nter^aktungsökatt zur Nr. 37. „Angsburger pojheitimg. Samstag, 6. November Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen, Um Nahes zu finden, Und seine Hand greift nicht nach den Sternen, Uni Licht anzuzünden. 1880. Mirza Schassy. Aus der Jugendzeit Napoleon I. erzählt Guy von Maupassand im „Gaulois" folgende nicht veröffentlichte spannende Episode: „Drei Tage vor seinem Tode fügte Napoleon seinem Testamente ein Kodizill mit den folgenden Bestimmungen hinzu: „Ich vermache 20,000 Fr. dem Manne aus Bocognano, der mich einst aus den Händen der Mörder, welche mir nach dem Leben trachteten, befreite; 10,000 Fr. Herrn Vissavona, dem einzigen Mitgliede dieser Familie, welches zu meiner Partei gehört hat; 100,000 Fr. Herrn Jerome Levy; 100,000 Fr. Herrn Costanus Bastelica; 20,000 Fr. dem Abbä Neccho." In den letzten Stunden seines Lebens waren Erinnerungen aus früher Jugend im Geiste des sterbenden Kaisers aufgetaucht, welche nach vielen Jahren der gewaltigsten Erlebnisse und wunderlichsten Abenteuer noch einen so lebhaften Eindruck in ihm hinterlassen hatten, um ihn zu jenen letztwilligen Verfügungsn zu bestimmen. Diese Visionen aus ferner Vergangenheit veranlaßten Napoleon zu dem vorstehenden Vermächtniß zu Gunsten des Retters, dessen Name selbst seinem geschwächten Gedächtnisse entfallen war und der Freunde, die ihm im Augenblicks der Gefahr zu Hilfe gekommen waren. Ludwig XVI. war eben gestorben. Die Insel Corsika wurde damals von dem General Paoli, einem begeisterten, wild energischen Royalisten regiert, der die Revolution haßte, während Napoleon Bonaparte, damals als junger Artillerieoffizier auf Urlaub in Ajaccio, seinen und seiner Familie Einfluß zur Förderung der neuen Ideen anwandte. Der General Paoli hatte von der Republik Befehl erhalten, die Insel Madeleine zu besetzen und übertrug diese Mission dem Obersten Cesari, dem er jedoch, wie behauptet wird, heimlich befahl, den Angriff mißlingen zu lassen. Napoleon, welcher zum Oberstlieutenant in der Nationalgarde ernannt und zur Theilnahme an jener Expedition bestimmt worden war, tadelte nachher auf das Heftigste die Art, wie dieselbe geführt worden war und beschuldigte offen den Kommandanten derselben des Verraths. Es gab zu jener Zeit in dem halbwilden Lande noch keine Kaffeehäuser und so versammelten sich denn die Anhänger der Republik in einem Zimmer Napoleons, in welchem sie die Lage besprachen, Pläne schmiedeten und dazu Wein tranken und Feigen aßen. Kurz nach der fchlgeschlagenen Expedition trafen Kommissäre der Republik in Bastia ein, unter welchen sich Salicetti befand. Als Napoleon ihre Ankunft erfuhr, beschloß er sie aufzusuchen und ließ aus Bocognano seinen Vertrauensmann und treuesten Anhänger Santo Bonelli, genannt Riccio, kommen, um sich seiner als Führer zu bedienen. Sie reisten beide zu Pferde in der Richtung nach Eorte ab, wo sich der General Paoli aufhielt, bei welchem Bonaparte vorsprechen wollte. Es war ihm nämlich damals K die Theilnahme seines Chefs an dem gegen Frankreich gerichteten Komplott noch unbekannt und er vertheidigte denselben noch gegen die über seinen Verrath kursirenden Gerüchte. Obwohl das Verhältniß zwischen den Beiden sich schon ziemlich zugespitzt hatte, war der Bruch noch nicht erfolgt. Der junge Napoleon stieg im Hofe des von Paoli bewohnten Hauses vom Pferde und nachdem er das Thier der Obhut Santa Niccio's übergeben, wollte er sich sofort zum General verfügen. Von der ersten Persönlichkeit, welcher er auf der Stiege begegnete, erfuhr er, daß eben ein Rath der vornehmeren korsischen Führer, welche alle zu den Feinden der republikanischen Ideen zählten, beim General versammelt wäre. Ueber diese Mittheilung beunruhigt suchte er mehr zu erfahren, als zufällig einer der Verschworenen aus dem Versammlungslocale trat. Bonaparte ging diesem entgegen