zur „Äugslmrger Pojheitmkg." Nr. 40. Mittwoch, 17 . November 1880. Auf das empfindsame Volk habe ich nie viel gehalten; es werden, kommt die Gelegenheit, nur schlechte Menschen daraus. GSthe. Doktor Arton's Rubrnrrrrg. Von H. v. Götzendorff-Grabowski. Es war nicht zu leugnen, daß Doktor Acton sich von der Mehrzahl der Gentlemen, welche die Ehre hatten, zu den Montagsgesellschaften der Gregory's zugezogen zu werden, bemerkenswert unterschied. So einfach jederzeit seine Kleidung, so anspruchslos sein Benehmen — es lag ein Hauch von Vornehmheit, von Noblesse darüber, der auf kein Mitglied der kleinen, auserwählten Tafelrunde seinen Eindruck verfehlte. Auf kein Mitglied — sagte ich? Das war falsch. Ich vergaß auf einen Augenblick der schönen Makel Harland! Diese junge Dame hatte wahrlich noch keinen Blick an Doktor Lewis Acton's Schönheit verschwendet. Sie wußte nicht zu sagen, ob dieselbe vornehm oder plebejisch zu nennen, sie empfand auch nicht das geringste Interesse dafür, welcher Art Doktor Acton's Konservation und wie seine Verbeugungen ausfielen. „Da war heut ein schwarzhaariger junger Mensch, Mama" — hatte sie sich nach Doktor Acton's erstem Erscheinen bei den Gregory's geäußert, „denn Tante Tabea herein- geschmuggelt. Er ist so etwas wie Doktor. Die Gregory's wollen ihn an Stelle des alten Hepkins zu ihrem Hausarzte machen." „Nun — laß uns hoffen, daß Tante Tabea es nicht bereut!" hatte MrS. Harland in ihrer müden Weise erwidert. „Die Gregory's sind einmal für Alles Neue, meine Liebe. Was mich anbetrifft, so würde ich kaum meinen alten Hepkins um eines unbekannten Menschen willen hingeben, obschon ich gestehen muß, daß er mir bisweilen nicht mehr ganz zuverlässig erscheint." Das war Alles, was man jemals bei den Harland's über Doktor Acton geäußert. Danach existirte derselbe einfach nicht mehr für die Damen von Harland-Park. Makel hatte im Allgemeinen keine Vorliebe für jüngere Männer. Sie schenkte denselben in der Gesellschaft so geringe Beachtung, als sich irgend mit dem guten Ton vertrug — sie speiste sie Alle mit derselben ceremoniellen Verbeugung, mit demselben kalten mechanischen Gesellschaftslächeln ab, und einige gleichgiltig höfliche Antwortphrasen waren das Höchste, was die Kühnheit eines Einzelnen jemals davon getragen. Unter diesen Umständen hielt es die Herrenwelt nicht für angebracht sich noch weiter in Unkosten zu stürzen. Man bewunderte das „Marmorbildniß" als solches, wo und wie es im Glänze seiner kühlen, unnahbaren Schönheit aufstieg, mit schweigender Scheu — und wandte sich dann jenen Augen und Lippen zu, welche — mochten sie gleich weniger vollkommen aus der Hand der Natur hervorgegangen sein — mit gleicher Münze zurückzuzahlen geneigt waren, was man ihnen entgegentrug.... Dr. LewiS Acton war aus einer kleineren Stadt gekommen. Sein Name — vor Kurzem noch unbekannt — hatte durch ein treffliches wissenschaftliches Werk neuerdings 314 auch in der Metropole guten Klang erhalten, und so wagte der junge Arzt die Ueber- sicdelung, da er sich mächtig nach einem umfangreicheren Arbeitsfelds, nach Verwerthung seiner geistigen wie körperlichen Kräfte und Fähigkeiten, nach der Lebenslust der Großstadt sehnte. Er vertraute sein Lebensschifflein mnthig dem großen Strome an, dessen Wogcngebraus bisher nur aus weiter Ferne an sein Ohr geschlagen; er gründete sich inmitten des betäubenden Straßenlärms ein stilles, kleines Heim, welches wie eine Oase in all dem Wirrwar lag — und dann begann das neue Leben. Einige gute Kuren, dem jungen Arzte vom Zufall in die Hand gespielt, machten, daß er bald nicht mehr völlig ohne Patienten war. Es war nicht so sehr Neuerungssucht, als die Ueberzeugung, an Stelle einer alten, überlebten, eine der Zeit entsprechende, junge frische Kraft in Doktor Acton gefunden zu haben, welche die Gregory's veranlaßt hatte, den Wechsel vorzunehmen. Man konnte