zur „Äugslmrger Postzcitimg." Nr. 35. Samstag, 30. Oktober 1880. Treu, wie die Tugend, hält der Frevel sein Versprechen; Was Leidenschaft gesä't, gedeiht nur im Verbrechen; Und aus Verbrechen reist die inn're Sklaverei. Tiedge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Auch William kannte sehr wohl dieses Mittel der Rettung und wußte, daß es das einzige war, das zu ergreifen ihn indessen Niemand zwingen konnte noch wollte. Ein schwerer Kampf hatte schon lange in seinem Innern getobt; er liebte Hildegard noch immer, mehr vielleicht denn je, da ihr Besitz ihm jetzt unerreichbar erschien. Er hatte sie seit dem Tage der gerichtlichen Entscheidung nicht wiedergesehen, sie vergessen wollen; je näher indessen die Stunde der Entscheidung kam, desto mehr fühlte er, wie namenlos unglücklich er werden mußte, wenn er um die Ruhe seiner Eltern und der Ehre seines Hauses willen seine Liebe zu Hildegard opferte und Eugenie zu seiner Gattin machte — Eugenie, die er nicht liebte, kaum achten konnte, wenigstens so nicht, wie der Gatte die Gattin achten soll. Und würde überhaupt Eugenie ihn zum Gemahl haben wollen, ihn, der seither stets so streng, so kalt gegen sie aufgetreten war? — Ein fester, durch die Verhältnisse dringend gebotener Entschluß schien jetzt in ihm zur Reife gekommen; er konnte nicht länger die Qualen seines Vaters mit ansehen, mußte der Mutter, die im großen Ganzen das Mißgeschick der Firma noch nicht kannte, den furchtbaren Schlag, den grenzenlosen Kummer ersparen. Konnte er so herzlos sein, die Rettung Aller um eines Traumes willen von sich zu stoßen? >— Nein und abermals nein! — — „Vater", sagte er gepreßt und die hohe Stirn mit Schweißperlen bedeckt, „ich weiß, daß es nur ein Mittel gibt, uns schnell und sicher aus allen Verlegenheiten zu ziehen; es ist das meine Verbindung mit Eugenie Delahape ... — Nun wohl, Vater, ich will um ihre Hand werbe» i ch werde sogleich zu ihr gehen. Ob sie meine Werbung, ob sie meine Hand annehmen wird — ich weiß es nicht; allein ich will thun, was ich jetzt für meine Pflicht halte, um unseres Namens willen." — „William, ich danke Dir!" rief überglücklich der alte Herr. „Geh' zu Eugenie; sie liebt Dich — glaub' es mir — und wird Dich nicht abweisen!" Schnell verlies; William das Cabinet des Vaters, um die schöne Creolin aufzusuchen. Draußen meldete ihm ein Diener, daß für den Herrn Vice-Consul ein Bild soeben gebracht worden sei und auf seinem Zimmer liege. Dorthin ging William zunächst. Es war Hildcgard's eigens für ihn gemaltes Bild, das ihm, auf einem Fautcuil stehend, gleich beim Eintreten in's Auge fiel. — Gerade in diesem Augenblicke mußte ihm diese Erinnerung werden! — gerade jetzt, nachdem er mit Mühe nur und unter Aufbietung all' seiner moralischen Kraft endlich den muthigen, seine Eltern rettenden, 274 — seine eigene Zukunft, sein Glück vernichtenden Entschluß gefaßt! — Lange ruhten seine Augen auf der genialen, kunstvollen Arbeit. Ja, Hildegard war eine wahre, eine gott- begnadete Künstlerin geworden, das sah er in dieser Originalarbcit, ihrer eigensten Conception. Und gerade in dem Augenblick, wo er die höchste Bewunderung für sie empfand, muhte er ihr — der Heißgeliebten — entsagen für immer?! — — Tiefseufzend verließ er sein Zimmer. Noch heute mußte Alles im Klaren sein zwischen ihm und Eugcnie — er hatte es seinem Vater versprochen. Im Palmenhaus wußte er um diese Zeit die Creolin sicher zu finden, dorthin wandte er sich. Eugenie lag, ihrer Lieblingsgewohnheit gemäß, auch jetzt in der Hängematte und las in einem Buche. William erkannte am Einband, daß es Gorthe war. Er hatte bis dahin nicht gewußt, daß sie sich mit deutschen Classikern beschäftige, überhaupt in letzterer Zeit sich