1nteckaktung8okl»tt zur „Augslmrger Postzeitung." Nr. 26. Mittwoch, 29. September 1860. Die Vorsicht ist nur eine kleine Tugend Zum Hausgebrauch; allein verachte nicht Die Lampe, denn nicht immer sunkeln Sterne. " Kohebue. Allein! Skizze aus dem sicbenbürgisch-rumänischen Volksleben. Er hatte Niemanden auf Gottes weitem Erdboden, der kleine Jlissia; er war so arm und verwaist und verlassen, wie kein zweites Geschöpf mehr im ganzen Dorfe. Und Gyogy ist doch ein großes Dorf; Jlissia brauchte wohl zehn, zwölf Stunden und mehr, um die Runde durch den Ort zu machen; freilich lag ein Haus vom andren oft eine Stunde weit entfernt, aber deshalb war Gyogy doch der größte und schönste Ort, den Jlissia je im Leben gesehen. Und in diesem ganzen, großen Dorfe hatte er Niemanden,, der sich um ihn jemals gekümmert hätte; nie hatte ihn Jemand gefragt, ob er friere, oder hungere, ob er eine Schlafstelle, ein Obdach habe, niemals, wie man das Löglein im Walde, das Blümlein am Berghange niemals fragt, wovon es lebe. Und sie leben doch, Oumn^o 2ou (der liebe Herrgott) beschirmt und beschützt, kleidet und nährt sie, und den kleinen Jlissia und alle armen Waisen auf Erden, unter welchen Jlissia gewiß der beste, der klügste und — der ärmste Knabe war. Seine Kleidung bestand aus einem groben, weißen Hemde und einem Hute von Stroh, dessen Krämpe schon längst dahinging, wohin der zerfaserte, zerknüllte Hut selbst ihr wohl auch in Bälde folgen mußte. Der kleine Mann — wir dürfen ihn trotz seiner fünf Jahre kein Kind mehr nennen, denn er war selbstständig und aß Niemandens Gnadenbrot» — der kleine Mann war ein hübscher, gesunder Junge, mit vollen Wangen, blondem, dichtem Haarwuchse und großen, blauen Augen, mit denen er gar drollig ernst vor sich Hinblicken konnte, wenn er von den anderen Kindern verspottet wurde. Er lebte im Sommer von dem Obste, das er sich von den Bäumen geholt, und im Winter von jenem, welches er sich im Sommer beiseite gelegt hatte; auch trug er im Sommer zuweilen Obst in die Stadt zum Verkaufe; den Erlös legte er dann gleichfalls hübsch bei Seite, um sich daraus im bitter-kalten Winter ein Stück Maisbrod zu kaufen; seine Wohnung war eine Höhle, die er — da sie im Sommer kühl, im Winter warm war — nicht um einen Palast vertauscht hätte. So lebte er für sich hin, allein, ohne die Menschen zu lieben, ohne mit ihnen zu verkehren. Der Kleine war ein Menschenfeind; er hatte mitansehen müssen, wie die Menschen seine verwittwete, arme Mutter sterben ließen, ohne ihr die geringste Hilfe zu gewähren; da lernte er die Menschen hassen. Nur ein Band gab es noch, das ihn an die Menschheit knüpfte: er hatte einen Bruder, ein vierzehnjähriges, krüppelhaftes Wesen, mit einem Knorpelknoten an der Stelle des Rückens, mit fahlen, durchsichtigen Wangen, das sich nicht rühren und nicht regen konnte und den ganzen Tag über auf dem trockenen Laub kauerte, das ihm in der Höhle als Lagerstelle diente. Jlissia ging jeden Morgen hinaus, um dem kranken Bruder in einer Kürbisschale frisches Wasser zu bringen und von den Bäumen das schönste Obst in das dunkle Gemach zu tragen, welches die Natur so verschwenderisch mit glitzernden Tropfsteinen ausgestattet hatte. Als er eines Morgens mit gar schönen, rothbackigen Aepfeln heimgekehrt war, da wollte der krüppelhaste Juon nicht in das liebe, hölzerne Lachen ausbrechen, welches er sonst immer hören ließ, wenn er sich freute; er lag still und zusammengebrochen — todt auf seinem Laubbette. Man schleppte den Leichnam in die Stadt und zerschnitt ihn dort gar fürchterlich, trotzdem Jlissia am Fenster so jämmerlich schrie, als ob die Messer in seiner eigenen Brust gewühlt hätten. Als er wieder heimkam, da trug er den glühendsten Menschenhaß in seiner Brust, der je eine Seele gequält hat. Und nun war er ganz, ganz allein! So lebte er traurig und einsam fort, durchzog die Schluchten und Thäler des Gebirges und klagte sein Leid den Bergen und dem ungestümen Sturzbache. Die ersteren trösteten ihn mit ihrem Echo, der letztere mit seinem heimlich süßen Rauschen. . . . Nur die Menschen blieben stumm, diese Geschöpfe mit Seelen aus Eis, mit Herzen aus Stein, die ihm Alles genommen, was ihm lieb und theuer war. Auf den Bergen, da wächst die Hollunderstaude; von dieser schnitt er sich einen Ast und schnitzte aus demselben eine Flöte; die blies er so klangvoll-weich, so süß- melancholisch, daß alle Vöglein erstummten, wenn er sein Lied ertönen ließ. Das Lied Hingt allenthalben im Munde des rumänischen Volkes: „Wem die Mutter abgestorben, Lebt in Kummer, Qualen, Sorgen, Kleidet er sein Leid in Worte, Weiß mans's gleich im ganzen Orte." Eines Tages — 'er war unterdeß wohl schon achtzehn Jahre alt geworden — ->ang er wieder sein Lied und da hörte er den Wiederhab! seiner Worte viel schmelzender, weicher, als er sie selber gesungen. Er achtete nicht darauf, denn mit seinem Alter wuchs auch der namenlose Menschenhaß in seiner Brust, wie die eingekerbten Buchstaben im Baumstamme mit den Jahren immer größer und vertiefter werden. Doch kehrte er an diese Stelle nicht mehr wieder. Tags darauf streifte er einen andern Berg entlang und das Spiel des Echos verfolgte ihn wieder. Und als er fort wollte, da stand ein junges Mägdlein vor ihm, und sagte: „Hör' mal, Jlissia, Du bist dem „Oraku" (Teufel) verfallen! Warum kotnmst Du nicht unter uns Menschen? Es ist so schön beim Tanze pnd ich möchte so gern einmal den Ardeljan mit Dir tanzen." Sie hatte gut reden; er würdigte sie nicht einmal eines Blickes, als er erwiderte: „Wirst wohl nicht wünschen, daß ich mit Euch wie ein Narr herumspringe!" „Da sieh' mal den Brummbären an!" gab das Mädchen zurück^ „Haben Recht, die Mädel im Dorfe, die Dich immer den ^lstrou" (den Bären) neniM." Trotzig erhob er die Augen, doch sowie diese die liebliche Gestalt vor sich sahen, verwandelte sich ihr wüthender Blick in einen Blick voll staunenden Schreckens. Nie hatte er ein schöneres Bild gesehen, als diese halbentwickelte Mädchengestalt, vorn und hinten über das Gewand herabfallend die Katrincza (Schürze) aus buntgewebtem Stoffe, das Haar in zwei Zöpfe geflochten, deren einer über die Stirne geschlungen war, um sich rückwärts wieder mit der Hauptflechte zu vereinigen. Das ist so die Tracht der Bauernweiber im Marosthale. Und mit diesem Blick war es um Jlissia's Menschenhaß geschehen. Er ging fortan unter die Menschen, er suchte und fand Arbeit, er tanzte wohl auch manchmal" mit seiner zl'a.ta« (Maid), die ihn der Welt und die Welt ihm wiedergegeben. Er war nicht mehr — allein. Die trauten Thäler wüßten viel von seinem Liebesglück zu erzählen. In seinem Herzen ward es stürmisch, wie in jeder Brust, aus welcher der Haß auszieht, um der Liebe Raum zu geben. Die kleine Flöte hatte das alte, traurig-süße Lied des Waisenknaben vergessen und sang dafür von frischer, rosenrother Liebe: 203 „Stiller Lusthauch, frag' sie drüben: Süßes Täubchcu willst mich lieben? Stilles Lüftchen kam zurücke Sang von süßem Liebesglücke." Jetzt lauschte er nicht mehr dem Echo der Schluchten, dem Rauschen des Sturzbaches, denn nach dem Liede mußte er sich küssen und umarmen lassen und selbst küssen und umarmen. Er vergaß sogar allmälig, daß es je eine Zeit gegeben, da er allein war und verlassen. Da kam eines Tages der gestrenge Herr Stuhlrichter mit mehreren Herren ins Dorf und ließ die Bursche unter's Maß stellen und ihren Körper visitiren, und wenn sie einem auf die Schulter schlugen und dabei „Tauglich" riefen, dann mußte dieser in ein Zimmer hinein, wo man ihn beeidete. Oh, das waren fürchterliche Artikel, die er da beschwören mußte, der arme Jlissia. Jede zweite Zeile hieß es da: „Mit dem Tode durch Pulver und Blei!" Er schwor, er wolle „ihr" treu sein, sonst möge ihn Gott strafen „mit dem schrecklichen Tode durch Pulver und Blei"; er wolle „ihr" treu sein „in Feuer und Wasser, bei Tag und bei Nacht, im Krieg und im Frieden, im Sommer und Winter und wenn er „sie" jemals verrathen, oder mit ihren Widersachern unterhandeln wollte, dann möge ihn Gott strafen mit dem schrecklichen Tode." Das waren seine Kriegsartikel und er leistete seinen Eid, so feierlich froh, während die übrigen gesenkten Hauptes dastanden und bei jedem Worte erbebten. Und er zog fort nach fremdem Lande! Als er an ihrem Fenster vorbeikam, da klang das Lied heraus: „Eh' du wegziehst in die Ferne, Komm zu mir, ich küß dich gerne" . i l Und seine kleine Flöte antwortete: „Laß' mich scheiden, laß' mich gehen, Sollst mich nimmer wiedersehen; Laß' mich zieh'n, in fremde Lande, Nach des Meeres kaltem Strande, Wo da mächst die Weihrauchbeere, Küß' dich nimmer nimmermchre." Und fort ging es mit dem „Feuerivagen" (die rumänische Benennung für Lokomotive) über Berg und Thal; die übrigen Bursche sangen gar kecke, übermüthig-muntere Lieder von schönen Fatas, schönen Augen, rothen Wangen, süßen Küssen. ... Er aber war still und traurig in sich gekehrt, denn er war in dieser zahlreichen Gesellschaft wieder — allein. Was ihn ehedem mit Haß erfüllt, was ihn menschlicher gemacht hatte, woraus er endlich von schönen Augen befreit wurde, es traf ihn wieder; er hatte wieder Niemanden, er" war nach wie vor — allein! Stumm blickte er zum Fenster hinaus; weder lachende Fluren, noch rieselnde Büchlein vermochten den brennenden Schmerz in seiner Seele zu lindern. Ging es über eine Brücke fort, da dachte er bei sich: Vielleicht brechen die Pfeiler zusammen unter der ungeheuren Last — meines Herzens. ... Oh wie wohlig müßte es sich ruhen da unten im kühlen Wellengrabe! Doch die Pfeiler brachen nicht zusammen und auch der Zug wollte diesmal nicht entgleisen; er führte Jlissia sammt seinen singenden,- lärmenden Gefährten hinauf in die stolze Residenzstadt Wien, wo die Häuser so groß sind, daß die Gyorgyer Dorfkirche sammt ihrem Thurm unter ihrer Einfahrt aufrecht stehen könnten, ohne sich bücken zu müssen. .. . Er wurde in der Kaserne des Nustpu-Regiments untergebracht („Xu gti" — ich weiß es nicht; „Nustyu"-Regimenter heißen im Wiener Volksmunde die rumänischen Regimenter), wo ihm die Opintschen (Sandalen) abgenommen und die Füße in enge Schnürschuhe gesteckt wurden und wo ihm die schwere Kunst de^ Marschirens und des: „In die Balance!" eingedrillt wurde. Bald war auch die Rekrutenzeit zu Ende und noch immer mochte es ihm in dey großen Kaisttstadt nicht behagen. Je größer das Getümmel war, das ihn.umgab, desto — 204 — herber fühlte er seine Einsamkeit. Nur wenn er a«cm und unbeachtet war und auf das Eisenbett ausgestreckt sich die Zeit seines jungen Glückes in's Gedächtniß zurückrufen konnte, war er mit seinem Schicksal ausgesöhnt. So verstrichen denn drei schwere, sehn- suchtsschwere Jahre. Mit dem'Waffenrocke legte er dann auch den Kummer ab; man sah ihn sogar lächeln — das erste Lächeln seit drei Jahren. Frischen Muthes zog er zum Bahnhof, lächelnd bestieg er das Coups und lächelnd schlief er ein. Da hatte er einen gar wunderlichen, einen häßlichen Traum. Er stand wieder im Walde und blies das Lied vom Waisenknaben auf seiner Flöte; und wieder antwortete ein Echo aufsein Lied, nur daß es dumpf klang und so geisterhaft-hohl, wie eine Stimme aus dem Grabe. Die alten verwitterten Eichen steckten die Köpfe zusammen und mochten sich gar schreckhafte Dinge zuflüstern, denn die Pappelbäume, die ängstlich lauschten, schauderten zusammen, daß jedes ihrer Blätter erzitterte. Und als er mit beklommener Brust entfliehen wollte, da standen ihm überall riesige häßliche Kröten im Wege, die quakten: „Nuritu xoxa, murit . . . murit . . . murit!" (Der Pope ist gestorben . . . todt . . . todt . . . gestorben" . . .) Von Entsetzen gelähmt, blieb er stehen; da nahte sich ihm ein Greis in ein Todtsngewand aus weißen Linnen gehüllt. Es war der Pope des Dorfes, der Vater seiner Anujka, die er so innig liebte. Und ehe er sich dessen versah, hatte ihn der Todte umarmt und Blut floß aus den glanzlosen Augen und die Lippen bewegten sich, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Da erbarmte sich ein Specht des armen todten Mannes; er flog dem Jlissia auf den Kopf und schnarrte ihm die Worte in's Ohr: „Anujka todt, ärger denn todt" ..... Hellen Angstschweiß auf der Stirne, erwachte er; lächelnd und erleichternd seufzte er auf, als er sah, daß das Ganze ein alberner, böser Traum gewesen. Aber fest nahm er sich vor, nicht wieder einzuschlafen, bis er daheim sein würde. Süße Hoffnung belebte sein Herz; wie voll Neue bekreuzte er sich, als der Zug über die Brücke brauste, bei der er sich genau vor drei Jahren den Tod gewünscht! O wie schrecklich muß es sein da unten im kühlen Wellengrabe! Er kam in die Stadt, welche die letzte Eisenbahn-Station war vor seinem Heimaths- orte. Als er durch die Straßen ging, begegnete er einer fremden und doch wieder so wohlbekannten Frauengestalt in eleganten Kleidern, in putzigem Hute; sie lächelte Jeden an, der ihr begegnete. . . . Das war Anujka sein treuloses, sein — ehrloses Liebchen. Jetzt fühlte er sich erst recht — allein und verlassen. — Nie mehr sah er sein Dorf wieder; er blieb in der Stadt, wo er sie von Weitem täglich sehen konnte. Das Geld, das er sich beim Militär erspart, ging in die Branntweinschänke. Dort saß er den ganzen Tag über, stumm vor sich hinbrütend, in schwere, unheilvolle Gedanken versunken. Das Gift nagt in ihm fort; er wollte vergessen, vergessen, daß er einst gehofft, glücklich zu sein und daß er nun wieder allein sei. Die Seele war ihm zerrissen vom Schmerz, der Körper gebrochen vom Branntwein. Eines Abends faßte er Muth und ging in ihre Wohnung, die er erkundet hatte. Sie schlief. Er nahm die Flöte aus Hollunder- holz hervor und blies den wilden, stürmischen Sang von ehedem. Sie lächelte im Schlafe; sie mochte von den schönen, süßen Tagen der unschuldigen Liebe geträumt haben. . . . Im Halbschlafe erfaßte sie seine Hand, und bedeckte sie mit heißen Küssen; er überstand stumm vor ihr mit brennendem Auge, in das keine Thräne treten wollte. Als aber ihre Lippen sich im Traume bewegten und er die Worte hörte: „Haben Recht die Mädel im Dorfe; nennen Dich immer den „Ilrsu", da sank er hin zu ihr und bedeckte sie mit Küssen über und über und sagte: „Wir wollen einander nun nie mehr verlassen, wir wollen beisammen bleiben für und für . . . ." Tags darauf fand man die Dirne erwürgt auf ihrem Lager und Jlissia mit zerschmettertem Schädel an dcr Schwelle. Sie wurden in zwei Särge gelegt und nebeneinander begraben. < Nun ist er nicht mehr — allein! (Pest. L.) 205 Herbsttage am Attersee. Ist das ein fröhliches, heiteres, glückvolles Leben jetzt in diesen sonnengoldig- herbstlichen Tagen am Gestade des Attersees und auf den blauen und wieder tiefgrünen, von schneeigen Schaumkämmen durchzogenen Fluthen des weiten Gewässers! Zwar leicht schon verfärbt sich das hellere Grün der Linden und Birken und das in dunklern Tinten schimmernde Farbengemisch der Tannenwälder, welche allseits die bald sanft ansteigenden, bald mächtig aufwärts strebenden freundlichen Höhen bekleiden; zwar tritt schon da und dort, wie ein mahnendes Memento an das Vergehen der herrlichen Sommerszeit, auf den zierlichen, wohlgepflegten Wegen und Pfaden und in traulicher Einschicht still verborgen liegenden Lauscheplätzchcn im Schloßpark zu Kammer das verrätherische Gelb und Noth einzelner Blätter hervor; zwar heben sich erst in den späteren Vormittagsstunden die dichten, See und Land einhüllenden Nebelmassen, um das reine Blau des Himmels, Berg und Wald, und die weiten in verschwimmendes Violett getauchten Fernen der Wasserfläche dein Blicke freizugeben; zwar senkt früh schon des Abends die Dämmerung ihre Schleier dichter und dichter herab — aber all' diese von Allmutter Natur so unzweideutig hingeschriebenen Zeichen des nahenden Herbstes, sie vermögen doch nimmer den Sensitiven und den Getreuen dieses lieblichen Edens die köstlichen Stunden zu vergällen, jene einzigen Stunden, die mit ihrer Milde und mit ihrer schmeichelnden Lieblichkeit, mit ihrem lächelnden Sonnengold, mit ihrem eigenartigen Duft und Zauber, in dem ein Hauch von Schwermuth und Sentimentalität zuweilen zu zittern scheint, unser ganzes Ich, unser Herz und unsere Seele gefangen nehmen. .... Da schweift unser Auge von der Terrasse des Hotels hinaus über den leichtgewellten Spiegel des unvergleichlichen Attersees. Wunderliebliche Ufer-Partien, die gegen das südliche Ende den entschiedensten Hochgebirgs-Charakter zur Schau tragen, fassen den See, einer Niesenperle gleich, in das erquickende Grün einer erhabenen Landschaft. Hat vielleicht ein längst entschwundenes, langst verrauschtes Geschlecht von Göttern einst dieses glänzende Juwel nach stürmischem Streite um den Besitz desselben herabgeschleudert zur Erde, oder rief etwa ein beleidigter Dämon die rauschenden Wogen aus den Tiefen der wasserreichen Berge ringsum herbei und ließ das verheerende feuchte Element, eine zweite Sündfluth, immer höher und höher steigen, um so des üppigen Thales übermüthige Bevölkerung, deren Heim und Gut für immer zu vernichten? ... Da zur Rechten, von alten, laubrcichen Eschen, von hoch emporstrebenden Pappel- bäumen umgeben und umschattet, erhebt sich auf freundlicher, von den klaren, schaumreichen Wellen in gleichförmigem Getön bespülter, weit hinein in die schillernden Wasser des Sees dringender Landzunge das noch heute gar stattliche vielhundertjührige Schloß. Jetzt durch Neubauten ergänzt, gehörte es einst den Grafen Khevenhüller zu Aichelberg, einem Geschlechte tapferer Ritter und streitbarer Kämpen, das namentlich im sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zu hoher Blüthe gelangt war und dessen einzelne Glieder manche hochansehnliche Ehrenstellen und Würden einnehmen und bekleiden durften. Unter den imposanten, noch immer farbenfrischen Oclbildern, die, der Sitte damaliger Tage entsprechend, zu Füßen jeder einzelnen der lebensgroß gehaltenen Porträt-Figuren einen kurzen Lebensabriß derselben geben und die nunmehr die Wände der langen Corridore des einstigen Grafcnsitzes zu beiden Seiten zieren, finden wir eine stattliche Reihe von wackeren Kriegshelden verewigt, von denen nur einige hier erwähnt seien. Da ist Bärtl- man Khevenhüller, der „sich in Schwedische Dienst einlassen, bey Niernberg umkamen ißt vnd dein von Ihr: May: alle Guetter Confisciret worden"; dann Hans Moriz, „der sich auch in kricgs fachen hat Brauchen laßen"; Sigismund Josef, ein wackerer Held, dem „eine feindliche stückh kugel vor Belgrad 1738" das Leben nahm; Christas, „Com- missüri in hungarischen khriegen vnd gesandter zu khayßer Carol vnd Prinzen phylippen"; Moriz Christas, der „zu Padova seyne Studia vnd Exercitien vollsürct vnd den ertz Herrzog Albrecht vnd Wenceslai nach Hispanien geleitet hat", u. A. in. Wenn über die grauen Holzdächer der Schloßbauten, über den weiten Hof her, in milder sternfunkelnder Nacht der magische Silberschein des freundlichen MondgestirnS seine glitzernden Fluthen hereinsendet in die tiefstill daliegenden langen Gänge und die reckenhaften Anherren des gräflichen Hauses wie in geisterhaftes Licht taucht, so scheint es dem Gaste, der zu später Stunde seinem hallenartigen, alterthümlich eingerichteten Gemache zuschreitet und dessen Tritt auf den Steinfliesen des Fußbodens weithin widerhallt, als 'belebten sich all' die feinsten und gnädigen Herren im Eisenharnisch und im Tresscnrock und als nickten deren bauschig gekleidete Damen dem plebejischen Fremdling mit dem i ganzen Stolze der Burgfrau leichthin zu. . . . Und draußen über den leichten Wellen ^ ruht ein feenhaftes Leuchten und Zittern, wie aus den Tiefen der Wasser heraufschimmernd, ! der Abglanz eines gespenstigen Schatzes, den verschollene Geschlechter oder die Nixen " des Sees darin versenkt haben. . . . Und es schimmert das weiße Gemäuer der zahlreichen Villen und Gehöfte, welche den See besäumen, der Kirchthürme und kleinen Berghäuschen, halb hinter Busch und Wald verborgen, hirübcr nach Schloß Kammer und nichts stört da den süßen Schlummer der ganzen Natur. Kaum ein übermüthig Fischlein plätschert empor aus dem feuchten Element. Fernher durchzittert der jauchzende Jubelruf eines beglückten Burschen, der drüben am Gelände zum Fenster der Liebsten zieht, die Luft. Das Bellen eines wachsamen Hofhundes dringt an unser aufmerksam lauschendes Ohr, in den Zweigen der hundertjährigen Lindenbäume säuselt der wispelnde Nachtwind ein traumhaftes Lied, eine Grille zirpt, ein Halm raschelt im hohen Riedgras der Ufer. ... In weiter Ferne drüben am westlichen Gestade, fast hineingeschnitten in die Wasser, auf sanftem Hügelland sich erhebend, ein lebendig gewordenes Märchen — j so steht, getaucht in blendenden Mondglanz und davon umflossen, am Fuße des weit sich ! hinziehenden Buchberges das reizende Oertchen Attersee, das dem ganzen Gewässer seinen Namen leiht. Ob die Zauber der Nacht, die in überreicher Fülle die Gegend in und um Kammer beherrschen, oder ob das Bild eines sonnenbeglänzten Sommer- oder Herbsttages dem Auge mehr Wonne spendet, dem Geiste, dem Sinnen und Träumen, mehr Anregung und Genuß gewährt, wer wollte ein entscheidendes Urtheil darüber abgeben? . . . Eine große Gesellschaft, unter der leicht begreiflich die Wiener und selbstverständlich die schönen Wienerinnen eine tonangebende und erste Rolle spielen, gibt sich in Kammer alljährlich ! Rendezvous., Viele weilen monatelang, nicht Wenige die ganze Saison über hier. Bald theilen da Männlein und Weiblein — natürlich, wie sichs nun einmal bei uns geziemt, I hübsch getrennt von einander — mit kräftigem Arm in luftigem, buntem Kleide die krystallklaren Fluthen; bald promenirt die schwimmfreie Jugend gemeinsam in der herlichen, Jahrhunderte alten Linden-Allee bei den Klängen einer Musik-Capeell. An einer llmiirssss äores von Kammer, recrutirt aus den Hauptstädten Oesterreichs, die auf Tod und Leben den curgcbrauchenden Blondinen und Brünetten die Cour zu machen beflissen ist, fehlt es nicht. Ein gut Theil der Bade-Societät tummelt sich auch draußen auf dem See im schauckelnden Fahrzeug, im Kielboot, im Miniatur-Dampfer „Dowe" umher, während das graue Alterthum, die ehrsamen Väter, im Spielzimmer des Hotels einen Robbcr wagen, der sich mitunter vom schwarzen Kaffee bis zur Souperstunde hin verbrodelt.... Fürwahr, Jeder kann hier in Kammer nach seiner Facon seine Tage genießen. ^ Derjenige, welcher die Unterhaltung des gesellschaftlichen Verkehrs sucht, wird hier nicht ' minder Befriedigung seiner Wünsche finden, als Derjenige, welcher sich etwa in.die Tiefen" seines eigenen Ichs zurückzuziehen geneigt ist. In den stillen Gängen des schattenreichen Schloßparks und an mancher waldigen Stelle der nahen umliegenden Hügelketten wird ihm sein Lieblingsplätzchen entgegenlächeln. Oben auf mäßig ansteigender Höhe steht das niedliche Oertchen Schörfling mit seinen in den Seitengassen meist charakteristisch gebauten Holzhäusern, die mit ihren luftigen, reich mit Epheu und wildem Wein umrankten Veranden und offenen Gängen einen gar gefälligen Anblick bieten. Kaum daß die kleinen Fensterchen aus dem dichten üppig wuchernden Laubgrün hervorlugen, in denen sich dann wohl zuiveilen der Blondkopf eines bäuerlichen pausbackigen Bübchens zeigt oder das 207 — lächelnde Gesichtchen einer frischen rosigen Dirne mit schwarzem, nach rückwärts zu gebundenem, reiche braune Haarflechten eindämmendem Seidentuch, wie dies ja eine specifische Eigenart der Toilette der Oberösterreicherin bildet. Drüben, am westlichen Ufer des Sees, schimmern auf grünem Grunde die weißen Häuschen und der hohe Kirchthurm von Seewalchen, wo es gleichfalls Sommers über an fröhlichem, luftschnappendem Stadtvolk aus Wien und Linz nicht mangelt. Reizend erdacht und ausgeführt liegt da das artige Schlößchen eines Residenzlers, ganz im Style einer alten festen Burg mit Thurm und Thürmchen, Erkern und hohen bleigefaßten Fenstern. Durch das zierliche, kunstvoll gefertigte Eisengitterthor, das den herrlichen Besitz gegen die Fahrstraße zu abschließt, blickt man wie in eine kleine Zauberwclt hinein. Es ist da Alles so niedlich und geschmackvoll, so zierlich und neckisch, daß man unwillkürlich an das schöne Märchen vom ^Spielzeug der Riesenkinder" denken mag. » . . Non den herrlichen Ausflügen nach Steinbach, nach Weißenbach, in deren Felsen- bereich es einem Glücklichen zuweilen gegönnt ist, flinke Gemsen über Gestein und Geklüft 'springen zu sehen, sollte ich lieber gänzlich schweigen. Wer wollte all' diese imposante Pracht auch nur annähernd beschreiben? Ist der Himmel tiefblau und in seiner leuchtendsten Schöne, dann ragen die Zinken und Schroffen des am östlichen Seegestade liegenden „Hochlecken" und die des mächtigen „Höllengebirges", in dessen Schluchten der Kaiser zu jagen liebt, gerade hinein in den reinen, ungetrübten Aether. In Ünterach drüben, am südwestlichen Ende des Attersees, in dem idyllisch dort ruhenden Dörfchen, scheinen sich die echten Gebirgsfexe zu einem länger» Sommer-Meeting versammelt zu haben. Da geht es unter nackten Knien, der kurzen „Ledernen", unter Brustlatz, Bundschuhen und dem gemsbartgeschmückten Aelplerhut nicht ab. Köstliche Gestalten tauchen da wohl vor unserm Blicke auf — der wahre Typus des städtischen Verg- uarrcn, wie er im Buche steht. Dort steigt auch der Rigi Oberösterreichs in die Lüfte, das steinerne Wahrzeichen des Atter- und des Mondsees, der Schafberg, der jüngst erst wieder zum Schauplatze eines erschütternden Unfalles geworden ist. Uebrigens ist es sicher nicht so leicht möglich — extravagante Touren hübsch beiseite gelassen — bei einer Besteigung desselben Schaden zu nehmen oder wohl gar zu verunglücken . . . Was aber unser liebliches Kammer betrifft, so geht dieses durch eine bereits in Aussicht genommene Schienenverbindung mit der großen Eisenstraße Wien-Salzburg, (Einmündungs-Station Böcklabruck) einer noch glänzendern Zukunft entgegen. Man braucht kein Prophet von Profession zu sein, um diesem freundlichen Fleck Erde am nordöstlichen Ende des Atter- secs ungeahnten Aufschwung zu prognosticiren. Schon jetzt weist es alljährlich einen Gesammt-Fremdenvcrkehr, Alles in Allem gezählt, von mehr als fünfzehntausend Seelen nach, gute Seelen, schöne Seelen und auch die übrigen pflichtschuldigst eingerechnet-... Möge denn das schnaubende Dampfroß recht bald in langen Zügen der reizenden See- kmcht die Naturfreunde des ganzen Continents zuführen l - Kammer, am 15. September 1880. (Deutsche Ztg.) Herbst Kunde. „Ade! ich stiege nun davon, Weit, weit Reis' ich noch heut'!" Fcldeinwärts flog em Vögelein und sang im muntern Sonnenschein Doch rückwärts kani der Sonnenscheins Dicht zu mir drauf das Vögelein, Es sah mein thränend Angesicht Und sang: „Die Liebe wintert nicht, Nein! Nein! Ist und bleibt Frühlingsschein!" Mir ward so woyt und doch w bang; Mit frohem Schmerz und trüber Lust Stieg wechselnd bald und sank die Brust. Doch als ich Blätter fallen sah. Da dacht ich: Ach, der Herbst ist da! Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,' erz l Herz! trichst Du vor Wann' oder Schmerz? Brust. Vielleicht so Lieb' und Sehnsucht flieht Weit, weit, Rasch mit der Zeit! 208 Miseelleri. (Preuß'sche Pfiff.) Ein Oesterreichs und ein Preuße saßen im Wirthshaus« zusammen. „Mein Komroden, sogns mer doch amol, nemen's nit übel, wos sind dann holt preuß'sche Pfiff, (i hob schon oft sog'n hören: preuß'sche Pfiff,) maß holt gor nit, wos dös is." — „Ei, das null ich Ihnen gleich z. B. hier zeigen," sagte der Preuße, indem er die flache Hand auf den Tisch legte; „schlagen Sie mir einmal mit der Faust darauf." Als der Oestcrreicher einmal einen derben Schlag darauf thun wollte, zog der Preuße schnell die Hand weg, und der Andere bekam einen gehörigen Puff auf dem Tische. „Nun, Herr Kamerad, nehmen Sie es nicht übel, das war ein preußischer Pfiff.,, Der Oesterreicher nahm's nicht übel, und ging fort. VaH> begegnete ihm auf der Straße ein Landsmann, dem er voll Freude zurief: „Hör Komerode, i waß jetzt, wos preuß'sche Pfiff find, i will der's a sog'n." — „Nu, wie denn, wos denn," fragt der Andere. „Schau," sagt der Erste, „schlag mer mal auf mei Hand" — (er hielt sie, da auf der Straße kein Tisch oder sonst was Dienliches zu sehen war, auf seinen eig'nen Mund). „Schlag mir nur amol aufe." Der Andere holt endlich aus zum Schlag. Schnell zieht der Erstere nun die Hand weg, und der Schlag fährt ihm gesalbt auf den Mund, daß ihm die Zähne wackeln und die rothe Brühe nachläuft. (Bienen in Paris.) In der letzten Zeit sind mehrfache Klagen beim Polizei- präfecten von Paris über die zunehmende Bienenhaltung und die dadurch herbeigeführte Belästigung gestellt worden. Ein einziger Züchter soll mehr als 800 Stöcke haben. Diese Bienencolonien sind größtcntheils in der Nähe der großen Zuckerfabriken angesiedelt, in denen sie ihre Nahrung suchen. Eine einzige Fabrik schätzt den ihr durch dieselben zugefügten Schaden jährlich auf 25,000 Francs. Ein Halbliterglas mit Syrup ist in weniger als zwei Stunden vollkommen geleert. Die Arbeiter, welche genöthigt sind, ihre Beschäftigung zum Theil mit entblößtem Körper zu verrichten, wobei ihre Haut mit dem süßen Saft bedeckt ist, beklagen sich fortwährend über die Angriffe der Bienen und es sind schon Fälle vorgekommen, wo in Folge davon die Arbeit eingestellt werden mußte. (Napoleons Rückzug.) Napoleon, in dessen Kopfe so riesenmäßige Pläne entworfen wurden, fühlte sich einst durch den naiven Einfall einer Dame betroffen, als er noch auf dem Gipfel seiner Macht stand. Auf einem Balle in Paris trat er einer Tänzerin zu nahe und wurde von ihr unsanft berührt. Sie entschuldigte sich aber sogleich in den höflichsten Ausdrücken. — „Hat nichts zu sagen," erwiderte der Kaiser ebenso höflich/ „ich habe mich noch zur rechten Zeit zurückgezogen." — „Sire," entgegnete sie, „ich finde mich sehr geschmeichelt, die erste Person zu sein, welche Sie zum Rückzüge nöthigt." Ein Mann, der mit seinem alten zänkischen Weibe den Stephansthurm in Wien bestieg, sagte zu einem Freunde: „Heute erinnere ich mich sehr lebhaft meiner Kinderjahre, dazumal ließ ich, eben wie heute, einen Drachen steigen." Original-Charade. * So kurz an sich mein Wvrlchcn ist (Denn merkt! es hat drei Zeichen) So kann's euch doch für lange Frist Wenn ihr euch drein zu schicken wißt Den Freudenbecher reichen. Doch wenn euch Gott nicht gnädig ist Wenn Zwietracht herrscht, und Trug und List Ja freilich, dann gibl's manchen Zwist; Der Gram, der dann am Herzen frißt Wird früh die Wange bleichen. Es bleibt, wenn man es rückwärts liest ^ Genau das was es vorwärts ist, ' Dies; Wörtchen von drei Zeichen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler.