Nr. 28: 1880 . zur „Ailqslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 6. Oktober Unläugbar ist's und die Erfahrung lehrt? Wie Ruhmsucht zum Verbrechen sich entehrt; Um Lob und Preis, unl nichtige Erscheinung, Entsagen wir des Herzens bcsj'rer Meinung. Shakespeare. Auf Ireiersfüßen. Von G. v. Berlepsch. Herr v. Huber (seinen Adel hatte er aus dem freigebigen Munde des Volkes erhalten) war, was man einen guten Bürger nennt. Er hatte in seinem Leben keine Schulden, keinen Proceß, ja, mit Ausnahme eines einzigen Nachbarn, auch keinen Feind gehabt. Er befand sich nach Erlangung eines bescheidenen Beamtentitels in jenem Stande der Staats-Passivität, welchen das dankbare Vaterland den Männern gönnt, die auf Schlachtfeldern oder in Kanzleistuben ihre Schuldigkeit gethan haben. Obwohl nun jeder Tag für ihn hätte ein Sonntag sein können, drängte ihn ein peinlicher Ordnungssinn, welcher schon im Amte die. leuchtendste seiner Eigenschaften gewesen war, auch in der Freiheit noch einen markirenden Unterschied zu machen und den Wochentag mit allerlei Kleinigkeiten systematisch auszufüllen, wogegen der Sonntag dann als Tag des Ansuchens durch drei Dinge jahraus, jahrein besonders gefeiert wurden; durch eine schwarze Sammtweste, welche der Herr Rechnungsrevident nur an Feiertagen trug, dann durch ein Brat- oder Backhendl, was dem übrigen Mittagsmahl beigefügt wurde und durch eine Partie Tarok, die er mit Frau und Sohn Nachmittags spielte. — „Alles hübsch zu seiner Zeit", hieß sein Leibspruch; diesem gemäß war nicht nur sein Tag, seine Wochen, sein Jahr auf das pünktlichste eingetheilt; sein ganzes bisheriges Leben war in diesem Sinne verflossen. Er hatte „zur Zeit" seinen kleinen Posten im Staatsdienste angetreten, zur Zeit zu rauchen angefangen, zur Zeit um ein braves Bürgersmädchen sammt ansehnlichem Vorstadthause gefreit und so weiter bis ins kleinste Detail, bis auf den Winterrock, den er im Spätherbst an einem bestimmten Datum anzog und im Frühjahr ebenso wieder ablegte. Diese systematische Ordnung betraf nicht nur des Herrn Nechnungsrevidenten Person, sondern Alles, was sein war, Haus, Weib, Sohn und Magd. Alles sah gerade so aufgeräumt aus, wie sein sorgfältig rasirtes Gesicht, selbst die Rosen- und Flieder- bäumchen des Gartens. Auf diesen lag aber gerade Schnee, denn es war Weihnachten. Das Mittagmahl, welches durch die Vermehrung einiger Schüsseln von jeher den Hauptglanzpunkt des Festes bildete, war vorüber und der Herr Rechnungsrevident Huber wie seine wohlgenährte Ehehälfte saßen ausruhend, mit einem erhöhten Roth auf den rundlichen Wänglein, in den Ecken des Sophas. Er rauchte die Cigarre zu Ende, welche er regelmäßig des Morgens nach dem Frühstück genau bis zur Mitte genoß, um nach Tische zur bessern Verdauungsbeförderung die andere Hälfte zu rauchen. Im Zimmer duftete es noch lieblich nach allerhand Braten und Strudeln; der Tisch war aber bereits abgeräumt und eine angenehme, einschläfernde Sonntagsruhe machte sich nunmehr geltend. Zwischen die langsamen Pendelschläge der Stockuhr tönte zuweilen ein Tellerklappern aus der Küche und das Nachmittagsgeläute der Kirchenglocken. „Mutter!" sagte jetzt der Hausherr mit einer gewissen Feierlichkeit, nachdem er das glimmende Cigarrenrestchen aus der Meerschaumspitze geblasen und diese sorgfältig ins Etui gesteckt hatte. Frau v. Huber öffnete ihre schlafblinzelnden Augen und antwortete mit etwas fetter Stimme: „Vater!" — — „Ich hab' mir auf den heutigen Tag etwas aufgespart,, was ich Dir jetzt sagen will", hub er bedächtig an. >— „Äas meinst, wenn wir den Pepi heirathen ließen?" „Wen heirathen?" fragte Frau v. Huber mit ganzer Wendung nach dem Sprechenden. „Nun ich mein' halt ein Mädel, was für uns paffen thäte, — häuslich, eingezogen und «ermöglich. Der Pepi kommt jetzt auf die Jahr', wo ich ihn