D § Z Nv. 48. Mittwoch, 15. Dezember 1880. Schwer wird den Dienenden dieses Leben des Arbeitcns und Sorgens sür Andere, wenn kein Sonnen blick der Liede, kein herzliches Anerkennen anf ihre nrbeitsoollen Tage jäUl. Friederike Bremer. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Schluß.) Es war einer jener lieblichen Septembermorgen, an dem die milchweißen Nebel über den Thälern liegen, welche, wenn sie gleich fliehenden Elfen, allmählig in die steinernen Klüfte der Berge verschwinden, jene Tautropfen auf Wiesen und Auen zurücklassen, die wie Diamanttropfen im Glänze der aufgehenden Sonne schimmern. Noch schien die Natur im Halbschlummer zu liegen, als man schon dort und da in den zerstreut liegenden Höfen Geitau's ein rühriges Leben bemerkte, wie wenn sich alles zn einem besonderen Feste schmückte. Die Büuerinen in ihrem Fesigewande meist von schwarz oder dunkelbrauner Seide, den großen silbernen Rosenkranz und das in Sammt oder Safian gebundene Gebetbuch in der Hand, die jungen Mädchen und Kranzljnngfern der Braut, die junge Vartenhauser Nesi an der Spitze, das güldene mit Perlen verzierte Kränzchen in den dick geflochtenen Zöpfen, gehalten von einem silbenen Pfeil, -- die zur Hochzeit geladenen jungen Burschen und Freunde der beiden Familien, kurz Alles, versammelte sich schon früh 8 Uhr im Hause der Braut, wohin auch bald der Bräutigam mit seinen Gästen, und Jaroczyn als besonders erkorner Brautführer in seiner preußischeil Uniform, geschmückt mit seinen militärischen Ehrenzeichen kamen. Nach der eingenommenen üblichen Morgcnsuppe und nachdem die Braut „ausgedankt" war, d. h. in einem vom Hochzcits- sader gehaltenen Spruch der Abschied derselben aus dem väterlichen Hause, und der Dank für alle von den Eltern bisher erhaltenen Wohlthaten mit großer Rührung gebracht wurde, ging es nun in die mit Blumen und Kränzen geschmückte Kirche nach Fisch- bachau, und rührend war es, als Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, doch immer der stramme Preußische Soldat, dem aber heute aus Freude die Augen voll Wasser waren, die schöne jungfräuliche Braut zum Altar führte, während Franz! unmittelbar darnach diesen Ehren- gang, geleitet von den Kranzljnngfern Fräulein Helene und Nesei, antrat. Nach der Trauung, die der würdige Pfarrer mit einer schlichten Anrede, in welcher er gar rührend das Schicksal beider Kameraden hineinslocht, einleitete, folgte das feierliche Hochzeitamt wonach sich der Zug unter fröhlichem Jauchzen und Böllerschüssen in das Gasthaus nach Marbnch, dem alten Edelsitz der Familie von Hafner bewegte. Bald ging's nun auch, wie es eben im Gebirge der Brauch ist, zum Tanze, welcher schon nach dem Umgang der ersten Gerichte begann, und unsere fränkischen Gäste konnten sich nicht genug ergötzen an dem originellen Schuhplattler, den die jungen Burschen mit ihren Mädchen mit großer Virtuosität und Gewandtheit tanzten. Auch Främ lein Helene, die wieder reizend in der Gebirgstracht aussah, willigte mit Freuden in die schüchterne Einladung des jungen Bartenhauser Resei's Bruder, mit ihm auch am Schuhplattler sich zu betheiligen, was bei den anwesenden Burschen mit großer Freude aufgenommen wurde, und mancher »ahm sich jetzt auch den Muth, das schöne Stadtfräulein um einen Tanz zu bitten. Der flotteste Tänzer aber unser Franzl saß in ernster Gesellschaft zwischen dem Freiherrn und Jaroczyn, war es ja ihm als Bräutigam nicht gestattet, vor dem Ehrentanz sich am Tanzvergnügen zu betheiligen, so heischt es die Sitte. Jaroczyn, der täglich Forschritte in der deutschen Sprache machte, erzählte so weit es ging, in der von Franzl ihm beigebrachten Sprachkenntniß, halb hochdeutsch, halb altbayrisch, wobei auch manchmal polnische Worte einflossen, namentlich wenn er in Extase kam, von seinen Affairen in Schleswig-Holstein, von seiner Heimath, und trug somit auch viel zur Unterhaltung der Nichttanzenden bei. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Gebräuche einer ländlichen Hochzeit im Gebirge schildern, das Weisen, das Abdanken, der Ehrentanz; alle diese schönen und rührende. Momente sind schon oft und vielmals geschildert worden. Spät in der Nacht war es, als das Brautpaar geleitet von den Segenswünschen der ganzen -Gesellschaft den Nachhauseweg bei Fackelschein und lustiger Musik antrat. Weithin in die Berge schallte daS-Echo der Böllerschüsse, und die dazwischen helltönenden Juchzer wurden von den dunkeln Bergen herab erwiedert, wußte ja so manche dort oben noch einsam weilende Almerin, daß es ihrer Freundin galt, und wenn sie auch nicht selbst am Feste Antheil nehmen konnte, so wollte sie doch wenigstens auf diese Art ihre Theilnahme am Glücke der Blume von Geitau Ausdruck verleihen. So war nun Leni das glückliche Weib Franzls, und wirthschaftete auf dem schönen Huberhof als wohlhabende Bäuerin, während sich die Eltern ihres Mannes ein kleines Häuschen am Fuße des Birkensteigs, da wo das Wallfahrtskirchlein der Muttergottes steht, kauften, und dort im Austrage ruhig und zufrieden über das. Glück ihrer Kinder lebten. Jaroczyn, der seine preußische Montur längst mit der grauen Gebirgsjoppe vertauschte, sehen wir im grünen Hut mit der Spielhahnfeder, im Garten und Haus herum- stelzen und er hat nur einen Schmerz, nicht auch Kniehös'ln tragen zu können, da der Arme nur noch das eine Knie hatte. Er hilft aber wacker in Haus und Hof, schneidet Dachschindeln, und singt beim Daxenhauen manch lustige Schnaderhüpfel, welches er stets mit einem mißglückten Jodler schließt, wobei er jedesmal von der muntern Leni, die ihm dann aber getreulich immer nachhilft, weidlich ausgelacht wird, So unter fröhlichem Schalten und Walten ging die schöne Herbstzeit zur Neige, und da die grauen Nebel schon ansingen, die Häupter der Berge zu umhüllen, dachten auch unsere fränkischen Freunde an die Heimkehr, und mit wehmüthigem Gefühle sahen Leni und Franzl die Koffer und Kisten zur Abreise gepackt. Noch einmal lächelte eines Morgens die herbstliche Sonne ins liebliche Aurachthal, als der Postanderl in seiner Galamontur mit der Postchaise vor dem Gschwendtnerhof in Geitau hielt, wohin bereits in früher Morgenstunde das junge Ehepaar Fräulein Helene begleitete. Wie bei der Ankunft ließ sich's Franzl nicht nehmen Fräulein Helene mit seinem leichten Gefährte zur Bahnstation zu fahren, während Jaroczyn und Leni im Wagen des Freiherrn Platz nahmen. Wir übergehen die letzte Stunde des Abschiedes, und nur das Versprechen im nächsten Jahre sich wieder zu sehen minderte den Schmerz der Trennung. Nicht mehr so lustig erklangen die Töne des Posthorns als die Reisenden am Neuhaus vorüber- fuhren, und dort wo man um die Ecke bog, wurde nochmal angehalten, und dem im Glänze der Morgensonne leuchtenden Wendelstein das letzte Lebewohl gesagt. Allzu schnell erreichte man die Bahnstation, und das nicht aufzuhaltende Dampfroß entführte die lieben Gäste, denen die drei Zurückgebliebenen noch lange nachwinkten, bis sie ihren Blicken entschwunden waren. Der Winter war nun schon längst mit aller Macht in die Berge eingezogen, und die weiße Schneedecke lag auf den Auen und Wiesen, und ernst schauten im Scheine der 379 winterlichen Sonne die vom Eise hell glitzernden Häupter der Berge ins stille Thal, als eines Abends der alte Fischerlenzl an den Huberhof heranhampelte und einen Brief der jungen Bäuerin überbrachte, der ihm der mit der Post aus Miesbach kommende Postanderl eingehändigt hatte. „Der is von Würzburg" — rief Lein voll Freude von ihrem Spinnrad aufspringend, — „da schau Franz!, a Brief von unserer Fräula Helene, und gar auf roth'n Papier, dös hat was z'bedeut'n" — und Jaroczyn, der eben hin- terni Ofen mit Spähnschneiden beschäftigt war, ließ Holz und Messer fallen, und stelzte neugierig herbei als Leni mit freudig erregter Stimme las: „Liebe herzensgute Leni! Seit dem letzten Brief, den ich an Dich schrieb, und indem ich Dir unsere glückliche Ankunft zu Hause mittheilte, hat sich auch in unserm kleinen stillen Familienkreise eine freudiges Ereigniß ergeben, an dem Du und die Deinen gewiß den herzlichsten Antheil nehmen werden. Seit gestern bin ich die glückliche Braut eines jungen braven Mannes, der uns allen schon längst näher stand, ohne daß- wir es ahnten. Mein Bräutigam ist der nemliche wackere Offizier, dem in der Schlacht von Kissingen auf dem Kirchhofe Dein braver Franz! das Leben rettete, und durch welches Schicksal jetzt drei Herzen miteinander so eng verbunden sind. Du kannst Dir die Ueberraschung denken, als mir mein geliebter Arthur die Episode jenes Gefechtes erzählte, und ich ihm hiezu dann die Aufklärung der Hiebei betheiligten Personen gab. Mit dankerfülltem Herzen denkt er oft an den braven bayerischen Jäger des 6. Bataillons, der ihm so selbstauf- opfernd das Leben rettete. Auch dem armen Jaroczyn reicht er kameradschaftlich die Hand zur Versöhnung, und freut sich auf den Augenblick Euch alle zu sehen und kennen zu lernen, aber der liebevollen Freundin seiner Braut schickt er besondere Grüße. Mehr kann ich Dir nicht schreibe», hat ja wie Du selbst weist eine liebende Braut vollauf zu thun und zu denken. Seid von uns Allen herzlichst gegrüßt Deine Würzburg, am 20. Januar 1867. treue Freundin Helene. Welch freudige Ueberraschung diese kurze, in schlichten Worten gegebene Nachricht, bei unsern Leutchen hervorrief, läßt sich mit Worten nicht leicht beschreiben, und Franz! wäre am liebsten gleich mit seiner Leni nach Würzburg gereist, um den Freunden persönlich die Glückwünsche zu überbringen. So hat das Schicksal auf blutigem Schlachfclde den Bund ewig dauernder Freundschaft geschlossen, unter Männern, die, wenn sie sich auch als Feinde gegenüber standen, treu und als tapfere Soldaten Gut und Blut dem Vaterlande opferten, und jetzt im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung auf die Zeit zurückblicken konnten, welche den Grund-' stein legten zum Aufblühen eines einigen deutschen Vaterlandes. Und als das ewig denkwürdige Jahr 1870 kam, und abermals die Kriegstrompete erscholl, wie klopfte da unsern tapfern Kriegern den Veteranen des Jahres 1866 das Herz vor Verlangen, als Brüder und Kameraden mit einem tapfern deutschen Heere auszuziehen, gegen einen Feind, der unser schönes deutsches Vaterland bedrohte, und nie haben schmerzlichere Gefühle Jaroczyn beim Anblicke seines Stelzfußes bewegt, als an dem Tage, an welchem ein muthiges Häuflein wackerer Gebirgssöhne der Umgegend zu den Fahnen eilte. Und als im Laufe des Krieges die Nachrichten der glänzenden Siege der deutschen Armeen auch in das stille Aurachthal drangen, dann hob sich das Herz der Veteranen in stolzer Freude, und den Siegeskranz, den liebende Hände den. zurückkehrenden tapferen Kriegern gebunden, schmückte die blühende Alpenrose, „die Blume von Geitau. — Leopoldsfest. Von Aglaia v. Enderes- An einem frühlingsgrünen, herrlichen Sonntag war es, wo ich von der Höhe des Leopoldsberges — zum erstenmal in meinem Leben — die uralte, kuppelgekrönte Stadt Klosterneuburg erschaute. Es war das ein reizendes, unvergeßliches Bild, das da tief unten im Thals, in Frühlings-Sonnenschein getaucht, von Frühlingsduft umsponnen, am Fuße des Berges lag: die Donau, der große stolze Strom, der, eine ganze Fluth von funkelndem, blitzendem Golde, der jungen Morgcnsonne entgegenzog; die dunklen Inseln mitten in dem Strom, dann die grünen und die silberweißen Bäume der Au, über denen die Möven mit den langen glänzenden Schwingen sachte auf und nieder schwebten, und dann die beladenen Schiffe, die lautlos unter dem blauen Himmelsgewölbe hinglitten, die glitzernde Straße entlang, und an den Ufern die Gehöfte, die Dörfer, die blanken Häuser und Kirchlein, und an der Biegung des Stromes, wie hinausgeschoben in die schimmernde, leuchtende Fluth, das stolze Stift der Stadt, mit seinen großen, im Sonnenlichte lodernden und flammenden Fenstern und mit den mächtigen Kuppeln, die wie dunkle Kronen sich von dem hellen Bilde da unten abhoben. Es war das ein zauberhafter Anblick, der mit fesselndem Reize all' die Erinnerungen wachrief, mit denen Sage und Geschichte durch viele Jahrhunderte die kleine Stadt an dem großen Strome umwoben und umsponnen haben. Dort unten, wo die Fenster goldig leuchteten und flammten, dort soll vor mehr als sicbzehnhundert Jahren das alte Citium gestanden haben, das wohlbesestigte Castell, das Kaiser Hadrian erbaute und in welcher Antoninus Pius das OoüoZium üarnluum errichtet hat. Da kamen später über die Ebene weit drüben, über den Strom, von Insel zu Insel, und über die breite offene Fluth die Völker des Nordens hereingezogen und stürmten gegen die Wälle des Castells, gegen die Schanzen und Mauern, und drängten in die Gassen und zertrümmerten und vernichteten, was auf ihrem Wege lag, bis ein Stein vom andern wich und die trotzige römische Burg bis in ihre Grundvcsten von der Erde weggetilgt war. Durch Jahrhunderte blieb nun das Land verödet und menschenleer; Bäume strebten empor, Busch- und Rankenwerk deckte den Boden und die herrliche Wüstenei eines vergessenen und verlassenen Uferlandes trat in ihre vollen Rechte. Erst als Karl der Große zur Verwirklichung seiner weitaussehenden Pläne Ansiedelungen schuf, Städte und feste Plätze entstehen ließ, erhob sich an der Stelle des alten Citium eine neue Stadt, Niven- burg genannt, in deren Mitte, wie die Sage erzählt, Kaiser Karl die Kirche zum heiligen Martin auf einem Hügel mit dem Ausblicke auf das bewaldete Donauland erbauen ließ. Die eigentliche, emsig arbeitende, gewerbetreibende Stadt lag auf einem geräumigen Jnsellande, das durch Stege und Brücken mit den Uferbewohnern in Verbindung stand. Das k'orum Ktvvullul'K war der Markt, der Handelsplatz; dort standen die Hütten und Häuser der Fischer und Schiffer, dort befand sich auch die Ourirr und der Gerichtsort. Dieses Forum war reich bevölkert, von blühendem Verkehr durchströmt, durch Handel und Gewerbe belebt, als plötzlich der Fluß, in dessen Mitte sich die Ansiedler vertrauensvoll gebettet hatten, das fröhliche Menschengewimmel satt bekam und in trotziger, wehrhafter Laune die Hütten und Häuser fortspülte von der Insel und seine Fluthen rück- haltslos über die Stätte menschlichen Fleißes und menschlichen Hosfens und Strebens ergoß. Was flüchten konnte, floh und machte dem ungestümen Drängen Platz. Die Einen rückten zu den Ansiedlern am rechten Ufer hinauf, die Andern machten das Auland am linken Ufer urbar und bauten hier eine große Zahl von Häusern, die in ihrer Gesammtheit abermals den Namen Poruin Nivsiiburg- führten, wie einst die Ansiedlung drüben auf dem begrabenen Jnselland. Die Lage des Forums ist heute nicht mehr zu bestimmen, da zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts auch dieser wohnliche Platz von den Wässern überschwemmt, von den Wellen fortgerissen wurde und die Bewohner, durch das zweimalige Unglück, das der Strom gebracht, traurig belehrt, tiefer in das Land zogen und den Platz erwählten, auf dem heute die Stadt Korneuburg steht. Im 381 Jahre 1212 war das I?oruia UIvsnImrA -sammt seiner Pfarrkirche nahezu vollendet; Richter und Rath zogen in die neuerbauten Wohnstätten am linken Donau-Ufer und die Mitbürger am jenseitigen Strande jmußten zur Ordnung ihrer gerichtlichen Angelegenheiten in das nun-weitab liegende Forum hinüberkommen. Die Mühsal, welche dieser Geschäftsverkehr über den launenhaften Strom hinüber mit sich brachte, bewog Albrecht I., den Bürgern der alten Stadt einen eigenen Richter und Rath zu geben und Nivenburg und dessen Forum zu zwei getrennten landesfürstlichen Städten zu erheben. Ein Jahrhundert früher, als diese Trennung geschah, erbaute Markgraf Leopold auf der äußersten Spitze des Kahlenberges ein befestigtes Schloß, das gegen Ungarn als haltbarer Platz und als Beobachtungspunkt dienen sollte; und als der Markgraf sich am 1. Mai 1106 zu Mölk mit Agnes, der T-chter Kaiser Heinrich's IV., vermählt hatte, zog er mit seiner Gemahlin in die neuerbaute Burg, die er von da an zu seiner Residenz bestimmte. Von dieser Burg, deren Thürme und Mauern noch heute hoch oben auf dem Berge ragen, spinnen sich die Fäden der Sage, die sich mit der Gründung und Erbauung der Kirche und des Stiftes von Klosterneuburg verbindet. Wie bekannt, wird erzählt, daß Leopold und seine Gattin an eine,» der Fenster des Schlosses standen und von ihrem Lieblingsplane, ein Gotteshaus zu bauen, sprachen, als ein Windstoß den Schleier der Fürstin entführte und weit hinab in die Tiefe des Waldes, an das Ufer der Donau trug. Das Gelübde des Markgrafen, an der Stelle, wo sich der Schleier finde, eine Kirche errichten zu wollen, die Entdeckung des Schleiers hoch oben in den Wipfelzweigen eines Baumes mit allen wundersamen Nebenereignissen sind längst in Wort und Bild gläubig verherrlicht und dargestellt worden, und es bleibt nur zu berichten, daß Markgraf Leopold den uralten Wald mit seinen köstlichen Jagdgründen, der an der Stelle des einstmaligen römischen Castells emporgewuchert war, wegräumen ließ und 1106 ein kleines Kirchlein und ein Kloster erbaute, dessen Thürmchen nach den Mauern des Schlosses droben Hinaufblicken konnte. Dieses bescheidene Gotteshaus scheint den Absichten des frommen Markgrafen nicht entsprochen zu haben, denn schon acht Jahre später ließ er den Bau einer neuen, großen Kirche beginnen, welcher zweiundzwanzig Jahre dauerte. Indessen hegte und pflegte Leopold seine Lieblingsstadt Nievenburg, die zeitweilig seine Residenz war. Er ließ nahe an dem Kloster ein Schloß aufführen, „der Fürstenhof" genannt, welches auch später noch, nach Leopold's Tode, von den Babenbergern bewohnt wurde, bis Albert von Habsburg Ende des dreizehnten Jahrhunderts sich an dem Eingänge in das Kierlinger Thal eine neue, stattliche Burg erbaute. Um den Landesherrn schaarten sich seine Diener, sein Hofhält, sein Gefolge, die Ministerialen, die in der Stadt ihre eigenen Häuser besaßen oder Wohnungen mietheten, welche dem Stande und dem Ansehen der Herren entsprachen. Der Zusammenfluß des Volkes und der Edlen des Landes verlieh der Stadt Bedeutung und Glanz, zu welchem das Stift und die Kirche mit ihren Weihen und Besugnissen, mit ihren Festen und dem weih- rauchumdufteten Gepräge nicht wenig beitrugen. Der österreichische Adel hielt hier seine Zusammenkünfte, der Fürst hielt hier Gericht, und manche denkwürdige Urkunde, manche Stiftung und Verbriefung nahm von der wald- und stromumrauschten Stadt jenseits des Kahlenberges ihren Weg in das Land hinaus. In demselben Jahre, in welchem Leopold sein Lieblingswerk, den Bau der Kirche, vollendete, im Jahre 1136 am 15. November, schied er aus dem Leben, von seinen Unterthanen, von seiner Frau, von seinen Kindern tief betrauert, und wurde, ebenso wie Agnes, welche ihm im Jahre 1157 folgte, im Capitel zu Klosterneuburg beigesetzt. Jahrhunderte waren vorübergegangen; die Geschichte der Stadt und des Stiftes hatte in dem Strome der Zeiten mitgetrieben; Hunger, Krieg, verheerende Feuer, Fürsten- und Völkerzwist waren über das Stück Land hingegangen, dem der fromme Markgraf einst, gleichsam als Verheißung von Ruhe und Frieden, das stille, hochragende Gotteshaus anvertraut hatte; da wendete sich Herzog Rudolf IV. an Papst Jnnocenz VI. mit der Bitte, den Markgrafen Leopold heiligsprechen zu wollen. Jnnocenz erklärte sich hiczu bereit, aber die Erfüllung aller Borschriften, die bei einem solchen Ausspruche in Betracht kommen, beanspruchte viel Zeit und Arbeit, über welcher Rudolf und Jnnocenz starben. Wieder ging mehr als ein Jahrhundert hin, bis unter Jnnocenz VII'. am 6. Januar 1485 ein feierliches Consistorium, in welchem Franz von Pavia eine Rede für die Heiligsprechung Lcopold's hielt, den frommen Markgrafen in die Zahl der Heiligen einreihte und den 15. November zu dessen besonderer Berehrung festsetzte. Im Jahre 1486 brach König Mathias von Ungarn mit seinen Heerhaufen in Oesterreich ein, lagerte vor Wien und eroberte am 21. August 1487 Klosterneuburg, das unter dem barbarischen Gemetzel, das die Feinde anrichteten, furchtbar litt. Auf diesen qualvollen Tag folgten Schrecken über Schrecken. Der Friede zwischen Kaiser und König war nie von Dauer, und Klosterneuburg blieb bis zu Mathias Tode unter ungarischer Botmäßigkeit und von ungarischen Truppen besetzt, welche erst Kaiser Maximilian aus den Mauern und Bollwerken der damals gut befestigten Stadt vertrieb. Nachdem dieses Bcfreiungswerk vollbracht war, wurde die längst geplante Erhebung Leopold's aus seiner unterirdischen Ruhestätte beschlossen. Kaiser Maximilian ertheilte am 20. Juni 1486 von Worms aus an seinen Statthalter und seine vier Räthe zu Innsbruck den Befehl, binnen zwei Jahren 90 Mark Silber aus der Jnnsbrucker Schmelze an den Propst zu Klosterneuburg zu liefern, damit aus dem edlen Metalle ein Sarg für den heiligen Leopold angefertigt werden könne. Elf Jahre später, am 15. Februar 1506, fand unter dem Zulaufe unzählbaren Volkes mit unerhörtem Gepränge die Erhebung Leopold's statt. Von Rom waren eigene Vorschriften erlassen worden, wie das Fest zu begehen sei; an die Geistlichkeit, an den Adel, ail das Volk ergingen Einladungen, bei der Feier zu erscheinen. König Ladislaus von Ungarn ordnete an, daß die Verkündigung derselben in seinem ganzen Reiche stattfinde, und die Kirchenfürsten von Salzburg und Passau befahlen allen Geistlichen ihrer Diöcesen, bei den: Feste zu erscheinen, an dem sie selbst, der Bischof von Gurt, 27 in- fulirte Prälaten und eine ungezählte Schaar von Priestern und Clerikern sich betheiligten. Hinter dem silbernen, mit Gold geschmückten Sarge schritt Kaiser Maximilian im erz- herzoglichen Ornate, die Krone auf dem Haupte, einher; ihm folgten der Herzog von Jülich und Eleve, der gesammte österreichische Adel in prangendem Schmucke und viele vornehme Gäste aus fremden Ländern. Das Volk hatte sich in solchen Massen hebzu- gedrängt, daß man auf allen offenen Plätzen der Stadt Zelte aufschlagen mußte, in denen trotz der Winterkälte die Menschen in Schaaren campirten. Der kostbare Sarg, in welchem die Gebeine des Markgrafen an dem Tage der Erhebung gelegt worden waren, blieb nur bis 1520 erhalten. Nach Maximilian's Tode wurde er, wie die Chronik berichtet, von den sogenannten „österreichischen Regenten" aus Klosterneuburg weggeführt und eingeschmolzen, worauf das Stift auf eigene Kosten einen andern Sarg anfertigen ließ. Im Jahre 1663 wurde auf Befehl Ferdinand's III. der Festtag des heiligen Leopold zum Feiertag erhoben und der fromme Markgraf zum LandeS-Patron von Oesterreich bestimmt. Der Kaiser erklärte, bei diesem Feste alljährlich in dem Stifte erscheinen zu wollen und ordnete an, daß ihn der Propst allezeit hiezu einzuladen habe. Diese Anordnung wurde selbstverständlich strenge eingehalten und dem Beispiele des Kaisers folgte das, ganze feiertäglich geschmückte Volk. Dem Donaustrome entlang, von dem linken Ufer drüben, aus den waldigen Thälern im Westen, über die Berge und Hügel herüber kamen sie zu Tausenden und Tausenden Jahr um Jahr gewandert, um an dem Festgepränge theilzunchmen. Und selbst heute noch, wo in dieser Richtung kühlere Anschauungen sich geltend gemacht haben, hält die Poesie vor, die über der Geschichte und dem Leben des frommen Markgrafen und über der-Gründung des Klosters am User der Donau schwebt. Noch immer ist die Pilgerfahrt am Leopoldssest in Uebung, und noch immer trägt sich das Volk mit der reizenden Sage von dem Schleier der Fürstin, der neun Jahre unversehrt in den Wipfelästen des Baumes hing, unter dem Markgraf und sein Jagdgefolge, von der wundersamen Fügung tief ergriffen, anbetend zur Erde sanken. Die Geschichte hat längst festgestellt, daß die neun Jahre nicht mit den urkundlichen Zahlen und Daten stimmen; aber das Volk und seinen Sagenglauben kümmern solche Dinge nichts. Es ist sich bewußt, daß Erinnerungen voll milden Klanges ihre Fäden zwischen der Burg hoch oben auf dem Gipfel des Kahlenberges und dem Stifte unten im Thalgrundc spinnen, und es fühlt, daß es sich dieser Erinnerungen theilhaftig macht, wenn es am Morgen des 15. November hinauswandert zum Feste des heiligen Leopold. i i Die Alpenrose. Hoch auf dem Berg, im braunen Moose, Bon Eis umglänzt und halb verschneit, Blüht still emvor die Alpenrose: Ein süß Gedicht der Einsamkeit. Der lauen Frühlingslüfie Fächeln Küßt ihre jungen Blätter nicht; Sie steht wie ein Verlornes Lächeln Im starren Felsenangesicht. Die kalten Gletscherwände steigen Antbürmend mächtig estück für Stück. Und unbemerkt in ew'gem schweigen Wächst sie wie ein verschwiegen Glück. O selig der, dem wohlgeboren, Im oft durchkosteten Gemüth, Hoch über allen Erdensorgen So eine süße Blume blüht! Feodor Löwe. M i s e e l l - n. In der Zeit, als Viele von der französischen Kolonie zu Berlin noch sehr wenig deutsch sprechen konnten, hatte einer von ihnen dem damaligen Staatsminister, Freiherrn von Fuchs Etwas vorzutragen; weil er aber nur die Straße wußte, wo der Minister wohnen sollte, so fragte er eine Schildwache, die er vor einem großen Hause stehen sah t „Siltewa, wo wohnt stk Monsieur, ab sik Schwans von der Länk?", wobei er den Zeigefinger der linken Hand auf das Ellenbogen-Gelenk des rechten Armes legte, um so ungefähr die Länge eines Fuchsschwanzes anzudeuten. Der Soldat verstand Nichts. Der Franzos wiederholte die Frage so: „Wo wohnt sik Monsieur, ab sik Schwans von der Länk, is sik Krosrath bei die Kurfürz, lauf sik in die Kompagne und friß die Kikerlkü?" — „Vielleicht suchen Sie den Herrn von Fuchs?", erwiderte der Soldat, „der wohnt in diesem Hause." — »Oui, vui, oui/- rief der Franzose vor Freuden, „Wuks, Wuks, Wuks." Daß Kinder als Eilgut versendet werden, mag wohl auch nur in Amerika vorkommen. Ein elfjähriger Knabe, Namens Casey Pemmel, kam, mit einem Bagagezeichen dekorirt, als Eilgut in Phiadelphia an) wohin ihn seine in Kansas wohnenden Eltern an Jsaat Vuzley geschickt haben. Der Bagagemeister gab Quittung für ihn, wie, für eine Kiste. Eine kleine "Tasche, in der Geld befindlich, hatte der Knabr umgehängt, und wenn der Bahnbeamtc seinem ihm anvertrauten Gute etwas zu essen kaufen wollte nahm er das Geld aus dieser Tasche und schrieb in ein ebenfalls darin befindliches Buch, wie viel er verausgabt hatte. So reiste der Knabe 1800 engl. Meilen ohne h,en geringsten Unfall. Ein Offizier hörte seinen Burschen im Nebenzimmer nach Mitternacht seufzend sagen: „Hätt' ich doch nur ein Glas Wasser, um meinen brennenden Durst zu stillen!" — „Johann!" rief der Offizier. „Was befehlen der Herr Lieutenant?" — „Geh' schnell hinunter und hol' mir ein Glas frisches Wasser, ich habe gewaltigen Durst." Verdrießlich erhob sich der Bursche vorn Lager und ging. Mit dem vollen Glas kam er zurück und überreichte es seinem Herrn, welcher darauf sagte: „Nun trink' und lösche deinen Durst, und dann leg' dich wieder schlafen, du fauler Kerl!" (Aus dem Examen.) Professor: „Was ist das Auge?" — Junger Mediziner. „Das Auge ist, wenn man zu tief hineinschaut, oftmals gefährlich." 384 Zwei junge witzige Kameraden unterhielten sich vor einiger Zeit in dem Hause eines Gastwirths in Frankfurt a. M. sehr lebhaft. Darauf bot der Eine dein Andern laut eine Wette von 6 Flaschen alten Weins an. Der Andere nahm sie an, und der Wirth war augenblicklich mit der Frage bei der Hand, ob er den Wein vorläufig bringen sollte? Man bemerkte ihm, daß Dieß wohl geschehen könne, jedoch würde die Wette nicht eher bezahlt werden, als bis sie entschieden wäre. Er war damit wohl zufrieden, und der Wein wurde vergnügt genossen. Schmunzelnd wünschte unterdessen der Wirth zu wissen, welches der Gegenstand der Wette sein möchte? „Ich behaupte, sing der Eine an, „der Thurm der Katharinenkirche werde, wenn er umfallen sollte, nach der rechten Seite hinfallen, mein Freund aber behauptet das Gegentheil." Der Wirth sah leicht, daß er erwischt war. „Wer hat die Welt erschaffen?" fragte mit dem ihm eigenen rauhen Tone ein Prediger seinen Sohn, als dieser zum erstenmal dem Katechismus beiwohnte. Gewohnt, bei den inquisitorischen Fragen seines Vaters:' „Wer hat dds Glas zerbrochen? Wer hat das Buch liegen lassen? rc. erst zu leugnen, dann einzugestehcn und um Vergebung zu bitten, antwortete das erschrockene Kind: „Ich nicht lieber Papa!" — „Dumme Antwort! Ich frage Dich noch einmal: Wer hat die Welt erschaffen?" Mit thränenden Augen und stotternder Stimme fing das Kind wieder an: „I—i—ich, lieber Papa; aber ich will es mein Lebtng nicht mehr thun." Als im Jahre 1830 die Besatzung der Bundessestung Mainz verstärkt wurde und zu diesem Zwecke einige frische Bataillone österreichischer Infanterie dorthin kamen, fanden sich viele alte Bekannte zusammen. Einer von Denen, die schon längere Zeit daselbst garnisonirt hatten, führte einen neuen Ankömmling in der Stadt umher, um ihm die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen. Unter Andern: kamen sie auch an den Rhein. „Schau, Komrod", sprach der Erstere, bei uns haaßt mer'sch Donau, und hier hnaßt mer'sch Rhein; do konnst d' sch'n, wie olles auf d' französisch Art eingricht is." Ein Reisender kehrte kalt und durchnäßt in einem Wirthshause ein und bestellte sich eine Weinsuppe. Als solche fertig und aufgetragen war, fischte die Wirthin, bevor der Gast noch die Suppe gekostet hatte, ein großes Stück Zimnit mit der Gabel heraus, leckte selbes rein mit Mund und Zunge ab, und legte eS über dem Tische auf ein Brett. Da sagte sie: „Liege, du hast schon so manche Weinsuppe schmackhaft gemacht, du kannst noch öfter dienen." (Im Theater.) Bauer: „Sie, Herr Nachbar, um Vergebung, wie viel kriegt der Sänger dorten jährlich Lohn?" --- „Dreitausend Thaler." „Dös macht cin'm Andern weiß, aber ich glab's net!" — „Guter Freund, das dürst Ihr mir schon glauben, das macht eben di^ Seltenheit bei solch' einem Sänger: dieser Tenorist fingt das hohe A und B noch!" — „Na, dös is a was «rechts! So ä paar lappige Buchstab'». Ich sing's ganze ABC durch — und krieg' nix dervor." Ein sehr großer Rekrut bekam von einen: sehr kleinen Offizier eine Ohrfeige, weil er den Kopf immer auf die Erde hielt und nicht in die Höhe halten wollte. „Muß ich deu Kopf immer in der Höhe halten?" fragte derselbe. „Ja wohl, Schlingel!" „Nun, dann leben Sie wohl, Herr Lieutenant, denn nun bekomme ich Sie in meinem Leben nicht wieder zu sehen!" Original-Charade. * Dnlzigno nahe stand mein kleines Räthselwort Schaßt ihr das erste seiner Zeichen fort, So steht sogleich, Ein Weib vor Euch. Auflösung des Original-Silben-Räthsels in Nr- 44: „Erlangen". Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Hutller.