Nr. 25. 1880. zur „Angslmrger Po jheituug." Samstag, 25. September Willst Du Großes, laß das Zagen, Thu' nach kühner Schwimmer Brauch! Rüstig gist's die Muth Zu Wagen, Doch es -rügt die Fluch Dich auch. G-ibel. Ein Opfer aus Kindesliebe. fEin Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carneville. (Schluß.) ^ch weiß nicht war es Mangel an Luft und Bewegung oder war es unser trauriges Geschick, das den Keim zu Martha's Krankheit legte; aber ich sah sie täglich schwacher und leidender werden. Ach, nur ich allein machte diese Wahrnehmungen und beunruhigte mich ihrethalben; meine Mutter konnte sie nicht sehen und Martha beklagte sich nicht, und mein Vater war schon damals in dein Zustande der Empfindungslosigkeit, in dem Sie ihn heute sehen. Erst später vermochte ich meine Schwester dahin zu bringen, einen Arzt zu Rathe zu ziehen; aber es ivar zu spät, er konnte nicht mehr helfen, sie kränkelte noch einige Zeit, dann starb sie. Vor ihrem Tode, ich saß weinend an ihrem Bette, ergriff sie meine Rechte mit ihren zitternden Händen und sagte, mich liebevoll anblickend: „Lebe wohl, meine arme Ursula! — Ich bemitleide nur Dich allein auf Erden; aber sei guten Muthes, pflege sorgsam unsere armen Eltern, sie sind gut, sie lieben uns, wenn sie es auch nicht kund geben. Schone ihretwegen Deine Gesundheit, erhalte Dich ihnen, denn Du darfst nicht vor ihnen sterben. Gott befohlen, liebe Ursula, weine nicht zu viel, bete fleißig und nun — auf Wiedersehen Ursula!" Drei Tage darauf trug man meine arme Martha, in einen Sarg gebettet, aus dem Hause und ich blieb allein bei meinen Eltern. Als ich meiner blinden Mutter den Tod Martha's verkündete, stieß sie einen Schmerzensschrei aus, erhob sich von ihrem Sitze, wankte noch einige Schritte vorwärts, sank dann in die Kniee, weinte und schien zu beten. Ich näherte mich ihr dann und leitete sie auf ihren Stuhl zurück. Seitdem hat sie nicht mehr geweint, aber schweigsamer ist sie geworden, und öfter als sonst, sah stch die Korallen des Rosenkranzes durch ihre Finger rollen. Ich habe nun fast nichts mehr zu erzählen. An dem geringen Vermögen, das wir besaßen, haben wir empfindliche Verluste erlitten; ich verschwieg es aber meinen Eltern, und suchte durch Handarbeiten, die ich heimlich verkaufe, und für die ich gerne Abnehmer- finde, diese Verluste zu ersetzen. Seit meine Schwester todt ist, habe ich mit Niemanden Umgang. An den Sonntagen gehe ich ein wenig inS Freie, ich gehe jedoch nicht weit,, da ich immer allein bin, und auch fürchte, meine Eltern möchten meiner bedürfen und mich vermissen. 194 An diesem Fenster träumte ich oft, viele Hoffnungen malte ich mir in schönen Bildern aus, aber mein Geschick blieb dasselbe, Jahre um Jahre flössen einförmig dahin, und so habe ich 29 Jahre erreicht, — Traurigkeit hat mehr als die Jahre mein Gesicht gealtert; — damit ist Alles gesagt! ich erwarte nichts mehr, ich hoffe nichts mehr und werde so mein einsames Leben beschließen. — Ich denke nur immer an die letzten Worte Martha's: „Auf Wiedersehen, liebe Schwester", ich bete oft, ich weine selten und in leidender Ergebung lebe ich dahin! — Damit habe ich Ihnen meine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, was ich Ihrer freundlichen Theilnahme halber, Ihnen schuldig zu sein glaubte. —- „Und Sie, Sie sind wohl glücklich?" Ich antwortete nicht auf die Frage Ursula's, denn einem Unglücklichen gegenüber von Glück zu sprechen, vermehrt noch seinen Kummer über sein Mißgeschick. Ich setzte meine Besuche bei Ursula fleißig fort, ich war ihr im wahren Sinn des Wortes ein Freund geworden und sie dachte schon mit Bedauern der Zeit, wo ich den bisherigen Aufenthalt wechseln würde. Da traf zu unserer großen und aber nicht