zur Mgslmrger Postzeitimg. Nr. 22. Mittwoch, 15. September ^1880. Wenn alle Welt den Armen läßt Und wenn kein Herz ihm bliebe, Am ew'gen Himmel stehst Dn fest, Stern heiliger Mutterliebe. Im mer^.an n. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Nicht möglich! rief Brückenburg ganz betroffen. Tischen Sie mir nicht ein Märchen stuf? Eine Fürstin sollte diesen Burschen gehcirathet haben! — Dieser Gedanke allein schien den Grafen zu beschäftigen und aus der Fassung zu bringen. Es ist eine Thatsache. Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin heimgeführt, die noch dazu ein kolossales Vermögen besessen hat. Das ist unerhört! schaltete Brückenburg ganz entrüstet ein. Er hat dann große Reisen gemacht! fuhr Nasinsky ruhig fort. Zuletzt in Paris ein ungeheuer verschwenderisches leichtsinniges Leben geführt, seine Frau völlig vernachlässigt, die schließlich Verdacht geschöpft, sie könne es wohl mit einem Abenteurer zu thun haben und, um allen unliebsamen Erörterungen aus dein Wege zu gehen, hat er einfach seine Frau vergiften lassen. Unglaublich! dieser nichtswürdige Bursche! rief der Graf mit sittlicher Entrüstung aus. Nicht genug damit! Der schlaue Patron hat einen Todtengräber bestochen und in nächtlicher Weile die Leiche seiner Gattin mit einer anderen vertauschen lassen, um vor jeder Entdeckung seines Verbrechens sicher zu sein, und als er wirklich des Giftmordes angeklagt wurde, kam er auf diese Weise noch einmal aus der Schlinge. Und Sie erzählen mir keinen Roman, lieber Rasinsky? fragte der Graf äußerst lebhaft. Ich würde mich nicht erdreisten, Ihnen solche Phantasiegebilde zu liefern, entgegnen der Advokat mit seinem ruhigen, kühlen Lächeln. Es sind einfache, nüchterne Fakta, die ich Ihnen vorgetragen habe. Und wie sind Sie zu dieser Wissenschaft gekommen? forschte Brückenburg eifrig weiter. Ein günstiger Zufall hat mir eine sehr wichtige Zeugin zugeführt, Hie an der furchtbaren Tragödie mit bctheiligt ist. Eine ehemalige Geliebte des Schurken, nicht wahr? fragte der Graf hastig. Sie haben es getroffen Herr Graf, antwortete Rasinsky, der jetzt kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Wo es sich um Frauenzimmer-Angelegenheiten handelte, da entwickelte fein Auftraggeber einen ungewöhnlichen Scharfsinn. Das war gar nicht schwer zu errathen. Ein Mädchen, das leidenschaftlich liebt, läßt sich zu jeder Schandthat mißbrauchen, spielt aber auch am ehesten die Verrätherin, sobald sie von dem Geliebten betrogen wird. Ganz unser Fall, bemerkte der Advokat, nun doch etwas überrascht, daß der Graf so genau das Richtige getroffen hatte, und er erzählte ihm, aus welche Weise er zu seiner Wissenschaft gekommen sei. Der Graf nickte zustimmend mit dem Kopfe. Er empfand einen heimlichen Triumph, daß seine Auseinandersetzung durch den Bericht Rasinsky's bestätigt wurde, und er fragte jetzt lebhaft; Was gedenken Sie nun zu thun? Ich werde die Sache sogleich bei Gericht anhängig machen und auf Verhaftung des sauberen Paares antragen. Gut, sagte Brückenburg, und ich hätte nur dabei den einen Wunsch, daß die Geschichte so geheim wie möglich betrieben würde, damit der Schlag die Leutchen um so unerwarteter träfe; denn ich fürchte, daß sie uns sonst im letzten Augenblick noch entschlüpfen. Ich werde dafür sorgen, versicherte Rasinsky und der Graf wußte, daß er sich aus den Advokaten verlassen konnte. VII. Die plötzliche Verhaftung der Baronin Vloomhaus und ihres Kammerdieners erregte in den weitesten Kreisen das ungeheuerste Aufsehen. Anfangs wollte man die Nachricht gar nicht glauben; — die schöne, geistreiche, viel umschwärmte Wittwe eine Betrügerin — das war ja unmöglich! bis endlich nähere Mittheilungen über den Grund dieser Maßregel in