zur Augslmrgkr postzeitimg." Nr. 33. Samstag, 23. Oktober 1880. Wenn ein Liebes dir der Tod Aus den Augen fortgerückt, Such' es nicht im Morgenroth, Richt im Stern, der Abends blickt, Such' es nirgends früh und spat Als im Herzen immerfort; Was man so geliebct, geht Rimmermchr aus diesem Ort. Just. Kerner. Hildegard. Criminnl-Novelle von Theodor Pust er. (Fortsetzung.) William war soeben von seinen Eltern gekommen. Sie hatten ihn auf's Neue bestürmt, um Eugenie zu werben, Hatten ihm all' ihre guten Eigenschaften aufgezahlt und die Ueberzeugung ausgesprochen, daß sie unter seiner Führung sicher eine gute, treue Gattin werden würde. So war er denn nach dem Palmenhause gegangen, überzeugt, daß das spöttisch-herausfordernde Wesen Eugenien's ihre — wie er glaubte — theil- angeborene, theils anerzogene Herzlosigkeit ihm auf's Neue hinreichende Gründe bieten würden, dein Wunsche seiner Eitern mit Fug uud Recht seine Weigerung entgegensetzen zu können. Als er das lieblich-verführerische Bild des jungen Mädchens vor sich sah, da strömte das Blut ihm wohl warm, ja heiß zum Herzen, und hätte sie jetzt einen Blick voll inniger, sprechender Liebe für ihn gehabt, ein freundliches Wort an ihn gerichtet, statt Seiner zu spotten und den Ton seiner weichen, klangvollen Stimme nachzuäffen — wer mag sagen, daß er sie nicht an sein Herz gezogen, daß er sie sich nicht zu Eigen gemacht hätte. Doch mit finsterer Stirn mußte er sich sagen, daß sie in der That ein herzloses, kokettes Weib, daß sie der Liebe eines ernsten Mannes nicht würdig sei und er für die Ehre einer unauflöslichen Verbindung mit Eugenie herzlich danken müsse. Vielleicht auch wäre sie nicht so schnell von ihm verurtheilt worden, Hütte nicht ein anderes Bild sein Herz volländig beschäftigt, hätte er nicht das schöne, blaffe sittsame Mädchen im Geiste stets vor sich gesehen, ganz das Gegentheil von Eugenien's strahlender Schönheit, und doch für ihn viel schöner, als jene, denn ihr fairstes, duldendes, engclreines Antlitz hatte weit mehr Zauberkraft für ihn, als das übermüthige Lachen und die kokette Schönheit der Creolin. „Die Eltern erwarten uns im Eßsalon", sagte jetzt beinahe rauh der junge Mann und wandte sich zum gehen. Doch graziös erhob sich Eugenie aus der Hängematte, und ihren Arm in den William's legend, sagte sie schmollend: „Seien Sie doch nicht so finster, und führen Sie mich hüsch galant zu Tisch!" William Walter schien kaum das neckige Geplauder der Creolin zu hören, noch hatte er einen Blick der Bewunderung für die kleine, zarte, weiße Hand, den wunderbar 258 schön geformten Arm, der in dem seinen lag. Das lachende Antlitz, die herrliche, nur halb verhüllte Büste schienen für ihn gar nicht zu existiren; das Betragen des reizenden Mädchens erschien ihm kindisch und albern, ihre elegante und graziöse Toilette war für ihn nur der Beweis ihrer stets kampfbereiten Koketterie. Der Gedanke, sie zu seinem Weibe zu machen, lag ihm in diesem Augenblick ferner denn je. In dem mit gediegener Eleganz, jedoch fern von jeder Uebcrladung eingerichteten Eßsalon saß ein alter Herr mit schneeweißem Haar in einer Sophaecke — Generalkonsul Walter, ein Mann zwischen Siebenzig und Achzig, dessen lebhaftes Auge jedoch Zeugniß gab von dem frischen, ungetrübten Geist, der in der schon etwas gebeugten Gestalt noch lebte und herrschte. Seine Gemahlin, William's Mutter, hatte ein durch seine frischen Farben fast noch jugendlich erscheinendes Gesicht, obwohl auch sie schon weit über sechzig Jahre zählte; ein strenger Zug um den Mund indessen, wie auch der scharfe, ewig prüfende Blick ihrer grauen Augen ließen ihr Gesicht nicht angenehm erscheinen. Ihr ganzes Wesen, ihr Aeußeres trug den Stempel -der peinlichsten Ordnung, jede Bewegung schien von ihr möglichst abgemessen, damit kein Fältchen ihres Kleides sich verschieben könne; geräuschlos bis zur Äengstlichkeit war ihr ganzes Wesen, ihre Sprache ruhig, stets leidenschaftslos, und keine noch so tieke Erregung hätte sie vermocht, ihr Organ auch nur um einen Ton zu erhöhen oder zu verstärken. Die „Frau Eonsulin" war die ächte, treue Repräsentantin der alten Hamburger Handels-Patricier-Familien- Tradition. Unter Beobachtung all' jener Formen, wie sie in den feineren Kreisen der großen und reichen Handelsstadt gleich peinlich wie in England, als Norm gelten, hatte man sich zu Tische gesetzt. Das Gespräch wurde hauptsächlich durch Eugenie und William'S Eltern geführt, der junge Consul selbst saß, nur kurz hin und wieder an der Unterhaltung sich betheiligend, im Ganzen wortkarg da, während seine Gedanken ganz wo anders zu weilen schienen. Manchmal nur schreckte ihn das helle Lachen Eugenien'S aus, und die Eonsulin schüttelte wohl leicht den Kopf, daß das junge Mädchen sich so vergessen konnte; aber ihre sonstigen Manieren, beispielsweise ihre vollendete Grazie beim Essen, wobei sie sich nie den geringsten Verstoß gegen die Etiquette zu Schulden kommen ließ, versöhnte einigermaßen wieder die peinlich auf Beobachtung aller gesellschaftlichen Formen haltende Frau und ließ sie so manchen andern kleinen t'uuv pau vergessen, dessen das wilde, unbändige Mädchen sich schuldig machte. Als nach dem Dessert die beiden Damen sich erhoben und nur Vater und Sohn noch bei einer Cigarre und einem Glase Wein sitzen blieben, fragte der alte Herr, forschend in des Sohnes ernstes Gesicht blickend: „Was sinnst Du, William? — Schon bei Tisch warst Du heute ausnehmend einsilbig und reservirt, ja unaufmerksam, und Eugenie kann sich wirklich nicht über ein Zuviel 'an Galanterie von Deiner Seite beklagen. Du brachtest sie in so steifer Grandezza, mit so finsterer Miene hierher, daß es mir vorkam, als empfändest Du es gleich einer Strafe, das reizende Mädchen am Arme zu führen. — Hast Du denn gar kein Feuer in den Adern, Junge, daß Du so den Eisbären herauskehrst? — Als ich in Deinem Alter war, hätte mich Eugenie mit ihrer Schönheit nicht so kalt gelassen." Der alte Herr strich ruhig die Asche von seiner Cigarre, nippte ein wenig an seinem Wein und blickte dabei von Neuem prüfend auf seinen Sohn. Dieser antwortete nicht. „Sie ist ja ein wildes Ding, ein unbändiges Mädchen — ja", fuhr der Vater fort, „doch gut von Herz und Gemüth ist sie, William. Und sie ist auch so klug und gewandt und kann, wenn sie will, so viel gesellschaftlichen Tact zeigen, daß sie Dich gewiß niemals compromittiren, sich selbst nie eine Bloße geben würde. Sie weiß auch viel anmuthiger zu plaudern, als die gelehrten jungen Damen von heutzutage, hinter deren Wissen übrigens nicht so arg viel steckt; es ist das doch nur ein Firniß, unter welchem nichts Tieferes, nichts Reelles liegt. Ob Eugenie nun das bischen Firniß besitzt oder nicht, das bleibt sich meiner Ansicht nach gleich; das Rechte, Wahre kommt mit den 259 Jahren von selbst. Dafür ist sie aber auch ungleich schöner als alle Andern, und Du würdest sehr um sie beneidet werden." — „Ich bitte Dich, lieber Vater, gib diese Ideen auf", erwiderte William; „ich werde Eugenie niemals heirathen! — Frauen ihrer Eigenart stoßen mich ab, statt anzuziehen, sind mir schrecklich. Wenn ich mich jemals vermähle, dann muß ich die Ueberzeugung haben, daß die, welche meine Frau werden soll, mich liebt, ihr ganzes Wesen muß mich sympathisch berühren und auch mein Herz in Liebe für sie schlagen: all' diese Voraussetzungen treffen aber bei Eugenie Delahaye nicht zu, und ich kann Die nicht zu meiner Gattin machen, welche nicht mit mir fühlt, die für mich und mein Haus kein Interesse hegt, die stundenlang sich träge in einer Hängematte wiegt und über eine neue verführerische Toilette träumt oder darauf sinnt, mit welch' neuen Künsten der Koketterie sie es dahin bringt, Andere rasend in sich verliebt zu machen! — Eine gefallsüchtige Frau, Vater, hattest auch Du nie genommen, und Eugenie ist gefallsüchtig im höchsten Grade!" „Aber, mein Gott, William, wie kannst Du so absprechend über das arme Kind urtheilen? — Sie ist reich, verwöhnt von Kind auf; wie konnte sie da viel anders werden? — Sie wird noch ganz aus eigenem Antriebe Alles, was ihr jetzt noch abgeht, lernen und sich aneignen, wird ganz anders werden, als sie jetzt ist, wenn sie einen guten, vernünftigen und rücksichtsvollen Meister findet ..." — „Ich will meine Frau nicht erst erziehen", unterbrach William. „Doch laß es genug sein, Vater; ich kann Eugenie nicht heirathen, sie ist nicht das Weib, wie es meinen Träumen vorschwebt; ich kann keine besondere Hochachtung vor ihr empfinden und nicht daran denken, sie zu meiner Frau zu machen!" — Träume? — Man träumt immer anders von den'Frauen, als sie in Wirklichkeit sind, mein lieber Sohn. Solche in's praktische Leben überführte Traumgestalten existiren nicht." — „O doch, Vater, es gibt deren!" rief der junge Mann mit Enthusiasmus und lebhaft crröthend. Erstaunt blickte der alte Herr auf den Sohn, dann sagte er ernst, kopfschüttelnd: „Und Du hast Eine bereits gefunden, und sie ist es, William, die Eugenie im Wege steht!" — Die plötzliche Nöthe war ebenso schnell, wie sie gekommen, auch wieder aus dem gebräunten Gesicht des jungen Consuls gewichen; doch auch ein rascher Entschluß schien ihm gekommen und blieb auch; er war ja kein Jüngling mehr und konnte sich wohl das Recht indiciren, selbständig zu handeln und zu wählen. „Ja, Vater", entgegnete er, „ich habe ein Mädchen gefunden, wie ich es mir geträumt, doch vielleicht entspricht es Deinen Anforderungen nicht so wie den meinigen; es ist arm, gehört keiner Pntricierfamilie an, ist aber das einzige Weib, das mich glücklich machen könnte — und ich hab's ja Gott sei Dank für uns Beide! — Mein Name ist klangvoll genug, um vergessen zu lassen, was meine Gattin für eine „Geborene" ist!" „William, ich Hütte Dich wirklich für vernünftiger gehalten!" rief halb entsetzt der alte Herr. „Ein armes Mädchen aus obscurer Familie, ohne höhere Bildung, die Dich wahrscheinlich nur durch ein schönes Gesicht bestochen hat. .... William, es taugt nicht, nie und nimmermehr; der Rang- und Standes-Unterschied bleibt — glaube mir! — und heftet sich einem Alp gleich an Deine Fersen; Deine Frau, wenn sie nicht in unserm Stande geboren, kann nie heimisch werden in unsern Kreisen, sie wird sich überall Blößen geben, und Du würdest die getroffene, dann natürlich unabänderliche Wahl bald genug bitter bereuen müssen. Geld ist für mich ja auch durchaus nicht die Hauptsache bei der Wahl einer Schwiegertochter, nur von guter Familie, in guten Kreisen erzogen, muß sie sein, sonst wird nichts daraus!" „Würde ich nur auf Schönheit sehen, Vater, so heirathete ich Eugenie, doch ich will eine Frau mit Herz und Gemüth!" „Was wird Deine Mutter sagen, Williams Wie könnte Deine Auserwählte vor ihr mit ihren strengen Grundsätzen, ihrem peinlichen Festhalten an: Althergebrachten bestehen?" — „Sie wird bestehen, Vater! — Glaubst Du Dein Sohn würde eine seiner und seines Namens unwürdige Wahl treffen, nicht darauf bedacht sein, daß er sich nicht lächerlich mache durch eine Frau, welche nicht in seine Kreise paßt? Doch las; uns das Thema lieber jetzt abbrechen, um es wieder aufzunehmen, wenn's Zeit ist. Noch ist mir selbst unklar, ob, wann und wie ich handeln werde, doch Dir, dem Vater, vor dem ich nie ein Geheimniß gehabt, durfte — mußte ich ja von dem sprechen, was mich im Augenblick so ausschließlich beschäftigt. — Gehst Du mit in's Theater?" „Nein, ich nicht, aber Mama und Eugenie möchten Lust haben und würden Dir gewiß zu Dank verpflichtet sein, wenn Du sie auffordern wolltest." „Dann will ich lieber allein gehen; ich möchte, wenn Du zu Hause bleibst, auf mich ausschließlich allein angewiesen sein. Adieu, Vater!" William entfernte sich, der alte Consul ging nach seinem Zimmer. Nur wenige Sunden früher, als William Walter darüber nachdachte, wie wenig Eugenie Delahaye trotz ihrer mannigfachen Reize ihm bcgehrenswerth sei, als er eine Parallele zog zwischen der Creolin und Hildegard Becker, der armen Künstlerin, da mußte er sich sagen, daß die Letztere alle die Eigenschaften besitze, welche er von seiner Gattin verlange;'arm zwar, doch von edlem Sinn und Gemüth; ein Mädchen, welches mit solcher Aufopferung für die Seinen arbeitet und wirkt, trotz so bedrängter Lage und trotz so großer Schönheit und Jugend, lügenhaft bleibt, ist liebcnswcrther und höher zu ächten, als alle die geputzten jungen Damen der sogenannten höheren, exclusiven Classen, die, ohne Söge, Noth oder Anfechtung, geschützt ihr Dasein genießen — ungetrübt, ohne nur einmal darüber nachzudenken, wie bevorzugt sie dastehen gegenüber anderen Geschlechtsgenossinnen. Sein Entschluß festigte sich immer mehr: das arme Mädchen mit dem bleichen Gesicht der Dulderin wollte er zu seinem Weibe und es sich zur Aufgabe machen, die Nosen zurückzuzaubern auf ihre Wangen, den Ausdruck der Freude und der Lebenslust in ihre Augen. Und mochten auch seine Freunde die Achseln zucken; was konnte man ihm, was ihr vorwerfen? — War sie doch die Tochter eines längst anerkannten Künstlers, der vor dem Unglück, das ihn so schwer getroffen, auch in der „guten Gesellschaft" sich bewegt hatte; und wäre jenes große Leid nicht über ihn gekommen, dann würde er heute noch hoch angesehen, ja reich wahrscheinlich und seine schöne Tochter von Bewerbern Umschwärmt sein. Um die gewöhnliche Stunde ging der Vice-Consul William Walter am anderen Morgen nach der Kunsthalle. Er mußte Hildegard sehen, es was ihm das Zusammentreffen mit ihr zum Bedürfniß geworden. — Wie erstaunt war er jedoch als er auf der jungen Künstlerin Platz einen älteren Herrn sah, der, ohne sich um ihn zu kümmern, eifrig die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollenden im Begriffe war. .War Hildegard wirklich ernstlich krank geworden? mußte William Walter sich fragen. Ein Gefühl der Angst, der Beklemmung ließ ihn erst jetzt erkennen, wie theuer ihm die schöne Künstlerin schon war. Er mochte den fremden Herrn nicht nach ihr fragen, er wollte selbst hineilen nach ihrer Wohnung, um sich Gewißheit zu verschaffen. Eilig verließ er die Kunsthalle und schritt, trüber Ahnungen voll, dem entlegenen Stadtviertel zu. Der arme Künstler hatte in der verwichenen Nacht, der ersten, welche er getrennt von seiner geliebten Tochter zugebracht, alle Dualen den zur Ungewißheit und Unthälig- keit Verdammten erlebt; jeder leichte Tritt ließ ihn erschreckt aufhorchen, denn er glaubte ja mit Bestimmtheit, daß Hildegard bald wiederkommen müsse. Als die Nacht hereinbrach und sie immer noch nicht da war, da suchte er sich mit dem Gedanken zu trösten, daß ein Verhör wohl noch nicht habe stattfinden können, daß sie erst morgen kommen werde. — 261 Dann fliegen wieder schwarze, bängliche, drohende Gedanken in ihm auf welche ganz dazu angethan waren, den armen Mann der Verzweiflung preiszugeben. Wenn sie unschuldig verurtheilt würde! — Hatte man nicht oft die augenscheinlichsten, übersiihrendsten Beweise zu besitzen geglaubt? — Wenn nun auch für sein Kind die Umstünde so ver- hängnißvoll zusammentrafen, daß man sie — die Unschuldige — als Diebin ver- urtheilte?! — Ein Schrei der Angst, der Verzweiflung rang sich aus der Brust des Gequälten, wie wahnsinnig durchschritt er das Zimmer und seine Hände wühlten in dem langen Haar. (Fortsetzung folgt.) Das Schulwesen in Bayern zur sogenannten gute», alte» Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von vi-. xlük Franz Beda Stubenvoll. Volkswohl wird gefördert durch Volksbildung, Volksbildung ist vorzugsweise bedingt durch die Volksschule, die Leistungen der Volksschule hängen größtentheils ab von der Schuleinrichtung. Von großem Einfluß ist die innere Schuleinrichtung, hauptsächlich die Unterrichtsmethode. Zuin Verständnisse des Volksgeistes der vergangenen Jahrhunderte ist darum unumgänglich nothwendig die Kenntniß der Bildung des Volksgeistes, die Kenntniß der Geschichte der Schule. Vorliegende Skizze dürfte ein nicht unerwünschter Beitrag zu diesem Zwecke sein. Bis in's dreizehnte Jahrhundert hat es mit der Bildung des Volkes und dem, was wir Volksschule nennen, sehr traurig ausgesehen; es war weder Gelegenheit noch ein Verlangen da, etwas zu lerne,:, seinen Geist mit Kenntnissen zu bereichern. Die Klosterschulen, in denen aber nur Knaben und zwar wiederum ausschlicßstch nur für den Küchendienst in der „Kunst" des Lesens und Schreibens unterrichtet wurden, abgerechnet, gab es keine weitere Schule mehr. Auf den: Lande dauerte dieser traurige Zustand noch viel länger; denn noch im Jahre 1566 wohnte in den größeren Pfarrdörfern ein Frühmesse:', Kaplan, oder in protestantischen Ortschaften ein Diakonus, welcher, da noch kein Schulmeister vorhanden war, die Schule hielt, aber bei einer Einwohnerzahl von etwa 500 Personen, wenn es gut ging, es auf 9 bis 12 Schüler brachte. In Städten trachtete man etwas mehr nach Aufklärung, und so finden wir bereits 1400 in den meisten Städtchen Bayerns einen eigenen „schuelhalter" oder „schuelmaister", dessen Existenz aber eine nicht sehr beneidenSwerthe war, da er größtentheils von der Güte des Pfarrers abhing, der ihn: beinahe täglich zu essen gab, was später, wie es in einer Chronik von 1559 heißt, „sogar zu einer Art suris sich zu erheben ansangen thut." Oftmals kam es vor, daß die Bürgerschaft den Pfarrer zwingen wollte, daß er täglich den Schulmeister ausspeise, so daß in den meisten Fallen der Bischof sich in's Mittel legen mußte. So liegt uns ein Entscheid des Fürstbischofs Anton von Bamberg vom Jahre 1445 vor, dahingehend, daß der „vfarer den schuelhalter nur den sunntag undt in der fasten wochcnlich Drey Mahlen außsveissen müsse, so auch an denen betgängtägen, vorausgesszet, daß er dabey gegenwärtig seye und Singe." Der bisher mehr als Almosen den: Lehrer gegebene Kosttag an: Freitage ging nun in ein Gesetz über, hatte aber mehr auf die kirchlichen Verrichtungen als auf die Schule selbst Bezug. Bis zum Jahre 1500, ja noch während des Verlaufes des ganzen 16. Jahrhunderts scheint eS in den bayerischen Städten, wie heutzutage noch häufig in England, so gehalten worden zu sein, daß zwei Lehrer zu gleicher Zeit und in einem und demselben Zimmer mehrere Abtheilungen unterrichtete,:. Im 16. Jahrhundert finden wir in den Orten von 1000 bis 8000 Einwohnern meist schon zwei oder drei Lehrer und zwar nicht blos „einfache deutsche schuelhalter", sondern mitunter „exaininirte", ja öfters zum „Magistcrgrad promovirte", in: Latein ziemlich bewanderte Lehrer, nicht blos dem geistlichen, sondern auch den: weltlichen Stande angehörend. Eine städtische Faktoreistiftung von 1559 sagt: „daß früher ein knab alle vver, 262 monate hat 4 Pfennings müssen in die schuel geben undt auch das holtz selbsten zum einheitzen in die schuel hat bringen müssen, das haben die Armen burgersinann nit Ver- möget. daß also die Armen auch etwan thuen lernen kunnten, so giebt die stüfftung jährlich dem schuelhalter 12 Gulden undt lasset 40 klaffter holtz jährlich aus dem wald zue schuel führen, tuet 7 Gulden 4 Haller 13 Pfenning undt hauen, tuet 3 Gulden 2 Haller 24 Pfenning." Der Gehalt eines Lehrers war Mitte des 16. Jahrhunderts 50, später 60 Gulden nebst einer kleinen Wohnung. Die Schule wurde theils ausschließlich durch Geistliche versehen, theils war sie der bloße Ausfluß und das Anhängsel der Kirche. So ist es erklärlich, daß auf den Unterricht in der lateinischen, wo nicht mehr, so doch ebensoviel Bedacht genommen wurde wie auf den Unterricht in der deutschen Sprache. Dieser Usus wurde auch zur Zeit der Reformation besonders in simultanen Gegenden beibehalten. Wir lassen nun eine Schulordnung vom Jahre 1559 folgen. Sie lautet wie folgt: „Am montag hat der schuelhalter mit den primnnis die erst stund den Vonatum oder (IruinativLin Udilixxi oder etliche roßnlus auß dem s^ntuxi zu rLvitirLn, die übere zeit das evangeli, weliches am sunntag gewesen, zu reoitirou. die ander stund äaolinirsn und oonsuZiren, deßgleichen die rsAuIas s^iitnxsos fragen, auch sollen die knaben, waß ihnen auß den provorbis Laluiiiouis ist fürgelesen worden, einer nach dem anderen exponiren Und Verdeutschen. Der Oantor soll die erst stund die bioouinlanvs lesen hören Und ihnen eine leotiou Wiederumb auffgeben, Und waß sie dnheimd geschrieben haben, ybersehen, Und darauff die Hplraboturios (Abcschüzen) die buechstaben Und deren zusamsezung yberhören. Nachmittags soll schuelhalter Und oautor einer nach den anderen U, stund musicam lesen Und eqerzieren, mit den größeren knaben ög-ura.1 Und oiroral singen, den kleineren die noten Und die soula. kennen lernen. Nach der vesper soll der schulhalter den primuuis eine lateinische sentenz aus den Oioero oder sunstigen poöteu oder autor fürschreiben Und intsrprotireu, expmrron Und aoustruiron lassen, biß es drey schlaget, dan bethen Und Heimbgehen lassen, darausf achten, daß sie aufs der gasse'n ganz zichtig einhergehen Und die ehrachtbahren burgersleuth begrüßen Und kain unfug treiben. Der oantvr hat den seeunllunis ein kurz latein aus denen son- tsntiis, die Ixuliuann (ein berühmter Schulmann des 16. Jahrhunderts) zusamschrieben exponiren. Diser unterricht wird vortgesezet an erichtag, an niichatag Und an pfinztag, an welichen jedoch nachmitag feriä Und der badtag Wie bishero geschen, bleiben solle. (Auf das Baden der Schüler und im Allgemeinen werden wir etwas später zu sprechen kommen.) Am samstag wird lateinisch oonstruirtzt Und die anderen Zwey stunden in allen olassibus durchauß der katechismus lateinisch und deutsch auf's fleissigist exponiret. Nachmittag müssen die schüler ihre schuel reinkeren Und fegen. Die vürsteher der schuel solen dieser ordnüng zum Vertreuligsten auffwarthen, ainig mit ainander seyn, auch die hochzeitsupen wie vor alter herkhomen aufs der schuel mit ainander Und nit in Anderen häußern essen." Die Schulordnung von 1559 sagt auch noch ferners, die Knaben sollen allweg im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr sämmtlich in der Schule erscheinen, dort verlesen und beim Ausbleiben ohne stattgesundene Entschuldigung ohne Unterschied von Arm oder Reich gestraft werden. Die Schule dauert alsdann im Sommer bis 9 Uhr, im Winter bis 10 Uhr, Nachmittags aber nur von 12 bis 3 Uhr. Beim Nachhausegchen soll darauf gesehen werden, daß sie nicht blos vor der Kirche, sondern auch auf der Gasse still und ordentlich sind, vor einem Kreuz, einem Muttergottesbild, den verschiedenen Heiligen sich neigen und den Hut abziehen, und auch vornehme Bürgersleute grüßen. In die Kirche sollen sie von dem Lehrer paarweise geführt, von Einem derselben dort strenge beaufsichtigt und in Gebet und Gesang angeleitet werden. Beim Anfang der Schule soll das vöui suuoto Spiritus oder das veni eroator nebst einen: iUater nostsr gebetet werden, auch abwechselnd sonstige schöne lateinische Psalmen Gott zu Ehren und der Jugend zum Besten exerziret werden, damit sie solche bei Zeiten auswendig und frugen lernen. Nach der Schule soll wieder gebetet, und es sollen Psalmen wie^das 263 schöne „6on6tomini," „Mseroro mei Osus« und dgl. gelungen werden. Die Knaben sollen in drei Klassen eingetheilt werden: primanii, Ksouiukaini und tsrtiauii. Der Organist ist nicht allein wegen der Orgel, sondern auch der Schule wegen aufgenommen; ^ derselbe hat daher im Sommer nach der Kirche von 7 bis 9 Uhr, im Winter von 8 bis ^ 10 Uhr „schuel zu sizen Und die ^ixlmliotarioa Zu Verhören Und die buechstaben an - die tabula zu schreiben, mit dein Haselstecken aufzuzeigen Und zusamsezen zu lehren." s Auch hat er diejenigen Kinder, die eine taugliche Stimme haben, auszusuchen und täglich von 11 bis 12 Uhr in der donla. zu unterweisen; dieselben müssen wenigstens gut ! lateinisch lesen lernen. Man ersieht daraus, daß der Organist der unterste und mehr für den deutschen Unterricht, der Kantor der mittlere, und der eigentliche „schuelhalter" ! oder „schuelmaister" der oberste Lehrer war; und da sich von Mädchen gar keine An- ' deutung findet, überhaupt damals noch Niemand strenge verpflichtet war, die Schule zu besuchen, so scheint man die Mädchen nicht im Lesen und Schreiben, sondern nur in der Ockonomie und dem Hauswesen, höchstens noch in der Bibel und etwas Gesang abgerichtet zu haben. Von einem Nechnungsunterrichte finden wir keine Spur. Das Schulgehen war damals auch nicht sehr angenehm, wenn wir bedenken, daß, wie wir gehört haben, bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts jeder Schüler wöchentlich einen Arm voll Holz zur Beheizung des Schulzimmers selbst mitbringen mußte, und daß von ' eigentlichen Schulbänken gar keine Rede war. Die Knaben standen und saßen auf dem ! Boden umher, schrieben an die Fensterbretter gelehnt u. s. w. Erst nach längerer Wirk- ^ samkeit der Reformation nahmen auch die Mädchen allgemeinen Antheil am Schulunterrichte, um ebenfalls wenigstens Bibel und Gesangbuch lesen zu können. : Die Schulordnung von 1559 erhielt sich im Wesentlichen, ich sage, bis zum Jahre ' 1741. Eine im letztgenannten Jahre erschienene Schulordnung sagt nämlich in 16 Ar- > tikeln wesentlich Folgendes: Die Kinder werden, wenn die Zahl zu groß ist, in drei Klassen unv Schulen getheilt, so daß der „Rektor" die erste, der „Organist" die andere, der „Meßner" die dritte, aber lauter Mägdlein habe. Die erste Klasse ist vermischt von Deutsch und Latein lernenden Knaben; der Rektor hat aber die besseren I n!>sniu zrun Latein, zum ciaoiiuirsn, conjrm'iiwn, und uu-uinontn machen, überhaupt soweit.zu bringen, daß sie in den scniünnvils der Herren l'utrss Üooivtutis (Jesuiten) bestehen können. ' (Schluß folgt.) M i s e e l l s «r. (D!as hoffnungsvolle Tiroler Büklein.) Ein Geistlicher in Tirol hatte die Kinder sehr lieb. Ging er aus, so waren seine Taschen mit gedörrten Birufchnitzen gefüllt. Eines Tages fragte er einen kleinen Buben um eine Sache und der Bursche antwortete nichts. „Bub," sagte er zum Arotzkvpf, „gib Antwort, sonst steck ich Dich in den Sack." — „Thu's," erwiderte der Bube, „ich freß' Dir deine Birnschnitzel alle." Der Hofnarr des Königs Jakob I. von England hatte einen Cavalier auf's Empfindlichste beleidigt. Dieser schwur dem Narren Tod, mit dem festen Vorsätze, ihn bei der ersten Gelegenheit zu ermorden. Der Narr eilte zum König und bat ihn um Schutz und Beistand. „Fürchte Nichts," sprach der Monarch, „wenn Dich dieser Cavalier tödtet, muß er Tags darauf hängen." — „Halten Ew. Majestät zu Gnaden," entgegnete der Narr, „wenn ich unterthänigst bitte, ihn Tags zuvor aufhängen zu lassen." (Der Instinkt.) Zwei Herren unterhielten sich in einem Gasthofe über den Instinkt der Thiere. Ein Oesterreicher, der dem Gespräch aus Ferne zugehört hatte, trat plötzlich hinzu und sagte: „Meine Herren, es is zwar halt ein Bissel unmanirli, daß i mi in Ihr Gespräch einmisch', aber i bin ein Oesterreicher, un hab g'hört, daß Sie irr sind. Es is halt nit der Jnn, der stinkt, es is der Mühlgraben. Meister Gerhard von Köln, der erste Baumei 'ter des Domes.*) Wenn in den linden Vollmondnächten Die Nebel lagern über'm Rhein Und graue Silberfäden flechten Ein Flore,ewand dem Heil'genschrein: Es träumt die Waldung, duftumsäumt, ES träumt die dunkle Fluthenschlange, Der milde Wein verwelkt am Hange, Und rauscht und träumt. Tief zieht die Nacht den feuchten Odem, Des Waldes Gräser zucken matt, Und ein zcrhauchter Grabesbrodem Liegt über der entschlaf'nen Stadt: Sie hört das Schlummerlied der Well'n, Das leise murmelnde Geschäume, Und tiefer, tiefer sinkt in Träume Das alte Köln. Dort, wo die graue Kathedrale, Ein riesenhafter Zeitentraum, Entsteigt dem düstern Trümmermale Der Macht, die auch zerrann wie Schaum — Dort, in der Scheibe Purpurrund, Hat taumelnd sich der Strahl gegossen. Und sinkt und sinkt, in Traum zerflossen. Bis auf den Grund. Der Ampel Schein verlosch: im Schiffe Schlaft halbgeschlossen Blum' und Kraut; Wie nackt gespülte Uferriffe Die Streben lehnen, tief ergraut; Anschwellend zum Altare dort, Dann aufwärts.dehnend, lang gezogen. Schlingen die Häupter sie zu Bogen Und schlummern fort. Und immer schwerer will es rinnen Von Quader, Säulenknauf und Schaft, Und in den: Stahle will's gewinnen Ein dunstig Leben, geisterhaft: Da horch! es dröhnt im Thurme — ha! Die Glocke summt — da leise säuselt Der Dunst, er zuckst, wimmelt, kräuselt — Nun steht er da! — Ein Nebelmäntlcin umgeschlagen, Ein graues-Käppchen, grau Gewand, Am grauen Halse grauer Kragen, Das Richtmaß in der Aschenhand, Durch seine Glieder zitternd geht Der strahl wie in verhaltner Trauer, Doch aii dem Estrich, an der Mauer, Kein Schatten steht. Es wiegt das Haupt nach allen Seiten, Unhörbar schwebt es durch den Raum, Nun sieh es um die Säulen gleiten! Nun fährt es an der Orgel Saum; Und aller Orten legt es an Sein Richtmaß, webert auf und nieder, Und leise zuckt das Spiel der Glieder, Wie Rauch im Tann. War das der Nacht gewalt'ger Odem? — Ein weit zerfloss'ner Seufzerhall, Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem Durchquillt die öden Räume all: Und an der Pforte, himmelan Das Mäunlein ringt die Hand, die fahle, Dann geleitet's aufwärts am Portale — Es steht am Krähn. Und über die entschlaf'nen Wellen Die Hand es mit dem Richtmaß streckt; Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen, Sie brodeln auf, wie halb geweckt. AIs drüber nun die Stimme tönt, Ein dumpf verhallend, fern Getöse, Als wenn ein Donnergroll'n sich löse, Und träumend dröhnt: „Ich habe diesen Bau gestellt. Ich bin der Geist vergangner Jahre: Weh! Dieses dumpfe Schlummerfeld Ist schlimmer noch als Todtenbahre! O mann, wann steigt die Stunde auf, Wo ich soll lang Begrab'nes schauen? Mein starker Strom, ihr meine Gauen, Wann wacht ihr auf?" „Ich bin der Wächter an dein Thurm, Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen, Mein Hornespoß der Zeitensturm, Allein sie schliefen, schliefen, schliefen! Und schlafen fort, ich höre nicht Den Meißel klingen am Gesteine, Wo tausend Hände sind wie eine, Ich hör' es nicht!" „Und kann nicht ruh'n, ich sehe dann Zuvor den alten Krähn sich regen, Daß ich mein treues Richtmaß kann In eine treue Rechte legen! Wenn durch das Land ein Handschlag schallt, Wie einer alle Pulse klopfen, Ein Strom die Millionen Tropfen—" — Da rosig wallt Im Osten auf des Frühroths Fahne, Und, ein zerfloss'ner Nebelstrsif, Der Meister fährt empor am Krahne: — Mit Näderknarren und Gepkeif Beginnt dort Arbeit, Alles räumt Gebälk und Steine, um zu bauen — Er sieht den Dom im Rhein, dem blauen; Wie er geträumt, Sieht er den Wunderbau vollendet. Wie ein erhab'nes Himmelsthor; Jedwedes Auge blickt geblendet Zu seiner Wolkenhöh' empor. Dort oben glänzt des Kreuzes Blume — Verklärung spendet sie dem Stein, Sie scheint in Deutschlands Heiligthums Zu Köln am Rhein! *) Dieses Gedicht, schreibt Fr. v. Hohenhausen, welcher dasselbe im „Hannover'schen Kourier" veröffentlicht, übergab mir einst Deutschlands größte Dichterin, Annette Elisabeth v. Droste-Hülshosf, mit dem Auftrage, einen Schluß binzuzusügen und es drucken zu lassen, wenn der Schlußstein des Domes gelegt werde. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Hnltier.