freudigen Ueberraschung der Befehl ein, daß wir noch ein weiteres Jahr in dieser Festung zu garnisoniren hatten, was Ursula nicht wenig zu trösten schien. An einem Herbstabend, als ich eben wieder meinen gewohnten Spaziergang machen wollte, besuchte mich ein junger Mann, Bahnbeamter im nächstgelegenen Städtchen, den ich kennen und schätzen lernte. — Als er mich eben am Ausbrechen traf, bot er sich an, mich zu begleiten und wir schlugen dann den bekannten Weg ein. Ich weiß nicht mehr, wie die Rede darauf kam, aber ich sprach von Ursula und von dem Interesse, das ich für sie hegte, und als der junge Beamte, den ich Moritz Erwald nennen will, Gefallen an meiner Erzählung fand, gingen wir langsamer und als wir das graue Häuschen erreicht hatten, wußte er bereits die ganze Lebensbeschreibung Ursula's. Natürlich schaute er sie nun mit Interesse und Mitleid an, als er sie am Fenster sah; er grüßte sie und verabschiedete sich dann von mir. — Ursula, betreten durch die Gegenwart des Fremden, da sie nur mich zu sehen erwartete, erröthete und ich muß gestehen, ich fand sie wirklich hübsch. Es war seitdem geraume Zeit verflossen, als ich von einem Spaziergange zurückkehrend, wieder auf Erwald traf. Er begleitete mich, ich sagte ihm, daß ich Ursula besuchen wolle, und ich weiß nicht wie, aber es kamen mir plötzlich allerlei Gedanken, die mich schweigsam machten und ich meinte, dieser junge Mann müsse diese Gedanken errathen. Es war ein wunderschöner Herbstabend kein Blatt an den Bäumen bewegte sich, die von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet waren, und inmitten dieser schönen Natur, gab man sich unwillkürlich einer Stimmung hin, die die Seele bewegt und in der wir gewissermaßen besser werden. So erreichten wir denn das schmale Gäßchen mit seinen düstern Mauern; ich gewahrte bereits Ursula am offenen Fenster, das von einem schwachen Strahl der scheidenden Sonne beleuchtet war. „Da ist Ursula, um auch den schönen Abend zu genießen, soweit er sich in diesem traurigen Winkel genießen läßt", hub ich an, als ich seine Aufmerksamkeit sah, mit der er sie betrachtete, indem wir uns dem Hause näherten. Die auf sie gehefteten Blicke, brachten das arme Kind, das in dieser Beziehung noch schüchtern war, wie mit fünfzehn Jahren, sichtlich in Verlegenheit, als wir an ihr Fenster traten. Ich sprach mit ihr und Erwald mischte sich zeitweise in unser Gespräch, verabschiedete sich aber bald, Ursula freundlich grüßend. Seit dieser Zeit passirte er auch oft diese Gasse, wenn er in die Stadt kam, und grüßte Ursula freundlichst. — Einmal als er wieder bei mir war, lud ich ihn ein, mit mir bei Martha einzutreten. Wir unterhielten uns mit gewöhnlichen Gesprächen; Ursula begegnete den Blicken Erwald's. wie sie den meinigen begegnet war, es war immer das Bild einer mutor üolornkm! — Was Erwald anbelangt, so war seine große Theilnahme für das gute Geschöpf unverkennbar und diese Empfindung entsprang sicherlich seiner Zuneigung für sie; dabei 195 war das Gemüth des jungen Mannes ein wenig exaltirt und träumerisch, und die Traurigkeit, die Ursula umgab, übten auf ihn einen eigenen Reiz aus. Ein paar Wochen später begleitete mich eines Abends Moritz Erwald auf einem Spaziergange und stellte dabei u. A. die Fragen an mich: „Halten Sie nicht dafür, daß ein besonderes Glück darin besteht, das Glück eines uns theuren Wesens zu gründen? — liegt nicht in der Freude, die man Anderen bereitet, eine ungemeine Genugthuung für sich selbst? — Eine edle, gefühlvolle Seele, die durch die Ungunst der Verhältnisse, bereits für das Leben abgestorben ist, wieder zu erwecken, sie dem Leben wieder zu gewinnen — ist das nicht ein schöner Traum?" Ich sah ihn mit fragendem Blicke an. „Ja", sagte