die Oeffentlichkeit drangen und die dunklen Gerüchte bestätigten, die in Umlauf gesetzt worden. Als die Gerichtsbeamten in Vloomhaus erschienen, um die Französin zu verhaften, spielte sie anfangs die Empörte und mit wahrhaft königlicher Haltung verbat sie sich dies freche, unerhörte Eindringen. Mit der steigenden Erkenntniß, daß sich diese Barbaren doch nicht einschüchtern ließen, änderte sie plötzlich ihr Benehmen. Sie verlegte sich auf's Bitten und beschwor unter heißen Thränen und mit wahrhaft rührender Geberde die Beamten, ihr wenigstens die Freiheit zu lassen, sie sei völlig unschuldig und als auch dieses Mittel bei den rauhen Männern nicht verfing, schlug die weiche gebrochene Stimmung wieder um und sie überschüttete die Schergen des Gerichts mit den heftigsten Vorwürfen und Anklagen und schließlich wollte sie nur der rohen Gewalt weichen. Unter wildem, verzweifeltem Geschrei wurde sie in den mitgebrachten Wagen geschleppt und in's Gefängniß abgeführt.' Ruhiger fand sich Iwan um sein Schicksal. Er suchte zwar anfangs gegen seine Verhaftung ebenfalls sehr lebhaft zu protestiren; aber als man darauf gar nicht hörte, und ihn ohne Weiteres mit Stricken band und ziemlich unsanft vorwärts stieß, schien er zu ahnen, daß vorläufig doch jeder Widerstand gegen die rohe Gewalt unnütz sei; er murmelte nur zwischen den zusammengepreßten Zähnen: Ah, diese Schlange! und indem Gedanken au diese heimtückische Italienerin ballte er unwillkürlich die Fäuste, denn er glaubte ganz bestimmt, daß dieser Schlag nur von ihr kommen müsse. Darum nahm er auch seine Verhaftung ziemlich leicht. Er hoffte doch, dem Netz noch einmal zu entschlüpfen, das ihn: jetzt über das Haupt geworfen worden. Bei ihrer ersten Vernehmung zeigte sich die Französin äußerst schwierig. Mit unerhörter Zungenfertigkeit betheuerte sie ihre Unschuld und der Untersuchungsrichter ließ ruhig diesen Nedeguß über sich ergehen. Wenn er auch leidlich französisch verstand, hatte er doch zu seiner Bequemlichkeit einen Dolmetscher herbeigezogen. Als die schöne Frau endlich mit einer theatralischen Geberde, ganz erschöpft auf die harte Bank zurücksank, ließ erst der Beamte durch den Dolmetscher die nöthigen Fragen stellen. Die Angeklagte schnellte sogleich wieder empor und vertheidigte von Neuem ihre Unschuld. Sagen sie ihr, wandte sich der Richter zu dem Dolmetscher, daß sie visrundzwanzig 171 Stunden bei Wasser und Brod eingesperrt wird, wenn sie nicht einfach und vernünftig nur die Fragen beantwortet, die ich an Sie stellen werde. Diese Drohung wirkte. Die Schauspielerin warf nur auf den alten grauen Barbaren einen vorwurfsvollen Blick; aber sie hielt fortan ihre Zunge in den gehörigen Schranken. Auch jetzt noch wußte sich die ehemalige Bühnenkünstlerin mit großem Geschick zu vertheidigen. Sie bestritt jede Wissenschaft von dem gespielten Betrüge. Sie habe in Paris einen Baron Bloomhaus gcheirathet, der auf der Reise plötzlich gestorben; sie sei deshalb die einzige und rechtmäßige Erbin ihres verschiedenen Mannes. Für die Auskunft des Jrrcnhausdirektors hatte sie nur ein verächtliches Lächeln und weil sie jetzt in ihrer Vertheidigung sich kurz fassen mußte, drängte sie dieselbe in die Worte zusammen: Das ist ein schändliches Komplott, das von meinem Vetter, dem Baron Bloomhaus und seinem saubern Freunde, dem Grafen Brückcnbura, gegen mich geschmiedet worden. Die Richter in Rußland wenden noch immer gegen störrische Gefangene ein Mittel an, das bei uns längst abgeschafft worden. Auch die Geduld des alten Beamten war bereits erschöpft und er nahm zu dieser ultimn rutio seine Zuflucht. Wenn Sie nicht ein offenes Bekenntniß ablegen, dann erhalten sie einige Stockschlüge, ließ er der Schauspielerin durch den