Nr. 27. terüaktungsbkntt zur „Angsliirrger PostMimg." Samstag, 2. Oktober 1880. Der erste Schritt sellgkeit. zum Laster ist der letzte auf der Bahu der Tugend und der wahren Glück- Camp e. Der Moos-Urbrrn. Eine alte französische Volkssage, neuerzählt von F. S. v. C. Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte zu La-Souterraine *) in Frankreich ein Mann Namens Urban Gagnet; er war ungefähr 65 Jahre alt, versah die Dienste als Todtengräber und hatte zugleich das Läuten der Kirchenglocken zu besorgen. Er lebte mit seinen beiden Söhnen in der lins än coo> in großer Armuth; seine Söhne Hieronymus und Joachim, ihrer Profession Maurer, waren im Elende groß geworden und hatten keinerlei Unterricht genossen. Der schlechte Ruf ihres Vaters hatte auch verhindert, daß sie sich verheirathen konnten und so hatte der Eine ein Alter von 40, der Andere ein solches von 36 Jahren erreicht. Sie verdienten nothdürstig ihr Brod und lebten meist im Unfrieden mit ihrem Vater, so daß es nicht selten zu solchen Auftritten zwischen ihnen kam, daß die Nachbarn herbeieilten, Frieden zu stiften; es schien wahrhaft der Fluch auf dieser Familie zu ruhen. Es war am 24. Dezember 1556 als gegen 10 Uhr Nachts Urban Gaguet heimkehrte, in der Hand eine Flasche Branntwein tragend, eine Harzflamme erleuchtete die Stube, in der die beiden Sohne ihn erwartet hatten. „Kinder", rief er ihnen zu „wir wollen heute Weihnachten feiern, doch unter der Bedingung, daß Ihr heute Nacht statt meiner die Glocken in der Kirche läutet und daß ich sicher darauf rechnen kann." „Wir werden läuten Vater!" antworteten sie. „Außerdem empfehle ich Euch, während des Aufhebens der Hostie in der Messe etwas länger zu läuten." „Es soll nach Euerem Wunsche geschehen." »Ich muß mich »heute Nacht von hier entfernen, um einen großen Plan auszuführen, vielleicht sind wir bis Morgen reiche Leute." „Wolle es Gott!" sagten die beiden Söhne, „wir leiden in diesem Elende nun lange genug." „O, der gute Gott ist sicherlich da drinnen, wohin ich gehe, meine Kinder, aber wenn es selbst der Teufel wäre, der diesen Schatz bewahrt, so verkaufe ich mich auch diesem!" und dabei schlug Gagnet ein höllisches Gelächter auf; währenddcß brachten die Söhne die zinnenen Becher herbei und die Flasche wurde bald geleert. „Hieronymus", nahm der Vater das Wort, „suche einmal in der alten Truhe nach *) Stadt in Departement Creuse. 210 einem großen Sack, der aber kein Loch hat, und Du, Joachim, brmge mir den großen Palmstock, der hinterm Kamin steht." Dem Befehle wurde entsprochen. „Und nun gehe ich; Ihr erwartet mich bis 3 Uhr Morgens, sollte ich nicht mehr zurückkehren, so laßt eine heilige Messe für meine arme Seele lesen." Und damit stieg er raschen Schrittes die Stufen hinab, seinen Söhnen nochmals nachdrücklich empfehlend, beim Erheben der heiligen Hostie ja nicht zu vergessen, etwas länger zu läuten. Hören wir nun was die Legende weiter erzählt: Wo einst die alte Stadt Breda stand, und zwar an der Stelle, genannt „zum Kreuz zu den vier Wegen", war der Eingang zu einem unterirdischen Gange, der sich jedes Jahr nur einmal, nämlich in der Weihnachtsnacht, während des Läutens bei der Wandlung in der Mitternachtsmesse, öffnete. Diese Höhle enthielt denn einen unerschöpflichen Schatz, reicher als der, den Edmund Dantes, ein paar Jahrhunderte später auf der Insel „Monte-Christo", auf die Anzeige des Abbe Faria hin, finden sollte. Gold und Diamanten waren da in granitenen Urnen angehäuft. Aus diesen Schätzen hoffte denn Urban Gagnet seinen Sack füllen und noch rechtzeitig aus der Höhle kommen zu können, wenn seine Söhne empfohlenermaßen das Läuten etwas verlängern würden. — Nachdem er rechtzeitig die Stadt verlassen hatte, kam er noch vor Mitternacht an jenem Kreuzwege an. Die Nacht war finster und kalt, schweres Gewölk ward durch den Wind aus Nordosten getrieben und drohte sich in Strömen von Negen zu entladen. — Aber was waren für Urban die Wolken des Himmels, was Sturm und Negen? — In ihm lebte nur ein Gedanke, nur ein Traum, nur eine Begierde — Gold! — Doch er wußte auch, daß die Personen, die sich bis jetzt in die Höhle hinab- wngten, niemals zurückkamen, und daß dort neben den mit Gold gefüllten Urnen Massen von Menschenknochen aufgehäuft waren. — Trotz aller dieser Gefahren, die ihm drohten, fiel ihm doch nicht bei, am Fuße des Kreuzes zu beten und sich Muth und Kraft zum Bestehen dieses kecken Unternehmens zu erflehen. Die Lockung des Goldes zerstört im Menschen jedes Gefühl von Frömmigkeit, jeden Gedanken an eine höhere Macht, an Gott! Denn die Unglücklichen, so Baal dienen, schauen nur auf die Materie, richten aber nie ihre Blicke vertrauend zu dem gestirnten Himmel empor. So erwartete denn Urban Gagnet die Eröffnung des Ganges mit fieberhafter Begierde. — Die Messe mußte längst begonnen haben; endlich vernahm er das Läuten zur Wandlung und in selbem Augenblicke trat ein Gespenst aus dem, nächst der Straße gelegenen Gehölze; es trug eine Art Dreizack in der Hand, schritt gegen den Eingang der Höhle vor und schlug dreimal an den Felsen, mit Grabesstimme rufend: „Schatz, öffne dich!" In selbem Momente schlug oben aus dein Felsen eine Flamme, die über das Gestein hcrabzüngelte und der Schlund des Schatzes öffnete sich ein wenig. Urban stürzte sich rasch gegen die Oeffnung vor, seine Blicke waren geblendet von dem Glänze der hellcrlcuchteten Grotte; er glaubte nun das Ziel seiner Wünsche, die Verwirklichung seines einzigen Begehrens erreicht zu haben. Eine Treppe von etwa zwanzig Stufen führte zu dem goldenen Sesam; rasch möglichst war er unten und-eilte sich, seinen Sack mit den kostbaren Steinen und den Stücken Goldes zu füllen. In wenig Augenblicken hatte er es vollbracht und rasch stieg er mit dieser kostbaren Last die Treppen wieder hinauf; aber bei der letzten Stufe glitt er in seiner Hast aus, er taumelte zurück, der Sack fiel ihm von der Schulter und zog ihn wieder in die Tiefe hinab. Ein höllisches Geschrei von Wuth ausstoßend, raffte er den Sack rasch auf und stürmte wie ein Rasender nieder dem Ausgange zu; er hatte ihn noch nicht vollends erreicht, da hörten die Glocken u läuten auf und die Höhle schloß sich. Soll ich nun die Martern dieses Verdammten schildern, die er in diesem Abgrunde inmitten dieser Reichthümer zu ertragen hatte? hiezu bedürfte ich der Feder eines Dante Alighieri, mit der er die Qualen Isgolini's beschrieb — doch versuchen wir es. 211 Als Gagnet sich zu einem gewissen Tode verdammt sah, als sich rings um ihn tiefe Finsterniß verbreitete, kam ihm kein Gedanke der Ergebung in den göttlichen Willen, — er siel nicht auf die Kniee, Gott um Vergebung zu bitten! — Nein, auf den Knieen rutschte er noch ein paar Stufen hinauf, den Mund schäumend vor Wuth, die Hände zusammengeballt und aus vollem Halse Flüche und Gotteslästerungen ausstoßend; er rannte mit der Stirne in blindem Zorne gegen den Felsen, der den Zugang schloß und stürzte bewußtlos in die Höhle hinab. Als er seiner Sinne wieder mächtig wurde, wollte er sich vorn Boden erheben, aber vergebens waren seine Bemühungen hiezu; wie ein Reptil kroch er vorwärts, den Urnen entlang, die er so trunken von Begierde mit Gold und kostbaren Steinen gefüllt sah, aber vergeblich tastete er herum, den Ausgang zu finden; seine Hände berührten nur Knochen, Felsentrümmer und kleberige Erde — sein Wuthgeschrei wiederhallte in den Echo's der Höhle gleich dem Brüllen wilder Thiere. Schmerz, Ermattung, Verzweiflung marterten ihn, er kroch noch einige Zeit fort, aber dann versagte ihm alle Kraft, die Stimme brach ihm endlich, und damit schweigen die Echo's und Grabesstille herrschte rings um ihn. — Urban Gagnet schloß endlich die Augen, denn wie Blei legte es sich auf seine Lider — er glaubte zu sterben. So schlief er wunderbarerweise mehr denn ein Monat diesen lethargischen Schlaf, ohne Begriff von Leben, ohne Empfinden, selbst ohne Traum. — Sein Körper war im Zustande eines Leichnams. Bei seinem endlichen Erwachen wollte er die Augen öffnen, aber vergebens, er vermochte es nicht, er wollte seine Hände bewegen, aber sie waren erstarrt und versagten ihm den Dienst, er fühlte sich nackt, denn er hatte kalt und über seinem in Aufzehrung begriffenen Fleische fühlte er Myriaden von Insekten sich bewegen, über sein Gesicht empfand er das Streifen der Fledermäuse, die zeitweise auch auf seinem Kopfe Ruhe suchten und in die Furchen seiner Stirne die kleinen Krallen ihrer Flügel setzten. Der Unglückliche lag auf dem Rücken in einer Art faulen Schlammes und nur der Kopf allein ruhte auf einem von Moos bedeckten Granitblocke. So verrannen Stunden, Tage, .Monate — und Urban lebte noch. Im sechsten Monate war sein ganzer Körper mit Ausnahme des Gesichtes mit grünlichem Moose bedeckt und in diesem Moose verbergen sich die Eidechsen, auf seiner Brust sammelten sich die Kröten, die Scorpione nisteten unter seinem Kreuze und die Nattern ringelten sich um Arme, Hals und Beine — und er lebte immer noch — O! wer kann schildern, was in ihm vorging; — er wollte mit den Zähnen knirschen, vermochte aber die ausgetrockneten Lippen nicht zu bewegen — wie wäre ihm jetzt der Tod süß und wohlthuend gewesen! — Aber diese Qualen sollten ein volles Jahr dauern. Nachdem die Söhne Gagnet's, den Vater in der Weihnachtsnacht und dann auch die Tage und Monate darauf nicht mehr zurückkehren sahen, dachten sie: der Vater wird wohl in der Höhle von Breda seinen Tod gefunden haben, möge er dort ruhen, wir holen seine Gebeine gewiß nicht von dort! — Sie hatten ihr Maurerhandwerk fortgetrieben und überdies auch noch das Todtengräberamt und das Geschäft des Kirchen- läutens statt ihres Vaters übernommen. — Lange Zeit sprach man in dem kleinen Städtchen noch von dem räthselhasten Verschwinden Urban Gagnet's, da er aber ein wunderlicher und bösartiger Mensch war, so bedauerte ihn Niemand und bald war er vergessen. — So kam die Weihnachtsnacht des Jahres 1557; die Pforte des Schatzes öffnete sich wieder wie im Vorjahre auf die Stimme des Geistes der Ruine; die Höhle war plötzlich erleuchtet und das Gespenst, immer mit dem Dreizack bewaffnet, schlug gegen den Stein, auf welchem das moosig-grüne Haupt Urban Gagncts's ruhte, rufend: Erhebe Dich, Erdenmensch, das Probejahr ist um — Du wolltest eindringen in die Geheimnisse des Grabes, um irdische Schätze zu erringen — Du hast gebüßt nun — man wird in Zukunft Dich Moos-Urban rufen, denn Dein Körper bleibt bedeckt mit dem Moose der Gräber! — spute Dich, trete hinaus, ziehe von Hinnen und schlepp' ihn mit Dir, den Sack, gefüllt mit den von Dir' ersehnten Reichthümern > — — Magnet fühlte alsbald Leben in sich zurückkehren, in einer Sekunde rief er sich das Marterleben eines Jahres zurück, er vermochte sich zu erheben, er konnte sich bewegen, seine Knochen krachten, er konnte die Augen öffnen und sah sich von einer blauen Flamme umgeben. Das Gespenst schritt vor ihm her, zeigte ihm die Stufe» der Ruine und wies auf den gefüllten Sack hin; — Der Gefangene lud ihn auf seine Schultern und verließ mühsam die Grotte, die sich alsbald hinter ihm schloß. Als Gagnet wieder die frische Lebenslust einakhmete, fühlte er, daß sein ganzer Körper mit Moos bedeckt war und erschreckt darüber eilte er so schnell als es seine Last erlaubte dem Städtchen zu, sich sehnend, seine Kinder und sein Haus wieder zu sehen. ^ Unterwegs begegnete er mehreren Landleuten, die aus der Christmette "kamen; die Nacht war hell und eine furchtbare Angst befiel sie, als sie ihn sahen, und sich vom bösen Geiste verfolgt glaubend, entflohen sie unter Angstgeschrci. Bis er in die Stadt kam, war bereits alles zur Ruhe gegangen; er schritt schnurstracks in die Coqstraße seinem Hause zu und klopfte dreimal an der Thüre. „Wer ist da?" schrieen seine Söhne. „Ich bin's, euer Vater, ich komme, von wo noch Niemand gekommen ist! — öffnet schnell! Euer Glück ist gemacht!" Die beiden Söhne hatten Mühe die Stimme ihres Vaters zu erkennen, doch standen sie auf, machten Licht und stiegen hinab um zu öffnen. — Da gewahrten sie an der Schwelle den Greis, vollständig bedeckt mit Moos; — sie bebten vor Schrecken und machten das Zeichen des Kreuzes. — „Entfernt Euch, Verfluchter! — Ihr seid nicht unser Vater!" „Meine Kinder!" — habt Mitleid mit euerem armen Vater, ich habe Bitteres genug gelitten, um so zu werden, wie ich Ihr mich seht, — habt Erbarmen und laßt mich eintreten und ausruhen von meinen Leiden, — kennt Ihr diesen Sack? — er ist voll Gold!" — Die beiden Söhne wichen ^nige Schritte zurück, worauf Vater Urban eintrat und seinen Sack auf die vor ihm stehende alte Truhe werfend, sagte er: „Oeffnet ohne Furcht, es ist Gold!" Joachim öffnete den Sack und entleerte ihn, — aber, wer malt die Ueberrafchung, nur Menschenknochen rollten zu ihren Füßen." „Fluch!" schrie Urban. „Ja, Fluch über Euch!" riefen Beide entsetzt. „Ihr seid ein Gespenst der Hölle und bringt uns hier die Gebeine unseres Vaters! — weichet von uns, Satan!" Und Hieronymus stieß den Greis in seiner Mooshülle auf die Straße und schloß lasch die Thür. Der Vater, verkannt von seinen Söhnen, mit dem Fluche Gottes belastet, schleppte sich bis an den Kirchhof und hauchte dort am Eingänge seine Seele aus. Als die beiden Söhne Urban's sich von ihrem Schrecken erholt hatten, sagte Hieronpmus zu Joachim: „Es sind sicher ^die Gebeine unseres Vaters, lasse sie uns am Eingänge des Kirchhofs zur Erde bestatten, hinter die großen Steine an der Pforte." „Ja, laß' uns gehen!" erwiderte Joachim und sie verbrachten die Knochen wieder rn den Sack, löschten ihr Licht, nahmen Hacke und Schaufel und begaben sich nach dem Kirchhofe, zu dem sie den Schlüssel hatten. Am Eingänge angekommen, verwirrten sich ihre Füße in einem Haufen Moos, der sie schier zum Falle brachte; sie untersuchten das Hinderniß und erkannten einen Leichnam, —- es war die Moosgestalt, die sich just für ihren Vater ausgegeben hat. Sie zogen den Kadaver, der noch laulicht warm war in den Kirchhof, gruben hinter dem linken Pfeiler der Eingangspforte ein Grab aus und verscharrten Alles sammt dem Sacke; die Arbeit vollbracht, besorgten sie das Läuten des Angelus. Niemand im Orte außer den beiden Gagnet's kannte das Geheimniß dieser finsteren 213 Nacht! doch beim anbrechenden Tage gewahrten die Personen, welche am Kirchhofe vorübergingen, daß auf dem Stein am linken Pfeiler der Eingangspforte, die Figur des Moos-Urban's in seiner grauenhaften Häßlichkeit eingegraben war. Dies räthselhafte Steinbild hat sich bis auf die neuere Zeit erhalten und die Kinder fürchteten sich davor und die Mädchen bekreuzigten sich beim Anblick desselben. Moos-Urban war gleichsam der Kirchhofwächter — in neuester Zeit besteht dieser Kirchhof nicht mehr — und auf mein Befragen, was aus dem Steingebilde des Moos- Urban's geworden, die ich noch vor dreißig Jahren auf seinem Standpunkte sah, und über die mir der damalige Friedhofwächter, obige nach den Ueberlieferungen erhaltene Wundergeschichte erzählte, vermochte mir Niemand mehr Auskunft zu geben. Die Eifel, Wer hätte, im Binnen- und Flachlande geboren, nicht eine unbezähmbare Sehnsucht gehabt, einmal das Hochgebirge und einmal das unermeßliche Meer zu sehen? Wer vergäße den mit nichts anderm mehr zu vergleichenden Eindruck, den beide beim ersten Anblick auf ihn machten? Nach diesen — sagte er sich gewiß — gibt es nichts Schönes mehr in der Natur. Und doch müßte die Natur arm und müßte noch ärmer das Menschengemüth sein, wenn dem in Wirklichkeit so wäre. Schön, weil anders schon als alles andere; anders als der sanfte Goldspiegel der südlichen Meere an sanftem Sommerabend, oder als die tosenden Schrecken der stürmischen Nordmeere; anders schön als die Riesen der Hochalpen, auf deren Haupt der Schnee des Greisenalters ruht, während ihnen zu Füssen die Kinder des Lenzes spielen; anders schön als die singende und klingende Heide des reichen Ungarlandes, anders wieder als die graue, märchenhaft stumme Ebene des Nordens; anders als die üppigen Gestade und glänzenden Spiegel der oberitalischen Seeen; and-"-K als die zauberhaft lieblichen sagenumklungenen Nebenhügcl der Saar oder des Rh^...^ — anders, ganz anders als alles dies, von allen verschieden, kaum eine einzige Eigenschaft mit ihnen theilend, nicht einmal die der Berühmtheit oder Beliebtheit — und doch schön; nur spröde und zurückhaltend, keusch und kalt, dem Manne aber mit dem rechten Herzen zugethan und ihm ewig unvergeßlich ist der Winkel-Erde zwischen Rhein und Sauer, Moosel und Maas, ist die Eifel. Ihr gelte heute mein Rühmen; doppelt weil ich wie manch anderer erst so spät — nachdem halb Europa durchlaufen war — in ihre Zauber meine Gedanken versenkte; Zauber, die vielleicht nicht so lange unbewundert geblieben wären, hätten sie mir nicht von Kind auf so nahe gelegen! Und nun, da ich von manch weiter wilder Wanderung in die stille Heimath wieder eingekehrt, dies zurückgezogene und zurückhaltende Kind flüchtig begrüßen wollte, ging mir's, wie's so oft hienieden geht: dauernder und erquickender wurde mit dem einst gar nicht beachteten einfachen Kinde der Freundschaftsbund geschlossen, als jemals mit der anspruchsvollsten sprödesten Schönen in der fremden Ferne, die, schwer und mühsam errungen, bald und leicht verlassen wurde. . Und wie ich eben die Reize der Holden schildern will, finde ich das fernere Zutreffen des gebrauchten Vergleichs auch in der Schwierigkeit, im Einzelnen zu beschreiben, was in seiner Vereinigung so zauberhaft auf mich einwirkte. Dennoch sei wenigstens der Versuch zum Preis der Schönen gewagt. Zunächst war es wohl das zuerst etwas bang beklemmende, mählich aber erleichternd und dann so erhebend wirkende Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins, das mich an dem sonnenreichcn Frühlingstag überkam, da ich von Gerolstei» hinaufwandelnd mich einmal wieder umschaute und den Hinabblick ins enge Thal, wo Eisenbahnschienen liegen und hin und wieder eine Locomotive kreischt, verloren hatte. Und nun waren wir allein; die stille, so bescheidene, nirgends aufdringliche Landschaft und ich. Von jeher dachte ich wir, es müsse doch noch weit entsetzlicher sein, nie allein zu sein, als immer allein zu zu sein. Und wie selten leider ist man in unserer lärmenden Zeit allein I Es gibt Land- 214 schasten, und die allerschönsten und berühmtesten gehören dazu, so z. B. der Rhein von Bingen bis Bonn vom Dampfschiff aus gesehen, die etwas unendlich Anspruchvolles, Aufdringliches haben. Beim ersten Mal merkt man das nicht so; bei öfterem Besuch aber kann dieser Eindruck sogar unangenehm empfindlich werden. Nichts von alledem hat die Eifel; sie verbirgt ihre Reize eher allzu züchtig, als daß sie dieselben zur Schau trüge, um zu ihrer Bewunderung zu nöthigen. Da schritt ich durch kleine Wiesenthälchen, die tausendfach gekrümmte Büchlein durchstießen, klomm wieder über eine alte Brücke hinweg die Höhe hinan, wo links und rechts die Bauersleute ackerten und über mir die Lerchen auf- und niedersteigend ihre Frühlingshymnen schmetterten. Dann trat ich auf der Höhe in eine junge Buchenschonung oder wand mich auf halbverwachsenem Fußpfad durch eine Fichtenpstanzung, gesuchte Mühsal gern überwindend und mit den Händen links und rechts die stärksten der nadligen Aeste mir vor dem Gesichte wegbiegend, während ich die jüngeren schwächeren gern, wenn auch mitunter unsanft kosend, mir Nase und Backen streicheln ließ! Und wenn ich nun besonnen nachdenke, wie oft, wie tausendmal schon machte ich solche Wanderung, ohne davon im entferntesten solch Behagen zu genießen! Sonst lagerten eben stets hinter den sanften Wiesen, den halberwachsenen Hecken und spitzköpfigen nickenden Fichten die dunkeln weißgipfligen Niesen des Hochgebirges oder breitete sich hinter ihnen das herübertosende Meer aus. Und dann standen auf diese die Gedanken und achteten in Erwartung der majestätischen Eltern der lieblichen im Vorzimmer spielenden Kinder nicht. Hier aber fühlt nian sich Kind unter den Kindern, weil man nicht in den Kleidern steckt, in welchen man den gestrengen Eltern Besuche machen könnte. Und des wird man eben froh und immer froher; denn bei den Kleinen wird man und fühlt man sich selber Kind und fängt bald an, mitzuspielen. Wie wohl aber thut das in gereiftcren Jahren! Bald ist nichts um uns als leichtbewölkter blauer Himmel und scheinbar nur leichtgewelltes, von wenigen bedeutenden und hervorstehenden Kegeln überragtes Hochland; schwarzer Wald und helle Flur, in kleinen Flächen ewig miteinander abwechselnd — wie ein Schachbrett für Riesen — nur fernher von kahler Höhe winkt, den Horizont scharf markirend, ein Kirchlein mit niederm Thurme ins Land herein, Gedanken und Sage der Vorzeit weckend. Und stundenlang lag ich im Schatten dieses Kirchleins hingestreckt, den Blick in den See, unter mir das Weinfelder Maar, gesenkt und den Spiegel des Himmels in der unergründlichen Tiefe desselben betrachtend. Hier ist so recht der Herzschlag der rauhen abgeschiedenen, nur wenigen zugethanen und von wenigen verstandenen, von diesen aber treugeliebten Gottestochter Eifel. Steht man hier auf kahler Höhe, so sieht man sowohl neben sich auf der Höhe als auch über 100 Fuß, tiefer unter sich in einem zweiten Kessel, bei Schalkenmehrcn, je einen stillen kleinen See: ein Anblick, der in solcher überraschender Unmittelbarkeit nicht ein zweites Mal in Europa sich bieten dürfte. Im Alpengebirge der Nordkarpathen kommt er einigemale, aber mit weit schwächerer Wirkung, vor. So überraschend wie hier kannte ich ihn nicht. Traumhafte Abgeschiedenheit heißt der Grundgedanke dieses so seltsamen Stückes Erde am Weinfelder Maar. Und wenn man wohl vom Meere sagen kann, daß in ihm die Natur zürne, von der Heide, daß sie träume, vom Hochgebirge, daß es herrsche — hier trauert die Natur, ja, hier weint sie. Und unmittelbar theilt sich diese Stimmung der Trauer dem Beobachter mit, bis er immer mehr in Betrachtung sich versenkend, allmählich aus der Trauer zu stiller Ruhe, zu süßer Vergessenheit geführt wird und — - Hier ist all mein Erdenleid Wie ein banger Traum zergangen, Süße Todesmüdigkeit Hielt die Seele mir umfangen. Mählich ccher löst sich auch die Seele aus diesem Gefühle der Todesmüdigkeit oder besser der Lebensvergessenheit und findet höchste Erquickung im stillen Träumen über dem schwarzblauen Wasser auf lautloser, kahler, nur von schwacher Waldung umsäumten Höhe. Aus der unerforschten Tiefe des Seees klingt es dann wie ein verrathenes Geheimniß, um dich summt und schwirrt es wie das Rauschen verlorener Sage von kühnen Geschlechtern; und in der blauen Höhe über dem See kreisen als Adler — selten und nur von wenigen gesehen — die Geister der kühnsten Kämpen, die hier einst ihr Leben in wilder Zeit verloren; da noch die rauhen Menschen die Natur am liebsten da aufsuchten, wo sie ihnen Schutz und Wehr vor dem Ansturm der Nebenmenschen oder besser — denn dies schöne Wort kannte man damals nicht — der Gegenmenschen zu bieten schien. Wo die wildesten Thiere zu bestehen waren über den Schiliften der steilen Höhen, da suchten die Menschen zuerst ihre Wohnung, weil sie hier zur Vertheidigung gegen ihre menschlichen Feinde von der Natur die beste Hilfe hatten. Und bis in die letzten Jahrhunderte hinein hielten sich hier in der Eifel die trotzigsten Geschlechter auf unwirklichen Höhen. Sie sind dahingeschwunden; meist keinerlei Kunde von sich hinterlassend, als vom Pfluge des friedlichen Ackermannes bloßgelegte Mauerreste. Solche Ueberbleibsel finden sich hier auf der Höhe zwischen Weinfelder und Schalkenmehrener Maar. Nach ihrer Ausdehnung zu schließen, muß einst ein großes Dorf hierselbst gelegen haben, mit Burg und Capelle, Gesindegelaß und Ummaurung gegen anstürmenden Feind. Alles ist verschwunden, keine Kunde und keine Spur ist übrig geblieben neben den aufgepflügten Mauerresten, als das Chor des Kirchleins, das die Unbill von mehr als 600 rauhen Jahren überdauert haben dürfte, und endlich die Sage im Volk, daß einst wegen Gottesfrevels Herren und Volk auf der Weinfelder Höhe mit Haus und Hof plötzlich in einer Nacht ins Maar versunken seien bis auf. das stille Kirchlein, das hier oben geblieben, um die langen Jahrhunderte hindurch im Umkreise ein stummer Zeuge des geschehenen Frevels und jäh eingetretener Strafe zu sein. Keine Spinne sogar darf in diesem Kirchlein ihre Netze spannen, Niemand hatte je ein Spinngewebe in demselben gesehen. Solche Betrachtungen, einmal angeregt, lassen sich nicht so leicht verdrängen; und ich wurde diese Gedanken denn auch nicht wieder los, bis ich durch die Junghecken oberhalb des Dauner Maars hindurchgeschritten; mich um den Bergrücken herumgedreht hatte und bei dem freundlichen Pfarrer von Schalkenmehren zu Gast an gemüthlich stiller Tafel saß. Da gabs denn alsbald andere Gespräche, die ihren Stoff aus unserer Gegenwart nahmen, den neuentbrannten, uralten Streit des Staates mit der römischen Curie, die wirthschaftliche Aufbesserung der Eifel, die Nothwendigkeit besserer Erziehung der Jugend und die Vorzüglichkeit der Karpfen des Schalkenmehrener Maares und der Kartoffeln aus dem dortigen warmen Boden, sowie hundert andere herrliche Sachen betrafen. Aber der mit nichts vergleichliche melancholisch-lebensmüde und zu reichsten Reflexionen über das Leben und dessen Urquellen einladende Anblick der armen und so anregenden Landschaft um das Weinfelder Maar behauptete seine Rechte auch den folgenden Tag hindurch, da ich über Höhen und Thäler, durch kleine Wiesengründe und schattige Waldungen im Zickzack die Wanderung weiter nahm. Und die seltsame Stimmung wich auch dann noch nicht, als ich zwischen Dämmerung und Nacht die schauerliche Höhe bei Cochem Herabstieg, gähnende, gespenstig dunkle Klüfte und zwischengelagerte, mit phantastischem Gestrüpp bewachsene, schmalkantige, schwarze Bergrücken, alles im Nebel ver- schwimmend, mir zu Füßen erschaute.' Gemach stieg ich nieder, und was vordem als lauernd gespenstiges Dräuen zu meinen Füßen lag, das sah ich plötzlich als milde sanfte Umrisse den sternbesäten dunkeln Himmel linienreich im Horizont begränzen. Vergessen indeß will ich, im holdseligen Moselthal in Cochem angelangt, der ursprünglicheren anspruchslosen Eifel nicht, — weiß ich doch jetzt, daß von dieser älteren, reicheren Tochter die jüngere Mosel ihre beste Kraft gewinnt, um uns mit Wein und lieblicher Saae der Vorzeit zu laben. Ihr Bestes gibt ja die Eisel her in Gestein und rieselndem Felsgewässtr, um die sanftere, aber auch kokettere junge Schwester zu schmücken. Wir wollen an der gefälligen Anmuth der letzteren uns labend der mit nichts vergleichbaren rauheren Reize der Eisel nicht vergessen; vielmehr alsbald zu ihr zurückkehren. (Köl. Z.) M i s - - l l e n. Die reichsten Privatpersonen in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren nach einer Notiz des „Hamburger Korresp." von 1783 folgende. Prinz v. Coudö hatte eine jährliche Rente von 1,250,000 Thlr., Graf Tscheremctev 1,050,000 Fürst Lubomirski 670,000, Marquis v. Spinola 600,000, Fürst Radzivil 540,000, Herzog v. Mediua-Sidonia 480,000, Graf Czernifchew 450,000, Herzog von Orleans 420,000, Herzog von Bedford 380,000, Herzog von Northumberland 300,000, Herzog von De- vonshire 290,000, Herzog von Marlborough 290,000, Lord Spencer 220,000, Graf Shelburne 180,000, Lord Fitzwilliam 180,000, Herzog von Manchester 160,000, Graf Temple 170,000, Herzog von Rutland 180,000, Herzog von Beaufort 150,000, Herr Nigby, ehern. Kriegszahlmeister, 160,000 Thaler. Man sieht, in der ganzen Liste ist nur ein einziger Name (Fürst Radzivil), der möglicherweise Deutschland angehört. Bezeichnend ist auch, daß die damaligen Krösusse, mit nur einer einzigen Ausnahme, sämmtlich Angehörige der Aristokratie gewesen sind; heute würden sich in einem solchen Register ungleich mehr bürgerliche Namen finden. Das Wunderbarste aber ist, daß kein einziger von orientalischem Klänge sich darunter befindet. (Im Theater.) Kurz nach dem Einrücken eines österreichischen Jnfanterrie-Negi- mentcS in M. wurde „Gustav, der Maskenball" gegeben. Ein sich im Theater befindender Offizier des eingerückten Regimentes schenkte der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit und musterte die Logen. Als jedoch die Scene kam, in welcher die Verschworenen loosen, wer den König erschießen soll, blickte er mit der größten Spannung auf die Bühne, und als das Loos auf Ankarström fiel, sagte er voller Erstaunen zu seinem Nachbar: „Nein, hören Sie, was dieser Ankarström halt für ein Unglück hat, das können Sie gar nit glauben, der Mensch muß zum Königsmörder geboren sein; i hab' das'Stück in Wien, in Frankfurt und jetzt hier g'sehn, und ihn hat halt jedesmal das Loos getroffen." Ein hartherziger Wucherer wurde auf die Nachricht eines bedeutenden Verlustes vom Schlage gerührt. Auf die Mittheilung dieser Nachricht in einer Gesellschaft rief ein Glied derselben aus: So gab's also doch noch Etwas in der Welt, was ihn rühren konnte." - (Empfindli ch.) „Jesses! Jetzt kaufen sich die Leute R u n dreisebilletS; ich könne das net machen — ich wäret ganz damisch." Original-Charade. * Zerstört das Schicksal grausam unsere Pläne, Entzieht der Tod uns einen theuren Freund, So weint das Auge manche stille Thräne; Wir suhlen dann der Sylben zwei vereint. Der dritten Sylbe huldigen alle Stände Ihr opscrn wir so manchen Augenblick, Ost lohnet sie mit reicher Freudenspcnde, Ost untergrabt sie auch des Menschen Glück. Das Ganze tauscht, ergötzt und rührt das Herz. Weckt Mitgefühl, entwickelt sanften Schinerz. Auslösung des Vuchstabenrebns in Nr. L5: „Amoretten." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Bering des Litcrarischen Instituts von Dr. M. Huttler.