zur Mgslmrger PostMimg Nr. 21. Samstag, 11. September 1880. Die feinste Satyrs ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Ueberzeugung verbunden ist, daß er selbst Diejenigen zum Lächeln nöthigt, die er trifft. Lichtenberg. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Das Eine fordere ich noch von Dir, daß Du sofort in Deine Heimath zurückkehrst» Wenn ich von Dir innerhalb drei Wochen aus Italien einen Brief erhalte gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich Dir noch zehntausend Francs schicke; Du siehst, wie vortheil- haft es ist, mit mir in Frieden und Freundschaft zu leben. Die Augen der Italienerin funkelten, es schien, als ob die erwachte Geldgier die Nachegeftthle ihrer Brust vollends erstickt hatten. Ich darf wirklich auf diese zweiten zehntausend Francs mit Sicherheit rechnen? fragte sie hastig. In Geldsachen halte ich unverbrüchlich Wort. Was haben für mich zwanzigtausend Francs zu bedeuten? war seine hochfahrende Antwort; aber als fürchte er, daß Enrichetta nun ihre Forderung steigern könne, setzte er rasch hinzu: Glaube mir nur, Du bekommst diese Summe nicht, weil ich mich vor Dir und Deinen Anklagen fürchte, sondern weil ich Dir beweisen will, daß ich nicht undankbar bin. Also warte einige Minuten, ich hole Dir jetzt die zehntausend Francs. Er eilte rasch hinaus und schloß hinter sich ab. Enrichetta sah ihm mit wuthfunkelnden Augen nach. Der Elende! er glaubt wirklich, daß ich mich wie eine Bettlerin abfinden lasse. Oh, er ahnt es nicht, wie es in meinem Herzen kocht, ich darf es ihm nicht verrathen, wenn ich mich noch einmal aus seiner furchtbaren Gewalt befreien will. Nun, Vergeltung, Vergeltung! murmelte sie leise vor sich hin und preßte die Hände krampfhaft übereinander. Wirklich ging bald darauf die Thür und der von ihr tödtlich gehaßte Mann trat wieder ein. Ich bringe Dir die runde Summe von fünftausend Rubeln, sagte er im kühlten geschäftsmäßigem Tone; Gold könnte Dir nichts nützen, das darfst Du nicht' über die Grenze nehmen. Du magst beim Umwechseln noch so viel verlieren, so wirst Du immer noch weit mehr als zehntausend Francs erhalten; aber ich will D.einen Schaden nicht haben und war niemals ein Knauser; — er warf das Päckchen Papier- Rubel auf den Tisch. Zähle nach, es wird stimmen und das — Papier ist echt, ich garantire dafür. Enrichetta nahm das Päckchen Papiere in die Hand und ohne einen prüfenden Blick darauf zu werfen, steckte sie es in ihre Tasche. Ich weiß, daß ich Ihnen in dieser Hinsicht völlig vertrauen kann. Und nun quittire über die Summe und bescheinige zugleich, daß Du das Geld zur Pflege Deiner sehr leidenden Gesundheit erhalten hast. — 162 - Willig fügte sich die Italienerin in sein Geheiß. Sie nahm an dem kleinen Schreibtisch Platz und schrieb nieder, was ihr der Andere diktirte. Die Form der Quittung ließ noch deutlicher hindurchschimmern, daß eine Geisteskranke dies Geld erhalten habe. Sie schrieb dann unter das Papier ihren Namen und sich wieder erhebend, fragte Sie mit freundlichem Lächeln: Sind Sie nun zufrieden? Vollkommen, antwortete ihr Gegner, der aufmerksamen Blickes der Feder Enrichetta's gefolgt war, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich niederschrieb, was er ihr diktirte. Dann kann ich gehen? fragte sie von Neuem und mit einer gewissen Aengstlichkeit, die verrieth, daß sie sich möglichst bald in Sicherheit bringen wolle. Ich werde anspannen lassen und man mag Dich zur nächsten Station bringen. Ich habe ja Fuhrwerk, das auf mich wartet. Auch gut. Also lebe wohl, Enrichetta, und sobald von Dir in den nächsten drei Wochen ein Brief aus Italien eintrifft, sende ich Dir auf der Stelle noch fünftausend Rubel. Mein Ehrenwort und er reichte ihr zum Abschiede die Hand. Ich danke Ihnen, Herr Baron, Sie werden vielleicht den Brief noch eher erhalten. Um so besser, Addio! und mit einem ruhigen, freundlichen Lächeln schritt er hinaus. Enrichetta folgte ihm. Sie sah sich nicht mehr um und eilte raschen Schrittes hinweg. Erst als das Schloß wieder hinter ihr lag, athmete sie auf. VI. Advokat Rasinsky saß verdrießlich in seinem Amtszimmer, denn weder er noch der Graf hatten aus Italien Nachricht erhalten, da wurde eine Fremde gemeldet, die ihn in dringenden Geschäften zu sprechen wünsche. Es war Enrichetta, man hatte ihr gerade Rasinsky als tüchtigen und gewandten Anwalt empfohlen. Ich komme in einer sehr wichtigen Sache zu Ihnen, begann sie in gebrochenem Deutsch. Rasinsky erkannte sogleich an ihrer Aussprache die Italienerin und bat sie, sich ruhig ihrer Muttersprache zu bedienen. Enrichetta war davon sehr angenehm überrascht. Nun faßte sie schon zu dem Manne weit größeres Vertrauen. Man hat mir gesagt, daß es in Rußland schwer sei, gegen vornehme und einflußreiche Leute ein Recht zu verfolgen, aber ich hoffe doch, daß Sie mir den nöthigen Beistand leisten werden — und die Augen der Italienerin ruhten unruhig fragend auf dem jungen Anwalt, über dessen glattes Advokatengesicht ein leichtes Lächeln flog. Es sind das ganz falsche Ansichten, die unsere Feinde über Rußland verbreiten. Recht und Gesetz wird hier jetzt ebenso entschieden gehandhabt, wie im westlichen Europa. Sie werden also auch gegen einen sehr reichen und angesehenen Baron auftreten? Warum nicht? Wenn sie mich mit einem solchen Auftrag betrauen wollen? Also auch gegen Baron Vloomhaus? fragte sie hartnäckig weiter. Bei Nennung dieses Namens konnte der Advokat seine Ueberraschung nicht verbergen: er vermochte nicht augenblicklich zu antworten und die Italienerin fuhr lebhaft fort: Ah, mein Herr, erschrecken Sie schon? Durchaus nicht, entgegnete Rasinsky, der rasch seine Ruhe wieder gewonnen hatte. Aber ich muß Sie doch fragen, gegen welchen Baron Vloomhaus. Es gibt noch eine Seitenlinie, die Bloomhaus-Nosenberg. Nein, ich meine Baron Gregor Vloomhaus. .Der ist todt, mein Fräulein. Durchaus nicht, entgegnete sie. Ich bin erstaunt, daß Sie dies auch behaupten und doch habe ich erst gestern mit Baron Vloomhaus gesprochen. Unmöglich! Der Baron Gregor Vloomhaus ist schon vor mehreren Monate in Neapel gestorben. Das muß dennoch ein Irrthum sein. "Ich war ja die Kammerfrau seiner ersten — 163 —^ Gemahlin und kenne den Baron ganz genau. Wohl weiß ich, daß plötzlich das Gerücht von seinem Tode verbreitet wurde, aus welchem Grunde ist mir unbekannt, — aber sicher ist es, daß ich den Baron gestern gesehen und gesprochen habe, so sicher, wie ich jetzt vor ihnen stehe. Nein, mein Fräulein, der Irrthum ist trotzdem auf ihrer Seite. Sie meinen doch wirklich den Baron Gregor Bloomhaus? Gewiß. Ich war ja gestern in seinem Schlosse und will es Ihnen ganz genau beschreiben, um Ihnen zu beweisen, daß meine Angaben auf Wahrheit beruhen. Es ist dennoch unmöglich. Baron Gregor Bloomhaus ist todt und auf dem Schlosse lebt jetzt nur seine Wittwe. Die elende Schauspielerin Fräulein Combelaine! rief Enrichetta aus, deren Groll bei dem Gedanken an die glückliche Nebenbuhlerin erwachte. Das stimmt! bemerkte Rasinsky und schüttelte bedenklich den Kopf, wie er diese sich widersprechenden Angaben zusammenreimen solle. Sie sehen, daß ich den Baron und seine jetzige Gattin genau kenne. Hinsichtlich der Baronin haben Sie Recht, nur lebt sie, wie ich Ihnen schon sagte, seit März dieses Jahres als Wittwe in Bloomhaus. Es verbirgt sich hinter dem Allein irgend eine Schurkerei, entgegnete Enrichetta nach kurzem Sinnen und sie erzählte nun lebhaft, warum sie dem Baron so hartnäckig gefolgt sei wie sie die Nachricht seines Todes erfahren und ihn doch gestern lebend und gesund in Bloomhaus getroffen habe. Rasinsky hörte in größter Spannung zu, sein anfangs kaltes, abgeschlossenes Gesicht belebte sich immer mehr und zuletzt verrieth der junge Advokat deutlich, in welche Aufregung er durch die Mittheilungen Enrichetta's versetzt worden. Das waren so furchtbare ungeheure Enthüllungen, die weit über das hinausgingen, was Rasinsky erwartet hatte und die plötzlich über die ganze Angelegenheit ein ganz anderes düsteres Licht verbreiteten. Ah, und was die Brust des Advokaten noch heftiger erregte, sie schienen vollends seine kühnsten Vermuthungen bestätigen zu wollen. — Hier waren dunkle verworrene Fäden gesponnen, die hoffentlich endlich gelöst wurden. Glauben Sie nun, daß ich gestern wirklich den Baron Bloomhaus gesprochen habe? schloß die Italienerin ihre lange Erzählung, die Rasinsky mit keinem Worte unterbrochen hatte, während die ganze Angelegenheit sein lebhaftes Interesse erregte, mußte er zugleich über die Kaltblütigkeit dieses Mädchens staunen, das so ruhig und unbefangen seine eigene schwere Schuld bekannte. Welch' seltsame Räthsel in einer Menschcnbrust! Erst ihre Frage weckte ihn aus seinem tiefen Nachsinnen. Er strich sich über die hohe Stirn und entgegnete langsam nach einer Pause: Nein, den Baron Bloomhaus haben Sie nicht gesprochen, der ist todt, darüber herrscht kein Zweifel; aber wollen Sie so gut sein, mir die Persönlichkeit Ihres Barons näher zu beschreiben. Enrichetta that es ohne Zögern und Rasinsky rief lebhaft aus: So hat mich meine Ahnung nicht betrogen. Es war der Kammerdiener Iwan, der die Rolle des Barons gespielt hat, wenigstens ist dieser Mensch in Bloomhaus nur als Kammerdiener aufgetreten. Was soll diese Komödie wieder bedeuten? fragte die Italienerin rasch, Rasinsky mochte vorläufig nicht verrathen, mit welchen! Verdachte er sich bereits umhergetragcn, der jetzt durch die Angaben Enrichetta's bestätigt wurde; er entgegnete deshalb ausweichend: Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er dadurch jeder Verfolgung auf immer entgehen! Es bleibt immer höchst seltsam und Sie glauben, daß die russische Behörde jetzt gegen den Baron einschreiten wird? fragte die Italienerin, deren Rachedurst seit dem gestrigen Vorgänge sich noch gesteigert hatte. Jedenfalls werde ich auf eine Untersuchung antragen und die Sache mit allev Energie verfolgen. 164 Ich danke Ihnen, mein Herr, sagte Enrichetta und ihre dunkeln Augen leuchteten förmlich unheimlich. Rasinsky nahm ein Protokoll über ihre Aussage auf und fragte dann nach ihrem ferneren Wohnort. Ich bleibe in ihrer Stadt, damit Sie mich in der Nähe haben, wenn Sie mich brauchen. Der Advokat nickte zustimmend mit dem Kopfe, und geleitete dann, mit seltsamen Empfindungen, das wunderliche Mädchen bis zur Thür. Was wird der Graf zu diesen neuen Enthüllungen für Augen machen! dachte Nasinsky stolz und erfreut darüber, daß er ihm solch' wichtige Dinge mittheilen konnte und seltsam genug, wie gerufen fand sich wenige Stunden später der Graf bei ihm ein. Er war in ungeheurer Aufregnng und ließ den Anwalt nicht erst zu Worte kommen. Sie hatten Recht. Der Schwindel ist zu Tage! rief er sogleich und hielt trium- phirend mehrere Briefe in der Hand. Lesen Sie, lieber Rasinsky, — dann gestehen Sie wenigstens, daß es diesem Abenteurer nicht an Kühnheit und Verschlagenheit gefehlt hat. Sie brauchen übrigens nur den einen Brief zu studiren, setzte der Graf lebhaft hinzu und' nahm aus einem großen Handschreiben ein kleineres Papier. Es war ein Brief des Direktors der Irrenanstalt in Neapel an den russischen Gesandten und enthielt die Mittheilung, daß ein Baron Bloomhaus vor zwei Jahren von Räubern