Nr. 34. 1880. M „Angstmrger Postzeitung." Mittwoch, 27. Oktober Die Freude, sie schwindet, es dauert kein Leid; Die Fahre verrauschen im Strome der Zeit; Die Sonne wird sterben, die Erde vergehen: Doch Liebe inust ewig und ewig bestehen. , » v. Matthisson. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Der Morgen kam endlich — nach einer Nacht, in der Becker nicht einen Augenblick Schlaf gehabt. Der kleine Ernst bereitete leise und oft schluchzend das Frühstück, giitg dann zur Schule und der arme Blinde blieb wieder allein mit seiner Angst, seinen quälenden Vorstellungen und seiner Sorge um die unglückliche, geliebte Tochter. Still saß er in seinem Lehnstuhl und horchte auf jeden Schritt und Tritt, auf das kleinste Geräusch; er kannte den leisen Gang seines Kindes ja so genau; doch Hildegard kam nicht. — Und Niemand kam, der ihm Nachricht von ihr brachte! Am Abend der Verhaftung Hildegard's hatte Becker zu dein einzigen ihm treu gebliebenen Freunde, dem Maler Krelle, geschickt, um ihn von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Der Freund kam sofort, suchte den Armen zu trösten und sprach auch seinerseits die positive Ueberzeugung aus, daß Hildegard unfähig und unschuldig sei des ihr zur Last gelegten Verbrechens; sie werde zweifelsohne ibre Unschuld bald genug auch beweisen können und zu den Ihrigen dann zurückkehren. Krelle bot seine Dienste an, um die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollende!:, damit der arme Vater vor Noth geschützt sei bis Hildegard wiederkehre. Da endlich nahten sich Schritte, und es ward an die Thüre geklopft. „Herein!" rief der Blinde, all' seinen Muth zusammennehmend, doch mit bebender Stimme. Seilte lichtleeren Augen hingen an der Thür, als könnten sie den Eintretenden erkennen. „Ich bin es, Herr Becker, Consul Walter", sagte dieser. „Ich komme soeben von der Kunsthnlle und bin erstaunt, an Ihrer Tochter Bild einen Fremden arbeitend gefunden zu haben. Ich hatte die Absicht, noch Einiges mit Fräulein Becker in Betreff der Copie des „Murillo" zu besprechen, welche sie für mich anzufertigen bereit erklärt hat. „Meine Tochter — meine Tochter wollen Sie sprechen?!" rief der arme Vater, sich erhebend. „So wissen Sie nicht, Herr Consul . . . ." — Er konnte nicht weiter sprechen, der Unglückliche; laut schluchzend sank er in den Lehnstuhl zurück. Bestürzt eilte William auf den Maler zu, mit vor Schreck zitternder Stimme fragte er: „Was ist mit ihr? — Ist Ihre Tochter krank, sehr krank, vielleicht gefährlich?! — Sagen Sie es mir denn ich kann die Ungewißheit nicht ertragen!" Erstaunt richtete Becker den Kopf auf; dieser vornehme, fremde junge Mann fragte so leidenschaftlich erregt, so ängstlich nach seiner Hildegard .... — Was hatte er nur, was konnte ihn dazu bewegen? — Sein Gesicht wurde ernst und ziemlich kalt fragte er zurück: „Kannten Sie denn mein Kind näher?" „Ja und nein", erwiderte William, doch besorgt fügte er hinzu: „Sagen Sie mir, was mit ihr ist!" „Sie wurde gestern Abend verhaftet, eines Diebstahls — ich glaube eines Bildes — in der Kunsthalle beschuldigt; den „Murillo", den sie für Sie copiren sollte, soll sie gestohlen haben. ..." — „Unmöglich!" rief der junge Walter bestürzt. „O, unmöglich ist es durchaus nicht, daß der Verdacht zuerst ein armes junges Mädchen trifft, welches sich Tag um Tag abquält, um Brod für seinen Vater und seinen jungen Bruder zu verdienen! — Auf wen sonst als auf die Armen fällt zuerst der Verdacht eines Verbrechens?!" schloß der Blinde, mehr zu sich selbst als zu dem Besucher sprechend. „Sie, eine Diebin?!" rief William empört. „Nein, das kann Niemand glauben, der in dies reine, sanfte, duldende Antlitz je geblickt