tunasökatt zur „ÄKgslmrger postzeitimg." Nr. 38. Mittwoch 10. November 1880. Ein Reis vom Narrenbaum trügt jeder an sich bei; Der Eine deckt es zu, der And're trügt es frei. Logau. Aus dem Tagebuchs eines alten Junggesellen. Von Alfons Planer. I. Noch seh' ich's, das alte Forsthaus inmitten grüner Tannen, noch höre ich den Gesang der Vogel aus Dorn und Laubeshang, ein tausendfältig süßes Locken, noch mein», ich, es ziehe das Waldesrauschen mir geheimnißvoll, wunderbar durch die Seele. Und doch sind Jahrzehnte dahingegangen, nichts hinterlassend als süße, traurige Erinnerungen an den Lenz meines Lebens. Und wie schön war er, der Lenz? Voll Sonnenschein, Blüthenduft und Maienglück. Jetzt ist's Herbst geworden. Einsam sitz' und sinn' ich, während der Herbstwind gelbe Blätter von den Ranken des Weinstockes, der mein Fenster umrahmt, hereinweht. Warum muß es auch Herbst werden? — Doch zage nicht, Herzt Es muß auch wieder Frühling werden. Kommt er, jener Auferstehungstag, dann werde ich auch sie verklärt wiederfinden, die nun schon lange ruht unterin grünen Rasen und unter Blumen, sie selbst eine Blume, drüben auf dem von alten Linden und Buchen umrauschten Kirchhofe. Es ist die einfache Geschichte zweier Menschenherzen, die da in mir wieder auflebt, meines eigenen armen Herzens und eines Herzens, das ich dereinst verehrte und noch verehre und heilig halte. Das war ein schöner, Heller Herbstmorgen — in des Lebens Herbst fallen selten solch' sonnenhelle Tage — da ich, ein junges, frisches Studentenblut, den Jagdstutzen meines Onkels, des Pfarrers von Grünthal, auf der Schulter, den Rucksack umgehängt, dem Forste zuschritt. Da war's, als wollte die Natur zum letztenmale sich freuen, bevor der rauhe Sturm käme und den Bäumen die grünen Blätter nähme, und es war so friedlich draußen, daß mir weich wurde unr's junge Herz und ich vermeinte, ich könnte keinem Wesen etwas zu Leide thun. Und als mich der ewig grüne Tannenwald aufgenommen hatte, da sah ich manch' zierliches Reh durch's Dickicht huschen und hab doch nicht die Hand aufgehoben, den Tod zu versenden, und war doch kein schlechter Schütze. Als sich dann in das Waldesrauschen der Klang der Morgenglocken vom Dorfe herüber verwob, da war's wie Feiertag. Es überkam mich wie Gebet und ich meinte, ich müßte wieder fromm sein, wie dereinst als Kind, da ich mit Mütterlein mein „Ave" betete. Und doch war er längst untergegangen im Weltgetümmel, der Kindesglaube, und tauchte die Erinnerung davon nur selten auf, wie Aveläuten aus weiter, weiter Ferne. So streifte ich denn durch's Waldesdickicht, mich freuend der schönen Welt und Alles in der Welt draußen vergessend, so daß ich ganz erstaunt war, als sich plötzlich eine Lichtung öffnete und ein freundliches Forsthaus mit einem netten Gärtchen vor mir lag. Doch ein oivm acmäoinicm^ besinnt sich nicht lange, und so schritt ich keck auf das Haus zu, um so mehr, als hinter dem grünen Zaune ein frischer Brunnen plätscherte 298 — und ich in Folge meines Streifzuges durstig geworden war. Doch nicht unbestraft betrittst Du fremdes Gehege. Kaum hatte ich mich dem Brunnen genähert, da stürzten schon zwei Teckel aus der Hausthüre und gaben ihr Mißfallen über mein Eindringen durch wüthendes Gekläffe kund. Aergerlich war ich eben bemüht, die treuen Wächter zu beschwichtigen, als eine weibliche Gestalt unter der Hausthüre erschien und eine silberhelle Stimme -— ihr Klang zog mir das erstemal schon wie wunderschöne Musik durch die Seele — rief: „Pürschl, Waldl, herein!" Und wie Zauber schien diese Stimme auch auf die Hunde zu wirken, denn sie machten augenblicklich Kehrt und näherten sich schmeichelnd der Herrin, die alsbald in der Thüre verschwand. Nach kurzer Zeit erschien dieselbe jedoch wieder mit einem Glase in der Hand, das wie Krystall in der Morgensonne funkelte; mir dasselbe darbietend sagte sie freundlich: „Verzeihen Sie den ungestümen Thieren, und darf ich Ihnen das Glas anbieten, falls Sie Durst haben." Ich weiß nicht, ich hatte in der Universitätsstadt mit manchem schönen Mädchen verkehrt, mit jeden: gescherzt, und die Mädchen mochten mich kecken Burschen auch nicht übel leiden, aber als ich dein holden Mädchen jetzt in's Gesicht sah, aus dessen blauen Augen es so wundermild leuchtete, und auf dessen edlen, freien Zügen eine Seelenruhe, Waldesfrieden gleich, ruhte, da starrte ich dieses liebliche Antlitz unbeweglich an und war so scheu, daß ich lange brauchte, um einige Worte des Dankes verlegen zu stottern. Erst nachdem ich getrunken hatte, war ich wieder Herr meiner selbst, und da ich mich als den Neffen des Pfarrers vorstellte, sagte das holde Kind lächelnd: „Ei! da dürfen Sie nicht an unserm Hause vorübergehen, was würde mein Vater dazu sagen! Besangen von einem holden Zauber folgte ich der Einladung des Mädchens und trat in das Haus ein, wo mich der Vater, der kgl. Förster Weber, ebenso freundlich begrüßte, wie seine Tochter. Es war das eine schöne, stattliche Erscheinung, der in Ehren ergraute Förster, ein echter, biederer, deutscher Waidmann. Sein Gruß war warm und vom Herzen kommend, und freudig schlug ich in die dargebotene Rechte ein. Als wir dann draußen in der Laube saßen, da erzählte er mir, wie er ein langjähriger und geliebter Freund meines Onkels sei, wie er schon lange Jahre auf dieser Fösterci sich befinde, wie sein Röschen hier geboren, wie nun sein treues Weib schon zehn Jahre todt sei, und der brave Mann ließ mich ganz in sein Herz blicken, das so brav und treu war, daß ick, mich gleich mit Liebe zu ihm hingezogen fühlte. Dabei war er so weich geworden, der rauhe Waidmann! Nun mußte auch ich erzählen von meiner Heimath, von meinen Lieben, von meinen Studien und von meinem künftigen Berufe. Der Alte lobte meinen Entschluß, Arzt zu werden, und Röschen gar drückte ihre Freude aus und sagte, wie das ein so schöner Beruf sei und wie man da soviel Barmherzigkeit üben und sich reichen Gotteslohn erwerben könne. Hätte mir sonst irgend Jemand diesen Beisatz gemacht, ich hätte mitleidig oder gar verächtlich gelächelt; jedoch von diesen Lippen kam es so überzeugend und wahr, daß es mir keineswegs lächerlich vorkam. Etwas Schönes und Beglückendes mußte er doch sein, dieser Glaube, da er den Zügen eines Menschen so den Stempel des Hehren und Erhabenen aufdrücken konnte, und Seelenruhe mußte er auch verleihen, so dachte ich mir und lauschte andächtig den schlichten Worten des sinnigen Mädchens. Lange saßen wir so beisammen, und es war mir, als hätte ich diese lieben Menschen schon lange gekannt und ich fühlte mich so heimisch, daß ich vermeinte, aus einem schönen Traume zu erwachen, als vom Dorfe her die Mittagsglocken grüßten und mich zur Heimkehr mahnten. Vater und Tochter nahmen herzlich töschwd und luden mich ein, sie ferner fleißig zu besuchen. Und ob ich der Einladung folgte! Jeden Tag war ich früh morgen schon draußen im Forsthause. Mußte ich dann Mittags im Hause meines Onkels sein, nachmittags war Ich gewiß wieder drüben im Forste, bald mit dem Förster den Wald durchstreifend, bald in traulicher Unterhaltung mit Vater und Tochter in der Laube, und als rauhe Winde stärker an den Herbst mahnten, drinnen in der heimischen Stube. Dabei ging eine seltsame Umwandlung in mir vor. Ich, der übermüthige, kecke Bursche, konnte stundenlang andächtig den Worten Röschens lauschen. Sie hatte es bald heraus- bekommen, daß es im Punkte der Religion schwach mit mir bestellt war und redete mir dann einfach, absr doch überzeugend zu, so daß ich allmählig fühlte, der Glaube müsse doch kein leerer Wahn sein. Alle meine wissenschaftlichen Ansichten wurden erschüttert durch den lebendigen Glauben in diesem Mädchen. Röschen schien sich auch des Erfolges ihrer Mission zu erfreuen und gewann mich sichtlich lieb. So kam denn die Zeit, da die Ferien zu Ende waren und die „ulmn mutör« mich wieder rief. Wehmüthig gestimmt nahm ich Abschied im Forsthause und auch Röschen war traurig, als ich ging. Ich meinte, Alles in dem stillen Forsthause zurückzulassen, all' mein Glück, Hoffen und Lieben. — In der Universitätsstadt angelangt, begann ich ein ganz anderes Leben, denn früher. War ich nicht im Colleg, so saß ich den ganzen Tag auf meiner Bude und studirte, oder meine Gedanken schweiften hinaus nach Grünthal und in's liebe Forsthaus. Meine Corpsbrüder wunderten sich sehr darüber. Die armen Jungens konnten nicht begreifen, wie ich, der flotte Bursche auf einmal ganz anders geworden. Aber bald hieß es: „Spatz — das war mein Kneipname — muß riesig verkeilt sein, jammerschade für das fidele Haus." Als ich dann doch hie und da die Kneipe besuchte, wurde ich weidlich geneckt und verdonnert. Aber als in einem groben „Flederwische" meine süßesten Gefühle empfindlich berührt wurden, blieb ich ganz aus und überließ es den Studenten ihre Glossen über mich zu machen. So kam der Winter und mit ihm die Weihnachtszeit. Wie ich da mein Ränzchen schnürte! nnd der Onkel war ganz verwundert, als ich mich bei ihm einquartierte. Er schüttelte lächelnd das greise Haupt, ahnte er doch, was mich mitten im Winter herausführte und hatte er das herzige Kind doch auch in sein väterliches Herz eingeschlossen. Als ich dann im Forsthause die Stube betrat, da schaute Röschen erst erstaunt auf, ihre großen, blauen Augen starr auf mich gerichtet; dann zog es plötzlich wie leuchtender Sonnenschein über ihr Antlitz. Der Vater war ebenfalls erfreut, wir rauchten zusammen und plauderten bis tief in die Nacht hinein. Röschen redete nicht viel, sinnend saß sie da und blickte-mich hie und da wundermild mit ihren treuen Augen an, daß mich jedesmal süßer Schauer überkam. Als ich dann durch den tiefen Schnee dein Dorfe zuwanderte, da glänzte draußen ein wundecfc!!. Nachthimmek, und die Sterne grüßten freundlich herab. Wie seliger Geister Gruß tönten durch die Nacht die Glocken, die zur Christmette riefen. Als ich mich dem Dorfe näherte, da waren die Fenster der Kirche hell erleuchtet, und leise tönte die Orgel. Mich zog's mit Allgewalt hinein in die Kirche, ich betete wieder wie in Kindestagen, und seliger Friede zog ein in mein Herz. Es war heilige Nacht! (Schluß folgt.) * Die Augen des Meeres. Von K. Reichn er. Motto: „In dein kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'n." Ein jeder Mensch, mag er sein, wer und was er wolle, empfindet wohl tiefinnerlich jenen schönen Trieb, der gar häufig, bewußt und unbewußt ihn leitet, seine Handlungen beeinflußt — die Liebe zum Vaterlande, zur Heimath. Nun gibt es freilich Länder, schöne, sonnige Länder, bei deren Anblicke ein Jeder zu begreifen vermag, wieso es komme, daß heißes, sehnsuchtsvolles Heimweh den durch die Ungunst seines Geschickes, die Macht der Verhältnisse von seinem Vatcrlande Getrennten, fern von demselben befalle. — Wir vermögen das sprüchwörtlich gewordene Heimweh des freien Schweizer) nach seinen majestätischen Bergesriesen zu erfassen, das Gefühl des Deutschen — halb wohl, halb wehe — wenn er draußen unter Fremden plötzlich auf deutsche Laute, deutsche Sitten stößt, wir verstehen, daß dem Franzosen sein Paris, dem Italiener sein blauer Himmel an's Herz gewachsen ist — wir begreifen dies Alles und auch manches Andere noch, denn: „In dem kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'»." Und in ihm, diesem kleinsten Vaterlande, liebt er die ganze Welt, ja liegt oft die ganze Welt für ihn. — Das ist der Zauber, der geheimnißvolle, der in dem süßen Laute: „Heimath" ruht, sei diese Heimath nun groß oder klein, bescheiden oder prächtig. Fast unbegreiflich aber erscheint die sonst so natürliche Liebe zum Vaterlands, zur Heimath, wenn es sich um eine Stätte handelt, welche dem unparteiisch, also kühler Urtheilenden, als eine ebenso gefahrvolle, wie trostlose, von Gott und den Menschen verlassene Einöde, eine Wüstenei im allerschlimmsten und weitgehendsten Sinne des Wortes erscheinen muß. Und solch' ein Vaterland sind die sogenannten — von den alten Friesen so gegönnten — „Oogen (Augen) des Meeres", im gewöhnlichen Leben unter dem Namen: „die Halligen" bekannt. — Umtobt von den Wogen der Nordsee, an der Küste von Schleswig-Holstein, liegen einige kleine Inseln, die letzten Ueberreste einer untergehenden Inselwelt, welche das Meer nach und nach verschlingt. — Kein Damm, keine Düne schützt diese kleinen Eilande, die nur um etliche Fuß das Meer überragen, die aus demselben hervorzulugen scheinen, als die Augen des Meeres. — Das sind die Halligen. — Wie Sie entstanden, darüber berichtet uns eine Sage: In grauen Zeiten, im Jahre 1300, lag einstens dort ein festes Land, das mehr als dreißig Kirchspiele umfaßte, die Perle von Nordfriesland, das Land „Nordstrand", durch schmale Wasserstraßen von den Inseln Führ und Amrum getrennt. Alle Halligen — damals noch keine Inseln — gehörten mit dazu — es war ein reiches, gesegnetes, ein fruchtbares Land, das Deiche und Dämme vor dem wilden Meere schützten. — Die Zierde Nordstrands aber bildete die reiche angesehene Stadt Nungholt mit ihren hohen Thürmen, stolzen Kirchen, stattlichen Häusern. — AuS allen Gegenden Frieslands, aus Sachsenland, aus Holstein, Schleswig und Dänemark, damals Grimmahorna genannt — kamen die Leute nach Nungholt geströmt, wo des Landes Produkte zu Markte gebracht wurden. — Aber mit dem zunehmenden Emporblühen der Stadt wuchs auch der Uebermuth ihrer Bewohner. — Den Segen des Wohlstandes nahmen sie als etwas Selbstverständliches hin, sie hatten keine Liebe zur Arbeit mehr, verlernten das Beten .— statt der Kirchenfeste feierten sie Trinkgelage und forderten in gottloser Frevelsucht ihr Geschick heraus, indem sie „den blanken Hans" (die See, weil sie grüne Wiesen in blanke Wasserflächen zu verwandeln vermag) spottend anriefen: „Kohm nu blanke Hans!" („Komm nun (doch), blanker Hans!") — Hielten sie doch die Erzählungen früherer Ueberschwemmungen für eitle Sagen, und ihre Dämme und Deiche für unüberwindlich stark. „Nordsee — Mordsee!" sagt ein altes Wort, und eine „Schisfbruchküste" heißt man diese Gegend; — „der blanke Hans" ist ein wilder, mordgieriger Gesell — er verschlingt Alles, was er bewältigen kann und legt hinterlistige Fallstricke, indem er Sandbänke bildet, zum Verderben der daran strandenden Schiffe. Und der blanke Hans läßt sich nicht zweimal rufen. — Er kam, er trieb gewaltige, sturmgepeitschte Wogenmassen gegen die festen Bollwerke und Schutzwälle, daß sie zerbrachen und zerbarsten, als wären sie von Glas. — Da stürzte sie herein, die widle Sturmfluth, in's nordstrandiger Land, im rasenden Ungestüm Alles mit sich fortreißend, Alles vernichtend. — Hin sanken die Kirchen, die Häuser, fort schwammen die Trümmer der Habe, fort die Leichen der Menschen und der Thiere; der blanke Hans war gekommen, wie man es gewollt, und weil man ihn herbeigerufen, und hatte das blühende Land in eine blanke Wasserfläche verwandelt. — Und nun blieb der blanke Hans, nachdem er einmal als Sieger Einzug gehalten, auch Herr des Landes, aber als kein milder Herrscher, denn tagtäglich erinnerte er an sein strenges Regiment, strömte sein Athemzug — Ebbe und Fluth — darüber hin. — Und als es Winter ward, da verwandelte ->?>.. — 301 — die blanke Wasserfläche sich zu einem blitzenden Eisspiegel, und als der Frühling kam mit seinen Stürmen, da sprang das Eis und barst mit lautem Klingen, und der blanke Hans stürzte befreit aus seinem Gefängnisse hervor, in dem er Winterschlaf gehalten, die Eisschollen erzitterten, sie wühlten den Boden auf, und verwandelten den Fleck, wo Rungholt einst gestanden und Alles ringsumher in eine öde Fläche von Sand und Schlamm, in ein „Watt." — Sy berichtet uns die Sage. — Thatsache ist indessen, daß gar manches „Watt" an jener Küste grau und öde aus dem Meere schaut — nackte, kahle Inseln, Wahrzeichen einstiger Stücke Land, Ueberreste auch von Halligen, denen die bösen Wasser- und Eismassen, die unerbittliche Sturmfluth, das dürftige Graskleid geraubt, die Menschen und ihre Habe vernichtet und eine feine Schlammdecke darüber gebreitet, in welcher statt der einstigen Bewohner, die dort lebten, starben und verdarben, nur noch kleines Seegethier seine Behausung aufgeschlagen, nur noch die Vögel brüten, wenn die Fluth sie nicht vertreibt, ihr Nest zerstört. — An einigen Stellen erblickt man gar den Meeresgrund, andere Wattenflächen sind mit „todtem Klei" bedeckt, wie die Friesen die blaue Thonerde nennen. Noch andere Watten tragen ein Kleid von reinem, gelben Sand. — Und aus den grauen Watten heraus ragen die grünen, leichtbegrasten Halliginseln, „die Augen des Meeres." — Es ist nicht jede Nordseeinsel eine Hallig — es werden nur die kleineren so genannt, welche weder Dünen (natürliche Bollwerke, Hügel, vom Sande des Meeres gebildet), noch durch Deiche oder Dämme (künstlich geformte Schutz- Wälle) gegen die unablässig andringenden Fluthen vertheidigt, und die drittens so stach sind, das; sie nur um etliche — 2—3 Fuß den Meeresspiegel überragen. Die größte Hallig besitzt einen Umfang von ungefähr 1000 die kleinste von etwa 16 Morgen — von einer einzigen Familie oder einer Einwohnerzahl bis zu einigen hundert Köpfen bevölkert. Fast jede größere Hallig pflegt ihre Kirche und ihren Prediger zu haben — ein schweres Amt, »ein hartes Loos für diesen, dort sein Leben zu vertrauern bei so bescheidener Wirksamkeit und unter Menschen, deren Fühlen und Denken ihm fast immer sremv ist und auch bleibt. — Zuweilen erhebt ein einzig Haus sein Strohdach nur auf einer Hallig, zuweilen aber steigt die Zahl der Häuser auch bis zu 70. — Das ist ein sonderbares Bauwerk, so ein Hallighaus — mühselig zu erbauen, mühselig zu erhalten. — Auf dem Erdboden einer Hallig kann man natürlich, der steten Ucberschwemmung des Meeres halber, nicht bauen, denn in jenen Zeiten ist er dem Meeresgrunde gleich zu achten, darum muß zuerst mit vieler Mühe und Sorgfalt eine „Werfte", ein künstlicher Erdhügel aufgeworfen werden. Da bei stürmischem Herbst und Winter die Sturmfluth 20—25 Fuß zu steigen vermag, so müssen diese aus Rasenstücken gebildeten Erhöhungen noch um einige Fuß höher stehen. Starke „Ständer" (Pfeiler) von Eichenholz werden durch den ganzen Hügel geführt, um das Haus zu stützen, und um die abspülende, stets bröckelnde und wühlende Macht und Gewalt der Wellen zu mindern, müssen die Wände dieses Hügels sich in schräger Linie abwärts senken. — Gewöhnlich steht auf jeder Werfte nur ein Haus auf einen: Raum, der meist nicht größer, als nöthig, um rings herum gelangen oder allenfalls noch ein Stückchen Gartenland pflegen zu können — doch kommt es auch wohl vor, daß eine ganze Häusergruppe wie ein kleines Dorf auf einer Werfte sich versammelt. — Zur Seite des Hauses finden sich die „Diemen" aufgerichtet, die Heuhaufen, über welche man geflochtenes Stroh, mit Steinen an den Enden beschwert, breitet. Oft halten solche Diemen länger als das ganze Haus beim Nahen der Sturmfluth, denn so fest wird das Heu mit der Zeit, daß man beim Gebrauche mit eisernen Spaten es abstechen muß, so hat der salzgetränkte Boden, dem es entsprossen, es getränkt — darum hält es sich auch so lange. „Altes Heu ist so gut als altes Geld", sagt das Sprüchwort. — Weil auf einer Hallig keine 302 — Quellen sich befinden und das salzig-bittere Mccrwasser völlig ungenießbar ist, so müssen die Bewohner auf andere Weise den Mangel an Süßwasser zu ersetzen trachten. — Deshalb besitzt denn auch jede Werft ihren „Fething" (Wasserbehälter), eine runde aus- gegrabene Vertiefung zum Auffangen und Sammeln des Schnee- und Rcgenwasscrs. — Mit diesem nicht eben wohlschmeckenden Wasser bereitet der Halligbewohner seinen Thee, kocht er seine Speisen, tränkt er sein Vieh. — Der Sage nach sollen in früheren Zeiten die Halliginscln die Wohlthat des Quellwassers besessen haben, weil aber wegen dieser Quelle Streit und Hader entbrannte, so ward sie böswillig durch Steine verstopft — da versiegte sie und kam nicht wieder, denn friesischer Volksglaube behauptet, daß aller Segen weiche, i.bald Mißgunst und Streit darob entflamme, und darum riesele nun keine klare Quelle mehr für die Halligen, darum sei es auch nichts jetzt mehr mit Fang von Fischen und von wilden Gänsen, nichts im Vergleich zu früher. — Wie nach andern Gegenden Vier und Wein, so wird zuweilen ein Fäßchen süßes Wasser nach den Halliginscln „importirt" von: Festland her, eine Delikatesse, ein Luxus, der in Zeiten der Noth, in trockener Zeit, zur unentbehrlichsten Nothwendigkeit sich steigern kann, sobald durch lange Dürren das Wasser in den Fethingen versiegt, das ohnehin stets von den salzigen Bestandtheilen des Wassers durchdrungen ist. Und nun zum Hause selbst! — „Gar herrlich ist das Haus gebauet und geziert, Wenn Gott des Herren Segen und Eintracht drin regiert." — Solche und ähnliche Sprüchlein und Lehren finden sich am Gesims und über den Thüren gar manchen Hallighäuses. — Ein jedes allfriesische Hallighaus trägt einen steinernen Giebel über der Hausthür, welche gleich dem Holz der Fenster dunkelgrün angestrichen ist — die Firste der Strohdächer sind mit Nasen belegt. Häufig zieren Malereien von Thieren und Wasserblumen die Stuben- und Bett- thüren oder die Simse, namentlich aber die oft blauangcstrichenen Wände der Zimmer, auf welchen man Abbildungen von Schiffbrüchen rc. findet, wie anderswo eine alte Familienchronik. — Ebenso sind Verse auch innerhalb der Häuser eine sehr beliebte Zierde. — Zum Beispiel über einer Stubenthür: „Wer ein- und ausgeht zu dieser Thür, Dcrselb' gedenke für und für, Daß unser Heiland Jesus Ehrist Die rechte Thür zum Himmel ist." Oder über der Thür einer Bettwand: „In Sturm und Wcllenbraus Behüte, Gott, mein Leben, Und um mein jchwacbcs Haus Laß Deinen Enge! -,l-n>eoen, Daß sich die wilden Wogen scheu'n, Wie Lämmer vor dein starten Len'n." So eine „Bettwand" gehört auch mit zu der knappen praktischen Naumvertheilung, zu welcher die Halligbewohner gezwungen sind. — Durch das einstöckige Hans führt der Länge nach ein schmaler Gang, von welchem man in ein Wohnzimmer (Dönsen) gelangt, das zugleich als Schlafgemach dient, indem sich mit Thüren versehen Nischen an der Wand befinden, die Bettwand, welche die Bettladen enthalten. — Auch manches andere Einrichtungsstück dieses Wohnzimmers bekundet dasselbe Bestreben nach denkbar möglichster Raumersparnis; — häufig wird ein Möbel für doppelte Zwecke benützt — so z. B. eine Bank zugleich als Lade, der eichene Eßtisch zugleich als Schrank, in welchem die Ueberreste der Mahlzeiten Aufbewahrung finden. An den Wänden stehen Truhen und Koffer, blau oder grün angestrichen und mit Jahreszahlen versehen; -— in denselben befinde: sich „des Hauses heimlicher Reichthum, der Leinwandschatz der Halligfrau." —, Ein altes Sprüchwort sagt: „Eine Tochter, die keine volle Leinenkiste mitkriegt in den neuen Haus- , __ 303 — I - stand, die weiß nicht, daß sie eine Mutter gehabt hat." — Doch auch dem Luxus ist ! gewisse Rechnung getragen in einem Hallighaus — gar manch' ein selten Stück aus sernen, sremden Ländern, das Männer oder Söhne einst von ihren Seefahrten mit heimgebracht, dienet zum Schmuck — auch Porzellan, ja Silberzeug befindet sich in einem i Glasschrank. — Neben dein Wohnzimmer, durch den kleinen Ofen geheizt, liegt die Küche — dann ? noch ein etwas größeres Stnatszimmer (der „Pesel"), benützt für festliche Gelegenheiten, als da sind Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnisse; ferner ein kleines Kämmerlein, und wir haben die Wohnräume eines Hallighauses schon beisammen, weil mindestens des Hauses Hälfte diejenigen Lokalitäten einzunehmen pflegen, deren man für die Viehzucht benöthigt, denn das ist der hauptsächlichste Erwerb des Halligmannes. Pferde gibt es auf einer Hallig zwar nicht, dagegen aber Rinder und Schafe, die das kurze, kräftige Halliggras ernährt. — Auch Schweine und etwas Federvieh birgt des Hauses gastlich Dach, und in sämmtlichen Ställen herrscht eine so holländische Reinlichkeit, daß dieselben sogar gescheuert (geputzt) werden, so gut, wie alle anderen Räume des Hauses. — Diese Reinlichkeit ist natürlich Sache der Halligsrau, zu derem Lobe sich eigentlich das Höchste sagen läßt, was man einer richtigen und echten Hausfrau soll nachsagen können — recht wenig nämlich. — Sie ist thätig, liebt Ordnung und Sauberkeit, ist , häuslich und still. Auf sie paßte treffend, was einmal ein berühmter Kanzelredner von einer rechten Frau gesagt: „Sie soll sein und muß sein wie die Glocken am Charfreitage, sie muß sich nicht viel hören lassen; — sie soll sein und muß sein wie eine Spitalsuppe, , die hat nicht viel Augen, also soll sie sich wenig umgaffen; —- sie soll sein und muß , sein wie eine Nachteule, die kommt sehr weinig an's Tageslicht. In Sonderheit aber soll sie sein und muß sie sein wie eine Schildkröte, und diese ist allezeit zu Hause, weil sie ihre Behausung mit sich trägt." Es ist geiviß, daß die umgebende Natur, die ganze Lebensweise des Menschen einen mächtigen Einfluß auf denselben üben — die großartige Oede der Scenerie, das weite, s wogende Meer, die stets drohende Gefahr haben bei jenem Menschenschlag den Stempel j des Kleinlichen, der oft der Welt anhaftet, mehr verwischt und Theile jenes Urwüchsigen § ihm erhalten, der im modernen Getreibe und Getriebe der belebten Gegenden zu Ver- ^ lüfte geht. —- Auf den Halligen haust noch ein tüchtigerer, kräftigerer Volksstamm, Neste ^ der alten Friesen, thätig, wortkarg, genügsam — auch sind die Halliginseln fast der einzige " Ort, wo noch die friesische Sprache (dem Englischen verwandt) am Reinsten sich erhalten — auf dem Festland wird sie meist gemischt gesprochen. — Und ebenso anhänglich wie an seine Muttersprache ist der Halligbewohner auch an sein Vaterland. Was für ein Vaterland, was für eine kahle, öde, trostlose Heimath ist dies! — Kein Baum, kein Strauch, kein wogendes Kornfeld, kaum ein bischen Gartenland trügt - der salzige Boden — nichts als das fahle, kurze Gras, das die Schafe und Rinder ! nährt, denn etwas Anderes lassen die immerwährenden Ueberfluthungen des Meeres ja nicht gedeihen. — Nur wenige Blumen strecken ihre bunten Häupter vereinzelt aus, der - Erde — vor Allem die violette Strandnelke, welche zum Kranz gebunden, den Neubau zieren muß, gleich wie an andern Orten die grüne Richtkrone oder der buntbeflaggte Tannenbaum. — Keine Wiesenquelle, kein klarer Bach windet sich durch das matte . Grün, nur tiefe Einrisse der See in das Land hinein mahnen daran, daß es ihr Eigenthum, nur stehende Salzwafferlachcn erinnern an den letzten, unwillkommenen Besuch ! des Meeres. — Auch die Natur hat keineswegs versöhnend die Heimath dieser Meerbewohner, „die Augen des Meeres", mit irgend welchen Reizen ausgestattet, —- Das Meereswaffer, dort, dessen regelmäßige Ueberschwcmmungen stets Hab' und Gut, ja Leben jährden, hat keine schönen, hellen, grünen Fluthen — nur gelblich-graues, trübes Wasser in welchem 304 garstige Rochen und Seehunde sich zeigen, da die Fische die starke Ebbe fürchten, denn mit Ebbe und Fluth treibt „der blanke Hans" tagtäglich ein sehr trügerisches Spiel. — Während der Ebbe scheinen wie durch Zauberspiel beim Zurückweichen der See einzelne der Inseln durch festen Boden miteinander sich zu verbinden, aber es ist nichts als Trug und Schein. — Der weite weiche Sandboden („Schlick"), der zum Beschreiben lockt, ist ja der Meeresgrund, und ehe der „Schlickläufer" (Der, welcher während der Ebbe über den Meeresboden von Insel zu Insel wandert) es sich versieht, fluggs, ist der blanke Hans, der nur im Hinterhalt des rechten Augenblicks zum Vorbrechen gelauert wieder da und stürzt in wilder Wuth auf sein Beute, die, von der Fluth überrascht, rettungslos verloren, nur als einsam fortgespülte Leiche noch diesen Ort verläßt. Was sonst die Halligen noch Denen bieten, die sie Heimath nennen? — In wenig Worten ist's gesagt: „Ein arbeitsames, einsam Leben voll Gefahren!" — Kein Verkehr mit der Welt, keine Verbindung nach außen, keine Genüsse der Erde, nicht heitere Geselligkeit noch lehrreiche Unterhaltungen, nicht Freiheit noch Reichthum — nicht einmal ein Kampf, ein ehrlicher Kampf um ihr Dasein, denn der Feind, der beständig auf der Lauer liegt, den er stets zu fürchten hat, und doch nicht fliehen, nicht besiegen kann, ist ebenso wachsam als tückisch und stark. — Bei einfachen Ucberschwemmungen steigen die Wogen zu den Werften empor, sie klopfen an die Wände und Fenster der Häuser und begehren gebieterisch Einlaß, sie klettern hinaus bis zum Strohdach und verschwinden dann wieder. — Wenn aber die wilde Sturmfluth sich naht, zugleich mit der Fluth auch der Sturm noch tobt und die empörten Wogen zur wildesten, ungcbändigten Wuth anstachelt, so ist kein Kampf, keine Rettung mehr möglich — nur ohnmächtiges, widerstandsloses Unterwerfen ist dann geboten. — Höher und höher steigen die Wasser, der Erdhügel wankt, die Pfeiler und Balken des Hauses erzittern, Alles rettet sich auf den Boden des Daches, doch auch dieser gibt endlich der verheerenden Wucht der Sturm- fluth nach, die in den untern Theilen des Hauses bereits die ganze Habe zerstört, zertrümmert, von dannen geführt. — Nimmt die Geivalt des Sturmes nicht ab, so ist in wenigen Minuten Alles rettungslos verloren, dem Tode geweiht — die letzten Pfeiler wanken, stürzen zusammen, sinken in das tiefe Meer, mit ihnen die Menschen, welche einstmals hier gewirkt, gelebt, gesehnt, gehofft, geliebt und gelitten. — Das ist die Heimath, das gar oft das Ende eines Halligbcwohncrs. — „Kiudlein in des Meeres Wiege, Eiland au der Wellen Brust, Wo der Mensch schifft kalt vorüber, Wo der Engel wohnt mit Lust." hat einmal ein Dichter gesungen von dieser „untergehenden Inselwelt", denn das sind die Halligen. — Mit unermüdlicher, bald gewaltsam, bald langsam andringender Beharrlichkeit verschlingen die grausamen Wellen allmählig die Neste dessen, was noch übrig geblieben. — Und doch liebt der Halligbcwohner seine Heimath nicht minder, als der Schweizer sein schönes Vaterland, liebt sie mit unverbrüchlicher Treue, hängt mit allen Fasern des Herzens an seinem gefahrvollen, traurigen, trügerischen Vaterlande. — Ob er auch andere, schönere, bessere Länder kennen lernte, stets zieht es ihn nach der Heimath zurück. — Zu ihr kehrt er zurück, sobald es sein Geschick ihm nur gestattet, dort baut er sich an — immer und immer wieder, und kommt die wilde Fluth, vertreibt ihn, überschwemmt, zerstört sein Haus, raubt ihn: die Habe und läßt ihm nichts als nur das nackte Leben — zu ihr kehrt er zurück und baut sein Nest auf ganz genau denselben Fleck hin wie zuvor — dort lebt er und beschließt er seine Tage, bis endlich „der blanke Hans" mit zähester Ausdauer doch Herr des Platzes wird. Dann erst werden auch die letzten, noch erhaltenen Spuren verwischt, verweht sein von den Halligen, „den Augen des Meeres." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarkschcn Instituts von Dr. M. Huttler.