nternaktunasolatt zur „Angsbnrger Postzeitimg." 1880. Nr. 43« Samstag, 27. November Mein Verzeichnis; von Bösewichtern wird mit jedem Tage, den ich älter werde, kürzer, und mein Register von Thoren vollzähliger und länger. Schiller. Das Blumenmädchen. Ein Berliner Straßenabenteuer, erzählt von Max Wolsf. „Eine Nose, schöner junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" „Von Herzen gern, meine liebe Kleine! Den ganzen Korb voll, wenn ich nur wüßte, wem ich sie geben könnte!" „Ei! wem denn sonst, als Ihrem Schatz, lieber Herr?" „Meinem Schatz? Du guter Gott, das ist leicht gesagt! Ich habe ja keinen Schatz!" „Sie hätten keinen Schatz? Und das soll ich Ihnen glauben? Ein so schöner, junger Herr —" „Wenn Du zum Beispiel mein Schatz sein wolltest —" „Danke vielmals für die Ehre! Aber ich hab' schon einen." „Siehst Du? Das ist ja eben mein Pech. Wo ich anklopfe, komm' ich zu spät. Alles ist versehen und ich muß zuschauen. Mir geht's in der Liebe wie beim Tanzen. „Mein Fräulein, darf ich bitten?" „Danke, bin schon engagirt!" Oder: „Danke, ich tanze nicht!" Oder: „Danke, aber ich bin zu müde!" Hab' ich dann endlich irgend Eine erwischt, die nicht engagirt ist, nicht müde ist und tanzen kann, so wird eine Quadrille gespielt und ich finde kein vis-ü-vis" Die Kleine lachte hell auf. Ich hätte gar nicht gedacht, daß so viel Silber in dem Stimmchen da stecken könnte. „Und was ist denn Dein Schatz?" frug ich sie. „Kellner ist er. Fritz heißt er, und ich bin ihm von Herzen gut. Aber besinne»» Sie sich doch einmal, wem Sie die Rosen schenken können. Sehen Sie nur, wie frisch und prächtig sie sind!" „Eben besinn' ich mich: Draußen vor'm Potsdamer Thor wohnt eine alte Tanks von mir, der will ich —" „Allen Respect vor ihrer Frau Tante! Aber die bekommt meine Rosen nicht!" rief «rtzt die Kleine resolut. „Eine recht schöne junge Dame soll sie haben von Ihnen, und Niemand sonst. Ich will Ihnen etwas sagen" — fuhr sie nach kurzein Besinnen fort — „ich binde die Rosen in ein allerliebstes Sträußchen zusammen, das nehmen Sie, stecken ein Zettelchen hinein, auf dem Sie ein Stelldichein für morgen bestimmen, und geben es dem ersten schönen Mädchen, das hier vorüber kommt." „Bist Du toll? Meinst Du, ich könnte die Frechheit haben und —" Der kleine Kobold lachte wieder hell auf. „Und du meinst wirklich, ein ehrbares Mädchen würbe —'1 Schon wieder tönte das. Gelächter des kleinen Kobolds. 33S — „Aber lieber Herr, warum denn nicht? Man macht sich auf alle Weise, so gut es geht, mit einander bekannt, Fräuleins haben es gewiß so gern, wenn man artig gegen sie ist, als unsereins," „Du scheinst sehr gewandt und erfahren für Deine Kleinheit und Dein Alter, Wie alt bist Du denn schon?" „Sechzehn Jahr, wenn Sie erlauben! Und meine Kleinheit — bis zu Fritzens Mund reich' ich hinauf und das ist hoch genug." „So ! Sieh einmal an! — Aber ich hätte wahrhaftig den Muth nicht! Der ersten besten Dame —" Der Kobold lachte schon wieder. „Den Muth nicht? Ich will Ihnen noch einen Vorschlag machen. Schreiben Sie das Zettelchen, und ich übergebe den Strauß Derjenigen, die Sie mir bezeichnen! Wollen Sie?" „Ich weiß gar nicht — Nun in Gottes Namen! Aber Du wirst sehen, es gibt Unheil! Binde denn den Strauß, während ich schreibe!" Die Kleine begann also den Strauß zu binden, kicherte aber fortwährend und schaute nach mir herüber. Ich zog ein Blatt heraus, trat an eine Gaslampe und fing an zu schreiben: «Dieses Sträußchen prächt'ger Rosen, Rother, weißer, gelber, Willst Du's nehmen? Lieblich bist Du Wie die Rosen selber: Weiß wie Milch und roth wie Blut; Liebes Kind, ich bin Dir gut! . Mein liebes Fräulein, darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie morgen um drei Uhr Königstraßen-Ecke zu erwarten. Ich habe Ihnen viel zu sagen. Ihr leidenschast. Verehrer." Während ich dies, nicht ohne meine eigene Frechheit zu wundern, geschrieben, hatte die Kleine das Bonquet beendigt. Es war prachtvoll geworden. „So, nun stecken Sie den Zettel tief in die Mitte hinein! So ist's recht! Und nun geben Sie gut Acht und bezeichnen mir, die Ihnen gefallt," „Ich will doch lieber mehr auf die Seite treten —" Ein neues Gelächter von der Kleinen, aber ich kann ihr nicht böse werden. „Hier bleiben Sie, dicht bei mir und aufgeschaut!" Eben kam eine junge Dame, die mir gar nicht übel gefiel, die Straße herauf. „Der dort!" sagte ich schnell entschlossen. „Nein, lieber Herr!" schnitt mir die Kleine ab, „die bekommt den Strauß nicht! Wissen Sie nicht, wer das ist?" „Nein, wahrhaftig nicht! Kennst Du sie?" „Geben Sie nur Acht, wo sie hingeht, so werden Sie sie auch gleich kennen!" „Sie geht dort in den Konzertsalonl Bedeutet das etwas?" Diesmal lachte die Kleine nicht. Sie sah mich ernsthaft an und sagte: „Kennen Sie das Lokal nicht? Ich sehe schon," fuhr sie fort, „ich werde für Sie wählen müssen; und Sie sollen nicht zu kurz kommen! Aber schauen Sie die Dame nur ordentlich an, damit Sie sie auch morgen wieder erkennen!" Wir erwarteten eine geraume Weile. Die Kleine ließ eine nach der andern vorübergehen, ohne ihr den Strauß zu geben. Sie war wirklich sehr wählerisch in meinem Interesse. Aber ich hätte lieber gesehen, daß sie ein Ende gemacht, denn bei jeder, die sich uns näherte, wurde ich sehr unruhig und aufgeregt und mochte nun endlich die Tortur nicht länger ertragen. „Gefällt Dir noch immer keine?" „Die dort!" sagte sie und schritt einer zierlichen schlanken Blondine entgegen. Ach wollte sie zurückhalten. Es war zu spät. In meiner Verlegenheit sprang ich also schnell hinter einen Haufen Mauersteine, wo ich Alles sehen und hören konnte. Ich war außer mir vor Zorn: denn mein Unglück wollte, daß die junge Dame — „Liebes Fräulein," hört' ich die Kleine jetzt sagen, indem sie den Strauß anbot, „ein artiger junger Herr, der Sie im Stillen verehrt, nimmt sich die Freiheit, Ihnen durch mich dies Bouquct zu überreichen., Nehmen Sie's freundlich an!" Die junge Dame erröthets, gerieth in Verlegenheit, blieb aber stehen. „Ich danke Ihnen, liebes Kind, aber wer ist der Herr?" hörte ich das Fräulein sagen, „Dort steht er, liebes Fräulein!" Ja wohl! dort hatte er 'mal gestanden. Ich war nicht mehr da und sie suchten vergeblich. „Ich versichere Sie, Fräulein", begann die Kleine wieder, „noch eben hat er dort gestanden. Er muß zurückgetreten sein. Er ist ein wenig schüchtern, scheint es, und möchte Ihnen nicht wehe thun!" Die junge Dame nahm das Bouguet, dankte der Kleinen und ging weiter, aber nicht ohne sich noch einmal umzusehen. Als sie fort war, kam ich hervor. Die Kleine suchte mich. „Du Unglückliche!" rief ich, „was hast Du angestellt! Das war ja —" „Eine Bekannte? Um so besser!" „Meine Nachbarin! mein vis-a-vis, das ich schon seit Wochen heimlich anbete —" „Das trifft sich ja herrlich!" „Entsetzlich! Das Stelldichein auf morgen! Wenn sie das liest! Sie wird außer sich berathen! „Ganz und gar nicht! Um so natürlicher wird sie's finden! und die Nachbarschaft —" Aber ich sage Dir, sie ist mir spinnefeind! Sie verabscheut mich!" Die Kleine maß mich mit erstaunten Blicken von oben bis unten. „Verabscheut