sehr wenig um ihr Thun und Treiben gekümmert. Das enganschließende blaue Seidenkleid verrieth die wundervollen Formen, unbeobachtet, wie sie sich glaubte, sahen die reizend kleinen, den Creolinnen eigenen Füße unter dem Saum des Kleides hervor. Es war ein wunderbar schönes Weib, und auch William mußte sich gestehen, daß ihre Erscheinung die vollendetste sei, die er je gesehen. — Ein absichtliches Geräusch, das der junge Mann machte, ließ die Creolin langsam ihre Augen vom Buche erheben. Leichte Nöthe färbte ihr mattweißes Gesicht, und die dunklen Augen ruhten fragend auf dem Eingetretenen. „Sie lesen unsere Dichter, Eugcnie?" — Er trat etwas näher; der Ton seiner Frage hatte die Befangenheit erkennen lassen, die ihn für den Augenblick beherrschte, „Ja", entgegnete sie, „und ich finde sie gar nicht so langweilig, als ich erst geglaubt. Doch was führt Sie zu mir, William?" Sie sprach ernst — weit ernster, als gewöhnlich, das stereotype spöttische Lächeln war aus dem reizenden Gesichtchen gänzlich verschwunden. William ward zuversichtlicher durch ihr ihm neues Benehmen, um so mehr, als er gefürchtet hatte, von dein herzlosen Eeschöpfchen höhnisch verlacht zu werden. Er hatte sie noch nie so ruhig sprechen gehört. „Eugenie, wollen Sie mir einige Augenblicke Gehör schenken?" fragte er ruhig und jetzt ganz wieder Herr seiner Empfindungen. Mit anmuthiger Handbewegung lud sie ihn ein, an ihrer Seite auf einem bequemen Rohrsessel Platz zu nehmen. „Ich weiß nicht, Eugenie, ob Ihnen bekannt ist", begann William, „daß Ihr Herr Vater und meine Eltern seit langer Zeit schon den Wunsch hegen, uns Beide zu verbinden?" — Ein flüchtiges Noth glitt über die Züge der Creolin. Mit dem Spitzenbesatz ihres Kleides spielend, nickte sie langsam mit dem Kopf, ohne die Augen dem Fragenden zuzuwenden. Dieser fuhr befangen fort; er hatte geglaubt, daß sie seine Mittheilung ganz anders anfnehmen würde. „Ich muß ganz offen sprechen, Eugenie; darf ich das auch, auf die Gefahr hin, daß Sie in meiner Mittheilung etwas Sie Verletzendes finden sollten?" Ein Schatten flog über Ihr Gesicht, allein nur für eines Augenblicks Dauer: dann entgegnete sie mit leicht zitternder Stimme: „Ich bitte dringend darum." „Jeder andere Mann, Eugenie, würde überglücklich sein, Sie zu besitzen, würde sie lieben als sein theuerstes Kleinod, doch ich liebe ein armes, anspruchloses Mädchen — liebte dieses, ehe ich Sie kennen lernte, Eugenie! —- — Sie verdienen die Liebe eines Mannes »»getheilt zu besitzen; ich kann Ihnen mein Herz nicht bieten mit meiner Hand . . . ." — Die feinen Finger der Creolin zerrten leidenschaftlich an den kostbaren Spitzen, ihr Busen wogte, ein Blick glühender Leidenschaft streifte den jungen Mann — doch ihr Mund blieb stumm, sie hatte sich schon beherrscht, und ein leichtes Neigen ihres Kopfes lud ihn ein fortzufahren. 275 Unendlich schwer ward es William Walter, den Stolz des — wie er sah — bereits beleidigten Weibes noch weiter zu verletzen, noch tiefer zu kränken; doch mußte er einmal offen sein, so wollte er es auch im ganzen Umfange sein. Er wollte nicht in ihren wie in seinen eigenen Augen als ein gewissenloser Schurke dastehen, keine Täuschung zwischen sich und ihr bestehen lassen, sie sollte und mußte Alles wissen, was in ihm vorging; wollte sie dann noch und so wie es war sein Weib werden, nun wohl, dann hatte er wenigstens seine Schuldigkeit gethan, hatte sich keine Vorwürfe zu machen. Ihr Liebe zu heucheln, das wäre er bei seinem geraden, ehrlichen Charakter nie im Stande gewesen; mochte lieber Alles zu Grunde gehen, mochten Ruinen rings ihn umgeben — nur vor seinem eigenen Gewissen mußte er rein, makellos, ein Ehrenmann dastehen. , „Ich kann Ihnen das Bittere meiner