und frug ihn kurz: „Wie steht's?" Der Mann, der Napoleon für einen Verbündeten hielt, antwortete: „Es ist beschlossen. Wir werden sofort unsere Unabhängigkeit erklären und uns mit der Hilfe Englands von Frankreich losreißen." Hierüber empört verlor Napoleon die Selbstbeherrschung und rief, mit dem Fuße stampfend: „Das ist Verrath, das ist eine Infamie!" während in demselben Augenblicke auf den Lärm hin andere Verschworene auf dem Vorplatz erschienen, dieselben waren zufällig entfernte Verwandte der Familie Bonaparte und erkannten alsbald nur zu wohl die Gefahr, in in welche sich der junge Offizier gestürzt hatte, denn Paoli war ganz der Mann dazu, sich des Gegners für immer zu entledigen. Sie umringten daher rasch den Unvorsichtigen, drängten ihn die Treppe hinab, und zwangen ihn, sein Pferd schleunigst wieder zu besteigen. Er entfloh in Begleitung Santo Riccio's gegen Ajaccio zurück. Mit einbrechender Nacht kamen sie in dem Dorfe Arca de Vivario an, und übernachteten bei dem Pfarrer Arrighi, einem Verwandten Napoleons. Diesem Manne, der um seines Geistes und gesunden Urtheils willen in ganz Corsika geachtet war, erzählte der junge Bonaparte seine Erlebnisse und bat ihn um seinen Rath. Des andern Morgens mit dem Tagesgrauen machten sich die Flüchtigen wieder auf den Weg und erreichten, nachdem sie den ganzen Tag geritten, gegen Abend Bocognano. Hier trennte sich Napoleon von seinem Führer mit der Weisung, ihn am andern Morgen an dem Vereinigungspunkte der beiden Straßen mit den Pferden zu erwarten, und wandte sich nach dem Dorfe Pogiola, wo er in dem etwas entlegenen Hause seines Verwandten und Parteigenossen Felix Tusoli um gastfreundliche Aufnahme bat. Unterdessen war der General Paoli von dem Besuche des jungen Bonaparte in .Kenntniß gesetzt worden und hatte dessen heftige Worte nach der Entdeckung des Komplets erfahren. Sofort beauftragte er Mario Peraldi, Napoleon nachzusetzen und es am jeden Preis zu verhindern, daß dieser Ajaccio oder Bastia erreichen könnte. Mario Peraldi kam einige Stunden vor Napoleon nach Bocognano und begab sich zu der einflußreichen und dem General ergebenen Familie Morelli. Sie erfuhren bald, daß der junge Offizier im Dorfe angekommen war und die Nacht im Hause Tusoli's zubringen würde; der Chef des Hauses Morelli, ein fanatischer und gefährlicher Mann, versprach dem Abgesandten, der ihm die Befehle Paoli's überbracht hatte, daß Napoleon nicht entkommen sollte. Schon bei Tagesanbruch stellte er seine Leute auf und hielt olle Straßen und Ausgänge besetzt. Bonaparte trat in Begleitung seines Wirthes aus dem Hause, um Santo Niccio aufzusuchen; doch Tusoli, der nicht wohl war und den Kopf in ein Tuch gewickelt trug, verließ ihn gleich darauf. Kaum war der junge Offizier Mein, als sich ihm ein Mann näherte und ihn benachrichtigte, daß in einem nahen Wirthshaus« Parteigenossen des Generals versammelt seien, in der Absicht, sich gemeinschaftlich nach Corte zu begeben. Napoleon verfügte sich zu ihnen und fand sie Alle vereinigt. „Geht", sagte er ihnen, „geht, sucht Euren Chef auf, Euer Beginnen ist groß und edel." Im selben Augenblick stürmten jedoch die Morelli in's Haus, warfen sich ltuf ihn, machten ihn zum Gefangenen und schleppten ihn fort. Santo Niccio, der Napoleon am verabredeten Ort erwartete, erfuhr bald von dessen 291 Verhaftung; er lief zu einem Anhänger der Bonaparte, Namens Vissavona, den er füv fähig erachtete ihm zu helfen und dessen Wohnung nächst dem Hause Morelli lag, in welchem Napoleon gefangen gehalten wurde. Santo Niccio hatte den vollen Ernst der Situation erkannt. „ Wenn es uns nicht auf der Stelle gelingt, ihn zu retten, so ist er verloren", sagte er. „Vor Ablauf von zwei Stunden kann er todt sein. Vissavona verfügte sich nun zu den Morelli, versuchte geschickt sie auszuforschen und da sie von ihren wahren Absichten nichts verlauten ließen, vermochte er sie endlich durch Gewandtheit und Beredtsamkeit, zu gestatten, daß der junge Mann bei ihm ein wenig Nahrung zu sich nehmen-dürfe; sie möchten unterdeß sein Haus bewachen. Ohne Zweifel gaben sie nur in der Hoffnung nach, so ihre Pläne desto besser zn verbergen und ihr Chef, der Einzige, der den Willen des Generals kannte, übertrug ihnen die Bewachung Napoleons, um sich nach Hause zu begeben und seine Vorbereitungen zur Abreise zn treffen. Dadurch daß dieser Mann sich entfernte, wurde wenige Minuten später das Leben des Gefangenen gerettet. Unterdessen war Santo Riccio, der mit der den Korsen eigenen Hingebung eins wunderbare Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit verband, seinerseits für die Befreiung seines Gefährten thätig. Er verband sich mit zwei jungen Leuten, die ebenso muthig und zuverlässig wie er selbst waren, führte sie heimlich in einen an Vissavona.s Haus anstoßenden Garten, wo er sie hinter einer Mauer verbarg. Dann trat er ruhig vor die Morelli und bat um die Erlaubniß, sich von Napoleon verabschieden zu dürfen, da er fortgeführt werden sollte. Man willfahrte seiner Bitte. Nun verständigte er schleunig Napoleon und Vissavona von seinen Plänen und trieb zur Flucht, da der kleinste Aufschub höchst gefährlich werden konnte. Alle drei drangen bis zur Stallung vor und anf der Schwelle umarmte Vissavona seinen Gast und sagte mit Thränen im Auge: „Gott rette Euch, mein armes Kind, er allein vermag es!" Kletternd erreichten Napoleon und Santo Riccio die zwei hinter der Mauer verborgenen jungen Leute und sie flohen nun im Sturmlauf nach einem nahen zwischen Bäumen versteckten Brunnen. Aber sie mußten bei den Morelli vorüber, und diese wurden ihrer gewahr und stürzten mit Geschrei den Flüchtlingen nach. Der Chef der Morelli, der indessen seine Behausung erreicht hatte, hörte den Lärm und errieth sofort, was geschehen sein mochte. Er sprang auf und die Wildheit seines Ausdrucks hatte etwas so Erschreckendes, daß seine Frau, die mit den Tusoli, bei denen Bonaparte die Nacht zugebracht hatte, befreundet war, sich ihm zu Füßen warf, und ihn anflehte, das Leben des jungen Mannes zu schonen. Der Wüthende schleuderte sie von sich und wollte hinausstürzen, doch sie umfaßte noch immer, auf den Knieen liegend, krampfhaft seine Füße und umklammerte ihn derartig, daß es ihm nicht gelang sich frei zu machen. Er warf sie zu Boden, aber sie riß ihn mit sich nieder uud vergeblich suchte er sich loszuwinden. Ohne die Kraft und den Muth dieses Weibes war es um Napoleon geschehen und die Geschichte der Neuzeit nahm eine andere Wendung. Es wäre derselben erspart geblieben, eine endlose Reihe von glänzenden Siegen mit ihrem Griffel zu verzeichnen. Millionen Menschen wären nicht den Kanonen zum Opfer geworden! Die Karte Europa's wäre nicht die gleiche geblieben! Und wer kann wissen, unter welchem politischen Regime wir heute leben würden? Die Morelli erreichten die Flüchtlinge. Santo Riccio blieb unerschrocken; sich an den Stamm einer Kastanie lehnend, kehrte er sich gegen dw Angreifer und schrie den beiden jungen Leuten zu, Bonaparte mit sich fortzuschleppen. Dieser widersetzte sich und wollte seinen Führer nicht verlassen, aber Santo Niccio rief, während er gleichwohl die Feinde keinen Moment aus dem Auge ließ: „So tragt ihn doch fort, ihr Andern, ergreift ihn, bindet ihm Hände und Füße!" Aber schon waren sie umgeben und festgenommen und ein Anhänger der Morelli, Namens Onorato, setzte sein Gewehr Napoleon an die Schläfe, indem er ausrief: „Tod dem Verräther am Vaterlande!" In diesem Augenblicke rückte Bonapartes Gastfreund Felix Tusoli, umgeben von seinen wohl bewaffneten Verwandten, heran. Santo Riccio hatte ihn durch einen Boten benachrichtigen lassen. Tusoli übersah die Gefahr, und