nterstaktun zur „Mgsvilrger Postzeitimg." Nr. 19. Samstag, 4. September 1880. Verwandte Seelen knüpft der Augenblick Des ersten Seh'ns mit diamant'nen Banden. Shakesp eare. Der Herr Daroii. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Dann wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als ihre Vorlegung bei»: Gericht zu beantragen, sagte der Advokat, ohne eine Miene zu verziehen, nur seine klugen Augen blitzten hinter den Brillengläsern etwas triumphirend über das Paar hinweg. Baron Bloomhaus-Rosenberg will eben jedes häßliche öffentliche Aufsehen vermeiden fuhr Nasinsky fort. Er wird sich vollkommen begnügen, wenn ich ihm die Abschriften dieser Papiers vorlege und ihm zu gleicher Zeit auf meine Amtsehre versichere, daß ich alles in bester Ordnung gefunden habe und daß an diesen Dokumenten nicht im mindesten zu mäkeln ist. Das Antlitz der Baronin hellte sich plötzlich auf, ein heimlicher Freudenstrahl zuckte aus ihren dunklen Augen zu Iwan hinüber, der dennoch der scharfen Beobachtungsgabe des Advokaten nicht entging. Die schöne Frau war wie verwandelt, mit dem alten bezaubernden Lächeln, das ihr so leicht zur Verfügung stand, sagte sie lebhaft: Das ist etwas Anderes, mein Herr. Dann kopiren Sie nur, wenn Sie sich einmal dieser Mühe unterziehen müssen. Meinst Du das nicht auch? wandte sie sich zu ihrem Kammerdiener, der sich mehr in der Gewalt hatte und ohne eine Miene zu verziehen ruhig antwortete: Wie es dem Herrn beliebt. Nasmsky holte seine Brieftasche hervor, bat noch um Feder und Tinte — die Baronin holte selbst das Gewünschte herbei UM stellte mit gewinnender Anmuth das elegante Schreibzeug vor den Advokaten hin, der sich sogleich an seine Aufgabe machte, mit großer Gewandtheit, aber auch mit großer Sorgfalt die Zeugnisse abschrieb und sich dabei trotzdem die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die Züge der Beiden heimlich zu beobachten. Die Wittwe verrieth unkennbar, daß ihr ein Druck von der Brust genommen war, während Iwan ihr verstohlen Blicke zuwarf, sich doch mehr zu beherrschen. Der Advokat hatte ziemlich rasch seine Aufgabe vollendet und die Brieftasche wieder zu sich steckend, sagte er sich höflich verbeugend: Ach danke Ihnen, Frau Baronin für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen, das mir meinen äußerst peinlichen Auftrag sehr erleichtert hat. Ich freue mich selbst, daß ich Alles in schönster Ordnung gefunden habe, und ich werde dafür sorgen, daß Ihnen nun auch alle häßlichen Weiterungen erspart bleiben. Der Baron Bloomhaus-Rosenberg hat die Sache ganz und gar in meine Hände gelegt und verläßt sich auf meine Unbestechlichkeit. Sie haben mir selbst eine harte Probe davon geliefert, entgegnete die Baronin Und sie schenkte dem Advokaten noch ein anmuthiqes Lächeln. Ich mußte meine Pflicht erfüllen; aber es gereicht mir dennoch zum ganz besonderen Vergnügen, daß ich nun nicht nöthig habe, Ihnen, Frau Baronin, als feindlicher Anwalt gegenüberzutreten, und die sonst so kalten, geschäftsmäßig dreinblickenden ^ Augen des Advokaten ruhten jetzt voll aufrichtiger Bewunderung auf der schönen Frau. Fühlte sich die Baronin doch davon geschmeichelt, oder wollte sie sich nur den Anschein geben, daß Sie es sei? Sie bückte sich um zu erröthen, und schlug wie ein junges ^ Mädchen, beschämt die langen seidenen Wimpern nieder. p Rasinsky empfahl sich, und als er von Bloomhaus schon einige Schritte entfernt i war, glaubte er noch einen übermüthigen, lustigen Chanson zu hören, der aus den offenen - Fenstern des Schlosses