Dolmetscher sagen und ein herbeibefohlener Kosack gab dieser Drohung den nöthigen Nachdruck. Beim Anblick des Kosacken und seiner Knute stieß die schöne Frau einen furchtbaren Schrei aus; sie erbebte an allen Gliedern und todtenbleich mit gefallenen Händen keuchte sie hervor: Um Himmelswillen! Nur das nicht! Ich will alles bekennen! Der Beamte winkte ihr nur schweigend zu und sie fuhr in großer Aufregung sortb Jedes Wort, was ich jetzt sagen werde, ist die volle Wahrheit! O ich bin namenlos unglücklich! und ein Strom folgte diesen Worten. Ein ungeduldiges Husten des Richters machte rasch wieder ihrer Verzweiflung ein Ende, und hastig ihre Thränen trocknend,, begann sie von Neuem: Als ich Iwan hcirathete, habe ich nicht die leiseste Ahnung davon gehabt, daß er nicht der rechte Baron Bloomhaus sei. Er hat mir bis lange nach unserer Verheirathung alles verschwiegen, das ist so wahr, als ein Gott im Himmel lebt! — und sie hob feierlich die Hand in die Höhe. Ich lernte Baron Bloomhaus kennen, als er noch verheirathet war; er klagte mir, wie unglücklich er mit seiner Gattin lebe, die beschränkt und überfromm ihn nicht verstehe und als seine Gattin plötzlich starb, bot er mir nach kurzer Zeit seine Hand an. Ich liebte ihn bereits tief und leidenschaftlich und wurde mit Freuden seine Gattin, ohne zu ahnen, welch' furchtbares Geschick mich dadurch erreichen würde. — Sie hielt einen Augenblick in ihrer Rede inne und fuhr mit dem Taschentuch über das heiß gewordeue Antlitz. Erst weit später, als die Nachricht von dem Tode des echten Barons eintraf, be° kannte er mir alles, fuhr die schöne blasse Frau nach einem tiefen Athemzuge fort. Unser Vermögen war völlig zusammengeschmolzen und nun entwarf er mir den kühnen Plan, daß ich als Wittwe des Barons in Bloomhaus auftreten möge. Er müsse dort freilich die Rolle des Kammerdieners wieder übernehmen, weil man ihn überall in der Hcimath wiedererkennen werde. Anfangs war ich über diese Enthüllungen entsetzt und empört, denn es war für mich ein furchtbarer Schlag, ich wollte den ehemaligen Bedienten verächtlich von mir stoßen; aber er beschwor mich auf seinen Knieei:, ihn nicht elend zu machen, ich möge ihn tödten, aber nicht verlassen und ich konnte seinen stürmischen Bitten nicht widerstehen, denn ich liebte ihn und liebe ihn noch jetzt. Sie brach von neuem in Thränen aus und selbst der alte Kriminalbcamtc hielt sie diesmal für echt. Er konnte der schönen unglücklichen Frau seine Theilnahme nicht versagen. Die ehemalige Baronin wurde in das Gefängniß zurückgeführt und nun folgte die Vernehmung ihres Gatten. (-chluß solgt.) 172 Zur Vollendung des Domes zu Kölu (Aus dem Wochenblatt für Architekten und Ingenieure ) Nuue 68t bidonäum - Der 14. August 1880 war ein Freudcntag für ganz Deutschland. Ein Ehrentag war es in der Baugeschichte unseres Vaterlandes: auf deutschein Boden steht durch deutsche Kunst und deutschen Fleiß die herrlichste gothische Kathedrale vollendet. Durch drei Jahrhunderte hindurch ist der Krähn des unvollendeten Süd-Thurmes das Wahrzeichen der Stadt Köln gewesen und in Verbindung mit der alten Sage von dösen Gewalten, die unter der Erde gegen den Felsen des Domes anarbeiten, hatte die Ueberzeugung sich eingewurzelt, daß das Bauwerk nicht vollendet werden könne. „Eher glaube ich, daß der Dom fertig wird", so lautete bei ganz^ unglaublichen Dingen noch der Ausspruch unserer Großvater, und auch in hochgebildeten Kreisen ward der Fortbau des Domes als eine müßige Idee betrachtet. „Der perspectivische Aufriß gibt uus den Begriff der Unausführbarkeit eines so ungeheuren Unternehmens, und man sieht mit Erstaunen und stiller Betrachtung das Märchen vom Thurme zu Babel an den Ufern des Rheines verwirklicht", so