da er in dem Manne, der das Leben seines Gastes bedrohte, seinen Schwager erkannte, rief er ihm, das Gewehr auf ihn anlegend, zu: „Onorato, Onorato, so muß denn die Sache zwischen uns znm Austrag kommen!" Der Andere wurde verblüfft und zögerte zu schießen, während Santo Riccio die allgemeine Verwirrung benützte. Er überließ es den beiden Parteien sich zu schlagen oder sich Erklärungen zu geben, umfaßte mit Hilfe der jungen Leute den noch immer widerstrebenden Napoleon und zog ihn mit in's Dickicht fort. Erst eine Minute später hatte sich Morelli von seiner Frau freimachen können und erschien nun wuthschnaubend bei seinen Anhängern, aber die Flüchtlinge waren geborgen und zogen schon durch die Berge, die Schluchten und die Wälder. Als diese sich in Sicherheit befanden, sandte Santo Riccio die beiden jungen Leute mit dem Auftrag zurück, sich am nächsten Morgen mit den Pferden bei der Brücke von Ucciani einzufinden. Bevor sie sich trennten trat Napoleon an sie heran und sprach: „Ich kehre nach Frankreich zurück, wollt ihr mich begleiten? Welches Loos immer mich dort erwarten mag, Ihr sollt es mit wir theilen." Sie antworteten: „Unser Leben gehört Euch, unser Dorf wollen wir aber nicht verlassen." Die beiden treuen jungen Leute kehrten nach Bocognano zurück, um die Pferde zu holen, während Napoleon und Santo Riccio mühsam ihren Weg durch das wilde Gebirg fortsetzten. Sie hielten bei der Familie Mancini eine kurze Rast, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen und kamen Abends in Ucciani bei den Pozzoli an, die zu den Anhängern der Bonaparte zählten. Als Napoleon am nächsten Morgen erwachte, sah er das Haus von Bewaffneten umringt. Die ganze Schaar bestand aus Verwandten und Freunden der Familie, die alle bereit waren, ihr Leben zu seinem Schutz zu opfern. Die Pferde warteten bei der Brücke und die ganze Eskorte geleitete den Flüchtigen bis in die Nähe von Ajaccio. Als die Nacht eingebrochen war, drang Napoleon in die Stadt und verfügte sich zum Maire, Herrn Jean Jerome Lewy, der ihm einen Versteck in einem Wandschrank ausfindig machte. Diese Vorsicht erwies sich als nicht überflüssig, denn am nächsten Tag fand sich die Polizei ein. Sie durchsuchte jedoch vergebens das Haus und zog sich endlich durch die geschickt gespielte Entrüstung des Maire getäuscht zurück, der seine eifrigste Mitwirkung zur Habhaftwerdung des jungen Mannes zusicherte. An demselben Abend übersetzte Napoleon den Golf und wurde der Familie Costa von Bastelica übergeben, die ihn in den Wäldern verbarg. Die sensationelle Geschichte von einer Belagerung, die er im Thurme von Capitello auszuhalten gehabt hätte, beruht auf Erfindung. Einige Tage später wurde die Unabhängigkeit Korsika's erklärt, das Haus der Bonaparte niedergebrannt, die drei Schwestern Napoleon's wurden gefangen genommen und dem Abbs Reccho übergeben. Eine französische Fregatte, welche an der Küste kreuzte, um die wenigen Anhänger Frankreichs einzuholen, nahm Napoleon an Bord und brachte den verfolgten Parteigänger, der einst der große Kaiser werden und die Geschicke der Welt auf den Schlachtfeldern entscheiden sollte, nach dem Mutterlande zurück." Dieser „große Kaiser" hat, wie aus dem Vorstehenden zu ersehen ist, in den langen Jahren seiner Macht keine Zeit gefunden, sich der Leute zu erinnern, die ihn mit Gefahr ihres Lebens aus der Hand der Mörder gerettet hatten und erst die herannahende Todesstunde vermochte es, die Erinnerung an jene Schuld der Dankbarkeit heraufzubeschwören, und ihn zu bewegen, sich in später Reue durch armselige Legate mit derselben abzufinden. 