Nr. 32. 1880. zur „Äiigslmrger PostMmg." Mittwoch, 20. Oktober Der kluge Mnnn hält sich zurück Und streist i»i Fluge nur das Glück; Es immer zu erfchüpfen Ziemt nur den hohlen Kopsen, Die glauben, daü ^em Hochgenuß Ein tiefer Fall suis folgen muß. Mirza Schafft,. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Hildegard Becker hatte gegen 1 Uhr Pinsel und Palette bei Seite gelegt und sich zum Heimweg fertig gemacht. Das Verschwinden des werthvollen Bildes beunruhigte auch sie, da sie bestimmt wußte, es noch ant frühen Morgen — ehe sie sich vor dem nahenden Jnspector zurückgezogen — an seinem gewöhnlichen Platze gesehen zu haben. Wo konnte der „Murillo" nur hingekommen sein? — In der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit mußte er fortgenommen sein. . . . Doch Hildegard suchte sich zu beruhigen; sie glaubte sicher, daß die Aufklärung dieses selsamen Verschwindens nicht lange auf sich warten lassen werde. Glücklich, daß ihre Arbeit nun der Vollendung so nahe, ging sie — den Kopf voller Pläne — raschen Schrittes ihrer ärmlichen Wohnung zu. Heiter, wie seit langer Zeit nicht, plauderten Vater und Tochter, denn endlich sollte sich ihr elendes Dasein lichter gestalten. Der fremde Herr war bei dem blinden Maler gewesen und hatte sich ihm als William Walter vorgestellt — ein Name, der in der großen See- und Handelsstadt einen magischen Klang hatte und als der einer der bedeutendsten und angesehensten Firmen Hamburgs Herrn Becker sehr wohl bekannt war. Außerdem war Herr Walter senior Generalkonsul einer europäischen Großmacht und sein einziger Sohn und Erbe William Vice-Consul desselben Staates und berufen, demnächst die Würde des Vaters zu übernehmen. Der Vice-Consul William Walter hatte mit Herrn Becker ein Abkommen dahin getroffen, daß Hildegard die Copie des „Murillo" anfertige, doch nur unter der Bedingung, daß sie es mit Ruhe und Muße thue. Der Preis, den er bot, war ein hoher; ebenso bat er dringend, die Hälfte der Summe schon jetzt als Bestellgeld anzunehmen. Die Familie Becker fühlte sich so reich, so glücklich, wie lange nicht, wie kaum je zuvor. Hildegard hatte, nachdem das bescheidene Mittagessen eingenommen war, all' die kleinen Beträge, welche zu bezahlen waren, aufgeschrieben und das Geld zurecht gelegt, doch da erst siel ihr wieder ein, daß der „Murillo", den sie copiren sollte, ja verschwunden sei. ... — Sorgfältig packte sie die Geldrolle wieder zusammen; sie durfte die Abschlagszahlung ja nicht eher als ihr Eigenthum betrachten, ehe nicht durch Wiederauf- sindung des „Murillo" ihr die Copie desselben ermöglicht war. — 250 — Eben erzählte Hildegard ihrem Vater von dem sonderbaren Verschwinden des werthvollen Gemäldes, und beide ergingen sich in Vermuthungen darüber, wie dieses Cabinets- stück so plötzlich verschwunden sein könne, als Schritte und Stinimen sich auf der Treppe hören ließen und bald darauf nach kräftigem Anklopfen, ohne ein „Herein" abzuwarten, die Zimmerthür sich öffnete. Ein Polizeibeamter und ein Constabler traten ein. Draußen hatten sich Neugierige aus dem Hause selbst und der Nachbarschaft angesammelt. „Wohnt hier der Maler Becker?" fragte der Commissar; „und sind Sie Hildegard Becker?" — Der Beamte hatte kurz, fast streng gesprochen. Hildegard wandte sich erstaunt ihm zu, während der Blinde befremdet seine lichtlosen Augen den Ankömmlingen zukehrte. „Ich bin Hildegard Becker", antwortete das junge Mädchen. „Was wünschen Sie?" — „So verhafte ich Sie im Namen des Gesetzes." Mit unnatürlich großen, erschrockenen Augen blickte sie auf die Beamten, dann lies sie zu ihrem Vater, klammerte sich an ihn an und rief: „Hast Du gehört, Vater?! — mich