Sie? Ja, warum sollte sie Sie denn verabscheuen? WaS haben Sie ihr zu Leide gethan. „O! eigentlich Nichts! gar Nichts! das ich wüßte! Ich habe sie über die Straße hinüber verehrt, ganz bescheiden. Aber sie wollte nichts sehen. Dann habe ich ihr jeden Morgen früh, schon um fünf Uhr, nachdem ich das Fenster geöffnet, ein Ständchen auf der Geige gebracht, so zart, es hätte einen Felsen erweicht. Aber sie wollte Nichts hören. Schon den zweiten Tag schickte sie herüber und ließ bitten, ich möchte ihr mit der abscheulichen Dudelei doch gefälligst nicht den Morgenschlaf verscheuchen." Der Kobold schüttelte sich wieder einmal vor Lachen. „Ja, wenn Sie die Sache so treiben, dabei kann Nichts herauskommen. Die Sterne singt man an, lieber Herr, aber keine Berlinerin! Ich sage Ihnen, sie wird ungehalten sein, -weil sie gar so, ich meine, weil Sie gar keinen rechten Anfang machen. Nun, der wäre ja jetzt gemacht!" „Meinst Du wirklich? Glaubst Du, sie wird kommen?" „Gewiß kommt sie! Meine Seele verwett ich darauf. Und wenn's auch nur aus Neugierde wäre, um zu sehen, wer denn eigentlich ihr Verehrer ist." „Ich sage Dir, sie wird aus Entrüstung kommen, um zu sehen, ob ich wirklich die Frechheit haben werde, sie zu erwarten!" Der Kleinen standen vor Lachen die Thränen in den Augen. „Aber, bester Herr, Sie sind wirklich ein — ein —" „Ein recht gutmüthiger Schafskops! willst Du sagen. So etwas les' ich in Deinen Hexenaugen." „Nein, nein! Was glauben Sie von mir!" sagte sie wieder ernsthaft und reichte mir ihr Patschhändchen. „Aber ein Berliner sind Sie nicht. Und nun gehen Sie, denn Fritz kommt gleich und möchte eifersüchtig werden. Kommen Sie gut nach Haus und erzählen Sie mir, wie's abgelaufen! Gute Nacht und schönen Dank!" 3L0 1 r Damit sprang die kleine Hexe fort. Ich ging nach Hause, konnte aber die ganze Necht nicht schlafen. Wenn sie mir einen Brief schriebe und mir mein Betragen vorwürfe, mich verachtete! Schon in aller Frühe war ich auf und öffnete das Fenster. Der Morgen war köstlich, aber die Läden drüben waren geschlossen. Ich holte meine Geige — nein — kein Ständchen! rief ich und legte das Instrument wieder fort. Auch möchte sie am Ende denken, ich wollte sie noch obendrein verhöhnen. Seufzend setzte ich mich in meinen Sessel an's Fenster und starrte drüben auf die Läden, bereit, sobald sich etwas regen würde, ins Zimmer zurückzuspringen. Endlich wurden die Läden drüben aufgestoßen. Ich war so gelähmt vor Schreck, daß ich kein Glied rühren konnte. Nichtig, das liebe Kind war's selber; im schneeigsten Morgenkleidchen stand sie da, vor den Busen hatte sie die schönste rothe Rose aus dem Strauße gesteckt. Den Strauß selbst stellte sie in einer niedlichen Base ans Fenster. Als sie mich sah, lächelte sie, erröthete und grüßte. Die Aermste! Sie wußte, sie ahnte gewiß nicht, daß ich der Unverschämte war, der sie zu diesem Stelldichein geladen. Wahrscheinlich meinte sie, ein guter alter Freund habe sich den heimlichen Scherz erlaubt. Darum trug sie gewiß auch die Rose von ihm. Ich grüßte also zurück, aber mit bösem Gewissen. Wie reizend'sie aussah! So verging der Vormittag, und der Nachmittag, der schreckliche Nachmittag kam. Endlich schlug es drei Uhr vom Kirchthurm, und mit dem Glockenschlage sah ich auch meine Nachbarin in dem reizendsten blauen Kleidchen um die Ecke biegen. Es war ein Stück lieblicher Himmel, der mir da entgegenwandelte. Aber ich war ganz verblüfft lind sprang um nicht gesehen zu werden, hinter die Litfaßsäule. Ich glitt immer weiter hinter die Säule, je näher das Mädchen kam. Doch das Geschick hatte sich gegen mich verschworen. Ich sollte entlarvt werden. Eine Droschke raste auf mich los, wie ich so auf dem Damm hinter der Säule stand; der Kutscher schrie mich an, und um nicht überfahren zu werden, mußte ich aufs Trottoir springen, gerade in dem Augenblicke als meine Angebetete vor der Säule vorbeitrippelte. Ich war gefangen. Sie sah mich, erröthete, grüßte und blieb stehen. Ich zog den Hut und stammelte verwirrte Worte. „Welch glücklicher Zufall —" rief ich und wurde feuerroth über die Lüge. „Zufall?" fragte sie ängstlich, mit einer.Stimme, die süßer war als alle Mozart'- schen Adagios zusammen genommen. „Haben Sie denn nicht das reizende Bouquet, die hübschen Verse und die freundliche Einladung auf heute —" „O verzeihen sie mir!" rief ich überwältigt und machte Miene ihr zu Füßen zu stürzen. „Es war eine Unverschämtheit von mir, Ihnen so etwas zuzumuthen. Sie sehen mich von Neue zerknirscht!" „Die Blumen sind reizend und die Verse allerliebst. Ich hätte Ihnen das gar nicht zugetraut. Aber gehen wir weiter! Wir können doch hier nicht stehen bleiben!" O diese Berlinerinnen! rief es in mir, o Du kleine Blumenhexe! Sie nahm meinen Arm und ich schwebte im vierzehnten Himmel. So kamen wir an die Königsbrücke. „Eine Rose, schöner, junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" rief ein wohlbekanntes Stimmchen neben mir. Ich schaute hin, der kleine Kobold saß unter seinen Blumen. „Eine Rose für das schöne junge Fräulein!" kicherte die Kleine. „Den ganzen Korb, Du kleiner Teufel" rief ich. „Weiß ich doch nun, wem ich sie in den Schooß zu schütten habe!" (Deutsch. Montagsblatt.) Erdbeben. Die Theile der Erdoberfläche sind nicht in starrer, unwandelbarer Verbindung mit einander, sondern sie sind in Folge unablässig wirkender Kräfte, fortwährenden Ver- änderungen unterworfen. So lehren uns geologische Thatsachen auf das bestimmteste, daß Gebiete, welche heute trockenes Land darstellen, in der Vorzeit vom Meere überdeckt waren, ja daß gar weite Strecken nicht nur einmal, sondern in'reichem Wechsel über- fluthet wurden, wodurch wir zu der Annahme gedrängt werden, ein förmliches Schwanken der Erdoberflächen, ein wiederholtes Auftauchen aus und wieder Verschwinden unter dein Meere habe stattgefunden. Ueberblicken wir'die Neliefverhältnisse der Erdoberfläche, so finden wir ungeheure flache Mulden, die Oceanbecken, aus welchen die Continentalmassen mit relativ steil aufsteigenden Wänden emporragen. Auf diesen letzteren wiederholen sich im Kleinen die Reliefformen des Großen und Ganzen. Hochländer und Tieflandsmulden oder Tieflandssämne finden sich, scharf ausgeprägte Kettengebirge durchziehen, Rinden- faltungen vergleichbar, das über die Mceresbedeckung aufragende Land. Man hat durch Versuche ähnliche Figurationen auf Kautschukkugeln oder auf ebenen Flächen im Kleinen nachzubilden gesucht, und es ist dies in der That auf das überraschendste gelungen, indem man die mit Farbschichte oder mit plastischem Tone überzogenen Flächen nachträglich einer Contraction unterwarf. Dadurch entstanden Vertiefungen und Erhöhungen, Runzeln und Falten, Überschiebungen und Brüche in den Kautschuktheilen, ganz ähnlich jenen, welche wir am Erdrelief verfolgen können. Die einfache Annahme, daß unsere Erde ein schwindender, das heißt sein Volumen vermindernder Körper sei, läßt uns einen Weg zur Erklärung aller Erscheinungen finden, welche uns das Erdrelief in seinen Grund- und Hauptzügen zeigt — das Detailwirken der zerstörenden atmosphärischen Kräfte ist freilich auch ein ganz gewaltiges. Nehmen wir nun einen derartigen Schrumpfungsvorgang an, und dieser Annahme steht bei der erhabenen Thatsache, daß das Erdinnere überall wärmer ist, als die Oberfläche, nicht nur nichts im Wege, sondern sie ist in den physikalischen Gesetzen begründet und unabweisbar. Unablässig geht dieser Proceß vor sich, - unablässig wird daher auch das Wirken der dadurch geweckten Kräfte sein, welche, wie bei den schwindenden Kaut- schulkugeln, die zu weit werdenden äußeren Rindentheile in Mulden und Süttel, in Runzeln und Falten zu legen streben. Die Folge davon wird das Auftreten von Spannungserscheinungen in der „starren Rinde" sein, da diese ja nicht ohncweiters jenen Kräften folgt, sondern ihnen bis zu einem "gewissen Grade Widerstand entgegensetzt, wenn sie schließlich auch bei der Fortdauer der Einwirkung nachgeben muß, fast ebenso, als wäre sie weiches Wachs. Biegen sich doch die so starr erscheinenden Gesteinsbünke unter gewissen Umständen auf das man- njchfaltigste. Daß auf diese Weise auch locale und oft weithin fühlbar werdende Störungen des Zusammenhanges eintreten werden, ist wohl selbstverständlich. Bcrstungen und Brüche einzelner Theile, Risse und Sprünge in den Gesteinsschichten werden die Folgen jener Spannungsvorgänge sein. Daß aber solche Auslösungen nicht ohne fühlbare Erschütterungen vor sich gehen werden, ist wohl ebenso klar zu ersehen. Eine ganze Reihe von Vorgängen ist auf diesem Wege zu erklären: die säkularen Hingebungen und Senkungen durch ruhigen Vollzug des großen Processes, Erdbeben in Folge von Störungen und die Gebirgsbildung als das größte Ergebniß; den Vulkanausbrüchen aber wird dadurch der Weg erschlossen. Wir hätten auf diese Weise einen Weg gefunden, der uns ohne weitere-Rücksichtnahme auf den Aggregationszustand des Erdinneren, wodurch wir notgedrungen. nur wieder zur neuen (respektive sehr alten) Hypothese greifen müßten, ohne vorläufige Rücksichtnahme auf die Einwirkungen der Sonne und des Mondes auf die Erde, das Auftreten von Erdbeben erklärlich finden läßt. Vorgänge von der geschilderten Art werden sich vollziehen, ob nun das Erdinnere glatt, flüssig sei oder sich in einem andern, starren, halbstarren oder „bedingt starren" Zustande befinde. Wobei jedoch sofort betont werden soll, daß wir über den Zustand des Erdinneren nur sehr wenig Sicheres anzugeben vermögen, so daß die Annahme eines gluthflüssigen Erdinnern bis zur Stunde wenigstens durchaus nicht unerlaubt erscheint — 342 es spricht gar Manches sogar sehr laut dafür — die Annahmen nämlich, welche gemacht, und Rechnungen, welche auf Grund derselben ausgeführt wurden, um die Verfestigung oder Starrheit des Erdinneren abzuleiten, sind noch lange nicht so weit gediehen, daß sie Sicherheit und volle Ueberzeugung gewähren könnten. Erdbeben sind alltägliche Ereignisse: „Wenn man Nachricht von dem täglichen Zustande der gesammten Oberfläche haben könnte, so würde man sich sehr wahrscheinlich davon überzeugen, daß fast immerdar, an irgend einem Punkte, die Oberfläche erbebt." (Humboldt.) Erdbeben sind nichts Anderes als Erschütterungen größerer oder kleinerer Theile der Erdrinde und entstehen in Folge eines Stoßes oder Ruckes, einer versuchten oder vollzogenen Auslösung des Gesüges, fast immer in Folge einer von Innen nach Außen wirkenden Krastäußerung, deren Ursprung oft in gar nicht allzu großer Tiefe (10 bis 70 Kilometer) zu suchen ist und deren Wirkungen sich vom Orte der Entstehung sowohl nach der Oberfläche als auch nach den Seiten durch die Gesteinmassen fortpflanzen, wobei die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit des Fortschreitens der „Erdbebenwelle" und dex Werth des in Mitleidenschaft gezogenen Oberflächentheiles abhängig ist von der Stärke der den Stoß bedingenden Störung, von der Richtung der Wirkung des Stoßes und von der Beschaffenheit des den Stoß fortpflanzenden Gesteines. Daß dabei die Ober-, flächentheile die Folgen des Stoßes vor Allem zu ertragen haben werden, ist wohl ohne weitere Auseinandersetzung ersichtlich, ebenso wie auch die Erwägung, dak die Wirkung des Stoßes auf die Oberfläche verschieden sein wird, je nachdem die Beschaffenheit derselben anders im festen, innig verbundenen Gesteine und anders und viel verheerender im lockeren, der Stoßwirkung leichter Folge leistenden Grunde. Wie weit die Wirkungen eines Erdbebens reichen können, zeigt das Beben von Lissabon (1. November 1755), dessen Schüttergebiet einen Flächenraum umfaßte, viermal größer als der von ganz Europa! Die Geschwindigkeit des Fortschreitens kann mit 300 bis 500 Meter in der Secunde angenommen werden. Schwaches Beben der Erde, wie wir es in Wien selbst wiederholt wahrzunehmen Gelegenheit hatten, bewirkt nur ein leichtes Erzittern des Bodens, bei etwas stärkerem kommt es zu Bewegungserscheinungen an losen Gegenständen, bei noch heftigeren Stößen aber stürzen Schornsteine, zerreißen Mauern, brechen Häuser zusammen, der Erdboden bekommt Risse, ja Theile desselben verändern bleibend ihre Lage, versinken oder werden emporgedrängt, Quellen versiegen (werden abgeleitet), Flußläufe werden abgesperrt und zu Seen aufgestaut, Wasser wird aus Rissen und Löchern cmporgepreßt, was auch Veranlassung zur Entstehung von vorübergehenden Schlammsprudeln geben kann. Die letzten Erscheinungen sind es, welche in der Regel bei totaler Verkennung der Erscheinung großes Entsetzen in der Meinung verbreitet haben, daß ein Vulkan im Entstehen begriffen sei. So war es im Vorjahre mit dem „Vulkan" im Banate, als am Babakei-Felsen das Wasser aussprudelte, so am 9. d. M. bei Nesnik, wo offenbar Pfützenschlamm im erschütterten Ueberschwemmungsgebiete der Save empor- gepreßt wurde. Manche Erdbeben sind auch von Schallphänomenen begleitet, wie dies auch beiden: letzten unglücklichen Ereignisse der Fall war, wobei zu Klagezifurt, Hrastnig, Cillj und Kreuz donnerähnliches Getöse wahrgenommen wurde. Daß auch die Wassermassen der Oceane nicht selten in verhängnißvoller Weise in Mitleidenschaft gezogen werden, das zeigen die submarinen Erdbeben (Seebeben), das zeigen aber auch die Fluthwellen, die z. B. bei den großen südamerikanischen Erdbeben wiederholt erzeugt und und weithin fortgepflanzt worden sind. Aus der Richtung und der Kraft, die aus den Zerstörungs-Erscheinungen wenigstens annähernd festgestellt werden können, versuchte R. Mallet, nach der Fortpflanzungs- Geschwindigkeit aber versuchte v. Seebach, und zwar nicht ohne Erfolg, den Ursprungsort, das Centrum der Erdbeben wenigstens annähernd zu bestimmen. ^ Was nun das Auftreten der Erdbeben anbelangt, so ist es eine längst erkannte Thatsache, daß gewisse Gebiete häufig von Erdbeben heimgesucht werden. So sind in 343 erster Linie die durch thätige Vulcane bezeichneten Erdstellen vielfach Erderschütterungen ausgesetzt — Erschütterungen, welche den Ausbrüchen vorausgehen oder sie begleiten, überhaupt mit vulkanischen Vorgängen im Zusammenhange stehen. Wir bezeichnen sie als vulcanische Beben und betrachten sie als rein loeale Erscheinungen, bewirkt und bedingt durch dieselben Kräfte, welche auch bei den Eruptionen thätig sind: durch plötzliche Entwicklung oder Entbindung übergroßer Dampfmassen, wobei heißer Wasserdampf die Hauptrolle spielt. Rein localer Natur sind aber auch jene Beben, welche durch unterirdische Einstürze erzeugt werden, wie solche in höhlenreichen Gebieten, zum Beispiele in Karstterrains, immerhin häufig genug vorkommen. Weit wichtiger, in ihren Wirkungen fürchterlicher und so recht eigentlich die allgemein verbreitete Erscheinungsform bildend, sind alle jene Erschütterungen, welche wir auf die eingangs berührten Vorschläge zurückführen möchten, Erdbeben, welche wir uns durch plötzliche Aenderungen, Störungen im Schichtenbaue der Erde entstehend denken. Sie find förmlich an die Regionen mit gestörtem Schichtenbau gebunden, treten vor Allem in den Kettengebirgen auf, welche ja so recht eigentlich die Störungslinien im Krustenbaue bezeichnen. So fallen die meisten mitteleuropäischen Beben in das Gebiet der Alpen und Apenninen. Aber auch Gegenden, in welchen in jüngster Zeit bedeutendere Niveau-Veränderungen vor sich gegangen sind, bezeichnen solche Hauptstörungsstriche und werden häufig von Erderschütterungen betroffen, so zum Beispiele Sicilien und die Westküste von Südamerika, wo auffallenderweise der Kamm der Cordil- leren die Ostgrenze der dort so fürchterlich auftretenden Erderschütterungen zu bilden scheint. Die weiten Gebiete mit ungestörter Schichtenlagerung, zum Beispiele jene, welche sich aus der norddeutschen Ebene durch Rußland bis in die Gegend des Baikal-Sees erstrecken, werden dagegen nur selten erschüttert. In den letzten Jahren sind wiederholt alpine Erdbeben genauen Studien unterzogen worden, und haben dabei gerade österreichische Forscher viel zur Förderung der richtigen Erkenntniß beigetragen. (Sueß, Stur, Bittner und Andere.) Es hat sich dabei ergeben, daß die Erdbeben in den Alpen und in den Apenninen förmlich an gewisse Linien, die „Stoß- oder Schütterlinien," gebunden erscheinen, auf welchen sie bald hier, bald dort auftreten. Solche Linien ziehen theils quer durchs Gebirge, theils folgen sie der Lüngenerstreckung desselben. Sie sind in vielen Fällen schon orographisch oder doch tektonisch oder durch gewisse andere Merkmale gekennzeichnet. Eine solche Schütterlinie zieht beispielsweise die Südbahnlinie entlang von Wien bis an den Semmering. Sie ist auch durch einige warme Quellen charakterisirt, welche in der Nähe des orographisch so überaus deutlich ausgeprägten Bruchrandes liegen, und wurde von Sueß als die Thermenlinie bezeichnet. Von ihr zweigt bei Neustadt die quer durch die Voralpen zur Spalte des Kamp ziehende Kamplinie ab. Ihre Fortsetzung aber jenseits des Semmering bildet die der Mürz und oberen Mur folgende Mürzlinie. Solcher alpiner Stoßlinien gibt es noch gar viele. Besonders häufig sind sie im südlichen Theile der Alpen, in der Nähe des großen Bruchrandes gegen die oberitalienische Tiefebene, und zwar sind sie hier vorwaltend von Nordost gegen Südwest gerichtet und entsprechen großen Querbrüchen, wie dies zum Beispiel in der Gegend des von dem Erdbeben im Jahre 1873 so arg zugerichteten Städtchens Belluno auf das überzeugendste dargelegt werden konnte. (Bittner und R. Hörnes.) (Schluß folgt.) Ein Gott Ein Gott muß sein! Ein Gott, der ist und war, Eh' Eines ward von Allem, was sich regt; Ein Ewiger, der Alles in sich trägt, Dem End, und Anfang Eins, unwandelbar. In seinem Licht ist Alles sonnenklar, Was Raum und Zeit in fernsten Tiefen hegt: In ew'ger Ruhe thront Er unentwegt, Er, l.r da ist! — Sein Nam' ist wunderbar. muß sei«. Wer faßt den Geist, der haucht und....! Alles lebt! ? Wer dringt in jener Wasser Tiefen ein, Worüber er im Schöpfungswerke schwebt? Das Leben strahlt des Gebers Wiederschein; Millionenfaches, das im Wandel strebt Zum Steten, Einen, — ruft: „Ein Gott muß sein l" (Das saubere fürstliche Ehepaar.) Ein Fürst hatte sich auf der Jagd verirrt und wurde von einem Bauer, der ihn für einen gemeinen Reiter hielt, wieder auf den rechten Weg geführt. Der Fürst frug den Bauern, was er denn von seinem Landesfürsten hielte. „Unser Fürst," versetzte der Bauer, „wäre schon recht, aber seine Frau, die Hexe ist nicht werth, daß sie der Teufel holt." Der Fürst lachte und als er nach Hause kam, erzählte er es seiner Fürstin. Diese wollte durchaus Satisfaktion haben. — Der Bauer wurde also nach Hofs geholt, und in Gegenwart der Fürstin gefragt, ob er noch wisse, was er unlängst von der Fürstin zu einem Reiter gesagt hätte. Der Bauer versetzte: „Was wußte ich, daß der Hallunke, welchem ich es gesagt, mich' verrathen würde." Die Fürstin fing herzlich an zu lachen und sagte: „Ich für meinen Theil bin herzlich zufrieden, der Bauer soll Gnade haben, der Fürst kann seinen Hallunken einstecken." (Aus einer alten Predigt.) Ein Dresdener Blatt veröffentlicht folgendes Bruchstück aus einer Predigt, im vorigen Jahrhunderte nach der Festwoche in Chemnitz gehalten vom alten Superintendenten Jüngling: „Da sitzen sie und schwitzen sie, Da schmausen sie und trinken sie, Da tanzen sie und springen sie, Da lärmen und da schwärmen sie, die ganzen Nächte schlemmen sie, Dann liegen sie und schlafen sie, Den andern Morgen schreien sie: „Frau, koche mir was Saueres!" Aber wart't nur, wart't, der T—l der wirds Euch noch sauer genug machen." Ein Candidat der Medizin wurde in einem Examen von einem überaus strengen Examinator gefragt: „Welches sind die schweißtreibenden Mittel?" Der Candidat zählte die ihm bekannten nacheinander her. — „Aber wenn diese alle nichts helfen," fragte der Examinator weiter, „was werden Sie dann anwenden?" — „Ich werde den Patienten zu Ihnen in's Examen schicken," erwiderte der Gefragte. Die Frau eines Wachtmeisters, von Geburt eine Adelige, wurde von Jemand stets „Frau Wachtmeister" genannt. Mit der Zeit war ihr dies Prädikat lästig, weßhalb sie, als der N. N. eines Tages wieder mit den» Gruße: Guten Morgen, Frau Wachtmeister!», zu ihr in's Zimmer trat, sagte: „Ach, mache Er doch keine Umstände, und nenn' Er mich nur schlechtweg: Gnädige Frau!" Ein junger Kandidat der Theologie sollte im Beisein ältererer Vorgesetzten als zu seinem Examen gehörig eine Katechisation mit der Jugend vornehmen. Die Anwesenheit der Herren macht ihn, da er sehr ängstlich ist, so verwirrt, daß er gar nicht weiß, was er anfangen soll, und nach langer Pause endlich herausplatzt: „Kannst Du mir sagen, lieber Sohn, wer krähte, als Petrus unsern Heiland verleugnete?" „Aber i bitt Jhne!" sagte ein Präger Musensohn zu dem ihm zusetzenden Wirthe „geb'n se halt Ruh', hab' i Sachen g'nug," — „Na sakramenska! wu denn?" rief dieser, „e is hier nix und do nix und do nix!" — „Seinse akkurat jetzt nur versetzt," erwiderte der Erste. Apotheker zum Bauer: „ ... Da kann ich Euch nichts besseres empfehlen» als den Doctor Müller'schen Gesundheitsthee — der ist gut und hilft euch ganz gewiß!" — Bauer: „So, is der von Dr. Müller — dann her damit. Der Doetor Müller sauft nix Schlechtsl'j BuchstabenrebtrB. 81 >» ^ 1 . Für stje Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlo r des Literarischen Instituts von vr. Max Hultler.