293 Der Leichenrnaler. Farbenskizze von Heinrich Seidel. Nach langjähriger Abwesenheit war ich nach Berlin zurückgekehrt und schweifte eines Tages planlos durch die Straßen, vertieft in die wehmüthig heitre Beschäftigung, die Stätten vergangener Jugendfreuden wieder aufzusuchen. Dabei war ich allmälig in unbekannte Gegenden gelangt und hielt an, um mich zu orientiren. Der Name der Straße, in welcher ich mich befand, war mir nicht fremd, obgleich ich noch niemals dort gewesen war, und außerdem hatte ich eine dunkle Vorstellung, daß sich mit dieser Straße für mich etwas Besonderes verknüpfe. Ich zog mein Notizbuch hervor und richtig, dort stand eine Bemerkung: ...... Straße Nr. 84, der Leichenmaler." Kurz vor meiner Abreise nach Berlin hatte mein Freund Ringwald mir diese Adresse aufgegeben und mir auf die Seele gebunden, diesen Maler, welcher unter seinen Freunden diese sonderbare Bezeichnung führte, aufzusuchen, da er nut ihm besonders befreundet sei und dringend wünsche, auch unsere Bekanntschaft herbeizuführen. Ich fand das Haus bald. Es war ein zweistöckiges, langweiliges Gebäude, in dem nüchternen Stil errichtet, der zu Anfang dieses Jahrhunderts herrschte, und hob sich seltsam ab gegen die riesigen Miethskasernen mit Mansardendächern, welche die neue Zeit ringsum emporgetrieben hatte. Es war ganz einsam und todt in dieser abgelegenen Straße, kein Mensch ließ sich sehen, und das Einzige im ganzen Umkreis, das sich bewegte, -war in dem an dem alten Hause hängenden Schaukasten eines Zahnarztes zu sehen, nämlich ein Paar rothe Gummikiefer mit blendend weißen Zähnen, welche, durch ein verborgenes Uhrwerk getrieben, fortwährend auf und zu klappten und ewig an einem imaginären Etwas kauten. Ich trat in den geräumigen Thorweg und stieg eine mächtige alte Holztreppe mit gewundenem Geländer und tief ausgetretenen Stufen hinan. Ein muffiges, altes Haus; es roch darin nach aufgewärmten Kohl und Cichorienkaffee. Auf den oberen Stufen rührte sich was und ich fand dort ein altes, schlumpiges Weib, das, scheinbar ohne wesentliches Resultat, die Treppe scheuerte. Auf meine Frage nach dem Maler ward ich von ihr über den Hof in den Garten gewiesen. Auf dem Hofe war es lebendiger, denn ein Tischler, dessen Aushängeschild mit einem unendlich langen perspectivischen Sarg, in welchem man in einer Reihe hinter einander eine ganze Familie bequem hätte unterbringen können, draußen von mir bereits bemerkt war, hatte seine Werkstatt im Hinterhause aufgeschlagen, und seine Gesellen hobelten und nagelten in einem offenen Schuppen und sangen lustig zu ihrer Arbeit. Es roch dort nach frischem Holz und Firniß und in einem halbfertigen Sarge lag auf Hobelspänen ein kleines rosiges Kind und schlief, während seine Geschwister daneben sahen und mit Sargnägeln und alten Florfetzen spielten. Das Atelier befand sich in einem Gartenhause. Eine seltsame Beklommenheit hatte mich befallen und ich zögerte einen Augenblick, ehe ich den einfach mit dem Namen Martin gezeichneten Klingelzug ergriff, worauf das heisere Gebelfer einer gesprungenen Glocke mit so geflissentlicher Ausdauer ertönte, daß es offenbar war, sie suche den Mangel an Klang durch ihre emsige Beharrlichkeit und Arbeitsamkeit zu ersetzen. Der Maler öffnete mir selbst, und ich war enttäuscht über seine Erscheinung, es ivar nicht das geringste Ungewöhnliche in ihr. Eine schlanke, durchaus modern gekleidete Gestalt von nachlässiger Haltung, ein blasses Gesicht mit wenig Bart an Kinn und Lippen, etwas müde blickenden grauen Augen und kurzgehaltenem, emporstrebendem dunklen Haar, so stand er vor mir und fragte nach meinem Begehren. Als ich den Namen meines Freundes genannt hatte, ging ein freundlicher Schein über die Züge des Malers und er forderte mich auf, in seine Werkstatt zu treten. Gegenüber der Thür ragte mir der Rücken einer gewaltigen Leinwand entgegen. Martin deutete darauf hin und sprach, indem ein feiner Zug von schalkhafter Ironie in seinen Mundwinkeln lauerte: „Sie werden das Bild sehen, das ich soeben vollendet habe. Ich 294 störe Sie Anfangs