zur „Äugslmrger postjertung." Nr. 47. Samstag, 11. Dezember 1880. — - W ^ --- > Bist du mit gestern zufrieden, bist du es gewiß auch mit morgen, wenn du nur heute nicht eher ruhst, bis du etwas Gutes gethan hast. A. Münde. Die Vlitine von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) So lange als wir diese Gruppe betrachteten, konnte es Leni nicht aushalten, und mit einem freudigen Ausrufe „Franz!!" stürzte sie in den Garten, und lag in den Armen ihres Geliebten. „Js wirkli wahr, Leni, bist es, oder is Dei' Geist — na Du bist es wirkli, Deine guat'n Aug'n, Dei G'sichtl, ja sie sans, grüaß di Gott tausendmal, und Dei' Vota is a da, i verwoaß mi ja gar nimm« vor lauter Freud, weil i no enk wieder hab, und schau dös hat g'wiß alles unser guate und brave Fräula so g'macht, ja wie kann i dös Alles amol guat macha — schau Kamerad, wendete er sich an den im Rollwagen sitzenden Jaroczyn, der init Thränen in den Augen die Scene betrachtete — „schau Kamerad, dös is mei' Leni, die amol mei guats bravs Weib wird, da schau, da schau, o mei, und der arm Narr versteht no nit alles, aber do woaß er's wie's mir, und uns alle um's Herz is." — Freudig erregt reichte Jaroczyn Leni und ihrem Vater die Hand, und in seiner Muttersprache vermischt mit dein Deutsch, das er bisher von Franz! gelernt hatte, rief er: „ alc siä innso Grüß Gott brav Kamerad brav Bayer Frnnzel, ich auch wieder gesund werd, und bei ihm bleib." „Ja,tz sagte Franzl, Du gehst mit uns hoam in unsere Berg, und derfst nimma von uns fort, so lang mir's Leben hab'n. Jetzt trink aber Dein Saftl, dös Dir d'Schwester Veronika scho lang bracht hat, aus der Leni und unser aller G'sundheit, und aus'n Köni von Boarn und Preuß'n, mir sän ja jetzt alle Freund, und nix bringt uns mehr auseinanda." — Dann gings erzählen an von all den Ereignissen während des Krieges, vom Kampf am Kirchhof in Kissingen, von der Verwundung Franzl's, von der Bekanntschaft mit Jaroczyn und endlich von der theilnehmenden und liebevollen Pflege der Fräulein Helene, die so innigen Antheil am Schicksale des braven Altbayern hatte, und die eigentlich die Veranlassung zu dem heutigen freudigen Wiedersehen war. Nachdem so unsere Freunde sich einige Zeit ihrem Glücke hingegeben hatten, wollte sich Fräulein Helene das Vergnügen nicht nehmen lasten, den alten Eckardbauer und seine schöne Tochter auch in ihr elterliches Haus, wo man bereits die romantische Geschichte des Liebespaar kannte, zu führen, und nach herzlichem Abschied, und dem Versprechen bald wieder zu kommen, verließ die Gesellschaft das Lazareth. Im Hause des alten Freiherr» wurden nun die Reisenden mit herzlicher Freude aufgenommen, und derselbe war bald in bester Kameradschaft mit dem biedern Gebirgsbauern, da sie von den alten Zeiten und den Fcldzügen in dem Jahre 1812 die sie beide mitmachten, bei einem Glase Wein sich viel zu erzählen hatten, während Fräulein Helene ihre Freundin, mit der sie nun schon ganz vertraut war, in die geschmackvoll einaerichteten 370 Zimmer umherführte, und ihr nach Mädchenart alle ihre Schönheiten und Nippsachen zeigte, wobei Lern mit großem Interesse und Verwunderung Alles betrachtete. Auch an dem am Hause liegenden Garten, den die herrlichsten Gewächse und Blumen zierten, konnte sich Leni nicht genug satt sehen, und in ihrer Herzensfreude, und angeheimelt durch die lieblichen Baumgruppen, ließ sie einen lustigen Jodler erklingen, der mit einem hellklingenden Juchza schloß. — Der alte Freiherr ließ sich's nicht nehmen den Eckardbauern mit seiner Tochter als Gäste in seinem Hause zu behalten, denn viel hatten sich die Alten zu erzählen, und mit großem Interesse hörte der Freiherr den Bauern über den Betrieb der Holz- und Mehwirthschait im Gebirge sprechen, hatte er ja selbst auf seinem Landgute eine große Oekonomie. Während dessen schloßen aber die beiden Mädchen trotz ihres verschiedenen Bildungsgrades die innigste Freundschaft, die meist der Himmel knüpft, wenn edle junge Herzen sich begegnen. So vergingen nun die Tage, an denen auch viele Stunden im Lazareth zugebracht wurden, welches Franzl zeitweise zu einem Besuche beim Freiherrn verlassen durfte, schnell in Heiterkeit und Frohsinn, und endlich meinte der alte Gschwendtner: „Deandl, jetzt war's Zeit, daß ma an's Hoamroasa denka, d'Mutter wird gar nit wissen, warum wir so lang ausbleib'n." — Da^war denn bei den Mädchen des Jammers kein Ende, die Trennung war ihnen nach kaum geschlossener Freundschaft recht schmerzlich. „Und was iS denn mit Franzl", meinte Leni, „der kunnt ja am End do a scho roas'n, wenn ma zwoata Klaß auf der Bahn fahren that'n." Ohne ihn wollte sie ja doch nicht wieder zurückkehren, zudem der behandelnde Arzt bei seiner schon vorgeschrittenen Genesung kein Hinderniß in den Weg legte, ja sogar dessen Heimkehr in die frische Bergluft heilsamer hielt, als das noch längere Verweilen im Lazareth. Aber der arme Jaroczyn — konnten ihn, den treuen Kameraden, die Freunde allein zurücklassen? — wohl meinte nun Franzl es wäre vielleicht besser, wenn er auch noch bei ihm zurückblicke, und dann wollte er ihn nach vollkommener Heilung mit nach Fischbachau nehmen, so groß war die Aufopferung des Kameraden, denn sie halten sich ja schon längst das Wort gegeben, sich nicht von einander zu trennen, und mit Freuden willigte auch Jaroczyn in den Vorschlag seines Kameraden mit ihm in seine heimathlichen Berge zu ziehen, hatte er ja Niemand mehr zu Hause, der für ihn sorgen würde, und glaubte er seine Heimath überall da zu finden, wo brave Menschen wohnen, und daß Franz und all die um ihn waren, gute Menschen seien, davon hatte er sich ja jetzt hinlänglich überzeugt. Gerne wollte er seine vollständige Genesung noch in Würzburg abwarten, um so mehr, als der alte Freiherr und Fräulein Helene darauf bestanden, er müsse ohne weiters in ihr Haus gebracht werden; und wo könnte die Heilung besser vor sich gehen, als bei einer solch aufopfernden liebevollen Pflege. Dieß erleichterte den Abschied der braven Leutchen, und unter den heiligsten Versprechungen, daß Jaroczyn, sobald es sein Zustand erlaube, nach Fischbachau nachkomme, und bei der Versicherung, daß auch der Freiherr und Fräulein Helene im nächsten Jahr das bayerische Gebirg, den Eckardkamm und die Eltern Franzls besuchen werde, schied inan unter Thränen des Dankes für die vielen Beweise liebevoller Pflege und Aufopferung» Ohne besonderen Aufenthalt ging nun die Reise unserer obcrbayerischen LandSlcute in ihre .Heimath vor sich, und mit freudigem Herzen begrüßte Franzl vor der Station Holzkirchen zum erstenmale wieder die schönen blauen Berge seiner Heimath, die ihm ein freundliches Willkommen zuwinkten. Schnell dampfte der Zug durch das romantische Mangfallthal und bald hielt man am Vahnhofgebäude der letzten Station. Hier erwarteten die Reisenden die Eltern Franzls, der alte Huberbauer mit seinem stattlichen Weib, und mit Thränen der Freite umarmten sie ihren Sohn, der ihnen nach so viel überstandenen Gefahren und Wechselfällen des Krieges, glücklich wieder gegeben war, jetzt wieder genesen als tapferer Soldat stolz vor ihnen stand, und dessen Brust mit dem militärischen Verdienstkreuz geschmückt war. Lange lagen sich die Glücklichen, überwältigt von der 371 Freude des Wiedersehens in den Armen, bis der alte Eckardbauer endlich zur Abfahrt drängte, da, wie er meinte, die Bräunl'n, die der Huberbauer hellte zum Empfang seines Sohnes eingespannt hatte, nicht mehr recht warten wollten. Lustig gings nun mit dem flotten Gespann, welches Franzl, der mit seiner Leni im Vordersitz saß, mit kundiger Hand lenkte, den schönen Bergen zu, und als wüßten es die flinken Rosse, daß sie ihr alter Freund wieder in der Hand hatte, trabten sie unverdrossen fort und schüttelten munter die Mähnen, die zur Feier des Tages mit blauen und mit weißen Bändern verziert waren. llcberall wurden die Heimkehrenden mit Jubel begrüßt, auch die große Flagge am schöneil Wirthshaus von Neuhaus winkte ihnen schon von weitem entgegen, und als sie dort um die Ecke bogen, und Franzl zum erstenmale wieder den König seiner heimathlichen Berge, den Wendelstein, erblickte, stimmte er und Leni das Lied vom „Wendelstoan" an. Unter Singen und Jubel gings durchs schöne Aurachthal und bald erreichten sie Geitau und hielten am Hause des Eckardbauern, das mit grünen Laubgewinden und Blumenkränzen sinnig verziert und woselbst sämmtliche Freundschaft zur Begrüßung des heimkehrenden Kriegers versammelt war. Nach heiteren Stunden trennte sich die Gesellschaft und auch Franzl fuhr mit seinen Eltern dem schönen Huberhof bei Fisch- bachau zu. Des andern Tages kamen beide Familien und die ganze Nachbarschaft in dem romantisch gelegenen Wallfahrtskirchlcin zu Birkenstein zusammen, woselbst auf Veranlassung der Mutter Franzls ein feierliches Dank- und Lobamt zu Ehren der Muttergottes, in deren Schutz dieselbe ihren Franzl bei seinem Abschied besonders empfohlen hatte, stattfand, nach welch kirchlicher Feierlichkeit sich die Theilnehmenden zu einem heitern Gastmahl im nahen Marbach versammelten. Hier fehlte es nicht an ernsten und muntern Trinksprüchen, und auch des braven Nikolaus Jaroczpn, der lieblichen Pflegerin Helene sowie auch ihres Vaters des wackern fränkischen Freiherrn wurde freundlichst und in herzlich einfacher Weise gedacht Auf den beiden Höfen in Fischbachau und Geitau ging nun Alles wieder seinen geregelten Gang. Während Franzl sich zu Hause seinen frühern bäuerlichen Beschäftigungen widmete, schaffte Leni wie sonst heiter und lustig auf der Alm unter ihren Pflegebefohlenen Vierfüßlern, und hatte des Abends im Heimgarten mit Rest, ihrer Freundin, gar vieles von ihrer Reise zu erzählen. Häufig trafen aus Würzburg Nachrichten von Fräulein Helene über das Befinden JnroczpnS ein, und stets wurde eine solche Nachricht mit Freuden begrüßt, und der alte Fischerlenzl mußte immer gleich mit dem Brief zur Leni auf die Alm wandern, und auch der Alte hatte seine Freude, wenn ihm das Mädchen mit einem weithinausschallenden Juchzen von ferne begrüßte, dem er auch mit einigen verunglückenden MiHtönen zu erwidern versuchte, wonach er von dem Mädchen weidlich ausgelacht wurde. Franzl und Leni waren nun mit freudiger Einwilligung der Eltern förmlich vor Gott und der Welt verlobt, und da Ersterer seinen ehrenvollen Abschied von seinem Bataillone erhielt, dachte sein Vater der alte Huberbauer ernstlich daran, den Hof seinem Sohne zu übergeben. Aber zur Uebernahme desselben gehörte auch nothwendigerweiss die Verheirathung der jungen Leute, und allen Ernstes wurde an die Hochzeit gedacht. Nun gings an die Herstellung der Aussteuer und Leni, die jetzt von ihrer Alm abziehen mußte, hatte zu Hause mit den Näherinnen, vollauf zu thun. Aber dieser Festtag sollte nicht gefeiert werden, ohne die Anwesenheit des braven Jaroczyn, den ja Franz im Lazareth zu Würzburg schon eingeladen, ihn sogar zum Brautführer Leni's bestimmt hatte. Obwohl die Nachrichten von seiner Genesung stets günstig lauteten, so brachten sie doch niemals eine bestimmte Zusicherung seiner Ankunft. Da geschah 'es eines Tages, ungefähr in der ersten Woche des Septembers, daß Franzl eben mit einer Holzfuhr zur Eisenbahnstation nach Miesbach fuhr, und als 'er gerade am Bahnhöfe mit Abladen des Holzes beschäftigt war, die Postnani, die Tochter des dortigen Stationswärters, demselben zurief: „Bachhuber, da schau, da is grad a Telegramm an di komm«, schau woher; an Herrn Franz Bachhuber» Soldat im 6. Jägerbataillon in Fischbachau, durch Expreß", — jetzt weil grad da bist, kannst es glei les'n, sonst hätt' ma an Postanderl schnell fortreiten laß'n, weils pressante Sach is." — Franz! crschrack anfangs über die