will man verhaften! — Ich weiß nicht, was diese Leute wollen, weiß nicht, weßhalb sie mich verhaften wollen, noch wessen man mich beschuldigt! — Was habe ich denn gethan?" wandte sie sich an den Polizisten. „Das dürfen Sie ja wohl selbst am besten wissen! — Doch wir wollen hier erst Haussuchung halten. Ist diese Stube Alles, was sie bewohnen?" Der blinde Maler hatte sich erhoben, und seine Arme wie schützend um die zitternde Tochter breitend, sagte er ernst und ruhig: „Mein Herr, ich bin blind. Ich weiß nicht wie ich den Irrthum, indem Sie sich befinden, berichtigen soll, denn mein Kind ist einer That, um deren willen sie es verhaften müßten, unfähig, ist unschuldig. Doch habe ich als Vater wohl ein Recht zu erfahren, wessen man meine Tochter anklagt und aus welchem Grunde ihre Verhaftung angeordnet wurde. Meine Tochter ist mein einziges Glück, und ich muß wissen, weßhalb man sie mir entreißt!" Ueber die Züge des Beamten zuckte es wie menschliches Rühren; allerdings konnte er sich in weitläufige Exploitationen nicht einlassen, dazu war er weder berechtigt noch beauftragt; indessen ward er nach den Worten des blinden Künstlers merklich höflicher und artiger und erwiderte: „Es ist in der Kunsthalle heute ein Diebstahl verübt worden, und ein Verdacht ruht deshab auf Ihrer Tochter; die Untersuchung, welche ohne Aufschub beginnt, wird ja Licht in die Sache bringen. — Jetzt aber muß ich bitten, mir die Räumlichkeiten zu zeigen, welche sie inne haben, damit ich die mir befohlene Haussuchung vornehmen kann; das Gesetz verlangt es so, und ihm müssen Sie sich fügen." „Unsere Wohnung", antwortete gefaßt Becker, „besteht aus dieser Stube und der Kammer nebenan." „Vater, Vater! ich soll Dich verlassen?! O mein Gott, ich verhaftet?!" rief in herzzerreißendem Tone Hildegard und klammerte sich verzweifelnd an den Vater an. Sanft und liebevoll küßte er das Haupt seines theuren Kindes. „Geh', Hildegard, sagte er, „und thue, wie das Gesetz es verlangt; Du wirst ja, nachdem Deine Unschuld erwiesen ist, wiederkommen — und an Deiner Schuldlosigkeit zweifle ich nicht einen Augenblick." Die kleinen Räume und wenigen Habseligkeiten waren bald durchsucht, die Beamten schickten sich an, die Wohnung zu verlassen, und der Commissar sagte laut: „Adieu, Herr Becker!" Ein Weheruf entrang sich Hildegard's Brust, als sie den armen Blinden bleich in seinen Lehnstuhl sinken und den weinenden Bruder zu seinen Füßen knieen sah. I 251 „Bald komme ich wieder", sagte sie dann ruhiger, im Bewußtsein ihrer Unschuld, und bleich, doch gefaßt, folgte sie den beiden Polizeibeamten. „Die „Pinseldame" ist verhaftet!" zischelten draußen die Mitbewohner des Hauses, und noch andere hämische Worte folgten dein jungen Mädchen, welches zitternd vor Scham, flehend die Augen aus die neugierigen Gesichter richtete. Unten hielt ein Wagen, umringt von den Nachbarn. Unter allseitigen Ausrufen des Erstaunens und lieblosen Aeußerungen stieg Hildegard in denselben und fuhr davon. Wie jäh, wie unerwartet waren die wenige Minuten zuvor verhältnismäßig noch so glücklichen Menschen aus ihren frohen Hoffnungsträumen herausgerissen und in tiefe Schmach und Erniedrigung gestürzt! q- » * Ein Kranz prächtiger Villen säumt die Ufer des unter dem Namen der „Außen- Alster" bekannten seeartigen Wasserbeckens ein, welches, unmittelbar an die große See- und Handelsstadt angrenzend, Seinesgleichen sucht an landwirthschastlicher Schönheit und Lieblichkeit. Dort, inmitten der herrlichsten Gärten und der üppigsten, saftigsten Vegetation, leben die reichen Besitzer jener kolossalen Waarenspeicher, die in langen eintönigen Reihen an den zahlreichen Canälen — „Fleeten" — sich hinziehen, welche eine Eigenthümlichkeit und — in commercieller Hinsicht — einen unendlichen Vortheil für das handeltreibende Hamburg bilden, dessen älteren, vom Feuer des Jahres 1842 verschonten Theil sie gewissermaßen zu einem Abbild Venedigs machen, während die Alstergegend an Genf erinnert — natürlich ohne einen Mont-Blanc, denn Berge kennt die Hamburger Gegend nur auf dem rechten Elbufer und in ziemlich kurzer Ausdehnung. Diese großen Speicher mit den trüben, kleinen Fensterscheiben, erscheinen dem mit Hamburgs Eigenart nicht vertrauten Fremden fast unheimlich, namentlich wenn er, aus den eleganten Theilender Stadt kommend, diese geruchreichen, vom Lärm der Handels- Metropole Deutschlands widerhallenden Viertel betritt. Er ahnt nicht, welche Reichthümer hier aufgespeichert sind und ihrer Versendung nach fast allen Theilen Europas harren. Nach den Landhäusern und koketten Gärten jenes großen Seebeckens der Außen- Alsler ziehen sich die Inhaber der großen, weltbekannten Firmen zu behaglich-beschaulicher Ruhe und gemüthlichem Familienleben zurück, nachdem sie eins geraume Zeit täglich in engen, dumpfen, niit Buchhaltern, Correspondcnten und Coinmis gefüllten Comptoirs zugcwracht, stundenlang in dem aufregenden Treiben der Börse sich bewegt, Waaren- proben jeglicher Art geprüft, Handelsberichte empfangen und abgesandt und die Fluctua- tionen des Geldmarktes, der Schiffsnachrichten durchgekostet haben. — Dort beginnen sie von etwa vier Uhr Nachmittags an Menschen zu sein, während sie vorher nur Großhändler, Kaufleute, Börsen- oder SchiffS-Makler, Rheder oder Banquiers waren. Dort umgibt sie vornehme Stille, aristokratische Exciusivität und das kleine Buen Retiro, welches sie sich am reizenden Alsterbecken geschaffen haben, entschädigt sie für den Lärm, das wirre Getreibe, den Comtoir- und Speicherdunst und die Miasmen der Fleete zur Ebbezeit. Was Reichthum, gepaart mit gutem Geschmack, schaffen kann, dort hat er's geschaffen, und dort auch nur erfreut sich der Hamburger Handelsfürst seines irdischen Besitzes. Ziemlich nahe bei der Stadt, im Pöseldorser Revier, lag die „Villa Walter", eine der prachtvollsten, schönsten der Umgegend, inmitten eines großen, parkartzig ausgedehnten Gartens. Weiche, kürzgeschorene Rasenteppiche, noch jetzt im Spätherbst ein saftiges, smaragdenes Grün zeigend, wohlgepslegte Blumenbeete, hohe, schattenreiche Bäume, hier und da lauschige Plätzchen, zum Ausruhen einladend, Gewächshäuser und ein schönes Palmeuhaus gehörten zu den vielen Annehmlichkeiten dieses unvergleichlich schönen Landsitzes und befanden sich meist hinter dem schloßartig angelegten Wohugebäude, welches nur durch eine mit Rasen bedeckte und Blumen geschmückte sogenannte geneigte Ebene und ein hohes, eisernes Stallet getrennt war, die wiederum ganz nahe dem rechten User des hier einen großen Landsee bildenden Alstcrflusses hinläuft. Treten wir in die „Villa Walter", das heißt, in das zu derselben gehörige Palmen Haus, ein. Eine wohlthuend anheimelnde Stille herrschte dort, nur unterbrochen durch das Plätschern der kleinen Fontaine, welche ihren fächerartigen Strahl in ein Marmorbecken ergoß; warme, von Wohlgerüchen durchzogene Lust erfüllte den Raum, in welchem die schönsten und seltensten tropischen Gewächse in herrlicher Farbenpracht blühten. In Träumen versunken lag nachlässig eine junge Dame in einer Hängematte. Dunkle Locken umrahmten ein feines, liebliches Gesicht von jenem matten Weiß, welches den unter den Tropen Geborenen eigen ist; die dunklen Augen groß und schmachtend, die üppigen Formen verbunden mit einer Grazie, deren jede Wendung, jede Bewegung theilhaftig ist; so war diese junge Frauengestalt ein würdiges Bild in diesem Rahmen von exotischen Gewächsen. Eugenie Delahaye war eine Creolin, in Südamerika von französischen Eltern geboren, ihr Vater ein intimer Freund des alten Consul Walter, auch waren die geschäftlichen Beziehungen der Beiden die engsten. Als Eugenie vor einiger Zeit ihre Mutter verloren, hatte ihr Vater sie zu seinem Freunde nach Europa geschickt. Die Schwachheit der Mutter, welche ihr einziges Kind vergötterte und verhätschelte, war Ursache gewesen, daß die Erziehung des jungen Mädchen vollständig verfehlt und verwahrlost worden, daß aus dem reizenden Geschöpf ein ebenso unwissendes wie launenhaftes Wesen gemacht war. Schon ein halbes Jahr befand Eugenie sich in der Walter'schen Familie, doch ihre Erziehung, die auf dringenden Wunsch des Vaters hier ernstlich nachgeholt, der die mangelnden Kenntnisse zugefügt werden sollten, hatte bis jetzt noch kaum nennenswerthe Erfolge auszuweisen. Die Ursache war auch in der großen Schwachheit zu suchen, die Alle, welche mit dem aufgeweckten, geistreichen Mädchen in Verbindung kamen, für sie zeigten; mit ihrem natürlichen Witz, ihren drolligen Einfällen überwand sie jeden Widerstand und schlug alle vernünftigen Vorstellungen ab. Die besten»Lehrer hatten vergeblich Mühe und Geduld an dieser launenhaften Schülerin verschwendet; Eugenie wollte nicht lernen, was sie für überflüssig hielt; was sie bei ihrem scharfen Verstände mit Leichtigkeit gefaßt haben würde, gab sie vor, durchaus nicht begreifen zu können, und nachdem oft stundenlang ihr ein Vortrag über Literatur, Geschichte, Kunst oder dergleichen gehalten worden, richtete sie dann die naivsten Fragen an ihre Lehrer, aus denen hervorging, daß sie auch nicht ein Atom des ihr Vorgetragenen begriffen — richtiger: hatte begreifen wollen, — und wenn sie alsdann die Verzweiflung ihrer Lehrer sah, lachte sie so vergnügt, so hell und melodisch ihnen in's Gesicht, daß sie zwar aus ihre Aufgabe verzichten, sie als unausführbar erklären mußten, nichtsdestoweniger aber dem tollen Mädchen nicht gram sein konnten. Alle Vorstellungen der Frau Walter (gewöhnlich nur die „Frau Consulin" genannt), so wie des alten Consuls, wie sehr nöthig wissenschaftliche Bildung einem jungen Mädchen von ihrer gesellschaftlichen Stellung sei, schlug sie mit der einfachen Gegenrede, daß sie nur glücklich und froh sein wolle und bis jetzt trotz ihrer Unwissenheit so glücklich gewesen sei, daß sie gar keine Neigung empfinde, ihr Wissen zu erweitern. Sie hatte wohl als Kind die besten Gouvernanten gehabt, doch Alle hatten sich fruchtlos abgequält, den kleinen harten Kopf zu bearbeiten; es ging eben nicht. — Eugenie's Mutter hatte diesem Unwesen nicht gesteuert, vielmehr stets im Sinne ihres Kindes erklärt, es sei noch zu jung zum ernsten Lernen; später könne ja das Alles noch nachgeholt werden. Und das war ein Unglück für Eugenie gewesen, denn je älter und größer sie ward, um so selbständiger wurde sie, und als man sie später zum Lernen gewissermaßen zwingen wollte, faß sie wohl still und horchte auf die Worte ihrer Lehrer oder Lehrerinnen, doch plötzlich hielt sie sich beide Ohren zu, und ein lustiges Lied trällernd sah sie mit lachendem Gesichte auf die erzürnte Miene ihrer Gouvernante, oder sie zog dieselbe vor einen Spiegel hin und fragte, ob sie sich denn so gut mit dem bösverzerrten Gesichte gefalle. 253 Dann lachte sie wie ein Kobold, umfaßte die Widerstrebende und zog sie in tollem Wirbel mit sich im Zimmer umher, bis sie die Athemlose in einen bequemen Fanteuil sinken ließ. Wer Eugenie ernstlich zu zürnen versuchte, wurde mit Kosen und Schmeicheln so lange maltraitirt, bis man unwillig und doch wieder mit unwillkürlichem Lächeln ihr zu verzeihen versprach. Hätte Eugenie mit anderen Mädchen ihres Alters verkehrt, so wäre es wohl auch anders geworden; sie hätte Achtung empfinden müssen vor den Kenntnissen ihrer Alters- und Standesgenossinnen, und ihr Stolz würde ihr die eigene Jnferiorität unleidlich gemacht haben. So wie es war, hatte sich der Glaube in ihr festgesetzt, daß das Wissen nur für Lehrer und Gouvernanten gut sei, weil diese sich ihr Brod damit zu verdienen hätten; sie aber, pflegte sie zu sagen, habe nicht Lust, ihr junges Leben mit solchen Quälereien zu verbittern. Der alte Herr Delahaye war in Verzweiflung; allein den Thränen des geliebten Weibes und den zärtlichen Schmeichelworten des einzigen vergötterten Töchterchens gegenüber erlahmte auch seine Energie, oder sie kam vielmehr gar nicht zum Durchbruch. Das ganz andere Leben in Deutschland, in diesem durch allgemeinen Bildungsdrang so hochstehenden Lande, wo auch der französisch-amerikanische Kaufmann einen Theil seiner Jugend verlebt, hatte Herrn Delahaye auf die Idee gebracht, Eugenie nach dem für ihn so schmerzlichen Verlust der theuren, vielbeweinten Gattin seinem Jugendfreunde Walter und dessen hochgebildeten Frau zur „Vollendung" ihrer Erziehung zu übergeben. Er glaubte, daß das deutsche gesellschaftliche und Familienleben einen wohlthätigen Einfluß auf seine Tochter üben, daß der hohe Grad von Bildung, dem sie bei ihren deutschen Altersgcnossinnen begegnen mußte, ihren Ehrgeiz rege machen würde. Allein wie sehr irrte er! — Durch ihre wunderbare Schönheit, ihre Grazie, ihren natürlichen Witz, ihr ungezwungen leichtes Geplauder entzückte Eugenie Alle, die mit ihr in Berührung kamen. Sie lachte herzlich über die „steifen Deutschen" und wußte in so drolliger Manier die gezwungene Haltung, die gezierte Sprache und die Bewegungen der jungen Damen zu copiren, welche ihr ganz besonders als Muster weiblicher Vollkommenheit bezeichnet worden waren, daß Jeder das launige Geschöpf bewundern mußte und Niemand Eugenie Delahayne gram sein konnte. Nur Eins schien ihr Freude zu machen: das Erlernen der deutschen Sprache. Mit Leichtigkeit überwand sie dabei alle Schwierigkeiten und unterhielt sich schon jetzt ziemlich fließend und mit einem sie allerliebst kleidenden, fremdartigen Accent in dem ihr noch vor wenigen Monaten gänzlich fremden Idiom. Den schönen Lockenkopf hintenüber geneigt, die dunkeln Augen in den Palmen- kronen verloren, den lieblichen Mund halb geöffnet, so daß die zwei Reihen kleiner, schneeiger Zähne hervorschimmerten, schaukelte Eugenie Delahaye sich leise in der Hängematte und träumte von ihrer schönen Heimath. Sie war so tief versunken in ihre Träume, daß sie nicht bemerkte, wie leise Schnitte naheten und William Walter sich an dem reizenden Bilde erfreute, welches sich ihm darbot. — Und wer konnte es dem jungen Manne wohl verargen, daß ihm das Blut warm nach dem Herzen drang beim Anblick dieser üppigen, verführerischen Schönheit? — lächelnd beugte er sich über das Kind der Tropen und flüsterte so sanft, so innig: „Eugenie!" — daß das junge Mädchen einen Augenblick befremdet in das gebräunte, männlich schöne Antlitz sah. Es war ihr ein ganz neuer Ton bei William, der am strengsten gegen sie aufzutreten pflegte, der ernst und grollend oft ihre Schmeicheleien zurückgewiesen, dem gegenüber sie allein herzlos, ja grausam sogar mitunter sein konnte, nur um nicht wieder ein gutes Wort an ihn richten zu müssen. Auch jetzt lachte sie ihm silberhell in sein bewegtes Gesicht und rief neckisch: „Ach! das war ganz und gar deutsch, so habe ich meinen Namen noch nie gehört!" Und mit schmachtendem Augenaufschlag wiederholte sie mit vibrirender Stimme: 254 Eugenik!" — Dann lachte sie wieder übermüthig und beachtete nicht, wie finster die Uefblauen Augen auf ihr ruhten. William Walter wußte, daß es der Wunsch seiner alten Eltern und Freundes in Amerika war, ihre Beziehungen — freundschaftliche und geschäftliche — durch eine Heirath ihrer Kinder zu befestigen. Eugenik besaß indessen trotz ihrer berückenden Schönheit nicht die Macht, das Herz des schon erfahrenen Mannes zu gewinnen; wäre der junge Walter >rst fünfundzwanzig Jahre alt gewesen dann hätte die üppige Schönheit der Creolin ihm ^eren Besitz vielleicht begehrenswert!) gemacht, doch jetzt war er in den Jahren, wo die tziebe mehr nach dem Herzen und dem Gemüth, als nach der körperlichen Schönheit Derjenigen sieht, die man sich zur Gefährtin für's ganze Leben nehmen will. Das übermüthige, launenhafte Mädchen hatte nie einen tieferen Eindruck auf den ernsten, schon durch das Leben selbst und durch seinen Beruf zum Nachdenken gestimmten Mann machen können; er hielt sie für herzlos, und schon oft hatte er es ihren launenhaften Ausschreitungen gegenüber an strengen Zurechtweisungen nicht fehlen lassen. Er hätte auch gern den sehnlichen Wunsch der Eltern erfüllt, wenn Eugenie nur ein wenig ihren Ueber- muth gezügelt und ihm gezeigt haben würde, daß sie ein Herz, ein warmes für altes Edle, Gute und Schöne empfängliches und empfindendes Herz besitze, das er zu lieben im Stande gewesen wäre; daß nur ihre Erziehung eine verfehlte gewesen, daß indessen deren Folgen noch zu beseitigen wären. Allein er mußte wohl einsehen, daß solche Hoffnungen chimärische waren. (Fortsetzung folgt.) Furchtbare Vergeltung. Der deutsche Kontreadmiral außer Dienst, Reinhold Werner, erzählt in seinem jüngst erschienenen vortrefflichen Buche „Erinnerungen und Bilder aus dem Seeleben" (Berlin 1880. A. Hofmann und Comp.) folgende, in ihrer Furchtbarkeit spannende Episode aus dein Seeleben. Die Episode hat zum Mittelpunkte ein menschliches Scheusal, das glücklicherweise zu den Seltenheiten gehört. Es war dies der Kommandant einer französischen Kriegsbrigg, mit der er im Jahre 183t- auf zwei Jahre nach der Antillenstation ging, eine jener niedrigen Seelen, deren Gemeinheit und Niedertracht sich in ihrem wahren Lichte erst zeigt, wenn sie glauben, die Macht in Händ-'n zu haben. So lange er Subalternoffizier war, schmeichelte er Jedem, von dein er irgendwie Vortheile erhoffte, und namentlich den Vorgesetzten. Vorwürfe nahm er von ihnen wie eine Gunst entgegen, Grobheiten und Ungerechtigkeiten mit sanftem Lackeln. Er suchte sich einen hohen Beschützer aus, dessen verdammte Seele er spielte; er übersprang Kameraden, weil er kriechen konnte, erhielt Dekorationen als Pflaster für hingenommene Beleidigungen und endlich das Kommando der Brigg als Belohnung für Speichelleckerei. Sein Ziel war erreicht; er streifte die Maske ab, warf seinen bespuckten Rock hinter sich und zeigte sein wahres Gesicht, das nicht erröthen konnte, weil er keine Scham mehr kannte. Seine Kameraden von gestern, heute seine Untergebenen, wurden seine Opfer. Sie hatten seine Natur erkannt, es bis dahin unter ihrer Würde gehalten, ihm die Hand zu reichen, an Bord ihn unter Quarantäne gestellt und seinen Namen nur mit einem verächtlichen Achselzucken genannt. Er hatte Alles gefühlt, aber mit lächelndem Munde auf seine Zeit gewartet; jetzt endlich war sie gekommen und fortan wurde Rache die Triebfeder aller seiner Handlungen. Die Brigg hatte zwei Jahre auf der Station in. Westindien gelegen, und diese ganze Zeit war für die Besatzung nur ein hartes Gefängniß, eine ununterbrochene geistige und körperliche Quälerei gewesen. Der Kapitän wohnte am Lande, aber übte von dort, seine Gewalt über die Untergebenen aus; er hatte an Bord seine Spione, die ihm Alles hinterbrachten. Fast täglich erschienen Befehle, welche die härteste Tyrannei übten, aber befolgt werden mußten, weil sie die dienstlichen Schranken innehielten, und so wurden hundert Menschen durch einen unsichtbaren Verfolger allmählich zur Verzweiflung getrieben. c. 255 Die Brigg war 1'/„ Meilen vom Ufer verankert. Niemand erhielt Unaub und nu>: Einzelne kamen an's Land, wenn der Dienst es durchaus erforderte. Tödtlichcr Hcff, qegen den Peiniger erwuchs in den Herzen der Offiziere und Mannschaften; er würd« nicht ausgesprochen, aber desto glühender flammte er in der verschlossenen Brust und drohte sie zu sprengen. Endlich erschien der Tag der Heimkehr, und der Kapitän kommt mit heiterer Viiene an Bord. Seine Mission ist beendet; ein höherer Grad erwartet ihn bei seiner Rückkehr.' Auf den bleichen und abgezehrten Gesichtern der Mannschaft zeigt sich jedoch kein Freudenstrahl, obwohl es heimwärts geht; unheilverheißender Ernst lagert auf ihren Zügen und finstere Wuth zieht ihr Herz krampfhaft zusammen, als sie lautlos um das Gangspiel marschiren, um den Anker zu lichten. Der Kapitän liest eine unbestimmt,, Drohung in ihren Mienen, und es wird ihm unheimlich zu Muthe. Er sucht mit der' Offizieren ein Gespräch anzuknüpfen, doch vergebens; sie befolgen nur stumm die erhaltenen Befehle, sonst weichen sie ihm scheu aus, wie dem bösen Feinde. Im Bahamalkanal steigt ein Bö auf, eine von jenen, die der Schrecken der See- fahrer sind und den Orkan in ihrem Schooße tragen. Der Offizier der Wache benachrichtigt den Kapitän von der nahenden Gefahr; dieser kommt an Deck und ertheilt den Befehl, Segel zu kürzen. Der Offizier läßt „Alle Mann" aufpfeifen und wiederholt das erhaltene Kommando, doch die Ausführung unterbleibt. Stumm und drohend bleibt die Mannschaft auf dem Verdeck: der Bootsmann wirft seine Signalpfeife über Bord reißt sich die Abzeichen von der Jacke und stellt sich schweigend an das Bugspriet. Die Bande der Disciplin sind gesprengt und der Gehorsam gekündigt, während der Sturm heulend über das Wasser dahinfährt. „Gei auf, Marssegel", ruft der erschreckte Kapitän, in dem Leichenblässe sein Gesicht überzieht; er fühlt, daß die Nemesis naht. „Wir werden die Segel nicht fortnehmen", erwidern hundert Stimmen zugleich. „Holen Sie Ihre Waffen!" wendet sich der Kapitän zu den Offizieren, „das ist Meuterei!" Der Angstschweiß perlt dem Feigling von der Stirn. Die Angeredeten ziehen sich nach dem Hinterdeck zurück, nur der Wachehabende bleibt auf der Kommandobank; sein glanzloses Auge blickt dem Sturme entgegen, der pfeifend und brausend hereinbricht und das Schiff durch die Wellen peitscht, die von allen Seiten es zu verschlingen drohen. Einige wenige Nichtseeleute und Matrosen begeben sich zum Kapitän auf das Hinterdeck. „Was sollen wir machen", sprechen sie mit schlotternden Knieen zu ihm, „wir werden untergehen!" „Nieder mit den Spionen!" ruft die Mannschaft, „wir wollen sterben." Der Kapitän steht bleich und zitternd; er nimmt dem Offizier der Wache das Sprechrohr ab, er hofft noch auf Wiederkehr der Ordnung, wenn er selbst kommandirt; aber die Antwort der Mannschaft ist nur ein höhnischts Lachen, das sich mit dein Grollen des Sturmes mischt. Dann verschwindet auf eine Minute Alles in dampfendem Gischt; die Brigg scheint unterzugehen, sie legt sich auf die Seite und die See bricht darüber fort. „Kappt die Masten um Gottes Willen!" tönt es heiser aus der Brust des Kapitäns hervor. Seine Spione wollen hinunter und Beile holen, doch die Mannschaft treibt sie von den Luken zurück. „Wir wollen sterben und er soll mit uns gehen", ruft es wieder vorn, und die Offiziere bewahren ein düsteres Schweigen. Da kracht es, die Bemastung geht über Bord; die Brigg richtet sich wieder auf, aber jetzt rammen die Masten gegen die Bordwände und drohen Löcher zu brechen. „Ich verspreche Euch allen Begnadigung, ich schwöre es auf meine Ehre!" bittet der Kapitän in höchster Angst. „Aber kappt die Taue!" „Deine Ehre? Ha, wer glaubt daran?" höhnen die Matrosen. 256 Der Kapitän fleht, wüthet und droht; die Mannschaft schwelgt im Gefühle befriedigter Rache; aber es genügt ihr nicht mehr, aus Haß gegen einen verabscheuten Vorgesetzten Schiff und Leben zu verlieren. Sie will mehr, sie lechzt nach Blut und dringt in drohender Haltung zum Hinterdeck. „Du mußt sterben, Hyäne!" zischt es in sein Ohr, „sterben mit uns, aber Du zuerst und mit Dir Deine Spione." „Zu Hilfe, meine Herren Offiziere, zu Hilfe! Ich gelobe Ihnen meine Fürsprache, Beförderung, Orden" — die Angst erstickt seine Stimme — aber die Offiziere verhalten sich schweigend wie bisher; nur der erste Offizier begibt sich in das Zwischendeck hinunter. Der Kapitän glaubt, er wolle Waffen holen; ein schwacher Hoffnungsschimmer leuchtet auf dem verzerrten Gesicht, doch vergebens harrt er der Rückkehr. Die Sturzseen über- fluthen inzwischen das Deck, der Ozean heult und das Schiff erzittert unter den heftigen Stößen der gebrochenen Masten gegen Bug und Seite. Mit diesen Schrecken mischt sich der Angstschrei von Menschen; es sind dies die Spione des Kapitäns. Die Mannschaft hat sich ihrer bemächtigt, ihnen die Kleider vom Leibe gerissen und peitscht sie erbarmungslos. Blutgieriger Wahnsinn leuchtet aus den Augen der Matrosen, die Offiziere schauen gleichgiltig der furchtbaren Vergeltung zu; der Kapitän bricht in die Kniee und fleht um Gnade. In diesem Augenblick öffnet der erste Offizier die Thür zur Pulverkammer; ein Blitz und Donner wie von hundert Gewittern und das Schiff fliegt zerschellt in die Lüfte — Opfer und Henker werden von den Wellen verschlungen. Die Bö ist vorüber, der Sturm schweigt, die aufgeregten Wogen glätten sich und die Sonne sendet wieder friedlich ihre leuchtenden Strahlen zum blauen Ozean hernieder. Eine Stunde später passirt ein amerikanisches Schiff die Stelle, wo das Grausige sich vollzogen. Auf einer gebrochenen Spiere treibt der einzig Ueberlebende der erschütternden Katastrophe; es ist ein Schiffsjunge, halbtodt und mit schweren Brandwunden bedeckt. Er erzählte den Zusammenhang, aber am anderen Tage war auch er seinen Leiden erlegen. M i s e e l l e rr. (Die kluge Hausfrau.) Köchin: „Ist es nicht schrecklich, Madame, was jetzt die Eier klein sind?" — Dame: „Ja, das wird wohl an den Bauersfrauen liegen, die lassen die Hennen nicht lange genug darauf sitzen und nehmen die Eier schon weg, ehe sie ordentlich groß geworden sind." Ein Jude und ein Christ begleiteten ihre abreisenden Söhne zum Postwagen. „Handle immer recht!" waren die Abschiedsworte des Christen. — „Ja wohl mein Sohn, handle immer recht," rief der Jude seinem Sprößling nach. Aus den „Spniherbsibrätterr»." Wenn hniadocglühl die Sonne, Steht der Mond schon über'm Thal, lind den Abglanz ihrer Wonne Gießt er aus im feuchten Strahl. Also bleibt im tiefsten Herzen Von versnnk'nem großem Glück Tröstlich für die Nacht der Schmerzen Uns ein Widerschein zurück. Meine Sonne schied für immer, Meine Liebe schön und jung; Laß mich ruh'n in deinem Schimmer, Sanfter Mond, Erinnerung. _ E. Geibel. Auflösung des Bnchstabenrebus in Nr. 30: „Das Ausland" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.