hat! — Lächerlich, einen Verdacht nur auf sie zu lenken! — Wer hat das gethan? — Wer hat Ihre Tochter beschuldigt?" Die mageren Hände des Blinden streckten sich nach der Richtung hin aus, wo der Consul stand, und mit nahezu wahnsinnigem Ausdruck fragte er: „Haben Sie noch nie von unschuldig Verurtheilten gehört? — Wenn man sie, wenn man meine Hildegard verurtheilen könnte, es wäre mein Tod!" Der Anblick des unglücklichen, verzweifelnden Mannes schnitt William in die Seele und erfüllte ihn mit höchstem Mitleid. Er ergriff die bleichen, kalten Hände und sagte freundlich: „Beruhigen Sie sich, Herr Becker, dazu kann es nicht kommen. Ich werde mich sogleich nach all' den näheren Umständen erkundigen und Ihnen hoffentlich gute Nachrichten bringen. Ich habe Ihre Tochter lange Zeit beobachtet; ihr stilles, sanftes Wesen, ihr Fleiß und die Würde, mit welcher sie ihr Leid trug, haben mein ganzes Interesse für sie rege gemacht, und ich werde deshalb auch jetzt für sie wirken, um sie Ihnen mit Gottes Hülfe bald wieder zuführen zu können. William Walter hielt Wort. Den besten, anerkannt tüchtigsten Vertheidiger engagirte er für Hildegard, kein Geld schonte er, um die Unschuld des unglücklichen jungen Mädchens zu erweisen; allein Wochen, ja Monate schließlich, vergingen erfolglos, Hildegard Becker ward nicht aus der Untersuchungshaft entlassen, und der „Murillo" war und blieb verschwunden. Endlich, nach beinahe vier langen Monaten, ward der Verhandlungstermin in der Sache vor dem Schwurgericht angesetzt. Es war dies ein Tag der Angst und bangen Sorge für alle Diejenigen, welche an dem jungen Mädchen Antheil nahmen. Es war ein rührendes Bild des Unglücks, als die todtbleiche Hildegard in stiller Resignation auf der Anklagebank saß. Ein mitleidiges Murmeln ging durch die versammelten Zuschauer. Leise, kaum vernehmbar beantwortete sie die von dem Präsidenten an sie gerichteten Fragen, dann saß sie wieder still, wie theilnahmslos da, ihre großen, traurigen Augen nur hingen fragend an den Lippen der Zeugen, welche wider sie aussagten. Wie in eiAem bösen Traume befangen hörte sie alle jene sich so verhangnißvoll für sie gestaltenden Umstände an, welche seitens der Anklage gegen sie vorgebracht und durch mehrere Zeugen bestätigt wurden. Der Castellnn der Galerie, Wesselmann, mußte eidlich aussagen, daß er das verschwundene Bild von „Murillo" noch um zehn Uhr in dem kleinen Zimmer gesehen, nachdem er im Vorübergehen einige Worte mit der dort arbeitenden Hildegard Becker gewechselt; er mußte zugeben, daß die Angeklagte heimlich, gegen die Vorschriften des Reglements und ohne die für einen Ausnahmefall vorgesehene besondere Erlaubniß des 267 Jnspectors Schramm wiederholt dort gearbeitet, daß sie sorgar ein Gewicht darauf gelegt habe, er — der Castellan — möge den Jnspcctor nichts von ihrer Anwesenheit dort wissen lassen, sobald diese in die Zeit vor elf Uhr Vormittags fiel. Dann ward der Jnspector selbst aufgerufen und sagte aus, wie er an dem fraglichen Tage, etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Galerie für das Publikum, die Angeklagte eilig und sichtlich ängstlich sich habe entfernen sehen, auch bemerkt habe, daß sie einen viereckigen Gegenstand unter ihrem Shawltuch verborgen. Dasselbe bezeugten auch die beiden Arbeiter, welche unter des Jnspectors Anleitung die in dem Placement der Bilder wünschenswerthe Veränderung vorgenommen hatten; kaum eine halbe Stunde nach der Eröffnung der Galerie und als die Angeklagte bereits wieder bei ihrer Arbeit gesessen, sei das Verschwinden des „Murillo" entdeckt worden, noch ehe einer der fremden Besucher sich entfernt gehabt. Hildegard's Vertheidiger nahin ein Kreuzverhör mit Jnspector Schramm vor und fragte ihn unter Andern:, ob er nicht am Tage vor dem Verschwinden des Bildes und der gegen Hildegard Becker durch ihn selbst erhobenen Anklage in der Wohnung derselben gewesen sei und was ihn dahin geführt habe. Sichtlich unangenehm über diese Frage überrascht, mußte nichtsdestoweniger der Jnspector zugeben, was- ihn dorthin geführt, zugeben, daß er sich bei Hildegard einen Korb geholt hatte. Der Vertheidiger blickte in Folge dessen mit deutlicher, sprechender Geberde auf die Geschworenen. Doch Jnspector Schramm rächte sich. Er fragte den Präsidenten, ob er, abgesehen von Beantwortung der durch Anklage und Vertheidigung an ihn gerichteten Fragen, noch eine Aussage machen dürfe, die wahrscheinlich ein neues Licht auf den Fall werfen würde. Auf die bejahende Antwort sagte er Folgendes: „Vor etwa vier Wochen wandte sich ein Engländer, dessen Namen ich nicht anzugeben weiß, mit der Frage an mich, ob der nunmehr verschwundene „Murillo" verkäuflich sei. Ich erklärte ihm, es könne davon gar nicht die Rede sein, verwies ihn im klebrigen, um den sehr Zudringlichen loszuwerden, an Herrn Senator Hochstäiten als leitenden Director unserer Sammlung. Sollte der Engländer sich an den Herrn Senator in dieser Angelegenheit ebenfalls gewendet haben, was ich bei der Ausdauer der Herren Engländer und bei ihrem Wahn, daß ihr Geld ihnen alle Wege ebnen müsse, kaum bezweifle, so würde Herr Senator Hochstättcn im Stande sein, diese meine Aussage aus welcher ich weitere Folgerungen nicht ziehen mag, zu bestätigen." Diese Deposition des Jnspectors machte einen peinlichen, unangenehmen Eindruck; indessen überwog sichtlich der Ekel vor dem Charakter des Mannes, der sich nicht entblödete, so offen Rache zu nehmen für den ihm ertheilten Korb, und es schien, als ob weder der Gerichtshof, noch der Staatsanwalt, noch die Geschworenen -und der Vertheidiger Werth legten auf den hämischen Schlußsatz. Der Vertheidiger unterließ jedoch nicht zu bemerken, daß eben dieser Schlußsatz einer Folgerung, also einer gehässigen Anklage, zu der der Zeuge auch nicht die mindeste Berechtigung habe, gleichkäme, und ersuchte den Präsidenten, dies auszusprechen, was auch geschah. Hildegard's Vertheidiger rccapitulirte alsdann die Verdachtsmomente, welche er mit ebenso viel Glück als durchaus unzutreffend, unstichhaltig und sehr gewagt, lediglich durch die Rache dictirt hinstellte, und denen er das offen wie ein Buch daliegende Vorleben der Angeklagten gegenüberhielt, welches auch nicht den leisesten Makel an ihr entdecken lasse. — „Im Gegentheil, meine Herren Geschworenen", sagte er, „Sie haben hier ein junges Mädchen vor sich, dessen ganze Vergangenheit, dessen aufopfernde Thätigkeit für seinen erblindeten Vater und seinen jungen Bruder reichlich für seinen sittlichen Werth spricht. Hildegard Becker ist in ihren: still-bescheidenen Wirkungskreise eine Heldin und unser Aller Bewunderung werth! — Man mußte hier einen Sündenbock haben, und Rache» Haß und Neid verbanden sich, ihn in dem schuldlosen Opfer der Verhältnisse zu suchen und zu finden!— Gott mag wissen, wer diesen Diebstahl verübt hat; Hildegard Becker hat ihn nicht verübt! — Davon bin ich, davon sind Sie, meine Herren Geschworenen, davon ist auch — ich glaube es sest — der hohe Gerichtshof überzeugt, und ich bitte Sie, die schuldlos Angeklagte kostenlos freizusprechen!" Und Hildegard ward freigesprochen — unter donnerndem Applaus des Publikums, einstimmig, trotz einer Replik des Staatsanwalts, der der Vertheidiger nur als Duplik erwiderte: „Ich habe dem bereits Gesagten nichts mehr hinzuzufügen!" Freigesprochen! - Wie beseligend klang dies Wort in Hildegard's Ohr! — Sie konnte zu ihren! Vater, ihrem Bruder zurückkehren und wieder, wie früher, für sie arbeiten. Das arme Kind ahnte nicht, daß trotz Alledem nun ein böser Makel an ihr haftete ; sie wußte nicht, was es heißt, als Angeklagte eines entehrenden Verbrechens vor den Schranken eines Schwurgcrichtshofes gestanden zu haben! — wußte nicht was es heißt, wegen ungenügender Beweiskraft freigesprochen zu sein! — Sie wußte auch nicht, daß jener böse Makel so lange an ihrem Namen haften werde, als der wirkliche Dieb nicht gefunden werden konnte. Der Sitzungssaal hatte sich geleert. Hildegard wurde von ihrem alten, treuen Lehrer, dem Maler Krelle, ihrem blinden Vater zurückgebracht. Es war ein Wiedersehen voll Freude und Thränen; auch William Walter kam noch an demselben Tage, um Hildegard zu ihrer Freisprechung zu gratuliren. Mit einfachen, innigen Worten dankte das gluthübergoffene Mädchen dem jungen Mann für Alles, was er für sie gethan. Einen Moment hielt William die Hand des schönen Mädchens in der seinen, sein Blick,voll Trauer und doch voll unermeßlicher Liebe ließ sie die Augen niederschlagen, während ihre Hand leise erzitterte. Gewaltsam kämpfte er seine Erregung nieder. „Den „Murillo" kann ich nun nicht für Sie copircn", sagte bitter lächelnd Hildegard; „überhaupt werde ich in der Galerie nicht mehr arbeiten können, denn ich glaube kaum, daß man es gestatten würde, wollte ich auch darum bitten." „So malen Sie mir irgend Etwas", erwiderte der junge Consul, „aus eigener Phantasie oder Idee! — Ich bin fest überzeugt, Ihr Talent wird Sie etwas recht Gutes, Ansprechendes schaffen lassen." William war nicht zu bewegen, die Summe wieder zurückzunehmen, welche er damals als Bestellgeld für die Copie des „Murillo" gezahlt hatte, so dringend Hildegard und ihr Vater ihn auch baten. Unberührt lag das Geld noch da; der arme Maler hielt sich ohnehin dem jungen Consul tief verschuldet für Alles, was dieser im Interesse seiner Tochter gethan hatte — und das war in der That auch nicht wenig gewesen. Die Senatorin Erkens, für welche Hildegard die „Tochter Tizian'S" gemalt hatte, verdoppelte die versprochene Summe, denn die Arbeit der jungen Künstlerin war in der That eine Meisterleistung geworden. Vor der ersten Noth war die Familie Becker nun geschützt. Sie hatte die enge Wohnung in dem obscuren Stadtviertel verlassen, denn es war Hildegard unmöglich, die hämischen Blicke und lieblosen Worte der Nachbarschaft, welche sie immer noch für die Diebin des „Murillo" hielt, länger zu ertragen. Die Senatorin Erkens hatte ihr ein kleines Atelier einrichten lassen in der neuen Wohnung; sie war offen Hildegard's Gön- nerin geblieben und hatte ihr versprochen, sie auf's Wärmste unter ihren Bekannten zu empfehlen. Hildegard arbeitete fleißig. Allein seit dieser Unglückszeit schien ein dunkler Schatten auf dem sonst so sanft-zufriedenen Mädchen zu liegen; sie war still, und ihre Unterhaltung mit dem Vater beschränkte sie auf das Nothwendige; stundenlang saß sie oft nachdenklich da, und obgleich ihre äußere Lage jetzt ungleich günstiger war, denn je zuvor, ward sie doch von Tag zu Tag bleicher. William Walter hatte Hildegard seit dem Tage ihrer Freisprechung nicht wieder- 269 gesehen; sie hatte immer auf seinen Besuch gehofft, allein vergeblich. Sie schalt sich eine Thörin, daß sie einen Augenblick nur geglaubt, mehr als gewöhnliches Mitleid habe ihn veranlaßt, so wie er gethan zu handeln. Und doch wieder sagte ihr das Herz, daß es mehr sei als Mitleid, was aus seinen Augen so oft zu ihr gesprochen; aber das berechtigte sie ja noch keineswegs, seligen, hoffnungsreichen Träumen sich hinzugeben, wie sie es trotzdem that — gegen ihren Willen that, und so folgte denn auf die kurze Zeit seligen Glücks und Liebeshoffens — bittere Enttäuschung; von William Walter hörte sie nichts, und er ließ sich auch nicht bei ihnen sehen. Nun begann Hildegard sich wieder Vorwürfe zu machen, daß sie der großen Kluft nicht gedacht, welche zwischen ihrer und des jungen Consuls socialer Stellung lag; sie eine arme Malerin, er der reiche Kaufmanns- und Hamburger Patriciersohn, was konnten sie gemein haben? — Und wenn er wirklich tiefer für sie empfunden, konnte sie es ihm verargen, wenn seine Vernunft endlich groß genug war, das Thörichte einer solchen Liebe einzusehen? Mußte sie ihm nicht im Gegentheil dankbar sein, daß er sie nicht mit Liebe verfolgte, da er ja doch kein ernstliches Band für's Leben mit ihr knüpfen konnte? Ein reizendes kleines Genrebild — „ein Pracht- und Cabinetstück", wie Freund Krelle enthusiastisch versicherte — hatte sie für William Walter in Arbeit, um ihre Schuld gegen ihn zu tilgen. Manche kleine Gemälde hatte sie vortheilhaft verkauft und damit jede Sorge aus dem kleinen Haushalt gebannt. Der arme blinde Vater schüttelte wohl oft den Kopf über die Veränderung, welche seit der Verhaftung, wie er glaubte, mit seinem Kinde vorgegangen war. Wenn er in sie drang zu vergessen, was nun einmal sich nicht ändern lasse, ihr sagte, wie sie doch von allen ihren Freunden unb Bekannten- noch ebenso geachtet sei, wie früher, ehe ein Verdacht auf sie gefallen; dann schmiegte Hildegard sich an den Vater und sagte ihm, daß sie ja ganz zufrieden und glücklich sei, und Becker sah nicht "die thränenumflorten Augen, welche ihre Worte Lügen straften. * * * Auch im Hause des alten Generalkonsul Walter war Manches anders geworden. — Der noch vor wenigen Monaten so rüstige Greis war sichtlich zusammengesunken, und eine nervöse, auch in seinen Zügen erkennbare Unruhe beherrschte ihn. Die „Frau Consulin" hatte Vieles von ihrer so wohleonservirten Frische und von ihrer bisherigen guten Aussehen vorloren, und das strenge Gesicht war noch kälter, gemessener geworden, peinlicher noch als früher beobachtete sie die große Sorgfalt auf alles Aeußerliche. Auch William war vorwiegend ernst und nachdenklich; nur Eugenie Delahaye war — wie sie immer gewesen — auch jetzt noch das sorglose, glücklich launenhafte Wesen. Die seit beinahe einem Jahrhundert bestehende Firma „W. Walter äk Sohn" war in ihren Grundvesten erschüttert; Schlag auf Schlag waren die Hiobsbotschaften eingetroffen, und Häuser, welche bis dahin unzweifelhaft sicher gestanden hatten, waren in den Sturz anderer mit hinein gerissen worden. Von Tag zu Tag düsterer und drohender gestaltete sich der Horizont der Handclswelt; der heute noch stolze, selbstbewußte Kaufherr konnte morgen, übermorgen zum Bettler geworden sein — durch den Fall Anderer. Es war eine commcrcielle Krisis hereingebrochen, wie selten, und der Herd derselben lag rüben, düber dem Ocean, in Amerika. Kein Freund traute fast mehr dem andern in der Handelswelt, der Credit war abgeschnitten, das Kapital hielt zurück, denn Jeder mußte selbst für alle Eventualitäten gewappnet sein. — Anfänglich waren es nur unbedeutende Verluste gewesen, welche das Haus „W. Walter L Sohn" getroffen hatten, doch immer häufiger sich wiederholend und immer empfindlicher wurden sie, und endlich stand auch das alte, solide Haus vor einer drohenden Krisis. Schweigsam saßeir, Vater und Sohn im Zimmer des Ersteren sich gegenüber. Der Telegraph hatte eben wieder den für diese schwere Zeit zehnfach empfindlichen Verlust 270 einer bedeutenden überseeischen Forderung gemeldet. Gebeugt schwer athmend saß der alte Herr in seinem Lehnstuhl. Auch für ihn mußte, wenn der düstere Horizont sich nicht bald aufhellte, der Todesstoß des reellen Kaufmannes — die Insolvenz — in kürzester Frist da sein. Und Rettung sah er nirgends; das einzige Mittel, welches ihm Hülfe bringen konnte, durste er «icht ergreifen, denn es wäre ja identisch gewesen mit der Vernichtung des Lebensglücks seines Sohnes, seines einzigen Kindes. ^ Engenicn'S Vater hatte mit ihm viel verloren, doch lagen die Verhältnisse drüben ! anders, als hier. Der Generalconsul wußte, daß Herr Delahaye allein im Stande war, ihn in dieser schweren Zeit zu halten; diese umfassende Hülfe war nur dann selbstverständlich und außer Zweifel, wenn William und Eugenik ein Paar wurden. Dieser Fall, von den beiden Vütern schon im Voraus in's Auge gefaßt, sollte des jungen ConsulS ! Uebersiedelung nach Amerika und die Uebernahme des Delahaye'schen Geschäftshauses ! dort zur Folge haben, da William' als dessen Erbe bestimmt war und dann in den Besitz einer der reichsten und bedeutendsten Firmen Südamerika's kam. (Fortsetzung folgt.) > Daö Schulwesen in Bayern zur sogenannten guten, alten Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von Dr. xkil Franz Beda Stubenvoll. (Schluß.) Die Alumnen, welche des Aufwartens (Ministrantendienst) wegen einige Bestallung haben, sollen in der Schule, Kirche und auf der Gasse ein gutes Exempel geben; ihre Musik und Nesponsoria fleißig lernen, und je Einer bei der Provisur mit auf's Land ' gehen, in der Stadt aber alle zusammen und dort auferbaulich vor dein Krankenhause i absingen. Auch sollen sie wöchentlich zweimal den Schulherren frische Ruthen einliefern. Zur Christenlehre sollen die Schullehrcr ihre Kinder paarweise zur Kirche führen; welche Kinder ausbleiben, müssen jedesmal einen Groschen Strafe zahlen. Die Lehrer wurden größtentheils alle Jahre wieder frisch „gedingt" oder entlassen; manchmal auch nur ein Viertel- oder Halbjahr zur Probe angenommen. So sagt ein. Stadtordnungsbuch vom Jahre 1581: „Dieweilen Von einem erbahren rat Und burger- schafft Und ihren vorclteren fast alle geistlichen stüfftungen herkhommen Und kürchen Und schueldiener Underhalten Werden; so haben sie auch daß recht, bemeldte bedienste auff > Und Anzuwerben oder zne entlassen." . . Die Schulrektoren waren meist graduirte Magister. 1554 hatte ein Schulrcltor ! 70 fl., 1574 der unterste Lehrer 52 fl. Jahresbesoldung, an Holz und Streu 2 fl., i davon er seine und des Kantors Schule heizen solle u. s. f. Anno 1586 heißt es ! in unsrer Chronik über die Verrichtung eines neuen Lehrers für die unterste Klasse: „so lange man täglich das frühambt bey der kürchen hält, soll er die Hauptstuck christlicher lehr durchnemben; ant michatag gehen die drey olaaso« in die predig, da wechselt er wöchentlich mit dem Onntor ab, ebenso an der freytagspredig in der fasten, sowie ^ undcr dene suntagsprcdigen im winter. am sambstag, suntag Und pfinsttag solle er dcne vespsris anwohnen; auch möge er da die jezige teutsche schuel eingehn, dene khinder, so ! es begehren, teutsch lernen." - tz, Die sogenannten „armen Schüler" erhielten sich in vielen Gegenden bis in unser I Jahrhundert herein wenigstens dem Namen nach. Anfangs waren sie Diener der Kirche, > indem sie als Ministranten, als Singknaben, Laternen-, Kreuz- und Fahnenträger fun- ! giren'mußten, wofür sie ein kleines Jahrgeld, bei Leichenbegängnissen Bier und Brod, ^ bei Hochzeiten Trinkgelder erhielten. In der Charwoche führten sie die ganze Schul- ^ fugend durch die Stadt mit „Ratschen und Hampeln", um unter Gelärm und Geschrei das erste und zweite Zeichen zum Gottesdienste zu geben. Unter Tags besorgten sie in ^ derselben Woche das Äufzündcn der farbigen Kugeln am sogenannten hl. Grabe und ! fangen hie und da ein Klagelied dabei; dafür sammelten sie sich als „Wächter des heil. 271 Grabes" bei Bürgers- und Bauersleuten am Charsamstage Ostereier. Später wurden sie bloße Singknaben auf dein Chor, wurden aber ihres geringen Singeifers wegen häufig durch Mädchen ersetzt. , Der Gebrauch, daß an den deutschen Schulen die Schüler der oberen Klasse durch den „Rektor" in der lateinischen Sprache unterrichtet wurden, erhielt sich bis in das ! gegenwärtige Jahrhundert herein. Bis zum Jahre 1825 wurde an den bayerischen p Städteschulen theilweise darauf gesehen, daß der zeitliche Rektor eine derartige Bildung j besaß, daß er Knaben, die sich später dem Studium zu widmen gedachten, in den An- ! fangsgründen der lateinischen Sprache unterrichten konnte. Auch die Schuldisziplin war bei Beginn unseres Jahrhunderts noch eine sehr schwankende und hing lediglich von der Fähigkeit, dem Pflichteifer und der Liebe des einzelnen Lehrers zu seinem Amte ab. Ein ! positiver Schulzwang war noch nicht vorhanden; daher wurde von vernachlässigten Kindern der Schulbesuch entweder ganz unterlassen oder war so mangelhaft, daß sie es nicht einmal zum Lesen oder Schreiben brachten; von einem höheren Unterrichte war ohnehin nicht die Rede, wenn wir wissen, daß nach dem Lehrplane der Jesuiten selbst an den Gymnasien und Mittelschulen ein Unterricht in der Geschichte erst seit dem Jahre 1725 ertheilt, in der Mathematik lange Zeit bloß die Elemente der Arithmetik gelehrt wurden, physikalische Versuche und Unterricht in der Welt- oder Sternkunde gar erst seit 1754 sich finden. Daß in den „deutschen" Schulen die deutsche Sprache wenig gepflegt wurde, wissen wir bereits; die deutsche Sprache hatte sich noch nicht zur Würde einer Büchersprache gebildet und erhoben. Erst dann, als durch Opitz, Kaniz die deutsche Sprache emporkam und Gellert, Hagedorn, Kleist und Klopstock Meisterwerke in deutscher Sprache schrieben, fingen auch die Jesuiten an, in ihren Mittelschulen die deutsche Sprache nach ^ Regeln zu lehren und ihre Schüler in deutschen prosaischen Aufsätzen und deutscher Dichtkunst zu üben. Erst 1717 schrieb der Jesuit und Professor der Logik in Jngolstadt, k Fränklin, seine „Anfangsgründe der deutschen Sprache"; ein Gleiches that der Jesuit Weitenauer. Wie die alte verjährte Unterrichtsmethode, so erhielten sich auch verschiedene alte Gewohnheiten des 15. und 16. Jahrhunderts bis in das gegenwärtige Jahrhundert herein. So, um nur einige namhaft zu machen, das sogenannte Eselreiten, das Hinaussitzen auf den Schandplatz, wobei dein Sträflinge lange Eselsohren aus Papier aufgesetzt wurden, das Ohrenzausen, das Beuteln an den Haaren u. s. w. Bei Beginn der Fastnachts- fcicrtage fand das sogenannte Auspeitschen statt; es wurde nämlich eine Bank vor die Schulzimmerthüre gestellt, durch welche jeder Schüler einzeln kriechen mußte, wobei ihm der Lehrer mit einem Stückchen einige Hiebe gab. Jeder Schüler zahlte dabei einen Auspeitschkreuzer. Indem an diesen und ähnlichen Mißbräuchen zähe festgehalten wurde, ist leider ein guter, für die Gesundheit der Schüler sehr vorlheilhafter Gebrauch der , der früheren Jahrhunderte verloren gegangen, der Gebrauch der sogenannten Schulbäder. ! Das Baden war im Mittelalter allgemeine Sitte wie Schröpfen und Aderlaß, j und war bei der in den Wohnungen herrschenden Unreinlichkeit zur Gesundheit sehr noth- - > wendig. In den Städten wurden eigene Badestuben errichtet, in welchey die Geschlechter ! getrennt badeten, und wo Zugleich geschröpft und zur Ader gelassen wurde. Man badete 1 gewöhnlich des Sonnabends. Eine Hochzeit wurde nicht gefeiert, bevor nicht Braut nnd i Bräutigam und alle Hochzeitgäste gebadet hatten. Alle Sonnabende zogen die Lehrlinge w der Bader mit klingenden Becken durch die Straßen, um zum Baden aufzufordern. ! Selbst das kleinste Städtchen hatte seine zwei bis drei Badestuben. Während die erwachsenen Personen am Sonnabend in die Badestuben gingen, um sich zu reinigen, wurden für die Schulkinder allenthalben am Donnerstag Nachmittags die Vadestuben bereit gehalten; doch verlor sich diese lobenswerthe Sitte schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts. (Südd. Pr.) j l Mi seelle l (Der Richter und die Fliege.) Ein Ungar ließ sich bei einem Bäcker einen i Schweinsschinken backen; der Letztere schnitt jedoch ein großes Stück davon herunter, s Als der erste dies bemerkte, verlangte er, daß der Bäcker ihm den Schaden ersetzen müsse, ^ widrigenfalls er ihn verklagen werde. Dieser lief schnell zum Richter und machte ihm sehr schöne und große Bretzeln zum Präsent. Der Ungar klagte und wurde mit dem > Beklagten zusammen vorgeladen. Der Bäcker entschuldigte sich und sagte, die Fliegen ! hätten das Loch in den Braten gefressen. Da gab der Richter den Bescheid und be- : deutete dem Ungar: „Haben es die Fliegen gethan, so habt ihr mit dem Bäcker nichts weiter zu schaffen; rächt Euch an den Fliegen und schlagt sie todt, wo Ihr sie nur iminer findet." Da sah der eben ab- und zur Ruhe verwiesene Ungdr eine Fliege auf dem Angesichts des Richters sitzen. Ohne alle Umstände schlug er diesen mit der Faust auf ! die Nase, daß das Blut herausspritzte und rief: ,/Iei'oinoU tu! is sich da eine Fliege." , (Beim theoretischen Examen fragte der Oberst einen Soldaten: „ Was hast i Du zu thun, mein Sohn, wenn Du als Schildwache vor einer Wache stehest, und es 1 kommt ein Stabsoffizier?" — „Dann ruf' ich heraus" erwiderte der Gefragte. „Ganz ) richtig, mein Sohn," sagte der Oberst. „Was thust Du, wenn sich ein Haufe Besoffener der Wache mit großem Lärm nähert?" — „Dann ruf' ich heraus," erwiderte der Soldat. „Aber weßhalb?" fragte der Oberst weiter. Das wußte der Soldat nicht mehr, aber er wußte, daß er vor einem Stabsoffizier herausrufen mußte, und antwortete deßhalb rasch: „Ja es könnten ein Paar Stabsoffiziere darunter sein." Ein listiger junger Mensch hatte von Jemand eine Summe Geldes entlehnt, und in dem Wechsel die Rückzahlung auf acht Tage nach dem Feste des hl. Lucian gesetzt, i Der treuherzige Darleiher sah nach einigen Minuten im Kalender nach, fand aber darin e keinen Heiligen dieses Namens. Da jener in Güte nicht zahlen wollte, so kam die Sache l vor den Richter, welcher also entschied: „Da der Lneian, nach des Schuldners Versichern, i ein Heiliger ist, sein Tag aber im Kalender nicht besonders bezeichnet ist, so muß er j wohl unter allen Heiligen mitbegriffen sein, und ist daher Beklagter schuldig, acht Tage i nach diesem Feste Kapital, Zinsen und Kosten bei Vermeidung der Execution zu zahlen." i (Dem alten Dessauer) sLeopold von Dessau) brachte ein Adjutant einen schriftlichen Befehl wieder, der ihm von demselben ertheilt worden war, und den er trotz aller Mühe ^ nicht entziffern konnte. Der alte Dessauer sah lange sein Geschriebenes an, konnte es > aber ebenfalls nicht heraus bekommen und gab es endlich dem Adjutanten wieder, indem er sagte: „Schwerenoth, ich hab' das Ding nicht geschrieben, daß ich es lesen soll, sondern § Ihr." i Als kürzlich der Menageriebesitzcr S. bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ! ging und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterlehrling: „Das ist Nichts, aber ! wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, würde er sich wohl hüten, hineinzugehen." BirchstabettreSus. L Auflösung der Original-Charade in Nr. 31: Maulschelle. Für die Redaktion verantwortlich : Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von Dr. M. Hnttler. 1