außergewöhnliche Art einer solchen Nachreicht an ihn, und sagte, das Telegramm und die Aufschrift hin und her betrachtend, für sich: „Teufi, wirst do nit wieder einruck'n müaß'n, war jetzt nett a saubri G'schicht." — Doch endlich öffnete er den verhängnißvollen Brief, und was machte er für Augen als er las: „Morgen 4 Uhr treffen wir mit Jaroczpn in Miesbach ein." Helene. — „is wahr a, Nani, ja richti da stets g'schrieb'n, les' selber" — und die Postnani mußte nochmal die Zeilen dem freudig erstaunten Franzl laut und deutlich vorlesen. Das Holz schnell vom Wagen werfend, umkehren und ohne, wie gewöhnlich einzukehren, jagte Franzl mit seinen zwei munteren Braunen den nächsten Weg nach Hause, und als wüßten es die braunen Thiere um was es sich handle, liefen sie unaufhaltsam fort, und schneller als je erreichten sie den Gschwendtnerhof in Geitau. Leni die eben am Fenster saß und mit der Näherin fleißig an ihrer Aussteuer arbeitete, konnte sich nicht denken, was denn geschehen sei, daß Franzl so schnell am Hause anfuhr. Hastig mit dem Brief in der Hand stürzte er in die Stube hinein.: „Lenerl, da les'" rief er, „was d'Fräulein Helene von Würzburg telegraphirt hat, da stehts, morgen mit dem Vierizug kämas allsamm, der Baron, d'Fräula und der Polak!" — Leni, die nie ein Telegramm gesehen hatte, schüttelte ihr schon reges Köpfchen, und meinte: „Mei Franzl, da Hot Dir wohl Postnani zu Miesbach an Bär'n aufbund'n, desel is ja do d'Schrift von der Fräula nit, was auf dem Zettel steht, dös müaßt ja do a kenna, hast ja ihre Brief alle selber allmal gles'n." — „Dalkets Schätzer!", erwiderte ihr Franzl, „dös hat freili sie nit selber g'schrieb'n, dös woaß i a, aber was sie in Würzburg heut z'Mittag auf der Post ang'sagt hat, hab'ns dort am Telegraph'» andupft, und in a paar Minuten drauf hat's der Expeditor in Miesbach im Bahnhof in seiner Kanzlei auf der Uhr, die er allwei umreibt als wie a Kaffeemühl, a schon g'hört, und der hat auf den Zoaga, der auf die Buchstab'« rumspringt, aufpaßt, und da is nacher die ganz Botschaft rauskoma, daß morgen käma, wie's da steht und wie's der Herr Expeditor mit dem blauen Bleisteft hing'schrieb'n hat; verstehst es jetzt, und dös hoaßt ma an telegraphischen Brief; dös woaß i alles aus am Krieg, da sän oft solche Brief, die pressirt hab'», mitt'n bei der Nacht ankörnn, die's aber a diamal erst, bals ausg'schlaf'n aufg'macht hab'n." — Versteh'» thua is grad nit recht", meinte die noch ungläubige Leni, „aber glab'n thun is do, weils Du sagst, nocha muaß ja wahr sin; jetzt fah'r aber glei hoam, der Vater is grad bei uns im Hoamgart'n drent'n, da hört er a glei die freudige Botschaft." Es war ein schöner frischer Septembermorgen, die Thautropfen glänzten wie Perlen an den Gräsern und Sträuchern, und die herbstliche Sonne beleuchtete die Häupter der Berge, die heute im durchsichtigsten Blau prangten als hätten sie sich mit ihrem schönsten Gewände geschmückt. Auch Leni schmückte sich mit ihrem feiertäglichen Gewände, und auf dem grünen mit goldener Schnur umfaßten Hütchen prangten die frischen buntfarbigen Nelken, die sie sich aus ihrem wohlgepflegtcn Blumengarten pflückt, sie sollte den Franzl begleiten, um am Bahnhof die lieben Gäste abzuholen. Nicht lange ließ auch Franzl auf sich warten und bald kam er mit den stattlichen Braunen, welche an einer» leichten Wägelchen vorgespannt waren, beim Gschwendtnerhof angefahren. Auch er war in der kleidsamen Gebirgstracht mit grünem Hut und grauer Joppe, an welcher sein Ehrenzeichen am weißblauen Bande glänzte. Wie lustig flogen die Braunen mit den glücklichen Brautleuten durch's Aurachthnl, und manch einsamer Wanderer betrachtete mit Wohgefallen das schöne Paar. Lächelnd winkte ihnen als sie — 373 durch Fischhausen kamen der stille See entgegen, und selbst die kleinen Wellen, die der Morgenwind an's Ufer trieb, begrüßten sie mit freundlichem Willkommen. In Schliersee auf der Post wurde angehalten und für die Rückfahrt, besonders für den verwundeten Jaroczyn die beste Postchaise bestellt, die der freundliche Posthalter bereitwilligst zusagte, und der Postanderl in seiner besten Postlivre und mit dem weiß und blauen Federbusch am Hut mußte die Gäste fahren. Kaum konnten unsere Liebenden die Stunde erwarten bis der Zug um 4 Uhr von München her eintraf, und ungeduldig harrte Franzl mit seinem leichtem Gespann vor dem Bahnhof. Da endlich ertönte das Zeichen von der letzten Station, und mit Herzklopfen vor freudiger Erwartung standen Leni und Franzl am Perron, als der Zug langsam in den Bahnhof einfuhr. Fräulein Helene war-die Erste, welche aus dem Coupe heraussprang, und in die Arme ihrer Freundin eilte, dann kam der alte Freiherr, der mit Hülfe seines Dieners dem armen Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, angethan in seiner preußischen Uniform, geschmückt mit mehreren militärischen Ehrenzeichen, heraushalf. Rührend war es, wie sich beide Kameraden mit Thränen vor Freude des Wiedersehens in den Armen lagen; schweigend betrachtete der alte Freiherr die Glücklichen, und mit herzlichem Gruß und Handschlag trat er nun auch zu Franzl und Leni heran. Jetzt erst nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, konnten die Ankommenden die liebliche Gebirgsgegend betrachten, und der Preuße aus der öden Gegend seiner Heimath rief oftmals vor Verwunderung aus: „schön Bayern, schön Gebirg!" — Nachdem nun der Diener das Gepäck besorgt hatte, rüsteten sich die Reisenden zur Weiterfahrt, und Franzl ließ es sich nicht nehmen, Fräulein Helene in seinem leichten Wägelchen zu fahren, während die übrigen in der großen Postchaise mit Jaroczyn Platz nahmen. Lustig ließ Anderl sein Posthorn ertönen, als sie durch die freundlichen Ge- birgsdörfer fuhren, und Alt und Jung winkte den Vorüberfahrenden freundlich zu, und manch Heller Juchzer einer lustigen Dirne erscholl von der Laube eines am Wege gelegenen Hauses. Fräulein Helene, welche mit Franzl vorausfuhr, fand kein Wort des Entzückens, als sie am Schliersee entlang fuhren, der wie ein glänzender Spiegel still und ruhig eingeschlossen von den mächtigen Bergen vor ihren Augen lag, und Staunen erfüllte sie, als sie das Haupt der Berge, den Wendelstein erblickte, der von der herbstlichen Abendsonne beleuchtet im violetten Scheine gar wundersam abstach gegen die schon dunkeln gefärbten Bergriesen, die das liebliche Aurachthal begrenzen. Franzl nannte sie alle beim Namen, die Brecherspitzc, der Jägerkamm rc. rc. und zeigte ihr auch die Gegend, wo die Alm liegt, auf welcher Leni diesen Sommer zubrachte. Es dämmerte schon als unsere Gesellschaft am Gschwendtnerhof anfuhr, und hier, wo Alles in: Sonntagsstatte sie empfing, war der Empfang nicht weniger herzlich als am Bahnhof in Miesbach. Fräulein Helene mußte natürlich im Gschwendnerhof bleiben, während Jaroczyn seine Wohnung bei Franzls Eltern am Huberhof schon hergerichtet erhielt. Erst spät Abends trennte man sich, und wohl hatte niemand eine glücklichere Nacht durchträumt als unser „Blcami von Geitau." — Während nun die Vorbereitungen zur Hochzeit unseres Brautpaares getroffen wurden, machte der Freiherr mit seiner Tochter häufig Ausflüge in die Umgegend, wobei Leni ihre stete Begleiterin war, und auch Jaroczyn sich beigesellen mußte, namentlich wenn solche Partien zu Wagen gemacht wurden. Auch die Alm Gschwendtners mußte Helene kennen lernen, welche ausnahmsweise zu dieser schönen Herbftzeit noch bezogen war, und sie konnte sich nicht trennen von der frischen freien Luft, die da oben wehte, und jetzt erst wurde ihr klar, daß Franzl als er im Lazareth in. Würzburg lag, so oft Sehnsucht nach seinen Bergen äußerte, ja oft ein trostloses Heimweh nach dieser idyllischen Einsamkeit nicht unterdrücken konnte. Auch Nesei's Sennerhütte wurde besucht. und viel Vergnügen fund das Fräulein an dem heitern treuherzigen Wesen dieses Natur- kindes, wie sie von den Tagen erzählte, in denen sie ihre Freundin Lein zu trösten hatte. Wenn sie dann Abends Herabstiegen von den Bergen, so blieb Fräulein Helene noch lange stehen, und lauschte auf die silberhellen Töne, die ihnen Nesei noch nachschickte, und die mit einem weithin hallenden Juhschrei als Abschiedsruf aus der Ferne wechselten, und wie ein Lachen des Berges durch die Lüfte tönte. Da gabs denn nun des Abends ein Erzählen von all den Herrlichkeiten der Natur, und der prachtvollen Aussicht in die fernen Berge und Gletscher und hinaus in das unendlich weite Flachland. Abwechselnd mit solcher Unterhaltung mußte dann Franz! seine Cither hervorholen, und Leni zu ihren heitern Gebirgsweisen und Schnaderhüpfeln begleiten, und nicht selten schloß ein Tänzchen oder gar ein Schuhplattler, der unserm Jaroczyn viel Spaß machte, diese Abendunterhaltungen. Allmählig rückte der Hochzeitstag immer näher, und schon begann der geschäftige Hochzeitlader sein wichtiges Amt, die Verwandtschaft und Freundschaft beider Familien einzuladen. Hier hatten nun unsere fränkischen Freunde einmal Gelegenheit eine Hochzeit wie sie unter dem Landvolk in der oberbayerischen" Gebirgsgegend gefeiert wird, und wovon sie schon so vieles gehört und gelesen hatten, so recht mitanzusehen und selbst mitzufeiern. An einem Samstag vor dem Hochzeitstag, welcher letzterer wie herkömmlicherweise auf einen Dienstag festgesetzt wird, saß Jaroczyn vor dem Huberbaucrnhause mit dem Freiherr» plaudernd und beide weideten sich am Anblick des schönen Laizachthales und an der romantischen Gegend wo das letzte Dörflein Bayerns, Bayrischzell mit seinen Spitzthürmchen aus grünem Grunde den Wanderer grüßt, dem Dörflein, das auf drei Seiten von himmelhohen Bergen umschlossen ist — als sie plötzlich in der Ferne mehrere Gewehrsalven hörten und gleich darauf auch ein munteres Juchzen von den nahen Häusern Fischbachau's vernahmen. Franzl in seinem Feiertagsgewand kam eben zur Hau-g thüre heraus, als ihm seine Mutter, welche auf der Laube von ihren noch blühenden Blumenstöcken einen mächtigen Strauß band, zurief, er möge sich beeilen, der Kuchel- wagen der Braut komme schon die Anhöhe herauf. Ein Stück alter Volkssitte sollte hier der Freiherr und Jaroczyn sehen, es kam' ja heute der Braut- oder Kuchelwagen der reichen Gschwendtnertochter mit ihrer vollkommenen Anssteuer in das Haus ihres Bräutigams, in ihre zukünftige Heimath. Ein mit vier stattlichen Braunen bespannter Wagen kam langsam die Straße von Fischbachau daher, kunst- und geschmackvoll beladen mit der Aussteuer der Braut, mit Kästen, Tische und Stühle, mit großen Schränken voll von Stücken schönster Leinwand, geziert und unwunden mit rothen und blauen Bändern, obenauf die großen Brautbetten mit einem Crucifix und den Namenspatronen des Brautpaares, und all diese reichlichen Anfertigungsgegenstände waren sinnreich mit Blumen und Kränzen geziert und umwunden, obenauf aber thronte der schönste Schmuck den Franzels Hausstand zieren sollte, -- Leni, die liebliche Blume von Geitau, mit dem zierlichen Spinnrad, dessen Gupf mit Flachs besteckt, und mit Bändern reichlich verziert war, — das Symbol hausfraulicher Ehre — munter winkte sie den Gästen zu, die diesen ihnen noch unbekannten Volksbrauch staunend und freudig betrachteten. Unmittelbar hinter dem Kuchelwagen kam die Näherin die eine stattliche Kuh führte, deren Hörner ein mächtiger Kranz umgab und die eine helltönende Glocke trug. Es ist das ein Ehrengeschenk des Vaters der Braut, so will es der Brauch wohlhabender Leute. Dem Kuchelwagen folgte der Geschwendner mit seinem leichten Gespann und der Alte sah ganz jugendlich aus neben seiner schönen Nachbarin, die lustig plaudernd ihr Köpfchen, welches das grüne Miesbacherhütchen bedeckte, zu ihm hinneigte. Lange wußten die Gäste nicht, was für ein sauberes Deandl der Alte mitbrachte, bis endlich der Freiherr in der neuen Geitauerin sein lustiges Töchterlein erkannre, welches die länd- 375 liche Tracht mit dem grünen Hütchen, und dem reich gestickten Schnürmieder wunderlich kleidete, und in die der alte Gschwendner völlig verliebt war. Dieß war das Vorspiel zur nahen Hochzeit, welche also am nächsten Dienstag feierlich stattfinden sollte. (Schluß folgt.) Miscelleri. (Warum ein Landexpeditor oft grandig ist.) Es ist ein wunderschöner Tag, der Herr Expeditor möchte gerne spazieren gehen, aber in einer Stunde geht ein Zug ab und deshalb geht der Herr Expeditor in's Bureau. Kaum hat er dort Platz genommen, öffnet sich die Thüre und ein Büuerlein steckt mit der naiven Frage: „Sie entschuldigens, kriegt ma da a Bier und an Kas?" den Kopf ins Bureau hinein. — „Nein, bei der nächsten Thüre, auf welcher „Restauration" geschrieben steht!" — Das Bäuerlein verschwindet, aber bald öffnet sich die Thüre von Neuem, eine Bäuerin tritt ein, stellt ihr' Gepäck, darunter ein Sack mit einem quixenden Spanferkel, auf den Boden. „Eischreib'n möcht' i' mi lass'n!" — „Da müssen Sie rechts um die Ecke und warten, bis die Kassa aufgemacht wird." Das Weiberl entfernt sich und will ihr Gepäck zurücklassen. „Nehmen Sie doch das Zeug da mit!" — Dös steht guat da bis da Zug geht." — „Hier ist kein Gepäckaufbewahrungslokal, vorwärts, nehmen Sie es nur mit." — Das Weib nimmt ihr Gepäck, geht um die Ecke herum, probirt's auf der anderen Seite an der Burcauthüre und findet sie offen und kommt wieder herein. — „So, Herr, jetzt ist's offen, jetzt möcht i aber a ei'g'schrieb'n wer'n." — „Sucra, kann denn das Volk gar nit warten, bis aufgemacht wird, machen Sie, daß Sie hinauskommen und warten's am Schalter!" — Ja, Herr aba —" — „Naus, sag, ich, gleich wird aufgemacht." Während die Bäuerin geht, wird am Schalter ganz barbarisch geklopft. — „Gleich, gleich, Alles kommt mit, nur immer Einer nach dem Andern, es ist ja noch hinreichend Zeit." — „A. Retourbillett nach N. und z'ruck." — „Kostet 70 Pfg." Der Bauer legt ein neues Zehnpfenuigstück und ein Zwanzigpsennigstück hin und behält 40 Pfennig in der Hand. — „Das sind ja nur 30 Pfg., da fehln noch 40 Pfg." Der Bauer legt das Fehlende hin mit der Bemerkung: „Wissens, i hab' halt g'moant, Sie schaun den Niggl für a Fünfziger! n!" — „A Billet nach N.," ruft eine Bäuerin. — „Macht 60 Pf." — „Aba dös is viel, theans net 50 Pf. a, der andere Expeditor ist net so theua g'wen!" — „Wenn Sie nicht 60 Pfg. zahlen wollen, dann bleiben Sie da oder gehen zu Fuß!" — „Aba wenn i zwoa nimm, da ist's do billiger?" — „Entweder 60 Pf. zahlen oder da bleiben!" Die Bäuerin zahlt, jetzt kommt ein Bauer, legt ein Markstück hin, sagt nichts und schaut den Expeditor an. Der Expeditor scheint das zu kennen und sieht seinerseits den Bauern gleichfalls schweigend an. Nachdem sie eine Zeit lang so gestanden, sagt endlich der Expeditor: „No was soll's denn mit dem Markstück da?" — „10 Pf. krieag i no raus!" — „Ja! was! wohin wollt Ihr, riechen kann ich's nicht!" — „I kennt's mi' denn net, i bin ja von M. und heut' möcht i a wieder hi'fahr'n!" — »Daß Ihr nicht weit her seid, das glaube ich, und auf den Saumarkt paßt ihr auch." Er gibt ihm das Billet, der Bauer geht und sagt zu seinem Nachbar: „Aba dös is a hoamlicher Herr!" „G'langen's mir a a Zoacha nach N. außa!" — „Mir a an's nachi danach retour!" Nun kommt in der rechten einen Pack und in der linken einen Regenschirm, ein neuer Fahrgast und spuckt das Geld, das er abgezählt im Munde hat, auf die Zahlplatte. „A, Zoacha nach N!" — „Haben Sie nicht noch eine feinere Manier finden können, das Geld herzugeben?" — „Wenn's Ihnen z'dreckat is, ziag'ns Handschuhe an!" — Jetzt kommt ein Fremder an die Reihe: „Ich möchte ein Billet nach B., kostet?" — „5 M. 60 Pf." — „Können Sie mir ein Hotel empfehlen?" — „Jawohl, die drei Raben!" — „Wie steht es da mit der äadis cl' Iioio?" Trocken 1 Mk. 50 Pf., mit Wein 2 Mk. 30 Pf." — „Und —" — „Zimmermädel und Hausknecht 80 Pf. — es ist Zeit, der Zug geht in 5 Minuten!" Schließt den Schalter. Der Fremde aber brummt: „Was doch diese Beamten grob und unhöflich sind, ich werde mich in's Beschwerdebuch eintragen!" 376 -- Dieser Zug ist nun glücklich fort, in 2 Stunden kommt ein anderer, und da blühen dem Herrn Expeditor wieder dieselben Annehmlichkeiten. Wie denn stets der ganze Hof an dem Pater Abraham reiben mochte, so hatte man auch einmal eine große Jagd veranstaltet, der auch der Pater Abraham beiwohnen sollte. Die Einrichtung war so getroffen, daß unmittelbar nach Beendigung der hl. Messe, welche Pater Abraham selbst lesen sollte, die Jagd ausziehen sollte. Es mußte also vor Beginn der Messe gefrühstückt werden. Als das Frühstück servirt war, setzte sich Pater Abraham ganz unbefangen mit an und ließ es sich wohl schmecken. Nach Aufhebung der Tafel ging's zur Kirche, und Pater Abraham verfügte sich zum Altare, woselbst er in dem Missale blätterte und blätterte, aber zu keinem Anfang der hl. Messe schritt. Endlich wird der Kaiser ungeduldig, sendet einen seiner Höflinge zu ihm und ließ fragen, ob denn die hl. Messe bald anginge. „Sogleich, sogleich," ließ Pater Abraham zurück- sagen, „aber er könne die Messe gar nicht finden, die nach dem Frühstück gelesen werden müsse." (Rückfällig.) Der Bauer Michel wird zum Herrn Doktor nach der Stadt gebracht, weil er sich den rechten Arm ausgefallen hat. Durch eine schmerzhafte Operation renkt der Doctor den Arm wieder ein, legt einen festen Verband an und entläßt den Patienten mit der strengen Mahnung, ohne Aufenthalt nach Hause zu fahren. — Gegen Miitcrnacht wird an der Nachtglocke des Doktors heftig geschellt und man bringt den Bauern zum zweiten Male. „Was ist denn schon wieder los?" fährt der Arzt den Michel an. — „Er ist wieder 'raus, Herr Doctor!" entgegnete dieser. — „Ja wie ist denn das zugegangen?" — „Ja, schau'n S' Herr Doctor, als wir durch's nächste Dorf g'fahr'n sän, da war in der Schänke g'rad' die schönst' Rauferei, und da hab i' nct anders könnt, als mit d'reinschlag'n — und dees hat halt's Verband! net ausg'halt'n!" (Ein frommes Gebet.) Pfarrer: „Aber Hans Jörg, Ihr seid von Eurem Weib verklagt wegen Glcichgiltigkeit und Vernachlässigung Eurer eigenen und Eures Weibes zeitlichen und ewigen Wohlfahrt. Sagt mir einmal, wie haltet Jhr's denn mit der Sorge für's ewige Heil?" Hans Jörg: „Joa, da bet' ich all' Tag für mein Weib, daß sie keine Wittfrau wird." (In der Zeit der Leichenv erb rennung,) Zimmerherr (der ein Bouguct in's Wasser stecken will): „Puh!! ist da aber ein Staub in der Vase!" Hauswirthin (dazukommend): „Ach, du grundgütiger, allbarmherziger Himmel, das war ja mein guter eliger Mann!" Nun rüstet allmälig sich wieder Zum Winterschlaf die Natur, Der Löget melodische Lieder Verstummen in Wäldern und Flur. N e r b st st i rn m u n g Doch mich nur ergreifet sie nimmer Die Stimmung fo düster und trüb, Weil freudig durchwärmend ein Schimmer In Nebel und Kälte inir blieb, Und Nebel die Sonne umdüstern Kalt sauset ein herbstliches Weh'n, Die neidisch durch grünende Ranken Der Sommer dem Auge entrückt, Die traulichen Scheiben, die blanken, Nach denen so gerne es blickt — Die Bäume mit traurigem Flüstern Im farbigen Laubgewand steh'». Nn'S Scheiden scheint Alles zu mahnen, An Welken, Vergessen und Schmerz, Es zuckt wie provhetijches Ahnen So Manchem wohl bange durch's Herz. Nach denen herzinniges Grüßen Zu senden mich's oftmals gedrängt, Bkeil licht jenen Raum sie verschließen Der wohnlich mein Liebstes umfängt. Wien. Sie werden von laubiger Hülle In Bälde nun wieder befreit, D'rum freu' ich mich heimlich und stille Der stürmischen, herbstlichen Zeit. Marie Sidonie Purschke. Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.