Nr. 30. 1680. zur „Ailgsimrgcr PostMmrg." Mittwoch, 13. Oktober ^ Was ist's auf Erden doch ein Streben, Wetten, Jagen, Und fragst Dn Dich warum? — um schließlich zu entsagen. Rudolf Bunge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Hildegard versuchte ihre Arbeit wieder aufzunehmen, doch mochte es die nun schon nahezu vier Stunden währende angestrengte Thätigkeit sein, welche ihre Hand erzittern ließ, ihre Blicke umflorte, oder hatte die momentane mächtige Aufregung sie bewältigt; eine Schwäche, welche sie ihrer Sinne zu berauben drohte, bemächtigte sich des jungen Mädchens. Bleich, das schöne Haupt an die Wand gelehnt, sah sie da, ein leises Stöhnen drang aus ihrer schwer athmenden Brust, während Thänen über ihre Wangen rollten. — Ob er den leisen Schmerzenslaut gehört? — Plötzlich wandte er sich und erblickte die halb Bewußtlose. Erschreckt eilte er zu ihr. „Was ist Ihnen, mein Fräulein? — Sie sind nicht wohl!" Mit diesen Worten eilte er auf Hildegard zu. Sie vermochte ihm nicht gleich auf seine theilnehmendc Frage zu antworten, nur ein angstvoller Blick aus thrünenumflorten Augen ruhte auf seinem die höchste Besorgnis; ausdrückenden Gesicht. Der Fremde hielt die schmale weiße Hand der Künstlerin einen Moment nur in der seinigen — sie war kalt, eiskalt. Rasch.entschlossen rief er einen der Aufseher der Galerie herbei, sprach schnell nur wenige Worte mit ihm und kehrte zu dein inzwischen bewußtlos gewordenen jungen Mädchen zurück, das er voll tiefsten, aufrichtigsten Mitleides ansah. Leise, wie zu sich selbst, sagte er: „Armes Kind! — Der nicht endende Kampf mit Noth und Elend hat sie überwältigt!" —- Eine Fluth von Gedanken bestürmte die Seele des Mannes, dessen ganzes Interesse dies arme junge Mädchen seit lange schon erregt hatte. Er hatte bemerkt, wie sie sich abgemüht, diese schwierige Arbeit zu Ende zu bringen; ein Blick auf ihre Kleidung hatte ihn belehrt, daß sie die Sorge um das tägliche Brod härmte und quälte, daß dieses sanfte, traurige Gesicht den Stempel des Mangels und der Entbehrung trug. — Und dabei so viel Schönheit und Talent! — Und täglich bemerkte er, wie die Wangen bleicher, der Glanz der seelenvollen Augen trüber wurde, und unwillkürlich mußte er sich fragen: „Wie lange wird sie zu kämpfen vermögen mit Elend und Armuth? — Wird nicht auch sie bald den glänzend verlockenden Weg des Lasters betreten müssen, wenn sie nicht umkommen soll durch bittern Mangel?" Sein Vorsatz stand fest: er wollte sie nicht aus den Augen verlieren, er sah ein, e s mußte etwas Durchgreifendes für sie gethan werden, um den Kampf für die Existenz ihr zu erleichtern. Eines Tages war er ihr gefolgt, ohne, daß sie es ahnte; durch enge dumpfe Straßen führte ihr Weg in das Quartier der Armen, wo sie eines jener Häuser betrat, welche jedem Gutsituirten, der sich in diese Gegend verirrt, geheimes Grauen verursachen, wo Duzende von Familien in schmutzigen, engen Räumen bei einander leben, die ihnen kaum die nöthige Luft zum Athmen gewähren können. Dort wohnte die blasse, schöne Künstlerin. — In demselben Hause befand sich ein kleiner Krämerladen, und dort zog der theil- wehmende Herr Erkundigungen ein über das junge Mädchen, und Alles, was er da erfuhr, konnte 'das lebhafte Interesse, welches er für Hildegard Becker empfand, nur erhöhen. Die kleine behäbige Kräinerssrau war voll des Lobes von „Fräulein Becker"; in ihrer geschwätzigen Weise hatte sie alsbald ein klares Bild von den Verhältnissen entworfen, unter denen die Familie Becker litt. Dieselbe wohnte nun schon seit einigen Jahrei: in einem Hinterstübchen ihres Hauses. Hildegard's Vater war einst in Hamburg ein bekannter und hochgeachteter Maler gewesen, seine Bilder waren sehr gesucht und wurden gut bezahlt, er hatte viele Freunde und Verehrer und wohl auch manchen böswilligen Neider gehabt, denn er schien einer jener wenigen Bevorzugte!: oder Auserivühltcn zu sein, denen mit Recht das Glück lacht. Der talentvolle Maler besaß ein schönes, über Alles von ihn: geliebtes Weib und drei reizende Kinder; sein Heim war eine Stätte des Glücks und der Liebe. Doch nur zu bald ward es anders. Becker ward von einem Augenleiden heimgesucht. Anfänglich war es unbedeutend, und die Aerzte hofften es bald zu beseitigen, doch Monate ja Jahre vergingen, und der Zustand des unglücklichen Künstlers ward immer bedenklicher. Seit Beginn seiner Augenkrankheit hatte er Pinsel und Palette zur Seite legen müssen; er war auf dem Wege gewesen, sein und der Seinigen Glück zu begründen, allein es war noch nicht gemacht. Der Haushalt ward mehr und mehr eingeschränkt; anfänglich ging es noch aus eigenen Mitteln, dann halfen die Freunde, doch auch diese Hülfe lies; nach, mußte nachlasse!:, wie das ja im Laufe der Welt nicht anders sein kann. Mehr und mehr machten Mangel und Noth sich heimisch in dem kleinen, sonst so glücklichen Familienkreise. Aller ärztlichen Verbote ungeachtet hatte Becker doch im Anfang den Versuch der Arbeit wiederholt gemacht, kam indessen bald genug zur Einsicht, das; es vorbei war mit seinem Schaffen und Wirken, denn seine Augen waren unrettbar verloren. In diese Zeit der Trauer und Entbehrungen fiel ein Funke lichten Glücks; die kleine Hildegard, kaum zwölf Jahre alt, begann jedes ihr erreichbare Stückchen Papier zu bezeichnen oder zu bemalen, und die kranken Augen des Künstlers erkannten das ihm innewohnende Talent wiedererstehe!: in seiner Tochter. Mit Hast und Eifer begann er den systematisch-theoretischen Unterricht mit dem Kinde, das unter seiner Anleitung immer sicherer und genialer die Idee zu verkörpern anfing, welche der Vater vor dem geistigen Auge Hildegard's zu zaubern verstand. Doch immer schlimmer wurde Becker's Zustand, und er konnte nun auch selbst den Unterricht seines Kindes nicht mehr fortsetzen, da er nicht im Stande war, ihre Arbeit auch nur annähernd zu controliren. Immer matter, verschwommener, trat Alles vor das einst so scharfe Auge. Es gab nun eine Zeit voll des tiefsten, schmerzlichsten Leids; um seine ganze Zukunft betrogen, die Seinen in Kummer und Mangel wissend, ohne Aussicht auf Hülfe und Rettung, traf den unglücklichen Künstler der bitterste Schlag; sein theures, heißgeliebtes Weib erlag dem Unglück; die Verzweiflung über das Schicksal ihrer Lieben hatte bis zur letzten Stunde sie gequält und ihr das Scheiden doppelt schwer gemacht. Jahre waren seitdem vergangen — Jahre voll Elend und Kummer. — Eii: treuer 235 Freund, ein Kunstgenosse Vecker's hatte das Talent der kleinen Hildegard ausgebildet. Es war das die einzige Hülfe, welche der selbst nicht vermögende Künstler dein armen Kollegen geben konnte, und das Ergebniß von Hildegard's fleißigem Studium bildete nunmehr die einzige Ressource für die bedauernswcrthe Familie. Die kleinen Arbeiten Hildegard's wurden durch Vermittelung ihres Lehrers — des Malers Krelle — an einen Kunsthändler verkauft; dieser indessen kannte die Bedrüngniß der Familie und zog seinen Vortheil daraus; er gab sich den Anschein, als ob ein Mit- leio ihn bewege, die Bilder überhaupt zu kaufen, namentlich da sie von einer so jungen und gänzlich unbekannten Malerin herrührten, während er den Käufern deren Vorzüge zu preisen verstand und das unleugbar große Talent hervorhob, welches die Künstlerin besaß. Er wußte einen unverhültnißmäßig höheren, als den von ihm bezahlten Preis zu erzielen, und freute sich des guten Geschäfts, welches er machte. Durch Vermittelung von Becker's Freund und Kollegen Krelle hatte Hildegard von einer reichen Dame den Auftrag erhalten, die „Tochter Tizian's" zu copiren, und war ihr für diese Arbeit ein ansehnliches Honorar zugesichert. Mit unermüdlichem Eifer hatte sie die Arbeit begonnen und weiter geführt, und dieselbe war nun der Vollendung nahe. Sie achtete nicht der Schwäche, welche bisweilen sie überfiel, stand doch das bittere: „Es muß fertig werden!" stets gebieterisch neben ihr, sie ewig anspornend und mahnend, alles Andere darüber zu vergessen. Hunger und Noth, verbünde,: mit nicht ermüdender Thätigkeit, hatten dahin gewirkt, das sonst so Willensstärke Mädchen zu übermannen. Mit Hülfe des Castellans brachte der fremde Herr es in eine auf sein Geheiß herbeigeholte Droschke und fuhr mit der bleichen, jetzt wieder zum Bewußtsein gekommenen Hildegard durch die belebten Straßen der großen Stadt, bis sie in jene Gegend kamen, wo die Gassen immer enger und weniger einladend wurden und oft neugierige Blicke in's Innere des Wagens zu dringen versuchten, denn die Bewohner dieser Gegend von Hamburg waren nicht gewohnt, andere Fuhrwerke als Arbeitswagen in ihrer Nachbarschaft zu sehen. Der Beschützer Hildegard's klopfte dem Kutscher zu halten, stieg dann aus und nannte ihm die genaue Adresse; dann wandte er sich zu dein jungen Mädchen und sagte eindringlich: „Nun bitte ich aber, daß Sie sich schonen und nicht mehr über Ihre schwachen Kräfte arbeiten. Sie werden mir erlauben, mich nach Ihnen zu erkundigen." Ehrerbietig lüftete er den Hut, und der Wagen rollte davon, noch ehe Hildegard im Stande war, ein Wort zu erwidern. „Schonen?!" wiederholte sie mit bitterem Ausdruck und unter Thränen der Schwäche, die ihr unbewußt über die Wangen perlten. „Schonen soll ich mich — und das Bild muß noch in dieser Woche fertig werden, soll unser Elend nicht die äußerste Grenze erreichen!" — Gewaltsam sich zusammennehmend, faßte sie mit erzitternder Hand nach der Stirn. Sie wollte all' die auf sie einstürmenden Gedanken mit Gewalt zurückdrängen, wollte nicht krank oder schwach vor den Vater hintreten, sein Leid, seinen Jammer nicht durch die Wahrnehmung erschweren, daß auch sie körperlich, ja daß sie materiell litt, nicht sein Unglück vermehren durch die Sorge um seine Tochter. Der Wagen hielt, Hildegard stieg aus. Sie beachtete nicht die höhnischen Blicks und Reden der Nachbarsleute, mit denen diese ihr Erstaunen auszudrücken bemüht waren, daß die „Pinseldame" -— diesen Beinamen hatte man Hildegard gegeben — den Weg nicht mehr zu Fuß machen könne und noch Geld genug habe, um in einer Droschke zu fahren. Nicht der geringste Theil ihres Leids bestand für Hildegard darin, unter diesen Menschen leben zu müssen; eS war ihr unmöglich, so mit ihnen zu verkehren, wie sie unter sich es thaten; ein Tag sich beschimpfend und zankend, am nächsten wieder als die beste:: Freunde. Sie war stets freundlich gegen alle ihre Nachbarn, vermied jedoch jeden näheren, intimeren Verkehr und namentlich alle müßige Unterhaltung, und eben dieses Zurückhalten war es, was die Leute verdroß und sie dahin brachte, Hildegard den e-pitz- 236 Namen „Pinselmadame" oder „Pinseldame" beizulegen, sobald sie erfahren, baß das 'unge Mädchen Bilder male, statt durch „ehrliche Arbeit, wie Waschen, Bügeln, Nahen oder dergleichen, ihr Brod zu verdienen. Die boshafte Menge ahnte ja nicht, wie viel für das arme junge Mädchen Ehrendes in dem „Spottnamen" lag, den man Hildegard Lecker beigelegt hatte! — „Ah! Fräulein Hildegard, Sie sehen so blaß aus — sind Sie krank?" fragte die mitleidig herzutretende Krämersfrau, welche allein sie gegen all' die hämischen Angriffe lertheidigte und immer sagte, sie sei besser als all' die Uebrigen, welche in der Straße vohnten, und daß man doch ihren Kummer und ihre Sorgen nicht unnöthig vergrößern, -aß man sie ganz in Ruhe lassen möge. Hildegard richtete einen dankenden Blick auf die brave Frau und wankte, auf deren Arm gestützt, nach dem kleinen Laden. Dort ließ sie sich, unfähig ein Wort zu sprechen, auf den einzigen Stuhl sinken, der sich da befand. „O mein Gott! liebes Fräulein, Sie sind sehr krank!" rief nun Frau Mewissen, ie Krümersfrau. „Wahrscheinlich haben Sie wieder einmal Nichts gegessen heute früh; ra, warten Sie, ich habe noch schönen warmen Kaffee im Ofen!" Geschäftig lief die gutmüthige Frau nach dem großen Kachelofen im Hinterzimmer md brachte Hildegard schnell eine Tasse des dampfenden, in Hamburg meist sehr gut breiteten Getränks; dann legte sie Schwarz- und Weißbrod und Butter auf den Tisch md bat das junge Mädchen so dringend, herzhaft zuzulangen, daß Hildegard auch ihrer Aufforderung entsprach, indem sie den Kaffee wenigstens trank, das Brod jedoch un- erührt ließ. » „Ihr Kranksein, Fräulein, kommt nur von Hunger und Schwäche, weil Sie des Norgens fast immer fortgehen,, ohne irgend Etwas genossen zu haben. Sie werden sich loch ganz von Kräften bringen, wenn Sie das nicht ändern", meinte Frau Mewissen. Etwas erholt stieg Hildegard nun in die engen, knarrenden Stufen der dunklen Lreppe hinan, oft nach Athem ringend, bis sie endlich die vier steilen Treppen erstiegen atte. Oben öffnete sie die Thür zu einer kleinen Hinterstube. Obwohl dies Zimmer ehr klein war, hatte es doch Raum genug, um das Wenige, was sich in demselben iefand, zu bergen. Wie rein und ordentlich es hier auch aussah, es war doch ein Anblick größter Armuth, der dem Eintretenden sich bot. Non einem alten, aber immerhin noch bequemen Lehnstuhl, dem einzigen Ueber- ckeibsel aus besserer Zeit, erhob sich eine hohe, doch gebeugte Gestalt, und wandte ein chmales, eingefallenes, mit langem schwarzem, schon stark grau untermischtem Haar und Hart umwalltes Gesicht sich der Thür zu. „Du bist es schon, Hildegard? — Du bist doch nicht schon fertig mit „Tizian's rochier?" — „Ach nein, Vater, noch nicht; aber es ist so ein dunkles, nebeliges Weiter heute, >nd bei der matten Beleuchtung mußte ich mich so anstrengen — ich konnte die Farben- one nicht mit Sicherheit bestimmen — es schwindelte mir vor den Augen und — ich vnnte nicht weiter arbeiten! — Ich muß heute ausruhen, Vater — bis morgen früh, mnn werde ich wieder mit erneuter Kraft arbeiten — und dann ist das Bild auch bald 'rüg und wir werden für lange Zeit vor Mangel geschützt sein." — „Deine Stimme zittert, Kind, Du fühlst Dich doch nicht ernstlich krank?" — Besorgt trat der arme blinde Vater auf sein Kind zu und tastete nach Hildegard's leichem, schönem Haupte, prüfend die Hand auf die Stirn des jüngen Mädchens legend. „Dein Kopf brennt, Du bist krank, Hildegard! — Mein armes, liebes Kind, auch Hu wirst noch dem Elend erliegen!" Mit dem Ausdruck des höchsten, bittersten Schmerzes hatte der arme Mann gebrochen; in Verzweiflung die Hände ringend fuhr er fort: „Und ich, der ich ganz unnütz nur Euch das Leben erschwerend hier bin, ich lebe, 237 mich übermannt nicht das Elend und erlöst mich und Euch von meinem qualvollen Dasein!" — „O sprich nicht so, Vater!" flehte Hildegard unter unaufhaltsam hervorbrechenden Thränen, und ihre Arme um den Hals des Blinden schlingend. „Es wird ja bald besser werden; nur noch einige Tage der Arbeit, dann ist das Bild fertig, und ich glaube, es wird den Beifall der Frau Senatorin finden. Sie hat mir versprochen, das; sie mir durch ihre Bekannten noch weitere lohnende Aufträge verschaffen werde, wenn die „Tochter Tizmn's" gefällt. Ich habe mein Möglichstes gethan; Freund Krelle war gestern in der Kunsthalle, er ist zufrieden — sehr zufrieden gewesen mit meiner Arbeit, und Du weist, Vater, er ist streng in seinem Urtheil." — „Mein gutes Kind!" erwiderte gerührt der blinde Künstler, indem er einen innigen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens drückte, welches sich zärtlich an ihn schmiegte. „Um Deinetwillen freue ich mich der guten Hoffnung, denn dann können wir fortziehen aus dieser elenden Gegend, wo man unser Unglück verspottet und verhöhnt, weil wir es ertragen ohne dieser rohen Menge die Ohren vollzu klagen. Wenn wir erst eine andere Wohnung haben können, wo wir in guter, frischer Luft leben, dann wirst Du auch wieder gesund und froh werden. Wie muß ich doch Gott danken, einen solchen Schatz in meinem Kinde zu besitzen! — Ich bin noch nicht ganz unglücklich so lange ich Dich habe, Hildegard!" — Sie hatte sich eine breite Schürze vorgebunden und begann die Vorbereitungen zum Mittagsmahl zu treffen. Sinnend hielt sie bisweilen inne, und ein glückliches Lächeln erhellte dann ihre Züge. Sie dachte an den fremden Herrn — wie besorgt um sie er gewesen, wie tactvoll er gehandelt. Er hatte sie nicht dem hämischen Geschwätz der Nachbarn aussetzen wollen und sie deshalb nicht bis zu ihrer Wohnung begleitet. Und woher wußte er denn eigentlich ihre Wohnung? — Sie selbst hatte er nicht danach gefragt, sie sie ihm auch nicht genannt ..... — Mit freudigem Gefühl muße sie sich diese Frage dahin beantworten, daß er sich mit ihr beschäftigt, nach ihr geforscht haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Dulcigno. Unter der Riesenplatane bei Dulcigno, wo sonst Arme und Reiche des Städtchens ihre Siesta zu halten pflegen, wird es jetzt recht lärmend und kriegerisch aussehen. Dort wird ohne Zweifel Kriegsrath gehalten, dort werden die Häupter der Liga dein anwesenden Volke Reden halten und ein ermunterndes Kriegslied nach den: andern wird dort ertönen. „Die Stimmen der Herolde", so beginnt eines der beliebtesten und ältesten Kriegslieder, „verstärkt durch das Echo im tiefen Thalgrunde und auf der hellen Höhe, rufen euch Helden zum Kampfe! Eilt herbei alle, ihr stolzen und furchtlosen Männer, die Ihr den stets mit Ruhm und reicher Beute geschmückten heimatlichen Herd vertheidigen wollet... Also dringt ein nach Montenegro, ihr Löwen von Skutari, Vorwärts, ihr Maljisoren (Gebirgsbewohner), meine getreuen Söhne und Krieger! Macht, daß die Ungläubigen und Treulosen blutige Thränen weinen und daß der Tod Mahmud Paschas tausendfach gerächt werde." Heute gilt es allerdings nicht, den Tod eines Paschas zu rächen, aber mit um so größerer Begeisterung wird der altbewährte Ruf, nach Montenegro einzudringen, in allen Reihen der Liga aufgenommen werden. Die alte Ruine inmitten der Citadelle von Dulcigno, dieser durch örtlichen Aberglauben unantastbar gewordene Ucberrest eines uralten Bcobachtungsthurmes, vernimmt nicht das erste Mal wüsten Kriegslärm, seitdem das kleine Hafenstädtchen durch eine verirrte Colonie der schwarzen und kraushaarigen Kolcher gegründet wurde. Rom entriß Dulcigno (Colchinium) den Jllyriern nach dem Tode ih-res letzten Königs Gentius, und dann ging der Ort, wie das gesamte ehemalige Jllprien, aus einer Hand in die andere. Bald waren die Römer, bald die Bmantiner, bald die Serben ober Venetianer, endlich sogar einmal auch die Ungarn die Herren des Küstenstriches und Städtchens von Dulcigno. Nach dem Sturze des byzantinischen und serbischen Reiches unterwarf sich Dulcigno 1420 freiwillig den Venetinncrn und blieb 150 Jahre in ihrem Besitz, bis sich im Jahre 1571 die Türken des Ortes bemächtigten. Lange hielt sich die heldenmüthige, aus Italienern und Franzosen bestehende Garnison unter dem Venetianer Martinengo, aber die Uebermacht der Strcitkräfte Achmed Pascha's, die Dulcigno zu Land und zur See eingeschlossen hatten, zwang die Besatzung zur Capitulation. Achmed Pascha bewilligte den Abzug mit Hab und Gut, aber nachdem die Capitulationsurkunde unterfertigt war, sielen die Janitscharen über die wehrlose Besatzung und Bevölkerung her, und in wenigen Stunden war Dulcigno ein Opfer der Plünderung und der Flammen. Martinengo entkam zur Noth mit zwölf Genossen auf einer Barke, und wer nicht den Glauben der Väter abschwören wollte, mußte in die Berge bei Skutari fliehen. Was in Dulcigno blieb, mußte sich zum Islam bekehren, und da die Dulcignoten stets berühmte Seeleute gewesen, mußten sie als Matrosen in den Dienst des Padischah treten. So manchen Kapudan-Pascha (Admiral) hat Dulcigno der türkischen Kriegsflotte geliefert. Die venetianische Republik, den maritimen Werth Dulcignos erkennend, versuchte 1696 diese Hafenstation der Türkei zu entreißen. Der Senat entsandte einen der ältesten Admiräle, Geronimo Delphins, und in kurzer Zeit hatten die Venetianer sechs Breschen in die Festungsmauern an verschiedenen Stellen gelegt. Aber gerade im Augenblicke des Sturmes eilte der Pascha von Skutari mit 5000 Infanteristen und 600 Pferden herbei, und Delphino sah sich genöthigt, die Belagerung aufzugeben. Zum letzten Mal versuchten die Venetianer im Jahre 1722 die Eroberung von Dulcigno, aber der mittlerweile zwischen der Pforte und der Republik abgeschlossen; Friede führte zur Aufhebung der langwierigen Belagerung. Am 17. Januar 1878 eroberten die Montenegriner unter dem Wojwoden Plamenaz Dulcigno, aber nach den Bestimmungen des Berliner Friedens mußten die Montenegriner die Stadt räumen, die sie jetzt nach dem Beschlusse der Mächte sich wieder nehmen sollen. Von dem Augenblicke an, da Dulcigno unter türkische Herrschaft gerieth, wurde es eines der gefürchtesten Piratennester des adriatischen und mittelländischen Meeres. Die Reeder und Agas von Dulcigno, die damals über ein halbes Tausend Schiffe verfügten, gehörten immer zu den reichsten Bewohnern Nord-Albaniens, und sie unterhielten einen, Vertreter in Stambul, welcher die Seeräuber von Dulcigno bei der Pforte wie beim Sultan durch zeitgemäße Geschenke in Gnaden zu erhalten hatte. Der Pascha von Skutari war nicht weit, dem war also gelegentlich leicht beizukommen, und so kam es, daß die Dulcignoten trotz der Beschwerden Europa's und trotz der Befehle der Pforte ihr räuberisches Handwerk noch bis vor fünfzig Jahren treiben konnten. Beschwerte sich irgend eine Macht, so vorzugsweise England, über einen Naubzug, dann erhielten die Dulcignoten so rechtzeitig ein Aviso, daß jeder Befehl des Sultans oder des Gouverneurs, den „adriatischen Barbarisken" etwas anzuthun, zu spät kam, oder infolge eines wohl- bezahlten Mißverständnisses nicht zur Ausführung gelangte. Erst zur Zeit, da Suleiman Pascha Gouverneur in Skutari wurde, zu dessen Bestechung die Freigebigkeit der Dulcignoten nicht mehr hinreichte, wurde deren gerade im Hafen von Val di Noce ankernde Flotte plötzlich überfallen, und in Brand gesteckt. ° Von der Zeit an verfiel die Marine von Dulcigno immer mehr und erst seit zwei Jahrzehnten hebt sich dieselbe wieder und zählt heute vielleicht 220 Küstenfahrzeuge, von denen jedoch keines mehr als einen Gehalt von 200 Tonnen haben dürfte. Es ist selbstverständlich, daß sich heute keines von diesen Fahrzeugen im heimathlichen Hafen befindet, sondern daß sie sich mit dein häuslichen Hab und Gut, soweit dies transportabel, nach den nächsten Hafenstädten in der Avria begeben haben. Von der See aus betrachtet, bietet Dulcigno einen überraschenden Anblick dar und sieht sogar einer kleinen Festung ähnlich, ohne eine solche zu sein. Selbst wenn die l I! 239 Wälle und Bastionen in einem besseren Zustande wären, als der ist, in dem sie sich heute befinden, hätte die Festung keine Bedeutung, da sie von den umliegenden Höhen von Muschura und Golenza vollkommen eingesehen wird. Innerhalb der Festungsmauern befindet sich die alte und eigentliche Stadt, ein Conglomerat von etwa 100 echt türkischen Häusern und Häuschen, zwischen denen sich krumme, steile und elend gepflasterte Gäßchen hindurchziehen. Einige Gebäude sind einstöckig, gewähren eine herrliche Aussicht nach der See und sind in der Regel das Eigenthum der reicheren Familien des Ortes. In der südlichen Bastion des Festungswalles findet man noch die Ueberreste einer alten, der Mutter Gottes geweihten Kathedrale; was noch davon an Sculpturen wie Basreliefs an Ort und Stelle oder in den Festungsmauern vorhanden ist, weist durch seinen byzantinischen Charakter aus eine frühzeitige Entstehung dieser ehemals katholischen Kirche hin. Inmitten der alten Stadt bestand ehemals ein hoher quadratischer Thurm, der offenbar als Signal- und Observationsthurm diente und den die Türken in einen Uhrthurm verwandelt haben. Im Jahre 1845 zerstörte der Blitz diesen Thurm und heute steht nur eine die Vorübergehenden bedrohende Ruine an dieser Stelle. Trotz der wiederholten Befehle der Paschas in Skutari wollte bisher noch Niemand etwas zur weiter» Zerstörung dieser Ruine beitragen, denn der allgemeine Aberglaube versichert, daß jeder eines plötzlichen Todes stürbe, der Hand an diese Ruine legen würde. Während sich die Bewohner der Festung mit Cisternenwasser begnügen müssen, besitzt die Vorstadt mehrere Brunnen, darunter einen von den Türken erbauten, unmittelbar zwischen der Festung und der Mahala. Die heute 600 Häuser und 3500 fast durchaus mohamednnische Bewohner zählende Vorstadt ist so ziemlich erst unter der Türkenherrschaft entstanden. Die Häuser sind an den Hängen wie dein Seespiegel zunächst vertheilt und gewähren von der See aus gesehen ein freundliches amphitheatralisches Gesammtbild. In der Mitte der Vorstadt befindet sich ein etwa 200- Boutiquen zählender Bazar, an dessen Ende und der Riva zunächst ein großer vierseitiger Brunnen, welcher hauptsächlich" die ankommenden und absegelnden Schiffe mit. gutem Trinkwasssr versorgt. Diesen: angeblich von dei: Venetianern erbauten Brunnen zunächst steht die Eingangs erwähnte Riesenplatane, wo sich nach den: Mittagsmahl und des Abends die Bewohner vonDul- cigno und die mit den Küstenfahrzeugen angekommenen Fremden bei schwarzem Kaffee, Tschibuk oder Nargileh ein Plauderstündchen gestatten. Die durch ihre besondere Schönheit weit und breit berühmten Frauen von Dulcigno dürfen natürlich daran nicht Theil nehmen und genießen, wie die Frauen jeder andern orientalischen Stadt, nur die Freuden und Intriguen des Harems. Verläßt man Dulcigno in der Richtung gegen Skutari, so begegnet man außerhalb der Vorstadt, wie bei so vielen albancsischen Orten, einer Gruppe von etwa 100 niedrigen Strohhütten von quadratischer und konischer Form, in denen etwa 1200 Zigeuner leben und sich mit Schmiedearbeitei:, Pfcrdehandel, zur Abwechslung auch mit Bettelei und Diebstnhl beschäftigen. Rechnet man diese Nomaden, die in der jetzigen ernsten Zeit das Weite gesucht haben dürften, ab, dann zählt Dulcigno im besten Falle 3500 alba- nesische Einwohner, um deren „Befreiung" sich ganz Europa echauffirt, eine kostspielige und gefährliche Flottenkundgebung veranstaltet hat. Die Bevölkerung von Dulcigno beschäftigt sich vorzugsweise mit Fischfang und Transportschifffahrt nach den verschiedensten Küstengebieten des avriatischen Meeres. — Ohne irgend welche theoretische Kenntnisse wagen doch die Dulcignoten die weitesten und gefährlichsten Fahrten, ja, was noch mehr ist, sie bauen sich ihre leichten und soliden Schiffe selbst und gleichsam aus freier Hand, da sie nicht lesen und schreiben können, also auch keinen Bauplan anzulegen oder auszuführen in: Stande sind. Wie viel eine Barke zu tragen vermag, wie tief sie taucht, das erfährt der Schiffsbauer von Dulcigno erst dann, wenn er den Stapellauf vollzogen hat. Die Küstenschiffsahrt zwischen Nord- Albanien und Apulien und längs der albnnesischen Küste von Dulcigno bis Valona ist zum größten Theil, der Handel gewisser Artikel, so z. B. des Seesalzes, fast ganz in den Händen der Dulcignoten. Die einfache Ausrüstung der Schiffe, der niedrige Lohn, die billige Verpflegung haben ungemcin niedrige Transportpreise zur Folge, und so machen die Dulcignoten den dalmatinischen und süditalienischen Küstenfahrern eine bemerkensiverthe Concurrenz. Der Hafen von Dulcigno ist nicht geräumig und so seicht, daß Schiffe von mehr als 200 Tonnen Gehalt nicht mit voller Sicherheit Anker werfen können. Die Bora vermag durch einen schmalen Terraineinschnitt, der Sirroco von der Seeseite aus mit solcher Kraft aufzutreten, daß selbst Fischerboote in solchen Fällen lieber den nahen Hafen von Val di Noce oder die Bucht von Sän Giovanni di Medua nächst der Drinmündung als den Hafen von Dulcigno aufsuchen. Die Dulcignoten versichern zwar, daß ein Erdbeben ihren Hafen bedeutend verkleinert habe, aber alles in allem sind Stadt und Bezirk von Dulcigno kaum die Kohlen werth, welche die vereinigte Flotte bisher verbrannt, vielleicht nicht einmal die Tinte und das Papier werth, welche die europäische Diplomatie seit zwei Jahren über die montenegrinische Frage verbraucht hat. — (W. Presse.) M i s - e L l e n. (Jägerlatein.) Saßen an einem Tische jüngst einige Jägersleute zusammen, die ihre Hunde lobten, und immer schwerer wurde es, einander im Jägerlatein zu überbieten. Doch einer, der die Ehre seiner „Bella" zu retten hat, weiß sich zu helfen. „Meine Herren! Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen, aus dem Sie ersehen werden, daß das Thier Menschenverstand hat, vielleicht sogar noch mehr als solchen. „Bella" ist gewöhnt, wenn wir zu Hause essen, gleichzeitig ihren gefüllten Futternapf zu erhalten. Neulich wird sie aus irgend einem Grunde vergessen und erhält ihre gewohnte Portion nicht. Plötzlich eilt das Thier in den Garten und als es zurückkehrt, prüsentirt es mir zwischen den Zähnen — ein Vergißmeinnicht!" Ein ungarischer Offizier, der nur Stiefeln trug, die für beide Füße paßten und zum Abwechseln eingerichtet waren, ließ sich neue anfertigen. Der Schuster macht ihm ein Paar modische Stiefel über 2 Leisten. Sie paßten am ersten Tage ganz vortrefflich. Der Ungar spazierte ganz bequem darin. Den folgenden Tag wechselte er nach seiner Gewohnheit, und litt große Schmerzen. — Einige Zeit darnach begegnete ihm der Schuhmacher und fragte ihn, wie er mit seiner Arbeit zufrieden sei. Sind halt verzweifelte Stiefeln, versetzte der Ungar; alle Montag, Mittwoch und Freitag geht mer gut drin, aber Dienstag, Donnerstag und Samstag drückens ganz verzweifelt. (Aufklärung.) Bauer: „Du, was ist denn das, der elektrische Telegraph?" — Wirth: „Ganz einfach; man tupft an einem Ende und am andern schreibt es." — Bauer: „Ja, wie kommt das?" — Wirth: „Wenn man einen Hund hinten auf den Schweif tritt, so heult er vorn, nicht wahr? Nun, denke Dir, der Hund ist so lang, daß er von einer Stadt zur andern reicht, so hast Du's!" — Bauer: „Ja, jetzt versteh' ich's." (Strauß und Lanner.) In Wien war van Acken mit seiner Menagerie. Ein ungarischer Edelmann, der zum erstenmal in Wien war, besah sich auch die Menagerie. Der erklärende Führer zeigte ihm den Vogel Strauß mit den Worten: „Hier sehen Sie den großen Strauß." — „Na," sagte der Edelmann, „das ist mir lieb, daß ich dieses Viech einmal seh, nu zeigen's nur auch den Lanner, damit ich den auch kennen lerne." Buchstaberirebus. Für die Redaktion verantwortlich: AlpbonS Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ve. M. Hnttler.