Nr. 36. 1880. zur „Äitgslmrger postMimg." Mittwoch, 3. November O Nachruhm, holder Goldkrauz, wie Mancher wünscht dich nicht, Und sezt an dich sein Alles, dem doch der Anker bricht! Du bist der Götter Spende, noch Keiner dich erzwäng, Du blühst als Wunderblume — nach Sonnenuntergang. L. Bechstein. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Schluß.) Obwohl nun frei, war William Walter doch nicht glücklich, denn von Hildegard trennte ihn eine Schranke, welche er wohl leicht beseitigen konnte, über die jedoch —> das wußte er — seine Eltern niemals hinweggehen würden. Hildegard's Armuth hätte sie schließlich nicht abgehalten, den einzigen Sohn glücklich zu machen, doch einen gänzlich makellosen Namen durften sie mit Recht von der erwählten Gattin William's fordern. — Der sonst so liebenswürdige junge Mann war jetzt finster und einsilbig. Seine Eltern waren befremdet über diese Veränderung und drangen vergebens in ihn, den Grund seiner Verstimmung ihnen mitzutheilen. „Wir wollen Dir gern ein Opfer bringen, William, wenn Du es verlangst", sagte eines Tages der alte Consul zu dem Sohne. „Du sprachst von einem armen Mädchen, das Du liebtest; hülst Du sie Deiner noch werth und ist diese Liebe in Dir nicht erkaltet, nun wohl, so wollen auch die Mutter und ich Deinem Glücke nicht länger entgegenstehen." William schüttelte den Kopf und erwiderte traurig: Sie ist würdig, die Frau des besten und vornehmsten Mannes zu werden, allein — was ihren Leumund betrifft, so hat das arme unglückliche Mädchen entsetzlich unter einem schändlichen, vollständig grundlosen Verdacht unschuldig leiden müssen; der Schein war gegen sie, und die heutige Welt ist ja nur zu geneigt, nach dem Schein zu urtheilen, und auch Du und die Mutter werdet — wenn ich Dir ihren Namen nenne — Euch vom allgemeinen Vornrtheil nicht freizumachen vermögen." „Sprich, William, erzähle mir von ihr", meinte der alte Consul; „wenn Du sie liebst, mein Sohn, dann kann ich nicht wohl glauben, daß sie Deiner Liebe unwerth sei." Und er erzählte von Hildegard Becker — wie er sie zuerst gesehen und dann kennen gelernt; dann von dem ungerechten Verdacht, den man auf die Arme geworfen, und dessen muthmaßlicher Quelle, ihrer Verhaftung, der langen Untersuchung und endlichen Freisprechung. Mit warmen Worten schilderte er das junge Mädchen, ihren Fleiß, ihre Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die stete Sorge um die Ihrigen/ »namentlich um ihren blinden Vater. Endlich sprach er auch in überwallendem Gefühl von ihrer hohen Schönheit und herrlichen Figur. Bedenklich schüttelte der alte Herr sein greises Haupt. Nach einer längeren Pause sagte er: „Suche sie zu vergessen, William! — Deine Freunde würden stets eingedenk sein. daß Deine Frau eines gemeinen, entehrenden Verbrechens angeklagt auf der Bank des Schwurgerichts gesessen hat, wenn sie auch unschuldig war; es ist das nun einmal der Lauf der Welt, mein Sohn. Du würdest durch passiven Widerstand ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft und wir mit — aus derselben Gesellschaft, in welcher Du jetzt den ersten Platz einnimmst. An bittern, verletzenden Reden und Commentaren hinter Deinem Nucken würde es auch nicht fehlen — und dergleichen stört ein Glück, wenn auch erst nach einiger Zeit und nachdem der erste Traum verflogen. ..." — „Könnte ich sie nur vergessen, Vater!" rief William schmerzlich; „aber das bleiche Antlitz mit den sanften- unschuldigen Augen verfolgt mich immerfort, wie sehr ich sie auch Zu meiden suche — ich kann sie nicht vergessen!" „Zerstreue Dich, mach' eine Reise, dann siehst Du andere Gegenden, andere Menschen, empfängst neue Eindrücke, und das wird Dir wohl thun, wird Dich vergessen machen." — Doch der junge Mann schüttelte ernst