Mr. Acton eine frappirende Prägnanz der Diagnose, eine große Gewissenhaftigkeit in der Behandlung seiner Kranken nicht absprechen. Man gewann im ersten Augenblick Vertrauen zu ihm und die bisherigen Erfahrungen hatten gelehrt, daß es durchaus rathsam sei, sich den Vorschriften des überaus sicher und energisch vorgehenden Arztes unbedingt zu unterwerfen. „Wir haben uns niemals so wohl gefühlt, als in diesen letzten Monaten", sagte Tante Taböa, die Schwester der Mrs. Gregory gelegentlich zu den Harland's — „das will sagen, seit Doctor Acton unser Leben systematisch regulirte. Seit er unser Hausarzt ist." „Das freut mich", lautete Mabel's kühle Entgegnung. „Wir sind mit Doktor Hepkins noch immer recht zufrieden, und befinden uns Gott sei Dank unter seiner.Fürsorge auch recht wohl." „Aber Mabel, Du mußt doch zugeben, daß Mr. Acton eine ganz andere Persönlichkeit ist, als der fuchshaarige, alte HepkinS. Und ein wenig möchte man doch auch äußerlich sympathisch berührt werden von einem Manne, welchem so unbeschränkt aus- und einzugehen gestattet ist, wie dem Hausarzt l" sagte die kleine, blonde Miß Gregory, sich einmischend. „Mag sein, Ellen, ich habe das Bedürfniß, von welchem Du sprichst, noch niemals empfunden. Hauptsache ist und bleibt ja aber, daß Mr. Acton Euch als Arzt viel gilt und nützt." „Außerordentlich viel, Mabel. Ich kann Dir nur rathen, in ernsten Fällen — vor denen Euch der Himmel bewahren möge — Dein Vorurtheil zu überwinden und Acton zu Rathe zu ziehen. — — Was ich noch fragen wollte —: Besuchst Du heute das Theater, Mabel? Wir werden die Granelli hören." „Ich habe die Absicht. Treffen wir uns dort?" „Vielleicht. Und Montag, Liebste, rechnen wir sicher auf Euch für den Abend! — — Leb wohl! — —" Der Montag Abend vereinigte wieder wie allwöchentlich den kleinen Kreis der näheren Bekannten der Gregory's. M. Lewis Acton befand sich selbstverständlich auch darunter. Der junge Arzt hatte den Vorzug, bei Tisch Miß Mabel Harlnnd gegenüber zu sitzen. Er war sich bewußt, noch niemals mit einem vollen Blick seitens der kalten Schönheit beehrt worden zu sein, und durfte deshalb seinen Augen — diesen ernsten, gedankenvollen, fast ein wenig melancholischen, grauen Augen — furchtlos gestatten, auf dem stolzen, südlich-blassen Mädchenantlitz auszuruhen, dessen dunkle, fremdartige Schönheit ihn bereits gefangen genommen, da er ihm zum ersten Mal gegenüber gestanden. Er versuchte eben, sich diese stolzen, reinen Züge beseelt durch ein von innen Herausstrahlendes Licht vorzustellen, als Mr. Gregory's Stimme seine wachen Träumereien ein jähes Ende bereitete. „Bitte, Acton — wollen Sie Miß Harland von jenem Bordeaux einschenken? Die Flasche steht vor Ihnen." Acton beeilte sich, der Aufforderung Folge zu leisten. Miß Harland streckte nachlässig die Hand mit dem Glase aus; sie hielt es anscheinend nicht für der Mühe werth, ihre Augen bis zu dem Gesicht des jungen Mannes 315 zu erheben. Ihre Züge trugen den gewöhnlichen, gleichgiltigen Ausdruck. Das GlaS war nahezu gefüllt, da zuckte die Hand, welche es bisher so ruhig gehalten, jäh zusammen. In den verschleierten, aurikelbraunen Augen Mabel Harland's flammte es blitzgleich auf — über ihr Antlitz ging ein heißes plötzliches Noth. Was war geschehen 2 Wahrend sich Doctor Acton diese Frage vorlegte, begegneten seine Blicke den ihren; sie wurzelten sekundenlang ineinander — zum ersten Mal im Leben! Und dann wurde Alles wieder, wie es gewesen. Das schöne junge Gesicht des Mädchens sank in seine Alltägliche, kühle Reserve zurück, — nur die Augen entzogen sich für den Verlauf dieses Abends ersichtlich jeder Kontrolle. Sie schienen gebannt durch einen einzigen, an sich unbedeutenden Gegenstand, sie mußten wieder und wieder zu dem Ringe, dem schmalen, kunstlosen Nubcnringe zurückkehren, welchen Mr. Acton am kleinen Finger seiner linken Hand trug.Von diesem