angefallen und am Kopfe so schwer verwundet worden, daß er in völlige Geistesnacht verfallen und von seinem Bruder in die gedachte Anstalt gebracht worden sei. Hier habe endlich im Februar d. I. ein sanfter Tod seinem Leiden ein Ende gemacht. Ihre sehr scharfe Vermuthung war also völlig zutreffend — sagte der Graf, nachdem Nasinsky den Brief kaum zu Ende gelesen hatte. Es ist in der That ein kühner und verwegener Streich, sagte der Advokat nachdenklich. Nun ist alles erklärt, fuhr Brückenburg mit gewohnter Lebhaftigkeit fort. Iwan hat also die Rolle seines Herrn weiter gespielt, als Baron Bloomhaus die Schauspielerin geheirathet und als er die Nachricht erhält, daß sein gnädiger Herr in Neapel endlich gestorben, läßt er seine Frau als Wittwe des Barons und rechtmäßige Erbin von Bloomhaus auftreten und tritt vorläufig wieder in seine Kammerdienerstellung zurück, bis Alles in schönster Ordnung ist. Deshalb also die glühende Schwärmerei der Baronin für ihren Iwan. — Ah, Madame, wir sind im Begriff, all' die kühnen freiherrlichen Träume grausam zu zerstören, und er streckte drohend seine langen Arme aus. Nasinsky lächelte über die ungeheure Erregung des Grafen, die er eben im Begriff war, noch zu steigern. Dieser Iwan ist nicht nur einer der verwegensten Schwindler und Abenteurer, der mir je vorgekommen, sonder auch ein Verbrecher, der vor dem Schändlichsten nicht zurückscheut, wenn er irgend ein Ziel erreichen will. Was sagen Sie, lieber Rasinsky? erzählen Sie nur! drängte sogleich der Graf. Der ehemalige Kammerdiener Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin geheirathet und als er ihr überdrüssig geworden, sie ermordet. (Fortsetzung folgt.) Aus eisernem Lande. Nach dieser Überschrift denkt der Leser vielleicht gar, ich käme schnurstracks von der Insel Ferro. Keineswegs, ich komme nur aus Eisenerz in Steiermark, von jenem eisernen Boden, wo Arndt's „Gott, der Eisen wachsen ließ", geboren sein muß, obgleich die Taufregister der alten Eisenerzer Kirche nichts davon vermelden. Dieser Eisengehalt des Bodens läßt einen nicht los, vielleicht weil man als richtiger Tourist auch eine Magnetnadel bei sich führt, und man irrt dann wochenlang in dem Zauberkreise herum, thalaus thalein, bergauf bergab, wie es mir geschehen. Der Mittelpunkt 165 der Anziehungskraft ist aber der große, berühmte Eisenberg, das unverwüstliche Kapital, von dem die Gegend lebt. Ein dritthalbtausend Fuß hoher Haufen eisernen Goldes, wie es bei den Spartanern kursirte. Man nimmt sich davon ein paar Säcke oder Waggons voll und schickt es in die Wechselstube, um es gegen Bankvaluta umzuwechseln. Eine herrliche Erfindung der Natur; ein Eisenberg, der eigentlich eine Goldgrube ist. Seit ich ihn kennen gelernt, glaube ich an die Erzählungen Sindbad's, des Seefahrers, in „Tausend und eine Nacht", von jenem Magnetberge am Ende der Welt, der alle Schiffe, welche auch nur einen eisernen Nagel im Rumpfe haben, unwiderstehlich an sich zieht und festbannt; nur ist hier die Sache umgekehrt. Ob es wohl in dieser Gegend bleichsüchtige Mädchen gibt? Jch»habe keine gesehen, und kenne doch so ziemlich sämmtliche Damen des Landstriches, von den kleinen Schulmädchen angefangen, welche mir als fremder Respektsperson täglich auf der Straße die Hand küßten und guten Tag wünschten — denn auf Höflichkeit werden die Kinderchen da herum erstaunlich dressirt — bis zu den ehrwürdigsten „Schwoagerinen" (Sennerinen) in den letzten Almhütten der Golleiten, der Ramsau und der Seeau, welche mich mit Alpenmilch labten und mit mächtigen „Büschen" von Speik und Bergkraut und „Dendron" (das „Rhodo" dabei schenken sie sich) schmückten. „I bin a Viechmadl", sagte mir eine dralle junge Wald- und Wiesen- bekanntschaft, die ich auf