den Kopf. Hildegard's Bild hatte sich zu fest gesetzt in seinem Herzen, er hatte zu viel schon um sie gelitten, als daß eine Reise den Eindruck verwischen sollte, den sie auf ihn gemacht. Die Frau Senatorin Erken's, Hildegard's Gönnerin, gab eine große Gesellschaft. Die ersten Familien der großen Handelsstadt, die Aristokratie der Geburt und des Geldes und viele Fremde von Distinction versammelten sich in ihren Salons. Frau Senatorin Erkens war eine geistreiche, kunstsinnige, noch schöne Frau; sie konnte sich erlauben, was andere Mitglieder der exklusiven Hamburger Gesellschaft nicht wagten, was anderwärts nicht geduldet wurde, nämlich: nach den geltenden Begriffen nicht in diese Kreise Gehörende einzuladen und sie vollberechtigt nüt den klebrigen auf ihren Festen zu empfangen. Die Frau Senatorin hatte das Talent der jungen Malerin zufällig und zeitig erkannt und ihre Freunde auf Hildegard Becker aufmerksam gemacht, deren Bilder ihren Salon zierten. Sie wußte ihre Besucher auf die allgemeine Schönheit, die feine Behandlung, das vorzügliche Colorlt und die vollendete Technik in diesen Bildern aufmerksam zu machen. Die weltgewandte Dame wußte sehr wohl, wie förderlich eS Hildegard's Interessen und ihrem Rufe sein mußte, wenn diese eine gewisse Stellung in der „Gesellschaft" einnähme, und sie zögerte darum auch nicht, das junge Mädchen zu sich einzuladen, so oft sie mehrere Gäste empfing — besaß Hildegard doch den Freibrief der Kunst, der den Weg zu den Größten der Erde selbst zu bahnen vermag. In der glänzenden Gesellschaft, unter den schwerrauschenden Seidenroben der hoch- Müthig sie musternden Kaufmannsfrauen konnte Hildegard sich wohl kaun: heimisch fühlen, doch die Dame vom Hause verstand es auch hier wiederum, dem zwar sehr bescheiden, Loch mit sicherem Anstand auftretenden jungen Mädchen das Debüt in der großen Welt zu erleichtern. Sie kannte genau alle Diejenigen, welche im Stande waren, den Werth der Künstlerin und ihrer Werke zu beurtheilen, und ihnen stellte sie Hildegard mit besonders freundlichen empfehlenden Worten vor. „Mein liebes Fräulein", sagte sie an diesem Abende, „erlauben Sie, daß ich Sie init diesem Herrn noch bekannt mache: Herr Viee-Consul Walter — Fräulein Hildegard Becker, Malerin von Gottes Gnaden, ein junges, noch kaum gekanntes, doch großes und vielversprechendes Talent, mein lieber Consul." Die Senatorin wandte sich anderen Gästen zu und bemerkte es nicht, wie verwirrt die beiden soeben sich Vorgestellten einander gegenüberstanden. — Der unerwartete Blick Hildegard's hatte William Walter betroffen gemacht; er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, und sie wagte kaum, die ihrigen zu ihm zu erheben. Eine tiefe, brennende Nöthe hatte ihr feines, bleiches Gesicht überzogen; den sie Monate hindurch* nicht mehr gesehen, dessen Bild aber stets in ihren Gedanken gelebt — er stand jetzt vor ihr, und Beide wußten sie nicht Worte zu finden bei diesem so ganz ungeahnten Wiedersehen. Trunken hingen seine Augen an der schlanken, herrlichen Müdchengestalt, 283 beseligt sah er an ihren: Erröthen, ihrer großen Verwirrung, daß sie seiner nicht vergessen, daß sie an ihn, wie er an sie gedacht; mächtiger den je fühlte er, wie theuer ihm Hildegard sei, und dieser eine Moment des zufälligen Wiedersehens genügte, um in ihm den festen Entschluß erstehen zu lassen, daß er — komme was möge — alle Schranken zertrümmern wolle, die ihn von ihr schieden; sie allein mußte sein Weib werden — und das bald! -— Er, der sonst so gewandte Weltmann, konnte jetzt keine gleichgültigen Worte, keine konventionelle Phrase finden; mit leicht bebender Stimme sagte er: „Darf ich Sie meinen Eltern vorstellen, Fräulein Becker?" Leicht legte Hildegard ihre Hand auf den ehrerbietig ihr dargebotenen Arm William's. Erstaunt sahen dessen Eltern auf, als er mit der in Schönheit strahlenden jungen fremden Dame sich ihnen näherte. Mit einigen förmlichen Worten wandte sich die „Frau Con- sulin" nach erfolgter Vorstellung an Hildegard, die ihr ohne jede Verlegenheit, in gewählten Ausdrücken antwortete. Man sah und hörte ihr nicht an, daß sie zum ersten Mal in einer solchen Gesellschaft sich bewegte; sie besaß die wahre Herzensbildung, und das Bewußtsein ihres Werthes half ihr über die Klippe der Aengstlichkeit hinweg. Der Vater William's schien ein besonderes Interesse an der jungen Künstlerin zu nehmen; er ahnte, daß es Diejenige sei, von welcher William ihm gesprochen, und das sinnige Mädchen machte ersichtlich auf ihn den günstigsten Eindruck; er konnte sich jetzt recht wohl die Macht erklären, welche seinen Sohn an sie fesselte. William war immer ein Idealist gewesen, und daß dies Mädchen ihn zu fesseln vermochte, fand der alte Consul ganz dem Charakter seines Sohnes entsprechend. Gencralconsul Walter suchte die Dame von: Hause auf. „Darf ich, verehrte Frau, Sie um einige Augenblicke Gehör bitten — um eins Privataudicnz, wenn Sie wollen?" fragte der alte Herr, fein lächelnd, indem er sich vor Hildegard's Gönnern: tief verneigte. „Bitte, Herr Consul, kommen sie hier in dies Schmollwinkclchen, da können wir ganz ungestört plaudern", entgegnete in verbindlichster Weise die Senatorin, und führte William's Vater in den Raum, in welchem zwei Divan's standen und der von dem großen Saale durch eine schwere Porti re geschieden war. Dort nahm sie Platz und lud den alten Herrn ein, ihrem Beispiel zu folgen, neugierigen Blickes seine immer noch sein lächelnden Züge fixirend. „Die fremde junge Künstlerin", begann der Gencralconsul, „welche mein Sohn uns soeben vorgestellt hat, interessirt mich, und ich möchte von Ihnen gern Näheres über diese Dame hören, Frau Senatorin. Wie lernten Sie das junge Mädchen kennen?" — „Ah! mein Schützling gefällt auch Ihnen, Herr Consul?! — Ja, es ist ein herrliches Mädchen und ein wirkliches großes, ganz exceptionelles Talent. Sehen Sie dort jene entzückende Mondlandschaft? — Das ist ihre freie Composition. Dort eine andere Leistung von Fräulein Becker: Die meisterhafte Copie der „Tochter Tizian's." „Den Namen Becker, in Verbindung mit einer jungen Malerin, habe ich vor einiger Zeit in einer Gerichtsverhandlung gelesen, es handelte sich um einen Gemälde- Dicbstahl, glaube ich . . . ." — „Ach, das ist eine traurige Geschichte, mein lieber Herr Consul! — Bosheit und Rache haben das arme Mädchen in jenen schmählichen Verdacht gebracht; die Umstände waren allerdings auch recht verhängnißvoll für sie. Aber ich bitte Sie, bester Herr Consul, sehen Sie sich doch das Madonnen-Gesichtchen einmal recht aufmerksam an; könnten Sie Hildegard Becker eines gemeinen Verbrechens fähig glauben? — Sie wurde ja auch einstimmig von den Geschworenen freigesprochen; aber es ist diese Angelegenheit doch für das ganze Leben des armen Kinde.s verhängnißvoll geworden, denn Neid und Bosheit vermögen immerhin einen Makel an ihr zu erblicken, den der edle, vorurtheilsfreie Mensch nicht zu entdecken vermag. Vernünftige Leute werden das durchaus brave und ehren- werthe junge Mädchen nicht dafür verdammen, daß einmal ein ungerechter Verdacht aus dasselbe geworfen wurde." — Ziemlich lange noch sprachen die Beiden von Hildegard, dann bat der alte Consul die Senatorin, doch die Gelegenheit wahrzunehmen, um auch mit William's Mutter über das junge Mädchen zu sprechen. Während des ganzen Abends war der junge Konsul an Hildegard's Seite. Er hatte die Senatorin gebeten, jene zu Tisch führen zu dürfen, und lächelnd drohte die Dame des Hauses, ihn ermahnend, dem armen Mädchen nicht zu viel Schönes zu sagen. Als dann die Gesellschaft sich trennte, da fragte William leise die Malerin mit jenen: tiefen Blick voll Liebe, welcher sie so unendlich glücklich zu machen geeignet war: „Darf ich Sie morgen in Ihrem Atelier besuchen, Fräulein Hildegard?" — — Errathend flüsterte sie leise zustimmende Worte. William drückte ihr bewegt die Hand und verabschiedete sich kurz. Hildegard war es zu Muthe, als schwebe sie in seligen, berauschenden Träumen; es jubelte auf in ihr, denn nun wußte sie sich geliebt, wußte, daß er kommen wolle, nachdem sie monatelang getrennt gewesen und sie sich nach ihm ohne Unterlaß gesehnt. Er wollte kommen! — Dieser Gedanke beseligte sie unbeschreiblich und machte schnell all' das Leid der letzten Monate vergessen, um so mehr, als sie ihn in der That schon aufgegeben hatte als unerreichbar. — Am andern Vormittag ging Hildegard unruhig in ihrem kleinen Atelier umher, jeder nahende Schritt ließ ihr Herz heftiger schlagen. Und sie wartete diesmal nicht vergeblich uud auch nicht lange; William kam bald. Erregt, mit freudeglänzenden Augen ergriff er beide Hände des jungen Mädchens und sagte leise, bebend: „Hildegard!" — Er fühlte, wie sie erbebte. Da zog er sie — die nicht Widerstrebende — an sich, und ihr Gesicht zu ihm erhebend, seine Augen in die ihren versenkend, flüsterte er: „Hildegard — ich liebe Sie — schon lange, schon seit ich Sie zum ersten Mal gesehen! — Werden Sie mein Weib!" — — Ihre Augen voll Glück und Liebe sagten ihm, daß er nicht vergebens gebeten, daß auch er heiß und innig geliebt war. Leidenschaftlich preßte er sie an seine Brust, und in einem langen ersten Kuß ward der Bund dieser zwei edlen Herzen besiegelt. An William Walter trat nun zunächst die Pflicht heran, seine Eltern von seinem festen Entschluß, sich mit Hildegard zu vermählen, in Kenntniß zu setzen. Daß er bei seinem Vater leichtes Spiel haben werde, wußte er, bei der „Frau Consulin" dagegen fürchtete er auf energischen Widerstand zu stoßen. Den größten und beharrlichsten Widerstand jedoch fand er da, wo er ihn am wenigsten vermuthet hatte — bei Hildegard selbst. Nachdem bei ihr der erste Rausch des Glückes nüchterner Betrachtung gewichen, mußte das feinfühlende Mädchen sich sagen, daß sie noch unter dem Verdacht des bislang unaufgeklärten Diebstahls, wenn auch durch das Schwurgericht freigesprochen, stehend — nicht eher William's Gattin werden, ja nicht einmal sich als seine Verlobte betrachten könne, bevor nicht Licht, volles, klares Licht in dieser Angelegenheit geschaffen worden sei. Und diese Ansicht war ja im Princip auch die richtige. Aber wie sollte der Vorhang gelüftet werden von dem räthsclhaftcn Verschwinden jenes „Murillo?" Als William sie — noch an demselben Tage — wiedersah und ihr mittheilte, daß sein Vater gar keine Einwendung gegen ihre Verbindung erhoben, seine Mutter ihre Einwilligung nur davon abhängig gemacht habe, Hildegard erst näher kennen zu lernen, da sagte diese schmerzlich: „William, ich liebe Dich mehr als ich sagen kann, doch Deine Gattin kann ich nicht werden, ja nicht einmal als Deine Verlobte mich betrachten, so lange jener schwarze Fleck unverwischt in meinem Leben dasteht. Daß ich unschuldig bin, bedarf ja unter uns keiner Erörterung, allein wir sind nicht die Welt, und Du darfst nicht mit Deinem makellosen Namen einen befleckten verbinden. Gott möge geben, daß der wahre Sach- verhalt an den Tag komme; bis dahin kann ich Dir Nichts sein als — wenn Du willst — eine Freundin, eine Bekannte, die sich für zu gut hält, um sich auch nur den Anschein zu geben, als wolle sie Dich und Deinen reinen Namen als Schild und Schirm für ihren befleckten benutzen." Wie sehr auch William sich bemühte, diesen Entschluß Hildegard's wankend zu machen, gelang eS ihm nicht. Sie fand außerdem eine Stütze in ihrem ehrenhaften Vater sowohl wie in dessen Freund und Collegen Krelle. Ja, als die „Frau Consulin" durch William von Hildegard's Entscheidung Kunde erhielt, da klärte sich ihr strenges Gesicht auf und sie sagte: »Jetzt glaube ich auch an ihren ehrenwerthen Charakter und jetzt bin ich selbst fester von ihrer Unschuld überzeugt, als mich ihre Freisprechung hätte überzeugen können. Das Mädchen hat Recht und handelt brav!" Auch William mußte, wenn schon widerstrebend, die Nichtigkeit von Hildegarv's Entschließung anerkennen. Von diesem Augenblick an kannte er nur einen Zweck, ein Ziel, dessen Erreichung ihm über allen anderen Lebenszwecken stand; er mußte die Dieb- stahls- oder Verschwindungsgeschichte des „Murillo" aufklären. Doch wie? — das war die große Frage. In den Schwurgerichtsverhandlungen war davon die Rede gewesen, daß ein Engländer auf den Besitz des Bildes erpicht gewesen und erklärt habe, er werde für dasselbe jeden Preis zahlen. Es war schon öfter vorgekommen — unter Andern: in Spanien — daß Kunstschätze von hohem Werth aus ähnlicher Veranlassung abhanden gekommen waren. Sollte jener Engländer, von dem man ja nicht wußte, wer er war, zu unlauteren Mitteln seine Zuflucht genommen haben, um seinen Zweck zu erreichen? — Zu direkten Mitteln dieser Art wohl kaum; allein es war keineswegs ausgeschlossen, daß er am Ende indirect seinen Zweck erreicht haben mochte. Es konnte ja einer der subalternen Angestellten der Galerie von den: Wunsche und dem Erbieten des Engländers Kenntniß erlangt und beschlossen haben, auf eigene Faust das „Geschäft" zu machen. Dieser möglichen Spur zu folgen, mit aller Energie und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, nahm William Walter sich vor, und der Zufall begünstigte bald darauf seine Bemühungen. Eines Tages befand er sich an Bord eines im Hafen liegenden, nach Nordamerika bestimmten Dampfers, der Sourhampton anlaufen sollte. Er hatte mit den: Capitän wegen einer ansehnlichen, von der Firma „W. Walter L Sohn" verschifften Fracht noch Einiges zu besprechen und befand sich mit diesem in der „Rauch-Cabine" des großen Steamcrs. Ihre Geschäfte waren abgemacht, und die beiden befreundeten Herren saßen noch bei Kaffee, und Cigarre plaudernd zusammen, als ein soeben an Bord gekommener Passagier, ein Mann von etwa vierzig Jahren, eintrat, den der Capitän gleich einem alten Bekannten begrüßte und dem Viceconsul als Mr. Leveson aus Sheffield vorstellte. „Nun, Mr. Leveson", sagte der Capitän, endlich fahren Sie nun doch mit; sind lange hier in Hamburg gewesen." „Ja, Capital:", entgegnete der Engländer, „ich war nahezu ein halbes Jahr hier und hatte mir vorgenommen, nicht eher abzureisen, als bis ich meinen Zweck erreicht hätte — und den habe ich endlich erreicht." „Nun, das freut mich, Sir. — Darf man wissen, worin dieser Zweck bestand?" „O ja. Ich hatte ein Bild hier gesehen und wollte es kaufen, weil es mir ganz außerordentlich gefiel; man sagte mir aber, es sei nicht verkäuflich und wies alle meine Anerbietungen beharrlich Zurück. Ich hachte, daß ich mit Geld doch endlich reussiren müsse, und beschloß ruhig zu warten. Vor drei Tagen kommt ein Mensch nach meinem Hotel und bringt mir das wohlverpackte Bild mit den: Auftrag des Eigcnthümcrs, daß ich es für den zuletzt von mir offerirten Preis haben könne. Ich solle dem Ueberbringer den Betrag gegen dessen Quittung behändigen. Ich überzeugte mich, daß es das richtige 286 Bild sei, zahlte die Summe und machte mich reisefertig. Da bin ich nun, um mit Ihnen nach Southampton zu fahren, Capitän." „Und welches Bild ist es, Sir", fragte William, der kaum seine Bewegung be- meistern konnte, „das Sie so lebhaft interessirt und zu so langem Aufenthalt hier veranlaßt hat?" — „Ein ganz kleines Bild, Sir, ein Genrebild von Murillo, welches sich in der permanenten Abtheilung der Kunsthalle befand und von dein Besitzer der Ausstellung geliehen war." „Haben Sie es schon an Bord?" „O ja, ich habe es Niemandem anvertraut, habe es selbst mit hergebracht und in meiner Sabine eingeschlossen!" „Wenn lichten Sie die Anker, Capitän?" fragte der Viceconsul. Der Capitän sah nach dem Chronometer. „In anderthalb Stunden", sagte er, „beginnt die Ebbe, in etwa einer Stunde denke ich den Hafen zu verlassen." „Ich sehe Sie noch", bemerkte William aufstehend und sich artig verbeugend. „Ich habe nur einen kleinen Geschäftsgang in der Nähe hier zu besorgen." Schnell eilte er zur nächsten Polizeiwache. Dem bekannten Viceconsul und angesehenen Hamburger Bürger ward in seinem Verlangen sofort gewillfahrt. Ein Polizei- Jnspector und zwei Constabler begleiteten ihn ohne Aufschub nach dem Dampfschiff zurück, zugleich wurden der Staatsanwalt und der Director der Galerie durch Expresse Boten benachrichtigt. Die Beamten confiscirten den mit aller Bestimmtheit durch William recognoscirten „Murillo", den auch der bald darauf eintreffende Director zweifellos als das vor Monaten entwendete Bild erkannte. Auch Mr. Leveson aus Sheffield mußte sich einen Aufschub seiner Abreise auf Anordnung des Staatsanwalts gefallen lassen und diesen zum Bureau des Untersuchungsrichters begleiten. Dort beschrieb er Denjenigen, der ihm das Bild gebracht, so genau, daß der Director sofort in demselben einen Arbeiter der Galerie Namens Hillmanns erkannte. Dieser wurde verhaftet. An seiner Person fand man in englischen Banknoten noch die ganze von dem Engländer ihm ausgezahlte, ziemlich ansehnliche Summe. Die Untersuchung ergab, daß Hillmanns Mitschuldige nicht hatte; er hatte auf eigene Faust gehandelt. Eine neue Untersuchung ward eingeleitet. Dieselbe endete mit der Vcrurtheilung des Arbeiters Hillmanns zu einer bedeutenden Freiheitsstrafe, und es stellte sich ebenfalls heraus, daß Mr. Leveson vollständig in Unkenntniß gewesen von dein stattgehabten Diebstahl des „Murillo"; er hatte im guten Glauben gehandelt. Hillmanns hatte zufällig von dem Anerbieten des Engländsrs gehört und beschlossen, für seine Person daraus Nutzen zu ziehen; er entwendete das Bild unmittelbar, nachdem Hildegard an jenem Morgen vor Eröffnung der Galerie dieselbe verlassen, um dem Jnspcctor Schramm aus dem Wege zu gehen, und hielt es mehrere Monate verborgen, um jede Spur zu verwischen. Er bekannte, daß er es gewesen, der den ersten Verdacht auf die arme junge Malerin geworfen. Der Präsident des Gerichtshofes erklärte, nachdem der Urtheilsspruch gegen Hillmanns verkündet war, daß auch nicht ein Schatten von Verdacht, nicht der allergeringste Makel auf Hildegard Becker zurückbleibe, und die öffentliche Presse that das Ihre, um diese Nehabilitirung allgemein bekannt zu machen. Der alte Generalconsul sowohl wie auch die „Frau Consulin" willigten nun mit Freuden in die Verbindung ihres Sohnes mit Hildegard, und William führte seine junge Frau sogleich fort in die Ferne. Sie blieben ziemlich ein Jahr abwesend — in der Schweiz und im südlichen Frankreich. Als sie zurückkehrten, fanden sie ein reizendes und hochkostbares Hochzeitsgeschenk vor von William's stillem Compagnon — Eugenie Delahaye, die sich inzwischen ebenfalls in ihrem Vaterlands mit einem Gelehrten vermählt hatte, welcher ;ehr zufrieden war mit der Art und Weise, wie seine Frau ihr mütterliches Erbtheil angelegt hatte. Und er konnte es auch sein, denn die Verluste, welche die Firma „Walter L Sohn" seiner Zeit erlitten, waren nicht allein längst ausgeglichen und ersetzt, sondern das alte, solide Geschäft hatte sich mit Hülse des ansehnlichen Capitals seines jungen Socius — richtiger: „Socia" — zu nie geahntem Umfang emporgeschwungen, den es der jugendlich energischen Initiative Williams' und seiner genauen Kenntnis; der commerciellen Verhältnisse verdankte. Frau Hildegard Walter, deren Vater und Bruder bei ihr lebten — Letzterer trat bald in das Geschäft seines Schwagers ein, malt noch heute in einem reizend eingerichteten Atelier Bilder von vollendeter Schönheit, mit denen sie ihrem geliebten Gatten und gelegentlich auch Freunden des Hauses Geschenke macht. Eines der schönsten hat sie kürzlich an den stillen Compagnon der Firma nach Südamerika geschickt; es stellt die „Pinseldame" vor, wie sie im Kreise ihrer hübschen Kinder und neben ihrem William draußen in Pöseldorf auf der Alster im Segelboot an dem blumigen und buschigen Uferrande hinfährt. Wippchen beim volkswirthschaftlichen Congrcsfe. Bei dem Bankette, welches den Berliner volkswirthschaflichen Congreß schloß, erschien auch zur allgemeinen Freude Herr Julius Stettenhcim, um eine seiner köstlichen Wippchiaden zum Besten zu geben. Das neueste Kind seiner Laune führt den Titel: „Offener Brief des Herrn Wippchen an die Redaction der Berliner Wespen" und ist aus Bernau, dem berühmten Neste bei Berlin, dem festen Musensitze Wippchen's, datirt. Hier einige Proben aus dem offenen Briefe: Mit Vergnügen habe ich heute den Gummi Ihres freundlichen Briefes erbrochen und demselben die Aufforderung entnommen, mich nach Berlin zu begeben, um die Berichterstattung über den dort tagenden neunzehnten volkswirthschaftlichen Congreß zu übernehmen. Ich will Ihnen reinen Standpunkt einschänken und Ihnen ebenso stravi als manu erklären, daß ich nicht komme. Als ich Ihre Einladung las, war es mir, als ginge mir wie dem Schüler im „Faust" das, fünfte Mühlrad am Wagen herum; denn ich fragte mich: Was soll ich auf einem Congresse, der keine Geheimnisse hat, wie der von dem Manne der Blut- und Eisenzölle präsidirte Berliner Congreß, auf dem die Discrction so dicht war, daß kein Erisapfel zur Erde fallen konnte? Ein Congreß, über den ich berichten soll, muß verschwiegen sein wie ein frischgetünchter Siemens'scher Ofen. Da bin ich wie Cato in meinem esss clslsuckam; da muß ich Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, errathen und kann das Blaue vom Himmel herunter berichten. Aber ich wäre auch in dem andern Falle nicht der geeignete Mann gewesen, Sie mit einem Berichte zu versorgen. Denn ich bin — verzeihen Sie das harte Wort! — Schutzzöllner vom Scheitel bis zum Wirbel. Allerdings habe ich niemals wie Mosle dem Reichskanzler den Daumen gehalten, als sich bei dem leitenden Staatsmanne Männer wie Varnbüler, also die ersten W'n einstellten. Auch bin ich kein Schutzzöllner, der es eigensinnig von der Wiege bis zum Baare bleiben will. Indeß haben mich doch gewichtige Gründe veranlaßt, freiwillig gouvernemental den Anschluß auf die Gefahr hin zu suchen, dem Titel Commissionsrath zu verfallen." Wippchen erzählt sodann, wie er Kriegsberichterstatter wurde, wie ihn aber die Concurrenz der ausländischen Collegen „theils verdrängte, theils entwerthete." Er sagte sich, so könne es nicht länger bleiben. „Ich sah mich schon in die unterste Kirchenmaus eingeschätzt, und wer war dann eigentlich der Geschädigte? Der Staat, der gezwungen wurde, seinen Militärmoloch zu verringern und die Soldaten, die ihm noch blieben, in dreierlei Hungertuch zu kleiden. Die Folgen waren nicht abzusehen! Da erschien, ein ckeus aus stets heiterer maoliina, das neue Wirthschaftsprogramm des Fürsten Bismarck, und ich rief: Land! wie der Geis, der auf gerettetem Boote mit tausend Masten still in den Hafen dos Oceans treibt. Hier war mit der Zelt der Schutz für meine inländischen Berichte zu finden. Nach jahrelanger Unbill endlich Bill! — Wippchcn bildet sich sodann ein, erhielte auf dem Congreß eine Rede, und zwar als Erfinder einer Gattung von neuen Zündchölzchen, zu deren An- zündung man nichts weiter bedarf, als einer brennenden Kerze. Mit Entrüstung spricht sich der Schutzzöllner Wippchen gegen die Möglichkeit aus, daß ihm jeder beliebige Jvnkü- pinger, der der weder utan avatvöl noch ooli lWt'or an die Hölzer thue, Concurrenz machen könne. „Ja, ja, meine Herren" — so würde ich fortfahren — „ich kann in dem Freihandel nicht den alleinseligmachenden Schatz erblicken, und gehe sogar so weit, daß wir, wenn in Deutschland Eskimos hervorgebracht würden, Herrn Bodinus zwingen, falls er deren aus der Nordpolakei einführen will, sie entweder an der Grenze zu versteuern oder sie ihre Behringsstraße ziehen zu lassen. Nennen sie mich meinetwegen Eskimosle, meine Herren, ich kann mir nicht helfen — ich will lieber mit dem Reichskanzler irren (es irrt ja der Mensch, so lang er strebt), als ein Dorn (Trieft) in seinem Auge sein. Es gilt, die Fahne hochzuhalten, so hoch, daß die Kurtaxe ci'eutrepöt nicht zu ihr hinauf kamt. Nun, meine Herren, reißen Sie mich in einactige Stücke und lassen Sie sie in Ihrem Lichte darstellen, lassen Sie mich auf einer frei eingeführten Kuhhaut zum Richtplatte schleifen und mich dort mit unversteuerten glühenden Zangen zwicken, ich bin und bleibe ein Schutzmann der Zölle. M i s e e l l e rr. (Napoleon I. als Jäger.) So gut auch der erste Napoleon mit den Feuerwaffen in den Händen Anderer umzugehen verstand — er selbst war der schlechteste Schütze von der Welt. Dennoch ging er häufig auf die Jagd, nicht weil er selbst Vergnügen daran fand, sondern weil er sie als eine Zerstreuung betrachtete, die gleichzeitig seiner Gesundheit zuträglich war. Er galoppirte darauf los, während seine Jäger das Thier verfolgten. Eines Tages stellte der Hirsch die Hunde; nur wenige Jäger waren in der 'Nähe — weder der Kaiser, noch seine nächste Umgebung hatten der Jagd zu folgen vermocht. Schon waren mehrere Hunde durch den Hirsch kampfunfähig gemacht und die Jäger befanden sich in der größten Verlegenheit. Denn, tödteten sie das Wild, so war der Kaiser damit vielleicht nicht zufrieden; ließen sie noch mehr Hunde verenden, so setzten sie sich dem Zorne und der Strafe des Sberjägermeisters aus. „Wo mag der Kaiser sein?" fragte einer der Jäger. „Er ist fort," sagte ein Anderer, „ich sah ihn in der Richtung nach Fontainebleau galoppiren." Nun entschloß sich der älteste der Weidmänner den Hirsch abzufangen; kaum aber war dies geschehen, als man am Ende einer Allee eine Reitergruppe erblickte. „Wir sind verloren! Da kommt der Kaiser mit seinem Gefolge!" — „Bah!" rief der Alte. „Er versteht nichts davon, und wenn er auch. von manchen anderen Dingen mehr weiß, als ich, so will ich ihm hier doch etwas weißmachcn!" Mit diesen Worten hieß er Hand anlegen, und mittelst Stützen von Baum- zweigen brachte man den todten Hirsch, halb versteckt vom Gebüsch, wieder auf die Beine. Bellend umgaben die Hunde den Verendeten, und Napoleon erschien auf dem Platze. Er sprang vom Pferde, ergriff eine Büchse und schoß — den besten Hund von der Meute todt. „Sirc, der Hirsch ist todt!" meldete der Alte. „Das hatten Sie nicht nöthig, mir erst zu sagen!" erwiderte der Kaiser sehr zufrieden, bestieg sein Pferd und ritt nach Fontainebleau zurück. Der Doktor W. hatte eine sehr böse Frau. Als man ihn deßwegen beklagte, sagte ein Witzbold: „Es ist seine eig'ne Schuld, als Doktor und Botaniker hätte er ja auch ein so giftiges Kraut früher kennen müssen." Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 34: „Jnterdict." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler.