Nr. 46. 1880. zur „Ängslmrger Po Leitung." Mittwoch, 8. Dezember »- Wachse grade für dein Theil, Oder werde krumm gezogen; Grade dienest du zum Pfeil, Krumm vielleicht zum Bogen. Friedrich Rückert. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) Mit Thränen in den Augen vor Freude und doch wieder vor Sorge über ihren Liebsten blickte Leni auf diese einfachen Zeilen, die eine liebevolle Hand für ihren Franz! geschrieben hatte, als Nest, die noch den Brief in der Hand hielt auf einmal rief, „holt Leni, auf der entern Seit'n steht a no was" — und weiter zu lesen begann. „Meine liebe Leni! Sei unbesorgt um Deinen Franz, er ist in bester Pflege, und bald wirst Du ihn sehen. Ich nehme herzinnigen Antheil an Eurem Geschick und hoffe Dich in Deinen schönen Bergen auch einmal besuchen zu können. Du hast an Franz ein treues Herz gefunden, und der Himmel segne eure Liebe. Ich grüße Dich herzlich Helene Freun von N." „Ja wie is mir denn!" rief Leni bei diesen Zeilen, die Rest mit gerührter Stimme las — „ja wie is mir denn, a so a nobligs Fräula im Spital als Barmherzige, und Leni hoaßts a, als wie i, aber Helene! Dös muaß ja mein Franz! freu'n, daß ihn a a Leni so guat pflegt, und brav muaß er do sei und an mi denka, wie's Fräula schreibt; no dös woas i, da hats koa G'fahr, da hab i als z'viel Vertrau'n auf den Bua'm." „Versteht st sagt s'Resei — aber jetzt Leni guat Nacht, es is scho völli dunkl, und i muß hoam in mei Hütt'n. Vergiß nit morg'n in aller Früh, dem Fischerlenzl den Brief mitz'geb'n, daß er bei Dir dahoam und z'Fischbachau an Franz! seine Leut a die guati Botschaft bringn kann, denn die werd'n a woltern a Freud hab'n wenn's dös alles les'n; guat Nacht!" — und während Leni in ihrer Kammer vor ihrem Hausaltärchen noch das innigste Dankgebet zum Himmel schickte, hörte sie noch den hellen Jauchzer ihrer Freundin, der weit in die Berge und in's Thal schallte. Bald schlössen sich zwei Augen zum sanften Schlummer, und liebliche Träume von Freude und Wiedersehen verriethen die Thränen, die wie Thautropfen an der lieblichen Blume von Geitau hingen. — Während dem nun in' der Heimnth unseres Bachhuber Franz! und im ganzen Aurachthale schnell die Kunde von seinem heldenmüthigcn Verhalten in der Schlacht von Kissingen, und von seiner Verwundung, Freude und Theilnahme allenthalben hervorrief, und seine alten Eltern von allen Nachbarn die herzlichsten Glückwünsche erhielten, machte dessen Genesung bei der sorgsamen Pflege im Lazareth zu Würzburg die erfreulichsten Fortschritte, und auch sein treuer Kamerad Jaroczyn erholte sich zusehends, da besten kräftige Körpersconstitution auf die rasche Heilung seiner schweren Verwundung vom günstigsten Einflüsse war. — 362 — Inzwischen wurden, nachdem Waffenstillstand geschlossen war, die Friedenspräliminarien zwischen den kriegführenden Mächten eingeleitet, und da in Folge dessen der Verkehr auf den bayerischen Eisenbahnen wieder hergestellt war, so überkam unsere Leni auf der Alm eine nicht mehr zu überwältigende Sehnsucht, ihren Franzl sobald als möglich zu sehen. Tag und Nacht sinnirte sie über einen Reiseplan nach Würzburg und s'Resei ihre Almennachbarin und der alte Fischerlenzl ihr Vertrauter wurden mit in ihr Vorhaben eingeweiht, namentlich sollte dem Letzteren, welcher wöchentlich ein paarmal mit seiner Butterkraxe auf die Alm kam, die Aufgabe zufallen, die Eltern zu Hause von der Idee Leni's in Kenntniß zu setzen. Während diesen diplomatischen Unterhandlungen unterließ es aber Leni nicht, auch in Würzburg Fräulein Helene ins Geheimniß zu ziehen und es wurde nun mit Hülfe der theilnchmenden Nest in einem wohlstudirten Briefe der Plan dem Fräulein mitgetheilt, und diesem Schreiben natürlich auch ein sehr zärtliches Liebesbrieflein an Franzl beigelegt, dem aber von dem Vorhaben vorläufig nichts verrathen werden durfte. Wie zu erwarten, führte der alte Fischerlenzl seine diplomatische Mission bei den Eltern des liebenden Paares zur vollkommensten Zufriedenheit aus, und eines Abends kam er mit lachendem Gesichte zu den beiden Älmerincn die gewöhnlich nach ihrer Arbeit vor der Sennerhütte saßen, mit der Botschaft: „Hain man scho' rumbracht an Vota, und er is glei dabeig'wes'n nach Würzburg z'roas'n." — Freudig sprangen die Mädchen auf und eS erscholl nun ein Juchzen von vielfältigem Echo erwiedert wie man schon lange keine mehr von der Alm hörte, und die Sennerincn der umliegenden Almen konnten sich nicht denken, was ihrer Nachbarin dem bisher alleweil so stillen Lencrl plötzlich angekommen sein mußte, daß sie seit langer Zeit wieder einmal ihnen zujodelte, und -lustig antworteten sie, und gaben ein Zeichen, daß auch sie wohl verstanden, was dieser Juchzer bedeute, sie wußten ja alle recht gut, warum ihre Freundin trauerte, und nicht mehr ihre fröhlichen Lieder zu ihnen hinubersingen wollte. Schon Früh des andern Tages als Leni eben in voller Arbeit war, kam der alte Ekardbauer von Geitau auf die Alm und mit einem nicht zu verkennenden Stolze betrachtete er die kräftige Gestalt des schönen Mädchens, dessen Wangen, wie vom frischen Morgenroth angehaucht waren, und mit vor innerlicher Freude glänzenden Angcn bot sie dem Alten einen herzlichen guten Morgen. „Bist ja scho zeiti bei Deiner Arbeit, und siehst ja heut so lusti her, als wannst nett am Sunta auf'n Kirta geh'n mächst" — redete sie der Vater an, — „laß aber jetzt All's steh'n, und zieh Dein bessers G'wand an, mir genga glei mitananda hoam, und heut müaß ma no außi roas'n nach Würzburg. Unser Dirn wird glei nachkomma, die bleibt daweil auf der Alm, und dahoam kanns bis mir wieda komma d'Muatta scho alloan damacha." Daß auf diese Anrede die fleißige Leni die Milchkübel, die sie eben blank scheiern wollte, schnell liegen und stehen ließ, kann uns nicht wundern, und nicht lange dauerte es, kam sie schon in ihrem einfachen Sonntagsgewand, das sie auf der Alm hatte, aus der Hütte, während der Eckardbauer eben der Dirne die Herrschaft über die Alm übergab. Leni empfahl derselben die treuen Unterthanen ihrer Obhut, und sie konnte nicht umhin von jedem ihrer Lieblinge Abschied zu mhmen, welche ihr, als sie mit ihrem Vater den grasigen Hang hinabging, verwundert nachschauten, da es ihnen auch sonderbar vorkam, ihre Herrin zu einer so ungewöhnlichen Zeit fortgehen zu sehen. Ein lustiger Juchzer hallte noch hinüber zur Sennerhütte ihrer Freundin Resi, der ebenso lustig wieder erwiedert wurde, das; es weithin iu die Berge nachklang. In Geitau wurden unsere Reisenden bereits von der Mutter erwartet, und auch der alte Bachhuber war da, um an seinen Sohn Geld und Wäsche mitzugeben, und die fromme Mutter legte noch besonders eine kleine silberne Medaille mit dem Gepräge der Muttergottes von Birkenstein bei. Schnell wurde das Nöthigste zur Reise zusammengepackt, und im besten Festgewande mit dem grünen Hütchen und goldener Schnur, dem schönsten Mieder, verschnürt mit der silbernen Kette an der die alten Schatzthaler hingen, stand Leni mit freudestrahlenden Augen da, um den aus Bayrischzell zurückkehrenden Postomnibus zu erwarten. - 363 — Der alte Postanderl mit seinen Braunen ließ auch nicht lange auf sich warten, und ganz verwundert schaute er drein, als er beim Eckardbauer anhalten mußte. „Ja wo roaüt denn d'Leni mit'n Vota heut no hin, daß gar a so pressirt, bei welchen Worten er das Trinkgeld, das ihm die Lein in die Hand schob mit der Aufforderung gut zu fahren, dankbarst in die Tasche schob, — is ja nindascht koa b'sonders Fest und d'Jakobi-Duld z'Minka is ja a schon vorbei." — „Geh Dap", sagt d'Leni, „nach Würz- burg roas ma außi, i und der Vota, den Bachhubcr Franz! müaß'n ma hol'n der im Spital is, und jetzt soweit kurirt is, daß er hoamroas'n derf." — „Jetzt nacha is was anders", sagte Ander!, und lustig trieb er seine Braunen an, wußte er ja auch, daß Leni nicht schnell genug zu ihrem lieben Franzl kommen konnte. Noch gerade zur rechten Zeit trafen sie in Miesbach ein, um mit dem letzten Zug nach München fahren zu können, und ohne Säumen wurden Billete und Gepäcke besorgt, und hinaus dampten unsere Reisenden in die stille Nacht. Leni's Brief hatte nicht allein bei Franzl wieder Heiterkeit in das sonst so einförmige Lazarethleben gebracht, sondern auch bei seiner Pflegerin Fräulein Helene große Freude erregt, die an der schlichten Schreibweise des treuherzigen Gebirgskindes doppeltes Interesse gewann, da sie daraus deren baldige Ankunft erfuhr, und mit mädchenhafter Neugierde auf die Bekanntschaft desselben gespannt war. Ungeachtet der Bitte Leni's von ihrer Reise nach Würzburg vorläufig noch nichts zu erwähnen, konnte sie doch nicht umhin bei Franzl einige Andeutungen dahin zu machen, und wenn dessen Augen bei bei solchem Gespräche oft hell glänzten vor Freude sein Mädchen bald zu sehen, schüttelte er doch ungläubig mit dem Kopf und meinte: „war scho recht, aber von da Alm kann jetzt d'Leni nit fort, dessell war nix, wer that denn da d'Arbet" — und freudig, daß der arme Bursch die Pflichttreue seines Mädchens allem Andern, ja sogar dem Interesse für seine Liebe vorzog, tröstete daß Fräulein ihn stets mit den Worten: „wer weiß es, vielleicht doch!" — So vergingen mehrere Tage, als eines Morgens Fräulein Helene, die sich eben zum Gang ins Lazarelh anschickte und an der Domkirche vorbeikam, aus dem großen Portale zwei Personen heraustreten sah, die durch ihre Tracht ihr sogleich auffielen; eine große stämmige Figur mit grauen Haaren und Schnurrbart, sich eben noch bekreuzend, und den grünen Hut mit der Spielhahnfeder aufsetzend. Selten sieht man in der großen Frankenstadt solche Erscheinungen, und die zu gleicher Zeit aus der Kirche gehenden Schulkinder betrachteten neugierig den Tyroler, wie sie ihn nannten, mit den kurzen Hosen, nackten Knien, und den mit Hackenägeln schwer beschlagenen Schuhen. Nicht minder wurde aber auch das Mädchen in ihrer schönen kleidsamen Tracht angestaunt, die hinter diesem Manne einherging. Fräulein Helene war nicht im Zweifel über beide Persönlichkeiten, das Mädchen mußte Franzls Geliebte sein, unter Hunderten hätte sie dieselbe herausgekannt, denn die Beschreibung, die er von seiner Liebsten machte, paßte ja vollständig auf das lebende Bild, das sie jetzt vor sich sah; die schwarzen Zöpfe, die das blühende Gesicht des Alpenmädchens umrahmten, die hellen freundlichen Augen, die unter dem grünen mit goldener Schnur reich verzierten Hütchen hervorsahen, der große schlanke Wuchs des Mädchens, alles stimmte wie gesagt auf das Bild, das Franzl ihr oft so lebhaft ausmalte, und das jetzt leibhaftig vor ihr stand. Sie zögerte auch nicht lange, und mit der ihr angeborenen Leutseligkeit trat sie zu dm schüchternen Bauernmädchen hin, und sprach sie freundlich an: „Sie sind gewiß die Jungfrau Leni vom Eckardbauern aus Geitau, und suchen Jemand im Lazareth hier auf", — sie getraute sich wirklich nicht in Gegenwart des Begleiters des Mädchens den Jemand beim Namen zu nennen, — „wenn sie mitgehen wollen, ich bin eben im Begriffe ins Lazareth zu gehen, und kann Sie dort ungehindert einführen." — Die Leni wurde über und über feuerrot!) in ihrem Gesichte, und wußte sich anfangs nicht gleich zu fassen, und als sie ihre Augen aufschlug und das freundlich lächelnde Fräulein betrachtete, brach sie plötzlich in die Worte aus: „Vata da schau, i glab hellicht dös is dös Fräula, die mein Franzl kennt, und die mir an so schön'n Brief g'schrieb'n hat, grüaß Gott z'tausendmal Fräula Lene, gelt'ns Sie sans, Sie könnens nit leugna", — und treuherzig reichte das Mädchen ihre Hand dem Fräulein, und auch der Vater zog respektvollst den Hut schüttelte das ihm gereichte feine Händchen des freudig erregten Fräuleins. „Doch jetzt kommt meine lieben Leutchen, jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, und zu unserm braven Franzl gehen, den ihr heute bei diesem schönen Morgen schon im Freien vor dem Lazarethe treffen werdet, er ist schon soweit hergestellt, daß ich ihn bei seiner kräftigen Natur nicht vorzubereiten für nöthig finde, ahnte er ja schon längst, daß ihm eine so unerwartete Freude bevorstehe. — O nur an Juchaza wenn i tho durft, da kennt er mi schon z'weitist her", meinte Leni — „geh g'stroachts Deandl", fiel ihr der Vater schnell ins Wort, um ihr den Ausbruch ihrer Freude abzuschneiden — moanst denn Du bist dahoam auf der Alm, dessell gibts nit in der Stadt, sonst kunt'ns di glei veraretir'n a, nach« war der G'spaß glei vorbei, geltS Fräula?" — So gerne Fräulein Helene einen solchen Jodler hören möchte, so mußte sie doch zu ihrem Leidwesen der lauten Freude Lenis Einhalt thun, und tröstete die muntere Sennerin damit, daß sie ihr zu Hause im Garten ihres Vaters heute noch nach Herzenslust vorjodeln und vorjuchzen könnte. Während solcher munterer Unterhaltung kamen nun unsere Leutchen an das alte Bahnhofgebäude, wo in dem zu einem freundlichen Garten umgewandelten Hofe, der gegen den sogenannten rothen Bau hinging, die armen Verwundeten und Reconvalescenten in der frischen Morgenlust sich ergingen. Unmittelbar an der kleinen steinernen Treppe des länglichten Bahnhosgebäudes, im Schatten grünender Ziergewächse und Eitronenbäumchen, saß in einem Rollwägelchen eine kräftige Gestalt, deren bleiches Gesicht noch mehr durch den schwarzen üppigen Vollbart abstach. Es mußte wohl ein schwer Verwundeter sein, da er nicht gehen konnte. Vor ihm auf der steinernen Stufe saß ein Anderer, im grauen Soldatenmautel mit einem schon frischeren Gesicht, zu dem der hellblonde wohlgepslcgle Schnurrbart recht gut paßte, er schien bereits schon vollständig genesen, denn man konnte eine gewisse Heiterkeit auf seinem gebräunten aber frischen Gesichte nicht verkennen. Er hielt eine Cither auf seinen Knien, und sein Kamerad im Nollstuhl lauschte aufmerksam auf die lustigen Weisen, die er ihm vorspielte, während eine barmherzige Schwester ein Glas mit erfrischendem Getränke in der Hand hielt, das sie eben d-,n schwer Verwundeten reichen wollte. Gar lieblich war diese Gruppe anzuschauen; die noch leidende Gestalt des Kranken, das schon wieder aufblühende Gesicht des teilnehmenden Kameraden, und das sorgsame Auge der treuen Pflegerin in der ernst schönen Kleidung der barmherzigen Schwester. — (Fortsetzung solgt.) Schiller und die Münchener Hof- und Nationalvühne. *) Den Münchenern war es früher nicht nur zweifelhaft, daß ein gutes Theater auf Sitte und Aufklärung wesentlich wirke, sondern sie wollten auch nicht zugestehen, daß eine Bühne unter allen Erfindungen des Luxus und allen Anstalten zur gesellschaftlichen Ergötzlichkeit den Vorzug verdiene:**) Der Intendant Franz Marius von Babo beklagte sich nämlich einmal recht bitter darüber, daß der hiesige Bürgerstand „obschon er die ganze Theaterausgabe für sich in Verdienst und Einnahme bringt, theils aus Mangel an Kultur, theils aus Gewohnheit einer handgreiflicheren oder konsumtibleren Ergötzlichkeit das Hoftheater fast gar nicht besuchte." Die höheren Gesellschaftskreise hallen in ihrer Vorliebe für die französische und italienische Bühne nicht mehr Verdienst um das hiesige Hof- und Nationaltheater. Im Anfange herrschte eine große, andauernde Mißwirtschaft. Mit dem Verständniß der leitenden Kräfte stand es wie mit dem Geschmacke der Kritiker und Zuschauer. — *) Franz Grandaur, Chronik des kgl. Hof- und Nationalthcaters zu München. 1878. **) Schiller, die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet. 365 Während Kotzebue's, Jffland's Stücke, Ballete, leichte Operetten außerordentlich gefielen blieb man den Werken Lessings, Goethe's Shakespeare's ziemlich abneigt. So hatte der vom eitlen Grafen Seeau im Jahre 1797 zur Aufführung gebrachte „Kaufmann , von Venedig* kein Glück. Im vierten Briefe des „dramatischen Briefwechsels* von f Jak. Klaubauf findet sich folgende charakteristische Geschmacksschilderung eines zu Ende ^ gehenden recht dunkeln Zeitalters und eines noch finstereren Kritikers: „Das Stück — („Der Kaufmann von Venedig") —, das nicht mehr für den dramatischen Geschmack paßt, verfehlte bei der Vorstellung seine Wirkung völlig — — — Shakespeare's Zeitalter war von dem unseligen verschieden. Jenes war roh, unseres ist gebildet. — Wir verlangen nicht erschüttert, wohl aber gerührt zu werden." Man dachte hier also anders als wie zum Beispiel in Weimar, und diese Umstände machen es erklärlich, daß man unbekümmert über die Erfolge der ersten Schiller'schen Werke, nicht sehr darauf drang, dieselben auch hier dargestellt zu sehen. Erst im Jahre 1799 — siebzehn Jahre nach der erstmaligen durchschlagenden Aufführung der „Räuber" in Mannheim — erschien ^ ein Werk des großen Schiller auf der Münchener Hofbühne. Nicht „Die Räuber", nicht i „Don Carlos" wollte man hier zuerst sehen. Nach einem bürgerlichen Trauerspiele, die ein dramatischer Geschüftsartikel geworden waren, wollte man sich Urtheile über den großen Dichter und seine Werke bilden. Am 28. Mai 1799 wurde „Kabale und Liebe" in München zum erstenmale ausgeführt. Der Erfolg glich nicht demjenigen, welchen diese Tragödie in Mannheim und Frankfurt erzielt hatte; bei dem sozialen Mißbehagen, das man auch in der bayerischen Residenzstadt theilte, gefiel aber doch der rechtschaffenen Bürgerschaft das die i höheren Stände in ihrer ganzen Verworfenheit historisch zeichnende bürgerliche Trauerspiel außerordentlich. „Kabale und Liebe" erlebte bald nacheinander drei Wiederholungen, l Da jedoch der Werth des ganzen Stückes nicht gewürdigt werden konnte, wurde es auch ^ der große Dichter noch nicht. Die genialische Natur desselben wurde in München erst ! nach den Befreiungskriegen gebührend anerkannt. Drei Jahre verstrichen bis man ein zweites Schiller'sches Werk aufführte. Der , nach Shakespeare frei bearbeitete „Macbeth" wurde am 4. und 9. März 1802 dargestellt. Noch im Juni desselben Jahres ging „Don Carlos" in Szene und am 2. August 1803 „Maria Stuart", welche drei Wiederholungen erlebte. Das nur „gerührt" sein wollende Publikum wurde einigermaßen erschüttert. Gastspiele fremder Mimen hatten vorzugsweise die Aufführung dieser Trauerspiele ! bewirkt; ebenso diejenige der Walle nst eint rilogie, welche in das Jahr 1804 in der ! Weise fällt, daß man am 4. April „Die Piccolomini", am 17. April „Wallensteins Tod", am 27. Mai „Wallensteins Lager" gab, worauf am 29. Mai „Die Piccolomini" und am 1. Juni „Wallensteins Tod" wiederholt wurden, so daß die Trilogie in gehöriger Reihenfolge aufgeführt ward. Das Münchener Publikum zeigte äußerst wenig Interesse an diesen großartigen Werke. „Ein großes Master wirkt Nacbeiferung Und gibt dem Urtheil höhere Gesetze —" traf bei ihm nicht zu. Am Hofe und unter der übrigen Einwohnerschaft befand sich kein > auserlesener Kreis, . „Der, rührbar jedem Zauberschlag der Kunst, 1 Mit leisbemeglichem Gesühl den Geist f In seiner flüchtigsten Erscheinung hascht." i Babo selbst sagte von den „Piccolomini", daß sie mit einem hohen poetischen Werth ! gar keinen dramatischen verbänden. So wenig Erfolg hatten die übrigen Werke Schiller's j bisher erringen können, daß man von dieser Trilogie nichts erwartete und darum der , ersten Aufführung fernblieb. Wie Dr. Franz Grandaur mittheilt, sollen nämlich die , Einnahmen nach einem Ausweis der Kassabücher bei den „Piccolomini" nur 58 fl. 27 kr., bei „Wallensteins Tod" 81 fl. betragen haben, während die Ausgaben sehr bedeutend waren. Mit den größten Summen nährte man italienische Prachtopern. Trotzdem brachte — 366 man im Jahre 1806, seit welcher Zeit das Hoftheater auch Nationaltheater heißt, abermals zwei Werke Schiller's auf die hiesige Bühne: „Der Parasit", der sein Glück nicht so sehr gemacht hat als „Tell", der schnell drei Wiederholungen erlebte und sich auf dem Repertoire erhielt. In welch geringem Maße aber auch dieses prächtige, lauterste Freiheitsliebe athmende Drama verstanden wurde, darum nicht besonders zünden konnte, erhellt daraus, daß noch im Jahre 1810 unter Delamotte dasselbe durch Streichung der Rolle des Werner, Freiherr von Attinghausen, gekürzt wurde. Verse wie die: „An's Vaterland, an's theure, schließ Dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen —" zu streichen, erklärt genug die Gesinnung. Besser als das-Schauspiel „Wilhelm Tell" gefiel ein Ballet gleichen Namens, in welchem Philipp Tagliöni 1817 hier auftrat. Auf Veranlassung des kunstsinnigen Kronprinzen, nachmaligen König Ludwig I., wurde am 27. März 1808 „Die Braut von Messina" zum ersten Male und zwar zum Besten der Wittwe Schiller's gegeben. Auf dem jetzt sehr vergilbten Theaterzettel war zu lesen: „Da dem Geldertrag dieser Vorstellung eine, der vorzüglichen Theilnahme aller Kunstfreunde würdige Bestimmung gegeben worden ist, so bleibt das Abonnement aufgehoben." „Der Zweck dieser Vorstellung", berichtet Babo, „war allgemein bekannt, aber auf dem Zettel nicht näher angegeben, da man es höheren Orts für anständiger hielt." Die Einnahme betrug, das königliche Geschenk von 100 Gulden miteingerechnct, nahezu 500 Gulden. Bei der Wiederholung war das Haus ziemlich leer. Babo schrieb darüber: „Das Publikum hatte sich schon an der ersten Vorstellung satt gesehen. So ist es hier mit den sogenannten dramatischen Meisterstücken beschaffen; so erging-es auch Wollenstem, Maria Stuart, Don Carlos und Tell." Madame Antoine, die Veteranin des Schauspiels, gab die — Donna Jsabella; Cannabich die — Beatrice; Kürzinger — Don Manuel; der wackere Stentzsch den — Don Cesar. Die Bemühungen dieser Künstler änderten nichts an der traurigen Thatsache, daß man nun einmal zu dem Höchsten zu wenig Empfänglichkeit mitbrachte. Das Publikum erfreute sich nicht am Verständigen und Rechten, doch ist später auch hier wahr geworden, was Friedrich Schiller in der Vorrede zu diesem Trauerspiel mit Chören von dem Publikum schrieb: „Wenn es damit angefangen hat, sich mit dem. Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat." Wuchs auch die Theilnahme noch nicht 1811, in welchen: das umfassende Repertoire durch Racine-Schillers „Phädra" bereichert wurde, so erzielte doch schon im nächsten Jahre Schiller auf der hiesigen großen Bühne einen bisher beispiellosen Erfolg mit der »Jungfrau von Orleans". Schon vor der Umarbeitung für das Theater hatte auch die Münchener Intendanz gleich der von Berlin, Leipzig und Hamburg das Stück von dem Dichter verlangt. Gleichwohl verstrichen 11 Jahre nach den ersten glänzenden Aufführungen in Leipzig und Berlin, wobei die Besucher in Exstase gerathen sein sollen, bis man hier diese romantische Tragödie in Szene setzte. Wie gesagt war die Aufführung von durchschlagendem Erfolg begleitet; so zündend war die Wirkung und so allgemein die Begeisterung, daß die »Jungfrau von Orleans" noch in demselben Jahre dreizehn- mal wiederholt werden mußte. Nur Webers „Freischütz" erzielte später eben solchen Erfolg. Die Titelrolle lag in den Händen der Dlle. Altmutier. Während die Münchener nur noch von dem „Fiesko" zu erkennen gaben, was die Mannheimer darüber sagten, daß er ihnen nämlich viel zu gelehrt wäre, dachte man endlich auch daran „Die Räuber" auf die hiesige Hof- und Nationalbühne zu bringen. Im Jahre 1816 erfolgte deren erste Aufführung. Vespermann gab den Franz, Carl den Karl Moor. Erschütterte das Spiel dieser beiden Künstler nicht wie das Jffland's und Böck's, so versetzten sie doch die Gemüther in fieberhafte Aufregung. Der später berühmt gewordene, hier einige Zeit engagirte Mime Eduard Hermann brachte es 1820 zuerst zu Stande, den Karl sowie Franz zu spielen. Ein Jahr zuvor befand sich unter 367 den Schauspielnovitäten Schillers „Demetrius" mit der Fortsetzung des Franz von Maltitz. Anstatt nun aber alle in einem Zeitraume von zwanzig Jahren zur Aufführung gebrachten Schiller'schen Werke fleißig zu wiederholen, immer sorfültiger darzustellen, trat bei den: immer weiter schreitenden Verfall der Hofbühne das Gegentheil ein, so daß die Errungenschaften beinahe verloren zu gehen drohten. Wiederum trat eine beklagenswerthe Mißwirthschaft ein, deren Schaden zwar wieder gut gemacht werden konnte, eine einigermaßen musterhafte Aufführung großer Bühnenwerke aber auf lange Zeit unmöglich machte. — In den sechziger Jahren ließ man es sich wieder ernstlich angelegen sein, gute Kräfte zu suchen und der Reihe nach Schillers dramatische Meisterstücke neu ein- zustudiren. Ernst Possart, Rüthling, Rohde wurden 1864 gewonnen, 1867 Häusser und im folgenden Jahre Klara Ziegler, die beste Darstellerin der Jeanne d'Arc. Das Publikum hat die Mühen belohnt, den großen Dichterfürsten längst warm verehrt, ihm sogar ein Denkmal errichtet, und die Verdienste der Intendanz noch nicht vergessen. Immerhin kann man aber bei einer Verglcichung der Gesammtaufführung aller dramatischen Werke von 1867 bis 1877 einiges Mißfallen darüber nicht unterdrücken, daß in dieser Zeit im hiesigen Hof- und Nesidenztheater auf Schiller 99 Abende, Goethe 66, Lessing 26, — auf Benedix aber 153, auf Moser 119 Abende fielen. Es läßt sich vorhersagen, daß sich diese Verhältnisse nicht leicht ändern lassen und gleichbleiben. Verzeihlich ist es, daß man bis zu den Befreiungskriegen in München die wahre Kunst unterschätzte, indem man sich selbst überschätzte; „bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden", hat ja Schiller selbst gesagt.*) Strenger müßte ein neuer Verfall und eine neue Abneigung gegen die dramatischen Meisterwerke unseres Schiller verurtheilt werden» Es erfülle sich immer schöner des großen Dichters Wort: „Der fortgeschritt'ue Mensch tragt auf erhobenen Schwingen Dankbar die Knust mit sich empor. —" Das „fernsprccheride" Amerika. Nach Mittheilungen des bekannten Ingenieurs Max M. v. Weber, der soeben eme Reise durch Amerika beendet hat, hat — wie die „Nat.-Ztg." berichtet — dieTele- phonie in den Ver. Staaten bereits eine in Europa nicht geahnte Höhe erreicht. Man hat, nach ihm, dort erkannt, daß die Zeit- und die gleichbedeutende Arbeitskraft-Ersparniß im geometrischen Verhältnisse de Zahl der Individuen wachse, die in freie, direkte mündliche Beziehung treten können. Die Leistungen des Telephons in der öffentlichen Verwaltung sind außerordentliche. Ein hoher Staatsbeamter sagte ihm: „Wir hegen gar keine Meinung mehr für das örtliche Zusammenliegen unserer Behörden und Aemter, denn wenn sie auch über die ganze Stadt vertheilt sind, wir sprechen doch von jedem Zimmer in jedes Zimmer und in sehr viele Privatwohnungen der Funktionäre, als ob wir beisammen ständen." Die hauptsächlichste Entwickelung hat, wie Weber erzählt, die Telephons in den Mittelstädten 100—200,000 Einwohnern gefunden, die im raschen Aufblühen begriffen sind. Hier sieht es auS, wenn man in gewissen Straßen in die Höhe blickt, als seien sie mit weitmaschigen Spinnweben überzogen, so viel Telephondrähte kreuzen sich da, von Dachfirst zu Dachfirst gezogen. Wie vielfach die Kommunikation dieser Art in den Städten und nach deren Umgebung hin ist, davon erzählt er ein ergötzliches Beispiel: Ich suchte in einer solchen, im Norden des Staates New-Dork gelegenen großen Mittelstadt eine uns lange befreundete, dort begüterte Familie auf. Die freudig überraschte Dame vom Hause empfing mich auf das Liebenswürdigste, aber sofort nachdem wir uns die Hände geschüttelt, langte sie nach dem auf der Lehne ihrer I Ueber das gegenwärtige deutsche Theater. 1782. 368 Boudoir-Causeuse liegenden Telephon und rief aus: „Ich verfüge über Sie, wir fahren aus, ich zeige Ihnen die Stadt, Sie diniren bei uns mit einigen Leuten, die Ihnen nützen können; heute Nachmittag segeln wir mit einer Dampfyacht auf dem Niagara, morgen fahren Sie in die Oelregion, übermorgen und später sind wir auf unserer Villa. Jetzt rufe ich meinen Mann auf seinem Bureau, melde Sie an, bespreche unsere Pläne, dann bestelle ich meine Equipage, die ich seit dem Telephon aus dem Hause entfernt habe, lade Ihnen die Leute zum Diner, bespreche das Nöthige mit Maschinisten und Stewart wegen Fahrt und Souper auf der Jacht; dann soll Ihnen mein Mann den Zug auf der Oelregionbahn bestellen und endlich habe ich eine Menge mit unsern Wirthschaftsleuten auf der Villa zu behandeln!" — „Und wann soll das alles besorgt sein?" fragte ich. „Oh! sehen Sie sich die Albums dort an, gehen Sie einen Gang durch den Garten; ich habe es nicht gern, wenn man mir zuschaut, wenn ich telephonire. Es sieht so häßlich aus! Dann soll alles besorgt sein," sagte die liebenswürdige Frau lächelnd. Ich blieb aber doch und sah und hörte staunend, wie sie sich erst mit dem Gemahl verständigte. Dann wurden die Adressen im Ccntral-Bureau umgeschaltet, drei, vier Familien zum Diner geladen, zusammen mindestens 28 englische Meilen weit wohnend, zwei davon antworteten umgehend. Dann wurde die Equipage gerufen und längere Zeit mit der Bemannung des kleinen, fünf Meilen entfernt im Erie-See liegenden Dampfschiffs verhandelt und das Menü des Soupers auf demselben im Detail festgestellt. Dann kam die Villa daran, wo die Verwalterin erst wieder telephonisch von der Meierei geholt werden mußte, — und endlich ließ sich der Gemahl wieder vernehmen, daß auf der Oel- region-Bahn alles besorgt sei. — Nach 20 bis 25 Minuten setzte die liebenswürdige Dame das Telephon aufathmend von den Lippen und sagte: „Das war ein Stück Arbeit! Jetzt mache ich Toillette und räume meiner Köchin das Feld am Telephon. Auf Wiedersehen!" Sie schlüpfte hinaus und die Köchin, eine würdige Person, fast Matrone, trat aus Telephon, das sie ebenso gewandt handhabte, wie ihre elegante Herrin. Und da hörte ich denn zu meinem Staunen die Braten, Fische, Gemüse, das Obst für das Diner bei den großen Händlern in der Stadt bestellen — von der Köchin — telephonisch! Als guter Deutscher hatte ich, während Dame und Dienerin über einen Flächenraum von einigen Quadratmeilen befahlen, verhandelten, anordneten — dagesessen und überrechnet, welche Zeit an Billetschreiben, Botengängen, Droschkenfahrten rc. wohl die Arbeit erfordert haben würde, die hier Frauenhand und Mund in 40 Minuten that — und ich kam dabei, alles gut gelingend gerechnet, auf mindestens 40 Arbeitsstunden unter so und so viele Leute vertheilt — abgesehen davon, daß die Leistung auch bei Gestaltung beliebiger Lauf-, Rede-, Ausrichte- und verwirrender und mißverstehender Kräfte — überhaupt nicht zu beschaffen gewesen wäre. Ich dachte nebendem dabei schmerzlich bewegt an all die Mühen, den Verdruß, die Mißverständnisse, die daheim nur das Arrangement eines einzigen Diners für die armen Hausfrauen vor und nach sich hat — und hier! — Diener, Spazierfahrt, Dampfschisfsreise, Eisenbahnfahrt, Souper, Landaufenthalt — alles lächelnden Mundes aus dem Boudoir heraus in 40 Minuten arrangirt. — Unglaublich! Und mit solchen Völkern soll man konkurriren." M i s e - l l e rr. (Ein Riesenschwein.) Im amtlichen „Kreis-Anzeiger von Fritzlar, ä. ä. 8. Jan. dss. Js., finden wir folgende Notiz: „Fritzlar: Heute wurden hier in einem Schweine von dem beauftragten Fleischbeschauer Trichinen — und ein Kanonier von der 6. Batterie auf dem sog. Viehmarktsplatze erhenkt gefunden." A: „Alles würde ich aufbieten, um ein berühmter Mann zu werden, mir einen Namen zu machen, aber wie?! Wenn ich nur wüßte, wie man es anfängt, um wenigstens von sich reden zumachen — —weiht Du kein Mittel?" B: „O ja — erschie ß' Dich .^ Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hutlter.