Tage an verhielt sich die junge Dame merklich anders gegen den Hausarzt der Gregory's. Unzweifelhaft hatte jener rüthselhafte Augenblick ein geheimnißvolles Interesse für Lewis Acton in ihr wachgerufen; ein Interesse, welches sie veranlaßte, den Gegenstand desselben im Geheimen ununterbrochen zu beobachten. „Er muß arm sein", — äußerte sie eines Tages zu Ellen Gregory, welche das Gespräch zu allen Zeiten auf die Person ihres heimlich angebeteten Mr. Acton zu bringen wußte. „So wenig seine äußere Erscheinung darauf schließen läßt — ich glaube es dennoch." „Du hast nicht so Unrecht, Mabel. Der alte Mrs. Stoward, weißt Du, welcher seine Familie in der Vergangenheit genau kannte, sprach mir neulich im Vertrauen einige Worte darüber. Mr. Acton besitzt einen Bruder, Mabel, der in einem indischen Negimente dient und dort Schulden macht ohne Aufhören. Glaubst Du, daß die Praxis Actons, wie sie hier beschaffen ist, genug abwirft, jene Schulden zu decken? Ich nicht. Und dem ist auch nicht so. Trotzdem will und kann er den Schimpf nicht auf seinem guten, ehrlichen Namen dulden, und — deshalb, gute Mabel, sind seine Wangen so blaß, seine Augen so trüb." „Endlich die Lösung!" sagte Mabel Harland träumerisch, wie zu sich selbst. Danach sank ihr Kopf mit den schweren, dunkelbraunen Flechten auf die über dem Stickrahmen gekreuzten Arme nieder. Ellen Gregor») erhob sich geräuschlos, um zu gehen. „Die arme Seele ist eingeschlafen", sagte sie sich. „Sie sah auch nicht sonderlich frisch auS in den letzten Wochen. Etwa, als ob ein heimlicher Kummer sie guäle. —- Gütiger Himmel — ist denn ein Menschenherz hier auf Erden ganz ohne Leid?!" Miß Harland war seit geraumer Zeit eine leidenschaftliche Theaterfreund»» geworden. Sie liebte es, in Begleitung ihrer Jungfer allabendlich den Weg durch Harland-Park zu Fuß zu machen — und kehrte dann nach beendeter Vorstellung vermittelst eines Mieths- wagens nach Hause zurück. Sie gab an, durch das Bewußtsein, von dein eigenen Gefährt abgeholt zu werden, um alle Ruhe und in Folge dessen um alle Genüssenfreude zu kommen. Sie »volle im Theater erscheinen und verschwinden können nach Belieben, wie es der Moment eben gebe. Hier, »vie fast in Allein, ließ man Mabel gewähren. — Seit jener Montagsgesellschaft mit den» Bordeaux-Jmpromtu schien die schöne Miß Harland in der That von einem fremden Geiste beseelt. Von einem liebenswürdigeren Geiste jedenfalls. Sie vermochte es jetzt, wärmer und mit freundlicherem Ausdruck in Blick und Stimme, mit den Menschen zu reden — ihr Auftreten erhielt den Anstrich von sanfter Weiblichkeit, welcher ihrer Erscheinung doppelten Reiz verlieh. Bisweilen stellte»» sich auch Stunden voll fieberhafter Unruhe — voll räthsclhafter Traurigkeit — ein, oder auf Augenblicke ein Heller Frohsinn, hereinbrechend »vie plötzliches Sonnenlicht. Oft schien es, als seien die Theaterabende — diese Stunden zwischen Aufgang und Niedergang des phantastisch bemalten Bühnenvorhangs — die einzigen, während welcher sie sich wahrhaft glücklich fühlte. Nach beendeter Vorstellung stieg sie dann Abend für Abend »n ein durch die Jungfer von» Halteplatz der Miethsfuhrwerke herübergerufenes Cab, und kehrte, fchiveigsam in die blausammetnen 316 Kissen dieses leichten, kleinen Wagens zurückgelehnt, die Augen träumerisch auf die Gestalt des Kutschers, der in seinem mächtigen schwarzen Mantel wie ein Erzgebilde in die Dunkelheit heineinragte, gerichtet, nach Harland-Park zurück. Mit Doktor Hepkins — welcher in Wahrheit nichts als ein eigensinniger alter Ignorant war, den man in den meisten Familien nur noch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit festhielt, weil man sich daran gewöhnt hatte, ihn als ein Stück alten, unveräußerlichen Hausraths zu betrachten — schien man in Harland-Park auch durchaus nicht mehr so zufrieden, als vordem. Mabel war jetzt in der That der Ueberzeugung, daß Doktor Acton den Andern in jeder Hinsicht übertreffe, aber ich befürchte, sie würde auch ohne diese Ueberzeugung das parfümirte Briefchen mit Freude abgesandt haben, welches Doktor Hepkins das rückständige hausärztliche Honorar nebst dem Dank für seine bisherigen Bemühungen überbrachte. So war nun Mr. Lewis Acton plötzlich nach Harland-Park, zu der leidenden Mrs. Harland gerufen worden. Mabel trat ihm mit ernster Würde, jedoch ohne einen Anflug ihres früheren, verletzenden Hochmuthes entgegen. Sie war in der Folge nicht mit Regelmäßigkeit bei seinen Besuchen in Harland-Park gegenwärtig — aber häufig genug. Und dann endete der ärztliche Besuch nicht selten mit einer traulichen Theestunde im Zimmer der Mrs. Harland. Diese Theestunden, so kurz und ereignißlos sie hingingen, standen in der Erinnerung wie Sterne da für Doctor Lewis Acton — dessen dunkles Leben wundersam verklärend.. Seine einsame Seele fand nirgends Befriedigung, als hier — in dem kleinen, dämmerigen Raum mit der grünverhängten Lampe, mit der Bronze-Tapete und all' den alten, hochmüthigen Harland - Portraits, — in der Gesellschaft der geduldigen, blassen Frau und der schönen, ruhigen Mabel, über deren träumerischen Augen es jetzt bisweilen wie ein feuchter Schleier lag, wie Morgennebel, den die Sonne bereits verheißungsvoll durchleuchtet!-- „Ich möchte wissen, ob ich von der Vorsehung dazu bestimmt wurde, ein Märchen zu erleben!" sagte sich Doktor Acton bisweilen, wenn er Abends durch die lange Ulmen- allee von Harland-Park seinen Heimweg antrat, — vor sich und hinter sich Nacht, über sich die schweigsamen Sterne. — „Und dann auch — wie dieses Märchen enden wird! Was ist dieser Mabel Harland durch den Sinn gegangen, als ihre Hand den Bordeaux verschüttete, und ihre kalten Augen zum ersten Mal die bestrickende, gefährliche Sprache der Leidenschaft sprachen?!"- (Schluß folgt.) Reise-il-er aus der Herzegowkua. (Schluß.) Etwa um die dritte Nachmittagsstunde am heil. Weihnachtsabende langten wir an der letzten Brücke über den Bistricabach, welche unmittelbar vor Livno steht, an. Die so romantisch gelegene Stadt hat mit wenigen Ausnahmen nur hölzerne, riegelwandartige, mit Koth beworfene und mit Kalk bestrichene Häuser sehr primitiver Bauart, sehr viele sind nur aus Weidengeflecht, denen durch Lehm einige Festigkeit gegeben wurde, die Bedachung ist meist Stroh und Holz, aber derart mangelhaft, daß es fast überall hinein- regnet; bei heftigem Sturme (Bora), welcher hier sehr häufig ist, schwanken diese Häuser hin und her, daß man sich auf einem Schiffe im Meere zu befinden wähnt und in Gefahr kommt, seekrank zu werden; durch Fenster und Thüren, ja durch die Wände weht der Wind, so daß ich mich angekleidet, mit der Mütze auf dem Kopfe, zu Bett legen mußte, um der Kälte und dem Winde zu widerstehen. Die bestgebauten und größten Häuser der reichen türkischen Begs wurden größtentheils während der Beschießung Livnos durch die Occupationstruppen zerstört, so daß die Stadt voll von Ruinen ist; es war dieses ein großer Verlust für die Truppen, da hiedurch sehr viele, ja die meisten und besten Unterkünfte für sie verloren waren; denn die größten Häuser sind nur einstöckig, mit — 317 - zwei bis drei Zimmern im ganzen Hause, die kleinsten Häuser aber sind n^r Hütten aus Birkengeslecht mit nur einer Räumlichkeit. Unter den zerstörten Gebäuden gab es Häuser von ziemlich solider Bauart mit großen Räumlichkeiten. Die Stadt ist gepflastert, aber wehe dem, der mit europäischer Fußbekleidung hier viel gehen muß, denn die Pflasterung besteht aus den schon erwähnten „Katzenköpfen" und ist so unregelmäßig, daß daS Gehen, besonders aber das Reiten beinahe gefährlich wird; im Winter kann man in europäischen Stiefeln die Stadt, deren Straßen sehr steil den Berg, an welchen Livno sich lehnt, hinaufführen, ohne Steigeisen gar nicht durchschreiten. Auf dem Punkte der Stadt steht die Festung mit der Ojumia. Aluviorr (Hauptmoschee) von einer Mauer umgeben, jedoch in echt türkisch verwahrlostem Zustande; sie wird von den ganz nahen Felsen beherrscht; um diesem Uebelstande etwas abzuhelfen, sind auf der Höhe drei Kulas, d. i. festgemauerte runde Thürme zur Vertheidigung errichtet, welche auch bei der Einnahme Livnos theilweise zerstört wurden. Von irgend einem europäischen Comfort ist hier keine Spur; ja nicht einmal Bettstätten findet man. Der Türke sowie der Christ schläft angekleidet auf einer längs den Wänden des Zimmers angebrachten, ein bis anderthalb Schuh hohen, kistenartigen Erhöhung, welche mit einem Teppiche bedeckt wird: Stühle und Tische findet man nur bei den wohlhabendsten Leuten und zwar erst seit der Occupation; Tischtuch, Serviette, Gabel sind unbekannte Größen, da der Bosnier mit bloßen Fingern in die Schüssel greift. Stühle sind den Leuten eigentlich ganz unnöthig, da sie sich nach türkischer Art mit untergeschlagenen Beinen auf den Fußboden oder die oben erwähnte, kistenartige Erhöhung niedersetzen. Um Tische, Stühle und Bänke zu erhalten, mußten die Occupa- tionstruppen sich solche aus alten Kisten, worin der Zwieback transportirt wurde, selbst herstellen. Livno hat etwa 5000 Einwohner, wovon die Hälfte Katholiken, der Nest aber Türken und Serben (d. i. nichtunirter griechischer Religion) sind; Juden sind nicht ansässig und kommen nur sporadisch vor, wenn „Geschäfte" zu machen sind. Die Kleidung ist durchgehends türkisch, meistens aber recht schmutzig und zerrissen. Die türkischen Frauen zeigen sich nur mit ganz verhüllten Gesichtern, von denen aber auch gar nichts, nicht einmal die Augen zu sehen sind; sie tragen ein langes, dunkles, mit einem sehr langen Kragen versehenes Gewand und gelbe spitze Schuhe, so daß man auch nicht ihren Wuchs, wohl aber sehr oft recht große Füße ausnehmen kann; die christlichen Frauen gehen unverhüllt mit weiten türkischen Hosen und einer oft recht reichen, mit Goldborten besetzten kurzen Weste, worüber eine mit Pelz besetzte Scrvianka, gewöhnlich aus Tuch und bei den Wohlhabenden wohl auch aus Sammt oder Seide, getragen wird. Die Fußbekleidung ist die der Türkinnen. Die Serben und die Katholiken sind Antagonisten; ja der Serbe zieht den Türken beiweitem vor. Er ist nur Kaufmann und lediglich auf das Geldverdienen, auf welche Art immer, bedacht; die Serben wurden auch von den Türken stets begünstigt, so haben sie z. B. auch eine Kirche in der Stadt, während die Katholiken in das eine halbe Stunde entfernte Franciskanerkloster Gorica gehen müssen, um eine heilige Messe zu hören. Die Katholiken standen überhaupt trotz aller Remonstrationen der Großmächte unter einem furchtbaren Drucke; so durfte» die Franciskaner, denen allein die Erhaltung der katholischen Religion in den türkischen Provinzen zn verdanken ist und die wahre Märtyrer waren, nie in ihrem Ordenskleide, sondern nur in bosnischer Tracht sich außer dem Kloster sehen lassen, ebensowenig durfte ein Priester ohn« Erlaubniß des Pascha die heilige Messe lesen, Beichte hören, die heiligen Sakramente ausspcnden; diese Erlaubniß wurde aber sehr willkürlich ertheilt; kam aber ein Priester ohne erhaltene Erlaubniß seiner heiligen Pflicht nach, spendete er z. B> in sehr dringenden Fällen, wo eine Erlaubniß einzuholen nicht möglich war, die letzte Oelung, so wurde er mit sehr harter Gefangenschaft, ja barbarischen Leibesstrafen gemaßregelt! Es scheint, daß sich in dieser Beziehung eine christliche Macht, welche sich für einen Culturstaat pur vxoollsnos hält, die Türkei zum Muster genommen habe. Man durfte keine öffentlichen religiöses Umzüge abhalten, zum öffentlichen Gottesdienste 318 sich nicht versammeln und Glocken dursten nicht gelautet werden, die Priester durften überhaupt keine öffentlichen Functionen ausüben. So wurde im Dezember 1878 seit 400 Jahren das erste Mal wieder in der Kirche der heiligen Apostclfürsten im Kloster Goriea das heilige Weihnachtsfest und im darauffolgenden Jahre das heilige Osterfest und die Frohnlcichnamsproccssion gefeiert. Wie rührend und erhebend war diese heilige Feier, wie viele Priester und Laien sah man Freudenthränen vergießen! Das FranciSkanerlloster Goriea ist ein geräumiges, solid gebautes Gebäude; hier war das Verpflegungsmagazin für die in Rayon Livno dislocirten Occupationstruppen untergebracht. Die Kirche der heil. Apostelfürsten Petrus und Paulus ist sehr groß und geräumig, mit einem einfachen zicrdelosen Altare mit nur wenigen, jeden Kunstwerthes entbehrenden Bildern versehen (ich glaube höchstens drei). Es macht auf den gläubigen Besucher einen wirklich wehmüthigen Eindruck, den göttlichen Heiland in solch gar einfacher Behausung zu wissen. Diese für die ganze Gegend so segensreich wirkende Kloster- gemeinde ist eben sehr arm, ohne jeden Besitz und nur auf Unterstützungen angewiesen. Kloster und Kirche verdanken ihr Bestehen lediglich der Munificcnz des österreichischen Kaiserhauses. Erst seit der Occupation besitzt diese Kirche eine schöne Monstranz, welche ihr das nun in Wien stationirte k. k. 17. Infanterieregiment Baron Kühn bei Gelegenheit seiner Anno 1879 dort gefeierten Fahnenweihe widmete, und anständige Ornate, welche sie nebst einer Geldspende von 200 fl. von Ihrer Majestät der verwittweten Kaiserin Maria Anna Pia aus Prag erhielt;, es wäre sehr zu wünschen, daß sich noch einige fromme Gönner für dieses Kloster fänden, da noch sehr viel für den heiligen Dienst bcnöthigt wird, z. V. eine Orgel, Baldachin, Kleider für die Ministranten, anständige Altartücher rc. Der bosnische Katholik ist zwar sehr fromm und opferwillig, aber fast durchgehends arm. Die Schulen werden durch die Franciskaner und die barmherzigen Schwestern versehen, welche in Livno eine kleine Communität (jedoch ohne Kirche) bilden und deren aufopfernde, selbst von den Türken in höchstem Grade anerkannte Nächstenliebe man nicht genug hervorheben kann; auch sie sind ganz arm und auf die Unterstützung frommer Christen angewiesen. In der Zeit, welche ihnen der Unterricht und die Krankenpflege übrig läßt, verfertigen sie weibliche Handarbeiten und reinigen selbst Wäsche für Andere, um sich etwas für ihren Unterhalt zu verdienen; es ist wohl unnöihig, zu erwähnen, wie gering dieser Verdienst sein kann. Vor Jahren bestand in der Stadt auch noch eine katholische Capelle; diese wurde aber von den Türken schon längst gänzlich demolirt und die Steine zum Baue einer Moschee verwenvet, deren es hier eine Menge gibt. Der Türke ist seinen religiösen Vorschriften sehr treu und eS wäre sehr zu wünschen, daß sich so mancher Christ hieran ein Beispiel nähme! Drei Mal des Tages, bei Tagesanbruch, des Mittags und Abends singt der Meuzzin von der Galerie der Minarets gewisse, täglich wechselnde Koranstellen und Gebete ab, was einen ganz eigenthümlichen Eindruck auf den Hörer hervorbringt; am Freitage, dem Sabbathe der Türken, sind alle DjamiaS (Moscheen) angefüllt und wer Gelegenheit hatte, diese Beter zu beobachten, wird sich über die tiefe Andacht und Ruhe derselben nur lobend aussprechen können; ich kann auch nicht umhin, hier zu constatiren, daß der Türke hinsichtlich der Ehrenhaftigkeit und der Treue im Halten eines gegebenen Versprechens dem Serben weit voransicht. 'Noch muß ich der vielen herrenlosen Hunde erwähnen, welche hier, sowie in allen türkischen Städten vorkommen; sie sind ganz harmlos und nähren sich von Abfüllen rc., welche hier ganz einfach auf die Straße geworfen werden; sie erfüllen also die Obliegenheiten einer Art SanitätSpolizeit. Der Schmutz und die Unordnung sind grenzenlos; wenn auch durch die Occupation. bezüglich der Reinlichkeit ein entschiedener Fortschritt constatirt werden muß, so bleibt doch noch außerordentlich viel zu wünschen übrig; so gehen z. V., um nur Eines zu erwähnen, die ArKgüsse der Häuser auf die Straße heraus und man muß ja nicht zu nahe an den Häusern gehen, wenn man nicht eine recht 310 unangenehme Befeuchtung erleben will. Statt der Singvogel, wovon mir in der ganzen Gegend keine vorkamen, findet man hier- eine Unmasse von Dohlen, Krähen, Raben, welche alle Dächer und Mauern bedecken. Einkehrhäuser gibt es in Livno gar keine; erst seit der Occupation bestehen einige primitive Gast- und Kaffeehäuser. Die seit früher bestehenden türkischen Kaffeehäuser verdienen diesen Namen gar nicht; denn es sind elende, schmutzige, ebenerdige Räumlichkeiten, nur von der Hefe des Volkes besucht; die Gäste sitzen einfach auf dem Fußboden herum, da von Tischen und Stühlen hier nicht die Rede ist, rauchen ihren obligaten Tschibuk und trinken türkischen (mit dem Satze gekochten) Kaffee; statt aller sonstigen Musik wird anf der Gusla (einem primitiven, mit vier bis sechs Stahlsaiten bezogenen, mandolinartigen Instrumente) geklimpert und dazu zeitweilig ein wildes, unarticulirtes Geheul ausgestoßen, was man unmöglich Gesang nennen kann: überhaupt findet man in Bosnien nicht den geringsten Sinn für Musik — am allerwenigsten aber unter den Türken, welche dieselbe förmlich hassen. Der Türke liebt vor Allem die Ruhe, jeder Lärm ist ihm ein Greuel; man sieht sie an ihren Feiertagen und auch sonst vor ihren Häusern sitzen und mit dem Turban auf dem Kopfe stundenlang unbeweglich ihren Tschibuk rauchend vor sich Hinstarren, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken, aber in der That gar nichts denkend. Noch muß ich eines höchst interessanten Nnturschauspicles erwähnen, nämlich der Quelle des Bistricabaches, welcher aus dem Felsen, an welchen sich Livno anlehnt, sehr mächtig hervorbricht und einen prachtvollen Wasserfall bildet; das klare Wasser vom schönsten Azurblau strömt dann unter Bildung kleinerer Katarakte mit lebhaftem Falle durch und theilwcise um Livno herum. Der Karst, zu dem auch die hiesigen Gebirge zählen, bildet überhaupt viele Höhlen und Löcher, aus denen bald, wie hier, mächtige Gewässer entspringen und auch wieder, wie bei Han-Prolog, in solchen Löchern wie in einem Trichter verschwinden. Knapp an der Mündung dieses Wasserfalles (rechts und links von demselben) befinden sich zwei Höhlen, deren rechts gelegener nach längerem Regen gleichfalls Wasser entströmt, welches einen zweiten ähnlichen Wasserfall bildet; in dieser sowie in der zweiten links gelegenen Höhle nisten zahlreiche wilde Tauben. Diese letztere Höhle hatte ich Gelegenheit, etwas näher zu untersuchen; der Eingang ist ein ziemlich enges dreieckiges Loch, in dessen Inneres man aber nur kriechend und ziemlich mühsam eindringen kann; bald jedoch dehnt sich diese mächtig aus und man hat Gelegenheit, die schönsten Stalaktytengebilde von den abenteuerlichsten Formen zu bewundern, man kann stundenlang darin vordringen, ja die Leute behaupten, daß noch ein zweiter Ausgang eristire, der erst nach tagelangem Wandern darin zu erreichen sei. Nachdem ich nun über eine der unwirthbarsten Gegenden Bosniens berichtet habe, werde ich nächstens über meine weitere Reise durch prachtvolle Wälder und lachende Thäler zu referiren die Ehre haben. (W. Vtl.) M i s e e l l e n. (Die Bienen als Soldate n.) Daß die Bienen wegen ihres Stachels gefürchtet sind, sich damit auch tüchtig wehren und vertheidigen können, ist allgemein bekannt; daß sie aber noch mehr auszurichten vermögen als Bürger und Soldaten, davon erzählt die Chronik von Kissingen, Stadt und Badeort in Bayern, ein artig Stücklein. Es war im Jahre 1642, also zur Zeit des dreißigjährigen KriegeS, als die'Stadt Kissingen von den Schweden hart bedrängt wurde. Diese rückten immer näher heran, und wenn auch die Stadt mit einer hohen Mauer umgeben war, so vermochte doch die geringe Besatzung nebst den Bürgern des kleinen Ortes dem kühnen Andrängen der Schweden nicht länger zu wiederstehen. Die Gefahr stieg aufs Höchste, die Schweden waren schon bis an die Mauern herangerückt, da faßte ein Bürger, Peter Hein, den kühnen Gedanken, die in der Stadt vorhandenen zahlreichen Bienenstöcke herbeizuholen und sie oben von den Mauern hinab auf die Schweden zu werfen. Dies geschah und die durch den jähen Sturz aufs Höchste erzürnten Bienen richteten unter den Schweden eine solche Verwüstung an, daß diese die Belagerung aufhoben und abzogen. Die Stadt ward durch die Bienen gerettet. (Kinderphantasien:) Paul und Arthur rühmen gegen einander ihre Papas. „Mein Papa ist so groß wie Euere Gartenmauer!" sagte Paul. -- „Mein Papa ist noch größer," antwortete Arthur, „er kann sogar über die Gartenmauer hinwegsehen." „Das kann mein Papa auch, wenn — er seinen Hut auf dem Kopfe hat!" — Der Bäcker, welcher gegenüber wohnt, ist gestorben. Martha betrachtete am Tage darauf sehr genau beim Essen das Schwarzbrot», das an Stelle des sonst vorhandenen Weißbrodes auf dem Tische steht. „Mama!" sagte sie endlich nach einigem Nachdenken, nicht wahr das Brod hat Trauer, weil der Bäcker gestorben ist?"— Zwei kleine Mädchen begegneten sich auf der Straße: „Weißt Du schon," begann die ältere von Beiden zu sprechen, „wir Habenein kleines Brüderchen bekommen. Es war nur gut, daß die Mama zu Hause war, denn der Papa ist nun schon seit acht Wochen verreist." Das neue Dienstm ädchen.) Frau Baronin: Wie heißt du?" —Dienstmädchen: „Hermine." — Frau Baronin: „Geht nicht! Werde dich Minna nenncn.i Meine Tochter heißt Hermine." — Dienstmädchen: „Verzeihen, gnädige Frau Baron n, könnte nicht Baroneß Hermine Minna heißen? Ich heiße schon achtzehn Jahr Hermine, Baroneß aber erst seit drei und ist an den Namen noch nicht so sehr gewöhnt wie ich. Mit lächelnder Miene hörte ich kürzlich einen Vater das Loos seiner drei Töchter erzählen. Die eine, sagte er, hat der „Teufel" geholt; die zweite hat den „Korb" bekommen und die dritte hat „Kummer". Und dazu konnte der alte Vater lachen? — Ja und mit Recht; denn so hießen die ehrenwerthen Männer, die seine Töchter geheirathet. (Rücksichtsvoll.) Condukteur: „Wie kommt er denn mit seinem Billet dritter Klasse da in die erste Klasse? Heraus!" „Wissn'n S', ich han da grad ein Korb mit Käs', der ein Bisse! stark riecht, und weil der Wagen da leer war, so hab' ich gedacht, ich setz' mich da nein, da genirt's Niemand." (Verlorene Abende.) „In diesem Monat," sagte die Gattin beim Morgenkaffee, „habe ich Buch geführt. Du bist 28 Mal nach zwölf Uhr Nachts nach Hause gekommen und nur drei. Abende zu Hause gewesen." „Scheußlich!" seufzte der Gatte zerknirscht. „Die schönen drei Abende so zu verbummeln!" (Im Schuhmacherlaben.) Verkäufer: „Sie werden mit diesen Stiefeln zufrieden sein, mein Herr. — Diese Waare erfreut sich allgemeinen Beifalls und eines Absatzes." — Käufer: „Na dieses Letztere scheint mir nun gerade keine Empfehlung." (Mißglückte Schonung.) Untersuchungsrichter: „ Sie haben also Ihren Gegner im Duell nicht vorsätzlich getödtet?" „Nein im Gegentheil: ich wollte daneben schießen und habe gefehlt!" (Vor einem Berliner Gericht.) Richter:- Sie haben sich dem Gastwirth gegenüber für einen Gutsbesitzer ausgegeben. — Hochstapler: Nein das nicht; ich habe nur gesagt: „Ich besitze ein großes Gut". — damit meinte ich die Gesundheit. * Original-Eilben-Räthsel. * Das erste Glied sucht Mancher zu erstreben, Um ohne Noth und sorgenfrei zu leben; Man wünscht ihm Glück, wenn er sein Ziel erreicht. Durch's letzte Paar gelangt an Ort und Stelle — Die Kunde mancher wichtigen Novelle, Die oft erfreut, auch oft die Wangen bleicht. Des Ganzen hartes Loos ist: fremden Willen Stets mehr als seinen eig'nen zu ersüllen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.