zur „Augslmrger Pojheitimg." Nr. 31. Samstag, 16 . Oktober 1880. Doch in dem Herzen wohnt der Menschen Größe, Und in dein Unglück lebt der wahre Stolz. A u s f e n b e r g. Fest-Cantate zu«» Kölner Dombaufeste. Schwing' dich zum Himmel du Jubelgesang! Ring' durch die Lüste, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Sehet, wie sie stolz sich heben! Seht, wie sie zum Himmel streben Pfeiler, Thürme, Blätterranken, Sleiugeword'ue Gottgedanken Hoch bis in das Wolkeureich Neckt sich auf das Steingezweig! In dem deutschen heiligen Strom Spiegelt sich ab der heilige Dom, Mit den Blumen, Figuren und Bogen Spiegelt er sich in den blitzenden Wogen, Und aus den Wogen, den schimmernden Bahnen, Ziehen die Schisse mit flatternden Fahnen, Und in den Gassen, da singet und klingt es Und von den Lippen zum Himmel auf schwingt es Hell sich empor In festlichem Chor: Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Es sprach ein Fürst an dieser Stelle, Er sprach das Wort am deutschen Strom: Aus Meister, Lehrling und Geselle i Vollendet sei der alte Dom! Heran aus allen deutschen Reichen Mit Gott in srischem Muth geschafft! — Es sei der Dom ein stolzes Zeichen Der deutschen Einheit und der Kraft! Und wenn Vollendung ward dem Werke, Zu dem sich rüstig regt die Hand, Dann zeug's von Muth und von der Stärke Des Volks im deutschen Vaterland! Dann zeug' es von dem Brudersinne Der Deutschen alle nah und fern! Und rauschend bis zur höchsten Zinne Mög' fromm ertönen: Dank dem Herrn! Ja, Dank dem Herrn! Es ist geschehen! Es kam nach Kampf und Schwcrterstreich, Es kam ein glorreich Auferstehen Dein alten, deutschen Kaiserreich! Vom Meere bis zum Alpenhügel, Von Polen bis zu Maas und Saar Hat ausgespannt die breiten Flügel Der mächt'ge Hohenzollern-Aar! Dank Dir, o Gott! Die Glocken läuten, Es trägt die Stadt ihr Feierkleid; -O, mög' nun das Geläut bedeuten Den Segen langer Friedeuszeit! Laß uns zu Deinem Throne legen, O Ew'ger, diese Bitte hin: Dein Herrscher und dem Volke Segen Und allen Herzen Brudersinn! Du stolzer Wächter am deutschen Rhein, Nun sieb' in stürmen und Sonnenschein, Nun steh' und prange zu GotteS Ehr' Und noch die spätsten Geschlechter lehr'! Lehr' demuthsvoll sür Gott sie kuie'n, Und lehre sie Haß und Zwietracht fliehst, Lehre sie schaffen Hand in Hand Zum Heile sür Kaiser und Vaterland! So schall' es empor im gewaltigen Ton Zu des Rheinlands steinerner Ehrenkron'! In Gottes Schutz, jahraus, jahrein Steh' prangend, du riesiger Wächter am Rhein Schwing' dich zum Himmel, du Jubelgesang! Kling' durch die Lüfte, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, Heu! ist's vollbracht! Emil Ritterhaus. 242 — Hildegard. Crimmal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Die kluge Krämersfrau hatte es dem jungen Mädchen verschwiegen, daß ein feiner junger Herr sich nach ihr erkundigt; sie hielt es nicht für gerathen, dem arglosen Mädchen davon zu sprechen. „Du bist so still, mein Kind?" unterbrach jetzt Hildegard's Vater die Reflexionen der Tochter. Sie erröthete, durch des Vaters Worte in die Gegenwart zurückgerufen, heftig. — Laute Schritte enthoben sie der Antwort. Die Stubenthür ward rasch geöffnet, und ein Knabe von vielleicht zehn Jahren trat ein. Es war ein schlanker, hübscher, braunlockiger Bursche. Mit den feinen Zügen Hildegard's verband sich bei ihm der Ausdruck eines