nterna zur „Ängslmrger Postjeitnng." Itr. 20« Mittwoch, 8. September 1880« Still blickt der Himmel mit all seinen Sternen auf das Gewühl der Menschen anf Erden herab. — So ruhig überschaut dasselbe der Mensch, der sich an Gott halt und seine Ruhe, seine Weisheit und seine Stärke vom Himmel schöpft. Jean Paul, Der Herr Daron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsei Kaum war hie Italienerin soweit hergestellt, als sie allen ärztlichen Abmahnungen zum Trotz, sogleich ihre Reise fortzusetzen suchte. Es war bereits Herbst geworden, als sie in den Ostseeprovinzen eintraf. Wohin sollte sie nun ihre Schritte richtend Zum Glück erhielt sie über die Baronin rascher Auskunft als sie erwartet hatte. Die Bloom- haus'schen Besitzungen gehörtet: zu den ansehnlichsten Kurlands und schon in Mitau konnte man ihr genau sagen, wo Schloß Bloomhaus läge und welchen Weg sie einzuschlagen habe; ja das Gerücht von der schönen geistreichen Wittwe war auch dahin gedrungen und Enrichetta hörte nur mit Bewunderung von der Baronin sprechet:. So war der plötzliche Tod des Barons also doch keine Lüge und der Elende ihren Rachegelüsten für immer entgangen? Was sollte sie nun noch in dem fremden Landes — Mochte Gregor Bloomhaus immerhin ein Verbrecher und der Mörder seiner ersten Gattin sein, die frühere Schauspielerin und jetzige Baronin wurde davon nicht betroffen, das konnte ihre Lage wenig ändern. — Oder doch? Völlig gleichgiltig durfte es ihr schwerlich sein, wem: es bekannt wurde, daß ihr verstorbener Gatte ein briefstecklich verfolgter Verbrecher sei. Jedenfalls wollte Enrichetta, nachdem sie monatelang Alles daran gesetzt hatte, sie aufzufinden, diese Frau noch einmal sehen und sprechen. Es war freilich ein langer und beschwerlicher Weg, den die Italienerin noch zurücklegen mußte, denn Bloomhaus lag mehrere Meilen weit von jeder Eisenbahn entfernt; aber Enrichetta ertrug auch diese Anstrengungen mit jener zähen Ausdauer, die sie besaß und schon immer bewiesen hatte. Nach stundenlanger Fahrt war dieses letzte Ziel erreicht. Die Italienerin ließ in der Dorfschänkc halten, um erst über die Bewohnerin von Bloom- haus die sorgfältigsten Erkundigungen einzuziehen. Den Leuten in der Schänke, die nur einen polnischen Dialekt sprachen, hätte sie sich freilich nicht verständlich machen können, zum Glück konnte der mitgebrachte Kutscher den Dolmetscher spielen. Was Enrichetta erfuhr, klang seltsam genug. Die schöne Wittwe hatte ihren ersten Gemahl sehr schnell vergessen und sich in ihren Kammerdiener verliebt, und man sprach bereits davon, daß sie ihn sogar hcirathcn werde. Das sah freilich einer französischen Schauspielerin ähnlich. — Die ganze Umgegend war über das Leben und Treiben auf Schloß Bloomhaus empört. Der Bediente spielte bereits bei: Herrn und die Baronin hatte ausdrücklich den Befehl ertheilt, das; ihm Jeder gehorchen müsse. So beruhte also dock der plötzliche Tod des Barons au: Wahrheit nur blieb dabei 154 noch so manches dunkel und räthselhaft. Die Leute in der Schänke behaupteten, der Baron sei in Italien gestorben, so hatten sie wenigstens immer gehört, das konnte aber unmöglich der Fall sein, denn in Wien hatte der Baron noch mit.seiner Gattin gelebt und in Berlin erst war die Letztere als Wittwe aufgetreten. Hatte man in der Schänke doch nicht das Nichtige erfahren, oder lag hier ein Geheimniß zu Grunde? Enrichetta grübelte nicht weiter darüber nach. Sobald sie sich von den'Strapazen der Fahrt ein wenig ausgeruht, machte sie sich auf den Weg nach Bloomhaus, das kaum tausend Schritt von der Schänke entfernt lag. Das Schloß war ein großes, nicht gerade schönes, aber immerhin äußerst stattliches Gebäude, das auf einen bedeutenden Reichthum seines Besitzers schließen ließ. Ein Gefühl des bittersten Neides beschlich die Brust der Italienerin. Das alles wäre ihr eigen gewesen, hier konnte sie jetzt als Herrin Hausen, wenn der Baron nicht treulos all' seine Versprechungen und Schwüre gebrochen hätte. Nein, nein, sie durfte die Schauspielerin nicht im ruhigen Besitz dieser glänzenden Güter lassen, sie mußte dieselbe von ihrer sicheren Höhe herunterstürzen und dafür gab es noch ein Mittel. Der Brief des russischen Grafen, den sie damals aus dem Busen ihrer Herrin gezogen hatte. — War nicht darin gesagt, der Gemahl der Fürstin erscheine sehr verdächtig, denn Baron Bloomhaus habe nie einen Bruder gehabt und der Russenhaß ihres Mannes komme dein Grafen bedenklich vor. Um all die unangenehmen Empfindungen los zu werden, die auf Enrichetta einstürmten, zog sie heftig die Klingel. Der alte Portier fragte nach ihrem Begehr und ein herbeieilender Bedienter führte sie in ein kleines, im Erdgeschoß befindliches Wartezimmer. Die Italienerin hatte nicht ihren Namen genannt und behauptet, daß sie in dringenden Geschäften die Frau Baronin zu sprechen wünsche und der Bediente glaubte diese Geschäfte bereits zu kennen, es war gewiß irgend eine vornehme Bittstellerin, die schließlich ein Almosen haben wollte und all diese Leute fertigte Iwan ab, er hatte den strengen Befehl gegeben, daß ohne seine besondere Erlaubniß Niemand zur Frau Baronin dringen dürfe. Voll Ungeduld wanderte Enrichetta in dem kleinen Gemache auf und ab. Im nächsten Augenblick sollte sie vor der Frau stehen, die ihr damals alles gestohlen, sie um ihre kühnsten Hoffnungen betrogen hatte, — denn wäre Gregor nicht von ihr bethört und geblendet worden, dann würde er gewiß nicht diesen schändlichen Verrath geübt haben. Die Thür öffnete sich, aber nicht die Baronin erschien, sondern ihr Kammerdiener; der bestürzt an der Schwelle stehen blieb und vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben völlig die Fassung verlor. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, sondern starrte die Italienerin wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt verblüfft und erschrocken an. Auch Enrichetta starrte einen Augenblick ganz erstaunt auf den Eingetretenen; aber sie gewann zuerst die Sprache wieder: Ah, Herr Baron, sind Sie noch einmal vom Tode erstanden? Dann geschehen also auch in unseren Tagen noch Wunder! rief sie höhnisch aus. Ueber das bleich gewordene Antlitz des Mannes zuckte es, seine Augen begannen unheimlich zu funkeln; er schien bereit, sich wie ein wildes Thier auf den unerwarteten Gast zu stürzen, um ihn auf der Stelle zu erwürgen; aber die Italienerin mußte seine Gedanken errathen haben, denn sie setzte rasch hinzu: Glauben Sie nicht, daß es Ihnen was nützen würde, mich aus der Welt zu schaffen. Ich habe meinen Leuten Befehl gegeben, daß sie nach mir fragen sollen wenn ich in einer halben Stunde nicht zurückkehre. — Der Andere sann einen Augenblick nach. Wohl drohte ihm von diesem rachsüchtigen Geschöpf eine große Gefahr; aber er durfte dennoch nicht wagen, es auf der Stelle mit Gewalt zu beseitigen. Das Zimmer lag zu ebener Erde, ein einziger Hilfeschrei mußte Menschen herbeiführen und wie er dieses Mädchen kannte, war es gewiß nicht so leicht zu bewältigen und er befand sich nicht einmal im Besitz einer Waffe. Hier konnte ihm nur List und Ucberredungskunst aus der Verlegenheit helfen. Was verschafft mir das Vergnügen, Dich hier zu sehen? fragte er deshalb, nachdem er sich von seiner Bestürzung etwas erholt hatte. Die heiße Sehnsucht, mit Ihnen noch einmal zu sprechen, trieb mich her, entgegnete Enrichetta. Ich Habs kein Opfer und keine Mühe und den langen Weg nicht gescheut, um das Glück zu haben, Sie noch einmal zu sehen, Herr Baron, — und die Augen der Italienerin ruhten rachefunkelnd auf dem bestürzten Antlitz des Mannes, der sich noch immer nicht zu fassen wußte. Was wünschen Sie eigentlich? stammelte ihr Gegner. Ich werde Ihnen gern entgegenkommen — seien Sie überzeugt — denn — Was ich wünsche? Ich will mich an Dir rächen, Dich vernichten,, denn Du bist in meinen Händen! rief die Italienerin, und wirklich stand sie jetzt wie eine Rachegöttin hochaufgerichtet vor ihm. Zum Glück sprach sie französisch, wenn der Portier wirklich horchte, konnte er Enrichetta nicht verstehen, denn er war des Französischen nicht mächtig. Enrichetta, sei vernünftig! Du sollst es nicht bereuen, wenn wir als Freunde scheiden. Stelle Deine Forderungen, ich werde sie erfüllen, wenn sie nicht übermäßig sind. Du hast mich getäuscht und betrogen, mein ganzes Lebensglück zerstört und ich fordere weiter nichts als Vergeltung zu üben, entgegnete die Italienerin stark und heftig. Was hättest Du davon, wenn es Dir wirklich gelänge, Deine Drohungen wahr zu machen? Du scheinst völlig zu vergessen, daß Du jetzt in Rußland bist und Du sehr leicht den Weg nach Sibirien antreten könntest. Dann hätte ich wenigstens die Genugthuung in Deiner Gesellschaft dahin zu gehen.' Der blasse, noch immer sehr hübsche Mann hatte seine Ruhe allmälig wieder gewonnen. Du dürftest Dich irren. Es wäre mir vielleicht möglich, Dich allein hinzuschicken. Denn Geld und mächtige Freunde vermögen hier viel. Wenn ich Dich als Abenteurerin verhaften und durchpeitschen lasse, kräht kein Hahn darnach. Versuchen Sie es, mein Herr, entgegnete Enrichetta uneingeschüchtert. Der Steckbrief, der hinter Baron Bloomhaus erlassen worden, ist bereits in sicheren Händen. Sis werden durch eine Brutalität Ihr Verhängniß nicht aufhalten. Noch einmal, Enrichetta, sei vernünftig, begann der Andere von Neuem. Ich konnte damals mein Versprechen nicht halten, denn mein Herz war nicht mehr frei; aber ich will Dir gern eine bedeutende Summe schenken. Du bist ja klug und hübsch, Du wirst leicht einen Mann finden, der Dir gefällt und mit dem Du glücklich lebst. Ich wollte Dich haben, Dich allein, denn Dir gehörte mein ganzes Herz und deshalb nur konntest Du mich zu allem bewegen und wie schändlich hast Du mich betrogen? Hast Du nur die weite Reise gemacht, um mir die alten Klagen zu wiederholen? fragte sie Gregor, der es versuchte, ihr wieder trotzig die Stirn zu bieten, da freundliche Reden und Schmeicheleien bei dem starrsinnigen Geschöpf nicht verfingen, Nein, um all Deine Schandthaten aufzudecken um Dich zu entlarven, denn ich bin im Besitz des verhängnißvollen Briefes, den damals die Fürstin von dem russischen Grafen erhielt und der — Weiter kam sie nicht, denn ihr zur Verzweiflung gebrachter Feind wollte sich voll wahnsinniger Wuth auf sie stürzen, um sie vielleicht mit seinen Händen zu erwürgen; aber die unruhig funkelnden Angen der Italienerin hatten trotz ihrer Aufregung, jede leiseste Bewegung des Anderen beobachtet und mit einer aalglatten Bewegung entschlüpfte sie seinen Händen. Im nächsten Moment hatte sie schon das ohnehin nicht hohe Fensterbrett erreicht und sich damit vorläufig vor dem Rasenden in Sicherheit gebracht, der ihr auch dahin folgte und sie herabzureißen suchte. Ich rufe um Hilfe! drohte sie sich an das Fensterkreuz anklammernd und nun doch durch seine grenzenlose Wuth geängstigt. .. Ihr Gegner trat rasch bis zu Thür zurück, als finde er die ruhigere Besinnung 156 wieder und wolle es nicht zum Aeußersten treiben. Plötzlich eilte er von Neuem auf die Italienerin zu und knirschte zwischen den Zähnen hervor: Den Brief oder Du kommst nicht mehr lebendig von der Stelle. Ich rufe um Hilfe! drohte sie wieder. Rufe immer, war die hohnlachende Antwort. Ich habe zugeschlossen und ehe es einer meiner Leute wagen könnte, Dich zu retten, stirbst Du unter meinen Händen, den Brief her, oder ich erwürge Dich! Enrichetta wollte eine Scheibe einschlagen und sich auf diese Weise in den Hof flüchten; aber ihr Gegner hatte sie schon vom Fenstersims heruntergerissen. Den Brief! oder — er umklammerte mit den Händen ihren Hals und ihr erster verzweifelter Hilfeschrei endete bald in einem dumpfen Gurgeln: Ich habe ihn nicht bei mir. — Den Brief! knirschte er von Neuem, ganz besinnungslos vor Wuth. Ich habe ihn in meinem Mieder, preßte sie mühsam hervor. Er riß es ihr ohne Weiteres auf und seine fieberhaft zuckende Hand hatte rasch em zusammengefaltetes Blatt Papier gefunden. Ein Blick überzeugte ihn, daß es wirklich der verhängnißvolle Brief sei. Er hatte Mühe, einen wilden Freudenschrei zu unterdrücken. Nun war viel erreicht, nun durfte er hoffen, das rachsüchtige Geschöpf völlig unschädlich zu machen. Er steckte hastig den Brief in seine Brusttasche und sich über das erhitzte Gesicht fahrend, als wolle er damit seine furchtbare Aufregung beschwichtigen, sagte er mit wildem höhnischem Lächeln: Du siehst also, daß ich nicht mit mir spaßen lasse und vor keinem Mittel zurückscheue, wenn es gilt, mich meiner Haut zu wehren und daß es für Jeden weit besser ist, sich in Güte mit mir zu einigen, dann bin ich ja um den Finger zu wickeln. Auf Enrichetta hatte der gewaltsame Angriff doch einen furchtbaren Eindruck gemacht. Der Baron sprach die Wahrheit, er gehörte zu jenen Bestien, die Alles zerreißen, was ihnen feindlich in den Weg tritt und wenn sie es zum Aeußersten trieb, war sie ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie mußte ihn jetzt zu überlisten suchen, um wenigstens noch einmal dieser Gefahr zu entrinnen. Er hatte sie ja so schändlich und niederträchtig getäuscht, sie konnte ihn: Gleiches mit Gleichem vergelten und schlimmstenfalls mit den - heiligen Schwüren Dinge versprechen, die zu halten sie ebenfalls von vornherein nicht gewillt war. Deshalb gab sich die Italienerin den Anschein, als sinne sie über etwas nach und als gehe plötzlich eine innere Wandlung mit ihr vor. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, und völlig niedergeschlagen sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme: Ich sehe schon, daß ich in Rußland bin, und daß hier ein reicher Baron mit Jedem nach Willkür verfahren kann. Du sagst nichts als die Wahrheit. Wenn Du jetzt als Leiche aus meinen Händen Hervorgingst, so schlösse ich einfach das Zimmer hinter mir ab, ließ dich in nächtlicher Weile von einem meiner Getreuen in irgend einen: Winkel einscharren, und ich brauchte nur auf alle Fragen ruhig zu antworten: sie ist nicht hier, und Niemand würde wagen, an dem Worte des gnädigen Herrn Barons zu zweifeln, selbst wenn Alle wüßten, daß es damit anders zusammenhinge. Ich fürchte, daß Sie Recht haben, sagte sie kleinlaut, während ihr jetzt triumphirendcr Gegner mit übermüthigem Lachen fortfuhr: Dein Glück, wenn Du es einsiehst. Ich habe Dich hier nicht im Mindesten zu fürchten. Ein Baron Bloomhaus hat in seiner Heimath eine ganz andere Bedeutung, als in der Fremde. Ich bin hier nächst dem Kaiser die erste.Person — und der Sprecher richtete sich stolz und selbstbewußt in die Höhe. Enrichetta senkte den Kopf und nahm eine sehr niedergeschlagene Miene an. Ich denke auch, das Beste ist, wenn wir uns versöhnen, Herr Baron? Eigentlich brauche ich das nicht, war die siegesgewisse Antwort. Ich habe Dich und Deine furchtbaren Rachepläne nicht iin Mindesten zu fürchten, — und er stieß ein 157 höhnisches Lachen aus. Aber ich war stets eine noble Natur, fuhr er, sich blühend, fort. Stelle Deine Forderungen, wenn sie nicht allzu unverschämt sind, werde ich sie erfüllen. Meine Mittel sind erschöpft; ich möchte so rasch wie möglich in meine italienische Heimath zurückkehren. Wie viel brauchst Du, fragte er lauernd. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Großmuth. Er sann einen Augenblick nach. Würdest Du mit 10,000 Francs zufrieden sein? Sie beschämen mich, antwortete die Italienerin demüthig. Du sollst sie haben, aber unter einer Bedingung. Und die wäre? fragte sie mit einer Miene, die zu verrathen schien, daß sie jetzt zu allem zu bewegen sei. Du quittirst über die Summe und fügst hinzu, daß Du sie zur Pflege Deiner leidenden Gesundheit erhalten hast. Sie würden mich dann als geisteskrank hinstellen, wenn ich dennoch gegen Sie auftreten wollte, brach es unwillkürlich von den Lippen Enrichetta's. Ein kaltes, ruhiges Lächeln spielte um den Mund ihres Gegners. Ich möchte Dir überhaupt rathen, dies zn unterlassen, entgegnete er scharf und schneidend. Ich denke auch nicht daran. Es war von mir sehr thöricht, daß ich nicht schon damals die Belohnung annahm, die Sie nur boten. Ich war in jener Stunde noch zu furchtbar aufgeregt, jetzt bin ich ruhiger geworden. Zu Deinem Glück. Mit zehntausend Francs bist Du reich genug, um noch einen hübschen Mann zu bekommen. Du sollst also das Geld auf der Stelle haben, wenn Du damit einverstanden bist. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Baron, war die Antwort. (Fortsetzung folgt.) Ei« Abenteuer Ole Wull'B. Erinnerung von I. Brock. Nun ist auch er todt, der ruhelose Paganini des Nordens, der vie Welt nach allen Richtungen der Windrose durchstreifte, ein moderner Troubadour, mit seiner Amati anstatt der Laute. Er kannte des Lebens Leid und Lust wie selten Einer und was ich hier von ihm erzählen will, wird einen Einblick in die Geschicke eines Mannes gestatten, der Alles, was er geworden, nur sich selbst verdankt. Es war in Italien. Hilflos stand der junge Violinspieler da, nachdem er vergeblich eine Gelegenheit gesucht hatte, um sein Talent an den Tag zu legen. Er mußte Unterricht in Bologna zu 1 Lire (79 Pf.) pro Stunde geben, und da er bis dahin nur zwei Stunden wöchentlich zu ertheilen hatte, war er in des Wortes eigentlichster Bedeutung dem verhungern nahe. — Der junge Mann ging durch das Florentiner Thor nach seiner dürftigen Wohnung; es war finster geworden und der Hunger quälte ihn gar sehr. Er öffnete die Schublade an dem dreibeinigen Tisch, um zu sehen, ob er dort nicht in einer Ecke ein trockenes Stück Brod finden werde; allein er vermochte keines zu entdecken; nur einige wenige Krümchen erinnerten an bessere Tage. Er sammelte sie sorgfältig und steckte sie seufzend in den Mund. Darauf nahm er seine alte Geige, setzte sich auf's Sopha und begann wunderbare wilde und barocke Töne hervorzuzaubern, in welchen er seinen ganzen Kummer ausdrückte. So pflegte er jeden Abend zu spielen und die ganze Nachbarschaft lauschte diesen eigenthümlichen Phantasien. Ja, oft versammelt.m sich die Leute unten auf der Straße, gebannt von der Zaubermacht der Tone, und sie fragten einander, wer wohl der merkwürdige Künstler sei, der so zu spielen verstehe. Aber da es Niemandem einfiel, danach zu fragen, ob der Meister auch Brod zu Hause hatte, konnte ihm die Bewunderung wenig helfen! Wie schon so oft, sättigte er sich auch diesmal nur mit Tönen seines Instruments, und nachdem er eine Weile phantasirt hatte, sank er ermattet aufs Bett und verfiel in s tiefen Schlaf. Plötzlich erwachte er: drei Männer waren in sein Zimmer getreten. „Entschuldigen Sie, mein Herr", sagte einer von ihnen, „daß wir ihren Schlaf stören, nur die äußerste Noth hat uns gezwungen, bei Ihnen einzudringen. Würden ^ Sie nicht sofort bereit sein, einige Nummern im Konzerte der Philharmonischen Akademie t zu spielen?" ' Der hungrige junge Mann, der kaum seine Gedanken zu sammeln vermochte, starrte die Fremden mit einem Ausdruck an, als wären sie Engel vom Himmel gesandt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich einige Lire zu verdienen. „Ich soll noch heute Abend in einem Konzert spielen?" brach er erstaunt aus, „wo Madame Malibran und de Bäriot . . . „Ja, das ist gerade der Knoten", fuhr der Andere eifrig fort. „Die Beiden haben sich zurückgezogen; de Böriot fühlt sich beleidigt und will nicht spielen und Madame f Malibran meldete sich krank und kann nicht singen; auf diese Weise wird das ganze Konzert ' unmöglich. Nachdem wir lange Zeit in der Stadt erfolglos hin- und hergewandert, - siel es uns ein, daß Madame Colbran-Rossini sich in der Stadt aufhält. Wir eilten zu ihr und überredeten sie, die Nummern zu singen, welche die Malibran hatte anzeigen lassen. Aber woher sollten wir einen Violinspieler nehmen? Auch da wußte Madame Rossini Rath. Sie erzählte uns, daß im Hause ihr gegenüber ein junger Mann wohne, ^ der die Violine so spiele, wie sie noch nie etwas Aehnliches gehört habe. „Wenn er nur den Muth hat, öffentlich aufzutreten", fügte sie hinzu, „so übernehme ich die Vcr- ! antwortung für den Erfolg." — Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen und ersuchen Sie, uns den großen Dienst zu erweisen, in dem heutigen Konzerte aufzutreten! Wir ^ bieten Ihnen dasselbe Honorar, das wir der Malibran und de Böriot versprochen haben, ' die Hälfte der Netto-Einnahme, und das wird sicherlich eine hübsche Summe werden. Und jetzt, mein Herr — wollen Sie auf unsere Bedingungen eingehen so bitten wir s Sie, sich zu beeilen; wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn das Konzert hat bereits begonnen." Der junge Geiger griff nach seiner Violine und folgte den Unbekannten gleichsam wie im Traume. Es waren die Direktoren der genannten Akademie. Im Teatro grande war das ganze Haus besetzt. Das Konzert hatte schon längst ^ begonnen; Signora Rossini war aufgetreten und mit stürmischem Beifall empfangen worden, weil sie eine eminente Künstlerin und zugleich eine Tochter Bolognas war. Aber auf ihre Arie sollte ein Violinsolo folgen, welches den ersten Theil des Konzertes zu schließen hatte. Da - gerade in dem Augenblicke, als das Haus vom Beifallssturms > erschüttert wurde, mit dem man Signora Rossini für ihren Gesang belohnte — kamen f die Direktoren mit dem unbekannten Geiger an, der sofort auf die Bühne geführt wurde. s Da stand er nun unfähig seine Gedanken richtig zu sammeln, ungewiß ob er wache ober träume. Das zahlreiche Publikum, der strahlende Lichtschein, die fremdartige Um-, ^ gebung betäubte ihn gänzlich. ! Allein der Künstler war gewohnt, Alles, was er fühlte, auf seine Geige zu über- ' tragen und deshalb begannen die überwältigenden Gefühle, welche in diesem Augenblick ^ auf ihn einstürmten, sich in Tönen Luft zu machen. Er bemerkte nicht, daß das Pub- si likum, statt ihn mit Wohlwollen zu empfangen, zu zischen begonnen hatte, als man die - traurige Gestalt im ärmlichen Anzüge gewahrte. Er glaubte sich in einem Feenpalasts ^ zu befinden, vor dessen Gebietern er jetzt den Schmerz, der seine Seele erfüllte, auszu- ? drücken wagte. Daher entströmte seinem Bogen ein Meer von Tönen des Schinerzes, > wie dergleichen bisher kein Instrument hatte erklingen lassen. Bald klagten die Saiten ! in Elegien des Kummers, bald gab sich der Schinerz in schneidenden Tönen kund, bald hörte man die drohende, scharfe und kalte Verzweiflung der Hilflosigkeit. ! Die Zuhörer saßen wie von einer übernatürlichen Macht bezaubert da und wagten kaum Hu athmen. Sie fühlten sich von der ängstlichen und gualvollen Stimmung er- 159 griffen, welche den Kunstgenuß zu einem wahrhaft peinigenden Gefühl verwandelt. Aber schließlich löste sich der wahnsinnige Schmerz auf und ging in stille Wehmuth über, welche die Herzen gleich einem balsamischen Thau erquickte. Der Künstler hatte kaum geendet, als ein wahrhafter Orkan von Beifallsrufen ihn unterbrach, der nicht enden wollte. Der Direktor ließ den Vorhang fallen; der Künstler wankte hinaus und sank in die Arme Derjenigen, welche herbeigeeilt waren, um ihn zu beglückwünschen. „Brod!" war das einzige Wort, das seinen blassen Lippen entströmte, und wahrend man den ermatteten Künstler in ein Nebenzimmer führte, um ihm Essen und Trinken zu geben, fuhr das Haus fort, unter dem gewaltigen Beifallsjubel der Zuhörer zu erzittern. Während des zweiten Theils des Konzertes hatte sich der Künstler soweit erholt, daß er seine Selbstbeherrschung wieder erlangte. Der ungewohnte Genuß einer guten Mahlzeit, dessen er lange hatte entbehren müssen, die Wärme, welche ihn durchströmte, seitdem er den feurigen Wein gekostet, wirkten wohlthätig und belebend auf die erschlafften Nerven. Endlich näherte sich der Schluß des Konzerts, welcher wieder aus einem Violin- Solo bestehen sollte. Die Direktoren beriethen sich in Gegenwart des Künstlers, ob man es wagen dürfe, ihn wieder auftreten zu lassen. Aber entschlossen trat er vor: „Ja, ich werde spielen, ich muß spielen!" So eilte er zum zweiten Mal auf den Schauplatz seines Triumphes. Auch jetzt verstand er nicht den unendlichen Jubel, der ihm entgegen brauste. Er ergriff den Bogen und sprach wieder zum Auditoriuni, aber diesmal mit ganz anderen Tönen, als vorhin. In lichten, lyrischen, jubelnden Tönen erzählte er aus den Erinnerungen seiner Jugend. Er zauberte den Frieden seines Heims, umweht von den frischen Luftströmungen aus dem hohen Norden, hervor. Er jubelte darüber, daß er das Ziel seines Lebens gefunden; er äußerte seine Dankbarkeit darüber, daß man sein Streben anerkannt habe. Und alles dies malte er in den unwiderstehlichsten Tönen, welche einem Bogen je entströmten. Er ahnte es, daß der Stern seiner Zukunft mit diesem Abend aufgegangen sei, und er sprach es jubelnd aus. . Zum zweiten Male mußte der Vorhang fallen, um ihn von einem Publikum zu trennen, das vor Entzücken außer sich war und wieder hörte er nichts von dein grenzenlosen Jubel. — Denn er war noch einmal bewußtlos niedergesunken, doch diesmal nicht vor Ermattung, sondern aus Freude über seinen Triumph. Ein tiefer, wohlthätiger Schlaf stellte ihn vollständig wieder her. Am nächsten Tage sprach man in Bologna von nichts Anderem als von dem wunderbaren Talent des jungen norwegischen Künstlers Ole Bull. Die Direktoren der Akademie erschienen in seiner Wohnung mit dem bedeutenden Honorar, das sie ihm versprochen hatten. Die vornehmsten Kunstkenner der Stadt boten ihm ihre Dienste an, und da er aus seiner traurigen Lage kein ^>ebl machte, wurde sofort ein neues Konzert für ihn arrangirt. ' (D. Montagsb!.) Miscelle n. (Auch eine Handschrift.) Der Theaterdirector . . l berühmt dadurch, daß er weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Nudle 6'tiot«, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, Md dann sollte sogleich gezogen und die Sache abgemacht werden. Der erwähnte Theatervirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er, als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut. Das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker V. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Züge! Das ist die Handschrift unseres Herrn Theaterdirektors." 160 (Kindermund.) Durch die deutschen Blätter läuft folgendes nette Histörchen: Paulchen hat seine Mama bei einem Besuch begleiten dürfen. Er mißbraucht die Freiheit, die man ihm im befremdeten Hause läßt, einigermaßen, indem er ungebührlich lärmt. Vergeblich sind die Vermahnungen der Mama, welche des gewohnten Nachdrucks entbehren. Endlich ist das Maß des Zulässigen überschritten, und Mama ruft streng: „Wenn du nicht gleich artig bist, Paulchen, sperre ich dich zu Hause zu den Hühnern." — „Zu den Hühnern kannst du mich sperren, Mama," entgegnete Paulchen trotzig, „aber das sage ich dir gleich, Eier lege ich nicht!" (Gut gemeint.) „Denken Sie sich" erzählt Jemand, „was mir gestern in meiner Wohnung passirt ist« Ich sitze gemüthlich am Fenster und rauche meine Cigarre, als mir auf einmal ein Brandgeruch in die Nase dringt. Ich schau mich um und was seh ich? Ein Blatt Papier, das auf einem Tischchen unter einem Vergrößerungsglase lag, hatte sich durch die Sonnenstrahlen, denen das Glas ausgesetzt war, entzündet, und sing an, lichterloh zu brennen." — „Nicht möglich," erwiederte eine junge Dame, „was für ein Unglück hätte nun da entstehen können, wenn das in der Nacht geschehen wäre?" (Aus der Schule.) Der Lehrer bemüht sich, den Begriff „böses Gewissen" aus den Kindern heraus zu entwickeln, jedoch vergeblich. „Nun," fährt er fort, „was hat ein Mensch, der nirgends Ruhe findet, der selbst des Nachts nicht schlafen kann, sondern sich auf seinem Lager hin und her wälzt?" Alkes schweigt. Endlich meldet sich ein kleines Mädchen zur Antwort. Lehrer: „Recht so, meine Kleine, antworte du!" — Mädchen: „Einen Floh!" (Vorn Schmieren.) „Ei, ei!" sprach der Schulkehrer eines kleinen Gebirgs- städtchens zu dem Knaben, der ihm ein Körbchen Würste zum Geschenk brachte, „ei, ei, mein liebes Kind, das ist ja zu viel!" — „Ja wohl," erwiderte der Knabe treuherzig, „der Vater hat das auch gesagt, aber die Mutter meinte, man könne den Tausendsassa nicht fett genug schmieren." (Die Folge des Stottern s.) Stotterer (zum Badediener); „T—T—Tauchen" Badediener: „Recht gern." (Taucht ihn unter.) — Stotterer (wieder emportauchend, mit stärkerer Stimme): „T—T—Tauchen." Badediener taucht ihn nochmals und halt ihn fast eine halbe Minute unter Wasser. Stotterer emportauchend verzweiflungsvoll, athemlos: „T—T—Tauchen hat, hat der Arzt mir — verboten." Ein junger Herr war beim Essen, als einige schöne junge Damen in's Zimmer traten. Er wurde von ihrem Anblick so bezaubert, daß er Messer und Gabel hinlegte und nicht mehr aß. Als ihn eine der Damen fragte, warum er nicht mehr esse, gab er zur Antwort: „Ja, wenn man so schöne Damen sieht, da muß einem wohl der Appetit vergehen." Ein Bauer hatte einen Hasen geschossen. Beim Nachhausegehen begegnete ihm sein Gutsherr und frug ihn: „Was will er mit dem Hasen?" — Bauer: „Ich mit dem Hasen — Herr Graf? — entschuldigen, ich — ich wollt nur den Schulmeister fragen, ob alle so lange Ohren haben, wie der da." (Hase und Häsin.) Ein Jäger beklagte sich, daß er immer nur Häsinen schieße, und sagte: „Ich möchte wohl ein Mittel kennen, um die Hasen von den Weibchen zu unterscheiden." — „Nichts ist leichter," antwortete ein Spaßvogel, „ist es ein Hase, so läuft er» ist es eine Häsin, so läuft sie." Buchstabenrebus. Nr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.