will, der kann, wie man sieht, es auch in Karlsbad thun. In der katholischen Kirche daselbst wird an Sonn-und Festtagen die erste heil. Messe um 7 Uhr abgehalten, die zweite um ^9 Uhr, das Amt um 9 Uhr, die Predigt um 10 Uhr und die letzte hl. Messe um 11 Uhr. Die Nachmittags-Andacht findet um 3 Uhr statt. Die katholische Pfarrkirche ist der hl. Maria Magdalena gewidmet: wie schön und passend! Am Fuße des Berges entspringen die Quellen, welche als Heilmittel zur Wiederherstellung der leiblichen Gesundheit von gar Vielen gesucht und gebraucht werden; oberhalb steht die Kirche mit ihren Heilsqucllen, namentlich der Nettungs-Anstalt der Buße: möchten auch diese gebührend geschätzt und eifrig gebraucht werden. Cur betr. Karlsbad gilt nach seinem Zwecke, seinen Mitteln und Einrichtungen als Heilbad. Es wird angenommen, daß die Karlsbader Quellen bewährte Hilfs- und Heilmittel sind gegen verschiedene Krankheiten und Gebrechen z. B. gegen Magen-, Darm- und Leberkrankheiten, gegen Gelbsucht, Zucker-Harnruhr, Nierenleiden,-Gicht u. dgl. Wir benennen nun die, wie man sagt, dem Wesen nach gleichen und nur in der Temperatur verschiedenen Heil-Quellen von Karlsbad, welche nahe beieinander sich finden und der beigesetzten Wärmegrade sich erfreuen: Namen: Wärmegrade : Hochbergquelle 32,50 Reaumttr, Kaiser Carl-Quelle 34,70 Elisabethquelle 35,50 Marktbrunnquelle 39,00 Kaiserbrunnquells 39,30 Mühllrunnquclle 44,50 § Schloßbrunnquells 44,66 „ Felsenquelle 47,60 Theresiaquelle 48,30 Neubrunnquelle 49,30 „ Curhausquelle 52,20 St. Bernhardsquelle 52,70 Sprudelquelle 59,00 „ Hygiäaquelle 59,00 „ (Schluß folgt.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vo. M. Huttlcr.