Worte nicht ersparen, Eugenie, die Notli- wendigkeit drängt mich dazu mit übermächtiger Gemalt. Wäre dem nicht so — ich hätte geschwiegen. — Unsere Verbindung ist der einzige Rettungsweg, um unser Haus vor dem drohenden Sturze zu bewahren. Ihr Vater hat zwar unter der herrschenden ungeheuern Calamität auch Verluste gehabt, doch sie sind Nichts im Vergleich zu den unserigen, die wir in engster, fast ausschließlicher Verbindung mit Nordamerika stehen, was bei Ihrem Hause keineswegs der Fall ist. Wir wollen und können von Herr Delahaye Hülfe nur dann verlangen, wenn unsere Interessen Eins sind. — Eugenie, ich biete Ihnen meine Hand, wenn sie mit der Rücksicht zufrieden sind, die jeder Ehrenmann seiner Gattin schuldet. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten." — — Eine kleine Pause entstand. William bebte; hätte das junge Mädchen ihn mit Zorn und Entrüstung abgewiesen, es wäre ihm willkommen gewesen, aber der still-schmerzliche Zug in ihrem Gesicht that ihm weh. Sie war augenscheinlich nicht mehr das muth- willige Mädchen von früher, sie war ein fühlendes Weib geworden, dessen natürlicher, legitimer Stolz in empfindlichster Weise verletzt war. Groß und ernst sah sie in William's erwartungsvolle Züge. „Ich danke Ihnen, William, für Ihre Offenheit", sagte sie. „Sie sind edel, sind. ein ganzer Mann und ein Ehrenmann und sollen sich nicht in mir täuschen. Doch muß ich mir Bedenkzeit erbitten — einige Wochen nur, dann sollen Sie von mir eine ebenso offene Antwort haben." Er erfaßte die feine Hand und drückte einen Kuß darauf — voller Ehrfurcht, wie er es noch nie gethan. Er hätte nicht ein feinfühlender Mann sein müssen, wie er es war, um nicht zu wissen, wie tief er das Weib in ihr verletzt, wie edel, wie hochgesinnt sie jetzt ihm gegenüber handelte. — Zwei Monate etwa waren vergangen. Der Frühling war eben im Beginn, als eines Nachmittags bei herrlichem Wetter vor der Villa Waller in Pöseldorf ein Wagen hielt, aus welchem ein alter, noch rüstiger Herr stieg; ein schwarzer Diener in Livrs begleitete ihn. Es war Herr Delahaye, Eugenie's Vater, den sie durch ein Telegramm herüber- gerufen hatte. — Nach den ersten freudigen Begrüßungen seitens der alten Freunde zogen sich Vater und Tochter zurück. Lange blieben die Beiden unsichtbar. Dann erschien der schwarze Diener und ersuchte Herrn William Walter, zu Eugenie's Vater zu kommen. Mit pochendem Herzen trat der Vice-Consul in das Zimmer der schönen Creolin; die Entscheidung mußte ja nun kommen. William hatte sich in der letzten Zeit fast mit dem Gedanken versöhnt, Eugenie zur Frau zu nehmen — oder von ihr zum Manne genommen zu werden: sie erschien ihm jetzt noch weniger herzlos als früher, und wenn er auch das häusliche Glück nicht erwarten zu können glaubte, welches Hilgegard ihm gewährt haben, würde, so hoffte er doch an Eugenien's Seite ein friedlich-ruhiges Zusammenleben zu finden, doch hielt er es andererseits kaum für möglich, daß sie ihn nach dem zwischen ihnen Vorgegangenen setzt noch nehmen, ihn als ihren Gatten noch begehrenswerth finden würde. In schwarze Spitzen gehüllt, welche das schöne Gesicht mit den glänzenden dunkeln Augen noch weit schöner scheinen üeßen, lag Eugcnie graciös in einem Schaukelstuhl. Sie erröthete, als William's Augen fragend auf sie gerichtet waren. „Mein Vater wird Ihnen die Antwort geben, welche ich Ihnen versprochen habe", sagte sie, etwas verlegen den Blick senkend. Herr Delahaye reichte William die Hand, und mit sichtlich bewegter Stimme sagte er in reinem, nur wenig den fremden Accent verrathen lassenden Deutsch: „Mein Kind hat mir Ihre offene, ehrliche Handlungsweise erzählt, mein lieber Freund, und ich bedauere, daß es so ist, wie es ist, nun ich Sie kenne, um so mehr, beklage tief, daß mein langgehegter Wunsch, der zugleich auch derjenige Ihrer lieben Eltern ist, nicht in Erfüllung gehen kann. Allein unsere geschäftlichen Beziehungen sollen dadurch nicht gelockert werden. Eugcnie hat mir ihren Entschluß mitgetheilt; sie wird die Verbindung mit Ihnen eingehen, lieber Walter, doch nur in geschäftlicher Hinsicht; das bedeutende Erbtheil ihrer seligen Mutter steht ihr zur sofortigen freien Verfügung, und mit diesem in der Hand bittet sie um die Ehre, Ihr stiller Compagnon werden zu dürfen." „Aber, Herr Delahaye", stammelte William fast bestürzt, „Sie kennen, wie eS scheint, unsere wahre Lage nicht, die bedenklicher ist, als sie wohl annehmen mögen!" „Ich weiß, wie es augenblicklich in der commerciellcn Welt hier aussieht, ziemlich genau", erwiderte Eugenie's Vater; „doch ich bin auch überzeugt, daß das Capital, welches Ihr Compagnon dem alten reellen Geschäft zubringt, genügen wird, dasselbe Vollkommen sturmfrei zu halten." William war auf Eugenie zugetreten, und ihre Hand warm drückend, sagte er voll Innigkeit: „Wie wenig habe ich Ihren Edelmuth verdient, Eugenie, und wie tief beschämt mich Ihre Großmuth!" Ein Blick warmer, seelenvoller Liebe aus den Augen der schönen Creolin traf ihn, und er fühlte, daß er sich in ihr geirrt, daß sie doch ein liebendes Weib sein konnte, wenn er es nur der Mühe werth gehalten hätte, ihre Liebe sich zu gewinnen; doch nun war das ja zu spät, denn leise — nur ihm vernehmbar — sagte sie: „Werden Sie glücklich mit der, die Sie lieben!" William glaubte zu träumen; war denn dies sanfte, so edeldenkende und handelnde dasselbe eigensinnig-übermüthige Ding, das früher nur herben Spott für ihn gehabt? — Jetzt, wo er sie verschmähen mußte, sah er erst ein, daß doch ein edler Kern in ihr geschlummert, der eben nur geweckt sein wollte. Williams Eltern nahmen die Botschaft freudig auf, denn nun konnten sie wieder ruhig und sorgenlos in die Zukunft blicken. Sie trösteten sich darüber, daß Eugenie nicht ihre Tochter wurde, denn sie verstand es, ihnen klar zu machen, daß sie nicht in das nüchtern-kalte, nordische Klima und Leben hineinpasse, daß sie sich zurücksehne nach ihrer sonnigen, südlichen Heimath, es also» so am besten sei, da William nicht seine Eltern und sein Vaterland verlassen könne, um ihr zu folgen. Die kurze Zeit, welche Eugenie mit ihrem Vater noch im Walter'schen Hause blieb, hatte ein herzliches, freundschaftliches Verhältniß zwischen ihr und William hergestellt. Mit Bedauern sahen Alle das schöne Mädchen scheiden, und als beim Abschied ein Zug leidenschaftlichen Schmerzes auf dem lieblichen Gesicht der schönen Creolin lag, da erst ahnte William, daß er innig geliebt worden, wo er verschmäht hatte, (Schluß folgt.) Chile. "tbodcn bebte Unter den drei kriegführenden Republiken Peru, Bolivia und Chile h die Musik letztere bisher als die energischste und tapferste gezeigt. Ob Chile, wie seine'>cke der behaupten, den Krieg mit Absicht herbeiführte, oder ob Peru und Bolivia, dem n. sich aufstrebenden Chile neidisch und mißgünstig, auf ihre scheinbar größere Macht pochend den unseligen Streit begannen, mag dahingestellt sein. Jedenfalls haben sich die Verbündeten in ihrem Gegner bitter getäuscht. Während Chile 6240 Qu.-Meilcn Flächen- raum mit etwa 2,000,000 Einwohner (ohne Araucaner und die Colonisten in Pntagonien und im Feuerland) besitzt, hat Peru allein nach officieller Angabe 29)162 Qu.-M eilen Flächeninhalt und gab 1871 seine Einwohnerzahl auf 3,199,000 Seelen an, eine Ziffer, die jedoch sicher zu hoch gegriffen ist. Bolivia soll bei 40,000 Qu.-Meilcn Flächen- Jnhalt (hierunter allerdings sehr bedeutende Wüstenstrecken) höchstens 2,000,000 Einwohner zählen. Jedenfalls steht Chile den Verbündeten bedeutend an Größe und Einwohnerzahl nach; es ist aber thätiger, energischer und glücklicher, es machte weniger Revolutionen und strebte überhaupt danach, auf die Höhe europäischer Cultur sich zu erheben. Der Chilene, sagt Graf Ursel in seinem interessanten Buch über Südamerika, ist mit ganzer Seele Patriot. Er liebt sein Vaterland und zeigt bei jeder Gelegenheit, daß er stolz auf dasselbe ist. Mit Eifer macht er sich die Ideen der Civilisation und der Besserungen auf jedem Gebiete zu eigen, sobald er von der Zweckmäßigkeit derselben sich überzeugt hat. Er setzt eine Ehre darein, Kunst, Wissenschaft und Literatur zu lieben und zu hegen. Die Pflege dieser geistigen Gebiete wird immer allgemeiner, und man muß gestehen, daß der Chilene entschieden angelegt ist, Tüchtiges hierin zu leisten. Wie die Zeitungen jüngst meldeten, ist man selbst unter dem Lärm des mit erneuter Wuth tobenden Krieges damit beschäftigt, in Valparaiso eine bedeutende Ackerbau-Ausstellung in's Leben zu rufen. Chile hat, wenn man so will, zwei Hauptstädte, Valparaiso, die bedeutendste Hafenstadt an der ganzen Westküste Südamerika's, und Santiago oder Saut Jago (St. Jacob), der Sitz der Regierung der Republik. Valparaiso ist in weitem Bogen um die breite Meeresbucht herum in amphitheatralischer Lage, zwischen Meer und Gebirge, aufgebaut. Den prachtvollen Hintergrund bilden zwei Reihen Gebirge, die sich durch die ganze Längs des sehr schmalen Landes hineinziehen. Die Hintere unverhältnismäßig höhere Wand bilden die Cordilleren, und aus ihnen, deren mittler? Höhe 3900 Meter betrügt, erhebt sich der Vulcan Aconcagua, dem 6838 Meter Erhebung zugeschrieben werden. Valparaiso selbst ist eine hübsche Stadt, die eigentlich nur aus zwei, allerdings sehr langen Straßen besteht, in denen das gesainmte öffentliche Leben sich vereinigt. Mit der großen Vorstadt Almandral zählt Valparaiso an 86,000 Einwohner. Der Seehandel ist großartig, liegt aber hauptsächlich in den Händen der Deutschen, Engländer, Franzosen und Amerikaner. Die Mehrzahl der Frauen trägt in sehr graziöser Weise über Kopf und Schulter die Manta, ein schwarzes Gewebe, das die Stelle des Schleiers vertritt, und dessen die Valparaisinnen sich reizend zu bedienen wissen. Mit stolzer Granvezza trägt der berittene Landbewohner, wenn er zur Stadt kommt, sein malerisches Costume, Puncho genannt, zur ^Schau. Eigenthümlich ist die Ausübung des Sicherheitsdienstes bei Nacht. Die Polizei bedient sich nämlich kleiner Pfeifen, womit sie, um etwaige Diebe zu erschrecken und zu verjagen, fortwährend sich gegenseitig Zeichen gibt. Der Lärm, welcher hierdurch entsteht, trägt gerade nicht dazu bei, die Nachtruhe ungestörter zu machen. Von Valparaiso geht eine Eisenbahn in fünf Stunden nach der eigentlichen Hauptstadt Sant Jago. Während die erste Strecke an hübschen Dörfern, weiten Getreidefeldern, Weinbergen und Weideplätzen vorbeiführt, betritt die Bahn später ein ödes, unfruchtbares Gebirgsterrain und steigt zu einer ziemlich bedeutenden Höhe hinan, von der man die Cordilleren vor Augen hat. Am Fuße derselben breitet sich eine weite, große Ebene aus, welche fast alle Erzeugnisse des Ackerbaues hervorbringt. Die Natur ist so schön, so majestätisch und reich, daß man fortwährend versucht ist, üppige Schil- 278 Izu entwerfen von den Reizen des hochmalerischen Panorama's. Unten ein Augeven die gewaltige Kette der Anden (CordilleraS de los Andes heißt sie der Ein- Svne, Cordillerasketten), eine fortlaufende Reihe hochragender Bergkuppen und Vulcane .^n 5000 bis 6000 Meter bildend, deren Gipfel sich in die Wolken verlieren. Hier und da ragt eine Spitze über das Wolkenmeer hinaus, und wunderbar erglänzt dann der Schnee auf derselben, beleuchtet durch die Strahlen der Sonne in herrlichen, rosigen Farbentönen, welche je nach der Stunde des Tages wechseln. Die Bahn steigt nun nach Saut Jago hinab, das aber immer noch 600 Meter über dem Meere liegt. Dieser seiner hohen Lage, sowie der Nähe kolossaler Gletscher in den Kordilleren, verdankt die Hauptstadt ein in der Regel gesundes Klima. Den Pocken freilich sielen 1876 unter 150,000 Einwohnern nicht weniger als 8000 zum Opfer. Die niedern Klassen, welche am meisten darunter leiden und zusammengepfercht in engen, schmutzigen, schlecht gelüfteten Räumen leben, sind kaum zum dritten Theile geimpft. Ein Gesetz, welches den Impfzwang einführte, wäre hier am Platze, vorausgesetzt, daß nicht die Gegner des Impfzwanges Recht haben. Dein Freiheitsgefühle der Chilenen dürfte ein solches Gesetz kaum peinlich sein, nachdem die Republik ein Decret erlassen hat, wonach es der Polizeibehörde anheimgestellt ist, vorkommenden Falles zur Verschärfung der Gefängnißstrafe die Ba- stonnade anzuwenden. Es ist das eine Verordnung, die sich vielleicht nicht ganz mit dem demokratischen Bewußtsein des Republikaners verträgt, jedenfalls aber bei uns in Deutschland gegenwärtig bei Richter und Polizei viel Shinpathieen finden dürfte. Der Anblick der Vorstädte, durch welche die Bahn führt, ist durchaus nicht einladend. Sobald man sich jedoch dem Mittelpunkt der Stadt nähert, verschwindet der weniger gute Eindruck sofort. Breite, schöne Straßen, große Plätze,. elegante Läden, schöne Gebäude, belebte Boulevards und allüberall ein buntes Wogen und Treiben. Des Fremden Neugierde und Interesse wird sofort durch den St. Lucia-Felscn angezogen und gefesselt. Mitten in der Stadt, die selbst in der Ebene am Fuße der Kordilleren liegt, erhebt sich dieser Berg, einen einzigen, großen, schönen Garten voller Abwechselung bildend. Man sollte glauben, eine riesige Nürnberger Spielschachtel habe sich entleert und ihre Schätze dort ausgebreitet. Befestigte Schlösser, sprudelnde Springbrunnen, lauschende Kiosks, schwebende Zugbrücken, zierliche Häuschen, ernste Eremitagen, steile Treppen, glänzende Weiher, kurz unter freiem Himmel ein ganzes Museum..von allen Arten dekorativer Kunst, umgeben mit öffentlichen Promenaden. Auf dieser Höhe befindet sich geradezu alles, was man nur suchen kann, ja selbst eins Kirche, eine Bibliothek, ein Restaurant und — eins Schwimmschule. Schon der Eingang, an dem man seine 25 Pfg. Eintrittgeld bezahlt, ist höchst originell. Der Empfänger sitzt nämlich in: Innern jener ersten Kutsche, welche die Spanier in das Land brachten. Ein breiter Weg, in Schlangenlinien angelegt, erlaubt die Auffahrt bis zur Höhe, von wo eine prächtige Ausschau auf das hochromantische Panorama sich darbietet. So herrlich Klima und Gegend aber auch sein mögen, ein Mischer Feind droht immer mit Verderben und Zerstörung, wenigstens mit Schrecken. Es war im Dezember eine große Zahl der Einwohnerschaft befand sich in der Kirche de la Campania, al- ganz urplötzlich ein Erdbeben sich bemerkbar machte. Die Kerzen sielen um und setzten die Dekorationen an den Wänden und auf den Altären in Brand. In wenigen Minuten stand alles in Flammen. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß daS Hauptportal der Kirche geschlossen war. Die entsetzte Menge eilte in jäher Flucht den schmalen Seitenrhnrcn zu, die nur zu bald vollständig von Menschen zugepfropft waren; so verbrannten mehr als 2000 Personen hilflos zugleich mit der Kirche. An der Stelle, wo sich das furchtbare Drama abspielte, erhebt sich heute ein Monument, überragt von einer Bronzcstatue, welche die Hände flehend zum Himmel ausstreckt, als wollte sie um Erbarmen bitten für die unglücklichen Opfer. 1875 fehlte nicht viel zu einem Unglücke ähnlicher Art. Ein solenner Ball wurde in dem großen Saale des Theaters abgehalten, als plötzlich das Nerven erschütternde Geräusch eines Erdbebens sich bemerkbar machte. 279 Die Kronenleuchter begannen mit der Decke zu schwanken, und der Parguetbodcn bebte und zitterte unter den Füßen der Tanzenden. Laute SchreckenSrufe erschollen, die Musik schwieg, Freude und Heiterkeit auf den Gesichtern verschwanden, um dem Ausdrucke der entsetzlichsten Angst Raum zu geben. Die ganze Menge der Anwesenden wälzt sich der einzigen Thüre zu. In diesem verhängnißvollen Augenblicke stürzt ein Herr mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart allen Andern voran zur Thüre, schlägt sie zu, verriegelt sie und wehrt Jedermann den Ausgang. Da keine neue Erschütterung mehr folgte, so beruhigten sich die Gemüther, und, Dank der südlichen Leichtlebigkeit, tanzte man bis zum Morgen weiter. Sobald ein Erdbeben sich bemerkbar macht, eilt Alles aus den Häusern heraus. Trifft es sich, daß die unheimlichen Naturkrüste gerade zur Nachtzeit entfesselt werden, dann bietet sich ein höchst pittorekes Schauspiel dar. Die ganze Bevölkerung läuft im Nachtcostume hinaus; man schreit, gestikulirt, und die Mehrzahl liegt auf den Knieen, den Himmel mit Bitten bestürmend, die drohende Gefahr abwenden zu wollen. Man sollte denken, diese so häufigen Mahnungen drohender GesahG würden wenigstens ihren Einfluß auf die Bauart der Häuser geltend machen. Aber auch das nicht. Die Construction der Gebäude ist mehr elegant als solide. Das wohlhabende Stadtviertel besteht fast nur aus Gcbäulichkeiten, zu deren architektonischem Schmucke Unsummen verschwendet worden. Ein Bewohner desselben hat sich bei der Errichtung feines Palais alle erdenkliche Mühe gegeben, dasselbe ganz genau der Alhambra in Granada nachzubilden. Diese Copirung erstreckt sich auf die Mauern, auf die Decken, selbst bis zu den Löwen am Springbrunnen zu. Chile hat es verstanden, seit Abschüttelung der spanischen Herrschaft sich fast vollständig von innern Stürmen und Revolutionen, die in den übrigen Republiken an der Tagesordnung sind, freizuhalten. Seit mehr als vierzig Jahren folgen sich die alle sechs Jahre neuzuwählenden Präsidenten, ohne blutige Bürgerkriege hervorzurufen. Ob dieser Zustand, dessen Früchte sich in Chile auf vortheilhafte und in sichtlicher Weise den andern Republiken gegenüber zeigen, auf die Dauer Stand halten wird, läßt sich allerdings bezweifeln. Schon bei den letzten Wahlen tauchte eine neue politische Gruppe aus, die sich Socialisten nennt und an Boden Zu gewinnen scheint. An der Spitze dieser Partei — wenn man die Leute so bezeichnen darf — steht ein gewisser Vicuna-Makenna, ein Mann von unbestreitbaren Anlagen. Die Haupthelden gehören dem Advocatenstande an, sie sind jung, ehrgeizig, heftig und — ohne Clienten. Sie suchen eben in der Politik und durch die Politik Stellung und Vermögen zu erwerben. Ihr Bestreben geht daraus aus, das Voll für ihre Ideen zu gewinnen, und sie benutzen seine politische Unerfahren- - heit und Unreife zum Kampfe gegen die Bourgeosie, welche in Chile durchaus das conser- »ative Element vertritt. Das Hauptschlachtroß dieser Volksbeglücker, in denen man eine frappante Ähnlichkeit mit den gegenwärtigen französischen Wortführern finden dürste, ist der Feldzug gegen die Geistlichkeit, welche sich in Chile bedeutender Privilegien erfreut. Wenn jene Herren noch mehr Macht gewinnen, so konnte es gar leicht geschehen, daß Chile nach Beendigung des äußern Krieges den innern finden würde, der lamm l<„,uuittur — noch weniger Segen bringt als der auf blutigen Schlachtfeldern. (Kln. Volköztg.) HervsteSrauscher,. Einsam wal? ich und allein Alles fliehn und sterben will, Und im Herzen wird es still, Und das Ohr mag gerne lauschen, Wie das All verlassen trauert; Lang durchschancrt Sagt das Herz sich ahnungsccich: Menschenglück nnd Herbstesruuschen, Ach, wie seid ihr euch so gleich! »ernstlich öde, trübe Neige; Traurig rauscht es durch di —raurig rauscht es durch die Zweige, Dunkel hüllet Feld und Hain. yuuer Obi'-' uilv Vorn bewölkten Himmel droben Sendet spöttisch seinen Gruß Mir der Sturm mit tollem Toben, Welke Blätter tritt mein Fuß. (Aus: Paul Schönefeld's „Dichtungen." Stuttgart, Mehler.) 280 Miseellen. (Fechten.) Ein junger Mann, welcher unmittelbar von der Nadel zur Bühne übergehen wollte, meldete sich beim Direcror einer wanderden Gesellschaft. Dieser fragte, indem er sich nach seinen Fähigkeiten erkundigte, ihn unter Anderem auch, ob er fechten könne. Der junge Mann bejahte es. „Nun so lassen Sie doch sehen, wie Sie sich dazu anstellen." Der junge Mann öffnete ohne Weiteres die Thüre und, den Hut demüthig hinhaltend, sprach er in kläglichem Tone: „Ein armer reisender Handwerksbursch — bittet um einen Zehrpfcnnig." Doktor Swift, der bekanntlich sehr zerstreut war, wurde einst von einem hohen Herrn zum Diner gebeten. Er verspätete sich etwas und kam, als die Suppe schon gegessen war. Er erhielt einen Teller Suppe vorgesetzt, und als er die Hälfte gegessen hatte, stand er auf und, glaubend er sei bei sich zu Hause, sagte er zu der Gesellschaft: ^Jch muß wirklich tausendmal um Entschuldigung bitten, daß die Suppe so schlecht ist, aber meine Frau ist krank, und die Köchin versteht es nicht." Ein Landmann verklagte einen andern, daß er ihm seine Schaufel gestohlen habe» „Wie könnt ihr das beweisen?" fragte der Richter. „Durch das Zeugniß eines Mannes, der es gesehen hat," war die Antwort. — „Und was könnt Ihr darauf erwidern?" fragte der Richter den Andern. „Ich kann 20 Zeugen aufstellen, die es nicht gesehen haben," antwortete der Verklagte. „Ja so," erwiderte der scharfsinnige Richter, „20 Zeugen gelten mehr als einer: Ihr seid frei!" Ein erst kürzlich in Mainz angekommener Oestereicher ging Abends bei schönem Vollmondschein auf der Rheinbrücke spazieren. Einen anderen, ihm dort begegnenden Oesterreicher hielt er an, mit der Frage: „Se Herr Landsmann, können's mer nit sogen, ob das d' Sonn' oder der Mond is." — „Na schau'ns, dos könn i Ihnen a nit sog'n, ich bin a erst kurze Zeit hier. In einer Gesellschaft kam die Rede auf den russischen Krieg im Kaukasus. Einer auS der Gesellschaft, der wenig in der Geographie bewandert war, fragte, was denn der Kaukasus eigentlich sei. „Der Kaukasus," antwortete ein Witzling, „ist derjenige Casus, an dem die Russen schon lange zu kauen haben." Der böhmische Kutscher einer reisenden Herrschaft trat, als diese bei Tische saß, in den Speisesaal, um sich zu erkundigen, ob sie zur Abfahrt bereit sei, und meldete: „Euer Gnoden, Pferd meinige hoben's schon gefressen; wann Sie hoben's auch, kann me weiter fahren!" In der englischen Grafschaft Essex stand auf einem Wegweiser: Dieser Weg führt nach Colchester; wer indeß nicht lesen kann, thut besser, er bleibt auf der Landstraße. Original-Charade. * Der Ersten gibt es mancherlei Theils mit, theils ohne Bart Doch sind sie nicht behaart. Sie machen den Gefang'ncn frei Entrnthseln manche Schelmerei Und öffnen auch die StaatSkanzlci; Die Musik zählet ihrer drei. Je mehr dem letzten Glied Ihr an Substanz entzieht, Je großer man es werden sieht. Dagegen wird's durch Zusatz kleiner, Fragt nur den Zmimermauu, den Schreiner. Durch's Ganze, hat's auch keinen Mund, Ward ost schon ein Geheimniß kund, Trat Vorwitz mit ihm in den Bund. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr.