Nr. 39. 1880. zur „Ängslmrger Posheitimg." Samstag, 13. November Man muß einen Fehler mit Anmuth rügen und mit Würde bekennen. Kehrt man es um, so wird es das Ansehen haben, als ob der eine Theil seinen Vortheil zu sehr, der andere seinen Nachtheil zu wenig cmpsände. Schiller. Aus dem Tagebuchs eines allen Junggesellen. Von Alsons Planer. (Schluß.) II. Da lag das Paradies offen vor uns da, und nie hätte ich geglaubt, daß es so ganz anders hätte werden können. Doch die Schlange blieb nicht aus, und dießmal war's der Adam, der sündigte. Als ich Röschen in der Laube draußen fragte, ob sie »nein Weib werden wolle, da hatte sie leise geflüstert: „Ja", und in namenloser Seligkeit hatte ich sie an »nein Herz gezogen. Draußen sang die erste Frühlingslerche; durch den Wald fuhr ein Windeshauch, und die Tannen rauschten. Das dünkte »nir Segen, und die Schwalben zwitscherten fröhlich um die Laube, und das deutete ich als Glück. Ob sie Glück brachte»» ? Ja es waren Tage des reinsten Glückes, die uns nun aufgingen, nicht berauschend, nein, nur stille Seligkeit bringend. Wie schön »var damals die Welt. Frühling in der Natur, Frühling im Herzen. Doch zog auch da schon hie und da mir eine trübe Ahnung durch die Seele, und ich fragte mich oft, ob denn je ein Sterblicher »vohl dauernd ein solches Glück genossen? Und wieder mußte ich fort und Abschied nehmen. Ich sollte meinen „Doktor machen", und über's Jahr sollte dann Hochzeit sein. Der Abschied »var ein fröhlicher, wußten wir ja doch, daß eins dem andern gehörte für alle Ewigkeit. Gerührt reichte »nir der Vater die Hand, er freute sich ja über das Glück seines einzigen geliebte»» Kindes. Noch ein flatterndes weißes Tuch in den Lüfte»», eine Kußhand, ich schwenkte »»»einen Hut noch einmal, und der Wald trennte uns. Und wieder kam der Herbst, und die letzte»» Ferien wollte ich »nieder in Grünthal zubringen. Der Onkel empsing inich freundlich, und nach der ersten Begrüßung »var ich schon wieder auf dem Wege in das Forsthaus. Durch die Laube sah ich helle Gewänder schimmern, und jubelnd wollte ich hineinstürzen. Doch »vas war das? Da saß allerdings Rosa, aber neben ihr noch ein Mädchen. Gebannt blieb ich stehen. Wohl nicht le» cht mochte man zwei schönere Mädchen finden, als wie sie da vor »nir saßen. Das blonde Röschen, reizend und von» zauberischen Glänze reiner Jungfräulichkeit übergössen, ein Engel an Schönheit, daneben ein herrlich gewachsenes Mädchen mit dunkeln feurigen Augen, aus denen Geist und Jugend blitzten, ein klassisches blasses Profiel mit einem reizenden Lächeln auf den rothen Lippen, die edle Stirn umrahmt von einer Fülle rabenschwarzen Haares. Röschen war freudig aufgesprungen und »nir entgegengeeilt. Nach den ersten Begrüßungen stellte sie mir ihre Cousine Bettina, die Tochter eines angesehenen Musikers der Residenz, vor. Bald saßen wir iin traulichen Gespräche beisammen. — Bettina entwickelte eine glänzende Unterhaltungsgabs. Ich »var bald ganz in Beschlag 306 von ihr genommen, und Röschen hörte nur still lächelnd zu. Am Abend kam der Förster aus dem Walde, und nun blieben wir noch lange beisammen, bis der Mond hoch am Himmel glänzte. Ich kam des andern Tages wieder und jeden folgenden Tag. Bettina blieb auch; ich wurde jeden Tag vertraulicher mit ihr, so das; ich indes; nicl^ merkte, wie Röschens Wangen anfingen bleicher zu werden. Da kam der letzte Tag der Anwesenheit Bettina's. Ich hatte das geistreiche übermüthige Mädchen, das stets voll Neckereien und toller Streiche war, liebgewonnen, ja mich zu sehr in die schwarzen Augen vertieft. So saßen wir die letzten Stunden allein in der Laube, denn Röschen war in's Dorf gegangen, einem kranken Holzhauer stärkende Speisen zu bringen. Bettina war stiller, wie sonst, ihre Stimme klang weich, fast wehmüthig. Sie sprach davon, wie glücklich ich bald sein werde, wie sie wohl oft an mich denken und wie ich sie bald vergessen werde. „Nein das werde ich nie", rief ich betheuernd aus und küßte sie. Da grollte draußen ferner Donner, und ein Blitzstrahl erhellte grell die Laube, und vor uns stand Röschen, bleich und mit den blauen Augen mich groß anschauend. Mit einemmale war ich wieder erwacht von meinem wilden Taumel, der mich plötzlich erfaßt, und von Scham überwältigt, stürzte ich Röschen zu Füßen. Doch sie war fort. Sinnenlos stürzte ich fort, nicht achtend, daß drohend schwarzes Gewölks den Himmel bedeckte. Bald brach auch das Unwetter mit furchtbarer Wucht los. Der Sturm wüthete, daß die Tannen ächzten unter seiner Kraft, grelle Blitze erleuchteten der Wald, der Donner krachte und ein wahrer Wolkenbruch rauschte hernieder. Doch was kümmerte mich all' das. Ich sah nur Röschens bleiches Gesicht und die ernst mahnenden blauen Augen. So irrte ich im Walde umher, und das Gewitter hatte längst aufgehört, als ich ganz durchnäßt nach Hause kam. In jener Nacht habe ich kein Auge zugethan, und erst am Morgen überfiel mich ein wohlthuender Schlaf, aus dem ich erst gegen Mittag erwachte. Ich mußte bleich ausgesehen haben, als ich zu Tische kam, da mich der Onkel sorglich fragte, ob ich denn krank sei. Ich gab eine ausweichende Antwort und zagenden Herzens machte ich mich Nachmittags auf den Weg in den Forst. Im Forsthause war Niemand anwesend, als der Jägerbursche, der sagte, der Förster sei in dienstlichen Angelegenheiten in die Residenz gereist und Röschen sei mit Bettina ebenfalls dahin abgegangen, um längere Zeit dort zu verweilen. Ich sah nun, daß ich mein Spiel verloren und mein Glück leichtsinnig verscherzt hatte. Ich ging betrübt fort, und im Walde warf ich mich in's kühle Moos und mußte bitterlich weinen. Ich verweilte in Grünthal noch einige Tage, die ich dazu benützte, durch den Wald zu streifen und meinen trüben Gedanken nachzuhängen. Dann packte ich meine Effekten und ging an meinen neuen Bestimmungsort ab, wo ich als Arzt meine Praxis eröffnete. Ich schrieb einigemale an Röschen Briefe, worin ich flehentlich um Verzeihung bat. Endlich kam die Antwort, sie habe mir verziehen, jedoch seien wir vor der Hand geschieden, sie wolle meinem anderweitigen Glücke nicht im Wege stehen und die Zeit müsse erst lehren, ob meine Gesinnungen von Dauer seien. Alle weiteren Briefe kamen uneröffnet zurück. Was ich den Winter über gelitten und geduldet, das weiß Gott allein. III. Der Winter war vorüber und die ersten Blümlein sproßten. Es war Osterzeit. Die Feiertage, wollte ich bei meinem Onkel zubringen, und nicht ohne Hoffnung, auf ein Zusammentreffen mit Röschen reiste ich ab. Der'Onkel empfing mich ernster als sonst; er wußte wohl um das, was zwischen mir und Röschen vorgefallen war. Als wir bei Tische saßen, bemerkte der Onkel, er würde Nachmittags in das Forsthaus gehen, da Rosa schwer, zum Sterben schwer krank sei. Ich solle ihn begleiten. Was ich dem -Onkel antwortete, weiß ich nicht; ich kann mich nur noch erinnern, daß es mir dunkel vor den Augen wurde und ich Mühe hatte, nicht über den Stuhl hinabzugleiten. Nach Tisch machten wir uns auf den Weg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Der Onkel war schweigsam, und ich war vollends zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dqH 307 ich an das Reden gedacht hätte. Unter der Thüre des Forsthauscs erwartete uns oder vielmehr den Onkel schon der Vater, der uns stumm die Hände reichte. Der sonst starke Mann hatte Thränen im Auge. Der Onkel betrat das Krankenzimmer und hieß mich warten. Nach einer Viertelstunde, die mir eine Ewigkeit dünkte, kam er heraus und sagte mir, Rosa wünsche mich allein zu sprechen. Mit welchen Gefühlen betrat ich den mir heiligen Raum. Da lag das einst so blühende, liebliche Wesen bleich und abgemagert auf seinem Schmerzenslager; nur zu gut sah ich, daß das theure Leben am Erlöschen sei. Nur die Augen leuchteten wie sonst milde und seltsam klar. Ich kniete nieder und benetzte die dargebotene Hand mit heißen Thränen. Röschen redete freundlich, tröstete mich und sagte, wie sie mich noch immer liebe. Ich war trostlos und weinte in namenlosem Schmerze. Sie sagte lächelnd: „Theodor, jetzt weiß ich's, daß Du mich noch liebst, vergiß mich nicht, wenn ich nicht mehr bin." Dann zuckte eS seltsam um ihre Lippen, ihr schönes Auge blickte mich fragend und ängstlich an. Dann lächelte sie mich an und blickte auf das Crucifix, das sie krampfhaft in der linken Hand hielt. Ich war ängstlich aufgesprungen und hatte sie umfaßt. Ich hielt einen kalten Körper in meinen Armen, Ruhig war ihr sanfter Geist entschwunden. Ein leiser Windhauch fuhr durch die Linde, die mit ihren grünen Zweigen zum Fenster hcrcinnickte. Drunten im Garten flötete eine Amsel ihr erstes Frühlingslied. Mir drohte es das Herz zusammenzuschnüren, dann schwindelte es mir vor den Augen, und bewußtlos brach ich zusammen. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem Zimmcr des Pfarrhauses. Der Onkel saß an meinem Bette. Er drückte mich sanft in die Kissen zurück. Allmälig kam mir das Geschehene zum Bewußtsein. Ich wollte ausstehen und sie noch einmal sehen. Ueber die sanften Züge des Onkels glitt ein schmerzliches Zucken und traurig sagte er: „Armer Junge, Du hast lange geschlafen, Röschen ruht schon zwei Tage drüben auf dem Kirchhofe." — Da zog wildes Weh durch mein Herz und weinend sank ich zurück. — Nur langsam erholte ich mich wieder. Ein Ncrvenfieber hatte mich an den Rand des Grabes gebracht, nur die Jugendkraft hatte Widerstand geleistet. Als ich endlich, noch immer schwach, das HauS verlassen durfte, war mein erster Gang auf den Fricdhof. In einer traulichen Ecke hatten sie Röschen gebettet, auf ihrem Grabe blühten die ersten Rosen, eine junge Tanne beschattete den Hügel, in dem auch mein Glück begraben lag. Lange blieb ich dort bei dem theuern Hügel und hätte am liebsten auch gleich mein Haupt niedergelegt zum Sterben. Doch habe ich damals gelobt, ihrem Grabe stets nahe zu bleiben, und ich hab's auch so gehalten. Als ich wieder hergestellt war, kaufte ich mir in Grünthal ein schmuckes Häuschen und eröffnete meine Praxis. So bin ich jetzt schon über dreißig Jahre einsam geblieben, und zu dem ersten Grabe sind noch zwei gekommen, die mir theuer sind, das Grab des Försters und das meines Onkels. Ich hüte sie treu und sobald der Frühling immer kommt, sprossen unzählige Blumen auf den theuern Grabeshügeln. Jeden Abend gehe ich hinüber, dort zu beten, und da rauscht es manchmal seltsam durch die Aeste der Tanne über Röschens Grab, und das kommt mir stets vor. wie ein Gruß von ihr. So warte ich denn, bis sie auch mich begraben unter der grünen Tanne und ich vereinigt werde mit meiner todten Braut, mit Röschen. Reisebilder aus der Herzegowina. Es war im Monate Dezember 1878, als ich nach einer stürmischen Seereise auf dem adriatischcn Meere über Spalato und Eign in dem auf dem Gebirge Prolog gelegenen Bilibrig ankam, um mich durch den in diesem Gebirge gleichnamigen Paß nach Livno zu begeben. Die Straße von Spalato bis Bilibrig läßt nichts zu wünschen übrig, bis hieher hatte ich auch den Weg per Wagen zurückgelegt: sobald man aber die dalmatinische Grenze bei der auf der Höhe des Bergrückens gelegenen (sonst türkischen) Palanke Prolog 308 erreicht hat, hört die Gemüthlichkeit und die Möglichkeit des Wagenverkehres auf; denn der Abfall ist außerordentlich steil und der Weg mit Felsspitzen derart übersät, daß an einzelnen Stellen sogar Saumthiere schwer dort fortkommen können. > Aus diesem Grunde hatte ich mir in Bilibrig, welches nur aus einem Zollhause nebst den nöthigen Waarenmagazinen besteht für mich, und meinen Diener zwei Türken mit ihren vier Tragthieren aufgenommen, und so zogen wir denn in Gottesnamen weiter. Es wurde Abend, endlich finstere Nacht, die eisige Bora heulte ihr bekanntes Lied und jagte dichte Schneemassen vor sich her; hiezu noch tiefer Schnee und Glatteis, so daß ich nach beiläufig einer Stunde Marsch, als der Abstieg gar zu steil wurde, absitzen und zu Fuße weiterwandern mußte, um nicht in einen der vielen oft viele Meter tiefen Abgründe zu stürzen. Dieses zu Fuß Wandern ist eigentlich eine Erholung; denn das Reiten auf einem hölzernen, mit einer schlechten, dünnen Decke versehenen thurmhohen Packsattel, statt der Steigbügel Stricke, auf einem schwachen mageren Thiere gehört eben nicht zu den Genüssen des Paradieses. Zu bemerken ist noch, daß auf dieser sogenannten Straße von Schutzmauern oder Barrieren keine Spur vorhanden ist. Den Türken kümmert es sehr wenig, ob da Menschen und Thiere hinabstürzen oder nicht, er raucht seinen Tschibuk und setzt, dem Fatum vertrauend, seinen Weg in ruhiger Beschaulichkeit auf seinem kleinen Pferde fort. Dieser Weg ist die einzige Handelsverbindung zwischen Dalmatien und Livno, der ganze durch die österreichische Occupation Bosniens und der Herzegowina so sehr gesteigerte Gütertransport, welcher mittelst Tragthieren betrieben wird, geht über diese Linie und ist diese Straße durch dieselben so ausgetreten, daß sich den ganzen Abhang entlang förmliche Hügel und Thäler gebildet haben; Hügel von Hügel ist etwa einen starken Mannesschritt entfernt und man muß von einer Erhöhung zur anderen wie eine Gemse springen, was bei Schnee und Glatteis gewiß nicht den Annehmlichkeiten des Lebens beigezählt werden kann; oft verengert sich der Weg so sehr, daß man nur knapp an einem Abgrunde vorüberkommen kann, während sich auf der anderen Seite der Fels steil wie eine Mauer erhebt. Der eisige Sturm, das Schneegestöber und die hiedurch vermehrte Finsterniß des Abends, sowie die eben geschilderten Schwierigkeiten der Passage bestimmten nun auch meine Türken, trotz ihres Kismet-Vertrauens von ihren kleinen Thieren herabzukriechen, welchen sie sonst nicht leicht eine Erleichterung gewähren, sollte auch die arme Creatur vor Müdigkeit unter ihrer Last zusammenbrechen — aber es galt ihr eigenes theures Ich! - So wanderten oder vielmehr hüpften wir durch volle vier Stunden weiter, bis wir durch eine tiefe Schlucht und ein dünnes Tannengehölz etwa um 11 Uhr Nachts am Fuße des Prolog ankamen. Hier sollte sich, wie mir die Türken sagten, ein Han (türkisches Gasthaus) befinden — Han Prolog genannt — wo ich meinen müden, erstarrten Gliedern und meinem nach Nahrung verlangenden Magen einige Erholung zu verschaffen hoffte; allein der viel- gcrühmte Gasthof wollte sich nicht zeigen; so viel ich mich auch zu orientiren bestrebte, ich war nicht im Stande, irgend ein Gebäude zu entdecken, bis mir endlich besagte Türken einen rechts von der Straße gelegenen, aus Weidenruthen geflochtenen Gegenstand wiesen, d r eine täuschende Ähnlichkeit mit einem riesigen Korbe hatte. Hier also sollten wir unsere müden Häupter hinlegen! Die Pferde wurden in einer weiter abseits gelegenen verfallenen Ruine eines primitiven Schuppens untergebracht, dessen morsches, mehr illusorisches als wirkliches Strohdach dieselben nur wenig vor der Tücke des Wittcrs schützen konnte; ich selbst mit meinem Diener aber kroch durch eine niedere, enge ^effnung in den besagten Korb. Beinahe der ganze innere Raum war durch sechs Türken besetzt, welche um ein auf dem Fußboden brennendes Feuer mit untergeschlagenen Beinen saßen, den obligaten 309 Tschibuk rauchend und den dem Türken gleich unentbehrlichen mit dem Satze gekochten .Kaffee schlürfend. Durch die luftige Bauart dieses Hotels war für eine genügende Ventilation gesorgt, sonst hatte man bei dem Abgänge einer Esse in dem engen Raume im Rauche ersticken müssen, obgleich diese natürliche Ventilation im Winter bei Schnee und Sturm auch ihre Uebelstände hat; jedenfalls ist aber ein Schnupfen oder Rheuma dem Erstickungstode vorzuziehen. — Bei meinem Eintritts in diesen reizenden Raum stellte sich mir als Wirth ein riesiger Dalmatiner von mehr als zwei Meter Höhe und proportionirtem Körperbaue vor. Nachdem er in einem österreichischen Infanterieregimente als Unteroffizier gedient und seinen Abschied erhalten, hatte er sich kurz nach Beginn der österreichischen Occupation hier niedergelassen und war Wirth und Baumeister in einer Person. In seiner Nationaltracht, der nach orientalischer Art geformten kurzen Jacke von dunklem Wollstoffe, dem oben breiten, vom Knie aber engen Beinkleids von gleicher Farbe, einem rothen türkischen Shawl um die Hüften und einem turbanartig um den Kopf gewundenen braunen mit rothen Streifen versehenen Tuche, dessen Enden an der linken Seite herabhingen, machte er einen, wenn auch fremdartigen, doch eigenthümlich malerischen Eindruck; hiezu die sechs auf der Erde um das Feuer sitzenden Türken, welche mit echt orientalischer Grandezza ihren Tabak dampften — fürwahr, eine für das Skizzenbuch eines Malers gewiß sehr dankbare Gruppe! Wie ich später erfuhr, war dies eine Abtheilung von Zaptiehs, türkische Sicherheitswache, mit ihrem Aga, welche nun im Dienste der österreichischen Regierung auf einer Patrouille begriffen waren, da die Gebirge noch eine Menge Malcontenter und Raubgesindels beherbergten. Um meinen erstarrten und ermüdeten Gliedern etwas Erholung zu verschaffen, nahm ich auf einem vom Wirthe herbeigeschafften Holzblocke gleichfalls am Feuer Platz und wurde vom Aga mit echt türkischer Gastfreundschaft mit einer Tasse Kaffee und einer Papiercigarrette bewirthet, welche ich, um nicht unnöthig zu beleidigen, auch annahm. Der Türke ist im Stande, stundenlang auf demselben Orte zu sitzen und das Kräuseln des seinem Munde und Tschibuk entströmenden Dampfes zu bewundern. Wenn man einen solchen Raucher beobachtet, wie er mit ernstem Gesichte, nachdenklich scheinendem Blicke und statuengleicher Unbeweglichkeit vor sich hinstarrt, so sollte man ihn mit den ernstesten Problemen des Menschengeistes beschäftiget glauben — aber es ist nichts, er denkt eben gar nichts. Den neueren Türken scheint der Tschibuk doch zu einförmig geworden zu sein, sie greifen daher, um eine Abwechslung in ihr Leben zu bringen, nun auch zur modernen Cigarrette; wohl die einzige Errungenschaft, welche die europäische Cultur bei ihnen gemacht hat, wie ich mich während meines Aufenthaltes im Vilajet von Bosnien und der Herzegowina genügend zu überzeugen Gelegenheit hatte. Auf meine Anfrage, was meinem und meiner Leute hungerndem Magen geboten werden könnte, bot mir der Hotelier schwarzen Kaffee, türkisches Brod (Kruha genannt) und harte Eier als einzige vorräthige Nahrungsmittel an. Nun, dem Hungrigen ist bald gekocht — aber das Brod war trotz dem besten Willen nicht zu genießen, es hat einen dem civilisirten Europäer unerträglichen Geschmack und ist trocken wie Sngespäne; der Hauptbestandtheil dürfte wohl dumpfiges Mais- oder Kukurutzmehl gewesen sein, der Türke und Bosniake verspeist aber diese Kruha mit dem größten Appetite. Glücklicherweise hatte mein Diener von Spalato her noch einen Nest von Wein, kalter Küche, Thee und Rum vorräthig, für mich und den Diener war also einigermaßen gesorgt. Die türkische Gesellschaft saß noch immer in tiefer Beschaulichkeit in ihrer vorigen Stellung, in der Mitte der Aga, eine kräftige Gestalt mit langem weißen Schnurr- und Bollbarte, den rothen Feß auf dem kahl geschorenen Kopfe, einen schlafrockartigen dunkelblauen Kaftan mit Fuchspelz verbrämt, im Gürtel (einem rothen Shawl) türkische Pistolen und Handschar, den türkischen gekrümmten Säbel, zur Seite sein langes türkisches Gewehr von alterthümlicher Form; rechts und links um ihn herum seine fünf Beg^'.wr i.. i.hv lichem Costume und gleicher Bewaffnung. Diese Leute würden, im Gebirge ooer auf offener Straße begegnet, gewiß den Eindruck von blutdürstigen räuberischen Insurgenten gemacht haben (von welchen sie sich im Acußeren auch gar nicht unterscheiden), während sie zu deren Verfolgung ausgezogen waren. Den in österreichische Dienste getretenen ZaptiehS (Gendarmen) waren natürlich die Waffen belassen worden, während alle Bewohner der occupirten Länder entwaffnet waren, mit Ausnahme jener, welche sich noch in den Gebirgen herumtrieben. Um die Bewirthung des Aga wett zu machen, trug ich ihm ein Glas Wein an; er jedoch berührte ganz majestätisch mit der rechten Hand Brust, Mund und Stirne und verbeugte sich ablehnend, da er Wein nicht trinken dürfe, denn der Genuß desselben sei dem Moslim im Gesetze verboten; Thee mit Rum jedoch wurde von den Türken dankbar angenommen. Ich habe überhaupt die Erfahrung gemacht, daß der gemeine Türke die Vorschriften seines Glaubens mit großer Strenge befolgt, wogegen der reiche, „civilisirte", wenn nicht ein zweiter Türke zugegen ist, auch Wein trinkt; meist beginnt wohl die Civilisation mit der Vernachlässigung der Gesetze der Religion, was man häufig „Aufklärung" zu nennen beliebt. Nachdem ich nun mein etwas frugales Mahl beendet und manche Cigarrette verdampft hatte, war es weit über Mitternacht geworden und ich forschte bei meinem Wirthe, wo ich denn mein Nachtlager aufschlagen könnte? Aber da war guter Rath theuer. Endlich wurde doch etwas altes Stroh herbeigeschafft, auf welchem wohl schon so mancher Bosnier oder Türke geruht haben mag, und in einer Ecke des Wcidenpalastes aufgeschüttet. — Die Strapazen des Tages hatten das Ihrige gethan und ich entschlief sehr bald« Allein nicht lange sollte meine Ruhe währen; eine blutdürstige Bande stürzte über mich her, ärger als fanatische Moslim, braune, schwarze und weiße Feinde in einer Unzahl hatten es auf mein Blut abgesehen. Erschrocken sprang ich von meinem sybaritischen Lager auf, und siehe, das sämmtliche Stroh hatte Leben bekommen, das bewegte und regte sich Alles, „bewegte tausend Gelenke zugleich"; ich und mein Diener hatten die größte Mühe, um uns nur einigermaßen von diesem scheußlichen Gezüchtc zu befreie»; von weiterer Ruhe war nun natürlich keine Rede mehr. Pulver in gehöriger Ounntität (Insektenpulver nämlich) befreite mich endlich von meinen Feinden und ich verließ gegen Morgen das mit Tausenden von feindlichen Leichen bedeckte Schlachtfeld. Das Grauen des Morgens fand bereits die Karawane zur Abreise gerüstet, ich bestieg meine Nosinante, und fort ging es über die mit tiefem Schnee bedeckte Ebene. Beide Seiten des Weges sind hier mit Ausnahme der heißesten Sommermonate mit wenigen Unterbrechungen ein fortlaufender Sumpf. Der einzige Abfluß der Gewässer dieser Gegend ist ein links von der Straße bei Han Prolog befindliches trichterartiges Loch, Ponor (Schlund) genannt, welches aber viel zu enge und klein ist, um diese enormen Massen von Wasser aufzunehmen. Nur in den heißesten Sommermonaten vertrocknen die Sümpfe, aber nur thcilwcise, weil sie durch die geringeren Niederschlage aus dem Knrstgcbirge weniger Nahrung erhalten, dafür wird aber auch die Luft verdorben und die Miasmen, welche im Winter und Frühjahre durch die Vor« zerstreut und durch die Kälte zerstört werden, erzeugen oft sehr gefährliche Fieber. Der Weg von Han Prolog bis Livno ist häufig von diesen Sümpfen durchbrochen, so daß die Pferde oft bis über die Sprunggclenke versinken; ja bei nicht genauer Kenntniß des Weges ist die Gefahr vorhanden, daß Roß und Reiter zu Grunde gehen. Dieser Weg ist nun durch die österreichischen Pionniere und Genietruppen recht gut hergestellt, zur Zeit aber, als ich dieses Weges zog, hatte ich noch die Gelegenheit, ihn in seiner vollen, ursprünglichen türkischen Beschaffenheit kennen zu lernen. 311 Im Thale war die Temperatur bedeutend niedriger als gestern auf dem Prolog, und Sturm und Schneegestöber hatten heiterem, ruhigem Wetter Platz gemacht; Wasser und Sümpfe waren unter dem Schnee nur mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, so daß die Pferde fast bei jedem Schritte einbrachen, und wären die beiden Türken nicht als Führer vorausgeritten, ich hätte wohl kaum Livno erreichen können, da der Weg mit Schnee bedeckt und durch gar nichts markirt war; so mancher Reiter sammt Pferd ist i„ diesen Sümpfen schon versunken, um nie mehr das Licht der Sonne zu schauen. Oft begegneten wir langen Karawanen von schwer mit Gütern beladenen Thieren, welche unter ihrer Last kaum fortkamen, die Treiber oft noch auf dem schwer bepackten schwachen Thiere selbst sitzend; der Türke preßt die letzte Kraft aus dem armen, fast immer schlecht genährten Thiere erbarmungslos aus, häufig sah ich verendende und bereits verendete Thiere. Welch einen großen Wirkungskreis würden hier Thierschutzvereine finden! Die Scenerie bietet sehr wenig Reize; der Horizont ist von Gebirgen begrenzt, welche beinahe bar aller Vegetation sind; auf den Feldern ist kein Baum zu sehen, an den Sümpfen hie und da einige verkümmerte Weiden und in den sehr spärlichen Ortschaften und bei einzelnen Hütten wenige verkrüppelte, kümmerlich aussehende Obstbäume, überall aber Schmutz und Verwahrlosung. Die Gebäude sind größtentheils von Flecht- werk, theilweise mit Lehm angeworfen und mit Stroh gedeckt, oft nur Ruinen; die Bewohner zerfetzt, armselig und verkommen; der Eindruck, den Türkisch-Kroatien auf mich machte — denn dieses war eS, welches ich eben betreten hatte — war ein sehr trüber; ich glaubte mich nach Asien versetzt, so fremdartig berührt Alles, dem man in diesen Gegenden begegnet. Nachdem wir mehrere Stunden marschirt, zeigte mir Ibrahim, einer meiner beiden Türken, mit fröhlichem Antlitze seine Heimath Livno, das gelobte Land, wo ich zeitweilig meinen Aufenthalt nehmen sollte. Wir ziehen in einem Thale gegen Westen dahin, welches zu beiden Seiten, von Norden und Süden, von hohen, kahlen, der Karstformation ungehörigen Gebirgen begrenzt ist; diese Gebirge werden nur durch das Severano Blato (nördlicher Sumpf) durchbrochen, welcher sich viele Meilen weit gegen Nordost und Südwest erstreckt und durch die Niederschlüge aus den angrenzenden Karstgebirgen gespeist wird. Der Weg führt über die Bäche Brina, Stadba und Bistrica, welch letzerer in dem Livnoer Gebirge entspringt; die steinernen Brücken, welche hier angebracht sind, ohne Geländer oder Schutzmaucrn. Ueberhaupt sind sowohl Brücken, als Straßen unh Wege in Bosnien mit Ausnahme jener, welche durch unsere Truppen hergestellt wurden, im elendesten Zustande; die einzige Brücke über die Bistrica vor dem Eingänge nach Livno ist europäisch d. h. gut, und wurde durch die in Livno stationirte Geniecompagnie hergestellt. Auf den meisten anderen Brücken können kaum zwei Menschen, geschweige denn Pferde nebeneinander gehen; zudem ist das Steinpflaster elend, aus unbehauenen, spitzen Steinen, sogenannten Katzenköpfen, hergestellt, so daß die Passage besonders zu Pferde oder Wagen, wirklich oft lebensgefährlich ist, da ein falscher Tritt, namentlich zur Winterzeit, den Sturz beinahe unausweichlich macht. Von der Ferne gesehen, macht die Stadt Livno, wie die meisten Städte des Orientes, mit ihren zahlreichen schlanken Minarets, ihrem auf der Anhöhe gelegenen Schlosse einen höchst malerischen Eindruck, man glaubt sich ganz in den Orient versetzt; der größte Theil der Stadt steigt hoch an den Felsen hinauf, die Häuser sehen, durch das Binocle betrachtet, sehr sauber und zierlich aus — meine Türken waren des Lobes voll; ich freute mich bereits nach meiner beschwerlichen Reise auf ein gutes Unterkommen, aber wie bald sollte ich von der Wirklichkeit belehrt werden, wie sehr der äußere Schein trügt. (Schluß folgt.) 312 M i s c e l l e. (U eb e r tr u mp st.) Ein Engländer: „Sie werden kaum glauben, in welch' merkwürdiger Weise ich zu meiner Frau gekommen -bin. Ich unternehme einmal eine Spritzfahrt nach Konstantinopel und fahre mit einem Boot dicht bei den Mauern des Serails vorüber. Plötzlich wird ein Fenster geöffnet und ein schwerer Sack fallt unweit meiner Gondel in den Bosporus. Mit Hilfe meines Fährmanns bin ich so glücklich, den Sack herauszufischen. Aber denken Sie sich mein Erstaune»: als wir den Sack öffnen, kommt eine junge Fran zum Borschein, die, obschon vor Schreck sehr bleich, von wunderbarer Schönheit ist. Sie schildert mir mit einigen überzeugenden Worten und Geberdcn ihre Unschuld an der Eifersucht des Sultans, der sie zum Tode verurlheilt hätte, so daß sie ihr Leben nur meinem Nettungswerke verdanke. Da ich mich in günstigen Verhältnissen befand und sie ihre gute Abkunft beweisen konnte, nahm ich sie zur Frau. Ist das nicht merkwürdig?" — Amerika n e r: „Das will noch gar nichts sagen gegenüber dem Vorkommnis;, welches mich zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich bade einmal, nur mit einer Schwimmhose bekleidet, im Hudson und habe mich dabei ziemlich weit vom Ufer entfernt, als eins der Häuser in der Nähe des Strandes in Brand gerüth. Derweilen ich mich nun beeile, das Ufer, wo meine Kleidungsstücke liegen, zu gewinnen, kommt eine der riesigen neuen Dampsfeuerspritzen angerasselt und in meinem blinden Eifer gcralhc ich beim Schwimmen dicht an das Saugrohr derselben, welches man bereits in den Fluß gejährt hat. Ein plötzlicher Ruck, ein fürchterlicher-- Druck, der alle meine Gliedmassen zu sprengen droht und im nächsten Augenblick fliege ich halb bewußtlos zwei Stock hoch in die brennende Wohnung und in die Arme einer jungen Dame, welche mit schon brennendem Kleide nach Hilfe rufend am Fenster steht. Der Wasserstrahl, der mich in die Höhe schleuderte, löschte die Flammen, aber die Unglückliche verlor vor Ueberraschung und Schreck die Besinnung. Ich hatte noch Geistesgegenwart genug, ihr vorher zuzuflüstern: „Wollen Sie die Meine werden, mein Fräulein?" worauf sie mit erlöschender Stimme antwortete: „Auf ewig!", dann sank sie kraftlos in meine Arme. Als Alles vorüber war, erfuhr ich, daß sie unabhängig und Erbin von 20 Millionen Dollars war, die sie bereitwilligst nebst ihrer Hand ihrem Retter schenkte. So bin ich zu meiner Frau gekommen." Festcantate zur Grundsteinfeier des Denkmals für kidsrlus Iksgnus. Gedichtet von Herrn l)r. Hermann Lingg, in Musik gesetzt von Herrn Seminar-Lehrer Carl Deigendesch. Wenn vom Licht der Klosterzelle Glanz ihr Bildniß überfloß, Und in's wunde Herz die Quelle Süßer Wnndermacht ergoß. Hosfnnngssroh den ersten Stein Fügen wir heut zu künftigen Tagen, Deiner Erinnerung würdig zu sein Möge Dir das Denkmal ragen! Nun umwalle Ge'ang Dein Haupt Wie der Aar in den Höhen kreist, Tu, der so sinnig gedacht und geglaubt, Kühner allumfassender Geist! Forschend in Tiefen, die jchauerumwoben, Schrecken vor ihre Pforten gethürmt, Bist Du durch Fluth und Feuerproben Deinem Jahrhundert vorangcstürmt. Von des Ostens geheimnißvollen, Von der Alten würdigen Rollen Hast Du srühe die Siegel gelöst, Weisheit und Liebe bauen Die Welt seit Ewigkeit Und schiffen Frühlingsauen Aus Nacht und Winterzeit; Allüberall walte Ihr Zauber fort, Verjünge das Alte, Und zwinge das Kalte Mit feurigem Wort! Heil Dir Beherrscher im Reiche der Geister, Deutscher Gedankentiefe Meister, Größter Deiner Zeitgenossen Einer Heimath mit uns entsprossen; Und wie Licht in Finsternissen, So hat auch Dein mächtig Wissen Scheu und Ehrfurcht eingeflößt. «ossnungsiroy oen crnen >Liein Fügen wir heut den künftigen Tagen Deiner Erinnerung würdig zu sein Deinen; frommen Schau'» gewährte, Mehr als Stein und Pflanze gab, Seligkeit, die Hvchstverklärte Möge Dir das Denkmal ragenl Neigte sich zu Dir herab, Auslösung der Original-Charade in Nr. 37: armselig. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Llterarischen Instituts von l>r. M. Huttlcr.