festen, energischen Willen, der schon jetzt dem kindlichen Gesichte einen fast männlichen Charakter ausdrückte. Er legte die Mappe mit den Schulbüchern auf einen kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, ging dann zu dem blinden Vater, und diesen zärtlich küssend, erzählte er voll freudigen Stolzes, wie er heute durch den Direktor des' Gymnasiums belobt worden, und daß er mit Bestimmtheit in die höhere Klasse bei der der Versetzung aufrücken werde. Zärtlich den Lockenkopf seines jüngsten Kindes streichelnd, hörte der Vater diesen Bericht an. Ein Glück konnte der arme Mann trotz allen Leids, das ihn getroffen, sein nennen, ein Glück, um das so mancher Reiche ihn beneiden mußte; er hatte sich gute, liebe Kinder erzogen, die ihm nur Freude machten; und dieses Glück war groß genug, ihn sein Leid oft vergessen zu lassen. „Aber nun bin ich auch hungrig, Hildegard!" rief darauf Ernst — so hieß der vielversprechende Knabe — und sah mit freudigem Erstaunen, daß die Schwester eine dampfende Schüssel mit für ihn verführerisch duftender Suppe auf den, wenn auch ärmlich, so doch reinlich gedeckten Tisch setzte. „Suppe — oh, das ist famos!" rief Ernst, in die Hände klatschend. „Ich glaubte, es gäbe heute nichts Warmes, weil Du länger fortzubleiben vorhattest, Hildegard." Mit einem Appetit, wie ihn nur der wirklich Hungrige kennt, ward die Suppenschüssel geleert. Geräuschlos ordnete dann Hildegard wieder Alles in dem kleinen Zimmer, dann setzte sie sich zu ihrem Vater, mit einer Näharbeit beschäftigt, die sie, um sich ihr erkenntlich zu zeigen, der guten Frau Mewissen im Laden unten abgenommen hatte. Ernst las mit Heller, wohlklingender Stimme und vielem Verständniß dem Blinden die Zeitung vor, welche sein Freund Krelle, Hildegard's Lehrer, ihm regelmäßig brachte; wenn sie dann auch schon einige Tage älter nar, als das Datum, welches sie trug, so gewährte sie dem blinden Künstler nichts desto weniger doch die einzige Zerstreuung und den alleinigen Ableiter von dem dumpfen Hinbrüten, das sich sonst seiner zu bemächtigen drohte. Schon dämmerte der Abend herein, als wieder Schritte draußen der Thür sich näherten und unmittelbar darauf ein kräftiges Klopfen sich hören ließ. Hildegard erbebte. Es war gut, daß Niemand die jähe Nöthe bemerken konnte, welche plötzlich ihr Gesicht überzog. Die Augen nach der Thür gerichtet, erwartete sie mit Herzklopfen, daß diese sich öffne. Und sie öffnete sich auf Herrn Becker's lautes „Herein!" — allein zu Hildegard's größter Enttäuschung. Wie unwillig wandten ihre Augen sich ab von dem Eintretenden, und ein Schatten des Mißmuthes flog über ihre Züge. „Guten Tag, Herr Becker, guten Tag, mein liebes Kind!" erklang eine etwas rauhe, wenig sympatische Stimme, und mit widerlicher Freundlichkeit auf dem rothen, aufgedunsenen Gesicht wandte der Ankömmling sich zu Hildegard und ergriff mit seiner fetten, rothen Hand die zarte, weiße des jungen Mädchens, mit der andern den Versuch Nd, ihr Kinn zu streicheln. 24c> Verletzt erhob sich Hildegard und flüchtete sich hinter des Vaters Lehnstuhl. Ohne alle Umstände setzte der Besucher sich auf den noch eben von Hildegard eingenommenen Platz, dem blinden Maler gegenüber. Er war ein Mann am Ende der Dreißig, mit einen: großen, dicken Gesicht, aus dem ein Paar große, graue, stechende Augen wie lauernd hcrvorsahen; seine Kleidung war etwas veraltet, doch sonst tadellos, eine dicke goldene Uhrkette hing prahlerisch über der Weste, und schwere Ringe glänzten an den dicken rothen Fingern. Seine ganze Erscheinung machte einen unangenehmen Eindruck, den ein gewisses selbstbewußtes Auftreten noch vermehrte. „Na, Herr Becker, wie geht's? — Eigentlich komme ich, um mich nach dem Befinden der Mamsell Tochter zu erkundigen, denn ich hörte vom Castellan, daß sie heute Morgen in der Halle krank geworden und vor der Zeit nach Hause zurückgekehrt sei aus diesem Anlaß. Kein Wunder", fuhr Herr Schramm, Jnspector der Kunsthalle, fort, indem er das junge Mädchen zärtlich-verliebt anblinzelte, „kein Wunder, wenn man hungert und dabei so fleißig und unermüdlich arbeitet, da muß ja ein so zartes Figürchen krank werden und endlich d'auf gehen!" Zornige Nöthe stieg auf in dem bleichen, schmalen Gesicht des Malers über diese indiscreten, rohen Worte; doch er kämpfte den Zorn nieder und entgegnete kalt verweisend: „Wir haben, Dank Hildegard's Fleiß, noch nicht zu hungern gebraucht, und wenn dem auch wirklich so wäre, so Hütte doch Niemand das Recht, uns zu sagen, daß wir darben! — Wir selbst wissen am besten, wie es um uns steht, Herr Jnspector!" „O, es war ja so bös nicht gemeint, Herr Becker! — Wer wird denn gleich so empfindlich sein!" — begütigte Herr Schramm. „Was führt Sie zu uns, Herr Jnspector!" fragte Becker kurz. Auch ihn: schien der Besuch dieses Mannes keineswegs angenehm zu sein. Jnspector Schramm rüuspertcrte sich kurz und zog ein buntes seidenes Taschentuch hervor, das er verlegen zwischen den Händen drehte; endlich aber schien er sein gewohntes Selbstbewußtsein wiedergefunden zu haben und antwortete: „Sie wissen, Herr Becker, daß meine Stellung eine gute ist, auch daß ich ein kleines Vermögen mir erspart habe; das Haus, welches ich bewohne, gehört mir, mein Haushalt ist gut und gediegen eingerichtet, und es fehlt mir nur Eins . ..." — Herr Schramm hielt in der Aufzählung seiner Vorzüge inne, seine letzten Worte hatte er zögernd gesprochen, und sein lauernder Blick ruhte auf Hildegard's Gesicht, wie um den Eindruck zu beobachten, den die Darlegung seiner materiellen Lage auf das junge Mädchen machen würde. Ihre Augen waren indessen auf ihre Arbeit gesenkt, und sie nähte so gleichgültig weiter, als berühre, was sie gehört, sie gar nicht. „Es fehlt mir nur eine Frau", fuhr der Jnspector fort, ohne das Erstaunen, welches sich auf dem Gesicht des Blinden malte, zu beachten oder beachten zu wollen. „Mamsell Hildegard hat es nur angethan, und ich bin deshalb gekommen, um ihr meine Hand anzubieten." Mit hohem, stolzem Selbstbewußtsein hatte er die letzten Worte gesprochen, und befremdet schaute er in die nichts weniger als freudig bewegten Züge des jungen Mädchens, welches ihn nur auf eines Momentes Dauer schweigend, kalt und gleichgültig angeblickt hatte. — Sichtlich überrascht, wußte Becker anfänglich nicht, was er erwidern sollte; dann aber antwortete er ernst und, wie es schien, bewegt: „Ihr Antrag ehrt uns, Herr Jnspector, denn es gibt nur wenige Männer, welche sich entschließen können, ein armes Mädchen zu Heimchen. Hildegard jedoch ist eines solchen Opfers werth, und deshalb soll sie auch selbst entscheiden, ob sie Ihren Antrag annehmen will oder nicht." „Na, Mamsell Becker?" sagte der Bewerber, und blickte schmunzelnd auf das verlegene Gesicht des jungen Mädchens. Doch nach wenigen Augenblicken schon hatte die von Haus aus allerdings sehr Ueberraschte ihre Fassung widergewonnen und ohne Zögern, in klaren dürren Worten entgegnete sie: „Ich muß Ihnen danken, Herr Jnspector, für die Ehre, welche Sie einem armen Mädchen erweisen; ich kann Ihren Antrag jedoch schon deshalb nicht annehmen, weil es unmöglich für mich sein würde, meinen Vater und Bruder zu verlassen. Sie werden selbst einsehen, daß es für mich eine Unmöglichkeit ist, mich jetzt und unter den obwaltenden Verhältnissen zu verheirathen." — „An das, was Sie eine Unmöglichkeit nennen", fuhr unbeirrt der Jnspector fort, „habe ich allerdings auch gedacht; indessen finde ich darin kein Hinderniß, da mein Haus groß genug ist, um auch ihren Vater und den Kleinen zu beherbergen." - Er hatte mit stolzem Selbstbewußtsein gesprochen und sich dabei im Zimmer umgeschaut, als wolle er hinzusetzen: auch für ihr Mobiliar habe ich noch bequemen Platz." „Ich würde nie ein solches Almosen annehmen!" entgegnete etwas heftig Hilde- gard's Vater, noch ehe diese selbst zu antworten im Stande war. „Pah! Almosen .... — Um ein Almosen handelt es sich nicht, wenn der Geber Ihr Schwiegersohn ist, mein lieber Herr Becker. Meine Lage erlaubt mir das/ ich bin Gott sei Dank gut situirt und kann mir selbst eine kostspielige Phantasie gestatten. Darum, Mamsell Hildegard, bedenken Sie sich nicht länger und schlagen Sie ein!" — Es läßt sich wohl annehmen, daß der Mann selbst nicht wußte, wie viel Verletzendes in diesen seinen letzten Worten lag; er Hütte sonst vielleicht mit weniger Sicherheit Hildegard seine Hand gereicht. Doch das junge Mädchen erfaßte nicht die dargebotene Rechte des Jnspectors; Hildegard umschlang den Hals des Vaters, und zu ihm ängstlich aufsehend, zu ihm sprechend, sagte sie bittend: „Laß uns so zusammenbleiben, wie wir sind, Vater! — Ich arbeite ja so gern für Euch, meine Arbeit macht mir Freude, und ich möchte nicht an eine Aenderung denken, Vater!" — Tiefgerührt hielt der arme Künstler die Hände seines Kindes umfaßt. „Ich werde Dich nie zu Etwas drängen, was Dir widerstrebt", sagte er. „Von meinem Kinde Opfer anzunehmen, brauche ich mich nicht zu schämen!" — Erstaunt sah der Jnspector auf die Gruppe. Er schien es kaum fassen zu können, daß er abgewiesen sei, er hätte nie an eine solche Möglichkeit geglaubt, denn er hielt sich, indem er Hildegard Becker seinen Antrag machte, für den großmüthigsten, edelsten Menschen, der ohne allen Eigennutz ein armes Mädchen heirathen wollte, das ihm Nichts mitbrachte, als einen blinden Vater und einen unerzogenen Bruder, das er nur seiner Jugend und Schönheit wegen begehrte. Er war vollständig verdutzt. ' Mit freundlicherem Gesicht als zuvor, sagte jetzt Hildegard zu dem abgewiesenen Freier: „Es thut mir leid, Herr Jnspector, doch Sie müssen einsehen, daß wir drei unser ! Verhältniß nicht ändern können. Ein Mädchen wie ich darf nicht so bald daran denken zu heirathen." — Geräuschlos erhob sich der so vollständig Enttäuschte und griff nach seinem Hut. Aerger und gekränkte Eitelkeit drückten sich auf seinem Gesicht zur Genüge aus, und seinen Zorn nur mühsam unterdrückend, sagte er: „Dann kann ich mich ja empfehlen. Ich wünsche nur, Mamsell Becker, daß Sie die Zurückweisung meines Anerbietens nie bereuen mögen — Adieu!" — Der Jnspector ging. Als sein Tritt auf der Treppe verhallt war, sagte Hildegard, sich zärtlich an den Vater schmiegend, zu diesem: „Vater, ich hätte nie seine Frau werden können! — Verzeih', daß ich Dir und Ernst dieses Opfer nicht bringen konnte; Dein Leben wäre ruhiger und sorgloser geworden, — 245 doch Dein Kind hätte nie glücklich werden können, denn ich verabscheue den Mann und habe ihn das oft genug fühlen lassen, so daß er sich diese Niederlage hätte ersparen können." — „Du hast recht gehandelt, meine gute Hildegard", erwiderte zärtlich der Blinde. * * Am andern Morgen in aller Frühe schon saß Hildegard wieder an ihrer Arbeit in der Kunsthalle. Ihre bleichen Wangen hatten sich in Folg? der durch die bald beendete Copie hervorgerufenen Erregung leicht geröthet; gewandt und sicher führte sie den Pinsel. Ruhig ivar es um sie her, und kein Ton, kein Geräusch störte ihre Einsamkeit. Es mochte gegen zehn Uhr, also etwa eine Stunde vor Eröffnung der Galerie sein, als aus der Entfernung, jedoch deutlich als im Gebäude erkennbar, eine rauhe, ihr nur zu wohlbekannte Stimme sich hören ließ und das junge Mädchen veranlaßte, in der Arbeit innezuhalten. Die Stimme war die des JnspectorS Schramm. Daß der Mann sie hier, zu einer reglementswidrigen Zeit finden sollte, war Hildegard, namentlich nach den Vorgängen des gestrigen Tages, höchst unerwünscht; unwillkürlich hatte sie ihr Arbeitsgerath in ihrem Malkasten zu bergen begonnen, erhob sich von dem kleinen Schemel, rückte leise die Staffelei in einen Winkel, kehrte das Bild um und machte sich fertig, die Galerie zu verlassen. Schwere Tritte näherten sich dem kleinen Zimmer, in welchem Hildegard sich befand; im Nebenzimmer hielten sie an, und die Künstlerin hörte, wie der Jnspector einigen ihm folgenden Arbeitern die Weisung gab, ein großes Bild aus seinem Zimmer in den großen Saal zu schaffen, um den so erlangten Platz mit kleineren Bildern, neuen Erwerbungen, zu füllen. Jeden Augenblick konnte er in das kleine Zimmer treten, in welchem sie sich aufhielt; sie wußte auch, daß er ihr alsdann verbieten würde, in Zukunft vor 11 Uhr in der Kunsthalle zu arbeiten, und das glaubte sie um jeden Preis verhindern zu müssen. Leise legte sie Hut und Shawl an, nahm ihre Mappe unter diesen letztern und eilte unhörbar durch ein anderes Seitenzimmer in entgegengesetzter Richtung der großen Treppe §u, um durch die Castellans-Wohnung in's Freie zu gelangen. Ungesehen glaubte sie ihren Rückzug bewerkstelligt zu haben und athmete erleichtert auf, als sie in den die Kunsthalle umgebenden Anlagen Hinschritt, in denen sie bis zur officicllcn Eröffnung der Galerie zu promeniren beschloß. „Noch zwei Tage fleißiger Arbeit, und das Bild wird fertig sein; dann wird eine bessere Zukunft für uns beginnen", sagte sich glücklich die junge Künstlerin. Sie berechnete in Gedanken, wie viel ihr noch übrig bleiben würde von dem Gelde für die „Tochter Tizian's", nachdem sie alle die kleinen Rechnungen bezahlt und die nothwendigsten Bedürfnisse für den Winter angeschafft haben würde, und so groß erschien ihr die versprochene Summe, daß sie dankerfüllt den Schöpfer pries, der ihr die Fähigkeit verliehen, so für ihre Lieben sorgen und arbeiten zu können. Da schlug es elf, und eiligst kehrte sie zurück an ihre Arbeit, um nicht noch mehr der kostbaren Zeit zu verlieren. Und wieder war sie unermüdlich thätig, bis sie abermals den Schritt des fremden Herrn zu erkennen glaubte und sie nicht umhin konnte aufzublicken, da er ihr denn Aug' in Auge gegenüber stand. „Wie befinden Sie sich heute, mein Fräulein?" fragte er freundlich bescheiden. „Schon wieder so fleißig gewesen? — Sie sollten sich doch mehr schonen!" „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme. Diese Copie ist ja nun bald fertig", erwiderte zögernd, von tiefer Gluth das schöne Gesichtchcn übergössen, Hildegard. So thcilnehmcnd schauten die blauen Augen des Fremden sie an, daß sie zitternd die ihren senken mußte. „Und wenn dieses Bild vollendet ist", fragte leise, eindringlich der junge Mann, 246 „wollen Sie dann wohl kür mich auch ein Bild covircn — jenen „Murillo" dort . . — Hier stockte der Fremde. Er hatte, einen Schritt zurücktretend, sich umgeblickt und fand den „Murillo" nicht mehr auf dem gewohnten Platze. „Nun, er scheint einen andern Platz erhalten zu haben, doch sie kennen ihn ja, mein Fräulein; er ist eine der Perlen unserer Galerie. ... — Wollen Sie diesen „Murillo" für mich copiren " „Gewiß — recht gern!" erwiderte zögernd und erröthend Hildegard. „Doch wird Ihnen meine Arbeit genügen können?" Ich würde Sie sonst nicht darum bitten. Ich mache nur eine Bedingung, mein Fräulein, und deren Erfüllung müssen Sie mir zusagen: Sie müssen mir versprechen, sich Zeit zu lassen! — Darf ich Ihren Herrn Vater besuchen, um mit ihm das Geschäftliche zu besprechen?" Hildegard bejahte diese Frage. „Nun gut", fuhr der Fremde fort; „so werde ich sogleich zu ihm gehen. Adieu, mein Fräulein!" Sich achtungsvoll verbeugend, verließ er das junge Mädchen. Im anstoßenden Zimmer begegnete er dem Jnspector und fragte ihn, welchen Platz der kleine „Murillo" erhalten, welcher bisher in dem kleinen Zimmer, in dem Fräulein Becker sich befand, seine Stätte gehabt. „Der „Murillo" ist nicht fortgenommen worden", entgegnete der Jnspector höflich; „überhaupt ist hier gar nichts geändert." „Er ist aber nicht mehr hier", sagte der sich für das Bild lebhaft interessirende Herr; „ich bitte Sie, sich selbst zu überzeugen: er ist nicht mehr auf der Stelle, wo er gestern noch war. Ich möchte eine Copie dieses „Murillo" anfertigen lassen." Erstaunt und neugierig trat der Jnspector, Hildegard gänzlich ignorirend, in das kleine Zimmer und stutzte, als er den leeren Platz sah, auf dem er noch gestern den „Murillo" gesehen hatte. „Da muß ich gleich 'mal nachfragen", sagte er ganz bestürzt, „ob vielleicht einer der Arbeiter irrthümlich das kleine Bild fortgenommen und anders wohin gebracht hat. -— Aber das ist ja doch gar nicht denkbar", fuhr er nach kurzem Besinnen fort; „ich habe die Leute doch heute Vormittag unter meiner directen Aufsicht im anderen Zimmer die wenigen Veränderungen, welche nothwendig geworden, vornehmen lassen. — Entschuldigen Sie, mein Herr, ich muß gleich Nachfrage halten." Der Jnspector entfernte sich. Der Fremde verbeugte sich sehr artig gegen Hildegard und ging dann auch fort. Das junge Mädchen arbeitete ruhig weiter und achtete nicht auf die finstern Blicke des wieder und wieder ihr Zimmer passirenden Jnspectors. Bald begann ein unruhiges Umherrennen der Aufseher und Arbeiter; dann kam Jnspector Schramm mit zwei Arbeitern nach dem Zimmer, in welchem Hildegard sich befand, und fragte die Leute, wohin sie das dort fehlende und nun positiv vermißte Bild gebrvcht hätten; doch die beiden Arbeiter zuckten die Achseln und erwiderten, daß sie nichts von diesem Bilde wüßten und nur solche berührt Hütten, welche der Jnspector ihnen selbst bezeichnet habe. Alle Säle und Zimmer wurden durchsucht, doch das werthvolle kleine Gemälde war nirgends zu finden. — Es war ein kleines, kaum einen Quadratfuß haltendes Bild, sehr leicht transportabel, unter einem Uebcrzieher, einem Tuch oder Mantel leicht zu verbergen; so war denn es ganz natürlich, daß der Gedanke an eine derartige Entwendung sich geltend zu machen begann, nachdem ein genaues Durchsuchen aller zur Kunsthalle gehörenden Räumlichkeiten sich als vollständig erfolglos erwiesen hatte. Jnspector Schramm beeilte sich, den Director der Galerie (einen bekannten Genre- Maler) von dem spurlosen Verschwinden des „Murillo" in Kenntniß zu setzen und ließ dabei Andeutungen fallen, welche erkennen ließen, daß ein bestimmter Verdacht sich seiner bemächtigt haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Die Nachtluft. Die Aerzte sind über die Räthlichkeit, des Nachts bei offenem Fenster zu schlafen, noch keineswegs einig. Jedenfalls läßt die Frage in einzelnen Fällen gewisse Ausnahmen und Einschränkungen zu. Reine gesunde Luft ist das erste und wichtigste Lebensbedürfniß. Es wird sich aber fragen, ob die Nachtluft in Bezug auf Reinheit und Gesundheit immer eine solche ist, daß ihre Zulassung in die Schlafzimmer unbedingt und s in allen Fällen empfohlen werden kann. Gewiß ist, daß die Luft in der Nacht vielfach von anderer Beschaffenheit ist, als am Tage, wenn sich dies auch nicht immer mit Bestimmtheit chemisch nachweisen läßt. Schon der Einfluß des Lichtes ist in dieser Beziehung von großer Wirkung. Des Nachts steigen häufig allerlei Dünste und Nebel aus dem Boden auf, die sich auch durch den Geruchsinn auf eine unangenehme Weise . bemerkbar machen. In größeren Städten, wo viele Fabriken, die auch des Nachts arbeiten, Bäckereien und Brauereien befinden, schlagen sich oft die Steinkohlendämpfe nieder und erfüllen die Luft mit Kohlen- und Schwefelgasen. Ob das Athmen einer solchen Luft im Schlafe gerade besonders gesund ist, muß doch einigermaßen bezweifelt werden. Bei Tage werden viele der Uebelstünde, welche die Nachtluft mit sich führt, durch das Licht größtentheils paralysirt. In niedrig gelegenen Gegenden, wo Wechselfieber herrschen, kann die Nachtluft besonders nachthcilig wirken, da sich die Sporen der Sumpffieberpflanzen nur bei Nacht in die Luft erheben, während sich die Tagesluft bei der mikroscopischen Untersuchung stets frei von diesen winzigen Pflanzenorganismen erwiesen hat. Die Erfahrung, daß die Sumpfluft hauptsächlich des Nachts Fieber erzeugt, ist selbst den Wilden nicht ^ unbekannt ! Dabei ist aber zu beachten, daß hauptsächlich die unteren Luftschichten von dem . Krankheitsstoff inficirt sind. Vielfache Beobachtungen haben nämlich die Thatsache fest- f gestellt, daß sich die giftigen Pflanzenspvren nur bis zu einer mäßigen Höhe in die Luft erheben können. Daher kommt es, daß Wohnungen, die auf einer gewissen Erhöhung in Sumpfgegenden liegen, von der Krankheit verhältnißmäßig verschont bleiben. So z. B. die Dörfer, die auf Hügeln in der Nachbarschaft der berüchtigten pontinischen Sümpfe im Kirchenstaate gelegen sind. Man erklärt dies daraus, daß die mit den Krankheitsstoffen geschwängerte Luftschichte schwerer als die reine Luft sei und sich deshalb in der Nähe des Bodens verhalte. So hat man unter Anderem auch die Erfahrung gemacht, daß das gelbe Fieber niemals in einer Höhe von 2500 Fuß, ja selbst nicht von 1500 Fuß über der Meeresfläche erschienen ist. Hochgelegene Wohnungen können demnach unter Umständen einen Schutz gegen epidemische Krankheiten gewähren und in ihnen ist jedenfalls die Nachtluft gesunder als in niedriggelegenen und überhaupt in niedrigen Wohnungen, z. B. in Parterrewohnungen. Dagegen ist es auch durch die Erfahrung bewiesen, daß schädliche Fieberkeime durch starke Winde mit den Dünsten in andere Gegenden geführt werden können. Bei herrschenden Epidemien gebietet es unter allen Verhältnissen die Vorsicht, sich > so wenig als möglich der Nachtluft auszusetzen. Wir wollen in dieser Beziehung eine Beobachtung erwähnen, die der leider zu früh verstorbene österreichische Oberst v. Cornelius, ein ebenso intelligenter als liebenswürdiger Mann, uns früher mitgetheilt hat. Derselbe war während der großen Cholera-Epidemie in Galizien Commandant eines daselbst stationirten CorpS. Die Seuche wüthete in der Nähe des Standorts desselben mit solcher Heftigkeit, daß ganze Ortschaften und Gegenden dadurch entvölkert wurden. Unter diesen Umstünden hatte unser Gewährsmann Gelegenheit, die Wahrnehmung zu machen, daß - Personen, die sich nach Sonnenuntergang längere oder kürzere Zeit im Freien aufhielten, regelmäßig von der Cholera befallen wurden. Dies war unter Anderem auch mit den männlichen Mitgliedern einer Judengemeinde der Fall, welche einem nächtlichen Gottesdienst in der Synagoge beiwohnten. Von einigen vierzig Mitgliedern blieben nur vier oder fünf verschont, die übrigen wurden sämmtlich noch in derselben Nacht von der KraM- heit ergriffen. Dadurch aufmerksam gemacht, gab der Commandant feiner Mannschaft den strengen Befehl, vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne ihre Quartiere nicht mehr zu verlassen und lediglich dieser einfachen Maßregel schrieb er es zu, daß seine Leute von nun an von der Krankheit verschont blieben. Diese Thatsache ist nach dem, was oben über das WcchselficbermiaSma gesagt wurde, jedenfalls sehr beachtcnswerth. Die Vermeidung der Nachtlust in Sumpfgegenden und bei herrschenden Epidemien auch an anderen Oertlichkeiten gehört gewiß auch zu den wichtigsten Vorbcugungsmitteln. Es ist nicht unsere Absicht, durch die vorstehende Bemerkungen Jemand davor zurückzuschrecken, des Nachts im Schlafzimmer ein Fenster zu lüften; wir wollen vielmehr nur einen kleinen Beitrag zur Lösung der uns gestellten Frage geben, ob die Nachtluft der Gesundheit zuträglich ist oder nicht. Wir glauben übrigens, daß dabei Alles auf die speciellen Verhältnisse ankommt, diese, sowie den eigenen Gesundheitszustand zu prüfen, ist Sache jedes Einzelnen. Es wäre gewiß eine Thorheit, wenn Jemand, dem die Nachtlust nicht bekommt, sich derselben fortgesetzt aussetzen wollte. In Sachen der Gcsundheits- und Heilkunde ist es das schädlichste und gefährlichste Princip, Alles über einen Leist schlagen zu wollen. Dies thun > eer nur zu gern gewisse Gelehrte, wenn sie sich einmal in eine Idee verrannt haben. N- mals sollte man in solchen Dingen den alten Ausspruch vergessen: l^uocl mcclioma. aliis, aliis