zur „Ailgstmrger pojheiümg." Nr. 29. Samstag, 9. Oktober 1880. Die Wahrheit ist ein Brod, das starke Zähne fordert; eine Brant, die ein Jeder scheut; ein Buch, in welchem Niemand gerne liest; ein Wasser, mit dem sich Niemand gerne wäscht; eine Lanze, die schwer verwundet, und eine Speise, schwer zu verdauen. Abraham L, St. Clara. HrldegAVd*) Criminal-Novelle von Theodor Küsteri Ein grauer Herbstmorgen hüllte die größte deutsche Hafen- und Handelsstadt — Hamburg — in düsteren Nebel. Es war kaum 8 Uhr, und der Verkehr auf den Straßen gerade um diese Zeit sehr lebhaft; junge Leute, welche eilig ihren Comptoirs zueilten, Näherinnen und Andere, welche um diese Stunde an ihr Tagwerk mußten, füllten die Straßen. Selten nur sah matt zwischen den Milch- und Brod-Verkäufern, den Grün- Händlern und Metzgerburschen, welche ihre festen Kunden bedienten oder nach deren Aufträgen zu fragen käme», andere Personen, die nicht zu ihrem Geschäfte eilten. An der Allster, auf deren Ostseite, dem sogenannten Alsterdamm, ging eiligen Schrittes ein junges Mädchen — „Dame" kdnnte man es, nur nach dem Aeußeren anheilend, kaum nennen; und doch fühlte man, daß diese Bezeichnung die passende sein müsse, wenn man die hohe, schlanke Gestalt mit dem feinen, blassen Gesicht sah; das dünne, schwarze, in Folge Altersschwäche schon in's Graue hinüberspielende Kleid, das für die vorgerückte Jahreszeit bereits zu durchsichtige Umschlagetuch und den kleinen, durch vielfachen Gebrauch zerknitterten und unansehnlich gewordenen Strohhut — all' dies mußte man vergessen über den edlen Zügen, auf denen ein Hauch tiefer Melancholie lag. Ein kalter Luftzug von der Alster her fing sich in ihren Kleidern und trieb eine leichte Nöthe auf ihre Wangen; fröstelnd versteckte sie die kleinen, in vielfach ausgebesserten Handschuhen sich verbergenden Hände unter ihrem Shawltuch und mit ihnen eine Mappe, welche sie trug. Jetzt bog sie von der Alster nach Rechts ab, einem großen rothen, von Garten- anlagen umgebenen, erhöht liegenden Gebäude zu, auf dessen Inhalt wohl, weniger aber auf die äußere Form Hamburg stolz sein kann — der Kunsthalle. Je naher das junge Mädchen dem gewöhnlichen Sciteneingange dieses Museums kam, um so zögernder wurden seine Schritte. Es schien ängstlich; mit seinen großen, traurigen Augen blickte es auf die noch verschlossene Thür, an welcher ein mit großen Lettern gedrucktes Placat besage, daß dein Publikum der Eintritt erst um elf Uhr gestattet sei. Es hatte nicht nöthig, das erst zu lesen — es wußte es; kannte es doch das große Gebäude, seine reichen Schätze und die den Besuch des Publikums regelnden Vorschriften ganz genau, da eS täglich viele Stunden dort zubrachte. So ließ es denn auch heute jene Thür unbeachtet, *) Nachdruck verboten! 226 wandte sich der Hinterseite des großen Gebäudes zu und trat dort in eine kleine Thür. Nur zwei Schritte noch und es stand vor einer Stubenthür, an der es schüchtern klopfte. „Herein!"rief eine rauhe Männerstimme, welche jedoch beim Anblick der Eintretenden eine bedeutend freundlichere Stimmung unnahm. „Guten Morgen, Fräulein Beckers — Schon so früh?" — „Herr Castcllan, ich möchte Sie recht sehr bitten, mir für einige Tage zu erlauben, daß ich schon um 8 Uhr kommen darf; die Copie muß noch in dieser Woche fertig werden, und später, wenn oft viele Besucher die Säle durchwandern, arbeitet es sich schwerer und es geht weit langsamer von Statten. Bitte, nur für diese Woche!" — Mit weicher, herzlich bittender Stimme hatte sie gesprochen. Nachdenklich wiegte der alte Beamte den Kopf; endlich erwiderte er: „Ich kann es nicht gut auf mich allein nehmen, Fräulein Becker; wenn Sie mit dem Herrn Jnspector gesprochen hätten ....." — Das junge Mädchen erröthete leicht bei Erwähnung des Jnspectors, doch weit dringender fuhr es fort: „Sie kennen die traurige Lage meines armen Vaters, Herr Castellan, und wissen, wie sehr wir des Geldes bedürfen, welches ich für diese Copie erhalten werde, sobald sie vollendet ist; bitte, lassen Sie mich ein! — Und noch Eins", setzte sie zögernd hinzu, „der Jnspector muß es nicht erfahren." — Der alte Castellan nickte lächelnd, gutmüthig; er schien nun Alles zu begreifen. „Ihnen zu Liebe thue ich schon ein klebriges, Fräulein Becker", sagte er. „Ihr Vater — ach, der liebe, gute Herr, wie leid thut er mir, und wie betrübt mich sein unverdientes Geschick! — Ich habe ihn ja gekannt, als er jung und vor aller Welt gefeiert hier aus- und einging, als man sich leise zuflüsterte in den Sälen bei seinem Erscheinen und ihn den „Stolz Hamburgs" nannte — und nun so elend und — so rasch vergessen!" — „Ich danke Ihnen, lieber Herr Castellan, für Ihre Güte. —> Wie geht es Ihrer Frau und Ihren Kindern?" — „Nun man muß zufrieden sein, Fräulein, es geht eben so, daß man nicht gerade klagen darf." Beide gingen nun durch einen langen, schmalen Gang und dann eine Treppe mit wenigen Stufen hinauf, bis sie in die große, säulengetragene untere Halle kamen, an deren Wänden rings herum vorzügliche Copien der berühmtesten Bildhauerarbeiten aufgestellt waren und in deren Mitte die prachtvolle große und breite, in halber Höhe rechts und links sich theilende Marmortreppe, mit Teppichen belegt, zur oberen, ausschließlich die Gemälde enthaltenden Etage führt. Dort hinauf stiegen sie. Die tiefe Stille in den weiten Räumen, der laute Schall jedes gesprochenen Wortes und draußen die graue, schwere Nebelluft — dies Alles machte einen beängstigendunheimlichen Eindruck. — Links vom Hauptsaal, in einem der kleinen Zimmer, ward Halt Gemacht, und Hildegard Becker entledigte sich des kleinen, unansehnlichen Strohhutes. Eine reiche Fülle einfach geordneter brauner Zöpfe umschlang den edelgeformten Kopf und ließ daß blasse, schmale Gesicht noch feiner erscheinen; als sie auch noch das kkmschlagetuch abgelegt hatte, zeigte sich die schlanke, biegsame Gestalt in ihrer ganzen Schönheit und Formvollendung. Hildegard band eine kleine Schürze vor und begann, immer noch mit dem alten Castellan plaudernd, Pinsel und Palette zurechtzulegen, während Wesselmann — der Castellan — eine verhängte Staffclei aus dem Winkel des Zimmers holte und in die zur Arbeit erforderliche Position brachte. „So", sagte der Alte, „nun will ich auch nicht länger stören, Fräulein Becker." Hildegard nickte ihm freundlich zu. Dann rieb sie sich die von dem rauhen Herbstmorgen etwas gerötheten schmalen Hände, dabei ihre aufmerksame Beobachtung theilend zwischen dem Originalbild und ihrer Copie desselben. Die „Tochter Tizian's" war in treuer künstlerischer Vollendung unter Hildegard'S 227 Pinsel entstanden — die Copie einer Copie, deren Original sich bekanntlich in der Dresdener Galerie befindet. Nur noch wenige Arbeit, und das Bild war vollendet. Es war eine recht gelungene Arbeit, und doch schien noch etwas wie Unzufriedenheit auf dem melancholischen jungen Gesichte der Künstlerin zu liegen, als sie ihre Arbeit mit der des berühmten, vielgenannten jungen Malers verglich, nach dessen in der Dresdener Galerie genommener Copie sie malte. Allein auch dieser — wie es schien — unbefriedigte Ausdruck verschwand, als sie mit nunmehr erwärmten Händen eifrig an ihre Arbeit ging. Stunde um Stunde verrann bei ihrer emsigen Thätigkeit, bis es endlich auf dem nahen Kirchenthurme 11 Uhr schlug. Hildegard begann unruhig zu werden, und wie im Traume verloren pausirte sie zuweilen in ihrem Schaffen, ihr Blick schweifte hinaus in die klarer gewordene Atmosphäre, und ihre Lippen bewegten sich, leise murmelnd: „Ob er wohl heute kommen mag?" Sie erinnerte sich jedoch, das; sie von ihrer kostbaren Zeit keinen Augenblick zu verlieren habe, und fuhr eifrig fort zu malen. Allein die Ruhe war von ihr gewichen, immer auf's Neue mußte sie sich unterbrechen, um auf die Schritte Nahender zu horchen, denn mit dem Glockeuschlag elf begann die Zulassung des Publikums zu den weiten Räumen der Kunsthalle sowohl, wie auch zu der in einem Theile derselben etablirten permanenten Ausstellung der Arbeiten lebender Künstler. Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, noch keiner von den Besuchern hatte das kleine Zimmer betreten, in welchem Hildegard arbeitend vor der „Tochter Tizian's" saß — da plötzlich, erröthete das junge Mädchen heftig, sie legte die Hand heftig auf's Herz, um sein ungestümes Pochen zu beschwichtigen; sie hatte die Schritte erkannt, welche langsam dem Zimmer sich näherten; sie wußte, wer jetzt kam — nur um sie zu sehen, an nichts sonst, an keinen der zahlreichen Kunstschätze sich kehrend, nur sie hier suchend. — Gewaltsam hatte sie sich beherrscht, und anscheinend ruhig arbeitete sie weiter, obwohl sie es kaum wagte, mit ihrer heftig zitternden Hand den Pinsel auf die Leinwand zu bringen. Das Geräusch der Schritte hatte ganz in ihrer Nähe aufgehört; Hildegard fühlte, daß die Augen des Herangetretenen auf ihr ruhten. Schüchtern erhob sie den gesenkten Kopf und sah ihm in's Gesicht — nur einen Augenblick-— während sie mit leichtem, befangenen Nicken und tief crröthend seinen achtungsvollen Gruß erwiderte. Ein eleganter Herr in der Mitte der dreißiger Jahre stand dicht neben Hildegard; sein Blick ruhte auf der Arbeit der Künstlerin. „Sie waren sehr fleißig, mein Fräulein, und ich gratulire Ihnen zur baldigen Vollendung", sagte der Herr. Verlegen und auf's Neue erröthend, erwiderte Hildegard Becker nichts. Sie begann anscheinend ihr Vorbild zu ftudiren. Es war das erste Mal, daß der Fremde sie angeredet hatte, obwohl schon wochenlang täglich Beide sich gesehen. Erst vor wenigen Tagen hatte er zuerst sie gegrüßt und sie ihm halb befangen, halb erschreckt gedankt. Er war unleugbar ein schöner Mann mit dunkelblauen, glänzenden Augen, welche eigenthümlich contrastirten mit dem schwarzen Haar und dem gleichfarbigen Schnurrbart, wie mit dein südlich gebräunten Teint. Bei einen; zufälligen Besuch der Kunsthalle hatte er im Vorübergehen die Malerin gesehen, doch sie kaum beachtet; nur erst, als er einen Kennerblick auf die treue, künstlerisch vollendete Copie der „Tochter Tizian's" geworfen, da sah er auch aufmerkfamer auf das fleißige junge Mädchen, welches seine Nähe gar nicht bemerkt hatte. Am folgenden Tage kam er wieder. Die blasse Künstlerin hatte ihn mehr beschäftigt, als er selbst sich gestehen mochte. Dann hatte auch sie ihn zufällig bemerkt, und als er darauf Tag um Tag immer wieder kam und mit stummer Bewunderung in ihrer Nähe verweilte, als seine Augen die ihren zu suchen begannen, da empfand sie, wie ein leises Wonnegefühl sie erbeben machte, und daß der schöne Mann mit den guten, sapien Augen nur ihrethalbcr ein so regelmäßiger Besucher der Kunsthalle geworden, und das junge Mädchenherz folgte willig der magnetischen Gewalt seiner Blicke, welche sie auch verfolgten, wenn er nicht da war, die in ihre Träume sich drängten und deren Zauber sie willenlos sich hingab. Kein Zudringlicher Blick, kein ungehöriges Wort von ihm belästigte Hildegard je; er war immer achtungsvoll und zurückhaltend. Es that ihr dies recht wohl, denn oft hatte sie in Folge ihres ärmlichen Aeußern, welches doch ihre Jugend und Schönheit nicht zu verdrängen vermochte, sich rohen und frechen Zudringlichkeiten ausgesetzt gesehen. Einige Minuten — für Hildegard eine lange Zeit süßer, bebender Angst — war er in dem kleinen Zimmer geblieben, dann ging er leisen Schrittes durch die offene Nebenthür. Hier stand er lange an einem Fenster und schaute hinaus auf die nun von der eleganten Welt und von schönen Equipagen belebten Straßen. (Fortsetzung folgt.) Sylt. Gleich einem Streiter, der zu Boden sank, liegt das sterbende Eiland zu Füßen des brandenden Meeres. Der Wind pfeift darüber, peitscht die Wogen und jagd sie gegen die Dünenwände, die am äußersten Rande der Insel aufsteigen, bald in einfacher Reihe, bald in regellos sich emporthürmender Hügelkette. Diese Wälle schützen die hohen Leuchtthürme, die in den Nebel wie graue Riesen der Vorzeit ragen, schirmen die Häuser, die weitab von der Brandung ängstlich hervorschauen, decken mit ihren hohen Kuppen das Leben der wenigen ansässigen Menschen und die grüne baumlose Ebene, welche landeinwärts die Insel zeigt. Ein düsteres Bild! Vor uns öde Fläche, hinter uns die sandige Düne und das wogende Meer, über uns ein trauriger Himmel, auf dem die Wolken sich finster, gleich drohenden Händen ballen. Das ist Sylt, eine langgestreckte, nahezu zwei Quadratmeilen fassende Insel, der übriggebliebene Rest einer von Wind und Meer in Trümmer geschlagenen Welt. Vorläufig ist Sylt, seit ein Arzt aus Altona vor etwa zwanzig Jahren in diesem Bereiche düsterer Melancholie einen erquickenden Reiz für verstimmte Nerven fand — Seebad geworden. Mit den insclüblichen Preisen stieg der Besuch. Nicht zur Freude aller eingeborenen Bewohner, an denen das Geschick sich wiederholt, das ihre Väter vor grauen Jahren dem Centrum europäischer Cultur bereiteten. Bedrohlich wendeten sich, als die Fluth ihren heimathlichen Boden umstürmte, die Ahnen der Sylter: die Cimbern, gegen Süden. Rom zitterte, wie jeder Hörer eines Gymnasiums zu sagen weiß, bis Marius zum Retter der damaligen Gesellschaft wurde. Nun ziehen aus den südlicher gelegenen Landen wirkliche und vermeintliche Kranke auf den alten cimbrischen Boden des Nordens. Der ehedem steife barbarische Nacken der Eingeborenen muß sich beugen lernen; die Fremden nehmen Besitz von seinem kleinen Haufe, seinem flackernden'Herde, seinem säuberlich blanken Bette, seinem Gärtchen, in dessen rothen Haideglocken der Wind läutet. Der Fremden Sitte setzt sich auf der Insel fest. Art wie Unart der Eindringlinge geht aus die Jugend über, die anfängt, sich der Kleidung von ehedem, der weiten Zwilchhose und der theerigen Jacke, zu schämen; welche die alte, dem Idiom Fritz Reuter's so naheverwandte Sprache scheut und die Gewohnheit mißachtet, die so lange ihr Herrenrecht auf der Insel geübt. Nur noch im Norden und Süden der Insel, wohin der Fremde seltener gelangt, ist der alte Brauch erhalten. Wenn unter die geputzten Badegäste Sonntags der Nord- und Südländer in seiner feiertäglichen, altmodischen wollenen Gewandung erscheint, um' labakkauend oder ein brandiges Getränk schlürfend die fremden Gäste und ihr Treiben zu beobachten oder die Sonne wie eine rothe Kugel in's Meer tauchen zu sehen, scheint eine vergangene Epoche sich aufzuthun. Selbst in Bewirthschaftung des Bodens halten Nord und Süd am Brauche früherer Tage. Das Land gilt als Gemeingut. Ein Vorsteher setzt fest, wann die Wiese — Ackerland gibt es kaum — zu bestellen, das Heu 229 zu mähcn sei, wer die Heerden zu besorgen hat. Auch Festes- und FcisrtagSfreuden sind die alter Zeiten. In Nord und Süd der Insel thürmt sich die Dünenkette am wildesten. Hier formte der Flugsand Berge und Thäler wie im Hochgebirge. In beide senkt das Hnide- gras seine Wurzeln, als wollte es die Sandwälle, die das Meer zum Schutze vor seiner eigenen Macht errichtet, festhalten. Vergeblich! „Die Dünen sind die wilden Hofhunde; sie schützen, aber sie greifen auch an", meint ein altes Friesenwort. Wo heute ein Berg — ist er nach wenigen Wochen verflogen. Das Thal thürmt sich zur Höhe, und Halme und Ranken, die es fesseln wollten, sind, vom Winde zersaust, im Stande begraben. Immer weiter landeinwärts fliegt der Dünensand, Korn auf Korn! Wie mit Riesenfüßen schreiten, alles Leben vor sich her vernichtend, diese wandernden Höhen einher. Im äußersten Norden der Insel, wo das Land in eine schmale, vom Sandgcbirge gekrönte Strecke ausläuft, liegen die Grabstätten ehedem blühender, vom Sande vernichteter Ortschaften. Der Hauch des Todes weht darüber. Rechts trichterförmige Thäler, mächtige Hügel. Ihre Füße küßt das träge Wattenmeer. Ihn; gegenüber rollt auf dem jenseitigen Ufer des schmalen Jnselrückens die wilde Nordsee; man hört die Brandung in ihrem gleichmäßigen dumpfen Rauschen; ab und zu kreischt eine Möve. Sonst tiefe, beängstigende Ruhe. Auch in den Wohnstättcn der wenigen Menschen, die hier ansässig sind. Wie im Schlafe liegen diese ärmlichen Häuschen auf kleinen Lehm- hügeln. Wenn das Wasser steigt, geht es über die Hügel hinaus und bestreicht die Vorplätze der Häuser. Ein Gehöft, das höchstgelegene, ist das Haus des Strandvogts. Vor demselben sind wie mächtige Barricaden zerbrochene Planken, Schiffsgeräthe, Kisten und Fässer mit Erzeugnissen ferner Länder aufgeschichtet. All dies bleibt hier bis zur nächsten Auction, in der die einzelnen Stücke von dein Meistbietenden erstanden werden. Der Staat ist Sammler und Verkäufer alles dessen, was die Welle in ihren Schooß zog, um es übersättigt wieder an's Land zu werfen. Ehedem wurde dieses Geschäft von den Bewohnern des Ortes besorgt. Sie befanden sich sehr wohl dabei; gar manchen Diavolo des Meeres hat die Heldensage besungen und eine Gloriole schmückt sein Haupt. Der Lampenkranz im Leuchtthurme, heute ein warnendes Zeichen, war ein Lockvogel für ahnungslose Schiffer, die das trügerische Licht in den brandenden Strudel zog. Die Kirche ist verschwunden mit unzähligen Häusern, die einst neben dieser Ruine eines Dorfes — sein Name ist Rantum gestanden. Es ist nicht lange her, daß sie verschüttet wurden. Die Kirche hielt am besten Stand, Zweimal wurde sie abgebrochen und ostwärts neu errichtet. Die fliegenden Berge zogen hinterdrein. Noch in den esten Tagen unseres Jahrhunderts tönte Gottesdienst und frommes Lied in ihr. Der Sand flog durch Thore und Ritzen, oft stand die Kanzel während einer Predigt mitten im Sande. So beschloß man die Kirche zu sperren und später an einen Schiffer zu verkaufen. Derselbe, Ebe Pohn mit Namen, baute sich aus dem Kirchenholze ein Schiff, schmückte es mit den heiligen Gerathen und nannte sein Gefährte — das Gotteshaus hatte ihm nur hundert Thaler gekostet — „Segen von oben." Eines Tages strandete das Schiff, die See verschlang alle Heilig- thümer von Alt-Rantum. Die preußische Regierung hat, als sie von Sylt Besitz ergriff, sofort einen sehr nachdrücklich geführten Kampf gegen Dünen und Meer zum Schutze des Landes begonnen. Die Bewohner der fünf Häuser von Rantum sind ihr sehr eifrige Mitarbeiter geworden, zum Lohne hiefür hat ihnen der. Staat für die verlorene Kirche ein SchulhauS gebaut. Sylt hat auch Stätten des Lebens: in Keitum, wo der Sitz der Aemter ist, und in dem eigentlichen Badeorte. Hier erheben sich auf dem weichen elastischen Moorboden, auf dem man wie über Teppiche schreitet, städtische Hotels, Landhäuser und stolzere Bauten mit Arcaden» in denen große Kaufläden; hier kreist die fremde Welt auf Sylt in bunter Menge; diese kleine Welt mit ihren Hoffnungen und Wünschen, ihrer Unruhe, ihren Das preußische Negime ist auf der Insel nicht völlig eingebürgert. Der trotz, s Friese und der unbeugsame Geist brandenburg'scher Verwaltung sind nicht geeignet, sehr gut mit einander Zu fahren. Die Preußen haben die Schisffahrtschule aus Sylt gesperrt und verlangen, daß die Sylter im theuren Hamburg die Kunst der Schifffahrt lernen, ehe sie Fahrzeuge auf der See selbstständig führen. Der erste Sylter, der die hohe Schule besuchte, fiel beim Examen durch, und eS fehlt seither an Muthigen, welche nach den Ziffern und Buchstaben begierig wären, deren Kenntniß eine neue Zeit für den SchiffScapitän unerläßlich hält. Preußen hat eine Verwaltung, die viel kostspieliger ist, als die des kleinen Dünemark; Preußen fuhr mit einem Schwämme über alle Gerechtsame und Freiheiten der Friesen. Preußen hat seine Wahrzeichen auf der Insel ausgestellt mit der Bezeichnung des Landwehrbezirkes und des Regimentes, in das die Söhne des Landes eingereiht werden sollen; aber den Insulanern mißfällt dieser Dienst, und mancher von ihnen hat sich über die nahe dänische Grenze nach dem fernen Amerika gemacht, um dem Exercir-Neglcment zu entweichen. In Einein hat die preußische Regierung Außerordentliches geleistet: in dein Kampfe, welchen sie zum Schutze der Insel gegen die tobende Gewalt des Meeres führt. Millionen hat sie bereits für die mächtigen Bühnen- bauten verwendet, die ihre steinernen Niesenarme kühn ins weite Meer von allen Gestaden der Insel aus erstrecken. Gewaltige Felsblöcke — zum Theile sind sie aus den Hünengräbern der Insel gebrochen — bilden diese Wälle. Zwischen ihnen sammelt sich der Flugsand, und es entsteht ein Vorstrand, der die Küste der Insel in den Tagen der Gefahr schützen soll. Die Sylter meinen, die Bühnen werden nicht Stand halten, wenn erst der rechte Wind komme. Der rechte Wind! Regelmäßig einmal im Monate kehrt er wieder, rvenn die Mondscheibe ihren Glanz einbüßt. Er pfeift nicht wie sonst. Er schreit und brüllt und tobt wie eine hungernde Bestie. Er klirrt im Muschelwerke und Gestein, welche die Wells ans Ufer warf, peitscht das Meer, daß es tosend zum Himmel spritzt, wie gejagt von weißen Gespenstern: von dem Meergotte Nigir auf bäumendem Rosse, den flatternden Zwerggeistern der Insel, den Pucks von Stademwüfke, der weißen Frau von Sylt, die ihr Klagelied heult, so oft der Insel Unheil droht. Wenn im September und März die Länge des Tages und der Nacht sich gleicht, dann bekreuzen sich in solchem Augenblicke die Sylter Frauen; die Männer aber setzen die schwarzaetheerten Häuser zum Schutze für Gestrandete zurecht und harren der Beute, die das Meer auswirft. Ab und zu ist es eine Leiche. In aller Stille wird sie bestattet nahe dem mörderischen Meere, in „der Heimnth für Heimathlose", einer umfriedeten Reihe von Gräbern. Ein neues Kreuz tritt zu den alten. Es trägt keinen Namen, nur ein Datum, das den Tag anzeigt, an dem der Jüngste, der im Meere ausgerungen, an die mütterliche Erde sank. Zur Sommerszeit endigt der Sturm minder tragisch. Er fegt wie toll die Kleider der Muthigen, die sich ins Freie wagen, durcheinander und stößt mit seinen gewaltigen Fäusten gegen Alles, was Widerstand leistet. Die Scheiben klirren, die Häuser wanken und die Badekarren brechen krachend zusammen. Sind die Nachtstunden vorüber, dann legt sich seine Wuth. Nur das Meer bäumt sich noch wilder als sonst. Die Badenden lockt und ruft es mit tausend Stimmen, und wie mit tausend Händen führt es ihnen Erquickung zu. „Himmlisch' Bad!" declamirt im höchsten Tone des Theater-Entzückens ein Bühnenheld, dem während der heißen Münchener Possart-Tagc ein Wiener Urtheil in die Nerven fuhr, daß er hier Erholung suchen muß. „Himmlisch' Bad!" Er schlägt das Laken künstlerisch wie eine Toga um die hohen Glieder. „Einziger Wellenschlag! Das Bad für starke Männer!" Friedrich Schütz. Auslösung dor Original-Charade in Nr. 27: Trauerspiel. Für die Redaktion verantwortlich: Alvhons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des LilerariMeu Instituts von Dr. M. Huttler.