schrieb über die Dom-Zeichnungen von Sulpiz Boisseräe im Jahre 1810 kein geringerer als Goethe. Wir aber sehen heute diesen babylonischen Thurm vollendet, wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit hoch in die Lüfte ragen. Stein- gebildet ist es ein gottgleicher Niese, der das All überragt, der sein Haupt in den Wolken des Himmels verhüllt, während den Fuß das Pygmäengeschlecht umfluthet, aufblickend zu ihm aus dem Jammer der Erde. Außerordentlich wie seine Größe ist auch die Geschichte des Bauwerkes. Gegründet im Zeitalter der Frömmigkeit nnd der Wallfahrten durch einen mächtigen kathol. Kirchen- sürsten, hatte es zu leiden unter dem Verfall des religiösen Lebens und war unrettbar der Zerstörung anheimgegeben, wenn nicht das Haupt der protestantischen Fürsten in Deutschland aus echter und wahrer Kunstbegeisterung das Vermächtnis) Konrads von Hochsteden angetreten hätte. Wunderbar ist auch jene Kette, von Zufälligkeiten, welche die ältesten Nisse des Domes als werthloses Gsrümpel weit weg in fremde Hände fallen ließ, dann aber die Wiederentdeckung nach zwölf Jahren herbeiführte, als die Landwehr den Freiwilligen von 1814 einen Ball gab und Herr Fritsch, der Eigenthümer der „Traube" in Kassel, auf seinem Boden Material zu einem Transparentbild suchen wollte. Wenn der Maler Seekatz nicht zufällig Möller kannte; was dann? Auch Boisseröes Entdeckung in Willemin war dann unwahrscheinlich. Geheimnißvoll ist auch noch heute das Dunkel, das den Urheber des großartigen Planes umgibt. Ist es wirklich Gerard von Ryle, auf welchen die dürftigen Quellen als den Erbauer des HeiligthumS hinweisen, oder dürfen wir an Albertus Magnus denken, dem der Sage nach die Mutter Gottes im Traume den Plan des Domes soll vorgezeichnet haben? Albertus war ohne Zweifel in der Mathematik außerordentlich begabt und die Geometrie bildet die Grundlage der Architektur. Vincentius JustinianuL nennt ihn einen sehr geschickten Architekten, und in der Bibliothek der hl. Sabina zu Nom soll eine Handschrift besagen, daß er zum Chorbau der Predigerkirche in Köln den Bauleuten den Plan zum Bau übergeben habe, „nach der wahren Meßkunst eingerichtet." In dem Geburtsorte Alberts, in Lauingen an der Donau, wird am 15. November, an seinem 600. Todestage, dem Gelehrten ein Denkmal gesetzt, und es steht zu hoffen, daß bei dieser Gelegenheit sein Leben sorgfältiger, wie bisher, durchforscht erscheinen wird. Gleichviel wer der Meister ist, dessen Werk, wie einstmals die Leiber der hl. drei Könige die frommen Pilger aus aller Welt herangezogen, nun als ein Tempel der Kunst die Gebildeten aller Nationen herbeiführen wird, gleichviel, wer es ist, dessen Geist den gewaltigen Gedanken schuf, dessen erhabene Idee dieses Juwel der Baukunst auf deutschem Boden erstehen ließ; wir danken dem gütigen Geschicke, das uns diesen frohen, langersehnten Tag erleben ließ, und gedenken gern derer, die an dem großen Werke mit thätig waren. 173 72: Seit der nach verbürgten Nachrichten am 14. August 1248, an dem Todestage des Erzbischofs Neinald von Dassel (si 1167), erfolgten Grundsteinlegung werden hinter Gerard und Ryle, genannt Meister Arnold, dessen Sohn Johann (st 1330), Meister Rütger, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus von Buren (st 1446), Konrad Kuyn, Johann von Frankenberg. Die Ausführung der Fundamente, welche nachweislich über 40 Fuß Tiefe haben und demgemäß wohl auf der Nheinsohle aufsetzen, muß eine lange Reihe von Jahren in Anspruch genommen haben. Laut einer 1868 gefundenen Inschrift hat 1271 (?) schon Albertus Magnus einen der neuen Altäre geweiht; 1297 konnte Gottesdienst in den Chorcapellen abgehalten werden. 27. Sept. 1322 war der Chor selbst vollendet. Bald nachher begann die Fundirung des nördlichen Querschiffs und 1325 die des südlichen. 1388 wurde ein Theil des Langschiffes dem kirchlichen Gebrauch übergeben und 1447 war der südliche Thurm genügend gefördert, um die alten Domglocken darin aufhängen zu können. Ende des 15. Jahrhunderts gab man die Hoffnung auf, den Bau vollenden zu können und versah ihn mit provisorischen Dächern, deren mangelhafte Einrichtung den Verfall in der Folge sehr begünstigen mußte. Im 16. Jahrhundert geschah ebenfalls so gut wie nichts für den Bau, und auch im 17. und 18. Jahrhundert sind fast nur moderne Veranstaltungen des Innern zu verzeichnen. Als im Verlaufe der ersten Revolution die Franzosen Köln besetzten, wurde die Kirche zu einem Magazin eingerichtet und so dem Untergang entgegengeführt. — Nachhaltiger wie Georg Förster und Friedrich Schlegel lenkte Sulpiz Boisseröe (st 2. Mai 1854) durch sein Prachtwerk die öffentliche Aufmerksamkeit auf die kostbare Bau- reliquie und nahm 1811 bei einem Besuche Napoleons Anlaß, ihn um eine Unterstützung dieser Bestrebungen anzugehen — aber, Gott sei Dank, erfolglos. Gott sei Dank! denn so blieb die Ehre des Friedenswerkes ungeschmälert den Deutschen. Von einschneidender Bedeutung ist der Besuch Friedrich Wilhelms, den derselbe am 16. Juli 1814 mit Gneisenau, Knesebeck und Ancillon dem Dome abstattete, bei welcher Gelegenheit Boisserse es gelang, in dem kunstsinnigen Prinzen, der die Zeichnungen bereits im November 1813 in Frankfuhrt gesehen hatte, eine hohe Liebe für den Kölner Dom zu erwecken, die er bis an sein Ende treu und hingebend bewahrt hat. Ihm und dem Einfluße C. F. SchinkelS, dessen Gutachten vom 3. September 1816 sich für Erhaltung des DomeS aussprach, gelang es, zunächst die nothwendigsten Mittel flüssig zu machen, mit Hülfe deren die schlimmsten Uebelstände wenigstens beseitigt werden konnten. „Der gute Bau- inspettor Ahlert", wie Schinkel 1824 schreibt, leitete vom Jahre 1821 ab diese ersten mühsamen Arbeiten, die nichts weniger wie dankbar waren. Friedrich Adolph Ahlert starb am 10. Mai 1833. Am 14. August desselben Jahres übernahm der Landbau- meistcr Ernst Zwirncr (geb. am 28. Februar 1802 zu Jacobswalde in Schlesien, gestorben den 22. September 1861 zu Köln) die Fortsetzung der Wiederstellungsarbeiten, und er ist es eigentlich, der den Gedanken des völligen Ausbaues gefaßt und immer festgehalten hat. Demgemäß stellte auch Zwirner der ursprünglich gewählten Holzeindeckung gegenüber die Forderung der Einwölbung der Schiffe auf, welcher auch Schinkel bei seiner letzten Anwesenheit in Köln (14. August 1838) rückhaltslos zustimmte. Dieses Project, das unter Fortlassung der Strebebögen aufgestellt war, erhielt auf Grund des Anschlages von 1,200,000 Thlr. durch Eabinetsordre vom 12. Februar 1842 die allerhöchste Genehmigung, wurde aber nach Organisation des Dombauvercins (14. Febr. 1842), welcher am 8. Dezember 1841 provisorisch zusammengetreten war, kurz darauf um die Ausführung der Strebebögen erweitert, die sich für einen Kostenaufwand von 800,000 Thlr. erfordern sollten. Bei der feierlichen Grundsteinlegung am 4. September 1842 erklärte Zwirner, mit der Summe von 2,000,000 Thlr. in zwanzig Jahren den Dom mit Ausschluß der Thürme fertig stellen zu wollen, und er hat Wort gehalten. Bis 14. August 1848 war über den Langhallen das Nothdach fertig geworden; 174 1855 stellte Zwirner das Project eines eisernen Dachstuhls mit eisernem Mittelthurms (109,8m) auf, welches nach langen Verhandlungen am 14. August 1859 von der technischen Baudcputation genehmigt wurde. Oktober und November 1855 wurden die Schlußblumen der Portale an der Süd- und der Nordseite aufgebracht und die Vollendung der Schisse mit Einschluß des Dachreiters am 15. Oktober 1863 feierlich begangen. Dreißig Jahre lang war es Zwirner vergönnt, als Dombaumcister thätig zu sein, und seiner Energie und seiner Hingabe an die große ihm gestellte Aufgabe ist es hauptsächlich zu danken, wenn die Kölner Bauhütte in ihren Leistungen einen so erheblichen Aufschwung nahm, daß dieselbe auf der Pariser Ausstellung von 1855 die goldene Ehrcnmedaille erhielt. Aus der Domhütte, das darf man nicht vergessen, gingen Männer hervor, wie Friedrich Schmidt in Wien, Vincenz Statz in Köln und F. Schwitz, der Verfasser des neuesten großen Werkes über den Kölner Dom. Zwirners Nachfolger, der Landbaumcister Richard Voigtel, der schon am 3. April 1855 bei dem Dombau eingetreten war, fand sich vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, nämlich vor die der Fertigstellung der Thürme. Der Aufbau dieser Kolosse mit der Aufbringung der Niesen- glocken, der Construction der Thurmhclme und der Versetzung der Kreuzblumen in einer noch nie dagewesenen Höhe ist an und für sich ein technisches Meisterstück, das den Namen Voigtels mit dem des Domes auf immer eng verbinden muß. Zu einer solchen Arbeit genügt nicht die künstlerische Begabung, nicht die wissenschaftliche Befähigung, hier tritt ein anderes Moment hinzu: die Pflichttreue. Ohne diese letztere wäre eine solche Aufgabe nie zu lösen gewesen, und Deutschland darf dem beneideuswerthcn Baumeister einen Ehrcnkranz reichen mit der Aufschrift: inAenIo et virtuti. Das deutsche Volk hat sich aber auch selbst ein Ehrenzeugniß ausgestellt, indem es den königlichen Schutzherrn nicht verließ und unbeirrt durch politische Wirren und religiöse Zwistigkeiten dem kühnen Unternehmen seine Theilnahme nicht entzog. In Liebe hatte sich Alldeutschland zusammengefunden in den Dombauvercinen, die sich auch außerhalb bis Antwerpen und Wien, ja, über das Meer hinüber bis Mexico erstreckten, und unter denen der bayerische und Berliner Dömbaüverein sich besonders hervorthaten. Ueber 25 akademische Hülfs- vereine wirkten neben 190 Localvereinen, abgesehen von den ausgedehnten Sammlungen, die an Gymnasien und Elementarschulen ins Werk gesetzt wurden. Der „Domgroschen", die „Kathedralsteuer", die großen Summen aus Concerten von Franz Liszt in Berlin (1841), von Ferdinand Hitler in Nom (1842), vor allem von dem Kölner Männer- Gesangverein und zahlreichen Liedertafeln in Aachen, Brüssel, Münster und Neifse beweisen, wie tief der Gedanke des Domausbaues überall Wurzel geschlagen hatte. Die Summen, die auf solche Weise theils aus Privatkreisen, theils aus öffentlichen Mitteln seit 1821 in die Dombaukasse geflossen sind, betragen bis heute 18 Milk. Mark, die so ziemlich zu gleichen Theilen auf die Thürme und den Ausbau der Kirche selbst verwandt wurden. Diejenigen Summen, welche die frühern Jahrhunderte für das Gebäude aufbringen mußten, namentlich diejenigen Gelder, die in den kolossalen Fundamenten ruhen, sowie die zum Ankauf benachbarter Grundstücke erforderlichen Opfer ergeben mindestens einen ebenso hohen Betrag, so daß der Dom heute einen Gesammtwerth von 40 Mill. Mark repräsentiern wird. Höher anzuschlagen wie dieser materielle Werth ist die Bedeutung des Domes für die Zukunft als ein Vorbild und eine Schule gothischer Baukunst, für immer aber ist er ein Mehrer und Erhalter deutscher Einheit, er, der in den Jahren der größten Zerrissenheit unseres Vaterlandes ein gemeinsames Band zu knüpfen verstanden hat. König Wilhelm von Holland hat einst den Grundstein des Domes gelegt; so möge jetzt unter Wilhelm dem Deutschen die Weihe des vollendeten Werkes vollzogen werden, mit welchem die Erinnerung an Deutschlands Größe auf Jahrtausende hinaus verknüpft sein wird. Erscheint aber dieser frohe Tag, dann möge die Genossenschaft nicht säumen, durch rege Theilnahme, fern oder nah, die der Baukunst gebührende Stellung zu wahren. 175 Das Athmen und die AthmungSkur. Wenn man erwägt, daß den Lungen allein die Aufgabe zufällt, das Blut zu reinigen und es in den Stand zu setzen, allen Theilen des Körpers immer frische Nahrungsstoffe zuzuführen, wenn man ferner erwägt, daß die Lungen die Hauptorgane sind, durch welche die verbrauchten Stoffe aus dem Körper ausgeschieden werden, so muß die Nothwendigkeit, sie in gesunder Thätigkeit zu erhalten und mit der für die Ausübung ihrer Functionen unerläßlichen gesunden Nahrung zu versehen, Jedermann einleuchten. Die gesunde Nahrung aber ist möglichst reine, sauerstoffhaltige Luft. Eben deshalb müssen aber auch die nach- theiligen Folgen, die sich ergeben, wenn man die Lungen mit Luft speist, die entweder schon geathmet war oder durch Gas ihres Sauerstoffes beraubt ist, klar vor Augen treten. Bei sitzender Arbeit in ungenügend gelüfteten Zimmern ist die unwillkürliche Thätigkeit der Lungen nur schwach — zu schwach, um das Blut durch den cingeathmeten Sauerstoff gehörig zu reinigen, zumal wenn jede Körperbewegung fehlt, welche die Thätigkeit der Lungen beschleunigt und sie veranlaßt, eine größere Menge Sauerstoff einzu- athwen. Wenn die Lungen auf diese Weise Tag für Tag und Monat für Monat ihrer nothwendigen Nahrung beraubt werden, so ziehen sie sich zusammen und wo eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist, wird sie vollständig entwickelt. Noch mehr, wenn durch die verminderte Thätigkeit der Lungen zu wenig von den verbrauchten Stoffen aus dem Körper ausgeschieden wird, so sammeln sich diese allmählich in demselben an und werden in Folge davon eine fruchtbare Quelle körperlicher Leiden. Auf diese Weise werden bei einem Individuum die Keime von Gicht entwickelt, während bei anderen Schwindel und Kopfweh eintreten. Diejenigen, die an schwacher Verdauung leiden, werden ihre Beschwerden vermehrt sehen, indem Sodbrennen, Magendrücken und Blähungen sich säst nach jeder Mahlzeit einstellen. Diejenigen endlich, welche an Herzklopfen leiden, werden eine Steigerung ihres Uebels wahrnehmen. Wenn wir aber auch von den Übeln Folgen, welche eine systematische Entziehung der Luft auf den Körper auszuüben vermag, absehen wollen, so bleibt es doch eine unleugbare Thatsache, daß die Fähigkeit für geistige und körperliche Arbeit in einem schlecht gelüsteten Gemach wesentlich vermindert wird. In diesem Falle wird es oft schwierig, die Gedanken auf einen Gegenstand gehörig zu concentriren; es zeigt sich öfters ein Gefühl von Tollheit und Schwere im Kopf, der Körper wird leicht ermüdet und eine allgemeine Abspannung macht sich fühlbar. Wenn sich dann endlich der Zustand der Gesundheit derart gestaltet, daß er der Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen kann, wie selten wird diest Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was der Körper in Wirklichkeit verlangt! Und wie oft setzen die Patienten ihren ganzen Glauben nur einzig und allein auf Arzneien, während sie die Regeln einer vernünftigen Lebensweise ganz vernachlässigen! Seltsam, daß man das höchste Vertrauen nur auf Dinge setzt, die nicht immer leicht zu erlangen sind, während der Rath, tief zu athmen, die Lungen zur vollen Thätigkeit anzuregen und sie nur mit frischer Luft zu speisen, welche überall umsonst zu haben ist, schon wegen seiner Einfachheit häufig genug mit Mißtrauen aufgenommen wird. Und es ist ja doch bekannt, daß das Leben erlöschen muß, wenn uns die Luft nur wenige Minuten entzogen würde. Können wir angesichts dieser unleugbaren Thatsache uns noch darüber wundern, daß die Gesundheit darunter leiden muß, wenn wir der Lunge einen Theil jener Nahrung entziehen, welcher nothwendig ist, um die wichtigsten Verrichtungen des Lebens in gehöriger Weise zu vollziehen? Die Wichtigkeit der Athmungskur (Atmiatrie) kann gewiß nicht bezweifelt werden und weisen wir daher kurz aus das Verfahren hin. Dasselbe besteht einfach darin, daß man in freier Luft oder an einem offenen Fenster mit hinter dem Kopfe zusammengefalteten Händen, um durch Zurückwerfung der Schultern der Brust die gehörige Ausdehnung zu geben, ties.einnthmet, den Athem einige Minuten hält und das Tiefathmen ^ ' 1 , 2 176 auf dieselbe Weise öfters wiederholt. Dies sollte stets ohne besondere Anstrengung geschehen. Solche Athmuugsübuugen nimmt man täglich mehrmals vor. Die Athmungskunst als Heilmittel ist seit mehr als 2000 Jahren in Gebrauch. Die alten Aerzte, Celsus und Galen, empfehlen unter Anderem das Athemhalten als Mittel, um die thierische Wärme in den inneren Organen zu vermehren, die Brust auszudehnen, die Lungen zu stärken, sie von allen Unreinigkciten zu befreien, die Poren der Haut zu öffnen und das Gewebe der Haut selbst zu verdünnen und so zu bewirken, daß die wässerigen Theile des Blutes leichter verdunsten können. Als heilkräftig erweist sich die Athmungskur bei allen Zuständen einfacher Brust- schwäche, bei großer Geneigtheit zu Brust- und Luftröhrenbeschwerden, bei Husten, die bei jeder geringen Erkältung eintreten*), bei asthmatischen Beschwerden, bei Anlage zu Lungenschwindsucht u. s. w. Ferner durch Verbesserung des Blutes auch bei Gicht, Rheumatismus, Hümorrhoiden, Eongestionen, Herzleiden, Verdauungsbeschwerden rc. Bei entschiedener Anlage oder bereits begonnener Brustkrankheit, um so mehr bei wirklich bestehender Schwindsucht, müssen aber die Athemübungen mit großer Vorsicht und nur allmählig vorgenommen werden, da eine zu große Anstrengung durch Blutandrang nach der Brust schaden, durch Lungenblutung sogar höchst gefährlich werden kann. In den meisten anderen Fällen wirken sie dagegen niemals nachtheilig, sondern nur wohlthätig. Unter allen Verhältnissen sollte man sich daran gewöhnen, nur durch die Nase zu athmen, schon deshalb, um beim stärkeren Einathmen durch den Mund nicht zu viel Luft in den Maaen zu pumpen (Fundgr.) M i s e e l l e 11. (Leicht zu erklären.) Als in einer Gesellschaft an einen Americaner die Frage gestellt wurde, wie es doch komme, daß in unsern Tagen so viele Mannspersonen unver- heirathet bleiben, antwortete er: „Das ist leicht zu erklären; betrachten Sie doch unsere jungen Damen! sie sind wie die Lilien aus dem Felde; sie nähen nicht, sie spinnen sticht, und sind herrlicher gekleidet, als Salomo in aller seiner Pracht." (Keine Ehehälfte.) Eine sehr heroische Frau bemerkte einst in einer Gesellschaft, baß es nicht immer recht sei, wenn der Mann die Frau „Ehehälfte titulire, denn — memts sie — ich führe z. B. unser Geschäft ganz allein, und mein Mann thut beinahe gar nichts; also bin ich doch mehr wie Ehehälfte! — Ein Oesterreicher, der auch zugegen war, antwortete hierauf: „dann sind Sie halt a Eheganz." (Logischer Schluß.) Schusterjunge: „O mein Jutester, Sie stammen gewiß aus einer sehr fruchtbaren Jegend?" — Vagabund: „Warum das, Du Schlingel?" — yNun, weil Ihnen sogar die Füße durch die Stiefel jewachsen sind." Buchsiaherrrcbus. 0 1c 6 8 Auslösung des Buchstabcnrebus in Nr. 20: „Jmorlelle." *) Personen, die früher im Winter und Frühjahre regelmäßig an beschwerlichen und langwierigen Luftröhren- und Luiigcnkatarrhcu litten, sind nach vielfach vorliegenden Erfahrungen selbst in sehr vorgerücktem Alter durch ausdauernde Anwendung der Athcmkur schon mährend der Sommer» Und Herbstmouate von der Wiederkehr der Anfälle befreit worden. Wr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr