nterkaktllngsökatt zur .,Filgsbmger Postjeitmg. Nr. 49. Samstag, 18. Dezember 1880. Tritten des Wanderers über den Schnee sei ähnlich dein Leben; Es bezeichne die Spur aber beflecke sie nicht. Herder. Die rechte Kühne. fllovelle von Jenny Bach, Verfasierin von „Tannenburg" rc. (Nachdruck verboten. Gesetz vom 11IV. 70,) i. In kein weiten, im steifen, düstren Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts ausgestatteten Gemach eines alten Kaufmannshauses der Stadt Frankfurt an der Oder ging eine stattliche Dame zwischen fünfzig und sechzig Jahren voll Unruhe auf und nieder. Es war die Wittwe des vor fünf Jahren verstorbenen Kaufherrn Johann Heideker, des Inhabers der alten Handelsfirma Heideker und Heideker, welche sich durch alle die bösen Kriegsjahre des schlesischen und siebenjährigen Krieges hindurch festen Kredit und eines der ersten Häuser für den Binnenhandel erhalten hatte. Die großen Waarenlager und Gewölbe des untern Stockes wurden niemals leer, und die Oderschiffe und Fracht- waaen, welche die Waaren weit über die Grenze beförderten, waren ohne Zahl und mehrten sich nun, da das Land wieder im Frieden und der große Friedrich II. so viel that, den Handel zu heben, mit jedem Jahre. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, war wie gesagt eine stattliche Frau, und die kleidsame Tracht der damaligen Zeit: der weite Schlepprock, die feste, mit einem schwarzen Seidentuch nur halb verhüllte Taille, die schwarzen Spitzen auf den künstlich frisirten Locken dienten dazu, ihre Erscheinung noch imposanter zu machen. Doch trotz ihrer straffen Haltung und dem lebhaften Blick ihres blauen Auges lag etwas in dem edel geschnittenen Antlitz Frau Katharina's, welches verrieth, daß an ihr das Leben nicht immer voll Milde und Glück vorübergegangen war. Und hätte ein Fremder eine derartige Bemerkung ausgesprochen- so würde ihm jeder alte Frankfurter geantwortet haben: „Damit habt Ihr nicht unrecht, mein Lieber; denn wer als junges Mädchen seinen Eltern mit einem leichtsinnigen Lieutenant entläuft, enterbt wird, dann nach acht Jahren den Mann durch Zweikampf verliert und während zweier Jahre in Hunger und Kummer drei Kinder von fünfen ins Grab sinken sehen muß, der kann wohl sagen, daß er des Lebens Noth kennen gelernt, auch wenn er später noch eine Frau Heidecker wird," Und so war es. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, verwittwete Lieutenant von Litten, hatte keine leichte Vergangenheit hinter sich; und die Erinnerung an all das bittere Weh ihrer Jugendjahre mochte wohl noch oft die spätere Ruhe äußeren Glücks an der Seite ihres zweiten Gemahls und Cousins verbittert haben und ihrem Mund jenen Zug herber Strenge verliehen, welcher starken Naturen oft durch die Hand des Kummers und Unglücks aufgeprägt wird. Sie hatte, wie oben bemerkt, nur noch zwei Kinder aus ihrer ersten, unglücklichen Ehe mit in das elterliche Haus, dem damals nur noch ihr Cousin und Gatte mit seinem Bruder als Leiter Z rstand, zurückgebracht: ihren 386 ältesten Sohn Philipp, den jetzigen Inhaber der Firma, deren Namen er, von dem Stiefvater udoptirt, vom Oheim zum Schwiegersohn erwählt, nach beider Tode angenommen, und ihr jüngstes Kind Leonhard, welcher von seinem Vater eine glühende Vorliebe für den Offizierstand ererbt hatte und seine Mutter durch vieles Drängen vermochte, ihrer Absicht, auch ihn mit dem Namen des Stiefvaters in das Geschäft eintreten zu lassen, ungetreu zu werden und ihm zu gestatten, als Leonhard von Litten sich dem großen Friedrich, welcher die Offizierstellen prinzipiell nur durch Adelige besetzte, zum Dienst zu stellen. Welche Ueberwindung es der Mutter kostete, ihren Lieblingssohn ruhig in der Uniform zu sehen, deren Anblick immer noch alle die trüben Bilder der Vergangenheit heraufbeschwor, ahnte der leichtlebige, heißblütige Leonhard nicht; denn er hatte seiner Mutter, weil ihre Liebe schwer und selten das Eis äußerer Zurückhaltung und Strenge durchbrach, mit seinem raschen Empfinden immer sehr fern gestanden und sah in ihr mehr die gestrenge als die liebende Mutter; während Philipp in seiner ernsteren, klareren Natur ein größeres Verständniß für seiner Mutter Wesen besaß und er ihr schon früh ein Theilnehmer ihrer Gedanken und Sorgen und nun eine Stütze und Hilfe geworden war. Doch so sehr sie Philipps Werth erkannte, ihre Liebe gehörte in größerem Maße dem Jüngsten, dem Kinde, das nichts von dem Unglück der früheren Jahre mehr wußte, und auch heute galt all die Spannung und Unruhe, welche sich in ihren Zügen malte, als sie wieder und wieder das tiefe Wohnzimmer durchschritt, ihrem jüngsten Sohn dem Lieutenant von Litten. Es war derselbe seit ein paar Wochen mit einem Kameraden auf dessen schlesischen Gütern auf Urlaub. Er hatte nichts von sich hören lassen, bis vor zwei Tagen ein Brief eintraf, in dem er kurz meldete, er werde am Abend des 20. Januar mit einer jungen Frau zu Haus wieder eintreffen und bitte für ihn und sein junges Weib ein paar Zimmer in Bereitschaft zu setzen. Bestürzung, Sorge und Unwille stritten sich bei dieser rücksichtslos kurzen Meldung und Forderung im Herzen Frau Katharinas; aber die Nachsicht mit ihres Sohnes lebhaftem Temperament, das ihn so oft zu raschem Handeln verleitete, vermochte sie doch, ein paar hübsche, nach dem kleinen Garten hinter dein Hause gelegene Fremdenzimmer für die fremde, junge Frau in behaglichen Zustand bringen zu lassen. Obgleich Frau Charlotte Hcideker, geb. Heideker, Philipps seit einem Jahr verbundene junge Frau, meinte, eine Rücksichtslosigkeit verdiene die andere; es wäre das schon viel zu viel und zu gut für eine Frau, von der er sich schäme, Näheres zu melden, und die er wer weiß wo aufgelesen. Auch heute Abend sgmphatisirte Frau Charlotte wenig mit der Unruhe und Spannung ihrer Schwiegermutter. Sie saß an dein schweren eichenen Tisch, auf welchem zwei Wachskerzen auf silbernen Leuchtern brannten, bequem in ihrem hohen Stuhl zurückgelehnt und las eifrig in einem kleinen Buche. Ihre kleinen mit blauscidenen Hackenschuhen bekleideten Füße ruhten auf einem bunten Kissen, und ihr weißer, schlanker Arm, dessen schöne Form durch die weißen Spitzen, welche Aermel und Taille ihres großblumigen Kleides zierten, noch mehr gehoben wurde, stützte sich auf den Tisch, ihre kleine Hand hielt das graziös frisirte Haupt. Zuweilen schlug sie ihr graues Auge auf, welches durch die dunklen Brauen und langen Wimper», die es beschatteten, wie durch den klugen Blick einen eigenen Reiz erhielt, und das Schönste in ihrem sonst nur wenig hübschen Gesichte war, und richtete den Blick auf Frau Katharina, und der Andruck ihrer Züge so wie das kaum merkliche unwillige Kopfschütteln verrieth, wie wenig sie mit der sichtlichen Aufregung derselben einverstanden mar. Endlich blieb Frau Katharina vor dem Tische, an dem ihre Schwiegertochter saß, stehen und sagte mit ihrer vollen, tiefen Stimme ein wenig scharf: „Dich scheint dein Buch heute Abend ja wieder außerordentlich zu interessiren! Was ist es?" Frau Charlotte, welche wohl wußte, wie wenig die alte Dame ihre Vorliebe für die neue Literatur theile, zuckte die Achsel, als wollte sie sagen: „WaS nützt der Titel?" warf aber doch ihr Buch herum und antwortete kurz: „Literaturbriefe von Lessing." 387 „Wieder von Lessing! Ich begreife nicht, was du an den Schriften eines Mannes findest, von dem viele nicht gut sprechen." „Weil sie seinen Geist fürchten. Es wäre zu wünschen, daß alle Dichter und großen Männer so rein und groß dastünden wie er. Philipp, welcher ihn persönlich in Breslau kennen und lieben gelernt, bewundert ihn ja noch mehr als ich!" „Ja, und kauft jedes Wörtchen, das von ihm gedruckt wird, mit noch größerem Eifer, wie du es lesend verschlingst. Und doch ist es nur zu bekannt, daß unser großer König ihn nicht sehr hoch achtet und ihm die Stelle an seiner Bibliothek versagt hat!" „Weil er seinen häßlichen Affen, den Voltaire, einst beleidigt hatte!" Charlotte, du vergißt, von wem du sprichst!" „Nein, ich verehre unsern König eben so wie Sie und alle, ich halte es für kein Verbrechen, seine unbegreiflichen Lieblinge nicht zu lieben. Ich ziehe nun einmal trotz König und Voltaire diesen Lessing allen andern vor. Und ich bin überzeugt, hätte Leon- hardt diese Vorliebe und nicht Philipp und ich, würden Sie ihn nicht wieder und wieder ««gelesen verdammen." Sie hatte die letzten Worte leiser und mit niedergeschlagenen Augen gesprochen, denn Frau Katharinas Blick wurde schärfer, ihre Züge strenger. „Was soll das bedeuten?" fragte sie herb. „Nun, ist es nicht wahr, daß Sie Philipp, der doch das ganze Haus mit seiner Arbeit erhält, Ihrem jünger« Sohn nachsetzen?" „Hat sich Philipp darüber bellagt?" „O, nein, gewiß nicht, dazu rft er viel zu selbstlos und liebt er seinen Bruder zu sehr, aber mich kränkt es!" „Dich!" rief die alte Dame lebhaft. „Du zeigst sonst nicht so viel Interesse für deines Mannes Sache. Charlotte saß noch immer mit gesenkten Wimpern, ihre schlanken Finger zupften unruhig an der Spitze ihres Aermels. „Philipp und ich sind zufrieden mit einander so wie wir stehen, sagte sie." „Nun ja, ihr habt beide die ruhige Natur der Heidekcr, von der Lconhard leider wenig erhalten hat!" „Leider? Werden khm darum seine unbesonnenen Streiche nicht immer vergeben?" „Nicht darum. Ich wünschte nichts mehr, als daß er ein Heideker wäre an Natur wie von Namen. Aber ob er oft unbesonnen und voreilig handelt, er hat noch niemals Herz, Ehre und edlen Sinn dabei verletzt, darum war es leicht, ihm zu vergeben, und ich habe das Vertrauen, daß er auch hier seinem Wesen getreu blieb. Unruhig macht mich vor allen die Sorge, ob er auch so schnell den Konsens seiner Oberen — doch halt, da sind sie? Sind Sie da, Jonas?" Sie kehrte sich erregt dem alten Diener zu, welcher im braunen Rock und steifer Zopfperrücke an der Thür stand, durch die er eben eingetreten. „Der Herr Leutnant ist eben mit einer Dame vor der großen Thür abgestiegen und kommt die Treppe herauf," meldete er ohne seine eiserne Miene im geringsten zu verziehen. „So geh ihnen entgegen und führe sie sogleich hierher. Die Zimmer sind doch warm und erleuchtet?" „Wie Madam befohlen." „Es ist gut, geh nur." Jonas ging durch das kahle Vorzimmer hindurch den Gang, an welchem die Zimmer der verschiedenen Familienmitglieder sowie der große, gemeinsame Eßsaal lagen, hinab bis zu der Treppe, welche aus den unteren Waaren- und Comptoirräumen in den obern Stock führte. An ihrem Fuße stand der riesenhafte Wächter des Lagers, der zugleich nach Schluß der Arbeitszeit das Amt des Pförtners versah, und leuchtete mit seiner Laterne ein paar in Pelze gehüllten Gestalten, welche die Stufen der Treppe erstiegen» „Ah, sieh da, Jonas!" rief Leonhard von Litten, als er des Alten ansichtig wurde, und sprang die letzten Stufen schnell hinan, indem er die kleine Gestalt neben sich mitzog. „Kam mein Brief an? Werden wir erwartet? Sag Er mir schnell, was sagte die Mutter." „Madam erwartet den Herrn Leutnant mit der Dame im Wohnzimmer," entgegnete der Alte mit unerschütterlicher Ruhe und empfing den Pelz, den Leonhard ihm zuwarf» „Er ist immer derselbe steife Gesell! Wo sind unsere Zimmer?" „Das für den Herrn Leutnant dort, wie immer, für die Dame bestimmte Madam das Fremdenzimmer nach dem Garten." „Gut. Sollen wir erst dorthin gehen, mein Engel? Du bist so erschöpft, du zitterst?" Er beugte sich zärtlich zu seiner Gefährtin nieder. „Madame sagte, sie wünschte Sie sogleich zu sehen," bemerkte Jonas mit eisernem Gesicht. „So wollen wir sie nicht warten lassen," sagte eine weiche, kindliche Stimme hinter dem Schleier hervor. „Ich kann ja hier ablegen." „Nein, komm hierher." Leonhard trat in das Vorzimmer und war dann mit zärtlicher Sorgfalt bemüht, ihr beim Ausschälen aus allen den Tüchern und Manteln zu helfen. Selbst in Jona's unbeweglichem Gesichte zeigte sich ein Schimmer von Neu- gierde und Erstaunen, als allmählig aus der Umhüllung eine so reizend feine Gestalt mit so allerliebstem von braunen Locken umgebenen Kindergesichtchen herauskam, daß man glauben konnte, eine kleine Waldelfe habe sich in dies düstere Stadthaus verirrt. Leonhard ging ein paarmal, hier eine Locke zurecht legend, da eine Schleife ordnend, um sie herum, wobei seine Blicke mit bewunderndem Ausdruck leuchtend auf ihr ruhten, zuletzt hob er ihr gesenktes Haupt zu sich auf und sah ihr voll Liebe in die schönen nußbraunen Augen. „Wie blaß du bist, süße Geliebte. Hast du so große Furcht?" „Ich werde es überwinden," sagte sie muthig und machte einen Versuch zu lächeln. Er küßte ihre kleinen Hände und wandte sich um, denn Jonas öffnete schon die Thür des anstoßenden Zimmers. Nahe der Schwelle stand die hohe Gestalt seiner Mutter. Sie streckte die Hand aus, eine ungewöhnliche Erregung stand in ihrem ernsten Antlitz. Mit wenigen hastigen Schritten war Leonhard bei ihr. „Mutter, hier ist meine Gemahlin, wollen Sie sie gütig aufnehmen?" fragte er ihre Hand küssend mit unsicherer Stimme. „Du verstehst zu überraschen," sagte Frau Katharina und ihr großes, dunkles Auge ruhte mit prüfendem Blick auf der kleinen Gestalt der neuen Tochter, kaum weiß man, ob man dir zürnen soll oder nicht; solche Uebereilung ist ganz gegen alle Sitte, mein Sohn!" „Mag sein, aber ich denke, solch ein süßes, engelhaftes Weib zu gewinnen, rechtfertigt es genugsam, wenn man einmal gegen die steife Sitte der förmlichen Welt verstößt," rief Leonhard und legte seinen Arm schützend um die Taille seiner jungen Frau. „Doch, meine Mutter, Sie können versichert sein, alles ging in bester Ordnung von statten, dafür sorgte unsere verehrte Protektorin, die Gräfin von Schweitnitz. Doch das berichte ich Ihnen später. Für jetzt möchte ich nichts weiter, als für meine Praxedes, die, todmüde von der Reise, bald der Ruhe bedarf, um freundliche Aufnahme und etwas Liebe bitten." „Ja, Madam, seien Sie nicht böse um mein Eindringen," murmelte die kleine Frau und beugte sich tief über die Hand Frau Katharinas, in deren Gesicht plötzlich ein schneller Wechsel von Erregung, Schrecken und Kälte vor sich ging. Mit verdüsterter Stirn schaute sie auf die graziöse Gestalt der jungen Frau herab, und ihre Stimme klang abweisend und scharf, als sie erwiederte: „Da es einmal geschehen, so bleibt mir wohl nichts übrig, als es zu nehmen, wie es einmal ist. Wenn deine Frau in unse- 389 — pem einfachen Bürgerhause, nachdem sie das gräfliche gewohnt war, vorlieb nehmen will, so soll es mir recht sein. Die Liebe ihrer Hausgenossen zu gewinnen ist ihre Sache und kann erst die Zeit erwirken. Charlotte und ich sind, wie du weißt, nicht gewohnt, jedem Fremden unsere Liebe entgegen zu tragen. Charlotte, willst nicht die Angekommene begrüßen?" Leonhard wandte sich, den peinlichen Eindruck, den seiner Mutter Worte auf seine kleine Frau machen mußten, zu verwischen, zu seiner Schwägerin, welche von ihrem Sitz aus der Begrüßung zugesehen und sich jetzt erhob, dem Paare entgegen zu gehen. „Charlotte, Bruder Philipps Frau", sagte Leonhard vorstellend und fügte, ihr herzlich die Hand reichend, leiser hinzu: „Ich hoffe, du wirst bald mit meiner Praxedes Freund werden! Aber wo ist Philipp?" Charlotte vermied den bittenden Blick Leonhards, reichte ihm kaum die Spitzen ihrer schlanken Finger, verbeugte sich förmlich gegen die neue Hausgenossin und sagte dann kalt: „Philipp ist nach Berlin in Geschäften, er kommt schwerlich vor ein paar Wochen zurück und wird erstaunt sein, dich so plötzlich und heimlich vermählt zu finden! Sie heißen Praxedes! Habe ich recht? Ein seltsamer Name!" „Ich erhielt ihn nach dem 21. Juli, meinem Geburtstage", sagte die Gefragte, gewaltsam die Thränen, die sie zu übermannen drohten, niederkämpfend. „Darf man Ihren weiteren Namen nicht auch wissen?" „Natürlich, Praxedes von Litten", siel Leonhard lächelnd ein und sah mit zärtlichem Blick auf sein junges Weib herab. Charlotte wandte sich ein wenig ab und führte ihr Tuch an den Mund. „So ist also der Mädchenname deiner Frau ein Geheimniß, daß du auch jetzt noch damit zurückhältst?" Leonhard erröthete. „Nein, gewiß nicht; aber Praxedes ist zu müde, um sie mit langen Erklärungen aufzuhalten. Um aber der weiblichen Neugierde gerecht zu werden, will ich dir sagen: du siehst hier die Pflegetochter der Gräfin von Schweitnitz, Praxedes von Sternberg, des ehemaligen Hauptman von Sternberg Tochter. So und nun erlaubst du wohl, daß wir uns zurückziehen? Auch Sie, meine Mutter? Praxedes kann nicht mehr." „Ja geht! Aber du wirst doch wieder zu mir kommen, Lepnhard?" „Wie Sie befehlen, Mama." Damit umfaßte Leonhard seine kleine schwankende Frau und führte sie hinaus. Er sah nichts von dem Blick, fast des Entsetzens, mit dem seine Mutter, die sich schwer auf die Lehne des Stuhls, an dem sie stand, stützte, ihm nachsah, er hörte nicht mehr Charlottens verächtlichen Ausruf: „Was für ein zimperliches Püppchen!" er hatte nur Augen für die immer blässer werdende Praxedes, die er draußen fester in seine Arme nahm und mit der jungen Kraft seiner großen kräftigen Gestalt den Gang hinunter bis in das ihr bestimmte Zimmer trug, wo er sie auf einem Ruhebett neben dem großen Ofen niederlegte. Dort kniete er an ihrer Seite nieder und bedeckte ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen. „Praxedes, Geliebte, vergieb mir. Sei mir nicht böse!" Sie öffnete die Augen, welche sie im Kampf mit den Thränen geschlossen, die hellen Tropfen rannen hernieder und ihre Lippen zuckten von verhaltenem Weinen. „Dir böse, Leonhard, warum sollte ich dir böse sein?" „Weil ich dir solchen Empfang bereitete! Weil ich in meiner Aufregung und Hast dich zu gewinnen, nicht daran dachte, wie ich die pedantischen Formen dieses Hauses verletzte und wie man dir das vergelten wurde! O, mein süßes Herzlieb, habe nur kurze Zeit Geduld hier, dann gebe ich dir ein anderes Heim, wohnlicher, traulicher, wenn auch bescheidener als dies finstere Haus, das ich nun mit allem, was es enthält, hassen Möchte um deinetwillen." Praxedes richtete sich auf und trocknete ihre Thränen. ^ „Nein, Leonhard, zürne den Deinen nicht; sie haben vielleicht recht, ein wild- fremdes »Mädchen mit Mißtrauen aufzunehmen. Es ist nur meine thörichte Furcht vor finsteren, unwilligen Gesichtern, die mich so fassungslos machte. Sei auch dem Hause nicht gram, du erzähltest mir unterwegs ja so viel, wie gern du es als Knabe gehabt. Sorge dich nicht um mich, ist es hier nicht ganz hübsch und wohnlich? Sieh, der hübsche Platz in der Fensternische: den werde ich zu meinem Lieblingsplatze machen. Laß mich sehen." — Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und trat an die Nische des einzigen großen Fensters heran. „Hier wird es sich ganz hübsch arbeiten und lesen lassen, wenn ich allein sein muß", sagte sie und hob ihr Antlitz zu ihm, der ihr nachgefolgt war, mit lieblich tröstendem Lächeln auf. „Werde ich hier auch die Gasse hinabschauen können, wann du wieder kommst, oder geht dorthin nicht dein Weg zur Kaserne?" „Nein Herzlich, hier siehst du nur in den Garten!" Er schlug die Jalousien zurück und sie schauten zusammen in den schneebedeckten, im Mondlicht glänzenden, kleinen Garten hinab. „O, das ist schade", meinte PraxedeS, sich an ihn lehnend. „Aber dies ist auch hübsch! Wie herrlich der alte Mond, unser treuer Begleiter auf der Fahrt, alles erleuchtet!" „Unser treuer Begleiter und Zeuge auch vor drei Abenden, da du mein wardst, Geliebte! Ich vergesse niemals, als ich, an der Thür der Kapelle wartend, dich mit der Gräfin wie dunkle Schalten auf den mondbeschienenen Wegen daherschwebcn sah! Wie mein Herz klopfte in Erwartung und Verlangen, und wie du dann, die Hüllen abwerfend, im matten Licht der Altarkerzen im Brautschmuck vor mir standest! Meine Braut und in wenigen Minuten mein Eigenthum!" „Ich dein Eigenthum, und du mein Schutz, mein Retter", sagte sie leise und in seine leuchtenden Augen schauend. „O, wie habe ich gezittert und mich geängstigt, bis der Priester meine Hand in die deine legte und das Wort sprach, das mich Schmeitnitz auf immer entzog. Wie soll ich dir danken für deine Rettung! Ich war so verzweifelt, bis du kamst, Leonhard." „Durch deine Liebe, meine Praxedcs", flüsterte er und küßte sie wieder und wieder, als sie sich dichter in seinen Arm schmiegte. Dann aber richtete sie sich auf und sagte ängstlich: „Aber deine Mutter wartet auf dich." „Laß sie warten", entgegnete er unwillig. „Nein, erzürne sie nicht noch mehr. Einmal mußt du ihr doch alles sagen." „Was sagen? Wie ich zu meinem Weibchen kam? Das ist ein viel zu süßes Geheimniß, es auszuplaudern!" „Aber sie wird wissen wollen, wie alles kam." „Ja, und wird fragen wie ein Großinquisitor." „Run, siehst du?" „Nun, siehst du?" wiederholte er lachend, „da wird alles nichts helfen, die Beichte muß einmal gemacht werden. Aber es hat damit Zeit." „Nein, wenn's geschehen muß, ist's besser gleich", sagte Praxedes. „Schau einmal, wie muthig du bist, wenn es dich nicht angeht", neckte er. „Ei, ich bin auch ein zaghaftes Mädchen und du ein Soldat." „Glaube mir, .Herzlieb, einer Batterie österreichischer Kanonen ist leichter zu begegnen als meiner Frau Mutter, wenn sie ernstlich zürnt. Doch du hast recht," fuhr er ernster fort, Ich muß noch heute Abend deiner Stellung hier im Hause gewiß sein. — Aber wirst du dich nicht fürchten? Ich muß dich nun ganz allein lassen!" „Ich fürchte mich nicht, ich werde viel zu denken haben", sagte sie. Er nahm, so zärtlichen Abschied, als ginge er in die weite Welt, und grüßte noch von der Thür zurück; war es doch das erste Mal, daß er sein junges Weib verließ, seit er sie vor der Kapelle in den Reisewagen hob. Sie schaute ihm noch lange nach, als er verschwunden, dann zog sie fröstelnd den Shawl dichter um sich, welchen ihr Leonhard sorgsam um die Schultern gelegt, Sie fühlte sich von der tagelangen Fahrt auf's äußerste erschöpft, und doch ließen all die neuen Gefühle und Eindrücke sie zu keiner Ruhe kommen. Müde wanderte ihr Blick in dem dunkelgetäfelten, von der brennenden Wachskerze auf dem eichenen, mit weißer Decke behanganen Tisch, matt erhellten Zimmer aimher. Hier sollte sie wohnen, bis alles geklärt war und es Leonhard gestattet war, ein eigenes Haus zu gründen. Ach, Leonhard hatte recht, es war ein altes finsteres «Haus, so ganz anders, als das der Gräfin, in dem sie die letzten Jahre gelebt. Ein banges Gefühl hatte sie erfaßt, als sie, durch die eiserne Thorthüre eingelassen, an der Seite des riesigen Wächters durch die Gewölbe der Treppe zuschritten, und dies Gefühl der Beklommenheit war durch den kalten Empfang der Damen nicht verbessert. Aber vielleicht gelang es ihr ja mit der Zeit, die begreifliche Abneigung gegen die aufgedrungene Hausgenossin zu besiegen und dann — ganz abgerechnet, daß ihr ja Leonhards Liebe als Schutz immer blieb — dann war das alles ja leicht zu ertragen gegen das, was sie letzthin im Hause der Gräfin durchlebt. Praxedes von Sternberg hatte schon mancherlei Wechsel im Leben erfahren, trotz ihrer achtzehn Jahre. In ihrer ersten Erinnerung sah sie sich in Luxus und Wohlleben von vielen Dienern umgeben. Ihren Vater kannte sie kaum, ihre Mutter aber, wenn auch oft von geselligen Pflichten hingenommen, pflanzte durch ihre reiche Liebe und verständige Milde eine frische Heiterkeit und zärtliche Gemüthstiefe in das Herz ihres lieblichen Kindes. Dann kam die Zeit des Unglücks, ihr Vater im Gefängniß, ihre Mutter krank und im Elend. Da lernte die kleine Praxedes Hunger und Noth kennen, aber ihr leicht zufriedenes, dankbares Gemüth lernte auch jede Freundlichkeit und Gabe mit doppelter Freude hinnehmen, und immer, wenn ihre Noth am höchsten gestiegen, fand sie gute Menschen, die halsen. Praxedes vergaß ihre Freunde niemals, und oft traten sie ihr in einsamen Stunden wieder vor die Seele. Da war es vor allen ein junger Mann, welcher kurz vor der Rückkehr des Vaters der kranken Mutter geholfen, sie täglich besucht und getröstet hatte, zu dem ihre Gedanken oft wanderten in dankbarer Liebe, und daß Leonhards blaue Augen denen des treuen Freundes glichen, das hatte ihr diesen gleich so werth und vertraut gemacht. Kurz nach der Entlassung des Vaters starb ihre Mutter, und Praxedes wandte nun ihre ganze Liebe dem Vater zu, welcher, ein gebrochener Man», ihrer so sehr bedurfte. Trotz des innigen Verhältnisses zwischen Vater und Tochter, trotz der fast leidenschaftlichen Liebe des von Neue über sein vergangenes Leben weich gewordenen Mannes zu dem letzten, was ihm geblieben, zögerte er keinen Augenblick, als die Gräfin von Schweitnitz sich erbot, seine Praxedes als Pflegekind zu sich zu nehmen, sie ihr zu überlassen. Ohne zu verrathen, was es ihm kostete, brachte er der Dame sein Kind, verließ noch am selben Tage Wien, fuhr dem Mittelmeere zu und verschwand im Orient. Praxedes verlebte mit der Gräfin auf ihrem Gute in Schlesien friedliche Jahre, bis der Sohn der Gräfin, der viel in der Welt umherge- reist, mit ein paar Genossen seiner wilden Fahrten heimkehrte. Er faßte in kurzem eine heftige Leidenschaft zu der schön erblühten Praxedes und verfolgte sie, wo er sie sah, mit den unverschämtesten Liebesanträgen. Das geängstigte Kind flüchtete sich unter den Schutz der Mutter; es kam zu heftigen Austritten zwischen Mutter und Sohn, und Praxedes ward zu einer Freundin auf einem dem benachbarten Gute geschickt. Dort sah sie Leonhard, und die jungen Herzen entzündeten sich schnell in gegenseitiger Liebe. Die Gräfin war sehr glücklich, für ihr Pflegekind einen Beschützer zu finden, und da sie durch einen Zufall ein Komplott ihres Sohnes mit mehreren Helfern entdeckte, wonach dieser Praxedes vom Gute entführen und mit Gewalt zu seinem Weibe machen wollte, schlug sie Leonhard vor, diesen: durch eine heimliche Heirath zuvorzukommen. Leonhard von seiner Liebe ganz hingenommen, ging bereitwilligst darauf ein; sein einziges Bedenken wegen des für Offiziere nöthigen Heirathskonsenses schlug die Gräfin mit der Versicher- 3S2 ung weder, durch ihren Einfluß am Berilner Hof alles in Ordnung zu bringen, und so ward Praxedes eines Abends in Anwesenheit weniger Zeugen in der Dorfkapelle des Guts Leonhard angetraut und reiste dann mit ihm in fast ununterbrochener Fahrt der alten Stadt Frankfurt zu. . An alles dies dachte die junge Frau, als sie, auf die weißen, im Mondglanz schimmernden Wege des Gartens hinabsehend, am Fenster stand. Wie war es nur so wunderbar, daß sie Leonhard sich so willig hingegeben, den sie nie zuvor gesehen, wo sie doch gegen den jungen Grafen einen so unüberwindlichen Abscheu empfand? War es nun, weil er sie so lebhaft an den alten Freund erinnert hatte, oder war es das wunderbare Räthsel der Liebe. Es war ihr gleich gewesen, als hätte sie ihn lange gekannt, in seiner Nähe fühlte sie sich so geschützt, so geborgen; und ach so glücklich, so namenlos glücklich, wenn seine Augen mit so unendlicher Liebe in die ihren schauten. Dann vergaß sie alles, die trübe Vergangenheit, die Furcht vor dem neuen Leben unter Fremden, was sie erlebt, vor dem sie gezagt hatte. Sie kreuzte die Hände über der Brust und hob das Haupt empor, daß das silberne Licht des Mondes ihr liebliches Antlitz, ihre feine Gestalt überfluthete, ihre Lippen flüsterten ein leises Dankgebet. Da öffnete sich die Thür und Leonhard trat ein. Einen Augenblick blieb er stehen und gab sich ganz dem von dem Lichte der Kerze unberührten Bilde in der Finsternische hin. Dann trat er zu ihr und umschlang sie. „Praxedes, mein Herzlieb, für wen batest du eben!" „Für dich, Leonhard, für dich und unser Glück!" Während Praxedes in ihrem Zimmer träumte, hatte ihr junger Gatte mit seiner Mutter keinen leichten Kampf auszufechten. Er fand sie mit finsterer Miene in ihrem Zimmer auf- und abgehen, bei ihr immer ein Zeichen großer Erregung. Sie wies auf einen Stuhl und sagte kurz: „Setze dich und dann erzähle, wie kamst du zu diesem Mädchen?" — Leonhard erzählte in gedrängter Kürze die Umstände seiner raschen, heimlichen Heirath, Frau Katharina hörte, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, ihm zu; als er geendet, blieb sie vor ihm stehen. „Und der Konsens vom König?" fragte sie. „Den wird mir die Gräfin in wenigen Tagen verschaffen!" Ah, ich dachte es mir, du hast ihn also noch nicht. — Wenn aber die Gräfin nicht Wort hält, so ist deine Heirath ungiltig!" „Sie wird Wort halten." „Wer verbürgt dir das? Sie hat ihren Zweck erreicht, ihren Sohn von dein armen Mädchen, dessen Vater ein Fälscher imd Betrüger war, zu trennen und einem andern aufzubürden!" * „Mutter!" rief Leonhard und sprang mit glühendem Gesicht von seinem Stuhl auf. „Spreche ich nicht die Wahrheit? Frage jeden in Wien, ob Arthur von Sternberg nicht drei Jahre wegen fälschlichen Bankrotts im Gefängniß gesessen", rief Frau Katharina nnt flammenden Blicken und fügte dann, sich ein wenig abwendend leiser und zwischen den Zähnen hervorgestoßen hinzu: „und vielleicht sagt man dir dann auch wie er nach Wien kam und seinen Dienst verlor!" Leonhard senkte das Haupt auf die Brust und stützte die Hand auf den Tisch. „Davon sagte die Gräfin mir nichts, sie sagte nur, Praxedes Vater sei ausgewandert und wahrscheinlich gestorben!" „Sie verschwieg dir wohlweislich, was dich sehr wahrscheinlich zur Vernunft gebracht hätte, und dachte vielleicht, der mit dem Bürgerhause liirte Name der Litten könnte den Flecken besser vertragen als der der Schweitnitz!" (Fortsetzung folgt.) Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hnttler.