er, „ich habe überlegt, fragen Sie Ursula, ob sie geneigt wäre mich zu ehelichen, ob ihr das Schicksal, das ich ihr mit aufrichtigem Herzen zu bieten vermag, genügt." — In der That ich war höchlichst erfreut über dies Geständniß und versicherte ihn, daß ich mich dieser Mission mit Vergnügen unterziehen wolle und mich zu diesem Behufe augenblicklich zu Ursula begeben würde. Als ich bei Ursula eintraf, fand ich sie an der gewohnten Stelle, arbeitend und traurig träumend. Die stete Einsamkeit, die traurige Einförmigkeit in dieser abgelegenen Gasse, diese trübselige nächste Umgebung, alles hat ihre Seele verkümmert und eingeschläfert. Sie lächelte, als sie mich erblickte; dies war auch aber die einzige Bewegung, die sie zeigte. — Ich war sehr begierig, wie sie meine Anfrage aufnehmen würde, ich wollte sehen, ob das Leben bei ihr nur abwesend, oder ob es bereits vollkommen erloschen war. Ich setzte mich ihr gegenüber, faßte ihre beiden Hände und sie fest anblickend, sprach ich zu ihr: „Ursula, Moritz Erwald hat mich beauftragt Sie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollten." Das arme Mädchen war wie vom Blitze getroffen; Thränen schössen in ihre Augen, ihr Blick gewann Leben; — ihr Blut, so lange zurückgehalten, pulsirte in kräftigen Schlägen, und ihr Gesicht überzog eine lebhafte Nöthe. — Ursula war nur eingeschläfert, nicht abgestorben. — Wie die Stimme des Herrn zu jenem todten Mädchen sagte: „Steh' auf und geh'!" — ebenso sagte die Liebe zu Ursula: „Erwache!" — Ursula liebte; vielleicht, daß sie ihn schon im Stillen liebte, und jetzt der Schleier riß, der diese Liebe ihr selbst verhüllt hat. — Einen Moment darauf drückte sie ihre Hand gegen die Stirne und sagte leise: „wäre es möglich?" Ich konnte nur meine Worte wiederholen: „Ja, Moritz Erwald fragt, ob Sie seine Frau werden wollen?" „Seine Frau?"-Und sich auf ihre blinde Mutter stürzend, rief sie ihr entgegen: „Mutter, habt ihr gehört? Er begehrt mich zur Frau!" „Mein Kind", antwortete die arme Blinde, die Hand Ursula's suchend, „mein geliebtes Kind, Gott wird früh oder spät Deine Tugenden belohnen." „Mein Gott!" rief Ursula, „was begegnet mir heute? — Moritz verlangt mich zur Frau, und meine Mutter nannte mich ihr geliebtes Kind!" Thränen in ihren Augen schwieg sie, sie schien still für sich zu beten. In diesem Augenblicke ging die Hausthüre und Schritte wurden im Vorflötzs hörbar. — „Das ist er!" rief Ursula sich rasch erhebend und ihre Hände über die Brust kreuzend, fügte sie bei: „Mein Gott, so ist denn hier Innen wieder neues Leben erwacht!" Ich verließ das Haus, Erwald grüßend und ihm verkündend, daß sein Begehren gute Aufnahme fand. — Ursula war wahrlich schön in ihren Thränen und in ihrer Aufregung. Seit diesem Tage war Ursula wie umgewandelt. Sie lebte neu auf, sie verjüngte sich unter dem süßen Einfluß ihres Glücks und mit dem Leben kehrte auch ihre Schön- heil wieder zurück; ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen glänzten in Freude und Alles in ihr zeigte, daß ihre Wünsche nun erfüllt waren. Moritz verbrachte jetzt meist seine Abende bei dem geliebten Mädchen; das düstere Stübchen, die einfache Ausstattung desselben, die traurige, schweigsame Gesellschaft der greisen Eltern, — Alles heimelte ihn fromm an und er war glücklich mit der Geliebten, als wenn die reizendste Umgebung ihr Beisammensein verschönte; ihre Unterhaltung war aber keine lebhafte, sie betrachteten sich und träumten beide von dem Glücke ihrer ! Zukunft. - l So verfloß für Ursula und Moritz eine sehr glückliche Zeit. . Eines Abends schien Moritz, als er zum Besuche kam, etwas aufgeregt und bald nachdem er seine Braut begrüßt hatte, machte er ihr voll Freude die Mittheilung, daß l er Nachricht erhalten habe, daß er befördert würde, und in ein recht hübsches Städtchen s an der sächsischen Grenze käme. — „Wir müssen nun", fuhr er fort, „unsere Verehe- lichung beschleunigen, damit Du gleich mit mir reisen kannst." „Das ist dann wohl eine weite Reise?" frug Ursula. „Allerdings, aber Du scheinst mir ja über diese Kunde erschreckt zu sein", meine liebe Ursula, und ich dächte doch, es müsse Dich freuen/ein neues Land zu sehen und von diesem garstigen Erdenwinkcl einmal Abschied zu nehmen." „Es ist nicht meinetwegen, lieber Moritz, mir ist natürlich ein neuer Aufenthalt mit Dir gewiß höchst willkommen und macht mich glücklich; aber für meine armen Eltern ist eine weite Reise bei ihrem hohen Alter und ihrer Presthaftigkeit eine große Beschwerde." Moritz stand stumm vor Ursula; er hatte zwar vorausgesehen, daß seine geliebte Braut, indem sie sein unstetes Leben als Eisenbahnbeamter theilen wolle, sich bei ihrer großen Liebe, die sie für ihre Eltern hegte, nur schwer von ihnen trennen würde, zweifelte . aber doch nicht, daß sie ihre Liebe zu ihm und die Versorgung, die er ihr bot, schließlich ihren Schmerz, von ihren alten Eltern scheiden zu müssen, bewältigen würde. — So schwer es ihm denn ankam, ihr diese bittere Stunde bereiten zu müßen, glaubte er doch nicht länger zögern zu dürfen, sie in dieser Beziehung aufzuklären und zu trösten. Er faßte daher ihre Hand und sprach liebevoll zu ihr: „Meine Theure, bei den: wandernden Leben, das mir mindestens im Anfange bevorsteht, ist es wohl unmöglich, daß Deine alten und gebrechlichen Eltern uns folgen können! — bis jetzt haben wir allerdings nur geliebt und von dem Glücke unserer Zukunft geträumt, ohne die nähern Umstände zu erwägen, die mit unserer Berheirathung eintreten müssen; nun ist aber der Moment gekommen, darüber eingehend sprechen zu müssen; Du weißt, Geliebte, ich bin ohne Vermögen, ich beginne erst meine Carrisre, meine Besoldung ist gering und legt uns noch große Genügsamkeit auf, wobei ich auf Deinen Muth zähle. Die Mitnahme Deiner Eltern in unseren kleinen Haushalt würde daher mit dem besten Willen und bei aller Aufopferung nicht ausführbar sein." — „Meinen Vater und meine Mutter verlassen?" rief Ursula. „Lasse sie mit dem Wenigen, was sie besitzen, in diesem kleinen Hause; vertraue sie sicheren Händen und Du, Du folgst Deinem Gatten!" — , „Vater und Mutter verlassen?" wiederholte Ursula, — „aber weißt Du denn nicht, ' daß das, was sie besitzen, nicht zu ihrer Existenz ausreicht; um den Zins für diese s traurige Wohnung zu zahlen, arbeite ich zu ihrem Besten! seit zwölf Jahren sorge ich k allein für Fristung ihres Lebens!" > „Meine arme Ursula", nahm Moritz wieder das Wort, — „man muß sich in's i Unvermeidliche fügen, — eröffne ihnen endlich, daß sie ihr Vermögen längst eingebüßt haben, daß sie bisher lediglich durch Deine Handarbeit ernährt wurden, — daß Du Dich k aber jetzt verheirathen kannst, und daß sie sich in die Nothwendigkeit fügen müßten, von s der Gemeinde versorgt zu werden." I „Abreisen ohne sie! — das ist unmöglich! — sie der Gemeinde aufbürden, heißt ? 197 sie der Noth und Entbehrung Preis geben! — Nein, durch meine Arbeit müssen sie erhalten, muß ihnen das Alter so wenig kümmerlich als möglich gemacht werden!" — „Ursula, meine theure Ursula!" nahm Moritz wieder das Wort, die Hände des armen Mädchens in die seinigen fassend, — „ich beschwöre Dich, lasse Dich von den edlen Regungen Deiner großmüthigen Seele, nicht zu weit reißen! sehe der Wahrheit in's Gesicht; wir schlagen ja nicht aus etwas zu geben, sondern wir sind nur im Anfange nicht im Stande etwas zu thun. Wir würden jetzt allein leben und können das nur, weil mir Muth haben zu entbehren." — „Ich kann meine Eltern nicht verlassen!" nahm Ursula in herzzerreißendem Tone das Wort, indem sie die beiden Greise wehmüthig ansah, die auf ihren Stühlen eingeschlafen waren. „Liebst Du mich nicht, Ursula? — vermagst Du meinethalben kein Opfer zu bringen?" frug Moritz seine Verlobte. Das arme Mädchen antwortete nur durch einen Strom von Thränen. Moritz blieb noch länger bei ihr. Er sagte ihr tausend zärtliche Worte; er erklärte ihr wiederholt die bescheidene Stellung, in der sie zu leben gezwungen seien, er suchte sie zu überzeugen, daß die Opfer, die sie ihren Eltern bringen wollte, über ihre Kindespflicht hinausgingen, aber er konnte sie zu keinem Entschlüsse bringen, und verließ sie, ihr hundert gefühlvolle Namen beilegend, mit der Bitte seiner Worte noch wohl gedenken zu wollen. Sie ließ ihn sprechen, ohne zu antworten, und nur Thränen waren ihr Abschied. Andern Morgens als sie ins Zimmer trat, schloß sie das Fenster, das über Nacht in ihrer Bestürzung offen blieb; bleich und zitternd vor Frost und Bewegung, nahm sie Tinte und Feder und schrieb: „Lebe wohl, Moritz! — Ich habe überlegt, mit mir gekämpft und bin zu dem Entschlüsse gekommen, daß ich bei meinen armen Eltern bleibe. Sie in ihrem hohen Alter verlassen, hieße sie tödtcn! — Sie haben Niemand mehr als mich auf der Welt! — Meine Schwester hat in ihrer letzten Stunde sie mir anvertraut und ihre letzten Worte waren: „auf Wiedersehen Ursula!" — Ich müßte auf dies Wiedersehen verzichten, wenn ich diese meine letzte und heiligste Pflicht nicht erfüllte! „Ich liebe Dich von ganzem Herzen und werde Dich stets lieben. Mein ganzes künftiges Leben wird nur eine Erinnerung an die glückliche Zeit sein, wo wir für einander lebten. — Du warst gut, warst großmüthig und edel, aber ach! wir sind zu arm um uns zu vereinen. — Ich habe mir Deine Worte von gestern wohl eingeprägt und sie auch vollkommen verstanden. Leb' wohl! es kostet mich fürwahr eine große Gewalt, Dir diese Worte zu schreiben! — — Ich wünsche gewiß, daß Deine Zukunft, eine glückliche sein möge! — Eine andere Frau wird Dich besitzen — o sie ist beneidens- werth in diesem Besitze, der der schönste Traum meines Lebens war! — Gott befohlen, vergesse nicht ganz die arme Ursula! und damit lebe wohl mein Freund; — ach, ich wußte es ja, daß es mir nicht beschieden sei, je glücklich zu werden. Ursula." Ursula sah Moritz, sah mich wieder; — aber alle unsere Bitten, alle unsere Vorstellungen waren umsonst, — sie wollte ihre Eltern um keinen Preis verlassen. „Ich muß für sie arbeiten — für ihren Unterhalt sorgen, ich habe es meiner Schwester am Todcsbett gelobt", sagte sie. Vergebens sprach ich von der Liebe Moritzens, daß sein Glück allein in ihrer Liebe lag, mit einer Art von Grausamkeit, machte ich sie auf ihr Alter aufmerksam, das bereits so vorgeschritten sei, daß vielleicht keine Gelegenheit sich Mehr bieten würde, ihr Schicksal so vortheilhaft zu ändern. — Sie weinte, indem sie mich anhörte, und die Thränen sielen auf ihre Stickerei, — dann leise, als ob sie mit sich spräche, murmelte sie: „sie würden sterben, ich muß für sie leben und arbeiten!" — Zuletzt forderte sie von nur, daß ihre Mutter nicht von dem unterrichtet werde, was zwischen uns vorging. Ich versprach es, obwohl ich wußte, daß die, für die sie sich opferte, sie wie immer, ignoriren werden. Dem war auch so, eine fromme Lüge täuschte 198 sie über die Ursachen des Abbrechens des Verhältnisses mit Moritz und — Ursula hatte wieder ihren Platz am Fenster inne und arbeitete wieder an ihren Stickereien ohne Unterlaß, bleich und gebrochen. Erwald hatte noch immer gehofft, Ursula werde schließlich ihren Entschluß ändern und machte endlich den letzten Versuch, indem er sie auf's inständigste bat, sein Weib zu werden, und ihm zu folgen; allein umsonst, tiefbetrübt nahm er von Ursula Abschied und wünschte ihr Glück und Segen. So kam ein Tag, Ursula saß an ihrem Fenster, da hörte sie in der Ferne Militär- Musik; es war das Bataillon, welches die Garnison verließ, und die frohen Klänge sendeten ihre Abschiedsgrüße in das schmale Gäßchen, zu Ursula's Fenster. Das arme Kind ließ ihre Arbeit auf die Schooß fallen und bedeckte ihre Augen mit ihren Händen; der Abschied, den ich Tags vorher von ihr genommen, ist ihr schwer gefallen, und sie versprach, mir von Zeit zu Zeit von ihr Nachricht zu geben. Am Abend jenes Tages, wo sie sich von Moritz trennte, jenes Tages, an dem sie das große Opfer gebracht hatte, setzte sie sich, nachdem sie ihren Eltern noch die gewohnte Sorgfalt und Pflege angedeihen ließ, zu Füssen des Bettes ihrer Mutter und heftete ihre thränenfeuchten Blicke wehmüthig auf die blinde Greisin. — Sie sanft an der Hand fassend, murmelte die arme, verlassene Braut mit bewegter Stimme: „Theure Mutter! — nicht wahr, Du liebst mich? — Meine Gegenwart thut Dir wohl? — Du würdest leiden, wenn ich Dich verließe? — Die Blinde wendete den Kopf gegen die Mauer und antwortete: „Mein Gott, Ursula, ich bin müde, störe mich nicht mit diesem Gerede in meiner Ruhe." Das waren die Worte der Anerkennung und Liebe, die sich Ursula erbeten hatte, als einzigen Lohn für die schmerzliche Ergebung, für das Opfer, das sie aus Kindesliebe gebracht hatte, damit war die Mutter eingeschlafen und hatte ihr die Hand entzogen, die ihr armes Kind so zärtlich und liebevoll gefaßt hatte. Da flüchtete die Arme zu dem an der Mauer hängenden, von der Zeit gebräunten hölzernen Crucifix, warf sich auf die Kniee und suchte Trost und Kraft im Vertrauen zum leidenden Christus, und nachdem sie lange gebetet, verließ sie, neugestärkt durch ihren Glauben, die Schlafstube ihrer Eltern. Nun wurde Ursula mit jedem Tage bleicher, stiller und in ihr Schicksal ergeben. Die vielen Thränen hatten die letzten Spuren von Jugend und Schönheit verwischt; sie hatte auffällig in kurzer Zeit gealtert, — ihr wohl glcichgiltig, sie hatte ja doch Niemanden mehr zu gefallen. Von Moritz Erwald hörte sie nach seiner Abreise nichts mehr. Ursula war für ihn ein anmuthiges'Bild gewesen, dessen Melancholie seinem Gemüthe entsprach und sein Verlangen reizte; mit dem Entfernen von dem Bilde, bleichten aber dessen Farben, bis sie schließlich gänzlich erlöschten. Er hatte sie wohl bald vergessen! — Ein Jahr nach diesen Begebenheiten erkrankte die alte Mutter, sie litt nur kurze Zeit, ihr Uebel war nicht zu heilen; Ursula hatte gewacht und gebetet am Krankenlager, sie erhielt noch ihren Segen und ihren letzten Seufzer. „Nun Martha", sprach sie, „nun ist unsere Mutter bei Dir! — begleite sie zu Gott!" Der nun allein zurückgebliebene Greis fühlte den Verlust schwerer als man bei seinem Stumpfsein geglaubt hatte. — Mit Wehmuth und Schmerz weilte sein Blick aus dem Stuhle, in dem seine langjährige Lebensgefährtin so treu und ausdauernd geweilt hatte. Umsonst suchte Ursula ihn zu trösten, ihn zu zerstreuen, immer wiederholte er die Worte: „mein Weib!" und Thränen rollten dann über seine abgezehrten Wangen; er mußte fast gezwungen werden, die nöthige Nahrung zu sich zu nehmen, und wenige Wochen waren verflossen, da folgte der Arme seinem Weibe. — Als man den Sarg, der ihren Vater einschloß, aus dem alten, traurigen Hause trug, da weinte Ursula bitterlich und jammerte: „Mein Gott, ich hätte verdient, daß sie länger gelebt hätten." Ursula war dann allein. — Viele Jahre sind seitdem verflossen, ich habe oftmals ...- -- meinen Aufenthalt gewechselt und Hunderte von Begebenheiten sind sich in meinem Leben gefolgt, ohne daß aber die Erinnerung an die Geschichte dieses armen Mädchens in mir erloschen wäre. — Ihre Briefe unterblieben mit der Nachricht über den Tod ihres Vaters, — was ist aus ihr geworden? ist sie noch am Leben oder ist sie auch bereits ihren Eltern gefolgt? — Es wäre ihr fast zu wünschen, denn sie gehörte jedenfalls zu den Geschöpfen, denen kein Glück hienieden beschieden war. Ein scharfer Kegler. Der Gerichtssaal-Berichterstatter des „N. Wiener Tagbl." veröffentlicht unter der Überschrift: „Auf der Kegelbahn" eine sehr humoristische Proceßgeschichte. Unter den Besuchern von Eibels Garten herrschte lange eine düstere Vorahnung schauerlicher Unglücksfälle, deren Schauplatz die Kegelbahn sein werde. Es pflegte nämlich an Freitagabenden sich dort eine Gesellschaft zu belustigen, deren Mitglieder fast durchwegs sogenannte scharfe Schieber waren. Wenn diese Gesellschaft die Kegelbahn besetzt hielt, dann war der Garten ein sehr unheimlicher Aufenthalt. Die Kegel flogen häufig bis zu den Tischen der Gäste und die Kugeln sausten über deren Köpfe hinweg in den Nachbargarten, wo sie die stärksten Baumäste wie Stroh knickten und sicher ab und zu auch ein Menschenleben vernichtet hätten, wenn die nachbarliche Familie nicht schon im Frühjahre auf das Land gezogen wäre. Im Laufe des Sommers mußten nicht weniger als vier hoffnungsvolle Kegelknaben vom Platze getragen werden, weil sie von rückprallenden Kugeln zu Boden gestreckt worden waren, und eines Tages verbreitete sich gar im ganzen Bezirke das Gerücht von einer schauderhaften Blutthat, die in Eibels Garten begangen worden sein sollte. Es war jedoch nichts weiter geschehen, als daß ein waghalsiger Schneidergehilfe, welcher in der Nähe des Ladens dem Spiele zuschaute, um seine sämmtlichen Vorderzähne gekommen war, indem eine aufgeschlagene und daher aus der Bahn gesprungene Kugel den Unseligen an den Kinnladen getroffen hatte. In Folge der vielen Schadenersatzklagen war diese überaus kräftige Kegelgesellschaft genöthigt, sich zugleich als ein Sparvercin zu konstituiren, dessen Spielerträgnisse sämmtlich in eine Kasse flössen, aus welcher die Auslagen für das zerstörte Gesicht des Schneidergehilfen und die Spitalkosten für die vier elendiglich niedergeschobenen Kegelbuben gedeckt wurden. Auch wurde bestimmt, daß in Zukunft jeder „Schieber" die Kosten der Verwundung eines Kegelbuben oder Zuschauers aus seiner eigenen Tasche zu tragen habe, denn es bestand der Verdacht, daß im anderen Falle mit noch größerer Unachtsamkeit hinausgeschoben werden würde. Sonderbarer Weise war der gefürchtetste Kegelscheiber ein schmächtiger junger Mann, Namens Hermann Prinz, mit krausen Haaren und Goldbrille, der, wie es schien, all' seine Lebenskraft ausschließlich auf die Beförderung von Kugeln verwendete. Er setzte nämlich seinen einzigen Ehrgeiz darin, als ein „Stecher" zu gelten, das heißt, als ein Mann, dem es gelingt, bei der Kriegspartie (Parteln) auch alleinstehende Kegel zu treffen. Obwohl so kurzsichtig, daß er regelmäßig noch einen Nasenklemmer vor die Augengläser stecken mußte, wenn er nach den Kegeln zielte, hatte es Herr Prinz doch allmälig zu dem schmeichelhaftem Rufe eines „Stechers" gebracht, weil er mit unfehlbarer Sicherheit den linken Eckkegel niederschieb. Es war dies schon so notorisch, daß Niemand diesen Kegel äuf's Korn nahm, wenn Herr Prinz anwesend war, sondern dieser Triumph immer diesem hervorragenden „Stecher" überlassen wurde. Herr Prinz tappte dann mit dem rechten Fuße nach einer Höhlung im Boden, in welche er den Absatz zu stellen gewohnt war, schob die Rockschösse sorgfältig in den Ellbogen der linken Hand und versetzte hierauf seinen Körper in eine schwingende Bewegung. Nach einigen Secunden sprang er wie ein Tiger vorwärts mitten auf das Brett, und die Kugel flog unter dem geheimmßvollen Einfluße einer höchst sonderbaren Verrenkung seines Körpers auf den linken Eckkegel zu, während der Kegelbube von namenloser Furcht gepeitscht, im Garten umherlief, bis sich die Kugel ausgetobt hatte und wieder zahm zwischen den todten Kegeln rollte. Es ist 200 zwar kein einziger Fall verbürgt, daß Herr Prinz je einen anderen Kegel getroffen hätte, als den linken Eckkegel, aber es muß gleichzeitig bemerkt werden, daß er auch nie einen öffentlichen Versuch dazu machte, da seine Ueberzeugung die war, er sei ein „Stecher" und lasse es daher weniger bewährten Kräften, in die vollen Kegel — zu gehen. Ein beklagenswerthcr Zufall wollte es nun kürzlich, daß Herr Prinz zugleich mit dem linken Eckkegel zugleich auch die rechte Backe des Kegeljungen traf, dem es diesmal nicht gelungen war, sich rechtzeitig durch die Flucht zu retten. Herr Prinz begütigte den gewaltig heulenden Jungen und versprach ihm eine Entschädigung von zwanzig Gulden für die ausgestandenen Schmerzen, zahlbar am nächsten Freitage. Allein Herr Prinz zog es vor, an diesem Tage nicht zu erscheinen und erschien überhaupt nicht mehr auf der Kegelbahn, offenbar aus Besorgniß, es könne sich jener Unfall wiederholen. Vergebens suchte ihn dort der Vater des verwundeten Kegelbuben, ein ziemlich derber Maurer, und als Herr Prinz-sich auch in seiner Wohnung verleugnen ließ, überraschte ihn endlich eine Vorladung zu dem Bagatellgerichte pmnato zwanzig Gulden an Verdienstentgang und Schmerzensgeld. Hier fragte der Richter den im Namen seines Sohnes klagenden Maurer, wie derselbe den Anspruch wegen Verdienstentgangcs erklären wolle. — Weil er fünf Tag hat net aufsetz'n können und weil er eine schuldlose Familie zu ernähren hat." — „Was? Dieser Knabe?" — „No ja, mi', sei Muatter und zwa klanere G'schwister, sän mir eppa ka schuldlose Familie?" — „Als Oberhaupt der Familie sollten doch Sie dieselbe ernähren." — „Thu i a, wenn i a Arbeit hab, jetzt han' i g'rad kani; 's paßt m'r a net jede." Herr Prinz erklärte sich aus Rücksicht für die „schuldlose Familie" bereit, ein für allemal zehn Gulden zu erlegen, indem er bemerkte, er habe die doppelte Summe nur in der ersten Aufregung über den Unfall versprochen. Der Klüger gab sich damit zufrieden und ging mit der freundlichen Warnung für Herrn Prinz: „Mei' lieber Herr, a scharfer Schub heißt nix; schaun's mir a mal zua in Wahring d'raußd'n. I han an Vrodlschub, aber reiß'n thut er damisch — dö Kegeln, net die Kegelbuab'n. S'is g'scheidter so, moanen's net a?" M i s - - l l e rr. (Ehre und Geld. Der Marschall Nep sagte einst aufbrausend zu einem Schweizer: „VvU8 uutres Luisses, vous ns clliörekeir gus llargant; ls Ill-gnanis ns edereiis Hue l'kiormousr.^ („Ihr Schweizer, ihr trachtet nach nichts als nach Geld, der Franzose aber sucht nur die Ehre.") Begütigend fiel der Schweizer ein: „Olmoun eourt sxreg «6 Hui lui irmnHue." („Ein Jeder läuft nach dem, was ihm mangelt.") (Muth.) Ein Offizier forderte einen Juden, Namens Löb, auf Pistolen. Der Jude weigerte sich zu stellen. „Wenn Sie sich nicht stellen," sagte der Offizier, „so sind Sie ein Hund." — „Nu," sagte der Jude, „bin ich doch lieber ein lebendiger Hund, als ein tauder Löb." (Wein für die Marterwoche.) Friedrich der Große fragte einst einen schlesischen Kloster-Pater, ob im Kloster auch Wein getrunken werde. „Ja wohl, in der Marterwoche, Ew. Majestät," antwortete er. BuchstabenrebuS. Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 21: „Aus Wachholder blüht keine Rose." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Mauer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts vonvr. M. Huttler.