nicht dabei, ich werde mir anderweitig zu thun machen. Vielleicht brauchen Sie einige Zeit, sich an dem dargestellten Gegenstand zu gewöhnen." Damit schritt er an einen Tisch, der, mit einer Anzahl von Gegenständen bedeckt, dicht an dem von unten halb verhängten Atelicrsenster stand und überließ mich meinem Schicksal. Ich darf wohl sagen, daß ich mit einem Gefühl ängstlicher Spannung an die die bezeichnete Leinwand trat und ich dankte dein Maler für seine Rücksicht, als es geschehen war, denn kaum konnte ich eine Aeußerung des Entsetzens zurüchhalten. Auf dem Bilde war, wie ich sofort erkannte, das Innere des Lcichenkellcrs der Berliner Anatomie dargestellt, jenes furchtbaren Ortes, wo die eingelieferten Körper für die Zwecke des Studiums aufbewahrt werden. Auf schrägen Pritschen hingestreckt, lagen die nackten Gestalten, aus dem ungewissen Dümmer in fahlem Scheine hervorleuchtend, Kinder, Greise und Jünglinge, wie sie ein grausames Schicksal an diesen furchtbaren Strand geworfen. Sie führten keinen Namen und keinen Stand mehr, sie waren wissenschaftliche Objecte und trugen nur noch eine Nummer, welche auf Papier geschrieben an eine Zehe gebunden war. J>.. Vordergründe lag ein Weib mit einem nassen Tuch bedeckt, das die Form des verhüllten Leibes hervortreten ließ; unheimlicher als all das nackte Elend wirkte dieser verdeckte Jammer. Entsetzen und Abscheu waren die Empfindungen, welche mir dieses Bild einflößte, nachdem ich in kürzester Frist die geschilderten Beobachtungen gemacht hatte. Aber zu meinem eigenen Erstaunen bemerkte ich, daß in geringer Zeit diese Eindrücke sich milderten und eine Art von Bewunderung sich einmischte, die durch die außerordentliche Kunst des Malers bei der Vorführung dieser furchtbaren Gegenstände hervorgerufen wurde. Es gibt eine Art der Darstellung, welche selbst das Entsetzliche, das Häßliche und Gemeine adelt, es giebt eine liebevolle Weise der Vertiefung in die Natur, welche auch über die verachtetsten Gegenstände einen Schimmer der Schönheit breitet, jener Schönheit, welche ein Abglanz der ewigen Wahrheit ist. Die armen Kinder des Todes, wie sie so starr und hüflos im bleichen Dämmerlichte ruhten, es war ein ergreifendes Bild von der Unzulänglichkeit alles Menschlichen. „Nun seien Sie aufrichtig", sagte Martin plötzlich, „ich bin an starke Ausdrücke gewöhnt." Ich machte ihn mit dem Gange meiner Gedanken bekannt, allein es schien ihm nicht viel Eindruck zu machen. „Es ist wohl ein Fehler in meiner Organisation", meinte er, „aber eine unwiderstehliche Kraft treibt mich hin auf diese Dinge. Eigentliches Grauen habe ich niemals empfunden, nur ein tiefes und unwiderstehliches Interesse an diesen Gegenständen. Im vorigen Herbst besuchte ich einen befreundeten Mediciner in der Anatomie, da drängte sich mir plötzlich die Idee zu diesem Bilde auf und verließ mich nicht wieder. Manchen Vormittag habe ich dann allein in dem Keller gesessen und Studien gemacht. Der Herbstwind brauste draußen in den Kronen der halb entblätterten Bäume und zuweilen kam ein Windstoß und warf knallend eins der stets offenen Fenster zu, oder jagte eine Wolke von welken Blättern herein, welche raschelnd die schrägen Flächen der Lichtöffnungen herabkamen und flüchtig über ihre menschlichen Genossen hinwegtanzten. Sonst war dort nichts, als das stille starre Schweigen des Todes und der stiere Blick auf lange erloschener Augen, der unablässig auf mir ruhte. Da kam mir oft plötzlich der Gedanke, wenn nun einer von diesen hier anfinge, sich zu bewegen und sich aufrichtete, um mit entsetzten Augen um sich zu schauen, — was dann? Und es schien mir, als rege sich dort eine Hand oder hier ein Arm, aber ich richtete meine Augen fest darauf und sah wieder nichts, als die kalte, starre, unabänderliche Ruhe des Todes." Unterdeß waren meine Augen weiter gewandert und hatten noch andere Bilder entdeckt, theils vollendete, theils noch in den Anfangsstadien begriffene, und es befiel mich ein Staunen, über die Verschiedenartigkeit derselben von dein zuerst gesehenen. — Kaum begriff man, daß es derselbe Maler war, der jenes schöne sinnende Mädchen 295 gemalt hatte, das mit träumendem Blick und knospendem Herzen durch den blühenden Frühlingsgarten wandelt. Und doch verleugnete er seine Natur nicht, denn wenn man das Bild näher betrachtete, so war der Garten ein Kirchhof und die blühenden Rosen wuchsen aus einem verfallenen Grabhügel hervor. „Ich habe draußen ein Bild für Sie gesehen", sagte ich, „in der Werkstätte des Tischlers . . ." — „Ich glaube, ich weiß schon, was Sie meinen", sagte er lächelnd, indem er eine an die Wand gelehnte Leinwand- umkehrte und auf eine Staffelei setzte. Wahrhaftig, da war das rosige, blühende Kind, das in dem Sarge schlief, wie ich es draußen gesehen hatte. Da waren die anderen Kinder, welche zu Füßen desselben fröhlich mit Emblemen und Gcräthschaften des Hades spielten. Dann holte Martin von seinen: Sims, zwischen einem Todtenkopf und dem Skelett eines seltsamen Vogels, eine wunderliche, gebauchte grüne Flasche hervor, die mit einem Etiquette geziert war, welches ein momsnto rnorl und die rothe Inschrift: „Gift!!!" zeigte und füllte zwei alterthümliche Gläschen daraus. „Daran dürfen Sie sich nicht stoßen", sagte er, „das dient nur zur heilsamen Abschreckung für die Aufwürtcrinnen, welche gewöhnlich viel Sympathie für einen guten Liqueur haben. Es wird mir übrigens sehr schwer, eine Aufwärterin zu finden, welche es bei mir aushült", fuhr er fort, „sie graulen sich alle und mögen in dem Atelier nicht allein sein, besonders mit dem dahinten mögen sie nichts zu thun haben.'" Dabei zeigte er auf eine mannshohe Nische in der Wand, welche von einem kunstreichen alterthüm- lichen Eisengitter verschlossen war. Hinter demselben stand aufrecht ein Skelett, und stierte mit dem weißen Knochcnantlitz durch das eiserne Schnörkelwerk. Wahrhaftig, ich konnte mir vorstellen, daß die armen abergläubischen Weiber in diesem Atelier sich nicht wohlsühlten, denn es glich eher der Behausuug eines mittelalterlichen Nekromanten, als der Werkstatt eines Malers. Es fehlte selbst nicht das ausgestopfte Krokodil, das von der Decke herabhing, es fehlten nicht die Hunderte von seltsamen und abenteuerlichen Dingen, welche rings wie aus einem grausigen Märchen von den Wänden stierten und dem ganzen Raume etwas von dem gespenstigen Reiz eines Wachsfigurencnbinets oder eines Raritätenmuseums verliehen. Der Abenteuerlichkeiten, welche sich hier vorfanden, hätte sich ein solches Mu'cum nicht zu schämen gebraucht. An der Wand hing unter vielen anderen Dingen eine braungedörrte Menschenhand, welche mir wegen ihrer zierlichen Form besonders auffiel. Martin nahm sie von ihrem Nagel und reichte sie mir hin. Es war offenbar eine Frauenhnnd, die schlanke Weichheit der Formen war noch vollständig erkennbar und an den sanft nach vorn sich verjüngenden Fingern zeigten sich die wohlgepflegten Nägel noch gänzlich unverletzt. „Ein Geschenk eines Freundes", sagte Martin. „Derselbe fand während des letzten französischen Krieges diese Hand in den: Park einer verlassenen Villa mitten in einem Rosengebüsch an einem Zweige hängend." Unterdes; war die Dämmerung hereingebrochen und ich fand es an der Zeit, meinen Besuch abzubrechen. Der Maler hatte ein großes Kirchenwachslicht angezündet, um mir über den dunklen Flur zu leuchten, jedoch als seine Blicke zufällig über die Wände schweiften, hielt er plötzlich inne und sagte: „Ach, dürste ich Sie, bevor Sie gehen, noch um eine Gefälligkeit ersuchen?" Dabei deutete er auf eine Borte, welche in Thürhöhe rm der Wand entlang lief und ganz bedeckt war mit einer Reihe von Todtenmasken und Gipsabgüssen von Köpfen berühmter Verbrecher, welche mit leeren Augen aus brutalen Gesichtern finster in die Welt starrten. „Wenn Sie mir nur einen Augenblick das Licht hier unten halten wollen, wie ich es Ihnen angebe. Sie glauben nicht, welche wunderbaren Effecte das gibt, wenn man diese Kerls so von unten beleuchtet. Ich hielt das Licht und er trat zurück. „Ein wenig näher an die Wand!" rief er. „So, nun noch mehr links . l. so, halt! . . . Köstlich . . . herrlich . . . wie dem da statt der Augen zwei große Finster- 296 nisse im Gesicht stehen, und diese Uebergänge, diese Neflexlichter! Sehen Sie, wie die Schlagschatten lang an der Wand in die Höhe schießen . . . Famos!" Ich sah von meinem Standpunkte ebenfalls hinauf, und muß gestehen, selten eine schauderhaftere Gesellschaft von Galgengesichtern beisammen gesehen zu haben. Das finstere Brüten in diesen stieren Augen ward durch die Beleuchtung ins Fratzenhafte gestärkt und durch das flackernde Licht kam ein unheimliches Leben in die starren Züge; es regten sich scheinbar die knochigen Kinnladen, und um wulstig aufgeworfene Lippen zuckte es wie ein dämonisches Grinsen. Darnach verabschiedete ich mich und habe später den Maler nicht wiedergesehen. Aber unvergeßlich hat sich dieser eine Besuch in meine Seele geprägt. Die Menschen sind ein sonderliches Geschlecht; was dem Einen ein Greuel, ist dem Andern ein Labsal, und kein Abgrund ist so tief und schauerlich, daß nicht Jemand gefunden würde, an seinem schwindelnden Rande furchtlos Blumen pflückend, wie ein spielendes Kind. (Deutsches Montagsbl.) M i s e e l l e n. Ein Dorfschuster, der auf einer Fußreise sehr müde wurde, sah zu seiner Freuds eine reitende Estaffette sich ihm nähern, und sprach diese freundlich an: „Liebster Herr Staffetterich, kann ich nicht ein Stückchen mitreiten?" — Der Postillon wollte sich einen Spaß nnt ihm machen, und erlaubte ihm, sich hinten aufs Pferd zu setzen. Kaum waren sie eine Strecke weit geritten, so rückte der Postillon so weit nach hinten, daß der arme Schuster vor Angst nicht wußte, was er beginnen sollte, und dem Postillon auf die Schulter klopfend voll Verzweiflung zurief: „Ach, Hochedelgeborner Herr Staffettenbereiter, ich kann nicht weiter rücken, des Pferd is alle!" Jemand sagte zu Lord Efsingham: „In Grönland werden die Menschen häufig 100 Jahre alt, und doch gibt es dort keine Aerzte: ist das nicht wunderbar?" — „Bei uns in London gibt es mehrere tausend Aerzte," erwiderte der Lord, „und Mancher wird doch 100 Jahre alt; ist das nicht noch wunderbarer?" Das blinde Blumenmädchen. Auf lauter Straße stehst du zag, Wo stets vorbei der Ein' in Eil' Am Andern hastet Tag für Tag, Und bietest deine Blumen feil. Nicht ahnst du, welcher Zauber webt Auf deinen Wangen armes Kind, Welch' holder Reiz dein Haupt umschwebt — Du ahnst es nicht — du bist ja blind. Du weißt es nicht, wie wunderbar, Wie lieblich deine Blumen sind, Wie wonniglich, der sie gebar. Der Sonnenschein — du bist ja blind. (Aus: Die Rose, die das Licht erweckt, Die glühende begehr ich nicht: Das Veilchen gib, das Dunkel deckt Wie dein umnachtet Angesicht! Paul Schönefeld „Dichtungen." Stuttgart, Mertzcl.) Original-Charade. * Das erste Glied zeigt einen Zustand an, Wer in ihm lebt, ist leider übel d'ran; Doch wer's nicht doppelt hat, ist zu beklagen. Bencidenswerth dagegen ist der Mann, Der, sclt'ner Weise, von sich rühmen kann, Er sei, was uns die beiden letzten sagen. Kein Kummer wird an seinem Herzen nagen, Kein düst'rer Flor die heit'rc Stirn umzich'n, Er schwebt einher im milden Freudcnglanze; Allein schnell werden Glück und Freuden flieh'n, Vereinen die drei Glieder sich in's Ganze. Auflösung der Original-Charade in Nr. 35: Schlüsselloch. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag de^ Litcrarischen Instituts von l>r. M. Huttler.