drang und gewiß von den Lippen der Baronin kam. Unwill- ? kürlich zuckte ein boshaftes Lächeln um den Mund des Advokaten. — — Am anderen Morgen fand sich der Graf bei Rasinsky ein, um sich bereits Be- ! scheid über den Erfolg von dessen Sendung zu holen. Mit großer Achtsamkeit hörte er auf den Bericht des Advokaten und nur zuweilen murmelte er ein zustimmendes: Vortrefflich! denn er mußte gestehen, daß der Anwalt das Vertrauen zu seinem Scharfsinn und seiner Klugheit vollkommen gerechtfertigt hatte. Als nun Rasinsky die Abschriften vorlegte und auf das Datum der beiden Zeugnisse ausdrücklich aufmerksam machte, rief der Graf lebhaft aus: Hier ist also ein dunkler Punkt, und die Sache wird mir immer verdächtiger, denn die schöne Wittwe hat uns stets in dem Glauben gelassen, als wenn sie schon seit mehreren Jahren mit Bloomhaus verheirathet gewesen sei. > Ich bin auch fest davon überzeugt, daß nicht Alles in Ordnung ist, meinte der ^ Advokat. Das ganze Auftreten der Baronin war zu verdächtigend. i- Halten Sie die Atteste wirklich für echt? k Rasinsky zuckte mit den Achseln. Wie ich Ihnen schon sagte, durfte ich die Papiere nicht berühren, sie machten freilich auf mich den Eindruck der Echtheit, aber einer ge- 8 schickten Hand gelingt ja die Fälschung ganz anderer Dokumente. , Sie sind falsch und wir haben es mit Betrügern zu thun, das ist nunmehr gar ! keine Frage! rief der Graf. Aber wie darüber sich Gewißheit schaffen? ' Ich habe zu diesem Behufe die Zeugnisse kopirt und mich bereits an die darin an- i geführten Behörden um sofortige genaue Auskunft gewandt. Da ist alles entschieden. Hier sind schon die Briefe, die eben zur Post gehen sollten. Daß ich in meiner Hast nicht daran gedacht habe? rief Vrückenburg und klopfte sich mit den langen Fingern seiner Rechten vorwurfsvoll an die Stirn. Sie haben Recht, j dann muß der Betrug an den Tag kommen. ! Die Leute in Bloomhaus haben keinen sicheren Boden unter den Füßen, das ist ! mir durch meinen gestrigen Besuch zur vollen Ueberzeugung geworden. Ich sehe schon, daß ich die Sache mftnes Freundes in die besten Hände gelegt habe, entgeguete der Graf mit freudiger Anerkennung. Und selbst, wenn die Atteste sich als echt erweisen sollten, liegt hier noch immer ein Verbrechen vor; diesen Gedanken werde ich nicht mehr los. — Drei Monate nach der in Paris stattgefundenen Hochzeit stirbt der Baron zu Neapel in einem Irrenhause. Dieser plötzliche Ausbruch des Wahnsinns scheint mir sehr verdächtig. Kann nicht die saubere Baronin mit Hilfe ihres treuen Iwan, durch List öder Gewalt ihren Gatten in ein Irrenhaus gebracht haben? Also schreiben Sie noch heut an die betreffenden Behörden und bitten Sie um ausführliche ^ Auskunft. Besonders wann und wie der Baron in das Irrenhaus geschafft worden, darüber müssen wir die genauesten Nachrichten erhalten. ! Der Advokat versprach sein Möglichstes zu thun und Brütkenburg gewahrte wohl, > daß der ehrgeizige junge Mann für diese höchst seltsame Angelegenheit das lebhafteste Interesse an den Tag legte. Rasinsky wartete vielleicht mit größerer Ungeduld auf die Auskunft der befragten Behörden, wie der Graf, denn sein Advokaten-Ehrgeiz war einmal aufgestachelt, und er sagte sich, daß er mit Einleitung eines solchen Betrugs-Prozeffes nicht nur viel Geld, sondern auch viel Ruhm ernten müsse. Dann konnte man seinem-' ' 147 ungewöhnlichen Scharfsinn die volle Anerkennung nicht länger versagen. Von Paris traf rasch die Nachricht ein, — die Echtheit des Trauzeugnisses wurde bestätigt. Für den ehrgeizigen Advokaten war dies anfangs ein harter Schlag. Nun schien die Sachs des Baron Rosenberg verloren. Rasinsky versank in tiefes Grübeln, als er die Auskunft erhalten hatte. An der stattgefundenen Trauung des Barons Bloomhaus mit Fräulein Combelaine war also nicht mehr zu zweifeln! aber konnte hier nicht dennoch ein Betrug stattgefunden haben! Wie, wenn ein Anderer die Rolle des Barons, der vielleicht damals schon geisteskrank gewesen — gespielt hätte? — Dieser Gedanke blitzte plötzlich durch den Kopf des Advokaten und je mehr er über den plötzlich in ihm aufgestiegenen Verdacht nachsann, je mehr schien er an Stärke Zu gewinnen. Der Betrug war kühn, aber nicht unmöglich. Iwan hatte seinen Herrn auf allen Reisen begleitet, ihm war es leicht gewesen, den Baron weiter zu spielen, nachdem Bloomhaus plötzlich geisteskrank und in einem Irrenhause untergebracht worden. Wie er die Baronin und ihren Kammerdiener beurtheilte, erschien ihm die Sache nicht ganz so unwahrscheinlich und der Graf, dem er seine Gedanken anvertraute, stimmte ihm sogleich lebhaft zu. > Mit Ungeduld wartete man auf eine Antwort aus Neapel; sie kam noch immer nicht und der Graf, den diese lange Zögerung verdroß, wandte sich nunmehr selbst an den russischen Gesandten, um in dieser Angelegenheit zu vermitteln und eine rasche Nachricht zu erzwingen; aber auch jetzt vergingen viele Wochen und ein Bescheid traf nicht ein. V. Durch die Bekenntnisse des Todtengräbers hatte Enrichetta wenigstens so viel erreicht, daß die französischen Behörden eine genaue Untersuchung des merkwürdigen Falles einleiteten und die Angaben des Mannes sollten sich völlig bestätigen. Jetzt erst wurde die Leiche der Fürstin ausgegraben und die herbeigezogene Italienerin bekundete mit großer Zuversicht, daß dies wirklich der Körper der unglücklichen Frau sei. Sie erkannte ihre Herrin an dem blonden, kostbaren Haar und zum Ueberfluß wurde nun erst der Trauring an ihrem Finger näher in Augenschein genommen, der vollends den letzten Zweifel beseitigte. Man hatte bei der damaligen Sektion auf diese Dinge gar nicht geachtet, weil ja das Grab ganz genau als das der Baronin Bloomhaus bezeichnet worden. Nach einer sorgfältigen und mühsamen Untersuchung gaben die Sachverständigen ihr Guthaben dahin ab, daß wirklich noch einige Spuren eines höchst gefährlichen und furchtbaren Giftes in dem Körper der Fürstin zu finden seien. Eine Verhaftung des Barons wurde nunmehr verfügt, aber der Mann befand sich nicht mehr in dem Bereich französischer Gerichte und ein hinter ihm erlassener Steckbrief hatte nicht den mindesten Erfolg, um so weniger, als die Behörden jenes Landes nicht gerade den höchsten Eifer entwickelten, des fremden Verbrechers habhaft zu werden. Richt einmal die Italienerin nahm man in Haft, sie wurde unter dem Vormunde, daß man die Untersuchung gegen sie und den Baron nur zugleich einleiten könne, bald wieder entlassen. Jedenfalls wollte man sich nicht ohne die dringendste Veranlassung eine langwierige und beschwerliche Arbeit aufbürden. Desto eifriger verfolgte nun Enrichetta ihr Ziel und ihre Rachepläne. Der französische Steckbrief bot ihr wenigstens eine Handhabe, um die Flüchtlinge leichter zu entdecken. Auf Grund desselben mußte ihr jede Behörde mindestens über das Ehepaar bereitwillige Auskunft ertheilen. Wirklich gelang es ihr dadurch die Spur der Neuvermählten zu finden; aber Enrichetta mochte sich noch so hartnäckig an die Versen dieser von ihr tödtlich gehaßten Menschen heften, sie kam immer wieder zu spät und mußte ,dann zu ihrer bitteren Enttäuschung hören, daß Baron Bloomhaus bereits vor Wochen, oft auch mw vor wenigen Tagen abgereist sei. iß — 143 — So hatte die Italienerin beinahe durch ganz Deutschland ihren Feind verfolgt. Endlich durfte sie hoffen ihn zu treffen. Er hatte sich mit seiner Gemahlin kurze Zeit in Wien aufgehalten und sie erfuhr mit Sicherheit, daß er nach Berlin abgereist sei. Jetzt lag zwischen ihnen nur noch ein Zeitraum von vierundzwanzig Stunden. — Wie Enrichetta den Baron und seine Gattin kannte, durste sie sicher darauf rechnen, daß sich das Paar längere Zeit in Berlin aust halten werde, um die Vergnügungen und Genüsse auch dieser großen Stadt kennen zu lernen. Das lebenslustige Paar hatte vorwiegend in großen Städten geweilt und durch den verschwenderischen Glanz mit dem es auftrat, überall Aufsehen erregt. In fieberhafter Aufregung reiste Enrichetta nach Berlin. Endlich winkte ihr das Ziel — durfte sie hoffen, daß ihr rachsüchtiges Herz Befriedigung fand. Kaum in der preußischen Hauptstadt angekommmen, wendete sich Enrichetta auf Grund des Steckbriefes an das Polizeiamt, um rasch das Hotel zu erfahren, in dem Baron Bloomhaus abgestiegen sei. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr die Auskunft, daß gestern nur eine verwittwete Baronin Bloomhaus im Hotel de Rome abgestiegen sei, von einem Baron gleichen Namens war der Polizeibehörde nichts bekannt. Hatte das Paar bereits Kenntniß davon erhalten, daß es so hartnäckig verfolgt wurde und wollte es sich durch diese List vor jeder Entdeckung sichern? — Oder war der Elende wirklich plötzlich verstorben und so ihren Rachegelüsten für immer entgangen? — Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie eilte sogleich in das Hotel de Rome. Durch ihren Aufenthalt in Deutschland hatte sie bereits so viel deutsch gelernt, daß sie sich wenigstens in dieser Sprache nothdürftig verständlich machen konnte. Der Portier gab ihr bereitwilligst Auskunft. Eine Baronin Bloomhaus war gestern im Hotel angekommen, aber bereits vor einer Stunde abgereist. Enrichetta knirschte heimlich mit den Zähnen. Sollte sie denn niemals ihr Ziel erreichen! — Sie wollte sich nach der Persönlichkeit der Baronin erkundigen, um völlig sicher zu sein, daß sie die Richtige verfolge; aber der Portier konnte damit nicht dienen. In dem großen Hotel flogen zu viel Fremde aus und ein, die Baronin hatte sich zu kurze Zeit aufgehalten. Sie wurde von dem Manne an den Zimmerkellner gewiesen, der gestern die Bedienung dieser Fremden gehabt hatte. Der vielbeschäftigte junge Mensche vermochte der Italienerin nur kurze Zeit Rede zu stehen, dennoch entnahm sie aus seinen flüchtigen Schilderungen, daß sie die rechte Spur noch nicht verloren und sich die Gattin des verhaßten Mannes hier aufgehalten habe. Aber wo war der Baron selbst geblieben? — Hatte ihn wirklich ein plötzlicher Tod erreicht, oder war das alles nur Komödie um sich fortan vor jeder Entdeckung zu sichern. Wohin war jetzt diese Frau geflüchtet? Nach Hause — hatte sie als Ziel ihrer Reise angegeben. Wollte sie sich in Paris über den unerwarteten Verlust ihres Gatten trösten? Aber der Kellner erinnerte sich, daß die Baronin sich erkundigt habe, wann der nächste Kurierzug nach Ostpreußen gehe und daß die gnädige Frau auch wirklich um diese Zeit abgereist sei. Wissen Sie nicht, wohin sie wollte? fragte die Italienerin hartnäckig. Dein Kellner brannte zwar der Boden unter den Füßen, er hatte noch so viel zu besorgen, aber das gute Trinkgeld, das ihm Enrichetta gegeben, legte ihm noch einige Rücksichten auf. Nach Rußland, entgegnete er rasch. Sie ist gleich nach ihrer Ankunft zum russischen Gesandten gefahren, um sich ihren Paß vifiren zu lassen. Die Italienerin wollte freilich noch sehr vieles wissen, leider konnte der Kellner beim ersten Willen ihren Fragen nicht länger Stand halten, denn von zwei Zimmern zugleich wurde er herbeitelegraphirt und mit einem letzten tiefen Bückling verschwand er, um die Treppe hinauszufliegen und durch größere Eile das Versäumte nachholen. Ohne Besinnen suchte Enrichetta das russische Gesandtschaftshotel auf, das leicht — 149 — erfragt war. Auch hier fiel der Bescheid sehr kurz und ungenügend aus. Die verwitwete Frau Baronin Bloomhaus wolle auf ihre kurländischen Besitzungen zurückkehren. Weitere Auskunft wollte oder konnte man nicht geben, die Anfragen der Italienerin waren ohnehin mit etwas Mißtrauen aufgenommen worden. Das von ihr vorgelegte Zeitungsblatt mit dem Steckbrief der französischen Behörde, übte hier keine Wirkung. Die Baronin sei Wittwe, werde also gar nicht davon betroffen und es bliebe noch dazu sehr zweifelhaft, ob der steckbrieflich verfolgte mit dem jetzt verstorbenen Baron Bloomhaus identisch sei, meinte der sie sehr kurz abfertigende Beamte. Also nach Kurland! — dachte Enrichetta; fest entschlossen, der Baronin auch dahin zu folgen, denn der eine Gedanke füllte allein ihre Seele aus, sich an dem verhaßten Manne zu rächen und sollte er wirklich der Vergeltung durch einen plötzlichen Tod entgangen sein, dann wollte sie wenigstens noch seine Wittwe zu treffen und zu ängstigen suchen. Ohne weiteres Besinnen machte sich die Italienerin auf den Weg. Wohl hatte die lange Reise in dem für sie schon recht nordischen Klima ihre Beschwerden, doch der lebhafte Wunsch, das Dunkel zu lüften, das jetzt über der Angelegenheit schwebte, hielte sie anfangs aufrecht. Trotzdem hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Es war noch in den letzten Tagen des März und es herrschte noch dazu ein ungewöhnlich kaltes unfreundliches Wetter. Schon in Königsberg fühlte sich Enrichetta sehr unwohl, sie fuhr dennoch weiter, aber als sie endlich Meine! erreicht hatte, brach sie völlig zusammen. Sie verfiel in eine schwere Krankheit und schwebte lange Zeit in Lebensgefahr. Wochenlang war sie an's Bett gefesselt und mehrere Monate vergingen, eh' sie die russische Grenze überschreiten konnte. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. (Schluß.) Für Erhaltung und Benützung dieser Quellen, dann zum Behufe des innern und äußern Gebrauches durch Trinken und Baden sind die geeignetsten Anstalten getroffen; es sind entsprechende Bauten vorhanden und ist für Aufsicht und Leitung der Sache in allweg bestens Sorge getragen. Auch sind etwa fünfzig Aerzte (zur Curzeit) anwesend, um mit Rath und That den Kranken beizustehen. Ueber die Wirkungen der Gewässer erlaubt sich Berichterstatter kein Urtheil zu fällen; seine eigene Meinung hat er jüngst in einigen lateinischen Reimen ausgesprochen und da u. A. gesagt; „'korrnulti istkie babitavt Lalutomquo sixostlllsmt, Nulti sauati reckeuvt, H.st multi nil eWeiuut.« Oder kurzweg deutsch: So Mancher zieht gesund nach Haus, Bei Manchen! bleibt die Wirkung aus. Die zur Zeit zum Trinken am meisten benützten Quellen sind die Mühlbrunn- und Felsenquelle und der Sprudel. ' Außer und nebst den Anstalten bezeichneter Art besteht in Karlsbad von Seite deS österreichischen Militär-Aerars ein großartiges Militär-Bad eh aus; der hochsel. Primas und Erzbischof Pyrker, der hochgefeierte Dichter, stiftete ein Spital für kranke österreichische Offiziere und von Seite der Stadt bestehen verschiedene Anstalten für Kranke» v. Deutscher Charakter? Karlsbad ist z. Z. für sich eine deutsche Stadt, deutsch in Sprache, Kirche, Schule, Amt und Gericht. Vielfach aber sind Czechen in Dienst und Arbeit in Karlsbad; Einrichtungen) Zu Schutz und Nutzen der Fremden hat man im Karlsbad alle wie nur erwünschte Einrichtungen im polizeilichen, administrativen und socialen Gebiete getroffen. An Aufsehern und Dienern fehlt es nicht. Gebäude, Brücken, Straßen, Wege und Stege , sind in der Stadt und um dieselbe vortrefflich hergestellt und mit den nöthigen Zeichen I und Inschriften versehen. Es gibt fast die ganze Stadt Karlsbad, namentlich auf der sog. alten und neuen Wiese während der Sommerzeit das Bild eines ständigen, vielbesuchten Volksfestes oder Jahrmarktes, freilich ohne lärmende Belustigungen. ! Das Frühstück. ^ Der Curgast begibt sich früh morgens an seine Quelle, um da die betr. Anzahl s von Bechern zu leeren, sodann die ihm empfohlene Bewegung zu machen. Darnach ! kommt die „Frühstückzeit", eine sehr wichtige Zeit für die meisten Badegäste, welche § sich zu diesem Behufe in die renommirtesten Cafs-Etabliffements begeben. i Wünscht man nun, wie es bei uns Sitte ist, mehr Cafs und weniger Milchrahm, i so sagt man „Cafs recht", im entgegengesetzten Falle „Cafs verkehrt." Im Allgemeinen ist ! der Cafs gut und das Weißbrod, welches sich die Leute meistens selbst kaufen, fein. s Wählt man sich aber noch feineres Gebäcke, so mag dies leicht 12 kr. kosten, der Cafs selbst l kostet 25 kr., Summa 37 kr. österr. Für Mittags- und Abendessen wendet man sich meistens an Hotels oder Restaurationen, woselbst Speisekarten mit ausreichendem In- ? halte zur Auswahl nach festen Preisen vorliegen. l 6 . ' Gebäude. ! Wir nennen hier vor Allem die schöne kathol. Pfarrkirche, Kreuzherren-Ordens, das prachtvolle neue Curhaus, die beiden großen und herrlichen Colonnaden zum Mühl- brunn und Sprudel, dann das „Neubad"-Gebäude, das Militärbadehaus, das k. k. Post- i amt und das Bürgerschulgebände rc. — Gasthöfe, Restaurationen, Geschäfts-, Kauf- ! und Handelshäuser haben herrliche Gebäude hergestellt. Geschichtliches. Die „Geschichte vom Karlsbad" ist weder reich an Jahren, noch an bedeutenden Ereignissen und sind daher auch die Specialwerke über Karlsbad in diesem Gebiete hübsch kurz beisammen. Man nimmt an, das dermalige Sprudelbad sei bereits im zwölften Jahrhundert bekannt gewesen. Der dabei stehende czechische Ort hieß „IV — Warmbad und der Fluß dabei „Nspla" — warmer Fluß. — Schon König Johann von Böhmen hat diesem Orte Warmbad besondere Gunst zugewendet, so namentlich im Jahre 1325; ganz besonders aber nahm sich sein Sohn, der nachmalige Kaiser Karl IV. um denselben' an, besuchte ihn oft und erbaute sich da ein Schloß an der Stelle, wo jetzt der Stadtthurm steht. Allerdings hat das Schicksal dieser Stadt, welche nun Karl IV. zu Ehren den Namen „Karls-Bad" trägt, gar mancherlei Variationen in Kriegsund Friedenszeiten durchgemacht; indeß waren die Landesherren derselben stets besonders wohlgewogen, so u. A.: im Jahre 1401 König Wenzel, „ „ 1449 König Wladislaus, „ „ 1708 Kaiser Josef I „ „ 1732 Carl VI., „ „ 1804 Franz II. uud , - » 1856 Franz Josef I. Daß hier, i,st Jahrs. 1819 der berühmte „Karlsbader-Kongreß" abgehalM wördm ist, nach dessen Beschlüsse in Deutschland die Zügel der polizeilichen Gewalt, namentlich in gewissen Richtungen, stramm angezogen worden sind, ist bekannt. Für die innere Geschichte der Stadt haben noch folgende Jahrzahlen besonderes Interesse: Schon bevor die jetzige Pfarrkirche der hl. Naria, LloZäul. erbaut wurde, bestand da eine alte kleine Magdalena-Kirche und es kommt solche i. I. 1485 urkundlich vor. Die jetzige schöne Pfarrkirche mit einer Kuppel und zwei hübschen Thürmen ist i. I. 1763 zumeist aus Mitteln des Kreuzherren-Ordens erbaut worden; die Kaiserin M. Theresia leistete indeß dazu einen Beitrag. Das damalige Pfarr - Dekanatshaus ist i. I. 1756 erbaut worden. In den Tagen des Aufkommens neuer religiösen Lehren in Deutschland betheiligte sich auch Karlsbad an diesen Bewegungen und hielt sich 74 Jahre an dieselben, bis Kaiser Ferdinand II. i. I. 1624 die katholische Religion wieder herstellte und deren Gegner vertrieb. — Einer Schule von Karlsbad wird i. I. 1569 zum ersten Male gedacht. — Das alte baufällig gewordene Schloß Karl IV. schenkte Kaiser Max 1567 der Stadt Karlsbad, welche solches abtrug und an dessen Stelle 1608 den dermaligen hübschen Stadtthurm erbaute. (In neuester Zeit tauchte die Idee auf, an eben dieser Stelle ein würdiges Rathhaus für Karlsbad zu erbauen). — Im Jahre 1787 wurde das Stadttheater in Karlsbad erbaut; i. I 1874 die herrliche Mühlbrunn-Colonnade; i. I. 1879 ist der wirklich noble Wassertempel, Sprudel-Colonnade genannt, fast ganz aus Eisen gebaut worden. Im Innern desselben ist über die Ausführung des Baues, welchen Wiener Architekten geleitet haben, eine Gedenktafel angebracht und unter derselben nachfolgender Spruch von Goethe, der sich oft und gerne in Karlsbad aufgehalten hat, beigesetzt: ^Jhr Alle fühlt geheimes Wirken Der ewig waltenden Natur Und aus den untersten Bezirken Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur." Das neue herrliche Curhaus, dann das eben Ende Juli 1880 eröffnete „Neubad" sind stattliche Gebäude und treffliche Curanstalten. s. Der Handel. Der Handel im Karlsbad ist bedeutend. Derselbe befaßt sich nicht nur mit Lieferung und Verschleiß der für so viele und vielerlei Leute nöthigen Lebensbedürfnisse, sondern auch mit Luxusartikeln gar manigfacher Art. Wien und Paris importiren namentlich solche Gegenstände in Fülle. Karlsbad selbst producirt eine Masse von Specialartikeln und macht damit sehr bedeutende Geschäfte, so u. A. mit Mineralwasser, Sprudelsalz, Sprudelseife, Versteinerungen, Dosen u. dgl. — Die ganze Umgebung liefert ihre Rosen nach Karlsbad und da werden täglich Tausende von Rosen, Hunderte von Bouquets gekauft und verschenkt. — Weithin liefert die Umgegend die Milch nach Karlsbad. Haus-Anschriften. In K.-B. findet man das Eigene, daß die meisten Privathäuser selbst- gewählte Namen als Firmen tragen, meistens hergenommen von hohen oder berühmten Personen, Städten oder Ländern, welche aber zu denselben und den betr. Hausleuten meistens in keiner Beziehung stehen. Wir lassen ouriositatis oausn etliche solcher Namen von Privathäusern folgen: „Rother Adler." Hier wohnte in d. I. 1711, 12 und 13 Peter der Er. v. Rußland — „Drei Mohren." Hier wohnte Goethe 1795 rc. „Weißer Löwe." Hier wurden die Karlsbader Beschlüsse unterzeichnet. — In welchem Hause „Philippine Weiser" als Curgast gewohnt hat, ist nicht genau. anzugeben; daß sie sich aber zur Cur dort aufgehalten, wird als sichere Thatsache lewi. —- Im Hause zur „schönen Königin" wohnte i. I. 1880 Hr. Cardinal Erzbischos H a z - Nald von Kolocsa in Ungarn. — — Andere solche Firmen lauten; — 1S2 — Kaiser von Oesterreich, Deutscher Kaiser, König von Preußen, Dänemark, Sachsen, Schweden, Fürst von Reuß-Greiz, Ausstralien, Afrika, zum Holländer, zum Amerikaner, Morgengruß, Auferstehung, Rom, Moskau, Paris, Petersburg, Glücksburg, Wien, Berlin, Gotha. Dann auch: Zum österr. Wappen, zur Königs-Villa, Schiller, zum römischen Feldherrn, zum Triumphbogen, Shakespeare, Milton, drei Lilien, drei Lerchen, drei Kronen, Weißes und rothes Herz, weißer und blauer Stern rc. Bayern ist da nicht sehr reichlich bedacht worden. Wir lasen nur folgende Anschriften: König von Bayern, Bavaria, bayer. Hof, Regensburg, Erlangen, (München und Augsburg vermißten wir). Die Gasthäuser sind Hotels, Cafe-, Restaurations-, Speise- und Bierhäuser ganz nach der Scala großer Städte. v. Unterhaltungen. Nicht nur für das Nothwendige und Nützliche im Gebiete der Bade-Cur, sondern auch für das Schöne und Angenehme, für Unterhaltungen und Vergnügen der Cur- gäste ist ausreichend Sorge getragen und zwar in Bezug auf das, was man sehen, hören und genießen kann. Fürs Erstere (Sehen) bietet die Natur, dann die Kunst in gar vielfacher Weise reichliche Motive. Fürs Zweite (Hören) sorgt nicht nur täglich von 6 bis 8 Uhr die treffliche Cur-Kapelle durch ihre sehr schätzbaren Produktionen in der Mühl- brunn- und Sprudel-Colonnade, sondern es werden den Curgästen auch täglich musikalische Genüsse da und dort geboten, z. B. im Freundschaftssaale, bei Pupp rc. rc. Dann sind zwei Theater vorhanden, und ist Karlsbad umgeben von einem Krauze sehr gut eingerichteter gastwirthschastlicher Etablissements, als da sind Pupp, Posthof, Freundschaftssaal, Kaiserpark, Hammer, Rudolfshöhe, Hirschensprung, Jägerhaus, Schweizerhof u. dgl. — Sehr gut erhaltene Spazierwege führen auf interessante Höhe-Punkte und Waldparthieen. Auch nach Dallwitz, Hans-Heiling, Gießhübel, Franzens- und Mariensbad, Falkenau re. werden gern Ausflüge unternommen. Für Bergparthieen stehen auch Esel zum Reiten und Fahren, zur Verfügung. Zeitungen. Das Zeitungslesen wird in Karlsbad fleißig getrieben. Es cursiren da vor Allem viele österreichische Blätter, Wiener und Präger, dann ungarische, besonders verbreitet ist die Wiener „Neue freie Presse; dann sieht man norddeutsche Zeitungen z. B. die Berliner Kreuzzeitung, Kölner Zeitungen, Karlsbader Lokalblätter und sonstige Bade- Zeitungen; die Lokal-Curliste wird natürlich am fleißigsten gemustert. Aus Bayern sieht man nur die „Augsburger Allgemeine Zeitung" in mehreren Exemplaren; im Curhaus-Lesesaale giebt es indeß eine überaus große Zahl von Zeitungen aller Arten und Sprachen. Absehend von dem gesundheitlichen Resultate einer Badecur in Karlsbad erweckt dieser Ort nebst der Erinnerung an obige Punkte sehr häufig noch Reminiscenzen an ein und andere, besonders interessant und werth gewordene Persönlichkeiten, mit denen man — namentlich am „Brunnen" in Berührung und oft in nähere Beziehungen gekommen ist, und welche einen bleibend-angenehmen Eindruck hinterlassen haben. Im Juli 1880 war es namentlich der Cardinal Erzbischof Dr. L. Haynald aus Kolocsa in Ungarn, der als schlichter Curgast die Zierde der ganzen Gesellschaft gewesen, und an dessen überaus verehrungs- und liebenswürdige Persönlichkeit sich Hunderte noch viele Jahre mit Freude erinnern werden. — Auch diese Zeilen sind zunächst Denjenigen gewidmet, mit welchen deren Verfasser im Juli l. I. an den verschiedenen Quellen Karlsbads in freund-, liche Beziehungen gekommen ist. Ihnen und allen dortigen Bekannten freundlichen Gruß aus der Ferne! A. (L- II.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischeu Instituts von vr. M. Huttter.