einer dieser Wanderungen machte; ich hatte sie um ihren Lebensberuf gefragt und sie wollte sich als Viehmagd gualifiziren. Man kommt da ziemlich leicht herum, denn es ist Alles nur ein paar Stunden Marschirens von einander entfernt; in Leoben hörte ich einmal sagen: „Drei Schuster weit", denn da dort fast in jeden: Hause ein Schuster wohnt, kann man ganz wohl diesen ehrsamen Kleingewerbs- mann als EntfernungSmaß benützen, gerade wie anderwärts seinen Lehrbuben als meteorologischen Niedcrschlag, wenn's nämlich, wie man zu sagen pflegt, „Schusterbuben regnet." Weit sind die Entfernungen nur, wenn man auf der Eisenbahn reist. Da gibt es ein System von ellenlangen Flügel- oder Zweigbahnen, die Sackgassen des Weltverkehrs, Sackschienenwege, welche sich rechts und links von den Hauptsträngen losgefasert haben. Ihr technisches Wörterbuch besteht aus zwei Wörtern, deren eines sie kennen, das andere aber nicht. „Wagenwechsel" heißt das erste, „Anschluß" das zweite. Wer z. B. von Eisenerz nach Bruck führt und, um nicht „per Achse" über den Prebühl zu müssen, die Eisenbahn benutzt, welche über Hieslau, Selzthal, St. Michael und Leoben einen ganz einzigen oiroulrm vitiosus beschreibt, der hat in jeder dieser Stationen Wagenwcchsel und halbstündigen Aufenthalt. Die Kronprinz-Rudolf-Bahn steckt mit ihrem Fahrplan, der rechts von der Südbahn, links von der Westbahn und in der Mitte von der Gisela- Bahn beeinflußt wird, in einer dreifachen Zwickmühle. Sie geht auf sechs Beinen, welche Anderen gehören. Ich sah in Selzthal eine Gesellschaft, welche von Amstettcn nach Bruck wollte und in Selzthal netto sieben Stunden auf Anschuß zu warten hatte. Sie war aber praktisch und reiste in diesen: Zwischenakte durch das romantische „Gesimse" nach Hieslau und wieder zurück, wobei sie noch Zeit genug behielt, sich in der Warte- Station zu langweilen. „Selzthal, sieben Stunden Aufenthalt!" Das klingt ermuthigend für den Touristen, aber noch lockender für den Geschäftsmann, bei dem es, umgekehrt wie bei-Jenem, „Weile mit Eile" heißt. Indeß, unsereins geht ja an solche Stätten nur, um zu bummeln. Denn nirgends bummelt es sich so in vollen Zügen, wie dort, wo Andere arbeiten. Ich begreife die allerhöchstseligen Pharaonen sehr gut, die auf ägyptischen Wandbildern dargestellt sind, wie sie dem Pyramidenbau und dergleichen schweißtreibenden Kraftproben ihrer Unterthanen zusehen. Durch den grellen Kontrast gewinnt die Mäßigkeit der Muße erst ihren wahren Feingeschmack und damit ihren Werth. Wie unmoralisch, nicht wahr? Rackert euch nur, ihr lieben Leutchen, schwitzt recht wacker, karrt, schanzt, grabt, schindet euch, — ich brauche eure Arbeit als Folie, die meinen Müßiggang heben soll. Wie sie da herumkriechen auf dem braunen eisernen Berge, mit braunem Erzstaub bedeckt, und an dem Koloß herum bohren, hämmern, sprengen von: frühel: Morgen bis zum späten Abend. Jeder nimmt sein gekochtes Essen des Morgens vom Hause mit auf den „Arzberg", ein Töpfchen Suppe und ein Töpfchen Zuspeise, in eigens für sie gebrannten Doppel- Töpfchen, welche hinten am Hosengurt hängend, den ganzen Tag am Leibe getragen werden, ohne bei der Arbeit zu stören. In früheren Zeiten, ehe man dem Erzberge mit Pulver und Dynamit zu Leibe ging, kratzten und schabten die armen Teufel mühe- selig mit ihren Stemmeisen an den ehernen Felsen herum und trugen, was sie den Tag über abgekratzt hatten, Jeder in seinem Tüchlein nach Hause. Heute liefert die Dynamit- patrone auf einen Krach einen Lastzug voll Erzes; man braucht nur die Mine zu bohren. Mit Bohrmaschinen ginge dies wohl leichter, als mit Hammer und Meißel, wie es noch jetzt geschieht. In einer Wand sah ich ncunundsiebzig solche Bohrlöcher ungeladen beisammen, welche nicht gesprengt werden; man reservirt sie für einen etwaigen Besuch, um einen Effektcoup produziren zu können, indem man dann alle neunnndsiebzig Minen zu gleicher Zeit zum Auffliegen bringt und eins ganze Loreley auf einmal in Staub verwandelt. Den Gang der Arbeit und die dadurch bedingte Szenerie gedenke ich hier nicht zu schildern, so interessant sie auch sei. Alle die Hoch- und Röstöfen mit dem endlosen Netz von Brücken und Leitungen, Aufzügen Rampen und Drahtseilbahnen, die sie verbinden und durch welche die hohen Berge rings um sich über das Thal weg die Hände reichen, lasse ich bei Seite, um nicht in's Technologische hineinzugerathen, auch eine schöne Gegend, in der ich aber meinen Urlaub niemals verbringe. Diese Art menschlicher Thätigkeit zeigt sich übrigens in ansprechenderer Weise in dem Thäte, durch das die Flügelbahn von Leoben nach Vordernberg führt. Das saftgrüne Thal, mit seinen grauen Felsenzinnen, erhält einen eigenthümlichen Charakter, denn während auf den grün- sammtenen Hügeln lichte Villen und Schlösser schimmern, stehen in den Thalgründen eins nach dem andern, die ansehnlichen Etablissements aufgereiht, in denen das Eisen gepuddclt, gewalzt, gegossen und weih der Himmel was Alles wird. In imposanter Unheimlichkeit stehen sie da, die mächtigen schwarzberußtcn Gebäudegruppen mit ihren zahllosen schwarzen Thürmen, die eigentlich nur Schornsteine sind, und mit ihren Essen, aus denen unter dichtem Qualm lange feuerrothe Zungen, selbst bei Tage sichtbar, in der Nacht aber schreckhaft schön, gen Himmel lecken. Man glaubt die feurige Höllenstadt „Dis", welche Dante beschreibt, mitten in'S Paradies hineingestellt zu sehen. Und in solcher Romantik, an der sich Natur und Meiffch in die Hände gearbeitet haben, wandelt der biedere Steirer umher in seinem grauen Loden mit grünem Vorstoß und in gcmsledernen Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen, die Kniee selbstverständlich nackt, als stammten sie direkt von Adam. Der Städter ist geneigt zu erstaunen, wenn er sieht, wie die Nationaltracht in Steiermark sich noch immer selbst bei den gebildeten Ständen geltend macht. Der Steirer, und nicht nur im Gebirge, trägt es wie etwas Angeborenes. Selbst Leute mit feiner weißer Wäsche und goldenem Zwicker gefallen sich unendlich in malerisch abgeschabten und verschundenen „Gamslcdcrnen" und mit Knieen a In Kollo owile. Wenn man über dieses Kapitel nachdenkt, wird man vielleicht mit Hilfe der modernen Wissenschaft auf den Grund dieser Erscheinungen kommen. Betrachtet man jene bloßen Kniee durch Darwin's Brille, so wird man sagen müssen: Der Stamm, der in Urzeiten diese Gebirge bewohnte, hat sich ohne Zweifel entweder durch hochgradige Galanterie, oder durch sehr geringen Schulfleiß ausgezeichnet. In jenem Falle wären durch vieles Knieen zu Füßen der Herzliebsten, in letzterem Falle aber durch Strafknieen in der Schule, möglicherweise auf harten Erbsen, die Hosenknie regelmäßig durchgestoßen worden und so wäre im Laufe der Zeit durch Vererbung nach bekannter Melodie die durchstoßene Hose, d. h. die nackten Knie bei den Steirer» konstant geworden, so daß seither jeder Steirer gleich mit nackten Knieen auf die Welt kommt, — eine Thatsache, welche schwerlich von irgend einem Naturforscher bezweifelt werden dürfte. Was aber den grauen Loden mit grünem Ausschlag und Vorstoß betrifft, so lehren uns die Zoologen, daß jedes Thier von der Natur als Vertheidigungsmittel die Farben-Anpassung an seine Umgebung mitbekommen habe. Das Hermelin sei weiß wie der Schnee, auf dem es ,paziercn gehe, und der Laubfrosch grün wie das Laub, unter dem er sich berge, ja das Chamäleon nehme gar immer die Farbe des Gegenstandes an, auf dem es sich eben befinde. Da nun das steierische Land durchweg grün und grau ist, (grau die Felsen, grün Feld und Wald), so ist es klar, daß nur durch solche Anpassung grauer Loden mit grünem Aufputz die Leibklejdung des Steirers geworden sein könne. Ich überlasse diese darwinistischen Ideen dem Professor der Zoologie an der Grazer Universität zu weiterer Begründung und Ausarbeitung. Zu der Nationaltracht des Steirers gehört selbstverständlich auch der Stutzen. Der Steirer ist geborner Gemsjäger. Die Berge voll „Gamserln" stehen ja vor seiner Thür, von seinem Fenster aus kann er die lieben Thierchen aus den Klippen ihre hohe Voltige machen sehen. Seine Weltgeschichte ist eine Chronik der großen und kleinen Jagden um Eisenerz, seine Geographie enthält nur die verschiedenen Standplätze an den Wänden der „Seemäuer", des „Kaiserschildes", des „Hochkogels" u. dgl. So entstehen die Wilderer und ihre ganze blutige Kriegsgeschichte. Denn das Jagdgesetz ist streng und manche Jagdherren üben sogar ihr eigenes Jagdrecht aus ganz nach Willkür und fühlen sich, sobald es die Jagd gilt, in voller mittelaltlicher Gcwaltherrlichkeit. Ein Fürst, der in der eisernen Gegend Jagden hat, gab vor nicht langer Zeit ein großes Treibjagen, zu dem er eine Menge Kavaliere geladen hatte. Viele Gemsen wurden dabei auf die Decke gebracht, aber auch zwei Wilderer, die den Treibern in die Hände gefallen waren und die der Fürst als sein eigener Jagdgerichtsherr zu mehrerer Unterhaltung seiner Gäste vor ihren Augen halbtodt prügeln ließ. Derselbe Fürst wußte voriges Jahr dem Schwurgerichte zu Locben in echt feudaler Weise seine gründliche Verachtung auszudrücken. Seine Jäger hatten zwei Männer betreten, welche allem Vermuthen nach darauf aus waren, mit ihren Stöcken drei Wilderern, die man unterhalb erblickt hatte, Wild zuzutreiben. Die Jäger wollten sie anhalten, sie wehrten sich und flohen zuletzt und einer der verfolgenden Jäger schlug mit seinem Bergstöcke dem Einen die Hirnschale entzwei. Die Sache kam vor's Schwurgericht, welches den Jäger schuldig sprach. Als das Verdikt gefüllt war, trat nun ein dritter fürstlicher Jäger, der nur als Zeuge vorgeladen worden, hervor und sagte: „Ich bin von Seiner Durchlaucht meinem Herrn beauftragt, in dem Falle, als unser Jäger verurtheilt werden sollte, den hohen Gerichtshof um die Zurückgabe des Bergstockes zu ersuchen, mit dem die That geschehen ist, da Seine Durchlaucht den Stock in seiner Waffensammlung als werthes Andenken aufzubewahren gedenkt." Ob das Gericht seinem Begehren willfahrte, weiß ich nicht, in der ganzen Gegend aber war die Entrüstung groß über den Affront, der dem Schwurgerichte dadurch zugefügt worden. Selbstverständlich wimmelt es in diesen Bergen und Thälern von großen und kleinen Jagdhäusern und Jagdschlössern. Der Kaiser hat in Steiermark eine Menge solcher Absteigequartiere; ein Jagdschloß steht in Neuburg, ein hübsches Jagdhaus in Mürzsteg, in Eisenerz sieht man im Orte selbst ein großes zweistöckiges Jagdhaus des Monarchen, in der nahen Nadmer (neucstens ein Lieblingsgehege Sr. Majestät) ist ein sehr ansehnliches Schlößchen im bekannten Styl, hcllrothe Ziegel und hellbraunes Holzwerk, aufgeführt worden, in der abgelegenen See-Au hinter dem Leopoldstciner See befindet sich ein kleines, einfaches Jagdhaus, in dem der Kaiser schon zu Sechsen übernachtet hat, denn in der Nähe, auf den schroffen Abstürzen der „Seemäuer" hat er seinen Stand. Sogar auf dem „Radmer-Hals" oben, auf der Paßhöhe, welche aus der Ramsau in die Radmer hinüberführt, fand ich im Walde eine große kaiserliche Blockhütte sammt Nebengebäude, ganz hinterwäldlerisch anzusehen, mit bodenfesten Tischen und Bänken einfachster Konstruktion im Freien, gerade zu waidmännischem Imbiß tauglich. Von Luxus oder gar kaiserlicher Pracht ist in allen diesen Bauten nichts wahrzunehmen; die Begriffe des Malerischen, Romantischen, welche man wohl an der Hand Walter Scott'scher und Georges Sand'scher Romane an fürstliche Jagdschlösser im Hochlande knüpft, treffen hier nicht zu. Ländliche Eleganz höchstens und ein bescheidenes Maß an Bequemlichkeit; oft noch viel weniger als das. Wenn man von Mürzsteg über den Scheiterboden geht, sieht man einmal am Wegrande zwei steinerne Stufen in's Erdreich eingefügt, als Schwelle des Pfades, der den Kaiser zu seinem Standplatze auf dem Berge führt. Solche kleine Veranstaltungen bedeuten schon Jagdluxus. Manche Kavaliere fassen dieses Wort ganz anders auf. In Johnsbach z. B., einem der wildesten Seitenthäler des „Gesäuses", wo eine Zeit lang der auch in Budapest wohlbekannte Fürst Boris Czetwertinsky eine Jagd hielt, steht ein Jagdhaus des Fürsten. Von außen der rauhen Umgebung angemessen, soll es im Innern eine Pracht geborgen haben, wie sie in solcher weltentrückter Einöde wohl selten angetroffen wird. Es sollen ganz Makart'sche Interieurs gewesen sein, voll kleiner und großer Kunstwerke, kostbarer Waffen, seltener Gewächse, Pariser Luxus-Möbel, orientalischer Teppiche, Löwen- und Eisbärenfelle u. s. f. Jetzt ist das Haus still und die Pracht ist erloschen. Johnsbach wird Achnliches kaum wieder sehen. In der Bevölkerung des Gebirges aber lassen derartige Wunder gewisse Spuren zurück, und wer weiß, ob aus diesem Keime nicht irgend einmal die Volksphantasie ein Rübezahl- oder Alpcnkönig-Märchsn machen wird, zum großen Entzücken des Germanisten, der es dann zufällig entdeckt und publizirt, ohne zu ahnen, wo die letzten Wurzeln der merkwürdigen Geschichte stecken. Er mag in diesem Falle das vorliegende Feuilleton nachschlagen. Mise - lleir. (Billige Heizung.) Der Professor Taubmann zu Wittenberg gab einem Studenten den Rath, wie er mit einem Fuder Holz den ganzen Winter auskommen könne. „Wenn Sie ein Fuder haben," sagte er, „so lassen Sie es in den Keller bringen. Wenn es Sie nun zu frieren anfängt, so tragen Sie ein Scheit nach dem andern auf den Speicher, bis Ihnen warn: ist; wenn es Sie darnach wieder friert, so tragen Sie das Holz wieder herunter in den Keller, da wird Ihnen schon wieder warm werden, und so oft Sie friert, sangen Sie immer wieder von vorne an; billiger können Sie keine Heizung haben." (Ein Neujahrswunsch.) Am Vorabend des Neujahrstages beschloß eine Lehrerin die Schule mit der Rede an ihre Schulmädchen: „So, ich wünsche Euch Glück zum neuen Jahr, und daß Ihr fleißiger und braver werdet, als im vergangenen Jahre." — „Ich danke", erwiderte eines der kleinen Mädchen ganz schüchtern, „wünsche ebenfalls." (Ein Ochs als Lederverfertiger.) An ein Stück Sohlleder, das auf einer Ausstellung von Gewerbe-Erzeugnissen in Stuttgart zu sehen war, hatte der ehrliche Gerber, von dein es herrührte, einen Zettel geheftet mit den Worten: „Dieses Leder ist von einem inländischen Ochsen verfertigt." (I m Wirthshaus e.) Der alte Stammgast Aufschläger Rumpelmeier, tritt soeben in'S Gastzimmer und ruft der Kellnerin zu: „Nani ist frisch angezapft?" — Kellnerin: „Ja frcili, Herr Aufschläger, schon lange." „Welches ist die größte Merkwürdigkeit im Räthsel der weiblichen Natur?" — wurde in einer Gesellschaft ein Jude gefragt. „Das will ich Ihnen sagen," antwortete der Jude, „daß man mitunter auch bei einer tauben Dame Gehör findet." Original-Charade. * Ein heilig Weib, zu hohem Zweck erkoren, Ward, wie die Chronik sagt, in mir geboren. Laßt ihr das erste Zeichen, Bon seiner Stelle weichen, Und setzt ein anderes dafür, So fanden Tausende den Tod in mir. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariscl-en Instituts von Dr. M. Huttler..