zur „Äugslmrger Pojheitnug." -- Nr. 441 Mittwoch, 1. Dezember 1880. Der wahre Muth ist nicht blos ein Lustball der Erhöhung, sondern auch ein Lustschirm des Hcrabsinkens. Ludw. Borne. Die Blume von Gsitait. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre kS66 von Stein. lAachdrnck verboten.) „Lieben und nicht haben, ist härter als Steingraben" — so lautete die Ueberschrift eines auf etwas vergilbten Papier geschriebenen Briefes, den eben ein Soldat des 6. bayerischen Jägerbataillons im Bivouak zu Neustadt a. d. S. am Abende vor der Schlacht von Kissingen in der Hand hielt, nachdem er ihn gerade von der Feldpost erhalten hatte. Man sah es dem wackeren Krieger an, daß ihm das Lesen des Briefes ebenso schwer ankam, als vielleicht das Schreiben der Hand, welche diese Zeilen auf's Papier brachte, und wir irren uns nicht, wenn wir, aus dem obigen Motto zu schließen, sogleich auf den Gedanken kommen, daß der Brief aus der Hand eines liebenden Mädchens kam. Wir können unsere Neugierde nicht zurückhalten, und sehen heimlich über die Schulter unseres Kriegers, und machen uns eine leicht verzeihliche Verletzung des Briefgeheimnisses schuldig, wenn wir folgendes aus dein Briefe mittheilen: „Lieber Franz!! Heißgeliebter meines Herzens! Mit Freuden ergreif ich die Feder, Dir zu schreiben, daß ich gottlob gesund bin, und mir die Zeit recht lang wird, seitdem ich Dich nicht mehr sehen kann, und schier möcht niir das Herz verspringen, wenn ich so denk, daß Du jetzt im Krieg bist, und Dich vielleicht schon eine Kanonenkugel getroffen hat. Aber die Preußen schießen nicht so schnell, und alle Kugeln treffen nicht, hast Du beim Abschied gesagt, und daß ist mein einziger Trost den ich hab'. Ich bete jetzt auch recht oft zu der hl. Muttergottes von Birkenstein, daß sie Dich in Schutz nehmen sollt, und ich hab ihr auch eine geweihte Kerzen versprochen, und eine Votivtafel, wo Du in Deiner feinen Montur drauf ange- malen bist, damit Du recht brav bleibst, und Tag und Nacht an mich denkst. Sei auch nicht gar zu verwegen du wilder Bua, und schieß nit alle Feind auf einmal tod, denn es sind auch Menschen wie mir und hat vielleicht auch Einer was Liebs z'Haus. Das denke Dir und hab Gott vor Augen, Herzlieber Franzl. Nix Neues kann ich Dir nicht schreiben, als daß die Karer Urschl die gschupft endli den Veitlbauer gheurath hat, und ich Kranzljungfer auf der Hochzeit war. Aber es hat mir nix mehr recht gfreut, weil Du nit dabei warst, und tanzen hab ich schon gar nicht viel mögen, auch hat sich unser weißgscheketi Kalbe auf der Alm am Gamsbühl hinten derfallen. Bhiit di Gott tausendmal herzlichster Schatz, und ich verbleibe bis in den Tod Deine Lein." Wir belauschten in der Stille unsern rauhen Krieger-, und mit Rührung bemerkten wir, daß eine Thräne auf das Papier fiel, welches er, still vor sich hinschauend, noch in der Hand hielt, und es dann mit einem tiefen Seufzer zusammenfaltend in die Brusttasche steckte. Franz Bachhuber, Huberbauernssohn von Fifchbachau, ein echter Sohn unserer bayerischen Berge, war eine durch und durch ehrliche Haut, beliebt bei allen Kameraden seiner Compagnie, sowie auch bei seinen Vorgesetzten, vom Hauptmann bis zum Gefreiten herab, nicht allein wegen seines treuherzigen Wesens, sondern auch wegen seines schon bewiesenen Muthes und seiner Unerschrockenheit, i nicht minder aber auch wegen seiner stets heitern und muntern Laune; denn wenn manchmal seine Kameraden ob des langen und angestrengten Hin- und Hermarmarschirens die Köpfe verdrießlich hängen ließen, so war es gewiß Bachhuber, der mit seiner muntern Laune und mit seinem lustigen Gesänge wieder Leben in die Compapnie brachte, und Alles stimmte in die fröhlichen Weisen mit ein, und vergaß hierüber die Beschwerden des Marsches. Bachhuber war der einzige Sohn braver wohlhabender Bauersleute, deren sauber gehaltener großer Hof auf einer kleinen Anhöhe gar freundlich in das liebliche Aurachthal schaute; auch bekannt war er in der ganzen Gegend als der lustige Hubcrfranzl — und welch „lustiger Bua!" — war dort in dieser idyllischen Gegend auch ohne Liebe? Ja Franzl hatte auch seinen Schatz, und zwar einen recht schönen, denn die muntere Leni von Geitau war auch ein gar stattliches Mädchen, mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blühendes Gesicht, aus dem zwei schalkhafte Augen herausblitzten, zierlich umrahmten, und mit Recht war sie „s'Bleamei von Geitau" genannt. Die meisten Burschen wären gern an seiner Stelle gewesen aber dennoch mißgönnte ihm keiner diese Liebe, war er ja überall unter seinen Kameraden gern gesehen, und stets bei der Hand, wo es galt zu helfen und zu schlichten. Auch die Mädchen des Thales, die gerne auf den schönen Burschen mit seinem blonden Schnauzbart und auf seine ehrlichen blauen Augen schielten, freuten sich an dem Glücke ihrer Freundin, wenn sie Leni in ihrem schmucken Hütchen, und in dem silberverschnürten Mieder bei der Leonhards-Fahrt in Fischhausen sahen, und beim Schuhplattler im Neuh^-is, wo das schöne Paar stets die Bewunderung Aller auf sich zog. War's denn Wunder, daß Beide, als der Sommer 1866 den Hubcrfranzl zu seinem Bataillone rief, recht traurig wurden, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachten, zumal Leni gerade auf der Alm ihres Vaters war. Das war denn ein Jammer ohne Ende, und man kaun sich einen Begriff machen, wie es wohl der schönen Leni umS Herz war, als der Franzl von ihr schied, und sie sich nun ganz allein und verlassen in ihrem Schmerze sah, ohne sich einem theilnehmcnden Herzen anvertrauen zu können. Aber Franzl war ein wackerer braver Bayer, der freudig hinauszog für seinen König und sein schönes Baycrland, und in seiner Treuherzigkeit tröstete er seine Leni: „Du bist mir ja doch das Liebste auf der Welt, aber nach Dir kimmt glei der Koni, für den i a was aufheb'n muß — Dein g'hürt mein Herz, dem Köni mei Leb'n." — Das war sein letztes Wort, und frisch und wohlgemuth rückte er bei seinem Bataillone ein, als braver Soldat, während die arme Leni vor dem Bilde der Muttergottes, das in der Sennerhütte in ihrem Kümmerlein umkränzt von blühenden Alpenrosen prangte, bitterlich weinend auf den Knieen lag, und für das Wohl ihres Herzgeliebten Franzl betete. Es war am 9. Juli des Jahres 1866 als Abends unser Huberfranzl im Bivouak vor Kissingen, nachdem er den Brief seiner Liebsten gelesen hatte, sich zu seinen Kameraden begab, welche sich, da es den ganzen Tag über in Strömen geregnet hatte, an einem hellauflodernden Feuer wärmten. Wie gewöhnlich wurde er mit Jubel empfangen, und aufgefordert ein lustiges Lied anzustimmen; doch unser Lnndsmann war nicht recht in der Stimmung, es war ihm gar nicht singerisch zu Muthe, und seine Gedanken mochten wohl mehr bei seiner Liebsten in der Ferne sein, als bei seinen sonst ihm lieb gewordenen Kameraden. Seine stets so heitere Stimmung wollte nicht recht zum Aus- 347 bruch kommen, obwohl er sich alle erdenkliche Mühe gab, heiter zu erscheinen, denn eine nicht zu überwältigende Sehnsucht nach seinen heimathlichen Bergen und nach Allem, was er dort Liebes zurückließ, hatte ihn ergriffen. Froh war er sonach als ihn die Reihe traf den Wachtposten zu beziehen, konnte er sich da in stiller Einsamkeit ganz seinen Gedanken und Gefühlen hingeben, und leichter wurde es ihm ums Herz, als er hinausblickte in die finstere Nacht und die Strophen des bekanten Soldatenliedes leise vor sich Hinsang« „Sieh' ich in finstrer Mitternacht, So einsam auf der stillen Wacht, So denk ich an mein fernes Lieb', Ob's mir auch treu und hold verblieb." So vergingen ihm schnell die Stunden seines Dienstes und ins Lager zurückgekehrt, fiel er in einen festen Schlaf in dem ihm wohl die lieblichsten Träume umfangen hielten. Am frühen Morgen des 10. Juli wurde eine kleine RecognoscirungSpatrouille ausgeschickt, bei welcher sich auch unser Huherfranzl befand, da inan von dem Anrücken des Feindes, es war die preußische Division Gäben, Kenntniß erhalten hatte. Nicht lange darauf kam schon diese Patrouille mit einigen preußischen Reitern zusammen, welche aber schnell durch das Feuer zurückgejagt wurden. Bald darauf zeigte sich aber schon feindliche Infanterie, welche das kleine Piket zurückdrängte, gegen den sogenannten Altenburg- Berg vorging und die Vorstadt Kissingens besetzte. Sobald man nun des Feindes ansichtig wurde, eröffneten die an der Saale aufgestellten bayerischen Regimenter das Feuer, welches die in den Häusern postirten Preußen lebhaft erwiederten. Schon mischten sich der Donner der am Hange des Sinnberges aufgefahrenen bayerischen Batterien in das Knattern des Gewehrscucrs, und immer heftiger wurde der Kampf, und tapfer focht unser wackere Landsmann mit, eingedenk seines Wahlspruches: „Mein Leben dem König, mein Herz meiner Lein", und als guter Schütze traf seine Kugel so manches Preußenherz. Das Gefecht wurde immer heftiger, und insbesondere entspann sich auf dem mit einer hohen Mauer umgebenen Kirchhof indem sich eine Abtheilung Bayern festsetzte worunter auch Brachhuber war, ein heftiger Kampf gegen eine ungleich stärkere Abtheilung eines posnischen.Regiments. Hier galts nun, und mit höchster Todesverachtung kämpfte das muthige Häuflein, und manch braver Soldat fiel hier als Opfer dieses unglückseligen Bruderkampfes. Heldenmüthig rettete hier Bachhuber das Leben eines feiner Offiziere den eben ein wuchtiger Kolbenschlag eines preußischen Soldaten niederschmettern wollte, indem er demselben einen Bajonnctstich versetzte, der ihn mit einem Schmer- zenSschrci zurücktaumeln machte, und so den mörderischen Streich verhinderte. Doch im nämlichen Augenblicke fühlte auch Franzl einen heftigen Schlag, und von einer Kugel schwer getroffen sank er in die Arme des Offiziers, dem er kurz zuvor das Leben rettete. Schnell und voll Theilnahme für den Braven ließ dieser wackere junge Mann seinen' Kameraden mitten aus dem Kampfesgewühlc entfernen, hoffend, daß ihm sein theures Leben noch erhalten werde. Mörderisch wüthete der Kampf am Tage des 10. Juli in und um Kissingen, und viele Opfer forderte auf beiden Seiten dieser denkwürdige Tag, war es ja ein Kampf deutscher Bruder die, wer hätte es damals gedacht, berufen waren, deutsche Einheit und deutsche Macht auf Frankreichs blutigen Schlachtfeldern begründen zu helfen. Aus einer todeSähnlichen Betäubung erwachte unser Franzl erst wieder als er im Feldspital zu Nüdlingcn untergebracht war. Schneller Hülfe durch die Fürsoge des jungen Offiziers, den er mit Aufopferung seines Lebens gerettet hatte, und der ihn der besonderen Obhut des Arztes empfahl, hatte er es zu verdanken, daß er dem nahen Tode entkam, und nach einer schmerzliche», aber bei der kräftigen Constitution unsers Landsmann glücklich überstandcnen Operation, reichte ihn» der Arzt die tödtliche Kugel, die aus der Wunde glücklich entfernt war. Bei der lleberfüllung des Fetdspitals mußte aber Franzl, da er einigermaßen transportabel war, und der für ihn besorgte Arzt es für seine Heilung besser hielt nach Würzburg verbracht werden, woselbst, Dank der lie- 348 kenden Fürsorge der dortigen Einwohner großartige Spitäler zur Aufnahme der Verwundeten errichtet waren. „Aus der Hölle, durchs Fegfeuer in den Himmel — das ist der Weg der Verwundeten vom Schlachtfelde ins Lazareth", ein Ausruf so vieler Verwundeten — und wohl mit Recht horten wir viele dieser Armen sagen, daß sie sich in einem solchen Lazarethe, das liebevolle, opferwillige Hände einrichteten, um die schweren Leiden des Kriegers zu lindern, wie im Himmel zu sein glaubten. So gings auch unserm Franz! als er sich in dem Spitale befand, welches in der schönen großen Einsteighalle des alten Bahnhofs in Würzburg eingerichtet, und luftig gelegen in einen blühenden Garten verwandelt war, in dessen Mittelpunkte unter Bäumen und duftenden Gestrüuchern, Springbrunnen die Luft mit erquickender Kühle erfrischten. — An den Wänden zu beiden Seiten des länglichen Gebäudes standen die Betten, in denen die Verwundeten auf reinlichen weißen Kissen ruhten. (Fortsetzung folgt.) Erdbeben. (Schluß.) Daß auch der östliche Rand der Ostalpen gegen das tertiäre Hügelland und di weite pannonische Tiefebene hin ein Erdbebengebiet ausgezeichnetster Art ist, das zeigen die zahlreichen Erschütterungen, welche über das beklagenswerthe Agram im Laufe der Jahre hingezogen sind, um im jüngsten Beben eine immerhin ganz ansehnliche und so höchst verderbliche Intensität zu erreichen. Das genaue Studium des unheilvollen Ereignisses wird gewiß neue Erkenntnisse bringen. Es wäre ganz und gar verfrüht, wollte man schon jetzt nach den zum Theile unter dem Einflüsse des Schreckens erslossenen Mittheilungen Schlüsse ziehen; dazu sind mit Ruhe ausgeführte genaue Angaben erforderlich. Der Umfang des Schüttergebictes kann jedoch annähernd schon bestimmt werden. Als äußerste Punkte, von welchen Erschütterungen gemeldet wurde, sind anzugeben: im Norden Krems (respective Budweis), im Osten Pest und Essegg (jenseits der Donau ist bisher kein Ort genannt worden), im Süden Serajewo und Pola rllid im Westen Görz und Klagenfurt. Es ist immerhin ein Gebiet von etwa 4000 Quadratmeilen. Erwähnt wurde schon, daß an einer Anzahl von Punkten unterirdisches donnerähnliches Rollen vernommen wurde. Verbindet man dieselben, so findet man, daß dieselben in einer mit dem Save-Längenthale parallelverlaufenden schmalen Zone liegen, von welcher auch das Hauptoberflächen-Erschütterungsgebiet, das Gebiet, in welchem zerstörende Wirkungen stattgefunden haben, durchzogen wird. Auch kann noch hervorgehoben werden, daß an den meisten erschütterten Punkten die Stoßrichtung alH von Nord nach Süd und von Nordost nach Südost verlaufend angegeben wurde, in einer Richtung, welche auf derselben erwähnten Zone der Schallphänomcne nahezu senkrecht steht. Doch kehren wir wieder zu den Erdbeben-Erscheinungen im Allgemeinen zurück. In neuer Zeit hat man eine ganz besondere Aufmerksamkeit auch der Erdbeben-Statistik zugewendet und wurde mehrfach versucht, Schlüsse aus den bisherigen Ergebnissen derselben zu ziehen. Man fand bisher, daß Erdbeben zu gewissen Zeiten etwas häufiger auftreten als in anderen: im Herbst-Winterhalbjahre häufiger als während der Frühlings- und Sommermonate, und zwar wurde dies für eine ganze Reihe von Erdbeben-Gebieten gleichlautend gefunden, eine Thatsache, welche ohne allen Zweifel in Betracht gezogen werden muß. Die bisherigen Erklärungsversuche waren keine ganz glücklichen. Perrey war es ferner, der zuerst auf einen Zusammenhang der Erscheinungen mit der Einwirkung des Mondes auf die Erde hingedeutet hat, indem er nachwies, daß von 6596 Beben in der Zeit von 1751 bis 1800 3435 auf die Zeit der Syzpgien (Neumond und Vollmond) und nur 3161 auf die Zeit der Quadraturen (erstes und letztes Viertel) entfallen. 349 Julius Schmidt in Athen hat außerdem berechnet, daß die Erdbeben in der Erdnähe des Mondes häufiger seien, als in der Erdferne; er fand aber auch, daß die Häufigkeit der Erdbeben zur Zeit des Neumondes das eine und zwei Tage nach dem ersten Viertel das zweite Maximum zeigen. Aus diesen Darlegungen ergibt fich mit voller Sicherheit, daß ein Zusammenhang Zwischen den Erderschütterungen und den Constella- tioncn des Mondes bestehen muß. Die Art und Weise jedoch, wie dieser offenbare Zusammenhang zur Aufstellung von Erdbeben-Hypothesen benutzt wurde, kann durchaus nicht befriedigen. Schon Perrey hat — ohne damit der Erste gewesen zu sein, der daran dachte — die Meinung von einer Ebbe und Fluth der flüssigen Jnnenmaffen der Erde ausgesprochen; er dachte sich geradezu, die Fluthwelle des Inneren stoße an die starre Kruste und bedinge so die Erschüttterungen. Wäre auch das Innere in der That flüssig, auf diese Weise kann der Fluthvorgang nicht gedacht werden, denn erstens ist in jenem Falle der Uebergang aus dem festen zum gluthflüssigen gewiß kein unmittelbarer, sondern ein sehr wohl und allmählig vermittelter, zweitens aber wird dann auch die verhältnißmäßig wenig mächtig gedachte Kruste der Mondanziehung sicherlich gleichfalls Folge leisten müssen und einem Heben und Senken ausgesetzt werden oder „wandernde Wellen werfen" (Reyer), ja diese letztere Annahme wird auf alle Fälle mit zu Recht bestehen und gerade die Erklärung liefern, warum und wieso die Mondeinwirkung in der Häufigkeit der Erdbeben sich ausdrückt. Die Schwäche der Pcrrey'schen Anschauungen fühlte nun auch R. Falb und bildete sich seine eigene neue Ansicht, die unter den Laien der Anhänger nur zu viele gefunden hat, was bei dem Feuer und der Beredtsamkeit des Verkünders der neuen Erdbeben- lehre nicht Wunder nehmen kann. Falb stellt sich, um in Kürze seinen Gedankengang („Gedanken und Studien über den Vulkanismus", 1875) zu skizziren, vor, daß man alle Erdbeben durch eine Ursache erklären könne. Die flüssige Jnnenmaffe der Erde dringe durch schon vorhandene Spalten und Canäke zunächst in unterirdische Reservoirs ein, gelange aus diesen wieder durch Eanäle mehr oder minder nahe an die Oberfläche, wobei sie durch die Mond- und Sonnenanziehung besonders zur Zeit der Hochfluth, unterstützt werde. In den Spalten beginne die eindringende Blasse zu erstarren und erzeuge in Folge dessen Gas-Erplosi.onen oder unterirdische Vulcanausbrüche, welche nun die Erschütterung bedingen sollen. Nach dieser. Anschauung werden die Spalten als schon vorhanden vorausgesetzt. Daß dadurch die Frage nicht vereinfacht wird, ist klar. Die Bildung der Spalten ist gewiß nicht so ohne alle Erschütterung zu erklären; wir ersehen also schon daraus, daß Falb's Versuch, alle Erdbeben auf seine hypothetischen unterirdischer! Explosionen zurückzuführen, die ein hypothetisches flüssiges Erdinneres voraussetzen, so daß Hypothese auf Hypothese gebaut werden muß — daß dieser Versuch, sage ich, nicht erfolgreich durchzuführen ist. Man kann auf einfachere Weise zum Ziele kommen, wie aus dem Vorhergehenden wohl unmittelbar hervorgeht. Auszuführen, wie viele andere Versuche zur Lösung der Erdbebenfrage angestellt wurden, würde hier zu weit führen. Die Beobachtung, daß in allen unsern Journalen immer nur die Falb'sche Hypothese hervorgehoben wird, als sei sie in der That als zu Recht bestehend erkannt; die Wahrnehmung, daß Falb selbst betont, daß die Erscheinungen, wie sie in Agram hervortreten, genau mit seiner „Erdbeben-Theorie" stimmen, als wenn sie im Widersprüche mit den andern aufgellten stehen würden, hat mir die Aufforderung, über Erdbeben einen Aufsatz für die „Neue Freie Presse" zu verfassen, zu einer mich ganz erfreuenden gemacht, da es mir nicht unwichtig schien, dein weiten Leserkreise die große, die Aufmerksamkeit Aller in Anspruch nehmende Frage in einer etwas andern Beleuchtung zu zeigen. Ich wollte damit den Weg zeigen, welcher im Großen und Ganzen derjenige ist, der am leichtesten und schnellsten zum Ziele führen dürfte. Falb's Hypothese ist interessant, das ist nicht zu leugnen; bis nun hat sie jedoch nur bei den Laien Anerkennung von Seite der berufensten Fachmänner jedoch wurde sie abgelehnt, und ich bedaure, daß — 350 mcin Freund Falb dieselbe immer wieder vor dasjenige Forum bring!, wohin eine Frage der Wissenschaft nun einmal nicht gehört, vor die Menge. So wichtig cS ist, wenn im Kreise der Fachmänner eine Frage möglichst intensiv diScutirt wird, da man ja gerave durch Gegenrede und berechtigten Widerspruch etwa herrschender Stagnation begegnet und etwa durch Äutoritätsgewnlt getragene Doctrincn berichtigen kann, ebensowenig gutzuheißen ist ein Hinausrufen bestrittener Hypothesen in die iin Augenblicke überdies im Uebermaße erregte Menge. Sollte die Falb'sche Hypothese irgendwie doch berechtigt sein — ich bin der Meinung durchaus nicht — so wird die Ablehnung in der Gegenwart in eine Anerkennung m Zukunft umschlagen; die Wahrheit ist es ja, nach welcher wir alle streben, und die Wahrheit siegt, siegt unausbleiblich; das war in Fragen der Wissenschaft wenigstens immer so und wird wohl immer so bleiben; um wie viel schöner und Heller aber glänzt der Name eines von seinen Mitlebenden etwa verkannten Genies! (N. Fr. Pr.) Konradin Kreutzer.*) Am 22. Nov. 1780**) wurde dem ehrenfesten Müller Johann Baptist Kreutzer auf der eine kleine halbe Stunde von dem badrschen Amtsstädtchen Meßkirch entfernten Thalmühle" als achtes Kind ein Söhnlein geboren, welches in der Taufe den Namen Konradin erhielt. Die Mutter, Barbara, eine geborene Hegele, wird als brave, tüchtige Hausfrau und treubcsorgte Mutter geschildert. Die Familie hatte eine behäbige, gut bürgerliche Cristenz. Schon in zarter Jugend bekundete der kleine Konradin erhebliche Anlagen zur Musik. Es ist das Verdienst des SchullehrerS und Chorregenten zu Meß- tirch, Johann Baptist Rieger, diese Anlagen entdeckt und gewissenhaft gepflegt zu haben. Von ihm erhielt Konradin den ersten Musikunterricht. Ucbrigcns scheint mit Konradin Kreutzer das musikalische Talent völlig aus der Familie verschwunden zu sein. Der Vater war hochherzig genug, und seine Mittel gestatteten es Allem nach, den begabten Sohn für einen höheren Beruf zu bestimmen, in welchem er Gelegenheit fände, seine reichen Talente auszubilden und zu bethätigen. Ihren Jüngsten dereinst ein feierliches Hochamt zelebriren und aus der Kanzel stehen zu sehen, das war das Grösste und Schönste, was der Elternstolz sich auSdenken und ausmalen konnte. So wurde denn beschlossen, daß Konradin sich dem geistlichen Amt widmen solle. Er kam nun zunächst (1789) als Lateinschüler und Chorknabe in die Abtei Zwiefalten. 1790 trat Kreutzer zum Behuf weiterer Ausbildung in das Prümonstratenserkloster zu Schussenricd über, wo sich eine höhere Bildungsanstalt befand. Wiewohl er die übrigen Fächer keineswegs vernachlässigte, gehörte doch seine ganze Liebe der Musik. Violine, Orgel und Pianoforte hatte er schon in Zwiefalten gelernt, jetzt kam noch Oboe und die Klarinette hinzu, welch letzteres Instrument er später mit Virtuosität spielte. Seine mrrsikalische Tüchtigkeit kam jetzt schon zur Verwendung; beim Gottesdienst hatte er die Orgel zu versehen und in der Schule etlichen vierzig Kindern den Gcsangunterricht zu ertheilen. Auch in der Koniposition versuchte er sich, und immer stärker trat die Neigung hervor, den Künstler- beruf zu ergreifen. Da jedoch der Wille des Vaters sich dagegen sträubte, so bezog Kreutzer 1799 die Universität Freiburg, um, wenn nicht die Theologie doch wenigstens *) Den 22. November 1880 feierte in Deutschland eine ganze Anzahl von Gesangvereinen das OeMenariliui der Geburt des Meisters, dessen prächtige, kernige Melodien allerorten ün Munde des Volles leben. Der vorstehende Rückblick aus den Lebenslans des am 14. Tez. 1849 gestorbenen Tondichters und eine Charakteristik seiner Werke — nach einem großem Artikel Heinrich Adols Köitüns im „Schwab. Merk." — wird dem Gedenktage nicht unwillkommen sein. Wir fügen dieser Note noch die Bemerkung bei, daß der Gcsammlansscbnß des deutsche» Sängerbundes (geschäftlicher Sitz in München) beschlossen hat, der Wittwe Konradin Krcutzers aus den 100jährige» Gelurisiag ihres Gaticn als erste Gabe der neubegründeten Stillung sür Komponisten für den Männergesang die Ehrengabe von L00 Mk. überreichen zu lassen. Die Wittwe lebt in Dresden. **) Der Taufschein liegt in amtlich beglaubigter Abjchrist vor dem Verfasser; hienach sind die Angaben in den Musikgeschichten, daß Kreutzer 1782 geboren sei, zu berichtigen. 351. die Medizin oder die Jurisprudenz zu studiren. Im Jahre 1800 starb der Vater. Von dem Vormunde wußte es Kreutzer, den nunmehr keine Pietätsrücksicht mehr band, hsrauszuschlagen, das; er sich ganz der Musik widmen durfte. Die nächsten drei Jahre 1801—1803 brachte er, lediglich seiner Ausbildung obliegend, in verschiedener; Städter; der Schweiz zu. Erst nachdem er glauben durste, gehörig vorbereitet und geschult, auch im Dirigiren ri. A. nicht mehr ungeübt zu sein, erfüllte sich irn Jahre 1804 sein Lieblings- wunsch, Wien, die hohe Schule der Musik in jenen Tagen, zu besuchen. Mit 90 Gulden in der Tasche machte er sich auf den Weg. Als er vor den Thoren der fröhlichen Kaiserstadt stand, hatte er nur noch wenige Gulden übrig. — Den Vetter, auf dessen verwandtschaftliche Gefühle er alle seine Hoffnung gesetzt hatte, konnte er nicht auffinden, denn derselbe war umgezogen. Völlig verlassen fund sich der junge Meister im Gewühle der Großstadt. Gleichwohl setzte er einen von seinen letzten Gulden daran, den „Axur" von Salieri zu sehen, der am Abend im Hoftheater gegcgen wurde, und siehe da, beim Ausgang aus den; Theater erwischte er den biederen Vetter und war so der nächsten Sorge um Unterkunft und tägliches Brod enthoben. An der Spitze der Künstlerschaft stand damals der ehrwürdige Erzvater der Wiener Musik Joseph Haydn. Um ihn gruppirte sich ein Kreis kleinerer, aber dennoch sehr tüchtiger Meister, welche in Haydn'S Stil komponirten, wie Gyrowetz, Wranitzky, Jgnaz Pleyel. Auf dem Gebiete der Oper waren diesem Kreise am nächsten verwandt Dittersdorf („Doktor und Apotheker") und Schenk („Dorfbarbier"). Mit diesen Meistern dürfte sich Kreutzers damalige Richtung und Begabung am meisten berührt haben. Allein auf dem Gebiete der Oper hatte Gluck ein neues Ideal aufgestellt, und die von ihm eingeschlagene Richtung vertrat sein Schüler Salieri mit unbestrittener Meisterschaft. Außerdem hatte der unvergeßliche Mozart Meisterwerke geschaffen, die alles Bisherige weit unter sich ließen, sowohl was Zauber der Schönheit, als was Tiefe und Kraft der Empfindung, Gewalt der dramatischen Charakteristik und Frische wie Lebhaftigkeit des Kolorits betrifft. Die Kenner- kreise endlich sammelten sich um den gewaltigen Beethoven, der die Musik eine völlig neue Sprache zu reden zwang, und der gerade damals in der Blüthe des Schaffens stand; es waren ja die Jahre, da die „Eroica" entstand, und da er den „Fidelio" schuf, da überhaupt ein Riesenwerk dem andern folgte. Da war es für Kreutzer nicht leicht, den seiner Begabung entsprechenden Raum zu gewinnen; zunächst gab es noch viel für ihn zu lernen. Er konnte leinen besseren Mentor gewinnen, als dei; trefflichen Johann Georg Albrechtsberger, welcher damals Kapellmeister an S. Stephan war. Mit voller Meisterschaft verband dieser Mann ein seltenes pädagogisches Geschick, das der Eigenthümlichkeit des einzelnen Schülers gerecht wurde. Durch Albrechtsberger wurde Kreutzer mit den Koryphäen der musikalischen Welt bekannt. Alle gewannen den bescheidenen und treuherzigen jungen Mann lieb. In Wien komponirte Kreutzer neben kleineren Kirchcnstücken ein Oratorium „MosiS Sendung", sowie mehrere Opern „Jerry und Vüthcly" (von Goethe), „Konradin von Schwaben", „Der Taucher"; auch der Entwurf zu der Oper „Aesop in Phrygien" soll aus dieser Zeit stammen. Uebrigens hatte er auch nicht viel Glück mit diesen Werke;;. Die Oper „Jerry und Bäthcly", welche am 19. Juni 1810 auf dem Theater am Kärnthncrthor aufgeführt wurde, gefiel nicht besonders; der „Konradin" bestand die Zensur nicht: der „Taucher" war zwar zur Aufführung vom Theater an der Wien angenommen worden, aber es kam nicht dazu. Kreutzer scheint das Gefühl gehabt zu haben, das; er in Wien vorerst nicht recht ankommen könne. Er verband sich daher mit dem Erfinder des sogenannten Pan-Melodikons, einer Art Harmonium, zu cinxr Konzertreise, welche durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gehen, dem Künstler aber Gelegenheit geben sollte, sich beim musikalischen Publikum einzuführen. Die Reise aus welcher sich Kreutzer als Klavierspieler und Sänger reichen Beifall errang, brach in Stuttgart ab. König Friedrich von Würtemberg fand an dem Künstler großes Gefallen, ließ dessen Oper „Feodore" zur Ausführung bringen und ernannte ihn darauf zu»; Hofkapellmeister (1812). Nun begründete unser Meister einen 352 eigenen Hausstand, indem er sich mit einer Schweizerin, Anna Huber von Glattfelden bei Zürich, am 18. Oktober 1812 verehelichte. In der schwäbischen Residenz herrschte ein reges Interesse für die Kunst. 1807 bis 1810 war Karl Maria v. Weber als Gehcimsekretär des Prinzen Ludwig von Würtemberg daselbst gewesen, und in Ludwigsburg, der zweiten Residenz, lebte in der bescheidenen Stellung eines Hauslehrers bei der Familie Berlichingen der Dritte im Bunde: Friedrich Silcher. So haben die drei ersten Meister des Männergesangs eine Zeit lang fast nebeneinander gelebt, ohne daß Einer dem Andern damals nahe getreten wäre. Erst in den Zwanziger-Jahren berührte der Vater des Männergesangs, Hans Georg Nägeli, Stuttgart, um auch hier zur Pflege des Volksgesangs anzufeuern, und erst 1824 erstand der erste deutsche Männergesangverein, der Liederkranz zu Stuttgart. In Stuttgart brachte Kreutzer sein in Wien iomponirtes Oratorium „Mosis Sendung", sowie die Oper „Konradin von Schwaben" zur Aufführung. Außerdem mag er hier die Opern komponirt haben: „Die Alpenhütte", „Zwei Worte oder die Nacht im Walde", „Allimon und Zaidc." — Für Kammermusik komponirte er zwei Trios für Pianoforte, Flöte und Violoncello (op. 23) in L-clur und O-llur. Alle diese Kompositionen gewinnen durch Formgewandtheit und Glätte, durch Lieblichkeit und Gefälligkeit der Melodien, ohne eben durch Tiefe und Eigenthümlichkeit der Erfindung zu imponiren. Offenbar arbeitete Kreutzer viel zu rasch, und so findet sich neben viel Schönen: und Eigenen: auch viel Konventionelles, Vieles, was man ii: der Regel mit der Bezeichnung „Kapellmeistermusik" abthut. Dagegen betrat er die ihm eigene Bahn mit der Komposition der „Frühlingslieder" (op. 33) und der „Wanderlieder" (op. 34) von Ludwig Uhland, welchen drei Schiller'sche, etwas pathetisch gehaltene Gedichte (die Worte des Glaubens, Sehnsucht, Hoffnung) op. 32 und noch früher „drei Salomonische Lieder" von E. A. Tiedge op. 22 (mit Harfe) vorausgegangen zu sein scheinen. Ob der Komponist mit Uhland, für dessen Muse er so ganz besonders sich begeisterte, schon in Stuttgart in persönliche Berührung gekommen ist, wissen wir nicht zu sagen, es ist aber in hohen: Grade wahrscheinlich. Denn Uhland kau: ja wohl dann und wann von Tübingen nach Stuttgart herüber, und Kreutzer hat dem Dichter später ein Heft seiner Lieder gewidmet (op. 60). Auch Uhland hat den musikalischen Interpreten seiner Lieder hochgehalten. Können sie sich auch an Tiefe und Kraft der Konzeption nicht mit Liedern von Schumann oder Schubert messen, so gewinnen sie durch Lieblichkeit und Einfachheit der Melodik, gemüthvolle Auffassung und Sangbarkeit. Die Lieder „Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb", „So soll ich nun Dich meiden" in. den Wanderliedern sind bei aller Schlichtheit voll tiefer Empfindung und gehen, als echt vo'.ls- thümliche Weisen, zu Herzen. Unter den Frühlingsliedern spricht uns ganz besonders gleich Nr. 1 „O sanfter, süßer Hauch", ebenso Nr. 3 „O legt mich nicht inS kühle Grab" und das duftige „Saatengrün" warm an. Mit dem Tode des Königs Friedrich 1816 wurde Kreutzer, über den ein Korrespondent der „Allg. musik. Zeitung" (von 1816 S. 528) aus Stuttgart klagt: er sei zu lau und nachsichtig, wisse Einmischungen in sein Amt nicht gehörig zurückzuweisen, seiner Stellung enthoben. Er begab sich auf eine größere Konzertreise, auf welcher er Berlin, Dresden, Prag berührte. In letzterer Stadt brachte er eine lyrische Tragödie „Orestes" zur Aufführung. (Schluß folgt.) Qrigittal-SM'cttMäthsel. * Drei Sylben smd'tz: es mehret euer Gut, Wenn der Aecent aus meiner zweiten ruhtj Allein wenn ihn der Sylben erste hat, So nennt ihr eine wohlbekannte Stadt. Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 43: „Zwischenstation." Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vi-, M. Huttler.