versorgt haben möchte; — wer weiß, wie lange wir Zwei leben, — dann wäre das auch in der Ordnung." Frau v. Huber sah nachdenklich auf ihre seidene Sonntagsschürze nieder. Dann antwortete sie: „Da hast schon Recht, Vater. Aber wo soll er eine passende Frau finden? Der Pepi ist so viel scheu!" — Der Gatte lächelte. „So bin ich auch gewesen, deswegen haben wir uns doch geheirathet. Wir müssen uns halt umschau'n." Die Huber'schen hatten trotz ihrer Wohlhabenheit stets ein sehr eingezogenes Leben geführt, kein Gast hatte je ihre Schwelle betreten, außer etwa ein ärmlicher Verwandter, der unterthänigst „zum hohen Namensfest" oder zu Neujahr gratuliren kam, mit der stillen Hoffnung, ein paar Guldenzettel oder einen übrigen guten Bissen dabei zu erlangen. Selbst zu Pcpi's Kinderzeiten war kein Spielgenosse in's Haus gekommen; er war allein aufgewachsen als ein dickes, folgsames Kind, im Sommer im Garten, im Winter in der Stube bei der Mutter. Nur eine Bekanntschaft, ja man kann sagen Freundschaft hatte ihm in seinen jungen Jahren geblüht; das war ein kleines braunäugiges Mädchen gewesen, welches in den Nachbargarten gehörte der durch einen Plankenzaun vom Huber'chen Garten getrennt war. Nachdem die Kinder sich anfangs durch die grünüberwachsenen Holzplanken des Zaunes wie zwei wilde Thierchen durch die Eisengitter ihrer Gefängnisse betrachtet hatten, fand die kleine „Drübige" eines Tages ein Schlupfloch und stand unversehens vor dem etwas blöde staunenden Knaben. -Mit dieser kühnen Initiative wurden Peperl und Toni gute Kameraden, und auch zwischen den Eltern entspann sich über den Zaun hinüber ein gesperrt freundschaftlicher Verkehr, der jedoch nach den Zurück- gezogenheitsprinzipien des Huber'schen Ehepaares im Herbste immer wieder ein Ende. hatte. Im „Quartier" liebten sie keinerlei fremde Leute. Nun wurde aber auch der Sommerverkehr einst jäh abgebrochen, indem Toni's Vater, ein begüterter Fabrikant, erklärte, daß er just an der Stelle, wo die beiden Gärten sich begrenzten, ein massives Gartenhaus mit Mauer bauen werde. Die Frau Nechnungsrevidentin, als angestammte Erundeigenthümerin, fand sich durch Entziehung der Nachmittagssonne, welche ihren Zwergobstbäumen dadurch erwuchs, empfindlich geschädigt. Ihr Eheherr beschloß, sich zu einem osficiellen Besuch xunoto dieser Angelegenheit bei dem Fabrikanten; er führte jedoch zu nichts, da Toni's Mutter, eine „resche", zungenfertige Frau, sich die Idee mit dem Gartenhause nun einmal fest in den Kopf gesetzt hatte und ihren Mann dieserhalb auffallend beeinflußte. Da geschah ein äußerlich geräuschloser, aber darum nicht minder intensiver Bruch zwischen diesen beiden Familien, der durch das leibhaftige Erscheinen von Maurern und Zimmerleuten sich fest verkalkte, wie die Mauer selbst, wohhe, von Steinen und Mörtel gefügt, sich bald erhob. Dadurch waren Peperl und Toni nun ebenfalls geschiedene Leute, aber nur kurze Zeit, bis die Schulperiode sie wieder zusammenführte. Toni ergriff wieder energisch das Ruder der alten Freundschaft. Sie schlenderte unbekümmert neben ihrem nunmehrigen Schulfreunde her und machte ihm sogar den Vorschlag, einmal über die Mauer zu steigen, um das schöne Gartenhaus zu sehen, welches der Vater gebaut habe. Als Pepi dies ahnungslos zu Hause erzählte, sah Frau v. Huber darin eine kränkende Neckerei der Nachbarlichen und es wurde darob dem Knaben jeder weitere Verkehr mit seiner ehemaligen Zaunkönigin untersagt. Peperl an stricten Gehorsam gewöhnt, that wie ihm geheißen, obwohl mit wehmüthigem Kopfhängen. Er wußte keinen andern Ausweg als den Befehl seiner Freundin ehrlich mitzutheilen» Statt nun Mittleid mit ihm zu haben, lachte Toni nur ungläubig und rief so laut: „Du dummer Bub', ich hab' dir ja nichts gethan!" daß sich gleich mehrere andere ' Knaben, die Pepi wegen seines stillen Wesens nicht leiden mochten, dazu gesellten und in den Ruf: „dummer Bub'!" höhnisch einstimmten. Obwohl diese Scene nun durchaus nicht in Toni's Absicht gelegen hatte, war sie doch zum Entscheid ihres Freundschafts- iruches geworden; Pepi war gekränkt, Toni trotzte mit dem „dummen Bub'" — so kam es, daß sie nicht mehr miteinander nach Hause schlenderten und die Gartenmauer fortan auch ihre Herzen schied. Und um allfällige Begegnungen, welche den friedliebenden Sinn des Herrn Nechnungsrevidenten doch immer auf's Neue beunruhigt haben würden, zu vermeiden, hatte er angeordnet, daß er und die Seinen in Zukunft auf dem jenseitigen Trottoir der Straße, welches die Nachbarn nie benützten, gehen sollten. Zu der Gartenmauer war also noch die ganze Breite einer verkehrsreichen Vorstadtstraße gekommen; — wir sollten glauben, daß dies genügte, um Jahr auf Jahr dahinrollen zu sehen, ohne daß die feindlichen Parteien wieder einmal ihre Wege gekreuzt hätten? — Im Stillen flog wohl hie und da ein verstohlener Blick über die Straße, oder über den Garten, an dessen verhüngnißvoller Mauer jetzt hüben wilder Wein, drüben aber nach den rankenden Schößlingen zu schließen, Kletterrosen wuchsen. Die schlangen im Sommer ihre luftigen Arme ineinander und gaben ein heiter ironisch Bild zum Verhältniß der grollenden Nachbarn. So standen die Dinge an dem Weihnachtstage, als der Herr Rechnungsrevident > und seine ehrsame Hausfrau die Verheirathung ihres Sohnes beschlossen. Nach einem langen und breiten Gespräch, welches die Nützlichkeiten dieses Schrittes allseitig ventilirt hatte, wurde die Hauptperson desselben, Pepi, gerufen und ihm mit der gehörigen Besonnenheit' die Kunde mitgetheilt. Pepi, obwohl ein großer und nicht übler Jüngling, stand bei der Eröffnung fast gerade so da, wie vor vielen Jahren, als die kleine Toni, durch den Zaun geschlüpft, plötzlich vor ihm erschien. Er machte erst ein erstauntes, dann ein ernsthaftes Gesicht, dann lachte er verlegen und wußte nicht, was er sagen sollte. Die Unterredung endigte damit, daß der folgsame Sohn dem Wunsche der Eltern zu willfahren versprach, sofern sich für ihn das „Nichtige" gefunden haben würde. Pepi war das verjüngte Ebenbild seines Vaters, mit all' jenen braven Durch- schnitts-Eigenschaften, welche diesem zu einem behäbigen und unangefochtenen Dasein verhelfen hatten. Aus diesem Grunde war vom Traum der Liebe noch wenig über ihn gekommen, was übrigens aus seinem abgeschlossenen Leben auch mit herzuleiten war. Wo aber diese Wunderblume noch nicht geblüht, sei's in der Gestalt eines Gänse- ! blümchens oder einer dornig wilden Rose, da liegt noch ein unergründetes Capitel ver- > schlössen, in dem gar Mancherlei schlummern kann! Pepi betrachtete seit diesem Tag das Leben von einem neuen Standpunkt, der Paragraph „Frauen" war plötzlich darin aufgetaucht und lehrte ihn allmälig bemerken, > daß es in der Welt eigentlich viel Hübsches und Angenehmes gebe, was er bisher kaum i beachtet hatte. Wenn er so ein lächelndes Mädchenangesicht daraufhin anschaute, als ! könnte das vielleicht das „Richtige" sein, an seinem Arm spazieren gehen, ja ihm gar ! — einen Kuß geben — dann wurde er fast roth und vor sich selbst verlegen, aber in der Herzgegend begann dabei eine allgemeine liebliche Wärme aufzusteigen. — Aus diesem gewissermaßen traumhaften Zustand wurde Pepi eines Tages im Fasching geweckt, indem sein Vater ihm mittheilte, daß sie ein Turner-Tanzkränzchen besuchen würden, zu welchem ein früherer Amtscollege mit seiner Tochter ebenfalls erscheinen wolle. Das war ein außergewöhnlicher Act im Huber'schen Hause; man begann sich umzuschauen! Pepi sah in seinem nagelneuen Frack, sogar mit gebrannten Locken, so schmuck aus, , daß Herr v. Huber nicht ohne Stolz ihn seinem Collegen und dessen Tochter präsentirte. Diese Letztere, an deren Wiege jedenfalls nicht alle drei Grazien, wenn überhaupt eine gestanden, lächelte verlegen und schwieg; sie schien ebenso unsicher auf dem Parquet des , Vallsaales wie Pepi. Als er, um der stummen Unterhaltung eine Richtung zu geben, ^ sie zu einem Tanz aufforderte und in möglichst ehrbarer Entfernung von seiner Tänzerin f zu einem Walzer Miene machte, huschte gleich einem Schmetterling, und wie Pepi wahr- s zunehmen glaubte, mit boshaftem Lächeln — seine kleine Zaunkönigin von ehedem vor- r über. Wie groß und hübsch war sie geworden! — Ihre Erscheinung brachte ihn der- ^ maßen aus der Fassung, daß er seine Walzer-Bemühungen alsbald aufgab und die naße Stirne trocknend, sich in eine Ecke zurückzog. Herr v. Huber hielt dies für natürliche Schüchternheit und machte diesbezüglich einige aufmunternde Bemerkungen, welche die Annäherung der jungen Leute jedoch nicht sonderlich förderten. Was mußte er dagegen im Laufe des Abends sehen? Daß vor seinem Sohne urplötzlich eine braunäugige, schlanke Mädchengestalt stand, ihn lachend anredete, während er sie bestürzt anstarrte und — ist's möglich — zwei Minuten nachher sich flink mit ihr unter den anderen Paaren drehte! Herr v. Huber war diesen Abend zum ersten Mal über seinen Sohn stutzig geworden; er konnte sich einer gewissen Unruhe darob nicht erwehren. Diesem Sohn dagegen kam es vor, als hätte sich für ihn aus einer Stube, die sein bisheriges Leben bedeutete, auf einmal ein Pförtchen mit lieblicher Aussicht ins Freie aufgethan. Er wußte nur mit wenigen unklaren Reden zu antworten auf die sondirenden Fragen, wie die sittsame Schöne ihm gefallen, und wie es gekommen, daß er mit der „Drübigen", . mit dem dunkellockigen Wildfang, getanzt habe. Zur großen Verwunderung des Eltern- ! paares fand er weiter Geschmack am Leben außer dem Hause, an andern Faschings- Vergnügen und fing an, nach seinen Bureaustunden einen Spaziergang zu machen, was . früher selten geschehen war. Auf einem dieser Gänge passirte es, daß Jemand ihm ^ guten Abend wünschte und fragte, wie er sich neulich unterhalten habe. Es war Toni, die des Weges kam und sich ihrem Freunde von ehedem harmlos 'anschloß. Pepi ging etwas zaghaft, aber doch froh erregt, neben ihr her und bemerkte nicht, wie es schien, daß er gegen altes, feindliches Herkommen sein angestammtes Trottoir verlassen und so die Begegnung gefunden hatte; er schien überhaupt vergessen zu haben, daß eine unwiderrufliche Gartenmauer zwischen ihm und dem lustig plaudernden Mädchen liege, und daß sie ihn einst so sehr despectirlich einen „dummen Buben" gescholten hatte. i Pepi's sonderbares Wesen machte die Eltern immer unruhiger; der Herr Rechnungs- i revident, dem dies Alles gegen den gewohnten Ordnungssinn ging, äußerte sich eines s Morgens zu seiner Ehehälfte, er sehe schon, er müsse die Sache mit Pepi's Verheirathung ^ in die Hand nehmen. Das Nächste war, daß Letzterer aufgefordert wurde, im Hause ^ der bewußten Schönen vom Turnerkränzchen einen Besuch zu machen, wogegen Pepi sich . mit erschreckender Entschiedenheit weigerte. Diese Auflehnung setzte die erste kleine l Familienscene in dem ruhigen Hause ab. Herr v. Huber vergaß darüber seine halbe « Morgen-Cigarre zu rauchen. Pepi dagegen verspürte stärker denn je einen Zug nach ; frischer Luft. Melancholisch wanderte er am Abend selbigen Tages wiederum auf dem feindlichen Trottoir und dachte darüber nach, was aus all' dem noch werden sollte. Da sah er — ^ es war dieselbe Stunde und Gegend, wo dies schon mehrmals geschehen, ein wohl- ^ bekanntes Hütchen sammt braunäugigxr Trägerin auf sich zukommen, und sein Herz ' machte in Folge dessen einige ganz unerklärliche Sprünge. Obschon Toni längst die - Kinderschuhe abgestreift hatte, war ihr jene naive Unmittelbarkeit von früher doch geblieben; die Art, wie sie sich ihm halb launig, halb treuherzig wieder genähert hatte und jetzt der Ton, in welchem sie fragte, warum er ein so betrübtes Gesicht mache, heimelten ' Pepi sehr an. Er murmelte etwas von Unannehmlichkeiten zu Hause, machte dabei aber gleich Kehrt, um Toni zu begleiten. Sie fragte ihn, was das für Unangenehmes sei. Nach etlichem Besinnen und Würgen platzte er gerade heraus, es handle sich um's ^ Heirathen. * 221 „Um's Heirathen?" lachte Toni und sah ihn dabei eigenthümlich an. „Das ist ja doch nichts Arges!" „Freilich nichts Arges", stieß Pepi heraus; aber — -— — „Zu Wem darf man Ihnen denn gratuliren?" fragte sie etwas unsicher nach einer kleinen Pause. Sie nannten sich nämlich jetzt in Anbetracht ihrer Größe „Sie." „Das ist's eben — ich weiß es selber noch nicht." Jetzt lachte Toni noch lauter; es klang wie Freude. „Das ist lustig!" So was Verdrehtes hab' ich noch nie gehört." Nach dieser Aeußerung fand sich Pepi genöthigt, die Sache näher zu erklären. Das Herz wurde ihm dabei unversehens leichter. Toni blieb nach feinen mühsamen Explikationen stehen, sie waren gerade vor ihrem Hause angekommen, und gab ihm den kategorischen Rath: „Machen Sie es doch wie ich. Ich hab' dem Vater erklärt, daß ich nur Jemand heirathe, den ich mag oder ich werd' eine alte JungferI" „Mögen thät ich schon Jemand", sagte Pepi leichter, „aber — da geht's gar nicht!" — Toni schaute ihn forschend an und fragte: „Warum geht's nicht!" — „Wegen der alten Geschichte mit der Gartenmauer — die Eltern sind sich ja feind", antwortete der Befragte noch leiser. Toni senkte die Wimpern, räusperte und meinte: „O, deswegen!" — Wäre Pepi jetzt nicht „so viel scheu" gewesen, wie seine Mutter einst gesagt, so hätte Alles rasch im Reinen sein können. Der Gedanke an die feindlichen Eltern hielt ihn aber doch vom Aeußersten ab. Dies schien Toni recht wohl zu fühlen. Sie hob entschlossen ihr Köpfchen, warf einen schnellen Blick am Haus hinauf und sah droben ihre Mutter, die in der Abenddämmerung offenbar auf ihr säumendes Töchterchen wartete. Ein Gedanke schien in Toni aufzublitzen. Sie verzog einen Moment den Mund zum Lächeln, dann sagte sie zaghaft: — „Wenn ich damit gemeint bin —" „Ja wer sonst, Toni!" antwortete Pepi merkwürdig schnell. „Dann wußt' ich schon Etwas", fuhr sie fort und blickte dabei wieder in die Höhe nach den: Fenster. „Wenn Du mich gern hast, Pepi, dann gib' mir einen Kuß", sagte sie schnell und couragirt, „das Andere wird sich schon machen." Pepi erschrack förmlich vor dieser Courage, aber er that wie ihm geheißen. Es war die erste Kühnheit seines Lebens. „Toni!" klang es in diesem Augenblick wie ein Befehl aus der Höhe. „Die Mutter hat uns gesehen — ich hab's zu Fleiß gethan", flüsterte Toni; „wirst sehen, jetzt geht das Andere schnell, mußt nur n' Kopf nicht verlieren!" — Damit schlüpfte sie ins Haus und ließ Pepi wie von einem Wirbelwind erfaßt stehen. Wenn man dem ehrsamen Huber'schen Ehepaar gesagt hätte, daß der Stefans- thurin plötzlich in ihrem Garten versetzt sei, wären sie weniger außer Fassung gerathen, als durch das Unglaubliche, daß ihr Pepi, ihr stiller Pepi, für den sie sich glaubten, umschauen zu müssen, weil er „so viel scheu" sei, sich durch einen unerlaubten Kuß-; das ganze wackere Haus mit sammt seinem unverrückbar scheinenden Ordnungssystem geriet!) in's Schwanken. Daß es aber mit diesem Kuß wieder einmal gegangen, wie schon oft in der Welt, wo ein Wciberköpfchen für die schwankende Thatkraft des Mannes frisch eintritt, erfuhren sie nie, Kurzum, der Rest von dem Allem war, daß nach etlichen stürmischen Unebenheiten: 1. Pepi versorgt und somit nach des Herrn Rechnungsrevidentcn'Willen „daS auch noch in der Ordnung war"; 2. daß er dadurch mit dem ersten und einzigen Feinde seines Lebens sich versöhnte: 222 3. daß auf's Frühjahr in die verhängnißvolle Mauer ein Pförtchen gebrochen wurde, über dem nun der wilde Wein hüben und die Kletterrosen drüben sich rechtmäßig umarmen durften. Glückliches, braves Philistertum! (Deutsche Ztg.) Römische Sonnenuhren aus Aqnileja. Das Bedürfniß, die dahineilende Zeit, in der wir leben, zu messen, hat sich beim bomo saxieng zwar schon im grauesten Alterthume fühlbar gemacht. Da aber vorerst doch noch andere viel pressantere Bedürfnisse befriedigt werden mußten, so fand der Grundsatz »timo m rnono^« noch keine sonderliche Beachtung; die Erfindung der Zeitmesser ließ daher verhältnißmäßig sehr lange auf sich warten. Wenn von primitiven, in die vorgeschichtliche Aera hinaufreichenden Zeitmeßmethoden abstrachirt wird, so soll es, nach dem Zeugniß der berühmtesten alten Historiker und Architekten, dem chaldäischen Priester Berosus ans Babylon um das Jahr 270 vor Christus zuerst gelungen sein, ein genaues und verläßliches, aber nur bei Sonnenschein verwendbares Zeitmaßinstrument, die Sonnenuhr, zu construiren. Berosus beschäftigte sich viel mit Geschichtschreibekunst und Astronomie und da mochte er vielleicht von den in letzterer Disliplin sehr vorgeschrittenen Egyptern, die zur Verfertigung von Sonnenuhren nöthigen Kenntnisse entlehnt haben. Thatsache ist es, daß der Entwurf einer antiken Sonnenuhr schon eine gewisse Geläufigkeit in der Geodäsie und der sphärischen Trigonometrie voraussetzte. Die Sonnenuhr des Berosus bestand nun bekanntlich aus einer dem Himmelsgewölbe nachgebildeten halbkugelförmigen Aushöhlung, Hemisphärium, welches, in dem der Polhöhe des Beobachtungsortes entsprechenden Neigungswinkel aufgestellt, in seiner oberen Parthie mit einem Zeiger versehen war, dessen Schatten die auf der hohlen Halbkugel verzeichneten konventionellen Tages-Zeitabschnitte successive andeutete. Das Princip der Construction der Sonnenuhr blieb ein Geheimniß der Unterrichteten und Fachkünstler, während die übrige Menge, wie auch heutzutage, sich mit der Schablone und der zurechtgelegten Formel begnügte. An der Erfindung des Berosus wurde mit der Zeit von den antiken Astronomen mancherlei Modifikationen und Besserungen angebracht; so construirte Aristarchus aus Samos eine Sonnenuhr nicht in einer Hohlkugel, sondern auf einer ebenen Fläche (äisons in xlnnitia. Vitruv. IX. 1.); Sko pinas aus Syrakus eine Sonnenuhr in Cassetten (laminar); Theodosius eine Universal-Sonnenuhr für alle Polhöhen (xros pan Xlima) u. s. w. An trüben oder regnerischen Tagen, sowie zur Nachtzeit versagten freilich die Sonnenuhren ihren Dienst. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, erfand Ctesibios aus Alexandria die Wasseruhren. Darunter sind aber nicht die den Schulbesuch, die Ablösung der Schildwachen, die zulässige Dauer der Parlaments- und Advocatenreden u. s. w. regulirenden und den Sanduhren analogen Klepshydren zu verstehen; es waren dies vielmehr die auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten, bei Nachtzeit transparenten Monumental-Wasseruhren (ÜoroIvAia ox ayua), deren ebenso complicirte als sinnreiche Construction im IX. Buch des Vitruv ius (Feldzeugmeisters unter Julius Cäsar und Augustus) enthalten ist. Bei den Griechen und Römern war aber die Construction der Sonnen- und Wasseruhren aus dem Grunde besonders schwierig, weil die Länge des Tages vom Auf- bis zum Untergänge der Sonne, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, in zwölf gleiche Stunden (dorn) während des Sommer-Solstitiums dauerte, desto kürzer fiel die Nachtstunds (viZilia) aus; sowohl die Tages- als die Nachtstunden hatten daher in jedem Monat und eigentlich sogar an jedem Tage und in jeder Nacht eine durchaus verschiedene Länge. Die römischen Uhrmacher hatten folglich ihren Kunden gegenüber einen viel schwierigern 223 Stand als die heutigen Chronometerfabrikanten; und dennoch wurde im Alterthum die Zeitmeßfrage in einer ebenso originellen als scharfsinnigen Weise gelöst. Zur Bekräftigung dieser Meinung hat die vom k. k. Custos des kaiserlichen Münz- und Antiken-Cabinets in Wien, Herrn Dr. Friedr. Kenner, soeben in den „Mittheilungen der k. k. Centralcommisfion für Kunst uud historische Denkmale" publicirte und auch im Separatabdruck erschienene Arbeit „Römische Sonnenuhren aus Aquileja" wesentlich beitragen. Durch diese auf österreichischem Boden gemachten Funde und die dann vom Herrn Verfasser geknüpften Erörterungen, werden einige Lücken in der bisherigen Theorie der römischen Sonnenuhren in der glücklichsten Weise ausgefüllt; und da überdies eine der gefundenen Uhren sich als ein Unicum präsentirt, so dürfte eine ganz kurze Analyse der in Frage stehenden Publication vielleicht nicht unerwünscht sein. In den Ruinen der ehemaligen römischen Kaiser-Residenz Aquileja sind bis jetzt sechs verschiedene Sonnenuhren gefunden worden. Die von Kaiser Franz für das k. k. Antikencabinet acquirirte Sammlung Zanini's zählt zwei in je einen Block Jstrianer Kalksteins gehauene Hemisphärien für die Polhöhe von Aquileja (45 Grad nördlicher Breite nach Ptolomäus). Um die Ungleichheit der Tagesstunden und ihr Zu- und Abnehmen zwischen den Aequinoctien und Solstitien darzustellen, sind auf diesen Hemisphärien nicht blos verticale Stundenlinien, sondern auch Querlinien für die verschiedenen Jahreszeiten, deren Abstand, von einander der Zu- und Abnahme der Schattenlänge des Zeigers entsprach. Der Letztere war ein Metallstab, welcher vertical eingestellt und in geringerer Höhe über der oberen Kante der Höhlung in einem rechten Winkel umgebogen wurde, so daß der horizontale Schenkel bis zur Aequatorlinie vorragte; bis z u dieser reichte der Schatten zu allen Stunden des Tages am 21. März und 21. September, also zur Zeit der Aequinoctien, er schritt dann gleichsam auf der Aequatorlinie einher. Vom 21. März bis 21. Juni beschrieb er immer größere Parallelkreise zur Aequatorlinie, bis er um die Sonnenwende den unteren Rand der Höhlung erreichte; von da ab wurden die Linien, die er beschrieb, wieder immer kleiner, bis er am 21. September abermals die Aequatorlinie, am 21. Dezember den Winterwendekreis erreichte, d. h. die obere Querlinie nächst dem Zeiger (Anomon). Die Stellung und' Abbiegung des letzteren, die Krümmung des Kugelsegments in Verbindung mit der steileren oder schieferen Stellung der Sonne bewirkten die Verkürzung der Schatten im Winter, ihre Verlängerung im Sommer, wodurch eben ein der conventio- nellen römischen Zeiteintheilung vollkommen -entsprechendes Bild auf der Sonnenuhr erzeugt wurde. Die dritte in Aquileja gefundene Sonnenuhr befindet sich in der Sammlung zu Monastero. Es ist dies ebenfalls ein vortrefflich erhaltenes und für die Polhöhe von Aquileja gearbeitetes Hennsphürium. Die vierte Sonnenuhr aus Aequileja befindet sich jetzt in der Sammlung des Herrn Grafen Toppo auf dem Schlosse Buttrio bei Udine. Das Hemisphärium ist nur in einem Bruchstücke erhalten; wichtig ist das Objekt durch den Reichthum des bildlichen Schmuckes im Postament. Dieses stellt ein vorne aufgerolltes, corinthisches Capitäl dar, in dessen Innerem eine Venus und eine neben ihr stehende, unbärtige Herme sichtbar sind. Die fünfte richtigste Sonnenuhr wurde in Aquileja erst jüngst (1879) auf einem Grunde des Herrn Grafen Cassis, als man nach Juwelen grub, gefunden. Auf einem aus Steinen zusammengesetzten und von steinernen Sitzbänken umgebenen Tisch ist auf der obersten Tischplatte eine horizontale Sonnenuhr und eine Windscheibe eingravirt. Die Tischplatte ist von einem Nahmen umgeben und ist diese Uhr der einzige Repräsentant einer Sonnenuhr in Kassetten, wie eine solche, nach Vitruvius, im CircuS Flaminius zu Rom aufgestellt war. Gestützt auf andere Funde und Substructionen weist Herr Dr. Kenner mit Evidenz nach, daß die Residenzstadt Aquileja sich eines Circus erfreute, daß dieser höchst wahrscheinlich von Kaiser SeptimiuS SeveruS um'S Jahr 20Ü 224 nach Chr. nächst der Stadtmauer, wo jetzt dessen Ruinen theilweise blosgelegt werden, errichtet wurde und die Fundestelle der Cassetten-Sonnenuhr genau mit dem Platze übereinstimmt, auf dem eine Circusuhr für den Gebrauch der die Spiels leitenden kaiserlichen Beamten aufgestellt zu werden pflegte. Für diese Ansicht spricht allerdings auch der Umstand, daß auf diese einen großen Raum einnehmende Sonnenuhr eine besondere Sorgfalt und Genauigkeit von dem auf der Tafel ersichtlichen Uhrmacher (Ll'^ntistino Lupvrus kamt) verwendet worden ist. Die Projection der graphischen Stundenzeichen von einer Hohlkugel auf eins ebene Fläche ist meisterhaft durchgeführt; im hohen Grade muß auch die Genauigkeit überraschen, mit welcher die Länge der Stundenlinien, d. h. die Schattenlänge des Gcomons gemessen und auf dem Steine dargestellt wurde. Der k. k. Direktor der Wiener Sternwarte, Herr E. Weiß, hat sich der langwierigen und mühsamen Arbeit unterzogen, die Schattenlängen zu berechnen, und damit die Längen der von Europorus gezeichneten Stundeu- linien zu vergleichen. Nach Feststellung der Länge des Geomons mit 6'3 Centimeter und dessen Stellung im Winkel der Polhöhe von 45 Grad 39 Linien, ergaben sich relativ sehr unbedeutende Differenzen; so war für das Sommersolstitium die berechnete Schattenlänge für Mittag 61'9 Millimeter, während Euporus dieselbe effektiv mit 62 Millimeter zeichnete, eine Genauigkeit, die wirklich staunenswerth ist, insbesondere wenn man die Unzugänglichkeit der Hilfsmittel in Anschlag bringt, welche den Alten zur Verfügung standen und sie mit jenen vergleicht, über welche unsere Zeit verfügt. Die sechste Sonnenuhr aus Aquileja befindet sich im Besitze des Herrn Dr. Gregorutti in Baperiano bei Aguileja. Dieselbe stellt eine zum Aufhängen bestimmte Neiseuhr Horologium viatorium, oivv xonsüniin des Vitruv.) dar, bestehend aus einer kreisrunden Scheibe Bronzeblech von 31 Millimeter Durchmesser, die auf beiden Seiten mit den Figuren des Analemma (Zeichen der Stunden und Jahreszeiten) versehen ist; also ungefähr so groß wie die heutigen kleinen Cylinderuhren. Die Figur auf der Vorderseite bezieht sich auf die Polhöhe von Rom, jene der Rückseite auf die von Ravenna; diese Reiscuhr konnte daher für Mittel- und Oberitalien eine leidlich richtige Zeit angeben. Die Uhr hing vertikal und es mußte sowohl die Lage des im Mittelpunkt befestigten Geomon als jene der Stundenzeichen dein entspreche^ transponirt werden, welche Aufgabe auf dem kleinen zur Verfügung stehenden Raum vom unbekannten römischen Uhrmacher für. die Jahreszeiten sowohl als für die einzelnen Monate des Jahres vortrefflich gelöst worden ist. Durch die vorstehend erwähnte Arbeit ist aber nicht nur die Kenntniß über die römischen Sonnenuhren, sondern auch die allgemeine Alterthumskunde in der verdienstlichsten Weise bereichert worden. (W. V.) Miseellen. Eine Gräfin besuchte alle Jahre Karlsbad. Auf einer Reise dahin erhielt sie unterwegs beim Wechseln der Pferde zum Postillon einen Burschen von höchstens 16 Jahren. „Kannst du auch fahren?" fragte sie ihn beim Einsteigen in den Wagen. „Ei, warum denn nicht, gnädige Frau! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich habe Sie ja voriges Jahr umgeworfen." (Schnell gefaßt.) Gast: „Sö, Jean! Der Braten ist frisch? Er schaut zwar nit schlecht aus, aber mit dem G'ruch bin i net einverstanden." — Kellner: „Aber Euer Gnaden werden doch zwei Augen mehr glauben als einer Nas'n!" Auflösung der Original-Charade in Nr- 2tt: Ehe. Für die Redaktion verantwarllich: Alphons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Ltterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.