Nr. 1. 1883 . zur „Äugslmrger Pojheitnilg." Mittwoch, 3. Januar Z«m Jahresbeginn. Des Jahres letzter Abend sank hernieder, Ein neuer Morgen bricht durch dunkle Nacht; Im Dome Gottes schallen Jubellieder, Zur Ehre dessen, der sür rrns gewacht. Und dennoch flüitert's wie geheimes Wehen Durch's kahle Laub, den schneebedeckten Hain: Allmächt'ger Gott, ich bitt', erhör mein Flehen, Laß es genug der harten Prüfung sein! Schau nieder auf die Sorgen Deiner Kinder, Sieh' ihre Thränen, sieh' ihr Herzeleid; O hab' Geduld, und sind sie gleich auch Sünder, Sie sind bedürftig der Barmherzigkeit! Durch Hagelschlag, durch Wassersnoth und Regen, Empfand so mancher Deine strafend' Hand; Empfing auch nicht, wie sonst, den Erntesegen, Sein flehend Auge ist Dir zugewandt! Drum hör' sein Flehen, nimm von ihm die Sorgen Gieb, daß des Morgensternes milde Pracht Ihm neue Hoffnung beut' am heut'gcn Morgen, Damit er spricht: Mein Gott hat's wohl gemacht I Auf daß er dankend hin zn Dir sich neige, So liebevoll, wie aller Eltern Kind, Vor dem Altare seine Kniee beuge, In dem Gebete neue Labe find'! O, segne Gott, der Menschenhände Thaten!! Damit dereinst am srohen Erntetag Ein redlich Handwerk wie des Landmann's Saaten Den reichsten Lohn und Garben bringen mag! O mög Dein Stern recht frohe Hoffnung schüren Für's neue Jahr in aller Eltern Brust, AuS Nacht zum Licht, aus Leid zur Wonne führen, Die sich der Sorgen sür ihr Lieb bewußt. Doch joll's Euch Segen bringen das Neujahr, Dann müßt Ihr auch auf Euern Gott vertrau'n! O glaubt! Er hilft gewiß. — Und dann fürwahr Könnt sroh Ihr in die dunkle Zukunft schau'n; Dann wird im Augenstern oft selig blinken, Die Freudenthrüne, die das Herz gebar; Aus jedem Antlitz es verklärend winken: Gott sei's gedankt! Gott Lob! Ein gutes Jahr I U. L» Uor dem Madormrribilde Erzählung von Hermann Hirschfeld. (Nachdruck verbalen.) Erstes Kapitel. Bon Gasta her donnerte Kanonenhall durch das Land. Mit Aufbietung der Kraft der Verzweiflung vertheidigte das bedrohte Bourbonenthum in der Person des Königs Franz von Neapel das letzte Bollwerk, das ihm geblieben, die letzte Festung seines Reiches. Wie oft mochte Feindesgier dem sonnigen Südgestade Italiens genaht sein, wenn der Mauren und der Türken Heere mit Verderben drohten. Heute aber galt es nicht den Kampf gegen den Muselmann, nicht Frankreich und Spanien stritten, wie einst in den Tagen des Mittelalters, um den Besitz des Paradieses auf Erden — Italien war gegen 2 i ! -i Italien aufgestanden — neue Zeit! Einheit! hieß des Tages Parole. In der Verbannung weilten die kleinen Fürsten Italiens, die der neuen Zeit eines Königreichs Italien ihre Erblande zum Opfer bringen mußten. Schon war durch kühner Freischaaren Streich die Hauptstadt des neapolitanischen Reiches in den Händen des neuen Italiens und über seine letzte Beste, über Gavta zog sich wolkenschwer das Verderben zusammen. Was half die heldenmüthige Vertheidigung, was die Opferwillig^-: des jungen Königspaares, das Noth und Mühen mit dem geringsten seiner Soldaten theilte, gegen des Hungers und des Typhus drohende Gespenster, die täglich die Zahl der tapferen Besatzung minderten. Nur noch gezählt waren die Tage bis zur Ergebung, aber Heldensinn ermattet nicht, und wie am ersten Tage der Belagerung, donnerten die Kanonen der Festung den Kriegsschiffen entgegen, die von der Seeseite her einen Vortheil zu erreichen suchten. Auch bis zum Garten des Herrn Väldini drang der kriegerische Hall. Und doch war alles hier so still, so friedlich; harmonisch schmetterten gefiederte Sängerin Myrthen- und Cypressengesträuch ihre Lieder, der Granatbaum, die Aloe, sandten ihre Düfte und auf den Beeten prangten Blumen in tausendfarbigem Schmucke, aus dunklem Laube glühte die Goldorange und über alle Herrlichkeit wölbte sich Italiens tiefblauer Himmel, glühte Italiens Sonnenschein. An der Hinterseite des Hauses saß ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren auf einer Bank, mit einer Handarbeit beschäftigt. Augenscheinlich nicht eine Tochter des Landes, war sie zwar keine Schönheit zu nennen, aber der Ausdruck sinnigen Ernstes verschönte ihre Züge. Ihre Beschäftigung schien sie nur mechanisch zu betreiben, weit ab schweiften ihre Gedanken und hin, und wieder rann, ihr selber unbewußt, eins Thräne aus den dunkelbraunen Augen die Wange hernieder. „Alma — ich bei Dir und Thränen?" War der Ton vorwurfsvoll, der an des jungen Mädchens Ohr drang, so ward er durch den Ausdruck innigster Zärtlichkeit gemildert. Aus einer Seitenthür war ein hochgewachsener junger Mann in dunkler Ofsiziersunisorm getreten und hatte sich ihr leise genähert. „Zürne nicht, Robert", — das junge Mädchen erhob sich und reichte beide Hände dem Kommenden. „Habe ich nicht Grund zu Thränen? Mahnt es mich, trotz des stille» Glückes, das mir das Asyl des würdigen Herrn Valdini gewährt, trotz Deiner Liebe, die der Himmel mir beschied, doch noch immer an meine gute Mutter, die ich in Neapel hegrub, an den Bruder, den vielleicht zeitlich und ewig verlorenen, der statt der Mutter und Schwester Stütze zu sein, das Haus floh, das ihn geboren, um seinen wilden Gelüsten fern über Meer und Land nachzugehen? Und muß ich nicht um Dich selber zittern, Roberto, den tapfersten Offizier des KönigS Franz? Wie vielen Gefahren hast Du Dich schon ausgesetzt der Sache halber, der wir alle treu ergeben, — wie vielen gehst Du »och entgegen?" „Ich flehe in Gottes Hand", entgegnete der Offizier; „doch nicht lange mehr" — düster war sein Antlitz — „brauchst Du für mich zu bangen, mein theures Mädchen. Nicht lange mehr kann sich das letzte Bollwerk des neapolitanischen Königreichs halten und ist es dahin, kann ich dem erhabenen Paare, das seine Krone trug, nicht mehr meine Dienste weihen, dann führe ich meine holde Braut zum Altar und schaffe meine kleine väterliche Besitzung zur Stätte des reinsten Glückes für uns und für andere. Daran denke, Alma, das sei Dein Trost während meiner Abwesenheit, denn noch diesen Abend verlasse ich Herrn Valdinis Villa und kehre nach Gavta zurück, meinem königlichen Herrn die traurige Kunde zu bringe», daß Alles für ihn verloren, kein Arm, der noch helfen könnte, sich für ihn erhebt und dann an seiner Seite das Schicksal zu erwarten." Das junge Mädchen ward bleich. „Nur wenige Stunden der Ruhe gönntest Du Dir an meiner Seite und schon willst Du mich wieder verlassen?" klagte sie. „Aber Du hast unserm König den Eid der Treue geleistet, fern sei es von mir, Dir Deine ! 3 Pflicht zu erschweren. Geh' denn, Roberto; sobald Du fort, eile ich in den zerfallenen Gartsnpavillon am Ende der Besitzung, dort in einem der Nebenräume habe ich ein wunderliebliches Madonnenbild entdeckt, keine Künstlerhand hat es gemalt, halb erloschen sind seine Farben und doch habe ich es so lieb gewonnen, blickt das Antlitz so mild und gütig, daß ich täglich zu ihm wallfahre. Ihrem Schutz will ich Dich empfehlen, Roberto, sie wird reinster Liebe Flehen gnädig sein." Das Gespräch der beiden jungen Leute ward durch das Erscheinen des Besitzers der Villa unterbrochen. Herr Jofo Valdini war ein Mann in den Fünfzigern; seine Züge hatten einen milden, fast kindlichen Ausdruck; es war ein Antlitz, das keine Leidenschaften der Seele trübte, wenn anders seine unbegrenzte Hingebung für die Sache des Königs Franz nicht eine Leidenschaft zu nennen war, dem er bereits schwere Opfer mit freudigem Herzen gebracht. Mit freundlichem Lächeln begrüßte er das junge Paar. „So recht, mein Kind", sagte er, die feine, weiße Hand auf Almas dunkelblondes Haar legend, — „die Ehre über alles, über alles die Treue. Glaube mir, kannst Du, des Nordens Tochter, auch nicht urtheilen über des fremden Landes Politik, — Du darfst mir glauben, Dein Roberto dient keiner schlechten Sache." „Kann es ein Mann mit seinem Herzen, mit dem Eueren, Herr?" rief Alma. „O meinet nicht, daß mir des Landes Wohl und Weh gleich sei, das ich seit fünf Jahren meine Heimath nenne. Als ich mit der theuren Mutter hier anlangte, die Verwandten aufzusuchen, die uns so lange schon gerufen, um der Schande zu entgehen, die meines Bruders Leichtsinn über unseren Namen in Deutschland gebracht, als wir sie ein Opfer der herrschenden Epidemie, nur als Leiche antrafen, da wäret Ihr es, edler Herr, der Euch der verlassenen Frauen annähmet; und als vor zwei Jahren mir die Mutter entrissen ward, da botet Ihr mir Euer Haus, als das eines Vaterhauses. Als »reinen Vater betrachtete ich Euch und in Eure Hand legte ich die Entscheidung, obwohl mein Herz längst gesprochen, da Roberto Ariano, der Freund Eueres Hauses, Euer verjüngtes Ebenbild in Handeln und Denken, um meine Hand warb." „Und ich willigte mit Freuden ein", sagte der alte Herr gerührt. „Wollte Gott, mein Sohn gliche Deinem Roberto. An meinem leiblichen Kinde habe ich der Freuden wenige; schon jung zeigte er ein so leidenschaftliches Temperament, daß meine Milde ihm gegenüber zur Schwäche geworden wäre. Ich sandte ihn, dem die leitende Hand der Mutter nicht vergönnt war, in ein Pensionat nach Turin. Als er der Schule entwachsen, trat er in den Dienst des Staats. Hätte ich ahnen können, daß Sardinien ausersehen, das Geschick Italiens zu ändern, — ich hätte nimmer meine Einwilligung gegeben. Als ich ihn zurückrief, den Bourbonen seine Dienste zu weihen, denen sein ganzes Haus in Treue ergeben, verweigerte er mir den Gehorsam. Freilich seit einiger Zeit sind seine Briefe herzlicher, er scheint, überwältigt vom Mißgeschick des unglücklichen Königspaares, sein Unrecht einzusehen und soeben erhielt ich von ihm einen Brief, der noch für heute mir das Eintreffen meines Luigi meldet." Die Mittheilung des Hausherrn schien eben nicht angenehm auf den jungen Offizier zu wirken. „Und wird Luigi lange im väterlichen Hause verweilen?" fragte er. ^ Valdini verstand ihn. „Seid unbesorgt, mein junger Freund", sagte er. „Mein Sohn wird nicht vergessen, daß eines Valdini erste Pflicht Ritterlichkeit gegen Damen heißt. Ich hoffe, Ihr werdet noch Freunds werden, Roberto, — so oft nannte ich mich in Trauer um meinen Sohn, der so wenig meine Liebe begriff, kinderlos — vielleicht darf ich im Alter der Kinder drei an mein Herz schließen." Zweites Kapitel. Kaum zehn Minuten von der Villa Valdini's entfernt, hielt ein leichter offener Wagen von einem Kutscher geführt; nebeu dein Lenker saß ein wildbnrtiger Mann in abgeschabter, bestaubter Kleidung, dunkelblondes Haar fiel ungeordnet um seine Schläfe» und wild und unstät blickte sein Auge. Er mochte das Ende der zwanziger noch nicht überschritten haben, aber Strapazen und Leidenschaften ließ sein Antlitz alt vor dem Alter erscheinen. Und doch bei aller Wildheit hätte der Menschenkenner, der in der Züge Ausdruck der Seele Zustand erfaßt, noch eher Vertrauen zu dem finsteren wilden Manne auf dem Dienersitz gefaßt, als zu dem elegant gekleideten Herrn, der auf der weißgepolsterten zweiten Bank des Fuhrwerks ruhte. Kalte Berechnung und Herzlosigkeit prägte sich aus auf den schmalen gelblichen Zügen, das graue, matte Auge blickte gleichgiltig vor sich hin, aber hin und wieder flammte ein Blitz in ihm auf, der von tieferen Leidenschaften zeugte als die Außenseite verrieth. Ein befehlender Ruf und der Kutscher hielt an. „Ich werde mit meinem Diener den kleinen Weg bis zum Hause des Herrn Valdini zu Fuß zurücklegen", sagte er, „führe das Gefährt in das Wirthshaus, laß das Thier ruhen und sorge dafür, daß es zum Reiten oder Fahren bis zum Abend diensttüchtig ist. Du, Giacomo, folge mir. Er sprang vorn Wagen, auch der bei dem Kutscher sitzende Mann stieg ab, beide sahen dem Fuhrwerk nach, bis es um eine Ecke verschwand. Der kalte, vornehme Ton, in dem Luigi Valdini — denn dieser war der Ankommende — mit seinem Diener in Gegenwart Anderer redete, machte einer weit freundschaftlicheren Behandlung Platz, sobald er mit ihm allein war. „Wir sind zur Stelle, Giacomo", nahm er das Wort, „es ist alles geblieben wie vor Jahren, dort. der alte zerfallene Pavillon, dessen Räume uns zu Nacht dienen sollen. Hier muß das Pförtchen in der Mauer sein, das in den entlegensten Theil des Gartens führt, erproben wir an ihm die Kunst des Schlossers; werden wir überrascht, brauche ich im Eigenthum meines Vaters nicht um eine Ausrede besorgt zu sein." Er hatte sich einer kleinen, von Schlingpflanzen halb versteckten Thür genähert und öffnete sie. Vorsichtig schlich er, von Giacomo gefolgt, den Laubgang entlang, der zu einem kleinen zerfallenen Gebäude führte, zu jenem Pavillon, auf den er seinen Diener aufmerksam gemacht. „Wir wollen eintreten, die Thür ist unverschlossen, keiner kümmert sich um diesen Ort, wir werden ungestört sein", sagte er, das Innere betretend. Es war ein kleiner, kaum mit den notdürftigsten Möbeln ausgestatteter Raum, der sichtlich von seinem Eigenthümer vernachlässigt ward. Herr Valdini betrat niemals den Hintern Theil des Gartens, denn an der Thüre des Pavillons ward einst seine Gattin vom Schlage getroffen und er mied die Erinnerung an jenes furchtbare Ereignis; Nur von den oberen, nicht durch Läden bedeckten Fenstern drang ein ungewisses .Zwielicht; der an Tageshells gewohnte Blick fühlte doppelt die hier herrschende Dämmerung. „Es ist Alles, wie ich dachte", sagte der Sohn des Hauses befriedigt, nachdem er flüchtige Umschau gehalten. Und nun höre, welchen Plan ich im Interesse der Regierung der wir Beide dienen, ersonnen." „Was kümmert mich Regierung?" meinte Giacomo unwirsch. „Ich diene Dem, der am meisten zahlt, — augenblicklich seid Ihr das; was kümmern mich Eure Pläne? Gebt mir Gold — nur um Gold kann ich vergessen, — Gold ist Leben, Glück, Familie Alles-" „Und Gold soll Dir werden, befolgst Du treu mein Gebot. So höre: Diese vier Briefe trägst Du zu den Männern in der Umgegend, deren Namen Dir die Aufschrift zeigt. Es sind Freunde der Regierung; ich wünsche Zeugen zu haben, daß ich in ihren Interesse gehandelt. Hast Du den Auftrag erfüllt, so kehrst Du auf dem Wege, der wir gekommen, an diesen Ort zurück und wartest meine weiteren Befehle wegen jene? Burschen, der während meiner Abwesenheit hier den Herrn zu spielen scheint und meinen schwachen Vater sein Vermögen für eine verlorene Sache abzwackt. Er hat keine Ahnung daß ich ihn in Turin erkannt, daß ich seine Sendung durchschaut und in derselben Stund 5 wie er die Hauptstadt verlassen habe. Er wird noch heute, nachdem er seine Braut begrüßt, die Villa verlassen. Wichtige Papiere birgt seine Brieftasche, die er nach Gaöta mit sich nimmt; wir werden aus ihnen die Anhänger der Bourbonen in Turin erkennen. Diese Papiere, Giacomo, mußt Du mir verschaffen, in Güte oder Gewalt. Dreihundert Lire (Franken) für die Beute." (Fortsetzung folgt.) Die Todten des Jahres 1882. I. Fürstliche Persönlichkeiten. Febr. 8. Herzogin Anna, Tochter des Großherzogs von Schwerin, Schwerin 17 I. März 6. Markgraf Maximilian von Baden, Oheim des regierenden Großherzogs, Karlsruhe, 83 I. — 8. Calixt Gustav Hermann Prinz Biron von Curland, Polnisch-Warten- berg, 65 I. April 30. Prinzessin Wilhelm von Württemberg, geb. Prinzessin von Waldeck- Pyrmont, Ludwigsburg, 25 I. Juni 17. Prinzessin Margaretha von Sachsen-Altenburg, Altenburg, 15 I. Juli 9. Fürstin Gertruds von Hanau, Gemahlin des letzten Kurfürsten von Hessen, Prag, 76 I. Aug. 14. Prinzessin Maria Polyxena, Tochter des Landgrafen von Hessen, Kiel, 10 I. September 29. Herzogin Maria Pia von Parma, Biarritz, 33 I. Oktober 27. Mohammed-cs-Sadock, Bey von Tunesien, Tunis, 69 I. Dezember 3. Herzog Vernarb von Sachsen-Meiningen, Vater des regierenden Herzogs, Meiningen, 82 I. — 9. Prinzessin Friedrich von Preußen, Schloß Eiter bei Düsseldorf, 83 I. — 20. Penelope Smyth, Prinzessin von Capua, Villa Marti« bei Lucca. II. Geistliche Würdenträger. Januar 13. Bischof Dobrila von Trieft, Trieft, 70 I. — 14. Bischof Noettig von Brunn, Brünn, 76 I. März 16. Bischof Amberg von Vorarlberg» Feldkirch 80 I. April 6. Dr. Barkcr, Bischof von Sydney und Metropolit von Australien, Sän Nemo» Mai 1l. Dr. tlrool. Ludwig Wilhelmi, evang. Landesbischof von Nassau, Wiesbaden, 86 I. — 17. Dr. Karl Johann Greith, Bischof von St. Galle», St. Gallen, 75 I. Juni 14. Lequette, Bischof von Arras, Arras, 71 I. Ende Juni. Jerotheus, griechischer Patriarch von Jerusalem, Jerusalem. Juli 16. Jourdan, Bischof von Tarbes, Lourdes, 69 I. August 3. Dr. von Prandl, General-Vicar» München, 81 I. — 28. Johannes Pcine, Domcapitular und General-Vicar. Paderborn, 77 I. September 16. Dr. von Meyer, Präsident des protest. Oberconsistoriums, München, 68 I. — 16. Dr. Edward Pusey, Ascot, 83 I. — 19. Dr. Schaepman, Erzbischof von Utrecht, Utrecht. Oktober 1. Christoph Cosandey, Bischof von Lausanne, Freiburg, 64 I. November 20. Cardinal Sanguigni, Nom, 73 I. — 23. Canonicus Dr. tsteol. Leopold August Graf v. Spee, Aachen, 65 I. Dezember 3. Dr» Tait, anglicanischer Erzbischof von Canterbury, Ab- bington Park, 71 I. — 23. Cardinal Donnet, Erzbischof von Bordeaux, Bordeaux, 87 I. III. Staatsmänner und Parlamentarier. Januar 4> Herzog von Cadou, Paris 54 I. — 14. Minister Dr. Frhr. v. Falkenstein, Dresden, 80 I. — 22. Dr. jur. Josef Völk, Augsburg, 63 I. — 28. Minister Jervme David, Paris 59 I. — 29. Dr. Wilhelm Stieber, Chef der Sicherheitspolizei, Berlin. — 30. Landes-Hauptmann Graf v. Wolkenstein-Trostburg, Trient, 82 I. — 30. Bürgers, Präsident der Transvaal-Republik auf seinem Landgut in Transvaal. Februar 1. Herrenhaus-Mitglied Adam Frhr. v. Burg, Wien, 85 I. — 8. Minister Karl Frhr. v. Eder, Wien. — 14. Minister Josef Martel, Paris, 69 I. — 22. Graf Peter Schuwaloff, St. Petersburg. März 6. Neichstagsmitglied Joh. Brückl, Passau. April. Geh. Hannover'sche Legationsrath v. Alten, Montreux. Mai 2. Friedr. August Abt, Neichtstagsabgeordneter, Passau, 71 I. — 6. Lord Charles Cavendish, Ober- Staatssecretair für Irland, Dublin 46 I. — 6. Bourke, Unterstaatssecretair für Irland, Dublin. August 11. Baron von Magnus, preußischer Gesandter, Görlitz, 61 I. — Reichstagsabgeordneter MoSle, Brasilichi. September 27. Paul Bezanson, Reichstags- Abgeordneter, Bletz, 78 I. Oktober 11. Geh. NegierungSrath a. D. Ludwig Jakobi, Berlin, 66 I. — 18. Max Clavü von Bouhaben, Mitglied der katholischen Fraction, Köln. — 24. Karl Frhr. v. Devivere, Mitglied der katholischen Fraction, Köln. Nov. 11. Figueras, Präsident der spanischen Republik im Jahre l873, Madrid, 63 I. — 15. Jnstizminisler von Freydorf, Karlsruhe. — 22. Landtagsabgeordneter Professor Leonhard, Bieberach. — 25. Minister a. D. Dr. Julius v. Breideubach, Stuttgart, 72 I. — 27. Ministerpräsident Otto Theodor Frhr. v. Manteuffcl, Crossen, 77 Jahr. December 2. Oberpräsident Dr. v. Kühlwettcr, Minister, 73 I. — 6 . Louis Alane, Cannes, 69 I. — 6 . Nationalrath Alfred Esther, Zürich, 61 I. — 11. Staatsininister Thon, Weimar. — 11. Herzog Michelangelo Cantani v. Sermonata, Rom, 78 I. —7 15. Oberregierungsrath Dr. H. W. Krausnick, Berlin, 86 I. IV. Militairs. Januar 3. Nun Damat Pascha (der Theilnahme an der Ermordung des Sultans Abdul Äziz beschuldigt), Taif. — 10. General da Valmaseda, Madrid. — 16. Feld- Zeugmeister Eduard Frhr. v. Litzelhofen, Prag. — 22. General Alexander v. Minkwitz, Ct. Petersburg. Februar 4. General Wilhelm Ritter v. Merkel, München, 84 I. — 12. General Fürst Alexander Suwaroff, St. Petersburg. — 24. General Ludwig von Hegelmaier, Ludwigsburg, 72 I. — 24. General Albrecht Graf v. Holtzendorf, Dresden, 90 I. März 9. General Medici, Rom, 63 I. — 9. General Lanza, Rom, 67 I. Mitte März. Mehemed Nuschdi Pascha Mürerdschin, Konstantinopel, 80 I. — 26. von Kleist, preußischer Generallieutenaut, Berlin, 77 I. Mai 16. Constantin v. Kauffinann, russischer General, Gouverneur von Turkestan, St. Petersburg» 64 I. Juni 2. Giuseppe Garibaldi auf der Insel Caprera, 75 I. — 15. General Cissey, französischer Kriegsminister, Paris, 72 I. August 16. General Ducrot, Versailles, 65 I. — 20. Admiral Graf Lütke, St. Petersburg, 82 I. Okt. 7. Admiral Louis Pothuau, Paris, 67 I. 17. Feldzeugmeister Josef Frhr. v. Maroicic, Wien. 70 I. V. Männer der Wissenschaft» Jan. 6 . Alterthumsforscher Davis, Florenz. — 10. Dubois-Guchan, Lyon, 79 I. — 11. Professor Dr. Theodor Schwan», Köln, 71 I. — 12. Pros. Dr. Stumpf, Historiker, Innsbruck. — 12. Dr. zur. Graf v. Wartensleben, Berlin, 72 I. 13. Geograph Adam Jxelles, 51 I. — 14. Alterthumssorschcr Henry Adrien Prevost de Long- perier, Paris, 66 I. — 16. Charles Blaue, Mitglied der französischen Akademie und Professor der Aesthetik, Paris, 69 I. — 19. -Hermann v. Schlaginwcit-Sakünlünski, Naturforscher München, 66 I. — Jan. I'. Singer. Erfinder des „Pansymphonicon", Salzburg, 72 I. — Jan. Piag^ia, Asrikareisender, auf einer Forschungsreise in Knokus. — 26. Frederik Warrington, AMarcisendsr, Tripolis. 74 I. Feb. 10. Jos. Decaisne, Botaniker, Paris, 75 I. — 16. Dr. Moritz Ritter v. Schmerling, Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofes, Wien, 60 I. — 23. Eduard Desor, Professor der Geologie, Neuenburg, 71 I. — Dr. C. I. Matthes, Professor der Astronomie in Wiesbaden. April 7. Le Play, Socialpolitiker, Paris, 76 I. — 19. Charles Robert Darwin Naturforscher, auf seinem Landsitz Down bei Bromley, 73 I. — 25. Pros. Josef Aschbach, Herausgeber des, „Allgemeinen Kirchen-Lexicons", Wien, 81 I. — 26. Pros. Zöllner, Astronom, Leipzig, 48 I. Mai 4. Graf Franz de Champigny, Historiker, Paris, 78 I. Juni 3. Pros. Dr. Neinhold Pauli, Historiker Göttingc», 59 I. Juli 6 . Pros. Nikolaus Friedreich, Pathologe, Heidelberg, 57 I. — August 9. Rudolph Graf v. Stillfried- Rattowitz, Berlin, 78 I. — 19. D. Bossue 8 . -I., Bollandist, Brüssel, 78 I. September 4. Chorherr Fr. Nohrer, Geschichtsforscher, Luzeni. — 22. Dr. tstsol. Heinrich Luken, Groß-Fullen bei Meppen, 67 I. —- 23. Geh. Medicinalrath Friedrich Wühler, Göttingen, 82 I. — 30. Pros. Du. Johann Jacob Herzog, Erlangen, 77 I. Okt. 5. Direktor Dr. Karl v. Halm, München, 73 I. — 22. Domherr Robert Krawutschke, Breslau, 57 I. Nov. 4. Pros. Dr. Troschel, Zoologe, Bon», 72 I. — 5. Afrika- 7 Reisender Mnrchese Horaz Antinori, auf einer Reise in Afrika, 71 I. — 5. Pros. Dr. Theodor v. Bischofs, München, 7,7 I. — 16. Pros. Dr. Edmond Poullet, Löwen. — 21. Dr. Wilhelm Herbst, Pros. der Pädagogik, Halle, 57 I VI Dichter, Schriftsteller, Journalisten. Januar 3. Harrison Ainsworth, Romanschriftsteller, Neigats, 77 I. — 8. Schriftsteller Sprecher, Chur. — 16. Dichter Dr. Ludwig Wihl, Brüssel, 75 I. — 16. Gren- ville Murray, Journalist, Pari?. Febr. 8. Dichter Berthold Auerbach, Cannes, 70 I. — 14. Satiriker Henri Aug. Barbier, Nizza, 77 I. März 24. Dichter Henri) Long- fellow, New-Pork, 75 I. April 7. DeniS Flvrenin M'Carthy, irischer Volisdichter, Dublin, 62 I. — 12. John Francie, Verleger des „Athenäum" in London, 71 I. — 18. Theodor Drobisch, Schriftsteller, Dresden, 71 I. — 28. Dichter Ralph Emerson, New-Iork. Juli 1j. Franz Hoffniann, Jugendschriftsteller, Dresden, 68 I. August 12. Hermann Francke, unter dem Schriststellernamen Heinrich Lindau, Halle. — 13. Fwdöric Gaillardet, Schriftsteller, Paris, 75 I. — 17. Journalist Dr. Emil Landsberg, Paris, 50 I. Oktober 22. Dichter Aranp, Pesth, 65 I. — 24. Dichter Karl Egon Ebert, Prag, 81 I. November 12. Dichter Franz v. Kobell. München, 79 I. — 13. Dichter Johann Gottfried Kinkel, Zürich, 67 I. — 26. Dichter Fr. Hornfeck, Frankfurt, 60 I. Dezember 6. Dichter Anthoni) Trollope, London. VII. Maler, Bildhauer und bildende Künste. Januar 3. Bildhauer Michael Pascal, Paris, 67 I. — 10. Bildhauer Joh. Duprö, Florenz, 65 I. — 13. Wilhelm Meyerheini, Genremaler, Berlin, 68 I. Februar 3. Eduard Steindruck, Geschichte- und Genremaler, Landeck, 79 I. — 4. Joseph Chadt, Emaillcur, Wiedercnidecker des scharlachrothen Schmelzes, Wien, 70 I. — 7. Ed. de Äiefre, Historienmaler, Brüssel, 73 I. — 16. Franz Hapsz, Historienmaler, Mailand, 91 I. — 17. Friedrich Weber, Kupferstecher, Basel, 69 I. März 31. Heinrich Leh- mann, Portraitmaler, Paris, 68 I. April 4. Medailleur Wittig, Rom, 36 I. — 6. Friedrich Drake, Bildhauer, Berlin, 77 I. Juni 4. Christian Wilbcrg, Maler, Paris. August 19. Bildhauer Halbig, München 63 I. Oktober 20. Eduard Mandel, Kupferstecher, Berlin 76 I. November 7. Dr. Julius Hübner, ehemaliger Direktor der Dresdener Gemäldegalerie, Loschwitz, 82 I. — Dezember 26. Bernhard Afiuger, Bildhauer, Berlin. VIII« Componistsn und Musiker. Februar 2. Dom-Capellmeister Joh. Schweitzer, Compouist, Freiburg (Breisgau). — 3. Friedrich Engel, Hof-Coucertmeister, Oldenburg. — 4. Wilhelm Quareughi, Kirchen-Compouist, Mailand, 62 I. — 9. Jos. Erl, Hof-Opernsänger, Dresden. --- 11. Gustav Schmidt, Componist und Hof-Capellmeister, Darmstadt, 66 I. — 11. Com- ponist Leoncc Peragallo, Paris. April 4. Lisder-Componist Kücken, Schwerin, 71 I. Juni 25. Componist Joachim Raff, Direktor des Hoch'schen Conservatoriums, Frankfurt a. M. Ende October. Gustav Nottebohm, Graz, 67 I. November 19. Com- ponist Keler-Vela, Wiesbaden. IX. Aerzte. Januar 12. Sanitälsrath Runge, Vorsteher der Kaltwasser-Heilanstalt, Nassau. — 23. Geh. Mediciualrath Dr. Bolz, Mitglied des Reichs-Gosunvheitsamtes, Karlsruhe, 75 I. — 26. Sir Robert Christison, Edinburgh. October 26. Pros. Dr. O>ber- nier, Bonn, 42 I. December 16 .Geh. Mediciualrath Pros. Beneke, Marburg. X. Gewerbetreibende, Techniker und Kaufleute. Januar 13. Wilhelm Mauser, Erfinder des Mausergewehres 21. 71, 71 I., Oberndorf. März 6. Verlagsbuchhändler Friedrich Pustet, München, 85 I. XI. Sonstige hervorragende Persönlichkeiten. April 21. Geh. Ober-Negierungsrath Hassclbach, Ober-Bürgermeister a. D., Magdeburg 73 I. Juni 19. Wilhelm Graf v. Mirbach-Harff, Ehrenriiter des Malteser- Ordens, Ober-Direktor der rheinischen Ritter-Akademie Vedburg, Harff 41 I» — 25» Neichsgraf August Wilhelm v. Spee, Angermund bei Düsseldorf. — 31. Graf Stain- lein-Saalenstein in Onaix-Comblain, 32 I. October 23. Dr. Adolph Sydow, bekannter freisinniger Prediger, Berlin, 82 I. November 20. Graf Ludwig Arco-Zinneberg, München, 42 I. Dezember 9. Advokat Lachand, Paris, 64 I, XII. Frauen. Jan. 7. Marie v. Haustein, Dichterin, Berlin. — 15. Mutier Crescentia General- Oberin der Barmherzigen Schwestern nach der Regel des h. Augustinus, Neust, 60 I. Februar 11. Frau Geheimrath ten Brink (bekannt unter dem Namen Maria Lenzen, geb. di Sebregondi), Roman-Schriftstellerin, Anhalt, 68 I. Mai 23. Frau Maria Arndt's, München, 59 I. Juni 22. Katharina Diez, Dichterin, Siegen, 73 I. Juli 17. Frau Lincoln, Wittwe des am 14. April 1865 ermordeten Präsidenten Lincoln. August 16» Charlotte, Freifrau von und zu Aufsest, Wittwe des Gründers 'des Germanischen Museums in Nürnberg, 82 I. Oktober 1. Emilie Brentano, Schwägerin des Dichters Clemens Brentano, Aschaffenburg, 73 I. November 30. Frau Geh. Medicinalräthiu Marie Schmidt, geb. Everken, Berlin. Htmrnclsschau in» Monat Januar. '—X. Merkur U im Sternbilde des Schützen und Steinbockes ist anfangs des Monats unsichtbar; am 21. erreicht er seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist deshalb nach Sonnenuntergang gegen Südwesten zu sehen. Venus ? im Skorpion ist Morgenstern mit hellglänzender Sichelform wie der Mond inr letzten Viertel. Obwohl nur ein Viertel der Scheibe beleuchtet ist, so beträgt ihre Helligkeit doch 50, wenn man die Lichtstärke der Wega (ck Dzu uch mit 1 bezeichnet. Am 5. befindet sie sich 3" nördlich vorn Mond und strahlt am 13. im größten Glänze. Mars F im Schützen geht kurze Zeit vor der Sonne auf und ist deshalb nicht zu beobachten. Jupiter R im Stiere glänzt Abends hoch am Himmel. Er entfernt sich immer mehr von der Erde und der Sonne und ist von 3 Uhr Nachmittags bis 7 Uhr Morgens über dem Horizont« Am 19. steht er nördlich vom Blond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 4. (Austritt 11 Uhr 2 Min. Abds.); am 6. (Austritt 5 Uhr 37 Min. Abds.); am 10. (Austritt 6 Uhr 34 Min. Morg.); am 12. (Austritt 1 Uhr 3 Min. Morg.); am 13. (Austritt 7 Uhr 32 Min. Abds.); am 19. (Austritt 2 Uhr 58 Min. Morg.); am 20. (Austritt 9 Uhr 27 Min. Abds.); am 26. (Austritt 4 Uhr 52 Mrn. Morg.); am 27. (Austritt 11 Uhr 23 Min. Abds.); am 29. (Austritt 5 Uhr 52 Min. Abds.). — Der zweite am 2.«(Austritt 12 Uhr 55 Min. Morg.); am 9. (Austritt 3 Uhr 31 Min. Morg.); am 16. (Austritt 6 Uhr 6 Min. Morg.); am 19. (Austritt 7 Uhr 24 Min. Morg.); am 26. (Austritt 10 Uhr Abds.). — Der dritte am 5. (Austritt 12 Uhr 28 Min. Nachts); am 12. (Austritt 4 Uhr 29 Min. Morg.); am 19. (Eintritt 5 Uhr 55 Min. Morgens), Saturn ^ im Widder rückgängig, geht unter zwischen 3 Uhr 43 Min. und 1 Uhr 44 Min. Morgens und steht am 17. südlich vom Blond. Von besonderem Interesse ist der dreifache Ring, welcher die Kugel dieses Planeten umgibt, und dessen Gestalt und Lage sich uns während des 30jährigen Umlaufes des Saturn um die Sonne periodisch verändert zeigt. Je nach seiner Lage gegen die Erdbahn sieht man ihn von oben oder von unten, oder er erscheint als gerade Linie, welche die Kugel durchzieht. Letzter Fall tritt ein, wenn die Ningebene in der erweitert gedachten Erdbahn liegt oder mit andern Worten, wenn Saturn in der Nähe des AeguatorS steht. Gegenwärtig beträgt die große Ringachse 43, die kleine 16, der Kugeldurchmesser 17 Bogensekunden. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Hutiler. ' s« zur 4 » Nr. 2. Samstag, 6. Januar 1483 . Uor dem Mudomienbilde. Erzählung von H ermann Hirschsel d. (Fortsetzung.) Des Mannes Antlitz nahm einen Ausdruck der Freude an. „Ihr sollt sie haben; benachrichtigt mich nur, ehe der schmucke Bursche das Nest verläßt, — unterwegs hefte ich mich an ihn, — ich hoffe, es geht in Frieden ab; Ihr habt ihn mir gezeigt, als er an uns vorbeisprengte — er gefällt mir; es wäre schade um das junge Blut, machte er mir zu schaffen, — doch nun will ich Eure Befehle vollziehen. Euch treibt doch gewiß die Sehnsucht zu Eurem Vater, den Ihr seit Jahren nicht gesehen, nicht wahr?" Er lachte höhnisch auf. Ein Zornesblick traf ihn aus den Augen Luigis, des jungen Mannes Faust ballte sich, aber dennoch blieb sein Zorn stumm. „Ich habe nie ein Vaterhaus gekannt", sagte er kurz, „was weißt Du von Gefühlen des Herzens? Geh' und thu', wie ich Dir aufgetragen." Mit diesen Worten entfernte er sich in der Richtung des HauseZ. Giacomo blieb zurück, mit beiden Händen bedeckte er sein Antlitz. „Was ich von Gefühlen des Herzens weiß", wiederholte er in dumpfer Verzweiflung, „ich habe ein Vaterhaus besessen und stieß es von mir — nun ist alles verloren, alles. — Gold allein kann nur Ersatz geben und Du sollst es mir liefern, nicht umsonst will ich Dir meine Seele verlaust haben." Während des Selbstgesprächs des Zurückgebliebenen hatte Luigi Valdini seinen Weg fortgesetzt. Nun drangen Stimmen an sein Ohr. Am Hause saßen drei Mensche» in innigem Verein, deren Seelen harmonisch zusammen klangen, — sein Vater und das junge Brautpaar. Vor ihnen stand ein Tisch, eine Flasche edlen Weines und Früchte in crpstallener Schale hoben sich von dem weißen Tuch, das ihn bedeckte. Eben hob der alte Herr das Glas. „Auf das Wohl des edlen, schwergeprüfte» Paares", sagte er, „auf das Wohl des letzten Königspaares von Neapel." Die Gläser klangen aneinander, aber plötzlich glitt der Crystall aus des junge» Mädchens Hand, während ein unwillkürlicher Schauer ihre zarte Gestalt erbeben ließ. Sie hatte ihr gegenüber, zwischen den Büschen zwei Augen auf sich gerichtet gesehen, die mit unbeschreiblichem Ausdruck auf ihren Zügen ruhten. „Dort, — dort —", stammelte sie, in die Richtung deutend, wo sie die Erscheinung bemerkt hatte. „Um Gottes willen, was ist Dir?" riefen Herr Valdini und Roberto aus einem» Munde. Alma versuchte sich zu sammeln, — die Erscheinung irmr verschwunden. „Nichts" sagte sie, „— ein Schwindel — es ist schon vorüber." Bestürzt blickten die Männer sich an, aber bald waren sie beruhigt, denn das junge Mädchen schien, obwohl mühsam, ihre Heiserkeit wieder zu gewinnen, — auf's Neue klänge» die Gläser aneinander. — 10 — Da eilte die hagere Gestalt Luigis den Baumgang entlang. Der alte Herr sprang auf. „Mein Sohn, er überrascht mich, — er kennt noch die alten Wegs — willkommen, tausendmal willkommen." Eine innige Umarmung vereinte die beiden Valdini. Prüfend schaute Roberto in das Antlitz des Heimgekehrten, doch was er darin las, schien ihm wenig zu behagen. Alma aber lehnte auf's Neue todtenbleich in ihrem Sessel. „Diese Augen", flüsterte sie tonlos — „ich kenne sie — dieselben sind es, die mich anstarrten — war es Wirklichkeit, was mir geschah? Gott schütze uns und die heilige Madonna bewahre uns vor der Macht des Bösen!" Aus seines Vaters Armen machte sich Luigi los und wandte sich zu Alma. „Ich hörte Gläserllang bei meinem lammen", sagte er galant, „lassen Sie auch mich ein Wohl ausbringen, Fräulein, das Wohl der Anmuth, die mir als freundliches Willkommen entgegen tritt." „Und ich füge hinzu, das Wohl der Freundschaft, die uns verbinden soll", rief Valdini. „Roberto Ariano und Alma Wöhlert, die Tochter des Nordens —, Du kennst beide aus meinen Briesen." „Und hoffe, mich ihres Zutrauens würdig zu machen", sagte Luigi, sich vor Alma verneigend und dem Offizier die Hand reichend. „Herr Roberto, Ihr seid ein treuer Freund Cures Königs — Ihr werdet ihm den zu seiner Sache Zurückgekehrten empfehlen. Ich Habs von der sardinischen Regierung meine Entlassung erbeten." „So Recht", rief der Herr des Hauses, „Ich wußte ja, mein Sohn müsse zu den Ueberzeugungen zurückkehren, denen seine Pater anhingen." „Ich will Euch glauben", entgegnete Roberto gemessen, „so wenig Freunde darf der König Franz noch sein nennen, daß Zweifel in Euren Worten Unrecht wäre. "Noch heute kehre ich nach Gaüta zurück, ich werde Sr. Majestät Ihren Namen nennen." —> Fast wie ein Lächeln glitt es durch Luigis Züge bei diesen Worten. Alma, die kein Auge von ihnen gelassen, erbebte. „Schütze ihn, Madonna", rang eS sich empor aus ihrer Brust im stummen Gebet, — „dieser Mann will ihn verderben!" Drittes Kapitel. Der Abend war gekommen. Der Dämmerung Schatten senkten sich hernieder zur ermatteten Erde, wie leichte Schleier. Mit stärkeren Düften, mit heimlicherem Rauschen begrüßten Blumen und Bäume die nahende Nacht und in den Myrthenbüschen flöteten die Pögcl ihr abendliches Lied. Ein süßes Schauern ging durch die Natur und höher auf schwoll das Menscheuherz. Bor der Villa des Herrn Valdini hielt der Diener des Hauses das Pferd Roberto ArianoS, — Hand in Hand stand das junge Brautpaar zum letzten Abschied, ehr den Soldaten die Pflicht entführte. Das junge Mädchen barg ihre Thräne» nicht, auch der Offizier fühlte sich seltsam beklommen. „Sei stark Alma", sagte er, sich zur Fassung zwingend, „ich ahne, was Dich bedrückt, es ist die Anwesenheit des Sohnes unseres theuren Wirthes. Auch ich traue diesem Luigi nicht und lasse Dich ungern in seiner Nahe. Sobald ich in Gaüta, erbitte ich den Schutz der Königin. Besser in einer belagerten Festung, als mit diesem unheimlichen Menschen länger unter einem Dache. Und nun leb' wohl, in den Schutz der heiligen Jungfrau stelle Dich — sie wird uns nicht verlassen." Er bestieg sein Pferd, noch ein letzter Gruß, ein letztes Winken und die Schatten der Dämmerung hatten ihn umhüllt. Schon lange waren Reiter und Roß verschwunden und noch immer stand Alma, ihnen nachstarrend, auf demselben Fleck. „So traurig, schönes Fräulein?" tönte eins Stimme an ihr Ohr. Sie schrack empor. Luigi Valdini stand hinter ihr. „Verzagen Sie nicht", fuhr er lachend fort, da das Mädchen stumm blieb, „— ich Werde versuchen, Sie zu trösten, — daß Ihnen die Zeit nicht lange dauere, bis zur 11 Wiederkehr Ihres Verlobten, wenn anders ein Soldat von Wiederkehr sprechen darf." „Ich danke Ihnen", cntgegnete Alma sich abwendend. „Hoffnung und Gebet sind mein Trost, vergönnen Sie einer betrübten Braut, dieselben sin Einsamkeit und Stille zu suchen." Sie entfernte sich in den Garten, ohne dem jungen Mann weitere Beachtung zu schenken. Lnigis Augen schössen Blitze. „Du sollst diele Stunde bereuen", sagte er dumpf vor sich hin. Zu dem zerfallenen Pavillon lenkte Alma Wöhlcrt ihre Schritte; sie öffnete die unverschlossene Thür und betrat das Innere des kleinen Raumes. In seiner Mitte lag ein zusammengeballtes Blatt Papier, wie achtlos weggeworfen. Wer mochte es dorthin geworfen haben? — sie wußte, daß außer ihr und höchstens dem alten Diener keiner zum Lusthause kam. Sie hob das Papier auf, dann trat sie in den Nebenraum. Es war fast nur eine Zelle zu nennen, dem Umfange nach, aber traulich hatte sie Frömmigkeit zu schmücken verstanden. An der Wand hing ein großes Madonnenbild, das Kind Jesu in ihren Armen haltend, kunstlos gemalt, aber von rührendem Ausdruck; vor dem Bilde erhob sich ein mit einer Linnendecke bchangener Tisch, der eine Vase mit duftenden Blumen und zwei Leuchtern trug; wie an einem Altar lud es zum Beten ein. Das heilige Kreuzeszeichen machte Alma beim Eintritt in ihr kleines Heiligthum, dann entzündete sie eine der Kerzen und entfaltete das gefundene Papier; eS enthielt nur wenige Zeilen: „Gincomo, — er muß sterben, um jeden Preis — er ist mir im Wege. Ich verdopple den Preis!" Sie kannte nicht die Hand, der Brief trug keine Unterschrift und doch so groß war ihr Argwohn, so beängstigend ihre Ahnung, daß sein Inhalt sie wie ein Dolchstich traf. Nieder warf sie sich vor dem Bilde der Jungfrau. Nette, Heiligste — rette!" Was war'Z, das plötzlich im Nebenraum laut ward? Ihr Blut erstarrte, sie hörte Tritte, Männerstimmen flüsterten, — was sollte sich an dem «»besuchten Orte vollffehen? Mit rascher Ucberlegung blies sie die Kerze aus — noch hatte man sie nicht bemerkt, dagegen konnte sie durch eine Spalte der Thüre in den äußern Raum blicken. Vier Männer standen in seiner Mitte, das Licht einer mitgebrachten Laterne, die sie auf ein altes Postament in einer Nische gesetzt hatten, beleuchtete ihre Züge, — Alma erkannte Bewohner der Umgegend, die ihr Valdini als Gegner der Sache des KönigS Franz bezeichnet hatte. Wenige Minuten später und ein neuer Gast betrat den Raum — es war Luigi Valdini. Auf ihr Herz preßte das Mädchen die Hand, als ob sein lauter Schlag sie verrathe. „Freunde", nahm Luigi das Wort nach kurzer stummer Begrüßung. „Ihr seid mir als Anhänger der sardinischen Regierung bekannt, der auch ich meine Dienste geweiht, sie wird Euren Eifer zu belohnen wissen. Ich beschied Euch hierher, um Zeuge zu sein, daß durch meine Thätigkeit werthvolle Dokumente in unsere Hände gelangten. Diesen Abend hat ein bourbonischer Offizier diese Villa verlassen, um sich nach Gaeta zu begeben wichtige Papiere trägt er bei sich; er wird sie nicht an ihre Bestimmung bringen; sein Busenengel ist hinter ihm, durch mich gesandt, noch in dieser Nacht sind sie unser und ihr Besitzer ruht starr und stumm an einer entlegenen Stelle, meines treuen Giacomo Messer im Rücken." , „Ein Mord?" — Der Aelteste der Männer ergriff das Wort: „Weiß die Regierung um Euren Plan, Herr?" „Ich handle auf eigene Faust, sie wird mir danken, wenn die That geschehen." „Sie wird Dir fluchen, Mörder, wie ich Dir fluche!" 12 Vor den erschreckten Männern stand Alma, wie im Fieber leuchteten ihre Augen. „Verrath!" Aus einer Brusttasche riß Lnigi eins Pistole, aber ehe er abdrücken konnte, war sie ihm entwunden — hinaus stürzte Alma, der Boden schien ihr unter den Füßen zu brennen, während die Männer sich von dem Elenden verächtlich wandten, —- sie dienten einer Partei, — keinem Mordgesellen! „Feiglinge!" grollte Lnigi ihnen nach, „— ist das Euer Eifer — sie gehen zu meinem Vater, — hier ist keine Stätte mehr für mich. Nur einen Trost habe ich: die Rache. Giacoino wird seine Pflicht thun." -i- » Hernieder hatte sich die Nacht gesenkt, am tiefblauen Himmel funkelten viel tausend Sterne und ein treuer Wächter der schlummernden Erde, war des Mondes Silberscheibe aufgezogen am Firmament; friedliche Stille allüberall i» den Landen, selbst der Festung Kanonen waren verstummt — ermattet von des Tages Last und Mühen ruhten die tapferen Vertheidiger Gavtas. Nur das Königspaar wachte in schmuckloser Zelle, erwartungsvoll des ausgcsaudten treuen Boten harrend, von dessen Bericht es abhing, ob eS noch eine Hoffnung gab für einen wankenden Thron. Des Wegs daher kam ein Reiter in mäßigem Schritt, es war Roberto Ariano. Er mochte das Thier nicht anspornen, ihm war's, als fürchte er, durch rascheres Tempo den Frieden der Nacht zu stören, die ihn mit seinem ganzen Zauber umfing. Von fernher läutete die Glocke eines Klosters an sein Ohr und mit ihren Klängen zog Ruhe und stilles Glück in seine bedrückte Seele. Seinen Gedanken überließ er sich, sie führten ihn zur geliebten Braut und lichte Bilder der Zukunft stiegen in seiner Seele auf. Plötzlich scheute sein Roß, der junge Reiter blickte wie aus einem Traum erwachend empor; am Wege saß auf einem Stein ein wüst aussehender Mann in einen Mantel gewickelt, ein voller röthlicher Bart umgab das unschöne Antlitz, von den Furchen eines wilddurchstürmten Daseins durchzogen. Neben ihm stand ein Pferd und zupfte an den Gräsern, mit denen die aufsteigenden Seitenwände des Weges bewachsen waren. „Verzeihung, Herr", — ehrerbietig zog der Fremde den Hut, während Roberto mißtrauisch die Hand an seine Waffe legte, — „führt dieser Weg nach Gaöta?" „Er führt dorthin, — habt Ihr ein Gewerbe in der Festung? Es dürfte schwer halten, hinein zu gelangen." „Ich habe ein Gewerbe in Gaöta", entgegnete der wildsehcnde Mann' mich selber zu bringen und meine Treue. So wenig es sein mag, ein Arm mehr kann immer nützen und der meine gehört nicht zu den schlechtesten." (Schluß folgt.) GoldkSrnsr. Stürme, stürm', Du Winterwind, Du bist nicht falsch gesinnt Wie Menschemmdank ist. Dein Zahn nagt nicht so sehr Weit man nicht weiß, woher, Wiewohl Du heftig bist. Friere, sricr', Du Himmelsgriimu! Du beißest nicht so schlimm Als Wohlthat, nicht erkannt; Erstarrst Du gleich die Muth, Viel schärfer sticht das Blut Ein Freund von nnS gewandt. Shakespeare. Der kaun sich manchen Wunsch gewähren, Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt : Allein wer And're wohl zu leiten strebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren. Goethe. * Geschichte des Dsrses rmd ehem-rligerr Klosters Vernrked» Das Dorf Vermied, eine Stunde von Tutzing und von Seeshaupt entfernt, zum Kreise Oberbaycrn, zum königlichen Bezirksamte Weilheim und zur Diözese Augsburg gehörend, ist wahrscheinlich zwischen dem achten und neunten Jahrhundert nach Christi Geburt entstanden, geaast ist, daß schon vor dem Jahrs 1120 dahier eine Burg nebst Zugehör bestanden hat. Die Bewohner des Dorfes mußten sich, weil kein Feldbau vorhanden war, wegen schlechter Viehzucht und Fischerei hart und nur mit Bauung eines wenigen Hopfens erhallen. Um ihnen einen kleinen Erwerbszweig zu verschaffen, hat Otto von Laley, einer der mächtigsten Grasen von Bayern, und sein Bruder Walther, aus der Dachauer Linie der Grasen von Scheyer-Wittelsbach entsprossen und wahrscheinlich in Folge des EbersbergerS FamstienerwerbcS au den südwestlichen Ufern des Würm- Sces begütert, im Jahre 1120 seine in Vermied gelegene Burg nebst Zugehör in ein Stift verändert und dasselbe den regulirten Chorherrn des hl, AugustinuS zur Wohnung eingeräumt. Diese Stiftung wurde vom Papste Caliptus II. am 12. November 1123 vermöge einer Bulle bestätiget, i» päpstlichen Schutz genommen und wurden dadurch verschiedene Privilegien unterstützt. Der Probst und das Convent erhielten von diesem die Freiheit, einen Probst zu wählen und einen Schirmvogt (nävooatu^) zu bestellen, hie- gcgcu auch den Befehl, dast kein Religiöse nach abgelegter Proseß ein Eigenthum besitzen und das Kloster ohne Erlaubniß des Probsies und des Conventes verlassen sollte. Im Jahre 1321 hat Ludwig der Bayer, römischer Kaiser, dem Kloster die Pfarrei Tutziug geschenkt, welche Schenkung 1329 von Nndolph Herzog in Bayern constrmirt wurde. 1332 wurde dem Stifte das Patronatsrecht der Pfarrei HaunShofen ertheilt, 1333 erhielt das Kloster Vermied alle jene Freiheiten, welche bisher andere .Klöster besessen hatten. Im Jahre 1487 haben die Herzoge Ernst und Albrecht dem Stifte die Erlaubniß ertheilt, zu Fischen mit Segen, Neuschen und mit all andern Fischzeugen, als sie das von Alters her gethan haben, welches Recht ihnen 1520 Herzog Wilhelm IV. wiederholt einräumte. Im Jahre 1459 wurde» vorn Herzoge Albert III. die Salzfuhren des Klosters von München aus zollfrei gesprochen. Jedoch war die Dotation des Klosters zu keiner Zeit eine glänzende, aber sein Einfluß auf die ganze Umgegend während der fast 700 jährigen Dauer seines Bestehens gewiß wohlthätig und segensreich. Die Anzahl der Couventualen — iu den letzten zwei Jahrhunderten zwischen 10—15 sich haltend, war nur immer so groß, um den gottesdienstlichen Verrichtungen im Orte selbst, sowie auch zur Pastorirung mehrerer dem Kloster einverleibten Pfarreien in der Umgegend und zur Ucberwachung des gemeinschaftlichen Haushaltes Genüge leisten zu können. Von den Chorherrn des hiesigen Stiftes zeichnete sich ganz besonders Paul von Bermied aus, er mach.e der Diözese Augsburg durch seine Gelehrsamkeit und Tugend große Ehre. Er war ein Zeitgenosse und treuer Gewährte des Probsies Geroh. Von seinem ldes Paul) Herkomme», von dem Jahre seiner Geburt, von seinen Studien meldet die Geschichte nichts, daß er in Deutschland geboren sei, ist nicht zu bezweifeln, daß Bayern sein Vaterland war, läßt sich vermuthen, er war ein Priester oder wie anders wollen ein Canoniker von Negensburg. Die Priesterweihe erhielt er von Ulrich, Bischof von Passau, welcher wenigstens schon im Jahre 1124 gestorben war. AIs ein eifriger Anhänger und Vertheidiger des Papstes Gregor des VI!., des Cölibalcs, und des gemeinsamen klösterlichen Lebens, wurde er von verschiedenen Seiten verfolgt und gezwungen, Negensbmg zu verlassen. Er nahm seine Zuflucht in das neugestiftete Kloster der regulirten Chorherrn des hl. Augustin zu Vermied, in dem er sich zum gemeinsamen canonischen Leben bekannte, und in einem gottseligen Wandel sein Leben beiläufig um das Jahr 1150 endete. Seine vorzüglichsten Schriften, die er hinterlassen hat sind: Vita OiwAorii ^o^tnui. und Vita 11. Ilorlucmo. Er ergriff nämlich öffentlich die Partei des Papst.s Gregorius V!l. wider die Kaiser Heinrich den IV. und V. nahm die Vertheidigung des Papstes Gregorius VII. auf sich und beschrieb desselben Leben, Wandel und Thaten. Was ihn zu dieser Arbeit bewogen habe, gibt er aus folgende Art an: „Es darf nicht, sagt er, mit 14 Stillschweigen Übergängen werden, wie dieser starlmüthige Verfechter der Suche Gottes List, Nachstellungen und Gefahren, Verläumdungen, Verhöhnungen seiner Feinde und die Gefangenschaft wüthig erduldete, und wie er mit Hilfe Gottes und durch die Fürbitte der Apostel die Feinde der Kirche besiegte. Wissen sollen die Jetztlebenden und die Nachkommenden, wie tief das Jahrhundert dieses Papstes gesunken war und ungeziemend wäre es, die Arbeiten dieses Mannes zu vergessen, da doch die Weltlichen die Prosan- geschichte zur Nachahmung der Nachkommenschaft überliefern. DaS Beispiel dieses Papstes soll, wenn sein Andenken verewiget wird, der Kirche zur Stärke, den Gläubigen zur Ehre und den Abtrünnigen zur Schande gereichen. Durch ihn sind die ersten Grundsätze der Gerechten wieder geltend gemacht worden, durch ihn hat die Kirche gesiegt und das Erde der ewigen Glückseligkeit Festigkeit erhalten." Die selige Herluka lernte Paulus in Bernried, woselbst sich zur damaligen Zeit auch ein Frauculloster befand, persönlich kennen und unterhielt mit ihr einen freundschaftlichen und heiligen Umgang. Im dritten Jahre nach ihrem Tode schrieb er ihr heiliges Leben und widmete diese Schrift seinen Mit- brüdern zum Troste. Herluka war im Schwabenlande, wahrscheinlich in Hirsau geboren, sie diente in ihrer Jugendzeit mehr der Eitelkeit als dem Herrn. Die ewige Erbarmnng Gottes suchte sie mit einer Krankheit heim, und erregte in ihr den Entschluß zur LcbcnSbesserung. Allein als sie gesund geworden war, vergaß sie auf's Neue die guten Vorsätze und kehrte zum früheren leichtsinnigen Leben zurück. Auch jetzt ward sie noch nicht verlassen von der ewigen Liebe. Sie wurde mit leiblicher Blindheit geschlagen, damit ihr geistiges Auge sich öffne und das; sie erkenne, was ihr zum Frieden diente. In diesem Elende gelobte sie Gott, sie wolle ihr ganzes Leben seinem Dienste weihen, wenn er ihr wiederum das Augenlicht schenke. Mit diesem frommen Gelöbnisse sendete sie einen ehernen Ning zum Grabe des hl. Märtyrers CyriakuS, um durch dieses Opfer und die Fürbitte des Heiligen an einem Auge sehend zu werden. Ihre Bitte ward erhört. Das eine Auge wurde derart wiederhergestellt, daß sie an Schürfe des Gesichtes alle übertraf. Bis zum Grabe blieb ihr dieser Sinn unversehrt. Nun zog sie das Ordenskleid an und lebte ganz im Dienste der armen und kranken Mitmenschen. Sie begann mit der Pflege der Kinder. Wo sie ein armes, verwahrlostes Kind sah, nahm sie sich dessen an, erbettelte ihm Nahrung und Gewand, reinigte und pflegte es, bis sie es verlässigen Leuten übergeben konnte. Von diesen ihren Werken der Barmherzigkeit bekam Adelheid, die fromme Gemahlin des Pfalzgrafen Mangold, eins Kunde. Sie nahm die barmherzige Herluka zu sich, um vereint mit ihr Gott dienen und zum Heile des Nächsten wirken zu könne». Herluka stand mit den Seligen des Himmels in einem besonderen freundlichen Verkehre. Einst hatte sie einer Magd durch eine Nothlüge die Zurechtweisung von ihrer Frau ersparen wollen, sogleich erschien ihr die hl. Felizitas, die Mutter der 7 Märtyrer, und gab ihr einen Verweis wegen ihrer Lüge und wegen vergeblicher Rede». Herluka tilgte diese Sünde durch Thränen der Neue und war bald wieder der Heimsuchung von Seligen gewürdiget. Auch der hl. LaurentiuS, der Patron ihres nacbherigen Aufenthaltsortes Epfach (am Lech zwischen Schongan und Landsberg) erschien ihr öfters. Fast immer wurde sie von ihm zur hl. Communion geleitet. Ebenso stand sie im geistigen Verkehre mit dem hl. Bischöfe Wikterb von Augsburg, der lange Zeit vorher in Gott selig dahingeschieden war, und dessen Gebeine damals in Epfach ruhten. Alle diese Gnaden- erwe.sungen hat die Selige in Epfach erfahren. Der selige Abt Wilhelm von Hirsau in Schw'aben war früher ihr Lehrer gewesen. Er hatte ihr aufgetragen, da zu verbleiben, wo ihr am meisten göttliche Heimsuchungen würden zu Theil werden. In einem himmlischen Gefühle empfing sie vom hl. Wikterb die Versicherung, das; Epfach dieser Ort sei. Darum verblieb sie dortselbst 36 Jahre lang, bis sie von wilden Horden vertrieben, eine neue Wohnstätte aufsuchen mußte. Viele hatte sie zur LebsnSbesserung bewogen und viele Mädchen bestimmt, ihre Jungfräulichkeit unversehrt für ihren himmlischen Bräutigam zu bewahren. Nach ihrer Vertreibung von Epfach wählte sie auf den Rath des fromm«» und gelehrten Mönches Paulus, mit dein sie schon in Epfach in einen freundschaftlichen Verkehr getreten war, Bernried als ihren künftigen Aufenthaltsort. In Bernried lebte sie als Evuversa und setzte unter der Leitung dieses frommen Mönches in eine enge Zelle eingeschlossen ihr beschauliches und strenges Leben fort, und beschäftigte sich nicht blos mit Gebet und Betrachtung, sondern auch mit literarischen Arbeiten und erwarb sich den Ruf einer Seherin in dir Zukunft. Sie soll nämlich mit prophetischem Geiste viele Schicksale des deutschen Reiches vorhergesagt, und die berühmte Heidelberger Bibliothek, welche Maximilian der I. dem Papste Gregorius XV. schenkte, soll die Sammlung derselben besessen haben. Sie endete gottselig ihr Leben im Jahre 11-12 in einem Alter von 52 Jahren. Ihr Leichnam wurde in der Klosterkirche begraben und wie sie im Leben ehrwürdig war den Gläubigen, wurde sie nach ihrem Tode als eine Büßerin verehrt. Ein einfaches Kreuz in einem Steine des Kircheupftasters bezeichnet die Stelle ihrer Gruft. Das Stift und Dorf Bernricd wurde durch diese beiden frommen Personen, den Paulus Beruricdensis und die Herkuka, welche unter den ersten zwei Probsten, dem Sigiboto und Otto dem I. lebten, sogleich bekannt und berühmt. Zur Zeit des KlosterbcslandeS waren, wie der Herr geistliche Rath und Professor Westenrieder in einer im Jahrs 178-1 in München herausgegebenen Beschreibung des Würin- oder StarnbergerseeS angibt, in Vermied mit einem Blick drei Kirchen zu sehen, die St. Martinskirche, die Hofmarkspfarrkirche und die Klosterkirche. Die St. Martinskirche, an der Ostseite des Klosters gelegen, wurde nach der Säcu- larisation des Klosters abgebrochen. Zur Zeit bestehen hier nur mehr zwei Kirchen nämlich die Klosterkirche und die ehemalige Hofmarkspfnrrkirchr mit der angebauten Grnstkapelle. (Schlug folgt.) Ein atiso P n rr r. Einst waren sie jung, jetzt sind sie alt, Wie zogen so rasch die Jahre, Wie hat die Zeit mit stiller Gewalt Weis, schimmernd gebleicht die Haare! Einst schien'-?, als tonnte sie nie vergeh',!, Iin Lenzesblühcu and Wogen Einst schien da? rollende Rad zu sieh'», llud siehe, es ist geflogen! Wo bist du, laug entschwundener Traum, Und doch lebendig wie heute! Wie koj'teu da unterm Liudenbauiu So herzig die jungen Leute! O, als sie wonnig der Abendwiud Mit würzigem Dust berauschte, O, als vom Himmel der Mond so lind Manch selige» Knsi belauschte! Und als sie fröhlich am Traualtar Die Hand sür's Leben gebunden — Ami sitzen sie still, ein altes Paar, Und tzedenkeu vergcmg'ucr Stunden. ' Sie haben erlebt ihr schönstes Glück ! In jugendsonnigen Tagen, ! Sie haben vereint mit heißem Blick ! Manch Glück zu Grab auch getragen. ! Nickn ist's der Bursch, dcr lästige, mehr, ! Das Mädchen, das schelmisch lose — j Auch glücklich lastet das Lehen schwer — ; So rasch entblättert die Rose. .! Ami lesen sie gern manch heilig Wort s Ritt siuueudem Ernst zusammen — i Das einst gelodert, nun glüht es fort, ! Das Feuer i» sanften Flammen. Doch einmal erlischt daZ heilste Licht, — Wie tauge kann es noch dauern, Wie wird dann Eins um da-? Andere nicht So ichmcrzlich und einsam trauern! Da beten die alten Herzen still:- Dein Reich, Herr, laß uns erwerben! Und wenn's die göttliche Gnade will, Zusammen laß uns dann sterbe»! Herrmauu Kleile. M i s e e l S e rr. (Der Kardinal-Erzbischof Donnet von Bordeaux,) der bekanntlich vor einige» Tagen starb, hatte bis iuS hohe Alter die Gestalt und das Aussehen eines rüstigen Greises bewahrt. Ueber das Keißwerden seines Haupthaares erzählte er selbst aus der Tribune des kaiserlichen Senats anläßlich einer Debatte über verfrühte Beerdigungen, daß er als achtzehnjähriger Jüngling als todt in die Bahre gelegt wurde und die Kraft zu schreien erst wieder erlangte, als um ihn her Todtengesänge angestimmt wurden: man 16 befreite ihn noch rechtzeitig aus dem schrecklichen Gefängniß, in dem er solche Qualen ausgestanden hatte, das; sein Haar darob gebleicht war. — Wie alle Diejenigen, die ihn kannten, berichten, war Kardinal Donnet sehr heiterer Gemüthsart und immer zu einem Scherze gegen seine Besucher, namentlich aber gegen seine Tischgenossen ausgelegt. Er machte sich einen besonderen, unzählige Male wiederholten Spaß daraus, sie auf ihre Wcinkenutnisse zu prüfen, indem er ihnen „Medoc", „Chateau Lafitte," „Chatean Margot" „lLhateau Uguem" :c. vorsetzen ließ, sich an den Lobeserhebungen, die seinem Keller gespendet wurden, weidete und zuletzt in Helles Lachen ausbrach: „Meine Herren, haben Sie denn nicht bemerkt, daß Sie immer einen und denselben Wein getrunken?" (Schwizer Dütsch.) Entlebucher Gesetzes Paragraph. Bi de gueten alte Junkor- ziten ist Herr Eduard Psysfer Statthalter gsy im Land Entlibus.h' Einist chunnd e Nathsherr vo Marbach zuen ein. Der Statthalter frägt e: „Was sage die Entlibuecher zum neue Gsetz, wo mini gnädige Hcrrs und Obere usegä hei?" — Nathsherr: „Ja, das neuGwtzida?" (Kratzt hinter den Ohren.) — Statthalter: „ Wird'S G>ctz au ghalte?" — Nathsherr: „Ja, ja, Herr Statthalter! das Gesetzt da — ja, ja, 's wird ghalte." — Statthalter: „So, so, he nu es freut mi" — Nathsherr: „Ja ... Herr Statthalter! ja... 's sind nume Vier, wo 's halte." — Statthalter: „So—o—o, nur Vier? und die Vier sind?" — Nathsherr: „Ja, heit 's ume nid für uguet: — Die vier Nägili haltit 's, mit dene mer 'S a 's SprützehüSlitöri agnaglet hei." (Uebung!) Der Engländer Currau war ein witziger Kopf. Als er einst hörte, daß ein geiziger und nicht gerade wegen Sauberkeit berühmter Advokat eiligst in Geschäften nach dem Continent abgereist war und nur ein Hemd und eine Zehnpfundnote mitgenommen hatte, sagte er: „Die wird er nun wohl beide vor seiner Heimkehr nicht wechseln!" — Und als ihm während seiner letzten Krankheit Jemand bemerkte, „er huste heut schwerer als gestern," antwortete er: „Kaum glaublich; ich habe es ja durch die ganze Nacht geübt!" (Ein neuer Vorschlag.) Auf der internationalen Schiedsgerichts-und Friedenskonferenz in Brüssel hielt General Türr eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede,' in welcher er u. A. sagte: „Wenn Sie den ewigen Frieden wollen, so müssen Sie den allgemeinen dauernden Militärdienst proclamircn. Die Frauen werden dann ein Interesse daran haben, den Krieg zu verhindern und das wird helfen." (Praktisch.) „Wie kommt's denn, Meier, daß Sie seit einiger Zeit Kaffee trinken während Ihre Frau Bier trinkt?" — „Ganz ei fach. Wenn ich Bier trinke, trinke ich mehr als ein Glas, und wenn meine Frau Kaffee trinkt, trinkt sie mehr als eine Tasse; damit wir aber bei den schlechten Zeiten nicht so viel ausgeben, trink' ich Kaffee und meine Frau trinkt Vier." (Das schuldige Gefängniß.) Richter: Sie wurden eben erst vor drei Tagen auS dein Gesängnisse entlassen und sind doch schon wieder im total betrunkenen Zustands aufgefunden. - Angeklagter: Ja, das ist eben der Nachtheil der Gefängnisse, daß man darin ganz verlernt, etwas zu vertragen. Da hat man gleich einen Rausch weg. (Vgn der Ueberschwemmuug.) Baron: „Wenn Sie mich lieben, Jda, so spende ich in Ihrem Namen diesen Diamant zum Besten der Ueberschwemmten." — „Wissen Sie, Herr Baron, da spenden Sie mir den Dicunantring und lieben Sie die Ueberschwemmten," Original-Räthsel. (Vier A nfangsbu ch stabe n.) * Mit 6 ist's kaum entbehrlich Mit wohl sehr beschwerlich Mit III sogar verehrlich, Mit IV ojt recht gefährlich. Für die Redaktion vercmtworiiich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternriicliei' ^nklünts von lix. Max Hultler. zur H, Zfr. 3. ——»-ss— Mittwoch, 10. Januar 1S83. Uor dem Mndonnenbilds. Erzählung von Hermann Hirsch selb. -(Schluß.) Unwillkürlich mußte Roberto lächeln. „Das sehe ich", sagte er, „und weßhalb stellt Ihr Euch, wenn Ihr wirklich der Sache des unglücklichen Königs Eure Kraft weihen wollt, erst jetzt?" „Weil ich ferne von Italien war, Herr; heimgekehrt, vernahm ich von meinem alten Vater, einem treuen Anhänger des Königs. Franz, was geschehen und machte mich sofort auf den Weg." Prüfend blickte Roberto in die Züge des Redenden. „Ihr seid ein Italiener, sagt Ihr? Seltsam, Euer Antlitz spricht nicht dafür — es erinnert mich entfernt an ein Wesen — man sollte meinen Ihr wäret ein Deutscher." „Ihr seid nicht der Erste, der mir das sagt, Herr", entgegnete der Mann, sich abwendend. „Doch mir kamüs gleich sein", meinte Roberto, „Ihr kennt die Richtung nun, lebt wohl, mich drängt die Zeit." Gewand schwang sich der Zweite auf sein Pferd. „Darf ich mit Euch des.Weges ziehen, Herr?" fragte er, „man reitet besser zu zweien und nicht geheuer von Räubern soll diese Gegend sein." „Die Straße ist nicht für mich allein", erwiderte Roberto, „ich kann Euch nicht hindern. Aber", fügte er hinzu, „ich benachrichtige Euch, daß ich nichts von Werth, wohl aber gute Waffen bei mir führe und jede Eurer Bewegungen scharf bewache." Der Mann lachte. „Ihr traut nur nicht, — ich kann's Euch nicht verdenken, ich hoffe, Ihr sollt anders von mir denken." „So kommt. Ich habe zweifelhafte Gesellen noch lieber mir zur Seite, als hinter mir." — Die Neiler setzten ihre Pferde in Bewegung, vorwärts ging es durch dje stille Nacht. Beide sprachen nicht, ab und zu blickte der angebliche Anhänger des Königs Franz feinem Gefährten in's jugendfrische» Antlitz; etwas wie ein Ausdruck von Theilnahme leuchtete aus den.verwitterten Zügen, aber bald genug verlor er sich und abgerissene Worte drangen wie ein Selbstgespräch aus der breiten Brust empor. Ich möcht's nicht thun, — er hat etwas, das ihn mir lieb macht — und doch —> sechshundert Franken — das erste Mal — und gerade dieser — Auch Roberto hatte seinen Gefährten nicht aus den Augen gelassen, — von seinem Selbstgespräch'verstand er natürlich nichts und keine verdächtige Bewegung war ihm aufgefallen. Mit seinem guten Herzen sing er an, sein anfängliches Mißtrauen zu bereuen. Er begann einige Worte mit dem ihm aufgedrungenen Begleiter zu wechseln, — ein kurzes Gespräch entspann sich, der Fremde zeigte sich harmlos und vertrauend und mehr und mehr wurde des jungen Offiziers Argwohn beschwichtigt. 18 — Nach und nach verstummte die Unterhaltung, zurück sank Roberto in die Welt der Gedanken, die ihn vorher umfangen, — so still war die Nacht, so friedlich wie ein Tempel Gottes; von seinem Hauch durchweht, umgab sie die Natur, des Himmels Augen schauten auf sie herab, — konnte in solcher Umgebung eine Menschenseele Böses planen? Mehr als einmal schon hätte sich zu einem Ueberfall Gelegenheit geboten, — er war nicht ausgeführt worden. Weiter ging der Ritt die gewundene, berganführende Straße entlang, Anhöhen bald erhabener aufragend, bald niedriger, schlössen sich von beiden Seiten ein. Naher schallte des Klosters frommes Geläute. Was glänzte dort in der Nische am Fuß einer der kleinen Erhebungen den Männern entgegen, wie ein Gebilde aus flüssigem Silber? Es war ein Bildniß der Mutter Gottes in Holz geschnitzt, das des Mondes Silberstrahl wie mit einer Glorienverklärung umgab. Der junge Offizier hielt sein Roß an. — Es war als ob eine unwiderstehliche Macht ihn zu diesem Gnadenbilde dränge, als ob der Arm der hl. Königin des Himmels ihn zu sich winke. Er wußte, daß daheim die geliebte Braut zu der Erhabenen des Herzens Flehen richtete, im Geiste wollte er sich mit ihr vereinen — wollte beten für ein anderes junges Paar im Glanz der königlichen Krone und doch sorgenbeladener, als der Aermste ihres entschwundenen Reiches. Er wandte sich an seinen Geführten. „Wir wollen hier Halt machen", sagte er, „nicht an der heiligen Himmelskönigin vorbeiziehen, ohne ihr unsere fromme Andacht dargebracht zu haben. Seht, wie des Mondes Strahl verklärt auf ihren Zügen ruht." Der Andere lachte spöttisch auf, als er den jungen Offizier vom Pferde steigen sah, doch folgte er dessen Beispiel. „Ein Soldat und beten?" fragte er höhnisch — »meint Ihr, daß Kronen sich durch Rosenkranz und Ave Maria flicken lassen?" Ernst sah ihn Roberto an. „Was ist es", — erwiderte er, „das Gaötas tapfere Vertheidiger erhebt und stärkt, was dem Streiter für eine edle Sache Vertrauen leiht und seinen Arm kräftigt? Es ist der Glaube, des Herzens inbrünstiges Gebet. Und wenn er unterliegt, ist's abermals der Glaube, ist's abermals das Gebet, das ihm sein Unglück tragen hilft — er weiß, nicht seine Schuld, der Wille Gottes lenkie den Ausgang, der Wille, der durch schwere Prüfung zum Triumphe führt. So bete ich, Freund, und solchen Gebets braucht kein Soldat, selbst der tapferste, sich zu schämen. — Und Ihr, habt Ihr das Beten denn verlernt?" „Ja", tönte es dumpf aus des Mannes Brust; „auch ich habe einst gebetet und gefleht, ein Bereuender, das. Theuerste wieder zu finden, was ich auf Erden besaß — die Madonna hörte mich nicht — seitdem bete ich nicht mehr." „Ungläubiger", — rief Roberto — „und weil nicht gleich Dein Verlange» sich erfüllte, zweifelst Du an der Macht der Himmelskönigin? An dieser Stelle muß sie weilen, — zur Andacht stimmt des Klosters frommes Läuten — mit mir eine Dich im Gebet, glaubend, vertrauend." Entsetzlich zuckte es im Antlitz des Mannes. „So mag sich denn Dein Glaube bewähren", — schrie er, „— sechshundert Franken für eine Kugel in Deine Brust, ich verdiene sie mir! —" Mit Blitzesschnelle riß er eine Pistole hervor — hell funkelte der Lauf im Lichte des Mondes. „Roberto — Mutter Gottes, schütze ihn —!" Durch die stille Gegend donnerte der Schuß, — er hatte sein Ziel verfehlt; unwillkürlich emporblickend zur Anhöhe über dein Gnadenbilde, woher die Stimme erschallte, war der Mörder zurückgetaumelt, der Schuß ging in die Luft, er selber aber schlug schwer, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. „Allgerechter Gott, meine Schwesterl" Wie betäubt stand der junge Offizier da, zu mächtig stürmte das unerwartete Er- 19 eigniß auf ihn ein, — eine Traumerscheinung dünkte ihm die Anwesenheit Almas, zu nächtlicher Stunde an diesem entlegenen Orte. Aber es war kein Traum, den nächsten abwärtsführenden Pfad hernieder eilte das junge Mädchen — nun war sie unten — nieder warf sie sich in inbrünstigem Gebet vor dem Bilde der Jungfrau. „Dir die Ehre, Madonna" — rief sie — „Du hast ihn gerettet!" „Alma" — mühsam fand Roberto seine Worte — „Du hier, was bedeutet alles dieses? —" „Daß der-Tod hinter Dir lauerte und die Madonna schützend ihre Hände breitete über unser Glück." In fliegender Mittheilung berichtete sie dem Verlobten, was geschehen. Als sie den Pavillon verlassen, habe nur ein Gedanke ihre Seele beherrscht, — den Bräutigam zu retten. Mit der Gegend vertraut, war ihr bekannt, daß die Höhen entlang ein weit näherer Pfad als der Reitweg nach Gaöta führe. Einen Mantel umgeworfen, der ihre Gestalt verhüllte, das Haupt mit einem Schleier bedeckt, eilte sie vorwärts. Keine Furcht kannte ihre Seele — der Glaube lieh ihr Stärkung — er hatte sie nicht getäuscht. „Ja", sagte Roberto tief ergriffen, „— es gibt noch Wunder, — was anders als ein Wunder war es, das die tödtliche Waffe von mir lenkte und den Mann, der zum Mörder werden wollte an mir, in den Staub warf? Doch des Feindes nicht zu vergessen, ist unsere Pflicht — seiner uns annehmen, sei der Heiligsten unser erster Dank." Er trat zu dem regungslos Daliegenden. „Erhebet Euch", sagte er mit milder Stimme, „ich weiß, nichts mehr zu fürchten habe ich von Euch — und was Ihr gethan, sei Euch vergeben." Beinahe furchtsam erhob der starke Mann das Haupt. „Ist sie fort?" fragte er leise. — „Fort, wer —?" „Die Erscheinung, die mir die Himmelskönigin sandte, daß nicht ein Mord meine Seele befleckte, — meine Schwester — Alma Wöhlert." „Alma Wöhlert, Deine Schwester? Kleingläubiger, nicht länger zweifle an Gottes Macht, — keine Erscheinung war es, was Deinen Augen sich bot, — sieh hin — dort steht sie selber, die uns beide gerettet — es ist meine Braut." Taumelnd schleppte sich Giacomo bis zu den» jungen Mädchen. „Alma — erkenne mich, fluche mir nicht — Wilhelm bin ich, — Dein unglücklicher verlorener Bruder." „Wilhelm!" schrie Alma auf, „— nein, nicht verloren bist Du, so lange noch die Neue Dein Herz bewegt. Unsere Mutter segnete Dich und verzieh Dir sterbend und ich sollte Dich von mir stoßen?" Zu den Füßen des jungen Mädchens lag der wüste Mann. „Die Reue — ja schon einmal, dahinstürmend auf wilder Lebensbahn, hat sie mich gepackt und zur Stätte getrieben, die ich einst meine Heiinath nannte, — ich wollte ein anderer werden! Aber Mutter und Schwester waren fort, keiner wußte wohin, sie waren geflohen, die Schande zu verbergen, die ich durch meine tollen Streiche über sie gebracht. Da verlor ich den Glauben, die Hoffnung — nur dein Golde wollte ich dienen, gleichviel um welchen Preis. Manche Sünde beschwert mein Gewissen, doch rein von Blut war meine Hand bis heute — daß sie es ferner bleibt, der gnadenreichen Jungfrau verdanke ich's, die den Zweifler bekehrt, die dem reuigen Sünder vergibt. „Und ihrem Dienst", rief das junge Mädchen tief ergriffen, „dein Dienst des Heiligen und Guten sollst Du Dich ferner weihen. Hörst Du der Glocke Mahnung vom Kloster her? Dir ruft sie, — dorthin zur heiligen Schwelle walle und bitte die frommen Bewohner um Dienst. Je schwerer er sein mag, um so leichter wird Dir einst vergeben." »Ich will's, ich will's", entgegnete Wilhelm, „Deine Hand leite mich zum heiligen Asyl, das auch für Dich wohl Obdach einer Nacht bietet. Nicht zu dem Hause Valdini's sollst Du kehren, — Du warst Ursache, daß ich Roberto tödten sollte. Nicht verlangte Luigi Valdini nach Deines Verlobten Leben,, ehe er Dich gesehen — im Pavillon fand ich die Zeilen seiner Hand, die ich achtlos voll mir warf, nachdem ich sie gelesen." „Heil der Madonna!" rief Alma, „die uns alle so wunderbar beschützt. Sie war es, die mein Flehen erhört. Zu ihr erhoben sei der Dank unserer Herzen." Nieder auf die Knie sanken die Vereinten, — noch immer läutete die Glocke des Klosters, ein sanfter Hauch, wie ein Gruß der Ewigkeit, umspielte der Andächtigen Stirne und ihnen war's, als blicke das verklärte Antlitz der Madonna lächelnd hernieder zu ihnen — segnend die Vertrauenden — dem Reuigen verzeihend» ->- » Wenige Tage später weilte das Königspaar Neapels fern von Italien. Gaöta war gefallen, seine letzte Zuflucht. Mit Thränen entließ es seine Getreuen, vor allen Roberto Ariano, ihres Dienstes. Auf einer freundlichen Besitzung, zurückgezogen vom lauten Treiben des Lebens, weilt der ehemalige Offizier an der geliebten Gattin Seite, — die Armuth preist ihren Namen und des Hauses Segen ist ihnen erblüht. Liebliche Kinder verschöllen den reinsten Bund der Herzen. Sie sind der Stolz des Klosterbruders, der Kranken und Armen Hilfe spendend, unablässig das Land durchstreift, keine Ruhe kennend, keine Rast. Wilhelm Wöhlert, der einst so wüste Mann, er hat den Frieden gefunden. Herr Valdini konnte den furchtbaren Schlag nicht überwinden, den seines Sohnes Verrath ihm zugefügt, er siechte dahin und starb bald, dem jungen Ehepaare sein Vermögen hinterlassend, denn Luigi war ihm vorangegangen im Tode. Von der Regierung entlassen, trieb er sich in schlechter Gesellschaft umher, — in einem Naufhandel büßte er sein Leben ein. — In Ehren hielten Roberto und Alma Herrn Valdinis Andenken; das ihnen zugefallene Erbe aber weihten sie frommen Zwecken, nur eines behielten sie, jenes schmucklose Bild, vor dem einst die zagende Braut in bangen Schmerzen und doch in hohem Vertrauen auf der Ewigen Hilfe gekniet, — das Bild der Madonna! G o l d r ö r n e r. Das haben die Weiber vor den Männern voraus, das; sie ohne Raisonnement haudelu. Die Klugheit, welche die Männer mühsam in ein System stellen, ist ihnen Instinkt, und deßhalb heißt es auch so zierlich: Die Weiber denken mit dem Herzen. Laube. Einer der schlimmsten Feinde des häuslichen Glücks ist Launenhaftigkeit. Eine Frau, die sich ihren Launen überläßt, kann bei den besten Eigenschaften und vieler Liebenswürdigkeit sehr bald unerträglich werden. Das Schlimmste ist, daß sie dem Menschen die Herrschaft über sich selbst nimmt. Und hat nicht oft ein schneidendes Wort, in launenhafter Stimmung gesprochen, mehr verderbt, als mit allem guten Willen verbessert werden kann? Was man Laune nennt, ist immer nur die gähreude Selbstmcht, und ihre Aeußerungen sind der Schaum und die Schlacken, welche die Währung auswirft. F r. Jakobs. Wenn sich die Menschenbrust darf Gottes Tempel nennen, Das Allerheiligste ist dann das Mutterherz. Karl Richter. Es ist gewiß: ohne Zorn ist keine Liebe. In der Fähigkeit des edlen Mannes, zu zürnen liegt ein herrlicher Beweis seiner göttlichen Natur, so wie man den Armen für unaussprechlich unglücklich, ja, für verloren halten darf, der nicht mehr zürnen kann oder mag. Man darf von ihm sagen, daß er sein eigenes Schwert und Schild der Ehre zerbrochen und seine eigene Gruft gegraben habe. Franz Horn. Uns Alten ist's so eigen, wie es scheint, Mit uns'rer Meinung über's Ziel zu gehen, Als häufig bei dem jungen Bolk der Mangel An Vorsicht ist. Shakespeare. 21 * Geschichte des Dorfes und ehemaligen Klosters Bernried» (Schluß.) Graf Otto von Valey und dessen Gemahlin Adelhaid, eine königliche Prinzessin aus Sizilien, haben das. dem touronischen Bischöfe St. Martin zu Ehren geweihte Gottes- - Haus 1120 den regulirten Chorherrn des hl. Augustinus als Klosterkirche eingeräumt. Im Jahre 1404 ließ der Prälat Johannes Grunnpacher mitten in der Stiftskirche zu Ehren der seligsten Jungfrau Maria und der hl. drei Könige vor dem Chöre einen neuen ' Altar aufsetzen, der im Jahre 1408 am Sonntage nach dem Himmelfahrtsfeste Christi vorn Herrn Bischofs Wilhelm Wiidenhover eingeweiht wurde und Prälat Ulrich III. hatte 1432 das Unglück von dem auf ihn fallenden Vildniß Christi, das er am Himmelfahrtstage Christi jährlich hat in die Höhe gezogen, erschlagen zu werden. Ein in Mitte der Kirche vor Zeiten gelegener Stein soll dieses Unglück angezeigt haben mit folgenden Worten: ^Obrutus o-t Dominos praopositus lue.« Unser Herr Probst ist da getödtet vordem Bon diesem Steins weiß man jetzt nichts mehr. In den Jahren 1653 bis 1603 wurde, gleichzeitig mit der baulichen Restauration des Klostergebäudes, das Gotteshaus St. Martin, weil es Alters halber ganz verfallen wäre, restaurirt und vielleicht vom romanischen in den Renaissancestil umgewandelt; es wurde am 17. Juni 1663 durch den hochwiirdigsten Herrn Bischof Caspar feierlich samt den Altären consecrirt. Im Jahre 1734 den 7. April war ein unerhört furchtbares Donnerwetter, welches auch in Vermied in den Kirchthurm einschlug, durch welchen Streich die Kuppel zerschmettert die große Orgel verrückt und ein Clerikus während des Gswitterläutens erschlagen wurde, nebst fünf weltlichen Personen, welche geläutet haben, vier Geistliche wurden niedergeschlagen, kamen aber mit dem Leben davon. Im Jahre 1803 erfolgte die Säcula- risation des Klosters, seitdem wird die Klosterkirche St. Martin als Pfarrkirche benützt. Die Pfarrkirche ist Eigenthum des königlichen Staatsärars. Gemäß Neichsdeputalions- Hauptdeschluß vom 23. Februar 1803 wurde von Staatswegen anerkannt und angeordnet, daß nicht nur die Baureparaturkosten der einstigen Kloster- und jetzigen Pfarrkirche alljährlich gleich andern Ararial-Gcbäuden in den Dauetat aufgeführt werden sollen, sondern auch, daß der Kirche eine Jahresdotationssumme von 40 Gulden für die übrige Exigenz ausgeworfen wurde. Seit der Säkularisation des Klosters wurden an der Pfarrkirche folgende größere Reparaturen vorgenommen: Im Etatsjahre 1861/62 wurde ein neues Gewölbe im Schisse der Kirche und ein neuer Plafond hergestellt im Betrage zu 7000 fl. Im Etatsjahre 1873/74 wurde der am 7. April 1734 durch einen Blitzstrahl zerstörte Thurm wiederhergestellt im Betrage zu 8163 fl. 14 kr. Im Etatsjahre 1874/75 wurde die große 31 Zentner schwer« Glocke größtentheiis aus freiwilligen Beträgen der Gemeinee- bürger angcfchasst mit einem Kostenauswande von circa 3000 fl. Als besondere Wohlthäter der Pfarrkirche sind zu nennen: der frühere Gutsbesitzer » Andreas von Dall' Armi, der derzeitige Schloßbeützer Excellenz Freiherr von Meridians) königlicher Kämmerer und Gesandter a. D. und der Webermeister Mathias Schwab von Hausstadt. In der Pfarrkirche befinden sich folgende Merkwürdigkeiten: 1) Zwei gemalte Wappenschilde im Plafond des Chorbogeas» wovon das eine im I. und 2. Felde die bayerischen, weiß und blauen Rauten und im 2. und 3. Felde den pfälzischen Löwen, das andere Wappen aber das complicirte Lanveswappen von Savoyen darstellt mit der zwischen beiden angebrachten Inschrift: 8a1nslrn:e ckvmur a Veo et utr Iris 8«renHuris k -etu. Heil diesem Hause von Gott, und von diesen Durchlauchtigsten, welche es ansehnlich erbaut haben. Beide Wappen beziehen sich aus den Kurfürsten Ferdinand Maria und seine Gemahlin Henriette Adelhaid, eine geborene Prinzessin von Savoyen, welche große Wohl- häter der Kirche und des Klosters gewesen sind. 22 2) Die große Orgel, welche im Jahre 1564 von FranziSkus Grünwald, Prälat von Bernried, erbaut worden ist. Im Jahre 1835 wurde die Orgel durch den Orgelbauer Max März aus München rsparirt. Im Jahre 188 0 wurde die Orgel durch i-en Orgelbauer Beer in Erling bei Andechs einer gründlichen Reparatur unterworfen, wofür die hohe königliche Regierung von Oberbayern 2200 Mark genehmigte. 3) Ein altdeutscher Altar mit Schnitzwerk und zwei gemalten Flügeln, die ganze Verwandschaft Christi darstellend. 4) Ein im gothischen Style gefertigtes Monument des im Jahre 1846 dayisr verstorbenen Herrn Andreas von Dali' Armi Gutsbesitzers von Bernried und Abgeordneten zur bayerischen Ständevcrsammluug. Die zweite Kirche in Bcrnried ist die ehemalige Hofmarktspfarrkirche. Der Probst Ulrich I. hat zu Ehren der seligsten Mutter Gottes Maria nicht weit von de Kloner- kirche eine andere von Grund aus aufgeführt, in welcher hinsüro die pfarrlichen Gotu-s- dienst-Verrichtungen selber gehalten werden sollten. Dieses Pfarrgotteshaus wurde un Jahre 1382 von dem hochwürdigsten saloniensischen Herrn Bischöfe Albert aus dem Orden der mindern Brüder des heil. Franziskus als Suffragau Burkhards von Augsburg m Ehren der Himmelfahrt Mariens eingeweiht. Bei der Säcularisation des Klosters wuros die Hofmarkspfarrkirche zum Abbrüche bestimmt und aus Bit.e der hier artigen Gemrinoe um 575 fl. dieser zum Gebrauche überlassen, seit dieser Zeit trägt die Gemeinde an dieser Kirche die Baulast, was der Gemeinde Bernried zur großen Ehre gereicht. An diese Kirche wurde im Jahre 1672 die Gruftkavelle angebaut und der in ihr befindliche Altar im Jahre 1734 den 20. Mai vom hochwürdigsten Herrn Jakob von Mayer, Bischöfe zu Bergamo, als Augsburgischem Suffragau, geweiht. In der Gruftkapelle befindet sich ein Bild der schmerzhaften Mutter Gottes. Dieses Bild war früher in der Hofmarkspfarrkirche (d. i. Liebfrauenkirche) verehrt worden und zur Pestzeit besonders war der Andrang des Volkes so groß, daß man, um die Gefahr des Erdrückens zu beseitigen, behufs Anbringung einer weiter» Thüre die Mauer durchbrechen mußte, bis 1672 eine neue Crypta erbaut wurde. Der Cult dieses Bildes soll stammen von einer Frau, welche am Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes weniger Gefallen fand, so daß sie es von seinem Platze entfernt und durch ein anderes von feinerer Gestalt ersetzt wissen wollte. Diese Mißachtung und die darin liegende Beleidigung mißfiel der demüthige» Jungfrau, weßhalb sie der Verächtern: zarte Augen mit plötzlicher Blindheit umhüllte, so daß diese vom Altare, um den sie in Ehrerbietung herumgehen wollte, weg und nach Hause geführt werden »rußte. Ihre Augen schwollen überdieß gewaltig auf und sie hatte gräßliche Schmerzen. Die Blinde erkannte ihre Schuld und es wurde -ihr die Hoffnung gemacht, sie würde von Derjenigen, die sie gestraft, auch wieder geheilt werden« Sie that daher ein Gelübde und wurde bald wieder sehend, das Bild mißfiel ihr dann nicht mehr, sondern es gefiel ihr vielmehr auf wunderbare Weise. Der marianische Schriftsteller erzählt auch von einem bedauernswerthen lahmen und coutracten Mädchen, das von Weilheim von ihren Eltern hergebracht worden war, daß es in der Kirche selbst keine Hilfe gefunden. Dagegen auf dem Heimwege vom Pferde gefallen und durch den Fall selbst augenblicklich geheilt worden ist. Unter den Verehrern dieses heiligen Bildes sind zunächst zwei Herrn namhaft zu machen, nämlich der Prälat Johann Riedl aus Naisting, den Bsrnried als den zweiten Gründer verehrt und im Jahre 1675 den 10. März starb, und der Benefiziat und Ceremoniar zu St. Peter in München, Herr Johann Mayer, der am 8. August 1673 das Zeitliche gesegnet hat. Diese zwei haben durch gegenseitiges Zusammenwirken die Gruftkapelle sammt dem Altare, wo jetzt das gnadenreiche Bild sich befindet, errichtet. Von den ehemaligen Klostergebäulichkeiten stehen noch: 1) Das Hauptgebäude, welches von dem Besitzer Excellenz Freiherr von Wend-> land in ein prächtiges Schloß umgebaut worden ist. 2) Das Haus, in welchem- während der Zeit des Klosterbestandes der Klosterrichter 23 logirte und nach der Säkularisation der jeweilige Pfarrer wohnte. Dasselbe wurde im Jahre 1830 vom königlichen Aerar an die Gemeinde käuflich abgelassen und von derselben zum Schulhause adoptirt. Die bedeutende Erhöhung der Schülerzahl und die beschränkten Localitäten der Lehrerwohnung machten die Erweiterung des Schulhauses zu einem fühlbaren und dringenden Bedürfnisse. Deshalb beschloß die Gemeinde Bernried ein neues Schul-, Gemeinde- und Feuerwchrhaus zu erbauen, welches den Sommer über iu n reu beiden Baumeistern Herrn Eberhart und Rottmüller von Weilhcim zur vollsten Zufriedenheit hergestellt, am Sonntag den 8. Oktober, Nachmittags 2 Uhr, in Gegenwart des kgl. Herrn Bezirksamtmannes, des kgl. Herrn Distriitsschulinspectors, Sr. Excellenz Freiherr» v. WendlaNd mit hoher Familie, der Gemeinde- und Kirchenver- waltung, der Schuljugend, des Feuerwehr- und Veteranen - Vereins und vieler Dorfbewohner mit den entsprechenden Feierlichkeiten eingeweiht und eröffnet wurde. Das bisherige Schulhaus ist jetzt mit seinen sämmtlichen Nünmlichkeiten dem Lehrer zur Wohnung angewiesen. - 3) Der Thorbogen mit den Nebengebäuden, worin in einem derselben bis zum Fahre 1826 die Schule gehalten wurde. 4) Das Probstgebäude, welches im Jahre 1824 aus Staatsmitteln um die Summe von 3281 fl. 36 !r. in eine Pfarr- und Hilfs-Priesterwohnung umgewandelt wurde. Nach der Klofleraushebung wurde die Pfarrei Bernried mit den Filialorten Tutzing, Ober- und UnterzeiSmering, Garatshausen und mit den Riederschaften Adelsrird, Carrah Gallifilz, Happerg, Höhenried und Unterholz von einem Pfarrer und HilfSpriester Pastorin. Im Jahre 1843 wurden die bisherigen Filialorte Tutzing, Ober- und Unterzeis« mering, dann Garatshausen mit einer Bevölkerung von 378 Seelen von der Pfarrei Bernried getrennt und zu einer eigenen Kirchengemeinde vereiniget. Die aus Staatsfonds mit einem jährlichen Bezüge von 300 fl. dotirte Caplansstelle zu Bernried wurde aufgehoben, und dieser Bezug dem Pfarrkuraten iu Tutzing als ständiger Gehalt angewiesen und die latholische Pfarrei Bernried zählt bei 2^ Stunden im Umfange 444 Seelen mit einer Schule, und würd vom Pfarrer allein pastorirt. Das am User des Starnbergersee's reizend gelegene Dorf Bernried weit und breit rühmlichst bekannt und durch seine herrlichen Parkanlagen sowohl, als durch den vortreffliche», der von Wendland'schen Brauerei entstammenden Gerstensaft, wird während der Sommermonate von vielen Fremden namentlich aus Augsburg, Eichstädt, Negensburg und Würzburg besucht, was vielen Dorfbewohnern eine reichliche Eimiahmsquelle verschafft. Misesllen. (Aus der guten alten Zeit.) Vor wenigen Wochen starb in einer kleinen Provinzstadt ein guter alter Herr: er war früher Landrichter und ein gar eigener Kopf, mit dem die Bauern seines Bezirks anfangs übel fuhren. Charakteristisch ist folgender Fall. Die Bauern seines ganzen Bezirkes trugen zu der ledernen Hose und dem kurzen Janker mächtige „Sechserln" an den beiden Schläfen. Der gestrenge Herr Landrichter duldete aber fortan diesen Kopfputz nicht mehr. Jeder der mit ihm zu Gericht kam, wurde zuerst zum Gerichtsdiener geschickt, der dann die Sechserl gründlich beseitigen mußte und hiefür einen guten Silbersechser für das „Haarschnriden" verlangte. Erst nach dieser Prozedur durfte der Bauer beim Landrichter erscheinen. Als einmal sich . Einer über dieses Bcrfahren beschwerte, wurden ihm von kurzer Hand sechs Streiche dittirt. Der Bauer betrat den Beschwerdeweg zur Negierung. Von dorther erhielt der Herr Landrichter einen Verweis, den er dem Geschädigten schriftlich zu eröffnen hatte. Der Bauer wurde vorgeladen und ihm das Schriftstück zum Lesen ausgehändigt, er war jedoch dieser Kunst nicht mäcptig, nur die verhäugnißvolle Zahl 6 hatte er enträthselt. „Das ist g'wiß weg'n meiner Beschwerde, Herr Landrichter", meinte verschmitzt der Bauer und. gab das Schriftstück zurück. „Jawohl, hast Du's gelesen?" „Nein, nur von den SechsI" „So, 24 dann will ich Dir's sagen. Du hast Dich bei der k. Regierung beschwert über mich, nun ist der Beschluß gekommen, wonach Du nochmal sechs Hiebe erhalst und da Du dieselben auf diesem Originalbeschluß bestätrigen mußt, so kann ich Dir die Strafe nicht nachlassen, so gerne ich dieses auch thäte." Und die Sechs kamen zum Vollzüge, der Bauer bestätigte den Empfang und ging seine Wege. Fortan aber waren sämmtliche „Sechserln" verschwunden und- der Gerichtsdiener um seine Nebeneinnahme gekommen. (Ein allerliebstes Weihnachtsmärchen) erzählt Iwan Turgenjew in der „Revue Politigue et LitUraire": „Zwei oder drei Tage vor Weihnachten gab der liebe Gott ein Fest in seinem Azurpalast. Sämmtliche Tugenden waren dazu eingeladen, aber nur die Tugenden. Keine Herren, lauter Damen. Da sah nzan denn auch auels Tugenden bei einander, große und kleine. Die kleinen waren gefälliger und hübscher als die großen, aber Alle schienen mit einander wohl bekannt und befreundet zu sein. Plötzlich aber sah der liebe Gott zwei schöne Damen, die einander dem Anscheine nach gar nicht kannten. Der Hausherr nahm nun eiize derselben bei der Hand, um sie der anderen vorzustellen. Die „Wohlthätigkeit", s^gte er mit einem Blicke auf die erstere. Die „Dankbarkeit", fügte er hinzu, indem er auf die andere zeigte. Die beiden Tugenden waren höchst erstaunt. Seit Erschaffung der Welt begegneten sie sich hier zum erstenmale." (Viehzählung.) Der Millionär: „Wenn es nach Herrn Wedell-Malchow ginge, müßte ich meine sämmtlichen Goldfüchse in die Listen eintragen." — Der Student: „Ob ich zur Viehzählung herangezogen werde, wenn ich so fort ochse?" — Der Reporter: „Himmel, wenn ich die Enten alle mitzählen müßte, die ich schon habe auffliegen lassen!" — Der Chef: „Müller, Sie werde ich der Ordnung gemäß als Rhinozeros anführen." — Der Skatspieler: „Schulze, vergessen Sie nur das große Schwein nicht anzugeben, welches Sie immer haben!" — Der Zechbruder: „Ihr lieben Affen, wenn ich Euch noch zählen konnte!" (Die Philosophie des Rausches.) Ein gutmüthiger Trunkenbold wackelt durch die Straßen, indem er- folgenden optimistischen Gedanken Ausdruck gibt: „Die Reichen — ha die Reichen! Was können Die machen? Sie können auch nicht betrunkener sein, als wir!" (Einer von der meteorologischen Station.) „Den schau an, der hat den Hut bis über die Augen, den Rockkragen naufzog'n und laufen thuat er mir sein Par.rplui, als wenn er g'stohl'n hät." — „Den kenn i, der is bei der meteorologischen Station. Der schämt si, weil er Heuer 's Wetter gar nie derrath!" (Aus der Kinderstube.) Besuch: „Ah, das ist wohl Dein Stammhalter, lieber Freund? — Komm', Kleiner, gib mir 'Ne Hand." — Kind: „Bist Du ein Haarschneider?" — Besuch: „Ich? Nein, — weßhalb?" — Kind: „Ei Papa jagte vorhin, als Franz Dich anmeldete: Ich wollt', der ließe mich ungeschoren." (Gegenseitige Ueberraschung.) Vater: „Schau', Richard, die Menge schöner Spielsachen, die ich Dir mitgebracht habe!" — Richard: „Nein das hätt' ich nimmer geglaubt, daß ich ein so lieber, braver Bub' bin!" (Ein Ausweg.) „Ich habe die Bibliothek meines Bräutigams bereits gänzlich durchgelescn, und langweile mich-nun entsetzlich!" — „Aber liebe Freundin, da würde ich mich an Deiner Stelle einfach um einen anderen Bräutigam umsehen." (F. B.) (Ehrlich.) Gehilfe: „Wenn Sie mir eine Stelle in Ihrem Geschäfte geben, werden Sie sehen» daß Sie mir in Geld- und Geschästssachen vollständig trauen können!" — Prinzipal: „Wie haißt trauen? Heut zu Tag' trän' ich mir selber kaum!" (Seltsamer Maßstab.) Lieutenant: „Sie, Einjähriger Miller, Sie wollen ein gebildeter Mensch sein und können nicht einmal über diese Palissade springen!?" (Verschiedene Eigenschaften.) A: „Wie ist denn, der Ür. Heilreimer als Arzt? Seine Verse macht er sehr lebendig." — B: „Und seine Kranken sehr todt!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Ur. Max Huttler. Nr. 4. 1883. zur „Ängslttlrger PostMmg." Samstag, 13. Januar Der Hieuiennnt freit. Eine Heirathsgeschichte, erzählt von Klara Neichner. (Nachdruck verdolcu.) An einem Fenster des zweiten Stockwerks eines Hauses der Nömergasse in der alten Garnisonstadt Zc. stand an einem schönen Frühlingstage der Lieutenant Adrian Schnell und schaute hinab auf die stille Straße. Wer indessen glaubt, er habe dort unten irgend etwas Bestimmtes gesehen oder sehen wollen, der wäre in einem sehr großen Irrthum befangen. Nein, der Blick des Lieutenants schweifte weiter, viel weiter — bis in die Zukunft, von wo ein gar heiteres Bild ihm entgegen lächelte. Mit einem Worte sei's gesagt: der Lieutenant hatte Heirathspläne, und dies zum ersten Mal in seinem langjährigen Lieutenantsleben. Nicht, als wäre er noch nie verliebt gewesen — im Gegentheil, gar mancher Namenszug war schon, verschlungen und nicht verschlungen mit dein seinen, in irgend eine geduldige Baumrinde geschnitten worden, schon mancher schien ihm auch in's Herz gegraben, aber es war noch immer bis zur Stunde Gras und Moos über die Einschnitte gewachsen, und hatte die leise Spur verwischt, als wäre sie nie dagewesen. — Das ist das Loos des Schönen auf der Erde! Dazu kam freilich noch etwas Anderes und sehr Gewichtiges! Adrian Schnell war selbst unbemittelt, folglich verbot es sich von selber, die Tändelei zum Ernst zu machen, wenn nicht noch andere Glückesgüter dem Bund zu Hilfe kamen, als nur ein Herz und eine Hütte wie die Dichter singen. Zwar war der Lieutenant nicht der Mann, um aus schnöder Berechnung in den Ehestand zu treten. — Das aber sah er ein: bis zum Hauptmann hatte es noch gute Weile, und auf so viele, ungewisse Jahre hin sich zu binden, kam ihm nicht in den Sinn, sondern erfüllte ihn im Gegentheil mit einem gelinden Schauer. Er sah das Leben wohl fröhlich, doch nicht leichtsinnig an und hatte, in einem sparsamen Haushalt aufgewachsen, und während einer langjährigen Dienstzeit in der Disciplin geübt, es gelernt, das Gesetz eiserner Nothwendigkeit anzuerkennen und das Unvermeidliche niit Würde zu ertragen. Und in diesem Falle war das Unvermeidliche, das Nöthige: Geld, Geld und wieder Geld, als Zuschuß für seine Lieutenantsgage, und um eine Heirath überhaupt, so lange er noch Lieutenant war, zu ermöglichen. So kam es, daß der überall gern gesehene, schmucke Lieutenant, noch nie auf Freiersfüßen wandelte, denn um seine Hand ohne sein Herz fortzugeben, dazu war er doch zu ehrlich und zu gewissenhaft. Jetzt aber hatte sich die Sachlage verändert» seit unser Lieutenant zum ersten Mal auf einem Hausball die hübsche Mina Roth, des reichen Privatiers Korbinian Roth einzige Tochter, gesehen hatte. Ob ihre sich begegnenden Blicke „Blitz und Schlag zugleich" waren, ob ihre Herzen sich „zusammentanzten" — wer kann es sagen — kurz und gut, das Ende vom Liede oder vielmehr vom Balle war, daß der Lieutenant sehr nachdenklich 26 nach Hause kam, was erfahrungsgemäß bei ihm etwa soviel zu sagen hatte, als daß er — wieder einmal verliebt war. Aber diesmal war die Sache ernster! Fraulein Mina Noth besaß nicht nur die Eigenschaften, welche er vorzugsweise schätzte, nämlich: Verstand, gepaart mit liebenswürdigem Muthwillen, — sie hatte auch, wie er es besonders liebte, reiches blondes Haar, das sich leicht kräuselte und dazu dunkle Augen, die nicht nur schalkhaft, sondern auch gar ernst zu blicken wußten, und endlich hatte sie — als seltenes Tri olium — zu allen diesen Vorzügen noch die sehr beachtenswerthe Eigenschaft, eines gar wohlhabenden Mannes einziges Kind zu sein, denn daß der Herr Korbian Noth dies war, wußte die ganze Stadt, obwohl er erst vor Kurzem mit Frau und Tochter dorthin gezogen war, nachdem er sein Geschäft in K. aufgegeben- Auch der alte, joviale Herr und seine bürgerlich-einfache Frau hatten einen sehr günstigen und ungemein anheimelnden Eindruck auf Adrian gemacht — solche Schwiegereltern konnte man sich schon gefallen lassen! So überließ der Lieutenant sich denn diesmal in vollkommener Gewisscnsruhe und ungetrübtem Glücke dem Auftauchen des neuen Sirius — ja, so groß war ihm in Wahrheit noch kein Stern am Firmamente seines Herzens aufgetaucht, als dieser neusrschienene Srrius, vor dessen Glanz die andern sämmtlich erbleichen und erlöschen mußten. Wie es nun weiter ging, und wie es kam, daß Lieutenant Schnell seinen Namen in diesem Falle alle Ehre machte, ist unaufgeklärt geblieben, obwohl es allen einigermaßen einsichtigen Gemüthern vollkommen klar sein wird, in Anbetracht des Umstandes, daß in der alten, allbekannten Garnisonstadt T. bei den Honorationen wie den Bürgern die Zahl der Kränzchen, Liedertafeln und sonstiger Versammlungen keine geringe ist — vorzüglich im Karneval — ganz abgesehen von den sonstigen Gelegenheiten, sich zu treffen, wenn man sich nur treffen will, wozu Promenaden, Konzerte und Theater willkommenen Vorwand boten. Jeder Mensch, der einmal dergleichen Zeiten in seinem Leben durchgemacht — und wer hätte das wohl nicht? — weiß ein Lied davon zu singen — schon der Großvater hat es ja so gemacht, als er einst um die Großmutter gefreit, und so ist es auch geblieben bis auf den heutigen Tag. Auch die hübsche Blondine schien den schmucken Lieutenant in der kleidsamen Uniform mit dein Tapferkeitskreuze an der Brust nicht ungern so oft in ihrer Nähe zu bemerken — wenigstens wurde ihre zarte Gesichtsfarbe unzweifelhaft um etliche Schattirungen mehr rothgefärbt, sobald sie ihn gewahrte. Dem Papa Privatier nebst seiner braven Ehehälfte konnte dieser immerhin auffallende Umstand, in Vereinigung mit der Thatsache, daß der Lieutenant überall, wo sie sich zeigten, auch zu treffen loar, oder doch sehr bald erschien, nicht lange Zeit verborgen bleiben. Freilich war dem wackern Privatier im ersten Augenblicke die Sache nicht besonders angenehm. Ein mittelloser Offizier als Eidam, der vielleicht auf den opferwilligen Beutel des allzeit hilsbereiten, gutmüthigen Schwiegervaters spekuliren würde, das ivar ihm gerade keine verlockende Aussicht für die Zukunft seines einzigen Kindes. Bald aber lernte er die Sache mit andern Augen betrachten: nicht nur, weil der Lieutenant Schnell allgemein geachtet war, als aus einer braven Familie stammend und als braver Mensch und tüchtiger Offizier, sondern vielleicht noch mehr durch den Unistand bewogen, daß die Wünsche seiner Frau mit denen seiner Tochter Hand in Hand zu gehen schienen, denn das gescheidte Mädchen hatte es wohlweislich nicht unterlassen, die einflußreiche Mutter vor allen Dingen ihrem Herzenswunsch geneigt zu machen. Was war also zu thun? Eine» häuslichen Krieg heraufzubeschwören mit dem unvermeidlichen Kampfes-Arsenal von Bitten, Schmollen Thränen — nein, dazu hatte der gute Privatier wirklich nicht den kecken Muth, um so weniger, als ja im Grunde nichts Stichhaltiges gegen den Heirathskandidaten sich einwenden ließ, er selber aber in der glücklichen Lage war, für ein Dutzend Offiziere die nöthige Hcirathskaution herbeizuschaffen. So bereitete sich denn der würdige Privatier bereits im Stillen vor, nachdem er sich einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, zu dem Bündniß Ja und Amen zu sagen, falls, wie nicht zu zweifeln war, eines schönen Tages der Lieutenant seinen Antrag vorbringen werde. Einstweilen freilich hatte derselbe nur einige Anstandsvisiten in dein Noth'schen Hause machen können — um so freudiger wurde er daher überrascht, als er eines schönen Frühlingstages eine Einladung des Privatiers: „zu einem Teller Suppe mittags um 1 Uhr erhielt." Daß er diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen dürfe, um irgendwie sich Klarheit zu verschaffe», darüber war der Lieutenant sogleich mit sich einig geworden. Jetzt oder nie mußte sein Schicksal sich entscheiden, nachdem ein feindliches Geschick jeden Augenblick, der verhängnißvoll zu werden drohte, durch irgend ein Wie oder ein Was dazwischen sich gedrängt; — außerdem hatte er gar keine Lust, sich einen Korb zu holen — das wollte Alles überdacht und wohlerwogen sein! Freilich glaubte er der hübschen Mina sicher sein zu dürfen, wenn nicht Alles log und trog. Aber diese Weiber! Wer sie ergründen konnte! Und dann die Eltern? — Allerdings schien die erhaltene Einladung ein günstiges Zeichen ihm zu sein! — Durfte er es also wagen? — Diese Gedanken waren es, welche den Lieutenant Adrian Schnell so ernsthaft und so ausschließlich beschäftigten an jenem Frühlingstage zu Anfang unserer Erzählung, denn gerade der heutige Tag sollte ja über sein Geschick entscheiden. Endlich aber erinnerte er sich doch daran, daß eS wohl an der Zeit sein dürfte, auch seil'ein äußern Menschen einige Beachtung zu schenken, zu Ehren des feierlichen AugenbltckS. dem er entgegen ging. Er wendete sich deshalb vom Fenster fort, um — o Eitelkeit — vor den Spiegel zu treten, und aufmerkiam hineinzuschauen. Was er da sah, war allerdings ein gar nicht übles Bild. Ein recht stattlicher Männerkopf mit gesunder, leicht gebräunter Gesichtsfarbe, braunem Haar uno Bart und freundlichen, blauen Augen blickte ihm entgegen - es waren eigentlich ine heitern Züge eines sogenannten „Sonntagskindes", das überall aus allen Dingen im Leben den Honig zu finden iveiß, wie- die Bienen aus den Blumen — das Gift lassen sie darin. Der Lieutenant schaute auch nicht unzufrieden drein nach seiner Selbstmusterung — dann rief er laut, so laut, als ob er vor der Front stünde: „Kaspar Mayer!" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" tönte es mit echoartiger Pünktlichkeit darauf zurück, und in's Zimmer trat, mit einem Nohrstock und der Kleiverbürste bewaffnet, vom Flur her der Gerufene in's Zimmer. Da der Betreffende dazu berufen ist, eine nicht ganz geringe und nicht ganz unwichtige Rolle in dieser Heirathsgeschichte zu spielen, so lohnt es wohl der Mühe, ihn etwas näher zu betrachten. Kaspar Mayer gehörte offenbar zu jenen Menschen, bei denen ihr Lehrer sich vergeblich Blühe gab, ihnen mehr beizubringen, als sie bald darauf und ohne Mühe vergessen lernen. Borstige, flachs-blonde Haare krönten seine niedrige, nichts weniger als imelligei.te Stirn, während ein Zug großer Gutmüthigkeit in seinen wasserblauen Augen nkit deren Mangel an Klugheit einigermaßen aussöhnte. Kaspar Mayer war erst seit Kurzem der Bursche des Lieutenants, und hatte es während dieser kurzen Zeit verstanden, sich demselben einerseits durch seinen guten Willen beliebt, andererseits aber durch seine Dummheit fürchterlich zu machen. „Kaspar Mayer", sagte der Lieutenant fast feierlich zu dem eintretenden Burschen: „Ist meine neue Uniform geputzt und Alles gut im Stande?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" erwiderte Kaspar, den Nohrstock schulternd, als präsentire er das Gewehr, während er mit der andern Hand die Kleiderbürste an sich drückte. »Ich gehe jetzt aus", fuhr der Lieutenant fort. „In einer halben Stunde komme ich zurück; bis dahin muß Alles parat liegen, daß ich mich iokort umziehen kann. — wie zur Parade — verstehst Du mich?" 28 „Zu Befehl, Herr Lieutenant", wiederholte Kaspar ehrfurchtsvoll. „Gut!" Der Lieutenant griff nach seiner Mütze und ging. Er fühlte in Wahrheit das Bedürfniß, nach etwas Sammlung draußen in frischer Luft, bevor er daran ging, die Festung zu erstürmen. (Schluß folgt.) Klausner und Räuber. Ballade. In der Bergschlucht liegt begraben Einsam still des Klausners Hütte: Ihre Gäste sind die Naben Und ein Lindenbaum voll Blüthe. Drinnen spricht bei Tagesgrauen Fromm der Greis die Morgeubitte; — Einsam ist's, doch Engel schauen Nieder auf die stille Hütte; Engel schweben leis hernieder Auf den Lindenbaum und singen Mit dem Klausner Frühlingslieder, Perlenreich die weißen Schwingen. Engelein mit lichter Krone Sitzen auf des Klausners Hütte, Und es glitzert in der Sonne Ihr Gewand wie weiße Blüthe. —? Von der Höhe schaut mit Lachen Hört! ein Räuber auf die Hütte, Gute Beute soll er machen, Hieß es in der Brüder Mitte. Von der Höhe sieht er funkeln Hehre Pracht im stillen Walde, Sieht die Klause dort im Dunkeln: Welche Pracht in armer Halde! Goldne Balken sieht er streben Auf zur jungen Maiensonue, Uuter'm Dach voll Silberreben Thront ein Greis mit reicher Krone. Und er steigt zum Thale nieder, Seine Raubgier will er stillen: „Heute kann ich meiner Brüder Herzenswunsch einmal erfüllen." Wie er niederkommt zum Thale Und zum hohen Lindenbaume, Wird's so arm mit einem Male: „War das wirklich, war's im Traum?" „War's im Traum' denn, als ich droben Glitzern sah die goldne Hütte? Stand ich trunken noch dort oben? Sah im Taumel ich solch' Blüthe?" „Arme Bretter, alte Seine, Und ein Klausner längst vergessen: Das die Beute die ich meine? Kaum ein hartes Brod zum Essen?" — Fluchend stieg er aus vom Walde, Wilder Zorn im Herzen glühte, Und er schaut nicht mehr zur Halde Und zur moosbewachsnen Hütte. Unten zieht zur Avcstunde Jetzt der Greis am alten Strange, Friedlich tönt im Thalesgrunde Glockenmund mit Hellem Klänge. Horch! der Räuber hört es hallen, Und er schaut zur Bergschlucht nieder, Wo die Silberklüuge schallen: Älter Prunk und Reichthum wieder! Goldne Balken sieht er streben Aus zur jungen Maiensonne, Unter'm Dach voll Silberreben Thronen einen Greis mit Krone. Und der Räuber hört es hallen, Mächtig tönt der Ruf zu Herzen, Und zum Thale seht ihn wallen, In der Seele Reueschmerzen! In der Klause fromme Lehre Wird dem Jüngling von dem Greise. Niederlegt er seine Wehre, Lauscht des Friedens Worten leise. Engel schweben still zur Erde Auf den Lindenbaum und flehen, Daß dem Jüngling gnädig werde Besserung und Auferstehen. lU. ll. Einiges über die „schwarzen Madonnen." Aus der „Germ." von Fr. Clemens Janetschek. Die sittliche Größe und der erhabene Werth hervorragender Personen wird zumeist erst erkannt und in vollem Umfange gewürdigt, wenn sie dem Erdenleben bereits entrückt sind. Recht augenfällig zeigt sich dieser Erfahrungssatz an der jungfräulichen Mutter unseres Erlösers. Mariens Name begann zu glänzen, da sie auf Erden nicht mehr gesehen wurde, und die Entfaltung des Marien-Cultus hielt gleichen Schritt mir dem Kampfe gegen die Häresie und dem Siege über dieselbe. Denn je klarer und Nachdruck- licher die Kirche die Lehre von der Menschwerdung Jesu aus Maria feststellte, desto mehr fühlten sich die Christen hingezogen zu Maria, die iin Erlösungswerke eine so hervorragende Stellung einnimmt. Aber gerade diese kindliche Verehrung, welche die Christen Marien zollen, war seit jeher allen Nichtchristen der Gegenstand bitteren Hohnes» Schon die Juden der ersten Jahrhunderte überhäuften die geheiligte Person Mariens mit Schmähungen der schändlichsten Art; erwähnenswerth ist in dieser Hinsicht das harte Urtheil Mohammed's über die Schmähschriften des Celsus, obwohl Maria (Mirjam) nur die Mutter des zweiten Propheten, Christus, ist. „Weil die Juden nicht geglaubt (an Jesum) und wider Maria große Lästerungen ausgestoßen haben, so haben wir sie verflucht," (Koran, Sure 4.) Gleich den Juden verhöhnt in unseren Tagen die aufgeklärte Presse mit den ehrlosen Waffen des Hohnes den Marien-Cultus. Ein Beispiel, wie weit die Gehässigkeit gegen Alles, was der Katholik hochhält, führen kann, hat die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" geliefert, indem sie die „schwarzen Marien" für ursprünglich egyptische Götterbilder erklärt: „Dieselben sind ursprünglich gar keine Marien und haben mit dem Christenthum, seinen Personen und Dogmen auch nicht den entferntesten Zusammenhang, sondern sind vielmehr Bilder der Isis allein, oder mit dem Knaben Horns, also egyptische Götterbilder. Diese Statuetten wurden, oftmals nur in der Größe gewöhnlicher Amulete, in Menge von den Kreuzfahrern in Kleinasien, Syrien und den Küsten- und Hafenstädten vorgefunden und mit in die Heimath gebracht, wo sie entweder für Maria oder Maria mit dem Christuskinde gehalten oder als solche gedeutet wurden. Vor den Kreuzzügen hat Niemand etwas von den schwarzen Marien gewußt; erst im zwölften und dreizehnten Jahrhundert kamen sie zum Vorscheine und in viel bewunderte und für die Kirche lucrative Diode. Die meisten schwarzen Marien befinden sich in Spanien und Italien, die gefeiertste, „wnnderthätigste" von allen in Loretto. Von den deutschen sei nur die in Alt-Oettingen genannt." (24. Dezember 1881.) Ist es wahrscheinlich, daß derlei Statuetten zur Zeit der Kreuzzüge an den angegebenen Orten in Menge gefunden werden konnten? Um diese Frage zu beantworten, ist es nothwendig, einen Blick auf die religiösen Zustände jener Länder vor den Kreuzzügen zu werfen. Die christliche Religion verbreitete sich rasch über den ganzen Orient und mit gerechter Bewunderung blicken wir auf die glaubensfesten Christen jener Länder, welche von der Wahrheit ihres Glaubens so durchdrungen waren, daß sie sich von Allem» was nur im Entferntesten mit dem Heidenthnm zusammenhing, ängstlich fern hielten, daß Tausende und Tausende von ihnen ihr Hab und Gut, ja selbst ihr Leben freudig Hingaben, bevor sie ihre Ueberzeugung verleugneten und Götzenbildern opferten. Daß bei diesen Christen, welche sich aus Scheu, in den allen Bilderdienst zu verfallen, nur gewisser Symbole bedienten, wirkliche heidnische Bilder, von welcher Form immer, Aufnahme fanden, wird Niemand zu behaupten wagen; ja die Christe» mußten sich geradezu mit Abscheu von diesen Bildern abwenden, weil die Isis-Feste und Isis-Tempel die Freistätten der schändlichsten Ausschweifungen waren und sich deshalb selbst römische Kaiser veranlaßt sahen, solche Feste zu verbieten und die Tempel wiederholt zu sperren. Allein daß auch die Juden weder die Verbreitung noch den Gebrauch solcher Bilder förderten, muß Jedermann zugestehen, der die nationale Abneigung der Juden gegen alle Bilder erwägt. Seit dem siebenten Jahrhundert bis zu den Kreuzzügen waren die genannten Länder dem Islam zugethan und in dieser Zeit wären die Bilder der Isis unbedingt der völligen Vernichtung anheimgefallen, da der Islam alle Bilder auf das Strengste untersagt; Mohammed selbst vernichtete die 360 Götzenbilder, welche sich in der alten Kaaba der Araber befanden, darunter Bilder des Abraham und Jsmael, und seinem Beispiele folgten die Araber auf ihren Eroberungszügcn. Daß die Mohmmedaner, welche nicht einmal das Bild ihres Propheten besitzen, auch keine anderen Bilder unter sich duldeten, ist vollkommen gewiß. 30 Wie man nun bei dieser Sachlage behaupten kann, die Kreuzfahrer hätten dergleichen Statuetten „oft in Menge" gefunden, ist schwer begreiflich, und noch unbegreiflicher ist es, daß sich von den in Menge gefundenen Statuetten, welche die Kreuzfahrer, ohne sich am Fundorte um ihre Bedeutung zu erkundigen, in die Heiuiath brachten, nicht eine einzige erhalten hat, auf die man sich zur Begründung der gegebenen Erklärung berufen könnte. Ueberdies handelt es sich hier um Bilder und nicht um Statuetten; angenommen, die Kreuzfahrer hätter solche Statuetten in die Heimath gebracht, so mußten offenbar nach diesen Statuetten erst die Bilder gemalt werden, und es wäre daher gewiß wissens- werth, zu erfahren, wann, wo und von wem diese Bilder gemalt wurden; lauter Fragen, deren Beantwortung mit Rücksicht auf die weite Verbreitung und Berühmtheit, welche diese Bilder erlangt haben» sowie mit Rücksicht auf den llmstand, daß die Kunstgeschichte seit dem dreizehnten Jahrhundert fast vollkommen klar vorliegt, gar keine Schwierigkeiten bieten könnte und doch wird man nach einer befriedigenden Antwort vergebens suchen. Betrachten wir noch kurz die Abbildungen der Isis. Herodot berichtet, man habe sie in weiblicher Gestalt mit Kuhhörnern abgebildet. Ihre Bekleidung besieht in einem enganliegenden Unterkleide, der Kopf ist mit der sogenannten egyptischen Haube bedeckt, an welcher sich Kuhhörner und zwischen diesen eine Scheibe befindet; in der Hand hält sie das Sistrum, ein Musikinstrument, dessen sich die Egypter bei ihren Festen bedienen. Die VasinI,, Nöinbiim, ein uraltes egyptisches Denkmal, welches aus einer mit blauem Schmelzwerk überzogenen Kupfertafel, in die Silberfäden künstlich eingelegt sind, besteht, zeigt als Hauptfigur die sitzende Isis. Auf anderen Denkmälern wird die Isis in sitzender Gestalt abgebildet, wie sie den Knaben Horus säugt; oft hat sie, gleich der Artemis, eine Menge von Brüsten, um sie als Göttin der Fruchtbarkeit zu kennzeichnen. Römische Künstler endlich gaben ihr die gewöhnlichen weiblichen Attribute, ja oft einen ganz junonischen Charakter. Zwischen diesen, mitunter geradezu fratzenhaften Gestalten der Isis und den Hoheit athmenden „schwarzen Madonnen" einen Vergleich anzustellen, erscheint überflüssig, ja selbst unwürdig und Derjenige, welcher eine Achnlichkeit herausfindet, besitzt jedenfalls die üppige Phantasie der Orientalen. Sprechen schon diese Ungereimtheiten gegen die von dem oben genannten Blatte gegebene Erklärung, so wird sie durch das Zeugniß der Kunstgeschichte entschieden widerlegt. In den ersten drei Jahrhunderten finden wir im chiistlichen Cultus meist Bilder symbolischer Art, eigentliche Bilder dagegen äußerst selten. Denn die Judenchristen mußten in ihrer ererbten nationalen Abneigung gegen Bilder jeder Art geschont werden, die Heidenchr-sten aber in ihren Begriffen betreffs des Gebrauches der Bilder geläutert werden und endlich mußte die Malerei, frei von heidnischen Anschauungen und Grundsätzen, an der Hand des Christenthums einen neuen Entwicklungsgang einschlagen. Unter Constantin dem Großen nahm die christliche Kunst einen erfreulichen Aufschwung; man verließ die bislang vorwaltende Symbolik und schritt zu wirklichen Bildern, welche in dem sog. byzantinischen Style, dessen Wesen in den „schwarzen Madonnen" scharf ausgeprägt ist, gehalten sind. Was war auch natürlicher, als daß die erwachende Kunst sofort Bilder der seligsten Jungfrau schuf und sie in ihrer höchsten Würde als Gottesmutter zu verherrlichen suchte? Kunstsinnige Mönche auf dem Berge Athos schufen bald nach Constantin's Tode das Prototyp der „schwarzen Madonnen"; da aber die allgemein verbreitete Ueberlieferung, der heil. Lucas*) sei der Schöpfer dieses Bildes, immerhin auf Wahrheit beruhen kann, so ist die Annahme nicht ausgeschlossen, daß sich die Mönche das bereits *) Nach dem Monolog des Kauers Brusilius, nacy Nikephorus und Theodorus, verstand der heil. Lucas die Kunst der Malerei. Eine Jyschrstt in einem Gewölbe unweit der Kirche 8. Norm in vio lata zn Rom bezeugt, daß der heil Lucas sieben Bilder der seligsten Jungfrau gemalt habe und bezeichnet das Marienbild in der erwähnten Kirche als eines jener sieben; die Maler verehren ihn deshalb als ihren Patron. 31 vorliegende zum Muster nahmen. Diese Bilder wurden s, T'smpsra. auf Goldgrund, zumeist auf Cypressenholz gemalt. Die 'I'smpsra. selbst ist das Mischmittel, dessen sich die byzantinischen Maler bedienten, um die trockenen Farben mit dem Pinsel auftragen zu können. Als solches wurde benutzt der Saft grüner Feigen, besonders aber Harz oder Wachs, das in ätherischem Oele aufgelöst und als eine Art Firniß gebraucht wurve; alle so bereiteten Farben wurden stark aufgetragen, so daß die Bildfläche deutlich hervortritt und fast massiv aussieht. Zugleich verliehen sie dem Bilde einen matten Glanz und spielten in das Braune und es kann daher nicht Wunder nehmen, daß diese Bilder im Laufe der Zeit eine ganz schwarze Färbung annahmen, woher auch ihre Benennung abzuketten ist. Charakteristisch für diese Bilder sind der hager gestreckte Körper, die weit geöffneten, ernst blickenden Augen, die faltenarmen, fast steifen Gewänder, wobei der obere Nand der dunkleren Schattirung mit einem Goldstrich gezeichnet ist, und endlich der byzantinische Nimbus, d. i. zwei Kreise um den Kopf, innerhalb welcher sich mitunter griechische Inschriften befinden; in den oberen Ecken kommt fast immer die verschlungene Inschrift: öooo d. i. Gottesmutter vor. Als diese Bilder vervielfältigt wurden, behielt man aus Erhrfurcht vor diesem uralten Bilde die dunkle Färbung auch bei Copien bei, wenngleich man die Härten des byzantinischen Styles etwas milderte. Obwohl die Bilderstürmer einen großen Theil dieser kostbaren Bilder vernichteten, so haben sich doch einige bis auf unsere Zeit erhalten; so gehört das Gnadenbild zu Czeustochau nach dem einstimmigen Urtheile der Kunstkenner der byzantinischen Periode an. In der Augustiner-Stiftskirche zu Altbrünn befindet sich ein auf Cypressenholz gemaltes schwarzes Marienbild, das entschieden byzantinischen, wenn nicht noch älteren Ursprunges ist, da es eine höchst einfache Schattirung hat und auch die Goldstriche an der Schattirung fehlen; dabei ist die Farbe welche mit Harz gemischt ist, so dick aufgetragen, daß das Bild massiv aussieht, und selbst das bereits morsche Cypressenholz deutet auf ein sehr hohes Alter hin. Im Jahre 513 wurde dieses Bild in der unteren Stadt (Suburbium) von Mailand von dem Bischöfe Fustorchius, welcher dasselbe von dem griechischen Kaiser Anastasius erhalten hatte, zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt und verblieb daselbst bis zur Zerstörung Mailands durch Friedrich I. (1163). Dieser schenkte das bereits als Gnadenbild weit und breit berühmte Muttesgottesbild dem Böhmenkönige Wratislaw, welcher dasselbe in der Hauskapelle der Köuigsburg zu Prag aufbewahren ließ; im Jahre 1356 schenkte Kaiser Carl IV. dieses kostbare Bild dem Markgrafen Johann von Mähren, welcher dasselbe in der von ihm erbauten Augustinerkirche St. Thomas bei Brünn zur öffentlichen Verehrung aussetzte. Im Jahre 1736 wurde dieses Gnadenbild, welches IMIIuckmm Ickruneima und Osiuinn Ncwuv genannt wurde, in überaus feierlicher Weise gekrönt und 1788 auf ausdrücklichen Befehl Kaiser Joseph's II. nach Altbrünn übertragen. Aus dem Gesagten geht also hervor, daß die schwarzen Madonnenbilder zu den egyptischen Götzenbildern auch nicht in der entferntesten Beziehung stehen, sondern daß sie entfchieden byzantinischen Ursprunges sind, daß sie also echt christliche Kunst schuf un- daßnnan sie jahrhundertelang vor den Kreuzzügen bereits kannte; zugleich muß die von der „Jllustrirten Zeitung" gegebene Erklärung so lange als gedankenloses Märchen betrachtet werden, als für die Nichtigkeit derselben nicht stichhaltige Beweise erbracht werden, und das dürste ungleich schwerer fallen, als durch eine unüberlegte oder absichtliche boshafte Behauptung das Zartgefühl der Katholiken zu verletzen. Miseellen. (Der langweilige Domino.) (Herr von Moswedel geht jedes Jahr als Domino auf den Maskenball und steht da stumm und langweilig an der Wand — zum Aerger der jungen, lustigen Damen.) — „Du, Anna," sagt einmal eine Maske zur anderen, „da schau den Domino dort drüben an — der steht noch vom vorigen Jahre da!" 32 (Ein Wort für Töchter) Seiner 20jährigen Tochter widmet ein Vater nachstehende Worte: „Ich will heute mit dir von deiner Mutter sprechen. Vielleicht hast du wahrgenommen, wie sorgenvoll sie aussieht. Du hast daran Schuld, aber Du solltest ihr die Sorgen verscheuchen. Du mußt damit anfangen, daß du Morgens bei Zeiten ausstehst, und das Frühstück bereitest; wenn dann die Mutter in die Küche kommt und überrascht ist, dann küsse sie und sage ihr, daß es nur in Ordnung ist, wenn du ihr hilfst. Du hast keine Ahnung wie das sie freuen wird. Außerdem bist du ihr noch einige Küsse schuldig. Vor vielen Jahren, als du noch ein kleines Mädchen ivarst, da küßte sie, wenn du in der Fieberhitze lagst, dein geschwollenes Gesichtchen, wenn Niemand anders es that. Damals sahst du nicht so hübsch aus wie jetzt. Und wenn du deine kleinen schmutzigen Hände blutend oder zerquetscht vom Spielplatz nach Hause brachtest, dann hat die Mutter dir den Schmerz davon hinweggeküßt. Und die Tausend- von Küssen, mit denen sie dich, wenn du Nachts unruhig träumtest, beruhigt hat — wenn sie sich über dein Köpfchen beugte, um die bösen Träume zu verscheuchen — sie haben die langen Jahre hindurch Zinsen bringen sollen, die du abtragen mußt. Es ist wahr, sie sieht nicht so hübsch aus wie du, nicht so zum Küssen einladend, aber wenn du ihr die letzten acht Jahre einen Theil der Arbeit abgenommen hättest, dann würde der Contrast wohl nicht groß sein. Ihr Gesicht hat jetzt viele Falten, wenn du aber einmal krank würdest, dann würde ihr Gesicht, wenn sie Tag und Nacht an deinem Bette wacht, dir wie ein Engels-Antlitz erscheinen, und die Falten in dem lieben Gesicht wie ebenso viele helle Sonnenstrahlen. Es wird ein Tag kommen, an dem sie dich verlassen wird. Wenn ihr die Sorgen der Haushaltung nicht abgenommen werden, wird sie bald von dir gehen. Dann werden diese von der Arbeit hart gewordenen Hände die so viel für dich thaten, über ihrer Brust gefaltet sein, und das Herz, das so warn, für dich geschlagen, wird dann still stehen! Die Lippen, die dir den erste» Kuß im Leben gegeben und die du viel zu selten im Leben geküßt hast, werden für immer geschlossen und die müden matten Augen nur noch in der andern Welt offen sein. Dann, Kind wirst du deine Mutter schätzen — aber es wird zu spät sein!" (Vereinfachung.) Landschullehrer: „Also wieder vor der Schule gerauft, Ihr Nangen! Das will ich Euch doch einmal abgewöhnen. Zur Strafe thut Ihr Euch ein» ander sogleich fünf Minuten laug ordentlich beuteln!" (Die neueste Rabatt form.) Ein Deutsch-Amerikaner, der seine Doktorrechnung bezahlen sollte, machte folgenden Vorschlag: „Well, Doktor, da mein kleiner Junge sämmtliche Nachbarskinder mit den Masern angesteckt und Sie dieselben behandelt haben, so wäre es nicht mehr wie billig, wenn Sie zehn Prozent von Ihrer Forderung strichen." (Bei der Jnspizirung.) „Wissen Sie, Wer ich bin?" — „Der Herr Brigadier!" — „Nun, an was erkennen Sie mich?" — „Ja, der Herr Korporal hat g'sagt: Wann a' General kommt, dem die Stauden bei di Ohrwasch'ln 'rauswachsen, — das ist der Brigadier!" (Aus der Kinderstube.) Mama: „Ich muß Euch leider sagen, daß ich mit Euch sehr unzufrieden bin." — Das Kleinste: „Das ist schade, Mama — wir sind'mit Dir sehr zufrieden!" (Kurze Antwort.) Reisender: „Ich habe gehört, daß auf der Alpe hier der Sonnenaufgang so prächtig zu sehen ist; ich möchte das Naturspie! genießen. — Wann geht die Sonne hier gewöhnlich auf?" — Bauer: „Meistens in der Fruah." (Vorsicht.) „Warum tragen Sie denn zwei Schirme bei sich, Herr Professor?" — „Ja sehen Sie, weil ich so vergeßlich bin und immer einen stehen lasse." Auslösung des Original-Räthsel in Nr. 2: „Bette. — Kette. — Mette. — Wette." Für die Redaktion verantwortlich Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unternaktunggökatt i»r „Äugslmrger Postzeitung." Nr. 5. Mittwoch, 17. Januar 1883. Der HieuHirant freit. Eine Heiralhsgeschichte, erzählt von Klara Reichn er. (Schluß.) Während seines Spazierganges überdachte Lieutenant Adrian noch einmal sich den Feldzugsplan, und trat dann guten Muthes wieder in sein Zimmer, gerade als Kaspar Mayer mit Kennerblicken die allerdings sehr blank geputzten Knöpfe der Paradeuniform betrachtete. „Doch — mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten!" — Kaum hatte er die Thür geöffnet, als schon der Bursche diensteifrig aus ihn zugestürzt kam, indem er ihm ein Schreiben präsentirte, das die Hiobspost enthaltend, daß der plötzlich aus allen seinen Himmeln gestürzte Lieutenant um gerade dieselbe Zeit, welche so entscheidend hatte auf sein Geschick einwirken sollen, in einer dienstlichen Angelegenheit zu seinem Oberst kommandirt wurde, ohne daß er im Stande war, mit Gewißheit vorauszusehen, bis wann er wieder sein eigener Herr sein dürfte. Was war da zu thun? Von einer Opposition konnte natürlich keine Rede sein» ebenso wenig aber war daran zu denken, rechtzeitig zum Mittagessen um 1 Uhr bei Herrn Korbinian Noth eintreffen zu können! Umsonst also alle schönen Vorsätze — dem guten, alten, d^tschen Sprichworts folgend — der Frau Schwiegermama in «p«; alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen und den ganzen Aufwand an vorhandener, persönlicher Liebenswürdigkeit vor ihr zu entfalten, denn: „Willst Du gern die Tochter han Sieh vorher die Mutter au!" — Mit einem innerlichen Seufzer der Resignation ergab der arme Lieutenant sich in sein Geschick, alle dienstlichen Pflichten in diesem Augenblick zum Kukuk wünschend! Es blieb aber nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen und in Gottes Namen ruhig zu Haus allein zu essen, wie er meist zu thun, pflegte (unsere Geschichte spielt nämilch noch vor der Zeit der allgemeinen Einführung von Ossizier-Speiseanstalten), an den Vater seiner Angebeteten aber einige Zeilen zu richten, des Inhalts, daß leider die Dienstpflicht ihn zu kommen hindere. Diese Zeilen übergab er seinem Burschen mit den Worten: «Hier! An Herrn Privatier Roth, Glückstraße 12, 1 Stiege hoch. Sofort hintragen und abgeben! Nimm auch den Speisekorb und bringe mir gleich das Essen mit!" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" Und Kaspar Mayer entfernte sich mit dem Billet und dem Speisekorb für das Mittagsessen, während der arme Lieutenant ziemlich unmuthig seine Toilette wechselte. Als der Bursche zurückkam stand er bereits zum Ausgehen gerüstet da, aber der Sonnenschein aus seinen sonst so frohen Zügen waren für den Augenblick verschwunden. Nun mochte es vielleicht lange genug dauern, bis wieder einmal eine so günstige Gelegen- 34 hsit sich finden würde, ganz abgesehen davon, bah es ja auch Leute in der Welt geben sollte, welche ungerechtermeise den Unschuldigen leiden lasse», wofür der Arme gar nichts kann — kurz und gut, der Lieutenant befand sich in einer keineswegs rosenfarbenen Stimmung, als Kaspar Mayer mit einer gewissen Feierlichkeit wieder in's Zimmer trat, den Speisekorb sorgfältig in der Lmnd trauend, aus welchem gar liebliche Düfte verlockend hochstiege». Der Lieutenant war indessen durchaus nicht gegenwärtig in der Stimmung, um dergleichen zu bemerken, obwohl er sonst den Tafelfreuden gar nicht abhold war, und größtentheils nur aus dem Grunde, um gemächlich in seinen vier Pfählen es sich in Ruhe schmecken lassen zu können, es nicht vorzog, sein Mittagessen — namentlich bei chlechtem Wetter — aus dem nahen Wirthshause holen »» lassen, anstatt in dem un- gemüthlichen Gastzimmer zu tafeln. Erst, als der Bursche ihm die Suppe auftrug, und der Lieutenant den ersten Löffel in den Mund gleiten ließ, wurde er plötzlich aufmerksamer und hielt mit Essen inne. Ja — was war denn das? Eine so vortreffliche Suvve hatte er ja noch nie im Wirthshause gegessen, selten sogar anderswo. Er schüttelte den Kopf, aß aber ruhig weiter, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt erst, daß entweder der Appetit beim Essen kommt, oder daß er, ohne es zu merken, einen ganz respektabel» Hunger gehabt hatte. Während er sich so in seine Aufgabe vertiefte, daß er momentan sogar den Schmerz der eben erst erlittenen Enttäuschung schwinden fühlte, trug Kaspar Mayer mit Stolz einige neue Schüsseln auf, bei deren Anblick der Lieutenant plötzlich hochfuhr. Filetbraten, Hühner mit Kompot — der Lieutenant sah nichts weiter — er achtete auch nicht des süßen Duftes, der verlockend hochstieg. „Das ist aber doch zu toll!" rief er. „Was fällt denn der Wirthin heute ein?" Dabei sah er den Burschen an, als erwarte er von ihm eine Aufklärung der wunderbaren Thatsache, wieso sein sonst ziem ich frugales Mahl sich plötzlich wie durch Feen- hände in ein so reichliches und seltenes umgewandelt habe. „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sagte Kaspar Mayer. „DaS sagte ich dem Fräulein auch, nämlich, daß wir eigentlich so etwas Feines gar nicht gewöhnt sind!" „Dem Fräulein? Welchem Fräulein denn?" fragte aufspringend der Lieutenant, dem plötzlich aller Appetit vergangen war, denn die Ahnung von etwas^Entsetzlichem sing an in ihm aufzudämmern. „Zu Befehl, Herr Lieutenant, Fräulein Noth, zu deren Herrn Vater ich ja eben erst gegangen bin." „Und Fräulein Noth hat Dir — — —?" Der Lieutenant vermochte den Satz nicht zu vollenden, indessen Kaspar Mayer ganz unbeirrt fortfuhr: „Zu Befehl, Herr Lieutenannt! Fräulein Noth hat mir das Essen gleich mitgegeben und recht freundlich hat sie dazu gelacht, als ich ihr sagte, daß ich das Essen für den Herrn Lieutenant gleich mitbringen sollte, wie sie mir das Billet aus der Hand nahm!" „Unglücksmensch!" Mehr vermochte der Lieutenant einstweilen nicht hervorzubringen. Er mußte sich erst sammeln — das aber Vernommene war zu überwältigend für ihn. War es denn glaublich! Auf viel war er bei seinem neuen Burschen gefaßt gewesen — auf so viel Mangel an Verstandesüberfluß indessen doch nicht! Hatte der Mensch, anstatt im Wirthshaus das Essen zu holen, diese» Auftrag bei Herrn Korbinian Noth, an Fräulein Mina ausgerichtet! Mißgeschick ohne Gleichen! Was würde Herr Korbinian, was seine Gattin von solcher Dreistigkeit sich denken — noch dazu bei einem Gast, den man zum allerersten Mal zum Essen eingeladen! Was mußte Mina sagen! Freilich hatte sie gelacht, freundlich gelacht, wie Kaspar Mayer sagte, also konnte das Uebel wohl nicht gar so schlimm 35 sein nach dieser Richtung hin. aber die Mutter, die künftige Schwiegermutter, diese vor allen Dingen wußte erst versöhnt werden durch irgend eine Aufmerksamkeit, eine Ent» schuldigung. „Schwiegermutter — Tiegermutter l" sagt ja der Volksmund. Der Lieutenant war bei diesen unerquicklichen Betrachtungen mehrmals mit starken Schritten durch das Zimmer hin- und hergelaufen, während sein Bursche, an die Thür gedrückt, mit fragendem Blick« jede seiner Bewegungen verfolgte. Ihm mochte es wohl unerklärlich dünken, wie ein vernünftiger Mensch es vorziehen könnte, im Zimmer herumzurennen, anstatt die delikate Mahlzeit zu verzehren, die nun ungegessen kalt wurde. Endlich blieb der Lieutenant stehen, und zwar dicht vor Kaspar Mayer, der wie ein armer Sünder vor ihm stand. Es war Licht geworden in dem arbeitenden Kopf deS Lieutenant! Ja, so mußte es gehen — die Familie Noth, vorzüglich die beleidigte Schwiegermama in sxe mußte versöhnt werden um jeden Preis! Der Lieutenant faßte in seine Tasche, nahm seinen Geldbeutel heraus, entnahm diesem ein Fünfmarkstück, und sagte mit sehr deutlicher Betonung langsam: „Kaspar Mayer! Mensch! Mach' daß Du fortkommst, aber erst mach'Deine Ohren auf und höre! Was ich mit Dir beginnen soll, zur Strafe für Deine grenzenlose Bornirt- heit, weiß ich im Augenblick noch nicht — das wird sich später finden! Jedenfalls wird meine Verzeihung und Deine Strafe davon abhängen, wie Du jetzt meinen Aufrrag ausrichtest! Also — Tu gehst sofort hin zum Konditor an der Ecke, kaufst für fünf Mark eine schöne Torte — ich sah solche selbst vorhin im Fenster stehen — und trägst sie zu Herrn Noth. Schreiben kann ich jetzt nicht mehr, weil ich fort inuß — es ist die höchste Zeit. Also sagst Du Herrn Roth in meinem Namen, daß Du ein Dummkopf vorhin warst, und daß ich vielmals um Entschuldigung bitten lasse, und inzwischen diese Torte freundlichst anzunehmen bitte, bis ich nachher selber komme, und hoffe, sie mitverspeisen zu dürfen! Hast Tu mich verstanden, Kaspar Mayer?" Kaspar bewies sein diesmal richtiges Verständniß durch ziemlich richtiges Wiederholen der ihm vorgesagten Worte, worauf der Lieutenant etwas beruhigt das Haus verließ. Die dienstliche Angelegenheit beim Oberst war schneller erledigt, als er es selbst geglaubt, und, so kam es, daß der Lieutenant schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit mit Sturmesschritt nach Hause eilen konnte, um das Resultat der neuen Mission, die er seinem Burschen ertheilt, zu hören. „Nun?" war sein erstes Wort, als der Bursche mit seinem dummen Gesichte freundlich ihm entgegentrat, und den Helm ihm abnahm. „Nun? Wie ist die Sache abgelaufen?" Kaspar zeigte nach dem Tisch. „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Da liegen die fünf Mark!" sagte er, wie Jemand, der sich bewußt ist, seinen Auftrag glänzend ausgeführt zu haben. „Die fünf Mark?" wiederholte der Lieutenant! „Habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest eine Torte für fünf — fünf Mark besorgen?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Aber gerade deshalb sagte ich auch zur Frau Noth, die mir die Torte abnahm, die Torte hätte fünf Mark gekostet und nicht zwei! Kein Konditor könnte eine solche Torte um zwei Mark hergeben — auch nicht der an der Ecke, bei dem die hier gekauft wäre — sie brauchte nur zu fragen." „Mensch!" schrie jetzt der Lieutenant, roth vor Zorn. „Was hast Du wieder angestellt? Wirst Du wohl reden?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sprach Kaspar Mayer mit unerschütterlichem Gleichmut!). Ich ging zum Herrn Noth, gab der Frau, die mir entgegenkam» die Torte» und sagte dazu genau Alles, was mir Herr Lieutenant aufgetragen haben. Darauf nahm sie die Torte und gab mir ein Zweimarkstück. Da das aber doch zu wenig war, weil ja die Torte beim Konditor fünf Mark gekostet hat, sagte ich das, und da gab sie mir noch drei Mark, und meinte: „einen recht schönen Gruß an Herrn Lieutenannt, und er würde erwartet, sobald sein Dienst zu Ende sei!" 36 Die Scene, die nun folgte, entzieht sich der Beschreibung, denn es ist wahrscheinlich, baß der sonst so gutartige Lieutenant sich in seinem Zorn soweit vergaß, durch Thätlichkeiten, deren Zielscheibe Kaspar Mayer war, diesem gerechten Zorns Luft zu machen, ohne Rücksicht darauf, ob das Recht der körperlichen Züchtigung ihm auch zustehe, ob nicht. Das Ende aber von des Lieutenants Freiere!? — Es war trotzdem ein gutes, denn so peinlich ihm auch erst das Wiedersehen der Familie Noth erschien, seine Bitte um Entschuldigung ward nicht in deren Luft gesprochen — im Gegentheil, es ward ihm gern verziehen, und in Mina's munteren.Augen stand überdies so viel Ermuthigung geschrieben, daß der Lieutenant hätte ein großer Thor sein müssen, wenn er es nicht verstanden, die beredte Schrift zu lesen, und so geschah es, daß er als Bräutigam der hübschen Mina Abends heimkehrte, und endlich glücklich in der Ehe Hafen einlief, was er auch nie bereut hat. Und Kaspar Mayer? — Blieb als getreuer Pudel auch im neuen Haushalt seines Lieutenants, und zwar auf besondere Fürbitte der Frau Lieutenant Mina Schnell geb. Noth, denn es ist ja nichts mehr zu befürchten, daß er nochmals dumme Streiche macht, wen» — der Lieutenant freit. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. I. So überraschend reichliche Schätze hat der fruchtbare Boden der classisch-hellenischen Welt lange Zeit nicht hergegeben, wie in den letzten zehn Jahren. Wenn die Resultate dieser erfolgreichen Bemühungen der Alterthums-Wissenschaft aller Culturstaaten zu gute kommen, der Ruhm, sie veranlaßt und mit Consequenz durchgeführt zu haben, gebührt deutschen Forschern. Im alten Mykenä und der Ebene von Troja war es der mecklenburgische Landsmann Heinrich Schliemann, der alle» Einwendungen zum Trotz suchte und fand: auf der Akropolis von Pergamon entdeckten Karl Human» und Conze umfangreiche Marmorwerke von hohem geschichtlichen und ästhetischen Werthe und führten sie nach Berlin, und im alten Elis am rechten Her des Alpheios wurde auf Ernst Curtius und Fr. Adlers Anregung, durch Hirschfeld, Bahn, Treu, Dörpfeld u. a. in sechsjähriger angestrengter und nicht immer gefahrloser Arbeit die „Altis", die alte Stätte der olympischen Spiele, bloßgelegt und Werke gefunden, welche Belege für eine mehr als tausendjährige ununterbrochene Kunstübung bilden. Die Ausgrabungen in Olympia sind unter den eben genannte» Leistungen nicht nur die mit der meisten Berechnung und Ueberlegung unternommenen, sondern auch recht eigentlich die erste That des geeinigten Deutschlands auf rein idealein Gebiete. Und da dieses kühne Werk jetzt zu einem glücklichen Ende geführt ist und die fünf Bände der Berichte geschloffen vor uns liegen, so ist es wohl an der Zeit, den Werth des Erreichten für die Alterthumswiffenschaft, sowie für die Kultur- und Kunstgeschichte abzuschätzen; er ist in der That nicht gering, aber auch nicht mit wenigen Worten zu bezeichnen. Um ihn beurtheilen zu können, muß die Stellung, welche der Cultus des olympischen Zeus und der mit demselben verbundenen Festspiele im Leben der hellenischen Stämme eingenommen hat, präcisirt werden. Als die Dorer in die „PelopS-Jnsel" erobernd einzogen, um sich in mehrhundert- sährigem Kampfe in den Besitz der schönsten und reichsten Landschaften Griechenlands zu setze», wurden die dort ansässige» „Achäer" zum Theil vertrieben, zum Theil geknechtet; «inzelne der Stämme aber machten ihren Frieden mit den rauhen Eroberern, die das von hnen vertretene Recht des Stärkeren später durch mythische Ansprüche, als „Erben des . Herakles", zu maskiren suchten. Die Bewohner der milden und fruchtbaren Landschaft Elis im Westen der „Pelops-Jnsel" traten bald in bundesgenössische Beziehungen und zu den Dorern im Eurotasthale, den Spartiaten, uyd die seit Urzeiten von den Einwohner» gepflegte Cultusstätte am rechten Ufer des Alpheios, etwa 20 Kilometer oberhalb der Mündung des Flusses, gewann Bedeutung auch für die Spartaner, welche sich 37 an den alle vier Jahre mit besonderem Glänze gefeierten, großen Opferfesten betheiligten. Die wachsende Macht Spartas, welche mit der Ausbreitung des hellenischen Wesens über einen beträchtlichen Theil der Mittelmeerküsten zusammenfällt, steigerte naturgemäß das Ansehen der von ihnen protcgirten Zeu-Feste in Olympia, so daß dieselben allgemach zu einem allgemeinen Nationalfeste aller Hellenen heranwuchsen, eine Stellung, welche die pythischen, isihmischen u. a. „Spiele" nie erreicht haben. Die olympischen Götterfeste können das Verdienst beanspruchen, der hellenischen Welt eine Art idealen Mittelpunkt gegeben zu haben in einer Zeit, da dieselbe sich von dem Asom'schen Meere bis zur Nhonemündung, von der libyschen Wüste bis zum Vesuv hin ausgebreitet hatte, und in allen diesen Gegenden blühende selbstständige Gemeinde« wesen entstanden waren. Aehnlich wie unsere „Messen- ihren Namen von Kirchenfesten erhalten habe», dann aber mehr und mehr weltlichen Zwecken dienten, so wurden bei den alle vier Jahre stattfindenden Zusammkünften neben der religiösen Festfeier offenbar noch merkantile und sonstige Nebenzwecke verfolgt und erreicht. Daß nun jene Cultnsslätte am Alpheios zugleich den wichtigsten Einfluß auf die Entwickelung der bildenden Kunst erlangte, hat seinen Grund in einer Besonderheit der Ncligionsübung der Griechen. Alan vermeinte, den Göttern keine werthvollere Gabe darbringen zu können, als den durch Fleiß und Uebung zur Kraft, Gesundheit und Schönheit entwickelten Körper des Mannes. Dieses ist die Idee der Wettspiele („Agonen") zu Ehren der Gottheit. Gleichzeitig setzte sich die Sitte fest, den Siegern Monumente zu errichten, und nach mehrfachem Siege durfte dasselbe ein Biidniß des Betreffenden sein. Wenn alw der Bildner« hier die stets neue und schöne Aufgabe gestellt wurde, den Leib eines kräftigen und entwickelten Mannes oder Jünglings in den verschiedensten Haltungen darzustellen, so hatte der Künstler auf den Uebungsplätzen der Knabe» und Männer (den „Gymnasien") zugleich eine unvergleichliche Schule, um Körperbau,'Mus- kalatur u. s. w. zu studiren, eine Schule, wie sie der modernen Kunst durch alle „Actsäle" unserer Akademicen nicht im entferntesten geboten werden. Wir haben also bei diesen „Agonen" eine ganz eigenthümliche und sonst nicht bekannnte Vereinigung von religiösen, künstlerischen und rein menschlichen Motiven, wie sie jafreilich dem Charakter des Griechen« thumS auch sonst entspricht, und an die man sich gewöhnen muß, wenn man verstehen will, um was es sich in Olympia gehandelt hat. (Pr. Kr. Ztg.) Gol-körrrer. Jedes Ceclenleid hat seine warmen Thränen, die manche stechende Eiszacke der Empfindung weg schmelzen, nur die Eifersucht hat sie weht, und das trockene, verkohlte Auge zeigt den dürren Grund eines ausgebrannten Kraters. Jeder Schmerz hat seine» Schlummer, der ihn in Vergessenheit wiegt: nur die Eifersucht wacht immer, und kein schmeichelnder Traum gibt ihr zurück, was ihr der Tag genommen. . Bürne. Und wie war' es nicht zu trage», Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt, und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf: Und nur eine jet'ge Stunde ' Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn es lächelnd sich dir beut: In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Mißgeschick, Lächle lege, hoffe weile Auf den nächsten Augenblick. Geibel. 98 Der Httnger irn- der Appetit. Viele Menschen werfen diese beiden Worte ineinander und meinen, sie wären völlig synonym oder mindestens so in Napport miteinander, daß man sie verwechseln könne. Daß dem nicht so ist, darüber geben uns die physiologischen Studien zweier renomniirter Aerzte, des Dr. Leven und Dr. Fournw genaue Auskunft. Der Hunger ist nach Du Leven das lebhafte Verlangen, das uns wünsche» läßt, irgend etwas zu genießen, um das Gefühl der inneren Leere zu beseitigen. Der Appetit ist hingegen ein koinplizirteres Gefühl, das uns nicht nur wünschen läßt, irgend etwas zu essen, sondern auf ganz besondere Gerichte hinzielt, die unsern Gaumen und die GeschmackSnerven angenehm reizen. Das alte Sprüchwort: „i'nMk-tit vienr an mongeunt", rechtfertigt die Erklärung des Herrn Leven; denn gewiß ist, daß unser Appetit durch den Anblick gewisser Gerichte, wie durch den Geruch derselben erregt wird, obwohl wir vorher, ehe wir dadurch angeregt wurde», keinen Hunger verspürten; ebenso werden durch Speisen, die uns unangenehm, schon in ihrem Duste widerwärtig sind, die Erregungen des Appetits, den wir zu haben meinten, völlig herabgedrüät. Dr. Fouriö gibt eine andere, mir scheint noch richtigere Definition der beiden Empfindungen; er betrachtet den Hunger als das unerläßliche Be- dirrfniß, das nicht so wählerisch in den Speisen ist; denn in der Noth nimmt man mit Speisen vorlieb, die man sonst nicht anrührt; «in der Noth frißt der Elephant Mücken" — ist sehr bezeichnend dafür; während der Appetit das Gefühl eines Vergnügens ist, das die Befriedigung der Nothwendigkeit begleitet. Der Unterschied zwischen beiden ist nicht gerade die Hauptsache, denn Bedürfniß ist beides, nur der Hunger das Pressantere. Wo aber ist der Sitz des Hungers? Alan weiß es nicht, sagt D/. Leven, während Dr. Langet und Schiff behaupten, daß derselbe nicht im Magen, sondern im ganzen Organismus liegt; „ein offenbarer Irrthum", ruft Dr. Fournie. Man bedenke nur, daß bei " Fieberkranlheiten, wie bei chronischen Leiden man die Menschen wegen Mangel an Nahrung hinsiechen und sterben sieht, ohne daß die Empfindung des Hungers sich bei ihnen geltend macht. Fourniö verwirft auch Leven's Behauptung, daß der Sitz des Hungers als unbekannt erwiesen sei. Eine gründliche Analyse der Phänomene des Lebens, sagt er, gestattet uns, darzulegen, daß alle Organe ohne Ausnahme ihren Ausgangspunkt in der Empfindung haben, die wir unter dem Namen: „Nothwendigkeit des Funktionirens", bezeichnen. Selbstverständlich hgt der Vcrdauungsapparat auch seine Nothwendigkeit, thätig zu sein, und dieses Bedürfniß drückt man durch die Empfindung aus, der man ^ den Namen „Hunger" gegeben hat. Trotz der Enthaltsamkeit vollzieht sich die Absonderung ; die Gewebe ernähren und erneuern sich; daher setzen sich auch, die Absonderungen der Magendrüsen fort, und wenn der gewohnheitsmäßige Augenblick des Einnehmens von Nahrung herantritt, dann sind die Magendrüsen vollsäftig und zum Funktioniren bereit, d. h. das Verdaute herauszuwerfen. Die darin vorübergehende Stockung ist es, die uns die lokalisirte Empfindung des Hungers verursacht. Fourniü's Ansicht beschränkt sich mithin darauf, daß es genügt, den Magendrüsen Gelegenheit zu gebe», sich zu entleeren, um momentan die Empfindung des Hungers verschwinden zu machen; es kommt nur darauf an, irgend einen Körper, ernährungsfühig oder nicht, in den Magen zu bringen, so wird derselbe, indem er die Verdauungsthätigkeit der Magendrüsen hervorruft, die Empfindung des Hungers besänftigen. Es ist zieimlich allgemein bekannt, saß die Indianer tagelang das prinvolle Gefühl des Hungers dadurch bewältigen, daß sie ganze Stücke von Thonerde verschlingen, von der sie meinen, sie sei auch nahrhaft. Fourniö schließt, indem er sagt, daß das Gefühl des Hungers, weit entfernt, der Ausdruck jener organischen Schwäche zu sein, ganz im Gegentheil das momentan höchste Lebensbedürfniß ausdrückt, das seinen Sitz in den Magendrüsen hat; daher ist der Sitz des Hungers nicht so unbekannt, als Dr. Leven es annimmt. Wir sind sehr geneigt, die Theorie des Dr. Fourniä als die durchaus richtige anzuerkennen. 39 Des Mild schuhen Rettung. Ballade. Das war der Wildschütz in hohem Wald, Der arme Wilduhütz so nah dem Grad: Die Beeren sucht er aus grünem Spalt Und schlürft den Thau von den Blättern ab. Er hat verloren den sichern Weg, Er irrt umher schon den dritten Tag, Und findet nimmer den alten Steg, Und hört nicht Uhren- und Glockenjchlag. „Und noch ein Tag, und ich find' ihn nicht," — So flucht er wild in den Wald hinein - — „Doch wird das Tannengezweig hier licht; Wird doch ein Ausgang, kein Hohlweg sein!" ,Jch hab' geirrt, und ich dacht' es gleich! — Gut steckt die Kugel, — was liegt daran? — Ob heut', ob morgen ich eine Leich,- Was sollst Du leiden noch, armer Mann?" Er hat's gesprochen, den Hahn gespannt, Und schallt iu's Dunkel noch einmal lang, Ulld wie ein Steinbild er droben stand, Schweißtropfen per eu ihm von der Wing'. Dann späht er wieder und fragt und flucht, Ob Hilf', ob Rettung denn keine wär'; Scheu rüst der Uhu in schwarzer Schlucht, Das Echo gibt Antwort dumpf und schwer. Wild reißt den Rock er vom Leib herab, Una theilt das Hemd und entblößt die Brust: „Hier ist des Wilderers wildes Grab!" Spricht halb in Schmerz er und halb in Lust. Doch auf der Brust mit der kalten Hand Der Wilderer fühlt ein Medaillon: AIs er beim Sterben der Malter stand, Da gab mit Weinen sie's ihrem Sohn. Längst war vergessen das Kleinod werth» Jetzt sah cr's wieder und sah's so lang; — Er wirst sich betend zur grünen Erd' Und eine Thräne rann von der Wang'. Er macht sich auf durch den dunklen Wald, Im jungen Herzen ein Bittgebet; Sieb dort, sieh dort eine Frauen gestalt Die Reiser sammelnd im Hochwald stehtI „Ich hab verirrt mich im Dickicht hier, Drei Tage renn ich im Wald dahin: O zeigt den Ausweg in Güte mir, Nicht sollt ohn' Lohn Ihr von dannen zieh'nl Erbarmen faßte die alte Frau, Sie führt den Wildrer zum kühlen Trank, Und zeigt den Weg ihn, durch's Dickicht grau: „O guter Engel, habt meinen Dank!" Er drückt der Alten so, fest die Hand Und sah ihr Auge wie Perlen klar, Sein Herz ein Ahnen so tief empfand: Ob nicht die Frau «eine — Mutter war? bl. U. M L s e e l l e n. (Louis Vlanc.) Französische Blätter erzählen folgende Neminiszenz aus den Jugendjahren des verstorbnen Publizisten Louis Blanc: „Er kam nach Paris ohne Geld, ohne Freunde und verfiel gleich so manchem Andern aus Noth auf den Gedanken, Journalist zu werden. Louis Blanc verfaßte einen Artikel, der die damalige politische Lage besprach, und eilte, sein Manuskript in der Hand, in das Nedaktionsbureau eines großen Journals. An der Thür angelangt, verließ ihn plötzlich der Muth und er zögerte die Glocke zu ziehen. Hinter LouiS Blanc stand ein robuster Zeitungsausträger, der bei dem Seelenkampfe des Schriftstellers unwillig den Kopf schüttelte. Endlich ward dem Manne die Zeit zu lang, er öffnete d.ie Thür und stieß Louis Blanc vor sich hinein.' Der Schriftsteller taumelte in die Arme eines Herrn, dieser nahm ihm das Manuskript aus der Hand und versprach für den nächsten Tag die Entscheidung. Als Louis Blanc die Antwort zu holen kam, bot man ihm sofort eine Stelle als Redakteur mit einem Gehalt von 300 Franks. So oft der neue Neda'teur dem erwähnten Austräger begegnete rief er: „Das ist der Mann, welcher mir zuerst vorwärts geholfen!" (Vom Manöver.) General I. operirt zur Zeit des Manövers gegen General P. und hält in Begleitung zweier Adjutanten auf einer Anhöhe, von wo aus er den Operationen seiner Truppen mit größter Spannung folgt. Adjudant: „Ich'erlaube mir ganz gehorsamst zu bemerken, Herr General, daß es mir scheint, als ob der Feind dutch jene Bewegung beabsichtige, unsere linke Flanke anzugreifen." — „Unmöglich, mein lieber N., unmöglich! Bedenken Sie das Terrain geradezu ungangbar! Kann mir nicht denken, dxch General P. mit derartiger — ich möchte sagen brutaler Unverfrorenheit auf mich losgeht und so den Ochsen direkt bei den Hörnern anfaßt." 40 (Ersparnisse durch Nichtrauchen.) Zwei ältere Männer promenirten vor Kurzem in einer Vorstadt Wiens. Der eine von ihnen hielt sinnend einen glimmenden Cigarrenstummel im Munde. Sie gingen eben an einem netten, emstöckigen Häuschen vorüber. „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" frug der Nichtraucher. — „Londres zu 11", erwiderte der Raucher wehmüthig zwischen den Zähnen. — „Und wie lange rauchst Du schon mein Freund," setzte der Andere fort. — „Seit meinem 17. Lebensjahre, also seit 34 Jahren." — „Siehst Tu," meinte der Andere, „wenn Du all' das Geld nicht verraucht hättest, könntest Du jetzt schon Eigenthümer dieses wunderschönen Häuschens sein!" — „Sehr wahr, nur zu wahr'" erwiderte der Raucher im Tone resignirter Nachdenklichkeit. Nach Kurzem aber raffte er sich aus seiner Reflexion auf und sprach: „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" — „Ich?" frug erstaunt der Andere, Du weißt doch, daß ich nicht rauche!" — „So? Nun dann bitte ich Dich, mir das Häuschen zu zeigen, das Du Dir aus Deiner Cigarrenersparniü gekauft hast!" (Ein Handschriftenkenner.) Der Theater-Dnekior..««.» berühmt dadurch, daß er..weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Takle d'hote, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, und dann sollte sogleich gezogen und abgemacht werden. Der erwähnte Theaterdirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut; das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker B. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Zügel Das ist die Handschrift unseres Herrn Theatcrdireklors." (Dirk ant torri die.) Onkel Willibald hat gcheirathet, und das junge Paar wird zum Besuche erwartet. Endlich fährt her Wagen vor, der die neue Tante bringt; dieselbe wird von den Kindern, wahrscheinlich des mitgebrachten ConlecteS wegen, stürmisch begrüßt; nur der/leine Kurt sieht seiner Gewohnheit zuwider still dabei, die Tante fortwährend fixirend. Tante: „Nun, Kleiner, willst Du mir einen Kuß geben? Weshalb schaust Du mich denn so genau an?" — Der kleine Kurt: „Weißt Du, Tante, so dumm siehst Du doch nicht aus, als wie die Mama Dich beschrieben hat!" (Laspus in der gerichtlichen Rhetorik.) Präsident (bei Eröffnung des Schwurgerichts): „Wir beginnen die bevorstehende Sitzungs Periode heute mit einem wissentlichen Meineid: an den folgenden Tagen werden wir uns mit einem Morde, einem Raube, mit sechs verschiedenen Diebstählen im Nückfalle und mit Sittlichkeitsverbrechen beschäftigen, um haun endlich mit einem großartigen Betrüge und Schwindel zu schließen." (Das Vermächtniß.) Ein altes Weib tritt mit folgenden Worten unter die Stubenthür: „Madame, ich bitte schön um das wöchentliche Almosen, welches die alte Bärbel seither erhielt —> sie war eben eine gute Freundin von mir und hat mir beim Sterben das Almosen vermacht." (Demüthige Betrachtung.) „Gnädiger Herr ich habe Ihnen zu melden, daß heute Nacht Ihr Fuchswallach krepirt ist." — „Mein FuchSwallach krepirt! O Gott, was sind wir doch für gebrechliche Wesen." (Ein kleiner Redacteur.) Der Redacteur des „Kieze liVe^t Demokrat" ist nur 40 Zoll groß und wiegt nur 45 Pfund. Wenn Jemand mit einem Prügel in der Hand in sein Bureau kommt und fragt, „welcher Kerl den Artikel schrieb," schlüpft der Redacteur jn seinen Kleistertopf und macht den Deckel zu. (Bauernregeln für Januar.) Die Nenjahrsnacht still und klar — Deutet auf ein gutes Jahr. — Wenn im Januar Mücken geigen, — Müssen sie im Märzen schweigen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugslttlrger Postzeitung." Nr. 6. Samstag, 20. Januar 1883« Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus deni fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Nachdruck verboten.) I. Es war Vorabend vom heiligen Dreifaltigkeitsfeste des Jahres 1144. Die Sonne hatte sich hinter den Bergen des Schliersee-Thales zurückgezogen. Dämmerung war all- inählig in der Niederung eingetreten, nur die Zinnen der Felsberge erhielten noch den letzten glühenden Alschiedskuß des scheidenden Tagesgestirns. Da erklang vom Thurme der Stiftskirche zu Schliers die Aveglocke und ein leiser Lusthauch trug des Engels frommen Gruß durch's Thal in die Ferne und hinauf zu den Alpentristen. Stern um Stern zog am stillen Nachthimniel und mit der fortschreitenden Abkühlung der schmalen Gebirgsthäler mehrte sich der leichte Wellenschlag des See's, bis die nächtliche Kühle sich über Berg und Thal verbreitete und auch die Seefläche beruhigte und glättete. Aus der Dorsschenke hatten sich die wenigen Gäste entfernt und in den bescheidenen Häusern und Hütten der Handwerker und Söldner war's stille geworden. Nur vom Chöre der Stiftskirche her tönte noch der fromme Horagesang der Augustiner Chorherrn, bis auch dieser verstummte und die ernsten Gestalten aus der Kirche ihren Privatwohnungen zuschritten. Doch oben in der Waldecker Burg, welche sich hinter dem Weinbergs-Kirchlein auf halber Höh« des Schlierberges erhob, war das Söllerfenster der Frauenstube noch beleuchtet und ließ wahrnehmen, daß die edle Burgfrau, Agatha von Waldeck noch wache. Sie leite ja in schwerer Sorge um den geliebten Burgherrn, den tapfern und frommen Ritter Jörg von Waldeck, welchen vor einem halben Jahre der Hilferuf der Christen im kernen Ungarlande gegen die Türken fortgetrieben hatte aus den Armen der theuren Agatha» aus der trauten Burg und der schönen Heimath. Nicht vergebens drang der Aufruf des Papstes durch den Mund des Franziskaner- Predigers Johannes von Capistrano, des Christenapostels, wie ihn seine Zeit nannte, zum Kampfe der Ungläubigen in das Bayerland. Die zahlreichen Klöster sandten Boten nach allen Richtungen bis in die entlegensten Gebirgsthäler, in welche die Ritterburgen niederschauten, ernst und trotzig. Aber in diesen wohnten doch viele Männer von frommer Denkungsart, welche nicht säumten, da, wo dem Mitmenschen Gefahr drohte, einzustehen mit Leib und Leben und begeistert in weite Ferne zogen, wo es galt, für den Glauben zu kämpfen. Als daher am ersten Sonntage nach Epiphani dieses Jahres ein Abgesandter des Abtes Kaspar von Tegernsee die Edlen der Umgegend um ihres Seelenheiles willen aufforderte, sich dem kühnen Wojwoden Hunyadis in Ungarn gegen Murad II. anzuschließen, da trieb auch Jörgen die gläubige Begeisterung fort in fernes Land, vielleicht in tiefes Weh! — 42 Wer möchte den Schmerz der zwar glaubensstarken, aber sehr besorgten und treu liebenden Agatha schildern, der ihr Herz ergriff, als Jörg mit seinen Reisigen an einem kalten Wintermorgen auszog aus der Burg; wer möchte die Thränen zählen, die sie weinte, als der Theure am Westenhofer-Hügel noch einmal sein Roß wandte und nassen Auges den letzten Abschiedsgruß dem Söller der Burg zugewinkt! — Wenige Wochen später war Frau Agatha auf Anrathen ihres Beichtvaters, des Gelehrten und frommen Chorherrn, Pater Raimund, mit ihrer Zofe Martha nach Pienzenau gefahren, wo ihre mütterliche Freundin, die Wittwe Anna von Pienzenau als letzte Burgfrau daselbst lebte. Bei dieser edlen, durch herbe Schicksalsschläge gestählten Freundin hoffte sie Trost zu finden und sie fand ihn, denn Anna verband mit Herzensgute und Frömmigkeit, Verstand und hohe Bildung. Der längere Umgang mit der Wittwe, ihre belehrende Unterhaltung und ihre Fertigkeit im Harfsnspiele verschafften Agathen viele angenehme Tage, in denen ihr. die Sorge um den fernen Gatten doch einigermaßen erträglicher wurde, nachdem auch sie, im Kloster zu Frauenwörth im Chimsee erzogen, eine vorzügliche Sängerin und Lautenspielerin war. Von Zeit zu Zeit lud die Wittwe Chorherrn vom nahen Weparn zu sich auf die Burg, welches Kloster immer den Ruf genoß, daß die Musik dort eifrigst und mit Erfolg gepflegt werde. So verstrich der Winter und war der liebliche Frühling in die Vorberge gezogen und mit ihm neue Hoffnung, neuer Trost in manche Menschenscele. Agatha erwartete mit jedem Tage Nachrichten aus Ungarn, da seit Jürgens Abreise bereits mehrere Monde verstrichen waren und weil solche ausblieben, entschloß sich Anna von Pienzenau auf einige Wochen nach München zu gehen, wo eine Base als Hof-Fräulein der Herzogin Anna, der Gemahlin Albrecht des Frommen sich aushielt. Dort hoffte sie jedenfalls Kunde über Jörg von Waldeck zu erhalte», dann wollte sie heimkehren und den Sommer und Herbst auf Waldeck bei Agatha zubringen. Bald schieden die beiden Freundinnen, denn auch die Waldeckerin mußte auf die heimische Burg zurück, da ihr Kunde ward, daß der treue, alte Jäger Kurt bedenklich erkrankt sei und seine Tochter Martha, Agathens Zofe noch zu sehen wünsche. Der herrschaftliche Jäger hatte seine Wohnung auf der Halbinsel an der Westseite des See's, welche auf drei Seiten ziemlich steil gegen diesen abfällt, oben jedoch ein bewaldetes, nur nach Osten freies'Plateau bildete. Dort stand das Jägerhaus, aus Lerchenholz gezimmert und nur im Keiler und an den Heizvorrichtungen, wie dem Kamine in Mauerwerk ausgeführt. Man gelangte von dein an der Südseite angebrachten Eingänge aus in einen Hausflur. Der . Eingangsthüre gegenüber befand sich die Küche mit Speisekammer, darunter der gewölbte Keller. Rechts vom Eingangs lag die behagliche Wohnstube, deren Wände und Decke getäfelt, erstere mit Jagdgeräthe», Hirschgeweihen, Eemskrükeln und Bärentatzen geschmückt waren. Ein großer grüner Kachelofen erweckte das Gefühl der behaglichsten Wärme während des langen Winters. Hinter der Wohnstube lag die Schlafkammer des Jägers und seiner Hauswirthin Martha mit der große», zweischläfrigen Bettlade. Im Hausflur führte die Treppe mit Palustergeländer in den oberen Gaben und auf die Altane, welche diesen auf drei Seiten umgab. Drei Kammern bildeten dieses Stockwerk und eine derselben, die sogenannte gute Kammer enthielt in alterthümlichen, geschnitzten Schränken die Aussteuer der Tochter, der herrschaftlichen Zofe, Mariha; dann das Brautbett, sowie einige Truhen für Kleidungsstücke. An das Wohnhaus war ein kleiner Stall für zwei Kühe angebaut, an welchen sich lie Streuhütte anschloß. Ein Gemüse- und Blumengärtchen umgab das Jägerhaus auf drei Seilen und war der Stolz des alten Kurt, welcher verschiedene Alpenpflanzen in einzelnen Gruppen hieher versetzt hatte und dieselben sorgfältig pflegte. Der Jäger hatte bereits das siebenzigste Lebensjahr erreicht, war jedoch verhältniß- mäßig rüstig, denn er scheute keinen Aufstieg auf die Berge mit seinem jungen Gehilfen. Abgehärtet durch den so häufigen Aufenthalt in frischer Bergluft erhielt Kurt seinen Leib 43 gesund und kräftig, obwohl Haare und Bart längst erbleicht waren. Erst vor wenigen Tagen hatte den hübschen alten Mann Unwohlsein befallen, welches sich so rasch ver» schlimmerte, daß Pater Markus von Schliers, welcher häufig bei Kurt's zusprach, sich entschloß, die Tochter an des Vaters Krankenlager zu rufen. Hinter dem Jägerhause führte ein schmaler Fahrweg an den Breitenbach und über denselben zur Mühle Rauhenstein — jetzt Waxenstein — über welcher sich ein waldeckischeS Jagdhaus erhob. Dieses war für Jagdgäste des Ritters bestimmt und enthielt auch eine Kammer für den Jagdknecht Kuno» einen Sohn des gräflichen Jägers zu Maxirain. Der junge, tüchtige Schütze war von Jörg dem alten Kurt zur Unterstützung beigegrben, weil dieser die ausgedehnten Waldungen allein nicht mehr zu überwachen vermochte. — Als Martha wenige Tage, nachdem sie Kunde von des theuern Vaters Erkrankung erhalten hatte, in das Jägerhaus und in die Schlafstube trat, gab ihr Pater Markus, der treue Freund der Jägcrsehcleute, zu erkennen, daß der gute Alts mit dem Tode ringe. Wie sie an das Bett des Sterbenden trat, erkannte dieser die geliebte Tochter noch und ergriff ihre Hand, während das brechende Auge noch den letzten, vielsagenden unvergeßlichen Blick auf Martha richtete, dann aber dasselbe für immer schloß. Markus, der in seinem langen Priesterleben wohl oft am Sterbebette gestanden, konnte sich selbst der Thränen nicht erwehren, als er das Schluchzen der Mutter und Tochter vernahm. Er wußte, daß in diesem ersten Schmerze seine Trostworte vergebens seien, deshalb besprengte er nur das friedliche Antlitz des Heimgegangenen Freundes mit Weihwasser und ging tiefbewegt aus der Stube und dem Hause. Frau Agatha, welche den Jägersleuten sehr zugethan und bei ihnen so manchen angenehmen Sommerabend verlebt hatte, suchte sowohl Mutter als Tochter, so viel möglich, zu beruhigen. Sie wußte, daß die Familie einen treuen Gatten, sorgsamen Vater und daß ihr Jörg einen alten, erprobten und eifrigen Diener verloren habe. Sie sorgte für ein ehrenvolles Begräbniß und ordnete an, daß Kuno das Nauhensteiner Schloß verlasse und zur Wittwe hinüberziehe, damit diese eines männlichen Schutzes nicht entbehre. II. An, Vorabend des Dreifaltigkeitsfestes zur Nachmittagsstunde ließ sich die Burgfrau von Waldeck mit der jungen Martha in einem Kahne an die Halbinsel zum Jägerhause führen, um die gute Wittwe zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie saßen lange in der traulichen Gartenlaube beisamen, in welcher Agatha mit ihrem Jörg schon so manche traute Stunde verlebt hatte. Erinnerungen aus vergangenen Tagen, frohe und trübe Ereignisse bildeten die Gespräche der beiden Frauen, bis die zunehmende Dämmerung zur Rückkehr in die Burg mahnte. Frau Agatha hatte ihren Abend-Imbiß eingenommen und Martha die Lampe auf das Erkertischchen gestellt, weil die Burgfrau dort noch einige Zeit bis zum Schlafengehen spann, — als man vom Burgwege herauf Wagengerassel vernahm. „Jetzt kömmt die Prienzenauerin!" rief Frau Agatha. „Eile, Martha, in die Waffenkammer meines Gatten, das Fenster dort liegt nach der Burggasse." Martha eilte fort und erschien bald darauf mit der Nachricht, daß die Kutsche der edlen Wittwe bereits an der Zugbrücke angelangt sei. Nasch eilte Agatha der Freundin entgegen und voll bangen Gefühls schloß sie die Wittwe, als diese im Burghofe die Kutsche verlassen hatte, in ihre Arme. Diese erwiderte die Liebkosungen innig, aber mit Thränen in den Augen. „Du bringst mir keine freudige Kunde?" frug Agatha besorgt. „Sei stark, meine junge Freundin!" antwortete Anna. „Was ich am Hofe erfahren, klingt schmerzlich; doch hoffe ich, Dein Jörg werde unversehrt heimkehren." Die Waldeckerin mußte sich auf den Arm ihrer Zofe stützen, als sie die Antwort der Wittwe vernommen, denn trübe Ahnungen waren in ihrem treuliebcnden Herzen auf« gestiegen und sagten ihr, daß die Freudin sie vorerst nur schonen wolle, daß ihr aber später großes Herzeleid bereitet werden würde. 44 Nachdem sich die Wittwe in dem für sie bestimmten Frauengemache hatte umkleide» lassen, nahm sie in der Söllerstube bei Frau Agatha einen Imbiß zu sich und nachdem Martha sich die Lampe angezündet und das Gemach verlassen hatte nahinen die Frauen am Erkertischchen Platz. — Eben wollte Anna von Pienzenau ihre Erzählung beginnen, als die Abendglocke vom Stiftsthurme hell und feierlich zur Burg herauf klang, ein Himmelsbote, der Balsam in das wunde Herz Agathens träufelte. Schweigend und voll Andacht beteten beide Frauen das trostreiche „Ave Maria!" Hierauf ergriff die Wittwe die Hand ihrer Freundin und sprach: „Nun höre, Agatha, und sei stark! — Ich war kaum zu München angelangt, so eilte ich trotz der Ermüdung von der langen Fahrt in die Hofburg zu Agnes von Ahaim, konnte sie jedoch erst gegen Abend treffen, weil sie an diesem Tage Dienst bei der gnädigen Herzogin hatte. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen, sprach sie innigen Antheil an Deinem Schmerze aus, konnte mir jedoch Näheres aus Ungarn nicht mittheilen, sondern vertröstete mich auf den nächsten Abend, bis zu welchem sie jedenfalls Nachricht erhalten würde, weil, wie sie hörte, vor wenigen Tagen ein niederbayerischer Ritter als Abgesandter des verwundet aus Ungarn heimgekehrt«» Grafen Albert von Bogen an den herzogliche» Hof nach München gekommen sei." Dann fuhr sie ernster fort: „Die Nachricht, welche ich erhielt ist freilich recht traurig, doch nicht ohne Hoffnung, meine Agatha!" „O, sag' Alles, Anna, nur martere mich nicht lange!" bat unter Thränen die Burgfrau. „Jörg wurde an der Save bei Brod verwundet und —" „Und?" rief Agatha, „um Gotteswillen, was hast Du noch zu sagen!" Die Wittwe umarmte die trostlose Burgfrau und fuhr fort: „Laß mich reden, Anna, ich darf Dir ja nichts verschweigen. Jörg gerieth in türkische Gefangenschaft!" — „Gerechter Gott, dann ist er verloren!" schrie händeringend Agatha. Thränen brachen aus ihren Augen und die Wittwe mußte ihre ganze Körperkraft aufbieten, um die Burgfrau aufrecht zu erhalten. Sie lehnte das schöne Haupt derselben an ihre Brust und sprach selbst tief ergriffen: „Vertraue auf den Himmel, meine Freundin! Warum soll Jörg nicht mehr zurück- kehren? Sind ja auch Kreuzritter aus dem fernen Palästina und aus sarazenischer Gefangenschaft in die Heimath zurückgekommen. Dann wurden sicher in dem Kampfe an der Save auch türkische Edle von den Ungarn zu Gefangenen gemacht und werden dann gegen Devise und ihre Kampfgenossen ausgewechselt, sohin in Freiheit gesetzt. Ich bitte Dich, theure Agatha, gönne Deinem Schmerze nicht mehr Raum im Herzen, als dem Eottvertrauen! — Ich will Dich nicht mehr verlassen, bis wir beruhigende Nachricht erhalten. Agnes gab ihr Wort, sogleich Kunde zu geben, wenn wieder Boten aus Ungarn zu Herzog Albrecht kommen. Also, Muth und Vertrauen zum Lenker unseres Geschickes!" „O, wie dank' ich Dir, Anna", sprach in Thränen die Waldeckerin, „daß Du mich nicht verlassen willst! Ich möchte um keinen Preis in dieser schweren Zeit Dein theil- nehmendes, tröstliches Wort entbehren." „Jetzt gehen wir zur Ruhe", sprach Anna, sich erhebend. „Es -ist spät geworden und ich sühle, daß mich die ungewohnte Fahrt in die Stadt und zurück, sowie der aufregende Aufenthalt daselbst ermüdet und abspannt. Ich bin eben alt und gebrechlich geworden, während das Herz trotz tiefer Schläge des Schicksals, — ja vielleicht durch dieselben — erst gestählt wurde. Nun, gute Nacht, mein Liebling!" Sie erhob sich von ihrem Sitze, half dann der noch immer schluchzenden Agatha und rief nach den beiden Zofen, worauf sich die Frauen trennten. (Fortsetzung folgt.) Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. II. Die Richtung auf diese seitdem noch nie wieder erreichte Naturwahrhsit hin erhielt die griechische Plastik durch jene Feste und Wettkämpfe — im Dienste des Cultus allein hätte sie ihr Ideal nie erreichen können. Dagegen bleibt die A r ch i t e kt ur lange Zeit völlig abhängig von den sacralen Bedürfnissen; dem Tempel, welcher bei den Hellenen nicht der Versammlungsvrt der Andächtigen, sondern lediglich die Wohnung der Götter« bllder war, aus rohen Anfängen allmählich jene höchste tektonische Vollendung zu geben, war das Bestreben, welches ganze Generationen von Architekten beseelt haben muß, Be-> strebungen, deren letztes Glied allein wir mit dem äußeren Auge noch sehen können. In der That sind von der Fest- und Culturstätte Olympia's sehr beträchtliche Einwirkungen auf alle Zweige der griechischen Kunstthätigkeit ausgegangen; aber auch an Ort und Stelle ist eine sehr erkennbare Arbeit im Dienste der Kunst entfaltet worden. Wenn nun diese Einwirkung des Heiligthums auf die Kunst von den frühesten Anfängen der specifisch hellenischen Cultur beginnt und bis in die byzantinische Zeit hinein sich fortsetzt da erst die christlichen Kaiser die Festspiele verbieten; so ist es klar, daß die Hoffnung, dort noch beträchtliche Neste antiker Bild- und Bauwerke zu finden, keine allzu kühne war. Konnte man auch an verschiedenen anderen Stellen der alten griechischen Culturwelt hoffen, bei etwaigen Ausgrabungen erhebliche Resultate zu erzielen, in Olympia waren diese letzteren fast im Voraus garantirt. Denn zunächst stand die Lage der Altis völlig fest; ferner war es so gut wie sicher, daß man nach Wegräumen des Schuttes die Ausdehnung des heiligen Haines, die Größe der Baulichkeiten, ihre Lage zu einander würde feststellen können. Deshalb drang besonders Ernst Curtius seit Jahren unermüdlich darauf, daß die Neichsregierung diese lohnende Aufgabe in die Hand nähme» Dies geschah denn endlich auch; die Verhandlungen mit der griechischen Regierung wurden angeknüpft und nach einigen Zwischenfällen im athenischen Parlamente konnte der Vertrag abgeschlossen werden, daß Deutschland alle Kosten und Mühen übernähme und nur das Recht der ersten Abformungen erhielte» Griechenland blieb im Besitz aller Funde, nur etwaige Doubletten, auf welche von vorn herein wenig Aussicht war, sollten den Deutschen überlassen werden dürfen! — In der That konnte man den Vertrag als ei» Muster der Selbstlosigkeit von unserer Seite bezeichnen. Im Oktober 1875 begann die Arbeit des Spatens. Die Hoffnungen» mit denen diese Campagne eröffnet wurde, erfüllten sich im Laufe der nächsten sechs Jahre sämmtlich, ja es wurden weit über diese Hoffnungen hinaus eine Reihe von Funden gemacht, welche unsere Kenntniß der griechischen Kunstgeschichte ganz wesentlich erweitert haben. Es gibt keine wichtige Periode der allen Kunst der classischen Völker, für welche in Olympia nicht etwas abgefallen wäre. Um zuvörderst von der Architektur zu sprechen, so wissen wir daß die älteste arische Bevölkerung von Hellas, die Achäer und Pelasger, eine eigene Bauthätigkeit im höheren Sinne nicht mit sich brachten; die Anregung hierzu ist ihnen von Osten durch Berührung mit den Phönicier», Egyptern und den kleinasiatischen Stämmen gekommen. In den Residenzen Affurs, in Egypten und den von ihnen abhängigen Landschaften wurde der Süulenbau längst geübt, bevor die Hellenen sich ihn zögernd aneigneten. Was dieselben dann freilich aus diesen Anfängen zu n achen verstanden haben, ist ihr eigenstes Werk und größtes Verdienst. Das Problem für den Historiker liegt nun in der Frage, ob der älteste Tempelbau der Griechen aus Stein ausgeführt war, so wie wir ihn kennen, oder aber von Holz (mit Metallbeschlag) gewesen ist. Letzteres ist die Annahme des geist- und kenntnißreichslen aller derer, die sich neuerdings mit griechischer Architektur- Geschichte befaßt haben, Gottfried Sempers« Derselbe vertritt mit vollster Ueberzeugung die Ansicht, daß der Steinstil des griechischen Tempels nur aus einem vorangegangenen Holzstil zu erklären ist. Nun ist es sicher, daß das älteste und ehrwürdigste der Heiligthümer von Olympia, der Tempel der Hera, viele Absonderlichkeiten 46 ausweist, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß dieser Steinbau an Stelle eines früheren Holzbaues getreten ist und selbst noch hölzerne Bestandtheile hatte. Es ist nicht ein Stück drS Gebälkes in den Trümmern gefunden worden, was kaum als bloßer Zufall zu erklären sein würde» wenn das Gebälk aus Stein gewesen wäre. Das Verständniß für die Entstehung des antiken Tempels ist uns durch die Entdeckung dieser Ruine wesentlich erleichtert worden. Den Mittelpunkt der heiligen Stätte bildete natürlich der gewaltige Zen Stempel, ein mächtiger aus dem dort wachsenden Muschelkalk (Poros) aufgeführter Bau dorischen Stiles, dessen Trümmer, so wie sie ein Erdbeben wild umhergeschleud-rt hat, dem Beschauer noch jetzt imponiren müssen. Dieser Tempel barg das von Phidias angefertigte Gold-Elfenbein-Bild des Gottes, die Bewunderung des gesammten Alterthums; — „wer dieses Werk geschaut, der könne nicht mehr ganz unglücklich sein!" Natürlich ist eS längst zerstört, nicht einmal Nachbildungen sind uns erhalten; wohl aber haben sich von den unter Leitung und zum Theil durch Schüler des Phidias ausgeführten marmornen Tempelsculpturen dekorativen Charakters zahlreiche Neste gefunden. Die beiden Giebelgruppen haben im wesentlichen wieder hergestellt werden können; es wird später noch davon die Rede sein, in welcher Weise sie eine empfindliche Lücke in unserer Kenntniß der antiken Sculptur ausfüllen. Englisches Kasernenleben in Kairo. — r— Kairo, 23. Dezember. Wem es vergönnt gewesen ist, von der eisernen Brücke, welche in Ghezireh über den Nil geschlagen ist, einen Blick auf Kairo zu werten, dem bietet sich unstreitig eine der bemerkenswerthesten Aussichten auf jene lange Flucht von Bauwerken dar, welche den Palast und die Kasernen von Kasr el Nck zu einem großen Ganzen vereinigen. Diese Gruppe von Gebäuden umfaßt zwei große Vierecke, welche sich im Westen nach der Nilseite öffnen. Das südliche, der Brücke zunächst gelegene Carrä wird augenblicklich von dem 74. Hochländer-Regiment, das nördliche von den 42er Königin Hochländern bewohnt» letztere speziell unter dem Namen der „schwarzen Garde" bekannt. Diese beiden Regimenter nebst einer Genie-Kompagnie bilden die Garnison von Kasr el Nil. Die weiten Zwischenräume, welche sich zwischen der großenkStraße und der östlichen Häuser-Fayade befinden, nehmen die Parkanlagen auf, an welche sich eine lange Reihe von einer Akazien-Allee eingeschlossener Stallungen anschließt, die zur Aufnahme der Kavallerie bestimmt sind. So bietet Kasr el Nil im Augenblick ein lebhaftes militärisches Bild dar. Am Haupteingang, an der Wache vorüber, im ersten Häuscrviereck, befinden sich unter Sykomore» und Feigenbäumen die Küchen. Die Truppen haben sich hier bereits vollkommen häuslich installirt und des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wird auch hier wie überall durch die Magenverhältnisss regulirt. Das muß man den Engländern lassen, ihre Truppen verpflegen sie brillant. Die dem Vegetarianismus par korco huldigenden Egypter sehen mit scheelen Blicken auf die Fleischmassen, die hier in die Kochkessel wandern und es läuft ihnen sicher das Wasser im Munde zusammen, wenn ihnen die kräftigen Gerüche englischer Fleischspeisen in die Nase steigen. Die englische Armee ist wohl am besten verpflegt von allen europäischen Armeen, wenigstens was die Menge und die Güte der Fleischportionen betrifft. Alle zwei Tage haben die Leute Braten, die übrigen Tage gekochtes Fleisch und zwar in einer Brühe, die den meisten Hotelküchen, in denen allerlei Kinkerlitzchen fabrizirt werde», unstreitig den Rang ablaufen würde. Die Kochöfen sind aber auch in einer Weise praktisch eingerichtet, daß es geradezu unmöglich ist, etwas Schlechtes zu bereite», vorausgesetzt, daß das Fleisch rechtzeitig geschlachtet ist, denn die FeuerungSapparate sind auf daS Genaueste regulirt und die Oefen selbst hermetisch verschlossen. — In dieser Beziehung können mir von den Engländern lernen. Man sieht es auch den Mannschaften an, daß eS ihnen gut geht. In den Erdgeschossen befinden sich die Bureaux der verschiedenen Stäbe und die Handwerksstätten. Die Cantinen sind groß, vorzüglich vsntilirt und auf durchaus praktische Weise ausgestattet, die Preise nicht zu hoch. Selbst einen Lesesaal haben die Mannschaften, der ihnen außer diversen Zeitungen Schach-, Dame-, Trictrac und andere Spiele liefert. Die Unteroffiziere sind wie kleine Prinzen installirt, und man versteht sehr wohl, daß dieselben sich in ihrem neuen Heim ivohlfühlsn. — Der Saal ist mit Bildern aus der neuen englischen Kriegsgeschichte dekorirt. — Billards sind selstverständlich. Kasr el Nil ist ein dreistöckiges Bauwerk, die erste und zweite Etage haben rundherum" laufende Balkons oder richtiger gesagt Galerien, mit welchen die Zimmer kommuniziren. Auf diese Weise sind die Mannschaften nicht in ihre Zimmer eingepfercht und können auf die bequemste Weise die herrliche Kairiner Luft genießen. In jedem Zimmer schlafen 22 Leute. Bis jetzt haben die Soldaten auf arabischen Bettstellen geschlafen, den sogenannten Kaffassen, welche aus dünnen Palmenstöcken, ähnlich unseren Hühncrstüllen fäbrizirt werden, selbstredend darf es an guten Matratzen nicht fehlen, weil man sonst seine Knochen am nächsten Morgen ganz bedenklich fühlt. Diese Kassassen werden aber jetzt durch eiserne Bettstellen aus England ersetzt, die nach englischer Sitte während des Tages zusammengeschlagen werden, wodurch der durch die weniger praktikablen egyptischen Palmenbetten bisher fortgenommene Raum in: Interesse der Bequemlichkeit der Truppen gewonnen wird. Die Zimmer werden musterhaft rein gehalten, aber die Mannschaft hat viel Zeit und Arbeit nöthig gehabt, um die von den eingeborenen Truppen systematisch verdreckten und verlausten Räume in ihren heutigen Zustand zu versetzen. — Die Aerzte haben ein nettes Quantum Tesinfectionsmittel verbraucht, ehe sie den Truppen den Einzug in ihre neue Heimath gestatten konnten. Die Osfiziersmesse befindet sich auf der Nordwestecks des Palastes. Die edlen Sportsmen können es sich wirklich nicht besser wünschen. Eine breite Treppe von weißem Marmor führt in einen Saal von majestätischer Bauart und fürstlicher Ausstattung. In der Mitte befindet sich ein wunderbarer Kronleuchter. Zur Rechten sieht man in den Speisesaal, einen Saal, der mit dem rafsinirtesten Luxus dekorirt ist. An diesen schließt sich ein im arabischen Stil eingerichtetes Rauchzimmer, der gemüthlichste und wohnlichste Aufenthalt, den man sich nur denken kann. Sie sehen aus dieser skizzenhaften Schilderung, die ja nur in großen Zügen ein Bild geben soll, daß die englischen Offiziere und Soldaten keinen Grund haben, sich über diesen Garnisonwechsel zu beschweren. Kasr el Nil macht nun allerdings auch eine rühmliche Ausnahme, wiewohl die Truppen in Alexandrien auch keinen Grund zur Klage haben, denn im Ras el Tin-Palaste am Meere läßt sich's auch leben, aber die ganzen Arrangements bei der Auswahl und Anlage von Kasr el Nil konnten nicht praktischer getroffen wcrden. — Ein Schienenstrang geht mitten in den Kasernenhof hinein. Bequemer kann man's doch weiß Gott nicht haben — und diese Verkehrsmittel erleichtern natürlich die ganze Handhabung des Dienstes, besonders aber die Verpflegung der Truppen ungemein. Mit einem Worte, die Engländer sind mal wieder in der Wahl ihres Bratens sehr vorsichtig gewesen, und von ihren» Standpunkte aus kann man ihnen zu dieser neuen Acquisition nur Glück wünschen. Ich glaube, daß Kairo von allen englischen Kolonial - Garnisonen die schönste und angenehmste ist, und daß es den Truppen sehr schwer fallen würde, sollte der Fall einmal eintreten, sich von den Fleischtöpfen Egyptens loszureißen. Und dies Alles haben sie indirekt dein alten viel geschmähten und vielfach verkannten Exkhedive Ismail Pascha zu danken, denn dieser ist der Erbauer von Kasr el Nil. 48 Mis-ellsn. (Jude und Christ.) Als Herzog Christoph von Bayern in Schongau lebte, hörte er von zwei Wucherern. Von denen war der Eine ein Jude, Namens Aaron, der Andere aber war ein Christ, und hieß Petrus Großwein. Es wurde Beiden der Proceß gemacht, und weil sie Beide gleichauf gefehlt hatten, wurde ihnen auch gleiche Strafe zuerkannt, die war: Einhundert Goldguldeo und zwei Monats Gefängniß. Das wollten sich die Zwei nicht gefallen lassen und beriefen sich auf des Herzogs weiteren Ausspruch. Da nun der Amtmann kam und die Angelegenheit vorbrachte, sagte Herzog Christoph: „Die Beiden haben ganz recht, daß sie an mich kommen. Denn der Aaron wird seines Theiles um die Hälfte zu streng bestraft, der Großwein aber deßgleiche» zu mild." — „Aber, hoher Herr!" sagte der Amtmann, „das versteh' ich nimmer. Haben Beide doch auf gleiche Summa und in gleicher Weise gefrevelt: wie sollten sie dann verschieden bestraft werden?" — „Warum denn nicht!" entgegnete Christoph. „Eben weil sie gleich gefehlt haben. Der Aaron ist ein Jude, hat's als solcher nicht fast zum Besten, vor Allem aber entbehrt er unserer göttlichen Lehre. Der Großwein hingegen ist wohl auf und in jeder Art geschützt, dabei ist er ein Christ und soll die Lehr' und christliches Gesetz wohl kennen. Wo er nun thut was betrügiich ein Jude thut, ist er mindestens viermal schuldiger — als Jener." Der Jude Aaron wurde auf einen halben Monat in Haft gesetzt und mußte fünfzig Goldgulden zahlen. Der Petrus Groß- wein aber ward auf zwei Monate gesetzt und mußte zweihundert Goldgulden zahlen. (Jeden andern, nur den nicht!) Der hochselige am 2.Jan. 1861 entschlafene König Friedrich Wilhelm IV. befand sich bereits in hoffnungslosem Zustande, als seine besorgte Gemahlin zu dem Hofleibarzte Dr. Schönlein, der mit dem I)r. Weiß zusammen den königlichen Patienten behandelte, den Wunsch äußerte, noch einen dritten berühmten Arzt hinzu zu ziehen. Die hohe Frau machte den Vorschlag, den ihr persön ich bekannten Geheimrath Nix aus München zu berufen, aber hartnäckig weigerte sich Hofrath Schönlein, diesen College» anzunehmen. „Jeden andern Arzt, Majestät, nur diesen nicht!" war seine Rede. Schließlich sagte die Königin etwas gereizt: „Aber, lieber Schönlein, sagen Sie mir doch endlich einen vernünftigen Grund für Ihre Ablehnung." Der Leibarzt antwortete nach kurzem Zögern respectvoll: „Majestät, jetzt steht unter den täglichen Bulletins über vas Befinden Sr. Majestät des Königs: „„Schönlein. Weiß!"" und das treue Volk ist beruhigt. Soll etwa künftig darunter zu lesen sein: „„Weiß Schönlein Nix?"" — Einen Augenblick flog ein leises Lächeln über die Züge der Königin, die dann ironisch meintet „Lieber Hofrath, ich würde vorziehen zu unterzeichnen: „Schönlein weiß Nix!" (E,n nicht unverdienter Mann) ist am 23. Dec. in Eldena bei Greifswalde gestorben, nämlich der Gastwirth Richter, allen Greifswäldern als Wirth des Haines bekannt. Aber weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde sein Name rühmend genannt als derjenige, der zuerst die Nistkästehen für die Staare und andere Waldvögel praktisch zur Anwendung brachte. Von Eli'enham nach Eldena aus hat sich diese wohlthätige Einrichtung dann über die ganze civilisirte Erde verbreitet und trotz manchen Widerspruchs werden in jedem Frühling den freundlichen Sängern neue Wohnungen bereitet. (Eine öcono mische Braut.) „Nun, Clara, wählst du das Collier, oder die Ohrgehänge oder das Bracelet?" — „Nur wirthschaftlich, lieber Heinrich! Ich bin überzeugt, daß, wenn du alle drei Gegenstände zusammen nehmen würdest, du sie gewiß bi lliger kaufen möchtest." (Gambettistische s.) Schultze: „Haste jelesen. Alle französischen Blätter meinen, Frankreich habe mit Gambetta einen jroßen Staatsmann verloren!" Müller: „Kennen jrvßen, aber eenen dicken; denn er war die letzte Zeit mehr beleibt als beliebt." Sch.t „So is etl" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von llr. Max Hnttler. Nr. 7. 1883. zur „Äugsliilrger postMuug." Mittwoch, 24. Januar Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. *) (Fortsetzung.) Martha ergriff, als sie mit der Burgfrau allein war, die Hand derselben und küßte sie unter Thränen. „O wie schmerzlich berührt uns Alle in der Burg die traurige Nachricht!" sprach sie. „Wir lieben ja unsern Burgherrn wie den leiblichen Vater und sind überzeugt, daß die Kunde nicht nur im Dorfe, sondern auch in der ganzen Waldecker Herrschaft allgemeine Trauer erwecken wird. — Der Burgwart und das ganze Gesinde wollte Euch, edle Herrin, noch heute das Beileid ausdrücken, doch bat ich sie, dieses auf morgen zu verschieben. Die alte, treue Gertrud wollte sich gar nicht abhalten lassen, Euch noch zu trösten! — Ach, wie wird meine gute Mutter jammern, wenn sie morgen Nachricht erhält! Und der, brave Kuno, der treue Jägerbursche! — Gottlob, daß mein Vater diesen Schmerz nicht mehr erleben mußte!" — Dann nach dem Auskleiden fuhr sie fort: „Wir Alle glauben und hoffen, daß Herr Jörg wiederkehren wird und Gertrud sagte: Seid unbestrgt, Kinder! Wir sehen den edlen Ritter gewiß bald wieder, denn ich habe, wenn ein Todfall in einer mir befreundeten Familie eintreten wird, jedesmal eine Vorahnung, die mich noch nie getäuscht hat. Als Herr Jörg im Winter, in tiefem Schnee fortzog aus Waldeck, da war ich wohl tief betrübt ob seinen Scheivens, mehr aber jammerte mich die edle Burgfrau. Doch, ich sage euch, ich hatte damals das Gefühl, daß Herr Jörg glücklich Heimkehre» werde und habe es noch. — Dann erzählte sie uns Folgendes aus ihrer Jugend: Als ich noch eine junge, saubere Dirne war, sagte sie, da ging mir ein schöner Bursche nach, des herrschaftlichen Fischers Sohn, Martin. Er kam auch in das Haus meiner Eltern und gefiel ihnen wohl, denn sie wußten» daß er fromm und arbeitsani war und seinen alten, kränklichen Vater dankbar unterstützte, wie das vierte Gebot es von uns fordert. Als er eines Tages die Frage an mich stellte, ob ich sein Weib werden möchte, wenn er das Fischergeschäft allein übernehmen würde, da mußte ich Ja sagen und auch meine Eltern waren einverstanden. Aber, denkt Euch, ich konnte den Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen, daß aus der Heirath nichts werden wird. Eine Ahnung sagte mir, daß ein wesentliches Hinderniß eintreten werde und so kam's auch. Der Tag der Hochzeit war festgesetzt, aber am Vorabend ertrank Martin beim Fischen, indem der Seesturm den Einbaum umstürzte." Frau Agatha hatte schweigend der Erzählung zugehört, dann dankte sie der Zofe für ihre und des übrigen Gesindes Theilnahme und verabschiedete Martha mit den Worten: „Betet für unseren theuren Burgherrn! Gute Nacht!" *) Zu Anfang unserer Erzählung ist in Folge eines Druckfehlers vom Jahre 1144 die Rede, was jelbstverständlich in 1444 zu corrigire» ist 50 Selbst die Natur trauerte mit Agatha, denn das Firmament, von welchem noch kurz vorher die Sterne so friedlich niederblickten auf See und Thal, wurde allmählig von Wolkenschleiern überzogen, die sich mehr und mehr verdichteten und endlich in schweren Regengüssen sich entleerten. III. Eine Wegstunde von Schliers entfernt befindet sich am Nordfuße des Romberges der Weiler Attenhofen. Einer der dortigen Bauernhöfe heißt: der Jrgenbauernhof. — Schon im zwölften Jahrhundert befand sich hier eine waldeckische Schwaige, welche Ende des vierzehnten Jahrhunderts von Georg oder Jörg dem Aelteren von Waldeck die Jürgen- Schwaige genannt wurde. Dort hatte auch unser Jörg ein Oekonomiegut mit Schweizerei, zu welchem die Valepp- und Spitzingalpe gehörten. An einem warmen Sommerabend, wenige Tage vor St. Johannis, saßen zwei Männer auf der Bank vor der Alphütte am Spitzing. Der Eine, ein kräftiger, hübscher, blondlockiger Bursche in den dreißiger Jahren mit frenndlihem Gesichtsausdrucke war der Senne und Schweizer, Rudi, von Altenberg. Der Andere war ein alter, gebückter Mann mit dunkler, von der Sonne gebrannter Gesichtsfarbe, ernsten, ja nnheinüichen Blicken. Sein graues Bart- und Haupthaar hing in schmutzigen Strähnen auf Brust und Genick lieder. Der Mann, ein tiefer Sechziger, mochte einst groß und kräftig gewesen sein, jetzt verriethen seine gefurchten Züge, sein unheimlicher Blick, daß in seiner Seele heftige Stürme getobt haben und daß noch keine Ruhe in dieses Herz sich gelegt habe. Der lederne Anzug war beschmutzt und geflickt, der breitkrmnpige, spitze Filzhut trug die Farben des Regenbogens. Reben dieser Banditengestalt stand am Boden die Kraxe, in welcher sich Enzianwurzeln, Kräuter und einige Flaschen mit Medikamenten für krankes Bieh befanden. Der Bolkemund nannte diese verwitterte unheimliche Gestalt: der Waldteufel. Sein Taufname war Andreas, jedoch unter diesem hörte man ihn nur von zwei Personen nennen, nämlich von Rudi, dem Senner und von Martha deä' Zofe. Andreas war in Wälschland geboren, hatte früh seine Eltern, welche sich als Hirten kümmerlich fortbrachten, verloren und war von einem tiroler Benediktiner-Mönche, welcher den Knaben auf einem Krankenbesuche getroffen und von dessen mißlicher Lage erfahren hatte, in sein Kloster gebracht worden. Hier gefiel es dem wilden Knaben nicht, er suchte das Weite und als Hirte sein Brod. Auf einer Alpe des Grafen von Wollenstem nahm ihn der alte Senne auf, unterrichtete ihn in der Kenntniß der Alpenkräuter und ihrer Wirkungen, wie in der Bereitung von Heiltränken für Menschen und Bieh. Durch Ritter Äuno von Wollenstem wurde Andreas dein Vater unsers Jörg von Waldeck empfohlen und kam nach Altenberg, wo er sich als tüchtiger Schweizer, sorgfältiger und eifriger Senne bewährte. Andreas war bereits zehn Jahre in waldeckischen Diensten, als ein seltsames Er- eigniß den sonst so heiteren, lebenssrischen und rührigen Burschen vollständig veränderte. Er hatte eines Sommers die Valepp-Alpe bezogen und ihm waren zwei Mägde gefolgt, welche ihn in der Pflege des Vieh's zu unterstützen hatten, für ihn kochten und außerdem das Bieh hüten mußten. Eines dieser Mädchen, Namens Mechtild, war erst in den Dienst getreten. Ihre schönen Körperformen, ihr heiteres, unschuldiges Gemüth und die Gabe des Gesanges, den Andreas so sehr liebte, ließen in seinem Herzen bald die stille Liebe sprossen. — Häufige Besuche eines jungen Fischers vom Schliersee auf der Valeppalpe erfreuten ihn, denn dieser brachte jedesmal seine Zither mit und so schwanden die Sonntag-Nachmittags- stunden unter Gesang und munteren Gesprächen. Bald aber merkte Andreas, daß zwischen Mechtild und dem Fischer ein inniges Liebesverhältniß bestehe, und als er eines Tages im Scherze Anspielung auf ihre Zuneigung zu dem hübschen Burschen machte, gestand Mechtild offen ihre Liebe und die Hoffnung einer baldigen Vereinigung Beider. Andreas ließ dem Mädchen nicht merken, was in seinem Herzen vorgehe; nach wie 5l vor war er ihr gegenüber der heitere Senne und empfing den Fischer so freundlich, wie früher. — Da kam eines Tages der Vater des Fischers auf die Alpe und erkundigte sich nach dem Sohne, welcher schon seit vier Tagen abgehe. Er sei letzten Sonntag nach der Kirche zu Fischhausen fort und, wie er einem Bekannten mitgetheilt hatte, auf dem Wegs in die Valepp. Mechtild, wie Andreas und die ältere Dirne behaupteten, ihn zwar erwartet, aber nicht gesehen zu haben. Die Fischhauser und Nachbarn suchten mehrere Monate nach dem Vermißten, endlich kurz vor Abtrieb von den Alpen fand der Jäger Kuno in einer Schlucht des Todten- grabens, nicht weit vom Saumwege, welcher vom Spitzingsee nach der Valepp-Alpe führt, unter Tannen- und Fichtenästen den halb verwesten Leichnam des Fischers. Die Rüden des verstorbenen Jägers hatten ihn aufgespürt. Als man das Vieh von den Alpen Heimtrieb und der stattliche Zug geschmückter Kühe und Kalben, die Saumrosse mit den Alpen-Geräthschasten beladen, gegen den Spitzingsee hinauf zogen, hatte sich Andreas von den Dirnen getrennt und war voraus» gegangen. Er wußte, daß die Eltern des ermordeten Fischers einstweilen ein hölzernes Kreuz neben der Brücke des Todtenbachgrabens aufstellen ließen, damit Wanderer für die arme Seele ihres Sohnes ein andächtiges „Vater unser" beten. Mechtild hatte mit der älteren Dirne einen Kranz aus Epheu und Immergrün gewunden und trugen denselben mit sich, um ihn an dem Kreuze aufzuhängen. Andreas gab vor, früher als der Alpenzug in Attenhofen eintreffen zu müssen. Als er an die Brücke trat und das Erinnerungsdcnkmal an den ihm so bekannten jungen Fischer zu Gesicht bekam, erbleichte er und eilte rasch über die Brück«. — Was erschreckte denn den so rüstigen Sennen? — Rings um ihn her war kein Mensch, kein Thier zu sehen! Soll das Rauschen des neben dem Wege lustig dahin strömenden Spitzingsee- baches, das ihm doch so bekannt war, ihn beängstigen? — Wohl zieht heute der Wind durch's enge Thal und rauschen die Blätter der Buchen am Wege, aber dieses Rauschen hörte der Senne so oft und gerne! — Längst war das Gerede über das Auffinden der Leiche im Todtengraben verstummt, da faßte Andreas, als er an einem stürmischen Winterabend am warmen Kachelofen in der Jörgenschwaige saß und Mechtild neben dein Eichentische spann, denn Entschluß, dem Mädchen seine innige Liebe zu gestehen. Diese aber wies ihn entschieden ab, versicherte ihn, daß mit dein Fischer ihre Liebe begraben sei und daß sie in wenigen Tagen die Schwaige verlassen und zur kranken Mutter nach Reichersdorf ziehen werde. Sie bat ihn, ihrer nicht mehr zu gedenke», sie nie zu belästigen, denn nie könne sie sein Weib werden. Wenige Tage darauf, als Andreas abwesend war, verließ Mechtild die Schwaige; Ersterer aber ward trübsinnig, scheu und kümmerte sich wenig mehr um sein Geschäft. Tagelang war er abwesend, theils in den Wäldern, theils um krankes Vieh der Nachbarn zu behandeln. Die Folge davon war selbstverständlich seine Entlassung aus dem waldeclischen Dinste. Nun ging es rasch abwärts mit dem einst so braven, tüchtigen Sennen. Rastlos trieb es ihn von einem Orte zum Andern, nirgens fand er Ruhe, bis er nach dem Tode des alten Waldeckers wieder an den Echliersee zog, ein unheimlicher Gast in Burg und Solde, doch gesucht wegen seiner Geschicklichkeit in der Behandlung kranker Menschen und Thiere und in der Bereitung des Enzian-Branntweins. In der verödeten und in Folge eines Felssturzes größtentheils zerstörten Burg Hohen-Waldeck, davon Reste am östlichen, walvigen Berg-Gehänge dem Wanderer von längst vergangener Z it erzählen, hatte sich der Waldteufel in dein aus der Römerzeit stammenden Wartthurme sein Lager bereitet und benutzte das im Kellergeschoße befindliche, ehemalige Verließ, zu welchenr man mittelst einer Leiter gelangen mußte, zur Aufbewahrung seiner Kniutcr- und Branntweinvorräthe. 52 Einsame Wanderer, welche um Mitternacht von Fischhausen her um das Waldeck gegen Fischhausen zogen, sahen häufig das Thurmfenster erleuchtet und flüsterten sich leise zu: „Der Waldteufel kocht noch seine Kräuter!" — Kehren wir zur Spitzing-Alphütte und zu den beiden Männern, welche vor derselben saßen, zurück. „Was sagst Du", begann Rudi, „zu der traurigen Nachricht über unsern lieben Ritter Jörg? Ich habe seitdem keine fröhliche Stunde mehr, und die arme Burgfrau jammert mich schon recht, der sieht man Sorge und Kummer wohl an!" Andreas starrte vor sich hin, dann entgegnete er: „Was kümmerts mich? — Des Jörg's Vater hat mich kurz vor seinem Tode fortgejagt, weil ich eine Zeit lang närrisch gewesen bin, wegen der Mechtild. Ich wäre schon wieder zu mir kommen, das Leid hätte sich gelegt. Aber wie ich keinen Dienst mehr gehabt habe, bin ich ganz verrückt geworden und mag nichts mehr, was waldeckisch ist, außer Dich und die Martha. Ihr Beide seid noch freundlich mit mir und heißt mich den Andres, nicht den Waldteufel, wie die andern." „Du", sagte Rudi, „weil Du von der Martha redest, fällt mir ein Auftrag ein. Sie möchte ein Fläschchen Wurzen-Branntwein. Ich muß es ihr durch den Hirtenbbuben schicken in die Burg." Der Alte hob die Kraxe auf und suchte unter den Kräutern »ach der Flasche, während Rudi in die Hütte ging und einige Käslaibchen holte, als Gegengabe. Als er sich wieder niedergelassen und die Flasche zu sich genommen hatte, frug Andreas: „Trinkt die Martha den Enzian selbst?" dabei sah er den Rudi spöttisch an. „Beileib nicht!" antwortete dieser und rückte näher zu dem Alten heran. Dann fuhr er leiser sprechend fsrt: „Ich bin schon darauf gekommen, wer den Enzian trinkt. Ehe wir auf die Alm hinaufgezogen sind, habe ich der Jägerswittwe auf der Halbinsel Käslaibl'n bringen müssen. Wie ich über die Breitenbachbrücke in den Wald hinein gekommen, steh'n der Kuno und die Martha am Weg. Er hat seinen Arm um ihren Hals gelegt und ganz leise haben sie miteinander geredet, bis sie mich gehört haben." „So, so!" — rief der Alte. — „Der Kuno und die Martha! — Er wird wohl bald herrschaftlicher Jäger, nachher kann die brave Martha sein Weib werden. — So hätte es der Andres mit der Mechtild auch vorgehabt!" — Er senkte sein Haupt und kratzte mit der Bergstockspitze in die rauhen Pflastersteine vor der Hütte. — Da tönte vom Thals herauf vielstimmiges Abendgeläute. Der Senne nahm seinen Hut ab, bekreuzte sich und betete leise. Andreas aber sah starr hinaus in die Nacht und murmelte, dem Betenden unverständliche Worte. „Es war", sagte er, „eine schöne, unvergeßliche Zeit, da ich noch habe recht innig beten können, wie der Senn' da. Aber seit vierzig Jahr kann ich's nimmer, wenn ich auch möchte! So oft ich anfangen will, steht der junge Fischer vor mir. Aus der Brust quillt ihm das Blut und wie er zusammenstürzt ruft er: Andres, der Lohn bleibt nicht aus!" Tiefaufseufzend fuhr er dann fort: „Er ist nicht ausgeblieben der Lohn l — Der Mord verfolgt mich Tag und Nacht, bis in Ewigkeit!"- Der Senne bekreuzte sich wieder setzte seinen Hut auf und sagte: „Was hast Du denn gebetet, Andres? Ich habe kein Wörtchen verstanden!" „Du brauchst nicht zu verstehen, was ich bete", entgegnete dieser. „Es ist ein gar trauriges Gebet das!" — Dann erhob er sich von der Bank, nahm die Kraxe auf die Schulter und sagte: „Jetzt wird es hell hinterm Romberg; der Mond kommt bald herauf. Heute haben wir St. Achaz, da muß ich, wenn der Mond das alte Kreuz im Krottengraben beleuchtet, das Lungenkraut brocken." „Nun, Andres!" entgegnete der Senne, der sich ebenfalls erhoben hatte. „Da hast Du noch einen weiten, beschwerlichen Weg!"' „Thut nichts! — Für einen Waldteufel ist kein Weg zu schlecht", antwortete Andres „Heute gilt es, der saubern Freudenreich-Nesl einen heilsamen Trank zu kochen. Die Dirn darf nicht an der Lungenschwindsucht sterben, so lange der Waldteufel noch helfen kann." „Gute Nacht, Andres!" rief der Senne. „Komm bald wieder in Heimgarten!" Die Beiden reichten sich die Hände, dann stieg Andreas rechts dem Jägerkamm zu; Rudi aber ging in die Hütte, schloß die Thüre und legte sich in's Heu. Bald erquickte ihn ei» wohlthätiger Schlaf. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Melancholie, Wer maß je deine Tiefe? fand den Boden? Zu rathen, welche Käst' am leichtesten Der schwer belad'nen Sorg' als Hafen dient? Wie entzückend Und süß ist es, in einer schönen Seele Verherrlicht uns zu fühle»; es zu wessen, Daß uus're Freude fremde Wange röthet, Daß uns're Angst in fremdem Busen zittert, Daß uns're Leiden fremde Augen wäffern. Shakespeare. Schiller. Es gibt zweierlei Gattungen von Zufriedenheit: Die eine mit der Welt, die andere mit sich selbst. Beide genießen ist freilich schön — aber schwer. Kannst Du sie aber nicht beide vereinigen, so laß' die Welt fahren und halte Dich an Dein Herz. Kotzebue. Unschuld! Nur wen» Du Dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist Du eine; aber Dein Bewußtsein ist Dein Tod. Jean Paul. Was plötzlich kommt, hat stets des Wunders Kraft. N a u p a ch. Nie erwirbt man sich Hochachtung, Wo man Alles von sich wissen, Alles übersehen läßt. Herder. Die Hoffnung gleicht der Palme; sie strebt zum Himmel kühn, Doch gleich der trauten Myrthe wahrt sie ini Herbste ihr Grün. Jul. Hammer. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. III. Diese beiden großen dorischen Tempel vermehren unseren knappen architektonischen Denkmäler-Vorrath der griechischen Welt recht erheblich. Nichts Wesentliches bietet das „M etroo n", der jüngste und kleinste von den drei Tempeln der Altis. Was sonst noch innerhalb der letzteren an Bauten zu finden war, beschränkt sich auf die Schatzhäuser, welche sämmtlich nach dem Schema kleiner Tempel gebaut waren und den Nordrand der Altis bildeten; ferner auf einige Hallenbauten. Außerhalb des heiligen Bezirkes, zum Theil mit der Mauer desselben in Verbindung stehend, zog sich eine Reihe der verschiedenartigsten Gebäude hin: Ningschulen, Palastanlagen der römischen Kaiser, ein Nath- haus, Hallenanlagen, Gebäude zu gastlichen Zwecken, vor Allem nach Osten zu die beiden Rennbahnen für die Menschen und die Pferde. Sie bieten dein Archäologen und Architekten des Interessanten und Neuen sehr viel; uns soll hier nur noch die Ausbeute in Anspruch nehmen, welche die Geschichte der Plastik dorr gemacht hat. Auch diese Kunst ist den Hellenen nicht ursprünglich, sie haben sich dieselbe erst in Folge der Berührung mit semitischen Stämmen angeeignet. Denn die arischen Völker bildeten sich ursprünglich allesammt keine greifbaren Idole ihrer Gottheiten. Sicher ist eS, daß die griechische Plastik, der wir in ihren reinsten und reichsten Schöpfungen mit Recht die bedingungsloseste Bswunderuna »ollen eininal auf dem Nivean gestanden hak, 54 kleinasiatische Idole einfach nachzuahmen. In Olympia fehlt es keineswegs an Funden, welche auf diesen frühesten, kindlichen Zustand der griechischen Kunst hinweisen. Es wird auch für den Dilettanten ganz lehrreich sein, diese steifen, abstoßenden Werke einmal ins Auge zu fassen, um sich klar zu werden, welcher Entwickelungsgang von da bis zur Hera Ludovisi oder dem Sophokles des Lateran in einem Zeitraum von 400 Jahren zurückgelegt worden ist. Abgesehen von einigen kleineren Idole», die man außer den Olympia- Merken auch in der Ausstellung der Gyps-Copieen im Oumpo snnvto am Tom in Augenschein nehmen kann, verdient der Kopf des Tempclbildes der Hera Beachtung, dessen Erhaltung als besonders günstiger Zufall bezeichnet werden darf. Es ist dies ein Werk von ausdrucksloser, maskenhafter Häßlichkeit. Dann aber beginnt das Leben der hellenischen Kunst sich zu regen, die Behandlung der Muskulatur und des Fleisches wird natürlicher, die Bewegungen ungesuchter und freier, der Gesichtsausdruck sprechender. Auch das Compositioustalent entfaltet sich; in den spärlichen Resten eines Hochreliefs, welches den Giebel des Schatzhauses der Megareer füllte, haben wir eine der ältesten Kampfesgruppen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit zufolge einen Gigantcnkampf. Stufenweise werden wir in die Periode der reifsten Entwickelung der griechischen Plastik hineingeleitet — um hier gerade enttäuscht zu werden. Der Stil der großen peloponnesischen Künstler Polykletos und Lysippos ist nicht in Olympia vertreten, und aus der Werkstatt des größten attischen Meisters Phidias haben wir in den Sculpturen des Parthenon in Athen Kunstwerke, welche technisch sehr viel höher stehen, als die Tempelsculpturen von Olympia. Dennoch sind die letzteren immerhin von unschätzbarem Werthe; namentlich ist es ein Schüler und Nachfolger des Phidias, und zwar „der seiner künstlerischen Weisheit nach ihm zunächst Stehende" (wie Pausanias meldet), den wir in Olympia zum ersten Male kennen lernen. Alkamenes hatte den Auftrag erhallen, die Füllung des westlichen Giebelfeldes am Zeustempel anzufertigen; er wählte oder erhielt den Auftrag, den Kampf zwischen Lapithen und Kentauren zu bilden, und hat eines der leidenschaftlichsten, wildesten Schlachtbilder geliefert, das wir aus dem Alterthum kennen. Die Betrachtung desselben, wie es in der Olympia-Ausstellung wieder hergestellt ist, kann als höchst lohnend bezeichnet werden. Die östliche Giebelgruppe ist in einer weit weniger genialen Weise von Paionios angefertigt worden, einem thrakischen Künstler, dessen Nike, eines der am frühesten entdeckten Werke, ziemlich allgemein bekannt geworden ist. Dasselbe ist in der That eine großartige Lösung des Problems, eine vom Himmel zur Erde herabfliegende Frauengestalt plastisch darzustellen, und es zeigt das Können des Meisters in weit vortheilhasterer Weise, als jene Giebelgruppe, die in der That erhebliche Mängel auszuweisen hat. — Nicht quantitativ, aber qualitativ glänzend ist die jüngere attische Kunstschule in Olympia vertreten. Der in ästhetischer Hinsicht werthvolle Fund der gesammten olympischen Grabungen, der schnell populär gewordene Hermes mit dem D i o n y s o s k n a b e n bietet das einzige, völlig sicher aus der Hand des P r a x i t e l e s hervorgegangene Werk, welches wir haben. — Die Zeit der Diadochen ist schwach vertreten, dagegen sind werthvolle statuarische Bildwerke in großer Anzahl zu Tage gekommen, welche von römischen Kaisern und Großen nach Olympia gestiftet wurden. Sie bieten mit den glänzenden Bauten zugleich den Beweis, daß die alte Fest- und Culturstätte auch in der Kaiserzeit noch in hohem Ansehen stand. An die Marmorplasti! reiht sich naturgemäß die T ö p f e r k u n st an. Ungewöhnlich zahlreich und zum Theil von großer Schönheit sind die in Olympia gefundenen Bau-Orna- wente, Zierglieder und Architekturtheile aus gebranntem Thon. Der Mangel an guten, bequemen zu bearbeitenden Steinsorten in jener Gegend mag diese Industrie in Olympia besonders befördert haben. Einige dieser Terrakotten lassen deutlich erkennen, daß sie als Bekleidung hölzerner Balken verwandt wurden. Wir konnten hier das Wesentliche in den am Alpheios gemachten Funden und Entdeckungen bestenfalls eben nur streifen. Wer auf dieses und jenes genauer einzugehen 55 wünscht, dem seien die fünf Bände des großen „Olympia-Werkes" (Verlag von E. Was» muth) empfohlen, welches von Adler und Curtius herausgegeben worden ist: sehr belehrender Text und Tafeln in Lichtdruck, bez. Holzschnitt. Allein dies Werk ist sehr theuer und somit nicht Jeder»,an zugänglich; deshalb war es ein guter Gedanke, daß die unternehmende und rührige Verlagsbuchhandlung von Ernst W a s m u t h in Berlin einen Auszug des umfangreichen Werkes gebracht hat, der an Text und Abbildungen das Wesentliche enthält. Auch das von E. Curtius und F. Adler herausgegebene chartographische Werk „O lympia und U m gebung" mit sehr schönen von Kaupert aufgenommenen Karten, kann zur Orientirung über die Bodenformation von Elis und die Lage der Altis dienen. — Alles in allem hat das deutsche Reich mit dieser seiner ersten größeren wissenschaftlichen Unternehmung Ehre eingelegt und der Alterthums-Wissenschaft einen erheblichen Dienst erwiesen. Dürfen wir an dieser Stelle einen Wunsch äußern, so ist es der, daß, sofern die Finanzen des Reichs es erlauben, bald einmal ähnliche Mittel der Erforschung der vaterländischen Kunst dienstbar gemacht werden. Daß hier noch Mancherlei in. Argen liegt, weiß jeder Kundige. L. l?. Weisung. Tief in die Berge flieh hinein Mit aller Deiner Herzenspein, Wenn Dn Dir keinen Freund gewannst, Bon dem Dn Trost empfangen kamist. Dort, wo der Lärm der Stadt verhallt, Im wilden Bach, im dunklen Wald, Aas Bergeshöh' im stillen Thal Genesung suche allzumal. Der Frieden felt'nen Zauber übt, Der weit und breit Dich dort umgibt, Er schleicht sich in das wunde Herz Und lindert selbst den herbsten Schmerz. Du stehst allein und bist's doch nicht, Weil die Natur rings zu Dir spricht Im Wasscrbransen, Windesweh'n, Im Grünen, Blühen und Vergeh',,. Dn findest, Dich zu fassen, Zeit Tief drinnen in der Einsän,keit, Und sammelst Deine ganze Krast Znm Kamps mit Schmerz und Leidenschaft. Und siegreich wirst Dn ihn besteh',. Gefaßt zurück in's Leben geh'», Das neuen Reiz und Glanz gewinnt, Wenn wir ihm lange serne sind. Heinrich Frei mann. M L s e e l l e,r. (Die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler) repräsentiren eine hübsche Zahl. Ob die Zahl der Männer, welche einst würdig erachtet werden, in Stein oder Erz nach ihrem Tode verewigt zu werden, in gleichem Verhältniß zugenommen hat, ist schwer zu beantworten. Jedenfalls muß dein Jahre 1882 eine gewisse Manie im Errichten von Mnkmälern zugeschrieben werden. Auch wird es nicht mehr als Regel betrachtet, daß verdienstvollen Männern er st nach ihrem Tode ein Monument errichtet wird, denn verschiedene genießen schon das Vorrecht, bereits bei Lebzeiten das eigene Denkmal anschauen zu dürfen. Im Nachfolgenden führen wir die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler in alphabetischer Reihenfolge auf: 1. Alexander II., Kaiser von Rußland, enthüllt in Sofia, der Hauptstadt von Bulgarien, am 11. Juli; 2. Arnold von Brescia, in Zürich (14. Aug.); 3. Franz von Assisi, in Assist (1. Oct.); 4. Robert Burns, schottischer Dichter, in Dunsries (12. Mai); 5. Becquerel in Chavillon-du-Lond (12. Sept.); 6. Thomas Carlyle in London Chelsea (26. Oct.); 7. Carnot in Nolay (3. Sept.); 8. Pierre Fermant in Beaumont de Lomagne (12. Aug.); 9. Fröbel in Schweina (21. Juli); 10. Philippe de Girard, Erfinder der Flachsspinnmaschine, in Avignon (7. Mai); 11. v. Graefe, der bekannte Augenarzt, in Berlin (22. Mai); 12. Gladstvne in London (9. Aug.); 13. Hache in Oran (25. Juni); 14. Karl v. Holtet in Breslau (im Januar); 15. Kaiser Joseph II. in Neustadt (27. Aug.), rn Saaz (7. Oct.) und in Mukhow-Hiobschitz (8. Oct.); 16. Corn van Kiel, belgischer Dichter und Historiker, in Dussel (8. Mai); 17. Lakanal, Unterrichtsreformer der ersten französischen Republik, in Foix (24. Sept.); 18. Lessing in Frankfurt a. M. (27. Sept.); 19. Mazzini in Genua (22. Mai); 20. August Mariette - Bey, Egyptologe in Boulogne-sur-Ncar (16. Juli); 21 O'Connell in Dublin (15. Aug.); 22. Petöfi, ungarischer Dichter, in Pest (15. Oct.); 23. Sir Novland Hill, Reformator des Postwesens in England (17. Juni); 24. Rabelais in Chinon (2. Juli); 25. Nouget de l'Jsle, der Dichter der Marseillaise, in Choisy le Roi (23. Juli) und in Lons le Saulnier (27. Aug.); 27. Savanarola in Florenz (25. Juni); 27. Oliver de Serres, welcher im 16. Jahrhundert die Seideuindustrie in Frankreich einführte, in Aubenas (l. Mai). Daneben wurde noch eine Anzahl Gedenktafeln an den Geburtshäusern :c. hervorragender Männer, sowie verschiedene Grabdenkmäler errichtet. In Deutschland für den Dichter Hammer in Pillnitz bei Dresden (7. Juni), Professor Römer in Clausthal (ilb. Juni), für den Dichter Wilhelm Hauff in Stuttgart (7. Juli), den Dichter Ludwig Storch in Nuhla in Thüringen (2. Juli), auf dem Grabe des Nordpolfahrers Weyp recht in König im Odenwald, Hessen (11. Aug.), für Stüve, hannover'scher Staatsmann, in Osnabrück, (17. Sept.), Prinz Adalbert von Preußen in Wilhelmshafen (16. Sept.), auf dem Grabe der Loise Büchner in Darmstadt (26. Sept.), des Zoologen Ph. F. Siebold in Würzburg (2. Oktober), des Pädagogen und Kinderschriftstellers Diesterweg in Mörs (7. Oct), endlich des Architekten Lucae in Berlin (19. Dec>). (Für Autographensammler.) An Paul Lindau wandte sich dieser Tage ein Mitglied der Familie Rothschild, welches Autographen sammelt, und bat den bekannten Bühnenschriftsteller zur Vervollständigung seiner Sammlung um eins von Paul Lindau geschriebene Zeile. Dieser schrieb auf ein Blatt: „Reichthum schändet nicht. Paul Lindau." (Philosophie.) Ein englischer Soldat, der zum erstell Mal ein Feuergefecht mitmachte, vollzog plötzlich eine Bewegung nach rückwärts. „Du bist ein elender Feigling!" rief ihm einer seiner Gefährten zu. „Möglich erwiderte der Netirirende, „allein ich ziehe es vor, 5 Minuten lang ein Feigling zu sein, als mein ganzes Leben hindurch — ein Leichnam." (Glückliche Familie.) Die „MecklenburgerZig." veröffentlicht folgende Familisn- nachricht: „Die Verlobung unserer Tochter Luise mit dem Herrn Ludwig Notemann in Berlin beehren wir uns hierdurch anzuzeigen. Schwerin, den 1. Januar 1883. Schleifer H. Conze und Frau. Dat is de Letzt von dat half Dutzend." (Aus der Weihn nchts woche.) Stoßseufzer eines Hausherrn, der mit Nadel und Zwirn bewaffnet ist: „Meine Frau und meine Töchter haben mit den gestickten Hosenträgern und Pantoffeln so viel zu thun, daß ich mir selber die Hemdknöpf' annähen muß." *' (Entla-stung.) Richter (zu einem Studenten, der wegen nächtlichen Exzesses angeklagt ist): „Da Sie Jurist sind, ist Ihr Vergehen um so strafbarer!" — Ücuckicwus zum.-: „Dagegen muß ich als mildernden Umstand anführen, daß ich bei meinem letzten Examen durch gefallen bin, man mir also doch nicht Rechtskenntniß vorwerfen kann." (Triftiger Grund.) „Was ist denn das den ganzen Tag für ein einsames Gepfeife?" — Gefreiter: „Entschuldigen, Herr Lieutenant, die Mannschaft muß für die Menage Wecke schneiden, dazu muß man pfeifen lassen, sonst fressen sie 8ie Hälfte davon weg." (Das Lebensglück des Herrn Schnelzle.) Schnelzle (wehmüthig): „Ich habe auch einmal mein Lebeusglück mit Füßen getreten. Ich konnt' ein Mädchen haben, schön, häuslich, klug, mit 50,000 Thalern. (Mit gesteigertem Pathos:) Sie mochte mich aber nicht!" Für die Redaktion verantwortlich Alphous Planer in Augsburg. — Druck und Verlag dcs Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. »ur „Äugsliilrgcc PostMnng." Nr. 8. Samstag, 27. Januar 1883 . Jörg von Mslderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) IV. König LadiSlaw von Ungarn hatte das zum Kampfe gegen Murad II. zusammen» gezogene Christen-Heer in der Nähe von Ofen an der Donau aufgestellt. Von hier aus rückte dasselbe in drei Kolonnen, unter dem König, unter Georg Kastriota und dem Woywoden Hunyad, Donau abwärts. Die österreichischen, bayerischen und tiroler Ritter mit ihren Reisigen, waren der Kolonne des Woywoden zugetheilt und zogen an der Save gegen Belgrad. Zwischen Gradiska und Brod stieß die Kolonne auf eine größere Abtheilung des türkischen Heeres, welche sich ihr kühn entgegen warf. Es entspann sich ein wüthender Kampf dessen glücklicher Ausgang für die Christen lediglich dem rechtzeitigen, geschickten Eingreifen der Deutschen und ihren gewaltigen Streichen zu danken war. Jörg von Waldeck verfolgte mit einigen Rittern eine an die Save sich zurückziehende feindliche Abtheilung, da verhinderten zahlreiche weite und mit Schlamm gefüllte Gräben jede weitere Verfolgung. Dieses gewahrend, wandten sich die türkischen Bogenschützen und Ritter Jörg, einer der vordersten Kämpfer sank, von einem Pfeile getroffen, bewußtlos vom Rosse. Nur ein kleiner Theil dieser verfolgenden Abtheilung konnte sich noch durch die Flucht retten, da die Schützen, welche die maskirten Graben-Uebergänge kannten, rasch vordrangen. Die Verwundeten wurden als Gefangene in die nahe Festung Brod geschleppt oder auf Ochsengespannen dahin gefahren. Unter den letzteren befand sich Jörg von Waldeck, welchem die Pfeilspitze unter der Achselhöhle in die Brust gedrungen war und einen großen Blutverlust zur Folge hatte. Wenige Wochen nach dem Kampfe an der Save bewegte sich ein Zug gefangener christlicher Streiter durch das felsige Narentathal der Festung Mostar zu. Schwerverwundete oder vom Blutverlust Ermattete wurden gefahren und lagen gebunden auf Stroh. Leicht Verwundete aber, welche noch gehen konnten, wurden von ihren rohen Wächtern mit Peitschenhieben vorwärts getrieben. Als der Zug über eine hohe, gewölbte Brücke ging, sah man die gewaltigen Mauern und Thürme der Festung, dahinter das tiefblaue adriatische Meer, in welches sich unterhalb Mostar die Narcnta ergoß. Jörg seufzte beim Anblicke seines künftigen Gefängnisses tief auf. O, wüßte die theure Agatha in welchem Zustande der geliebte Waldeckcr und wo sich derselbe befand l Endlich kamen die Unglücklichen über die Zugbrücke in die Festung. Die Reisigen wurden in die Kaffematten vertheilt, während die Ritter in den feuchten und schmutzigen gewölbten Thurmgefängnissen, zu welchen nur wenig Luft und Tageslicht gelangen konnte, eingeschlossen wurden. Dort nahm man ihnen die Rüstungen ab und ließ ihnen nur das Hemd am Leibe. Ritter Jörg lag. vom großen Blutverluste geschwächt, gemartert von den Schmerzen, welche die tiefe Wunde in der Brust verursachten, auf seinem mit faulendem Stroh gefüllten Bette. An seinem Halse und an den Handgelenken waren Eisenringe befestiget und diese mit Ketten verbunden, so daß dem Armen nur wenig Bewegung gestattet war. Die Füße wurden durch zwei Oeffnungen in dem Fußbrette der Bettlade gezogen und waren ebenfalls mit durch eine Kette verbundene Ringe gefesselt, so daß sich der Gefangene nicht ohne Hilfe eines Andern aus dem Bette entfernen konnte. Neben der Bettlade stand auf einer Bank ein Krug mit Wasser, daneben lag ein erweichter Laib schwarzen, schimmligen Brodes. Die Schwäche des Gefangenen hatte in Folge des Transportes und der rohen Behandlung während desselben, dann durch das Wundfieber derart zugenommen, daß derselbe häufig das Bewußtsein verloren. Wenn er dann wieder zur Besinnung kam, stöhnte er vor Schmerz, nahm das in's Hemd versteckte Amulet mit dem Bildnisse der schmerzhaften Gottesmutter, welches ihm Agatha mitgegeben hatte, hervor und führte dasselbe inbrünstig an seine zitternden, blaßen Lippen. Dann verbarg er es wieder sorgfältig, denn es war nicht nur ein unendlich liebes, theures, sondern auch ein sehr werthvolles, kunstvoll gearbeitetes und gemaltes Kleinod. Jetzt trat der Thurmwärter Ibrahim in den Kerker. Dieser, ein bejahrter, finsterer Mann, mit langem weißen Vollbarte, auf dem kahlen Haupte den schmutzigen rothen Turban. Dessen langer und weiter, farbiger Kastan war durch einen Gürtel um den Leib befestigt, in welche,» ein langer Dolch stack. Ibrahim brachte eine mit Wasser gefüllte Schüssel, in der einige Blätter des Wunden-Krautes lagen, dann Leinwand stücke, um die Wunde des Gefangenen auszuwaschen und die Blätter einzulegen. Die verwundeten christlichen Ritter suchte man schon um des Lösegeldes zu erhalten und Ibrahim hatte sich in den vielen Jahren seiner Verwendung als Wärter der Gefängnißthürme durch Pflege der Verwundeten eine gewisse Fertigkeit in der Behandlung und Heilung von Wunden erworben. Das Alter hatte den sonst gefürchteten fanatischen Mann umgewandelt und milder gestimmt. Körperliche Gebrechen, insbesondere Folgen von früheren Verwundungen in den Kriegen unter Sultan Bijazet und seinem kühnen Vorgänger Murad I. flößten ihm einiges Mitleiden mit den Gefangenen ein; doch hatte er für Keinen einen freundlichen Blick, einen Gruß. Allmählig besserte sich der Zustand unsers Ritters, so daß er, nachdem Ibrahim die Fnßsesseln gelöst hatte, mit Benützung zweier Stöcke einige Schritte in seinen: Kerker zu gehen vermochte. Thränen füllten seine Augen, als er sich dem Fenster nahte, durch welches eine erquickende Luft hereinströmte in das feuchte, dumpfe Gefängniß. — Eines Tages, nachdem Ritter Jörg schon einige Stunden außerhalb seines Lagers zubringen konnte, zog ivieder ein wohlthätiger Luftstrom in den Kerker. Draußen sangen die freien Vögel ihre Lieder und hie und da setzte sich ein Nothkelchen oder eine Schwalbe auf die Fensterbank zwischen den starken Gitterstangen und schauten den armen Gefangenen mitleidig an oder sangen und zwitscherte» ihm unverständliche Grüße oder Wünsche zu. Da zog dann ein namenloses Sehnen in des Ritters Herz, er faltete die Hände und zum tiefblauen Sominerhimmel hinaus blickend, rief er tief bewegt: „O Heimath! — Meine theure Agatha! — Wüßtest Du, was Dein treuer Jörg gelitten hat und noch leibet — und welches herbe, vielleicht schauerliche Loos ihm noch bevorstehen wird!" — Nicht ohne Anstrengung kniete er dann nieder und indem zahlreiche, heiße Thränen üder die blaßen, eingefallenen Wangen in den langen Bart rannen, betete er aus tiefstem Herzensgründe zu Gott um baldigen Tod oder um Rettung und Erlösung, um glückliche Heimkehr zur trostlosen Gattin. Erleichterten Herzen erhob sich Jörg mühsam von dem harten, feuchten Steinpflaster und gelobte, falls ihn der liebe 59 Gott glücklich zu den Seimgen gelangen lassen sollte, drei Kirchlein zu bauen, zu Ehren. Maria's der Mutter des Erlösers, St. Georgs und St. Agathens. Wieder hatte der Ritter an einem Morgen auf seinem Lager sein Leben dem Allmächtigen empfohlen und für die treue Gattin gebetet. Noch waren die Augen miL Thränen gefüllt, die Hände über der Brust gefaltet, als die Kerkerthüre geöffnet wurde und statt des alten, schweigenden Ibrahim, ein weibliches Wesen im Gewände der türkischen Dienerinnen aus der Schwelle erschien. Es war Selima, des Gefängnißmeisters vertraute Sklavin, welche, falls dieser erkrankte, die bessere» Gefangenen versorgen mußte. Sie hatte durch eine Thürspalte den Betenden beobachtet und als dieser sich bekreuzte, da trat auch in ihr Ange eine Thräne, die sie jedoch verwischte, ehe sie eintrat. — Des Mädchens ernste, doch wohlwollende Züge, ihr dunkles, (einstens wohl liebe» glühendes) Auge, die ganze Erscheinung flößte dem Ritter sofort Vertrauen ein. Selima stellte die Schüssel mit der aus gekochtem Reis bestehenden Morgensuppe auf die Bank, nahm Brod und — was Ritter Jörg noch niemals erhalten hatte, süßeS Obst aus der Tasche und legte es neben die Schüssel, dann entfernte sie sich aus dem Kerker. — Hatte schon das inbrünstige Gebet heilenden Balsam in des Gefangenen wundes Herz geträufelt, so überkam ihn diesem Mädchen gegenüber ein beruhigendes Gefühl. Es that ihm so wohl, statt des ernsten, schweigenden Ibrahim, ein wie es schien theilnehmendes Wesen zu schauen. Wie der finstern, Grauen erregenden Nacht, der schöne, helle, hoff-, nungsvvlle Tag folgt, so freundlich erschien dem Ritter diese Frauengestalt gegenüber dem düsteren Gefängnißwärter. — Je öfter Selima in den Kerker trat, desto theiluehmender zeigte sie sich. Aber, wie schwer wurde es dem Gefangenen, welcher der türkischen Sprache unkundig war, sich. dem Mädchen verständlich zu machen! — Da redete ihn Selima eines Tages in italienischer Sprache an. Welche Freude für den Armen! Jörg war als Schirmherr des Chorherrnstiftes Schliers schon einigemale nach Südtirol, wo das Stift Weinberge besaß, gekommen und hatte von da aus Verwandte am Gardasee besucht, bei welchen er als Knabe oft monatelang verweilen durste und dort die italienische Sprache erlernte. Nun konnte er sich seiner wohlwollenden Wärterin verständlich machen, ihr sein Sehnen nach der treuen Agatha klagen und wenn das Mädchen ihm Muth und Ausdauer rieth und nur die leiseste Anspielung auf eine mögliche Rettung machte, da dankte der Ritter dem Allmächtigen für diesen beseeligenden Hoffnungsstrahl. Selima hatte bei dem so häufig von Gicht geplagten, an seine Wohnung gefesselten Ibrahim durchzusetzen gewußt, daß der von Blutverlust und Schmerzen so sehr geschwächte blonde Ritter den unter seinem Kerkerthurme befindlichen kleinen Garten des Wärters besuchen durfte. Ibrahim hatte dem Mädchen nur den Auftrag gegeben, dem Gefangenen die Fuß- und Handschellen nicht abzunehmen, damit ihm jede Hoffnung zur Flucht genommen werde. Da saß der dankbare Waldecker manche Stunde in der schattigen Weinlaube, welche m einer Ecke der Festungsmauer angelegt war. Von Zeit zu Zeit besuchte ihn Selima und brachte, obwohl es ihr strenge untersagt war, ein Krüglein stärkenden Weines mit, welchen sie sich in der Stadt von Bekannten zu verschaffen wußte. Die Pflege des geduldigen Ritters, der dem Mädchen für jede Gefälligkeit innig dankte, den sie häufig im frommen Gebete belauscht hatte, dessen Thränen ihrem guten Herzen selbst bitteres Weh bereiteten, war ihr zur Lieblingsbeschäftigung geworden. —> Gleichwohl sann sie auf die baldige Rettung und hoffte durch dieselbe, als die Befreiung eines Glaubensgenossen, die Gewissensbisse wegen ihres, freilich erznrungenen Uebsrtrittes zum »lohamedanischen Glauben, zum Schweigen zu bringen. Eines Nachmittags saß der Ritter wieder in der Weinlaube und blickte durch die 60 schmale Oeffnung der Mauer hinaus in die blaue See, deren Rauschen den schwachen Gefangenen so oft in kurzen, aber süßen Schlummer gewiegt hatte. Träumend saß Jörg auf der Steinbank und dachte an die heimathliche Burg, an den kleinen Schliersee, — ein Tropfen Wasser gegen das nahe Meer —, dachte an Agatha! Da nahte Selima und setzte sich neben dem Ritter zu dessen Füßen nieder. „Selima!" sprach dieser, „Du versprachst mir wiederholt, Deine Lebensgeschichte zu erzählen. „Willst Du eS heute thun, ich sehne mich sie zu kennen!« Selima antwortete: „Wenn ich nicht wüßte, daß Du ein christlicher Ritter bist und, wenn mir nicht Deine thränenfeuchten Augen so oft gesagt Hütten, daß in Deiner Brust ein warmes Herz für Deine Heimath schlägt, ich würde die trübe Zeit nicht mehr in's Gedächtniß zurückrufen, die mich für immer von der unvergeßlichen Heimath, von, schönen Venedig trennte! —« „Also Venedig, das stolze, ist Deine Heimath!« rief der Ritter. „Dann warst Du eine Christin, Selime?« „Ich war eine Christin!« erwiderte diese. „Höre weiter! Mein Vater war Kaufmann und handelte in Seidenwaarren. Meine Mutter überlebte meine Geburt nur wenige Wochen. Ich erhielt in der Taufe den Namen Luzia. Zwölf Jahre durfte ich Italiens ewig blaue» Himmel schauen, der Heimath stärkende Meeresluft athmen und mit lieben Gespielinnen die Kinderjahre verträumen. — Da mußte mein Vater eines Tages in Geschäften zu einem Freunde, welcher in einem wenige Stunden entfernten Städtchen wohnte. Es war meine erste Reise. O, wie freute ich mich, als wir in der Morgenblüthe durch einen kleinen, aber lieblichen Pinien- Hain, nahe am Meeresufer dahin fuhren. — Ich ahnte nicht, daß dieser Tag der trübste, der schmerzlichste meines Lebens werden sollte, daß ich in diesem Haine den theuren Vater und die Freiheit verlieren würde!« — Das Mädchen schwieg und trocknete die Thränen, welche ihren dunklen Augen entquollen. — Der Ritter sah sie theilnehmend au, und seufzte: „Arme Selime! So jung noch und Du mußtest schon so Bitteres erfahren!« Diese fuhr fort: „Nachdem der Vater seine Geschäfte beendet und eine ziemlich große Geldsumme eingenommen hatte, ließ er sich von dem Freunde bereden, die Rückfahrt nach Venedig wegen der großen Hitze auf den Abend zu verschieben. Es war schon ziemlich dunkel, als wir den Hain erreichten. Die Pferde mußten des ansteigenden Weges halber, im Schritte gehen. Plötzlich hörten wir einen schrillen Pfiff und gleich darauf eilten zwei bewaffnete Männer auf unseren Wagen zu. — Mein Vater griff nach seinem Dolch und wollte noch die in einer Tasche befindliche Geldsumme verbergen, als er von rückwärts einen Dolchstich erhielt, auf welchen er sofort zusammensank und aus dem, Wagen taumelte. Ich schrie wild auf und sprang aus dem Wagen, um nach dem armen Vater zu sehen. Da hob mich einer der Räuber auf und trug mich an das nahe Meeresufer in ein kleines Schiff. Ich verlor nun das Bewußtsein!- Als ich wieder zur Besinnung kam", fuhr Sekiine nach kurzer Pause fort, „befand ich mich auf hoher See in einem Piratenschiffe, umgeben von wilden Gestalten. Ei» alter Mann mit wettergebräuntem Gesichte, aber gutmüthigem Ausdrucke tröstete mich, denn ich fühlte schreckliches Heimweh und Sehnen nach dem Vater und weinte bitterlich. Er gab mir zu Essen und zu Trinken und sagte mir, es werde mir da gewiß gefallen, wohin sie mich führen. Mir war's, als wären wir Monate gefahren, als wir an Inseln vorüber in die Mündung dieses Flusses, der Norenta, einbogen. Bald erblickte ich die finsteren Thürme und Mauern über der Stadt und als mir der Alke — Stephane nannten ihn die Räuber — sagte, daß wir am Ziele der Fahrt seien, da überkam M wieder namenloser Schmerz. Wir ankerten mitten im Flusse, dann kam ein Schiffchen vom belebten Ufer. Ich mußte in das Fahrzeug steigen und Stephans ruderte mich hinüber. Kaum hatte ich den Fuß an'S Land gesetzt, als ein Türke in besserer Kleidung sich durch die Neugierigen drängte. Es war Ibrahim. Er war damals, wenn auch schon in den Fünfziger», noch ein rüstiger Mann. Dieser gab dem Stephans, den er zu kennen schien, eine Börse, dann blickte er mich freundlich an und nahm mich bei der Hand. Stephans aber sagte: Sieh, Luzia, dieser Mann ist nun Dein Vater und Freund, folge ihm vertrauensvoll. Seit zwanzig Jahren bin ich die Sklavin Jbrahiin's und kann nicht klagen über harte, unliebe Behandlung. Ich genieße sein Vertrauen seit vielen Jahren und ohne dieses Hütte ich niemals Deinen Kerker betreten dürfen, edler Ritter. Ich durfte noch keinen Gefangenen bedienen; erst seit Jbrahiin's Leiden ihn an die Stube fesselt, darf ich Dich, für den er hohes Lösegeld erwartet, pflegen." Seliina erhob sich und ging, um bei dem kranken Ibrahim nachzusehen. (Fortsetzung solgt.) Gokdkörrrer. Der Neid ist die Becschwisternng mehrerer Untugenden zu einem einzigen Hauptlaster: er trügt zu gleicher Zeit die Abschentichkeit der ungenügsamen Habsucht, des Stolzes, der Menschenfeindlichkeit. Er verwüstet nicht imr die Lebensruhe Dessen, in dem er wohnt, sondern er lechzet auch noch Zerstörung fremden Glückes. Seins Kinder sind die Schadensrende, die Verleumdung, die Ungerechtigkeit, die Heuchelei, der Haß. Neid ist Unzufriedenheit über Begünstigungen und Borzüge, die man nicht hat, ein Streben, sie Dem zu rauben, der sie besitzt, um sie sich selbst zuzueignen oder auch nur, sie an Andern zu zerstören, wenn man zu ihrem Besitz nicht gelangen kann. Zschokke. Es gibt eine Höflichkeit des Herzens: sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des nutzeren B.tragens. Goethe. Verstand ist stets bei Wen'gen nur gewesen: Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Schiller. Wer gute Menschen liebt, kaun iveuigsteus nicht ganz verdorben sein. Lessing. Das, was Dein Aug' an Andern sah, Wird Andern nicht an Dir entgeh'»- Tiedge. Laß die Sonderlings mit Frieden, Menschentroß! Denn es wäre doch wahrlich sonderbar, wenn das Dornengebüsch mit den Eichenstämmen rechten wollte, daß sie einen festen, selbständigen Wuchs himmelan treiben. Benzel - Sternau. Unser Lebensweg steht auf beiden Seite» so voll Bäumchen und Ruhebänke«, daß ich mich wundere, wenn Einer müde wird. Jean Pauk. Freund! Bewahre Deinen Himmel Bor dem Dunst der Leidenschaften. Herder. Leben ist ein Gewebe von Traumen, Fröhlichen leicht, Betrübten schwer. K. Schmidt. Schönheit ist ein mißlich Geschick. Sie machet den Liebling Eitel, und wenn sie entflieht, macht sie ihn traurig und leer. Herder. Witz als Werkzeug der Rache, ist so schändlich als die Knust als Mittel des Sinnenkitzels. Schlegel. Zm- Erinnerung arr NadetzN). (Aus dem Wiener Vaterland.) Am^18. Januar 1898 bewegte sich ein langer Tranerzug, vom Arsenale kommend, nach der Stadt zur St. Stephanskirche. Es war das Leichenbegängniß des Feldmarschalls Nadetzky. Am 5. Januar war der berühmte Feldherr im 94. Jahre seines Alters in der Villa Reale in Mailand gestorben und nachdem man erst in Mailand, dann auf der Durchreise in Venedig und Trieft große Leichenfeierlichkeiten abgehalten hatte, wurde die 62 entseelte Hülle nach Wien gebracht, um von da zur Beerdigung auf dein Heldenberge in Wetzdorf iveiterbefördert zu werden. Was Nadetzky in trüber, sorgenschwerer Zeit für Kaiser und Vaterland gethan, ist Allen bekannt; aber wie es Erinnerungstage im Leben der Einzelnen gibt, wo man mit besonderer Innigkeit theuerer Verstorbener gedenkt, so ist der Tag, an dem es ein Vierteljahrhundert wird, daß die sterblichen lleberreste des Feldmarschalls nach Wien gebracht wurden, wohl geeignet, der Verdienste, die er sich erworben, lebhafter noch als sonst zu gedenken. Am 2. November 1766 erblickte Nadetzky in Trzebniz in Böhmen das Licht der Welt; aus einer altadeligen gräflichen Familie entsprossen, trat er als Cadet in ein ungarisches Kürassierregiment und machte 1788 bis 1789 als Oberlieutenant den Feldzug gegen die Türken mit, wo er sich vor Belgrad die ersten Lorbeern errang. In der kriegerischen Zeit, die nun folgte, nahm er an den Kämpfen gegen die Franzosen Theil und zeichnete sich namentlich in der Schlacht bei Leipzig aus, wo er und Langen«» Generaladjutauten des Generalissimus Schwarzenberg waren. Im Jahre 1831 wurde er Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen in Italien und im Jahre 1836 ward er zum Feldmarschall ernannt. Wie viele Proben seines Genies und Muthes er auch bis dahin gegeben, so war es ihm doch vorbehalten, in einem Alter, wo Andere, von dem errungenen Ruhme zehrend, ihre physischen und geistigen Kräfte schwinden sehen, die höchsten Triumphe zu feiern. Als die Revolution im März 1848 in Mailand aus- brach, war Nadetzky vierundachzig Jahre alt; allein die Energie, mit welcher er handelte und ein ihm weit überlegenes Heer inmitten eines aufständischen Landes besiegte, zeigte ihn nicht als Greis, sondern als vollkräftigen Mann. Die herrlichen Waffenthaten der Jahre 1848 und 1849 sind unverwelkliche Lorbeerblätter in der Geschichte Oesterreichs. Santa Luoia, Sommacampagna, Custozza und Novara sind Namen, welche die Brust eines jeden Oesterreichers mit Stolz erfüllen dürfen, und mag immerhin ein Gefüht der Wehmuth uns jetzt bei der Erinnerung daran beschleichen, die Proben von Tapferkeit und Aufopferung, welche uirsere Truppen, angeführt von „Vater Nadetzky", gaben, dürfen nicht der Vergessenheit überlassen werden. Am 23. März 1848 hatte Nadetzky Mailand, in welchem die Revolution herrschte, geräumt, und ein Jahr später, genau an demselben Tage, gewann er die Schlacht bei Novara, die dem Kriege mit Sardinien ein Ende machte. Ebenso bekannt wie die Schlachten, welche Nadetzky gewann, sind die Milde und Großmuth, die der edle Sieger, jedes unnütze Blutvergießen vermeidend, den Unterworfenen angedeihen ließ. Nach dem Friedensschlüsse wurde er zum Generalgouverneur des lombardo-vene- tianischen Königreiches ernannt und erst am 29. Februar 1857 auf sein eigenes Ansuchen jn den Ruhestand versetzt. Nicht ganz ein Jahr später starb er an den Folgen eines Beinbruches, den er sich durch einen Fall im Zimmer zuzog. Sein berühmter Vorgänger, Prinz Eugen von Savoyen, diente unter drei Kaisern, Nadetzky unter fünf Monarchen. Geboren unter der Regierung Maria Theresia's, focht er unter Kaiser Joseph II. gegen den Erbfeind Oesterreich's, gegen die Türken; unter Leopold II. und Franz I. nahin er an den Franzosenkriegen den rühmlichsten Antheil; unter Ferdinand dein Gütigen bewältigte er die Revolution in Italien und unter Kaiser Franz Joseph 1. erfocht er den glänzendsten Sieg über Karl Albert von Sardinien. Zum Generalgouverneur des lombardo-venetianischen Königreiches ernannt, stellte er in dem unterwühlten Lande Ruhe und Ordnung wieder her. Die Monarchen, in deren Diensten er so Großes und Herrliches leistete, ließen es an Beweisen der Huld und Anerkennung nicht fehlen und als Nadetzky im Herbste 1849 in Wien war, wetteiferten Kaiser und Volk, ihn auf jede Weise auszuzeichnen. So wurde während seiner Anwesenheit „Wallenstein's Lager" im Burgtheater ausgeführt und die Volkshymne zu Ehren des Feldmarschalls gesungen. 63 Man feierte in ihm nicht nur den siegreichen Feldherrn, sondern liebte ihn auch wegen seiner Herzensgüte. Mit wahrhaft väterlicher Liebe sorgte er für seine Soldaten, die ihn deshalb auch „Vater Nadetzky" nannten. Seine Leiche wurde nach Wetzdorf überführt, wo er auf Parkfrieder's Heldenberg beigesetzt wurde und ein herrliches Mausoleum erhebt sich nun über die Stätte, wo der große Feldherr ruht. Se. Majestät der Kaiser Franz Joseph wünschte, daß Der, welcher ihm so glorreich gedient, auf einer kaiserlichen Besitzung ruhe; da er aber den Willen des Verstorbenen ehrte und ihn demzufolge aus dem von Herrn Parkflieder zu Ehren berühmter Oesterreicher errichteten Heldenberge begraben ließ, so gedachte er denselben durch Kauf an sich zu bringen. Herr Parkfrieder, dem dieser Besitz um kein Geld der Erde feil gewesen wäre, bat den Kaiser, den Heldenberg mit allen seine» patriotischen Denkmälern als Geschenk annehmen zu wollen. Während ein einfacher Privatmann sich durch diesen schönen Zug des Patriotismus ein unvergängliches Denkmal setzte, kann es nur unser schmerzliches Erstaunen erregen, daß die Hauptstadt des Reiches bis jetzt unterließ, die Pflicht der Dankbarkeit zu erfüllen, indem sie dein Feldmarschall Nadetzky ein Denkmal setzte. Wir dächten, der Sieger von Novara hätte darauf nicht minderen Anspruch als die Sieger von Zenta, Aspern und Leipzig. Wir sollten stolz darauf sein, diesen De kmälern noch eines hinzufügen zu dürfen, das uns vielleicht dadurch noch werther wäre, weil noch so Viele leben, denen der Name Nadetzky in stnrmbewegter Zeit Trost und Muth einflößte. Unsere Zeit, die sonst so eifrig bestrebt ist, berühmte Verstorbene durch Denkmäler zu feiern, sollte den würdigsten Anlaß, der sich ihr hier bietet, unbeachtet lassen? Alle Dichter Oesterreichs haben in edlem Wetteifer den Helden von Novara gefeiert und wir meinen diesen kurzen Nachruf, den wir seinem Andenken gewidmet haben, nicht besser schließen zu kennen, als indem wir die schönen Verse Deinhardstein's anführen, mit welchen der Dichter uns ein so tref- tendes Bild von des Feldmarschalls Wesen liefert: „Für Nccht und Pflicht das Schwert gezückt, Den Blick zum Himmel nnvcrrüctt, Beschützend mit der Heldenhand Den Kaiser und das Vaterland; Das Herz an Menschenliebe reich, Ein Kriegs- und Friedcnsfürst zugleich; Im Handeln stark, im Ltraien mild, Das ist — Nadetzky's Lebensbild. II. V. M i s e s l L e rr. (Die junge Königin von Holland) führt, wie man aus Haag schreibt, mit ihrem hohen Gemahl das harmonischste Familienleben. Die jugendliche Fürstin liebt aber außer ihrem Gemahl noch die schönen Künste und hat es namentlich in der Malerei zu einer bewundernswerthen Fertigkeit gebracht. — So überraschte sie den König zum Weihnachtsfeste mit einem prachtvollen — von ihr eigenhändig gemalten — Porzellan- Service. Der hohe Herr war von dieser unerwarteten Gabe so entzückt, daß er des Dankes kein Ende wußte und noch am selbem Abend seinem vertrauten Kammerdiener die Sorge für das künstlerische Geschenk auf die Seele band. „Dieses Service," sagte er, „ist für mich das köstlichste Kleinod unter allen Kunstschätzen, welche ich besitze, und mein königlicher Zorn wird unerbittlich jeden treffen, der mir etivas davon zerbricht. Der Unglückliche wäre sofort entlassen." Es vergingen einige Tage, und eines Morgens erbat sich mit bestürzter Miene der Kammerdiener eine Audienz bei der Königin, um ihr zu berichten, daß er das Unglück gehabt habe, von dem kostbaren Service die Zuckerschale zu zerbrechen, und daß er nun fürchte, vom Souverän? sofort entlassen zu werden» Huldvoll indeß wußte ihn die junge Fürstin zu tdösten und befahl dem geängstigten Dtener, ihr ein Fläschcheu jenes flüssigen Leimes zu bringen, das in Frankreich unter dem tröstenden Namen „ne zKenros-xlus''' bekannt ist. Die Königin wußte mit großer Geschicklichkeit die zerbrochene Dose wieder zusammenzufügen, und so paradirte sie noch am nämlichen Morgen auf dem fürstlichen Frühstückstisch. Der König trank seinen Souchongthee» als plötzlich seine Gemahlin sich erhob, die geleimt« Zuckerdose in die Hand nahm und sie mit allen Zeichen tiefsten Erschreckens zu Boden fallen ließ. „Majestät," sagte die Königin, auf die Scherben der kostbaren Schale deutend, „Majestät, bin ich nun auch meines AmtcS entlassen?" — „O," sagte der König, verständnißinnig lächelnd, Sie sind ein Engel — ns pleures-plem! (Eine Symphonie von Richard Wagner.) Am heiligen Abend wurde zur Grburtstagfeier von Frau Cosima Wagner im Hause des Componisten in Venedig eine Symphonie aufgeführt, welche Wagner vor 50 Jahren componirt hatte. Wagner nennt in einem Briefe an das Leipziger „Musikalische Wochenblatt" diese Symphonie ein «altmodisches Judenwerk", das zwar einige contrapunktische Sicherheit und Selbst- ständigkeit in der Verarbeitung der Themen zeige, ohne die drastisch feste Formenfassung seiner großen symphonischen Vorbilder Mozart und Beethoven aus dem Auge zu verlieren. Die Symphonie wurde zuerst in Leipzig aufgeführt, und Heinrich Laube» der sich damals „mit Aufsehen schriftstellernd in Leipzig" aufhielt, lobte das Werk in seiner „Zeitung für die elegante Welt". Ueber Mendelssohn ist Wagner auch in diesem Briefe nicht gut zu sprechen. Wagner, der damals 19 Jahre zählte, überreichte sein symphonisches Werk dem berühmten Tondichter, welcher ihm gar kein Wort darüber sagte. „Im Laufe der Jahre," erzählte Wagner, „führten mich meine Wege oft wieder mit Mendelssohn zusammen; wir sahen uns, speisten, ja musicirten einmal in Leipzig mit einander; er assistirte einer ersten Aufführung meines „Fliegenden Holländer" in Berlin und fand, daß, da die Oper doch eigentlich nicht ganz durchgesallen war, ich mit dem Erfolge zufrieden sein könnte; auch bei Gelegenheit einer Aufführung des „Tannhäuser" in Dresden äußerte er» daß ihm ein canonischer Einsatz im Adagio des zweiten Finales gut gefallen hätte. Nur von meiner Symphonie kam nie eine Sylbe über seine Lippe." (Umschreibung.) Nechtsanwalt: „Ihr leugnet also gar nicht, den Kläger geschlagen zu haben; könnt Ihr denn nichts zu Eurer Entschuldigung anführen!" — Klient: „Ei freilich, Herr Rechtsanwalt! Sehen Sie, wir haben in unserem Dorfe gerade Kirmes, und da bin ich die ganze Woche hindurch in mildernden Umständen gewesen." (Weiberneid.) Die Kinderlose ist der mit Kindern Gesegneten neidig, weil man die Unfruchtbaren, als guasi „unnütz," verachtet und die mit Kindern Gesegnete beneidet die Kinderlose, weil es diese „so schön" hat. — Die „alte Jungfer" aber beneidet Beide, weil sie Männer haben! (Kompliment.) „Ich habe immer gefunden," sagte ein ziemlich einfältiger, aber eingebildeter Mensch, „daß, je weniger Jemand weiß, er desto glücklicher ist." — „Da gratuliere ich Ihnen", bemerkte der Andere, „denn dann müssen Sie sehr glücklich sein." (Ein Prinzipienman n.) Der Professor Silbenstecher hat sich ohne Verlobung verheirathet, weil er's als Philologe nicht über's Herz bringen konnte, sich zu — versprechen. (Viel Lärm um nichts.) „Was geschieht denn der« Sau, daß gar a so schreit?" — »Nix g'schieht ihr, abstachen wird's." (Ehrlich.) Donnerwetter! Der Rock geht aber ausgezeichnet! Wie heißt Dein. Schneider? — Sag ich nicht — kann meinen Schneider allein ruiniren. Räthsel-Aufgabe. (Vorstehende zwölf Buchstaben sind so zu gruppiren, daß sie die vier Seiten eines Quadrates vildeud, sieden verschiedene Wörter ergeben.) Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag dezi Literarischen Instituts von Dr. Max. Huttler. zur -4 Nr. 9 Mittwoch, 31. Januar L883. Jörg von Mrilderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) V. Es war um die fünfte Nachmittagsstunde des Laurenzitages. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über dem schönen Schliersthale und spiegelte sich und die malerischen Berge und Wälder in der klaren Seefläche. In der schattigen Laube des Jägerhauses auf der Halbinsel saßen vier Personen. Frau Agatha von Waldeck, die edle Wittwe von Pienzenau, Pater Raimund von Schliers und Probst Christian von Weyarn, welcher zur Erhöhung der heutigen Kirchenfeierlichkeit in Schliers eingetroffen und in der Waldecker Burg zu Gast geladen war. Nachmittags begleiteten die Geistlichen die Herrschaften auf die Halbinsel, wo dieselben mit Wein und kaltem Wildpret bewirthet wurden, während die Frauen ihren gewöhnlichen Nachmittagsimbiß, kalte Milch, zu sich nahmen. Pater Raimund hatte von dem im Jahre 1346 stattgehabten Brande des Stiftsgebäudes und der Kirche zu Schliers erzählt. Da gedachte der Weyarner Probst der Verdienste des verlebten Ritters Georg von Waldeck für sein Stift und betonte, daß Weyarn seinen Bemühungen und seinem hohen Ansehen die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zum Stifte Weyarn zu danken habe, denn das Kloster sei in Folge von Brandunglücken gänzlich verarmt. „O, erzählet doch!" bat Agatha. „Ich höre gerne von dem seligen Schwiegervater. Er war ein treuer, gewissenhafter Schirmherr ves hiesigen Stiftes, ein Freund der armen Klöster und ein thätiger Verehrer seines heiligen Namenspatrons, denn ihm zu Ehren erbaute er um 1350 das Kirchlein auf dem Weinberge, wo ich oft für sein Seelenheil mit meinem armen Jörg betete. — Noch jetzt ist mir das stille Gotteshaus ein Lieblingsaufcnthalt, den ich niemals ohne Trost und Hoffnung verlasseI" — Probst Christian begann nach einer kleinen Pause: „Ich muß um Nachsicht bitten, wenn ich eines wichtigen Ereignisses wegen, in meiner Erzählung in die Zeit des ersten Brandes in Weyarn zurückkomme. Die Folgen des ersten Brandes sind ja die Ursache des völligen Zusammensturzes der Klostermauern bei dem zweiten Brande und der gänzlichen Verarmung des Stiftes, welcher nur durch Einverleibung einer größeren Pfarrei einigermaßen entgegengetreten werden konnte. Es war im Herbste des Jahres 1236 als in dem nördlichen Flügel des Convent- gebäudes Feuer ausbrach und den größten Theil des Klosters zerstörte. Die Umfassungsmauern bestanden aus Kalktuff aus dem nahen Mühlthale, welches durch die große Hitze, wie in einem Ofen gebrannt wurde und seine Tragfähigkeit einbüßte. Dennoch setzte man später die neuen Umfassungswände der zerstörten oberen Gaben auf dieses Mauerwerk, ein Fehler, der sich 114 Jahre später unter Probst Albertus schrecklich rächte. 66 Hierüber erzählt uns 'Probst Heinrich, der Nachfolger des unglücklichen Albert,' Folgendes: Albert, ein frommer und gelehrter Chorherr, war im Jahre 1350 nach Conrad II, Tode von seinen Mitbrüdern zum Probst gewählt worden und erwarb sich in kurzer Zeit durch strenge Nechtlichkeit und sein versöhnendes Wesen die Liebe und Achtung seiner Untergebenen. Albert lebte, wie als Chorherr, so als Probst zurückgezogen, meist in seiner Zelle mit Arbeiten oder Studien beschäftigt, wenn ihn nicht seine Pflicht zu den Brudern rief. Oftmals saß er am offenen Fenster und schaute sinnend hinab in das malerische Thal, welches dir grüne Mangfall im raschen Laufe durchströmt; sah hinüber auf die bewaldeten steilen Uferhänge und Höhen,' oder hinab nach Nordost, wo die Zinnen der Burg des wilden Kunz von Darchingen trotzig über die Wipfel der Tannen und Buchen hervorlugten. An einem Herbstabende desselben Jahres saßen der Probst und Pater Dominikus der Kastner im eifrigen Geschäflsgespräche in des Ersteren Zelle. Der Wind, welcher den Tag über von Westen her geweht und die welken Blätter der Eschen, Ulmen und wilden Kastanienbäums an der Fronte des Conventgebäudes von den Aesten getrieben hatte, steigerte sich allmülig und wuchs endlich zum heftigsten Orkan an. Da vernahm man plötzlich den Ruf: „Feuer!" — Die beiden Mönche erhoben sich rasch von ihren Sitzen und eilten der zum Corridor führenden Thüre zu, als diese durch den Frater Pförtner rasch geöffnet wurde. „Der Nefektoriumstock und die Bibliothek brennen!" rief der bestürzte Frater. Der Probst eilte den Corridor entlang und rief: „Vrüder, helft! rettet die Urkunden, bringt die Kirchenschätze in Sicherheit!" Die Chorherrn waren aus ihren Zellen herbeigeeilt und folgten rasch den Befehlen ihres Oberen, doch vergebens! — Die hölzernen Bedachungen der Neben- und Rück- gebäude, ja selbst das Kirchenbuch, waren durch die vom Sturme getriebenen brennenden Schindeln des Nefektoriumstockes, rasch in Brand gerathen. Uebcrdieß war an ein Löschen und Netten nicht zu denken, denn bei jedem heftigen Anpralle des Sturmes stürzten Massen von Umfassungswänden ein, so daß sich Niemand ohne Lebensgefahr den brennenden Theilen nähern konnte. Die Chorherren suchten in entfernteren Hütten und Häusern Schutz. Nur Probst Albert rannte, einem Wahnsinnigen gleich, im äußeren Klosterhofe umher. Vergebens suchte ihn Pater Dominikus von dieser, durch den Brand des Kirchendaches immer gefährlicher werdenden Stelle zu entferne». — Da brach der Dachstuhl der Kirche zusammen und durchschlug das Gewölbe. Eine mächtige Feuersäule stieg zum Himmel, wurde aber sofort vom Sturme ostwärts gegen das Haus des Hofwirthes getrieben. Probst Albert sank, wie ohnmächtig zusammen. Man brachte ihn sofort in Sicher» heit, aber kaum hatte sich der Arme erholt, stürmte er wieder dem brennenden Kloster zu. Gegen Morgen des nächsten Ta.geS ließ der Sturm nach und die aufgehende Sonne beleuchtete einen rauchenden Trümmerhaufen, — die Neste des Chorherren-Stiftes Weyarn. — Probst Albert war verschwunden und selbst die sorgfältigsten Nachgrabungen in dem Steinschutte führten zu keinem Nesultate, den Unglücklichen aufzufinden." — — „Schrecklich!" — So rief nach einer Pause Anna von Pienzenau. Frau Agatha fragte: „Hat man denn gar nichts mehr von dem Aermsten gehört?" „Nichts mehr!" antwortete ernst der Probst.- Nach einer peinlichen Pause, während welcher die Sämmtlichen in Wehmuth des armen Albert gedachten, fuhr der Chorherr von Weyarn fort: Mit Hilfe der Angehörigen und Lehensleute des Klosters wurde wenigstens der Convcntstock sogleich in bewohnbaren Stand gesetzt. Inzwischen thaten edle Wohlthäter ihr Möglichstes, durch Geld und Materialsendungen die Mittel zur Wiederherstellung der Kirckie -u beschaffen. Einer der größten Wohlthäter war Georg von Waldeck, dem Gott gnädig seil — Nachdem ein halbes Jahr nach dem Brande verflossen war, wählten die Vrüder zu des unglücklichen Albert Nachfolger den thätigen und einsichtsvollen Pater Heinrich. Dieser unermüdliche Klostervorstand wird in der Chronik der zweite Stuter genannt, denn seinen Bemühungen gelang es, das Stift in einigen Jahren wieder einigermaßen brauchbar herzustellen. Aber noch fehlten Paramente, Altäre und andere nothwendige Kirchenrequisiten. Die Bibliothek war, wenige Urkunden abgerechnet, ein Raub der Flammen geworden. Die Oekonomiegebäude waren nur zur Noth rasch aufgebaut, bedurften daher einer solideren Construktion. Alle diese Bedürfnisse konnten vom armen Chorherrenstifte nicht beschafft werden und wenn auch aus Salzburg und Tegernsee, dann von nahen Augustinerklöstern manche Geschenke anlangten, so reichte das nicht aus. Probst Heinrich mußte weitere Hilfe aussinnen. — Da kam er auf den Gedanken, die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zu erbitten. Diesen theilte er dem bewährten Freunde seines Stiftes, dem edlen Ritter Georg von Waldeck eines Tages mit, als dieser zum Besuche nach Weyarn geritten war. Georg billigte den Plan des Probstes und versprach, bei nächstem Besuche in Freising, dem Bischöfe Paulus daselbst den Wunsch Heinrichs vorzutragen und dessen Erfüllung zu bewirken. Wenige Wochen nach dieser Unterredung, — es war im Frühling des Jahres 1371 kam Herr Georg von Waldeck wieder gen Weyarn und überbrachte dem Probste die erfreuliche Nachricht, daß ihm von dem Bischof der Rath ertheilt worden sei, die Angelegenheit wegen Neukirchen bei Sr. Heiligkeit dem Papste persönlich mit dem Probste von Weyarn vorzutragen. Er werde als Beweis seines Einverständnisses die beiden Herren von seinem Freunde, dem gelehrten Theologen I)r. Alban von Fünfkirchen begleiten lassen. Bald darauf traten die drei Männer in Begleitung von zwei Dienern des Ritters die Reise nach Avignon in Frankreich an, wo damals die Päpste residirten. Es war wohl eine beschwerliche Reise in damaliger Zeit, durch Schwaben an den Genfersee und auf der Rhone abwärts nach Lyon und Avignon! Papst Gregorius XI. willfahrte den demüthigen Bitten des Probstes, nachdem auch Ritter Georg die traurigen Verhältnisse des Klösterleins zu Weyarn in rührendster Weiss geschildert und der bischöfliche Abgesandte dieselben bestätiget hatte. Die Reisenden kehrten wenige Tage darauf mit der päpstlichen Ermächtigung, wonach die Pfarrei Neukirchen dem Kloster Weyarn inkorporirt wurde, in die Heimath zurück und bald darauf traf der Freiiinger Bischof in Weyarn ein, um den Willen des Papstes zu vollziehen. Das Kloster aber wird, so lange dasselbe besteht, niemals vergessen, was es dem edlen Georg von Waldeck verdankt, wie es denn auch die von dem Genannten, im Jahre 1386 gestifteten Seelenämter in würdigster Weise feiert, wobei alle im Convente anwesenden Priester Beimessen für den unvergeßlichen Wohlthäter und seine Angehörigen celebriren. „Ich danke Euch, Herr Probst!" sagte Frau Agatha. „Ich wußte wohl, daß mein seliger Schwiegervater ein Freund und Gönner Eures Klosters war. Auch mein Jörg wird, wenn ihn Gott wieder in die Heimath zurückführen sollte, um was ich ihn ja stündlich bitte, dem Weyarner Kloster gewiß mit Rath und That beistehen, wenn es desselben bedarf.« Dann sprach der Probst zu Frau Anna von Pienzenau: „Auch Eurer Angehörigen gedenken wir in Folge der Stiftungen des Ritters Christian von Pienzenau in den Jahren 1380 und 1381 am St. Bartholomäusiage jeden Jahres.« „Ich weiß es!« erwiderte diese. „Mein seliger Christian war ja auch ein Freund der Augustiner Chorherren und ruht nun seit nahezu dreißig Jahren in der Weyarner Stiftskirche. Am nächsten Jahrestage der Stiftung komme ich ohnehin nach Weyarn. Vielleicht begleitet mich meine liebe Agatha?« „Recht gern", erwiderte diese. „Nun aber wird's kühler in der Laube; ich denke, 68 wir lassen uns wieder heimfahren und die Herrn bringen den Abend auf der Hochburg zu. Morgen wird der Herr Probst für die baldige, glückliche Heimkehr meines theuren Jörg in der Georgskapslle eine heilige Messe lesen. Nicht wahr, Hochwürden?" „Wie Ihr wünscht, edle Fraul" antwortete der Probst. „Doch Mittags muß ich wieder in Weyarn sein, denn ein unaufschisbliches Geschäft erwartet mich dort." „Ganz gut", bemerkte Frau Anna. „Ich habe*in Pienzenau zu thun und lasse Euch nach Weyarn fahren." Die vier Personen nahmen von der Jägerswittwe freundlichen Abschied und stiegen Mit Martha, der Zofe, zum bequemen Nachen hinab, der von zwei kräftigen Ruderern gezogen, rasch ans jenseitige Ufer eilte. — (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Sind die Frauen gut, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Engel: sind sie schlecht, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Teufel. Kvtzebue. Das ist nicht immer Gnade, was so scheint, Verzeihung ist die Amme küust'gen Weh's. Shakespeare. Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Goethe. Was sich nie und nirgend hat begeben, Das allein veraltet nie. Schiller. Alles, was wir wirklich liebe», ist unersetzlich, und Alles, wofür Ersatz uns denkbar ist, haben wir niemals wahrhaft geliebt. Nierltz. Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch sür den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins trage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage. Schiller. Willst du das höchste Ziel, so lern' entsagen! Die Alpenhöh' kann keine Reben tragen Willst dn empor aus Adlerflügeln steigen, Verzicht aus's Ncstlein in den Blüthenzweigen! Willst dn der Sterne Spielgeselle werden, Verzichte auf die Blumen hier aus Erden! Such' in dir selbst dann deines Glückes Bronuen! — Einsam geh'n durch den Weltenraum die Sonnen. Emil Rittorhaus. Die Menschen wären glücklich, wäre nicht der Mensch des Menschen Henker. R aupa ch. 1 Friedrich Freiherr v. Flotow. In Darmstadt ist am 24. Januar Vormittags Flotow, der Schöpfer der „Martha", gestorben. Sein Name hat einst hell am deutschen Theaterhimmel gestrahlt, und vermochte Flotow auch in späteren Jahren nicht auf der Höhe des Ruhmes zu bleiben, die er in der Mitte unseres Jahrhunders erklommen hatte, so reichen doch die wenigen voll- giltigen Gaben seines anmuthigen und heiteren Talentes hin, um ihm für immer eine vornehme Stelle in unserer Musikgeschichte zu sichern. Gerade in unseren Tagen, da man das nach melodischen Schöpfungen dürstende Publikum Deutschlands zu einem wahrhaft asketisch strengen Tonleben verurtheilen will, hören wir mit doppelter Trauer vom Tode eines Mannes, dessen liebenswürdige Laune uns Alle bezauberte und der uns einst wre ein reicher, sonnig erglänzender Springquell mit seinen harmonischen Gaben überschüttete. Flotow gehörte nicht zu den himmelstürmenden Geistern, seine Begabung war eher französisch zierlich oder sanft sentimental, aber er gab, was er besaß, mit vollen Händen; sein Melodienquell sprudelte frisch und erfrischend, er quälte das Publikum nicht mit erhabener Langweile, und als ihm die Erfindung spärlicher floß, versagte er sich die Genug- thuung, dicke Bücher zu schreiben, deren Autor die Melodie verketzert, weil sie ihm untreu geworden . . . Flotow ist nicht blos in seiner musikalischen, sondern auch in seiner persönlichen Erscheinung den Wienern wohluertraut; er weilte mit Vorliebe unter uns und hatte viele Jahre ein ländliches Vesitzthum bei Neichenau, das ein Sammelpunkt der Wiener Kunstkreise war und später in das Eigenthum der Familie Erlanger, mit welcher er die sreundschaftlichsten Beziehungen unterhielt, überging. Er war ein geborener Mecklenburger und hat am 27. April 18 l2 in Nentendorf auf dein Ritterguts seiner Familie das Licht der Welt erblickt. Sein Vater hatte den Sohn für die diplomatische Carriere bestimmt, doch zog es schon den Jüngling zur Musik hin, und das reiche Kunstleben in Paris, das er frühzeitig kennen lernte, bestärkte ihn nur in seiner Neigung. Seine Jugendopern verriethen schon das graziöse Talent Flotow's, und mit der vieractigen Genre-Oper: rmukigAv clo la. ALcluso", von welcher er drei Acte schrieb, da Piloty nur einen Act componirt hatte, machte er den ersten großen Treffer auf der Bühne; sie erlebte in den Jahren 1839 und 1840 mehr als fünfzig Aufführungen. Wir übergehen in dieser flüchtigen Skizze einige andere Werke Flotow's, um von „Stradella" zu spreche», welche Oper zuerst in Paris aufgeführt wurde und Anfangs der Vierziger-Jahre von hier ihren Triumphzug über alle europäischen Bühnen antrat. Dann folgte „Martha, oder: Der Markt zu Richmond", deren Handlung Flotow schon früher in einem Ballet: „Lady Harrtet", das er musikalisch illustriren geholfen, vorgefunden hatte. Die komische Oper „Martha" errang eine beispiellose Popularität; ihre Melodien wurden zu Volksliedern, und es gibt keine Opernbühne der Welt, welche nicht heute noch dieses liebenswürdig heitere Werk als Repertoirestück pflegt, das in pikanter, feiner Darstellung noch durch Decennien seine Schuldigkeit thun mag, vorausgesetzt, daß unsere Generation inzwischen über der gähnenden Leere mancher hochtrabenden Werke nicht schon längst eingeschlafen sein wird . . . Flotow hat später noch eine Reihe von romantischen und lyrischen Opern geschrieben ohne damit seine ersten Schöpfungen an Frische und Unmittelbarkeit zu erreichen; sein „Schatten" („I/ombrv«) hat in der Pariser Opera Comique im Jahre 1669 sehr gefallen; auf deutschen Bühnen hat sich das Werk nicht halten können. Im Jahre 1896 wurde Flotow zum Intendanten des Hoftheaters zu Schwerin ernannt, welches Amt er bis zum Jahre 1863 mit großer Umsicht führte. Dann zog es ihn wieder nach Paris, wo er einen großen Theil seiner letzten Lebensjahre verbrachte. Bei zunehmendem Alter verlor Flotow das Sehvermögen, und als er die verflossenen Monate bei seiner greisen Schwester in Darmstadt zubrachte, war ihm der Segen des Augenlichtes fast ganz versagt. In Wien haben wir Flotow erst im vorigen Jahrs gesehen, als man die 900. Aufführung der „Martha" festlich in der Hofoper beging. Der stattliche elegante Mann mit dem lebensfrohen Gesichte, aus welchem ein Paar freundlicher Augen strahlte, saß bei dieser kleinen musikalischen Feierlichkeit in der Loge des General-Intendanten Baron Hofmann, und der Greis lächelte still vor sich hin, während von da unten die bald übermüthigen, bald gefühlvollen Melodien aus seiner Jugendzeit heranfklangen und ihn wie anmuthige Genien aus der Vergangenheit umschwebten . . . Bis zu seinem Lebensende hat Flotow dem Dränge musikalischer Production nicht widerstehen können, und wollte sich kein größeres Werk gestalten, so strömte er seine Empfindung in Liedern aus. Er hat erst jüngst einige Romanzen componirt, welche er seiner Frau, die, wenn ivir nicht irren, einst dein Theater angehörte, gewidmet hat. Im Nachlasse Flotow's soll sich übrigens noch manches unbekannte Tonstück und unter Andern: auch eine unvollendete Oper vorfinden. Flotow hinterläßt außer seiner Wittwe einen Sohn und eine Tochter. Wenn er Memoiren hinterlassen hat, so werde» sie ein anziehendes Bild seiner vielen Beziehungen zu interessanten Persönlichkeiten geben. Vor Kurzem erst hat Flotow, welcher eine gewandte Feder führte, in einem deutschen Blatte heitere Erinnerungen aus seinem Pariser Aufenthalte während der Fünfziger-Jahre veröffentlicht. Wie ehedem Fastnacht gefeiert wurde. Erzählt von Klara Reichn er. * Es ist ein sehr alter Brauch, das Fest der Fastnacht zu begehen, welches bis auf unsere Tage mit soviel Scherz und Lustbarkeit gefeiert wird. Allerdings ist unsere heutige Art eine etwas andere, als die vor ehedem, und die damaligen Gebräuche würden wohl kaum viel Glück mehr machen und zeitgemäß mehr sein. So zum Beispiel herrschte in etlichen deutschen Städten der Brauch, zur Fastnachtszeit eine riesenlange Wurst umherzutragen. Dies geschah von Seiten der Verfertiger, der Metzgerzunft, welche dabei allerlei Schwank und Possen trieben. — In Königsberg in Preußen fabricirten die Metzger im Jahre 1583 eine Riesen-Bratwurst von 434 Pfand Gewicht, und einer Länge von 596 Ellen, welche von nicht weniger als 91 Metzgerburschen auf Gabeln von Holz durch die Stadt getragen wurde, indem sie gar muntere Liedlein dazu sangen. Noch größer war die Wurst, welche man 18 Jahre später durch die Stadt trug, denn deren Gewicht bestand aus — 900 Pfund und ihre Länge 1005 Ellen. — Diese Niesenwurst ward dann feierlich verspeist, und zwar hatte die edle Metzgerznnft zu diesem Zwecke auch die der Bäcker mitgeladen, welche sich für dieses Festmahl dadurch revanchirte, daß sie sechs Riesen-Bretzeln und acht Niesen-Strietzel von je 5 Ellen Länge backten, und 12 Scheffel Weizenmehl dazu verwendeten; diese Kunstwerke der Bäckerzunft wurden dann ebenfalls durch die Stadt getragen, und gleichfalls in Gesellschaft der Metzger verzehrt. Außerdem aber fand sich auch sogar ein Dichter, der diese wichtige Begebenheit gebührend in einem großen, lateinischen Gedicht besang. Auch in Bayern, und zwar in Nürnberg, herrschte früher der Brauch, zur Fastnacht eine ungeheure Wurst im Triumph umherzutragen; — zum letzten Mal geschah der feierliche Akt im Jahre 1658. — Auch diese letzte der Fastnachts-Niesenwürste von Nürnberg wurden verewigt» — durch eine möglichst naturgetreue Abbildung. Ueber diesem in Kupfer gestochenen Wurst-Portrait aber befand sich die folgende Inschrift: „Eigentliche Abbildung der langen Bratwurst, welche von den Knechten des Metzgsr- Handwerks den 8. und 9. Februar dieses ablaufenden 1658. Jahres ist in der Stadt von ihren zwölf herumgetragen worden, und war ihre Länge 658 Ellen, hat an Gewicht gehabt 514 Pfund; die Stangen, daran sie ist getragen worden, war 49 Schuhe lang. Die Wurst war oben mit Grün besteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit sie ruhen konnten." — Eine andere Fastnachtssitte in Nürnberg, welche nahezu 100 Jahr lang in Gebrauch war, bestand in dem sogenannten „Schönbartlaufen." — Der Name stammte her von Schön- oder Scheinbart, das heißt: einer Larve, die verschönt, beziehungsweise vermummt. — Die Entstehung dieses „Schönbartlaufens" geschah, seit onno 1349 die Zünfte in Nürnberg gegen den hohen Rath der Stadt sich erhoben, und denselben mit Ueberfall und Todschlag bedrohten, welch' Ungemach indessen durch die rechtzeitige Warnung eines Mönches abgewendet wurde, indem die also Bedrohten durch die Flucht sich retten konnten. Während nun der eigentliche Rath der Stadt nahezu IV 2 Jahr sich fern halten mußte, setzten die Zünfte einen neuen ein, bis Kaiser Karl IV. gen Nürnberg kam, die Rädelsführer der Rebellien durch Kerkerhaft und Enthauptung richtete, und den früheren Rath wiederum in seine früheren Rechte setzte. — Nur die Zunft der Metzger hatte sich durch Nichtbetheiligung an diesem Aufstand ausgezeichnet, folglich zeigte sich der strafende Kaiser auch allein gnädig gegen sie, und ertheilte ihnen zum Zeichen und Beweise seiner ganz besondern Wohlgeneigtheit das Privilegium, eine Fastnachts-Lustbarkeit alljährlich abhalten zu dürfen, während er sonst alle bis dahin erlaubten Vergnügungen verbot. — Dieses besondere Privilegium der Metzgerzunft war das „Schönbartlaufen", welches bald so beliebt wurde, daß die reiche männliche Patrizierjugend der Stadt Nürnberg der Zunft das Recht alljährlich abkaufte, und auf diese Weise das „Schönbartlaufen" sehr zu Glanz 71 und Aufschwung kam; es etablirte sich sogar eine Art von „Schönbart-Verein", bestehend zuweilen aus mehr denn 100 Mitgliedern, dessen Vorsteher und Leiter wohlangesehene Männer waren, welche auch die „Schönbartbücher" zu führen hatten. Die alljährliche Maskerade nebst den, Aufzug dieser Fastnachts-Lustbarkeit geschah in vorgeschriebener Weise. Einige Narrcn-Masken eröffneten den Zug, das heißt, sie liefen voran, und machten, mit Peitschen oder Kaulen bewaffnet, demselben Platz. — Unmittelbar darauf folgte zu Pferd ein anderer als Narr Vermummter, der einen Sack, gefüllt mit Nüssen bei sich führte, dessen Inhalt er unter die schaulustige Jugend leerte, in Folge dessen natürlich ein gar lustiges Gerauf entstand. Ein anderer Maskirter — ebenfalls zu Pferd — folgte nun, mit einem Korbe voll von Eiern, deren Füllung aus wohlriechendem Rosenwasser bestand, und die er nach den Vertreterinnen des schönen Geschlechtes warf, wo dasselbe sich auf der Straße oder in den Häusern erblicken ließ. Dann erst erschienen die wirklichen „Schönbartleute", nebst Hauptleuten, Schutzhaltern und Musikanten. — Ihr Anzug war in jedem Jahre anders, aber gleiche Tracht für alle; nur hie und da zeigte irgend eine absonderliche Maske, zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit, sich dazwischen, z. B. ein mit Kastanien dekorirtes Jndianerweib, natürlich von einem Manne dargestellt, oder ein Anderer als Wolf vermummt u. s. w. Von anno 1470 an beschloß den Zug eine sogenannte „Hölle", entweder von Menschen oder von Pferden gezogen, und bestehend aus einem Schloß, Schiff, Thurm, einer Windmühle oder einem Drachen, oder aus einem Teufel, welcher böse Weiber verspeist u. s. w», und deren Inhalt aus einem Feuerwerk bestand, das Abends dann feierlich vor dem Naihhaus abgebrannt wurde. — War es gerade eine „weiße" Fastnacht, so gab's auch Schlittenfahrt beim „Schönbartlaufen", mit allerlei verschiedenen Masken, Musikanten und Gewappneten im Harnisch, welche eine Art von Turnier zum Besten gaben, indem sie mit ihren Lanzen sich auszustechen suchten — man hieß dies das „Gesellenstechsn." Während der Jahre 1524 bis 1538, also volle 15 Jahre, unterblieb dann wegen Kriegs- und anderer Noth das „Schönbartlaufen", um im Jahre 1539 dann noch einmal, und zwar mit größerm Pomp als je, gefeiert zu werden. HanS Sachs dichtete, 184 Herren von Avel halfen den Zug verherrlichen, — 135 vollständig in Atlas kostümirt, mit weißen Hüten und goldenen Flügeln darauf, und die klebrigen 49 als Teufel maskirt. Außerdem belheiligten sich viele Bürger, und eine reiche Kaufmannsfamilie veranstaltete ein Schlittsnstechen. Dieser Glanz aber sollte das letzte Aufleuchten bedeuten, denn es war zum letzten Male, daß damals das „Schönbartlaufen" in Scene ging, wiewohl Niemand von der ganzen, lustigen Gesellschaft eine Ahnung davon hatte, — und zwar trug die „Hölle", die auch bei dem damaligen prächtige» Aufzuge nicht fehlen durfte, die Schuld. — Man hatte dieselbe nämlich zu einer Art Demonstration gegen eine beliebte, angesehene Persönlichkeit benützt, welche sich durch die unzweideutige Anspielung so beleidigt fühlte, daß sie Klage beim Magistrat erhob. Die Folge davon war, daß die Hauptleute der „Schön- bartgesellschaft" in den Thurm geworfen, das „Schönbartlaufen" selbst aber ein für alle Mal verboten und abgeschafft wurde. Eine andere alte Sitte in Deutschland, welche trotz aller Lustigkeit auch arge Schattenseiten im Gefolge führte, war die des sogenannten „Pflugcinspannens" zu Leipzig. — Allerlei vermummte Gestalten zogen zur Fastnachtszeit mit einem Pfluge durch die Stadt, ergriffen noch alle ledigen Mädchen —> ob jung, ob alt — wo sie solche fanden, um sie^an den Pflug zu spannen, angeblich „zur Strafe dafür, daß sie noch ledig seien." Diese Sitte, beziehungsweise Unsitte gab einmal Veranlassung zu einem sehr tragischen Ausgang. Es war im letzten Jahr des l5. Jahrhunderts, rrnno 1499, als ein Maskirter ein Mädchen, das sich arg dagegen sträubte und sich in ein Haus geflüchtet hatte, trotzdem an den Pflug spannen wollte. Sie aber wehrte sich energisch, und erstach ihn dabei mit einem Messer. AIs Rechtfertigung gab die unfreiwillige Verbrecherin dann 72 vor Gericht an, sie habe gemeint, nach einen, Gespenst, nicht aber nach einem Menschen von Fleisch und Blut zu stechen! — Deutschland ist aber doch nicht so recht eigentlich der rechte Boden für die tolle Fastnachtslustigkeit; das Land der ausgelassenen Maskerade ist vorzugsweise ja Italien, während auf deutscher Erde leicht Lustigkeit in solche», Falle zur Derbheit wird. Jedenfalls ist aber unsere oft geschmähte „moderne Zeit" trotz Allem und trotz r Allem nicht so extravagant, als man es ehedem gar häufig war, in der viel gepriesenen, goldene», der „guten, alten Zeit", wenn Fastnacht gefeiert wurde. — ^ Missellsrr. (Zur Genealogie der Familie Goethe.) In der „Darmstädter Zeitung" hat der Gymnasiallehrer Hr. Robert Schäfer in Friedberg interessante Forschungen über den Friedberger Zweig der Familie Goethe veröffentlicht. Daß Goethe Verwandte väterlicherseits in der Wetterauer Reichsstadt Friedberg besaß, wissen wir aus seinen Mittheilungen in „Dichtung und Wahrheit". Genaueres war über den genealogischen Zusammenhang beider Zweige nicht bekannt. Hrn. Schäfers Untersuchungen führten den Ursprung des Friedberger Zweiges zunächst nach Allstedt (Sachsen-Weimar) und dann nach Ariern in der Grafschaft Mansfeld, welches längst als Sitz der Famile Goethe bekannt ist. Der Großvater des Dichters und der Stammvater der Friedberger Familie waren Brüder. Ihr gemeinsamer Vater war der Hufschmid Hans Christian Goethe zu Ariern, ch 1694. Sein Sohn der Schreiner Johann Christian Goethe zu Friedberg (ch 1768) hatte eine Tochter, geb. 1731, welche von Frau Cornelia Goethe zu Frankfurt, der Großmutter des Dichters, aus der Taufe gehoben wurde und deren Namen führte. Die Familie Goethe ist in Friedberg erloschen, und das Haus zum Ritter, welches ihm von 1730—1770 gehörte, ist 1879 abgebrochen worden. („Was ist der Ehestand?") P. Abraham a. S. Klara beantwortet diese Frage also: „Der Ehestand ist ein Garten in welchem die Brennesseln die Blumen vorstellen. Es ist ein Nuß bäum, worauf Kümmernisse wachsen; eins Stadt, so sich schreibt Klagefurt; ein ABC, in welchem der Buchstabe W der fürnehmste ist; ein Lazareth mit zwei Suchten: Herrschsucht und Eifersucht; ein Himmel, an dem nichts zu sehen ist als Unstern; eine Jagd auf der man zum öftesten fangt ein — Elendthier; eine Prozession, wo allzeit das Kreuz vorangeht; eine Hauskapelle der Nothburga; ein Wald, worin alles Holz wächst, nur der Segenbaum nicht." (Zur Steuer-Reform.) Ein Wink oder Rath an unsere Finanzminister und Steuerbeamten rc. zugleich eine heilsame Lehre für manchen geschwätzigen Ort. „Besteuert alle Verleumdungen und alle Lüge n mäuler mit; Das höchste Ziel ist dann errungen. — Gedeckt wird jedes Defizit, Fünf Pfennig nur für jede Lüge Und zehn für jede Klatscherei; Was solche Steuer wohl betrüge? Ich glaub', wir mär en steuerfrei." (Das Garderobezimmer) eines Pariser Theaters war allabendlich so mit alten Frauen überfüllt, welche den jungen Schauspielerinnen dienten, daß sich der Direktor endlich genöthigt sah, folgendes Placat in dem Zimmer anbringe» zu lassen: „Es wird den zum Verbände des Theaters gehörigen Damen absolut verboten, mehr als eine Mutter auf einmal mitzubringen!" (Ein guter Anfang.) Mutter: „Aber Mann, schau her, wie der Karl gebückt daher kommt." — Vater: „Weibchen sei froh, daß er sich frühzeitig kümmern lernt, wenn er noch entsprechend dumm ist kann er's zu was bringen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur 4 - —«»v» ' Nr« 10» Samstag, 3. Februar 1833» Jörg von W-ridbür. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch eIIk (Fortsetzung.) Während des eifrigen, aber ernsten Gespräches in der Laube unterhielten sich drei andere Personen in der Jägerstube. Martha saß bei ihrer betagten Mutter niit Flickarbeiten für den Jäger Kuno beschäftigt. Die Wittwe wußte nicht genug Worte des Lobes über den Jägerburschen, der auch wie ein Sohn für sie sorge. »Ja", sagte sie, „ich muß schon bei der gnädigen Frau Agatha bitten, daß Kuno die Stelle Deines seligen Vaters erhält. Er verdient sie für seine unermüdliche Thätigkeit. Erst vor wenigen Tagen sagte mir der Holzmeister Toni, daß Kuno ebenso eifrig im Walde sei, wie der selige Kurt und ein Jäger ist er, ein Schütze, daß man weit gehen darf, bis man wieder einen solchen findet!" — Dann setzte sie leise hinzu: „Das wäre ein Mann für Dich, Martha!" Diese erhob sich bei den letzten Worten der Mutter, ergriff deren Hände und sagte: „Verzeihe, liebe Mutter, daß ich Dir bis heute verschwiegen habe, wie lieb mir Kuno ist und daß auch er mir recht gut ist, ja — daß wir uns gegenseitig Liebe und Treue versprochen haben, als wir am letzten Sonntag Nachmittag, während Du bei den edlen Frauen in der Laube weiltest, im Wäldchen Schwämme suchten. — Damals gestand mir Kuno, daß er längst schon eine Zuneigung zu mir fühle und nichts sehnlicher wünsche, als daß ich einst, wenn er eine feste Stelle habe, seine Hausfrau würde, wie er Dich, liebe Mutter, zu seiner Schwiegermutter haben und wie ein ^ Sohn pflegen möchte." ^ »Der gute Junge!" sagte die Mutter. „Ja, ich glaube selbst» baß ich mir keinen ^ besseren Schwiegersohn wählen könnte, als den braven Kuno! — — dann fuhr sie fort: „Nun, Martha, was hast Du dem Jäger geantwortet?" Diese erwiderte erröthend: „Mutter, ich habe ihm in die Augen geschaut, wie er so vertraut mit mir sprach und da war mir's, als ob seine Worte aus der Seele kämen. Da besann ich mich nicht lange, sondern erwiderte den ersten innigen Kuß des lieben Jägers mit einem ebenso innigen." In diesem Augenblicke vernahm man im Hausflur Männertritte, gleich darauf wurde die Stube geöffnet und Kuno erschien auf der Schwelle. Martha eilte ihm entgegen und rief: „Kuno, die Mutter weiß von unserer Liebs und williget in unsere einstige Verbindung ein!" Frohen Blickes eilte der Jäger zur alten Frau, faßte ihre beiden Hände und rief: „Wie dank ich Dir, gute Mutter! Du sollst an mir einen braven, sorgsamen 74 — Schwiegersohn erhalten, die ich hegen und pflegen will, wie meine leibliche Mutter bis , an's Ende!" In den Augen der Alten glänzte eine Thräne, als sie antwortete: „O, wenn das der selige Vater wüßte!" — Kommt her, Kinder, laßt Euch segnen!" — Die Beiden knieten nieder. Martha legte ihre Hände auf die Häupter der Liebende» und sprach andächtig: „Gott segne Euch mit seiner unendlichen Liebe, für und für!" ^ Nachdem sich die jungen Leute erhoben hatten, gewahrte die Alte, daß die Herr- »' schaften die Laube verlassen hatten und dem Jägerhause zuschritte». Sie eilte mit der Tochter denselben entgegen. V. Einige Tage später, an St. Johanni-Enthauptung zog nach einem sehr schwülen Nachmittag und Abend in der Nacht ein Gewitter von »»gemeiner Heftigkeit über die Gindelalpe in's Schliersthal und gegen den Wendelstein. Der Sturm peitschte Woge auf Woge weit über das östliche Ufer hin und auf den nach Fischbachau führenden Saumweg. Die alten Tannen um die Burgruine Hohenwaldeck ächzten, als ob sie seit Jahren kein so heftiger Sturm geschüttelt habe und mancher massige Stamm wurde mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und stürzte krachend in die Tiefe. Im Dorfe waren die Schläfer vom Lager aufgesprungen, denn der Sturm hatte viele Legschindeldächer abgedeckt und trieb die Schindel dem Schliersberg zu. Blitz folgte auf Blitz und das Brüllen des Donners schien nimmer enden zu wollen. Auch auf der Waldecker Burg war Alles wach und sah voll Bangens der Wirkung dieses heftigen Sturmes entgegen. Nur aus dem altersgrauen Thurme von Hohenwaldeck erscholl von Zeit zu Zeit, wenn das Getöse des Donners einen Augenblick schwieg, ein heiseres Gelächter. Die eiserne Thüre der Thorwartstube stand offen, fr baß man in das Innere blicken konnte. Da hockte der Waldteufel am baufälligen Herde, auf welchem ein Kohlenfeuer brannte. Ueber dem Feuer stand ein eiserner Dreifuß, welcher eine Pfanne trug, in der eine bräunliche Masse kochte, welche der Alte von Zeit zu Zeit mit einen, eisernen Lössel umrührte. So oft er dieser Masse aus einem Kruge eine Flüssigkeit zusetzte, sprühte eine gelbe Flamme auf und Andreas begleitete diese Erscheinung jedesmal mit seinem unheimliche» Gelächter. Zuweilen trat er unter die Thüre, als müsse er frische Luft athmen, dann rief er den Blitzen entgegen: „Traut Ihr Euch nicht hinein zum Waldteufel? — Oder bin ich Euch zu schlecht? — Muß ich etwa noch Einen auf das Gewissen nehmen? — Habt Ihr nicht genug mit dem Fischerbuben?" — Darauf ging er wieder in die Stube zurück, nahm die Pfanne vom Herbe und ^ brachte sie dann in's Freie zum Abkühlen. Indem er dieselbe auf eine Steinplatte stellte, ^ sagte er: „Wenn der die Wundsalbe nicht hilft, dann hilft Nichts mehr! — Johanni's Enthauptung und eine fürchterliche Gewitternacht ohne Regen! — Mehr, Andres kannst du nicht verlangen!—" Der Alte setzte sich hierauf an der vom Sturme geschützten Ostseite des Thurmes auf einen bemoosten Stein. Allmählig klärte sich im Westen der Himmel und gegen Mitternacht zertheilte der Mond das schwarze Gewölks. Andreas war eingeschlummert.- An eben diesem Tage, Johannes Enthauptung, hatte Jäger Kuno Mittags das Jägerhaus verlassen, da ihm Nachricht gebracht worden war, daß ein Wolf in der Nähe der Valepp-Alpe ein Schaf zerrissen habe und vaß derselbe, verfolgt, dem Spitzingsee ^ zugelaufen sei. Kuno nahm des verstorbenen Jägers Wolfshund mit sich und ging direkt k auf die Sxitzingalpe, wo ihm der Hüterknecht, welcher von dem Vorgefallenen bereits — 75 — r Kenntniß hatte, sagte, daß die Heerde wohl bewacht würde und bis jetzt keine Gefahr sich gezeigt habe. Darauf entfernte sich Kuno und schlug den-Weg gegen Valepp ein, in der Erwartung, der Hund werde, wenn der Wolf wirklich gegen den See herauf sich geflüchtet haben sollte, Wind von demselben bekommen. Er sollte sich nicht täuschen! Der Hund schnupperte, während beide den Seebach abwärts schritten, vorsichtig am ^ Boden. In der Nähe der Nichternlpe verließ er plötzlich den Weg, watete durch den * Bach, suchte am andern Ufer auf- und abwärts und wandte sich dann rasch gegen den > Stolzeneckkopf. Kuno folgte, so rasch er vermochte, denn die ungewöhnliche Hitze und der fünfstündige Marsch hatten den sonst kräftigen Jäger doch etwas ermüdet. Immer eifriger schnupperte der Hund, bald links, bald rechts ausbiegend, immer hoher steigend; dann schien er in einem Graben die sichere Fährte des Wolfes gefunden zu haben, denn er wedelte nun lebhaft mit dem Schweife und sah von Zeit zu Zeit zurück, ob der Herr ihm auch zu folgen vermöge. Unter einer Felswand an welcher sich Legföhren hinaufzogen, gab der Hund Laut. Kuno nahm die Armbrust von der Schulter, legte den Pfeil auf und folgte vorsichtig seinem kundigen Führer, der jetzt auf ein Föhrengestrüppe zustürzte. Aus diesem brach sofort ein alter Wolf hervor; doch ehe der Hund sich auf diesen werfen konnte, durchbohrte ihn schon des Jägers Pfeil, so daß der Wolf sofort zusammenstürzte und bald darauf endete. Inzwischen war die Nacht eingebrochen. Kuno weidete den Wolf aus und lud ihn auf seine Schultern. Er wollte einen näheren Weg gegen die Spitzingalpe einschlagen, wurde aber von dem Gewitter überrascht, von dessen Herannahen Kuno keine Ahnung hatte. Rings um ihn krachten die Bäume, stürzten Neste zu Boden, lösten sich Steine von den Felsen und polterten in mächtigen Sprüngen in die Tiefe. Da riß der Orkan eine alte, morsche Fichte unmittelbar vor dem Jäger zu Boden und diese siel so unglücklich, daß ein Ast derselben gegen den rechten Unterfuß Kuno's schlug und den Knöchel derart verletzte, daß kein Wciterschreiten mehr möglich war, Bekümmert und voll Schmerz ließ sich Kuno auf der Stelle nieder. Als er den schweren Schuh auszog, war der Fuß von Blut überrennen, das der treue Hund sodann aufleckte. Der arme Jäger war nicht im Stande zu einem, unterhalb seinem Lager befindlichen Büchlein zu gelangen, um seine Schmerzen in der kalten Fluth zu stillen und die Geschwulst zu dämmen. Es blieb ihm nichts übrig, als das wenige Moos auf seinem Ruheplätze zur Kühlung auf die brennende Wunde zu legen. Dabei litt er unsäglichen Durst und Hunger, da er außer seiner Morgensuppe den ganzen Tag nichts mehr genossen hatte. Endlich legte sich der Sturm, der Mond brach sich Bahn durch das Gewölks. Da ^ rief Kuno um Hilfe, aber vergebens, er vernahm nur das Echo seiner Rufe. Vielleicht U daß von den wenigen Alpenbewohnern doch Einer nach diesem so heftigen Sturme die ^ schützende Hütte verlassen und sich nach dem Vieh umsehen und seinen Ruf vernehmen würde! Auch könnte Jemand Schutz während des Orkans in einer der Alphütten gesucht haben und nun den Heimweg antreten! Vergebens horchte der arme Jäger, dann sah er trostlos dem anbrechenden Morgen entgegen, da die Rettung aus dieser unheimlichen Lage immer unwahrscheinlicher wurde, der Schmerz aber wie die Geschwulst des Fußes mehr und mehr zunahmen. In Folge der Ermattung war Kuno eingeschlummert. Als er erwachte, war es bereits hell und über seiner Unglücksstelle wölbte sich der blaue klare Himmel. Neue Hoffnung beseelte den Armen, denn es war ja möglich, daß der Senne der Valeppalpe mit Schmalz und Butter nach Schliers gehen werde. Er ließ deshalb von Zeit zu Zeit ^ seine Hilferufe ertönen, so weit es die abnehmenden Kräfte gestatteten. Aber wieder l hörte er Nichts, als das Echo seiner immer schwächer werdenden Rufe. — — Aber an eines Menschen Ohr war sein letzter Schrei doch gedrungen, — an das des Waldteufels. — Dieser hatte ungefähr eine Stunde auf dem bemoosten Steine am 76 Thurme geruht, als er erwachte und sich nach seiner Salbe umsah. Diese war in der Pfanne so weit abgekühlt, daß er sie in schmale Streifen schneiden und herausnehmen konnte. Er brachte dieselben in's Verließ hinunter» dann nahm er die Kraxe und den Bergstock und stieg in'S Thal hinab, von wo er sich gegen die Hachau wandte. Es trieb nämlich den Kräutersammler die Besorgnis;, es möchte seine junge Pflanzung von Heilkrüutern, welche er an der Sonnseite des Stolzeneckkopses angelegt hatte, durch abstürzende Steine beschädigt worden sein, so rasch als möglich dahin. Als er dieselbe unversehrt gefunden hatte, stieg er gegen den Seebach hinab, da vernahm er plötzlich einen schwachen Hilferuf. Vorsichtig sah er sich um und ging in der Richtung, von welcher er den Ruf vernommen zu haben glaubte abwärts, wobei er sich mühsam durch Legföhren Bahn brechen mußte. Da gab der Wolfshund unmittelbar unter ihm Laut. Andres blieb stehen, er kannte des Waldeckers Wolfshund am Gebelle. Als er zwischen Latschenzweigen abwärts schaute, erblickte er den Jäger Kuno am Boden sitzend. Die mächtige vor demselben liegende Tanne, wie das umliegende Steingerölle, ließen ihn sofort erkennen, daß dein Jäger ein bedenklicher Unfall begegnet sein müsse. Während Andres hinuntersah, hatten ihn die scharfen Augen des Hundes erspäht, der nun rasch emporsprang und ihn wedelnd beschnuppte, dann aber wieder zu seinem Herrn hinabeilte, als wolle er ihm verkünden, daß Rettung nahe. Andres legte seine Kraxe ab und setzte sich neben den Latschen auf einen Stein. Nun begann der Kampf seines guten Engels mit dem bösen Geists. Andres sprach mit sich: „Jetzt hab' ich einmal einen Waldecker in meiner Gewalt und kann mich endlich dafür rächen, daß sie den armen Andres fortgejagt haben in's Elend! — Freilich sollte es ein Anderer sein, als der braven Martha ihr Schatz; aber ich habe ja auch mein Liebstes, meine Mechtild verlieren müssen!" — Andres sah wieder hinab zu dem Verwundeten, dann fuhr er wieder in seinem Selbstgespräche fort: „Wenn ich fortgehe und laß den Jäger liegen, nachher muß er verhungern, ich aber habe keinen Mord auf meinem Gewissen! — — Zum Teufel auch was ist das? Muß das Gerippe des Fischersbuben alle Augenblick vor mir stehen und mir droh'n!" Da sprang der Hund wieder herauf, leckte dem Andres die Hände, als bäte er um Gotteswillsn zu dem armen Herrn hinabzueilen. Andres streichelte den Hund und sagte nach einer Weile: „Du bist nur ein Thier und möchtest deinem Herrn helfen und ich bin ein Mensch, ein Christ, schau immer da hinunter, statt dem armen Menschen zu helfen! — Schau, so weit ist es mit dir gekommen, Andres, daß ein Vieh dich aufmerksam machen muß, was deine Pflicht ist als Christ! — Willst gar herzloser sein, als der unvernünftige Hund da?" — Nasch erhob er sich und rief mit lauter Stimme hinunter: „Kuno! der Andres kommt schon!" (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Dem Scheidenden wird jede Gabe werth. So wird ein Nichts zum höchsten Schatz verwandelt. Goethe. So Mancher klagt und sagt, daß ihn die Welt verkennt, Doch kann er jagen wohl, daß er sich selber kennt? R n ck e r t. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln. Schille r. Pje viel mehr kostet die fremde Meinung uns täglich Geld und Sünde, als die eigene. Jean Paul. 77 Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Bon Klara Reichn er. I. Der Meistersinger-Stadel. * ES ist schon lange her. seit in der alten Reichsstadt zum ersten Mal Komödie gespielt ward, schon sehr lange, und zwar geschah dies dazuinnls und später auf eine von heute so verschiedenen Weise, daß es wohl werth sein dürfte, diesem Lebenslauf und Entwickelungsgang einige nähere Betrachtung zuzuwenden. Die ersten theatralischen Darstellungen in Augsburg, von denen Genaueres bekannt ist, datiren zurück bis in's Mittelalter, der damaligen Sitte folgend, bei Gelegenheit von kirchlichen Festen und von Gastmählern allerlei Aufführungen zu veranstalten; ebenso fanden in den Klosterschnlcn theatralische Spiele statt. Auch scheinen bereits im 13. und 14. Jahrhundert wandernde Truppen sich in Augsburg prvducirt zu haben, und zwar durch Ausführung geistlicher Schauspiele, Scenen aus der biblischen Geschichte, sowie von Sittensprüchen und Sprichwörtern. — Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert stammt die Sitte der „Zwischenspiele" bei fürstlichen Gastmählern, welche durch vielen Glanz sich auszeichneten; zwischen den einzelnen Gängen der Tafel wurde gesungen, deklamirt, getanzt, und dazu allerlei Maschineriswerk in Bewegung gesetzt: wandelnde Thiere, sich verwandelnde Burgen u. s. w. Im 15. Jahrhundert kamen dann die sogenannten „Bauernspiels" in Mode, welche grvßicntheils Satpren und Parodien auf Quacksalbereien, Pantoffelregiment, Prozsssiren und andere zeitgemäße Dinge zur Darstellung brachten. Allerdings scheinen diese Vauern- spiele nicht gerade das Renommee besessen zu haben, veredelnd auf die Zuhörerschaft einzuwirken, wenigstens kam es wiederholt vor, daß die Bischöfe auf den Stznoden eigens den Besuch solcher Komödien den Geistlichen verboten. Außerdem brachte das 15. Jahrhundert einen Augsburger Dramatiker hervor, denn es war im Jahre 1497, als: „I. G. Bayer'S äußerst nützliche Komödien, welche die ganze Zierlichkeit lateinischer Rede enthalten", in Augsburg im Drucke erschienen, und von den Knaben der Patrizierfanwicn aufgeführt wurdeu. Ueberhaupt gebot es die damals herrschende Mode, den Plauius und Tercuz möglichst zu kultiviren, und deren Stücke zu übersetzen, und so finden sich auch zu Anfang des 16. Jahrhunderts mehrere Augsburger, welche diesem Zeitgebranchs» lateinische Komödien zu verdeutschen, folgten. Erwähnenswcrth aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind auch noch die „Fastnachtsspiele", schon deshalb besonders erwähnenswerth, weil gerade sie ein recht süddeutsches Element, von Lolksgeist getragen, repräsentiren, und weil sie außerdem — besonders im 1V. Jahrhundert — als weltliche Schauspiele sich von den geistlichen unterschieden. —> Erst im 17. Jahrhundert hörten diese Fastnachtsspiele in Augsburg auf, welche dadurch entstanden waren, daß im Fasching allerlei Masken in der Stadt umherzogen, die durch Mummenscherz und Schwanke die Leute unterhielten, in deren Häusern sie kamen, bis endlich aus diesen scherzhaften Umzügen ordentliche Gesellschaften, aus Handwerkern gebildet, hervorgingen, die eine förmliche Zunft gründeten, und in Privat- und Wirthshäusern ihre Produktionen zum Besten gaben. Polksthümlich, derb und lustig waren sie, mitunter sogar anstößig, diese sehr beliebten Fastnachtsspiele, welche dem Volkswitz freien Spielraum ließen. Besonders aber zu erwähnen auL den Zeiten des erlöschenden Mittelalters ist die Zunjt der Augsburger „Meistersinger", deren Darstellungen an Sonn- und Festtagen stattfanden, und welche zu Anfang des 16. Jahrhunderts eine förmliche Zunft mit circa 100 Mitgliedern bildeten. Es wurde der alte Meister- und Miunsgesaug von ihnen kultivirt, und „Gewenneier" (Gewinn), bestehend in goldenen Kronen, verabreicht. Leider aber ging das Geschäft bald so schlecht, daß die goldenen Preiskronen verschwinden mußten, um — Zinngeschirren Platz zu machen. — Der Zeitgeschmack verlangte bereits nach theatralischen Darstellungen, genährt durch die Aufführungen herumziehender Darsteller 78 welche dem Ohr und Auge der Schaulust mehr Befriedigung boten, als die schulmäßig einfachen Leistungen der Meistersinger und ihre geistlichen Liedsrstosfe. So kam es, daß die Zunft nach und nach verarmte, und statt der goldenen Preiskrönung das sogenannte „Zinnsingen" entstand; — die Folge davon- war, der nothgedrungene Entschluß, dem bisherigen Streben eine neue und ganz andere Richtung zu verleihen, um wiederum mehr Zugkraft auf das Publikum auszuüben» Statt der Stoffe aus der biblischen Geschichte, ^ die sie bis dahin zu wählen pflegten» versuchten sie es nun mit „heidnischen Fabeln und > Historien, allein auch dieser Versuch wollte sich nicht bewähren; kleiner und kleiner ward ^ die Genossenschaft, und mußte abermals auf etwas Neues sinnen, um sich auf's Neue Geltung zu verschaffen. So kamen sie auf den Gedanken, sich selbst Schauspiele zu dichten und sie darzustellen, ein Gedanke, der wohl als der Grundstein zum späteren Stadttheatcr Augsburgs zu betrachten ist. Es wird um's Jahr 1540 gewesen sein, als die Zunft der Meistersinger ihr erstes Stück zur Aufführung brachte, betitelt: „Die fünf Betrachtnußen", bei welchem der jüngste Meister die Damenrolls spielte, und da die Sache Anklang fand, so wurden diese Produktionen fortgesetzt, und zwar waren die Stoffe der zu spielenden Schauspiele der biblischen oder Weltgeschichte entnommen, in Rücksicht auf den Zweck: „die Andacht und Vaterlandsliebe zu mehren." — Auch geistliche Schauspiele wurden von ihnen noch hie und da zur Aufführung gebracht, namentlich bei hohen Festen, zuweilen in Kirchen, zuweilen in einem groß?", geeigneten Lokal, oder auf freien Plätzen: nit von wegen Gclt's, sondern zur Besserung des Volks." Allein gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde es ihnen vermehrt, ihre geistlichen Komödien in Kirchen abzuhalten, da sich Mißbräuche einzuschleichen drohten. Bemcrkenswerth aus jenen Zeiten sind die durch Jahrs geführten Kämpfe um ein geeignetes Spiel-Lokal — einestheils, weil es so gar leicht nicht war, ohne ein eigenes, wirkliches Theater zu besitzen stets zweckdienliche Räumlichkeiten zu finden und zu bekommen, außerdem aber auch veranlaßt durch die stete Feindschaft mit ihren Rivalen, den „Schulmeistern" und deren Schulkomödien auf die wir später noch zurückkommen. Endlich aber war zu jeder Vorstellung die ausdrückliche Bewilligung des hochlöblichen Rathes erst „flehentlich und dsmüthiglich" einzuholen. — Von der „Jakobs-Pfründe waren die Meistersinger, nachdem sich das Lokal als zu klein für Produktion von Schauspielen erwies, nach der „Martinsschule", dann nach dem „Tanzhaus" gezogen, das sie 1582 verließen, um in die „Sackpfeiffe" sich zu begeben; —' 1630 kauften sie mit geliehenem Gelde den „Welser-Stadcl", der später abbrannte, nachdem schon zuvor — 1638 — ein „Theaterbrand" stattgefunden hatte, entstanden durch ein auf der Bühne befindliches Licht, das etliche Papierwolsten entzündete. Das Feuer wurde freilich bald gelöscht, aber zwei Menschen bei dem entstandenen Gedränge todtget rückt, und mindestens zehn Andere gefährlich dabei verletzt. Was die Darstellungen selbst betrifft, so pflegt man daran auszusetzen, daß sie ^ nicht prunkvoll genug inscenirt wurdenh — man wünschte Tanz und Musik, große Auf- ^ züge, ja womöglich Feuerwerk und Illumination, wie z. B. in Nürnberg die Stücke von Jakob Aprer (nächst Hans Sachs der fruchtbarste, damalige Dramatiker) zur Aufführung, gelangten. „Es scheinen oft, als agire man bei Mondschein!" lautet die Kritik der Unzufriedenen, die es schon damals, ivie zu aller Zeit gegeben. Das Eintrittsgeld betrug anfänglich — 1 Pfennig pro Woche, außerdem hatten die Meistersinger von diesen Vorstellungen eine ziemlich hohe Steuer zum Besten der Armen zu entrichten, und in Folge dessen fand das „Almosen-Amt" sich auch bewogen, im Jahre 1665 ein eigenes Komödienhaus in der JakobS-Vorstadt, der „Meistersinger-" oder auch spotiweise „Komödien-Stadel" genannt, zu erbauen; dort spielte die Zunft der Meistersinger weit bis in's 18. Jahrhundert hinein, und mußte dem Almosenamt für ^ diesen Musentempel, der ursprünglich aus einer Scheune be- oder entstanden, vermehrte ' Armensteuern zahlen, wohingegen dieses allerdings der Verpflichtung, beziehungsweise Nothwendigkeit, gerecht ward, das morsche Gebäude zu erhalten und zu repariren, was 79 — > bereits im Jahre 1731 mit beträchtlichen Unkosten geschehen mußte, um es vor dem Zusammenfall zu schützen. Dies war das erste Stadttheater Augsburgs, das erste, eigentliche „Komödienhaus", in welchem nun fortan die Meistersinger regelmäßig spielten (bis 1681 waren die Vor» stellungen auf circa 40 xor ninio gediehen, bestehend aus etwa ^ Dutzend von Stücken, deren jedes 6—7 mal wiederholt wurde), indem sie ihre „Zunft mit allen Gerechtsamen ^ ausübten, und keine andern Komödianten neben sich duldeten. Dieser Zunftzwang ging » so. weit, daß schon im Jahre 1650 ein förmliches Verbot erlassen worden war, gerichtet ^ gegen die damals schon existirenden „Liebhabertheater", rcspective die Betheiligung der ^ Bürger an denselben, „weilen selbst die Weiber davon abmahnten, da sie, die Bürger nämlich!) zu Haus das Ihrige versäumen, und mit dem Agiren doch auch nichts verdienen!" — Mit der Zeit freilich konnten — namentlich bei der immer mehr wachsenden Lust zum und am Komödienspiclen — solche Verbote sich nicht so streng aufrecht erhalten lassen, und so mußte denn der hohe Rath doch hier und da reisenden „Banden" das „Agiren" in dem „Komödienstadel" „uff ihr gehorsamlich Anhalten" gestatten." In solchen Fällen hatten die fremden Darsteller sich aber mit den privilegirten Meistersängern in's Einvernehmen wegen der „Abgaben" zu setzen, die, — als Abschreckungsmittel, — sehr hoch von diesen gegriffen wurden; außerdem hatten sie seit 1698 das ausdrückliche Recht einer gewissen und ihnen allein zuständigen und zugehörigen Spielzeit, (also damals schon eine Art Theater-Saison!) und zwar beginnend im August und endigend zu Pfingsten, mit dem Privilegium, an jedem Montag während dieser Zeit ein Schauspiel aufführen zu dürfen. Das Eintrittsgeld für diese Vorstellungen betrug erst 5 Heller und dann zwei Kreuzer, während die Honorationen gar 4—6 Kreuzer entrichteten. Allein die Meistersinger mußten mit der Zeit die betrübende Erfahrung machen, daß sie sich selbst überlebt halten! Ihr eigentlicher Ausgangspunkt, die richtige, schulgerechte „ Meistersingern" war ja ohnehin längst ein überwundener Standpunkt, und als nicht mehr zeitgemäß verschwunden. Langst schon dichteten und komponirten sie ja ihre ursprünglichen, geistlichen Gesänge nicht mehr, die nur ab und zu bei kirchlichen Festen noch zur Verwendung kamen, ebenso wie ihre „lustigen Tragödien" z. B. „von FortunatuS Wunsch-Seckel sammt einer schönen Comedi von den unschuldigen Frawen Genofeva", oder das Schauspiel: „Das jüngste Gericht tragsdiweiß" u> s. w. sich überlebt hatten, und als gar, dem 18. Jahrhundert zu, die Wandertruppen immer mehr zunahmen, als Singspiel und Opera auch in Augsburg auftauchten, als ferner im 18. Jahrhundert gar Alles Komödie zu spielen begann, da mußte endlich doch wohl die Zunft der Meistersinger mit sammt ihren Privilegien sich als besieat erklären, so sehr sie sich dagegen sträuben mochten und an ihre alten Gerechtsame sich Aammerten, die wirklich noch bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts sich hineinzogen. ^ Mit dem immer mehr um sich greifenden Bedürfniß nach einem bessern Kunsttsmpel » als der alte Meistersinger-Stadel, und »ach einer andern Art der Kunst, als dort knltivirt ward, stürzte die alte Meistersingerei vollständig zusammen, und die letzten Meistersinger Augsburgs endeten als — Puppenspieler! — Statt des „Meistersinger-Stadels" aber entstand 1776 ein neues Komödienhaus — das alte Augsburger Stadt- theater! — Chvistklnine n. Die Minne gleiche nicht den dunklen Rosen, Die hingegeben linder Lüste Kosen — Wenn rings am Strauch Johanniswürmchen glühen — Im wilden Sinnenlanmet rasch verblühen. „Ehrlstblu m e n" soll die wahre Liebe gleichen, r Der fleckenlosen Neigung holden Zeichen, Die schneebedeckt den Reichthum ihrer Blüthen In seliger Verborgenheit behüten. V«, 80 Hlimnclschin« in» Moriat Febru-n'. r —>. Merkur ^ geht mit der Sonne auf und unter und ist nicht sichtbar. Venus L im Schützen erhebt sich 3 Stunden vor der Sonne über den südöstlichen Horizont, erreicht am 15« ihre größte westliche Entfernung von der Sonne und ist dann halb beleuchtet wie der Mond im letzten Viertel. Ihr scheinbarer Durchmesser nimmt nun wieder ab, und ihre Gestalt wird sichelförmig. Am 4. Morgens 0 Uhr 9 Min. wird sie vorn Mond bedeckt, und ist diese Erscheinung insofern wichtig, als aus v dem Umstände, daß Venus hinter die Mondscheibe tritt, ohne eine Lichtschwächung zu er- § fahren, folgt, daß der Mond keine oder doch wenigstens nur eins sehr seine Atmosphäre ^ haben kann. Mars F kann Anfangs noch im Steinbock beobachtet werden; er steigt immer höher und verschwindet dann in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Jupiter ^ schreitet unter den Zwillingen weg, wird vorn 14. an wieder recht- läufig, erreicht gegen 8 Uhr Abends den Meridian und geht 4 Uhr Morgens unter. Am 16. ist er in der Nähe des Mondes. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 4., 5., 11., 20., 21., 27. und 28.; der zweite am 3., 10., 20. und 27.; der dritte an, 9., 16., 17. und 24. Saturn H im Widder geht Mittags auf und nach Mitternacht unter. Der Durchmesser seiner Kugel beträgt 16, die Durchmesser der Ringarcn 39 und 15 Bogen- sekunden. Am 13. steht Saturn südlich von, Mond. M i s e s L L e rr. (Aus der Naturgeschichte.) Lehrer: „Sag mir Karl wohin gehört der Bär?" — Karl: „Zu den Naubthieren." — Lehrer: „Wohin die Amsel?" — Karl: „Zu den Singvögcln." — Lehrer: „Wohin gehört der Häring?" — Alle Kinder schweigen. Nach einigen Minuten meldet sich ein kleiner Junge mit den Worten: „Der Hüring gehört zu den — Kartoffeln I" (Passende Gelegenheit.) Fremder (an einem Restaurant vorübergehend, zu dem davorstehenden Kellner): „Können Sie mir nicht sagen, wo der Doktor Mayr wohnt?" — Kellner: Thut mir leid, aber wenn Sie ein wenig warten wollen, in einer Viertel- stund' gibt's frische VratwürsU mit Sauerkraut. (Aus dem GerichtSsaale.) Präsident: „Womit haben Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdient, was war Ihre Beschäftigung seit Ihrem vierzehnten Jahrs bis jetzt, wo Sie wegen Straßenraubs in Untersuchung stehen?" — Angeklagter: „Von meinem vierzehnten Jahre an bis jetzt war ich theils Ziegel- theils Landstreicher." (F. B.) (Wechselwirkung.) Frau (aus einem Badeorte zurückkehrend): „So, liebes Männchen-, da bin ich wieder, und gesund, wie der Fisch in, Wasser, nicht im Geringsten mehr blutarm." — Mann: „Das freut mich; denn hätte die Kur noch lange gedauert, dann wäre ich blutarm geworden." (Beim Anblick des Rheines.) „Nicht wahr, Papa, das ist das Wasser, aus dem man den Rheinwein macht?" (Aergerlich.) „Verdammtes Pech, muß ich so früh erwachen, daß ich noch Zeit genug hätte, in's Colleg zu gehen!" Auslösung der Näthsel-Aufgabe in Nr. 8: N ^ I 8 0 8 R N U U 6 Für die Redaktion verantwortlich Nlphous Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 11. 18L3. jur „Äugslmrger pojheitmig." Mittwoch, 7. Februar Jörg von Mrrlderk. Eine Erzählung aus dem sünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) Andres nahm Nucksack und Stock und eilte zum Jäger hinab. — Als dieser den Waldteufel vor sich sah, kam er ihm wie ein rettender Engel vor. Ja, dieser verwilderte Mann war durch Gottes Fügung wieder ein braver Mensch, ein Samaritan geworden! Mit schwacher Stimme sprach der Jäger: „Andres! — Hat Dich der liebe Gott zu mir geschickt? — Wasser, Wasser!" — Der alte Kräutersammler griff in die Kraxe, nahm eine Flasche alten Enzianbrannt- wein heraus, brach ein Stückchen Brod ab, träufelte einige Tropfen Branntwein darauf und reichte es dem Verwundeten. Sodann untersuchte er die Wunde am Fuße und sagte ernsthaft: „Kuno, ich bin noch gerade recht gekommen, sonst käme der Brand in den Fuß. Jetzt hole ich gleich da d'runten Wasser, ich kenne die Quelle schon; gleich bin ich wieder heroben. Trink aus der Flasche, aber grad einen kleinen Schluck und iß dazwischen ein Vröckerl Brod!" Andres holte aus der Kraxe einen Krug und eilte abwärts. Kuno fühlte langsam die Kräfte wiederkehren. Er faltete die Hände und dankte inbrünstig dem Himmel, der ihm in dieser schrecklichen Lage noch einen Netter gesandt. — Von Zeit zu Zeit nahm er einen Schluck aus der Flasche und brach ein Stückchen Brod ab, von dem er auch dem Hunde mittheilte. Als Andres mit dem Wasser angelangt war, reichte er dem Jäger den Krug zum Trunke, dann wusch er die Fußwunde, nahm Pflaster und Leinwandstücke aus der Kraxe und verband die Wunde. Hierauf sagte er: «Jetzt hole ich den Nudi und die Oberdirn, daß wir Dich auf die Spitzingalm bringe» können." Darauf eilte er rasch abwärts. Nachdem Kuno glücklich in die Alphütte gebracht war und sich mit warmer Milch- suppe gelabt hatte, auch der treue Wolfshund mit Dopfen und Milchbrod gesättigt war, gönnte man dem Jäger noch so lange Ruhe, bis von Fischhausen ein Wagen angelangt war. Sorgfältig bettete Andres den Verwundeten und ging neben dem Wagen her. Der Wolf wurde dem Saumpferde auf den Nückcn gebunden und stolz trabte der Hund neben demselben her, von Zeit zu Zeit seinem todten Feinde einen finsteren Blick zuwerfend. — Es war Abend gegen sechs Uhr, als das Fuhrwerk durch Schliers kam. Alles lief aus den Häusern und staunte über die Bürde des Rosses. Bald gewahrten die Leute, daß Kuno, der mit bleichem Gesichte um sich sah, verwundet sein müsse, worauf allgemeines Bedauern ausgesprochen wurde, als Andres die Fragen hierüber bestätigte. , Auch Martha kam des Wegs. Als sie ihren Liebling erkannte, brach sie in heftiges Schluchzen aus. Andres rief ihr aber zu: 82 „Sei ohne Sorge, Marthal Ich stelle den Kuno schon wieder her, möchte auch > einmal ein gutes Werk thun, es ist doch nicht mehr zu frühe!" Ueber Westenhofen brachte man den Jäger auf die Halbinsel. Wie jammerte die ' alte Frau Martha, als man ihren Kuno vom Wagen hob und sie erfuhr, was ihm begegnet seil — Sorgsam bereitete sie demselben in der Wohnstube auf dem Ruhebette des seligen Jägers ein Lager und Andres sagte zu ihr: „Ich komme jeden Tag herüber in's Jägerhaus und sehe nach dem Fuß. Meine > Salbe wird bald wirken und in vier oder sechs Wochen kann Kuno wieder seinen Dienst ^ machen." ^ „Gott wird's Dir vergelten!" sprach leise der Jäger. „Ich vergesse meiner Lebe- tage nicht, daß Du mich vom Hungertod gerettet hast, guter Andres!" Nun war Kuno geborgen in mütterlicher Pflege und unter der Behandlung deS heilkundigen Waldteufels. — VI. Ibrahim lag auf einem niederen, mit Teppichen bedeckten Ruhebette. Eine alte Brustwunde war wieder aufgebrochen und verursachte ihm nicht nur viele Schmerzen, sondern trübte auch sein Gemüth, da der eifrige, strenge Gefangenwärter sich zur Un- thätigkeit gezwungen sah. Selima mußte manches harte Wort hören, und Alles aufbieten, den Alten zu beruhigen und zu zerstreuen. Da erschien eines Tages ein alter Bekannter des Gefängnißwarters, ein gerne gesehener Gast, der reiche, joviale Kaufherr Antonio Rossi aus Venedig. Dieser besuchte von Zeit zu Zeit die in der Nähe des adriatischen Meeres gelegenen Städte in Handelsund Tauschgeschäften. In Mostar war in der Regel letzteres der Fall, da die Klingen, welche hier gefertiget wurden, wegen ihrer Güte und Schönheit sehr gesucht waren. — Mit Ibrahim war der Venetianer schon längere Zeit in Unterhandlung ivegen Ankaufes eines sehr werthvollen albanesischen Schwertes, welches der Alte als junger Krieger von einem Häuptlinge erbeutete und das Antonio um jeden Preis erwerben wollte, während Ibrahim sich nur schwer von diesem Schatze trennen konnte. Wieder brachte der Kaufherr das Gespräch auf die kostbare Waffe und Selima mußte dieselbe zur Ansicht aus einer verschlossenen Truhe herbeiholen. Da schon die Scheide des Schwertes reiche Vergoldung trug, so durfte man annehmen, daß das Schwert selbst ein Juwel sein müsse und so war es auch. Die prächtige DamaSzener-Klinge, welche sich wie ein Drahtreif biegen ließ, enthielt goldene Buchstaben, Koransprüche, während der elfenbeinerne Griff theilweise mit Goldfäden umschlungen war, zwischen welchen kostbare Steine und Perlen hervorlugten. Obwohl Antonio keine Bewunderung äußerte, konnte er sich doch nicht satt sehen an dem Kleinode und sprach: js „Für mich hat dieses Schwert in so ferne ein Interesse, als es aus Damaskus V selbst stammt und meine Waffensammlung nur noch Eines enthält, welches ähnliche Arbeit nachweiset. Sonst, lieber Ibrahim, würde ich Euch nicht so häufig wegen des Verkaufes plagen. Heute möchte ich zum Abschlüsse kommen, denn meine Geschäfte rufen mich nach Deutschland und ich werde vor dreiviertel Jahren nicht mehr bei Euch zusprechen können." „Ihr plagt mich nicht", sagte Ibrahim mit schwacher Stimme, — „ich trenne mich eben schwer von der Waffe, welche mich immer an eine schöne Zeit zurückerinnert, wo ich noch-" Ein heftiger Stickhusten hinderte ihn am Sprechen und Selima bedeutete dem Kaufherrn, daß Ibrahim nun der Ruhe bedürfe. Antonio sagte: „Ibrahim, Ihr dürft jetzt nicht sprechen, ich komme gegen Abend noch einmal herauf in die Festung, dann entschließt Euch und gebt mir das Schwert; - die Summe wißt Ihr, sie ist gewiß groß genug." Ibrahim nickte bejahend, dann entfernte sich der Kaufherr mit Selima. 83 — Am Vorplätze sagte dieser zu dem Mädchen: „Selima, wenn Du den Alten beredest, daß er mir heute sein Kleinod überläßt, so will ich Dir eine kostbare Perlenschnure in dein schönes Haar zum Geschenke bringen." Diese besann sich nicht lange, sondern antwortete: „Ihr sollt' die Waffe heute Abend erhalten und ich nehme gerne einen Gegendienst dafür an. Doch fordere ich keinen Schmuck für meinen Leib, sondern ein ächt christliches Werk. —" „Wie kommt Ihr, Selima, dazu? So viel ich weiß seid Ihr keine Christin mehr, sondern Mohamedanerin!" „Kommt in meine Stube", entgegnete das Mädchen, „damit uns Niemand hört." Als Beide dort eingetreten waren, fuhr Selima fort: „Ich habe nur eine Bitte an Euch, guter Antonio! Von der Erfüllung derselben hängt meine Verwendung bei Ibrahim wegen der Waffe ab. So höret denn: „Seit mehreren Monaten weilt in diesen Festungsmauern und zwar dort im rothen Thurme ein Gefangener. Es ist ein frommer deutscher Ritter, welcher an der Save schwer verwundet, in türkische Gefangenschaft gerieth. Früher bediente ihn Ibrahim, doch seit Monatsfrist muß der Arme das Lager hüten und übertrug mir die Pflege des Ritters, für welchen der Pascha, wenn er vollkommen Henesen ist, hohes Lösegeld fordern, oder ihn als Sklaven nach Asien verkaufen will. Ich kann auch nicht sagen, Antonio, was dieser schöne Ritter ausgestanden hat und nun, da die Wunde theilweise geheilt ist und die Kräfte wiederkehren, hat den Aermsten ein anderer, nicht weniger heftiger Schmerz, das Heimweh, ergriffen. Ich versichere Euch, Antonio, jedesmal möchte ich weine», wie ein Kind, wenn der Ritter auf den Knien am kalten Pflaster zum Himmel fleht, so innig, so herzerschütternd, daß Gott ihn glücklich in die Heimath führen möge! — O, Antonio! Ich habe ja auch das Heimweh kennen gelernt als junges Mädchen und hätte mein Loos als Sklavin gewiß nicht ertragen, hätte mich Ibrahim nicht wie ein Vater behandelt." — Nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Den Ritter muß ich retten und zwar heute noch, denn für die nächsten Tage ist ein Transport gefangener Ungarn aus der wüthenden Schlacht bei Varna angesagt, da merkt Niemand die Flucht des Gefangenen und außer Ibrahim und mir weiß keine Seele, daß in dem rothen Thurme der deutsche Ritter verwahrt ist. O, nehmt ihn auf Euerm Fahrzeuge heute Nacht mit nach Venedig, er wird Euch's gewiß lohnen dieses Liebeswerk!" „Das ist ein gefährliches Unternehmen, meine Selima!" sprach der Kaufherr. „Was würde Ibrahim sagen, wenn er von der Befreiung des Ritters erführe?" „Ueberlaßt diese Sorge mir!" entgegnete rasch das Mädchen. „Ibrahim wird sein Krankenlager nicht mehr verlassen und bis zur Zeit, da der Krieg beendet sein wird, kümmert sich Niemand um die einzelnen Gefangenen. Dann aber wird Vater Ibrahim gewiß bei Allah im Paradiese sein! — Sorgt also, mein lieber Antonio, als frommer Christ, daß ich gegen Abend die Kleidung eines Matrosen erhalle; dann, wenn der Jmam von der Murad-Mosche das Gebet gesprochen, schickt einen Vertrauten zum rothen Thurme herauf, zu welchem durch die Weinberge ein leicht zu findender Weg führt. An den Thurm stößt unsere Gartenmauer und diese hat, wo ein Oleandergebüsch sie überragt, eine schmale Oeffnung, welche mit einem eisernen Thürchen verschlossen ist. An dieses soll er klopfen, dann öffnet es der Ritter von Innen und schlüpft hindurch." „Es sei!« rief Antonio. „Die kostbare Waffe ist dieses Wagstück wohl werth!" „Nun lebt wohl, Antonio!" sagte Selima. „Ich zähle auf Euch und Ihr dürft auch auf mich vertrauen. Kommt mit den Kleidern bis zur sechsten Abendstunde, dann sollt Ihr bei Ibrahim die Waffe erhalten."' Beide verließen die Stube. Der Kaufherr ging seinen Geschäften nach, Selim« aber trat zu dem Kranken, der eingeschlummert war. 84 Als derselbe erwachte und die Lieblingssklavin an seinem Lager gewahrte, frug er > nach dem Venetianer. Das Mädchen antwortete, daß dieser erst gegen Abend von der Stadt heraufkommen werde und mit dem Waffenhandel zum Abschluß gelangen möchte. „Das soll er auch", entgegnete Ibrahim; „ich möchte das Kleinod nur noch einmal sehen, ehe ich mich von demselben für immer trenne. Gib mir's, Selima!" Diese reichte ihm das Schwert. Lange und aufmerksam betrachtete der Alte die prächtige, kunstvoll gearbeitete Waffe, > dann gab er sie dem Mädchen zurück, während sich eine Thräne nach der anderen aus t den Augen stahl. » „Das war noch eine schöne Zeit, Selima", sprach er mit schwacher Stimme, „wo ^ ich als rüstiger, junger Krieger unter dem kühnen Murad I. gegen vie Ungarn, Wallachen und Albanesen kämpfte, Sieg auf Sieg erfocht und reiche Beute machte! — Jetzt bin ich alt, müde und todesmatt; die Wunde, welche mir bei Kassowa ein ungarischer Reiter schlug und die längst vernarbt war, sie muß wieder aufbrechen und die letzten Lebenskräfte mir nehmen! — — Führe Antonio gleich zu mir, wenn er wiederkehrt, ich habe Wichtiges mit ihm zu sprechen." — Der Husten stellte sich wieder ein. Selima reichte dem Kranken Arznei, worauf sich dieser auf die Polster zurücklegte und nach einiger Zeit wieder einschlummerte. Das Mädchen blieb noch eine Weile in der Stube, dann, als der Alte nicht erwachte, begab sie sich in die Küche um das Neismuß für den Ritter zu bereiten. Zur bestimmten Stunde erschien Antonio mit einem Matrosen, welcher in Seiden- tvaare versteckt, die Kleider für den Ritter trug. Selima eilte ihnen entgegen, nahm dir Kleider in Empfang und trug sie in ihr Gemach, dann sprach sie zu Antonio: „Habt Dank! — Nun geht zu Ibrahim, er wird erwacht sein. Das Schwert liegt für Euch bereit." Antonio wies auf seinen Begleiter und sagte, indein er sich zur Thüre des Kranken« gemaches wandte: „Andrea ist mein vertrautester Diener, besprecht mit ihm Alles wegen der Flucht des Ritters. Wir lichten um Mitternacht die Anker." Darauf verließ er die Beiden. Selima trat zu Andrea, reichte ihm die Hand und sprach zu dem hübschen, wetter- gebräunten Matrosen: „Wie dank ich Euch, Andrea! Ihr kennt doch den Fußsteig durch die Weingelände zum rothen Thurme?" „Ich habe mich, nachdem Signor Antonio mit mir darüber gesprochen, sofort zum Thurme begeben und fand auch die kleine Oeffnung in der Mauer beim Oleandergebüsch." „Um so besser!" rief Selima erfreut. „Nun sorgt, daß Ihr noch vor dem Gebete des Priesters an der Oeffnung seid, und sobald dasselbe beendet ist, klopft leise dreimal an die eiserne Thüre, welche dann der Ritter öffnen wird. Ich bitte, Andrea, bringt ihn sicher auf Eures Herrn Fahrzeug!" ^ „Seid unbesorgt, gutes Mädchen!" entgegnete der Matrose. Ich hoffe, daß der Ritter in wenigen Tagen mit uns im schönen Venedig landen und von dort aus die Heimath aufsucht. — Nun lebt wohl! Vielleicht sehen wir uns im Vaterlands wieder, denn wir sind ja, wie Signor Antonio sagte, Landsleute und Ihr werdet nach dem Ableben Ibrahims wohl nicht in der Türkenstadt hier bleiben. Bis dahin wird mir der Kaufherr in seinem großen Geschäfte eine Stelle geben, denn ich habe das Leben als Seeratte schon satt." „Wohl möglich, Andrea", antwortete Selima, »daß wir uns in Venedig wiedersehen, dann will ich Euch zum zweiten Male danken für Euren Liebesdienst. Nun muß ich nach dem Gefangenen sehen, lebt wohl, Gott führe Euch!" „Er wird mit uns sein!" entgegnete dieser, drückte die Hand des Mädchens und verließ die Wohnung, nicht ohne der lieben Selima noch einen innigen Blick zuzusenden. Diese eilte mit dem Abendimbiß, welchem sie noch etwas Wein beifügte in das 85 t ? Gefängniß hinab, wo Jörg von Waldeck bekümmert auf und ab schritt, denn draußen im Gärtchen sangen die Dögel voll Lust und von Zeit zu Zeit setzte sich das Nothkehlchen, des Ritters LieblingSvögelchen, auf die Eisenstange des Fensters und jubelte dem armen Gefangenen zu. Vielleicht ahnte der kleine Sänger die nahe Befreiung des Ritters, denn er wollte gar nicht aufhören demselben vorzusingen, als wüßte er, daß ihn der Ritter nicht lange mehr hören sollte. Selima begrüßte Jörgen, wie gewöhnlich, stellte die Schüssel mit dein Neismrch, dann Obst und Wein auf die Bank und sagte: „Eßt nur, lieber Ritter, mit Lust; dann kommt in das Gärtchen, ich lasse die Thüre zu demselben offen und werde gleich wieder kommen." Jörg aß nur weniges vom Rcismuß, dann nahm er Obst und das Krüglein mit Wein, und ging hinab in die Laube. Der Abend war schön und vom Meere her wehte eine erquickende, kühle Brise. Die Blätter der Bäume und Sträucher singen an sich zu färben. Aber die Herbstblumen im Gärtchen standen im schönsten Schmucke, gepflegt von der sorgfältigen und kundigen Hand Selima's. Fortsetzung folgt.) Goldkörner. 2)er Frohsinn gleicht der kleinen Biene, Die aus die Blumen niedersinkt, Und, taumelnd durch die süßen Düfte, Den Honig nur, und nie die Gifte Aus jungen Blüthenkelchen trinkt. Elisa v. d. Recke. Bor mir sei höflich, o Mann! Hinter mir redlich und klug. Ernste Thätigkeit söhnt zuletzt immer mit dem Leben aus. Das größte Glück im Leben Und der reichlichste Gewinn Ist ein guter, leichter Sinn. Herder. Jean Paul. Goethe. Eine Neminiszenz an Walter Scott. Im Frühling und noch mehr im Herbst ist Schottland das Reiseziel zahlreicher Touristen, welche dem Lande mit den tiefblauen Seen und den röthlich schimmernden Bergen einen Besuch abzustatten kommen, um sich an den wechselnden, bald überwältigend großartigen, bald lieblich idyllischen Bildern, welche die Gcbirgsnatur bietet, zu erfreuen. Mit diesen Eindrücken verbindet sich in unmittelbarer Weise die Erinnerung an Walter Scott, jenen begeisterten Sänger und Dichter, dessen Lieder und Romane so viel dazu beigetragen haben, Natur und Bewohner seines Heimathlandes dichterisch zu verklären. Unwillkürlich späht der fremde Gast nach Andenken an den beliebtesten Poetcn und besteigt gern den Eisenbahnzug, der ihn nach dem Hause desselben und zu den Trümmern der alten Abtei Melrose führt. Ganz Schottland könnte in gewissem Sinne den Namen „Scottland" tragen, denn es gibt hier wohl kaum einen Winkel, den der Verfasser der Waverley-Nomane nicht weltbekannt gemacht hätte. Ganz besonders bezieht sich dies auf das den Grenzen Englands benachbarte Gebiet von Lowland, das vom Tweed und seinen Zuflüssen durchströmt wird und mit dessen Thälern und Bergen, mit dessen Wäldern und Triften das Andenken an die Person und den literarischen Ruhm des genialen Autors eng verknüpft ist. Die beste Zeit zu einem Besuchs dieser Gegend ist der Beginn des Maimonats. Das in üppigster Vegetation prangende Tweedthal übt alsdann einen unwiderstehlichen Reiz auf den Besucher. Der wunderbare Wechsel von sanft gewellten ^ Hügel», von flachen Einsenkungen, von malerischer Felsenküste, von Seen, Flüssen, Wasser- ! fällen verleihen der Landschaft den Zauber höchster Romantik. Ein saftiger Laubwald' 86 bedeckt alsdann das Gelände der Grafschaft Selkirk, deren Hauptstadt das pittoresk ' gelegene Melrose. Zwei Drittel der Höhen bedeckt hier ein wohlgepflsgter Anbau, hier und da unterbrochen von kleineren Waldgürteln, die sich gleich Laubkränzen um die Krippen des Hügellandes schmiegen, und in denen das dunkle Grün der Tannen und Lerchen- bäume mit den lichten Farbentönen wechselt, welche die Birke zeigt. Wer die Grafschaft Selkirk, dieses paradiesisch von der Natur geschmückte Stück Erde, näher kennen lernen will, thut am besten, seinen Aufenthalt in Edinburg zu nehmen ^ und von dort aus seine Exkursionen zu machen, und wer im Mittelpunkt der Stätten, ^ an welche sich die Erinnerungen eines glänzenden Geisteslebens knüpfen, weilen will, ^ wählt das Städtchen Melrose für einige Tage zum Domizil. Von hier aus läßt sich mit Leichtigkeit den Ruinen der Abtei Melrose ein Besuch abstatten, ebenso dem von einem poetischen Hauch umwehten Schloß Abbotsford, das, ungefähr 2000 Fuß über Melrose an dem steil abfallenden Ufer des Tweed gelegen, längere Zeit von dem Dichter bewohnt wurde. Die Lage der Burg ist prächtig. Von den Zinnen derselben schweift der Blick über die beiden Ufer des Flusses weit in die Ferne. Dichter Wald umsäumt den altehrwürdigen Nitersitz, dessen graue Thürmchen in ihrer Spitzbogenform an den sogenannten Baronet- styl des schottischen Landhauses erinnern. Wer Schloß Abbotsfort, das aus manchen Jugendreminiszenzen her wohlbekannte, näher kennen lernen will, dem ist gleichwohl manche Enttäuschung vorbehalten. Durch eine schmale dunkle Pforte wird man in einen verwilderten Garten geführt, von dort aus betritt man ein düsteres und niedriges Souterrain. Eine Hintertreppe führt zu den eigentlichen Wohngemächern, auf ihr gelangt man zu einer Flügelthür dem Eingang in das Arbeitszimmer Walter Scott's, das sich in seiner schmucklosen und einfachen Ausstattung als eine Stätte ernsten Studiums kennzeichnet. Nun folgen die anderen Räume, zuerst die mit auserlesenen Werken und werthvollen Schätzen der Literatur ausgestattete Bibliothek, ein Saal mit großen und kleinen Gemälden und einem Ebenholz-Ameublement, ein Geschenk König Georg I V., dann der Wasfensaal mit vielen archäologischen Seltenheiten und kostbaren Werthgegenstäuden, endlich der Speisesaal, in welchem der berühmte Schloßherr den letzten Athemzug that. Am tiefsten sind die Eindrücke, die der Besucher von Abbotsfort bei dem Durchschreiten der genannten Gemächer empfindet, in dem großen Vorsaal, der mit seinen Holzschnitzereien aus dem 15. Jahrhundert, mit den zahlreichen alten Waffen, Rüstungen und historischen Reliquien (unter ihnen die Schlüssel zum Kerker von Edinburg) der historischen Betrachtung ein weites Feld eröffnet. Das Grab des Dichters befindet sich in der Abtei Dryburg. Ein tiefer und ehrwürdiger Ernst lagert über dieser von tiefstem Schweigen umgebenen Stätte des Todes. Der Verewigte ruht hier in dem schönsten Theile der Ueberreste des alten Klosters, zwischen seiner Gattin und dem ältesten Sohn. Der Weg von Melrose nach Drpburg längs des Bemerflusses ist von hoher pittoresker Schönheit — von einer am Ufer des Wassers ansteigenden Höhe übersieht man < das weit geöffnete Tweedthal —, auf der einen Seite streift der Blick bis zu den Thürmen ^ von Melrose auf der anderen reicht er bis weit südlich über Dryburg hinaus. Auch die Lage dieser Abtei ist überaus malerisch, inmitten eines mit Bosquets besetzten Wiesen- geländes, das von dem Tweed in großen Bogen umslossen wird. Wer von den diese Stätte besuchenden Touristen ein näheres Interesse an dem Leben und den Werken Walter Scott's nimmt, der wird gerne noch die Orte kennen lernen, an welchen derselbe mit Vorliebe weilte, so namentlich den Landsitz Sandiknowe, wo er einen großen Theil seiner Kindheit verbrachte, und Smailholm Tower, wo ihm die Schätze der volksthüm- lichen schottischen Sage und Legende eine so reiche Ausbeute für feine Arbeiten gewährten. Vor dem Verlassen Mclrose's wird der Besucher jener durch romantische Erinnerungen reich ausgezeichneten Landschaft auch seine Schritte zum Nymerthal lenken, dem Lieblings- Spaziergang des großen Romanschriftstellers, welchen er häufig unternahm, um feinein Freunde Fergusson einen Besuch abzustatten. Goldene Regel»» für Sondwirthe. (Auch sür andere Leute nützlich zu lesen.) Wer seinen Acker fleißig baut, Aus cig'ne Tüchtigkeit vertraut: Wer gleichermaßen wohl bemißt, Was er der Wiese schuldig ist; Wer seinen Viehstand sorgsam pflegt Und Füller stets im Vorrath legt; Wer jeden Handel baar besorgt Und nicht leichtsinnig kaust und borgt: Wer mit der Sonne sriih aussteht Und srijch an seine Arbeit gehl: Am Sonntag ruht und Herz und Geist Mit Früchten edler Geister speist: Wer sich an Ordnung, Reinlichkeit Im Hans und Hof und Stall erfreut: Wer Habsucht und Verschwendung flieht Und seine Kinder brav erzieht; Wer Mäßigkeit liebt in guter Zeit Und gern entbehrt in Noth und Leid; Wer auch in dem Geringsten treu, In Wort und Werk von Falschheit frei; Mit dem wird's gut im Hause stehn; Wie es auch kommen mag und gehn. M i s - e l l e rr. („Der richtige Verliner") — jene fleißige Sammlung von Berliner Redensarten, die im Verlage von H. S. Herrmann erscheint, hat abermals eine neue Auflage erlebt' Unter den neueren, interessanten geflügelten Berolinismen finden wir „Nitzenschieber" für „Geleise-Reiniger bei der Pferdebahn." Ein Schüler sagt zu einem anderen: „Au, Dir zeig' ick an!" Die Antwort ist: „Na, zeige man nich vorbei." Für „eenen drinken" heißt es auch „eenen uf'n Diensteid nehmen." Weil die Dienstboten am dritten Feiertag freien Tag zu habt» und dann zum Tanz zu gehen pflege», heißt eine nicht sehr noble Tanzgesellschaft: „Drittes Feierdaas-Publikum." „Wat is schneller wie'» Gedanke?" Antwort: ,,'n Berliner Droschceupserd; wenn man denkt, et fällt, denn liegt et schon." „Sein Se milde", deutet an: „Sie übertreiben." „Eenen mit de Nase uf die Duschecke traktiren" heißt: „Jemanden nichts vorsetzen," und die Frage: „Haben se Dir denn wat vorgesetzt?" wird beantwortet: „Die sind froh, det se alleene nischt haben." „Haare apart, Boulctten apart" sagt man, wenn man ein Haar im Essen findet. Mit „Kellneer, 'n andern Jast", giebt mau einem mißliebigen Tlschnachbar in der Kneipe sein Unbehagen verstehen. Vokabeln wie „Thrankonditor" für „Materialienwaarenhändler" und „Waden- Oper" für „Oper mit Balle!" können gewiß nur in Berlin entstehen. Für „Er heirathet eine Waise" ist die Redensart aufgekommen: „Er genießt seine Schwiegereltern kalt". „Ick habe blos eenen Jungen" wird auch ausgedrückt durch: „Ick habe.blos eenen Jungen zu verzehren". Schon früher sagte man: „Er is'n bisken schüchtern uf de Oogen" für „Er schielt". Danach ist gebildet: „Er is schüchtern uf de Casus", d. h. er kann „mir" und „mich" nicht unterscheiden. Zur Empfehlung eines Magenligueurs sagt man: „Er hitzt, kühlt, führt ab, stoppt ooch, nimmt den Schwindel, stärkt's Jedächtniß un jiebt 'n verlorenen Verstand wieder". Zur Definition vom „Stiesel": Präsident: Angeklagter, Sie sollen zum Zeugen „Stieselcr" gesagt haben." — Angeklagter: „Nischt vor unjut, Herr Gerichtshof, aber erschtenS heeßt et „Stiesel", det iS nämlich 'n Mann, der immer so dnht, als wenn er wat dächte und am Ende en janz jewöhnlicher Ochse is, aber zweetens habe ick det Wort jar nich jejen ihm jebraucht." 88 * (Eine Prophezeihung.) Im Bisthum Trier ist auf einer in der Kirche unter der Orgelbühne angebrachten alten Stein-Tafel folgende Prophezeihung zu lesen: „(Pmucko Nnrouo pusolla, 6ubit. Dt ^i.toniuo pon!66o tsm aolobradit, Dt llollunnos Olir'otmn ackorubit, Dotus muuckus vuealuinabit." Das heißt: „Wenn St. Markus (25/ April) das Osterlamin reicht, St. Antonius (,3. Juni) Pfingsten feiert, und St. Johannes (24. Juni) am Fronleichnamstage .Christum im heiligen Sakrament anbetet, — dann wird die ganze Welt Wehe schreien." Nosiradamus hat diese Prophezeihung in seine „6ancuvi«?8" in französischer Nebsrsetzung aufgenommen: „(juanck OecwMZ Oisn oruait'sra, (Zuo Naro Is rossusoitora, Dt czuo stean lo pootera, I-a iin <1u mmuko arrivora." Diese 3 Zeitangaben sind für das Jahr 1886 zutreffend. Wer also dieses Jahr erlebt, wird als Zeuge für oder gegen die Wahrsagung auftreten können. (Wie hoch werden in Brasilien die Menschen geschätzt?) Ein Edital äas llui '2 6a iCroveitoria in Vakcnea gibt darüber genügende Auskunft. Derselbe bietet 11 Sklaven zum Verkauf aus, und zur besseren Orientiruug der Reflektanten ist auch gleich der Preis, zu welchem die „Waare" abgeschätzt ist, beigefügt: Manoel 78 Jahre, 5 Doll.; Luiz, 8 Jahre, 5 Dost.; Carolina, 69 Jahre, 5 Dost.; Hilario 5 Dost.; Gregoria 5 Dost.; Christine, 78 I., 5 Dost.; Maria, 17 I., 5 Dost.; Joao, 88 I., 5 Dost.; Susann«, 67 I., 5 Dost.; Felicidade, 75 I., 5 Dost.; Jsabella 75 I., 5 Doll. Alle 11 zusammen also 55 Dost. Das in Nio erscheinende Blatt „H. Isalsta U/nv»" fügt dem Vorstehenden folgende Notiz bei: Vor Kurzem fand in London eine Hunde- Ausstestung statt, wo 252 Stück der edelsten Nm.en zu sehen waren. Einer derselben war auf 10,000 Guinöcn oder ca. 94,500 Doll. geschätzt. Wenn in London ein Hund 94,500 Doll. werth ist, so ist das im Vergleich zu obiger Sklaven-Abschätzung der gleiche Werth, den 18,900 Personen in Brasilien haben. Ländlich, sittlich! (Schicksal.) In Würzburg lebt ein Kellner, der — vielleicht ist er der einzige Mensch auf Erden, der diesen Namen führt — Schicksal heißt. Die Gäste rufen ihn des Spaßes halber stets bei seinem Namen. Nichts Komischeres, als wenn man an der Takle d'hote rufen hört: Schicksal, einen Zahnstocher! Schicksal, ein Stück Rindfleisch, Schicksal noch ein bischen Sauce! rc rc. Als dieser Kellner neulich einer jungen Dame eine Mehlspeis-Sauce auf's Kleid goß, sagte ein neben ihr sitzender Schriftsteller: „Das ist nicht deS Kellners Schuld, das ist des Schicksals-Tücke!" (Probates Mittel.) Die Kaiserin von Oesterreich war vor zwanzig Jahren schwer krank und von Aerzten beihnahe aufgegeben; da kam ein alter bayerischer Arzt (Name?), ein Freund ihres herzoglichen Elternhauses, und ricth der hohen Frau, alle Arzneien zum Fenster hinauszuwerfen, sich viel in freier Luft aufzuhalten, zu reiten upd zu gehen. Seither befolgt die Kaiserin diese Lebensweise, die ihre Gesundheit erhält. (Die NothWahrheit.) Student A.: „Ich glaube, unser Freund Hugo kann überhaupt nicht die Wahrheit sagen; ich erstaune oft, wie er die einfachsten Dinge mindestens in ein falsches Licht rückt. Wer glaubt ihm wohl noch?" — Student B.r „Sein Vater, wenn Hugo ihm Schulden beichtet." — Student A.: „Das ist aber nur eine Ncthwahrheit." (Abgeführt.) Unmittelbar am Dom zu Köln steht ei» spleeniger Engländer, der sich in den Straßen nicht „auskennt", und fragt einen Eckensteher: „Könn' Sie mir nich steigen, wo iß der Kölner Dom?" Eckensteher: „Nä Här ick ben selver voll!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äilgslmrger postseitnug." Nr. 12. Samstag, 10. Februar 1883. Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. (Fortsetzung.) Ritter Jörg wandelte auf den Kieswegen zwischen den Blumenbeeten, dann ging er wieder in die Laube, sah durch die schtyale Maueröffnung hinaus auf das Meer, da seufzte er: Wie oft werde ich dich von hier aus noch schauen müssen, du gewaltige Wasserfläche und wie viel lieber möchte ich den winzigen, aber so lieblichen See meiner Heimath schauen, wie ihn, wohl mit nassen Augen meine theure Agatha steht! — Da öffnete Selima die Thurmthüre und trat mit einem Packe in die Laube. »Setzt Euch zu mir", sagte sie mit zitternder Stimme, „ich habe Wichtiges mit Euch zu sprechen, denn heute brachte ich Euch zum letzten Male die Abendsuppe — es war auch die letzte Speise, die Ihr in dieser Festung genossen habt!" Besorgt frug Jörg: »Was hat man mit mir vor, Selima? O, sag' mir's offen, Mädchen, ich bin auf Alles gefaßt!" „Habt keine Sorge, edler Ritter! — Was Ihr so oft im heißen, innigen Gebete erfleht, die Heimkehr zu Eurer lieben Burgfrau, sie soll nicht mehr verzögert werden. Noch diesen Abend naht Euer Retter, ein Matrose des braven Kaufherrn Antonio Nossi aus Venedig, welcher Euch auf das Fahrzeug bringen wird, das um Mitternacht die Anker lichtet!" — Dann auf den neben sich im Kiese liegenden Pack weisend fuhr sie fort: „Hier ist ein Matrosenkleid, dieses ziehet an, ehe es dunkel wird und ich wieder komme, denn, wenn der Jmam das Abendgebet gesprochen haben wird, — wie Jhr's ja so oft schon gehört habt, — kommt Andrea Euer Netter an die Oeffnung dort unter dem Oleandergebüsch und wird dreimal leise klopfen, worauf Ihr n it diesem Schlüssel — sie gab ihm denselben — öffnet und durchkriechet. Den Schlüssel aber laßt stecken, damit ich wieder schließen kann. Jörg hatte dem Gespräche des Mädchens fast athemlos zugehört« Dann, als diese geendet, faßte er tiefbewegt beide Hände des guten Mädchens, drückte sie innig und sah ihr lange sprachlos in die immer noch hübschen Züge. Thräne um Thräne rann dem Ritter aus den Augen und als er auch in jenen des Mädchens solche glänzen sah, da rief er: Wie danke ich dem Ewigen, der Dich mir als rettenden Engel in dieses schauerliche Gefängniß gesandt! Wenn Ibrahim nicht erkrankt wäre, hätte ich wohl dieses mir Ho lieb gewordene Gärtchen niemals betreten» mich niemals erquickt an der stärkenden Meeresluft, an dem Dufte der Blumen, die Deine glückliche Hand, herrliches Mädchen, gepflegt. — O, ich hätte Dich wohl auch niemals kennen gelernt und wer weiß, was mit mir geschehen wäre! Aber Gott lenkte es zu meinem Besten durch Dich, Selima!" Er nahm sein kostbares Medaillon vom Halse und reichte es der Retterin, welche heftig schluchzend sich auf die Bank niedergelassen hatte. „Ich weiß nicht, wie ich Dir dieses Liebeswerk vergelten soll, sprach der Ritter. Nimm dieses werthvolle, mir so theure Geschenk meiner Agatha als ein Andenken an den deutschen Ritter, den Du so treu gepflegt, den Du den Seinen wiedergegeben hast! Ich weiß es, ich darf Dir's gebe»,. das Geschenk meiner Gattin, sie selbst würde es der Retterin ihres Jörg anbieten! — O Luzia! Möge es Dich zurückgeleite» in Dein schönes Heimathland, zu Deinem Kinderglauben und möge es Dir einst, wenn nothwendig, auch materiellen Nutzen gewähren!" — Selima betrachtete das Medaillon unter Thränen, küßte dasselbe und sagte: „Ich danke Euch, Herr Ritter! Ja, ich nehme das Kleinod als Geschenk von Euch, als Andenken an den frommen deutschen Ritter. Ich hoffe, Gott wird mir gnädig sein und mein Samariterwerk als Sühne für den Abfall vom Christenthums ansehen, bis ich wieder so glücklich sein kann, zur lieben Kirche meiner Jugend heimzukehren!" — Darauf erhob sie sich, trocknete ihre Thränen und indem sie den Krug ergriff, sagte sie noch: „Jetzt kleidet Euch um, ich muß zu Ibrahim, komme aber noch vor dem Gebete. Laßt des Alten Kleider nur hier in der Laube, ich versorge sie später." Ritter Jörg sah dem Mädchen nach, bis dasselbe unter der Thurmthüre verschwand, dann kniete er nieder und betete lange und innig. — VII. Als Selima wieder an das Lager des Kranken trat, hatte sich der Kaufherr bereits entfernt. Ibrahim winkte dem Mädchen näher zu treten und sprach dann mit leiser, matter Stimme: „Antonio ging zufrieden fort, nun ist uns Beiden gedient. Er hat, was er so lange ersehnte, erhalten und ich habe die Kaufssumme, so angelegt, wie ich's für's Beste halte, nämlich für Dich bei dem Kaufherrn." „Wie dank ich Euch, mein zweiter Vater, für Eure Liebe!" antwortete ergriffen das Mädchen und drückte die dürre Hand des Alten. Nach einer Pause fuhr dieser fort: „Antonio wird, wenn ich nicht mehr bin, für Dich sorgen. Du warst mir nicht nur eine treue Sklavin, sondern mehr noch, eine sorgsame Tochter und Pflegerin. Nach .meinem Tode bist Du frei, Selima. - Dann verlasse diese Festung, die Dir nur den Anblick armer Unglücklicher geboten. Kehre zurück in Deine schöne Heimath und gedenke manchmal des alten Ibrahim, der Dir so lange Freund und Vater war." — Dann fuhr er fort: „Wie steht es mit dem Ritter im rothen Thurmes Ist seine Wunde geheilt?" Selima entgegnete etwas betroffen: „Die Wunde verursacht dem Ritter wenig Schmerz; doch kann er sich nicht recht erholen, er kann nicht zu Kräften kommen, wenn er nicht kräftigere Nahrung erhält." „Wir dürfen dem Gefangenen nur das Vorgeschriebene geben, doch magst Du ihm manchmal ein wenig Obst reichen, jedoch vorsichtig. — In drei Tagen kommt ein neuer Transport Gefangener aus der Schlacht von Varna. Diese wird der Commandant der Festung selbst empfangen und da müssen mehrere der älteren Gefangenen ausgelöset sein, außerdem werden sie verkauft. Sorge, daß der Ritter bei Ankunft des Gouverneurs in Ketten sich befindet, wie der Befehl lautet." — „Der arme Ritter!" seufzte Selima. „Wer sollte für denselben Lösegeld senden? Gewiß kennen seine Angehörigen in Deutschland den Aufenthalt des Unglücklichen gar nicht und wie lange muß er noch in dem feuchten Thurme liegen, bis diese Angelegenheit bereiniget sein wird! — Der Gouverneur wird eben die armen, vermögenslosen Gefangenen als Sklaven verkaufen, um Platz zu machen; die Besseren aber, von denen ^ er reichliches Lösegeld hofft» werden diese Burg wohl lange nicht verlassen dürfen!" „Wir können Nichts ändern!" lispelte der Kranke. .Wie froh war das Mädchen, daß alle Vermuthungen des Gefängnißwärt-rs bezüglich der Zukunft des Ritters durch dessen Flucht gegenstandslos würden. Sie war 91 entschlossen, mit Beihilfe eines Unterwärters von dem sie früher einmal die Bastonade durch ihre Fürbitte bei Ibrahim abgewendet hatte, und der ihr seitdem sehr zugethan war, einen anderen Gefangenen besseren Standes in Jörgs Gefängniß zu bringen. Der Alte wurde plötzlich wieder von einem so heftigen Husten befallen, daß Blut aus dem Munde strömte und der Verband der Brustwunde sich lockerte, so daß Selima nicht rasch genug Hilfe leisten konnte. — Die Athemzüge des Kranken wurden kürzer und schwächer. Das Mädchen sandte eine Sklavin in die Stadt, um einen Arzt zu holen, denn sie merkte wohl, daß es mit Ibrahim bald zu Ende gehen müsse, der nach dem Anfalle bewußtlos lag. Nachdem der Arzt nicht vor einer Stunde eintreffen konnte, eilte das Mädchen noch in den Garten hinunter, um von dem Ritter Abschied zu nehmen. Jörg von Waldeck saß im Matrosenanzug in der Laube, als Selima die Thurm» thüre öffnete. Er eilte ihr entgegen, wollte seiner Retterin noch einmal die Hände drücken, diese aber sprach: „Kommt rasch zum Oleanderbusch, schon höre ich den Jmam das Abendgebet sprechen!" — Sie gingen an die bezeichnete Stelle, dort öffnete Selima das Thürchen, dann sagte sie leise: „Lebt wohl, edler Ritter! Ich muß zu Ibrahim eilen, denn er wird diese Nacht kaum mehr überleben. Gedenkt manchmal an Selima, in welcher Euer frommer Sinn die Sehnsucht nach der Heimah, nach den seligen Kinderjahren so mächtig geweckt, an das Mädchen, welches durch Eure Rettung die Abtrünnigkeit vom Christenglauben zu sühnen und bald selbst wieder Christin zu sein hofft. Lebt wohl!* — Nasch eilte sie aus dem Gebüsche und ehe der gerührte Jörg ein Wort zu sprechen vermochte, sah er das brave Mädchen in der Thurmthüre verschwinden. Als das Gebet des Priesters auf dem Minarete verstummt war, vernahm der Ritter an dem zugelehnten Thürchen dreimaliges leises Klopfen. Er öffnete und kroch durch die schmale Oeffnung in's Freie, wo der treue Matrose Andrea, der ersehnte Netter, stand. Jörg drückte diesem die Hand, dann schritten Beide schweigend den schmalen Pfad durch die Weinberge hinab, durchwanderten eine schmutzige Vorstadt und langten endlich am Ufer der Narenta an, wo sie eine Gondel bestiegen und kurze Zeit daranf das Handelsschiff des Antonio erreichten. „Habt Dank, mein Netter!" sprach Ritter Jörg, als sie auf dem Verdecke des Schiffes standen. „Gott lohne Euch, was Ihr einem unglücklichen Gefangenen Gutes gethan habt!" „Ich vollzog nur die Befehle meines Herrn", entgegnete Andrea. „Ihm dankt, Ritter, denn ohne seinen guten Willen müßtet Ihr wohl lange noch in der grausigen Festung dort oben schmachten, oder, wer weiß, welches traurige Loos Eurer gewartet hätte! — Nun folgt mir in die Kajüte des Herrn. Dort liegen Kleider für Euch, dann erwartet dort Signor Antonio, welcher gegen Mitternacht auf das Schiff kommt, ehe dasselbe in die See sticht." Darauf begaben sich Beide in den unteren Schiffsraum, wo sich die Schlafkabine des Kaufherrn befand. Dort wechselte Jörg die Kleider, während Andrea auf's Verdeck stieg und die schlummernden Matrosen weckte. Obwohl der Ritter glücklich war, daß er sein düsteres Gefängniß verlassen hatte, so konnte er sich seiner Rettung dennoch nicht so ganz erfreuen, weil immer noch eine Entdeckung seiner Flucht möglich und eine Verfolgung zu fürchten war. Erst nachdem der Kaufherr das Schiff betreten und Befehl zur Lichtung der Anker gegeben hatte und das Fahrzeug bei gutem Winde rasch in's Meer hinausschmamm» erst dann fühlte sich Ritter Jörg sicher und gab sich seinen nun heftig vordringenden Dankgefühlen ungehindert him — (Fortsetzung so 92 — Symbolische Handlungen bei Rechtsgeschäften. Von Dr. Friedrich Leist. Es war nicht zu allen Zeiten so einfach und leicht, ein Rechtsgeschäft abzuschließen, wie dies heutzutage der Fall ist, wo man mit seinem Kontrahenten eben geradenweges zum dienstwilligen Notarius sich begibt, dort urkundlich das vorgehabte Rechtsgeschäft verbriefen läßt, die entsprechenden Taxen bezahlt und den gewallten neuen Nechtszustand schwarz auf weiß und wohlbesiegelt als für alle Zeiten gültig und unanfechtbar getrost nach Hause tragen kann. In der „sogenannten" guten alten Zeit, wo man noch, um eben diese Güte der Zeit der Nachwelt im rechten Lichte zu zeigen, nach der peinlichen Halsgerichtsordnung die Menschen folterte, eine Lüge mit Zungenabschneiden, eine Ohrfeige mit Handabschlagen, eine Verleumdung mit Augenausstechen und das Schuldenmachen möglichenfalls mit dem Tode bestrafte, da war's auch mit allen Rechtshandlungen eigenthümlich bestellt; sie erforderten zu ihrem Vollzug eine umfangreiche Symbolik, die sich in alle Zweige des Rechtes ausdehnte, vorzugsiveise aber eine große Bedeutung erlangte beim Eigenthumserwerb an Grundstücken. Kleine Ueberreste aus jenen symbolischen Handlungen sind uns bis heute noch erhalten; es mag nur daran erinnert werden, daß heute noch in vielen Orten üblich ist, gewisse Rechtsgeschäfte, namentlich Kauf und Verkauf, durch Handschlag perfekt zu machen, oder das Darreichen einer bestimmten Münze trägt gleichfalls bindende Kraft für eine in Aussicht gestellte noch zu erfüllende Rechtshandlung; die große Menge symbolischer Handlungen aber haben wir längst glücklich über Bord geworfen, und wir schätzen die Erinnerung daran jetzt nur noch etwa, wie man auch andere Gegenstände schätzt, die in Folge ihres Alters schon lange jeden Gebrauchswerth verloren, dafür aber einen um so höheren Alterthumswerth gewonnen haben. Der Zweck der Anwendung solch symbolischer Zeichen bei Abschluß von Rechtsgeschäften war in erster Linie, bei Verbriefung derselben Siegelung und Unterzeichnung entweder ganz zu vertreten oder den Urkunden mindestens eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu verleihen. .Vorzugsweise ist es die sogenannte Investitur, d. h. die Einführung in den Besitz einer Sache, in Aemter Würden und Rechte, die eine ganze Reihe symbolischer Handlungen hervorrief, und die, schon in Urkunden des 7. Jahrhunderts, noch häufiger von, 9. Jahrhundert anfangend, ihre letzten Ausläufer fast bis in das moderne Nechts- leben erstreckt. Es mag darum nicht uninteressant sein, zunächst in Kürze zu erfahren, wie es um diese Investitur bestellt war. Ein Beispiel möge dies erklären: Der Uebergang eines Grundstückes durch Kauf in die Hände eines anderen als des bisherigen Eigenthüm'ers erforderte zwei Handlungen: die Auflassung, eine Art Vorbereitungsgeschäft, bei welchem der Kauf, der Tausch, die Schenkung abgeschlossen, der Uebergang des Eigentumsrechtes von einem auf den anderen Kontrahenten erklärt und darüber eine Urkunde aufgenommen wurde. Auch diese Handlung wurde von symbolischen Formen begleitet. In der Regel nämlich wurde das für die Urkunde bestimmte Pergamentblatt auf den Boden gelegt und darauf alsdann die sogenannte Testula, ein Messer, ein Handschuh, eine Erdscholle, ein Zweig, Schreibfeder und Tintenfaß. Alle diese Gegenstände wurden hierauf mit dem Pergament vom Boden erhoben und von dem Veräußerer unter bestimmten Worten dem neuen Eriverber übergeben, worauf dieser den Schreiber zur Abfassung der urkundlichen Aufnahme veranlaßte. An diese Handlung schloß sich dann die Investitur, deren juristische Bedeutung darin lag, daß damit auch der volle körperliche Besitz auf den neuen Eriverber überging. Die einzelnen Rechte haben verschiedene Wandlungen dieser Formeln hervorgebracht, so daß eine ganze Reihe der sonderbarsten symbolischen Gebräuche Gegenstand kulturhistorischer Erinnerung geworden ist. — S3 — So wurde die Investitur vollzogen mittels Überreichung eines Ringes, namentlich bei Uebertragung von hohen Würden und Aemtern, sowie mittels eines Stabes, der entweder auf den Altar gelegt oder demjenigen, der investirt werden sollte, in die Hand gegeben wurde. Das berühmteste historische Beispiel dieser Art von Amts- und Würdenverleihung liefert uns bekanntlich jener mehr als fünfzigjährige Streit, der zwischen Papst und dem deutschen Könige durch das Verbot einer Synode zu Nom 1075 hervorgerufen wurde, wonach den Geistlichen auferlegt wurde, sich von den weltlichen Fürsten nicht mehr die Investitur ertheilen zu lassen. Das Ende des Jnvestiturstreites durch das Wormser Konkordat 1122 brachte eine neue Art der Investitur durch Einführung der Ueberreichung eines Szepters. Die Investitur mittels eines Stabes ging übrigens sogar so weit, daß nicht selten auch die Holzart genauer bestimmt war, von welcher er genommen sein sollte, und da galten vorzugsweise brauchbar: die Eiche, die Esche, die Haselstaude und die Tamarisken- staude. — Eine Art Verkleinerung des Stabes konnte in der Weise stattfinden, daß man kleine Hvlzstücke, gleichfalls von bestimmten Baumarten stammend, als Jnvestiturzeichen übergab oder sonstige Gegenstände von Holz, und bisweilen findet es sich noch, daß diese hölzernen Gaben in dem unteren Theil der Urkunden/ die über den Akt aufgenommen wurden, eingenäht erscheinen. Die verschiedenen Arten der Rechtsgeschäfte brachten den großen Wechsel in die Investitur. So wurden Königreiche mittels des Symbols eines großen Schwertes übergeben oder direkte Ueberreichung einer goldenen Krone, in welch letzterer Form z. B. Ludwig der Fromme im Jahre 813 von seinem Vater Karl dem Großen das Kaiserthum erhielt. An Stelle der Krone konnte der Hut treten, ein Gebrauch, der vorzugsweise in England üblich war. König Richard von England z. B. übergab durch Ueberreichung eines Fürstenhutes Heinrich VI., in dessen Gefangenschaft er gewesen, das Königreich. Länder, Städte und Dörfer werden durch das Symbol des AermeIs übergeben, indem die Urkunde mit einem Stücke des Aermels vom Kleide des Veräußersrs zugleich dem neuen Erwerber zugestellt wurde. Bestimmte Rechte dagegen wurden nicht selten durch den Gürtel übergeben. Auch hier wurden gewöhnlich genauere Anordnungen wegen des Gürtels getroffen; er mußte in der Regel von Hirschleder sein und ein kleines Messer sollte daran hängen. Bisweilen wurden an den Riemen einzelne Knoten zum Andenken eingeflochten und die Riemen dann entweder auf den Altar niedergelegt oder wieder in die Urkunde eingenäht. War bei der Investitur ein Messer in Verwendung, dann wurde es zumeist in Aller Gegenwart zerbrochen und die Stücke wurden hierauf vertheilt oder es. wurde dasselbe, wenn es etwa ein Schnappmesser war, zuerst vor Aller Augen aufgemacht, dann von dem Veräußerer wieder geschloffen und mit entsprechenden Worten auf den Altar niedergelegt. Dieser Gebrauch fand gewöhnlich bei Wiedererstattung von gewaltsam entrissenen Gütern statt. Nicht selten bestand dabei noch die besondere Vorschrift, daß es ein Messer mit weißer Schale sein sollte, oder es waren mit dein Messer noch andere Symbole verbunden, z. B. Münzen, die dann wohl durchbohrt und unter bestimmtem Zeremoniell der Urkunde gleich Siegeln angehängt wurden. An Stelle des Messers konnte übrigens auch ein anderes schneidiges Werkzeug, so namentlich die Scheere, für die Investitur Dienste leisten. Vom Grafen Odo von Corbeil z. B. wird in einer Chonik erzählt, daß er auf Bitten seiner Mutter, der Gräfin de Croccio, einen Mönch Nobertus mit einer geistlichen Pfründe belieh, indem er gleichzeitig mit der Scheere demselben eine Stelle des Hauptes schor. Ueberhaupt konnten auch Haupthaare zur Investitur verwendet werden, ja selbst Varthaare dienten hierfür, indem sie dem Jnvestirten aus dem Barte genommen und dem Altare übergeben wurden. Eine weniger unzarte Investitur geschah durch den Kuh. Beispiele dieser Art -- 94 finden sich in mittelalterlichen Urkunden für gewisse Fälle bisweilen genau beschrieben. So finden wir z. B. einen derartigen Fall im Archiv des heil. Albin zu AngerS beschrieben. indem nämlich Maino, der Sohn Gualons, mit Zustimmung seiner Gemahlin Vieta dem hl. Albin das Land von Brilchiot schenkte und zur Befestigung seiner Schenkung dem Mönche Waller einen Kuß gab; da aber seine Frau doch dem Mönch keinen Kuß appliziren konnte, so gab dieser seine Einwilligung, daß an seiner Stelle ein weltlicher Klostervogt von der Frau mit der gleichen Verbindlichkeit geküßt wurde. Wo aber das süße Bindemittel des Kusses nicht auszureichen schien, konnte man auch zu der drastischen Investitur mittelst Ohrfeige seine Zuflucht nehmen. In der Stiftungsurkunde der Abtei St. Pierre de Preanx in der Diöcese Lisieux findet sich folgendes Beispiel für dieses Symbol: Bei einer Vergebung eines Landgutes durch den Grafen Robert von der Normandie war auch der Erbauer desselben» Humfridus, mit seinen Söhnen Noger und Robert Wilhelm anwesend. Jeder erhielt zur Erinnerung an diese Handlung vom Vater eine Ohrfeige; die größte Ohrfeige aber gab er dem Richard von Lillabona, welcher das Weingefäß des Grafen Robert getragen hatte, und als dieser die Frage an ihn stellte, warum man ihn wohl mit der ausgiebigsten Ohrfeige bedacht habe, erhielt er die Antwort: weil er als der Jüngste die meiste Wahrscheinlichkeit der längsten Lebensdauer biete und darum auch des stärksten Erinnerungszeichens bedürfte, um noch in späteren Jahren, wenn vielleicht Niemand der Anwesenden mehr lebe, für die eben verhandelte Schenkung einzutreten. Ein beliebtes Symbol, wodurch insbesondere Bischöfe und Aebte ihre kirchlichen Würden erhielten, waren die Glockenseile, welche beim ersten Eintritt in die Kirche dem Jnvestirten in die Hände gelegt wurden, worauf derselbe hierdurch die Kirchengloclen selbst läutete und in dieser Weise die Kirchengemeinde zum Gebet vereinigte, wogegen die Glieder der Gemeinde ihre in kirchlichen Angelegenheiten übernommenen Verpflichtungen dadurch bethätigten, daß jede einzelne Person ein Wcihrauchkorn auf den Altar niederlegte. Andere Investituren fanden durch Ueberreichung eines Handschuhs der rechten Hand statt, durch einen Spieß, eine Fahne, durch Auflegung des Evangeliumbnches; übergebene Häuser oder deren Wiederabtretung wurden durch Binsen, Grundstücke in der Regel durch ein Stück ausgeschnittenen Rasens, durch eine Hand voll Erde, die von dem Acker oder Grundstück selbst genommen sein mußte, investirt, durch einen Strohhalm, der in den untern Rand der Urkunde eingelegt wurde, durch Uebergabe von Reliquien- kästchen, durch Aufstellung eines Bechers auf den Altar, durch Ueberreichung eines Taschentuches, eines Altartuches von bestimmtem Stoffe, durch Hingabe einer Feoer und eines Schreibrohres, wie dies namentlich bei Investitur von Notaren der Fall war; endlich konnte auch noch eine Häufung von Symbolen stattfinden, eine Investitur also z. B. mittels Schwert, Mütze und Ring, mit Ring und Stab, mittels Jagdhorn und Gürtel, mittels Schwert und Spieß und dergl. stattfinden. Im Laufe der Zeit treten naturgemäß auch in diesen Verhältnissen mehrfache Aenderungen ein. Namentlich die Veräußerung von Grundstücken wurde mit der Zeit vor den Vogt oder Schultheißen gebracht, und wurde hier dann eine Urkunde darüber ausgefertigt und diese mit dem Stadtsiegel versehen. Bald entstand auch der Gebrauch, sie in einem dazu bestimmten Stadtbuche einzutragen, und mit diesen Eintragungen entwickelte sich zeitig auch die Entrichtung bestimmter Gebühren. Das Eeremoniell der Investitur aber hielt sich daneben durch Jahrhunderte hindurch fort, und noch heute sind in einzelnen Gegenden die Neste solcher Gebräuche nicht vollständig erstürben. G»l-rörner. Wie wenige Freunde würden Freunde bleiben, wenn einer die Gesinnungen des andern im Gauzev >ehen könnte. Lichtenberg. Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet,. Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Pfeffel. Der Wirth zirm goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war einst der Wirth K. „zum goldenen Läminle." Einstmals hatte auch der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft in der Stadt und es fanden sich von allen Gegenden so viele Leute zusammen, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auch der heitere Herzog M. vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gaßhöfen eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lümmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf'die Donau und eine treffliche Einsicht in Küche und Keller habe. — Der hohe Gast machte sich auf den Weg, und obwohl es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dein in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf das Freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrscheinle wo anders kein Quartier kriegt, sonst kämet Se net zu mir." — „So ist es", erwiderte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen meinen Koffer hierher zu bringen, im Falle ich hier bleiben kann." — „Ja wohl", sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir und obwohl i's Quartier heut' scho' hätt' zehnmal vergebe könne, so hab i' mir denkt, es kommt dcch no' was Besser's." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, eS kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch geh' i net", erwiderte der Wirth, „i seh' den Mann an. Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" — „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müaßet heut' scho' guets G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn no' Champaninger saufet." — Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf au mit", erwiderte der Wirlh, „denn i hab' heut an guete Geschäfte g'macht, no pasche mer den Plunder raus." — „Wohlan", meinte der Herzog, „bin einverstanden." — Die Flasche wurde entkorkt und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war wenige Minuten nach elf» als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo habe ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen", war die Antwort.— „Was? Hoheit?!" rief der noch immer frappirte Wirth. — „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." — „Blitz, Fix, Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit! Weib komm rei, i kann die Schand alloi net trage, hilf mir!" — „Du hast mi zum Trinka a net g'rufa, trag no die Schand alloi!" — „No, so bring' dein Mohren was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerle?" Der Gast lachte und erwiderte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lassen. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." — Die Glocke des alten Münsters kündete mit zwölf Schlägen die Mitternacht: und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf und herein tritt mit schwerem Schritt kein Schwarzgeborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worten: „Höret Se, Ihr Herra, 's ischt Zwölfe und d' Polizeischtond vorbei." — Der Gastwirth darüber entsetzt, weil ein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiderte in ruhigem, aber ernsthaften Tone: „Höret Sia jetzt, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i be der Wirth mi kennet Se, und daß der Bedeant da hinta koi Ulmer ischt, des meret Sie eam wohl anseha." — Und die Polizei ging beruhigt von bannen. Herzog M. v. B. freute sich aber noch lange über den urwüchsigen Wirth „zum goldenen Lümmle." Miseellen. (Verlorenes in London.) „Entschuldigen Sie, mein Herr, haben Sie etwa eine Doppelkrone verloren?" fragte ein ernstblickender Mann mit Notizbuch in der Hand einen ihm Begegnenden. Der Angeredete suchte mit nervöser Hast in verschiedenen Taschen und rief: „Ja wirklich! Wie konnte ich nur so unachtsam sein. Fort ist sie. Ich muß sie hier ganz in der Nähe, wo wir stehen, verloren haben!" Der Mann mit dem Notizbuch zog einen Bleistift hervor und sprach: „Bitte um Ihren Namen und Adresse." Nachdem dies notirt, wolliger sich entfernen, aber der Ausgefragte rief: „Wohin? Wo ist mein Geld? Meine Doppelkrone will ich haben!" — „O, ich habe gar keine gefunden. Heute Früh fiel mir ein, daß in einer so großen Stadt, wir diese, wo stündlich Millionen in Umlauf sind, auch sehr viel verloren werden müsse und das wollte ich ergründen. Auf einer Strecke von etwa tausend Schritten habe ich schon sieben Herren getroffen, deren jeder eine Doppelkrone verloren hatte, wie Sie! Guten Morgen, mein Herr!" (Blühende Katheder-Weisheit.) Auf dem Korridor eines Berliner Gymnasiums: Lehrer zum Schüler: „Sie haben überhaupt kein Recht hier auf dem Korridor herumzugehen und wenn Sie dieses Recht gar noch mißbrauchen, so wird es Ihnen genommen werden!" — Ordinarius von Quarta: Hören Sie, lieber Löffel, Sie übersetzen heute sehr schlecht. Schüler: Ich übersetze ja in dieser Klasse zum ersten Male. Lehrer: Trotzdem! — „Die lächerliche Geschmacklosigkeit eines Zylinderhutes ist selbst neben einer persischen Lammfellmütze immer noch auf unserer Seite." — „Königs Literaturzeschichte ist ein Bilderbuch, das mehr durch den hübschen Einband und die Ausstattung wirkt, als durch die auf vielen Seiten allseitig hervortretende Einseitigkeit." — „Na, ein Resultaz kann doch nur richtig sein! Wenn Ihres richtig wäre, so wäre meines falsch, — was aber falsch ist, denn es ist richtig!" (Trinkbarometer eines alten „Kneipgenies".) Wissen Sie, pflegte Herr Schwips zu sagen, wie ich merke, wenn ich vom Trinken eine schwere Zunge bekomme?" So lange ich „Exterritorialität" ohne Anstoß aussprecheu kaun, bin ich noch ganz nüchtern; wenn ich die „Jncompatibilität" deutlich herausbringe, geht's noch an; wenn ich bei der „Excentricität" stolpere, wird's bedenklich; wenn ich aber „Eulalia" nicht mehr sagen kann, dann ist's gefehlt. (Weshalb er sich so gut erinnert.) Ein Pariser trifft auf den Boulevards einen Geistlichen und grüßt ihn in herzlichster Weise. „Verzeihung, mein Herr," sagte der Abbe verlegen, „ich erinnere mich nicht, die Ehre Ihrer Bekanntschaft zu haben." „Wie, Sie erkennen mich nicht?" fragte erstaunt der Pariser. „O, ich meinerseits werde Sie niemals vergessen: haben Sie doch damals auf dem Lande — meine Schwiegermutter begraben." (Auch eine „Ziehung.") Student: „Ja, lieber Herr Meister, thut mir leid daß Sie solch ein Pechvogel in meiner Lotterie sind! Sehen Sie, ich werfe meine sämmtlichen Rechnungen in diesen Papierkorb hier und veranstalte alle halbe Jahre eine Ziehung, was ich herausziehe wird prompt bezahlt — Sie sind eben leider — noch nie herausgekommen. (Nicht nöthig.) Engländer: „Sagen Sie mir doch gefälligst, wie kommt es denn, daß Ihre so wortreicht Sprache kein Wort besitzt, welches das Gegentheil von Durst ausdrückt?" — Deutscher: „Ja, wissen Sie, lieber Herr, wir brauchen eben kein's, denn Durst hat der Deutsche immer." 1 2 1 3 4 5 6 . Arithmogryph. 6 . . . eine asiatische Halbinsel. ein Vogel. 2 13 6 4 2 16 6 5 2 1 Hochland in Asien. Nebenfluß des Tib, ein Nebenfluß Füi! bis Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 13. 1883. M „Angslmrger Pojheiliülg." Mittwoch, 14. Februar Jörg von Malderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) Ritter Jörg lag noch auf seinen Knieen im heißen Gebete und innige Dankesthränen glänzten in seinen Augen, als Signor Antonio in die Kabine trat. Jörg von Waldeck erhob sich, ergriff die Hand des Kaufherrn und sprach: „Wie soll ich Euch meinen Dank aussprechen, Signor Antonio? Ich finde keine Worte für Eure edle Christenthat. Gott wird sie lohnen, ich vermag es nicht!" Antonio erwiderte: „Laßt das, edler Ritter! — Es war ein gewagter Schritt, doch gelang er mit Gottes Hilfe und gewiß hat auch die brave Selima für Euch gebetet. Hoffentlich wird sie uns bald nachfolgen, denn der alte Ibrahim ist, wie mir der Arzt in der Stadt sagte, nicht mehr zu retten und wird die neue Morgenröthe kaum mehr schauen." Die Seereise nach Venedig ging glücklich und unter traulichen Gesprächen von statten. Ritter Jörg mußte von der Heimath, voin Kriege und seiner Gefangenschaft erzählen, während der Kaufherr Mittheilungen über sein Geschäft und die häufigen damit verbundenen Reisen, dann über den Waffenhandel mit Ibrahim machte. Mit seligen Gefühlen betrat der Ritter den Boden der stolzen Venetia und fand im Hause des Kaufherrn herzliche Aufnahme und zwar so lange, bis dieser einen Geschäftsfreund ausgemittclt hatte, mit welchem Jörg bis Verona reisen konnte, von wo aus die Rückkehr in die Heimath durch das Etschrhal nach Tirol erfolgen sollte. Der brave Antonio versah den Ritter mit den nöthigen Geldmitteln und nach einem herzlichen, dankbaren Händedruck verließ dieser das gastliche Haus und das stolze Venedig, nachdem er sich vorher noch mit einem Pilgergewande versehen hatte, denn sei» Heimweg sollte ein immerwährendes Daukgebet zum Höchsten für die wunderbare Nektung sein. Langsam, theils zu Fuß,' theils auf Saumrosfen der Klöster, wo der Ritter Herberge fand, ging's dem freundlichen Städtchen Botzen zu. Dort wollte Jörg bei einem lieben Turnier-Gefährten, dem Ritter Kurt von Rungelstein sich ein paar Tage Ruhe gönnen, deren er, der durch die Wunde so sehr Geschwächte, nothwendig bedurfte. Man war eben mit der Traubenlese beschäftigt, als Herr Jörg aus dem Thals der Talfer hinauf ging zur alten, vielbesungenen Burg, in welcher einst König Arthur die Tafelrunde hielt. Der Pilger, welcher von den Angehörigen der Burg nicht erkannt wurde, bat um Aufnahme und da ihm dieselbe von Ritter Kuno freundlichst gewährt wurde, gab er sich zu erkennen. Groß war der Jubel, den lieben Waldecker wieder einmal auf der Burg bewirthen zu können und erhöhte sich, als Jörg von seinen Erlebnissen und seiner wunderbaren Rettung erzählte. Da gab es einige Tage genug der Unterhaltung, der Fragen und Antworten und Jörg genoß nach langer trüber Zeit wieder einmal die Freude in einer deutschen Nitterstube bei Terlanermost und feurigem Wein von Kältern vergangener 98 — glücklicher Zeiten zu gedenken. Wäre die Sehnsucht nach Agatha nicht die Triebfeder zur baldigen Trennung von den lieben Burgbewohnern, wie gerne hätte der Ritter noch einige Wochen hier zugebracht. So aber half kein Zureden des Freundes oder sei -er holden Burgfrau, selbst nicht die Aussicht auf einen lohnenden Waidinannsgang, den Ritter zurückzuhalten. Kuno gab dem scheidenden Freunde ein Roß und einen Knappen zum Geleite bis zum Benediktinersiifte Tegernsee und ritt selbst bis Innsbruck hinab, wo sich die einstigen Waffengefährten trennten. Es war am 21. Sonntag nach Pfingsten, als die Reisenden den Tegernsee entlang, dem Stiftsgebüude zu ritten. Recht herbstlich war's geworden und aus den Bergthälern wehten kalte Winde und hielten den See in Bewegung- Nur in der Brust des Ritters war's Frühling, denn nun war er ihr ja so nahe, der ersehnten, theuren Agatha. Die Tegernseeer Mönche empfingen den Pilger und Gönner des Stiftes mit Freuden und bewirtheten ihn fürstlich. Auch hier sollte Jörg einige Tage verweilen, allein er schlug die freundliche Einladung des Abtes ab, und entließ auch den Rungelsteiner Knappen, den er noch beschenkte. Ebenso lehnte er am andere» Tage jede Begleitung in die Heimath ab; er wollte als einsamer Pilger seine Waldecker-Burg nach nahezu einjähriger Abwesenheit wieder betreten. — VIII. Eine Wegstunde vom Chorherrenstifte Weyarn entfernt, Mangfall abwärts, erhob sich damals über den steile», bewaldeten Abhang die alte Scheyernburg Valey. Nach dem Tode Otto's, des letzten LaleyrS aus herzoglichem Geschlechte, im Jahre 1238, fiel die Burg wieder an den Herzog zurück und seine Nachfolger beschenkten im Jahre 1408 den Kammermeister Ritter Beit Aheimer mit der Burg, welche bis zu», Jahre 1550 im Besitze dieser Familie blieb. An den, nämlichen Sonntag, an welchen, Ritter Jörg von Waldeck mit dem Rungelsteiner Knappen im Stifte Tegernsee eintraf, feierte man aus der Burg Valey die Hochzeit des Fräulein Agnes von Aheim, des Hofsräuleins der Herzogin Anna, mit einem Seibolvs- dorfer. Aus nah und fern waren Berwandte und Bekannte zu diesem Feste auf der Burg eingetroffen und es durften se bstverständlich weder Frau Anna von Pienzenau, noch Agatha von Waldeck, dann die Söhne von Jürgens Bruder, Bernhards von Wallen- burg, der wenige Jahre vorher gestorben war, fehlen. Frau Agatha wäre bei ihrer Gemüthsstimmung dem Feste lieber ferne geblieben, doch fürchtete sie die mütterliche Freundin zu kränken, welche mit Innigkeit an der Base Agnes hing und diesen Festtag in ihrer Nähe verbringen wollte. Diese war auch hocherfreut, als die beiden Frauen auf Paley eintrafen und erkundigte sich theilnahmsvoll über dos Befinden der unglücklichen Agatha. llebcrhaupt fand das Geschick der edlen Fran allgemeine Theilnahme und suchte man dieselbe zu trösten und zu beruhigen. Niemand konnte ihr aber Nachricht über den theuren Gatten bringen, denn man hatte auch bei Hofe keine Kunde von den, Ritter erhalten. Viele wähnten ihn längst todt — und doch hatte der gute Gott es gefügt, daß der für sie verloren Geglaubte, so nahe weilte! —" Die beiden Frauen folgten Sonntag Abends der Einladung des Herrn Probstes von Weyarn und fuhren, nachdem sie sich von dem jungen Ehepaare und den Gästen verabschiedet hatten, nach Weyarn hinüber, wo dieselben im Fremdenstock freundliche und reinliche Wohnung erhielten. Am Montag weckten die Glocken vom Stiftsthurme schon früh zu den heiligen Messen, welche die Chorherren celebrirten. Die beiden Damen säumten nicht, den einladenden Klängen zu folgen und als sie in die Kirche traten, begann eben eine heilige Messe am Altare der schmerzhaften Gottesmutter. Bald knieten Beide in der Nähe dieses Altars in eine», Kirchenstuhle. Frau Agatha hatte eine unruhige Nacht. Sie hatte bestimmt gehofft, von ihrem 99 theuren Jörg Nachricht zu erhalte», aber alle ihre Fragen blieben erfolglos. Sie war ja auf das Aeußerste gefaßt, ihr kummervolles Herz wünschte sehnlichst Gewißheit über das Loos ihres Gatten. Lebte Jörg nicht mehr, so wollte sie ihr freudenloses Leben einsam auf Waldeck beschließen, eine Mutter der Armen und Bedrängten. Agatha konnte schon lange nicht mehr so innig, so vertrauensvoll beten, als an diesem Morgen am Altare Derjenigen, welche so unendlich viel gelitten. Nachdem der Priester den heiligen Segen gegeben hatte, verweilten die Frauen noch kurze Zeit im stillen Gebete und als Agatha ausstand und noch einmal hinauf blickte zu dem milden und doch schmerzdurchfurchten Antlitze Mariens und leise betete: O heilige Jungfrau, verlaß mich nicht! Da war's ihr, als bewege die Heilige das schöne Haupt, als wollte sie der Armen sagen: Ich verlasse Dich nicht! Beruhigter schied Frau Agatha aus der Kirche und nachdem die Frauen von den» Probste und den bekannten Chorherren Abschied genommen hatten, verließen sie das Klosterdorf und fuhren gen Schliers. ' Noch vor Mittag langten sie dort an. Der Tag war so schön, so wolkenlos der Himmel. Die herbstliche Färbung der Bäume, das duftige Blau der Berge und die glatte, spiegelhelle Seefläche schufen ein prächtiges Landschaftsbild. Frau Agatha machte den Vorschlag, nach dein Essen zur alten Martha auf die Halbinsel zu fahren und bald schwamm der iraldeckische Nachen dem Eilande zu. Während des Vormittags war Kuno, der Jägerbursche, zur Nachsicht bei den Holzarbeitern durch einen Theil des Breitenbachthales auf die Kreuzbergalpe und von da hinüber auf die Gindelalpe gestiegen. Den Rückweg nahm er Nachmittags zum Bauer am Oberschuß, über dessen Herd einerseits die waldeckische, anderseits die Kloster-Tegernseeer Grenze ging. Von da gelangte er auf das Sträßchen, welches von St. Quirin am Tegernsee über Ostin an die Schlierach und nach Westenhofen führt, auf weichein der Jäger langsam vorwärts schritt. Da hörte er hinter sich Jemand gehen, fund als er zurückblickte, sah er einen Pilger auf sich zuschreiten. Obwohl in damaliger Zeit noch häufig Pilger aus dem Orient auf den Ritterburgen zusprachen, so interessirte den Jäger doch die ehrwürdige Erscheinung des Wanderers, weshalb er seine Schritte hemmte, bis der Pilger ihm ganz nahe war. Jörg von Waldeck hatte den braven Jägerburschen schon erkannt, als dieser sich umwandle und ihm zurief: „Gelobt sei Jesus Christus!" „In Ewigkeit!" erwiderte dieier. Kunos Blicke überflogen rasch die Gestalt mit dem langen Vollbarte, im grauen P'lgergewande, den Muschel bedeckten Hut auf dem Haupte, von welchem lange, dunkle, doch auch mit weißen Haaren untermischte Locken auf die Schulter herabhingen; dann mit den Sandalen an den Füßen und den Pilgerstock mit der Kürbisslasche in der rechten Hand. — „Frommer Pilger!" begann Kuno das Gespräch. „Ihr möchtet wohl den edlen Ritter Jörg von Waldeck heimsuchen, weil Ihr dem Schliersee zuschreitet; doch, den findet Ihr nicht auf der Burg. Wir selbst wissen nichts von ihm, als daß der Unglückliche, welcher im Winter gegen die Christenfeinde nach Ungarn zog, im Frühjahre in türkische Gefangenschaft gerieth. — Ach Gott! In welch' schauerlichem Verließe mag der edle, gute Heer wohl schmachten! — Da wäre uns noch lieber, wenn ihn der gute Gott zu sich in den Himmel genommen hätte, so schmerzlich der Gedanke auch ist, den Ritter, welchen Alt und Jung wie einen Vater liebt, verloren zu haben!" — Kuno wischte sich ein paar Thränen aus den Augen, was dem über die Treue seines Dieners bewegten Jörg nicht entging. Dann fuhr Kuno fort: „Ach, mein Herr, wer Ihr auch sein möget, der Kummer der edlen Burgfrau von Waldeck hätte Euch gewiß auch oft zu Thränen gerührt! Das nenne ich Liebe und Treue! — Ach, wenn wir nur wüßten, was aus unserem guten Herrn Ritter geworden ist! Diese lange, bange Ungewißheit über sein Schicksal muß ja die treue Frau auf- 100 .reiben! — O,. guter Pilger! Hättet Ihr nur die Frau gesehen mit den üpvigen braunen Locken, mit dem frischen schönen Gesichtchenl Und jetzt! Schon färben sich, wie die Blätter an jener Linde die dunklen Haare in graue. Die rothen Wangen sind dahin und gramdurchfurcht sind die edlen, schönen Zügel — Habt Zhr keine Nachricht von Jörg von Waldeck? Ihr kommt wohl nicht aus dem Uugarnlande, sondern aus der Heimath unsers Erlösers? — Aber, was ist Euch?" frug Kuno plötzlich den Pilger, welcher laut schluchzend neben dem Jäger ging. Da blieb Ersterer stehen, ergriff die Hand des Jägers und sprach tiefbewegt: „Ich bringe den Nitter zurück, guter Kuno! Der gütige Gott hat mich wunderbar gerettet aus tiefer Kerkernacht! Nun darf ich meine Agatha, Euch und die Heimath wiedersehen!" Kuno war vor Freude und Staunen auf die Kniee gesunken, küßte das Kleid des geliebten Herrn, dessen Stimme und Gesichtszüge ihm nun plötzlich bekannt erschienen und unter Thränen rief er: „Gott sei gelobt! — Ach, mein geliebter Herr Ritter, weil wir Euch nur wieder haben! — Das ist die schönste Stunde »reines Lebens, da ich Euch, den zweiten Vater, wieder sehen darf! — O, nun laßt mich vorauseilen auf die Burg um die edle Herrin auf das unerwartete Glück vorzubereiten, denn die plötzliche Freude des Wiedersehens könnte ihr und der alten Frau Anna von Pienzenau den Tod bringen!" Kuno erhob sich und wollte forteilen, der Nitter hielt ihn jedoch auf, indem er sprach: „Ja, Kuno, Du sollst zu meiner Agatha eilen, Du sollst ihr jedoch nicht sagen, daß ich komme, sondern daß ein Pilger gute Nachricht von dem Nitter bringe. Ich erwarte Dich zu Westenhofen in der Kirche. Kuno eilte, als hätte er heute noch keinen Berg bestiegen, so rüstig dem Dorfe Schliers zu, da begegnete ihm hinter Westenhofen, Lisbeth, das Töchterchen eines waldeckischen Holzarbeiters, welche häufig in's Jägerhaus auf die Halbinsel kam und für die alte Martha Manches besorgen mußte. Sie kam eben daher und ries, als sie in die Nähe des Jägers gekommen diesem zu:^ Kuno I Die Herrschaften von Waldeck sind vor einer Stunde zur alten Jügerin herübergefahren. Auch die Zofe ist bei ihnen, sie hat mich bis zum Rauhestein begleitet." „Ich danke Dir, Lisbeth, für die Nachricht. Du hast mir einen weiten Weg erspart, denn ich wollte zur Burgsrau nach Waldeck hinauf. B'hüt Dich Gott, Kleine!" Kuno wandte sich gegen Westenhofen zurück und wartete bei der Kirche auf den Nitter, der nach kurzer Zeit eintraf. Nachdem der Jäger erzählt, was er erfahren, gingen Beive in die Kirche; aber sie waren zu aufgeregt, um sich zum Gebete sammeln zu können. Der Ritter wußte das Ziel seines heißen Sehnens so nahe und Kuno konnte das Glück noch gar nicht ganz fassen, seinen lieben Herrn wieder gefunden zu haben. Auf dem Wege zur Halbinsel wollte Kuno an den Ritter Fragen stellen über dessen Gefangenschaft, aber die Eile, mit welcher dieser vorwärts schritt, ließ den treuen Jäger in's Herz des Herrn blicken und erkennen, daß jetzt keine Zeit zum Fragen sei. Er beschleunigte ebenfalls seine Schritte, bis Beide am Walde der Halbinsel anlangten. Jetzt blieb der Ritter stehen und sagte: „Kuno, nun gehe voraus zum Jägerhause. Sage den Frauen, es folge Dir ein Pilger aus dem Türkenlande, welcher erfreuliche Nachricht bringe. Ich werde Dir langsam folgen." Die beiden Frauen hatten sich, da die Herbstsonne noch recht angenehme Wärme verbreitete, vor das Jägerhaus gesetzt und nahmen eben ihren Nachmittagsimbiß, Milch und Butterbrod zu sich, als Kuno um die Hausecke bog und sich vor Agatha tief verbeugend sagte: „Gnädigste Frau! Von Westenhofen her folgt mir ein Pilger aus dem Türkenlande. Er sagte mir, er müsse zu Euch, denn er bringe gute Nachricht von dem edlen Nitter von Wakdeck!" 101 Von meinem Jörg?« rief Agatha freudig, erhob sich rasch vom Stuhle und eilte um die Ecke des Jägerhauses, von welcher, bis zum Waldsaume die Entfernung nur eure kleine war. Eben trat der Pilger in's Freie. . ^ . Auf den Lippen Agatha's schwebte einen Augenblick dre Frage: Wer mag der Pilger sein? Sofort aber saate ihr das treue Frauenhsrz: Es ist Jörg, mein theurer In demselben Augenblick erhob Jörg beide Arme und eilte auf Agatha zu. Mit dem Rufe: Mein Jörg! Gott sei gelobt und Maria, die Hilfe in der Noth! eilte auch sie dem Geliebten entgegen und lange hielt sich das überglückliche Ehepaar umschlungen in seliger Wonne des Wiedersehens! ? r- Der Wald schwieg. Die Tannenä stehen unterbrachen ihr trauliches Geflüster, sie wollten der Liebenden Seligkeit nicht stören, nur horchen auf das Schluchzen der Wiedergefundenen! — » (Schluß folgt.) Spielmamrsweisen. Von Wilhelm Hörner. Bin einst still vorbeigegangen ! An die Schläfer in dem kühlen An der alten Friedhosspfort', > Erdengrundc denk' ich still, An den Kreuzen aufgehangen, Und ein frommes, schauernd Fühlen Welkten Blumen halbverdorrt. ! Meine Brust deschlsichen will. Rings der Böglein Jubel schallte, Doch ich betet' unbeirrt: Weis; ich denn, wie bald, wie balde Man um mein Grab beten wird? Einiges von Nördlingen. 0. In kurzen Zügen wollen wir uns etwas mit der Metropole des Rieses beschäftigen, mit der Stadt Nördlmgen, welche es vermöge ihres Alters und ihrer reich bewegten Vergangenheit wohl verdient bat. Sie ist eine uralte, einst kaiserlich freie Reichsstadt, der älteste und vornehmste Ort in der Mitte des untern Nies, dieser wahren Kornkammer. Es ist geradezu fabelhaft, wie viele und mitunter gesuchte Ableitungen in Scene gesetzt wurden, um den Namen Nördlingen herauszubringen. Einige mögen auch hier der Erwähnung werth befunden werden. Nach grauer Sage wurde Nördlingen schon auuo wuiicli 3947 — 20 Jahre vor Christi Geburt temporcr Olauckii Niberü dtoionis, ab; er unter dem Kaiser Augustus die Vindclicier bekriegte, auf St. Jmmeransberg erbauet und vom besagten Claudius Tiberius Nero, welcher nachmals auuo Christi 17 der dritte römische Kaiser war, wurde dem erbauten Castell der Name Nöroliuga gegeben. Von hier aus sei die ganze Umgebung 'gouvernirt, unk in beständigem Gehorsam erhalten worden. Der Chronist sügt nicht übel bei „dies zu behaupten ist schon noch zu prolnren." Die Chronik bemerkt weiter: „wie dem aber auch schlechter Grund hiezu vorhanden, daß, wie es heißt, snno Christi 72 die Stadt Nördlmgen vom Kaiser Flavio Vespasiauo nach seinem Abgott und daselbst geheiligten Altar all aras bllaviao oder Flavianos genannt worden und diesen Namen bis anno 363 behalten haben, sofort aber von den alten Inwohnern der Name Nördlingen wieder recipirt worden sein sollte, welchen dieselben bis auf den heutigen Tag contiuuirt und fortgesetzt haben." Eine weitere Ableitung, welche ausdrücklich als die „allerglaub- lichste" angeführt wird geht dahin: daß die erste Anlage von den Deutschen geschehen sei, die Anfangs iu statu uaturoli (Nördlingen) nackt einherliefen und doch ganz rein lebten. Sie heiratheten Gut und Blut zusammen. Daher — bemerkt die Chronik — erfolgte, daß die Oomwunio bouoruin noch vorhanden hin und wieder in Deutschland." Wir bemerken hiezu, daß das Zusammeuheirathen der alten Familien in Nördlingen allgemein gebräuchlich ist, daß hier, wie ein Eingeboruer selbst sagt, die größte „Vetterschast" herrscht, oder um mit einem Rechtsgelehrten unserer Zeit zu reden, „eine große Blutwurst" sich hier befindet. — Zeiler will den Namen ableiten von Uorioo oder Nordgau oder gar von Nordwmd, iveil die Stadt gegen Norden liegt; Beatns Rhenan meint Ickb. XII. vor. 6srm. p. 122 Nördlingen habe den Namen von der edlen Familie der Nördlinger, welche im Nordgau gewohnt und nach Zujanunenziehung ihrer Wohnungen die Stadt Nördlingen angelegt hätten. Tiefe Ableitung erklären wir rundweg für verspätet. Daniel Haakb, gewesener Nördlinger Superintendent, glaubt, der Name rühre daher, weil die Stadt an den Grenzen von dlorieum liege und wähl sei sie deshalb aus die uralte Zeit zurückzuführen, als die Xorici an der Donau ihren Sitz hatten. Ein neuerer Forscher, nach dessen Ableitung allerdings die Stadt sehr „neuen" Datums sein sollte und müßte gibt an: der Name käme von dem Worte „Nähring", weil man hier zu Land nicht Nvrdling, sondern Nährling spricht und als „lieg" oft so» 102 viel als „lich" bedeutet, z. B. ehrlich heißt im Volksmimd „ehrling", ss wäre also Nährling — Nähr- lich d. h. ein nahrhaster Ort, wo man sich ant nähren kann. Es scheint fast, Kiefer Sprachforscher habe den Markt am Samstag besucht und sich „ehrling" mit einem Dutzend Seidelwnrstle oder einer doppelten Portion Schlachtpartie genährt. Die neueste Ableitung unseres Wissens ist die, welche der Turnverein bei seiner letzten Fastnachtsanssührnng auf großen Plakaten preisgab, indem er seine Künstler von „Nürrling" herstammen ließ, eine Ableitung welche selbstverständlich nur für die drei Fastnachtstage Geltung haben kann. Kommt der Name her, woher er wolle, eine uralte Stadt ist Mrdlingcn, denn beim Abbrechen eines alten Tempels fand man die Nachricht, daß derselbe drei Jabre vor Christi Geburt erbaut worden sei. Das Alter der Stadt geht auch schon daraus hervor, daß man sichere Nachrichten über ihren Ursprung nicht hat; allerdings kommt dies wohl meist daher, weil bei großen Bränden im dreizehnten Jahrhundert die Urkunden vernichtet wurden. Freilich, wenn Dellejus Paterculus ll. p. 95 behauptet, daß zur Zeit des Kaisers Augnstus außer Augsburg in derselben Gegend auch andere Städte gewesen seien, kann man hieraus nicht stritte schließen, wie es geschehen ist, daß auch Nördlingen darunter gewesen sei. Paterculus sagt blos: „Ubaetvs Viuclolicosgue aggiessi, multio nrkium et eastelloruin oppugnaticuübus neo von äireeta guoguo acie tolioitor t'uuari gentos pocclomuerunt." Anno Christi LO sollen die aus Noin durch Nero Vertriebnen Juden sich auch hieher gesetzt haben und von denen zu Jerusalem Briefe von der Kreuzigung Christi bekommen haben, wie Briefe dieses Inhalts auch bei den Juden in Ulm gesunden morden sein sollen. Vielleicht aus Liebe zu dieser alten Tradition'haben sich die Jsraeliken seit mehreren Jahren die Hauptstadt des Reiches zur Hauptstadt ihres Wirkens für die ganze Umgebung gemacht, ein Satz, den wir als eigentliche Behauptung selbstverständlich nicht ausstellen wollen. Anno Christi 34 soll (!) der hl. Apostel Paulus auch hier gepredigt habe». Möglich ist es, zu beweisen ist es aber auch noch. Clemens Romanus schreibt in seiner epi- stola üä Ooriutbios — er hat ja mit Paulus gelebt — daß Paulus sowohl im Morgenland als Abendland gepredigt hat und bis an die äußersten westlichen Inseln und Gegenden gekommen sei. So viel vom Namen und der Ueberlieferung unserer Stadt, welche nuter dein 48. Grad 45 Min. Breite und dem 32. Grad 40 Min. östliche Länge in der Ebene des Rieses liegt und einen Knotenpunkt ini Weltverkehr bildet, indem sie an der Eisenbahn von München nach Nürnberg liegt und den Ausgangspunkt der Linien Stuttgart—Nördlingen, und Dombühl—Nördlingen bildet. Verfolgen wir noch kurz die Geschichte der Stadt vom dreizehnten Jahrhundert an, von ivelcher Zeit die Daten als unumstößlich wahr festzuhalten sind, nachdem auch die Einäscherung der Stadt durch Attila oder Chlodwig im sünsten Jahrhundert nicht als gar glaubwürdig erscheinen dürfte, und auch ein großer Brand in der Mitte des elften Jahrhunderts nicht in allweg auf Wahrheit Anspruch machen kann. Nachdem die Stadt, welche im dreizehnten Jahrhundert reichsiinmittelbar geworden war und in den damaligen Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser zu letzterem hielt, durch Feuer bis aus einige Häuser zerstört worden, entschlossen sich die Bürger, die Stadt, welche oben auf St. Emmerans- berg erbaut war an die Eger herab zu trnnslociren und wurde diese Translocation in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ausgesührt zwischen 1240 und 1203. Von den Kaisern des Reiches erhielt die Stadt viele Privilegien, kgl. Regalien, Exemplionen und Immunitäten und zur Zeit Ludwigs des IV. 1374 wurde sie Festung und als solche mit Thürmen und Ringmauern wohl versehe». Wir heben an dieser Stelle mit größter Freude hervor, daß gegenüber andern Städten, welche sich befleißigen, mit diesen alten Wahrzeichen alter Herkunft und alter Ausdauer tabust» rasa zu machen, der Magistrat zu Nördlingen die alten Zeichen einstiger Kraft und die Zeugen so vieler Kämpfe wohlweislich erhält und ihnen nicht nur das Gnadenbrod des Alters gibt, sondern die alten „Kerle" stets wieder ausbessern läßt all msmorstrm sompitorvam! Was die oben angeführten Privilegien betrifft, so möchten wir nur anf Eines aufmerksam machen, nämlich auf das betreffs der Nörd- lingcr „Meß", welche heute noch nach Pfingsten gehalten wird und für unsere Zeit freilich zu lange dauert, nämlich fast 14 Tage. Im Jahre 1463 verbot Friedrich III. zum Wohle der Stadt, daß aus 2 Meilen Umkreis kein Jahr- oder Wochenmarkt gehalten werden dürfe, so lange die Nördlinger Meß daure. Auch mehrere Judenverfolgungen, in denen „massacrirt" wurde, habe» wir zu verzeichnen. Die bedeutendsten sind vor sich gegangen im Jahre 1290 und 1383. Daß in der letztgenannten 200 erschlagen wurden, dürste der Wahrheit nicht entsprechen, denn damals dursten sie nur in der sogen. Judengnsse wohnen und diese war sehr klein. Aus dieser Judenverfolgung entsprang »in großer Haß der benächbarlen Edelleute gegen die Stadt Nördlingen, da viele dieser Edelleute bei den ermordeten oder geflohenen Juden reiche Pfände hatten, deren sie verlustig gingen, da eine allgemeine Plünderung in den Judenhäusern von der Stadtbevölkerung in Scene gesetzt wurde. Der Magistrat, der den ziemlich bedeutenden Abgang der Judensteuer im Stadtbeutel bedeutend fühlte, habe Schritte gethan, dieselben nach ihrem Wegzug wieder in die Stadt zu ziehen. Theilweise seien sie gekommen, die Bürger aber hätten sich nicht mit ihnen versöhnen können, sondern immer wieder seien Händel entstanden. Die Kopfzahl der heute in Nördlingen lebenden Jsraeliten dürfte nahe an 400 sein, während Einsender, der noch kein halbes Jahrhundert alt ist, die beiden ersten hereingezogenen Familien weiß. Im Jahre 1440 versuchte der Graf Hans von Oettingen durch das Thor, an welchem „ein Bube steht, der warren muß, bis a Kotsch kommt, daß er en Groscha kriegt", durch das Löpsingcrthor einen Ueber- sall, welcher aber vereitelt wurde. Die Verräthcr wurden „grausam zu Tode gebracht", der ganze VorsaU aber ist zu einem Mythenkranz geflochten worden, dessen einzelne Blätter den Leser mitunter geradezu aneckeln, und aus denen leicht das Lügen,„achenwsrk hervorgeht. Das Einfachste scheint m dem Sahe eines Chronisten enthalten zu sein „Durch Gottes Hilfe wurde die Procedur abgewandt". Im Jahre 1b17 wurde Nördlmgen und seine Umgebung von einem grauenhafieu Sturme schwer heimgesucht. Die Schicksale der Stadt während des Bauernkriegs 1525, des schmalkaldischcn Kriegs 1546, während der vierwöchenllichen Belagerung 1634 können wir wohl übergehen, da dieselvcn ganz die gleichen sind ivie bei andern Städten und die Kapitel zu einem solchen Berichte meist gleichartend sind und überschrieben werden können mit: Blutvergießen — Brandschähnngen — Brände — Noth und Elend. Am 24. September 1632 zog Gustav Adolph in die Stadt ein und hat die Chronik wirklich diesen Einzug „aus einem Schimmel, den Hut mit einer weißen Feder" geschmückt ülls kleinste Detail beschrieben und ausgemalt. In, Jahre 1631 dreimalige kühne That des Weckerlin, der Nachts die Stadt verließ, durch der Feinde Reihen sich durchstahl, um .Hilfe zu holen bei Herzog Bernhard, welcher in der Nahe von Bopfingen sein Standquartier hatte. Bekannt ist serner, daß Nördlmgen der Reformation sich bald anschloß, und treu dabei verharrte. Diepold Gerlacher, von seiner Heimath Billigheim Nbeolmläns Dillimmus genannt, ist der Name Desjenigen, der als Reformator der Stadt Nördlmgen gilt. Die Chronik berichtet serner, daß im Jahre 1647 ein gewaltiger Brand wiederum die Stadt schwer heiminchle, welche damals auch eine 17wöchentliche Blokade ousznhalten hatte. Nehmen wie hiezu die Kosten, welche die Stadt zu leiden halle in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, wo z. B. dir Winterquartiere von 1674—78 allein die Summe von 300,000 Gulden kostete, so müssen wir znr berechtigten Annahme kommen, daß sie sehr reich war, sonst hätte sie diese gewaltigen Lasten nicht zu tragen vermocht, obgleich sie selbstverständlich auch „Schulden machen mußte". Bevor wir zur näheren Beschreibung einiger Hauptgebäude und bedeutenden Sehenswürdigkeiten übergehen, möge eine kurze Schilderung der Nördlinger selbst, und der Verfassung dorten vorausge- sandt werden. Es waren srüher sehr viele adelige Familien hier, welche sehr große Stijtnngen machten. (Das hiesige Spital ist sehr reich!) Manche dieser adeligen Geschlechter aber führten auch zu viel Regiment in der Stadt, so daß man nicht recht wußte, „wer Koch und Kellner" sei. Ueber ein halbes Hundert solcher Familien sind aufgezeichnet, während das Nördlinger Familien-Register nahe an 230 alte Familien, von welchen sehr viele heute noch bestehen, auszählt. Wie in andern Städten des Reiches wurde auch hier mit der Zeit die Demokratie eingeführt und das Stadtregiment lag in den Händen von 12 Herren des Rathes und 12 Zunftmeistern. Jedes Jahr wurden dieselben aus der Bürge, schalt gemahlt und konnte ein Rath im andern Jahr Zunftmeister, und ein Zunftmeister Herr des Raths werden oder tonnte er „nachdem die Wahl ging, sich bei den Aemtern wohl ausgeschlossen sehen mögen" (ront eommo ober von»!). So blieb es bis zum Jahre 1552 und, sagt die Chronik, „habe es der Stadt dabei sehr gut gesallen". Weil nun zur Zeit des schmatkaldischen Krieges von I. M. Kaiser Carl V. der Rath dieser Stadt wegen dessen mit dem ichmalkatdischen Bund errichteten Neutralität und andern gar vieles, noch mehr aber deren 12 Iunflmeister in Ungnade impntirt werden, also ist von allerh. Ihrer röm. kaiscrl. Majestät die bisherige Regier,,,,gssorm in diesem 1552sten Jahre verändert, der Rath und die Zunftmeister abgeschafft, ein neuer Rath, so in dreien Herren Bürgermeister und 12 Senatorcs bestanden, cingescht und dabei verordnet worden : daß diese bei ihren Aemtern lebenswahrig bleiben. So blieb es 107 Jahre. Dieses Gesetz wurde unter Kaiser Franci-kus I. dahin abgeändert,^ „daß hinsühro der Magistrat nur aus 12 Gliedern, nämlich nvei Herrn Bürgermeistern und 10 Lenatores bestehen, also von ersteren 2 und von letzteren 3 mit Tod abgehen zu lasse» wären, ehe znr Wahl eines andern geschritten werden solle. Was denn auch befolget und bisher» (zu deS Chronisten Lebzeiten) also ist gehalien worden". Herr Wilhelm Christas Cngelhardt, ältester Bürgermeister dahier, refignirte 1756 und ist also der erste gewesen, an dessen Stelle, da er 1756 starb, kein anderer Bürgermeister erwählt worden ist. Folgende l2 Zünfte oder Viertel zählte Nördlmgen: Weinscheuker, Bäcker. Metzger, Krämer, Leiter und Häckler, Loder, Gerber, Schuhn,acher, Schneider, Schund, Weber, Kürschner. Ausdrücklich wird bemerkt, daß diese alte auf Erhall»,ig ihrer Handwerke und auf Ordnung zu sehen habe», wen» nicht, so sind sie mit Zuziehung des Herrn Oberrichters und der Senatoren zu strafe,,. Die Charakteristik der Nordist,ger überhaupt anlangend, so sagt Knipfchitd: „das Volk ist nicht stolz, „och übel geartet, sondern erfüllt eifrig seine Pflichte,,: ihrer Gesetze, Gerichte und guten Sitten wegen ist die Stadt Nördlmgen hoch angesehen und hat Ueberfluß a» Altem, was das Leben und der Anstand fordern." (1687 p. 803.) ES ist wahr,^sto1z sind die Bewohner der Stadt an und für sich nicht, stolz aber auf ihr- Stadt und ihre alten ,sannt,cn, und ein fremder Neuling bat ganz entschieden sehr zu kämpfen, wenn er sich empor- chwmgen will, obwohl Einsender den Nördlingern den Grundsatz „ich: abspreche» will, „leben und leben laßen". , Und „nn möge erlaubt sem, einige Hauptgebäude der Stadt mit deren mitunter sehr erwäh- bedeutenden Sehenswürdigkeiten auszuzählen! Wir wollen beginnen mit den, Stolz der Norm,„ger, mit der protestantischen Kirche z„ Lt. Georg. 1427 wurde der Bau begonnen, ob Hans von j-nlzdorf der erste Bannwifter gewesen, ist sehr fraglich, sicher aber ist, daß ein Baumeister Namens Nicmans Cßter und defsen Lohn daran arbeiteten. Der Ban muß öfters unterbrochen worden sein, vis Llesan Weyrer ihn volle,,deie, nachdem beinahe acht Jahrzehnte daran gebaut wurde. Die «Ole siussesührten Kirche beträgt c,rea 00 Nieter, die Breite des Schiffes ' E Hohe c,rca 40, der Chor allein hat eine Länge von rund 35 Meter. Das Aenßere oe» Lcinpets, defsen schöne Restauration im vergangenen Jahre vollendet wurde, während die 104 Außenseite nach und »ach renovirt werden wird, verspricht nicht in allweg dein, was das Innere dem Angebietet. Die Strebepfeiler brechen >uter dem Kranzgesims ab und fehlen ihnen die schlanken Fialen. Die in neuester Zeit ausgesetzten Küppchen sind wohl neu, wachen aber das Ganze nicht schöner, weil eben die ganze Constrnction etwas nach Magerkeit rnst. Desgleichen sind die Portale nicht dem ächten gothischen Bauwerke anpassend, da der Spitzbogen hier nicht durchgeführt ist. Zudem hat der Zahn der Zeit bei manchen derart gemrgt, daß er fast nichts mehr zu nagen hat. Demgegenüber mülsen wir die wirklich ausgezeichnete Arbeit bei den Fenstern hervorheben. Das Maßwerk bei diesen 24 Hcllespender» ist ungcmein reich und vieliältig und macht aus den äußeren Beschauer des Tempels ganz entschieden einen ausgezeichnete» Eindruck. Der an der Westseite unserer nach altkirchlicher Vorschrift geasteten Kirche befindliche Thurm möge nun vor dem Eintritt in das Innere des Gotteshauses einiger Zeilen werth erfunden werden! Die Höhe desselben beträgt llOI Fuß, und hat er nur drei Vorgänger, die ihn an Höhe überragen im Königreich Bayern, nämlich die Frauen- . thürnie in München, die des RegenSburger.Doms und als erster den Kircbthurm zu Laudshut. In sieben Stockwerken strebt >r kühn auswärts; ist mit zwei Galerien versehe» und muffen wir nur beklagen, daß er nicht ausgebaut, sondern mit einer dem Ganzen nicht conformen Kappe versehen ist, auf welcher sich noch eine Laterne befindet. Diesbezüglich ist also der jetzigen und vielleicht nachkommenden Generation die schöne Aufgabe gestellt, ihren Stolz stolz auszubauen zur Ehre der Vorfahren, zur Ehre von ihnen selbst und zum größten Danke der Mit- und Nachwelt! (Fortsetzung folgt.) Miseellen. (Der Ursprung der Kartoffel.) In der letzten Sitzung der kalifornischen Akademie der Wissenschaften erstattete Mr. John O. Lemmon einen Bericht über die Ergebnisse einer im vorigen Sommer unternommenen botanischen Forschungstour in dem Gebirge längs der mexikanischen Grenze. Unter seinen Funden befanden sich zwei oder drei Arten der einheimischen Kartoffel, welche auf hochgelegenen Vergwiese», umgeben von Gipfeln, in Höhe von 10,000 Fuß über der Meeresfläche, reichlich wuchsen. Die Knollen haben etwa die Größe von Wallnüssen. Der „Scientisic American" glaubt, diese interessante Entdeckung dürste viel zur Lösung der langerörterten Frage über den Ursprung der Kartoffel beitragen. (Hand werks unter schiede.) Welcher Handwerker ist der langsamste? — Der Seiler, denn er zieht alle Geschäfte in die Länge. Welcher mischt sich in alles? — Der Schornsteinfeger, denn er kratzt überall, wo es ihn nicht juckt. Welche aber sind die gescheitesten? Die Böttcher und Schuhmacher. Während der Böttcher alles „reiflich" überlegt, was er „faßlich" darstellt, „leistet" der Schuhmacher alles» was er „bezweckt". Die schwerste körperliche Anstrengung wird vom Schneider gefordert, da er täglich von - früh bis spät eine Eisenstange zu schwingen hat, während der Leiermann sein Geld im Handumdrehen verdient. (Beruhigende Versicherung.) Eine Dame hatte eine frühere Köchin, die viele Jahre bei ihr in Dienst gestanden und sich von ihrem Hause aus verheirathet hatte, gebeten, ihr ein anderes Dienstmädchen zu verschaffen. „Glaubst Du," fragte die Dame h die alte Köchin, als der Ersatz gefunden war, „daß die neue für i?iich passen wird?" — c „Ich denke doch," antwortete diese. „Uebrigens weiß sie schon, wie sie mit Ihnen d'ra» ist, wenn sie herkömmt, denn ich habe ihr alle Ihre Fehler gesagt!" (Beschränkte Wahl.) Ein Corporal und ein Füsilier sitzen zusammen in einer Schenke. Es werden ihnen auf einer Schüssel, zwei Würste gebracht, die eine sehr groß, die andere lächerlich klein. Der Corporal bemächtigt sich sofort der größten und reicht die Schüssel dann dem Füsilier: „Wähle!" — „Aber, Corporal, wie kann ich wählen, da Sie schon die größte genommen haben?" — „Nun, bleibt dir den» nicht noch immer, die Wahl, diese Wurst zu nehmen oder — sie liegen zu lassen? dann esse ich sie hinterher." (Vorschlag zur Güte.) Frau Nachbarin, darf i nett meine Küchle in Ihrem Schmalz backen? Ihr derfet da derfir Ihren Speck in meim Gemüse koche. Auflösung des Arithmogryph in Nr. 12: „Arabien. — Nabe. — Iran. — Nera Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg, — Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Dr. Max Huttler, Unter^aktung8vkatt »ur „Äugslmrger Postzeitmig.- Nr. 14. Samstag, 17. Februar 1883. Jörg von Mntdeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Schluß.) IX. Ritter Jörg löste sachte das schöne Haupt der Gattin von seiner Brust» denn nun eilten auch Frau Anna und die beiden Martha's auf den Wiedergefundenen zu und begrüßten ihn mit Freudenthränen. — Kuno war zum Nachen an's Ufer hinuntergeeilt und ließ sich von den beiden Ruderknechten rasch über den See nach Schliers führen, um dort und auf der Waldecker Burg die Freudenkunde zu verbreiten. Jetzt bewegte ein leiser Lufthauch die Wipfel und Aeste der alten Tannen. Auch sie sollten ihr Schweigen brechen und theilnehinen an dem Herzensjubel der Menschen. Und wieder umschlangen sie sich und kosten und flüsterten durch den Wald und drunten am Ufer eilten die leichten Wellen, in unzählbarer Menge, herbei und plauderten freudig von der Wiederkehr des Herrn des Thales! — Droben auf der Anhöhe vor dem Jägerhause saßen die Lieben beisammen im freudetrunkenen Anschau'n, denn noch war die Wonne des Wiedersehens das stille Dankgebet im Herzen mächtiger, als der Drang nach Mittheilung. Endlich brach der Ritter das Schweigen, indem er zu Agatha sprach: „Wie freue ich mich, Dich, Du Theure und diese liebe, bewährte Freundin hier auf dem stillen Eilande wiedergefunden zu haben, wo wir so viele schöne Stunden schon ver- lebte». Hätte Gott mich nicht auf so wunderbare Weise aus schrecklicher Gefangenschaft ^gerettet, ich hätte Euch Lieben wohl nie mehr gesehen!" „Gott sei tausend Dank dafür!" rief Frau Agatha. „Auch dafür, daß er mir m dieser kummervollen Zeit einen Engel des Trostes in unserer theuren Anna sandte. Sie verließ mich nie und wenn immer die Witterung es zuließ, suchten wir dieses stille Eiland auf. Hier durste ich mein Leid der treuen Seele klagen; — hier milderten der mütterlichen Freundin Trosteswortb des Herzens liefen Kummer, wenn auch nur auf kurze Zeit, und hier, — sie umarmte den Gatten mit seliger Lust — hier darf ich Dich, den Todt- geglaubten, wieder in meine Arme schließen! — O dies Eiland ist mir ein Freudenberg geworden!" „Ja, Agatha!" erwiderte der Ritter. „Freudenberg, so wollen wir vte Insel fortan nennen und die alten Tannen sollen den künftigen Geschlechtern erzählen, daß sich" hier durch wunderbare Fügung des Ewigen, Ritter Jörg von Waldeck und seine liebe Hausfrau Agatha nach langer harter Trennung wiedergefunden haben!" — Inzwischen waren die Ruderer wieder in vie Schiffhütte des Jägerhauses zurückgekehrt. — Nun fuhr Frau Anna mit der Zofe zur Burg hinüber, um Alles für den Empfang des lieben Ritters zu ordnen. Da verließ das Klosterschiff mit vier Chorherren das jenseitige Ufer» um ven wiedergefundenen Wohlthäter und Herrn von Waldeck so rasch als möglich zu begrüßen. 106 Was war da ein Jubel im sonst so stillen Jägerhause! — Nur in Kürze konnte Ritter Jörg seine Rettung aus der Festung Mostar erzählen, denn die eintretende Abend, kühle mahnte die Glücklichen zur Heimfahrt. Jörg blickte dankbar zum Himmel, als er an der Seite Agatha's im Chorherrenschiffe aus dem heimathlichen See dem Dorfe zufuhr, an dessen Ufer sich bereits ein großer Theil der Bewohner versammelt hatte und mit rührendem Jubel den theuren Ritter begrüßte, als dieser das Schiff verließ. Es war ein förmlicher Wallfahrtszug zur Stiftskirche, denn Jörg wollte seine Burg nicht betreten, ohne vorher im Hause des Herrn, der ihn so gnädig heimgeführt, innig zu danken. Alles Volk und die Chorherren begleiteten den Ritter und die vor Freude schluchzende Frau Agatha in das Gotteshaus. Und als Pater Egyd die Orgel zu spielen hegann, erst sanfte Klagen über den Vermißten, dann freudigen Jubel über den Wiedergefundenen, und als die Mönche im Chöre neben dem Hochaltar mit kräftigen Stimmen das „Großer Gott, Dich loben wir rc." anstimmten, da blieb kein Auge trocken und über all' den Betern schwebte der Engel der Liebe! — Nun ging's auf die Waldecker Burg, wo bereits die Dienstleute versammelt waren, den so lange vermißten Herrn in rührendster Weise zu empfangen. Hier erst trennten sich die Geistlichen und Ortsbewohner, von Ritter Jörg mit einigen Dankesworten entlassen. Die alte Gertrud eilte auf Frau Agatha zu und sagte: „Gnaden Frau Agatha! Hab' ich nicht gesagt, wir sehen unsern lieben Herr» schon wieder? Ja, ich wußte, daß der Herr Ritter wiederkehren werde, sonst hätte ich schon eine Ahnung von seinem Tode gehabt. Gott sei gedankt, daß wir ihn wieder haben! Nun müßt Ihr aber wieder recht vergnügt und heiter sein, wie früher, edle Frau, damit die Falten aus Eurer Stirne wieder verschwinden und die Wangen sich wieder färben auf Eurem schönen Gesichte!" — Wenige Tage nach der Rückkehr des Ritters feierten die dankbare» Untergebenen desselben in der schön geschmückten Stiftskirche ein Dankamt. Die geräumige Kirche konnte all die Andächtigen nicht fassen, welche aus Nah und Fern herbeigeeilt waren, und dies« umstanden während des Gottesdienstes die Kirche, obwohl der Noveinbermorgen in Folge des dichten Nebels schon empfindlich kalt war. Die Verwandten des Waldeckers, die Wallenburger» die Aheimer von Valep, Geistlichen aus Schliers, Tegernsee und Weyarn, dann Edle aus der Nachbarschaft waren geladen und nahmen auch an dem Gastmahle im Nittersale der Burg theil. Der Ritter erzählte umständlich seine Leidensgeschichte und die edle That einer türkischen Sklavin, welche ihm der gütige Himmel gesandt haben müsse, als rettenden Engel. Manche Thräne rann über die gebräunten Wangen alter Kriegsmänner und selbst die mit menschlichen Leiden so vertrauten Mönche konnten ihre Rührung nicht verbergen» Jörg konnte sich überzeugen, wie allgemein und innig die Freuse seiner Angehörigen, Freunde und Untergebenen über die glückliche Heimkehr war. — Endlich trat wieder Ruhe in Waldeck ein und Alles ging seinen Geschäften nach, nur freudiger und sorgenlos. Nun ging auch der Ritter an die Erfüllung seines im Gefängnisse zu Mostar gemachten Gelöbnisses. Am linken Ufer der Leizach, zwischen Miesbach und Jrschenberg, im sogenannten Ried, stand eine kleine Kapelle unserer lieben Frau. Diese ließ Jörg in eine Kirche umwandeln und gab dem Dörfchen den Namen „Frauenried". Dieses geschah im Jahre 1115. Im nächsten Jahre erbaute der Ritter zwischen den Dörfern Gmund und Wakirchen ein Kirchlein zu Ehren des heil. Ritters Georg, seines Namenspatrons und nannte den Weiler „Georgenried." Endlich im Jahre 1417 erweiterte derselbe die Kapelle im Ried an der Schlierach, zwischen Schliers und Miesbach und benannte das anmuthige Dörflein „Agatharied." Noch stehen die Zeugen der Frömmigkeit des Ritters, wenn auch nicht mehr in der ursprünglichen, gothischen Form, sondern später von Unverständigen verzopft. Wohl Viele 207 haben in diesen Kirchen im stillen Gebete Trost gefunden in manchen Lebensnöthen, aber wohl keiner der späteren Beter hat des edlen Stifters gedacht!- Im Frühling, nach des Ritters Heimkehr, als der Schnee im Thale und auf den nächsten Höhen geschmolzen, und die Schlierach die Schneewäfser eiligst der Mangfall zuführte, da feierte der walbeckische Herrschafts-Jäger Knno das Hochzeitsfest mit seiner Martha im lieben Jägerhause auf dem Freudenberge. Außer der Herrschaft, einigen Chorherren, den Eltern des Jägers und seinen Freunden, mußte auch Andres, der Waldteufel theilnchmen, als einstiger Lebensretter. Die beiden Martha's und Kuno hatten den Alten festlich aufgeputzt, so daß er sich doppelt freute, über das Glück der Liebenden und über den freundlichen Empfang, der ihm allseitig, insbesondere von der Familie deS Ritters, welche von seiner menschenfreundlichen That Kenntniß hatten, geworden. Zum ersten Male seit einem halben Jahrhunderte kehrte der alte Bursche vergnügt und ausgesöhnt mit der Welt Abends in seinen evheuumrankten Thurm zurück. Aber nicht lange mehr durchwanderte Andres die Berge und Schluchten, um Heilkräuter zu sammeln. Noch ehe der Winter vollständig Einkehr hielt im Thale, vermißte man den Waldteufel im Dorfe und als eines Tages Ritter Jörg mit Kuno auf einem Waidgange im Leitnerberg in die Burgruine zu Hohenwaldeck sahen, war die Thurmthüre geöffnet und drinnen auf ärmlichem Lager fanden sie den Gesuchten, einem Sterbenden ähnlich mit zum Gebete gefalteten Händen. „Andres!" rief der Jäger. „Du bist ja schwer krank!" Mit schwacher Stimme antwortete der Alte: „Gottlob, daß Du kommst, Kuno! Jetzt geht es zu Ende mit mir. Geh und erweise mir noch einen Liebesdienst und hole mir einen geistlichen Herrn, damit ich nicht ohne heilige Wegzehrung fort muß aus der Welt!" Der Ritter sandte den Jäger sofort nach Schliers und rückte sich einen Stuhl, den einzigen in der Haushaltung des ehemaligen hübschen Schweizers zum Lager. Der Alte wollte wieder sprechen, doch hinderte ihn ein eben ausbrechender heftiger Husten. Jörg verließ den Kranken, der der Ruhe bedurfte und ging zur Thüre hinaus, wo er sich auf den bemoosten Stein setzte. — Die Tannenäste und Buchenblätter rauschten im Abendwinde. Die Mauerschwalbe zwitscherte ihr Schlummerlied im alten Gemäuer, welches, den Witterungseinflüssen ausgesetzt, allmälig zerfiel. Herausten, die dem Verfalle entgegengehenden Zeugen einstigen ritterlichen Glanzes, — Drinnen, das letzte Auflockern eines. so schönen, durch ruchlose That aber verbitterten Menschenlebens! — Als Kuno mit dem Geistlichen zurückkam, begab sich dieser zum Kranken. Der k Ritter hieß den Jäger warten, um zu hören, was mit dem Andres geschehen soll und ^ setzte dann seinen Waidgang fort» Der Waldteufel hatte eine reuige Beichte abgelegt und mit Andacht die heilige Wegzehrung empfangen. Bald darauf, während der Pater noch bei ihm saß, und betet«, trat der Tod ein und befreite den Armen von seinen Leiden. Die Anwesenden verließen die Burg, um im Dorfe den Todtenwärter herauf zu rufen. Am nächsten Tage holten einige Männer die Leiche nach Schliers, welche unter zahlreicher Begleitung der geweihten Erde übergeben wurde. Mit Audi es schied der letzte Bewohner aus der Burg Hohenwaldeck. Fünf Jahre später, im Herbste 1450 legte man auch den edlen, hartgeprüften Ritter Jörg von Waldeck in die Gruft seines Vaters, Jörg des Aelteren in der Stiftskirche. Die Folgen der Verwundung an der Save und die Qualen der Gefangenschaft hatten ein frühes Siechthum geschaffen, welches die treueste-Liebe, die sorgsamste Pflege der Gattin nicht aufhalten konnte. Von seinem Krankenbette aus konnte, der Ritter den Freudenberg mit dem Jägerhause sehen. In den letzten Lebenstagen ergriff Jörg oftmals die Hand seiner Gattin und deutete hinüber nach der Halbinsel indem er mit schwacher Stimme sagte: ' i ^ I i . 1 .. r08 „Dort drüben ist unser lieber Freudenberg, Agatha! — Dort durfte ich Dich wiedersehen! — Nun muß ich für immer fort, aber ein neuer, ewiger Freudenberg wird nach einer kleinen Weile uns wieder aufnehmen. Dort werden wir dann nicht mehr getrennt werden! —« Wie im ganzen Waldecker Bezirke die Freude über die einstige Heimkehr des geliebten Ritters eine allgemeine, ungeheuchelte war, so gestaltete sich der Jammer und Schmerz bei seinem Tode zu einer Familientrauer von der Waldecker Burg bis zur fernsten Söldnerhütte, denn Jörg war nicht nur ein edler, tapferer Ritter, sondern auch ein Bater der Untergebenen, ein frommer Christ. Das Sterbejahr der Frau Agatha von Waldeck ist nicht bekannt, nur das wissen wir, daß sie eine Mutter der Armen und Dürftigen, von diesen beweint, bald nach ihrem Jörg zu ihm in die Gruft gebettet wurde. Im Jahre 1482 starb der Mannsstamm der Waldecker mit Jörgens Vetter, Wolf, aus. Die Herrschaft ging durch Erbschaft an die Grafen von Maxlrain über, welche sich .theils dort, theils auf der Wallenburg aufhielten. So verfiel dann auch die zweite Burg der Waldecker hinter dem Weinberge in Schliers. Kein Stein erinnert mehr an die Stätte, wo drei edle Waldecker segensreich wirkten, nur der Name „auf der Burg« oder .„Burgberg« bezeichnet noch die Fläche, auf welcher die kleine Burg erbaut war. Dagegen zeugen die drei Küchlein noch heutigen Tages von dem Gottvertrauen des Ritters Jörg '»es Jüngeren von Waldeck. — Knabenzucht will harte Hänve. Leides viel besährt ein Knabe, darr ist lerne esqate, Narr uns Sei ihm, Gott, «n Huld gewogen! !e mehr die Menschen dürfen, )esto dreister wird ihr Mögen. Müh' zur Lust ist eitle Mühe, Nutzlos, wie dem Meer der Regen; Arbeit, die den Auftrag höhnet, Das ist Arbeit ohne Segen. Künste lernt' ich, edier Künste, Hoher Künste lernt' ich sieben; Wenig frommen sie; die eine Schwerste ist mir fremd geblieben. >wing die Welt nach deinem Willen )der zwing dein eig'nes Wollen! Freiheit ist der Zweck des Zwanges, Wie man eine Rebe bindet, Daß sie, statt im Staub zu kriechen, Froh sich in die Lüfte windet. (Dreizehnlinden.) «»»»rsrner. Des Neides Laster ist nicht deiner Strafe werth, Und bricht sich selbst den Hals, fällt in sein eigenes Schwert. T s ch e r n i n g. Alles, was wir wirklich lieben ist unersetzlich, und Alles, wofür Ersatz uns denkbar ist, habe» emals wahrhaft geliebt. Nierrtz. Wer verräth, er verwahre ein Geheimniß, hat schon dessen Hülste ausgeliefert, und die zweite r nickt lnnn« kxcknlten. ! ch - ^ M ^ „ r 109 Einiges Von Nördlingen. (Fortsetzung.) Wen» Du ein zartes Pedal hast, freundlicher Leser, so steige setzt 365 Stufen und eive Leiter rrnL nur hinaus in die Laterne, von der Du eine prächtige Aussicht zu genießen hast. Der Thürmer sagte Einsender schon vor vielen Jahren: „99 Ortschaften sind zu schauen und d-e hundert,te sieht man nicht, weil ein Berg davor ist und diese ist Ederheim." In der Laterne sind zwei eherne Schalen, zum Stundenjchlagen eingerichtet. Die Verse auf beiden mögen hier erwähnt sein. Auf der einen steht: „Mensch! noch lebst du auf Erden, Kind der vergänglichen Zeit; ^ Säume nicht besser zu werden, Dies ist, was mein Schlag dir gebeut." Auf der zweiten sind die Worte eingegossen: „Jeder meiner Stundenschläge mahnet An die Flucht der Zeit, Ruft dem Hörer ernst entgegen: Lebe für die Ewigkeit!" Gewiß ungemein sinnige, passende Worte 300 Fuß über den Niederungen des Lebens an- gebracht! Wie stümperig, zwergaestaltig nehmen sich solcher Zeilen gegenüber die Inschriften aus, welche bei weltlich — geräuschvollen Festen an den sogenannten Triumphbogen oft angebracht sind, und Alles oft, nur keinen Triumph bedeuten. So hat Einsender einst folgenden kurzen — inhaltsreichen l — Vers gelesen: „Gäste! spart nicht Euer Geld Einmal lebt man in der Welt!" Die übrigen — wen» ich nicht irre — sechs Glocken können wir übergehen und möchte» wir nur noch den Thurm anlangend die Inschrift auf einer Metallplatte an der zweiten Galerie erwähnen, welche den Schluß des Baues als am 10. November 1490 angibt- Wir treten ein durch das Westportal und vor uns dehnt sich aus ein herrlicher Hallenbau mit drei Schiffen, der auf 92 mächtigen Säulen ruht, welche allerdings noch mächtiger schön sich uns repräsentiren würden, wenn sie wie überhaupt das Ganze reichlicher gegliedert und mit mehr Ornamentik ausgestattet würden, dessen ungeachtet bietet das Ganze einen sehr schönen Eindruck und mit urenkelischem Stolze blickt man aus die Urahnen, welche den Tempel hergestellt, mit Freude erinnert man sich auch der gegenwärtigen Generation, welche ihn schön und künstlich renovirt hat. Freilich etwas leer komme» die Hallen vor, da sie beraubt der stattlichen Anzahl von Altären, welche die katholischen Erbauer hineingearbeitet. Nach kaum zwei Dezennien der Vollendung traten sie über zum Protestanlismus und Aliäre rc. waren überflüssige Möbel. Ferner müssen wir erwähnen, daß der ganze Tempel nach unserer Ansicht allzu licht ist, viel zu viel Helle hat. Dem wird vorgebeugt werden durch die Glasfenster, welche nach und nach eingesetzt werden sollen. Der Anfang ist rühmlich gemacht, indem der Staat das Huuptfenster im Chor herstellen ließ, während ein zweites dorten bald folgen soll. Das gewaltige Fenster zeigt uns den Kirchenpalron St. Georg im Kampfe, während die obere Abtheilung den Heiland und Magdalena vorstellt in dem Moment, da er zu ihr spricht: „noli mo tougors!. Bei diesem Bilde mit seinen Heiligenfiguren können verschiedene geschichtliche und andere Erinnerungen in der Seele des Beschauers aufsteigen. Bereits im achten Jahrhundert wurde durch Leo den Jjaurier der Jkonoklasmus die Bildcrstürinerei begonnen, die Bilder der Heiligen wurden aus den Kirchen und von den öffentlichen Plätzen entfernt. Was war die Folge? Sie fanden wieder bald die Kirchen offen znr Rückkehr und die öffentlichen Plätze schmückten sich wieder mit neuen, noch schöneren Statuen. Was dieser Cäsareopapist, der zuerst Handelsmann, dann Soldat, dann General, dann Kaiser war, begann, wurde zu verschiedenen Zeiten fortgesetzt. Auch die Reformatoren des sechszehnten Jahrhunderts wollten, da sie ja die „reine" Lehre verkündeten „reine" Tempel und die Bilderstürmerei war wieder m's Werk gesetzt. Und jetzt dürfen in vielen Kirchen nach und nach die exilirten in die Acht erklärten Heiligenbilder, Apostclstatnen rc. (und wäre» erstere blos auf Glas gemalt) aus dem Eril zurückkehren und als Schmuck und Zierde dienen. 'lempora mutanlur ot nos inatamur in illis! Doch Zurück zu unserem Tempel! Wir befinden uns im Haupttheil jedes Gotteshauses, im Chor. Der Altar hier, der einzige der großen Kirche, ist einfacher Art, Holzichnitzerei, ein Altar-Crucifirus ziert denselben. Die Bilder von früher sind jetzt aus dem Rathhaus, dessen besondere Sehenswürdigkeit ivir später erwähnen werde». Auf der Nordseite in der äußersten Ecke befindet sich der Schatz des Tempels, das Sacramentshäusle, ein Werk Stefan Weyrers. Es ist ein kühner, prachtvoller Ausbau, mitunter mtt seinen Fialen und Spitzen gleichsam in der Luft schwebend, das Ganze gekrönt mit einer Kreuzblume, auf welcher sich ein betender Mann befindet. Bei solchen Werken muß den Beschauer Bewunderung erfassen für die Künstler, die sich in denselben verewigt haben. > Die Chorstühle, hübsch renovirt beuchen uns doch etwas mager zu dem großartigen Ganzen, gegenüber denen im Münster zu Ulm und andereil gothischen Domen. Auf der Südseite an einem Pfeiler angelehnt, bemerken wir ein weiteres sehr schönes Werk, nämlich die Kanzel. Während die 110 ii eigentliche Kanzel Prächtig gothisch aus Stein gehauen, ist der Schalldeckel aus Holz und steht auf demselben der Auferstandene. Es wird unseres Wissens wirklich noch die Frage veutilirt, ob n^»i den Schalldeckel ganz entfernen soll, weil er nicht „gothisch genug" sei. Wir sind ebenfalls der Meinung, „gothisch genug" ist er nicht, dennoch aber ist er nicht zu verachten, was die Arbeit anlangt. Etwas zu blöckisch, wenn der Ausdruck gebraucht werden darf, schien er uns und was die praktische Seite, den Prediger selbst betreffend anlangt, so glauben wir, daß er etwas zu tief angebracht ist. Die vier Evangelisten aber, die an der Brüstung angebracht sind, sowie die anderen kleineren Statuetten verdienen sicherlich den Beifall jedes Besuchers, desgleichen die durchbrochene steinerne Kanzcltrevpe. So ziemlich gegenüber der Kanzel befinden sich aus der Nordseite zwei kleine Kapellen mit den Grabsteinen der Erbauer derselben. In einer befindet sich ein ächter Scheufelin, darstellend die „Bewcinung Jesu Christi nach der Kreuzabnahme." Früher bildete es das Altarbild auf dem Altare zwischen Chor und Schiff, welcher bei der neuesten Renovation entfernt wurde. Den Schmerz Mariens und der andern acht sich um den Leichnam des Herrn schaarende» Personen getreuer darzustellen, wird wohl nie gelingen. Im Hintergründe sind die Kreuze, eines leer, und rechts erblicken wir die Stadt Jerusalem mit seinen Tempelskuppeln und Zinnen. Der hochselige bayerische König wollte, wie dies der Cicerone des Tempels Jedem mit Freuden erzählt, für das Bild der Stadt 80,000 Gulden geben, umsonst und wohl mit Recht! Gegenüber diesem Bilde schauen wir ein viel älteres, die „Kreuztragung Christi" darstellend, dessen Berserriger unbekannt. Wir erwähnen dieses nicht der Kunst wegen, sondern ivegen der ganz merkwürdigen Auffassung. Aus den Henkersknechten machten nämlich die Maler lauter Teufel mit grauenhaften Tcufelsgesichtern, vor welchen man wirklich Angst bekommen kann. Im Hintergründe rechts schauen wir Maria und Johannes, während Simon von Cyrene wirklich ungemein „guthmüthig", ganz und gar nicht „genöthigt" dem Herrn das Kreuz nachzutragen sich anschickt. — In der zweiten Kapelle gewahren wir als Bild „den Sturm auf dem Meere", aus welchem wir die Angst der Apostel so recht deutlich erschauen können. Gegenüber ist das Bild des Bürgermeisters Welsch angebracht, welcher soluo fiel im Kampse gegen die Psäfflinger. Oben wird eben seine Leiche hinausgetragen. Rings um die Kirche liefen früher Emporen, die Neuzeit hat sie weggeschafft und wohl nur mit Rücksicht aus die Verschönerung der Kirche. An denselben, sowie an den Pfeilern waren uu- gemein viele, mitunter ganz und gar unschöne sogenannte Leichenscheibc», welche zum großen Theil auch mit Recht entfernt wurden; die noch vorhandenen sind schön renovirt. Bor der Sacristei an dem sogenannten Psaristuhl sind Bilder angebracht, welche zu den ältesten der Holzschueiderei gehören sollen. Ueber der Sacristei befindet sich die alte Orgel, ein Werk, das Einsender nicht so loben kann, wie es Andere thun, obwohl es selbst den „maurischen Stil" darstellen soll. An dem bunten Durcheinander kann deswegen wohl mancher eine Freude haben, weil das Sprichwort bis heute noch gilt: „clo gasti- dus voll est ckisputauckum." Dagegen müssen wir jedem Besucher die Treppe empfehlen, welche aus die alte Orgel führt, da der Raum derselbe» in zwei Theile gechcilt ist, so daß Zwey welche miteinander Hinausgehen, einander nicht sehen, bis sie oben zusammenkommen. In der sacristei befindet sich unter anderem auch ein Bild, die „Kreuzigung Christi" darstellend, das, eine Nachahmung Tilians, wegen der merkwürdigen Beleuchtung der Beachtung werth ist. Zu der Hauptorgel — um mit Westen durch welches wir eintraten, zu schließen.— welche ein sehr gutes Werk ist, führen zwei steinerne Treppen, die gegen Süden etwas einfacher, aber schöner Construction, während die gegen Norden ein Meisterstück der Archieteklur ist. Verlassen wir jetzt St. Georg und seinen schönen Tempel, und betrachten nun in Kürze die zweite, die katholische Kirche all 8. 8alvatorow! Bescheiden birgt sie unsere Ringmauer, fern vom Welt- getöse, bescheiden ist ihr gothischer Bau, bescheiden die Fenster, bescheiden das Dachreiterle mit seinen zwei kleinen Glocken, bescheiden sind ja auch die Verhältnisse der hiesigen Katholiken (circa 1200 Seelen) die doch endlich „geduldet" sind. Die Sacristei ist der Unterbau des nicht aus- und ausgebauten Thurmes und befindet sich in demselben ein sehr altes Bild, die Einstehung der Kirche darstellend. Es soll dieses Bild ein Scheufelin sein, wir müssen aber das „soll" doppelt nnterstreichen. Es besteht aus zwei Abtheilungen. Links oben bringt ein Priester einem Kranken die heilige Wegzehrung, als plötzlich der Boden unter ihm bricht, Alles fällt herunter, auf den Boden und aus dem Kelche sind die heil. Partikel herausgefallen. Rechts gewahren wir unten eine Procession eum 8on>:tissimo, oben ein Feuer, aus welchem eine intacte Hostie hervorragt. Es habe nämlich ein 8. Partikel gefehlt, und um ihn zu bewahren vor Exsccration, habe man den Schutt rc. auf einen Hausen gethan, um Alles zu verbrennen, der Partikel aber sei ganz unversehrt aus dem Feuer herausgekommen. An dieser geweihten Stelle, sagt der Chronist, sei kein Thier mehr vorbeigegangen und man habe da die Kirche erbaut. Das Innere der Kirche ist recht wacker bemalt, der Doppetflügelaltar im Chor ist alt und gehört zu den schönsten in ganz Schwaben, die drei Glasfenster des Chores sind hübsch. Die Kanzel, eine Art Lettner, ist mit fünf broucirlen Reliefbildern versehen. Recht hübsch ist der Seitenaltar all 8. Llariam aus der Evangelienseite und ist derselbe ein Werk des Augsburger Meisters Baldauf. Das Gegenstück all 8. llasetum soll in nicht zu langer Zeit ebenfalls die Kirche zieren, denn der nner« müdliche Herr Dekan ruht nicht, bis alles „stimmt." Das Schiff der Kiche ruht auf zehn hölzernen also gewiß nicht sehr massiven Säulen und gewahren wir oben ein Getäfer, sicherlich zum Beweise daß die seinerzeitigen Mittel das Massive nicht erlaubten. Wir machen noch aufmerksam auf die recht 111 wackeren Stationen und aus eine sehr alte Pieta, bei welch' letzteren aber uns der Leib des Heilands etwas gar z» ütheriich erscheint. Die ganze Kirche macht einen recht hübchchen Eindruck auf den Besucher. Weil wir gerade an den Kirchen sind, so möchte wir »och zwei Kirchlein erwähnen. Droben auf der Höhe, Kleinerdlingen zu, erhebt sich ein hübsches neues gothisches Kirchlein, schon weiß herabsehend auf die alte Reichsstadt, die ja seinerzeit da droben stand. Heutzutage aber befinden sich dort die Todten, alte und neue selige Nördlinger. Der Gottesacker mit einem Leichenhaus ist sehr schon — wenn der Ausdruck für einen Platz der Todten paßt — angelegt. Wir können nicht umhin, die Verse eines Poetasters hier anzuführen, der also dichtet: „Dort auf dem kleinen Berge, Stand Nördlingen gebaut', Jetzt ruhen Todlensürge Dort, die man ihm vertraut. Sie blickt bei Abendröthe Jn's Thal, wo Schilf und Moor Sonst war, und wo die Hirtenflöte Nicht tönt zu ihr empor. Bis zu dem Donaustrande, Sieht man in einem Blick Das Ries im Aayerlaude, Und kehrt vergnügt zurück " (Schluß folgt.) M i s e e l l e ir. (Amerikanische Fabel n.) Unter diesem Kollektivnamen bringt ein amerikanisches Blatt eine Reihe von Fabeln, von denen wir eine zitiren wollen: Nach einem heftigen Streite mit der Hyäne beschloß der Wolf, sie zu vernichten, und wandte sich deßhalb an den Löwen um Rath. — „Stelle ihr eine Falle,« sagte dieser, „und wenn Du sie gefangen hast, so friß sie auf." — Der Wolf ging fort und richtete eine Falle auf einem Pfade auf, den sein Feind oft passtren mußte, aber während er vor Befriedigung kichernd, das gelungene Werk betrachtete, stolperte er und stürzte selbst in die Falle, die ihn sofort festhielt. Da kam der Löwe herbei. — „Himmel was seh' ich?« rief er aus. — „Ich sitze nun in meiner eigenen Falle," sagte demüthig der Wolf. — „Ja, und ich kam her,« versetzte der Löwe, um Dir beim Fressen der Hyäne zu helfen: da nun aber die Sache so steht, so werde ich der Hyäne helfen, Dich aufzufressen.« — „Aber, ich stellte ja doch nur auf Deinen Rath die Falle auf,« protestirte der Wolf.— „Das ist wahr,« erwiderte gleichmüthig der Löwe, „aber ich gab Deinem Feinde genau denselben Rath, und für mich ist es ganz egal, ob ich einen Wolf oder eine Hyäne fresse.« — Moral: Der Advokat bekommt seine Zahlung, der Prozeß mag ausfallen, wie er will. (Wohlbekomm's.) Eine Bande Zigeuner sollte bei einem Gutsherrn zum Tanze ausspielen. Man tanzte im Saale und die Zigeuner wurden im Vorzimmer untergebracht, wo der Baßgeiger alsbald eine Flasche hinter dem Ofen aufgespürt hatte, welche die Aufschrist trug: „Szeaszarder.« Kern Zweifel, irgend ein Diener hatte die Flasche mit deni kostbaren Inhalte bei Seite geschafft. — Ein Blick des Einverständnisses genügte und der Beschluß war gefaßt, die Flasche als gute Beute zu behandeln. Der Baßgeiger nahm einen tiefen Schluck, riß weit die Augen auf und — reichte die Flasche schweigend dem Nebenmann. Der Klarinettist erstickte beinahe an dem Zuge, den er aus der Flasche that, verlor aber nicht die Geistesgegenwart. Der Primgeiger entwand ihm rasch die Flasche, von diesem war es bekannt, daß er die Flasche bis auf den Grund zu leere» pflegte, ohne Rücksicht auf die etwa noch durstigen Hintermänner. Der Cymbalspieler maß ihn auch mit wüthenden Blicken, als er sich des kostbaren Nasses bemächtigte, und war nicht wenig überrascht, als auch für ihn noch einige gute Tropfen übrig blieben. Als sie Alle getrunken hatten wechselten die Zigeuner wieder schweigend einen Blick; dann wendete sich der Baßgeiger an den Clarinettisten und sagte: „Nun, Kamerad, essen wir nicht etwas Bürste dazu?« In der Flasche war nämlich flüssige Stiefelwichse gewesen. - 112 (Gedicht der Kronprinzessin Vi ihres ersten Kindes): Komm, du mein allersüß'stes Kind, Das Muttcrherz nun Raum gewinnt A» deinem Vettlein ganz allein Sich deiner vor dem Herrn zu freun. Ja! Lächle mir nur freundlich zu In deiner Unschuld sel'geu Ruh; Wär' meine Mutter nur gleich hier Und theilte meine Wann' mit mir. Heut ist geschehen dir großes Heil, - Denn heut ward Jesus dir zu Theil, Und du selbst wurdest eine Neb', Die nun an ihm, dem Weinstock klebt. Bewußt ist dir dies zwar noch nicht, Dennoch ward es so zugericht'; Des heil'gen Geistes Keim und Trieb Wirkt nun in dir in inn'ger Lieb'. ctoria vonPreußen nach derTaufe Bist du geboren auch am Thron: Ohn' Ihn, den wahren Gottessohn, Bermagst du dennoch nichts zu thun, Um selig einst bei Ihm zn ruhn. Er ist dir Rath, Kraft, Friedefürst, Wenn du Ihn kennen lernen wirst; Ich seh, wie dann dein Herze lacht, Das; man dich heut zu Ihm gebrach Es lagert sich des Himmels Heer Für's ganze Leben um dich her; Wird deines Glaubeizs Felsengrund Jmmanuel zu jeder 'stund. Nun schlafe wohl, mein liebes Kind! Die Engel Gottes bei dir sind, Als Seme Boten hergesandt, Zu hüten dich sür's Vaterland. Wohl liegst du hier in Gold und Seid, Und Purpur ist wohl einst dein Kleid, Doch daß du anzogst Jesum Christ, Das dir der rechte Schmuck nur ist. Bild' es nach Dir zu einem Mann, Der Deiner Ehre dienen kann; Dein Fried' sei ihm das Ziel im Reich, Dein Will' ihm Helm und Schild zugleich. So decke nun, o! Heiland Du, Mein Kind mit Deiner Gnade zu; Laß' es Dir wohl befohlen sein, Und herz' es, segn' es mit Gedeih'n. (Eine Reminiscenz.) Jetzt, da Prinz Plon-Plon von der französischen Republik eingesponnen war, mag folgendes Dekret, das s. Z. von der königl. bayr. Regierung gegen seinen Oheim, den verstorbenen Kaiser Napoleon III. ergangen ist, von Interesse sein: „Im Namen Sr. Mas. des Königs von Bayern. Inhaltlich einer an die unterfertigte Stelle ergangenen höchsten Ministerialentschließung vom 6. April v. I. soll der unter dem Titel eines Grafen von Starberg oder Starburg gegenwärtig in Deutschland reisende Prinz Louis Napoleon im Falle seines Betretens auf bayerischem Gebiet gemäß Allerhöchsten Befehls festgenommen und zur Verfügung der Regierung an die nächste Polizeibehörde abgeliefert werden. Das u. s. w. angewiesen, sich vorkommenden Falls hiernach zu richten und den Polizeibehörden beim Vollzugs der solchen gleichfalls zugehenden Weisungen möglichst behilflich zu sein. München, 6. April 1817. Generaladministration der kgl. Posten, v. Göb." Dieses Actenstück erschien im Regierungsblatt, damals noch Jntelligenzblatt genannt. (Der künftige Feldherr.) Fritzchen hat zu Weihnachten einen großen Kasten voll Bleisoldaten erhalten. Am letzten Sonntag unterwirft die Mutter die bleierne Armee einer Musterung und bemerkt, daß eine große Anzahl abgeschlagener Beine und Arme auf dem Boden des Kastens liegen. „O pfui!" ruft die Mutter im Tone der Empörung dem Söhnchen zu, „so gering achtest Du das Geschenk Deines Papas, daß heute schon, sieben Soldaten die Beine und drei die Arme eingebüßt haben?" Fritzchen bricht in Thränen aus und entgegnen „Wir brauchten Invaliden!" Original-Lttbett-Näthsel. (Zweisilbig.) * Durch die Zweite schwindet des Durstes Qual, Die Erste verscheuchet die Sorgen zumal, Doch füeht die erste Dich, armer Mann, So wende zur Hülfe das Ganze au. — Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttier. Nr. 15. 1883. zur Mittwoch, 21. Februar Heimathlos. Eine Erzählung uns jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Nachdruck Verbote».) „Die gnädige Frau befehlen?" fragte der alte Diener in der dunkelgrauen Livrä des Solmitz'schen Hauses, geräuschlos die Thüre des Salons öffnend« Hermine von Solmitz» die verwittwcte Besitzerin des Gutes gleichen Namens, das den Schauplatz unserer Erzählung bildet, schritt in sichtlicher Erregung auf und nieder;' es war eine hochgewachsene, fast allzu hager erscheinende Dame, die in der Mitte der vierziger Jahre stehen mochte. Sie mochte einst nicht ohne äußeren Reize gewesen sein, aber mit dem zunehmenden Alter hatten die Züge der Dame eine gewisse Starrheit, der Blick des grauen Auges eine Schwäche angenommen, die kein sympathisches Gefühl zu erwecken vermochte. Und kalt und schroff war die Wittwe des Herrn von Solmitz auch im Innern geworden, seitdem ihres Gatten Tod sie als Mutter eines blühenden Knabe», aber auch zugleich als mittellose Wittwe zurückgelassen, denn des Verstorbenen Verhältnisse waren völlig zerrüttet und ihr eigenes, ihm zugebrachtes Vermögen in unsinnigen Speculationen vergeudet. Freilich dauerte '.diese traurige Existenz nur ein Jahr, da starb ein kinderloser Oheim der Wittwe, die kaum mehr den Nimbus des Wohlstandes ausrecht zu erhalten vermochte, mit dem sie sich unter Entbehrungen aller Art im Häuslichen zu umgeben gewußt hatte und kurze Zeit daraus war Hermine von Solmitz, obgleich nicht die direkte Erbin des Verstorbenen, in dem Besitz hinreichender Mittel, das Stammgut ihres Gemahls von seinen Schuldenlasten zu befreien und es dergestalt zu vergrößern, daß die Solmitz'sche Besitzung ein gar stattliches und werthvolles Eigenthum bildete, das sich, in den Augen der meisten Leute, die nicht näher in die Verhältnisse des Hauses eingeweiht, dereinst auf den einzigen Sohn Herminens, den jetzt zweiundzwanzigjähriaen Oscar vererbet mußte. — „Gnädige Frau haben abermals geklingelt", wiederholte der Diener noch einmal, da die Dame seine Anwesenheit nicht zu beobachten schien. Frau Hermine von Solmitz fuhr aus ihren Gedanken empor. „Ist Steeland noch nicht von der Stadt zurück?" fragte sie. „Der Herr Verwalter muß jeden Augenblick kommen", entgegnete der Alte; „er wollte um zehn Uhr wieder hier sein und es ist bald eilf. Vielleicht, daß in der Stadt Depeschen von Wichtigkeit eingetroffen oder erwartet werden, deren Inhalt er gern mit nach Solmitz bringen möchte, denn wir leben in einer großen Zeit, gnädige Frau, und jede Sekunde kann uns die Entscheidung eines blutigen Krieges bringen, kann unseren jungen Herrn, den ich auf meinen Armen gewiegt, zu seinem Regiment beordern, um sein deutsches Vaterland gegen die Franzosen zu schützen." „Mein Sohn steht in Gottes Hand", entgegnete Frau von Solmitz, „so wenig wie er selber je daran denken würde, möchte ich, seine Mutter, Oscar seiner Pflicht entziehen; ich fürchte nicht für ihn, denn so hart wlrv nuch das Geschick doch nicht heimsuchen Gatten, Bruder und Sohn zu verlieren?" , „Behüte es der Himmel", sagte der Alte, durch die ungewohnte Herablassung der Herrin ermuthigt, „aber was den Bruder der gnädigen Frau betrifft, den lieben auten übermüthigen Herrn Leopold —" - „Er ist todt!" unterbrach ihn Frau von Solmitz heftig, „achtzehn Jahre sind verstrichen, seit er spurlos aus Europa verschwand, alle Nachforschungen waren vergebens, es ist kein Zweifel, kann kein Zweifel sein", endete sie gebieterisch. Der Alte zuckte mit den Achseln, augenscheinlich unterdrückte er eine Entgegnung.' „Es ist kein Zweifel möglich, gnädige Frau", sagte er dann, „aber wenn etwas im Stande, ihn aus der tiefsten Verborgenheit hervorzulocken, falls er sich noch am Leben befinden würde, so ist es das Erwachen des deutschen Geistes zum Selbstbewußtsein. Leopold von Bernau war Deutscher mit Leib und Seele und keinen Augenblick würde er zaudern, mag auch sein Haar weiß geworden sein, herbei zu eilen, über Meer und Berge, wo es sich um des Vaterlandes Ehre-" Frau von Solmitz winkte abwehrend. „Genug", saate sie und wieder im kurzen Ton der Gebieterin, „wo ist Fräulein Alida?" „Das arme Mädchen ist im Garten", gnädige Frau, „sie wollte Erdbeeren für die heutige Tafel pflücken, sie weiß, daß die gnädige Frau gern die Frucht recht groß und roth liebt, aber die Thränen rannen ihr dabei über die Wangen; der Herr Verwalter muß ihr mitgetheilt haben, daß jeden Augenblick die Einberufungsordre eintreffen kann und das junge Herz —" Er vollendete nicht vor dem scharfen Blick der Dame und senkte verlegen das Haupt, er fühlte, daß er zu weit gegangen. „Ich respectire die Treue ergrauter Domestiken in unserem Hause", bemerkte Frau von Solmitz, „aber ich verbitte mir Bemerkungen, die schlecht zu ihrer Stellung passen. „Ah, da ist Streland", unterbrach sie sich, da Schritts im Vorsaale ertönten und, während der Diener die Thür öffnete, rief sie dem Kommenden entgegen: „Haben Sie Schmidt, den Rechtsanwalt gesprochen?" Der Eintretende, hinter dem der Diener die Thüre schloß, war der langjährige Verwalter des Solmitz'schen Gutes; klein und mager, mit listig zwinkernden Augen, hatte Herr Streland fast das Aussehen eines Fuchses und allgemein traute man ihm auch die Schlauheit desselben zu; daß er täglich sein Vermögen vergrößerte, fiel KeinÄO auf, denn kein Mittel schien ihm zu gering oder schlecht, Geld auf Geld zu häufen, wohl aber befremdete das seltsame, fast freundschaftliche Verhältniß der sonst so stolzen, aristokratischen Wittwe mit ihrem Untergebenen, dessen Leitung in allem Geschäftlichen sie sich willig fügte; die Herrin schien aber auch die einzige, die empfehlenswerth« Eigenschaften in Herrn Streland entdeckt haben mußte, denn seine Persönlichkeit war auf der ganzen Besitzung eine höchst unbeliebte und selbst Oscar v. Solmitz, der künftige Erbe, hatte schon als Knabe gegen den Verwalter einen Widerwillen zur Schau getragen, den selbst der junge Mann noch nicht zu überwinden vermochte, obwohl er dem Eifer und der Pflichttreue des Beamte» seine Anerkennung nicht versagen konnte. „Sie haben ihn gesprochen?" fragte Frau v. Solmitz abermals, „wie steht es, wann können wir die Todeserkläruna vroklamiren, wann darf ich ruliia schlafen, ruhig athmen, endlich, endlich?" „In zwei Monaten ist die Frist um», entgegnete Streland, „es läßt sich kein Jota daran ändern", meinte Schmidt. „Ist an dem bestimmten Tage Leopold von Bernau nicht selbst oder durch seinen Mandatar oder seine etwaigen Erben vertreten, zur Entgegennahme seines Erbtheils, das sich bis jetzt unter Ihrer Verwaltung befand, nicht auf Solmitz anwesend, wird er für todt erklärt und rechtlos er und seine Erben an jedem Anspruch; so besagt es das Proklam, das völlig wirkungslos blieb und bleiben wird, denn Herr Leopold von Bernau, es ist kein Zweifel, ist todt oder verschollen und seine 115 Erben — nun, ich denke, er wird doch reinen zweiten dummen Streich begangen haben/ nachdem das Glück uns so günstig war, vaß wir die Folgen des ersten von unserem Haupt abwenden durften." „O, still davon, Streland", unterbrach ihn die Gutsherrn» und ihre sonst so kalten Züge nahmen den Ausdruck der peinlichsten Erreguirg an; „mahnt mich nicht an jene furchtbare Nacht, da man mich an das Bett der kranken, sterbenden Frau rief, die^ am Abend vorher mit ihrem Töchterchen hier angekommen und im Wirthshaus abgestiegen' war, der Schlag, glaubte ich, müßte mich treffen, da ich ihre Enthüllungen vernahm, als ich aus den mir übergebenen Papieren ersah, daß kein Irrthum möglich, daß das Kind der Sterbenden, das sie meiner mütterlichen Fürsorge empfahl — o Streland — wäret Ihr nicht gewesen, an dessen Stärke ich Anhalt gefunden, dem Schicksal die Stirne zu bieten, mein Sohn, mein Oscar wäre ein Bettler oder abhängig von der Gnade einer Fremden, abhängig» wie ich selber." „Fließt doch das Vernau'sche Blut in ihr", meinte der Verwalter lauernd, „und völlig legitim ist ihre Geburt; es gäbe, meinte ich, ein Mittel, widerstreitende Interessen zu versöhnen —" „Niemals, niemals", unterbrach ihn Frau von Solmitz entschieden; „soll ich, so lange ich lebe, die Mesalliance Leopold's, die Schmach, die er dem Hause Bernau angethan, von Geschlecht zu Geschlecht forterben? Freilich wird er» sobald sich meine Augen geschlossen und er bis dahin noch unvermählt, durch Euch erfahren, daß Alida ihm näher steht» als er ahnt, aber ich hoffe, bis dahin ist er bereits der Gatte der Baronesse von Ebersdorf und das Geheimniß bleibt verschwiegen, das Geheimniß von Oscar's Glück, das einst meine Seele zu büßen hat." „Ich möchte anders über diesen Punkt denken, so lange sich die gnädige Frau entschließen können, dem Fräulein Barfeld einen andern Aufenthalt, als eben dieses Gut zu geben, wo ein Begegnen der beiden jungen Leute unvermeidlich und zu Folgen führen kann, die alle unsere Vorsicht, all' unsere Pläne zu Schanden machen dürften. „Freilich wäre es vorsichtiger gewesen, das Mädchen schon in ihrer Kindheit vom Gute zu entfernen, allein ich zitterte, sie aus meinen Augen zu lassen, zitterte, sie in anderer Hut, als in der meinen, zu wissen und dann — Streland — darf ich sie aus diesem Hause stoßen, aus diesem Hause, das ich mit ihrem Vermögen, mir und meinem Sohne erwarb?" Herrn Streland's verwitterte Züge überflog ein spöttisches Lächeln. „Und was haben Sie bezüglich des Fräuleins Barfeld beschlossen?" fragte er dann. „Ich möchte das Mädchen glücklich sehen und ivürde es selber sein, wenn ich sie nicht mehr vor Augen habe, ein lebendiges Memento des Leichtsinns meines Bruders und unserer eigenen That. So wünsche ich sie fort und mag sie nicht missen in einem Athemzug, sonst hätte ich längst versucht, ihr eine gute Parthie zu verschaffen, die der Pflegetochter Herminens von Solmitz, als die Alida überall betrachtet wird, nicht fehlen dürfte. Allein ich zittere, daß der ihr Bestimmte Nachforschungen anstellen dürfte, nach seiner Gattin Herkunft, daß er Fragen an mich stellt, Verdacht schöpfen könnte — o Streland, Streland, wären nur die Wochen um und die Todeserklärung Leopold's von Bernau gerichtlich ausgesprochen, dann lassen Sie uns weiter beschließen, dann weiter handeln! —" „Wir werden dazu um so mehr Muse haben", bemerkte der Verwalter, als Herr Oscar dann nicht mehr auf Solmitz weilen dürste; wie ich in der Stadt vernahm, wird noch heute die Einberufungsordre, die Herrn Oscar zu seinem Regiment befiehlt, hier eintreffen." Einen Augenblick lang zuckte eine Spur tieferer Erregung durch das harte Antlitz der Gutsherrin, aber bald war sie überwunden. „Er ist mein einziges Kind, er geht dem Tode entgegen", sagte sie, „und doch es »st vielleicht besser, daß er aus diesen Verhältnissen herauskommt; das frohe, frische Kriegs- leben wird ihm wohlthun; er wird jugendliche Ideale und kindische Passionen inmitten eines bewegten Lebens vergessen und bis er heim kommt, ist Leopold von Bernau büraerlich todt erklärt und Alida vielleicht nicht mehr im Hause." Ein bescheidenes Klopfen unterbrach das -Gespräch der Frau von Solmitz mit ihrem Verwalter; auf das „Herein" der Dame trat ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren über die Schwelle. Alida Barfeld, die Waise, die ihre Existenz der Güte der Frau von Solmitz verdankte, in deren Haus sie ein Asyl seit ihrer Kindheit gefunden, war keine Schönheit zu nennen, allein ihre Züge waren von einer Lieblichkeit und Regelmäßigkeit, die ihr hohen Reiz verlieh; ein schlichtes Kleid von lichtblauer Wolle umgab eng ihre schlanken Formen und paßte trefflich zu dem hellblonden Haar des jungen Mädchens, das sie schlecht gescheitelt ohne jeden Schmuck trug. Aber die sonst so hellleuchtenden Augen des Mädchens blickten heute trübe und die Hand, die eben das mitgebrachte Erdbeerenkörbchen auf einen Nebentisch setzte, zitterte merklich. „Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich störe", sagte sie mit weicher, melodischer Stimme, „allein die Unruhe trieb mich hierher, zu Ihnen, der Mutter des Herrn Oscar, die gewiß von gleichen Empfindungen bewegt, wie ich, die mit ihm die frohen Tage der Kindheit getheilt, dir hohe Dankbarkeit an dieses Haus und seine Glieder kettet. Ist es wahr, was sich die Diener erzählen, daß man in jedem Augenblick die Einberufungsordre des Herrn Oscar zu seinem Regiment erwartet?" Die Eutsherrin warf einen fast strengen Blick auf das junge Mädchen. „Auch mir ist eS schon bekannt und so schmerzlich mich die Nachricht trifft, trage ich als Mutter ergeben eine Bestimmung, die ich mit taufenden von Müttern theile und wundere mich, daß Du, mein Kind, eine natürliche Thatsache mit einer Exaltation betrachtest, die man nur der Jugend verzeihen kann." Alida ward bleich, es war dies stets bei ihr das Zeichen innerer Erregung. „Gnädige Frau", sagte sie mit erstickter Stimme, „wenn Herr Oscar ein Unglück träfe, wenn der furchtbare Krieg, der initleidslos dahinschreitet über Herzen und Hoffnungen — " „Herzen, Hoffnungen", — wiederholte Frau von Solmitz noch strenger als zuvor, „ich wüßte nicht, was bei Dir Herz noch Hoffnung zu thun hätte, wenn es sich um Oscar handelt; ich bitte Dich, laß solche Reden nicht wieder laut werden, als hi-r im vertrautesten Kreise, willst Du nicht Dich falschen Deutungen unterworfen sehen. Herz, Hoffnung, was das für Reden im Munde eines jungen Mädchens sind, — ich wette» die Baronesse Ebersdorf, obwohl sie sich durch gegenseitige Uebereinkunft der Eltern als Braut meines Sohnes betrachten darf, würde nicht solche Aeußerungen laut werden lassen, wie sich Alida von Barfeld erlaubt, die ich bitte, nicht zu vergessen, daß sie dem Hause Solmitz eine Fremde war und stets eine Fremde bleiben wird. Doch es wird Zeit, Streland, daß Sie mich in das Archiv begleiten, die Akten über das neuerworbsus Weideland mir zur Einsicht vorzulegen", unterbrach sie sich, das Gespräch wechselnd. „Erwarte mich hier, mein Kind, vielleicht habe ich bei meiner Rückkehr noch mit Dir zu reden." (Fortsetzung folgt.) Einiges von NSrdlingen. (Schluß.) Dieses „vergnügte Zurückkehren" — man weiß nicht von den Todten, oder vorn Berge — wie man auch nicht recht das „sie" und „ihr" versteht — wird wohl deswegen der Fall gewesen lein, weil der Poet noch nicht zu den Todten gehörte, sein Poem aber vergnügt noch forttebt in den Eharteken, was er wohl prophetischen Geistes voraussah. Wir kehren von den Todten und ihrem schönei^Rnhe- platz auch zurück und treten in das neu restanrirte Kirchleiu des Spitals ein, nicht um dessen L-ehens- Würdigkeiten zu bewundern, denn es sind keine da, sondern nur um zu constatiren, daß dieses Kirchleiu den Altkatholiken zur Nutznießung vom Magistrate eingeräumt wurde. Das Kirchleiu der altersschwachen, kranken, presthaftsu Spitaliten! Wohl hat man am Ende vorausgesehen, daß der „neue csttkatholijche" Mann ein Spitalit sei trotz der) ausposaunten Stärke, denn es gibt auch schwindsüchtige auszehrende Leute mit auscheiueud gesundem Aussehen. Daß cher Nordlmger Altka hollcismus sehr kraut im Spitale liegt, beweist die Entbehrlichkeit des Gottesdienstes rc. Bei einem solchen vor Jahr und Tag, lies; sich Einsender berichten, das; ein Dutzend, Mann, Weib, Kind und Kegel mitgerechnet, denselben besuchte. Armer kranker Spitalite! Wir könnten uns kräftigen von diesem Excnrs ui einer der ein Dutzend umfassenden Brauereien, oder in einem der siebenzig Wirthschaften, wir könnten wohl auch das eine oder andere Thor besuche», um Umschau zu halten über die, welche in P-ws oder m beüo durch dicielben eingetreten, wir wollen dies Alles übergehen, da es zu weit sichren wurde.. Eines erübrigt uns noch, nämlich das Rathhaus kurz aus's Korn zu nehmen und den freundlichen Leier auf dessen bedenleiide Sehenswürdigkeiten ausmerksam zn machen. Es ist ein ziemlich weitläufiges hübsch repräsentirendes Gebäude, unten mit verschiedenen Marktläden versehen, gekrönt mit Erker und als lUmie prangt ein Thurm. Eine schöne durchbrochene Treppe sührt uns hinauf und stehen mir oben angelangt vor einer weiblichen Figur, üustiria, genannt, welche so recdt für jedes Ralhhans vorneRn patzt. Das Bild hat die Unterschrift: „Ein Manns red Ein Halbe red Man soll sie Höre» beed. Ferner ist angebracht an demselben die Stelle Nöm. 13: Jederman sei, Unterthon der Oberkait dann sii ist Bon Gott Verordnet, als Gottes Dienerin zur strafs über die so böses thon, und zu schütz der fromen." Eingetreten! durch die Heiligen Hallen, finden wir den schonen, etwas düsteren Sitzungssaal der Väler der Stadt, in welchem über das Wohl und ost auch Wehe der Einzelnen und des Ganzen berathen wird. Wenn so ein alter Rathhaussitzungssaal von mehreren Jahrhunderten sprechen könnte! Zuerst mühten sicher heutzutage die Steuern mit ihren runden und bunten Zahlen ansmar- schiren und der Nördlinger „Bätersaal" könnte wohl ausrufen: „Hätten unsere Ahnen und Urahnen nicht gesorgt durch reiche Stiftungen, durch reiches Spital rc , so müßten wir, die Enkel und Urenkel hundert Prozent Umlage bezahlen, bei der so „theuren Zeit!" Nun andere müssens auch, Einsender dieser Zeilen'kann auch ein Lied mit mehreren Bersen über dieses Kapitel singen, aber trösten wir uiis Alle bei hundert Prozent mit dem Gedanken, es könnten auch hnndcrtein Prozent sein! — Galgentrost kann mancher denken! — Als Zierde des Lmales gewahren mir nebst dem Bilde Sr, Majestät drei Bilder eines Nördlinger Meisters Namens Bolz, darstellend „Tillrfts Verwundung": „Gustav Adolf bei Lätzen" und das Biv „Gustav Adolf bei seinem Einzug in Nördlingen im Jahre 1632." Auf der Hand hat Gustav eine Schwalbe, im Hintergrund sehen wir einen Raubvogel, der die Schwalbe verfolgt hatte und der Schwede soll ausgerufen haben, „auch Du suchst Zuflucht bei mir." Zu ergänzen wird wohl sein: „wie Nördlingen und die ächten Deutschen alle!" Ferner gewahren wir im Saale eine Tafel aus dem Jahre 1571 mit nachstehender herrlicher Inschrift: tzaisguis Lonator Ot'lleü causs. ouriam juzrscksris ^uto boe ostlam privatos aL'sotms oinneo abjioito, Irom vim ocliam amleitürm aclulatiouein raipubl: Kam ut slu8 asguus ant iniguus zucksx kusris: Ita gnugus zuüUinm äsi oxspoetottis st sustiusbls. Eine passendere Inschrift für ein RathhanS, ein passenderes Motto für die Herrn Räthe läßt sich nicht Reicht denken, als diese dreihundertjährige. Wir setzen sie in's Deutsche übersetzt bei: „Trittst Du ein als Nathsherr von Nmlsivegen in den NathhanSsaal, So laß vor der Thüre draußen alle persönlichen Ncgnngen Wie: Ausgcregtsein, Ueberlcgenheit, Feindschaft, Freundschaft, Schmarotzerei oder Schmeichelei, Denn gerade so, wie Du andern gegenüber Richter sein wirst, gerecht oder ungerecht, So wirst Du Gottes Gericht erwarten und über Dich ergehen lassen müssen." Wir steigen in den obern Stock hinauf und werden am Musennisoorplatz angeschaut von den alten Bürgermeistern der Stadt Nördlingen. Kühnen Auges schauen sie herab und ihr Mund scheint sagen zuweilen: „Wanderer steift still lind betrachte uns, die wir All' das, was Du hier schauest und bewunderst, gesammelt haben." Diesen Regenten aus alten Zeiten gegenüber befinden sich mehrere alte Kästen, von welchen einer mit einem mächtigen Mamnthknochen gekrönt ist. Verschiedene Alterthümer ohne besonderen Werth lassen sich hier beschauen. Unter ihnen befindet sich ein sehr großer Wirlhsschild, der früher die Gaslwirschast zum „Kanicel" zierte vulgo Sixen. Es ist ein schönes Schmidewerk und soll ex voto von dem jetzigen Besitzer Beyschlag aufgehängt worden sein. Besagter Herr ist nämlich etwas „Cyprianer", fand aber in Wildbad Heilung, welche nach unserem herzlichen Wunsche recht lange anhalten soll. Zum Dank hiefür soll er seinen Niesenschild dem Museum für ewige Zeiten vermacht haben. Garantie für diese Mittheilung können wir in alkweg nicht gewähren! Zuerst wollen wir uns al - Liebhaber der Malerei in das eigentliche Museum begeben, wo uns prächtige Werke von^Scheiselin und Herlen begegne». Wir schreiben trotz aller neuen Forschung „Scheiselin" und nicht Schenfclin oder Schänselin und berufen uns darauf, daß der Meister an sein größtes Bild, das wir später näher betrachten wollen, seinen Namen in dieser Fntzon geschrieben hat. Scheiselin ist circa 1430 zn Mrnberg geboren und erkangte hier 1515 das Bürgerrecht nebst 42 Gulden für sein größtes Bild. L:eine ineisten Bilder sind hier, etwa circa ein Dutzend. Eines von ihm befindet sich s" Oberdorf, eines im Schloß Enzensberg in Tirol, eines in der Galerie zu Casscl und ein weiteres rn Ahausen. Der Meister starb 1540 dahier und ist an seinem Hanse eine Gedenktafel angebracht. Las schönste Bild Scheiselins in den Räumen, in welchen wir uns eben befinden, ist wohl die Grab«. — 118 — legung Christi mit wundervollem Christuskopf. Der Schmerz in oen Gesichtern der'Aus dem Bilde befindlichen elf Personen kann prägnanter nicht dargestellt werden. In neuester Zeit hat sich dieses Bild besonders des Beisalls jüdischer Frauen zu erfreuen. Das zweitbeste Bild deiselben Meisters ist „ach unserer Ansicht die heil. Elisabeth. Das Gesicht der Heiligen ist wirklich auf das feinste, wenn der Ausdruck erlaubt ist, auf die Leinwand hingegossen. Den zweiten Meister Herlen betreffend ist derselbe höchst wahrscheinlich ein Rothenburger und finden wir ihn bereits im Jahre 1449 als Maler. 1469, nach anderen 1467, wurde er hier Bürger und Stadtmaler, „Dieweil er als ein Meister, der mit niederländischer Arbeit umgehen kann", erprobt wurde. Er starb dahier circa 1560. Seine Hauptwerke befinden sich hier ungefähr in doppelter Anzahl des vorigen Meisters. Zwei seiner Gemälde möchten wir auch bei diesem Künstler pnm» loeo hervorhebe». Für's erste „Die Darstellung Jesu im Tempel" wegen der prachtvollen Perspective. Obwohl wir in einem Tempel sehr gerne das Geschlecht der Viersüßigcn vermissen, möchten wir doch auf das Hündclein, das Herlen auf eben berührtem Bilde angebracht, den Beschauer aufmerksam machen, weil der Kerl gar so natürlich dasteht. Als Weites Hauptbild erwähnen wir die „Verehrung Mariens". Wir gewahren ferner vier Bilder von Sebastian Taig von Nördlinae», einem L-chüler Scheifelins, welcher 1508—1554 abivechselnd sich beschäftigte als „Glaser, Maler, Faßmaler und Ler- golder". Desgleichen finden wir einige Bilder von Jesse Herlen, Enkel des Friedrich Herlen, welcher auch die Außenseite des Rathhauses bemalte (heutzutage davon nichts mehr zu schauen) und dahier am 19. August 1575 gestorben ist. Georg Marcell Haak, ein Bopfinger, geboren 1652 und 1719 dort gestorben, ist ebenfalls mit mehreren Gemälden vertreten, welche die italienische Schule, in der er ausgebildet wurde, verrathen. 1684 erhielt er 36 sl. für ein Meisterstück. Auf ein „jüngstes Gericht" von Herlen machen wir schließlich noch ausmerksam wegen der ganz merkwürdigen Auffassung und Darstellung. Es ist ferner erwähnenswerth, im Museum eine ziemlich ausgedehnte Sammlung Nördlinger Reichsmünzen, sowie die großartige Münzsammlung, welche Eigenthum des Herrn Nector und Archivar Chr. Mayer ist. Dieselbe erstreckt sich von der Zeit Carl des Großen (768—714) über die Zeit der Karolinger, der Sachsen, der Hohenstaufen bis herab auf den Reichsverweser Erzherzog Johann 1848. Hieran schließt sich eine nicht minder große Münzsammlung verschiedener Städte ca. 120 , demselben Herrn gehörig, unter welchen Städten das alte Frankfurt die Hauptrolle fpiclt. Den Herrn Archivar selbst anlangend, so hat er sich die größten Verdienste am Archiv und Museum erworben. Wir glauben noch erwähnen zu sollen eine wunderschön gearbeitete Tausplatte und Kanne dazu von Caspar Ender- lein aus Basel (1634) aus Zinn, auf's feinste cijelirt; mehre Silber-und Goldplatten, verschiedenartigen goldenen Schmuck; das Kleinod der Meistersänger zu Nördlingen; chinesische Arbeiten, Elfenbeinschnitzereien , sowie mehrere sehr alte werthvolle Schilde aus dem Anfang des fünfzehnten und scchs- zehnten Jahrhunderts. Die der Geologie und Geognosie Beflissenen können sich ergötzen an Zähnen und sonstigen Reliquien von vorsündfluthlichen Mamuten, von Niesenhirschen oder von nachsündslnth- lichen Eseln, Pferden, Hyänen, Nashorn, Neun» und Höhlenthieren. Diese Räume verlassend, haben wir noch kurz den weiteren getrennten Saal zu besichtigen, die sogenannte frühere „Bundesstube". Der darin befindliche Hauptschah ist die „Belagerung Bethuliens", oder die „Enthauptung des Holo- ferues durch Judith" von Scheiselin. Das Bild ist auf die Wandfläche selbst gemalt und nach unserer Schätzung ca. 6 H 2 Fuß hoch bei einer fast doppelten Breite. Ein gewaltiges Meisterwerk haben wir vor uns, und trotz der Darstellung eu masso kein quick zwo guo, sondern ein sehr systematisch angelegtes und durchgeführtes Ganze. Der Künstler hat sich ganz an die Darstellung der hl. Schrift gehalten (17. Judith, Cap. 7. ff.). Stolz schreitet die schöne Jüdin durch das Lager und die Zelte hin zu Holosernes, der sie freudig empfängt, stolz verläßt sie nach vollbrachter That mit ihrer Magd das Zelt des Heerführers, um ganz oben durch ein Fenster als „Siegesfahne" den Kopf des Erschlagenen herauszuhängen. Scheiselin selbst hat sein Porträt unten am Bild verewigt und rechts die Worte angebracht: ckobavuos Lebeikelin kivxit TlOXV. In diesem Jahre erhielt er, wie oben bemerkt, für das Bild 42 fl. und das Nördlinger Stadtbürgerrecht. König Ludwig aber hochseluzen Angedenkens der Knnstniäcen soll der Stadt für dieses Bild die gewiß respectabls Summe von 60,000 fl. angeboten haben, ohne es zu erhalten. An Bildern sind noch zu erwähnen 6 Friedrich Herlen; das älteste Bild der Stadt gemacht 1549. An Urkunden, deren Zahl sehr groß, nehme» vermöge ihres Alters hervorragende Stelle» folgende ein: König Heinrich bestätigt eine Schenkung an das Hospital, vom Jahre 1233, bei weitem das älteste und vom großen Stadtbrand übrig gebliebene. Sodann: Das älteste Nördlinger Stadlrecht aus dem Ende des 13. Jahrhunderts; das Todtenbnch des Barfüßer Klosters, 1333 begonnen; Stistungsbrief des Reichen Almosens 1418 mit dem alten Stadtsiegel; eine Bibel von 1462; verschiedene Urkunden aus dem 15. und 16. Jahrhundert; das Meinradibüchleiii vom Jahre 1577, das Blntbnch von 1655. Zu diesem Schauerbnch gehört zudem eine recht „anständige" Sammlung von Folterwerkzeugen „männlichen und weiblichen Geschlechts"; Richtschwerte reihen sich diesen an und den Schluß bildet ein Armensüilderstuhl, worauf »och „wahr- haltige" Blutflecken der darauf Hingerichteten ohne Luppe geschaut werden können. Brrr! An den Wänden herum gewahren wir schön restaurirte alte Epitaphino, die seinerzeit in der Kirche sich befanden, und zum Andenken an die traurigen Kriegszeiten schauen wir „friedlich" aussehende Fahnen, Trommeln, Spieße -c. in großer Anzahl, und dürfte diese traurige Sammlung aus trauriger Zeit ihrcg Abschluß finden in zwei Broden aus Kleie und Leim vom Jahre 1635, welche von Oftersonntag dieses Jahres als traurige „Osterhasen" sür immer hier aufbewahrt werde». Nicht zu übersehen ist die Sammlung versckiedeuer Porzellan- und anderer Krüge und Gesäße, unter welchen ein Maiolcka- Krug mit Bild der Auferstehung Christi den ersten Platz einnehmen dürste. Endlich erwähnen wir eine» Prachtschrank von, Ende des 15. Jahrhunderts; einen Tisch mit !> eingelegten, ausgewgten Phantasiebildern aus dem gleichen Jahrhundert, sowie ein- sehr schöne Zunstlade, gemacht i,n Jahre Ivo l Bevor wir die alte Buudesstube verlassen, sagt uns eine ganz aus Eisen gemachte, im Jahre 1M8 verfertigte Uhr, die heute noch gut geht, daß alte Uhren ohne Garantie mitunter besser find und genauer gehe», als neue mit Garantie, selbstverständlich, ohne irgend einem Uhren« macher neuer und neuester Zeit dadurch näher treten zu wollen. Wir verlasse» das alte Haus der Jnstitia und erwähnen noch das neue Haus der Schranne, welche der zweite Stolz der NördUnger ist, da diese in Berbindnng mit der alten Schranne den Bewohnern der Stadt am meisten „trägt". DaS neue Gebäude ist großartig, und während unten die Bauern und Herren auswendig oder mit Hilfe von Fanllenzern ihre Zahlen hin- und Herwerfen, wird in den oberen geräumigen Schullokalen den Sprößlingen das Einmal Eins beigebracht, damit sie recht praktisch heranwachsen zur Ehre ihrer Vaterstadt. In dieser Halle wurde Anfangs August v. Js. das bayrisch-schwäbische Sängerfest abgehalten. Wir sind, srenndliche Leser! mit unsern Wanderungen durch das alte und neue Nördlingen zu Ende. Da wir aber nicht blaß Alterthümler, sondern auch Menschen und zudem Deutsche sind, als welche wir von Zeit zu Zeit Durst und Hunger haben, so wollen wir bei Korhanuner u. Co. einen „Durcheinander" kosen, uns mit demselben zum „Stadtgretle" oder zur „Lammlijett", oder zum „Sixen" begeben, wenn Du nicht gar Dich „ankern" willst lassen, um dort das köstliche Naß zu verkosten, und mit guten alten deutschen Nördlingern einen Tarrock zu machen und selbstverständlich soeunckum oräiusm mit dem Einsender zu verlieren. Nachdem wir uns auf diese Weise erholt, sagen wir der Metropole des Rieses ein herzliches Valv! mit dem Wunsche sür die Zukunst: bllorsat! Der Eiche,»Kran;. Es steht auf stiller Höhe Ein großes Kreuz von Stein, Dran bängt der Lcidenskönig, Ein Bild von Schmerz und Pein.' Ein Eichbaum hat darüber Gewölbt ein Dach voll Pracht. Dem Bilde wie dem Beter Ein Schirm bei Tag und Nacht. Wetteifernd um die Ehre, Dem .Heiland Schuß zu lcih'n, Verschlingen sich die Acste, Die Zweige groß und klein. Ein Zweig nur hat sich sinnig Besonderen Wuchs erlaubt, Hat sich ans Kreuz gcschmieget Und um das blut'ge Haupt. Es sproßt hervor im Frühling An ihm stets Blatt an Blatt Zum frische», grünen Kranze Dem Haupte bleich und matt. Nie hatte solche Ehre, Wie dieser Zweig, ein Kranz, Und lag er auch auf Häuptern Umstrahlt von Fürstcnglanz. Er welket nicht und schmücket Von Neuem stets den Held, Der ganz sich hat geopfert Zum Heil der armen Welt. Miseellen. (Der Vater —was möglich war, das that er.) Man schreibt der „Presse" aus Paris: „Vater- und Künstlerpflichten an ein und demselben Abend zu erfüllen — das hat dieser Tage hier der Komiker Daubray von, Palais Royal, einer der populärsten ,Pariser Schauspieler, zu Wege gebracht. Mit freudeleuchtendem und weingeröthetem Antlitz erschien Daubray im Frack und weißer Kravatte in der Garderobe. Da seine Schweigsamkeit bekannt, so fragte man ihn nicht nach der Ursache dieses feierlichen Kostümes. Bald jedoch bemerkte der Jnspicient mit Schrecken, daß Daubray, sobald seine Szene auf der Bühne zu Ende war, spurlos vom Theater verschwand und jedesmal erst im letzten Augenblick, wo sein Wiedererscheinen auf den Brettern nöthig war, in den Coulissen auftauchte. In den Zwischenakten wurden diese Absentirungen des genialen Komikers länger und dehnten sich schließlich dermaßen aus, daß vor dem letzten Äkte das Publikum mrt den Füßen zu scharren begann. Jedesmal aber wenn Daubray wiederkehrte, war. sein Gesicht um eine Nuance röther, sein von Natur watschelnder Gang schwankender und in den letzten Szene» lallte er nur noch. Nach der Vorstellung bugsirten seine Kameraden den ivemseligen Komiker in die Garderobe, wo er verzweifelte Anstrengungen machte, in seinen Frack zurück zn gelangen. Was war aber die Ursache seines eigenthümlichen Zustandes? Daubray verheirathete an jenem Tage seine einzige Tochter; in einem benachbarten Restaurant fand das Hochzeitsmahl statt und der pflichteifrige Künstler, der gleichzeitig auch nicht den Brautvater vernachlässigen wollte, benützte jede Gelegenheit, von der Bühns zu desertiren und seinen Gästen zuzutrinken." (Vom alten Dumas.) In Paris erzählt man sich in literarischen Kreisen eins Anekdote, welche Zeugniß ablegt für die große Gutmüthigksit Alexander Dumas, des Vaters, aber auch von dem geradezu verblüffenden Leichtsinne, mit welchem derselbe seinen Namen als Mitarbeiter für Literaturerzeugnisse hergab. Eines Tages kommt sein Freund Mauricc, Verfasser einer Anzahl ziemlich vergessener Theaterstücke und Romans, zu Dumas, vertraut ihm an, daß er sterblich verliebt sei in ein stelbstverfländlich reizendes Mädchen, und daß er heirathen wolle, daß es ihm aber gänzlich an dem dazu erforderlichen Gelde fehle. Dumas, bei welchem wieder einmal Geldebbe herrschte, machte ihn: klar, daß er ihm in diesem Augenblicke nicht helfen könne. „Da irrst Du Dich, lieber Freund!" erwidertMaurice. „Ich habe hier einen Roman mit dem vielversprechenden Titel „Ascnnio." Cadot, der Verleger, gibt mir sofort 40,000 Franks Honorar, sobald Du als Mitverfasser auf dem Titelblatts stehst." „Aber mein Gott, ich habe ja keine Zeile dieses Werkes auch nur gelesen!" „Was kommt es denn darauf an, wenn Du mich rettest?" — Dumas gab seinen Namen her, Maurice erhielt 40,000 Franks von Cadot, heirathsts seine Dulciuea, und der Lohn? So oft sich der glückliche Ehemann später mit seiner Gattin zankte — und das soll öfters vorgekommen sein, — fluchte er Alexander Dumas als dem alleinigen Urheber seines Unglücks. O menschliche Dankbarkeit! (Trauerfarben.) In Italien trauern die Frauen in weißen Kleidern, die Männer in braunen; in China wird Weiß von beiden Geschlechtern getragen. In der Türkei, in Syrien, Kappadocien und Armenien ist Himmelblau die erwählte Trauerfarbe. In Egypten wird Gelbbraun, die Farbe des welken Blattes, als passend erachtet, und in Aethiopien, wo die Menschen schwarz sind, bildet Grau das Emblem der Trauer. Alle diese Farben sind Symbole. Weiß symbolisirt die Reinheit als Attribut des Todten; das Himmelblau soll den Ruheplatz andeuten, wo glückliche Seelen den Frieden finden; das Gelb oder, die Farbe des welken Blattes will sagen, daß der Tod das Ende aller menschlichen Hosfinmg ist, und daß der Mensch fällt, wie das Blatt im Herbste; grau endlich flüstert etwas von der Erde, wohin Alles zurückkehrt. Die Syrier betrachteten das Trauern um einen Todten als eine weibliche Beschäftigung und legten deshalb Frauen- kleider an, wenn sie trauerten. Die Thracier gaben sogar ein Fest, wenn einer ihrer Lieben starb und waren voll Lust und Fröhlichkeit, womit sie andeuten wollten, daß der Verstorbene aus einem Zustande des Elends in jenen der Glückseligkeit Übergängen sei. Schwarz als Farbe des Trauerkleides wurde erst von der Gattin Carl Vlil. von Frankreich eingeführt. Vor ihr trugen die Königinnen von Frankreich Weiß zur Trauer und waren bekannt als „weiße Königinnen." (Zwei Handwerks burschen) bewunderten die Basreliefs an dem Piedestal der Statue des Fürsten Blücher neben dem Opernhause in Berlin. Als sie eben das Bild betrachteten, wo die Siegesgöttin den! Helden einen Lorbeerzweig reicht, äußerte der Eine, auf die Viktoria deutend: „Bei welchem Corps mag denn dieser da stehen, der hat ja Flügel am Leibe!" „Schafskopf! merkst Du denn nischt!" erwiderte der Andere, „der ist ja Blücher'n sein — Flügeladjutant." (Doppelsinnig.) Student: „Guten Morgen, Herr Maier, was wünschen Sie?" — Maier: „Ich komme um mein Geld." — Student: „Aber lieber Mann, den Weg hätten Sie sich ersparen können, — um Ihr Geld wären Sie auch gekommen, wenn Sie nicht gekommen wären." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Ullter^aktungA^Lstt »ur „Augsbllrger Postzeitimg." Nr. 16. Samstag, 24. Februar 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Frau Solmitz neigte grüßend das Haupt und verließ, von dem Verwalter gefolgt, der ihr dienstfertig die Thür öffnete, den Salon, kalt und unbeweglich wie immer. Das junge Mädchen blieb allein,» es war, als ob eine Last von ihrem Busen genommen, auch das Herz hat seine Thränen und sie hatten sie zu ersticken gedroht, nun traten sie ihr in's Auge und schluchzend barg sie das Antlitz in den Händen. „Ja, eine Fremde", sagte sie im halblauten Selbstgespräch, „eine aus Mitleid Geduldete, einer Bettlerin Kind, das eine Laune aus dem Nichts erhob, eine Laune in das Nichts zurückschleudern kann. Warum, stolze, kalte Frau, ließest Du, die mir Meister gab, meine Fähigkeiten zu bilden, daß das Schaustück Deiner Großherzigkeit Dir Ehre mache, mich nicht unterweisen, zugleich Herz und Sinn zu tödten, warum, selbst empfindungslos, unbewegt, wo des Krieges blutige Sichel das Haupt des Sohnes bedroht, ersticktest Du nicht in mir jedes Gefühl? Nun ist's zu spät. Ich habe ja keinen, keinen als mich selbst, ein unerfahrenes Mädchenherz, das mich führt, mich leitet, und ach, das Herz ist ein trügerischer Pilot auf des Daseins sturmbewegten Wellen, und selbst die letzte Zuflucht hat keinen Trost für mich, das letzte theure Vermächtniß, das Du, verklärte Mutter, in des Kindes Hand drücktest, und das ich wie ein Heiligthum barg, die Zuflucht, in der ich sonst Stärke fand und süßen Frieden. Sie zog ein schlichtes, goldenes Medaillon hervor; der Glanz des Metalls war verblichen, vielleicht war es eine Wirkung der zahllosen Thränen, die darüber geweint. Der Druck einer Feder öffnete die Kapsel und wies zwei Miniaturbilder, die Portraits einer jungen Frau, von hoher Schönheit und das eines stattlichen Mannes mit dunklem Haar und Bart und großen leuchtenden Augen. Sie drückte die Bilder an ihre Lippen. „Ihr habt es gehört", sagte sie leise, „eine Fremde — eine Fremde in diesem Hause nennt mich die Mutter Oscars — o gebt mir eine Heimath, laßt mich die Eure theilen, daß es still werde, still und friedlich i» dieser sturmbewegten Seele." „Alida!" Eine jugendsrische Mannesstimme klang von der Schwelle des Salons her und ließ das junge Mädchen erzittern. Von ihr unbemerkt war Oscar von Solmitz eingetreten, ein stattlicher, junger Mann mit feinen weichem Antlitz, das fast eine allzu- große Willenlosigkeit verrieth und durch den Mangel an energischem Ausdruck verlor. „Alida!" wiederholte er, „gelten diese Thränen mir, liebes Mädchen?". Die Waise suchte sich zu fassen. „Sie haben mich überrascht, Oscar", erwiderte sie, „Sie wissen, ich hüte meine Thränen, die Schmerzensperlen der Seele, wie ein Geiziger sein Schatzkästlein. Allein da sie Ihnen nicht entgingen, so will'ich Ihre Frage beantworten: sie gelten der Zukunft." Der Zukunft? Eine mystische Antwort, dunkel und bedeutungsvoll, wie der Schleier, 122 der die räthselhaste Göttin selber deckt, hinter ihm sehe ich den Lorbeer des Helden mir winken, durchflochten von der Liebe Myrthe, aber das grüne Reis ist blutbespritzt und das holde Bild wandelt sich in einem Augenblick zum Todrenkranz des Kriegsopfers." „Alida!" der Zukunft gelten Deine Tränen — weißt Du, daß ich in jedem Augenblicke zu meinem Regiment berufen werden kann, um gegen Frankreich in's Feld zu ziehen?" „Ich weiß es und flüchtete zu Ihrer Mutter, Oscar, und hoffte bei ihr ein Echo des Schmerzes zu finden, der meine Seele durchzittert — wo ist der Mosisstab, der die Brust Herminens von Solmitz dem Gefühl erschließt — ich schlug an Marmor. Und es ist doch Ihre Mutter, Oscar." „Vermag ich das Mutterherz nicht zu erwärmen: die holdeste, die reinste Liebe habe ich mir errungen, die Liebe, die für mich sorgt, die für mich betet. Alida, einem ungewissen Loose, dem Loofe des Soldaten ziehe ich entgegen, bange Ahnungen beklemmen meine Brust, aber eine Gewißheit will ich mit hinausnehmen in's Feld der Ehre, die Gewißheit, daß Du mir einst gehören sollst. Noch heute rede ich mit meiner Mutter." Alida schrack zusammen. „O nimmer, Oscar, nimmer, meinst Du denn. Hermine von Solmitz, die scharfblickende, seclenkundige Frau las nicht seit geraumer Zeit in unseren Herzen? Daher ihre Kälte, daher ihre Schroffheit gegen mich, daher ihre Ruhe, wo mein Herz aufschreien möchte — nein, nicht mein Herz — denn ihre eigenen Worte waren's ja: die Fremde, die aus Mitleid aufgenommene Fremde hat nicht Herz noch Hoffnung an dieses Haus zu hängen." „Eine Fremde Du? O niemals." Sanft umfaßte sie der kräftige Arm des jungen Mannes und zog sie an das Fenster. „Blicke in den Garten, Alida", fuhr er fort, „erkennst Du jene Linde, die wir einst als Kinder gepflanzt und an der wir den ersten Schwur treuer Neigung getauscht? Mächtig strebt sie empor, wie ein theueres Kleinod bewachte ich ihr Gedeihen. „Wie sie aus zartem Sprößling emporwuchs, den Stürmen trotzend und den Jahren so soll auch unser Bunnd sich festen und grünen wie diese Linde, daß sein Schatten noch Enkeln Segen spende." Alida schüttelte das Haupt. „Nicht so, Oscar", sagte sie; „wie theuer, wie lieb S'e mir sind, brauche ich es Ihnen zu verhehlen? Und doch, es gibt noch ein holdes, liebliches Wesen, das mit mir Ihr Herz theilt, und Sie vielleicht glücklicher machen wird, als ich, die arme Waise. Sie sind jung wie ich, Oscar — lassen Sie die Zeit walten und entscheiden." „Was brauche ich Zeit", rief Oscar stürmisch, „hold und gut ist Fanny, aber Alida, der erste Name, den mein Mund mit treuer Neigung nannte, Alida heiße einst meine Brant, meine Gattin." Für einen Augenblick vergaß das junge Mädchen ihre Selbstbeherrschung. Sie blickte in Oscars treue Augen und wie ein süßer Traum von glücklicher Zukunft zog es durch ihre Seele. Ach, schon schreckte sie die Wirklichkeit jäh und rauh empor, denn eine Seiten- portiere theilend, erschien die hohe Gestalt der Gutsherrin im Salon. „Oscar", sagte sie und nichts weiter. Aber für den, der Frau von Solmitz und ihr Wesen konnte, mußte das eine Wort genügen, die Bedeutung zu ermessen die ihm sich aussprach. Aber Oscar, der sonst so gefügige Sohn, auf dessen Seele die erfahrene Mutter spielte, wie eine Meisterin auf wohlbekanntem Instrument, ließ sich heute nicht schrecken; zu mächtig war die Erregung des Augenblicks; fast zu Frau von Solmitz Füße» sinkend, rief er flehend: „Mutter, ich liebe sie, gib sie mir zum Weibe l" Kalt trat die Gutsherrin zurück. „Steh' auf, Oscar", erwiderte sie, „Du weißt, ich liebe keine Sentimentalität, noch 123 überschwengliche Familienscencn, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß ein Verhältniß, das sich wir als bloße Vermuthung aufdrängte, an das ich nicht glauben konnte, ohne zugleich ein Wesen, das Alles meiner Güte dankt, des schändlichsten Verraths, des bittersten Undanks zu zeihen, schon so weit gediehen sei — ich hätte längst das entschiedene Wort gesprochen, das ich Dir heute zurufe, Dir, dem Sprossen eines adeligen Geschlechts, das kein trüber Flecken belastet und dieses Wort heißt — nein!" „Mutter! Du bist grausam, wiegen nicht Alidens Eigenschaften, ihre Sanftmuth, ihre Güte, tausend Ahnen auf? Mutter, ich beschwöre Dich, sei mild, sei gut, bedenke, daß in jedem Augenblick die Botschaft auf Solmitz eintreffen kann, die eine Todesbotschast für Deinen Sohn bedeutet." Zitternd hatte Alida der Verhandlung zwischen Mutter und Sohn beigewohnt, sie hotte den Fuß erhoben, das Zimmer geräuschlos zu verlassen und doch war es ihr, als müsse sie bleiben, als flöße ihre Anwesenheit dem jungen Manne höhere Kraft und Vertrauen ein. Auf sie fiel jetzt Frau von Solmitz's Blick. „Bleiben Sie!" befahl sie kurz, „ich, habe mit Ihnen zu verhandeln, um ähnlichen Scenen vorzubeugen, wie die jüngst erlebten, deren Wiederkehr n eine Gesundheit schwer zu widerstehen vermag; ich hoffe, Sie, in deren Adern kein Nitterblut fließt, die proletarische Grundsätze mit der Muttermilch eingesogen, werden vcm praktischeren Standpunkt aus mit sich reden lassen, mehr als mein excentrischer Sohn, denn, nicht wahr, das Praktische ist doch immer die Hauptsache?" „Mutter!" schrie Oscar auf, „nimm dies Wort zurück; fleckenlos nanntest Du den Adel der Solmitz; wenn es wahr ist, dann, bei Gott, dankt seine Ehre den ersten Flecken Deiner scharfen Zunge." Frau von Solmitz preßte die Lippen zusammen; sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war, aber sie schwieg, denn nun ergriff Alida das Wort. „Sie haben Recht, gnädige Frau" sagte sie ruhig, nur die Blässe ihrer Züge legte von der Aufregung ihres Innern Zeugniß ab, „undankbar, verrätherisch ist Alida Barfeld, ich hätte ein Haus meiden sollen, in das meine Gegenwart Unfrieden zu säen drohte, ich hätte mich Ihnen offenbaren müssen, aber die Scheu hielt meine Zunge gefesselt, wie das Grab meiner armen Mutter den Fuß; und dann — o nach Theilnahme dürstete meine Seele, uns nach dem Thau die jungen Pflanze lechzt; Sie gaben mir alles, alles — nur nicht Liebe, nur nicht Vertrauen, — fremd stand ich all in; sollte ich die eine Seele, die sich der meinen sympathisch nahte, fragen, wie ein Zöllner nach Paß und Form? Ich flog ihr entgegen — verständnißinnig, denn ich verstand, daß der Obulus. mit dem ich sie erkaufen durste, Entsagung hieß." Frau von Solmitz lachte auf. „Nennen Sie Entsagung die Situation, in der ich Sie überraschte?" rief sie, „fürwahr, wenn Sie die Liebe vergeblich gesucht, die Sophistik haben Sie reichlich gefunden." Der Eintritt des alten Dieners unterbrach die Familienscene. „Gnädige Frau", sagte er, „unten ist Paul Halsen, der jüngst einberufene Müllers- sohn, er bringt eine Depesche und einen Brief aus der Stadt, ich glaube, eS ist die Einberufungsordre." Der Alte wandte sich ab, die Rührung zu verbergen, die ihn zu übermannen drohte. Frau von Solmitz ergriff die günstige Gelegenheit, dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen. „Paul Halsen soll herauf kommen", befahl sie. Wenige Augenblicke später erschien ein junger, kräftiger Soldat im Salon, es war ^r Sohn oes Solmitzer Mühlenbesitzers, der in demselben Regiment mit dem Sohn der Gutsherr!» stand und Oscar treu ergeben war. „Ich komme als Ordonnanz", sagte er, keineswegs durch die aristokratische Umgebung eingeschüchtert, sich vor der gestrengen Frau verbeugend; „hier ist die Einberufungsordre für unseren jungen gnädigen Herrn und ein Brief des Oberiieutenants von 124 Alten. Es wird Ernst, gnädiger Herr, das wird ein ander Ding, als unsere Manöver, trotz allem Pulverdampf und Hurrahgeschrei, daß die Erde bebte." Oscar hatte das amtliche Schreiben erbrochen, jetzt reichte er es seiner Mutter, während er selbst den zweiten Brief erbrach. Frau von Solmitz konnte, wo nun die Wirklichkeit an sie herantrat, doch eine leichte Bewegung nicht verbergen, als ihre Augen die verhängnißvolle Ordre durchflogen, die ihren einzigen Sohn mit dem frühesten des nächsten Morgens zur Einstellung bei seinem Regiment beschiel». Derselbe sollte sich sofort zum Abmarsch nach dem muthmaßlichen Schauplatz des Krieges bereit halten. Die Mutter trat zu Oscar und drückte einen Kuß auf ihres Sohnes Stirn. »Das Mutterherz muß schweigen, weiln das Vaterland ruft", sagte sie, „ich werde für Dich beten, Oscar, möge der Herr Dich behüten und mit Dir sein. Ich aber will wenigstens thun, ivas in meinen Kräften steht, für Dein leibliches Wohl zu sorgen, soviel es mir in den wenigen Stunden möglich ist, die mir dazu vergönnt sind." „Alida", fuhr sie fort, sich an das junge Mädchen wendend» und herzlicher als vorher klang ihr Ton, „das Schicksal selbst hat die Rolls des Vermittlers im peinlichen Dilemma übernommen, wir haben jetzt Zeit, friedlich zu lösen, was im Sturme zu brechen drohte, denken wir heute an nichts Weiteres, als an die Ausrüstung des Scheidenden." Sie winkte dem jungen Mädchen, ihr zu folgen, allein des Sohnes Hand hielt sie zurück. — Dann wandte Oscar sich zu Paul. „Du wirst, wie ich hoffe, stets als mein Diener mir zur Seite bleiben", sagte er herzlich, „wir waren immer gute Kameraden, wir werden es auch ferner sein; nun gehe und stärke Dich, ehe Du zur Stadt heimkehrst und dem Lieutenant von Alten die Antwort auf seinem Brief überbringst." Treuherzig reichte der Soldat dem jungen Gutsherrn die braune Rechte. „Sie sollen auf Paul Halsen zählen dürfen, wie einst in der Jugendzeit; in Noth und Tod der Ihre, junger, gnädiger Herr." Er entfernte sich und als hinter ihm die Thüre geschlossen, verschwand das Lächeln von Oscars Lippen. „Vergönne mir noch einige Worte, Mutter", sagte er; „dieser Bries des Lieutenants von Alten kündigt mir an, daß er militärischer Zwecke halber einige Zeit in dieser Gegend verweilen muß und Solmitz, als Mittelpunkt des ländlichen Kreises, zu seinein Aufenthalte ersehen hat; ich glaube, ivir können nicht umhin, obwohl ich ihm sonst ziemlich fern gestanden, ihm eine Wohnung im Schlosse anzubieten." „Die ich ihm gern zur Verfügung stelle", entgegnete die Gutsherrin, „wenn Herr von Alten wie ich hoffe, von guter Familie und gutem Leumund." „Er ist aus gutem Hause und ihn schlechter Sitten zeihen, hieße Verleumdung, und doch — ich wollte, es gäbe ein Mittel, diesen Besuch abzuwenden, da ich fern sein muß." Er fuhr sich über die Stirn, als wolle er die bösen Gedanken verjagen. „Ist das alles, Oscar?" fragte Frau von Solmitz sichtlich ungeduldig. „Du solltest doch Deine Mutter kennen, daß sie sich selber genug ist, ihr Recht und die Achtung zu bewahren, die man ihr und ihrein Hause schuldig ist. Du aber, mein Sohn, hast noch eine unerläßliche Pflicht vor Deinein Scheiden zu erfüllen, den Abschiedsbesuch auf Schloß Ebersdorf." Heller leuchteten die Augen Oscar's auf. „Freilich", sagte er, „will ich nach Ebersdorf; es ist ein schmerzlicher Gang uird schwer ivird es mir iverden, daran zu denken, die Gegenwart der anmuthigen Baronesse Fanny zu entbehren, die ich verehre wie einen Engel des Friedens. Ihre Wünsche sollen das Geleit des Scheidenden sein." „Du aber, Mutter, versage mir eine Bitte nicht, es ist vielleicht die letzte, die Dein Sohn an Dich richtet. Vergebens, ich kenne Dich und Deinen Sinn, ist es, an Dein Herz zu appelliren, und Dein Nein ist ein Fels, an dem die Hoffnung scheitert, die ihn — 125 so gerne im Sturms sprengen möchte. Aber selbst den Felsen untergräbt die Zeit, ich will denken, daß sie Deinen Sinn mildert, und ihr, der versöhnenden das Geschick meiner Liebe überlassen. Vielleicht kehre ich auch nimmer wieder heim, aber laß mich nicht hinaus ziehen, zu loosen mit des Todes blutigen Würfeln, den Alp auf der Brust, der mich verfolgen würde wie ein Dämon, daß Du Aliden das Asyl raubst, das Du ihr auf« gethan, die Stätte, wo unsere Jugend verstrich. Versprich nur, bis ich heimkehre, Alida nicht aus unserem Hause zu entfernen uud Du, Alida, versprich mir, auszuharren bis zu meiner Rückkehr und eine Stütze meiner Mutter zu sein, wie Du es warst bisher.« Einen Angenbiick lang zögerte Frau von Solmitz mit der Antwort, dann aber brach doch das Gefühl der Mutter siegreich durch alle Bedenken. „Ich verspreche es Dir; so lange Alida von Barfeld nicht vergißt, daß Ehre und Anstand die Grundpfeiler des Hauses von Solmitz, soll sie bei mir bleiben und müßte ich sie von dieser Stätte weisen, so geschehe es nicht eher, als bis Du selber damit einverstanden. Bist Du zufrieden, Oscar? Du weiht, Deiner Mutter Wort ist heilig." Der leicht erregte junge Mann schloß Frau von Solmitz in seine Arme. Sein leichtes Naturel ließ ihn nur in Idealen leben und ein Lichtstrahl dünkte ihm schon eine Flamme, die ihm Wärme spenden konnte. „Und Tu, Alida?" fragte er dann, seinen Blick auf das Mädchen richtend. Schweigend reichte Alida ihm die Hand; ihr Auge sprach, es sprach der leise Druck. „Wie glücklich macht Ihr michi« rief Oscar; „nun weiß ich, daß Ihr vereint meiner gedenkt und dort unten die Linde, mein Liebling, wird den Winden Eure Gedanken, Eure Wünsche zurauschen, daß sie nur Grüße hinübertragen in's ferne Feindesland. Euch aber empfehle ich mei'nen lieben Pflegling; er sei Vermittler zwischen mir und Euch. Und n enn er, der jetzt dasteht, prangend in üppiger Jugendkraft, verdorren sollte, von des Sturmes Hand getroffen, so denket, daß mich mein Geschick ereilt, und eint Eure Gebete für meiner Seele Frieden." Frau von Solmitz schüttelte leicht das Haupt, ihres Sohnes Sentimentalität be» rührte siicht ihr Herz, sie hatte kein Verständniß dafür. Doch hielt sie jede Aeußerung darüber zurück und begnügte sich damit, zu erwidern: „Dein Pflegling wird ferner blühen und gedeihen wie bisher, der Solmitz'sche Grund ist guter Boden, und Du selber Oscar, wirst heimkehren frisch und blühend wie Du ausgezogen, gereift an Körper und an Geist. Doch nun", fuhr rasch sie fort, als wolle sie den Eindruck der letzten Bemerkung verwischen, ist es für Dich die höchste Zeit, wenn Du noch zu den Ebersdorfern willst. Alida und ich wollen indessen die bsscheioene Aussteuer des Kriegers besorgen." (Fortsetzung folgt.) Zrrr Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichn er. II. Schulkomödien und Studentenspiele. „Meistersinger" und „Schulmeister" standen von je sich feindlich gegenüber, und zwar naturgemäß: aus Concurrenz-, aus Brodneid. Es ist bereits aus diese Feindschaf, hingewiesen worden, und zwar in Bezug auf die stete Fehde um ein passendes Lokalt allein die Concurrenz ging noch viel weiter, denn es handelte sich um mehr, als um einen Streit wegen des Spiel-Raumes. Die „Schulmeister" waren eben überhaupt von Anbeginn die Rivalen der Meistersinger im gewissen Sinn gewesen, indem die Letztern sich, z. B. seiner Zeit, als sie noch zum Neben-Erwerbzweig Gesangunterricht ertheilten, bitter darüber beklagten, daß die „Schulmeister" ihnen diesen Erwerb durch Eoncurrenz verkürzten. Bon damals her also datirte bereits die Nebenbuhlerschaft, und reicht somit sehr weit zurück in Zeiten, wo eigentliches Theater noch gar nicht stattfand. Als später dann 126 die Meistersinger-Zunft — im Jahre 1540 — ihr erstes Stück in der St. Martinsschule, nach erhaltener hoher, obrigkeitlicher Erlaubniß, zur Aufführung gebracht, ließ sehr bald der jung aufkeimende Ruhm der Meistersinger den „Schulmeistern" offenbar keine Ruhe, — wenigstens fingen sie schleunigst auch an, selbst Komödien zu dichten, und mit ihren Cchulknaben zur Aufführung zu bringen, obschon es nicht an einsichtsvollen Gemüthern fehlte, die da meinten, daß diese Komödienspiclerei der Schule just nicht zu Nutz und Frommen wäre. So erhielt z. B. im Jahre 1549 der deutsche Schulhalier Kaspar Brunnenmaier die Erlaubniß zuertheilt — sehr zum Schmerz der Meistersinger — mit seinen Knaben „zu einer Uebung und Anreiznng guter Sitten" eine Komödie aufzuführen. — Diese Komödie: „Von der Susanne" betitelt, war die erste „Schul-Komödie" in Augsburg, (die einst im Mittelalter schon in Klosterschulsn stattgehabten Spiele waren — doch sehr anderer Art —) und der Anfang einer neuen Reihe von Feindseligkeiten zwischen Meistersingern und Schulmeistern. Zuweilen geschah es auch sogar, daß im eigenen Lager Verrath lauerte, indem es z. B. vorkam, daß auch „Singer" selbst mit zu den Feinden halfen, und gegen die eigene Zunft „agirten", wenn sie unzufrieden mit ihre» Rollen oder Einnahmen rc. waren, in Folge dessen die Meistersinger sich genöthigt sahen, nimo 1614 ihren Statuten die besondere Bemerkung anzufügen, daß es keinem Meistersinger gestattet sei, in den Schul- komödien der Schulhalier mitzuwi.ken. — Dazu gesellte sich der fortwährende Kampf um das Komödien-Lokal. Aus dem ehemaligen St. Mnrtinskloster hatten die bösen „Schulmeister" die armen Meistersinger schon verdrängt; — kaum aber waren diese mit ihren Komödien nach erhaltener Bewilligung in's „neue Tanzhaus" übersiedelt, als auch die Schulmeister flugs wieder da waren, lind auch ihrerseits Anspruch auf das neue Lokal erhoben, um ihre: „Lustige Tragödie von der Zerstörung der Stadt Troja" dortselbst darzustellen. So spielten dann die Schulhalter mit ihren Eleinentarschülern gegen Eintrittsgeld mit den Meistersingern um die Wette» — aber das war noch nicht Alles! — Auch die Studienanstalten begannen im 16. Jahrhundert ihre „Schul- und Erziehungsspiele", welche — als etwas Neues — vielen Beifall fanden. Diese „Studenten-Komödien" wurden durch einen geborenen Angsburger: stüstus Wirk, in Augsburg eingeführt. Als 1531 das Karmelitenkloster zu St. Anna zur ersten Lateinschule eingerichtet wurde, berief man ihn — 1536 — von der Schule zu Basel und dem dortigen Lchrerposten als Rektor in seine Vaterstadt zurück. In Basel hatte er derartige Spiele schon geleitet, und als nun im Jahre 1538 auch an der Schule von St. Anna die erste Studenten-Komödie unter dem Tirel: „I-no-noisi.-," zur Aufführung gelangte, war der Beifall schon deshalb, weil die Sache etwas Neues war, ein so allgemeiner, daß die neue Schule von St. Anna sehr schnell davur h zu' Ehren kam- Zuerst wurden diese Spiele oder „Uebungen" in einem Saal des Klosters, oder auch im „Ballhaus" abgehalten, das heißt, in einem Hause, welches ausschließlich zum Zwecke des in jener Zeit sehp beliebten und gebräuchlichen Ballspiels erbaut worden war, und zwar erhielt der Rektor Zsistus Birk für solche Darstellungen ein Geschenk von 2 Fl., während die Schüler mitsammen 6 Fl. bekamen. Seine Dramen sind meist in der Sammlung der »Orunmlu -märn" — 1547 in Straßburg erschienen — enthalten; — übrigens ging sein Werk nicht mit ihm zu Grabe. Auch sein Nachfolger im Amt brachte unter Anderem eine „Tragödie: „Von der Enthauptung Johanni's" zur Aufführung. — Als das Ballhaus abgebrochen, und statt dessen 1562 und 1563 die Stadtbibliothek erbaut wurde, spielte man die Studenten-Komödien sogar auf einem eigenen, kleinen Theater, welches in einem unter der Bibliothek gelegenen Saale sich befirnd. — Durch zwei Jahrhunderte — bis zum Jahre 1737 — erhielten diese Spiele in St. Anna sich; — das zweihundert- jährige Jubiläum der Lateinschule wurde noch feierlich von dem derzeitigen Rektor Crophius mit seinen Schülern begangen, nachdem er im Jahre 1726 das neu eingerichtete 127 Theater durch eine von ihm selbst verfaßte Tragödie mit Chören und Tänzen betitelt: „Syphax und Sophonisle", eröffnet hatte; — wenige Jahre darauf — im Jahre 1737 — verschwanden indessen die Stude ten-Komödien von St. Anna gänzlich, welche einstmals soviel Aufsehe» erregt und soviel Glück gemacht hatten. — Länger erhielten sie sich dagegen am Jesuiten-Gymnasium zu St. Salvator, errichtet 1579 mit Beihilfe der Fugger von den Jesuiten, welche schon früher in München sehr glänzend ausgestattete Schülerspiele gegeben hatten, und nun derartige in Augsburg darstellten. Es waren dies die sogenannten „Imäi uutumnules", welche jedes Mal zu Schluß des Schuljahres stattfanden, und die sogar in den Jahren 1618 bis 48, als der 30jührige Krieg seine Geißel über Deutschland schwang, nicht lange stockten. Ueber die Art dieser Aufführungen berichtet eine erhalten gebliebene, mit dem Jahre 1614 beginnende Sammlung der „IMo-xceiu " (Programme, Textbücher), der verschiedenen Stücke, welche die Studenten, die natürlich auch die Damenrollen spielen mußten, in lateinischer Sprache aufführten,'womit auch gleichzeitig die Bertheilung der Preise verbunden war; — für die des Lateinischen nicht mächtigen Zuschauer waren die hauptsächlichsten Details des Stückes in dem Ist'oopaotus deutsch enthalten. Die Stoffe dieser Spiele pflegten der biblischen Geschichte oder Legende entnommen zu sein, und bestanden z. B. aus einem „fröhlichen Schawspiel" oder einem „Trauer-, Freuden-Spihle" in drei oder fünf Aufzügen, — gewöhnlich niit einem musikalischen Prolog beginnend, und in den Zwischenakten durch einen moralisirenden Chor fortgesetzt. Auch diese Solo- und Chorgesänge führten die Studenten selbst aus, komponirten sie sogar theilweise selber. — Außer den religiös gehaltenen Siücke», brachte man aber auch symbolische Stücke zur Darstellung: „Moralitäten" genannt, welche schon früher außer geistlichen Schauspielen in Frankreich, England, Italien z. B. schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts Sitte waren. — Zum Unterschied mit den „Mysterien" (geistlichen Schauspielen) besaßen sie keine biblische Grundlage, sondern brachten irgend eine bestimmte Moral zur Anschauung, in welcher Tugenden und Laster persönlich auftraten, und in Gesellschaft griechischer Götter „agirten." — So wurde z. B. im Jahre 1660 ein solches symbolisches Stück zur Aufführung gebracht, d. h. „auf frewdiger Schawbine gesangs- weise eröffnet ; — Kupido und Diana traten darin neben Christus auf, welcher die sieben Todsünden und die höllischen Schaaren des Pluto besiegte. Bis sie ein eigenes Theater besaßen, spielten die Studenten diese Komödien in der Kirche von St Salvator oder im Saal des Klosters; auch wurde öfter vor hohen Gästen geistlichen und fürstlichen Standes gespielt. Auch „Fastnachtsspiele" wurden aufgeführt, z. B. zu Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts» — Im Allgemeinen gab man die Stücke dreimal. Das erste Mal gewöhnlich allein für Frauen, und die folgenden Male allein für die Männer; — später — vor 1736 — sogar nur noch vor Männern. Im Jahre 1712 bot die große Jubiläumsfeier des ViSthumspatrons von St. Ulrich den Studenten Veranlassung' ein großes Schauspiel: „Der heilige Ulrich" betitelt, zur Darstellung zu bringen; — nach und nach aber begannen die dargestellten Stücke mehr und mehr dem Zeitgeschmack,' dem veränderten, des Publikums sich anzupassen, — so trat die Legende und die lateinische Sprache fast ganz in den Hintergrund und historische Stoffe, in deutscher Sprache aufgeführt, »ahmen den Vorrang ein. Auch das Ballet begann eine Art von Rolle dabei zu spielen, nachdem durch wandernde Truppen Pantomime und Ballet bekannt geworden waren, und so finden wir den» bereits im Jahre 1713 14 Tänzer erwähnt, und 1715 gar die Zahl 34, nebst einem Vortänzer angegeben, aus dem Jahre 1718 aber die folgende Anmerkung in lateinischer Sprache: „ Der ehren- geachtete Herr Johann Georg Krauß, Magister der Tanzkunst, studirte die Tänze den Edeln ein." — Im Jahre 1739 wurde bann, auf Kosten der Stadt, ein eigenes Theater, der Krrche von St. Salvator gegenüber für diese Studentenspiele gebaut, das 1743 feierlich 128 mit einem Prolog eröffnet wurde ^in welchem — außer Apollo und Orpheus — Vitru- vius der Baumeister und Apclles der Maler auftraten, welche der Stadt „Augspurg" das neue Theater präsentirten, während Apollo auf das bevorstehende „Spill" hinwies, und Orpheus in schönen Worten pflichtschuldigst „vor das neu Gebäu" den Dank auS- sprach. Diese»! Prologe folgte die deutsche Tragödie: „Absalon", über welche am besten der damals verfaßte und gedruckte „l'ropxvLtua" selbst Auskunft ertheilt, welcher lautete wie folgt: „Gleichwie nun einem Hochedlen und Hochweisen Magistrat allhiesiger Freyen Stadt Augspurg gnädig beliebet hat, so herrliches Gebäu der Studirenden Jugend zu ewigem Nutzen mit großen Kosten aufzuführen, und man nunmehr das Erstemal auf der Neuerbauten Schaubühne ein Trauerspill vorstellet, wird zu nehreren Erläutherung gegenwärtigen Vorhabens undieniich sein, eine kurze Beschreibung des Dorgerüstes (vorderer Theil der Bühne und Vorhang) allhier beizusetzen. — Es stellet dasselbe in der Mitte vor „die göttliche Vorsichtigkeit", welche nach Zeugnuß Heiliger Schrift auf der Erden spillet; indem sie die Fromme manchesmal drucken lasset, hienach erhöchet: die Gottlose auf einige Zeit beglücket, gar bald aber umb so tieffer stürtzet, je höchere Stupfen Sie zuvor erstiegen. Beydes erhellet auß dem Beyspill des frommen Egyptischen Joseph und gottlosen Absalon, welche ebenfalls in dem Gemähl nebst der Göttlichen Vorsichtigkeit erscheinen. Ersterer zwar, wie er von seinen Brüdern unschuldig verfolgett, von 60NP endlich zu sehr hochen Würden erhoben wird. Der Letztere aber, wie Er Anfangs Sich für einen König aufivurffet, jedoch gar bald zu verdienter Straff an einem Eichbaum elendiglich hangen bleibet." — Es ist bereits erwähnt, daß auch Tänzer verwendet worden waren, — seit dem Jahre 1744 fanden sich dann auch noch „Oäackiatoien" bei diesen Spielen ein, welche ein Fechtmeister einschulte. — So gewannen diese Studenten-Komödien immer mehr an Reiz und Ausstattung für das schaulustige Publikum. Bemerkens werth ist noch, daß, wie im Jahre 1770 die später so unglückliche Königin von Frankreich, Marie Antoiuctle, als Braut des Dauphins, von Wien nach Paris ihrem tragischen Schicksal entgegeneilte, damals bei ihrer Durchreise in Augsburg, die Studenten ihr zu Ehren eine Komödie aufführten, und zwar: „Die drei Sultaninnen" von Voltaire. — Bis zu Anfang unseres Jahrhunderts währten sie, diese Studentenspiele (trotzdem man ihr Schauspielhaus während des Krieges — in den Jahren 1796—1800 — wiederholt als Militärmagazin verwendete), — bis zum Herbste 1805. Von da ab wurden sie verböte», und die Preisausthcilungen für die Studenten mußten fortan im Jesuitensaale — anstatt aus der Bühne — vertheilt werden; ihr einstiges Theater aber verwandelte sich in — die Militär-Reitschule!" — Es hat nicht sollen sein. , So Manches will sich sägen nicht im Leben. Was oft voll Nutzen scheint und auch so klein; Jedoch ein mächtig undurchdringlich Weben, Spricht ojt so klar: es hat nicht sollen sein! So Mancher stand schon nah' an seinem Ziele, Ein Windeshauch — vom Felsen fällt der Stein, Tie Lull stand still, es schien wie Lodteustille; Es kam die Zeit und sprach: noch hats nicht sollen sein! Doch wenn oft jedes Hoffen wollt verzagen Fügt Alles sich, wie durch der Sonne Schein, Dein Herzen bleiben dann nicht mehr so viele Fragen, Null Dank spricht es: Nun hat es sollen sein! 17 V. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lit.erariich.en ^nstituiZ von vr. Map Hniiler. zur „Ängslmrger postMimg." Nr. 17. Mittwoch, 29. Februar 1883 Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Einige Wochen waren verstrichen, seit Oscar von Solmitz das Gut der Mutter verlasse», um sich der glorreichen Siegesbahn des deutschen Heeres anzuschließen; still war , es auf der Besitzung und im Dorfe Solmitz geworden» denn wie die Gutsherrin, hatten auch viele Mütter im Dorfe ihren Söhnen das Geleit gegeben zum Auszug auf daS Feld der Ehre, wo das Vaterland seine Kinder heischt! Nur die Ankunft der Depeschen vom Kriegsschauplatz verfehlten nicht, aufregend die Einförmigkeit der Tage zu unterbrechen und Frau von Solmitz sorgte dafür, daß die Nachrichten stets rasch unter den Gutsangehörigen verbreitet wurden, es schien überhaupt, als wolle, seit ihres Sohnes Entfernung, die sonst so strenge, unnahbare Frau den Versuch wagen, sich populär zu machen. Sie spendete reichliche Beiträge zu den milden Stiftungen, den herrlichen, frommen, weißen Blüthen der Menschenliebe, die aus dem blutrothen Samen der Menschenleidenschaft emporwuchsen, wie liebliche Kinder, die ihre Hände einend ausstreckend zwischen zwei zürnenden Eltern — aber die Erfahrenen des Dorfes sahen tiefer und waren sich wohl bewußt, daß das Wesen der Gutsherrin sich wohl ändern dürfte sobald der Termin verstrichen, der Leopold von Bernau, den Bruder Herminens von Solmitz, für verschollen und bürgerlich todt erklären und die Schwester in alle seine Rechte einsetzen werde. Und dieser Termin rückte näher und näher, nur wenige Wochen noch und auf Solmitz selber sollte die Proklamirung verlesen werden. Es war ein schwüler Tag, ermattet träumte die Natur, schmachtend nach erquickendem Regen, kein Vogel regte sich, kein Blatt rauschte, es war als ob die Schöpfung den Odem anhalte, lauschend auf die Töne, dem Menschenohr noch unerreichbar, die droben schon erklingen möchten, am tiesdunklen Horizonte, wo sich in majestätischem Neigen Wolke an Wolke drängte. Aus dem Hinterportal des Schlosses traten zwei junge Mädchen, das eine von ihnen war Alida Barfeld, Baronesse Fanny von Ebersdorf war die andere, die bestimmte Braut des abwesenden Sohnes vom Hause. Die junge Baronesse war seit Oscar's Entfernung ein häufiger Gast auf Solmitz geworden; eine seltsame Schüchternheit, die sie stets im Umgang mit Oscar und seiner Mutter besing, war völlig gewichen, seit sie Gelegenheit gefunden, sich näher an Alida anzuschließen, ein fast inniges Verhältniß war zwischen beiden entstanden; ein Verhältniß» das Hermine von Solmitz mit keineswegs günstigen Augen betrachtete und sobald sich nur die Möglichkeit es zu lösen zeigte, fest dazu entschlossen war. Mittlerweile indessen zeigte sie sich gegen die Waise verschlossener und einsilbiger als je, — aber Alida schien es kaum zu beachten. Sie hatte vollauf zu thun, denn ihre Tage und selbst halbe Nächte brachte sie in unablässiger Arbeit für edle Zwecke zu, und ihre neue Freundin half ihr redlich bei diesem Bemühen. 130 Seltsamer Weise hatte, obwohl das Vertrauen ein enges Band zwischen beide Mädchenseelen gewoben, noch keine von ihnen Oscar von Solmitz's Namen anders als flüchtig erwähnt; es war, als ob eine jede von ihnen durch geheime Scheu verhindert sei, ihn zu nennen, in Einem aber begegneten sich die beiden jungen Herzen und vielleicht war es dies eben, was sie sympathisiren ließ, ein geheimer Gram, ein oftmaliges schmerzliches Selbstvergessen beherrschte die Baronesse Fanny von Ebersdorf so gut wie Alida; wohl glaubte die Waise, den Grund bei der neuen Freundin zu erkennen, wohl zu ahnen, daß dem Fernen, ihr halb Verlobten, das stille Sehnen gelte, aber sie zürnte ihr darum nicht, was konnte das liebliche bescheidene Kind für den Willen des Schicksals! Die Baronesse war früh nach Solmitz gefahren, um Alida bei der Anfertigung einer warmen Decke für einen Krankenstuhl, die zur Stadt gefördert werden sollte, zu helfen, jetzt war sie im Begriff, sich zu verabschieden, um nach dem elterlichen Gute heimzukehren und Alida Barfeld gab ihr zum Gartenthor das Geleit. „Es zieht ein Gewitter auf", bemerkte Fanny, „fürchten Sie sich vor den Blitzen, Alida? Ich gestehe Ihnen, ich empfand stets eine ganz kindische Furcht, wenn der Strahl zuckt." — Alida lächelte. „Und ich blicke gern in's Freie, wenn Blitz und Donner die Majestät Gottes verkünden", erwiderte sie; „ich erlabe mich am Anblick der neu gestärkten Natur und mein zagendes Herz erstarkt, wenn ich sehe, ivie Blatt und Halm, dem Verwelken nahe, sich aufrichtet und neu ergrünt. Freilich, Frau von Solmitz darf diese Aeußerung nicht hören, ihr ist alles zuwider, was den Stempel der Sentimentalität trügt, aber ich glaube, Sie, Baronesse Fanny, Sie verstehen mich." Fanny drückte der neuen Freundin die Hand. „Ich verstehe und fühle mit Ihnen, gewiß, liebe Alida, wenn ich es auch nicht so in Worten zu äußern vermag, wie Sie. Doch ich will Sie nicht aufhalten, denn der Oberlieutenant, der schon seit einigen Augenblicken vergeblich hinter den Bäumen seine Helle Uniform zu verbergen sucht, würde nur zürnen, entzöge ich ihm noch länger seine holde Hausgenossi»." Alida warf einen flüchtigen Blick nach dem Ort, den die Baronesse ihr bezeichnet hatte; dort stand hinter dem dicken Stamm einer Buche die breitschuldrige Gestalt eines Herrn, im Anfang der dreißiger Jahre, in Offiziersuniform, sichtlich bemüht, den Augenblick zu erspähen, der Alida nach der Abfahrt der Baronesse bei ihm vorüberführen mußte. „Ich werde den Weg zum Teich einschlagen", erwiderte das junge Mädchen „und hoffe nicht, daß er mir dahin folgt, ich habe mich nicht über den Oberlieutenant zu beklagen, aber dennoch weiche ich gern seinen Galanierien aus und freue mich, daß er mit heute dieses Haus und diese Gegend verläßt, um sich zum Kriegsschauplatz zu begeben, mir ist nicht wohl in seiner Nähe." „Grausame!" sagte Fanny lachend, „soll er blutenden Herzens in den Krieg gehen?" „Doch sieh, es fällt ein Tropfen; rasch, Johann, spornen Sie die Pferde an, ehe das Gewitter aufzieht." Im schnellen Trabe flog das leichte Gefährt dahin, nachdenklich blickte Alida ihm nach; dann schlug sie ohne sich umzuwenden und dem langsam aus seinem Versteck hervortretenden Offizier einen Blick zu gönnen, den Weg zum Schloßteich ein, der sich am Ende des großen Gartens hart an der Parkgrenze befand. Es war ein weites Bassin, crystallhell und von seltener Tiefe, an seinem Ufer erhob sich ein allerliebster Pavillon, hier war der Lieblingsort des jungen Mädchens, an dem sie manche Stunde, wenn sie sich frei von der Beaufsichtigung der Gutsherrin mußte, in den Gedanken an Oscar, in den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft verträumte. Immer ^ängstlicher, immer drückender ward die Stille, die rings umher waltete, immer dunkler ballten sich die Wolkenmassen zusammen, zu schwül ward es ihr im Innern des Lusthauses, sie setzte sich auf die kleine Holzbank, die an der Außenwand des ge« 131 schlossenen Raumes hart unter dem Fenster desselben angebracht war und sah auf das Wasser, das sich kräuselte und aufwirbelre unter der Einwirkung des Elementes. Ein Mannestritt ertönte ganz in der Nähe, und um eine Ecke biegend, erschien die Gestalt des Obcrlieutenants Edmund von Alten vor ihren Blicken; eine Wolke des Unwillens beschattete des jungen Mädchens Stirn. Der Offizier war ein stattlicher Mann und ieni ganzes Wcien zeugte von dem Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit dein schönen Geschlecht gegenüber, auch bei Alida Barfeld hatte er es versucht, im Sturmschritt einen Eindruck zu machen, aber das junge Mädchen war ihm, ohne seine leicht gekränkte Eitelkeit zu verletzen, so ernst, so abwehrend entgegengetreten, daß sein Benehmen ihr gegenüber, ein völlig anderes, fast schüchternes geworden war. „So allein, Fräulein Alida, und das Gewitter über'm Haupt?" fragte er, in einiger Entfernung stehen bleibend. „Sie sehen, Herr Obcrlieutenant, ich fürchte mich nicht", entgegnete das junge Mädchen artig, aber abweisend, „und ich will Ihre kostbare Zeit nicht rauben um Sie andern verzagenden Seelen in dieser Beziehung zu entziehen." Aber Alten verstand den Wink nicht oder wollte ihn nicht verstehen. „Sie sind hart, Fräulein Alida", sagte er, „und doch möchte ich so gern nicht allein im Unwetter der Natur Ihnen nahe sein; in den Stürmen des Lebens möchte ich Ihnen Schutz und Schirm gewähren und Ihnen ein Glück verschaffen, ein Glück, das Sie vergebens in diesem Hause suchen." Alida erhob sich. „Mein Herr, ich habe Ihnen gegenüber keine Klage geführt, die Sie zu dieser Deutung berechtigt, ich muß Sie bitten —" „Sprechen Sie nicht das verbannende Wort AlidaI" rief der Offizier sie unterbrechend; „hören Sie mich an, ich beschwöre Sie, ich habe Ihre Stellung in diesem Hause, der Frau von Solmitz gegenüber, beobachtet, sie ist eine unwürdige und ich möchte Sie aus derselben befreien, möchte mit diesem Bewußtsein wenigstens in den Kampf ziehen, aus dem die Wiederkehr fraglich, mit dein Bewußtsein, an einem Frauenherzen, das wich die Würoe des Weibes zum ersten Mal kennen gelehrt, gut gemacht zu haben, was ich an vielen verbrach." „Und was gibt Ihnen das Recht, mich eben zum Gegenstand dieser Sühne erheben zu wollen?" fragte Alida. „Die Liebe; lächeln Sie nicht, Fräulein, ich spreche aus innigster Ueberzeugung» und daß ich es ernst meine, daß meine Absichten die reinsten, möge Ihnen der Beweis, liefern, daß ich Frau von Solmitz meine Absicht, Ihnen meine Hand und mein Herz anzubieten, mittheilte und sie bat, für mich als Fürsprecherin aufzutreten." „Und was erwiderte Ihnen die gnädige Frau?" fragte Alida in höchster Spannung. „Frau von Solmitz bemerkte nur, daß sie gern als Pflegerin der eitern- und mittellosen Waise, deren Namen sie einzig und allein aus dem Munde ihrer sterbenden Mutter vernommen, ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit derselben geben würde, wenn ich darein willigen wolle, einem Mädchen meinen Namen zu geben, das nicht einmal ein Papier über ihre Herkunft zu produziren vermag, ja, mit meinem Ehrenwort verpflichten wolle, jeder Nachforschung zu entsagen, die vielleicht ein für ihren Schützling unangenehmes Resultat ergeben könne. Freudig willigte ich ein, ich will ja nur Sie selbst, Alida, Ihre Anmuth, Ihre Tugend, nicht Ihre Herkunft, und nun trete ich zu Ihnen und wiederhole meine Bitte, werden Sie die Meine, Alida, — Sie sollen es nicht bereuen." — Das junge Mädchen reichte ihm warm und voll die Hand. »Sie haben mir eine frohe Stunde bereitet, Herr von Alten, und ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen; Ihre Hand kann ich nicht annehmen, ich bitte, ich beschwöre Sie, forschen Sie nicht nach Gründen. Alida Barfeld vermag nicht zu lügen und die Wahrheit vermag ich Ihnen nimmer zu sagen. Um Eines aber bitte ich Sie. als 132 Andenken an diesen Augenblick, wo ich einen Mann mit redlicher, offener Seele kennen s gelernt; kann ich auch nicht Ihre Braut werden, lassen Sie mich Jh^ Freundin sein, Ihre Freundin, die Ihnen eine Gattin wünscht, besser und Ihnen würdiger, als das -Mädchen, zu dem tue Theilnahme des Mitleids Sie zog." Zu den Füßen des jungen Mädchens stürzte der Offizier und drückte ihre Hand an seine Lippen. „Alida, ist Ihr Spruch unabänderlich? Freund und stets nur Freundin?" »Unabänderlich!" Ein Räuspern ließ sich in der nächsten Nähe vernehmen, überrascht erhob sich der ^ Offizier, seine blitzenden Augen schienen den Verwalter Streland durchbohren zu wollen, der sich langsam und unterwürfig näherte. „Verzeihung, wenn ich störe", sagte er, lnicht ohne hämische Betonung, „hätte ich »ine Ahnung gehabt —" „Was soll's?" herrschte der Oberlieutenant ihm zu. „Ich suche den Herrn Oberlieutenant, um ihm zu melden, daß der Wagen schon seit geraumer Zeit angespannt und es die höchste Zeit ist, wenn der Herr Obsrlieutenant noch die Stadt erreichen will." „Ich komme", sagte der Offizier kurz, „begleiten Sie mich" und sich zu Alida wendend, im Ton der höchsten Ehrerbietung: „Leben Sie wohl, mein theures, verehrtes Fräulein. Gott sei mit Ihnen." Er wandte sich ab, wie um seine Erregung zu verbergen und dem Verwalter einen Wink gebend, verließ er den Teich. Immer dichter ballte sich der Wolkenknäuel, schon strich jenes Rauschen und Schwirren *>urch die Luft, das dem Ausbruch eines Gewitters vorher geht und einzelne, große Tropfen sielen schwer zur Erde. Der Eindruck der jüngst vergangenen Augenblicke spiegelte sich in den Zügen des ' Herrn von Alten, da er rasch die Allee des Gartens durchschritt; plötzlich blieb erstehen, und des hinter ihm eilenden Verwalters harrend, sagte er mit bewegter Stimme: „Ich kenne Sie als treuen Diener Ihrer Herrschaft, Streland, und halte Sie für «inen achtungswerthen Mann. Daher glaube ich, Ihnen eine Erklärung der Scene schuldig zu sein, deren Augenzeuge Sie eben waren, daß sie nicht in falscher Deutung ausgelegt werde. Ich bot Fräulein Barfeld meine Hand an und Fräulein Barfeld schlug sie aus» „Ihr Vertrauen ehrt mich, Herr Oberlieutenant", entgegnete Streland, sich tief verneigend, „und bei dem lebhaften Interesse, das wir alle im Schlosse für den Schützling der gnädigen Frau empfinden, kann ich nur doppelt bedauern, daß Fräulein Barfeld ein positives Glück von der Hand wies, um sich vielleicht an unerreichbare Chimairen zu hängen." „Es ziemt mir nicht, nach den Gründen des Fräuleins zu forschen", unterbrach ihn der Offizier, „dennoch gebe ich nicht jeden Versuch auf, ihr Herz zu gewinnen. Ich berechnete im Voraus alle Chancen meiner Werbung, auch die der Abweisung und schrieb diesen Brief, der ihr noch beredter schildern wird, was ich für sie empfinde, als es mein Mund vermag; nehmen Sie ihn, zugleich mit diesem Zeichen meiner Erkenntlichkeit", — eine kleine Geldrolle schob sich plötzlich in des Verwalters Hand — „und versprechen Sie mir, bei paffender Gelegenheit Fräulein Barfeld dieses Schreiben zuzustellen." Der Verwalter steckte das versiegelte Couvert, das ihm der Offizier einhändigte, in seine Tasche: „Verlassen Sie sich auf mich«, sagte er. „So scheide ich ruhig; leben Sie wohl und richten Sie der Herrschaft meine Scheidegrüße aus," (Fortsetzung folgt.) 133 Arrsgravrmg des Römerkastells bei Jsny. (Aus dem Schwab. Merkur.) Dieselbe fand aus Staatskosten statt in der ersten Hälfte des Monats September vorigen Jahres unter Leitung des Landeskonservators und des Kustos der kgl. Staats- sammlung vaterländischer Alterthümer. Dieses Kastell, eines von den kleineren, liegt eine schwache halbe Stunde östlich der Stadt Jsny auf der sog. Betmauer, einem den Blick in etwa sieben Thäler eröffnenden, schon von Natur leicht zu vertheidigende» Moränenhügel. Nur an der Südseite mußte derselbe durch einen künstlichen Graben vom übrigen Erdreich losgetrennt werden, sonst zeigt er überall natürliche Steilränder, denen blos an einigen Stellen nachgeholfen werden mußte. Gegen Osten fällt der Hügel gar hoch und schroff in das Argenthal ab, und der Fluß fließt unweit des Hügels rauschend dahin, während die Nord- und Westseite ursprünglich mit Leichtigkeit unter Wasser gesetzt werden konnte. Die Höhe des Hügels über der Ostseite, d. i. der Argenseite, beträgt 12—14m, über den anderen Seiten 5—6m. Auf diesem schon durch seine Höhen- verhältnisse beherrschenden Hügel wurde das Kastell, der natürlichen Form des Hügels sich anpassend, in länglichem Fünfeck errichtet. Die längste Seite gegen Osten, gegen die Argen hin, mißt 83m, die gegen Süden bim, die gegen Westen 47,70m, gegen Nord- west 83, und gegen Norden 23 m; also betrug der Umfang der Kastellmaner gegen 238 m. An der am meisten gefährdeten Südwestecke trat dann ein viereckiger Thurm von etwa 4>/.,m Seitenlünge schirmend hinaus. Die ringsum laufende Mauer hatte die bedeutende Dicke von 2 m. Bor der Mauer zeigten sich Neste eines gsmörtelten Umganges, der ohne Zweifel an der Kante des Hügels durch Pallisaden geschützt und umgeben war. Innerhalb der Ringmauer fanden sich keinerlei Spuren von Mauerwerk, dagegen unweit der Mitte der Südseite ein 5,70 m tiefer, oben runder, unten quadratischer und mit Holzdielen ausgefütterter Brunnenschacht, in den sich von Osten her durch einen hölzernen Teuchel Wasser ergoß. Die Ringmauer selbst bestand aus Findlingsoder Tuffsteinen mit viel Mörtel, war aber nirgends mehr gut erhalten, an verschiedenen Stellen sogar ganz ausgebrochen. Am höchsten stand noch der Thurm an der Südwestecke, nämlich noch einige Fuß hoch. Im Kastell fanden wir kaum ein paar Sigelerdescherben und unbedeutende Eisenrestc, aber ziemlich viele römische Kupfermünzen, freilich oftmals bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Nach Bestimmung derselben durch den Vorstand der kgl. Staatssammlung- Herrn Professor Dr. Seyffer, gehen die Typen der Reverse der Münzen nicht über 250—260 n. Chr. zurück und lassen vermuthen, daß die Grundlage des Baues aus später Zeit, aus der Mitte des dritten Jahrhunderts stammt. Besetzt war derselbe bis Ende des vierten Jahrhunderts. Die erste kenntliche Münze datirt 268—270, die letzte 364—378. Die bestimmbaren Stücke sind: Claudius il. (268 bis 270), Probus (276—282), Theodora, zweite Frau des Constantius Chlorus (305 bis 306), ConstanS I. (337-350), Valens (364—378). Neben diesen Aufschluß gebenden Münzfunden ist das Jsnyer Kastell höchst wichtig wegen seiner von den bisher bei uns in Württemberg aufgedeckten röm. Kastellen stark abweichenden Anlage. Nehmen wir die Limeskastelle, z B. Mainhardt, das vor einigen Jahren bekanntlich gleichfalls auf Staatskosten aufgedeckt und vermessen wuroe, so springt der Unterschied sofort in die Augen. Das Mainhardter Kastell ist bedeutend größer, hatte 193 m äußere Länge bei l42m Breite und war ganz regelmäßig angelegt, mit Eckthürmen und doppelthürmigen Thoren, versehen, aber seine Umfassungsmauer 1,29—1,25 m breit, wogegen das viel kleinere bei Jsny eine Ringmauer in der Dicke von 2 m besaß. Im Mainhardter Kastell lehnte sich die Umfassungsmauer als Futter- mauer an einen hinter ihr rings umlaufenden Erdwall; hier am Jsnyer Kastell stand die Mauer frei und hatte vor sich einen gemörtelten Wandclgang. Die Mauer am Mainhardter Kastell hatte jedenfalls eure bescheidene Höhe, die am Jsnyer kann dagegen ihrer unteren Dicke nach etwa auf 30 Fuß angenommen werden. Die Anlage nähert sich schon ganz merklich dem mittelalterlichen Burgensystem, woselbst eine gewaltige Ring« 134 mauer alles hoch und drohend umschloß, wie wir z. V. an dem alten Wäscherschloß bei Wäschenbeuren noch wohl erhalten sehen. — Innerhalb des Mainhardter Kastells lagen ferner steinerne Bauten, besonders das Prätorium, in Jsny nichts dergleichen. Die Mainhardter Münzen gehen nur bis Alexander Sevarus (222—234), die Jsnyer bis Kaiser Balens (364—378); letzteres muß also etwa 150 Jahre länger von den Nömern besetzt gewesen sein. Es war gewiß, als es noch wehrhaft war, außerordentlich fest. In seinem Innern wohnten die Soldaten wohl unter Zelten oder leichten Holzbaracken. — Schon vor Jahrhunderten fand man bei Jsny, wo ist nicht näher zu lagen, eine Ehren- inschrift für Kaiser Antonin vom Jahr 144, gewidmet von einigen Stätten Rhätiens, deren Namen nicht enthalten sind. Der Stein ist verschollen. Ferner fand man eine Meilensäule des Septimius Severus und seiner zwei Söhne Caracalla und Geta vom Jahr 202. Der Stein ist jetzt in Augsburg. In neuerer Zeit fand man bei der Bet- mauer eine römische Gemme mit der Sphinx und dem ihr Räthsel lösenden Oedipus, in einen goldenen Ring gefaßt, jetzt im Besitze des Grafen von Quadt-Wykradt-Jsny. — Das sogenannte F i sch e r h ä u s ch e n, Stunde nordwestlich der Stadt Jsny, ein dem Jsnyer Kastell ähnlicher verschanzter Moränenhügel, auch auf dem linken Ufer der Argen und in einer Lage, die unter Wasser gesetzt werden konnte, war vielleicht auch eine römische Anlage. Ueberhaupt ist anzunehmen, daß die Römer, nachdem sie sich aus dem eigentlichen Württemberg zurückgezogen und den Nhnn zur Grenze gemacht hatten, die Argenlinie als die letzte und stärkste Verbiudungs- und Bertheidigungslinie zwischen Bodenjee und Allgäuer Alpen noch an, längsten festhielten. Das unzufriedene Der;. Der göttlichen Liebe erhabenes Watten Erfüllte mit Frohsinn die ganze Natur; Wo sich des Lebens Keime entfalten, Da leuchtet der Freude göttliche Spur. Das Fischlein wiegt sich vergnügt in den Wellen, Die Lerche fliegt jubelnd zum Himmelsblau, Es tanzen am Bache die schönen Libellen, Der Schmetterling freut sich am Btumenthau. Die Biene ist trunken vom Nektar der Rosen, Es baut die Schwalbe ihr trauliches Nest, Allüberall herrscht ein munteres Kojen, Die Schöpfung feiert ein Freudenfest. Ja selbst die bescheidenen Ephemeren, Sie wiegen sich glücklich im L-onneuschein, Mag noch so kurz ihr Dasein auch mähren, Mag noch so kurz ihre Lust auch sein! Und was ist des Menschen Loos hienieden? Der Schöpfung erhabenes Meisterstück Vermißt allein nur des Herzens Frieden, Vermißt allein nur das irdische Glück? Begabt mit des Geistes unendlichen Schätzen, Begabt mit der Liebe Seligkeit, Mus; doch sein Auge die Thräne ost netzen, Es fehlt ihm das Glück der Zufriedenheit! Sein Geist irrt vergebens auf trügerischen Bahnen, Erforschen will^r die Räthsel der Zeit, Und statt des Lchöpiers Allmacht zu ehren, Versinkt er in stolze Vermessenhcit. Und seines Herzens geheimste Triebe, Sie gellen dem eigene» Ich nur allein, Es fehlt ihm die aUesumfaisende Liebe, Es fehlt ihm der Tugend Zauberschein! D'run, durch die Labyrinthe des Lebens Eilt er so kreudcn- und hosfnnngslos. Und sucht gebrochenen Herzens vergebens Des Friedens und der Freude Schoß. Er will in seinem stolzen Wähnen Der Schöpfung Wunder durchgingen mit Macht, Doch ungestillt bleibt all' sei» L-ehnen, Und seine Forschung eitle Nacht. Beneidend sieht er den Fisch in den Wellen, Die Lerche jubelnd im Himmelsblau, Am Bache tanzend die schonen Libellen, Den Schmetterling fröhlich im Blumenthau, Die Biene trunken vom Nektar der Rosen, Die Schwalbe fröhlich bauen ihr Nest, Allüberall herrschen ein munteres Kosen, — Nur ihm ist das Dasein kein Freudensest! Begabt mit des Geistes unendlichen Schätzen, Begabt mit der Liebe Seligkeit, Muß doch sein Auge die Thräne ost netzen, Es fehlt ihm das Glück der Zusri eben heitl Carl Felix. 135 Himmelsschau im Monat März. —X. Merkur hat am 3. seinen größten westlichen Abstand von der Sonne, geht 1>/z Stunden vor der Sonne unter und kann am südöstlichen Himmel beobachtet werden. Wegen der großen Sonnennähe ist Merkur selten gut sichtbar und dann nur kurze Zeit in der Morgen- oder Abenddämmerung. Der Umstand, daß er am 17. nur 1" südlich von Mars steht, wird sein Auffinden an diesem Tage sehr erleichtern. Venus L steht als Morgenstern zwischen Steinbock und Wassermann und nimmt an Glanz allmülig wieder ab; sie geht vor 5 Uhr Morgens in SO. auf, erreicht nach 9 Uhr Vormittags ihre größte Tageshöhe und verschwindet um 2 Uhr Nachmittags in SW. Am 6. steht sie 3" südlich vom Mond. Mars läuft im Wassermann vorwärts und steht in der Morgendämmerung sehr niedrig in SO.; am 8. befindet er sich 6" südlich vom Mond. Jupiter R im Stiere bewegt sich gegen die Zwillinge, geht gegen 10 Uhr Vormittags auf, steht zwischen 7 Uhr und 6 Uhr Abends im Meridian und verschwindet zwischen 8 Uhr und 2 Uhr früh am nordwestlichen Horizont. Am 15. findet man ihn 30 nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert der I. am 7., 22., 23., 30.; der II. am 7., 14., 31.; der III. am 24. Saturn H bewegt sich vom Widder gegen den Stier, geht 1 Stunve vor Jupiter auf und 3 Stunden vorher unter. Am 13. Mittags wird Saturn vom Monde bedeckt. Am Anfange des Monats ist bei mondleeren Nächten bald nach Sonnenuntergang das Zodiakallicht in der Richtung der Sternbilder des Thisrkreises als Heller Lichtstreifen sichtbar. Zur Erklärung dieser Erscheinung nehmen die Astronomen einen Nebeloder Staubring an von geringer Dichtigkeit aber bedeutender Breite, durch dessen Beleuchtung das Zodiakallicht entsteht, und der nach den einen zwischen der Venus- und der Erdbahn um die Sonne, nach anderen zwischen dem Mond und der Erde um letztere schwingt. M i s - s l r e n. (Wagner, durch M e y e r b e e r empföhle n.) W. Tappert bringt in der „Allg. Deutschen Musik-Ztg." folgenden von Meyerbeer unterm 18. März 1841 an den General- Intendanten des sächsischen Hoftheaters Herrn v. Lüttichau gerichteten hübschen Brief: „Ihre Excellenz werden mir vergeben, wenn ich Sie mit diesen Zeilen belästige, ich erinnere mich aber Ihrer steten Güte für mich zu lebhaft, um einem jungen interessante» Landsmann es abschlagen zu dürfen, wenn er, mit vielleicht zu schmeichelhaftem Vertrauen auf meine Einwirkung auf E. E., mich bittet, sein Anliegen mit diesen Zeilen zu unterstützen. Herr Richard Wagner aus Leipzig ist ein junger Komponist, der nicht allein eine tüchtige musikalische Bildung, sondern auch viel Phantasie hat, außerdem auch eine allgemeine literarische Bildung besitzt und dessen Lage wohl überhaupt die Theilnahme in feinem Vaterlande in jeder Beziehung verdient. Sein größter Wunsch ist, die Oper „Nienzi", deren Text und Musik er verfaßt hat, aus der neuen königlichen Bühne zu Dresden zur Aufführung zu bringen. Einzelne Stücke, die er mir daraus vorgespielt, fand ich phantasiereich und von vieler dramatischer Wirkung. Möge der junge Künstler sich des Schutzes E. E. zu erfreuen haben und Gelegenheit finden, sein schönes Talent allgemeiner anerkannt zu sehen. Ich nehme nochmals die Nachsicht E. E. in Anspruch und bitte Sie, mir Ihr geneigtes Wohlwollen zu erhalten. Hochachtungsvoll E. E. ergebenster Diener Meyerbeer." Die eutgilrige Entscheidung ließ trotz alledem noch ziemlich lange auf sich warten, denn erst am 21. Juni 1841 meldete die königliche Generaldirektion dem sehnsüchtig harrenden Komponisten: „Nachdem nunmehr sowohl das Textbuch Ihrer anher gesandten Oper „Nieuzi", als die Partitur derselben sorgfältigst geprüft worden, ist es mir angenehm, Ihnen die Zusicherung der Annahme dieser Ihrer Oper zu geben und wird dieselbe, sobald thunlich, hoffentlich im Laufe des nächsten Winters auf dem königlichen Hoftheater zur Darstellung kommen." 136 (Vergebliche Revanche.) Während der Streitigkeiten des Königs Heinrich III. von England mit Franz I. von Frankreich beschloß der Erste, einen Gesandten mit Depeschen an Franz zu schicken, die in sehr drohenden Ausdrücken abgefaßt waren. Er wählte dazu den Bischok Bo ner. „Tire!" sagte dieser, „wenn ich diese Depeschen abgebe, so kann es mich den Kopf kosten." — Wüthend fuhr Heinrich auf: „Läßt Ihnen Franz den Kopf abschlagen, so laß' ich alle Franzosen in meinem Reiche köpfen." — „Recht schön", versetzte Bonner, „ich fürchte nur, daß keiner von all' den abgeschlagenen Köpfen auf meinen Rumpf passen wird." (Stimmt!) In einer Wirthschaft verlangte ein Gast ein Glas Altbier, welches ihm denn auch vom Wirthe überreicht wurde, aber leider nicht ganz voll; fast zwei Fingerbreit fehlten daran. Hierauf sagte der Gast zum Wirth: „Sie könnten auch im neuen Jahre leicht einige Ohm Vier mehr verkaufen." — Wirth (neugierig): „Wie so?" — Gast: „Na, wenn Sie die Gläser nur voll machen wollten." (Zu den 12 Aposteln.)' Das Haus eines wegen seines Geizes und seiner Hartherzigkeit gegen die Armen sehr verhaßten Geschäftshauses führte den Namen „zu den 12 Aposteln." Ein Witzbold schellte nun einmal um Mitternacht bei dem Kaufmann: „Was gibt es denn noch so spät?" rief derselbe voll Zorn aus dem Fenster. „Ich wollte nur fragen", war die Antwort, „ob auch der Judas schon zu Hause ist." (Die Besserung.) „Nun, Frau Miliwurm, hat sie an ihrem Manne keine Veränderung bemerkt? Ich hab' ihm den letzten Sonntag recht ins Gewissen geredet." — „Ja, Herr Pfarrer, seit der Zeit hat er seine böse Gewohnheit geändert." — „So, so, das freut mich zu hören. Also kommt er jetzt nicht mehr nach 12 Uhr Nachts betrunken nach Hause?" — „Nein, Herr Pfarrer, jetzt kommt er schon um 9 Uhr besoffen heim." (Lakonisch.) Ein Gutsbesitzer fand auf einem Acker ei» Skelett, welches er für den Kopf eines Kindes hielt. Weil er nun vermuthete, es läge ein Verbrechen vor, schickte er das Skelett, in eine Hutschachtel verpackt, an den benachbarten Bezirksarzt mit der Aufschrift:-„Kinderkopfl" Nach einigen Tagen erhielt er die Hutschachtel zurück mit der neuen Aufschrift: „Schasskops!" (Endlich.) Herr (zu einem Musiker, welcher die Noten des eben executirenden Stücks an seinem Mundstück befestig haü: „Bitte, was ist das für ein Stück? „Das? Ein Mundstück!" „Nein, ich meine, was Sie blasen?" „Ach so; Fagott!" „Aber nein: ich meine, wie die Piece heißt, die sie ausführen?" „Ach so! Ouvertüre Nr. 321* „Danke bestens!" (Sonderbare Abwehr.) A.: „Sie sind ein Betrüger." B.: „Was? Ich ein Betrüger? Kein Mensch macht weniger Betrügereien ivie ich." Gol-körner. Es gibt kein Zeichen.der Höflichkeit, welches nicht einen tiefen, sittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung wäre, welche dies s Zeichen und den Grund zugleich überliefert. Goethe. Die Wunden, die die Maschinen des Schickials in uns schneiden, fallen bald zu; aber eine, die uns das rostige, stnmpse Marterinstrnment eines ungerechten Menschen reißet, fängt zn eitern an und schließt sich spät. Jean Paul. Recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinstimmt nnt sich selbst; es gibt Kein andres Unrecht, als den Widerspruch. Schiller. Das Alter will die Menschen vom Leben entwöhnen, wie die Amme das Kind von der Brust; durch allmähliches Entziehen. Jakobs. Unter allen Lagen bleibet Stolze Armmh stets die schlimmste. Claderon. Auflösung des Original'Silben-Räthsel in Nr. 14: „Schlaftrunk." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. ! 883 . Ütttcrliiiltiitt zur „Augsbilrger Postseitung." Nr. 1S. Samstag, 3. März Fasten- Elegie. „b'ecorunt sibi vitulam oouüatilem et aäoraveruut," II. Aiosis 32, 8. Ernste Schatten liegen auf der Erde, Ernste Bilder schweben vor dem Sinn! Sehnend, daß ein neuer Frühling werde Schleppt der Wintermüde sich dahin. Tage des Erbarmens, Tage des Erbarmens Kommt ihr wieder mit dem Amselschlage, Kommt ihr wieder gottgeschenkte Tage, Da die Wahrheit von der Höhe rauscht, Und das Volk aus seine Priester lauscht? Aus dem Berg in flehendem Verlangen Vor dem Herrn des Himmels Moses kniet. Hat den hehren Gottesschatz empfangen, Wie voll Ehrfurcht seine Wange glüht I Selig steigt er nieder — Wehe! welche Lieder Füllen mit Getöse rings die Lüste; Welchem Götzen diese Weihraucbdüste? Welch' ein Irrwahn hat das Volk ersaßt Daß es so den Weg des Heils verlaßt? In des Tabernakels heil'ger Stille Opfert Jesus für sein Volk sich dar: „Vater I es gcscheh' an mir Dein Wille, Bin Erlöser der bethörten Schaar!" Hier das tieie Schweigen — Dort der laute Reigen: , Das Idol geschmückt mit Blumenkränzen, Jubclraufch und Rausch bei Todtentänzen . . . Horch! wie flehend am Altar es spricht: „Vater! was sie thu», sie «issens nicht. F. v. Hoffnaaß. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschfeld. (Fortsetzung.) Herr von Alten verließ den Garten und eilte um das Schloß auf den freien Platz vor demselben, wo der Wagen seiner harrte. Noch einmal blickte er sich um, aber wie von einem unheimlichen Gefühl durchfröstelt, wandte er das Auge ab, auf der Freitreppe erhob sich die hagere, kalte Gestalt der Gutsherrin, die ihn mit förmlichen Neigen des Kopfes begrüßte. Sobald der Wagen verschwunden war, wandte sie sich an ihren Verwalter. „Streland", sagte sie, „das Glück ist uns günstig; Alidens Gatte ist gefunden, ich brauche mir keine Sorge über des Mädchens Zukunft zu machen. Der Oberlientenant von Alten nimmt sie — ohne zu forschen woher — ich gab ihm mein Jawort und hätte nicht die Zeit gedrängt, wäre noch heute die Verlobung abgeschlossen, aber ich will sofort mit Aliden reden/' „Die Mühe, gnädige Frau, können Sie sich ersparen", entgegnste der Verwalter, „denn Herr von Alten hat sich bereits von Fräulein Barfeld einen Korb geholt." Eine Bewegung des Zornes durchzuckte die Gestalt der Gntshcrrin, „es ist unmöglich", sagte sie, die Lippen fest aufeinander gepreßt — „unmöglich." „Ueberzeugen Sie sich selbst, denn da kommt sie eben", bemerkte Streland, zufällig einen Blick nach den hohen GlaSthürsn werfend, die den Durchblick bis zum Garten gestatteten, und das junge Mädchen eben in's Haus treten sehend. Alida hatte sich entschlossen, ihren Lieblingsplatz zu verlassen. Sie wußte, daß Frau von Solmitz die einsamen Ausflüge bei drohenden Gewittern nicht gern sah und war überzeugt, daß die Mutter Oscar's nach ihr verlangen würde, um ihr den Vorschlag des Lieutenants an das Herz zu legen. Wohl war sie auf eine stürmische Scene gefaßt, allein sie hatte den festen Willen, ruhig zu bleiben und der Ausdruck dieser Willenskraft spiegelte sich in den ernsten, aber sanften Zügen wieder, da Frau von Solmitz durch die Hausthüre der Lorderfronte ihr am Fuß der Treppe entgegen kam. Draußen war es mit jeder Minute dunkler geworden, dumpf grollte der Donner des nahenden Gewitters. „Komm!" sagte Frau Hermine kurz, dem jungen Mädchen voranschreitend, „ich habe mit Dir zu reden." Willig folgte Alida der Dame, sie betraten denselben Salon an der Hinterseite des Schlosses Solmitz, in dem die Mutter des theuren Entfernten ihr entschiedenes Veto gegen ihres Sohnes Verbindung mit der Waise eingelegt hatte. Absichtlich näherte sich die Gutsbesitzerin dein Fenster und veranlaßte dadurch Alida, ihr zu folgen, denn es war so dunkel im Gemach, daß sie kaum anders die Züge des jungen Mädchens zu erkennen vermochte und Frau von Solmitz liebte es, den Eindruck ihrer Worte in dem Antlitz der ihr Zuhörenden zu lesen. „Alida", nahm sie nach einer kurzen Pause das Wort, „Du weißt, alle Weitschweifigkeit, alle Sentimentalität ist mir verhaßt, daher laß uns in Kürze den Gegenstand erledigen, den ich mit Dir zu verhandeln habe; der Oberlieutenant von Alten, ei» vermögender Mann, dessen Name kein Flecken verunziert, hat um Deine Hand angehalten und ich wünsche, verstehst Du mich, ich wünsche, daß Du seinen Antrag acceptirst." „Verzeihen Sie mir, meine gnädige Beschützerin, wenn ich diesen Wunsch nicht zu erfüllen vermag", entgegnete Alida bescheiden, aber fest; „in persönlicher Unterredung mit Herrn von Alten habe ich dankend seinen ehrenvollen Antrag bereits abgelehnt und als Freunde für das Leben sind wir geschieden." Frau von Solmitz zwanz sich, die Ruhe des jungen Mädchens mit gleicher Kälte zu erwidern. „Da sprechen sie immer von Gefühl und stellt man diese Gefühlsmenschen auf die 139 Probe, wiegt einer Feder Schwere sie auf. Alida, begreifst Du denn nicht, daß es das einzige Mittel ist, die unseligen Verhältnisse in diesem Hause zu lösen, das einzige Mittel, Oscar der Vernunft wiederzugeben und ihn dein blinden Strohfeuer der Leidenschaft zu entreißen, wenn Du die Hand Edmund's von Alten annimmst? Alida, bedenke, daß Diejenige dies Opfer von Dir verlangt, wenn es wirklich ein Opfer zu nennen, der Du Alles verdankst, ohne deren Beistand Du verkommen wärest, einer namenlosen Fremden blutarmes Kind, preisgegeben allen Gefahren der Dürftigkeit, allen Versuchungen des Lasters." „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, was Sie an mir gethan, danke Ihnen aus Herzensgründe", entgegnete Alida bewegter, „und nicht, wie Sie meinen, will ich durch schnöde Undankbarkeit Ihnen lohnen, nicht zwischen Sie und Oscar treten, zwischen Mutter und Sohn ein feindliches Element. Ich liebe Oscar, ja, gnädige Frau, ich liebe khn mit aller Innigkeit eines jungen Herzens, aber ich erstrebte nicht seine Hand. Auch der lieblichen Fanny gehört sein Herz in reiner Neigung und gern stehe ich zurück, wenn ich weiß, daß es zu seinem Glücke dient. Oscar's Entfernung sei der Prüfstein seiner Seele; fern von uns beiden mag sie entscheiden zwischen uns und deuten wird uns des Heimgekehrt«» erste Begrüßung, wen seine Neigung als treue Schwester, wen als geliebte Braut erkor. Und trifft mich das Schwesterloos, fast glaube ich selbst daran, dann null ich ohne Groll ihn vereint sehen mit Fanny von Ebersdorf, will entsagend in die Ferne gehen, aber eines Andern Gattin werden — niemals." Und als wollte der Himmel selbst das Wort Aliden's bekräftigen, dröhnte dumpf ein mächtiger Donnerschlag, dem ein Blitzstrahl folgte. Frau von Solmitz' Zorn flammte auf; alle ihre Hoffnungen, Alida auf anständige Weise versorgt und aus dem Schlosse entfernt zu sehen, die Beruhigung, jeder weiteren Nachforschung überhoben zu sein, war mit einem Schlage durch die entschiedene Weigerung Alidens vernichtet und von Neuem mußte sie fürchten. „Und wenn ich Ihnen nun die Bedingung stelle, die Hand des Herrn von Alten zu acceptiren, die Sie in verblendetem Hochmuth verworfen, um Unglück unv Zwist über ein friedliches Haus zu bringen, oder dieses Schloß sofort zu verlassen? Wenn ich meine Hand von Ihnen ziehe, da Sie mir offen Trotz zu bieten wagen, um Sie zurückzustoßen in das Elend dem ich Sie entrissen?" „Sie werden mir d es Asyl nicht entziehen» ehe Oscar von Solmitz heimkehrt; gedenken Sie unseres Versprechens, gnädige Frau, am Tage seines Scheidens", entgegnete Alida mit zitternder Stimme. „Darf ich so glücklich sein, ihn gesund und unverletzt die Räume seines väterlichen Schlosses betreten zu sehen, dann, fest steht mein Entschluß, verlasse ich von selber dieses Haus, um in der Ferne, vergessen und verborgen, mir eine Zukunft zu suchen." „Und Sie meinen, Hermine von Solmitz durchschaue nicht das plumpe Manöver einer Coquette, unter der Larve der Demuth und Sanflmuth, um einen verblendeten Jüngling noch tiefer in ihr Netz zu ziehen? Nun, ich hoffe, mein Sohn wird ein Anderer, an Erfahrungen reicher heimkehren und wenn nicht — bei Gott, ich sähe ihn lieber nimmer wiederkehren —" »Halten Sie ein, Sie beschwören das Schicksal!" schrie Alida in höchster Leidenschaft. — „Als daß ich in meinen Enkeln die Frucht einer Mesalliance umarmen mußte." „Gott, allmächtiger Gott, höre sie nicht, nicht auf sein Haupt komme der Frevel ferner Mutter." Wie flehend hob Alida die Hände empor zum fahlen Gewitterhimmel. Aber als zürne die Natur, dröhnte in seinen vollen Schlägen der Donner, zuckte Blitz auf Blitz mit grellem Schein durch das Gemach und beleuchtete das bleiche Antlitz der Gutsherrin, die krampfhaft die Hand auf das Herz preßte und ihre Bewegung über das furchtbare Wort nicht zu verbergen vermochte, das thr entfahren. — ^40 — Da tönte ein lauter Schrei, ein Schrei des höchsten Entsetzens durch das Gemach, er kam von Alidens Lippen ihr Antlitz war bleich wie das einer Leiche und ihre Hand deutete auf das Fenster, hinter dem es auflohte in Heller Glut, trotz des strömenden Regens. „Wehe Ihnen, wehe uns allen!" kaum vernehmbar drang es durch den Raum — „er ist todt — die Linde-es ist seines Todes Zeichen." Starr richtete Hermine von Solmitz ihre Blicke in die Richtung, die Alidens Hand andeutete. Da flammte sie jäh empor, von einem Blitzstrahl getroffen, die stattliche Linde, die einst in früher Jugendzeit des Sohnes Hand gepflanzt, die Linde, die ein Mittler sein sollte zwischen dem Krieger auf dem Felde der Ehre und seiner Heimath. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. „Gott sei mir gnädig", flüsterten ihre bleichen Lippen. In der Mitte des Zimmers aber lag Alida auf ihren Knieen und barg in den Hände» das Antlitz. Draußen erlosch die Flamme; ein verkohlter Stamm, entlaubt, bis in's innerste Mark getroffen, lag der herrliche, kräftig emporstrebende Baum am Boden, vom Regen überströmt, als ob der Himmel seine Thränen darüber weine. Leise pocht es. Das Geräusch drang nicht zu den Ohren der beiden Frauen, die bange, furchtbare Ahnung nahm jede Regung ihrer Seele gefangen, eine peinliche, unheimliche Stille herrschte im Gemach. Das Klopfen wiederholte sich und Herrn Streland's Fuchsgesicht ward auf der Schwelle sichtbar. Langsam, fast zögernd trat er näher, eine peinliche Verlegenheit malte sich in seinen Zügen. „Gnädige Frau." Frau von Solmitz zuckte zusammen. „Was gibt's?" „Gnädige Frau, es sind Neuigkeiten aus dein Kiege, soeben trifft ein Bote aus der Stadt ein. Eine große, glorreiche Schlacht bei dem Dorfe Gravelotte ist geschlagen, ein glänzender Sieg erfochten." Von Alidens Haupt sanken die Hände, ihr todtcnbleiches Antlitz starrte auf den Redenden, als wolle sie jede Silbe von seinen Lippen lesen. „Und weiß man schon Näheres", entrang es sich aus Frau von Solmitz Brust, „ist Oscars Regiment — Mann, Du bringst mir eine furchtbare Kunde", schrie sie auf, da Herr Streland sich abwandte, wie um eine Theilnahme zu verbergen, die er nicht empfand. „Gnädige Frau, ich kenne Ihre Festigkeit", — zögernd kamen die Worte über Streland's Lippen, „jetzt gilt es, sie zu erproben — das Regiment des jungen gnädigen Herrn war engagirt und Herr Oscar ist unter den Vermißten — man fürchtet das Schlimmste." „Er ist todt! er sandte das Zeichen!" Gellend drang der Aufschrei aus Aliden's Brust; aller Jammer, alle Verzweiflung des Herzens lag in ihm. Plötzlich sprang sie empor; ihre Äugen leuchteten fieberhaft in unheimlichem Feuer, zwei rothe Flecken brannten auf bleichen Wangen. So dicht trat sie vor Frau von Solmitz, daß die Gutsherrin erschreckt zurück wich. „Sie drohten mir das Asyl zu rauben,- das ich Ihrer Güte verdanke und das ich oft genug mit Thränen und Qualen der Seele bezahlen mußte, — Sie sollen befriedigt sein. Möge Gott Ihnen gnädig sein und diese Stunde Ihnen nicht anrechnen am Richterthron der Ewigkeit." Sie stürzte aus dein Salon, mechanisch erhob sich Frau von Solmitz' Fuß, ihr nachzueilen, um sie zurückzuhalten, aber der Arm des Verwalters wehrte ihr. (Fortsetzung folgt.) 141 Richard Wagner. Biographische Skizze von A. Planer. * Eine Sonne ist plötzlich am Himmel der Kunst hinabgesunken in das „Nirwana" der ewigen Nacht, um schopenhauerisch zu reden, eine Sonne, deren feuersprühendes Leuchten das freundliche milde Licht anderer, ewiger Sterne zeilenweise zu verdunkeln drohte. Nun hat er Frieden gefunden der stürmische „Tannhäuser" von allein „Wähnen" in der stillen Gruft zu „Wahnfried", und bald werden ihm Schlummerlieder singen die Vogel, die aus dem Süden kommen, aus dem Süoen, wo er so gerne weilte, wo er Genesung gesucht und Friede fand der Sänger des „Lohengrin" — Richard Wagner. An einem Herzschlage ist er am Nachmittag des 13. Februar in Venedig verschieden, in jener phantastischen Lagunenstadt, wo er einst, vor mehr als dreißig Jahren, begann, sein großes Nibelnngenwerk durch Töne zu beleben. Sein Wunsch, wenn es einmal sein müßte, schnell und schmerzlos aus der Welt zu scheiden, wurde erfüllt, aber seine Hoffnung nicht, ein hohes Alter zu erreichen, um mehr und immer mehr wirken zu können, in's Große, Allgemeine. Dem Unermüdlichen, rastlos Wirkenden, sich nie genug Thuenden, der immer auf Jahre hinaus seine Pläne gemacht hatte, ist nun ein jähes Ende bereitet worden vom unerbittlichen Geschick. Richard Wagner — nie ist ein Künstler, ein „Meister" schon bei lebendigem Leibe in so überschwänglicher Weise gerühmt, gefeiert, glorifizirt und vergöttert, noch nie sind einem Dichter und Musiker solche Ehren und Huldigungen, Huld und Gunst, Freundschaft und Auszeichnungen hoher, höchster und reichster Personen, die Güter und Genüsse der Erde in so reichem Maße zu Theil geworden, wie dem modernen „Tannhäuser." Kann Ruhm und Erdengut den Menschen glücklich machen, dann haben sie in Vayreuth den Glücklichsten der Glücklichen begraben. Und doch ist der Wahlspruch: „I? 6 r usporn nä nstrn" auch seine Devise gewesen. Keiner hat heißer kämpfen müssen, um aus der Tiefe sich emporzuringen bis zu den Sternen hinauf. Die ersten 30 Jahre von Richard Wagners vielbewegtem Leben bieten kein erfreuliches Bild; seine Schicksale ähneln hier denen von so manchem jungen hochbegabten Musiker, der von seinem Berufe ganz erfüllt ist, aber umher irrt, „weder Glück noch Stern" hat und keinen festen Grund findet, auf dem er sicher fußen und weiter bauen kann. Viele gehen in diesen Irrfahrten zu Grunde; die Wenigsten erreichen mehr als ein kleines Amt, einen beschränkten Wirkungskreis, und die Meisten bescheiden sich auch dabei. Für Richard Wagner waren aber die ersten 30 Jahrs seines Lebens — in denen Viele sich schon ausgelebt haben — gleichsam nur die Vorgeschichte seines Künstlerlebens, die Urzeit seiner Entwicklung, das Traumleben vor dem Erwachen. In engen bürgerlichen Verhältnissen wurde er am 22. Mai 1813, in einem kleinen Hause im Brühl zu Leipzig, als neuntes und letztes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater war Polizei-Actuar und starb noch in demselben Jahre. Seine Mutter (eine geborene Johanna Beetz) vermählte sich zwei Jahre später wieder, mit dem Schauspieler, Portraitmaler und Schriftsteller Ludwig Geyer, welcher aus dem kleinen Richard „Etwas machen wollte." Die Familie zog nach Dresden. Aber auch der Stiefvater starb, als Richard erst sieben Jahre alt war, und die Erziehung des Knaben war nun ganz der Mutter anheimgegeben. Der allererste Bildungsgang Richards war von dem anderer junger Leute keineswegs verschieden. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule, denn er wollte studieren und galt in der Schule als ein guter Kopf in litteris; an Musik wurde nicht gedacht. Sein Stiefvater hatte ihn zum Maler machen wollen, Richard war aber sehr ungeschickt im Zeichnen; heimliche Versuche im Clavierspielen sielen ebenso wenig ermunternd aus. Mit 11 Jahren wollte Richard Dichter werden; zwei Jahre lang arbeitet er an einen: großen Trauerspiele nach dem Vorbilde Shakespear's, nachdem er zuvor Tragödien nach griechi- 142 schein Muster entworfen hatte. Unterdessen hatte die Familie Dresden wieder verlassen und war nach Leipzig zurückgezogen; Richard besuchte die Nikolaischule; wurde hier — aber „faul und lüderlich" (wie er selbst erzählt), weil ihm nur noch sein großes Trauerspiel am Herzen lag. Höchst charakteristisch für den künftigen Dichtercomponisten ist es nun, daß er sein großes Trauerspiel auch sofort mit Musik ausstatten wollte; Beethovens Musik zu „Egmont" hatte ihn dazu begeistert. Weber (Freischütz) und Beethoven (Symphonien) waren schon damals seine Ideale; sie sind es immer geblieben. Er studierte nun heimlich Generalbaß und faßte schon damals den Entschluß, Musiker zu werden, was harte Kämpfe mit seiner Familie verursachte, als diese endlich dahinter kam. Dennoch setzte er seinen Willen durch (er war damals 16 Jahre alt geworden) und erhielt nun theoretischen Unterricht bei einem tüchtigen Musiker, dem er aber viel Noth machte, weil Richard die Theorie zu trocken und langweilig fand. Er zog es vor, Ouvertüren im größten Style zu componiren, von denen eine sogar im Leipziger Theater zur Aufführung kam — und durchfiel. Jetzt fürchtete seine Familie, daß auch als Musiker „nichts Gescheidtes" aus ihm werden würde, und Richard bezog die Universität, nicht um sich einem Facultäts- studium zu widmen, sondern um Philosophie und Aesthetik zu hören; diese Collegien vernachlässigte er aber ebenso, wie die Musik. Richard gab sich einem wilden Sludenten- leben hin, das ihn jedoch bald genug anwiverte. Dies führte zu einem glücklichen Wendepunkt in Richard's Jugendleben. Er kam zur Besinnung und raffte sich auf; er fühlte die Nothendigkeit eines streng geregelten Studiums der Musik, und die Vorsehung ließ ihn in dem trefflichen Kantor an der Thomasschule in Leipzig, Theodor Weinlig (der damals auch Dirigent der Gewandhaus- Concerte war) den rechten Mann finden, der ihm Liebe zum ernsten Studium einflößte und einen tüchtigen Contrapunktisten aus ihm machte. Damals lernte Richard auch Mozart innig erkennen und lieben; bis an sein Ende gehörte die „Zauberflöte" zu feinen Lieblingsopern, die noch im November 1880 bei seiner Anwesenheit in München auf Wagners speciellen Wunsch zur Aufführung kam. In Leipzig entstanden auch seine ersten Kompositionen, von denen eine Symphonie 1838 im Gewandhause aufgeführt wurde. Die französische Julirevolution warf ihn mitten in den Strudel des so sehr bewegten geistigen Lebens von damals hinein, er ward nunmehr Operncomponist. Die Schröder-Devrient erschloß ihm, vor allem durch ihren Fidelio, den' vollen GM der musikalischen Bühne, sie blieb wo er ging und stand sein Vorbild in plastischen Gestalten seiner Ideen für die Oper. Eigene Jugendversuche waren vorerst erfolglos. Er ward Theater-Kapellmeister, zunächst in Rudolstadt und Magdeburg, dann in Königsberg und Riga. Das Elend kleiner deutscher Verhältnisse führte ihn von hier 1830 jählings nach Paris; es war die Zeit, wo Meyerbeer's Stern glänzte; ihm wollte er es gleichthun, es entstand seine erste große Oper, der Rie nzi. Die Fahrt durch die norwegischen Schüren aber hatte ihm auch bereits das Sujet des fliegenden Holländers vertraut gemacht« Seine Seelensehnsucht begriff er, als er jetzt in Paris erst recht das Darniedergeworfene alles deutschen Lebens erkannte. Die gleiche Sehnsucht nach dem Heimathlichen, Eigenen und Wahren führte ihm dort bereits auch Tannhäuser und Lohengrin zu. Als Rienzi in Dresden, Holländer in Berlin angenommen waren, kehrte er 1842 in die Heimath zurück, wo er zum ersten Male den ihm gefeiten Nibelungenstrom sah. Der Erfolg des Rienzi machte ihn im Jahre 1843 zum königlichsächsischen Hofkapellmeister. Die innere Versenkung in die tiefe Poesie unserer heimischen Mythenwelt enthüllte ihm aber bald den bloßen Scheinglanz jener Bühne, die damals von Paris aus die Welt beherrschte, er wollte vor allem den wahren dichterischen Gehalt auch für die Oper erobern. Dieser „Handlung" sollte selbst die Musik nur den tiefen, seelischen Untergrund bereiten und der Gesang allüberall deutliche Rede sein. Er übertrug Glucks Forderung 143 vom Sänger auf den Musiker und wollte blos da Musik gemacht wissen, wohin sie gehört. Diese Forderungen führten ihn zur offenen Empörung gegen die herrschenden Kunst« zustande und, da er ihren eigentlichen Grund in den sozialen und politischen Zuständen erkannte, aus Kunstinteresse zur Theilnahme an dem Dresdener Maiaufstande von 1849. Die Verbannung folgte. Wagner flüchtete nach der Schweiz und nahm zunächst in Zürich seinen Wohnsitz. Hier schrieb er die beiden, kolossales Aufsehen erregenden ästhetischen Abhandlungen: „Die Kunst und die Religion" und „Das Kunstwerk der Zukunft." 1850 ging er nach Paris und sandte von dort aus seinen inzwischen vollendeten „Lohen- grin" nach Weimar an Franz Liszt, der das Werk noch im August desselben Jahres auf der Weimar'schen Hofbühne zur Aufführung brachte und damit den weiteren Ruf Wagner's erst begründete. Nachdem dieser 1851 die Schrift „Oper und Drama" veröffentlicht hatte, machte er sich an die Ausarbeitung der Siegfried-Sage, so daß bereits 1853 die ganze Dichtung „Der Ring der Nibelungen" erscheinen konnte, deren Komposition aber erst 1870 vollendet wurde. In den dazwischenliegenden Jahren, die er theils in Paris, theils in der Schweiz zubrachte, und während deren er mit des Lebens Sorgen und Nöthen den schwersten Kampf zu bestehen hatte, schuf er seinen „Tristan und Isolde" und „Die Meistersinger von Nürnberg." Im 17. Lebensjahre, zu seinem Geburtstage am 25. August 1861, hatte der damalige Kronprinz, unser König Ludwig II., als erstes Theaterstück den „Lohengrin" gesehen — erzählt Ludwig Nohl im 5. Bd. seiner „Musikerbiographien" — und dann voll Begeisterung auch nach den übrigen Werken dieses Meisters gefragt. Sein stilles Gelübde war, diesem „Einen" seine Hand zu reichen, sobald er König sei. Nach dem raschen Tode Maximilian's II. war auch eine der ersten Negierungshandlunaen des jungen Königs die Berufung des begeistert verehrten Künstlers. Bald war Richard Wagner in München. Nach der ersten Audienz äußerte sich Wagner: „Er hat mich wie mit einem Füllhorn überschüttet! Das Undenklichste und doch einzig mir Nöthige ist völlig Wahrheit geworden. Im Jahre der ersten Aufführung meines Tannhä users gebar mir eine Königin den Genius m e i n e s L e b e n s. Er i st mir vomHimmel gesendet, durch ihn bin und verstehe ich mich." Und der König bewahrte dem Dichter seine Gunst und Freundschaft in allen Wechselsüllen bis zu dessen Tode. Richard Wagner hat diese Huld und Freundschaft eines Königs auch als seinen schönsten Stern betrachtet und die Größe dieses Glückes dankbar anerkannt. Wenn er seinen Dank gegen den „königlichen Freund" zum Ausdrucke bringen will, da entlockt er den Saiten seiner Harfe die schönsten Klänge und singt er sein schönstes Lied. So sang er im Sommer 1864 „dem königlichen Freunde": O König! holder Schirmherr meines Lebens! Du höchster Güte woimereicher Hort! Wie ring' ich nun, am Ziele meines Strebens, Nach jenem Deiner Huld gerechten Wort! In Sprach und Schrift, wie such ich es vergebens: Und doch zu forschen treibt mich's fort und fort, Das Wort zu finden, das den Sinn Dir sage Des Dankes, den ich Dir im Herzen tröge. Was Du mir bist, kann staunend ich nur fassen, Wenn mir sich zeigt, was ohne Dich ich war. Mir schien kein Stern, den ich nicht sah erblassen, Kein letztes Hoffen, dessen ich nicht bar: Was einsam schweigend ich im Innern hegte, Das lebte noch in eines Anderen Brust; Was schmerzlich tief des Mannes Geist erregte, Erfüllt' ein Jllnglingsherz mit hcil'ger Lust. 144 Du bist der holde Lenz, der neu mich schmückte, Der mir verjüngt der Zweig' und Aeste Säst. Es war Dein Ruf, der mich der Nacht entrückte, Die winterlich erstarrt hielt meine Kraft. Wie mich Dein hehrer Segensgrus; entzückte, Der ivoimestürmisch mich dem Leid entrafst, So wand't ich stolz beglückt nun neue Pfade Im sommerlichen Königreich der Gnade! Schon im Jahre 1867 siedelte aber Wagner nach Triebschen bei Luzern über und vollendete dort die Composition der Nibelungen-Trilogie, die dann an den denkwürdigen Tagen vom 13. bis 17. August 1876 in Bayreuth zur ersten Aufführung gelangte. In demselben Bühnenfestspielhause, das ihm seine Anhänger und König Ludwig erbaut hatten, brachte Richard Wagner dann im Juli des vorigen Jahres auch sein letztes Werk, seinen „Parsifal" zur Aufführung. Wie man sieht, ist die künstlerische Thätigkeit Wagner's Zeit seines Lebens fast ganz auf das Gebiet der Oper oder des Musikdraina's beschränkt gewesen und von seinen sonstigen Compositionen wären nur einige wenige Ouvertüren und Märsche zu erwähnen. Seine gesammelten Schriften und Dichtungen sind 1870—71 in neun Bänden erschienen. In Bayreuth, wo sein größtes Werk zuerst an die Öffentlichkeit trat, hat Richard Wagner mit wenigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines Lebens zugebracht. Dort in seiner Villa „Wahnfried" ruhte er aus von den Kämpfen und Mühen seines Lebens, in Bayreuth ist er zur letzten Ruhe gebettet worden, dort „wo sein Wähnen Frieden fand." Nun schläft der müde Tannhäuser. Wohl verstand cr der Harfe Accorde zu entlocken» wie Wenige, wohl hat er in jüngeren Tagen erschaut „den Bronnen, den uns Wolfram nannte"; aber aus seinen letzten Werken sprechen Düsterniß Lüsterniß und Hoffnungslosigkeit des Schopenhauer'schen Dichters und Denkers. Aus Wolfram'S zartem und mildem Epos „Parcival" hat er ein Gleichniß des Hartmann'schen Unbewußten, der pessimistischen Verzweiflung und des excessiven Sinnengenusses gemacht. Das war des Meisters letztes Werk, und darum ist er für Viele der moderne Klingsor geworden. Doch uns dünkt, der Grundton seines Wesens wäre dem des Tannhäusers gleich gewesen, und wer weiß, ob in letzten Tagen nicht an sein Ohr noch der Sang der Pilger von der waldumrauschten Wartburg an sein Ohr gedrungen: >eil! Heil! Der Gnade Wunderheil! L ösung ward der Welt zu Theil! ES that in nächtlich heil'aer Stund' Der Herr sich durch ein Wunder kund: Den dürren Stab in Priesters Hand Hat er geschmückt mit frischem Grün. Dem Sünder in der Hölle Brand Soll so Erlösung neu erblüh'n! Anst ihm es zu durch alle Land', Der durch dies Wunder Gnade fand! Hoch über alle Welt ist Gott Und sein Erbarmen ist kein Spott! Hallelnja! Halletuja! — Miseellei». (Aus dem Konservatorium.) Musiklehrerin: „Was versteht man unter ein« Koloratursängerin?" Schülerin (nach einigem Nachdenken): „Eine Sängerin, bei deren Vortrag man die Cholera kriegt." (Hyperbel.) „Was, die Milch willst Du nicht trinken und nur weil eine Fliege hinein gefallen ist?! Da wurde ich ganz anders erzogen! Ich hätt' meine Milch trinken müssen, und wenn ein Hund hineingefallen wär'!" Für 1>ie Redaktion verantwortlich Alvhons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag d» Literarischen Instituts vou l)r. Max Huttler, ,ur „Äugsimrger Post^kitnng." Nr. 19. Mittwoch, 7. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hi-rschfeld. (Fortsetzung.) „Lassen Sie mich zum zweiten Mal Ihrer wankenden Stärke zu Hülfe kommen, gnädige Frau", sagte der Verwalter. „Noch ist Ihres Sohnes Tod nicht bestätigt und vielleicht wird morgen schon die Nachricht dementirt. Was aber Ihre Nich — — Alida Barfeld wollte ich sagen, betrifft, so können Sie nichts Gescheidteres thun, als der Fieberphantasie ihren Lauf lassen, die sie plötzlich erfaßt. Wir sind es nicht, d-e sie aus dem Hause getrieben und kehrt Herr Oscar, was noch immer möglich, heim, so wollen wir ihr schon die Rückkehr unmöglich machen, wenn nicht das Schicksal uns die Mühe erspart; leicht verlischt in des Krieges Wogen eine Mädchenspur, und an den Schauplatz des Kampfes, wenn mich nicht alles täuscht, gedenkt sich Alida Varfeld zu begeben." „Dies sollte mein Platz sein", rief Frau von Solmitz heftig, „soll ich mich von ihr beschämen lassen? — Noch heute fahre ich zur Stadt, genaue Erkundigungen einzuziehen und morgen —" „Uebercilen Sie nichts, gnädige Frau, ich bürge Ihnen, für Alles zu sorgen", unterbrach sie der Verwalter. „Vielleicht ist der junge Herr nur verwundet und in diesem Falle ein schleunigster Transport in seine Heimath viel angebrachter. Diesen zu beschaffen, sei meine Sache, und wenn Alida Barfeld wirklich bis dorthin gelangen sollte, wo Ihr Sohn gekämpft und gefallen, so ist es besser, daß dieser längst auf dem Wege der Heimath, als daß sie, eine Samariterin der Liebe, mit Ihnen an seinem Lager zusammentrifft» Muth! Muth! gnädige Frau. Sebastian Streland wird Sie auch diesmal den rechten Weg leiten und Sie werdens ihm danken." Als nach einer Stunde Frau von Solmitz mit dem Ausdruck der Fassung den Salon verließ, in dem der Vermalter sie allein gelassen, um sofort zur Stadt zu eilen, nähere Erkundigungen zu veranlassen, händigte der alte Diener ihr einen Brief des Fräulein Alida Barfeld ein; er enthielt wenige Zeilen: Die Bitte, ihre wenige Habe an arme Dorfbewohner zu vertheilen und einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. „Fräulein Barfeld", erzählte der Alte ungefragt, „habe bleich zum Erschrecken ausgesehen und bei dem Krugwirth ein Fuhrwerk bestellt, mit dem sie vor einer halben Stunde zur Stadt gefahren, ein kleiner Koffer, in der Eile gepackt, sei Alles gewesen, was sie mitgenommen." Frau von Solmitz hörte ruhig zu, aber als der Alte schüchtern die Frage zu äußern wagte, ob wohl dem jungen gnädigen Herrn etwas zugestoßen, erwiderte sie: „In diesem Falle wäre es nicht Fäulein Varfeld, die nöthig hätte, das Schloß heimlich, in aller Eile zu verlassen; wenn sie es that, muß sie wohl ihre Gründe gehabt haben und ich wünsche, daß ihr Name nicht weiter in meiner Gegenwart genannt, noch ihres Andenkens erwähnt werde. Diesen meinen festen Willen mögt Ihr der übrigen Dienerschaft mittheilen und entlassen ist, wer ihm zuwiderhandelt!" 146 Drei Tage verstrichen in peinlicher Aufregung, gewitterschwül wie die Athmosphäre lagerte es über dem Hause Solmitz. Das Gerücht, das nimmer rastende, das seine Schatten durch alle Hüllen wirft, mit denen man den Thatbestand selbst zu verschleiern sucht, war nicht müßig gewesen, und hatte rasch in Schloß und Dorf die Kunde verbreitet, daß ein Unfall den Erben des Hauses betroffen. Nähere Erkundigungen einzuziehen, war unmöglich, denn die Gutsherrin kam nicht aus ihrem Kabinet hervor und Streland, der Verwalter, der seine Tage auf der Landstraße zwischen der nahen Kreisstadt und dem Gute verbrachte, wich jeder Frage aus. Am dritten Abend ließ er sich bei Frau von Solmitz melden; es war bereits dunkel geworden, und die mit einem Schirm bedeckte Kuppellampe brannte auf dem Schreibtich der Schloßherrin, das Licht warf eben seinen Schein auf Frau von Solmitz und unwillkürlich drängte sich dem Verwalter die Bemerkung auf, daß diese kurze Spanne Zeit "nngereicht habe, die Züge der Dame zu verändern; es war, als ob ein milder Hauch arüber gegangen und das sonst so kalt und streng blickende Auge war geröthet wie von vergossenen Thränen. Stumm heftete sie ihren Blick auf den Verwalter, erst als Streland schwieg, als suche er nach einer Einleitung seines Berichtes, fragte sie: „Sie haben Nachricht, reden Die, mit einem Schlage die fürchterlichste Qual eines Mutterherzens zu enden — die Ungewißheit; hat man Nachrichten über den Verbleib meines Sohnes, ist er todt?" „Danken Sie mir, gnädige Frau, wenn ich Sie vor übereilten Schritten zurück hielt", erwiderte der Verwalter, der gern die Wichtigkeit seiner Person in den Vordergrund stellte, „nie war Ihre Anwesenheit auf Solmitz, abgesehen von der Ceremonie der Todeserklärung Leopold's von Bernau, deren Termin in vier Wochen abgelaufen, nöthiger 'ls jetzt. Gnädige Frau, Ihr Sohn, Oscar von Solmitz, ist gefunden; für eine Leiche hielt man ihn, da hülfreiche Johanniter den leblosen Körper vom blutgetränkten Boden erhoben, aber schon im Begriff, ihn der Erde zu übergeben, entdeckte man, daß sich noch der Athem rege in der durchschossenen Brust." Wie ein Aufjauchzen drang eS aus Frau von Solmitz Brust empor. „Er lebt?" „Ja, er lebt und mehr noch, seine Wunde, obwohl schwer und ernst, gestattet den Transport; schon ist er unter sorgsamer Hut auf dem Wege hierher und in wenigen Tagen können wir ihn auf Solmitz erwarten." „Mein Sohn!" Wie ein Heller Glanz flog es über der Mutter Antlitz, aber es war die letzte Regung der weichern Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, seit die verhängnißvolle Kunde mit dem bedeutsamen Zeichen zusammentraf, als ihr der jung» schwärmerische Mann beim Abschied verheißen. Nun, da sie wußte, daß er lebte, schämte ''sie sich fast ihrer Schwäche. „Es soll alles zu meines Sohnes Empfang vorbereitet werden", sagte sie, „und mit Gottes Hülfe dürfen wir ihn ganz der Genesung zurückgeben, nur eines, Streland, eines macht mir bei seinem excentrischen Charakter Sorge; nicht alles findet er auf Solmitz wieder, wie er es verlassen, wenn er nach Alida fragt, nach ihr verlangt? —" „So tritt die Baronesse Ebersdorf an sein Lager und in Kurzem wird die Seifenblase seiner Jugendideale verschwunden sein, wenn Sie sich ferner meiner Leitung unterziehen. Ein Kranker kann nicht immer ungeschminkte Wahrheit vertragen, nicht seinetwillen muß Alida das Haus Solmitz verlassen haben, sondern um der Weisung zu folgen, die dieser Brief des Oberlieutenants von Alten enthielt und den er ihr zu übergeben mir am Tage seines Scheidens anbefohlen." „Sie haben ihn geöffnet?" fragte Frau von Solmitz lebhaft. „Ja", entgegnete Streland, „denn der ihn geschrieben, ist nicht mehr. Soeben bringt der Telegraph die sichere Kunde, daß der Oberlieutenant von Alten bei einem Eisenbahnunfall verunglückt und als Leiche gefunden ist. Dieser Brief aber enthält die beschwörende Bitte an Alida Barfeld, unser Haus, 147 das ihr kein Glück zu gewähren vermag, zu verlassen und sich in den Schutz seiner Schwester, einer verwittweten Schloßherrin im südlichen Frankreich, zu begeben, die er von allem unterrichtet. Dieser Brief, sorgfältig wieder geschlossen und sobald es deS jungen Herrn Zustand erlaubt, ihm eingehändigt, wird ihn Alidens Verschwinden rasch vergessen lassen und sollte sie wirklich nochmals den Solmitz'schen Boden betreten, sei eS unsere Sorge, sie den Sohn des Hauses als glücklichen Gatten der Baronesse Fanny von Ebersdorf antreffen zu lassen." „Sei es, wie Sie vorgeschlagen", erwiderte Hermine, „so tief bin ich von der Schuld umstrickt, daß eine mehr oder weniger in der Waage nicht zählt. Ach, Streland, es ist doch immer meine Nichte, ist meines Bruders Kind, die ich hilflos und allein weiß in der Welt, inmitten eines Chaos entfesselter Leidenschaften. Wenn es wirklich eine Vergeltung gäbe und Leopold von Bernau sie einst am Throne des Weltenrichters — — doch komme es wie es will. Oscar ist frei von aller Schuld und der Erbherr auf Solmitz braucht nicht von einer Proletarirrtochter sein Glück zu empfangen." 3. Kapitel. Ein wüstes Durcheinander herrscht in Pont L Mouffon; einig« Tage vorher war jene entscheidende Schlacht geschlagen, die das Schicksal der Festung Metz besiegelt«. Mit blutig schweren Opfern war der; Sieg errungen und ein nur allzusichtbares Zeugniß legte der Ort davon ab, in dem sich das Hauptquartier des Königs von Preußen befunden; jedes nur einigermaßen bewohnbare Gebäude war zum Hospital eingerichtet, an allen Ecken und Enden begegnete man Gestalten des Leidens in Körben und auf Bahren, theils zu den iniprovisirten Heilstätten, theils zu den Eisenbahnzügen geleitet, die sie weiteren Pflegestätten zuführen sollten. Aber auch das minder trübe Bild des Krieges fehlte nicht, zwischen allem Elend, allem Jammer tönte das wirre Durcheinander der verschiedensten Stimmen, Fouragewagen und Kanonen rasselten, in unaufhaltsamer Reihenfolge und in bunter Menge schwirrte und wirrte es durcheinander von Johannitern, Ordonanzen, barmherzigen Schwestern, Geistlichen und allen Repräsentanten des endlosen Gefolges, das sich Humanitätszwecken geweiht oder durch Geschäftsinteressen veranlaßt, der kriegerischen Wolke anschließt, die verderbenbringend dahinbraust. Inmitten alles Menschentreibens stand ein junges Mädchen in einfach hochreichendem Kleide, einen kleinen Handkoffer im Arm, einsam und rathlos da, es war Alida Barfeld; sie hatte nicht Rast gehabt noch Ruhe, zu den blutgetränkten Feldern der Ehre hatte es sie getrieben, um, falls es ihr nicht vergönnt sein solle, ihn lebend, wenn auch verwundet, wieder zu finden, und seiner Pflege sich zu weihen, den Boden mit ihren Thränen zu netzen, der seine irdische Hülle deckte, ehe sie ihr junges Dasein in irgend einem stillen Erdenwinkel begrub. Einer Gesellschaft grauer Schwestern hatte sie sich angeschlossen, die gern und willig das junge Mädchen in ihren Schutz genommen hatten. Bis hierher war sie glücklich mit ihren frommen Begleiterinnen gelangt, aber die Verwirrung, die ringsum herrschte, das unbeschreibliche Gedränge hatte sie von ihnen getrennt und soeben noch war es ihr gelungen, zu erfahren, daß ihre Beschützerinnen in Folge erhaltener Weisung Pont L Mouffon schon wieder verlassen, um sich nach Weißenburg zurück zu begeben. Viel hatte sie nach dem Regiment gefragt, in dem Oscar von Solmitz gestanden, dasselbe war bereits in weiter Ferne; wo es augenblicklich stand, wußte keiner genau dem jungen Mädchen anzugeben und über Oscar selber vermochte sie eine zuverlässige Kunde nicht zu erhalten. Trostlos stand sie da; jetzt allein auf sich angewiesen, trat erst das „Warum" und das „Wohin" an ihre Seele; die ganze Abenteuerlichkeit ihres Unternehmens war ihr »nt einem Schlage klar geworden. Wenn es ihr wirklich gelang, Oscar aufzufinden, obwohl sie fest von seinem Tode überzeugt war, mit welchem Recht sollte sie seine Pflege beanspruchen, wenn er verwundet, mit welchem Vorwand gar ihm gegenüber treten, wenn er unverletzt geblieben und nur ein Zufall war, was sie in ihrem überreizten Nervenleben für ein Zeichen des Schicksals gehalten? Da tönte der Ruf einer Mannesstimme an ihr Ohr, die mit dem Ausdruck der höchsten Ueberraschung ihren Namen nannte; so schwach sie immer war» diese Stimme war ihr nicht fremd und sich hastig umwendend, gewahrte sie auf einem von zwei Wärtern getragenen Krangenstuhl Paul Halsen, den Waffengefährten und treuen Diener des jungen Herrn von Solmitz. Durch die Menge sich Bahn brechend, eilt sie zu ihm hin. „Gelobt sei Gott!" rief sie, „Ihr seid es, Paul — Ihr lebt — o gebt mir Auskunft, was ward aus Oscar? —" „ArmeS Fräulein", sagte der Müllerssohn theilnehmend, „gewiß sendet Euch die gnädige Frau, und ich mit meinen zerschossenen Füßen kann Euch nicht schützend zur Seite stehen in all' diesem Trouble, kehrt heim, Fräulein, kehrt heim, es ist alles, alles aus." Ein Nebel schwamm vor Alidens Blicken, sie hörte nicht das Wogen und Brausen um sich herum, sie horchte nur auf des Soldaten Worte. „Er ist todt?" wie ein Hauch kam es über ihre Lippen. „Er fiel an meiner Seite, fast gleichzeitig mit mir getroffen, ich kämpfte mit dem eigenen furchtbaren Schmerz ihm zu helfen. „Eine Kugel hatte die gute treue Brust durchbohrt, aber es half alles nichts, die Nacht b^-ach an, man hat uns nicht gefunden und wir lagen hinter einer Hecke zwischen mehreren gefallenen Kameraden. Lassen Sie es gut sein, Fräulein, was soll ich Ihnen viel erzählen, ich sah sein Auge brechen, da schwand auch mir die Besinnung und als ich erwachte, lag ich in einer Ambulante; vierundzwanzig Stunden waren verstrichen; von meinem jungen gnädigen Herrn aber mußte keiner etwas mehr, den haben sie wohl auf dem Felde der Ehre eingescharrt." Der arme Bursche weinte bitterlich bei diesen Worten, aber keine Thräne entrann Aliden's Augen. Was ihr als gewiß gegolten, war durch Paul's Erzählung nun zur unumstößlichen Thatsache geworden. Oscar von Solmitz, der Jugenvfreuno, der Geliebte, war todt, was brauchte sie bessere Zeugen? „Man will mich nach Berlin zur Heilung schicken", fuhr Paul Halsen fort, „ich möchte nicht eher in meiner Eltern Haus wiederkehren, als bis ich, wenn auch an Krücken, zu Ihnen durch die Thüre marschiren kann; doch meine Freunde, die Krankenwärter, werden ungeduldig, sie haben noch viel zu thun, darum Gott befohlen und auf ein fröhliches Wiedersehen. Die Träger, die schon lange sichtliche Zeichen der Ungeduld hatten merken lassen, die zu äußern nur der Respekt gegen das junge Mädchen sie zurückgehalten, hoben den Verwundeten empor und brachen sich Bahn durch das Gewühl. Alida beachtete kaum, daß sie auf's Neue allein stand, ein führerloses Fahrzeug inmitten tosender Meereswogen. „Bist Du eine gute Schwester?" Schüchtern klang eine Kinderstimme an das Ohr des jungen Mädchens und eine leichte Hand berührte den Sanm des Kleides der Waise; „bist Du eine gute Schwester?" fragte dieselbe Stimme noch einmal, da Alida, in ihrer Starrheit versunken, nicht einmal vie Augen vom Boden erhob. Nun schreckte sie auf; vor ihr stand ein kleiner etwa achtjähriger Knabe, rosig und blondlockig, er war es, der die Frage gethan hatte. „Was willst Du, mein Kind?" ohne zu wissen, daß sie redete, kam es von Alidens Lippen. — „Wir sind Deutsche, gute Schwester und nicht geflohen", sagte der Knabe fast stolz; „wir wollten unseren Landsleuten beistehen und haben sechs Verwundete im Hause. Der kranke Herr aber, aus Amerika, will sterben und möchte gern eine von den guten Schwestern sehen, da bin ich auf den Markt gelaufen, Dich zu holen, nicht wahr, Du kommst mit zu dem armen blinden Mann, der nicht einmal ordentlich deutsch sprechen kann und weit, weit her ist aus Amerika." Wie ein elektrischer Funken schienen des Knaben Worte der Seele des jungen Mädchens neue Spannkraft zu geben. „Ein Leidender, ein Sterbender bedarf des Trostes, vielleicht mehr des Trostes der Eieele, als Linderung der körperlichen Schmerzen." Konnte sie zögern, eine heilige Pflicht 149 zu erfüllen, sollte sie vielleicht eine Seele verderben sehen, um der Verzweiflung eines Todten willen, den sie nimmermehr zum Leben erwecken konnte? Ein hoher Entschluß tauchte in ihr auf. Dem Dienst des Leidens wollte sie sich weihen, unablässig Tag und Nacht, so wollte sie Oscar's Andenken in Ehren halten, und im Innern an ihn jene Stunden verbringen, die ihr als Muse nach der beschwerlichen Aufgabe übrig bliebe», die sie sich zum Ziel gesetzt. Und jetzt schon sollte die Mission begonnen werden; wie ein Himmelsbote erschien ihr der liebliche Knabe. „Ich komme", sagte sie rasch entschlossen, „zeige mir den Weg, mein Kind." (Fortsetzung folgt.) Das Kostümfest im königlichen Schlosse in Berlin. Ueber den am 28. Februar im weißen Saale des kgl. Schlosses in Berlin statt- gehabten kostümirten Festzug zur Nachfeier der silbernen Hochzeit des kronprinzlichen Paares entnehmen wir der „Franks. Ztg" folgenden Bericht: Mendelssohns für Gelegenheiten dieser Art klassisch gewordener Hochzcitsmarsch zum Sommernachtstraum bildet die von der Höhe des Orchesters herab tönende musikalische Introduktion. Dann folgt im Saale selbst ein schmetternder Trompelentusch. Er ent- schallt den silbernen Instrumenten an den Lippen der vier stattlichen Trompeter, die in farbenreichen Kostümen, wie sie bei mittelalterlichen Tournieraufzügen üblich waren, den Zug eröffnen. Ihnen folgen zwölf zu drei Reihen angeordnete Herolde in ähnlicher Tracht. Gravitätisch aufmarschirend, nehmen sie Frontstellung in einem Gliede den fürstlichen Herrschaften gegenüber. Nunmehr tritt der von zwei weiteren Herolden in den Saal geleitete Sprecher (Hauptmann von Hülsen) vor. Er trägt das Kostüm jüngerer Kavaliere aus der florentinischen Glanzzeit, das seine jugendlich schlanke und elastische Erscheinung trefflich kleidet. Die Musik verstummt. In beschwingten Dactylen hebt der Prolog Ernst von Wildenbruch's an und zieht eine Parallele zwischen den festlichen Empfindungen vom 25. Januar 1858 und von heute. Dann nimmt der Zug seinen Fortgang. Eine prächtige Patrona sdame in Nothsammet mit Silber (Gräfin Szächönyi), geführt von einem Kavalier in der karmoisinrothen langen faltigen Seidenrobe der venetianis.be n Senatoren, das Haupt mit einem tleinen rothen Käppchen bedeckt (Graf W. Pourtales), schreitet als Patronatsdame dem Zuge Friedrichs !l . voran. Dieser deutsche Kaffer selbst, dem die Geschichte den Beinamen des Schönen gegeben hat, wird durch den Groß- hrrzog von Hessen dargestellt, der die Prinzessin Friedrich Karl als Repräsentantin der gefeierte» Eleonore von Portugal an der Hand führt. Sie trägt eine Nobe von purpurrothein Sammet, deren Hüfttaille mehr als handbreit mit Hermelin verbrämt ist, der zunächst den eckigen Halsausschnitt umgibi, über der Mitte der Brust sich zu einem einzigen breiten, in der Taillengegend sich verengenden Streifen verbindet und nach und nach unten den Abschluß der Taille bildet. An die Schulterpuffen der engen, mit goldenen Spitzenmanchetten abschließenden Aermel reihen sich lang herabwaUende Oberärmel von schleierdünnem weißen Seidenstoff. Ueber dem schlichtgescheitelten dunklen Haare wölbt sich ein Diadem von Gold und Brillanten auf purpursanrmslner Unterlage. An ihm ist ein langer Schleier befestigt, unter welchem der durch ein Netz von feinen Silberfäden zusammengehaltene Haarschmuck des Hinterhauptes sichtbar wird. Zwei zierliche Pagen tragen die gewaltige Schleppe des aus Hermelin und Golobrokat gefertigten Mantels. In rothen Kostümen mit den Emblemen ihres Gebieters geschmückt, eröffnen Schwert- und Schildträger den Zug des Erzherzogs Maximilian (Prinz Albrecht), der in blauem Gewand mit silbernem Schuppenpanzer und purpursainmetnem Mantel mit Her? mclinbesatz erscheint. Zu seiner Seite schreitet Maria von Burgund (Prinzeß Albrecht), das Haupt von der charakteristischen Flügelhaude bedeckt. Ihr folgen drei Prinzessinnen (Elisabeth und Victoria von Hessen und Louise Sophie zu Schtesivig-Holstein) — 150 — als Brautjungfern, die jene hohen, dütenartig zugespitzten Hauven mit oben angehefteten Schleiern tragen, wie sie damals in Frankreich für höfische Frauentracht beliebt waren. Ein reiches Gefolge von Damen und Kavalieren schließt diesen Zug. Die nächste Abtheilung eröffnen der Kurprinz Joachim von Brandenburg und die Markgrafen Albrecht und Kasimir desselben Fürstenhauses (Erbgroßherzog von Baden, Prinz Friedrich Leopold und Prinz Wilhelm von Hohenzollern). Ihre Kostüme sind nach gleichzeitigen Gemälden und Nelief's angeordnet. Die burgundischen und italienischen Trachten ihres männlichen und weiblichen Gefolges scheinen an Pracht der Farben und Echtheit des Schnittes die vorangegangenen Abtheilungen noch überbieten zu wollen. Namentlich gilt ersteres von dem pompösen dunkelrothen Burgunder Kostüm des H erzogS von Iülich (Herzog von Natibor) und letzteres von den Anzügen der Patrizier und Patrizierinnen von Gent und Brügge, die diese Abtheilung beschließen. Alle bisher geschilderten Gruppen gelten als Vorhut des Zuges der Königin Minne. Den Kern desselben eröffnen nunmehr zwei jugendliche Kavaliere, denen unmittelbar der Triumphwagen der holden Märchenkönigin selbst folgt. »Wagen" ist freilich nur die technisch richtige Bezeichnung. Dem äußeren Anscheine nach naht die Fürstin auf einem beweglichen Thron, den sechs junge Kavaliere auf den Schultern tragen. Nur zur Erleichterung für diese und zur größeren Sicherheit für die Thronende ist das Gerüst auf Räder gestellt, die jedoch von herabhängenden Teppichen völlig verdeckt werden. — Prinzessin Wilhelm, der die Rolle der Königin Minne vorbehalten blieb, ist, obgleich seit zwei Jahren zu den Frauen zählend, dem Aeußern nach noch heute eine jungfräuliche Erscheinung, und jungfräulicher noch als sonst erscheint sie in der lichten duftigen Toilette, die sie bei dieser Gelegenheit trägt. Dieselbe besteht aus einer blaßrosafarbenen Robe, über welche eine Tunique aus Hellem millestleures-Stoff fällt, der im Ensemble den Eindruck eines blassen stahlbläulich angehauchten Silbergrau macht. Die ziemlich tief ausgeschnittene Spencer-Taille ist ihrer ganzen Ausdehnung nach mit Arabesken von Brillanten und anderen kostbaren Steinen besetzt. Den Oberarm bedecken weite, offen herabhängende Aermel von elfenbeinartigem Tüll. Das blonde Haar ist oberhalb der Scheitelgegend zu einem einfachen Knoten geflochten, von welchem aus es frei über den Nacken herabwallt. Ein Kranz von Rosen, die das blasse Rosa der schlichtesten Centi- folien zeigen, liegt leicht auf der durch dichten Haarwuchs begünstigten Frisur und wird von einem Brillantendiadem überragt. Mit ebensolchen Rosen ist die Tunique aufgerafft und an den Schultern unter Zuziehung schmaler himmelblauer Bündchen, deren Enden herabflattern, der Goldbrokatmantel befestigt. Der Thron der Königin Minne ist von einem muschelartig gewölbten Baldachin überragt, der von schlanken goldenen Renaissance- Säulen, die einige Verwandtschaft mit Thyrsusstäben haben, gestützt wird. Nebenher schreiten sechzehn rosenbekränzte Pagen in der an den provencalischen Liebeshöfen üblich gewesenen Tracht. Sie tragen auf hohen goldenen Stangen ebensolche Blumenkörbchen, deren je zwei durch grüne Festons mit einander verbunden sind. Indem sie so den Thron rings umgeben, entfaltet sich das Gesammtbild eines grünenden und blühenden Frühlings, der sich an goldenen Schmuckgerüsten emporrangt. Nachdem der Thron der Liebeskönigin gegenüber den Thronen der Gefeierten Aufstellung genommen hat, gruppiren sich sechzehn Paare zur Minne-Quadrille. Die vier ersten Paare, an deren Spitze die Prinzessin Friedrich von Hohenzollern und Prinz Eduard von Anhalt stehen, tragen Maigrün und Violett mit Silber, das 'bei den Herren in Gestalt von Schuppenpanzerärmeln vertreten ist. Vier weitere Paare, deren Herren als Troubadours erscheinen, tragen Hochroth mit Grün. Dann folgen vier in florentinischem Stil geharnischte Kavaliere und Damen in Roth und Lachsfarbe mit Silber. Die letzten vier Paare endlich erscheinen Blau mit Gelb. Herren wie Damen haben ihre Baretts, Helme, Häubchen oder offenen Haare mit Rosenkränzen umwunden. Nachdem die Klänge der von Kapellmeister Hertel melodisch komponirten Minne- Quadrille verhallt sind und die Minnekönigin mit,ihrem Gefolge wieder abgezogen ist, 151 — eröffnen vier Trompeter und zwei Herolde den englischen Zug. Dann folgen Kammer« Herr und Patronatsdame (Lady Amthill), sechs BeefeaterS und der Hofmarschall, sämmtlich in der Tracht des Hofstaats der Königin Elisabeth von England. Für diese interessante historische Gestalt hat sich in der Gräfin Udo zu Stolberg-Wernigerode eine so geeignete Vertreterin gefunden, daß man sich versucht fühlen könnte zu glauben, eS sei für die Dame die geeignetste Rolle gesucht und gefunden worden. Das schmale, längliche Gesicht, das scharf geschnittene Profil, die hohe Gestalt, der entschlossene Ausdruck, das hoch aufgebundene röthlich blonde Haar, auf dem das rothgefütterte goldene Krönchen sich prächtig ausnimmt, — Alles stimmt haarscharf mit dem uns überlieferten historischen Bilde der energischen Königin überein. In den ersten Reihen der englischen Quadrille, deren Musik nach altenglischen Motiven orchestrirt ish tanzen Lady Ampthill, Prinz Wilhelm, Prinzessin Victoria rc. Die Erbprinzeß Sachsen-Meiningen und die Prinzessinnen Sophie und Margarethe weilen, von einem indischen Schirmträger begleitet, als Prinzessin von Navarra mit ihren Töchtern als Zuschauer unter den Gästen der Königin von England. Und nun folgt ein Neigen jugendlicher Damen, die mit ihren Querscheiteln, mit den blonden Löckchen die Stirn und Wangen umrahmen, den zartfarbigen Schnebbtaille» und vorn getheilten breit bordirten Roben, den bauschigen Aermeln rc. uns einerseits an die lieblichsten Portrait-Gemälde Van Dyck's, andererseits an Thekla im Wollenstem, wie ihre Bühnenerscheinung durch die Meininger eingeführt worden ist, gemahnen. Es sind die Damen der deuschen Quadrille, die in die Jugendzeit des Großen Kurfürsten verlegt ist und den Schluß des höfischen Aufzugs bildet. Um denselben haben sich als künstliche Leiter Graf Harr ach, August von Heyden, die Professoren Döpler, Gentz und Edwald, die Maler Lulvos und Skarbina, sowie für den plastisch ornamentalen Theil die Architekten Kayser und von Groß heim verdient gemacht. Zur ganz ausschließlichen Richtschnur aber wurde das echt historische Gepräge für die Gestaltung des nunmehr folgenden Künstlerzuges, der seinen Namen in doppelter Bedeutung trägt. Erstens sind die Betheiligten durchgehends ausübende Künstler und zweitens stellen sie eine aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzte Künstler- Deputation aus den Blüthenzeiten der Hochrenaissance dar. Als stattlicher Hauptherold schreitet ihm Maler Prell, der Schöpfer der Fresken im großen Gesellschaftssaale des Architektenhauses, voran, geleitet von zwei jugendlichen Nebenherolden, einem deutschen und einem englischen. Dann folgt ein schwarzgekleideter Magister der Musik (Professor von Hertzberg) als Anführer und Dirigent von fünfzehn Knaben vom königlichen Dom- Chor, die rosenbekränzt im Stile reformationszeitlicher Maienfeste erscheinen und eine von Mendelssohn für doppelten Diskant und Alt kompouirte Festhymne singen, die a eupolla den Aufzug der Künstler begleitet. Fricke, hier nicht als Sänger der Hofoper, sondern als achtbarer Landschaftsmaler, der er ebenfalls ist, eingereiht, trägt das Banner der Künstlerschafl mit den drei silbernen Schilden auf blauem Grund, begleitet von zwei Marschällen (Bildhauer Schweinitz und Maler Nheinemann), welche die Enden der silbernen Bannerschnüre fassen. Ihm folgt die deutsche Künstlerschaft aus den Zeiten eines Peter Bischer, dessen Person durch Professor Siemeriug treffend genug charakterisirt erscheint. Dieser Abtheilung folgen die nicht minder charakteristisch kostümirten Professoren Karl Becker und Scheurenberg als erster und zweiter Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler und Anton von Werner als Präsident des Festkomitös. Sodann wird auf rothgepolsterter Tragbahre, die an der Vorderseite mit dem preußischen Adler, an der Rückseite mit dem englischen Wappen dekorirt ist, das Festgeschenk der Künstler, ein über einen Nieter hoher Pokal, herbeigebracht und vor dem gefeierten Paare niedergesetzt. Dieser „Willkomm", wie unsere Vorfahren solche Humpen, in denen der Begrüßungs- trunk verabreicht zu werden pflegte, nannten, ist aus dem Zinn einer Unzahl von den Malern gesammelter Oelfarbenknpseln gegossen und hat ganz das Ansehen eines schönen vioil ui^ent erhalten. Bildhauer Herter hat ihn unter Mitwirkung von C. Bieber — 162 - auf eigene Kosten modellirt, H. Glaoenbea u. Sohn ebenso gegossen. Auf hohem Fuß, an dessen Bassis sich zwei in Arabesken übergehende weibliche Halbsiguren lehnen, tragen drei sitzende Männergestalten das eigentliche Gesäß, auf welchem durch ornamental« Umrahmung mehrere theils mit Inschriften ausgefüllte Medaillons abgetheilt sind. Zwei hüben und drüben angebrachte Putten repräsentiren die Bildhauerei und Malerei. An dem stark ausgebauchten oberen Theile des Kelches sind sodann das Allianz-Wappen von Preußen und England, sowie vier reliefirte Allegorien: Erziehung, Arbeitseifer, Kriegs- wissenschaft und Frömmigkeit, und im sechsten Felde die Zahl XXV angebracht. Zwischen diesen sechs Feldern finden noch zwei Greifen Raum, die in ihren Schnäbeln feine Ketten halten, an denen einerseits das Berliner Stadtwappen, andererseits das Künstler- wappen hängen. Den konisch gestalteten, mehrfach gegliederten Deckel bekrönt ein Landsknecht mit fliegendem Banner, eine ebenso kraftvoll konzipirte, als in ihre» Einzelheiten zierlich durchgebildete Gestalt. *) Sobald der von seinem Bildner E. Herter begleitete „Willkomm" niedergesetzt ist, tritt Maler Dielitz vor und spricht einen von Julius Wolfs gedichteten Festgruß, dessen Kern der Satz bildet: Die Form ist Schein, doch Wahrheit der Gehalt. Dann folgt ein Zug italienischer Künstler, denen Gentz als Orientale gesellt, und endlich beschließen die Niederländer den Künstleraufzug und mit ihm den gesammten osfizielen Theil des Festes. In ihren schwarzen Kostümen mit den hohen zugespitzten Filzhüten überaus echt und nobel erscheinend, bilden sie einen durchaus würdigen Schluß. Wenn man nur hinsichtlich der Physiognomien die Phantasie ein klein wenig mitsprechen läßt, so findet man leicht seinen Rubens» seinen van Dyck, seinen Frans Hals rc. heraus. Der Leser selbst dieser einfachen Schilderung, welche sich jeder Ausschmückung enthält, wird mir Recht geben, wenn ich den empfangenen Eindruck zusammenfassend sage, daß dieses Kostümfest nicht leicht seines Gleichen finden wird. Otto Baisch. M i s - e l l e,r. (Boshaft.) Bauer (im Amtszimmer des Negistrators): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (einige Schritte näher tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (an das Pult des Negistrator's tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Negistrator: „Donnerwetter, sieht Er denn nicht, daß ich rauche!" — Bauer: „Entschuldigen S', Herr Negistrator, aber ich hab' halt denkt, wenn mer so a groß Maul hätt' wie der Herr Negistrator, könnt' mer rauche, und schwätze' mitanand!" (Der g a l a n t e «T ü r k e.) Einem vornehmen Türken wurde von einer etwas prüden Europäerin die Verwerflichkeit seiner Religion vorgehalten, die jedem Manne erlaube, mehr als eine Frau zu haben. Fein erwiderte er: „Unser Islam gestattet es, damit mir in verschiedenen Frauen die Eigenschaften finden, die bei Ihnen, Madame, alle in einer Person vereinigt sind." (Auch nicht übel.) Einem patrouillirenden Gensdarm machte ein armer Teufel die Anzeige, es sei ein höchst zudringlicher Mensch in seine Wohnung gekommen, der sogar Anstalt treffe, von seinem Eigenthum Einiges mitzunehmen. Der Gensdarm beeilte sich in die Wohnung des Mannes zu kommen, und fand einen — Gerichtsbeamten, der ihn pfändete. (Vorsicht.) Officiersbursche: „Erlauben S' Herr, haben Sie das Inserat: „Krankheitshalber wird ein Pferd verkauft" in die Zeitung drucken lassen?" — Herr: „Jawohl!" — Officiersbursche: „So, dann lasten der Herr Oberlieutenant fragen, ob der Herr krank sei oder der Gaul?" ") Ein getreues Abbild dieses Pokals in Lichtdruck wird nächster Tage im Verlag von Paul Bette in Berlin erscheinen. Für die Redaktion verantwortlich Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. Nr. 20. Samstag, 10. März Heimathlos. Eine Erzählung aus längster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Der Knabe schritt voran und bald war er am Ziel. Es war das Haus eines Tischlers, in das er Alida führte; das kleine Gebäude trug äußerlich keine Spur der Verwüstung, aber im Innern sah es um desto schlimmer aus, die Einquartirung wechselte von Tag zu Tag und außerdem lagen mehrere Verwundete in den Räumen. Der Knabe öffnete die Thür zu einer hellen Kammer. „Dort liegt der fremde Mann", flüsterte er dem jungen Mädchen zu» auf das dürftige Lager deutend, das an der Langseüe des Raumes, dicht am Fenster aufgeschlagen, „die Mutter ist bei ihm." Eine junge, einfache Frau erhob sich bei dem Eintritt Alidens. „Da liegt der arme Mann", sagte sie leise, ihr entgegenkommend, „er ist typhus- krank, unrettbar verloren und hat nach einer grauen Schwester verlangt; ich glaube, er hat etwas auf dem Herzen, sprecht Ihr mit ihm, ich bin eine schlichte Frau und kann ihn nicht verstehen." Das junge Mädchen näherte sich dem Bette. Auf ihm lag ein bleicher Mann, er mochte etwa in den fünfziger Jahren stehen, sein Haar, wie der volle Bart, der sein bleiches Gesicht umrahmte, war stark mit Grau untermischt, aber die Augen leuchteten in Hellem, fieberhaften Glanz und die geschlossenen Lippen murmelten leise Worte» die Alida als englisch erkannte. Sie trat dem Bett vorsichtig näher und warf einen Blick auf den Kranken, in dessen Züge der unerbittliche Tod bereits sein Zeichen geprägt hatte, ein seltsames Gefühl beschlich sie, da sie des Sterbenden große dunkle Augen mit starrem Ausdruck auf sich gerichtet sah, ihr war's, als seien ihr diese Augen nicht fremd, als habe sie in dieses Mannes Antlitz schon früher geblickt. Der Leidende machte eine hastige Bewegung, als er des jungen Mädchens ansichtig ward. „Ella", murmelte er in englischer Sprache, „Ella, kommst Du schon, mich zu holen? —" „Hier ist eine fromme Schwester, nach der Ihr so inbrünstig verlangtet, nachdem Ihr durch den Beistand des Priesters Euch mit Gott versöhnt. Soll ich Euch mit ihr allein lassen?" Der Kranke neigte das Haupt zum Zeichen der Bejahung, die Frau winkte dem Knaben und verließ das Zimmer. Der Sterbende versuchte sich emporzurichten, Alida unterstützte ihn, ihre Hand zitterte es war das erste Mal, daß sie Hülfe leistete. „Sie sprechen englisch, fromme Schwester?" fragte der Sterbende. „Achtzehn Jahre lebte ich tief in den Prairien Südamerika's und meine Muttersprache ist mir fremd geworden, wenn auch mein Herz an meiner Heimath mit gleicher Treue hing." „Ich verstehe Sie", entgegnete Alida in demselben Idiom, „nur müssen Sie etwas 154 Nachsicht mit mir haben. Vergönnen Sie mir vor allein die Bemerkung, ich gehöre nicht dem Stande an, den Sie wähnten, keine Ordens-Regel bindet mich, allein ich bin ein Mädchen, das sich, nachdem sie alles verlassen, was ihr lieb und theuer auf Erden, dir Aufgabe gestellt den Leiden der Seele, den Leiden des Körpers sich zu weihen, und selber lechzend nach Trost und Hülfe, däuchte es mir eine Fügung Gottes, als eines holden, unschuldigen Kindes Stimme mich an das Bett eines Trostbedürftigen rief. Kann ich Ihnen helfen, kann ich Ihnen dienen, sprechen Sie, je härter die Aufgabe, je dornenvoller, um so mehr des Glückes soll sie mir gewähren." „Armes Kind", sagte der Fremde leise; „so jung, so gut und unglücklich; ist mir noch eine längere Frist des Daseins vergönnt, als ich glaube, denn meine Krankheit ist tödtlich und mein Leben zählt nach M nuten, so wollen wir Leid um Leid tauschen, aber jeder Sterbende ist egoistisch und ich habe noch eine Pflicht, habe noch einen Auftrag zu hinterlassen; nicht ruhig könnte ich sterben, wüßte ich ihn nicht in treue Hand gelegt; nur ein mildes Frauenherz kann mich verstehen, nur ein Weib allein mir verzeihen, was ich an einer der Holdesten ihres Geschlechtes beging. „Und Sie, Kind, Sie werden es, denn wie ein Engel der Milde und Vergebung, von Antlitz ähnlich dem Opfer meines sträflichen Leichtsinnes, erschienen Sie mir, und mit Himmelsglanz erfüllt sich dieser elende Raum.* Er hielt erschöpft inne, aber die Unruhe ließ ihn nicht lange rasten. „Sie sehen einen Elenden, einen Verrüther an: Heiligsten der Erde und des Himmels vor sich", nahm er von Neuem das Wort, „wollen Sie eines Solchen Geständnisse vernehmen, wollen Sie die Aufträge erfüllen, die der Sterbende tief, tief bereuend Ihnen übergeben will?" Empor hob Alida ihre Hand. „Ich will es, so wahr Gott mir helfe", sagte sie feierlich, „armer Mann, daß Sie gelitten, daß Sie gebüßt — das sagte mir die Sympathie, die ich, gleich Ihnen, empfand, als meine Blicke auf Ihr Antlitz fielen. Und jetzt reden Sie, was ein armes» verwaistes Mädchen, das nichts besitzt als einen festen Willen, vermag, es soll geschehen." Der Sterbende streckte die welke, abgezehrte Hand unter der Decke hervor und drückte des jungen Mädchens Rechte. „So hören Sie. Ich stamme aus einen: altadeligen Geschlecht Deutschlands; von Natur gutmüthig, wäre es leicht gewesen, mich zu einen: ehrenwertheu Manne, einem würdigen Mitglied des echten Adels zu bilden, allein man verstand nicht, einen wilden leidenschaftlichen Knaben in Schranken zu halten, das sanfte Joch der Liebe, das nur einer Mutter Hand zu leiten versteht, es fehlte meiner Jugend. Mein Vater kümmerte sich wenig um mein Treiben und meiner Schwester Charakter war so schroff und starr, ,tvie der meine weich unv jeder Regung zugänglich, sei sie gut oder böse. Unser Vater starb früh, meine Schwester verehelichte sich mit einem Edelmanne und verließ mit ihm die Provinz. Ohne Anhalt nur selbst überlassen, gab ich allen verderblichen Leidenschaften mißleiteter Jugend nach und die Schmarotzerschaar falscher Freunde wußte sie zu nähren und von ihnen zu zehren bis sie das letzte Mark aus der Frucht herausgepreßt und hohnlachend die morsche Schnale bei Seite warf." Er hielt inne, kalter Schmeiß trat auf seine Stirn, die Anstrengung des Redens erschöpfte sichtlich seine Kraft. Auf einem Tischchen vor dem Bette stand ein kühlender Trank, Alida benetzte mit ihn: die Lippen des Leidenden und bald öffnete» sich die Augen auf's Neue. Man las in den wachsbleichen Zügen des Sterbenden die feste Willenskraft, mit dem Tode zu ringen, bis er seine Mittheckung vollendet. Rascher fielen die Worte aus seinem Munde, als begreife er, wie kurz die Spanne Zeit sei, die ihm zugemessen, und er wollte sie benutzen. „Nuinirt an Körper und Vermögen, siech und zerfallen, von Gläubigern bedrängt", fuhr er fort, „verließ ich die Residenz, wo ich bisher als Meteor der goldenen Jugend - l55 - geglänzt, wenn auch die eigene Jünglingszeit schon längst hinter mir lag. Ich führte ein unstetes Wanderleben; bei meiner Schwester ein Asyl zu suchen, hätte ich nimmermehr vermocht — eher hungern» eher betteln, als Gnadenbrod empfangen." „Auf meiner Irrfahrt gelangte ich in ein kleines Gebirgsstädtchen Thüringens, es war ein stiller, entlegener Winkel, dort endlich hatte ich Ruhe vor meinen Gläubigern, die mich mit Zähigkeit verfolgten, es war ein traulicher Ort und doch hätt« ich die Ein» tönigkeit des Lebens nicht zu ertragen vermocht, hätte nicht die Liebe meine Verbannung versüßt; zum ersten Male lernte ich, bisher nur von schäumender Leidenschaft berauscht, die wahre innige Liebe kennen; ein schlichtes Mädchen, einer Lehrerwittwe Tochter, hatte meine Seele gefesselt und Frieden in ihre sturmbeivegten Wogen gegossen. „Nur einen Weg gab es aber für mich, den Besitz der Geliebten zu erringen, und ich wählte in allem Leichtsinn diesen Weg, unbekümmert um seine Folgen — ich reichte Ella Härtung, der Tochter des Landschullehrers in einem Neste Thüringens meine Hand, die Hand Leopold's von Bernau und erhob sie zu einem Mitglied eines der ältesten Geschlechter Deutschlands." Abermals trat eine Pause ein, mit zitternder Hand berührte Alida des Sterbenden Stirn, mächtig, mit unbeschreiblicher Regung, ergriffen sie die Worte desselben. Fest preßte er seine Lippen zusammen, er wollte nicht unterliegen, bis er zu Ende war. „Freilich hielten wir die Ehe geheim", redete er weiter, „ich wollte kein Aufsehen erregen, und nach wie vor lebte Ella im Hause ihrer Mutrer, ich wußte, ich konnte auf ihre Verschwiegenheit zählen, um so mehr, da sich die betreffenden Papiere in dem Besitze meiner Gattin befanden und nur der Geistliche des Ortes um unser Geheimniß wußte." „Ein halbes Jahr lang trug ich die Fesseln, die das junge Glück noch unter Nosen- ketten verbarg — aber schon sehnte sich mein rastloser Geist nach Veränderungen, schon erweiterte meine Sehnsucht die engen Grenzen, die ich mir selber gezogen. Auch bis in mein stilles Asyl verfolgten mich meine Gläubiger, sie hofften, sobald sie nur meiner Person habhaft zu werden vermochten, meine Verwandten würden schon meine beträchtlichen Schulde» bezahlen und mich aus ihrer Tyrannei befreien. Da kam der alte Geist der Leidenschaft über mich, der jedes Zwanges spottete» keine Rücksicht kannte und als eines Morgens die Sonne aufging, lag der Rest meiner Baarschaft vor dem Bette Ella's, mich selbst aber fand sie weit, weit entfernt, auf dem Wege nach Hamburg, mein Weib hinter mir lassend und mein Kind, das des Lichtes in ihrem Schooße harrte." „Wehe Euch, wehe Euch", rief Alida bebend. „Ich war nicht schlecht, ich wollte die Einzigen nicht verlassen, an denen mein Herz hing, aber es kam anders; in St. Louis angelangt, erkrankte ich schwer; Monde vergingen, und als ich zu neuem Dasein erwachte, war niir meine europäische Vergangenheit wie ein schwerer, drückender Traum, den ich von mir streifte, erwachend in der wonnigen Luft der Freiheit; mit vollen Zügen erschöpfte ich, am Tage hart arbeitend, in wild durchschwärmten Nächten des Lebens berauschende Genüsse und als ich auch dieser Existenz müde geworden, da flüchtete ich in die unendlichen Prairien, das nimmer löschende Feuer, das mich verzehrte, zu dämpfen in lobender Jagd auf Büffel und Bär, in wildem Kampf der Gewalt und der List mit den Nothhäuten. Sechszehn Jahre ver» gingen so, sechszehn lange Jahre, wie ein einziger Augenblick." „Und was führt Euch nach Europa zurück, was ward aus dem armen Weibe, was aus dem Kinde, das nimmer in des Vaters Antlitz blicken durste?" Fast athemloS brachte Alida die Frage hervor, so seltsam war's ihr, so beklommen, als hinge ihr eigenes Geschick von des Sterbenden Rede ab, und doch war er ihr so fremd. Schwerer hob sich des Sterbenden Brust, keuchender ward sein Athem., „Müde kehrte ich einst von der Verfolgung eines Jndianertrupps in mein Blockhaus zurück, ich fühlte mich abgespannt, beinahe leidend, zum ersten Mal drängte sich das „Warum", die große Frage unseres Daseins, in meine Seele. „Da stiegen sie empor, die Erinnerungen, die lang gebannten, wie drohende Rache- — 156 — > gespenster, da kostete ich alle Schrecken des Schuldbeladenen in der Einsamkeit, ich fühlte mein Blut sieden, wie Bjahnsinn tobte es in meinen Schläfen. Der Cherry, zu dein ich Zuflucht nahm, linderte nicht meine Pein, ich schmachtete nach einem betäubenden Mittel, das ich vor Jahren einst in einer Apotheke gekauft und achtlos in dem Koffer geborgen, den ich aus Europa mitgebracht; vielleicht vermochte es noch zu wirken, wenn ich es .fand. Ich durchwühlte die Effekten, da fiel ein Bild in meine Hand, und meine Blicke hefteten sich darauf, ein Antlitz so rührend, so mild, schaute mir wie bittend entgegen, ein Mund, der nimmer fluchen konnte des Verräthers, fragte so wehmuthsvoll, — was < thatest du? Es war meines Weibes Bild, das Bild meiner Ella." Eine Stille entstand in dem kleinen Raume, lautlos flössen Aliden's Thränen, so weh war ihr's um das Herz, als drohe es, seine Hülle zu sprengen. „Weinen Sie, theures Kind", sagte der Sterbende tief bewegt, „auch meine Zähren flössen, wie ein Felsbach, der, lange zurückgedämmt, die Ufer überfluthet und steiniges Land urbar macht, so schmolzen sie die Rinde meines Herzens, das die Jahre verhärtet — alle besseren Gefühle, die einst darin geschlummert, tauchten mächtig empor, wie in Himmelsklarheit. Heim — tönte es in mir, heim, zu meinen, deutschen Vaterlands, heim zu ihr, zu ihren Füße», Verzeihung zu erflehen, zu meinem Kinde, um es an die Vaterbrust zu drücken. Dieses Bild, es verließ mich nimmer, in jener Stunde entstand der Zauber, der mir ein neues Dasein erschließen sollte." Mit diesen Worten zog er ein kleines Miniaturportrait hervor, das er auf der Brust barg und reichte es dem jungen Mädchen. Durch den Schleier ihrer Thränen schaute Alida auf das liebliche Antlitz — aber plötzlich zuckle sie zusammen, ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Brust, ihre Knie versagten ihr den Dienst und halb bewußtlos brach sie am Bette des Sterbenden zusammen. Bernau versuchte sich empor zu richten, aber hülflos sank er auf das armselige Lager zurück. „Um Gottes willen, armes Kind, was bewegt Dich, was ist Dir geschehen?" Mit der furchtbarsten Anstrengung, ihre Erregung zu bemeistern und Fassung zu erringen, raffte sich Alida empor. „Nichts, nichts" — sagte sie hastig — obwohl ihre Stimme kaum vernehmbar war, „ein plötzlicher Schwindel — aber weiter, weiter — laßt wich Alles wissen." „Der Nest ist kurz, ich kehrte nach Thüringen zurück — achtzehn Jahre waren seit meiner Flucht verschwunden, mich kannte Keiner mehr, der Pfarrer, der einst meine Ehe mit Ella gesegnet, war versetzt, eine neue Welt war in diesem Thal entstanden, die Mode hatte es zu ihrem Aufenthalt erkoren und mein Weib fand ich dort nicht; Ella Härtung» so lauteten die Worte der Aelteren im Dorfe, die sich der Lehrerstochter entsonnen, sei eines Schwindlers Beute geworden und bald, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, und ihre alte, verzweifelnde Mutter unter des Grabes Hügel gebetet, mit dem Töchterchen in die weite Welt gegangen und nun wohl längst verdorben und gestorben." Alida hatte das Haupt wie müde auf den Holzrand des ärmlichen Lagers gelegt. „Verdorben und gestorben", tönte es leise klagend wie ein Echo von ihren Lippen wieder. Der Sterbende legte seine Hand auf das Haar des jungen Mädchens, schon waren die Finger steif und kalt, aber Alida durchzuckte die Berührung, als ob eine Gluth auf ihrem Scheitel brenne. „Ehe ich weitere Nachforschungen begann", fuhr der Sterbende fort, „entdeckte ich mich dem Geistlichen des Ortes, einem würdigen Greise, er versah mich mit der beglaubigten Kopie aller Dokumente, die auf meine Heirath und meines Kindes legitime Geburt — denn einem Töchterchen hatte Ella das Leben gegeben — Bezug hatten. Ich selber theilte ihm meine Muthmaßung mit, daß sich mein Weib, nachdem sie sich von mir verlassen sah, an meine Schwester, deren Name und Aufenthalt ihr bekannt war, gewendet haben mochte; der würdige Pfarrer übernahm es, mir Auskunft zu verschaffen und brachte mir — 157 — > die Kunde, daß auf dem Gute meiner inzwischen verwittweten Schwester ein holdes Mädchen lebe, das dort erzogen sei, die Tochter einer fremden, armen Frau, die gleich nach den. Tage ihrer Ankunft, vor langen Jahren verschied. Es war mein Kind, die Ahnung sagte mir's — als Geduldete, als aus Mitleid Angenommene, lebte sie im Hause ihrer Tante und meine Kenntniß des Charakters meiner Schwester sagte mir, daß ihr * das Band des Blutes, das sie mit der Schutzlosen verband, wohl bekannt sei —" Plötzlich verstummte Bernau, seine Brust hob und senkte sich konvulsivisch — „das < ist der Tod", flüsterte er — „der Tod und ich habe noch nicht vollendet." Ueber ihn warf sich das schluchzende Mädchen. „Nicht sterben darfst Du", rief sie in höchster Verzweiflung, „ohne Deine Seele ganz entlastet zu haben in jene Brust, der Deine Worte ein heiliges Vermächtniß sind. Leopold von Bernau, wenn es ein Mittel gibt, Dich, und sei es nur einen Augenblick, der Lethargie des Todes zu entreißen, es sei gewagt; mit dem grimmen Feinde will ich ringen, daß er nicht eher Hand an Dein Haupt lege, bis ich Dir zurufe: Leopold von Bernau, Du Wilder, Bereuender, im Namen Deiner Gattin, die längst unter grünem Hügel den stillen Schlaf der Ewigkeit schlummert, vergibt Dir Deine Tochter, denn das Kind der armen Wanderin, die Solmitz, das Gut Deiner Schwester erreichte, um dort ihr Ende zu finden, die arme geduldete Waise, die nach längerer Unterredung zwischen Hermine von Dolmitz und der sterbenden Mutter auf dem Schlosse ein kaltes, freudenleeres Asyl fand — ich bin es und küsse Deine Stirn und grüße Dich mit dem heiligsten der Namen, der durch Erden und Himmel klingt: Mein Vater!" (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des Augsdurger Theaters. Von Klara Reichner. III. Liebhabertheater und Kunstfreunde. Das Jahrhundert, in welchem gar Alles in Augsburg Komödie zu spielen liebte, war das vorige, das achtzehnte. Meistersinger und Handwerker, Studenten und Schüler, Wandertruppen und Liebhaber-Gesellschaften spielte» um die Wette, und die Komödien- spielerei ward in solchem Grade zur Manie, daß Geistlichkeit und hoher Rath sich veranlaßt fand, diese allgemeine Leidenschaft durch Verbote und Beschränkungen verschiedener Art einigermaßen zu verkürzen. Es ist bereits erwähnt worden, daß schon im siebenzehnten Jahrhundert eine Vorliebe für Liebhabertheater unter den Bürgern Augsburgs aufzutauchen begann, welche zu allerlei Konflikten und Verordnungen führte, aber die Liebhaberei siegte doch schließlich über alle Beschränkungen, indem sie sich behauptete, ja, nur noch mehr erstarkte, wenn schon es dabei zuweilen nicht ganz ohne Hinderniß und unliebsame Unterbrechung herging, so z. B», als im April des Jahres 1712, der Gelegenheitsdichter und AugSburger Procurator Wilhelm Merz die liebliche Absicht hatte, dem Magistrat zu Ehren eine von ihm verfaßte Komödie, mit Hilfe von Bürgern und deren Söhnen zur Aufführung zu bringen. Da aber das betreffende Stück gar zu zeitgemäß befunden ward, indem nicht nur vor Kurzem erst verstorbene, hochstehende Persönlichkeiten, sonder» sogar noch lebende, an Ort und Stelle sich befindende Zeitgenossen darin vorkamen, so verbot man das anstößige Stück, und zwar geschah dies am Abend vor der Vorstellung. Das war ein harter Schlag für den Dichter und Unternehmer! — Er verfiel zwar auf den Ausweg, schleunigst sämmtliche Namen umzuändern, und überall für die Aufführung zu petitioniren, allein das half ihm nichts — sein Stück blieb verboten, das schaulustige, Nachmittags um — 3 Uhr zur Vorstellung sich einfindende Publikum mußte ruhig wieder nach Hause gehen, und der Theaterdichter selber wurde auf zwei Tags eingesperrt. Trotz aller dieser Hindernisse aber erlebte er doch die freudige Genugthuung, das Kind seiner Muse und 158 Muße glücklich noch in demselben Monat, wenn auch mit veränderten Benennungen der Personen, in Scene gehen zu sehen. In Mitte des achtzehnten Jahrhunderts findet sich auch bereits das weibliche Geschlecht bei den Liebhabertheatern der Bürger vertreten. — Größtentheils Handwerker und Musikanten waren so industriell gewesen, förmliche bürgerliche Schauspieler-Gesellschaften zu etabliren, so anno l723—38 ein Bortenmacher, welcher auf eigenes Nisico im „Baugarten" geistliche Komödien zur Darstellung brachte, ferner 1744 ein „bürgerlicher Stadt-Musikus", Valentin Wagner mit Namen, dessen Schauspieler aus buntem Gemisch von allerlei Ständen bestanden. Musikanten, die während der Fastenzeit brodlos waren, Studenten, Wasserbrenner und Nachtwächter, nebst Frauen und Töchtern. Auch diese Vorstellungen fanden im „Baugarten-Wirthshaus" statt, und zwar in der ganzen Fastenzeit an jedem Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag um 2 Uhr Nachmittags, an den Sonntagen aber nach der Kirche um 4 Uhr, bei einem Eintrittsgeld von 30, 15, 10 und 6 Kreuzern. Die gespielten Stücke, halb religiös, halb possenhaft, wechselten nur ein einzig Mal, denn man gab während der ersten Hälfte der Fastenzeit: „König Kodrus ein guter Hirt, mit schöner Musik und anderen theatralischen Vorstellungen ausgezeichnet", und in der anderen Hälfte eine Komödie: „Die wunderbare Bekehrung", titulirt. — Nach dem Tode des Unternehmers führte dessen Wittwe sein Werk noch fort, indem sie im Jahre 1747 zuerst eine Komödie: „Unglückseliges Schlachtopfer des Neides in einem Brudermörder vorgestellet" zur Aufführung brachte, und dann als folgendes Stück: »Protasius, ein christlicher Held." — Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, in den Jahren 1783, 84 und 85 stoßen wir gar auf eine Liebhaber-Gesellschaft von Patriziern und adeligen Kunstfreunden, welche öffentliche Vorstellungen im Stadttheater gaben, bis der eigentliche Leiter, Baron von Götz, Augsburg verließ und nach München zog. Diese Vorstellungen scheinen eine Art von Ehrenrettung für die von gar Manchem als „sündhaft" erklärte „Komödie" vorgestellt, und außerdem WohltlMigkeitSzwecke verfolgt zu haben; z. B. wurde im Jahre 1784 eine Vorstellung für die Armen, zur Beschaffung von Brod und Holz gegeben, betitelt: „Der deutsche Hausvater oder die Familie", verfaßt von einem Freiherrn von Gemmingen. Außerdem wurden Drama, Lustspiel und Melodram kultivirt. — Ferner sehen wir in den Jahren 1797—1807 „die ledige Gesellen-Congregation" im Jesuitentheater Aufführungen veranstalten, und endlich anno 1833 die sehr in Blüthe stehende, dramatische Liebhaber-Gesellschaft im „oberen Baugarten" sogar Theater im Freien spielen, und zwar am 10. und 12. September auf dem Exerzierplätze, bei Gelegenheit eines acht Tage währenden, landwirth- schaftlichen Festes, dem zu Ehren die Stadt für Unterhaltung aller Art, als: „Wettrennen und Wettlaufen, Klettern und — Theaterspielen" sorgte. Das damals gespielte Stück war ein militärisches Schauspiel: Graf Waltron, oder die Subordination" mit Namen, welches sich besonders gut für die Aufführung im Freien eignete, — die prächtigen Kostüme dazu zahlte die Stadt. Zuweilen geschah es auch in früheren Zeiten, daß Dilletanten und Fachleute sich zu gemeinschaftlichem Spiel zusammenthatcn, oder daß gar Liebhaber-Gesellschaften, gleich wie Komödianten von Beruf, umhergezogen. So „gastirten" in Augsburg am „Katzen- stadel" die ehrsamen Bürger von Kaufbeuren, deren „Schauspieler-Innung" sogar eine so alte war, daß sie 1801 ihr 300jähriges Jubiläum feiern konnte. Sie führten ordentliche Jahrbücher, die bis 1540 zurückreichen, und besaßen seit 1570 ihre „Artikul" und „Ornungen". welche vom Magistrat bestätigt wurden. Auch einen eigenen Theaterdichter nannten die „Agenten" von Kaufbeuren ihr Eigen, in dem Gelehrten Chr. Jak. Wagenseil; — sie bestanden bis zum Jahre 1803. — Noch eine andere „Bürgerschaft" gastirte etliche Male — im August und September 1745 — in Augsburg auf dem Nathhause in einem „erschröcklichen Trauerspihl", mit Namen: „Wie das Leben, also der Tod, oder Chrpsarius, Ein Hochadelicher Herr und dessen unglückseliger Tod." — Es waren die Bürger der „Chur-Bayer'schen Gränitz-Stadt Friedberg", welche diese Tragödien auf- führten, bestehend aus Uhrmachergeselle», einen, Schneider, einem Leistschneider, Drechsler, und als Sängerpersonal einem Schulmeister und Meßner, Stadtmusikanten rc. rc. Auch als 1697 das erste Singspiel in Augsburg zur Aufführung kam, wurden von dem Kapellmeister der reisenden „Oper" auch einheimische Kräfte mitverwendet, das heißt also: „Studenten, Weber, Wasserbrenner, Nachtwächter" und ähnliche „Dilletanten." — Auch später kam es öfter noch vor, daß Theaterliebhaber oder sonstige disponible Kräfte in irgend einer Weise mit zum Komödiespielen verwendet wurden, so z. B. anno 1777 und 1795, als im „Stadttheater" und auf der „Viehweide" das erwähnte Spee- takelstück: „Graf Waltron" mit Hilfe von je 74 und 66 Stadt-Gardisten-Statisten dargestellt ward, ferner als 1806 im Freien auf der Bleiche bei Haunstetten ein großes militärisches Schauspiel mit Schlacht-Manövern und Scharmützeln, betitelt: „Die Schlacht von Austerlitz", oder „Unerforschlich sind des Herrn Wege" von der damaligen Stadttheater-Gesellschaft gespielt wurde, und „einige Herren Theaterliebhaber die Güte hatten, zu ihrem Vergnügen die Anordnungen und das Kommando der vorkommenden Schlacht- Manöver der militärischen Ordnung gemäß zu übernehmen." — Auch 1822 und 1823 wurden, um den Theaterchvr zu verstärken, allerlei städtische Kräfte mitverwendet; junge Hautboisten und Schulgehilfen, während Waisenknaben Alt und Sopran sangen. Aber nicht nur auf solche Weise machten Liebhabertheater und Kunstfreunde sich beim Komödienspielen nützlich — die Zeit der allgemeinen Vorliebe für dasselbe zeitigte auch gar manchen Theaterdichter in der alten Reichsstadt, welcher mit mehr oder minderem Glück und Erfolg geschrieben; — außerdem aber brach ja im achtzehnten Jahrhundert für tue deutsche Literatur jene „Sturm- und Drangperiode" an, fand jener Um- und Aufschwung statt, welcher dem Geschmack eine ganz und gar andere Richtung gab, was namentlich auch auf dramatische Dichtung und dramatische Aufführungen von größtem Einfluß sich erwies. , Mit den, besseren Geschmack aber verschwanden auch von selber jene viele» Dile- tanten-Produktionen, deren Schauspieler zuweilen einfach nur in Straßenröcken, mit Tressen von Goldpapier und Papiermanschetteu ausgeputzt, Komövie spielten, — verschwand auch der Liebling des Volkswitzes, der HauSwurst in seiner ursprünglichen Gestalt, verschwanden auch endlich jene Puppenspiele von damals, bei welchen Handwerker und Mägde die Marionetten spielen und sprechen ließen. Die neue Zeit verlangte doch ihr Recht, und machte dadurch die Liebhabertheater und Kunstfreunde der Vergangenheit mit allem Zubehör zum großen Theil unmöglich, wenn sie einst auch in der That als beachtenswerthe Konkurrenten und Rivalen der Fach-Schauspiele gelten durften. — M i s - e l l s (Korallenfischerei an den Enpverden.) Seither kannte man die Edelkoralle nur aus dem vorderen Mittelmeer; sie wurde namentlich an den Küsten von Nordafrika, wo La Calle und Stora die Hauptsitze sind und an denen von Sardinien und Korsika, neuerdings auch bei Sciacca an der Südküste von Sizilien gefischt. Die Fischer stammen zum weitaus größeren Theile von Torrs del Greco und Nesina am Golf von Neapel. Schon seit einigen Jahren gehen diese aber mit ihren kleinen, aber starken Fahrzeugen auch in den atlantischen Ozean und machen besonders an den Küsten der capverdischen Insel Sän Thiago reiche Ausbeute. Pros. Greesf hat diese Insel neuerdings besucht und die Koralle ganz mit der des MittelmeerS identisch gefunden. Schon 1879/80 wurden gegen 3000 Kilogramm erbeutet, darunter verhältnißmäßig viele von der so geschätzten blaßrotheu Färbung, die im Mittelmeer seltener ist. Seitdem haben sich Gesellschaften zur Ausbeutung der Insel gebildet und sollen sehr gute Resultate erzielt haben» (Wie soll man in Eisenbahnwagen sich schlafen legen?) O-. Outte», ein nahmhafter Arzt, räth den Eisenbahn-Reisenden, wenn sie Schlaf suchen, so zu legen, daß der Kopf gegen die Lokomotive gerichtet ist. In dieser Lage werde das Blut durch 160 die Bewegung des Zuges aus dem Kopf getrieben, was demselben eine» leichteren und ^ ruhigeren Schlaf verschaffe. Wenn man dagegen wie gewöhnlich geschehe, die Füße gegen die Lokoniotive richtete, so ströme das Blut aus dem Unterkörper nach dem Kopfe, verscheuche den Schlaf und bringe in vielen Fällen heftige Kopfschmerzen hervor. Dr. Outten gründet diese Ansicht auf seine eigene Erfahrung und auf die Erfahrung langjähriger Reisenden, welche die von ihm angegebenen Regeln allgemein und längere Zeit beobachteten. Im Fall einer Kollision würde der Kopf einem empfindlichen Stoß ' ausgesetzt sein, während die Füße mit ihren elastischen Sehnen viel weniger darunter leiden. ' (Enttäuschung.) Köchin: „So, mein lieber Fritz, nun laß' Dir's gut schmecken! f Grenadier: Ja, du liebes Jettchen! wo soll ich nur all' die Fourage Hinstecken? — o Gott, wenn doch unser Oberst etwas vernünftiger wäre, dann-Köchin (ihn hastig unterbrechend): Dann ließe er uns heirathen und — — Grenadier: Hm-— ja — auch das; aber vorerst ließe er uns größere Rock- und Hosentaschen machen! - (Die Post zu Gera) erhielt dieser Tage einen Brief zu bestellen mit wörtlich folgender Adresse: An das Nahthaus zu Gera. ich bite in Ab zu geben An Herre Herrmann Wirner Vabrikarbeiter lauker Mensch licht blond Haar den Sommer von Merane niber gezochen ich bite das gehertzte Nahthaus zu Gerna den Wirner zu verlangen und gem, da ich seine Wonung und Luschi nicht weis. Absenter: Emilie K. in Krimitschau." (Disciplin.) Major: „Aber sagen Sie doch, Herr Adjutant, warum stehen wir denn mit den Truppen schon seit zwei Stunden im vollsten Regen, der uns bis auf die Haut durchnäßt hat? Wären wir gleich ausmarschirt, so könnten wir jetzt schon in der neuen Garnison sein." Adjutant: „Wir warten auf den Herrn General; er will uns vor dem Abmärsche erst einen guten Morgen sagen." (Beim Sanitäts-Unte rricht.) Stabsarzt: „An was erkennt man bei einem Soldaten, daß der Tod eingetreten ist?" Füsilier Baudistel: „Wenn er nicht mehr athmet." Stabsarzt: „Gut." Grenadier Schlaue: „Wenn der Puls nicht mehr schlägt." Stabsarzt: „Gut! Und noch weiter?" Musketier Schwitzgübele: „Wenn em a Kanonenkugel de Kopf ra griffe Hat!" (Der Erste.) Dem Fürsten Kaunitz wurde einst nach einer durchschwärmten Nacht, als er sich müde und schläfrig fühlte, ein als fader Witzjäger bekannter Baron gemeldet. „Mein Gott," rief der Eintretende dem schläfrigen Baron zu: „Em. Excellenz gähnen, gewiß hatten sie heute recht langweilige Besuche?" — „O nein," erwiderte Kaunitz; „Sie sind der Erste." (Der gute Hecht.) Frau: „Nun, wie hat Ihnen der Hecht geschmeckt, den ich Ihnen neulich gegeben habe?" , Bäuerin: „Er war ganz gut; aber er Hot uns so arg im Hals gekratzt, mer mußte all worge!" Frau: „Aber, mein Gott, wie haben Sie ihn denn gegessen?" Bäuerin: „Ich hatt'n in die Kartosfelsupp' rein geschnitte." (Irisch.) Ein irländischer Soldat zeigte einer neugierigen Menge seinen hohen Hut der oben von einer Flintenkugel durchbohrt war. „Seht Euch einmal das Loch an," sagte er, „wenn das ein niedriger Hut gewesen wäre, so wäre mir die Kugel gerade in die Stirn gefahren." Nicht gleich. Der Himmel ist nicht immer blau, Die Erd' nicht immer grün, Selbst aus der reichsten gold'nen Au Nicht immer Blümlein blühn. Nicht gleich kann jeder Tag hier gehn, Nicht gleich scheint auch die Sonne, Sonst wär' die Welt nicht halb so schön Nicht halb so süß die Wonne. v. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zm Nr. 21. Mittwoch, 14. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch seid. (Fortsetzung.) Eine seltsame Veränderung ging i» dem Antlitz des Sterbenden vor» es war, als ob noch einmal der Todesengel seine Flügel senke und Leben und Bewegung zurückkehre, wenn auch nur wie ein flüchtiger Hauch. „Blein Kind — meine Tochter", stammelte er, „des Herzens Stimme sprach zu mir und doch — es kann nicht sein — es wäre zu viel des Glückes — Beweise, Beweise!" „Kennst Du dies Medaillon?" Und vor des Sterbenden Auge hielt Alida das unscheinbare Kleinod, das der Eltern Bild enthielt, „in des unverständigen Kindes Hand drückte es die Hand der sterbenden Mutter, aber so flehend war ihr Blick, so ausdrucksvoll die Geberde, mit der sie die Finger an die Lippen legte, zum Zeichen des Schweigens, daß es tief in meine Seele drang und ich sie verstand. Wie ein Heiligthum, wie eine kostbare Reliquie barg ich die Kapsel, meine Ahnung sagte mir, daß sie meiner Eltern theure Züge enthielt." „I" — sie ist es — ist meine Tochter", rief Bernau, „dies Medaillon war meine letzte Gabe an Ella, sie isUtreu bewahrt, mein Kind, mein theures, geliebtes Kind!" „Alida nennt man mich!" stammelte das junge Mädchen unter Thränen. „Alida", wiederholte der Sterbende selig — „doch noch ist nicht alles gethan — noch sollst Du hören, was geschehen muß. Eine reiche Erbschaft fiel mir zu; meine Schwester vermaltet sie — ich galt für verschollen und nahe ist der Termin meiner Todeserklärung. Eile, eile zu retten." Keuchender ward sein Athem, seine Augen nahmen einen gläsernen Ausdruck an. „Um vor allen Dingen meine Identität noch besser zu beweisen" — stoßweise kam es aus seiner Brust — „ich suchte den Geistlichen selber, der mich getraut, im Felde auf — vor Metz fand ich ihn — alles ist beglaubigt — dort jenes Portefeuille birgt jene Papiere <— aus der Rückreise erkrankte ich, — bis hierher vermochte ich mich zu schleppen — ich sollte mein Kind nicht wiedersehen, glaubte ich, eine Strafe der Gerechtigkeit und nun — —" Er sank zurück, unzusammenhängende Worte entglitten seinem Munde. Verzweifelnd schrie Alida auf, sie preßte ihren Mund auf des Vaters zuckende Lippen, als wolle sie ihm ihren Athem einflößen oder in einem Hauch mit dem Sterbenden vergehen. Die Thür öffnete sich, ein ältlicher ernst aussehender Mann, militärisch gekleidet, trat in Bekleitung der Wirthin des Hauses über die Schwelle. „Das ist der Arzt", erläuterte die Frau, „Herr Doktor Langer, der den fremden Herrn behandelt." Der Arzt trat näher. Einen etwas erstaunten Blick warf er auf das junge Mädchen, als er nach flüchtiger Prüfung des Sterbenden Züge kopfschüttelnd Bernau's Puls befühlte. „Es ist mein Vater! Netten Sie — retten Sie, -aß ich nicht Alles missen muß, was meinem Herzen theuer." „Braves Kind!" sagte der Arzt leise — „meine Kunst ist zu Ende — beten Sie für eine scheidende Seele. Der Herr von Bernau geht hinüber." „Hinüber!" Wie ein Geisterhauch klang es röchelnd aus des Sterbenden Brust. — „Doktor, ich sterbe zufrieden, mein Kind fand ich — seien Sie Zeuge meiner letzten Worte, schützen Sie unumstößliches Recht, legitim ist ihre Geburt — Alida von Bernau, meine Tochter, meine Erbin — —" Ein Kochen, ein Pfeifen, der Athem versagte, nur noch ein Dehnen und das erstarrende Auge brach — Leopold von Bernau hatte geendet. In stummem, thränenlosem Schmerz knieete Alida an des Vaters schnell erkaltender Leiche, — vergebens suchte der gütige Arzt sie zu bewegen, die Stätte des Todes zu verlassen, — an das Todtenbett gebannt, weilte sie bis schon einige Stunden später die Träger erschienen, dem Geschiedenen die letzte Ruhestätte zu bereiten, denn der Krieg kennt keine Rücksicht. Sie sah den hölzernen Brettersarg versinken in die hastig gegrabene Tiefe; kein Kranz, keine Blume war aufzutreiben, die dunkle Grabesnacht zu schmücken, die ihn umfing; mit der ersten Schaufel Erde, die ihre kalte Hand in die schaurige Oeff- nung warf, fielen die ersten Thränen, die Erleichterung der qualvoll gepreßten Brust, und ihr war's, als müsse der Todte, der nun vor dem höheren Richterstuhle seines Urtheils harrte, sie fühlen, als ein Zeichen der Vergebung, der Liebe. Die kurze, einfache Ceremonie war beendet, auf dem prunklosen Erdhügel strahlte die Sonne, fie beleuchtete die Züge Aliden's, denen die Eindrücke der letzten Tage Jahresreise verliehen. Sie beugte sich nieder und nahm eine Hand voll Erde vom Grabe. „Dies bringe ich zur Stätte der Mutter", sagte sie fast laut; „Gräber, wohin ich blicke, Tod, nichts als Tod. Kommen wir zum Abschluß mit den Lebenden. Dem Andenken ihres Vaters ist Alida von Bernau schuldig zu handeln, wie die Pflicht und ihres Namens Ehre es gebieten, und Ehre und Pflicht, sie rufen mich zurück nach jener Stätte, wo jede Spur, jedes Blatt, jedes Lüftchens Wehen auch an ihn mahnt, an den ewig Geliebten, ewig Verlorenen — nach Solmitz — zur Abrechnung zwischen mir und meiner Tante." 4. Kapitel. Eine ungewöhnliche Bewegung herrschte auf dem Schlosse Solmitz. Der große Saal, selten und nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, war schon am Tage vorher aller Zierathen entkleidet worden, die ihn in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsraum bezeichneten. Eine Art Estrade, mit einen, grün behangenen Tisch darauf, von einfachen Sesseln umgeben, erhob sich am oberen Ende und eine Anzahl Stühle, die rings an den Wänden aufgestellt waren, deuteten auf eine zahlreich zu erwartende Versammlung, die hier stattfinden sollte. Und wohl Keiner im Dorfe und dessen Umgebung versäumte, sich um die eilfte Vormittagsstunde einzufinden, denn wen nicht die Neugier herbeiführte, einer gerichtlichen Formalität beizuwohnen, wollte nicht die Gelegenheit versäumen, auf einem Schloßsaal- Parketboden gestanden zu haben, wenn freilich bei der Öffentlichkeit des Verfahrens dies eben keine Auszeichnung genannt werde» konnte. Der Tag, an welchem die Erklärung verlesen werden durfte, die den Bruder der Eutsherrin, Leopold von Bernau, als bürgerlich todt bezeichnete, war gekommen; schon am Abend vorher waren zwei Geiichtsbevoll- mächtigte und der Anwalt der Frau von Solmitz auf dem Schlosse angelangt; schon lange vor der bezeichneten Stunde begann es auf den breiten Stiegen, die zum Saal führte», lebendig zu werden und der weite Raum füllte sich mit Landleuten, die staunend die nie gesehenen Herrlichkeiten musterten, deren der schwarz dekorirte Raum noch genug barg, ihre des Glanzes ungewohnten Augen zu blenden. Im linken, dem Garten zugewandten Schloßflügel herrschte dagegen Todtenstille, mit weichen Teppichen war der Boden belegt, kein Laut vermochte bis hierher zu dringen, 163 denn hier befanden sich die Zimmer des Sohnes vom Hause, der vor wenigen Wochen schwer verwundet in das Haus seiner Mutter gebracht war. Allein die gute Pflege, die unermüdliche Sorge, die, fast bei einer Frau ihres Charakters überraschend, seine Mutter ihm zu Theil werden ließ, vereint mit der kräftigen Natur des jungen Mannes, ließen rasche Heilung eintreten. Die Schußwunde, unterhalb der Brust, hatte sich bereits geschlossen und schon durfte er auf kurze Zeit das Krankenzimmer verlassen, um sich in die von seiner Mutter bewohnten Räume zu begeben.. In ihrem Kabinet weilte Frau von Solmitz, sie- war vollständig schwarz zu der bevorstehenden Ceremonie gekleidet, ein Spitzenschleier, mit einem Perlendiadem befestigt, wallte von ihrem Haupte hernieder und verlieh ihr einen zwar majestätischen, aber noch strengeren Ausdruck als gewöhnlich. Frau von Solmitz war nicht allein, vor ihr stand in dienstlicher Haltung Herr Streland, ihr Verwalter, er hatte für diesen Tag das Amt eines Haushofmeisters übernommen. „Ist alles bereit?" fragte die Gutsherrin eben. „Alles, gnädige Frau, schon beginnt der Saal sich zu füllen, und Ihrem Befehle gemäß, werden die Herren aus der Stadt Sie fünf Minuten vor eilf Uhr im blauen Zimmer erwarten, um Sie in den Saal zu geleiten." „Und meines Sohnes Gegenwart ist unerläßlich? Ich ersparte ihm so gerne jede Aufregung." „Es bedarf nur auf einige Minuten seiner Anwesenheit, gnädige Frau, nur seiner Unterschrift, es ist Zeit, wenn der junge gnädige Herr erst um halb zwölf im Saale erscheint, um sich sofort wieder zurückzuziehen!" „Wenn er wüßte, was es für ihn bedeutet, Streland, wenn dieser Tag ohne Unfall für uns geendet — er ist von einer Reizbarkeit, wie nie zuvor, seit er weiß, daß Alida für ihn verloren. Streland, wenn er erführe, daß man ihn getäuscht, wenn das Mädchen wiederkehrt«!" „Sie häufen Sorgen über Sorgen, gnädige Frau, kaum, daß Sie mit dem heutigen Tage von einer schweren Last befreit, der Sie zur Herrin des Ihrem Bruder zugefallenen , Vermögens eingesetzt, schaffen Sie sich selber eine mit grundlosen Befürchtungen. Glauben Sie mir, selbst wenn Alida erfahren sollte, daß Oscar von Solmitz als Genesener auf seinem Erbe weilt, wird sie nicht wiederkommen, und die einlaufenden Korrespondenzen überwachen wir gemeinschaftlich. Auch hoffe ich, daß Sie heute die Gelegenheit benutzen, die Verlobung Ihres Sohnes mit der Baronesse Ebersdorf zu proklamiren, so verschanzen wir den schwankenden Charakter des jungen Herrn hinter starken Bollwerken, die weder die Intriguen noch die Leidenschaft durchdringen." „Die Portiere theilte sich: „Ist es erlaubt, Mutter?" fragte eine wohlklingende, wenn auch etwas schwache Mannesstimme, und Oscar von Solmitz erschien auf der Schwelle. Der junge Mann war noch sehr blaß, die Weichheit seiner Züge hatte sich noch gesteigert, aber um den Mund hatte sich eine tiefe Furche gegraben, mehr Leid der Seele, als die Einwirkung körperlicher Schmerzen mochte sie gezogen haben. Ein bequemer Hausrock von schwarzem Sammt umschloß seine schlanke, bedeutend mager gewordene Gestalt. „Nur näher, mein Oscar, nur näher", sagte Frau von Solmitz und der Ton klang herzlich, wie nie zuvor. „Du weißt, für Dich hat Deine Mutter stets ein Willkommen." „Ich freue mich seiner", entgegnete Oscar, „freue mich, daß ich endlich das Mutterherz schauen und erkennen darf in seiner Wahrheit, nicht eingehüllt in belauschenden Duft der Schmeichelei und überschwenglichen Weichheit, wie ich es mir einst ersehnt, sondern mist und strenge, aber desto wahrer, desto tiefer, o Mutter, o Mutter, ich habe ja nun Kernen, als Dich, zu der dieses Herz sich flüchten darf, wenn die Erinnerung es überkommt in ihrer ganzen Macht. Nicht wahr, bei Dir darf ich vergessen?" „Bei mir und bei jenem leiblichen Wesen, das mit Thränen Deiner gedacht, so 164 lange Du fern warst, das sich un^)ich gehärmt, als Deine Wunde Dich an das Krankenlager fesselte. Oscar, wie anders wäre es gekommen, hättest Du Fanny von Ebersdorf in ihrer jungen mädchenhaften Schüchternheit, in der ganzen unschuldigen Reinheit ihres Herzens gekannt, wie viele Thränen hättest Du mir gespart." Aber ein gütiges Geschick ließ es geschehen, daß wir noch zeitig genug nach dem Glück haschen dürfen, das, von glänzenden, aber desto nichtigeren Schatten verdrängt, sich uns zu entziehen suchte. Oscar, ein feierlicher, ernster Tag ist heute die Baronesse hat ihren Besuch versprochen, wenn ich hoffen dürfte —" „Hold und gut ist Fanny von Ebersdorf, wie ein Engel der Milde trat sie an »nein Lager", unterbrach Oscar die Rede seiner Mutter. „Ja, ich will zu ihr reden, sie »vird mich verstehen; es wird eine ernste Stunde, Mutter, an dem ernsten Tage, wo ein vielleicht noch lebender zu den Todten geworfen wird. Sie soll entscheiden, ob ich ein Recht habe, zu verdammen, ehe ich Atida selber gehört, ehe ich weiß, daß es Egoismus, Leichtsinn war, der sie von hinnen trieb? O lebte nur Edmund von Alten noch, er sollte mir Rede stehen und sei es mit der Waffe in der Hand." »Wenn es einem treuen Diener vergönnt ist, eine Meinung zu äußern", nahm Herr Streland das Wort, „so dürfte Ihr Zweifel Ihrer Mutter Herz und meine eigene erprobte Anhänglichkeit kränken. Ich kann beschwören, daß »»eine eigenen Augen Zeuge waren als von Alten an der Bank des Pavillons beim Teiche zu den Füßen des Fräuleins Alida Barfeld lag und ihre Hand in der seinen ruhte, kann beschwören, daß ein Zufall mich in den Besitz des Briefes setzte, den Sie selber gelesen, in dem der Oberlieutenant der Geliebten seine Hand anbietet und sie auf das Gut seiner Schwester bescheivet; auf Befehl der gnädigen Frau ließ ich die Spur der Flüchtigen verfolgen, sie führte zu der Richtung, wohin Herrn von Alten's Zeilen sie wiesen — nach Frankreich." Mit tiefem Seufzer ließ sich Ocar in einen Kessel fallen. „Ja, ja, ich glaube, ich will glauben; einer berechneten Intrigue willenloses Spielzeug war ich, das Opfer einer Coguetten, die, als sich ihr eine Sicherheit ihrer Zukunft darbot, diese der Wahrscheinlichkeit vorzog, ihr galt nicht die Person sondern nur die Existenz. Und doch, so sehr, so innig habe ich sie geliebt." Er barg sein Antlitz mit beiden Händen, die Thränen zu zerdrücken, die seine Wangen netzten. Streland winkte der Gutsherrin, ihn gewähren zu lassen, und Frau von Solmitz war einsichtig genug, die Weisung d.s Mannes zu befolgen, von dem sie sich jetzt widerstandslos leiten ließ, obwohl der Verwalter klug genug war, sich nie den Anschein zu geben, als mache er seine Herrschaft geltend. — Der alte Diener öffnete die Thüre des Zimmers. „Gnädige Frau", meldete er, »die Herren aus der Stadt harren im blauen Zimmer Ihres Erscheinens." (Fortsetzung folgt.) Hur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. IV. „Banden" und Wandertruppen. Zur Zeit des M ttelalters war es Sitte gewesen, den „fahrenden Sängern", welche — ihre Kunst ausübend -- im Lande umherzogen, Zehr-Pfennige zu verabreichen; — ohne Zweifel sind diese wandernde» Sänger als die Vorläufer der ersten Schauspieler und als Vater jener Wandertruppen zu betrachten, die später das Land durchzogen, nachdem aus den reisenden Sängern «llmählig Komödianten und Gaukler verschiedener Art hervorgegangen waren, deren Kunst allerdings sehr viel zu wünschen übrig ließ, da sie zumeist in, Possenreißen bestand; — trotzdem pflegte man sie für besonders festliche Gelegenheiten: fürstliche Vermählungen rc. rc., extra zu verschreiben, um die Feier durch ihre Künste zu verherrlichen. — Diese ursprünglichen, wandernden Komödianten reisten 165 indessen anfangs nur allein, auf eigene Faust, — bald aber begann eine Art von Zunft sich unier ihnen auszubreiten; so tauchten auch in Augsburg bereits im 13. und 14« Jahrhundert hier und da schon Wandertruppen, sogenannte „Banden" aus, welche, von Ort zu Ort ziehend, überall ihr luftiges Bretterwerk aufschlugen, darinnen sie die aufmerksamen Zuhörer durch Darstellung religiöser oder weltlicher Dinge: geistliche Schauspiele, allerlei aus der biblischen Geschichte, oder Sprüchwörtliches, gar höchlichst ergötzten. Leider aber dienten diese umherziehenden Banden just nicht dazu, verbessernd auf den Geschmack einzuwirken, indem ihre Hauptanziehungskraft auf die Schaulust des großen Publikums sich gründete. — Als später dann durch die Privilegien der „Meistersinger" den Wandertruppen das Einkehren in Augsburg sehr erschwert war, kam es vor, daß den reisenden Gesellschaften die Erlaubniß zum „Agiren" auch wohl vom hohen Rath in Folge Protestes der Meistersinger, verweigert wurde, so z. B. geschah dies anno 166? den „hochdeutschen Compagnie-Komödianten", welche abgewiesen wurden: „von wegen böser Lauften und Zeiten» und weilen durch dergleichen im Land hin und wieder reisende Personen, bald was verdächtige und schädliche einschleichen können." Endlich aber half dieses Absperren der Stadt, nach theatralischer Richtung hin, auch Nichts mehr. Die reisenden Patrizier und Kaufleute von Augsburg sahen auf ihren Reisen eben auch, was gut und besser in künstlerischer Beziehung schien, als daheim, und das Ende vom Liede war, daß man das damalige „Stadttheater", d. h. die dem Almosen- Amte zugehörigen Uranfänge desselben, doch den fremden Komödianten öffnen mußte, wenn dies freilich auch unter für Diese erschwerenden Umständen und Bedingungen geschah; aber der Bann war doch damit gebrochen, und dem Uebergang zur neuen Aera freies Feld gestaltet. Damals reisten diese Banden schon organisirt, mit einem Oberhaupt als „Prinzipal" versehen, so besaß z. B. die hervorragendste unter ihnen, die sogenannten: „englischen Komödianten", nicht nur einen ordentlichen Direktor, eine eigene Rangordnung, einen besonderen Gruß, sondern auch außerdem bestimmte Zunft-Gesetze, deren eines also lautete: „Es soll bei den Komödien Niemand hinter den Fürhang gelassen werden." — Diese „englischen Komödianten", welche eigentlich als die Gründer der „Komödianten-Profession" — von „Kunst" konnte ja wohl kaum die Rede sein — zu betrachten sind, stammte» allerdings ursprünglich aus Engst nd her, später aber blieb wohl nur mehr der Name übrig, als das Einzige, was wirklich echt war. In den Niederlanden tauchten sie bereits vor dem Jahre 1600 auf — von dorther kamen sie auf deutschen Booen, führten die Bühnensitten Englands und Hollands ein, spielten englische Stücke, durchaus weltlicher Art, woll Blut, Mord und Graus, gemischt mit derben Schwänken als Zwischenspiele, bei denen der englische und niederländische Hanswurst: „Clown" und „Ptckelhäring" genannt, eine große Rolle „agirlen." — Die guten „Meistersinger" beschwerten sich im Jahre 1681 gar herzhaft über diese „sogenannten Engländer", welche die Dreistigkeit besessen hatten: „2 Groschen Eintrittsgeld und in den 15 Stüblin (Logen) einen Groschen weiter" pro Person zu fordern. Und die bedrängten und bedrohten Meistersinger mochten wohl nicht so ganz Unrecht haben, wenn sie von den „sogenannten Engländern" sprachen, denn es liegt sehr nahe, daß die Trauer« und wchanerspiele der ersten, wirklichen Engländer sehr bald Nachahmer in Deutschland weckten, wo auch kein Mangel derzeitig an Blut-Tragödien (von Kaspar Daniel von Lohenstein rc. re.) war, und der deutsche „Hanswurst" gab sicherlich dem „Clown" und „Pickelhäring" auch an possenhafter Derheit gar nichts »ach. — Das Jahr 1697 hatte in Augsburg ein besonderes Ereigniß zu verzeichnen: die erste „Opera!" Eine reisende Gesellschaft, geleitet von einem Kapellmeister aus Braune schweig, führte zuerst diese italienischen Fortsetzungen der „Singspiele" ein, und erregte dadurch lebhafte Bewunderung. Aber auch au anderen Produktionen derberer Art war durchaus kein Mangel; — sehr beliebt z. B. waren seiner Zeit die: „Fecht-, Kampf- und Thierhetz-Spiele", dargestellt 166 von allerlei herumziehenden Thierbändigern, Raufern und Ringern von Beruf, deren Kraftübungen sehr warmen Anklang fanden. Diese Vorstellungen fanden in der „Fecht- schule" statt, einem 1631 von einem Methsieder aus fernem Stadel und Hof hergerichteten Komödienhaus, in welchem nicht nur die Fechtübungen der Jugend, sondern auch allerlei Darstellungen gegen Eintrittsgeld abgehalten wurden; „bei Fechtschulen 2 Heller, bei Komödien 1 Kreuzer." 1661 kaufte das Almosen-Amt die „Fechtschule", ipid erzielte eine hübsche Einnahme durch die dortselbst stattfindenden Aufführungen, von denen es freilich um's Jahr 1700 durch Verbot des hohen Rathes die für die eigentliche „Schul-Fechterei" der Jugend verlor, die anderweitigen Produktionen, wie: Bären- und Ochsen-Hetzen, Auftreten von Gauklern, Seiltänzern, Kunstreitern, ja sogar Opcrn-Gesellschaften, aber fortsetzen durfte, trotzdem das Holzgebäude durch die zuweilen auch stattfindenden Feuerwerke mehr als einmal in bedenkliche Gefahr gerieth. Nachdem noch zwischen den Jahren 1710 und 19 in dem sehr baufälligen Gebäude ab und zu Fechtschaulpiele stattgefunden hatten, wurde es endlich, als man 1776 das neue Stadttheater baute, abgerissen, — eine Tänzergesellschaft im Jahre 1762 „gastirte zuletzt darin. — Um nun zum eigentlichen Stadttheater „zurückzukehren", so muß vor allen Dingen konstatirt werden, daß dessen Vorstellungen doch »ach und nach durch die reisenden Gesellschaften ein ganz anderes Gesicht erhielten, und zum Mindesten an Vielseitigkeit, wenn nicht immer an Kunst, gewannen; — hatten doch diese Gesellschaften selbst eine andere Form genommen. Auf die Tragödie pflegte nachdem als Einleitung der übliche Prolog vorangegangen, als Schluß der Vorstellung jetzt erst ein Singspiel oder Ballet, und dann noch ein „allegorisches Dankspirhl" zu folgen, statt des früher gebräuchlichen Epilogs, den kein Mensch mehr hören wollte» so sehr hatten die Ansprüche sich bereits gesteigert. „Ihr hört kurz Predigt gern, Wenn die Bratwurst destlänger wern!" tadelt 1618 schon der berühmte Jakob Aprer das Publikum, in Bezug darauf, daß die Moral des ganzen Stückes sonst im Epilog enthalten, beziehungsweise zu Nutz und Frommen der Zuhörer wiederholt wurde, wie eine Art von Predigt. Auch „Prinzipalinnen" begannen mit ihren Truppen Augsburg zu besuchen; schon gleich zu Anfang des spicllustigen achtzehnten Jahrhunderts erschien „die kgl. polnische und churfürstlich-süchsische Komödianten-Prinzipalin" Geldin mit ihrer Gesellschaft auf dem Schauplatz, deren Kunstfertigkeit hauptsächlich im Aufführen sogenannter „Haupt- und Staats-Aktionen" bestand, d. h. extemporirter Komödien, bei welchen jedem Darsteller wohl der Charakter seiner Rolle im Großen und Ganzen, nicht aber die einzelnen Worte, die er zu sprechen hatte, vorgeschrieben waren» Diese mußte Jeder selbst erfinden, so gut er es vermochte, was natürlich — namentlich bei ungeschickten Nachahmern, die bald genug sich fanden, — Veranlassung zu vielem Unsinn und manchem Mißbrauch werden mußte, da es oft an hinreichender Begabung und Bildung fehlte, um der schwierigen Sache mit eingehendem Verständniß gerecht zu werden, und viel absichtliche und unbeabsichtigte Possenhaftigkeit folglich mit unterlief. — Und nun sehen wir im Fortschreiten des achtzehnten Jahrhunderts mehr und mehr ordentliche Wandertruppen die Stadt Augsburg auf ihren Reifen berühren. Im städtischen Komödienhaus sowohl, als in anderen geeigneten Lokalen, sogar auf eigens aufgebauten Bühnen ließen sie sich blicken, insofern man ihnen die Bewilligung dazu nicht versagte. Wir sehen in den zwanziger» Jahren den berühmten, letzten, eigentlichen „Hanswurst" (Prehauser) auftreten, sahen zu ähnlicher Zeit seine größte Feindin, die berühmte Theater- Direktorin und Schauspielerin Neuber (eine der ersten — nach jeder Richtung, auch der äußerlichen Bedeutung., hin — deutschen Schauspielerinnen, welche die Bühne betraten), die gegen Mitte des Jahrhunderts hin, im Verein mit dem Leipziger, gelehrten Professor Gottsched, den Hanswurst feierlich auf ihrer Bühne, als nicht mehr zeitgemäß verbrannte und verbannte, bei so „ausverkauftem" Hause mit ihrer Trupps spielen, daß, wer nicht frühzeitig genug kam, keinen Platz mehr erhielt. Wir sehen ferner anno 1769 eine weitere 167 „Prinzipalin": Frau Theresnia von Kurtz, mit 28 Personen, als „churfürstl. bayer. Hof- Direktorin mit ihrer Gesellschaft deutscher Hosschauspieler" erscheinen u. s. w. Ferner fehlte es auch nicht an einer Anzahl ausländischer Truppen; — so 1733 italienische Opern nnd Schauspiele, in den 40er Jahren eine italienische „Operisten-Banda", 1753 und 5!) italienische Pantomimen u. s. w. 1759 spielte sogar eine französische Kinder-Pantomimen-Gesellschaft, und in den 60er Jahren finden sich immerfort Wandertruppen ein, italienische Sänger, welche Opern und Operetten gaben, doch war keine dieser Gesellschaften eine regelmässige, wenn auch ihre Spielzeit öfter durch Wochen währte, und sich zuweilen sogar auf 40—50 Mal belief. Auch die jetzt — von 1760 ab — „verbürgerten Komödianten und Meistersinger" konnten dagegen nicht auskommen, mit sammt ihren Privilegien und „regelmäßigen, von den berühmtesten Skribenten verfertigten Stücken", und obwohl diese Privilegien sich inzwischen nicht verringert, sondern im Gegentheil im Laufe der Zeiten Begebenheiten vermehrt hatten. Erhielten sie doch 1723 auf ihre Beschwerde hin das Recht, eine beliebige Entschädigung von den Wandertruppen fordern zu dürfen, falls diese die Absicht hallen, an ihren eigenen, privilegirten Spieltagen zu „agiren", und ward doch dieses Dekret durch die Verordnungen vom Jahre 1733 und 1767 noch dahin bestätigt, daß die fremden Komödianten erst ein Fixum von drei Gulden den Meistersingern zu zahlen hatten, wenn sie an deren Spieltagen auftraten, und von 1767 ab für jeden Spieltag überhaupt dies Fixum zahlen mußren. 1768 wurde diese „Steuer" auf fünf Gulden für eine Woche ohne Festtag, und für eine solche mit Festtag auf drei Gulden berechnet, wozu natürlich stets die Abgaben an das ältere Almosen-Amt noch kamen. Sobald also der Neubau des Stadttheatcrs 1776 in Aussicht genommen war, lag auch die Nothwendigkeit nahe, die alten, veralteten Dekrete und Privilegien aufzuheben, welche der Kunst und den Einnahmen nur schädlich sei» konnten. Nachdem in den Jahren 1770—76 die Wandertruppen — gewöhnlich mit einem Personal von 16, 18, 19 und mehr Personen — immer regelmäßiger einkehrten; darunter mehrere Kinder-Gesellschaften, Oporu bukkn in deutscher und italienischer Sprache» sowie deutsche Operetten, wurde mit dem Direktor Peter Rohr und seiner Opera liusiku die alte Bühne des Stadt-Komödisnhauses zu Augsburg geschlossen, und der Umbau des Theaters im Juni 1776 begonnen. — Bereits am 16. Oktober desselben Jahres wurde das neue Stadttheater eröffnet, durch die Schopf'sche Gesellschaft, mit einem Personal von 22 Erwachsenen und einem Kinde; man begann mit: „Essex", und spielte bis zum 11. Februar 1777 vierundsechzig Stücke. — Was die Preise der Plätze und den Anfang der Boxstellungen anbetrifft, war auch darin bereits eine große Veränderung gegen früher nach und nach eingetreten! Hatte man noch bis zu Mitte des Jahrhunderts um 2, 3 oder 4 Uhr begonnen, so finden wir später schon 5 und i/.,6 Uhr verzeichnet; — auch die Preise halten bereits merklich sich gesteigert. — Mit einem Pfennig hatte man einstmals begonnen bei den Meistersingern, war dann auf 5 Heller bis 6 Kreuzer gediehen, die englischen Komödianten nahmen „sogar" 2—3 Groschen, in der „Fechtschule" kostete es 1 Kreuzer, im „Baugarten" 30, 15, 10 und 6 Kreuzer, im „Stadtheatsr" noch anno 1766 auch nicht mehr, und 1769 schon „1 Gulden" für die besten Plätze, für den geringsten freilich nur 6 Kreuzer, und so war es auch, als 1776 das neue Stadttheater eröffnet wurde — die Zwischenplätze kosteten 30 und 15 Kreuzer. Mit Eröffnung des neuen Komödienhanses oder „des alten, Augsburger Stadttheaters", darf man wohl getrost den Beginn einer neuen Zeit in der Theatergeschichte von Augsburg rechnen, schon deshalb, weil von da ab von eigentlichen „Banden" und Wandertruppen die Rede nicht mehr sein kann, weil fortan eine Art von regelmäßiger, ständiger Saison-Zeit beginnt, in ähnlicher Weise, wie sie unsere Stadtthsater noch H ut' zu Tag besitzen. — 168 Mise-lleir. (Gefährliche Belohnung.) „So, Karl! also wegen Faulheit und Nachlässigkeit hast Du heute vom Lehrer Schläge bekommen? Recht so! Jetzt trägst Du mir gleich eine Flasche vom besten Wein zu ihm und dankst ihm für die verdiente Strafe." Sohn: „Nein, Papa! das thue ich nicht; denn wenn dSr Herr Lehrer jedesmal eine Flasche Wein dafür kriegt, so prügelt er mich jeden Tag drei Mal." (Als Curiosum) sei hier nachstehende Annonce aus dem „Hannov. Cour." vom 7. ds. Alts. wiedergegeben: Ein Tiroler, der lange bei einer osterreichisch - ungalisch en Familie i. Rußland a. Schweizer in Dienst stand, sucht e. Stelle, am liebsten a. englischer Jockey bei e. französischen Herrschaft in Italien. Gef. Adr. rc. (Der zureichende Grund.) Zwei Bauern, Schwiegervater und Schwiegersohn gehen über Land. Als sie einen Hügel Hinansteigen, hören sie auf der anderen Seite des Hügels ein fröhliches Jodeln. — Schwiegervater: „Was hat der da drüben so zu jodeln?" — Schwiegersohn: „Es wird ihm wohl ebbe der Schwiegervatter gestorben sin." (Nationalstolz.) Die Hauptstadt Belgiens ist neuerdings durch den Prozeß Peltzer in aller Mund gekommen. Ein Belgier, schreibt der „Gaulois," erzählte jüngst einem Preußen von dieser traurigen Mordaffaire und fügte mit Stolz hinzu: „Ein großartigeres Berbrechen hat sich in ganz Deutschland noch nicht zugetragen!" (BlitzHinrichtung.) „Die Daily News" gibt einem „Eingesandt" Raum, in welchem ganz ernstlich der. Vorschlag gemacht wird, zum Tode verurtheilte Verbrecher nicht mehr durch den Strang, sondern durch — Elektricität- hinzurichten. (Im Wohlthätigkeitsbazar.) Herr: „Was kostet eine Tasse Kaffee, mein Fräulein?" — Künstlerin: „Einen Thaler, und nun — (nachdem sie vom Kaffee genippt) fünf Thaler!" — Herr: Hier sind sechs Thaler, iMlin Fräulein, aber jetzt bitte ich um eine reine Tasse." (Auf dem Schützenfest.) Schütze: „Bester Herr Oberschützenmeister, Sie wollen doch den Toast auf den Durchlauchtigsten nicht vergessen?" — Obcrschützenmeister: „Ne, ne, nur woll'n wir's Rindfleisch noch rmn gehen lassen. Gleich nach'n Rindfleisch kömmt der Ferscht!" (Wie viel Köpfe hat ein Hamburger?) Nach der „Post" begann Dr. Wendt jüngst seine Socialistenrede im Reichstage folgendermaßen: „Die Ausführung des Socialistengesetzes in Hamburg ist eine durchaus loyale gewesen, trotzvem sind etwa 200 Personen mit etwa 1000 Köpfen ausgewiesen worden." Das letzte hl Die Mutter stirbt; der Abend schaut berein, Und gold'ne Lichter spielen um den Schrein, Als sei der Engel nahe, der den Gram Aus ihren Zügen still zu löschen kam. Den Gram? O nein! sie lächelt sanitbeglückt, Als Hütte man zur Feier sie geschmückt. Der Priester mit dem Sacrament, — um ihn Des Hauses Kinder alle aus den Kuie'u. Es ist der S o h», au dem ihr Auge hangt, Aus dessen Hand die Hostie'sie empsängt. „Er ist so gut, so kindlich fromm und rein, Herr, deiner Huld lass' thu befohlen sein!" Dem Jüngling rollt die Thräne aus dem Aug', Doch treu und fest übt er der Kirche Brauch- Sacramerrt. Und salbt mit heil'gem Oel der Mutter Munds Der ihn geküßt seit seiner erste» Stund', Die Hände, die ihn liebend zart geflegt, Zum weichen Schlummer sorgsam hingelegt, — Die Augen, die zeitlebens ihn bewacht, Und die er schließen soll zu ew'ger Nacht! — Gebet und Schluchzen rings im Schwesterkreis, Ein Engel wandelt, durch das Zimmer leis. Mit deines Sohnes Antlitz fromm und mild Der Bote stammet aus dem Lichtgesild! Was nur dem Mutterherzeu Glück gewährt Das Hut sich dir zum Heiligsten verklärt. Es leitet dich durch aller Set'gen Chor Die Kind es lieb' zu Gottes Thron empor. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hutllcr. »ur „Äugslmrger Postzeitimg.^ Nr. 22. Samstag, 17. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann tzirschfeld (Fortsetzung.) Erleichtert athmete Frau von Solmitz auf, um der peinlichen Situation ein Ende zu machen. Sie näherte sich dem jungen Manne, und einen Kuß auf seine Stirn drückend, sagte sie: „Muth, mein Sohn, gedenke, daß Du eine Mutter besitzest, der kein Opfer zu groß für Dein Glück ist, sobald es sich mit dem Glänze und der Ehre unseres Geschlechtes vereinigen läßt. Ich habe mehr für Dich gethan, Oscar, als Du ahnen magst, und je erfahren wirst, dessen sei eingedenk. In einer halben Stunde erwarte ich Dich in dem Saale, die Akte meines verstorbenen Bruders zu unterzeichnen. Deine Unterschrift ist unerläßlich, sonst hätte ich Dir die Formalität erspart. Die Baronesie wird in jedem Augenblick eintrefsen, empfange sie in meinem Namen, und erinnere Dich, daß es an Dir liegt, den Herzenswunsch Deiner Mutter zu erfüllen." Sie winkte dem Verwalter, ihr zu folgen und verließ das Gemach. Auf dem Wege zunr Hauptsaale mußte sie das blaue Zimmer durchschreiten, in das sie den Anwalt des Solmitz'schen Hauses und die beiden Aktuare beschieden hatte, die von Seiten des Gerichts gesandt waren, die offizielle Todeserklärung Leopvld's von Bernau zu erklären, da die Proklame, die ihn aufforderten, sich zur bestimmten Frist zu stellen, oder sich durch einen Bevollmächtigten vertreten zu lassen, bis jetzt erfolglos geblieben. Mit tiefer Verneigung ward Frau von Solmitz von den Herren begrüßt, sie spendete ihnen einige Worte, dann schritt sie ihnen voran, dem großen Saal des Schlosses zu, aus dem ein dumpfes Summen und Brausen, wir von einer großen Versammlung, ihnen entgegen schallte. Die hohen Flügelthüren des für die Herrschaft bestimmten Seitenraumes öffnete» sich, eben hob die Thurmuhr zum eilften Stundenschlag aus. — Der Lärm machte einer erwartungsvollen Stille Platz, und fast sämmtliche Anwesende begrüßten durch Erheben den Eintritt der Schloßyerrin, die mit herablassendem Neigen des Hauptes die fast ausschließlich ländliche Versammlung begrüßte» und dann die Estrade bestieg, wo sie an dem grün behangenen Tisch den Ehrenplatz inmitten des Anwalts und der Herren vom Gerichte einnahm. Herr Streland hatte wie ein dienstthuender Marschall auf der untersten Stufe seinen Platz genommen. Unter dem tiefsten Schweigen der Zuhörer erhob sich Frau von Solmitz. Sie begann mit fester Stimme von dem Schmerz zu reden, den ihr die Entfernung eines geliebten Bruders verursache, der seit achtzehn Jahren kein Zeichen der Existenz von sich gegeben, und der bitteren Nothwendigkeit zur Regelung der Familienverhältnisse, zur Klarheit über ihres Sohnes Zukunft, die Formalität der Todeserklärung nun eintreten zu lassen, , nachdem alle Versuche» den Aufenthalt Leopold's von Bernau oder etwaiger Erben desselben zu erkunden, vergebens aewesen. So endete ihre Rede mit der Mittheilung, daß sie eine — 170 — milde Stiftung in's Leben zu rufen gedenke, die zum Gedächtniß an den Geschiedenen seinen Namen tragen und zur Unterstützung armer Greise der Gemeinde Solmitz bestimmt sein solle. Nun war sie zu Ende, ein unterdrücktes Murmeln des Beifalls und der Theilnahme, von Respekt gedampft, ging durch den Saal, als sich Frau Hermine von Solmitz wieder auf ihren Sitz niederließ und sich tief in den Sessel zurücklehnte, als habe die nachfolgende Formalität gar kein Interesse für sie oder erwecke höchstens nur ihre Schmerzen auf'S Neue. Nun erhob sich der Gerichtsaktuar; er verlas mit einförmiger Stimme nochmals das bereits mehrfach veröffentlichte Proklama, dann fügte er lauter hinzu: „Und so erkläre ich denn im Namen des Gesetzes Leopold von Bernau für bürgerlich todt, verlustig aller Rechte, die ihm durch Erbschaft oder Schenkung erwachsen dürften, es sei den», daß sich jetzt in dieser Stunde noch ein'Einspruch erhebe gegen diese Bestimmung, dessen Billigkeit anerkannt ist vor den Schranken des Rechtes. Wer daher gesonnen ist und vermag, die Existenz besagten Leopold's von Bernau oder legitimer Erben desselben nachzuweisen, der trete vor und lasse es geschehen in dieser Stunde." Warum zuckte Hermine von Solmitz plötzlich zusammen, der trotz der anscheinenden Apathie nicht die kleinste Bewegung im Saale entging? Was lief flüsternd, murmelnd von Stuhl zu Stuhl durch die Reihen, warum theilte sich die dichtgedrängte Menge am Eingang? In bescheidener, aber ernster und fester Haltung schritt ein in tiefe Trauer gekleidetes junges Mädchen vor und dieZ ganze Länge des Saales durchmessend, trat sie Lis an die Stufen der Estrade. „Alida Barfeld!" Wie ein unwillkürlicher Ausruf des höchsten Erstaunens klang eS aus Herrn Streland's Munde und wie abwehrend streckte er der Nahenden den Arm entgegen. „Im Namen der Gerechtigkeit erhebe ich Einspruch gegen die Versammlung in dieser Stunde", sagte das junge Mädchen mit ruhiger, fester Stimme, und jede Silbe hallte in dem weiten Raume bei der Todtenstille, die nun in demselben herrschte, wieder. „Ich, die Tochter und Erbin des jüngst zu Pont ü Mousson verstorbenen Leopold von Bernau, nehme alle meine mir zukommenden Rechte in Anspruch und namentlich die meinem Vater durch das Vermächtuiß seines Onkels, des Erbherrn auf Gradenow, zugefallene Erbschaft." Wäre der Geist ihres Bruders selber dem Grabe entstiegen und drohend vor Hermine von Solm'tz aufgetaucht, die Ueberraschung, das Entsetzen der Gutsheriin hätte kein größeres sein können, als Alida, die namenlose Waise, ihr mir dem Titel der Ansprüche gegenübertrat. Ihre Fassung drohte zu schwinden und doch fühlte sie, daß sie ihrer in diesem Augenblick, da sie aller Augen auf sich gerichtet wußte, mehr bedurfte als jemals, Sie erhob sich in ihrer ganzen Würde. „Fräulein Alida Barseld, wenigstens bezeichnete mir einst die sterbende, völlig Mittel- und legitimationslose Frau, die als Fremde vor etwa achtzehn Jahren im Sol- mitzer Wirthshanse anlangte und noch in derselben Nacht verschied, mir das hinterlassene Kind, ihre angebliche Tochter mit diesem Namen, da sie es mir, der hülfreich Herbei- geeilten, unter Thränen und Beschwörungen, mich der verlassenen Waise anzunehmen, vertraute. — Fräulein Alida Barfeld, die mir ihre Ausbildung und Erziehung dankt, verließ mein Haus auf eine so eigenthümliche Weise, nachdem sie genug der trüben Stunden über dasselbe gebracht, daß ich glaube im Recht zu sein, wenn ich die genaueste Untersuchung der Dokumente verlange, die sich ohne Zweifel in dem Besitz der Dame befinden, um sich mit Recht die Tochter Leopold's von Bernau und Nichte Hermann's nennen zu können." „Ich war auf diesen Empfang vorbereitet", erwiderte das junge Mädchen völlig ruhig. „Mich gegen Vorwürfe der Frau von Solmitz vertheidigen zu wollen, hieße eine Anklage aufnehmen, die, Gott ist mein Zeuge, mich nimmer trifft. Wenn ich hier und in dieser Stunde erscheine, meine Rechte geltend zu machen, so soll es nicht einen affek- 171 jjrten Theatercoup bedeuten, soeben treffe ich voin Elsaß kommend auf Solmitz ein. Gott verhinderte, daß ich zu spät kam. Hier, meine Herren", und ihre Hand zog ein Convolut Papiere hervor, „hier übergebe ich Ihnen die Dokumente, die mich als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau legitimiren. Ehrenwerthe Männer, der Feldprediger Bartels und der Stabsarzt Doktor Langer, beide augenblicklich im Gefolge des deutschen Kriegsheeres, sind bereit, ihre mündlichen Aussage» der schriftlichen Bürgschaft hinzuzufügen, die sich in diesen Blättern befindet." So fest, so ruhig konnte keine Betrügerin sprechen, das fühlte ein jeder der im Saal Anwesenden, das fühlte auch Hermine von Solmitz. Wie eine Angeklagte im Antlitz ihrer Richter, forschte ihr Blick in den Zügen der Herren voin Gericht, die mit dem Anwalt in leisem Flüstern die ihnen eingehändigten Papiere tauschten und, sie flüchtig durchsehend, zunächst Unterschriften und Siegel prüften. Endlich erhob sich der Gerichtsassessor, Todtenstille herrschte im weiten Raume. „Die uns von dieser Dame übergebsnen Papiere", nahm er das Wort, „sind anscheinend echt und berechtigen sie, als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau Protest gegen den Erbsausschluß der Nachkommen des Genannten zu erheben; es steht bei Ihnen, gnädige Frau, ob Sie schon jetzt diese Dame als Nichte anerkennen wollen; wir aber müssen die für diese Stunde beabsichtigte Verhandlung vorläufig für aufgehoben erklären." „Mein Anwalt, Doktor Schmidt, ist damit einverstanden?" Gepreßt, kaum verständlich kam es über Herminen's Lippen. Der Jurist zuckte mit den Achseln. „Unter dem Vorbehalt strengster Prüfung dieser Papiere", entgegnete er, „kann ich mit meinem Gewissen nicht auf Vollziehung einer Handlung dringen, die einer schreienden Ungerechtigkeit gleichkäme." Schwer athmend hob sich die Brust der Gutsherrin. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, richtete sie sich empor und ihre ganze Willenskraft aufbietend, die gewohnte Sicherheit zu bewahren, stieg sie von der Estrade, um sich aus dem Saale zu begeben. Sie mußte an dem jungen Mädchen vorbei, ihre Blicke begegneten sich, keine Spur einer Leidenschaft blickte Hermine von Solmitz aus dein Auge Aliden's entgegen, — sie las in ihr nichts, als eine eisige Ruhe. Einige Schritts weiter blieb sie stehen. Die wenigen Minuten, die verstrichen waren, seit der Eintritt der Waise Alles zu nichte gemacht, was sie seit Jahren für ihres Sohnes Glück gewirkt und gesündigt, hatten eine Fluth der düstersten Gedanken in ihrer Seele beschworen. Nicht allein, daß die Tochter Leopold's von Bernau das väterliche Erbe beanspruchte und ihr den Reichthum nehmen konnte, an dem ihr ganzes Leben hing, sie drohte ihr auch des Sohnes Liebe zu rauben, wenn es ihr gelang, Oscar zu beweisen, daß seine Mutter ihn getäuscht, da sie ihm Aliden's Verschwinden als Frucht des Ver- rathes einer berechnenden Coguette geschildert. „Ich mochte mit Ihnen reden", sagte sie, zu Alida gewandt, und trotz alles Bemühens konnte ihre Stimme nicht ein leises Beben unterdrücken. Was sollte sie ihr sagen, sie wußte es selber nicht und doch mußte ein Mittel gesunden werden, die Netze zu lösen, die sie selbst geschlungen hatte; um Zeit zu gewinnen und die Herrschaft über sich selber, das war die Hauptsache. Kalt und förmlich neigte Alida das Haupt. „Ich bin bereit", erwiderte sie, „den Wunsch der Schwester meines Vaters zu erfüllen." Frau von Solmitz athmete auf. „Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?" fragte sie vorauschreitend und den Saal durch eine Seitenthür verlassend. Das junge Mädchen folgte ihr in ein Zimmer des Hintern Schloßflügels; es war ein isolirt gelegenes Gemach, gewöhnlich zum Fremdrnaufenthalt bestimmt und gewährt« die Aussicht in den Garten. Eine kurze, peinliche Stille entstand, da sich die Thür hinter Tante und Nichte Lcschlossen. 172 Alida blickte kalt und ruhig in Frau Herminen's Antlitz und diese fühlte, daß es an ihr sei, das entscheidende Gespräch zu eröffnen. „Wollen Sie mir eine Frage beantworten?" begann sie endlich, „eine Frage, die Sie von einAi liebenden Schwester natürlich finden werden. Wie kamen Sie zu Leopold von Bernau, meinem unglücklichen Bruder, und wie hat er geendet?" „Mein Vater starb tief bereuend, versehen mit den Tröstungen der Religion", erwiderte Alida, „über seine Schuld möge ein höherer Richter entscheiden; mitten im Kriegs- gewirr, in Pont u Mousson, führte mich die Hand Gottes an sein Sterbelager; dort, wo ich ihn der Erde übergab, begriff ich die heilige Pflicht, das Andenken meiner Mutter und meinen, eigenen Namen zu Ehren zu bringen, und diese Pflicht zu erfüllen", deutlich hörte man das Schwanken des sonst so festen Tones der gestrengen Frau, „rauben. Sie, im Fall Sie auf das Vermögen Anspruch machen, das Ihnen als Ihres Vaters Erbtheil zukommt und das bisher unter meiner Verwaltung war, dem Hause Solmitz seine Habe; Alida, Sie wissen, ich bin eine Feindin aller Sentimentalitäten, lassen Sie mich Ihnen mit dürren Worten sagen: mein Gatte starb arm und mein Sohn, Oscar von Solmitz, wäre eines Bettlers Kind gewesen, hätte nicht das Glück mir die Verwaltung der reichen Erbschaft verliehen, die meinem Bruder zugefallen. Mit ihr erhob ich das Gut Solmitz zum alten Glanz, Oscar hatte keine Ahnung, daß der Reichthum, als dessen Erbe er sich glauben konnte, nur erborgt sei, nimmer dachte ich, werde Leopold heimkehren, und wenn dies der Fall war, hoffte ich auf seinen Leichtsinn, auf sein gutes Herz. Was ich that, geschah meines Sohnes willen." Keine Spur im Antlitz »des jungen Mädchens' zeugte von dem Eindruck der Worte ihrer Tante. Sie schwieg einen Augenblick, dann richtete sie ihr Auge auf Frau von Solmitz. „AIs ich an jenem unseligen Tage das Schloß verließ", sagte sie, „dem ersten Impuls der höchsten Verzweiflung folgend, da fehlte mir noch jene geistige Reife, die entweder die Jahre verleihen oder zu der man durch schweres Herzeleid und Erfahrung gelangt, ach, der Kummer war mein Lehrmeister und die Erfahrung kühlte das fieberhaft wallende Blut; nicht als Alida von Barseld von einst steht Alida von Bernau Ihnen gegenüber. Nicht Haß und Groll trage ich Ihnen nach, obwohl Sie oft mir recht, recht weh gethan; nicht in Armuth will ich Sie stürzen, da ich mich und das mir zufallende Vermögen der leidenden Menschheit zu weihen beabsichtige. Aber eine Frage beantworten Sie mir offen und ehrlich: hat meine Mutter, da sie fremd und sterbend in der Scl- mitzrr Schenke anlangte und nach Ihnen begehrte, Ihnen das Band entdeckt, was mich mit Ihnen verbindet?" >Es war ein entscheidender Augenblick, Hermine von Solmitz konnte ein unwillkürliches Zittern nicht bemeistern. Und doch, sie fühlte es, nur ein offenes Spiel konnte sie retten. „Hören Sie mich, Alida", erwiderte sie, „und richten Sie nicht eher über mich, ehe ich vollendet. Ja, Alida, ich kannte das Band, ich mußte, daß Leopold von Bernau's Gattin und Kind als Verlassene auf meiner Besitzung angelangt waren; freilich von ihr, die schon am nächsten Tage der Hügel deckte, hatte ich nichts zu fürchten, aber das Kind drohte, falls seine Legitimität bekannt würde, meinen Sohn zu einem armen Blaun zu machen, wenn er nicht der Gnade seiner Cousine sein Glück danken wollte. Darum, Alioa, darum bemächtigte ich mich aller Papiere, die einst die Sterbende mir anvertraute, darum behielt ich unter dem Namen Barfeld die Waise bei mir. — Darum aber auch, weil ich nicht ein Bündniß naher Verwandter dulden konnte, suchte ich später das innige Band zu lösen, das sich um Sie und meinen Sohn gewoben. Alida, ich hätte ja dann, um eine solche Verbindung zu ermöglichen, ohne in Sünde zu verfallen, Ihrer Geburt Geheimniß offenbaren müssen und nimmer vermocht ich's, konnte ich abhängen, wo ich bisher geherrscht hatte? Konnte ich auf einen Besitz verzichten, den ich als reiches Erbe 173 meinem Sohne zu hinterlassen gedacht, um ihn denselben aus der Hand einer Fremden empsangen zu lassen?" Frau von Solmitz schwieg, aber das Zucken ihres Antlitzes, das Heben und Senken ihrer Brust bekundete die hohe Aufregung, die noch in ihr nachwirkte. „Wehe Ihnen!" erwiderte Alida, „wehe Ihnen, verblendete Frau. Wie viel des Leidens, wie viel des Jammers hätten Sie uns ersparen können, hätten Sie sich mir entdeckt; so wahr Gott mein Zeuge, freilich hätte ich allen Ansprüchen entsagt, zu denen ich im Fall des Todes Leopold's von Bernau berechtigt gewesen wäre; und nie hätte Oscar erfahren, daß ich Ihnen ein Opfer gebracht. Wehe Ihnen, daß Sie im Herzen Ihres eigenen Sohnes einen Zwiespalt hervorgerufen, denn was ihn zu mir hinzog, was mich zu ihm Hintrieb, es war das Band des Blutes, was uns Beiden unbewußt war und Fanny von Ebersdorf gehörte seine Liebe. Was ich gethan hätte, die Fremde, wenn es Oscars Glück erfordert, wie viel leichter wäre es der Tochter seines Oheims geworden, ihn mit der holden Baronesse Fanny vereint zu sehen und als treue Freundin, als Schwester, mich seines Hauses Glück und Gedeihen zu erfreuen. Sie aber behandelten mich als eine Fremde. Sie glaubten mit dem Geschick ringen zu können, aber das Schicksal ist mächtiger, als wir Staubgeborenen und geht den Weg, den höhere Hanv ihm weiset, es offenbart sich Ihnen in seiner ganzen Macht, da ich als Ihre Nichte vor Ihnen stehe und Ihnen zurufe in meinem Namen, im Namen Ihres Sohnes, im Namen Ihres Bruders: Hermine von Solmitz, über Dein Haupt komme, was Du gethan!" Zusammenbrach die gebieterische Gestalt der Schloßherrin. „Alida, das Schicksal rächt sich grausamer, als Sie meinen, meine eigene Saat, von der ich Segen hoffte, sie wird mir zum Fluch." (Fortsetzung folgt.) Sagen aus dem Schwabenlande. Mitgetheilt von Alois Gutbrod. * Im Munde des Volkes schlummert ein gar köstlich Ding; es heißt Sage und ist zu Märchen und Fabel nahe verwandt. Letztere wurden meist von Dichtern und Denkern gebildet; die Sage jedoch stammt mitte» aus dem Volke. Sie ist ein echtes Kind desselben, geboren zum fröhlichen Leben, nicht aber zum ewigen Schlummer. Wie Volkslied und Sprichwort, so will auch die Sage ihr Plätzchen in der deutschen Familie haben; sie will nicht todtgeschwiegen, sondern erzählt werden von Mund zu Mund. Sagen gibt es im Ueberfluß, und fast jede Gegend hat ihre eigenen. Auch unsere Heimath ist reich an allerlei schönen Sagen. Ich habe etliche davon gesammelt und will dieselben an dieser Stelle mittheilen. 1) Ulrich, der berühmte hl. Bischof von Augsburg, wurde zu Wittislingen geboren und erzogen. Er mußte täglich nach Dillingen in die Schule und kehrte gar oft erst bei stockfinsterer Nacht wieder heimwärts. Da hörte er nun jedesmal auf dem Schloßthurme ein Glöcklein läuten, ging dem Getöne nach und verirrte sich nicht. Eines Abends schwieg aber das Glöcklein still. Ulrich kam von dem rechten Weg ab und lief stundenlang im Dunkel der Nacht umher. „Warum ließ sich denn heute mein Glöcklein nicht hören?" sprach er erstaunt zu sich selbst, als er endlich todtmüde nach Hause kam. Da siel ihm ein, daß der Stecken daran schuld sein könne, den er unweit Dillingen von einem Zaun gebrochen und mitgenommen hatte. Am andern Morgen brachte er darum denselben wieder an seinen Ort, und siehe, beim Heimgänge tönte das Glöcklein, wie ehedem, und Ulrich kam nie mehr von dem rechten Weg ab. 2) Bei Bicsenhofen, eine halbe Stunde oberhalb Kausbeuren, stand auf einer Anhöhe im Gehölz eine Burg, von der jetzt wohl kein Stein niehr vorhanden ist. Ein Fräulein dieser Burg hat aber heute noch keine Nuhe, sondern erscheint bald hier, bald dort als Geist. Es setzt sich dem Wanderer, den es trifft, auf die Schultern und bittet ihn, er möge es doch in die Stadt bis zur St. Martinskirche tragen; dann sei es erlöst, und er bekomme all' seine Schätze. Viele haben solches schon probiert, aber keinem ist bis jetzt der Versuch ganz gelungen. Gewöhnlich brachte man das Fräulein nur bis zum Gottesacker; dann wurde es jedesmal so schwer, daß es nicht mehr weiter getragen werden konnte. Das Fräulein weinte bitterlich und kehrte traurig zu seinen Schätzen zurück. Man meint, es sei bei Lebzeiten nicht fleißig in die Kirche gegangen, und darum sei es auch jetzt noch so schwer zur Kirche hinzubringen. 3) Im oberen Jllerthal liegt auf einem grünen Hügel das Dorf Obermcnselstein, anmuthig von Bäumen beschattet. Nicht weit davon erheben sich ganz seltsam gestaltete, arg zerrissene Felsenschichten, die sogenannten „Gottesackerwände." In frühester Zeit dehnte sich hier eine weite, sonnige Alp aus, schön und üppig wie ein Garten. Die Kühe fanden auf ihr das köstlichste Futter; sie gaben so viel Milch, daß man Lebensrnittel in Hülle und Fülle hatte. Da wurden die Leute mitten in diesem Ueberflusse muthwillig und böse. Sie machten sich Kugeln aus Butter, kegelten damit und trieben sonst noch allerlei Unfug. Aber siehe! plötzlich nahte ein heftiges Gewitter heran; der Tag wurde zur Nacht, und feurige Blitze fuhren durch die Luft. Die Liefen der Erde thaten sich auf und verschlangen alles — Alpe, Menschen und Vieh. Wo früher Wachsthum und munteres Leben war, da stehen jetzt nackte Felsen und öde Steintrümmer. 4) In den Bergen zwischen Jmmenstadt und Staufen gab es vor hundert Jahren noch eine Menge Bergmännlein. Sie ließen sich sogar am hellen Tags sehen, trockneten ihre Wäsche und fegten den Hausrath. Wenn es nach längerem Regen gut Wetter werden wollte, machten sie Feuer und kochten, so daß man die kleinen Nauchwölklein deutlich sehen konnte. In der Allerseelen-Oktav und zu andern heiligen Zeiten jammerten und weinten die Männlein. Sonst waren sie aber ganz heiter, hatten am Jodeln und Jauchzen ihre Freude und gaben gerne an, wenn man ihnen zujauchzte. Oft kamen sie zu den Holzhackern, zeigten ihnen Weg und Steg und halfen sogar bei der Arbeit mit. Wenn aber ein Holzhacker zornig wurde und fluchte, dann wurden die Bergmäimlein böse und spielten ihm allerhand Schabernack. Bald machten sie, daß ihm die Axt von dem Stiele fiel; bald gaben sie dem Baume, den er fällen wollte, eine solche Richtung, daß derselbe in einen Dobel oder sonst recht ungeschickt zu Boden kam; bald führten sie den Arbeiter gar in eine dunkle Schlucht, aus der er nicht sogleich wieder herausfand. 5) Auf der Burg Tegelstein bei Lindau hauste in früherer Zeit eine stolze Baronin, die das gemeine Volk arg verachtete. Zu dieser kam einmal eine Pächtersfrau und bat um etliche Rosen aus dem Vurggarten, denn sie wollte ihrem verstorbenen Töchterlein einen Kranz winden. Die Baronin machte aber ein wildes Gesicht und sprach ganz barsch: „Pflücket mir Breimnesseln und windet sie zum Kranze; die gemeinen Leute sind der sreiherrlichen Rosen nicht werth!" Solch rohe Worte thaten der armen Frau sehr' wehe. Voll Herzeleid ging sie von bannen und sagte noch im Fortgehen: „Mögen Eure Rosen lauter Todtenkränze für Eure Töchter werden!" Allso geschah es auch. Bald darauf starben der Unbarmherzigen drei Töchter schnell nach einander. Diese konnten aber nicht im Grabe ruhen. So oft eines aus der freiherrlichen Familie dem Tode nahe war, sah man die drei Fräulein um Mitternacht unten in dem Burggarten, Kränze windend für das Sterbende. 6) Im Walde „Weihgäu" bei Lauingen zeigt sich hin und wieder eine weiße Klosterfrau. Sie hat ihre größte Freude daran, große Leute in dem Gehölz irre zu führen, oder ihnen durch schlechtes Wetter zu schaden. Die Kinder sieht sie aber sehr gerne, namentlich die Sonntagskinder, und fügt ihnen nicht das geringste Leid zu. Einst wollte eiil Knabe seinem Vater das Mittagessen bringen. Der Weg führt« ihn durch das Weihgäu. Da sah er auf einmal die weiße Frau in seiner Nähe. Sie winkte dem Kleinen freundlich und bot ihm viel Geld an, wenn er mit ihr gehe. Der Knabe folgte ihr und kam bald zu einem tiefen Gewölbe, in dem eine prachtvolle Goldkiste stand. 175 Doch siehe, auf der Goldkiste saß ein großer, schwarzer Pudel mit feurigen Augen; er trug einen goldenen Schlüssel in seinem Maule. Der Knabe erschrack so sehr, daß er den Topf mit dem Essen fallen ließ und eiligst davonsprang. Auch einem Wildschützen erschien einmal die Klosterfrau. Sein Hund zog ängstlich den Schweif ein und schmiegte sich winselnd an seinen Herrn. Die Frau schritt mit gehobenem Zeigefinger ernst und drohend auf den Wilderer zu. Dieser ergriff aber schnell die Flucht und gab von nun an sein unsauberes Geschäft auf. 8) Manche Leute in Schwaben erzählen gern von dem wilden Heere. Dasselbe ließ sich schon oft zur Nachtzeit höre», sagen sie, bald als wunderliche Musik, bald aber auch als fürchterliches Gerassel und Gepolter. Neugierige kamen in der Regel schlecht weg. So gingen einst mehrere Klostermägde von Kirchheim näch Nördlingen. Auf einmal vernahmen sie oben in der Luft ein Tosen, ein Sausen und Brausen, Lärmen und Pfeifen, Singen und Geigen, daß es einem wirklich Angst werden konnte. Die Mägde legten sich augenblicklich mit kreuzweis vor die Brust geschlagenen Armen in den Straßgraben. Eine von ihnen war aber srech, blieb stehen und schaute neugierig umher. Sie wurde von dem wilden Heere mit fortgenommen, zwei Stunden weit durch die Lust getragen und endlich neben einem Brunnen niedergelassen. Die andern Mägde fanden sie dort besinnungslos liegen. Neben ihr lagen yoch allerlei Sachen, die das wilde Heer aus der Luft herabfallen ließ. 7) Am hellen Tage offenbart sich das wilde Heer als Windsbraut. Wenn ein Landmann seine Pferde quält, oder seine Rinder hungern läßt, kommt schnell die Windsbraut und richtet auf seinen Feldungen mancherlei Schaden an. Ein Bauer im Unterland düngte einst seinen Acker mit Asche. Da er aber ein Grobian war, kam die Windsbraut, nahm alle Asche mit hinauf in die Luft und ließ sie anderswo in einen Sumpf oder Weiher falle». Ganze Flüchen hat sie auf diese Weise schon kahlgesegt und so manche Feldarbeit vereitelt. Im Oberlande wurde einmal die Windsbraut gar von einem alten Weibe hergezaubert. Letzteres hatte in aller Frühe an einem Biehbruiinen Aepfel gewaschen. Ein benachbartes Bäuerlcin sah dieses, und weil es Unheil befürchtete, ging es sogleich auf das Feld hinaus. Als die Windsbraut sich erhob, stand das Bäuerlein schon auf seinem Acker und rief: „Im Namen des Herrn! Mir darfst du nichts nehmen!" Der Sturm ging vorüber und that dem Bäuerlein nichts zu leide; die Aecker der Nachbarn wurden von ihm aber scharf mitgenommen. — Zum Schlüsse noch ein kurzes Wort. Mancher Leser wird vielleicht fragen: Sind diese Geschichtchen auch wahr? Ich antworte: Nein; sie sind eben Sagen, d. h. von dem Volke erdichtete Erzählungen. In dem Märchen werden Dinge verzaubert; in der Fabel kommen Thiere und Pflanzen zum Sprechen, und in der Sage läßt man oft die Toden geistern. Alle drei Stücke sind nur Dichtungen oder Gemälde der Phantasie; was sie aber enthalten, ist nicht selten ein goldener Kern in silberner Schale. 1 _ . . M i s e - l l e rr. (Das wahre Geburtsjahr Jes n.) Herr Professor Sattler in München legt in einer scharfsinnigen Erörterung in der „Allgemeinen Zeitung" dar, daß die Geburt Christi in das Jahr 749 »ach Erbauung Noins fällt, daß die christliche Zeitrechnung um 5 Jahre zu spät beginnt und daß wir statt !883 das Jahr 1888 schreiben sollten. Die christliche Zeitrechnung nimmt das Jahr 754 nach Erbauung Roms als Jahr der Geburt Christi an. Die Frage wurde endgiltig gelöst durch einige unansehnliche Kupfermünzen, welche Herodes AntipaS, einer von den Söhnen Herodes des Großen prägen ließ. Hat Herodes Agrippa dem Datum einer dieser Münzen gemäß im Jahre 40 nach Christus im 44. Jahre regiert, so muß er 4 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung seinem Vater Herodes dem Großen gefolgt sein, dieser also im Jahre 4. vor der christlichen Zeitrechnung gestorben sein. Da nun aber Herodes nicht im zweiten Jahre der Geburt Jesu, kurz vor Ostern gestorben ist, so müß Jesus, da Herodes der Große im Jahre 750 »ach 176 Erbauung Roms gestorben ist, im Jahre 749 nach Erbauung Roms, d. i. fünf Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, geboren sein. Die Evangelien bieten uns hie- für vier Daten: 1) Jesus wurde unter der Regierung Herodes des Großen gegen das Ende desselben geboren; als der König starb, war Jesus noch ein Knäblein (Matthäus 2, 20). 2) Gleichzeitig mit der Geburt Jesu fand eine Volkszählung statt, die vonr Kaiser Augustus ausgeschrieben und von Quirinus, dein Präses von Syrien, vorgenommen wurde (Lucas 2, 1 und 2). Ausgeschrieben wurde die Volkszählung 746 nach Erbauung Roms, begann sie 747, so konnte es leicht Dezember 749 weroen, bis sie über die großen weitentlegenen Centralpunkte hinaus Jerusalem erreichte. 3) Johannes der Täufer begann seine öffentliche Wirksamkeit im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und taufte in diesem Jahre Jesum (Lucas 3, 1—22). Kaiser Augustus hatte im Februar 766 Tiberius zum Mitregenten erhoben und ihm das Imperium Procon- sulare in allen Provinzen übertragen. Gemäß dieser Mitregentschaft begann das fünfzehnte Negierungsjahr des Tiberius mit dem Februar 780. 4) Jesus war ungefähr 30 Jahre alt (Lucus 3, 23), als er im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und im sechsundvierzigsten Jahre des Herodianischen Tempeibaues (Joh. 2, 20) seine öffentliche Wirksamkeit begann. Der Tempelbau begann im Jahre 734 nach Erbauung Roms im Oktober. Zählen wir 46 dazu, so ergibt sich Ende 780 als erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu, und ziehen wir von 780 (von 779 Jahren 10 Monaten und 17 Tagen) die 30 Jahre 10 Monate und 22 Tage, welche Christus bei Beginn seines öffentlichen Lebens zählte, ab, so bleiben 748 Jahre 11 Monate und 25 Tage — 25. Dezember 749 nach der Erbauung Roms als die Zeit der Geburt des Heilandes. An der Hand der astronomischen Berechnungen kommen wir zu dem Resultate, daß Jesus am 7. April 783 gekreuzigt wurde, und am 18» Mai in den Himmel aufgefahren ist. Demnach füllt das öffentliche Leben Jesu in die Zeit vom 17. November 780 bis zum 18. Mai 783, dem Tage seiner Himmelfahrt, und füllt, weil das Jahr 783 ein jüdisches Schaltjahr von 13 Monaten war, die Zeit von 2^ Jahren, oder ganz genau berechnet, die Zeit von 2 Jahren und 7 Monaten aus. (Narren-Liste.) Der Khalif Aron Erechid fragte seinen Hofnarren Bahalul, wie viel Narren es in Bagdad gäbe, und trug ihm auf, mit aller Genauigkeit eine Liste derselben anzufertigen. Bahalul entgegnete aber: „Das Verzcichniß würde zu umfangreich werden, und da mein Gebieter weiß, welch ein Feind der Arbeit ich bin, so will ich lieber eineListe der Klugen aufsetzen; die wird wahrhastig kurz genug werden» und mein Herr erfährt daraus doch, was er zu wissen wünscht, wie viel Narren Bagdad umfaßt." (Ein alter Ansiedler) in Texas erzählte neulich viel von den guten alten Zeiten. „Es wurde mir einst für ein Paar Stiefel eine Meile Land angeboten," sagte er — „Nahmen Sie den Handel nicht an?" — „Nein." — „War das Land nichts werth?" — „Es war das beste im ganzen Staat. Das Gras wuchs fünf Fuß hoch, ein kleiner Bach floß hindurch und in einer Ecke war eine noch unberührte Silbrrmine." — „Aver warum nahmen Sie es nicht an?" — Mit trauriger Stimme sagte der Alte: „Weil — weil ich keine Stiefel hatte." (Ueber Italien.) Ein Reisender kam aus Italien und wurde gefragt: „Welches wird wohl das Loos dieses herrlichen Landes sein?" „Da ist sehr viel los," gab der erstere zur Antwort, „nämlich Schulden zahllos, Steuern endlos, Volk geldlos, Schule konfessionslos, Verwirrung heillos, Lage trostlos, Presse gottlos, Theater schamlos, Sitten zügellos, Aufklärung hirnlos, Klöster schutzlos, Schwindelei maßlos, Geschäft creditlos, Literatur glaubenslos, Pöbel gewissenlos und obendrein der Teufel los." (Unüberlegt.) Professor: „Denken Sie sich also, meine jungen Freunde, daß beispielsweise mein Kopf die Erde vorstelle; wenn nun die Sonne am höchsten steht, dann halten die Bewohner meines Kopses Mittag!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarüchen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 23. 1883. »m „Augslmrger Posheituug." Mittwoch, 21. März N e L m rr t h l o s. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann .Hirschfeld (Fortsetzung.) Mitleidig ruhte Alida's Auge auf ihrer Tante. „Sie bereuen", sagte sie mild; „wohl Ihnen, daß noch der Strahl der Erkenntniß Ihre Seele zu durchleuchten vermag, o halten Sie ihn fest, diesen Strahl, daß er Ihr Herz gut und weich mache und ich verspreche Ihnen, den Theuren zu ersetzen, um den das Kleid der Trauer Sie umhüllt und der schwarze Schleier Ihr Haar schmückt; die Zeit, die ich erübrigen darf im heiligen Dienst der leidenden Menschheit, ich, will sie Ihnen-" Wie abwehrend streckte Frau von Solmitz dem Mädchen die Hände entgegen. „Nicht weiter, Alida, nicht weiter, Du zerreißest mir das Herz. Du weißt nicht Alles, was geschehen ist, seit Du von Solmitz flohest. Dein Kommen bringt neue Verwirrung in's Haus und ich bin abermals die Ursache. Wisse denn, Alida, Oscar, mein Sohn» er lebt!" Sprachlos starrte Alida in das Antlitz ihrer Tante; „er lebt, er lebt!" wiederholten ihre Lippen mechanisch» Dann aber, wie überwältigt von dem ungewohnten Glück, sank sie auf ihre Kniee nieder und heiße Thränen überströmten ihr Antlitz. „Allmächtiger Gott» wie reich machst Du nuch", drang es über ihre Lippen, wie ein heißes Dankgebet, „nicht Alles sollte ich verlieren, was meinem Herzen theuer war." Dann, sich erhebend, fuhr sie fort: „O laßen Sie mich zu ihm, zu dem neu Gefundenen, mir neu Erstandenen, lassen Sie mich ihn sehen, daß ich das Wunder glaube." „Du willst ihn sehen?" Schmerzlich zuckte es durch Frau von Solmitz Antlitz. „Alida, kennst Du nicht Oscar's Charakter? trotz aller Weichheit, aller Biegsamkeit, würde er unerschütterlich in dem Entschluß sein, Dir das Erbe Deines Vaters zurückzugeben, unbekümmert, ob Du ihm entsagen wollest, oder nicht!" „Das wird Oscar nicht thun", rief Alida eifrig, „er wird nicht als Almosen ein Geschenk aus der Hand ansehen, die er einst würdig genug fand, als die Hand seiner Gattin in die seine legen zu wollen, und die sich jetzt als treue Schwesterhand ihm entgegen streckt. Nun wird sein Herz nicht mehr von Zweifeln belastet werden, denn selbst jetzt, dessen bin ich gewiß, hat er Alida nicht vergessen, und glücklich werde ich sein in seinem Glücke, an jenem Tage, da ich Fanny von Ebersdorf meine Cousine nennen darf." „Du darfst es, Alida", flüsterte Frau von Solmitz tonlos — „denn heute, vielleicht in eben diesem Augenblick, bietet mein Sohn der Baronesse Herz und Hand — dort, blick hin, — dort sind sie." Starren Auges schaute Alida durch das Fenster; wie ein Dolchstich schnitt es ihr durch die Seele, denn unten Arm in Arm, anscheinend in tiefernstem Gespräch, schritten Oscar und Fanny von Ebersdorf eben vorüber und verschwanden um «ine Ecke. — 176 - „Er hat mich rasch vergessen!" Wie ein schmerzlicher Hauch drang es über ihr Lippen. — Eine lange Pause entstand, in ängstlicher Spannung ruhten die Blicke Herminen's von Solmitz auf Alida; konnte sie ihr enthüllen, welche neue Intrigue sie gewoben, um dem jungen Mädchen das Herz ihres Sohnes zu entfremden? Nein, sie durfte es nicht, sie fühlte, daß es die Ehre Aliden's gelte, sich in Oscar's Augen zu rechtfertigen, und dann schlich sich, wie ein nagender Wurm, zum ersten Male die Neue wie ein bitteres Gefühl in ihr Herz und so klein, so verächtlich kam sich die sonst so stolze Frau, der Waise gegenüber, vor. Alida war die Erste, die das Schweigen brach. Die Freudenthränen, die sie vergossen, da sie vernommen, Oscar von Solmitz sei dem Leben erhalten, sie waren versiegt und starr und trocken ihre Augen, todtenbleich ihr Antlitz. „Sie haben Recht", sagte Sie endlich, unter diesen Umständen dürfte Oscar jede Theilung von sich weisen; es ist besser, er sieht mich nicht mehr, mein Anblick könnte ihm trübe Erinnerungen in der Seele wecken; ich will zur Stadt zurückkehren und überlegen, wie ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; ich kann ihm nicht Alles rauben, was er einst gehofft, sein eigen zu nennen. Sie sollen meinen Entschluß hören, für jetzt entscheide ich nichts; ohne meine Zustimmung darf Keiner die bestehenden Berhältnisse ändern. Und nun leben Sie wohl, gnädige Frau, lassen Sie um Leopold von Bernau willen uns scheiden ohne Groll, sagen Sie Oscar und Baronesse Fanny, daß ich sie segne und es hoffentlich einstens mir vergönnt sei, mich ihres Glückes zu freuen, wenn es ruhig und still geworden — hier und hier." Auf Haupt und Herz wies ihre Hand. Frau von Solmitz streckte der Nichte die hageren Finger entgegen; sie waren eisig kalt und zitterten. „Gehen Sie, Alida", sagte sie, und ihre Stimme klang fast tonlos, „und Gott lenke ihren Entschluß, Gott, der Sie segnen möge — und mir verzeihen." Sie wandte sich ab, es war ein Rest des alten Stolzes, der sich in ihr aufbäumte; sie wollte Alida nicht die Thränen zeige», die ihren Augen entflossen, Thränen der Reue, Thränen der Scham. Geräuschlos entfernte sich das junge Mädchen; nun schloß sich hinter ihr die Thür, sie war allein auf dem weiten, öden Korridor. Der furchtbare Schmerz, den sie stumm getragen, da sie die Kunde der raschen Verlobung Oscar's vernommen, er zuckt« noch in unsäglicher Qual durch ihr Herz. Wohl war sie stets bereit gewesen, seiner Hand zu entsagen, noch ehe sie das Familienband kannte, das sie mit ihm umwob, und jetzt hätte es sie so glücklich gemacht, in schwesterlicher Liebe die Freundin mit dem Vetter zu vereinen. Aber, daß er sie so rasch zu den Todten werfen konnte, daß er eS nicht einmal der Mühe werth hielt, der Spur nachzuforschen, die ja leicht zu erkunden war, daß er solche Eile hatte, seine Verlobung abzuschließen — das schlug ihrem Herzen die tödtliche Wunde, das wirkte wie ein betäubender Schlag, der ihre Geisteskraft zu lahmen drohte. Nur einen Gedanken vermochte sie zu fassen — nicht dem jungen Paare zu begegnen, das sie vom Fenster aus bemerkt hatte, ihr Anblick sollte ihn nicht mahnen, daß er nur allzurasch vergessen, was er ihr gelobt, ihr bleiches Antlitz ihm nicht als ein stummer Vorwarf entgegentreten. Mit der Oertlichkeit des Schlosses vollkommen vertraut, wühlte sie den entgegengesetzten Weg, den Oscar und Fanny von Ebersdorf eingeschlagen hatten, sie wollte von der Hinterpforte aus durch den Park unbemerkt das Schloß verlassen. Vorsichtig, aufmerksam auf jeves Geräusch, schlich sie dahin, wie mit Freundesaugen grüßten sie die Blumen, ihre Hand hatte sie gepflanzt, hatte sie genetzt, wenn die Sounen- gluth ihnen mit Verwelkung drohte; mit lustigem Schlag riefen ihr die Vüglein von den 179 Zweigen ein Willkommen zu, sie hatten sie lieb, das bleiche holde Kind, das sie erblühen sahen von Jahr zu Jahr, wenn sie heimkehrten aus wärmeren Sphären zum Sommer des Nordens; Alida verstand nicht die Sprache, der sie sonst so gern gelauscht; eine Fremde hatt« Hermine von Solmitz sie einst genannt, jetzt gehörte sie zum Hause, des Geschlechtes Wohl und Wehe lag in ihrer Hand, und doch war's ihr, als sei sie nimmer hier so sremd gewesen als heute, als sei sie eine Ueberflüssige, Ausgestoßene, die nur gekommen, sein Glück zu zerstören und Verderben zu bringen. Weiter und weiter war sie gelangt und Keiner hatte sie bemerkt; nun war sie an jenem Ort, wo sie die treue, redliche Werbung des Oberlieutenants vpn Alten abgewiesen hatte, um Oscar's willen; vor ihren Blicken lag crystallhell, von der Sonne bestrahlt, daß er schimmerte wie flüssiges Gold, der Teich und in des Pavillons Fenstern leuchtete eS im Widerscheine der Himmelskugel blitzend wie in tausend und abertausend Diamanten. Ihr Fuß blieb wie gefesselt stehen, die Erinnerung überkam sie in ihrer ganzen Macht; aber neben der Vergangenheit schmerzlichen Bildern stieg die Zukunft noch düsterer vor ihrer Seele auf. So allein, so verlassen fühlte sie sich, wie noch nie. Wie wenig sie Oscar galt, das wußte sie jetzt; nur der Impuls des Augenblicks, nur das Bewußtsein des älteren Rechtes an seiner Zuneigung, hatten ihn vermocht, ihr seine Hand anzubieten und seine schwache Seele war froh, sobald sie die Fessel löste. „O, hörte er nie mehr von mir", klang es in ihrer Seele, „wäre ich allem Leid entrückt und droben bei meinen Eltern, dann wäre ja alles gut und Oscar unbestritten der Erbe.« „Und ist des denn so schwer, zu ihnen zu gelangen, ist's denn so schwer, den Frieden zu gewinnen, nach dem mein Herz sehnt?« Wie ein düsterer Geist breitete ein furchtbarer Gedanke, der Hölle entstiegen, seine schwarzen Fittige über Alidens's Seele aus. „Wenn ich todt wäre — dann brauchte die Tante nicht mehr zu fürchten und Oscar nicht, selbst wenn er es annehme, ein Geschenk der Großmuth aus meiner Hand zu empfangen.« Sie starrte in die Tiefe, wie lachte und lockte es ihr entgegen, wie schön mußte es dort unten sein — am Grunde zu liegen still und starr, wie lindernd die dumpfe Schwere, die ihr das Haupt betäubte, wie eine Last bedrückte. So seltsam war's ihr zu Muthe» ihr schien es, als streckten sich Geisterhände hervor, aus der goldstrahlenden Tiefe ihr winkend, und leise Stimmen murmelten; „Komm, komm«, tiefer neigte sie lauschend ihr Ohr — so süß klang es, so lockend. „Ich komme, ich komme!« „Fräulein! Um Gotteswillen, Fräulein, was thun Sie?« Die kräftigen Arme eines jungen Mannes, dessen etwas schleppender Gang ein Stock unterstützte, riß das halb bewußtlose Mädchen vom Teichrande hinweg. «Erkennen Sie mich nicht?" fragte er» als Alida ihn groß und verwirrt anstarrte« „Ich bin ja Paul Halse», der Solmitzer Müllerssohn. Vor einer Stunde langte ich, von meiner Wunde geheilt, bei meinen Eltern an und zu meinem Jubel vernahm ich» daß auch mein lieber, junger gnädiger Herr dem Leben erhalten geblieben. Da machte ich mich auf, ihn zu begrüßen und wählte der Kürze halber den Parkweg, es war Gottes Hand, die mich leitete. Fräulein, Fräulein, noch einmal frage ich Sie, was wollten Sie thun?" „Eine elende, schlechte That, Paul, eine That, die mich dem ewigen Gerichte als Schuldige überliefert hätte. Der böse Geist, der hinter dem Menschen steht, jeden Augenblick bereit, den Staubgeborenen bei einer Erdenschwäche zu fassen, er hatte sich meiner bemächtigt und meine Sinne getrübt. Nein, nicht von mir werfen will ich mein Dasein in eitlem Jammer, das ich der leidenden Menschheit gelobt. Die Hand Gottes, Du sprachst es aus, Paul Halsen, sie war es, die mich durch Dich vom Abgrund rettete; überwunden ist der Schmerz der Seele, überwunden die furchtbare Versuchung.« 180 Paul blickte sie ängstlich an. „Man kommt!" sagte er hastig, „ich bitte Sie dringend, lassen Sie sich so nicht finden, Sie" sind bleich wie eine Leiche, ein Jeder würde aus Ihrem Antlitz lesen, daß etwas Ungewöhnliches hier vorgefallen. Kommen Sie in den Pavillon, sich einen Augenblick zu erholen und Fassung zu gewinnen. Sie bedürfen ihrer, kommen Sie, ich bitte Sie, theures Fräulein." Willenlos, wie ein Kind, ließ Alida sich von dem getreuen Paul fortziehen; sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, da sie auf des jungen Mannes Arm sich stützend den Pavillon betrat und dort, bis zum Aeußersten erschöpft, auf das kleine Sopha sank. Näher und näher kamen die Schritte. Paul Halsen war nicht in geringer Aufregung; wenn man den Pavillon betreten sollte — Plötzlich schreckte das junge Mädchen empor; bekannte Stimmen drangen an ihr Ohr, Oscar von Solmitz und die Baronesse Fanny von Ebersdorf waren die Kommenden. Deutlich drang die klare melodische Stimme des jungen Mannes bis in das Innere des Pavillons. „Lassen Sie uns hier Platz nehmen, liebe Fanny", sagte er, „ich fühle mich etwas erschöpft und habe Wichtiges mit Ihnen zu rede», ehe mich die Pflicht in den Saal ruft, iHeine Unterschrift zu dem traurigen Akte zu geben, der meine» Oheim, Leopold von Bernau, zu den Todten wirft." Auf die Bank unter den Fenster des Pavillons, auf der einst Alida gesessen, da Edmund von Alten ihr Herz und Hand angetragen, fließ sich das junge Paar nieder, vom goldenen Sonnenschein umstrahlt. „Sie sehen, lieber Oscar, ich bin Ihnen willig gefolgt, da Sie mich um eine Unterredung baten, jetzt reden sie frei und unbekümmert, denken Sie, eine Freundin, eine Schwester sei es, die Ihnen ihre ganze Seele öffnet; denn ich kenne Sie, nichts Böses kann es sein, das Sie mir zu vertrauen haben." „Sie haben Recht, wie immer, Fanny", rief Oscar, „ja, gießen Sie Trost und Balsam in mein krankes Herz, daß es sich zu neuem Dasein erschließe." „Armer Freund!" sagte das junge Mädchen leise, „Alida heißt die Wunde." „Ja, Alida", rief Oscar stürmisch, „Alida die Vergangenheit und Fanny meine Zukunft, aber wie beide Namen sich wie eine Kette in meiner Seele verknüpfen, so kann ich auch jetzt mich noch nicht des Glückes der Zukunft freuen, ehe ich überzeugt, daß ich mit der Vergangenheit brechen darf. Fanny, die Tugend, die Aufrichtigkeit sind Sie selber, antworten Sie mir, was wissen Sie von Aliden's Verschwinden?" Fanny seufzte. „Was ich nimmer geglaubt, hätte Ihre Mutter selber es nicht angedeutet. Nachdem der Oberlieutenant von Alten um ihre Hand geworben, habe sie, seiner Weisung folgend, plötzlich das Schloß verlassen, wahrscheinlich um sich zu seiner in Süd-Frankreich lebenden Schwester zu begeben. Die ersten Spuren deuteten darauf hin, später seien diese im Gewirr des Krieges verschwunden." Wie ein erstickender Aufschrei klang es vom Innern des Pavillons, aber die jungen Leute draußen im Sonnenlicht achteten nicht darauf, zu ernst, zu wichtig war ihnen das Gespräch, das ihre Seele erfüllte. „Ganz recht", entgegnets Oscar, „so ward auch ich berichtet, mehr noch, ein Brief Eduard's, augenscheinlich nach Aliden's Verschwinden gefunden, ward mir von Streland eingehändigt, der mich vollends überzeugen sollte. Und doch, Fanny, doch vermag ich noch nicht zu glauben. So hold, so rein, so treu steht Aliden's Bild vor nieiner Seele, daß ich erröthe, es mit einem häßlichen Fleck zu belasten." „Hören Sie, was ich gethan; In diesem Augenblick befindet sich ei» treuer, ergebener Freund bei der Schwester des Verunglückten, er soll prüfen, er soll forschen; täglich erwarte ich seine Antwort, Keiner, selbst meine Mutter weiß nicht, daß ich diesen Schritt gethan." 181 „Es ist ein guter Schritt, Oscar", rief Fanny innig, „möge Gott alles zum Guten lenken." Der junge Mann preßte warm die Hand der Baronesse. „Sie sind e,n edles, gutes Mädchen, Fanny, nun lassen Sie mich ganz mein Herz ausschütten." „Ich höre"; ein unwillkürliches Errathen überflog die feinen Züge der Baronesse, sie mochte ahnen, was kommen werde. „Mit Alida Barfeld seit meiner Kindheit emporgewachsen", nahm Oscar von Neuem das Wort, „war sie als meine Gespielin, wie es so oft geschieht, auch der Gegen« stand meiner jugendlichen Neigung, ich liebte sie warm und innig und glaubte das höchste Glück zu genießen, wenn es mir vergönnt sei, sie einst meine Gattin nennen zu dürfen. Da wurden Ihre Eltern unsere Gutsnachbarn, Fanny, da sah ich Sie, und auch zu Ihnen zog mich mein Herz in mächtiger Neigung; nicht, daß ich Alide weniger geliebt, aber alle guten, alle edlen Gefühle meiner Brust theilten sich zwischen Ihnen, und den- nocb unglücklich genug machte mich dieser Zwiespalt, genug der Stunden höchster Verzweiflung verursachte es mir. Aber Alida Barfeld hatte ältere Rechte, und nimmer, so hold Fanny von Ebersdorf als lieblicher Stern mein Dasein durchleuchtete, hätte ich einem anderen, als dein Mädchen meine Hand gereicht, das den Schwur meiner Treue empfangen." (Schluß folgt.) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. V. Das Stadttheater zu Anfang unseres Jahrhunderts. ^ Als im Jahre 1776 das neue Stadttheater, welches dann sehr lange Zeit hindurch das „alte" in Augsburg blieb, erbaut und durch die Schopf'sche Gesellschaft am 16. Oktober eröffnet »norden war, wurde zugleich gar Mancherlei geändert und aeregelt, was Be« dingungen und Anordnung betraf. Der Direktor hatte fortan nach erhaltener „Pernüssion" 400 Fl. Kaution (später bald auf 100 herabgesetzt) dem Almosenamt zu erlegen, wovon er die Hälfte bei recht« zeitiger Eröffnung der Bühne» den Nest indessen erst bei seiner unbeanstandeten Abreise zurückerhielt. Außerdem hatte er für jedesmaligen Gebrauch des Theaters 16 Fl. zu entrichten — später, als das Almosenamt nicht mehr die Beleuchtung und das Theater- Dienstpersonal besorgte: 10—12 Fl. — und die Kosten für Bühnen- und Orchester- Beleuchtung, Musik, für „Kassa und Cinfeurung", sowie für die Theaterzettel zu tragen, mit der besondern Verpflichtung, auf diesen Zetteln mindestens zweimal dein Publikum bekannt zu geben, daß es: „den Theater-Personen nichts borgen solle." Endlich waren bestimmte Frei-Logen und Frei-Billets dem Almosenamt rc. rc. ausbedungen, und vom hohen Rath eine große Anzahl verbotener Spieltage — in Summa etwa 140, darunter z. B. auch alle Sonntage — festgesetzt; »vas die aufzuführenden Komödien anbetrafl so ward dem Direktor vorgeschrieben: „nur regelmäßige, unanstößige Stücke, Ballete und Opern aufzuführen" ; der Beginn der Vorstellungen geschah damals noch ziemlich früh am Abend: 6 Uhr ist die späteste Zeit, welche wir bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts verzeichnet finden, und das Eintrittsgeld betrug für die ganzen Logen 2 und 3 Fl., für den einzelnen Logenplatz 1 Fl., für erstes Parterre und mittlere Galerie 30 Kr., für Weites Parterre und Seitengalerie 6 Kr. (Sperrsitze gab es dazumals noch nicht); außerdem aber stand an der Eingangsthür zum Theater ein vom Almosenamt aufgestellter „Bixenheber" mit seiner klappernden Blechbüchse zum Besten der Armen. Und nun sehen wir bis zum Jahre 1795 Thsatergesellschaften verschiedener Lluan- titüt und Qualität die „Permiision" erhalten, sich mit ihren Künstlern zu produziren, deren Personal zwischen den Zwanzigen, Dreißigen und Vierzigen hin- und herwechselte; die Zahl der Stücke ergab im Allgemeinen eine sehr verschiedene Ziffer, da durch die be- — 182 - schränkte, oft durch längere Pausen unterbrochene Spielzeit der Aufenthalt der betreffenden Gesellschaften von verschieden langer Dauer war, sich auch nach mehrmonatlicher Zwischenzeit zuweilen wiederholte. Dadurch gestalteten sich oft mehrere „Saisons", als Vorläufer der späteren regelmäßigen Winter- und Sommer-Saison, und die Zahl der Stücke während dieser verschieden langen Spielzeiten (3—7 Monate durchschnittlich) wechselte meist zwischen 30 und 80, ja, es wurde sogar die Höhe von circa 100 erreicht. An besonders Hervorzuhebendem während der ersten zwanzig Jahre des alten Stadt- Theaters — von 1776 bis 1796 — treffen wir auf Mancherlei des heut' zu Tag Befremdlichen, z. B. bei einer Gesellschaft vom Jahre 1781, als Ueberreste einer ehemaligen „Kindertruppe", eine ungewöhnlich große Anzahl von weiblichen Kräften, welche spielten, fangen und tanzten, darunter vier, die von Jugend auf nur Männerrollen gaben; die besten Künstler dieser Gesellschaft erhielten pro Woche eine Gage von 9 Fl.! Unter der folgenden Direktion — anno 1782 — geschah das Kuriosuin eines förmlichen Scharmützels zwischen dem Direktor in höchst eigener Person nebst Sicherheitswache und den die Theaterbesucher abholenden Dienern und Mägden; letztere wollten nämlich sammt ihren Fackeln und Laternen in's Parterre eindringen, um dort — anstatt draußen — den Schluß der Vorstellung abzuwarten» und widersetzten sich durch höchst energische Thätlichkeiten, als man sie davon hindern wollte. Bemerkenswerth ist auch die Direktion Dobler mit ihrer „durch Kunst, Statur und Moralität berühmten Komödiantentruppe", bestehend aus einem Personale von 31 Mitgliedern und einem der üblichen Kinder (meist waren es 2—3, zuweilen auch mehr noch), welche vom 23. September 1782 bis zum 4. März 1783 nicht weniger als 95 Stücke aufführte, und über die ein „reisender Kritiker" jener Zeit sich folgendermaßen äußerte: „Wenn ein Prinzipal beinahe jeden Tag seinem Auditorium etwas Gutes und Neues «ufschüsselt, und dennoch fast lauter leere Bänke vor sich siehet, ist's am Ende denn da ein Wunder, wenn ihn dies Unglück trifft, woran schon so mancher Prinzipal gestrandet? u. s.w." Und allerdings strandete noch so mancher an „diesem Unglück", nämlich an den leeren Bänken» denn nicht nur dieser eine Direktor erlitt allein vom 30. Dezember bis 14» Januar den für damalige Zeit gewiß nicht unbedeutenden Verlust von 459 Fl. 45 Kr.; er kam verhältnißmäßig noch gut davon. Auch das Almosenamt beklagte sich bitter über den ungünstigen Theaterbesuch, da es öfter vorkam, daß die Direktoren ihre Abgaben nicht zahlen konnten. Trotzdem kehrten etliche der Gesellschaften wiederholt zurück, wenn sie auf's Neue „Permission" erhielten, obwohl es manches Mal geschah, baß sie an Beifall reicher als im Geldbeutel die Stadt verließen. Im Jahre 1789 erfahren wir auch von einer Gesellschaft, welche — „silhouettirt" wurde, wie gegenwärtig die Künstler photographirt werden; es war im vorigen Jahrhundert bereits eine beliebte Sitte geworden, hervorragende Künstler durch Portraits in Form von Kupferstichen oder Silhouetten zu verewigen, und besonders in Augsburg gelangten durch einen Zeichenlehrer und einen Kunsthändler sogar ganze Gesellschaften auf diese Weise in die Hände und den Besitz des theaterfreundlichen Publikums. Nachdem von 1776 bis 1790 circa zwölf Direktionen zusammen 892 Stücke zur Darstellung gebracht hatten, erschien Oktober 1790 der Direktor Josef Voltolini mit einem Personal von 43 Mitgliedern und 3 Kindern. Sie spielten (bis März 1791) 74 Stücke, unv erfreuten sich der Theilnahme in so hohem Grade, daß die Direktion es wagen durfte, drei aufeinander folgenden Wintern, jedesmal 4—5 Monate vas Feld zu behaupten. Es war allerdings eine gute Gesellschaft mit tüchtigen Kräften, welche nicht nur die neuesten und besten Erezugnisse damaliger Zeit auf dem Gebiet des Trauer- und Lustspiels zur Darstellung brachte, sondern auch größere und kleinere Opern und Ballets. Damals begann auch der Hervorruf für Leistungen, die dem Publikum besonders gut gefielen, gebräuchlicher zu werden; auch findet sich zum ersten Male eine Vorstellung bei „erhöhten Preisen", als „die Zauberflöte" von Mozart 1793 aufgeführt wurde. Die Spieltage waren imnzer nur; der Montag, Dienstag, Donnerstag oder Freitag — Sonntags durste nicht gespielt werben. Die Theaterzettel waren meist mit einer sehr beredten, schwungvollen Reclame für das betreffende Stück, zuweilen auch mit der vielsagenden Bemerkung versehen: „Jedermann wird ersucht, keine Hunde in's Schauspielhaus mitzunehmen!" — M«„ — „mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zn flechten, und das Unglück schreitet schnell!" Das Schicksal, welches der Direktion Loltotini in Augsburg drei Jahre hintereinander hold gewesen war, sollte ihr schließlich um desto treuloser den Rücken wenden. Als im Jahre 1794—95 Herr Josef Loltoltni wiederum aus dem Schauplatze erschien, diesmal — da er selbst für Negensburg verpflichtet war — durch Vertretung, in Gestalt seiner Gattin: Madame Friederika Voltolini mit 26 Mitgliedern und vier Kindern, ging die Gesellschaft, trotz aller Anstrengung, schließlich doch zu Grunde. Ein erhalten gebliebener Brief des armen Voltolini, einige Zeit vor Ausbruch des Bankerotts an eines seiner Mitglieder geschrieben, lautet, als eine Art von Vorbote, wie folgt: „Daß Schücksall, so mich trif zwing mich dazu ihnen zu ersuchen, sich in Zeit von heut an 6 Wochen um ein anderes umzusehen, Gott weiß es thut mir leud ihnen so was zu sagen, allein ich kann es nicht enderen, ich muß meine Gesellschaft suchen zu verkleinern, «einen sie es nicht übel, allein Umstenden zwingen mich dazu. Ihr wahrer Freund Voltolini." — Das Ende vom Liede war, daß 1795 die Gesellschaft sich auflösen mußte; Madame Friederika Voltolini verblieb in sehr dürftigen Umständen in Augsburg, d. h., sie fristete ihr späteres Leben dort durch Vermiethen von Zimmern, Kochen und Waschen für Schauspieler, eventuell auch durch deren Wohlthätigkeit. — Der Fall Voltolini, im Verein mit allerlei Nebenumständen und vorangegangenen ähnlichen Erfahrungen, veranlaßten aber doch nun die Nothwendigkeit energischen Eingreifens in die theilweise auch durch die Ungunst der Zeitverhältniffe veranlaßten, ungünstigen Theaterverhältniffe. So stellte sich denn eine Art von Comits, gebildet von dem Adel und sonstigen Patriziern und Notabilitäten Augsburgs, als „Entrepreneurs" an die Spitze der Leitung, woran der Neichsgraf Josef Fugger von Kirchheim, welches — statt der bisher reisenden Gesellschaften ertheilten Conzession — selbst die Sache in die Hand nahmen, indem sie alles Mögliche in's Werk setzten, um ein Theater, Augsburgs würdig, herzustellen. Weder Mühe noch Geld wurde gespart, um von überall her brauchbare Mitglieder zu verschreiben und kommen zu lasten; zwei Regisseure — für das Schau- und Singspiel — wurden eingesetzt, ein verstärktes Orchester mit bestimmter Jahres-Gage gebildet, und die Contrakte mit den Schauspielern gleich auf ein ganzes Jahr geschlossen; auch auf Dekorationen wurde große Sorgfalt, ja sogar Glanz verwendet, und das ganze Unternehmen, das auf Aktien gegründet war, durch feste Gesetze geregelt. Die „Entrepreneurs" hatten dir Conzession gleich auf sechs Jahre erhalten, aber — die böse Zeit, die böse» Franzosen und das böse Geld, das die Sache verschlang, machte ihr schon im selben Jahre — 1796 — den Garaus, d. h>, es wurde Alles dem bisherigen Oberregisseur für eigene Rechnung übergeben. Mit wechselndem Glücke spielten nun während der folgenden, kriegerischen Jahre verschiedene Direktionen, darunter von 1803 bis 1806 viermal hintereinander die Direktion Vanini, eine Gesellschaft, deren zahlreiche Mitglieder fast nur aus den Bestandtheilen zweier verwandter Familien sich zusammensetzte. Bemerkenswerth ist» daß damals der zweite Opernversuch Karl Maria's von Weber (der Componist zählte zu jener Zeit siebzehn Jahre): „Peter Schmoll" in Augsburg zur Aufführung gelangte. Ferner ist ein Theaterbrand aus dem Jahre 1803 zu verzeichnen, freilich nur des hölzernen Puppentheaters auf dem Obstmarlt, dessen Leiter der letzte der Meistersinger: Sartor, war, welcher als Ueberbleibsel des ehemaligen, deutschen Hanswurst, dort seine sehr derben Schwünke gegen ein Eintrittsgeld von 1 Kr. per Akt zum Besten gab. Man hatte bisher noch immer ein Auge zugedrückt, wenn es der in seiner Weise vortreffliche, nun bald 74jährige, greise Hanswurst nicht gar zu toll mit seinen Späffen trieb, es war ihm aber zur Pflicht bei der alljährlichen „Permission" gemacht worden, jegliche „Zote", bei Strafe' der Conzessions-Entziehung, zu unterlassen, ja er hatte endlich — anno 1790 etwa — seine Puppenkomödie vor der Aufführung dem Bürgermeisteramts Zur Begutachtung, beziehungsweise „Censur", einreichen müssen. Als nun aber der Zufall sich selber in's Mittel legte, und bei einer großen, kriegerischen Darstellung durch die dazu gehörigen Schüsse die Papier-Dekorationen und dadurch das ganze Bretter-Theater in Brand versetzte, da trieben die Flammen auch die Ueberreste des letzten, eigentlichen, deutschen Hanswurst von Augsburg aus seinem letzten Schlupfwinkel, in den er sich geflüchtet, hervor, und er verschwand auf Nimmerwiedersehen in seiner althergebrachten Form und Gestalt! Der letzte der Augsburger Meistersinger und Hanswurste erhielt nun nicht mehr die „Permission" sein hölzernes Puppen-Theater neu zu errichten, dafür aber durfte er drei Tage lang bei der gesammten Bürgerschaft zu seinem eigenen Nutz und Frommen sammeln gehen. „Die Kunst geht nach Brod!" — Dasselbe hätte fast auch der Direktor Vanini mit seiner ganzen Gesellschaft thun müssen, wenn ihm dazu die „Permission" ertheilt worden wäre, wenigstens durfte er schließlich im Jahre 1806 nach dem vierten Jahre seines Wirkens froh sein, daß er die „Permission" zum Rückzüge erhielt, bevor seine Zeit eigentllich abgelaufen war, nachdem er sich schließlich genöthigt sah, mit seinen Gläubigern gerichtlich zu akkordiren. Die Gesellschaft welche ihn ablöste, stand unter der Aegide einer weiblichen Direktion von Adel, wie denn überhaupt weibliche Direktoren oder Theilhaber, ebenso wie adelige Namen, hier und da auftauchten, welche zu Anfang des Jahres 1806 mit großem Glan e ihren Einzug hielt. Sie besaß nicht nur eine schöne Equipage und ein Reitpferd, die „Frau Baronin Lina von Schleppegrell", prächtige Garderobe und eine große Bibliothek, sondern auch das bedeutende Personal von 49 Personen und 3 Kindern. Der Aufwand dieser noblen Direktion war indessen ein so arger, daß die Wirthschaft naturgemäß nur wenige Monate so fortgehen konnte, — dann verließ die einst so glänzend eingezogene Direktorin zu Fuß mit einem Bündelchen die Stadt, während die Gläubiger leer ausgingen, und die Mitglieder in sehr übler Lage sich befanden. So waren im Laufe dieses einen Winters zwei Direktionen banquerott geworden, — ein Glück, daß unter der nun folgenden Gesellschaft wieder eine bessere Zeitperiode anbrach sür das alte Augsburger Theater; für eine Weile wenigstens, diene die Wahrnehmung, daß solche Katastrophen nicht vereinzelt blieben, sondern von Zeit zu Zeit sich regelmäßig wiederholten, sollte auch in Zukunft sich bemerkbar machen, und nicht nur bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Miseellen. (Dem Verdienst seine Krone.) Der Kaiser von Oesterreich hat kürzlich einer Hofdame, der Gräfin Kornis, den Titel einer Geheimräthin verliehen. Sollte dieses Beispiel Nachahmung finden, so müßte man für die Folge darauf bedacht sein, die betreffenden Titel den Eigenthümlichkeiten und Fähigkeiten der Auszuzeichnenden möglichst anzupassen. Es müßte demnach beispielsweise ernannt werden: eine excellente Köchin zur Gerichtsräthin; eine Dame, welche ihre Stuben in vorzüglicher Ordnung hält, zur Cabinetsräthin; eine Dame welche auf dem Markte gut zu handeln versteht, zurCommer- zienräthin; eine Frau, welche sich gern putzt, zur Staatsräthin; eine solche, welche im Hause das Regiment führt, zur Negierungsräthin; eine andere, welche es liebt, sich die Cour machen zu lassen, zur Hofräthin; ein klatschsüchtiges Weib zur Botschaftsräthin. (Für Atheisten.) Ein Darwinianer entwickelte in einer Gesellschaft dessen Theorie von der Abstammung der Menschheit. „Nun," sagt einer der Anwesenden „mir genügt es zu wissen, daß meine Voreltern im Garten Eden gelebt, suchen Sie immerhin die Ihrigen im zoologischen Garten." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 24. nterüttktuntigi-ktttt »ur „Äugslmrger pojheituug." Samstag, 24. März 1883. O ft e r m o r g e n. O Stern in dunkler Nacht! Wer hätte das gedrcht, Bei deiner Jünger Kummer, Daß nach so kurzem Schlummer Dein Morgen würde tagen Und alle Furcht verjagen! In Thälern und auf Höhn Schon viele Blümlein stehn, Manch Blumenglöcklein heute Mit lieblichem Geläute Beruft zum Frühlingsieste Bon allen Seiten Gäste. Doch keine schönre blüht, So weit die Sonne glüht, Als jene Saronsbluine, Die heut' zu ew'gem Ruhme In Joseph's stillem Haine Entsproßt' im Morgenscheine. Ihr Menschen, seht euch um: Ob solche Frühlingsblum' In irgend einem Garten, Den kluge Hände warten, Die Hülsen abgestreifet, Und so behend gereifet? Das muß ein Frühling sein Von Gottes Gnadenschein, Den eine solche Blüthe Verkündet dem Gemüthe; Ein Frühling der Genesung, Ein Sommer der Erlösung I Wie wird in kurzer Zeit Auf Erden weit und breit Ein Blümlein nach dein anderi Aus seinem Grabe wandern, Und selbst in Felsenspalten Den Himmels glänz entfalten! Und wenn sie weiß und roth Erstehen aus dem Tod; So laß', o ew'ge Güte, Auch mich als eine Blüthe, Wo deine Düfte wehen, In deinem Garte» stehen! Chr. G. Barth. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschseld. (Schluß.) „Da kam das Scheiden, zum ersten Mal weilte ich entfernt von den beiden Wesen, denen ich gleiche Neigung weihte und da, Fanny, da ward es klar in mir, da überkam das Gefühl der Wahrheit mit ganzer Macht meine Seele. Wie eine theure Schwester liebte ich Alida — Sie aber, Fanny, sehnte ich zu begrüßen, mit dem holdesten der Name», mit dem Namen meiner Braut. Und doch, nimmer hätte ich Ihnen offenbart, was in mir zur Gewißheit geworden und nie hätte Alida es empfunden, was mir die Selbsterkenntniß gesagt, hätte ich sie 186 auf Solmitz angetroffen, als ich schwer verwundet heimkehrte. Und Fanny, — Jh» edle Seele wird mich verstehen, — ist Alida unschuldig an dem, was man ihr zur Last gelegt, trieb irgend eine Intrigue sie aus diesem Hause, dann gebietet inir es die Pflicht, alles aufzubieten, den Widerstand meiner Mutter zu besiegen und mein Wort zu lösen. Trifft sie aber ein Vormurf, verließ sie schnöde, des sichern Vortheils halber ein Haus, das ihr Liebe» das ihr ein Heim geboten, konnte sie so rasch vergessen, daß sie mir gelobt zu bleiben, bis ich heimgekehrt, dann, Fanny, lassen Sie mich zu Ihnen flüchten — dann seien Sie mein Eines und mein Alles, und lasten mich Aliden's Bild aus jenem Traum streichen, den ich so gern geträumt, wenn ich mir ein holdes Bild des Glückes ausmalte: Sie, Fanny, als Gattin mir zur Seite und Alida als Freundin, als Schwester unserm Kreise eng verbunden — es war ein Traum — und wie es immer kommen mag, ein Traum wird's ewig bleiben.* Ein Aufschluchzen ertönte hinter den beiden jungen Leuten, daß sie erschreckt empor fuhren. — Auf der Schwelle des Pavillons, vom Sonnenschein bestrahlt, stand Alida, das Antlitz von Thränen überströmt; wie segnend breitete sie die Hände aus. Hinter ihr erhob sich die Gestalt Paul Halsen's. „Alida!" rief Oscar, der nun das junge Mädchen bemerkte, „Alida, Du hier? Du hast vernommen? — —" „Ja, Oscar, ich hörte Alles, und nicht länger vermochte ich an mich zu halten. Oscar, das Gefühl, das Dich leitete in Deinen Neigungen, das Gefühl, das mir selber zur Richtschnur diente, da ich niemals Deine Hand beanspruchen wollte, es war das rechte. Und beiden darfst Du gehören, der holden Fanny als Gatte und mir als Freund und Bruder, denn Bande des Blutes verknüpfen uns enge, — soeben überreichte ich Deiner Mutter und denn Herren vom Gericht die Beweise meiner legitimen Herkunft: ich bin die Tochter Leopold's von Bernaul" Wie ein Jauchzen der Freude entrang es sich der Brust Oscar's: „Alida, Du meine Cousine!" rief er, „o, nun ist ja alles gut, alles! und doch, nein", fügte er hinzu, die Hände zurückziehend, die er dem jungen Mädchen entgegengestreckt hatte, wie zu innigem Umfangen, „als Du Solmitz verließest, um Herrn von Alten's Weisung zu folgen, da warst Du ja nichts als Alida Barfeld, die mir Treue geschworen und sie brach — das kann ich nimmer vergessen." „Du hast gezweifelt, ob ich schuldig, Oscar", sagte das junge Mädchen sanft und ernst, „ich segne Dich dafür. Ja, Oscar, ich bin unschuldig an dem, was man mir vorwirft, meine verletzte Würde gebietet mir, es Dir zu sagen. Als der zuckend- Blitzstrahl Deine Linde traf, in jenem Augenblick, da Deine Mutter durch ein unbedachtes Wort das Schicksal beschwor, hielt ich den Zufall für Deines Todes Zeichen; wie von Grauen ergriffen, trieb es mich von hinnen, den Stätten zu, wo ich Dich gefallen wähnte, wo ich vielleicht hoffen durfte, des Verwundeten Pflege zu übernehmen, wenn Gott gnädig das Aeußerste verhindern wollte. Paul Halsen, Du treuer Zeuge, rede Du und gib der Wahrheit die Ehre." Nun erst bemerkte Oscar die Anwesenheit seines Kriegskameraden. „Paul!" rief er, ihm die Hand drückend, „mein lieber Paul, sei tausendmal willkommen." Herzlich erwiderte der Müllerssohn die Begrüßung seines jungen Herrn, dann aber sagte er mit lauter, feierlicher Stimme: „Danken Sie Gott, Herr Oscar, daß er zu dieser Stunde meinen Schritt hierher gelenkt, seine Allmacht wühlte mich schlichten, einfältigen Menschen, Zeugniß abzulegen und zu erklären, wo Hochgebildete von Irrthum befangen sind. Ich traf das Fräulein in Pont ä Mousson, nach Ihnen forschend, Herr Oscar, und da ich ihr die Kunde geben mußte, daß Sie gefallen auf dem Felde der Ehre, da weihte sie sich, wie ich vernahm, der Pflege eines Typhuskranken mit kindlicher Sorge. Nach seinem Tode aber ward sie der hülfreiche Engel schwer Verwundeter und bis in die Räume meines Lazareths zu Berlin drang der Ruf ihrer Opferfreudigkeit." „Alida, Theure!" rief Oscar, zu des jungen Mädchens Füßen sinkend, während Fanny von Ebersdorf die Weinende eng umschlang; „kannst Du mir vergeben?" Unter Thränen lächelte das junge Mädchen. „Ich will es unter einer Bedingung» Oscar", sagte sie sanft. „Als ich in dem Typhuskranken zu Pont ü Mousson meinen Vater kennen lernte, als ich ihn einsenkte in fremde Erde, stand es fest in mir, mein Dasein den Trostbedürftigen zu weihen. Ich glaubte Dich todt und wollte einen Theil des mir zugefallenen Vermögens milden Zwecken opfern, das Uebrige sollte der Mutter Oscar's von Solmitz zum standesgemäßen Unterhalt dienen. Nun aber kam es durch Gottes Fügung anders; gönne mir das Glück, durch Entsagung der Ansprüche als Erbin Leopold's von Bernau zum Gedeihen des Hauses Solmitz, dem ich ja nun auch angehöre, beizutragen; laß mich dagegen unter dem Dache dieses Hauses ein gastliches Asyl finden, in dem ich mich Deines Glückes freuen und Deine Kinder segnen darf, wenn ich auf kurze Weile rasten möchte von meinem Wirken. Willst Du mir diese Bitte erfüllen?" „Alida, als Schwester wollen wir Dich liebend umfangen", rief Oscar feurig; „Dein soll sein was wir besitzen; bleibe bei uns, verlaß uns nicht, Alida." „Bleibe bei uns, Schwester!" sagte auch Fanny leise, „Edle, Großmüthige, bleib als unseres Hauses Segen." Alida schüttelte das Haupt. „Laßt mich ziehen, ich kehre wieder ich verspreche «S Euch. Noch heute will ich scheiden, zu voll ist mein Herz, der Einsamkeit bedarf ich, der Ruhe." — Sanft machte sich das junge Mädchen aus den Armen Fanny's los und wandte sich zum Gehen, aber noch einmal hielt sie Oscars Hand zurück. „Alida, noch eine Frage, eine entscheidende; wußte meine Mutter, die, um uns zu trennen, sich zu einer Intrigue verleiten ließ, wußte meine Mutter schon früher um des Blutes Bande, die uns vereinten? Die Wahrheit sage mir, Alida, Wahrheit, die stets die Richtschnur Deines Handelns war." Alida antwortete nicht; so sehr die neue Intrigue ihrer Tante ihre Seele empört hatte, vermochte sie es doch nicht über sich zu gewinnen, dem Sohne gegenüber die eigene Mutter anzuklagen. Aber die Antwort blieb ihr erspart. „Frage sie selber, Oscar", sagte sie, in die Ferne deutend, dort kommt sie selber." In der That erschien auf dem Gartenwege die hohe Gestalt Herminen's von Solmitz, aber ihre Haltung war schwankend und gebeugt, ihr Antlitz bleich und leidend. Hastig ergriff Oscar die Hand Aliden's und eilte, trotz des Widerstrebens des jungen Mädchens, der Kommenden entgegen. „Mutter, Mutter!" sagte er vorwurfsvoll, „vermagst Du's, der Tochter Deines Bruders frei in's Auge zu schauen?" Zu Boden senkte sich der Blick Frau Herminen's, von Thränen getrübt» Thränen, die keine Verstellung erpreßten. „Verzeiht, verzeiht", sagte sie leise, „ich werde büßen hier und droben." „Nicht so!" rief Alida; „gnädig ist Gott, der alles zum Guten lenkt, und mit seinem himmlischen Strahl Licht in Finsterniß gegossen — sollten wir grollen und zürnen, ob Menschenirrthums hienieden? Vergebung — heiß« unsere Devise, Vergessen!" Das Erscheinen des alten, im Hause Solmitz ergrauten Dieners verhinderte das weitere Gespräch, seine Hand hielt ein Schreiben, das er Oscar überreichte. „Dieser traf soeben mit der Weisung eigenhändiger Abgabe im Schlosse ein", sagte er, „und da man mir mittheilte, der junge gnädige Herr sei im Garten, wollte ich nicht zögern -" „Von meinem Freunde", rief Oscar, ihn unterbrechend und den Brief seiner Hand entnehmend; „wahrlich er kommt zur gesegneten Stunde." In höchster Erregung brachen die Finger des jungen Mannes das Siegel und sem Auge durchflog den Inhalt des Schreibens. 188 „Alida", rief er dann, und oer Ausdruck hohen Glückes spiegelte sich in seinen Zügen, „dieser Brief bestätigt Alles; eine edle, würdige Dame ist Frau von Marselly, die Wittwe eines französischen Edelmann's, die Schwester Edmund's von Alten. Sie weiß, das; Du ihres Bruders Hand ausgeschlagen, dessen letzter Gedanke nächst Gott an Dich gerichtet war; allein in der Welt, kinderlos, des Bruders beraubt und leidend, sehnt sie sich nach einer Tochter, einer Stütze bei ihren Werken der Mildthätigkeit, die ihren Namen zu einem gesegneten machen weit und breit. Sehnend streckt sie dem. Mädchen die Arme entgegen, das der letzte Gedanke des Bruders war, mit ihr von ihm zu reden, durch gute Werke sein Gedächtniß zu ehren." Hell erglänzte Aliden's Antlitz. „Sie soll mich nicht vergebens rufen", sagte sie, „Thränen zu trocknen und Leid zu stillen gibt es ja überall, und so weit Gottes Himmel reicht, beut sich ja stets Gelegenheit, die Mstsion zu erfüllen, der ich mich geweiht. Und wenn ich einmal zu Euch komme, mich Eures Glückes zu freuen, Ihr Lieben, dann laßt uns so treu, so eng verbunden finden wie heute, ohne Falsch und Hehl, glaubend, vertrauend Einer dem Andern." „Wir geloben es", rief Oscar, „und auch der treue Paul soll diesem Kreise nicht fern stehen, ein lieber Freund soll er unserem Hause bleiben." „Er verdient es", sagte Alida tief bewegt, „denn auch ich verdanke ihm mehr, als Ihr ahnen mögt; später vielleicht, in einer Stunde des Vertrauens, wenn die bewegte Seele ruhiger geworden, vermag ich Euch zu enthüllen, von welchem Abgrund mich die Hand dieses Braven gezogen. Nun aber lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl bis auf ein schönes Wiedersehen. Gute Werke und Dankesthrünen durch uns Getrösteter, sie seien das Band, das uns verbinde, und wollt Ihr meiner in Liebe gedenken, so haltet das Grab meiner Mutter in Ehren, das Grab Ella's von Bernau." Sie reichte Allen die Hand, dann wandte sie sich zum Gehen. Hell umfloß das Sonnenlicht die zarte, schlanke Gestalt der Scheidenden, bis sie im Dunkel der Tannen des Parkes verschwand. In tiefer, stummer Rührung blickten Alle ihr nach, erst nach langer Pause trat Oscar an seine Mutter heran. „Vergebung, Frieden war ihre Forderung; wir wollen sie erfüllen", sagte er. Verbannt sei jedes störende Element aus unseres Hauses Bund, verbannt Alles, was uns an Zeit.n der Schuld und des Irrthumes mahnt I Darf ich den Mann gehen heißen, von den; mir ahnt, daß er Deines Handels Triebfeder gewesen? Wohlstand hat sich Streland bei uns erworben, wir wollen nicht forschen, auf welche Weise er zu ihm gelangt er wird keinen Mangel leiden." „Du bist Herr von Solmitz, Oscar, jetzt und künftighin", entgegnete Frau Hermine fast demüthig. „Thue, was Dein Gefühl Dir gebietet. Mir aber vergönne als Sühne des Geschehenen die marmorne Tafel, die den Namen der Gattin meines Bruders trägt, auf das Grab der Mutter Aliden's zu legen und es zu schmücken mit dem ersten Kranz, ein Zeichen des Gedenkens, ein Zeichen der Neue." „O Mutter, wie glücklich machst Du uns", rief Oscar, Thränen im Auge. „Ja, so handle, unter dem Eindruck dieses Gefühls zeige Dich uns fortan und am Grabe der Mutter unserer Alida, das Deine Hand zu Ehren gebracht, da wollen wir uns wiederfinden, dort, an geheiligter Stätte im Angesicht verklärter Geschiedenen, die auf uns Herabblicken, versöhnt und befriedigt, — dort sollst Du Deine Kinder segnen und milde Lüfte mögen unsere Wünsche, unsere Grüße hinübertragen zur Ferne, zu unserer Freundin, unserer Schwester — — zu Alidenl" - I8d — Was die Schwalbe fingt. Ein Öfter- und Frühlingslied von Klarn Reichner. Sie ist unsere Freundin, die kleine Schwalbe, gerade sie! Wann sie kommt, so ist es Frühling, wenn sie geht, erwartet uns der Herbst, und wo sie hinbaut, da soll Glück und Frieden wohnen. Hoch geht ihr Flug und weit — über.Alles fliegt sie hin, und überall kann sie hincinschau'n; wer ihr Lied verstehen könnte, Vieles würde er vernehmen, das ihm wohl und weh thut: was die Schwalbe singt. Ihr erstes Lied. Herbst war es geworden, kalter, feuchter Herbst. Der Sonnenstrahl, der auf den Blättern tanzte, war so schwach und müde, das Laub nicht mehr so grün und dicht, weiße Sommcrsäden zogen durch die rauhe Luft. Sie mußten fort, die Schwalben, fort; — weit, weit fort. — In der alten Reichsstadt steht ein altes Haus. Das hat schon Jahrhunderte die Glieder derselben Familie beherbergt, das heißt, nicht dieselben, denn Eines um das Andere hatte man hinausgetragen auf den stillen Gottesacker in die steinerne Familiengruft. Da ruhen sie in Friede». Aber den Todten folgten die Lebendigen in dem alten Hause der alten, stillen Gasse. Unter den. Dache des alten Hauses hatte ein Schwalbenpaar sein Nest gebaut; wie lange schon, das wußte Niemand. Das Nest gehörte so zum Hause, wie ein Stein dort zu den, andern, und ebenso gut, wie die Menschen drinnen wechselten und doch zu gleicher Familie zählten, geradeso war's mit den Schwalben. In den Frühling kamen sie, und wenn es Herbst ward zogen sie von bannen, wie es in ihrer Art lag, und nun war's wieder Herbst geworden. — An einem Fenster von dein alten Hause, wo sie nisteten, stand ein kleiner, wilder Knabe. Er hatte gar oft zugesehen, wie sie Halm um Halm hintrugen, wie sie fleißig ihre Jungen fütterten, und sie dann einübten für die lange, weite Reise nach den warmen Ländern. — Ob es wohl schön dort wäre? — hatte der Knaoe sie gefragt, aber diö Schwalben hatten ihm darauf nicht Antwort geben können, denn sie verstanden seine Sprache nicht. ^ „Quiwit, guiwit!" zwitscherten sie; es klang fast so, als riefen sie: „Komm mit, komm mit!" und das hätte er auch für sein Leben gern gethan, der kleine, wilde Knabe, wenn nur seine Eltern es erlaubt hätten. Er mußte aber daheim bleiben und fein brav sein, und recht Vieles lernen, und die Schwalben zogen fort. „Adieu!" sagte der kleine Knabe. „Ich weiß wohl, daß Ihr nach den fernen, warmen Ländern zieht — weit, weit fort. Da muß es lustig sein; könnte ich nur mit! Aber ich weiß auch, daß Ihr wiederkommt, und dann wird es Frühling sein. Bringt mir nur was Schönes mit!" Wäre er nicht ein unverständiger kleiner Knabe gewesen, so hätte er gewußt, daß die Schwalben ja das Allerscbönste, den Frühling selber, mit sich bringen; aber die großen Leute sind auch nicht immer viel geschcidterl — Doch nun wurde es lange noch nicht Frühling, sehr lange nicht! Denn nach dem Herbst, als alle Blätter von den Bäumen fielen, und die nicht fielen von dein Wind verjagt und weggetrieben wurden, da kam erst der Winter in seiner starren, eiskalten Majestät dahergesaust auf seinem glänzenden Eiswagen, gerade wie ein echter, stolzer König, der nach rechts und links grüßt, und jedesmal, wenn er grüßte, flogen die weißen Flocken wie ein Bienenschwarm umher, und das hatte eigentlich Niemand recht gern, so schön es auch aussah. Endlich aber wurde der alte König Winter matt und schwach, sein Regiment war nun zu Ende, ein Jeder konnte es fühlen und merken; nicht mehr so eisig kalt blies sein Odem, nicht mehr so schwarz stand der Wald, nicht mehr so weiß und so erstarrt lag jetzt die Erde ausgebreitet, nicht mehr so still war's in der Luft: ja, König Winter's Kraft sie war gebrochen, er mußte scheiden bald, und ein leises Regen und 190 Keimen der Natur verkündete als Herold des jungen Herrschers Ankunft, der jetzt erst noch ein Prinz war, bald aber König werden sollte; der junge Frühling, der eigentliche König des ganzen langen Jahres. Und dann kam der Tag, an dem sich grüne, leichte Schleier über die, ganze Erde webten, zum Empfang des neuen Herrschers; wie Teppiche, durchsichtige, breiteten sie sich aus, um ihm den Weg zu schmücken — er sollte doch nicht sehen, wie arg der Winter überall gehaust, wie kahl und trostlos Alles war. „Quiwit» quiwit!" erscholl's auch eines Tages durch die Luft. Die Schwalben waren wieder da, und nun wußte man gewiß, daß der Frühling nahe; — sie hatten ihn ja mitgebracht, fern aus den warmen Ländern! Warm schien die Sonne auf die Erde — da schmolz der letzte Herrscherschein des Winters — weg war er, wie verschwunden! Und Niemand weinte ihm zum Abschied eine Sehnsuchtsthräne nach — Alles jubelte dem jungen Könige entgegen, der soeben Einzug hielt, Keiner dachte mehr daran, daß der todte Winter doch auch wohl manche Freude und Wohlthat spendete: „Der König ist todt — es lebe der König!" So sind die Menschen! Und der junge König Frühling grüßte huldvoll hin nach allen Seiten, gar nicht stolz und majestetisch, und so oft er grüßte flogen zarte Flocken, leicht und weiß wie Schnee, hin durch die Luft, hin an die Bäume. Dort blieben sie als Blüthen hängen, und wenn er lächelte, wurden sie ganz rosig angehaucht vor Freude, und wo der Frühling hinblickte und Hinschritt, da grünte es hervor, da wachten alle Knospen auf und wurden Blätter, streckten weiße Anemonen und blaue Veilchen die Köpfe hoch, und lächelten wie fromme Kinderaugen auf zum blauen Himmel. Und mit den Blumenaugen um die Wette lachten die der Kinder! Ja, sie waren hoch am Frohsten und jubelten am Lautesten! — Auch der kleine Knabe in dein alten Haus der Reichsstadt durfte nun wieder hinaus; drinnen im Hause wurde er gar streng gehalten, und das thut nicht immer gut. Sowie er draußen war, trieb er's dann um so ärger. „Quiwit, quiwit!" erklang es durch die blaue Luft. Die Schwalbenfamilie oben unter dem Dach des alten Hauses war auch zurückgekehrt und bezog das heimathliche Nest. - „Hurrah! Da seid Ihr ja nun endlich wieder!" rief gleich der kleine, wilde Knabe. „Habt Ihr mir was Schönes mitgebracht?" Er meinte immer noch, das Schöne müßte etwas recht Fernes, Fremdes sein, der kleine Knabe. Aber sie antworteten ihm Nichts, die Schwalben, als nur ihr frohes Frühlings- Gezwitscher, ihr zufriedenes, das er nicht verstand, und schwangen sich jubelnd durch die Luft, hoch hinauf zum blauen, klaren Himmel. Nein, er verstand sie nicht, und das kam daher, weil er nur ein kleiner Knabe war — deshalb verstand er nicht: was die Schwalbe sang! — Ihr zweites Lied. „An Maria Geburt Zieh'» die Schwalben wieder fürt." sagt ein alter Spruch, und so geschieht's auch Jahr für Jahr, wenn auch nicht alle Mal am Tage selbst, und: „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." sagt em anderer, der nicht minder wahr ist, ob auch Zeiten und Menschen vergehen. — Zuweilen aber hat der alte Winter seine Launen — er will nicht scheiden — es wird ihm schwer vom Regiment zu lassen, bis er endlich doch weichen muß, so sehr er sich auch sträubt. Frühling wird's ja jedes Jahr, und die Schwalben kehren jedes Jahr in ihre alten Nester. — Auch die Schwalbenfamilie des alten Hauses in der Reichsstadt kam alljährlich wieder, oder wenigstens Nachkömmlinge von derselben^ denn es sind schon viele Jahre - 191 - h«, seit damals jener kleine, wilde Knabe am Fenster stand und nach den Schwalben schaute, — viele, lange Jahre. Wo war er geblieben? — „Quiwit, quiwit!" zwitscherten die Schwalben. Aber es verstand sie Niemand. „Fort ist er — fort!" sagten sie vielleicht. Ja, er war wirklich fort! Der kleine Knabe war zum Jüngling worden, und in der alten Reichsstadt war er auch nicht mehr; die war ihm lange viel zu eng geworden — hinaus in die weite, weite Welt war er gezogen, wie einen Zugvogel hatte es auch ihn hinansgetrieben in die blaue Ferne, die ihm im Sonnenglanz entgegenlachte, — in die Fremde! Vielleicht auch wollte er das Land aufsuchen, wohin die leichtbeschwingten Schwalben ihren Flug lenken, wenn sie die traute Heimath verlassen müssen! Niemand fast mehr spricht von ihm, die Eltern zürnen, die Freunde haben sein vergessen, Keiner denkt an ihn — er ist so wie gestorben; — nur im Mutterherzen lebt er, ein Mutterherz kann nicht so leicht vergessen, wenn es noch so tief verwundet wird. Ja, dort lebt er! — Ostern ist's und Maria Verkündigung zugleich, aber die Schwalben sind noch nicht gekommen, noch nicht einmal die Vorboten. Es war noch gar zu früh im Jahr, obschon der Frühlingsanfang, der im Kalender stand, vorüber. Doch danach fragt so eine kleine Schwalbe nicht — die hat ihren ganz eigenen Kalender, ganz für sich, und das ist der, den der Frühling selber macht, und zu welchem jede Knospe, jede Blüthe und jedes kleinste Blättchen einen Beitrag liefern ninß. — Die Osterglocken läuteten durch die festtägliche, stille Stadt. Mit Feierkleidern angethan zogen die Menschen ihnen nach — hin in das Gotteshaus, wohin die Klänge riefen, das Auferstehungsfest zu feiern, und für die Erlösung Dank zu sagen, die wie Frühlingswehen die Menschheit überkam. Fast alle Menschen spürten einen solchen Frühlingshauch, ob sie es gleich nicht immer wußten. Aber wie die Glocken so festlich läuteten und die Erde so frühlingsfrisch und hoffend vor ihnen lag, da fühlten sie den Auferstehungssegen, und das Herz ging ihnen auf, so weit und warm. Frühling — Ostern war's! — Da kam ein Mann die Straße entlang, in der das alte Haus stand. Es stand noch gerade da wie sonst, eben noch so alt, so grau und so verwittert; auch das Schwalben- Nrst war noch da droben an dem Dache, aber keine Schwalbe ließ ihr frohes Jubellied als Glücksverkündigung ertönen. Der Mann sah müde aus, doch nicht allein vom Weg. Bei dem alten Haus blieb er stehen und sah hinauf — lange, starr. Ach, er kannte es so gut; unvergessen hat es in seinem Innern dagestanden, genau so grau und so verwittert, wie es jetzt vor ihm steht. Dort hatte einst des Kindes Wiege sich geschaukelt, dort war der kleine Knabe aufgewachsen, der dann ein trotziger, rastloser Jüngling wurde, den es Hinaustrieb, weit hinaus, bis er ein müder, ernster Blau» geworden war. Niemand kannte ihn hier mehr — nein, Niemand! Keine freundliche Stimme hieß ihn willkommen, den endlich Heimgekehrten, keine Hand streckte sich zum Gruße ihm entgegen. Er kam sich selber fremd vor — so fremd. Alles, was er anblickte, that ihm weh, sogar die helle Sonne, die doch so warm und golden schien. Sie blendete und stach ihn so, daß er mit. den Augen blintzeln mußte, als wäre ihm etwas hineingeflogen — wie lange war das Auge sonst so trocken, so starr gewesen, als wäre ein Eissplitter des Winters darin stecken geblieben, den nun die heimathliche Frühlingssonne fortgethaut. — Und die Osterglocken läuteten vom Dome fort und fort. Da war er oft gewesen in dem Tome, wie er noch ein wilder Knabe war. Dann hatte es ihn Hinausgetrieben in's Leben — weit hinaus. — Wie schien die Welt so reich und weit, so groß und schön! Das Leben hatte ihn betrogen um den Preis, den er dafür gezahlt — die Blüthen alle waren welk zu Boden gesunken, wie vom Frost geknickt, das Gold war unecht, Flittertand gewesen, Schaumgold nur. Und nun war er ein Fremder in der Heimath — 192 überall — auch selbst hier, vor dem Hause seiner Kindheit. Draußen stand er, wie ein Fremder, und wagte nicht zu pochen, und um Einlaß nicht zu bitten. Oeffnete sich nicht das Fenster ? Grüßte sie denn nicht zu ihm hinaus, zu ihm, dem Müden, Heimathlosen, die Mutter mit dem milden Blick, den er zuletzt umflort von einem Thräncnschleier sah? Winkte sie ihn nicht herein, wie ehedem vor langer, langvergangener Zeit, als er noch ein Knabe, ein kleiner, wilder Knabe war, dein der Osterhase, wenn er brav gewesen, ein Nest gebracht, worin die vielen bunten Eier lagen? — Nein, sie winkte ihm nicht mehr, das Fenster blieb geschlossen — Niemand rief ihn, Niemand kannte ihn mehr — Niemand?! — „Quiwit, quiwit!" erklang es plötzlich über ihm, undßjubelnd schwangen sich die ersten heimgekehrten Schwalben durch die milde Frühlingslufts; — die ersten Schwalben kehrten in ihr heimathliches Nest zurück — die Schwalben! — Er dachte nicht daran, daß es ja nicht dieselben Schwalben waren, die er damals als kleiner Knabe so oft befragt und nicht verstanden, wenn sie ihm Antwort gaben. — Jetzt verstand er sie schon besser — jetzt! Sie kannten ihn ja, sie grüßten ihn, sie hieße» ihn willkommen in der Heimath; — so war's ihm wenigstens, und nun schmolz auch der Eissplitter, den die lange, herbe Winterszeit in seinem Herz zurückgelassen, und Früh« ling ward es in ihm — Auferstehung! Die Schwalben hatten ihm nun endlich doch das Schöne mitgebracht» um das er früher so oftmals sie gebeten, oder hatte er sie nur früher nicht verstehen können? Jetzt dachte er nicht mehr voll Trotz daran, ob ein treues Mutterherz wohl noch auf Erden für ihn schlage, dachte nicht daran, ob ihm der strenge Bater jetzt die Hand zum Gruße reichen, oder sich von ihm abwenden werde» wie er ihn zuletzt gesehen; er dachte nur an Eines: daß er wieder in der Heimath sei, vor seinem Elternhaus« stehe, und daß die Schwalben den Frühling ihm gebracht — auch ihm! — Ach, wie war die Welt so weit, so leer und weit, und wie war die Heimath doch so schön, wie war so schön und lieblich: was die Schwalbe sang! Der Himmel hat gar viele Mittel und der Boten viele, wenn er ein Menschen« herz zurückführt in die Heimath! — Noch läuteten die Glocken — die Osterglocken zum Fest der Auferstehung, — sie führten mit ihrem Mahn- und Jubelklange den Heimgekehrten den Weg hinein in's Vaterhaus, sie öffneten die Pforten ihm, die Herzen, sie legten ihm die rechten Worte auf die Lippen, die nicht an's Ohr nur, die in's Innere drangen. Frühling, Ostern war's! — In Mitte seiner Eltern zog der aus der Welt zurückgekehrte Sohn hin zu dem Gotteshause, von ganzem Herzen Gott dem Herrn zu danken, daß Jesus Christ auch für ihn auferstanden, daß es auch Frühling da innen ihm geworden sei — zur Osterfeier. „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." die Schwalben, des Frühlings Boten. — Möchten sie Jedem so den Frühling bringen! Möge ein Jeder so sein Herzsns- Ostern feiern, möge doch Jeder so gut verstehen: „Was die Schwalbe singt!" — Arithmogrypl). Hier geben die Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen, die Namen 2 deutscher Dichter: 1. eine wohlriechende Pflanze. 2. ein deutsches Knstenmeer. 3. ei» österreichischer Dichter. 4. ein weiblicher Eigenname. 5. ein Raubvogel. ck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 25. 1833. »ur „Ängsburger postMuug." Mittwoch, 28. März I e r n n n - e. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Nachdruck verboten.) Ein fröhliches Bild lag vor Fernandens traurigen Augen, als sie an einem Wintertage am Quai der schönen alten Stadt Nantes am Üser der Loire vorüberging. Auf einer Seite prangten die Schiffe aller Nationen, die Wellen strömten klar und rasch dem Meere zu; auf der anderen Seite lockten in großen Schaufenstern die Waaren der glänzenden Weihnachtsausstellungen; Equipagen rollten im milden Wintersonnenschein, und hinter der Stadt und thurmreichen Kathedrale nistete an den grünen Ufern manche Hütte und kleine Kirche. Bon allen französischen Städten ist diese alte Hauptstadt der Bretagne sicherlich die angenehmste und fröhlichste, sowohl im Sonmer, als im Winter» Trotz ihres schweren Herzens fühlte Fernande die Fröhlichkeit dieser Umgebung; sie wollte ihren eigenen Gedanken entgehen und stand still, um Alles anzuschauen. Die schwerbeladenen kleinen Dampfschiffe, welche zwischen der Stadt und den benachbarten Dörfern hin und her gingen, die auf hohen Masten flatternden ausländischen Flaggen der Kauffahrteischiffe, der Lärm im Hafen, die prächtigen Schaufenster erregten ihre Aufmerksamkeit, obgleich sie diese Gegenstände täglich gesehen. Dann setzte sie sich und beobachtete einen ankommenden Eisenbahnzug, denn zwischen dem Boulevard und dem Quai mitten durch die Stadt, geht die Eisenbahn und trägt zur Belebung des Bildes bei. Es war der Zug aus Paris, und als er langsam der Stadt zufuhr, ereignete sich ein unerwarteter, sonderbarer Vorfall. Gerade gegenüber der Bank, auf welcher Fernande saß, warf eine schöne weiße Damenhand aus einem Coups kleine gedruckte Zettel, welche nach allen Richtungen flogen. Die Dame selbst blieb unsichtbar, obgleich die reizende Hand während der ganzen Fahrt durch den Hafen die kleinen Botschaften zum großen Vergnügen der Zuschauer hinausflattern ließ. Fernande erhob sich eilig» um einen der Papierstreifen aufzufangen; als sie ihre Hände ausstreckte, flatterte ihr der Zettel wie ein Schmetterling zu und blieb auf ihrer Brust hafte». Lächelnd sagte sie sich, das könne ein gutes Omen sein, und las eifrig folgende Worte: „Madame Lorenzi, früher Tragödin des Theater franqais, wird morgen Abend Scenen aus dramatischen Werken und eine Auswahl Poesien von bretanischen Dichtern der Gegenwart vortragen." Die Sorge schärft djs Fähigkeit mancher Menschen, und während Fernande über die gelesenen Worte nachsann, schien ihr ein hoffnungsvoller Gedanke zu kommen. In jugendlicher Unerfahrenhsit machte der Kummer sie ungeduldig; sie hätte das Glück mit Liebe und Leben auffassen können und war zu jeder Anstrengung bereit, um es für sich und ihren geliebten Gatten zu erlangen. Sie sann nach, machte einen Plan und ging eilig mit dem elastischen Schritt einer frohen Stimmung weg. Ihre bescheidene Wohnung bestand aus ein paar kleinen Zimmern in einem entlegenen alten Stadttheil. Der kalte Ofen betrübte Fernande, sie wußte, daß ihr Speiseschrank fast leer sei, aber die Einrichtung sprach von glücklicher Zeit, in welcher sie vor zwei Jahren als Neuvermählte 194 diese Räume betreten hatte. Dort standen wohlgsfüllte Bücherbretter und ein Pianino Bilder schmückten die Wände, enr warmer Teppich bedeckte den Fußboden. Nur die bitterste Noth hätte das junge Paar zur Veräußerung dieser Gegenstände zwingen können. Es war noch früh am Nachmittag, und eine klügere Person als Fernande hätte sich mehr Zeit zur Ueberlegung vor der Ausführung ihrer Absicht gelassen. Fernande wollte keine Minute länger warten. Nachdem sie in den vergangenen Wochen mit gefalteten Händen über ihrem Kummer gebrütet hatte, fühlte sie jetzt einen heftigen Trieb zu hoffen und izu handeln. Morgen konnten ihr vielleicht wieder die Unternehmungslust und Freudigkeit fehlen. Sie schloß eine Schieblade im Schreibtisch ihres Mannes auf unv nahm behutsam ein Manuskript heraus. Ach! Es trug leider die unverkennbaren Spuren, daß es. schon oft vergeblich auf gut Glück in die kalte Welt gesendet worden war. Gewisse höfliche Bleistiftbemerkungen der Verleger, gewisse leichte Zeichen der Durchsicht und Verpackung waren zu deutlich. Vielleicht war das Werk genial, aber es hatte noch nicht das Herz des Kritikers gerührt und sein Gemüth begeistert. Fernande lächelte jedoch, als sie die wohlbekannten Blätter erblickte. Für sie gab es nur einen Dichter in der Welt, wenigstens diesen einen Dichter, dessen Laufbahn einen Theil ihres Daseins bildete, und sie glaubte noch jetzt an die Schönheit seiner Dichtung, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe, als das Vorlesen des Manuscripts und die durch dasselbe erregten Hoffnungen ein neue^ süßeS Band um Mann und Frau geschlungen. „Ich werde jetzt Alles vollenden, was ich zu schaffen hoffte, weil du mein bist und uich ermuthigen und begeistern wirst", hatte er gesagt; sie glaubte ihm und gab sich glücklichen Hoffnungen hin; ach! eine nach der anderen mußte verschwinden. Kein Seufzer klagte heute über die anscheinend so harmlosen, und doch so verhängnißvollen Bleistift- zeilen. Sie drückte das Manuscript entzückt an das Herz, verbarg es unter ihrem abgetragenen Tuch und ging wieder hinaus auf die heiter belebten Straßen, diesmal nicht auf den Boulevard am Hafen, sondern auf die schönen Plätze im Mittelpunkt der Stadt wo die Gasthäuser ersten Ranges standen. Im vornehmsten Hotel fragte sie den Portier: „Ist Madame Lorenzi hier? Könnte ich sie sprechen?" „Ja, Madame logirt hier. Darf ich Ihre Karte hinauftragen?" sagte ein Kellner, argwöhnisch in Bezug auf Fsrnandens Anliegen. Wir erzählen den Leuten unsere Geschichte viel öfter, als wir es vermuthen! — Er nahm die Karte, indem er ihre schlechten Handschuhe betrachtete, sprang die elegante Treppe hinauf und ließ sie unten warten. Einige Minuten später ging Fernande die breiten teppichbelegten Treppen hinauf. Nachdem sie zweimal angeklopft, (wie kommt es, daß das erste Klopfen eines Bittenden so selten gehört wird?) rief eine wohlklingende, jedoch gedämpfte Stimme: Herein! Fernande überwand ihre Schüchternheit im eifrigen Streben nach dem ersehnten Ziel; sie öffnete die Thüre und befand sich der großen pariser Künstlerin gegenüber; es war die Tragödin und Vorleserin, von welcher man sagte, daß sie das Glück und den Ruhm manches jungen Dichters nur durch ihre Deklamation einiger Verse gegründet. Ein so sonores, klangvolles und biegsames Organ wie das der berühmten Madame Lorenzi konnte keiner unbedeutenden Erscheinung angehören; Fernande hatte eine ungewöhnliche, bewunderns- werthe Frau erwartet und wurde nicht enttäuscht. Dieses herrliche Wesen war so groß, gebieterisch und majestätisch, daß die arme junge Frau ein drückendes Gefühl ihrer eigenen Ünscheinbarkeit empfand, sowie eine fast heidnische Verehrung,»als müsse sie auf ihre Kniee sinken und diese entzückenden weißen Hände zum Zeichen der demüthigsten Huldigung küssen. Aber in diesem Augenblick war keine Art der Begrüßung möglich, und wäre Fernande in anderer Stimmung gewesen, so hätte sie über die Seltsamkeit dieses Empfangs gelächelt. Von Wohlwollen getrieben hatte die Tragödin die bescheidene Besucherin vorgelassen, als sie sich vor dem Toilettentisch frisirte; bei Fernanvens Eintritt waren ihr Gesicht, ihre Schultern und Arme von wunderschönem, dunkellockigem Haar verhüllt« Solches Haar sieht man selten mehr als einmal im Leben; die schwarzen glänzend gewellten, wogenden Massen schienen eine Last für die Besitzerin. Einige Minuten vsr- 195 gingen, ehe es den zarten Fingern, welche den Elfenbeingriff einer Bürste hielten, gelang, die schwarzen Massen über der Stirn zu theilen; dann ruhte die Dame von ihrer Mühe aus und wendete ihr Gesicht, in welchem Wohlwollen und fast kindliche Naivetät strahlten, mit fragendem Blick der Eingetretenen zu. Ermuthigt kam Fernande näher und legte ihr Manuskript auf den Tisch. „Ah", sagte die Tragödin lächelnd, „Sie möchten auch eine Dichterin sein und begehren den Ruhm. Armes Kind! Ueberlassen Sie solche vergebliche Hoffnungen den Männern. Die Frauen haben genug Täuschungen anderer Art!" Es gehört geringe Scharfsichtigkeit dazu, um in Frankreich eine arbeitende, mit Sorgen kämpfende Frau zu erkennen. Das schwarze Kleid ist die Livre der Arbeiterin, und Fernandens Gesicht mit dem sehnsüchtigen Blick und den kummervollen Linien hätte einem kämpfenden Genie angehören können. Ein stolzeres Erröthen, als das der Selbstachtung flammte auf ihrer Wange, as sie antwortete: „Nicht meinetwegen wollte ich mit Ihnen sprechen, Madame, sondern wegen meines Mannes. Seine Dichtungen sind gewiß nicht unbedeutend, jedoch gelang es ihm noch nicht, einen Berleger zu finden. Vor einem Jahr verlor er seine Professur am hiesigen Lyceum, weil er sich an einer politischen Demonstration betheiligte, und seitdem war es ihm nicht möglich, irgend eine Beschäftigung zu finden. Dieses Mißgeschick verbittert ihn — wir sind sehr unglücklich —" „Nun wollen Sie, daß ich seine Verse vorlese und die Kritiker zu seinen Füßen bringe?" fragte die Dame schelmisch, aber mit augenscheinlicher Bestürzung. „Da Sie gekommen sind, um für Ihren Gatten zu sprechen, weiß ich, wie schwierig es sein wird, Ihre Bitte abzuschlagen. Aber Sie muffen bedenken, mein Kind, daß der Dichter nur Einer ist, während die Zahl der Kritiker Legion ist, und wenn Alle ihn verwerfen, muß er das Verbiet annehmen." Das auf dem Tisch liegende Manuscript hatte diesen erfahrenen Augen bereits seine Geschichte erzählt. „O, es ist, wie Sie sagen", sprach Fernande eifrig, „aber, bitte, durchblättern Sie das Gedicht. Es ist eine auf diese Stadt bezügliche Sage. Die Verse sind voll edler Gefühle, und die Schilderungen würden den ortskundigen Leuten gefallen." „Sie sind eine ausgezeichnete Fürsprecherin", erwiderte die Tragödin gütig, wiewohl etwas nachlässig, denn sie war an solche Bitten zu sehr gewöhnt. „Und ich will Ihnen wenigstens eines versprechen. Ich will das Manuscript durchlesen, und wenn mein Urtheil meiner Sympathie für Sie gleichkommt, so sollen Ihre liebsten Wünsche erfüllt werden." Sie blickte lächelnd in das junge, bereits von Sorgen durchfurchte Gesicht und mußte unwillkürlich hinzufügen: „Wenn, wie Sie sagen, das Gedicht ein besonderes lokales Interesse hat, wer weiß, ob ich nicht wirklich das Mittel zum Ruhm des Dichters sein kann." „O, Sie sind engelgut!" rief Fernande, neigte sich und küßte die schöne weiße Hand, welche noch die Elfenbeinbürste hielt. „Ich werde heute Nacht glückliche Träume haben." — „Jedenfalls sollen Sie die Befriedigung haben, meine Vorlesung zu hären. „Bitte/ nehme» Sie diese beiden Eintrittskarten. Jetzt möchte ich meine Toilette beendigen, denn ich erwarte viele Besuche." Fernande sprach ihren Dank aus, fo gut sie konnte, warf einen letzten zärtlichen Blick auf das Manuscript und eilte hinweg. Sie wußte kaum, ob sie auf die Verwirklichung ihrer Träume hoffen dürfe oder nicht. Unerfahren in der großen Welt wußte sie nicht, wie weit sie sich auf solche Bereitwilligkeit ihr zu helfen verlassen könne, oder' ob sie die Kritik fürchten muffe. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie keinen tieferen Eindruck hervorzubringen versucht hatte; so schwer wird es uns zu glauben, daß wir genug gethan haben, wenn unsere Anstrengungen einem geliebten Wesen gelten. (Fortsetzung folgt! 196 Sellrsterkrnntniß. Das Menschenleben bietet So manche herbe Quai Und Sorgen zieh'» vorüber Und Leiden ohne ZabI, Die obne Selbstverschnlden Des Schicksals Tücke bringt, Daß, sie zu überw-nden, Nur mübvoll oft gelingt. Doch ach, die größten Leiden, Den allergrößten Schmerz Schafft sich gar meist das eig'ne. Das stolze Menschenherz! Wer immer nur den Splitter Im fremden Auge sucht Und nicht der eignen Thorheit, Dem eignen Laster flucht; Wer seine Nebenmenschen Voll Neid und Mißgunst höhnt Und in dem eignen Herzen Den Leidenschaften sröhnt; Wer lieblos nur auf And're Und übermüiyig schaut, Und aus die eigne Tugend Zu stolz und mächtig baut: Dem wird die Erde immer Em Jammerthal nur sein, Dem hüllen immer Wolken Den reinen Himmel ein; Dem blüden keine Blumen, Es lacht ihm nicht die.Welt, Weil er ja selbst die Freuden Des Lebens sich vergällt! Willst Du die Welt verbessern. Dann bessere erst Dich, Und lerne erst erkennen Dein eignes, schwaches Ich; Dann lösch' die Leidenschaften Im eignen Herzen aus Und kämpfe unverdroßen Der Tugend harten Strauß! Carl Felix. Eine rührende und wunderbare Begebenheit. Christoph v. Schmid erzählt im dritten Bündchen in den Erinnerungen aus seinem Leben, Augsburg, 1853—57, einem Buche, das so viel Schönesund Anniuthendes enthält und auch ein treffliches Stück Kulturgeschichte bildet, so daß man sich wundern muß, wenn es nicht eines der gelesensten Bücher geworden ist, — Christoph v. Schmid erzählt also in dem gedachten Buche, drittes Bündchen Seite 123 u. f„ eine wunderbare Begebenheit, die unsere Leser ergreifen wird, daher wir sie mittheilen. Für's Erste ist die Wohlthätigkeit eines braven Landgeistlichen gegen einen arme» Hilfelosen fremden Knaben recht rührend, und dann die Erscheinung aus der jenseitigen Welt ungemein tröstlich und überzeugend. Christoph v. Schmidt hatte den Kaplan Johann Kapistran Weber in Mittelberg im Algäu kennen gelernt. Kapistran Weber war ein Schüler Sailer's, als dieser Professor in Dillingen war. Von diesem Kaplan Weber, den Christoph v. Schmid kurzweg Kapistran nennt, erzählt er nun, wie schon bemerkt, eine ebenso rührende als wunderbare Begebenheit in seinen Lebenserinnerungen folgendermaßen: „Eines Tages im Frühling« machten wir zusammen eine kleine Fußreise und be- viitzten dazu noch ein paar Stunden der Nacht, die ungemein schön war. Es schwebt mir Alles noch so lebhaft vor den Augen, als ob es erst heute wäre. Wir wanderten durch ein angenehmes Wiesenthal nächst einem Wäldchen hin. Der Mond schien überaus helle; Alles schwieg, nur der Gesang einer Nachtigall erschallte ungemein lieblich in der tiefen Stille der Nacht. Unsere Herzen ergossen sich recht vertraulich gegen einander. Wir theilten uns unsere Erfahrungen in der Seelsorge mit. Da erzählte mir denn Kapistran, (und ich erinnere mich zwar nicht der einzelnen Worte, aber des Inhalts seiner Erzählung sehr genau), folgende Begebenheit. Er saß als Kaplan in der großen, viele Filialen einer gebirgigen Gegend umfassenden Pfarrei Mittelberg an einem rauhen, sehr kalten Winterabende eines Tages mit seinem Pfarrer bei Tische. Ein armer, dürftig gekleideter Knabe kam an das Fenster und flehte» vor Frost zitternd und mit den Zähnen klappernd, kläglich um ein Almosen. Kapistran bat den Pfarrer um Erlaubniß, den Knaben hereinzurufen und ihm einen Teller warmer Suppe zu geben. Der Pfarrer erlaubte es gerne und theilte dem hungrigen Knaben von allem mit, was aus den Tisch kam.- Nachdem der Kleine nach langer Zeit wieder einmal sich satt gegessen hatte, dankte er mit Thränen in den Augen und wollte weiter gehen; allein es wurde ihm übel. Er hatte sich »erkältet und die Kälte wurde ihm in der warmen Stube erst recht fühlbar. Pfarrer und Kaplan fanden, es sei ihm unmöglich, weiter zu gehen. . Der Kaplan schlug vor, dem armen Knaben das kleine Zimmer anzuweisen, wo die Kapuziner, wenn sie in der Gegend umher Almosen sammelten, zu übernachten pflegten. Der Pfarrer fand den Vorschlag gut. Der Kaplan führte den Knaben dahin, brachte ihn zu Kette und ging, den Arzt zu rufen. Der Arzt versicherte, ein heftiges Fieber sei im Anzüge und verschrieb Arznei. Der gutherzige Kaplan Kapistran wartete nun seinem kranken Pflegesohne so lieb« reich ab, wie nur immer die zärtlichste Mutter ihr Kind verpflegen könnte. Als die Heftigkeit des Fiebers nachgelassen hatte, redete Kapistran mit dem Knaben, um ihn naher kennen zu lernen. Der Vater desselben war schon vor längerer Zeit, die Mutter erst vor kurzer Zeit gestorben. Die fromme Mutter hatte ihrem kleinen Sohns das Vater unser und andere kurze Gebete gelehrt, welche dieser auch sogleich recht deutlich und mit Andacht und mit gefalteten Händen hersagt«. Der Kinderfreund Kapistran, der sich den Unterricht der Kinder von jeher zur wahren Herzensangelegenheit gemacht hatte, lehrte nun seinem Pslegekmde „Gott i» Christus" näher kennen lernen und lieben. Die Erzählungen aus der Gesmichte Jesu hörte der Knabe mit der größten Aufmerksamkeit und sie machten ihm unbeschreiblicke Freude; er gewann eine solche Erkenntniß und Liebe Gottes und Jesu Christi, wie Kapinran sie noch an keinem Kinde bemerkt hatte. Eben so groß war dessen kindliches Vertrauen zu unserm Vater im Himmel und zu unserm göttlichen Erlöser. Die Krankheit wurde zu einem zehrenden Fieber. Das Kind litt in unbeschreiblicher Geduld und war immer freudig. Es freute sich darauf, zu Gott und zu Jesus Christus zu kommen und im Himmel auch seine Mutter und seinen Vater wieder zu sehen. Im Herbste starb der Knabe oder schlief vielmehr sanft ein, um im besseren Leben wieder zu erwachen. Im folgenden Winter besuchte Kapistran in einem etwa eine Stunde weit entfernten Filialorte einen Kranken, und verweilte dorr so lange bis es Nacht geworden. Der Knecht des Hauses erbot sich, ihn heimzubegleiten. Kapistran wollte ihm, der sich den Tag über schon müde gearbei^r hatte, keine weitere Blühe machen; er wisse, sagte er, den Weg, den er schon oft gemacht habe. ohne Wegweiser zu finden. Allein während Kapistran bei dem Kranken verweilt hatte, war eilt frischer Schnee gefallen, und hatte alle die wenig betretenen Fußwege bedeckt und unkenntlich gemacht. Kapistran verirrte sich. Auf einmal brach mit Krachen der Voden unter ihm. Er war an einen überfrorenen Weiher gerathen, dessen Eis aber noch nicht stark genug war, «inen Menschen zu tragen. Kapistran war bis an den halben Leib in das kalte Wasser gesunken, ohne mit den Füßen einen Grund zu finden, er fand nichts, woran er sich halten konnte und sah keine Möglichkeit sich herauszuhelfen. Da erblickte er auf einmal einen hellen Glanz. Von leichtem Gewölle umgeben, erschien ihm das verklärte, freundlich lächelnde Angesicht des Knaben, den er zum Tode vorbereitet und ihm die Augen zugedrückt hatte. Der Verklärte bot ihm die Hand, stellte ihn heraus auf den festen Boden, deutete mit ausgestrecktem Arme, wohin er gehen sollte und verschwand. Der so wunderbar Gerettete kam unter Empfindungen, die er nicht ausspreche» konnte, glücklich nach Hause. Sobald der Tag angebrochen war, ging er hinaus zur Stell«, wo er in Gefahr gestanden zu ertrinken und durch höhere Hilfe gerettet worden. Er bemerkte in dem Schnee seine Fußstapfen bis zu der verhäng,lißvollen Stelle, ebenso seine Fußstapfen v- seinem Krankenbesuche bis hierher. Sonst war keine Spur eines menschlichen Fußtritts zu sehen. Er betrachtete das eingebrochene Eis; der Weiher war gerade hier am tiefsten Kapistran blieb hier anbetend und dankend stehen. Diese Erzählung machte auf mich wohl einen fast so tiefen Eindruck als die Begebenheit auf Kapistran selbst. Uns beiden, mir und ihm war diese Erscheinung aus jener Welt ein überzeugenderer Beweis eines Lebens nach dem Tode, als die feinsten Vernunft- schlüsse, und sogar die göttlichen Verheißungen erschienen uns in hellerem Lichte. Auch sahen nur daraus, daß fromme, geliebte Verstorbene in jener Welt noch um uns missen, an dem, was uns begegnet, liebevollen Antheil nehmen, und wenn Gott es ihnen gestattet, uns in Gefahren des Leibes und der Seele zu Hilfe kommen. Noch ganz besonders nahmen wir die Worte, die Jesus, als er die Kleinen zu sich rief, gesagt hat, auf's Neue recht zu Herzen: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf!" Also die Erzählung Christoph v. Schmid's in seinen Eingangs gedachten „Erinnerungen aus seinem Leben" (Augsburg 1853—1857). Wer könnte diese Erzählung ohne tiefste Rührung lesen! ll. L. I?. G l ü ck. In jeder Menschenbrust Ruht, wenn auch unbewußt, Des Glückes hoffnungsvoller Keim verborgen. Wenn Dir das trübe „Heut" Nur Noth und Sorgen beut, So lächelt Dir vielleicht ein frohes „Morgen." Hält auch die Liebe nicht, Was sie Dir hold verspricht, Und reißen jäh der Freundschaft zarte Bande! Wirft Dich des Schicksals Loos Tief in des Unglücks Schook Und stehst Du vor des Abgrund's düsterm Rande: Berzage nicht, o Herz, Blick hoffend himmelwärts, Noch bist Du nicht verlassen und verloren, Denn wenn Dn's ahnest kaum, Erscheint das Glück im Traum, Das Menschcnherz ist ja zum Glück geboren > Erfüllt der Tugend Glanz Die reine Seele ganz, Dann wirst des Lebens Unbill Du vergessen. Nur wenn Du trauernd Nagst * Und nach dem Glücke jagst, Dann kennst Du's nicht und hast es nie besessen! Carl Felix. Miseelleir. (Aus einer Gerichtsverhandlung.) Richter: „Sie sind als Zeuge vorgeladen ; ich fordere Sie auf, Nichts von dem Vorfall zu verheimlichen und nur die lautere Wahrheit zu sagen." — Zeuge: „Also damals saß ich in der Wirthschaft und da kam der Jakob und setzte sich zu mir und als wir den ersten Schoppen getrunken hatten, ließen wir uns noch einen kommen, denn der Wein war sehr gut und schmeckte so gut baß ... ." — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum!" — Zeuge: „Das Factum kommt schon. Der Wein also, ja der schmeckte uns so gut, daß wir uns noch Jeder einen Schoppen bestellten und da...." — Richter: „Aber kommen Sie doch endlich zum Factum; machen Sie doch nicht so viel Gerede!" — Zeuge: „Ja, ja. Da kommt nun der Seppel mit dem Factum auf'm Rücken und hängt's draußen auf und setzt sich auch zu uns an den Tisch. Als der den ersten Schoppen getrunken, läßt er sich noch eine» kommen und der...»" — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum, machen Sie doch nicht solche Umwege." — Zeuge: „Und wie wir so dasitzen und trinken, kommt der Peter, nimmt's Factum und läuft damit weg. Als wir das sehen, springen wir ihm nach und nehmen ihm's Factum wieder ab und haben ihn dabei etwas g'sloßen. So war's Herr Richter und nun hab' ich Ihnen Alles erzählt, wies war; jetzt will ich Ihnen auch noch das sagen: es war kein Factum — es war ein Kalb." (Flgd. Bl.) 199 (Alexander Dumas' Mutter.) In dem soeben im Verlage von Kaiman Lävy erschienenen „Werke Alexander Dumas'letzte Jahre" (Jahr 1864 bis 1870) erzählt der Verfasser Herr Gabriel Ferry Einiges über die bis jetzt wenig bekannte Mutter des jüngeren Dumas, der Verfassers der „Kameliendame". Dumas Vater lernte Madame L ..... im Jahre 1824 kennen, als er eben von Villes les Cottöres kommend, in den Bureaux des Herzogs von Orleans, nachher Louis Philippe, als Schreiber beschäftigt war. Madame L . . . . . war bereits verheirathet, aber auf gütlichem Weg von ihrem Manne, einem Notar in Nouen, geschieden. Der Zufall fügte es, daß sie in demselben Hause wohnte, wie Dianas und seine Mutter. Beide Nachbarn gefielen sich und diesem Verhältnisse ist der heutige Akademiker entsprossen. Alexander Dumas lebte in fast vollständiger Gemeinsamkeit mit der Mutter des kleinen Alexander, bis ihm seine ersten dramatischen Erfolge die vornehmsten Kreise der Pariser Gesellschaft eröffneten. Der Knabe blieb bei der Mutter bis zu seinem achten Lebensjahre. Um zu leben, hatte Madame L .. ..., die zu stolz war, die Hilfe ihres Geliebten in Anspruch zu nehmen, eine Stelle in einem großen Crziehnngs-Jnstitut inne, die ihr gestattete, nicht nur eine anständige Existenz zu führen, sondern noch Ersparnisse zurückzulegen. Sie brachte ihrem Sohne den Ordnungssinn und die Grundsätze ernster Lebensauffassung bei, welche einen so grellen Kontrast zwischen dem Verfasser der „Dcmimonde" und jenem der „Drei Musketiere" schufen. Im Jahre 1832 übernahm Dumas Vater die Erziehung des Knaben, er übergab ihn einem Schriftsteller Namens Goubaux, der ein Institut errichtet hatte. Mit diesem Goubaux zusammen verfaßte Dumas eines seiner besten Stücke: „Richard d'Harlington." Der Autor von Dumas' letzte Jahre" erzählt ferner, daß nachdem er seine Erziehung beendet, der junge Dumas bei seinem Vater lebte, der damals am Zenith seiner Berühmtheit und Popularität ein luxuriöses Leben führte. Da kam die Revolution von 1848. Das von Dumas gegründete und geleitete „Theatre Historique" gerieth in Konkurs und es war dem Vater nicht mehr möglich, den Sohn pekuniär zu unterstützen. Da kam Madame L . .... ihren, Sohn zu Hilfe. Sie lebte sparsam aber anständig in einem kleinen Apartement der Rne Pigalle. Sie nahm ihren Sohn auf, ermunterte ihn und unterstützte seine Bestrebungen, sich eins unabhängige Existenz zu gründen. Damals entstand „Kameliendame" und bis dieses Stück mit kolossalem Erfolg ausgeführt war, mußte die Muttter manchmal ökonomische Wunder wirken, um ihre und ihres Sohnes Subsistcnz zu sichern. Madame L . . . . . starb in, Jahre 1868, zwei Jahre früher als Alexander Dumas, mit dem sie sich ausgesöhnt hatte. (Die nachstehende Zusammenstellung des Lebensalters hervorragender Tonkünstler) dürste anläßlich des Todes Richard Wagners von Interesse sein. Franz Schubert erreichte ein Alter von 31 I. 9 M. 18 T.; Bellini 33 I. 10 M. 22 T.; Mozart 35 I. 10 M. 8 T.; Mendelssohn - Bartholdtz 38 I. 9 M. 1 T.; Nikolai 38 I. 11 M. 2 T.; E. M. v. Weber 39 I. 5 M. 18 T.; Herold 41 I. 11 M» 21 T.; Schumann 46 I. 21 T.; Lortz'mg 47 I. 2 M. 28 T.; Donizetti 49 I. 6 M. 14 T.; Adam 52 I. 9 M. 9 T.; Mehul 54 I. 3 M. 24 T.; Beethoven 56 I. 4 M. 11 T.; Halevy 62 I. 9 M. 12 T.; Bach 66 I. 2 M. 7 T.; Marschner 66 I. 3 M. 28 T.; Conradin Krcutzer 67 I. 22 V.; Richard Wagner 69 I. 8 M. 22 T.,' Flotow 70 I. 8 M. 22 T.; Spontini 72 I. 1 M. 20 T.; Meyerbeer 72 I. 7 M. 27 T.; Gluck 73 I. 4 M. 13 T.; Handel 74 I. 1 M. 21 T.; Spohr 75 I. 6 M. 17 T.; Rossini 76 I.; 8 M. 15 T.; Haydn 77 I. 2 M.: Cherubin, 81 I. 6 M. 7 T.; Auber 87 I. (Zur Beherzigung zur Concert- und Theaterbesucher) erzählt die „Saale-Ztg." folgende Reminiscenz: Am 24. März 1835 war Nikolaus Lenau in München, wo er Abends im Odeonsnale einem Concerte von A.rtot, erstem Geiger des Königs von Belgien, beiwohnte. An, 27. März schrieb er an die Hofräthin Neinbeck in Stuttgart: „War auch das Spiel dieses außerordentlichen Virtuosen groß und herrlich und namentlich sein Adagio wahrhaft bezaubernd, so mußte er dennoch die Kränkung erfahren, daß 200 der größere Theil des Publikums noch während seiner letzten Variationen aufbrach. Sehr - ärgerlich und grundphilisterhaft ist diese erbärmliche Besorgnis; des Publikums um seine Mantel, während es in eine Welt versetzt sein sollte, wo man keine Mantel mehr braucht. Hätte doch der Künstler allen Störern zugleich seine Geige an den Kons schlagen können! Doch nein! An diesem Felsen sollte das edele Saitenspiel nicht zerschellen! Einen Blick aber warf Artot auf die Barbaren herab, so zürnend und verachtungSmächtig, daß er mir in der Seele wohlthat; aber nur Einen. Von diesem Augenblicke klang sein Adagio noch viel leidenschaftlicher und tiefer; es klang wie ein schmerzliches Fortflüchten aus dem Kreise dieser Rohen und Kalten und wie ein Ausweinen in den Armen seines Genius. Artot soll leben! Er ist ein wahrer Künstler; ein unechter hätte, beleidigt schlechter gespielt; Artot spielte besser." (Was Knübbe sagen würde.) Oberst (zum Musketier Knübbe, welcher bisher alle Fragen des Officiers über das Gewehr unbeantwortet gelassen hat): Na, mein Sohn, Du mußt doch etwas vom Gewehr wissen, bist doch lange genug darüber instruirt. Du mußt Dich nicht etwa ängstigen weil ich hier zuhöre; nimm einmal an, daß Dich einer Deiner Kameraden fragt: Knübbe, sage mir 'mal, aus welchen Theilen besteht das Gewehr, was würdest Du da antwortend — Knübbe (nach kurzen: Besinnen): Ick würde sagen: Hlat das Maul, Kerl, wat geht Dich meine Flinte an! (Sparsystem.) „Ja," sagt der Barbier von Segringen, „das ist ein strenger s Winter und alle Geschäfte gehen schlecht; Jeder hält sein Geld zurück, nicht einmal die ^ paar Pfennig für's Haarschneiden wollen sie sich mehr kosten lassen. Wißt Ihr, wie's i der Bachschuster macht, wenn die Zeit zum Haarschneiden da ist? Er und seine Buben tauchen die Köpfe in ein Schaff mit Wasser, stellen sich dann hinaus in den Hof, lassen ^ die Haare gefrieren und brechen sie dann ab. Aus diese Weise haben sie das Geld für s * Haarschneiden erspart." (Wohl noch nicht dagewesen!) Ein von Mewe in Westpreußen nach Amerika ^ Ausgewanderter war mit seinen Steuern im Rückstands geblieben unv schickte dieselben - von Newyork nn die Kämmereikasse seiner Vaterstadt. Das erinnert ja fast an das „Wunder von Jena": Eine große Menge Menschen (fast die halbe Stadt) hatte sich auf dem dortigen Marktplatz mit Kind und Kegel versammelt, um einen Studenten zu begrüßen, der soeben ein Zwanzig-Markstück auf die städtische Sparkasse getragen. (Visitenkarten) sind bequem — Und oft im Leben angenehm. — wer danken will schreibt d'rauf p. r. — Das heißt zu deutsch: ich danke sehr. — Willst ferner sagen du Adieu, — So schreibst du einfach x. p. o. — Bringst einen Fremden du ins Haus, — So drückst du durch x. p. es aus. — Thür Dir das Leid des andern weh, — Schreibst ! auf die Karte du p>. e. — Der Glückwunsch, was er auch betreff' — Er lautet einfach nur x. k. — Und in der Kart ein Eselsohr — Bedeutet: „Ich sprach selber vor." ! (Ein Farme r) kaufte in der Stadt in einem Fruchtladen für einen Cents Kastanien. Nach einer halben Stunde kam er zurück und legte eine Kastanie auf den Ladentisch. ' ' „Was soll das bedeuten?" frug der Ladenbesitzer. „Das ist die einzige gute Kastanie die im Papicrsack war," antwortete der Farmer, „uyd ich nehme an, daß Sie dieselbe irrthümlicher Weise hineingethan haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, der aus einem Irrthum keinen Vortheil ziehen will." Auslösung des Arithmogryph in Nr. 24: I, avsnds D O 8tss 12 k rü N nn ^ v Ii II " Fllr die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttier. zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 26. Samstag, 31. März 1883 Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Fernande war entschlossen, diesen Besuch zu verschweigen, und die in Aussicht stehende Vorlesung wurde erst am nächsten Morgen erwähnt. Als das Ehepaar schweigend beim Frühstück saß, — seltsam, daß die Sorge stumm und die Freude gesprächig macht — sah sie auf zu dem schönen dunkeläugigen Gesicht ihr gegenüber und sagte: „Etienne, willst Du heute Abend mit mir in die Vorlesuug der Madame Lorenzi gehen? Die Billete wurden mir geschenkt." Ohne von seinem Teller aufzusehen erwiderte der junge Professor: „Ja; wir hätten hingehen müssen, auch wenn die Eintrittskarten uns nicht geschickt worden wären. Alle Professoren und Schüler des Lyceum werden dort sein, wie ich hörte. Bliebe ich weg, so würden die Leute sagen, daß ich mich zu erscheinen schäme, oder daß wir in der Welt keine zwei Francs zum Eintrittsgeld auftreiben konnten." Er lachte mit schrecklichem Hohn und fügte hinzu: „Es ist eine heitere Welt. Wie wäre es, wenn wir uns entschlössen, ihr Lebewohl zu sagen?" „O, sei nicht so bitter — so gottvergessen!" sagte die junge Frau flehend. „Gott hat uns nicht verlassen, wir werden bessere Tage sehen." Statt einer Antwort zuckte er nur die Schultern. Fernande beobachtete ihn und sann traurig über die verändernde Macht der Sorge nach. Sehr stolz und sarkastisch war ihr Mann immer gewesen, aber Niemand könnte gütiger und genialer sein als er, so lange das Glück ihnen günstig war. Es schmerzte sie unaussprechlich, daß ihre Neigung ihn jetzt kaum trösten konnte. Das kleinste Zeichen seiner Liebe zu ihr hätte ihr die dunkelste Stunde erleichtern können, aber er schien in sich zusammen zu sinken und jetzt im Gefühl seines Unglücks und seiner Verlassenheit sogar die Liebe zu vergessen. Nie hatte eine zahlreichere, verschiedenartigere Versammlung das geräuinige Theater gefüllt als heute zum Willkomm der großen Künstlerin. Das angekündigte Vergnügen paßte sowohl für Ernstgesinnte, als Leichtfertige, für Jung und Alt, Gebildete und Un» wissende. Wer unter den Franzosen, sei es Mann, Frau oder Kind, könnte sich nicht freuen über eine Scene aus Racine, ein Lied Börangers, eine Idylle von Lamartine oder eine Fabel von Lafontaine, besonders beim Vertrag der mächtigen, lieblichen und pathetischen Stimme einer Lorenzi? Diese Dichtungen sind Allen bekannt und durchdringen eine französische Zuhörerschaft mit edler Begeisterung. Beim Beginn des Vortrags der herrlichen Tragödin aus Victor Hugo's „Emu" herrschte lautlose Stille unter der großen Menge; die süße Macht der Beredtsamkeit, die volle, musikalische, tönereiche Stimme erhob sogar Fernandens trauriges Herz in höhere Regionen. Als sie mit angehaltenem Athem auf Athalie's leidenschaftliche Reden lauschte, vergaß sie die während des Tages gehegten Hoffnungen; sie hörte nicht in Erwartung, sondern in einer Gemütsverfassung zu, mit welcher ihre eigenen Gefühle Nichts zu thun hatten. Vor der großen, lebens» wahren Welt der Poesie erloschen ihre kleinlichen Sorgen. Etienne vergaß ebenfalls bald seine zerschmetterten Pläne, seine tiefgewurzelte Bitterkeit, während er unter diesen raschen Eindrücken glühte. Fernande sah sein erregtes Gesicht und erinnerte sich plötzlich ihrer süßen Hoffnungen, welche sie bereits als thöricht erkennen mußte; sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß dieser Abend ihr und ihrem Manne einen edlen Genuß geboten habe. Madame Lorenzi konnte ihnen weder Ruhm noch Reichthum bringe» aber sie hatte ihnen eine unauslöschlich schöne Erinnerung geschenkt. Fernandens hochfliegende Hoffnungen verschwanden in der Erregung dieses unvergleichlichen Abends. Als ein herrliches Gedicht nach dem anderen vorgetragen wurde, als abwechselnd die zarteste Anmuth und die höchste Leidenschaft des Ausdrucks jedem Vers und sogar jedem Wort größere Schönheit und tiefere Bedeutung verliehen, fühlte sie, daß sie glücklicher und demüthiger wurde. Nein; es war nur Selbsttäuschung und Kühnheit zu hoffen, daß ihr Mann schon jetzt in die Gesellschaft der gottbegnadeten Dichter gehören könne. Er mußte größere Anstrengungen machen und auf die Zukunft warten. So vergingen die entzückenden Augenblicke, und endlich kündigte die Tragödin einige Gedichte lebender bretanischer Dichter an; Fernande hörte es kalt und erwartungslos. Sie hoffte nicht mehr auf die Verwirklichung ihres Planes und wünschte fast, der Abend möge vorüber sein, weil sie wehmüthig ihrer Illusion gedachte. Sie mußten morgen wieder zu ihren Sorgen erwachen, als ob Nichts geschehen sei, und mußten sich rüsten, die Prüfungen zu ertragen, welche Gott ihnen noch senden wollte. Das Unglück konnte nicht in einem Tage verschwinden; allmählig würden die Wolken vorüberziehen und die Sonne gewiß zur rechten Zeit scheinen, aber nicht jetzt und nicht plötzlich, wie durch einen Zauberschlag. Sie saß mit theilnahm- losen Blicken und gefalteten Händen, nicht mehr in Selbsttäuschung sondern nur in Verwunderung über ihre vor einer Stunde gehegten kühnen Ziele. Träumte sie? Hörte sie wirklich oder nur in ihrer Einbildung den Namen ihres Gatten? Sie neigte sich in ver« zweiflungsvoller Erwartung vorwärts, als ob ihre Existenz von den nächsten Worten der Tragödin abhänge; die Letztere sprach noch einmal unzweifelhaft klar und wohllautend den Namen ihres Mannes aus, und Fernande konnte kaum ihre Fassung behaupten. Sie wagte es nicht, ihren Mann anzublicken, aber sein leiser Seufzer, sein rascher Athem verriethen ihr seine Aufregung. Es gibt Augenblicke iin Leben, wo In jois kuit xeur, *) und dies war ein solcher Augenblick. j Der junge Professor war leichenblaß geworden. Jetzt sollten seine armen verachteten i Verse keiner Kritik und kalten Analyse unterworfen werden, sondern Lob und warmen Beifall hervorrufen. Jetzt konnte er diese begeisterten Zuhörer mit poetischer Kraft durch- dringen und vor seinen Mitbürgern im unauslöschlichen Licht des Dichters, des des Lehrers der Menschen erscheinen! Solch ein Triumph hätte ein noch größeres Talent befriedigen > und für noch schwereres Unglück entschädigen können. Mit der schnellen untrüglichen ^ Entscheidung des richtigen Urtheils hatte die Künstlerin aus dem umfangreichen Manus- cript gerade den Theil gewählt, welcher für die Zuhörer und die Gelegenheit paßte. Ein s reizendes poetisches Miniaturgemälde schilderte die schöne alte Stadt im Mondschein einer - Sommernacht — die düstere Kathedrale, die Schloßbastei, die breite Loire, den belebten ^ Hafen, die waldigen Jnselchen. Dieses Bild mußte die hier aufgewachsenen Zuhörer ! rühren, und durch den ganzen Abschnitt ging ein Zug tiefer Trauer und glühender Vaterlandsliebe. Ueberdieß erzählten die Verse von Begeisterung und Täuschung, von einem durch gewöhnliche Dinge unbefriedigten Leben. Das Probestück eines jungen seiner Kraft bewußten Dichters hätte schärfer kritisirende Zuhörer befriedigen können, besonders weil es die wunderbare Stimme voll starken, biegsamen Klanges vortrug. Edelmüthig ergriffen die Zuhörer die Gelegenheit einen vom Unglück verfolgten Mann zu erheben. Fast jeder der Anwesenden kannte die Geschichte des jungen Professors; ungewöhnlicher Applaus ertönte; man rief: „Der Dichter! Der DichterI" Ein Zurückziehen war un- *) Die Freude macht Furcht. Französisches Sprichwort. L03 möglich. Bleich und zitternd, mehr gleich einem Schuldigen an der Gerichtsschranke, als einem Helden im Augenblick seines Triumphes stand Etienne auf, versuchte zu lächeln und verbeugte sich rechts und links. Noch nie hatte das Ehepaar eine so tiefe, gewaltige Bewegung empfunden; nachdem der Beifallssturm vorüber, vermochten sie den Zwang nicht länger zu ertragen; sie standen ruhig auf, verließen das Theater und eilten schweigend und mit Freudenthränen Heini. — (Fortsetzung folgt ) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. VI. Das alte Stadttheater und die neuere Zeit. Es ist hier nicht der Zweck und die Aufgabe, den einzelnen Direktionen auf all' ihren verschiedenen Rosen- und Dornenpfaden zu folgen, doch sei wenigstens ein flüchtiger Blick» als eine Art von Rundschau, auf die neuere Zeit bis zu den letzten dreißig Jahren noch geworfen. — Nach dem großen, theatralischen Direktionen-Krach des Jahres 1806 erhielt die Conzession der Direktor Friedrich Müller, nebst Frau als ze'tweise Stellvertreterin, (eine damals sehr beliebte Methode l) und zwar auf sein Ansuchen gleich auf sechs Jahre, wofür er sich verpflichtete, Winter und Sommer zu spielen. Mit einem Prolog des Augsburger Tabaksfabrikanten und Magistratsraths Philipp Schmid wurde am 15. September 1807 der einstweilige Jnterimszustand beschlossen, dessen Geschäftsführer der nunmehrige Direktor gewesen, und die neue Aera eröffnet, durch welche in der That eine bessere Zeit dein Stadttheater zu erblühen begann. Zahlreiche neue, mehr oder minder werthvolle Produkte jener für unsere Literatur so fruchtbaren Zeit der „zweiten Sturm- und Drangperiode" gelangten, von, Beifall des Publikums begleitet, zur Darstellung; auch der erwähnte Augsburger Prolog-Dichter zeichnete sich nicht nur durch die damals sehr üblichen GelegenheitsDichtungen, wie: Prologe» Epiloge, Festspiele, welche zuweilen auch in Musik gesetzt wurden aus, sondern er war auch glücklich als Verfasser der zu jener Zeit sehr beliebten Ritterstücke, — namentlich aus der Geschichte Augsburgs. — Das Personal der neuen Direktion bestand anfänglich aus 78 Personen und 10 Kindern, darunter tüchtige Kräfte ersten Ranges, außer berühmten Gästen. So schienen denn freundlichere Sterne dem Theater Augsburgs leuchten zu wollen, Direktion und Publikum standen sich gut dabei, und diese Periode durfte für die bis dahin hervorragendste in Augsburg gelten. Sechs Jahre aber sind eine lange Zeit, während welcher sich Mancherlei des Wechselnden ereignen kann! Auch wirkte die unruhig-kriegerische Franzosenzeit nicht günstig ein. Einmal — es war am 6. September 1809 und just der Beginn einer neuen Saison — gestattete sogar erst der derzeitige, französische Platzkommandant und dann der französische Gouverneur im letzten Augenblicke, als das Publikum schon auf den Plätzen sich befand, nicht die Eröffnung der Bühne. Erst drei Tage später durste dies geschehen, weil die übermüthigen Herren Franzosen der Ansicht waren, daß die Erlaubniß für öffentliche Vergnügungen ihnen, und nicht der Polizei-Direktion zukomme; — Direktor Müller hatte damals den Muth, dem anmaßenden Gouverneur-General des allmächtigen Kaisers Napoleon auf dessen Frage, wer ihm die Erlaubniß denn ertheilt habe, ganz ruhig zu antworten: „Se. Majestät der König von Bayern l" — Auch diese traurigen Zeiten gingen allerdings vorüber, doch nicht ohne störenden Einfluß auszuüben. So wurde im Sommer, wegen der kriegerischen Zsstände — entgegen dem Vertrage — mehrmals nicht gespielt, außerdem aber verringerte sich das Personal und verschlechterte sich überhaupt die ganze Sachlage dadurch, daß der Direktor- Müller in verschiedenen Städten Gesellschaften besaß, und sich schließlich ganz durch seine Frau vertreten ließ, nachdem im Jahre 1813 sein erster bjähriger Contrakt abgelaufen 204 »var, und er auf's Neue die Conzesfion für weitere 6 Jahre erhalten hatte. Diese Zersplitterung, im Verein mit den schlechten Zeiten, führte endlich — es waren von dem zweiten Contrakte erst 3 Jahre abgelaufen — einen Krach herbei. Zwar hatte „Madame Karoline Müller" alles Mögliche versucht, um auf den Geschmack und die Schaulust des Publikums zu spekuliren: biblische Tableaux aus der Leidensgeschichte mit begleitendem Vortrag in der Charwoche, ein Oratorium mit biblischen Gemälden am Himmelfahrtstags. Ferner wurde der Einzug der verbündeten Truppen in Paris bei festlich beleuchtetem Hause durch eine Festvorstellung mit Schlachtengemälden gefeiert (1814), ebenso 1815 die siegreiche Heimkehr der bayerischen Soldaten; außerdem einmal ein Transparent- Gemälve: „Der Brand von Moskau" mit Musikbegleitung aufgeführt u. s. w. Als aber endlich gar während der Saison 1815/10 Madame Karoliue Müller, um die Zugkraft zu vermehren, jedes neue Stück — oft von sehr zweifelhaftem Werthe — pomphaft auf den Zetteln anpries, und endlich gar im Theater — ein Lamm ausspielte, da war der Anfang vom Ende gekommen. Das Ende bestand in finanziellen Verlusten der Direktion und in ihrem Verschwinden von dem Schauplatz, lange vor Ablauf der zweiten Conzesfion, »vorauf ein Direktor, Karl Hain, wieder nebst Frau, erschien, welche ihm indessen um so nothwendiger war, als er, in Folge seiner Gicht, stets gefahren oder getragen werden mußte; er gab mit seinem Personal von 33 Mitgliedern und 11 Kindern 98 Vorstellungen vom 17. November 1816 bis 30. Mai 1817, ohne sonderlichen Erfolg zu haben. Trotz dieser traurigen Erfahrungen erhielt der nun folgende Direktor Josef Scheinen« auer, wegen des guten Rufes, der sich an seinen Namen knüpfte, abermals, wie der Direktor Müller, die Conzesfion gleich auf sechs Jahre. Ein Prolog: „Thaliens schöne Zukunft" eröffnete verheißungsvoll die neubeginnende Saison, dessen Verfasser ein Nachfolger des erwähnten, dramatischen Gelegenheitsdichters Philipp Schmid, Doktor Wilhelm war; auch ein auf sonstigem dramatischem Gebiet mit glücklichem Humor, trotz feines jahrelangen Gichtleioens, thätiger, Augsburger Theaterdichter, der nicht nur: „die ^ Hunnen vor Augsburg", sondern auch Puppenspiele für's Marionettentheater schrieb. Unter dem Direktor Schemcnauer, der Winter und Sommer spielte, entstand der Anfang der Sperrsitze, indem vorerst die drei vordersten Parterre-Bänke dazu eingerichtet wurden. Gespielt wurde für gewöhnlich: Sonntags, Dienstags, Freitags — Anfang: 6 Uhr; das Winter-Abonnement währte vom 1. September bis Ende April, und die Preise der Plätze waren — ohne je erhöht zu werden: 1 Fl. für 1. und 2. Rang, 48 Kr. für Sperrsitz, 36 Kr. für 1», 18 Kr. für 2. Parterre, 12 Kr. für Galerie und 6 Kr. für den letzten Platz. Das während der ersten drei Jahre aus 69 Mitgliedern und 9 Kindern bestehende Personal leistete im Verein mit hervorragenden Gästen (darunter Franz Liszt als 12jühriger Knabe) sehr Tüchtiges, das Nepertoir war vielseitig, reichhaltig, theilweise aus bedeutenden Erzeugnissen der „zweiten Sturm- und Drangperiode" bestehend, theilweise jedoch schon beeinflußt durch die nachfolgende, minder glückliche Zeit unserer dramatischen Dichtung (Schicksalstragödien u. s. w.). Auch ein sehr vielseitiger Augsburger Dichter trat mit Erfolg hervor in der Person des Freiherr» Ecker von Eähofen, welcher, außer den gebräuchlichen Gelegenheitsdichtungen, durch Uebersetzen und Dramatisiren hervor sich that. — Trotz Alledem aber schlug auch die unfreiwillige Abschiedsstunde des Direktors Schemenauer, nachdem er auf sechs weitere Jahre der Permission erhalten, als die erste von 1817 abgelaufen war; dieses zweite halbe Dutzend lief indessen nicht mehr völlig ab, denn nach zehn Direktionsjahren in Augsburg mußte er die Bühne schließen, mit Verlust all' seiner Habe. Ungeachtet der ohnehin schon stattgehabten Gagen-Abzüge, betrug die Schuldenlast der letzten zwei Jahre 6451 Fl>< von denen die Gläubiger die Hülste erhielten. Und nun begann abermals eine Jnterimszeit l Die Mitglieder gaben auf eigene Rechnung etliche Vorstellungen, alsdann trat ein Comitä zusammen, bestehend aus Augsburger Honorationen, das zwei Jahre lang das Theater leitete, und einen Geschäftsführer 205 anstellte, bis die Verluste, die auch sie erlitten, die Aktionäre veranlaßten, die Sache wieder aufzugeben. Es war freilich eine gute Zeit für Mitglieder und Publikum gewesen, was Gage für die Einen und Ausstattung der Stücke für die Andern anbetraf, aber das Nachspiel war — des Gegensatzes halber — um so trauriger, da ein Direktor natürlich erst recht nicht im Stande war zu leisten und durchzuführen, was ein bemitteltes Privatunternehmen auf die Dauer nicht erhalten konnte. Vom Jahre 1829—34 versuchte der „von Jugend auf an eine Direktionsführung gewöhnte" Johann Weinmüller sein Heil, ebenso zum zweiten Male 1837—41 und sogar zum dritten Male 1843—44. Es war dies eine um so eigenthümlichere Passion und kostspieligere Gewohnheit, als er von der jährlichen Nente und dem kleinen Baarkapital, die er besaß, jedenfalls sorgenfreier hätte leben können, als sich bis in seine achtziger Jahre hinein, ohne Vortheil schließlich, mit beständiger Direktionsführung zu plagen. Auch in Augsburg lächelte ihm das Glück nicht sehr holdselig entgegen. Zwar begann er mit einigen guten Kräften — im Ganzen mit 85 Mitgliedern und 2 Kinder —> führte auch allerlei neue Stücke von Albini, Birch-Pfeiffer, Deinhardstein, Holtei, Naupach, Raimund, Wolf rc. rc., sowie neue Opern von Auber und Rossini in's Treffen, ferner als Gäste die beiden berühmten Charlotten: Birch-Pfeiffer und von Hagen, den Geigen- könig Paganini rc. rc., aber — darüber ging sein Baargeld zu Grunds, und sogar seine Rente mußte er für mehrere Jahre verpfänden, obwohl ihm die Stadtkasse einen außerordentlichen Zuschuß von 1000 Fl. und die Abonnenten 1600 Fl. gewährten. — Um auch ein wenig Humor in diese Tragik zu bringen, sei eines tragi-komischen Ereignisses erwähnt, das unter dieser Direktion als eine Art von Unicum passirte. Der Musik- Direktor Maurer hatte zu seinem Benefiz eine Oper: „Abraham's Opfer" componirt. Der Abend ist gekommen, das Publikum zahlreich versammelt, doch fehlt der Held, die Hauptperson — Abraham selbst, in Folge einer hartnäckig geschwollenen Wange. Was thun? — Der Mensch muß sich stets zu helfen wissen — wie viel mehr nicht ein Direktor und ein Venefiziant in solchen Nöthen I Ein anderes Opernmitglied wird schnell in das Kostüm des Abraham gesteckt, singt die Partie flottweg aus der Stimme heraus, während daneben im schwarzen Frack ein Zweiter steht, die Prosa dazu lesend! — „Wenn Kunst sich mit Natur verwandelt, Dann hat Natur mit Kunst gehandelt!" — Unterbrochen wurde diese dreifache Serie Weinmüllrr durch zwei andere Direktionen. Zuerst 1834—87 durch seinen Schwiegersohn August Nothhammer, der mit einem Personal von 71 Mitgliedern und 5 Kindern die Bühne eröffnete. Er war dies eine sehr thätige Direktion, deren Personal sich nicht verminderte, sondern auf nahezu 80 Mitglieder erhöhte; auch die Zahl der neugegebenen Stücke war z. B. im zweiten Jahrgang die respektable von 43 von meist bedeutenden Verfassern. — Unter dieser Direktion hört auch zum ersten Mal das Zahlen der Abgaben auf, welche allerdings von den ursprünglichen 16 Fl. pro Spielabend seit etwa 1803 auf 5 Fl. 30 Kr. für den Wintcrspiel- Abend und 2 Fl. 4b Kr. für den Sommer herabgemindert worden waren. 1836 erhielt Direktor Rothhammer sogar einen Zuschuß von 600 Fl., welcher in Zukunft jeder Direktion per Jahr auf Ansuchen ertheilt wurde, bis die Direktion Beurer (die zweit«, welche — 1841—43 — die verschiedenen Serien Weinmüller unterbrach) diesen Zuschuß als Subvention erhielt. Unter Direktor Nothhammer traten auch verschiedene sonstige Aenderungen in's Leben: er entfernte das 2. Parterre, und setzte für den ganzen Parterre-Raum 30 Kr. Eintrittsgeld für die Oper, 24 Kr. für das Schauspiel fest. (Anfang halb 7 Uhr). Auch eröffnete er ein Sommer-Abonnement (denn die Gesellschaft spielte zum ersten Mal seit Schemenauer während des einen Sommers 1836), bestehend aus 28 Abenden, getheilt in zwei Abonnements zu 12 Vorstellungen nebst zwei Suspen- dus. Auch an hervorragenden Mitgliedern war kein Mangel — es sei hier nur des so viele Jahre dem Augsburger Stadttheater angehörenden Komikers Frdr. August Witz gedacht — ebensowenig, als an berühmten Gästen. Eslair, Wilhelmine Schröder-Devrient, 206 Vespermann (der zuerst in Augsburg Goethe's „Faust" gab) und Frau Sigl-Vespermann, Charlotte Birch-Pfeiffer, Lang rc., ebenso wie dem größeren, schaulustigen Publikum in entsprechender Weisx Rechnung getragen wurde durch das Auftreten einer spanischen Hof- tänzergesellschaft Tourniaire, die mit Pferden auf die Bühne kam. So bemühte sich der thätige Direktor, «S gar Allen recht zumachen, und das auf möglichst künstlerische Weise; — Letzteres gelang ihm — mit einem Chelard als Capellmeister und Wolff als Regisseur zur Seite — auch sehr wohl, Ersteres dagegen gelang ihm leider nicht. Wenigstens ging er trotz Alledem mit allein seinem guten Willen und aller Anstrengung, das Beste zu leisten und zu bieten, doch schon im dritten Jahr« seiner Theaterleitung vollständig zu Grunde, namentlich, da die im Winter 1837 in Augsburg herrschende, heftige Grippe das Publikum noch weit mehr als sonst dem Theater fernhielt. Als der arme Noth» Hammer sich zahlungsunfähig erklären mußte, spielten die Mitglieder auf eigene Rechnung fort, bis der Schwiegervater Weinmüller seinen Schwiegersohn wieder in der Direktion ablöste, um endlich selbst ein ähnliches Schicksal zu erleben. Er schloß die Bühne: »wegen des grassirenden Nervenfiebers und der wachsenden Theuerung aller Lebensmittel." — (Während dieser zweiten Serie Weinmüller gelangte das Augsburger Theater aus den Händen der St. Martins-Stiftung, in welche es seit etwa 1803 aus denen des Almosen» Amtes übergegangen, in die der Commune.) Auch dem andern Direktor — Carl Beurer — der die verschiedenen Direktionen Weinmüller unterbrach, wäre es nicht besser ergangen, wenn er nicht sammt seiner Gattin einer „weisen Sparsamkeit" gehuldigt hätte — auch in Bezug auf die Wahl der Stücke, deren Zugkraft und Wiederholungen sich sehr glücklich-speculativ erwiesen. Als Beispiel, wie es zu seiner Zeit (1841—43) mit der Wiederholung von Stücken beschaffen war, diene die folgende Notiz: Die Oper „Czar und Zimmermann" von Lortzing, und Marie, die Tochter des Regiments" von Donizetti, sowie die Nestroy'sche Posse „Einen Jux will er sich machen" waren z. B. damals Novitäten, welche 6—8 Wiederholungen per Saison mit Erfolg gestatteten. Direktor Beurer hatte keinen besonderen Vor- aber gerade keinen Nachtheil von seiner Direktion in Augsburg, dafür aber hatte auch das Augsburger Theater weder unter ihm, noch unter seinen Nachfolgern einen Aufschwung zu verzeichnen; im Gegentheil, denn es ergab sich nach Nothhammer 16 Jahre hindurch eine gewisse Ebbe und Dürre in den Theaterverhältnissen Augsburg's, die ihren Gipfelpunkt in einem vierblättrigen Direktions-Kleeblatt, bestehend aus zwei Männlein und zwei Weiblein» fand, die sich folgerichtig stets befehdeten. Deren Nachfolger — Wilhelm Lippert (1845—51) — hielt viel auf äußern Glanz, war thätig und speculativ und erhielt viel Erleichterung und vielen Zuschuß; so hielt er sich auf diese Weise über Wasser. Unter dieser Direktion verschwand — 1850 bis 1851 — zuerst die »och aus dem vorigen Jahrhundert herrührende Bezeichnung: „Madame und Demoisellö" von den Zetteln, um dem deutschen: „Frau und Fräulein" Platz zu machen. Nach einem nochmaligen kurzen Auftauchen von Karl Beurer (1851—52) erschien für den folgenden Jahrgang ein Direktor, welcher mit Recht besonderer Erwähnung verdient, als Derjenige, welchem es gelungen, mit verhältnißmäßig geringsten Mitteln den verhältnißmäßig größten Bortheil in Augsburg zu erzielen. Es war dies Ernst Walter — wegen seiner Manier, alle Welt mit „Freundchen" anzureden: „Freundchen Walter" genannt. Während seiner nicht viel über fünf Monate währenden Direktion war eS allerdings stets voll, denn die Anziehungskraft seines Programms bestand in der Berück» fichtigung des allgemeineren Publikums, durch viele Possen, durch die Sonntags gegebenen Nitterkomödien, wie: „Blaubart, oder die Todtengruft und Maklerkammer", mit bengalischer Feuerbeleuchtung. Ferner z. B. „der gebändigte Tiger" mit der fett gedruckten Zettel-Notiz: „Der Tiger kommt lebendig vor!" — Und er kam wirklich, d. h. der „lebendige Tiger" bestand aus einem Statisten, eingenäht in eine bemalte Tigerhaut. Als „Freundchen Walter" von Augsburg schied, erklärte er zum Abschied, daß: »was gefordert werde, mit den gegebenen Mitteln nicht zu beschaffen sei", und wenn s — 207 — schon nach seinem Abzug darüber berathschlagt ward, ob im folgenden Winter das Theater „icht ganz geschlossen werden solle, so wurde schließlich doch beschlossen, statt dessen lieber dem folgenden Direktor, außer freier Heizung und Beleuchtung für Oper und Orchester einen Zuschuß von 1000 Fl., für das -Schauspiel aber 600 Fl. zu gewähren, während zuvor die Subvention sich nur auf 1200 Fl. beziffert hatte. Dieser folgende Direktor war Friedrich Engelken! Unter ihm begannen — 1853 — wieder bessere, künstlerische Zeiten für das Augsburg« Theater, ein idealeres Streben! Ihm wurde auch bewilligt, was vordem nur auf erfolgte Eingabe gestattet war: stets fünfmal wöchentlich zu spielen; von 1853 an staminte auch das für die ganze Winter- Saison bindende Abonnement. — Doch das Jahr 1853 führt uns schon in die bekanntere Neuzeit, um welche es sich hier nicht handeln soll! Aus dem Gesagten wird ohnehin hervorgehen, daß im Großen und Ganzen kein guter Stern über dem Theater AugburgS leuchtete. Erschien er, erschien auch bald die Wolke, die ihn zu umhüllen drohte, obwohl die beschwerlichen Abgaben endlich ganz aufhörten, obwohl der Zuschuß und die Spieltage sich nach und nach vermehrten. — Während 1836—42 dieser Zuschuß jährlich 600 Fl. — außer verschiedenen außerordentlichen Beiträgen — betragen hatte, erhöhte er sich im Jahre 1842 von 600 auf 1200 Fl., ohne die indirekten Zuschüsse, durch die 1848 von der Stadt übernommene Heizung, und 1849, nach Einführung des GaseS, auch fortfallenden Veleuchtungskosten. Wenden wir uns nun schließlich noch den Wandlungen und Kämpfen zu, die endlich das alte Stadttheater zu Gunsten eines neuen verschwinden ließen! — Der alte Bau hatte schon von Anbeginn gar nirgends recht genügen wollen; gar zu eilfertig ward er anno 1776 hergestellt, über 100 Menschen waren täglich dabei beschäftigt gewesen, um in 29 Wochen das Theater fertig zu stellen. 21,147 Fl. 38 Kr. hatte dieser Bau ursprünglich gekostet, ursprünglich, denn die zahlreichen Flickereien und Nachbesserungen im Verlauf der Jahre kosteten viel Geld und halfen doch nicht viel. 1832 wurden dann noch die von rückwärts anstoßenden Schießel'schen Häuser für das Theater angekauft und mit der Bühne vereinigt; man benützte die neuen Räumlichkeiten, (für welche der Direktor erst 75 Fl. Zins zahlen mußte, bis allmählig eine Null aus diesen 75 Fl. ward), zu Bürerau-, Garderobe-, Bibliothek-Lokalitäten rc. rc. Da indessen sehr bald eine Decke einstürzte, und die Parterrezimmer unbewohnbar feucht waren, so mußte 1846 Alles niedergerissen und frisch aufgebaut werden. Schon sehr bald nach dem Bau des alten Stadttheaters waren Projekte für einen Neubau aufgetaucht. Schon unter der Direktion Voltolini (1790 beginnend) sprach man in der ersten Begeisterung von dem Bau eines neuen Theaters, der Gedanke aber an die großen Kosten kühlte die ohnehin im Laufe der Begebenheiten sich legende Begeisterung bald wieder ab. 1793 legte der unternehmende Direktor Wenzeslaus Mihule der Stadt einen Plan für ein neues Theater auf Aktien vor, wenn man auf einem entsprechenden Platze ein passendes, nicht benütztes, städtisches Gebäude dazu fände. Es fand sich aber nichts Dergleichen. Im Jahre 1807 tauchte neuerdings ein Vorschlag auf, der scheiterte, ebenso wie im folgenden Jahre der Plan einiger Spekulanten; 1817 wurde gar schon ein Kosten-Voranschlag gemacht init 56,000 Fl. für ein Theater, zu welchem die Függer'sche Kanzlei in Aussicht genommen war; 1825 zog man das Fuggerhaus selbst in Erwägung, und die Idee, einen Theaterbau dort mit „Harmonie-Gesellschaft" und „Börse" zu vereinigen, eine Idee, welche beim Bau der „Börse" 1829 sich wiederholte, ohne zur Ausführung zu kommen. 1837—38 unterbreitete ein spekulativer Kopf dem Rathe Augsburgs seinen Plan, eine Aktiengesellschaft für bauliche Verschönerungen im Allgemeinen und Besondern für München—Augsburg zu gründen; das „Besondere" galt einem großen Gasthof in München und einem neuen Theater in Augsburg! Auch im folgenden Jahre spukte das alte Gespenst von Neuem, ohne Erlösung zu finden; 1851 wurde das ehemalige Armenhaus (später dann „Museum") für ein Theater vor- — 208 geschlagen — ebenso vergebens. Die Zeit der Reife des Projekts war immer noch nicht da, bis sie endlich kam, den Spruch erfüllend: „Was lange währt, wird gut!" So wurde denn inzwischen weiter fortgeflickt, und das Unbequeme mit Heldenmuth ertragen; es kam z. B. unter Anderem vor, daß in den, strengen Winter 1828—29 das Theater vom 12. bis 15. Februar wegen Unheizbarkeit geschlossen werden mußte, und daß um Weihnachten 1831 eS so kalt in dem »»heizbaren Theater war, daß die berühmte Sophie Schröder sich genöthigt sah, ihr Gastspiel abzubrechen, nachdem sie — die „Medea" im Pelzkragen gespielt hatte! — Außerdem gab'es gewisse gefährliche Stellen auf der Bühne, zu welchen Schnee und Regen freien Zutritt hatten. Freilich brachte dann das Jahr 1841 nicht nur einen neuen Giebeldachstuhl gegen das Einschneien, sondern es brachte auch eine Heizvorrichtung, einen schönen Oellampen-Lüstre (Gasbeleuchtung begann ja erst 1849 und wurde in den fünfziger Jahren nach und nach fortgesetzt) und allerlei andere bauliche Verbesserungen, welche in Summa fast 5000 Fl. kosteten; dafür aber bestand auch seitdem, bis von 1848 ab die Stadt in eigener Regie die Beheizung besorgte, für den Direktor die contraktliche Verpflichtung, die Wärme im Zuschauerraum nicht unter 6 Grad zu halten. Als Curiosum aus dem Jahre 1844 mag zur Illustration jener einstigen Zustände eine Zettelnotiz dienen, welche damals als besonderes Zugmittel angewendet wurde: „Das Theater wird gut geheizt!" Ein historischer Rückblick auf all' die vielfachen größeren und kleineren Reparaturen und Bauflickereien des alten Augsburger Theaters, von jener unterthänigen Petition eines Direktors zu Anfang der zwanziger Jahre an, welcher um neue Polstcrüberzüge der Logen-Brüstungen bat, da die alten längst in einem traurig-zerrissenen Zustande seien, bis zum endlichen Bau des neuen Stadttheaters, der zu Anfang der siebziger Jahre wieder lebhaft — und zwar mit 500,000 Fl. — geplant ward, würde zu umfassend werden, ebenso, wie es zu weit führen würde, hier das Nähere untersuchen zu wollen, woher der von jeher über dem Theater Augsburgs schwebende Unstern wohl stammt. Jedenfalls hat jene Stimme doch nicht Recht behalten, welche einst mit der Behauptung sich dort erhob: „es sei das Theater nur ein nothwendiges Uebel!" Denn wenn eine Stadt so viel Kunstsinn und Würdigung besitzt, daß sie im Stande ist, ein solches Stadttheater herzustellen, wie das seit 1878 bestehende, neue Stadttheater von Augsburg, das endlich wie ein Vogel Phönix nach ca. 100 Jahren aus der Asche des alten sich erhob, so ist kaum anzunehmen, oaß die Bewohner dieser Stadt das Theater für „nur ein nothwendiges Uebel" halten! Möge ein freundlicher Stern dem schönen Hause fortan leuchten als neuer Beitrag zur Geschichte des Augsburger Theaters! Wenn ich zwei Menschen glücklich seh Wenn ich zwei Menschen glücklich seh' In einander die Hände legen, So fühl' ich altes Sehnsnchtsweh Sich tief im Herzen mir regen. So tönt in mir ein Klagelied Um den Frühling, welcher entschwunden, Um Hoffnungsblumen, die abgeblüht, Um schöne, selige Stunden; Es tönt durch's Herz mir wehmuthsvoll Mit dem frommen Wunsch für die Beiden, ^l.lr ucul i».viillttc«i ^Tnuls^ jttt. vir oewcll, Daß ihnen der Frühling der Liebe soll So bald wie mir nicht scheiden. Heinrich Freimann. Original-Räthsel. * Vers bin ich zur Halste, zur Hälfte nur Tand; Erräthst Du das Ganze, so hast Du Verstand.' Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 27. 1883. zur „Ärrgslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 4. April Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. .(Fortsetzung.) 3. Kapitel. „O, wie bitter ist unsere Armuth!" lauteten Etienne's erste Worte beim Eintritt in seine Wohnung. „Morgen, wenn ich unserer Wohlthäterin meinen Dank ausspreche, werde ich der einzige anwesende Dichter sein, welcher ihr keine Blumen anbieten kann." „Sie wird keinen Dank verlangen", sagte Fernande in Erinnerung an die Gut- müthigkeit, mit welcher sie empfangen worden war, „und auch keine Blumen; —" sie wollte hinzufügen, ihr Tisch war mit Bouquets bedeckt; aber sie besann sich und sagte: „Aber obgleich wir NickM für sie thun können, wer weiß, was sie für uns thun kann?" „Ja, wer weiß!" rief Etienne. „Sie kann mich mit Pariser Verlegern bekannt machen, und ich kann sogleich literarische Beschäftigung erhalten. Jedenfalls kann der heutige Abend nur gute Wirkung haben» Ich bin nicht mehr ein armer Wicht in oen Augen meiner Mitbürger." „Wie die Leute Beifall klaschten! O, ich bin zu glücklich!" rief Fernande. Sie weinte wieder vor Freude, und als sie sich zur Ruhe legte, geschah es, um zu träumen, nicht um zu schlafen. Auch Etienne brachte die Nacht schlaflos zu, aber wie verschieden waren die Gedanken des Mannes und seines Weibes! Fernande sah in diesem glücklichen Ereigniß die Aussicht auf eine verbesserte mate« rielle Lage, die Tilgung drückender Schulden, eine wohlgefüllte Vorrathskammer und lange entbehrte häusliche Behaglichkeiten. Die Anerkennung der Dichterkraft ihres Mannes gewährte ihr höhere Befriedigung als diese Gedanken, aber sie war eine Hausfrau und als solche durch die Entbehrungen des letzten Jahres tiefbetrübt. Sie mußte unwillkürlich an die materiellen Erfolge des unerwarteten Glückes denken, und ihre Phantasie schweifte weit bis zu einem Kanarienvogel, einem Blumentisch und neuen Vorhängen, statt der verblichenen, rothwollenen, welche in den letzten Monaten ihren Schönheitssinn verletzt harten. Etienne dagegen gab sich Träumen anderer Art hin. Die Pariser Verlagsbuchhändler würden ihn aussuchen. Das Prognostikon, welches Madame Lorenzi ihm durch die Vorlesung seines Gedichts gestellt, sollte ihn zürn Ruhm und Vermögen führen, vielleicht mit der Zeit zu einer hohen Stellung in der literarischen Welt. Er würde die Bekanntschaft geistesverwandter Männer machen, Bücher kaufen und reisen können, und vor Allem Werke schaffen, welche allgemeine Anerkennung finden müßten. Fieberhaft verging den Beiden die Nacht und als der Morgen anbrach, konnte Etienne kaum die passende Visitenstunde erwarten, um der großen Dame seinen Dank abzustatten. Fernande sah ihn weggehen, und die Sorgen waren fast aus ihren Zügen entflohen. Ihr Mann hatte sie zum Abschied zärtlich geküßt, er hatte beim frugalen Frühstück sein früheres heiteres Wesen gezeigt. Gewiß, ihre lange Prüfung war zu Ende, bessere Tage sollten kommen. Nach einer Stunde kehrte der junge Pofessor wieder zurück, sein Schritt schien 210 beflügelt. Sie hatte ihn noch nie so lebhaft, so heiter gesehen. Auch aus seinem Gesicht waren die Linien der Sorgen wie durch Zauberschlag verschwunden. „Denke Dir", rief er eifrig, „Madame Lorenzi gibt heute in ihrem Hotel ein großes Abendessen, zu welchem alle hiesigen Literaten eingeladen sind, ich ebenfalls. O, das edle Wesen dieser Frau! Sie wird unser Glücksstern sein, Fernande." „Ich bin nie bei einem großen Abendessen gewesen", sagte Fernande einfach. „Eö wird für mich ein größeres Ereignis; sein, als für irgend Jemanden." „Mein liebes Kind", antwortete Etienne mit leichtem Vormurf in seinem Ton, „Damen sind nicht eingeladen, Du natürlich auch nicht. Madame Lorenzi gibt ihr Ban- quet den Dichtern, aus deren Werken sie gestern Abend vorgelesen hat, und nach dem Essen will sie uns Kritiken mittheilen." Fernande schwieg. Sie sah ein, daß sie keine Einladung erwarten konnte, und fühlte sich nichtsdestoweniger enttäuscht; jedoch nur für einige Minuten, sie war zu glücklich, um an sich selbst zu denken. Sie sagte sich, er sei der Dichter, nicht sie, und wie hätte sie in solcher gelehrten Gesellschaft erscheinen sollen? Sie sah Etienne wieder mit heiterer Miene fortgehen, und als er spät Abends noch nicht zurückgekehrt war, legte sie sich mit glücklichen Träumen zu Bett. Madame Lorenzi's deutliche Gunst bewies den Wunsch, ihnen zu helfen. Sie sank bald in den liefen ununterbrochenen Schlaf der Jugend und Hoffnung. Am andern Morgen hörte sie wieder eine fröhliche Nachricht, und leider folgte ivieder ein Rückschlag. „Madame Lorenzi beweist mir entschieden ihr Wohlwollen", lauteten Etienns's erste Worte. „Heute soll ich mit ihr röta-ü-tsto frühstücken, um über meine Pläne zu sprechen, und Nachmittags will sie mich dem Präsidenten der Kunstakademie vorstellen, einem Manne, der, wenn er wollte, mir morgen ein Amt geben könnte. Und denke, Fernande, ein hiesiger Buchhändler, Pierre am Quai, erbot sich bereits zum Berleger meines Gedichts; aber ich will es nur in Paris erscheinen lassen. Ein Provinzialverlag drückt dem Buche den Stempel der Unbedeutsamkeit auf." „Erzähle mir Alles aus der Gesellschaft", sagte Fernande und suchte ihre unwill- ckürliche Verwirrung bei dem Gedanken an das tsts-ü-töta Frühstück zu verbergen. „War die Unterhaltung geistreich? Sprach Madame Lorenzi herrlich?" „Ach, Fernande, sie ist eine unvergleichliche Frau!" rief der junge Professor von wirklich dankbarem Enthusiasmus hingerissen. „Man wird von ihren Worten wie von herrlicher Musik begeistert. Sie las uns aus unseren Werken vor. auch meine Verse, und wir mußten abwechselnd weinen und lächeln bei unseren eigenen Dichtungen." „Das muß drollig gewesen sein", sagte Fernande fröhlich lachend. „Das Uebrige muß ich Dir ein anderes Mal erzählen", sagte er, in seiner Brieftasche blätternd. „Ich habe ein Dutzend Besorgungen für Madame Lorenzi zu machen. Sie hat uns Alle beschäftigt — Andrn, meinen alten Schulkameraden, dessen Gedichte vor einem Jahre veröffentlicht wurden, Bertrand, den Mitredakteur der hiesigen Zeitung, und Nager, den großen Schriftsteller aus Paris, der sich nur zuweilen herabläßt, seine Geburtsstadt und seine alten Freunde zu besuchen. Wir sind natürlich Alle stolz und glücklich, ihr dienen zu können; sie würde noch ein Dutzend ergebene Diener finden. Du weißt, sie ist auf einer Rundreise durch die Provinzen, und Alles muß vorher bestellt werden." „Hoffentlich wird uns etivas Gutes durch ihre Bekanntschaft zu Theil werden", sagte Fernande zweifelhaft und selbstsüchtig. „Erfuhren wir das Gute nicht bereits?" entgegnete Etienne. „Es ist eine Gold- Mine für einen jungen Dichter von solcher Kritiken» anerkannt zu werden. Aber nun darf ich keinen Augenblick länger zögern." Er eilte hinweg, und Fernande verlebte den langen Tag voll Einsamkeit und Hoffnung, welche jedoch nicht mehr so ungetrübt war, als am vorhergegangenen Tags. 211 4. Kapitel. Fernandcns eifersüchtige Gedanken hätten sich beruhigt, wenn sie gewußt, daß die Tragödin über ebenso viele weibliche als männliche ergebene Personen verfügte« Stets zum Wohlthun bereit war sie an Dankesbeweise gewöhnt, und ihre Ankunft in einem Ort gab das Zeichen zum Ausbruch eines Wetteifers unter ihren Bewundern. Die geringste ihr erwiesen« Dienstleistung wurde als ein Privilegium betrachtet. Die große Dame bedurfte weder einen besoldeten Secretair, noch einen Ausläufer, noch eine Kammerzofe. Ein Dutzend angehender Literaten waren zu den erstgenannten Besorgungen bereit, während bescheidene Theaterdamcn sich zu weiblichen Dienstleistungen anboten. Nie wurde eine Königin der Tragödie königlicher und für geringeren Lohn bedient. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein Händedruck schien Lohn genug, obgleich Madame Lorenzl oft substavzielle Gaben austheilte. Fernande blieb gänzlich außerhalb des belebten, fröhlichen Kreises, dessen Mittelpunkt Madame Lorenzi war. Die Tragödin hatte keinen Wunsch nach ihrer Bekanntschaft ausgedrückt, denn sie war bereits von mehreren erwartungsvoll auf sie blickenden Dichtersrauen umgeben. Für die arme Fernande war daher eine täglich zunehmende Einsamkeit das einzige Ergebniß von Etienne's Triumph. „Wieder Aufträge? Wieder Einladungen?" fragte Fernande am Morgen des sechsten Tages, als Etienue sich sorgfältig angekleidet und augenscheinlich im Begriff stand, den Tag in gewohnter Weise zuzubringen. „Meine liebe Fernande", antwortete Etienne verletzt, „Du grollst doch nicht über irgend einen Zeitaufwand, den ich dieser Dame widme?" „O, nein; aber — ist etwas in Bezug auf das Gedicht geschehen?" fragte sie, besorgt den Hauptpunkt im Auge zu behalten. „Hast Du Aussicht auf Beschäftigung?" „Ja, ich habe Aussicht —" Er sah sie durchdringend an und fügte sichtlich zögernd hinzu: „Ich sollte auf kurze Zeit nach Paris gehen. Das wäre das Beste. Bist Du damit einverstanden?" Thränen traten in Fernandens Augen, denn sie verstand augenblicklich, daß er nach Paris reisen und sie allein zurücklassen wolle. „Wir müssen heute Abend darüber sprechen", sagte er hastig. „Du wirst sehen, wie vortheilhaft es wäre, wenn ich dort sogleich durch Madame Lorenzi in literarische Kreise eingeführt würde. Wegen der anhaltenden Kälte will sie die Reise aufgeben und in acht Tagen nach Paris zurückkehren. Sie will Alles, was sie kann, für mich thun." Fernande hörte ihn an und ließ ihn ohne ein Wort der Erwiderung weggehen. Als er am Abend wieder über seinen Plan sprach, sagte sie Nichts. Jede Einwendung, die nicht aus seinem Herzen kam, schien ihr nutzlos. Sie hörte traurig und erstaunt zu und fragte sich, welcher Zauber ihren Mann gegen seine Pflicht verblende. Konnt« die große Künstlerin mit ihrer fast kindlichen Gutmüthigkeit und ihrem herzgewinnenden Lächeln eine Ahnung von dem Leid haben, welches sie bereitete? Etienne war stets zur Bitterkeit und Unzufriedenheit geneigt gewesen, aber bisher hatte» nur die Wolken der Armuth ihr eheliches Leben getrübt. Beide besaßen kein Vermögen und keine Connexionen, sie hatten einander aus Neigung gewählt und waren im bescheidenen Wohlstand glücklich gewesen. O! Es war hart, dachte Fernande, daß sie in einen Fallstrick des Mißgeschicks gerieth, indem sie dem Glück nachging. Als sie mit dem Manuskript ihres Mannes unter ihrem Tuch schüchtern vor die große Dame trat, wie wenig konnte sie da solche Möglichkeit voraussehen — ein wachsendes Mißtrauen von ihrer Seite und eine wachsende Entfremdung von seiner Seite. In diesen ersten Augenblicken des Schmerzes glaubte sie, daß ihr früheres Glück nie wiederkehren könne I An einem frühen Morgen — dem letzten des Jahres — rüstete Etienne sich wie gewöhnhnlich zum langen Tagesauszug. Fernande konnte ihre eifersüchtige Gedanken nicht langer zurückhalten. Bleich und hohläugig von durchweinter, schlafloser Nacht sagte sie, während sie den Kaffee in seine Tasse goß: „Morgen ist der Neujahrstag, Etienne» 212 Du wirst wenigstens diesen für mich behalte», nicht wahr? Wir haben kein Geld zum Einkauf der Geschenke, aber wir werden wie gewöhnlich Besuche machen." Er trank rasch seinen Kaffee und that, als bemerke er ihren erwartungsvollen Blick und das Zittern ihrer Stimme nicht. „Laß uns zuerst unsere Angelegenheiten ordnen, und dann unsere Neujahrsbesuche machen, mein Kind. Du bist ehrgeizig, Fernande, Du wünschest mich als Dichter anerkannt zu sehen; also kannst Du nichts gegen die Reise nach Paris haben. Was ist es, wenn ich einige Wochen abwesend bin und mit reichen Mitteln zurückkehre?" Diese übrigens wohlgemeinten Worte hatten einen unbeschreiblich barschen Klang für Fernande. Vor einem Augenblick war sie bereit gewesen, sich an seine Brust zu werfen und alle ihre Befürchtungen auszuweinen; jetzt blieb sie hoffnungslos stumm und kalt. Ein ihr unbekanntes Etwas in seiner Stimme, ein Hauch der Leichtfertigkeit schien sie mehr als je von ihm zu trennen. Als er nach einem kalten, hastigen Adieu wegging, fühlte sie eine Erleichterung allein zu sein; aber im Laufe des Tages wurde die Einsamkeit immer unerträglicher. Sie hatte keine Lust zu ihren häuslichen Beschäftigungen; sie konnte die Börse, welche sie zum Neujahrsgeschenk für Etienne gestrickt, nicht beenden — welch ein Hohn wäre jetzt solche Gabe! Endlich nahm sie Hut und Shwal und ging aus. — Ein Sturm mit Regen und Hagel war vorübergegangen; jetzt schien die Sonne, und die Straßen zeigten das fröhlichste Treiben. Jedermann war ausgegangen, um die Neujahrsausstellungen in den Ladenfenstern zu sehen und Einkäufe für morgen zu machen. Fernande fühlte sich trostlos verlassen, als sie den belebten Quai erreichte und sich in der Gartenanlage zwischen der Straße, der Eisenbahn und dem Fluß setzte. Auf derselben Bank hatte sie vor vierzehn Tagen gesessen, als die verhängnißvolle Botschaft ihr zugeflattert; jetzt fuhr eine Equipage vorüber, in welcher ihr Mann und Diadame Lorenzi saßen. Es war durchaus nichts Außergewöhnliches in diesem Zufall. Die große Dame hielt keinen Lakei und fuhr nie aus, ohne einen ihrer ergebenen, Diener zur Seite zu haben. Ihr Sammetkleid sollte nicht den Straßenschmutz streifen, wenn sie unterwegs ein Zeitungsblatt oder eine Schachtel Bonbons zu kaufen wünschte. Jemand mußte sie dieser Mühe überheben, und stolz und glücklich war die von ihr bevorzugte Person. Heute war Etienne an die Reihe gekommen; kein Wunder, daß sein Gesicht vor Freude glühte, während er der von Witz und Verstand sprudelnden Unterhaltung seiner Gefährtin zuhörte; kein Wunder, daß er in dieser Stunde Fernandens angstvolle Blicke und die daheim nagenden Sorgen vergaß. Die unglückliche junge Frau legte jedoch seiner lebhaften Fröhlichkeit eine ganz andere Bedeutung bei, als den Reiz einer Stunde, die Zerstreuung eines Tages. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und einem Herzen, in welcher» die Hoffnung erstarken war, stand Fernande auf. Sie zog ihren Schleier vor das Gesicht und entfernte sich eilig in einer ihrer Wohnung entgegengesetzten Richtung. Wie traurig sind oft die Folgen eures einzigen Mißverständnisses! (Schluß folgt.) Goldrörner. glückselig nenne ich den, der, um zu genießen, nicht nöthig hat, Unrecht zu thun und, um recht ^iu handeln, nicht nöthig hat, zu entbehren. Schiller. Es tauscht der Mensch den Vortheil der Gesellschaft Nur für die Freiheit seines Herzens ein; Je größer jener Vortheil, desto mehr Geht auch von dieser Freiheit uns verloren; Denn immer zwingender, je höher wir Im Leben steigen, ist die Macht der Dinge Naupach. Nur ein Mädchen. (Aus der Selbstbiographie eines Säuglings.) Da liege ich in einer schönen Wiege. Ich bin erst seit anderthalb Stunden auf der Welt. Üm mich her tiefe Stille, nur zuweilen tritt Jemand an die Wiege und zeigt mich verschiedenen Personen, die alle viel größer sind als ich und zum Theil Bärte haben, zum Theil auch nicht. Und dazu sagt sie in der Negel: „Nicht wahr, ein hübsches Kind?" Oder: „Ist es nicht reizend?" Worauf die Betreffenden wie unwillkürlich lächeln und sagen: „Sehr lieb." Dann rathen Sie wem ich gleiche. Es scheint, daß mein Wesen aus den Bestandtheilen verschiedener Personen besteht und daß ich eigentlich gar nichts eigenes besitze, denn aus dem bisher Gehörten muß ich annehmen, daß ich Mama's Augen» Papa's Stirne und Großpapa's Kinn habe, während auf meinen Mund mehrere Mitglieder der Familie Anspruch erheben. Aus Eigenem habe ich also während meines kurzen Daseins recht wenig erwerben können. Nun, das ließe ich mir noch gefallen, Eines aber verbittert mein junges Gemüth. Ein junger Mann steht neben den Besuchern. Dieser junge Mann ist mein Papa, dem ich schon so früh und wahrlich ohne meinen Willen Kummer verursacht haben mag. Denn sein Antlitz ist trüb und ernst, und manchmal zerdrückt er eine Thräne im Augenwinkel. Anfangs glaubte ich, er sei so bekümmert über den Zustand Mama's, welche in einem Bette liegt, ganz nahe bei mir; aber Mama fehlt nichts. So viel merk' ich, daß ich etwas verfehlt habe, irgend eine Unbesonnenheit gethan — aber ich möchte wissen, was das ist und bin auch entschlossen, dahinter zu kommen. Jetzt tritt Großmama in's Zimmer, mit einigen Visitkarten und Depeschen; lauter Gratulationen und sie zählt Mama die Namen auf. „Ernst, Dein Vater gratulirt ebenfalls", sagt sie zu Papa. — „Wie ist das Telegramm abgefaßt?" fragte er. Großmama ließt vor: „Enkelchen willkommen, grüße herzlich; Euch, meine Kinder, umarme küssend. Acht geben Lilla's Gesundheit. Komme Anfang nächsten Monats. Paul." „Hab's ja gewußt", sagte Papa düster. — „Was hast Du gewußt?" fragt Großmama. — „Daß er erst nächsten Monat kommt, denn er hat ja vorher geschrieben: wenn es ein Junge ist, fliege ich, wenn aber ein Mädchen, dann krieche ich nur zu Euch. Er wird also kriechen." Mit gespanntem Ohre hörte ich diese Worte, denn soweit mein jugendlicher Scharfsinn sich auf Combinationen einlassen kann, mußten diese Reden den Schlüssel des Geheimnisses enthalten. „Ernst", sagt jetzt Großmama, „Du könntest wahrhaftig Vernunft annehmen. Sieh doch, die arme Lilla ist so gekränkt." — „Nun, in ein paar Tagen wird ja auch mein Verdruß verschwunden sein", sagt Papa etwas gereizt, „ab-r kann ich es leugnen, daß ich heute meiner nicht Herr bin? Heute verdrießt mich das Ding, es ärgert mich. Ich war meiner Sache so sicher." — „Nun ja, weil Ihr in Eurer Familie lauter Jungen habtl" — „Und dann", unterbricht sie Papa, „ist es nicht verdrießlich, daß wir jetzt gar nicht wissen, auf welchen Namen wir sie taufen tollen?" Diese Worte Papa's waren sozusagen mit herzzerreißender Verzweiflung ausgesprochen und ich beginne nun allgemach zu fühlen, daß ich in der That einen großen Fehler beging, als ich gegen den Willen meiner lieben Eltern es wagte, als Mädchen geboren zu werden. — Die Großmama ist eine eifrige Verfechterin meiner Sache. Sie tritt zu mir lüftet meinen Schleier und betrachtet mich lange, dann sagt sie: „Armer, kleiner Wurm! Darum hast Du geboren werden müssen . . . Aber die Vater sind so egoistisch! Sie denken nur an sich. Sie brauchen einen Sohn, der ihren Namen führt, damit der Name, der große Name, der Familienname nicht aussterbe. Damit Jemand da sei, der Cariöre macht, so daß ihre Eitelkeit sich darin bespiegeln kann. Und so oft er etwas Großes vollbringt, können sie dann sagen: Das ist mein Sohn! Wie aber, wenn er ein Lump wird, ein Schuldenmacher, ein Wechselritter, oder wenn man ihn im Krieg oder Duell todtschießt? — Da lob' ich mir doch ein Mädchen! Das ist ein ganz anderes Ding. Der Sohn, wenn er erst einmal aus Papa's Schublade eine Cigarre gemaust hat und ihm davon — 214 — Übel geworden ist, fühlt sich als ganzer Mann, Papa und Mama sind nicht mehr stark genug für ihn und er kann es kaum erwarten, daß er aus dem Elternhaus« fortkomme, als sein eigener Herr, dem kein Mensch mehr befehlen kann. Er wird ein Gast im Vaterhause» sein Heim ist anderswo. Die Tochter ist's» die die Flamme am elterlichen Herde entzündet. Sie belebt, verschönt das Haus, sie erheitert es und erwärmt es in trüben Stunden» Wenn man sie dann hinwegführt — denn man führt sie, sie geht nicht — scheidet sie unter Thränen vom theuern Heim und sie sehnt sich stets dahin zurück. Ihre Heimath ist das Elternhaus» wohin sie heimzukehren pflegt, auch dann, wenn sie einen eigenen Herd besitzt . . . Und wenn ihre Eltern alt geworden, wer besucht sie in ihrer Einsamkeit, wer eilt zu ihnen, sobald das geringste Unheil droht, wer pflegt sie und ist ihre beste Stütze? Die Tochter! Und dennoch wird sie so unfreundlich empfangen." Diese Rede, welche meine Aufmerksamkeit nicht wenig ermüdete, mag auf Papa doch einigen Eindruck gemacht haben, denn er sagte in entschuldigendem Tone: „So hatte ich's ja auch nicht gemeint" .... Dann war Alles still. Mir aber war Klarheit geworden. Jetzt erinnerte ich mich an den sonderbaren Ausdruck, init dem ich gleich, als ich mich zum ersten Male im Zimmer umsah die Leute hatte sagen hören: „Ein Mädchen!" Neue Besuche erschienen, lauter Verwandte. Ich werde Allen gezeigt und die Meisten sehen mich mit einer gewissen Geringschätzung an. Und immer wieder das Bedauern: Schade, daß es kein Junge ist." Schließlich wird diese verächtliche Behandlung selbst Papa zu arg. Ich gewahre mit Befriedigung, daß er sich gegen den Einen und den Andern in Vertheidigungsstellung setzt. Besonders einen jungen Vetter hat er ordentlich gezaust, weil derselbe etwas spöttisch bemerkt hatte: „Siehst Du, Ernst, Du hättest nicht im Voraus so groß thun sollen!" — „Na warte nur", entgegnete Papa, „das Mädchen soll nur groß werden, die wird einmal eine Ballkönigin, wie sie im Buche steht, aber Deine zwei Buben sollen sich um sie die Beine umsonst ablaufen." Ich muß gestehen, daß dieses Vertrauen in meine dereinstige Eroberungsfähigkeit meiner zarten Seele wohlthat und mich einigermaßen mit dem bisherigen mürrischen Benehmen Papa's gegen mich versöhnte. Ueberhaupt beginnt er sich zu ändern. Je mehr man ihn hänselt, desto eifriger vertheidigt er mich. Einmal hat er sogar schon gesagt, er freue sich, daß ich ei» Mädchen geworden, und hat hierfür dieselben Argumente angeführt, welche Großmama eben erst gegen ihn gebraucht hatte. Diese Mannsleute sind doch ein drolliges Völkchen; ihre Ueberzeugungen wenigstens stehen auf recht schwachen Füßen. Plötzlich kam ein eigenthümlicher Laut vom Bette her. Wie leises, verhaltenes Schluchzen. Auch Papa hat es gehört und sieht sich erschrocken um. „Was hast Du, Lilla?" sagt er, indem er hastig an's Bett tritt. „Was sehe ich? Du weinst? Um Gott, diese Gemüthsbewegung könnte Dir schaden!" Mama antwortet nichts, das Schluchzen wird leiser, nur ab und zu bricht es in einem abgerissenen Laute los, mit einem tiefen Seufzer vermischt. „Warum weinst Du, mein Kind?" fragt Papa recht besorgt. Aber Mama erwidert kein Wort. Papa redet ihr bittend zu, er gibt ihr die liebsten Namen; umsonst, er kann ihr Herz nicht erweichen. Die Großmutter tritt ein und sieht erstaunt die Thränen auf Mama's Antlitz.' „Ich bin in Verzweiflung", klagt Papa, „Lilla will mir nicht sagen, was sie drückt." — „Und Du erräthst es nicht?" fragt Großmama. — „Wie sollte ich?" — „Du hast ja Deine Tochter noch nicht einmal geküßt!" — Papa springt auf! „Darum weinst Du, Lilla?" Und rasch trat er an meine Wiege, hob mich heraus, trug mich zu Mama hin, aus deren Augen nur Liebe, eitel Liebe mich anstrahlte. Mit diesem Ausdruck hat mich noch Niemand angesehen. Papa aber faßte mich, ich fühlte die Berührung eines Vaters, was mich ein wenig kitzelte, dann rief er: „Mein liebes, kleines Mädel!" Und er bedeckte mein Gesicht mir Küssen, so daß mich sein Bart ordentlich stach und ich heftig zu weinen begann. „Um Gvttesmillen, Du erdrückst es ja!" sagte Mama, gebt es her!" Und man legte mich dicht neben sie auf die blauseidene Decke. Mama sah mich lange, lange an. Da verging mir das Weinen. „Bist Du glücklich?" flüsterte Mama. Und Papa küßte sie und sagte: „Ich bin glücklich." M i s e e l l e,r. (Eine Prophezeihung für den diesjährigen Frühling.) Der bekannte, französische Astrolog Notredame (Nostradamus),,der im siebzehnten Jahrhundert lebte und die Geschicke Frankreichs aus Jahrhunderte im vorhinein in schönen Versen verkündet hatte, hat für den heurigen Frühling folgende. Prophezeihung hinterlassen: „Ln mil stuit ovuts ffuutrs-vwAt trois, (jnunck on varra varäir los b»,is, Oontro Asno ot Lontl'L mslestunes, Dn doiteux suuverw lu j^rnneu." (Im Jahre tausendachthundertachtzigunddrri, Wenn von den Bäumen werden die Knospen springen, Allen Hindernissen zum Trotz Wird ein Hinkender Frankreich Rettung bringen.) Diese Prophezeihung wird nun auf den Grafen Chambord, welcher ein wenig hinkt, bezogen. Nostradamus hat bekanntlich auch von Napoleon III. verkündet, daß er »achtzehn Jahre weniger ein Viertel, nicht einen Tag mehr, nicht einen Tag weniger regieren werde," und so ist es auch eingetroffen. (Der schlaue Caro.) Jägerlatein. Akiba, der alte Ben, würde seinen weisen Ausspruch: „Es ist alles schon dagewesen," nicht gethan haben, wenn er meinen Caro gekannt hätte. Ja, ja, ich sage Ihnen, meine Herren, mein Caro ist ein merkwürdiges Thier. Aber einmal, da hat er mir doch eine schöne Geschichte angerichtet. Früh Morgens bekam er immer das Semmelkörbchen in's Maul, darin schön in Papier eingewickelt das Geld, um beim Bäcker das Frühstücksgebäck zu holen. Lange ging das so fort. Da bekomme ich aus einmal zu Neujahr von, Bäcker eine Rechnung. Na, denke ich, das ist hübsch, bin ja dem Menschen gar nichts schuldig. Ich ging also hin und fragte den Bäcker, wie das komme, da das Geld täglich im Körbchen lag. Das gab aber der Bäcker nicht zu und bestand auf Bezahlung der Rechnung. Nicht lange darauf mußte ich einmal noch vor dem Frühstück fortgehen. Wie ich beim Fleischer vorbei komme, springt gerade der Caro heraus, das Semmelkörbchen um den Hals und gar fröhlich an einer fetten Knackwurst kauend. Hat also der verfluchte Kerl sich jeden Tag eine Wurst gekauft und ist dem Bäcker die Semmeln schuldig geblieben: nun wußte ich, wieso die Bäckerrechnung entstanden war. Ja, meine Herren, 's ist ein merkwürdiges Thier, mein Caro. (Varus, gieb mir meine Legionen wieder.) In einem Provinzial-Theater wird ein pompöses Drama aufgeführt, in welchem der Hauptdarsteller zu sagen hat: „Varus, gieb mir meine Legionen wieder!" Varus, der sich nicht an die Antwort erinnern kann, die er zu geben hat, bleibt sprachlos. „Varus," wiederholt der Erste „gib mir meine Legionen wieder." Varus (?) immer verwirrter, sieht ein, daß er seinen Partner unmöglich ohne Erwiderung lassen kann. Schon aber ruft dieser zum dritten Mal: „Varus, so gib mir doch meine Legionen wieder!" Hierauf Varus rasch entschlossen: „Wenn Du so schreist, dann bekommst Du sie erst recht nicht." (Ein in Berlin bekannter Musiker) spielte dieser Tage in einem gemischten Konzert in einer Provinzialstadt. Als er als Arrangeur des Konzerts das Programm dem Unternehmer zur Drucklegung brachte, schien es demselben, als wäre der Berliner Musiker zu karg gewesen» Er äußerte sein Bedenken. Der Virtuose erwiderte: „Lassen Sie'S gut sein, wenn applaudirt ivird, spiele ich zum Schluß noch die Mazurka von M" Der Unternehmer gab sich zufrieden. — Auf dem Programm, welches am Abend ausgegeben wurde, fand sich aber wörtlich folgende Fußnote: üiÜ. Wenn applaudirt wird, spielt Herr G. noch die Mazurka von T. (Geometrische Scherzfrage.) Wo liegt die Spitze des Kreises? — Antwort: „Der Herr Landrath liegt auf dem Sofa." 216 (Redaktionelle Menagerie.) „Sie, Herr Wolf, welcher Esel hat denn statt dem auf Urlaub befindlichen Fuchs den zweiten Leitartikel geschrieben?" — Entschuldigen Sie Herr Hirsch, weil der Hahn nicht da war, hat der Bär geschrieben." — „Sagen Sie dem Bär, daß er «in Ochs ist." (Der rücksichtsvolle Hund.) „Sie, hören's, Ihr Hund heult ja die ganze Nacht hindurch!" — „Geltsn's ja, das gute Thier! Wenn er den ganzen Tag so heulen thät, könnten die Leut' gar nichts arbeiten!" F1! ühlirigs - Stimirren. IrühUrigoUed. Nach Heine. Leise zieht durch mein Gemüth Wonnig Lenzeshoffcn, Kling' hinaus, du Frühlingslied, Such' nach warmen Stoffen! Wo du einen Wirth erschaut, Welcher hat zum Frommen Seiner Gäste Grogk gebraut, Sag', ich werde kommen! Job des Urühlings. Nach Uhland. Schneegestöber aus Nordost, Windesbrausen, Hagetschlag, Zehn Grad Kälte, Eis und Frost! Wenn ich solche Worte singe, Braucht es dann noch großer Dings, Dich zu preisen, Frühlingstag! Getäuschtes D offen. Die Frühlingslnste sind erwacht, Es kam der Lenz leis über Nacht Auf woll'nen Wlnterjocken; Nicht hat er, wie zu andrer Zeit, Mit Blüthen sich den Weg bestreut, Ach nein! mit jchnee'gen Flocken. Es stürmt und friert an jedem Tag, Was erst der Sommer bringen mag, O weh! wer sieht dahinter? Die Köhleurechnung schwillt und schwillt, Aus tiefster Brust der Seufzer quillt: Ach! wär' es doch erst — Winter! Das erste Detlcherr. An einem sonn'gen Wieienhang Wußt ich bei alten Linden I» jedem März beim Lenzanfang Veilchen genug zu finden. Doch als ich diesmal suchend kam, Versank ich fast im Eise, Und über mir rauscht' wundersam Die Linde diese Weise: Was will der Fant? Der blöde Thor Sucht Veilchen hier am Hügel? Ihr Winde, klatscht ihm um das Ohr, Peckscht ihn, ihr Stnrmesflügel! Und sieh! fort war mein Hut geweht, 's war einer von den besten — Wohin die Weltgeschichte geht, Entflog auch er: gen Westen. Da riß ich aus, dem Hanfe zu. Ersaßt von jähem Schrecken, Doch einen Gummi-Ueberschuh, Den ließ im Schnee ich stecken. Wanderlust. Nach Geibel. Der Lenz ist gekommen, die^Schlitten heraus, Wie läuten sie lustig in's L-chneeseld hinaus! Wie tanzen die Flocken und wirbeln so wild, Wie schimmern frostbläulich die Nasen so mild! Frisch aus drum, hinaus auf die blinkende Bahn, Am Wege der Schneemann glotzt freundlich mich au, Und hoch in den Lüften begleitet den Zug Der Raben Geschrei und ihr kreisender Flug. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt', Ich fahre gen Lappland, wo die Sonne noch glüht, Wo der Frühling noch leuchtet aus saftigem Moos, Beim Rennthier, ich ahn' es, da ist noch was los, Und Abends im Stüdllein verklammt kehr' ich ein, Wie weit noch, Herr Wirth, mag's bis Hammer- fest sein? Ich suche den Frühling, möcht' einmal noch seh'n Den Reanmur über dem Nullpunkte steh'n. Im Süd ist er nimmer, wo soll er denn sein? Bei den Robben am Rordcap, da schlief er wohl ein! Greif aus drum, mein Rößlein, und fliege die Bahn, Wie Thanwind schon weht es aus Norden heran. O Wandern, o Wandern, du freie Bnrschenlust, Im lenzlichen Rauhfrost, wie hebt sich die Brust! Wenn Rum und heiß Wasser die Kehlen frisch halt, Wie klingt da und jauchzet der Sang durch die Welt! mn.) Auslösung des Original-Räthsel in Nr. 26: „Verstand." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. »ur „Äugsdurger PostMimg." 28. Samstag, 7. April 1883. I e r n a rr - e. Aus dem Englischen von M. Beth am-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Schluß.) 5. Kapitel. In der Neujahrsnacht findet in ganz Frankreich ein feierlicher Gottesdienst zum Jahresschluß und Gesang statt: Die sogenannte veiläo oder mitternächtliche Messe; und auf dieselbe folgen Geselligkeiten der Verwandten und Freunde beim heitern Festessen. Seit ihrer Verheirathung hatten Etienne und Fernande jedesmal einige Freunde aus der Kirche mitgebracht und ihnen zu Ehren ein kleines Gastmahl bereitet. Aber an diesem Neujahrsfest konnten sie sogar an dieses bescheidene Vergnügen nicht denken und hatten auch keine Einladung erhalten. Fernande liebte die Kirchenmusik. Bei dieser Gelegenheit werden die schönsten Kompositionen der großen Meister in Orchestermusik und Solo- Gesängen aufgeführt; besonders die Klosterkapellen wetteifern miteinander in den musikalischen Leistungen zur Freude der versammelten Gemeinden. Vorzugsweise in die Kapelle Mariä Heimsuchung eilten die Musikfreunde, weil dort wohlgeschulte Stimmen und ausgezeichnete Orchestermusik zusammenwirkten. Die Klosterschwestern waren größtentheils Töchter aus vornehmen Familien und führten ein beschauliches Leben. Ihre schwarzgekleideten Gestalten hinter einem eisernen Gitter bildeten einen ernsten Gegensatz zu der festlich gekleideten Versammlung in der mit Blumen, Guirlanden und Bannern geschmückten, glänzend erleuchteten Kapelle. Lange vor Mitternacht war der Raum derselben gedrängt voll. Trotz des sehr unangenehmen Wetters kamen große Schaaren zu der erhebenden Jahresfeier. Nach einen: heiter verlebten, dem Dienste der Künstlerin gewidmeten Tage war Etienne von Madame Lorenzi entlassen worden. «Es ist Sylvester-Abend", sagte sie freundlich, „Ihre Frau wird Ihre Begleitung zur Kirche wünschen. Ich bin zu einem Abendessen und zu einer vsilss eingeladen. Wollen Sie morgen Ihre Frau zu mir führen? Wir können dann weiter über Ihre Pläne sprechen." Etienne stammelte unvorbereitete Dankesworte; er fühlte sehr wohl, daß diese Einladung zu spät kam. Er eilte jedoch in fröhlicher Stimmung heim, entschlossen sie von der Wichtigkeit seiner Reise nach Paris zu überzeugen und ihre thörichte Eifersucht zu verscheuchen. Wenn sie nicht mehr den Etienne früherer Tage in ihm fand, so konnte er jetzt noch weniger die stets liebevolle, vertrauende Fernande in ihr finden. Zu seinem Erstaunen war seine kleine Wohnung finster, kalt und verlassen, Fernandens Hut und Shaw! nicht am gewohnten Platz. Die späte Stunde, das Ungewöhnliche ihrer Abwesenheit, der kalte Abschied am Morgen fielen ihm schwer auf das Herz. „Fernande! Fernande!" rief er immer wieder vergeblich. Er setzte sich schwindlig geworden nieder; alle fürchterlichen Möglichkeiten gingen durch seinen Sinn. Sollte Fernandens Verschwinden eine unaussprechlich entsetzliche Bedeutung haben? Hatte die - 218 - Entfremdung der letzten Tage sie in einer an Verzweiflung grenzenden Stimmung aus ihrer Heimath getrieben? Er stand endlich auf und suchte nach einem Briefe oder Ab- Hchiedszeichen. Zufällig erblickte er daS leere Futteral ihres Gebetbuches; dieser unbedeutende Umstand befreite ihn von seiner schlimmsten Furcht. Fernande war eine regelmäßige Besuchen» der Maria-Heimsuchung-Kapelle und hatte mehrere Freundinnen unter den Klosterschwestern. Vielleicht war sie nur zu der mitternächtlichen Feier weggegangen. ^Dennoch blieb sein Gemüth beunruhigt, und ein Scherz aus den ersten Tagen seiner Ver- Heirathung kam ihm in Erinnerung. «Wenn Du je hart gegen mich bist", hatte Fernande mit dem glücklichen Vertrauen einer Neuvermählten gesagt, so werde ich einen Zufluchtsort bei den guten Nonnen suchen." „Worauf er lachend geantwortet: „Auf Deine Gefahr! Ich würde Dich dem Lanves- gesetz gemäß durch zwei Gensdarmen holen lassen!" Diese Scherzworte gewannen jetzt eine bittere Ironie; Etienne machte sich auf den Weg nach der Kapelle Mariä Heimsuchung und fühlte fast sicher, daß er Fernande dort treffen werde. Er gehörte zu den ersten Ankömmlingen; aber obgleich die Kapelle noch Hast leer war, hatten sich die Nonnen schon im vergitterten Raume versammelt. Zwischen Hwei schwarz verhüllten Gestalten kniete dort Fernande in ihrem schwarzen Kleide und Hangen Schleier kaum weniger düster! — Er erkannte augenblicklich die Wahrheit. Sie Hatte die in glücklicheren Tagen scherzhaft ausgesprochene Drohung verwirklicht. Sie hatte ihren Mann vielleicht für immer verlassen wollen! Unterdessen füllte sich die Kapelle; die Zeit verstrich und bald verklang ein Herr« liches Präludium der Orgel; dann folgte eine Aufführung der majestätischen Musik von Spohr. Auf keinen der Anwesenden übten die Klänge eine so erschütternde Wirkung als auf den Mann und die Frau, welche nur durch einen geringen Raum, aber durch einen tiefen Bruch des Mißtrauens und Zornes von einander getrennt waren! Fernandens Herz sehnte sich schon nach Etienne, und die Musik schien Liebe, Mitleid-und Vergebung zu erbitten. Auch die feierliche Stunde stimmte sie weich. Man stand auf der Schwelle des neuen Jahres; jetzt war der Zeitpunkt mit allen Menschen Frieden zu schließen und vor allen Anderen mit dem geliebten Manns, mit welchen! sie sich am Altar unlöslich verbunden. War er wirklich des Ehebruchs schuldig und sie zu dieser Entfernung von ihm berechtigt? Gegen diese durch die Lehre der Kirche unumstößlichen Mahnungen des Gewissens stritten leider die schmerzlichen Erfahrungen der letzten Zeit: Etienne's zunehmende Kälte, seine Bethörung durch die Pariser Dame, sein Entschluß mit ihr zu reisen. „O, nein", seufzte Fernande beim Gedanken an das fröhliche Paar in der Equipage, E«s kann nie wieder wie früher zwischen uns werden. Mag er nach Paris reisen und Nuhm und Reichthum zu gewinnen. Ich bin zu einfach zu seiner Gefährtin. Ich will meine Tage im Klostersrieden beschließen, wenn er nicht zu mir zurückkehrt." Lange nachdem die Kirche leer geworden und die Menge sich zerstreut hatte, wartete Etienne draußen und hoffte, Fernande werde kommen. Er war ebenfalls tief bewegt von der Musik und dem feierlichen Gottesdienst; aber auch er dachte, gleich Fernande, mehr on seinen eigenen Schmerz, als an den ihr verursachten Kummer. Sie war, nach seiner Meinung» so blind, so unüberlegt; sie wollte nicht einsehen, daß er nur an das Beste für sie Beide dachte; daß er ebenso ihr Wohl und Glück als die Erfüllung seiner liebsten Wünsche zu erfüllen suchte. Sorgenvoll und erbittert kehrte er endlich nach Hause zurück; er tadelte sich selbst, Fernanden und das böse Schicksal. War eine glückliche Lösung dieser traurigen Verwicklung möglich? Gleich Fernanden glaubte er, daß die frühere Einikeit nie wieder zwischen ihnen herrschen könne. 6. Kapitel. Der Neujahrsmorgen brach sonnig an, es war klares, schönes Winterwetter, und hie Güte und Freundlichkeit der Menschen wendete sich gleich der Sonne auch den Ver- 219 lassen«» zu. — Beim Eintritt in seine einsame Wohnung fand Etienne bereits einige kleine Neujahrsgeschenke, welche durch das Fenster geschoben worden waren, wie es in Frankreich Brauch ist, wenn Niemand die Thüre öffnet. Die Augen des jungen Mannes ruhten gleichgültig auf den mit bunten Bändern umwickelten Bonbonpacketen, den Gaben ebenfalls unbemittelter Freunde. Jemand hatte eine reizende blühende Cyclame geschickt, die das Zimmer verschönte, aber Etienne freute sich nicht über die Blume. Er dachte an Fernande und an den Contrast zwischen diesem und dem vorigen Neujahrsmorgen. Trotz schwerer Sorgen war er damals glücklicher gewesen, denn keine Wolke trübte seine Liebe, Fernande tröstete ihn und wußte ihn in der Betrübniß zu Gott zurückzuführen. Der heilige Tag, das Bewußtsein eines neuen Lebensabschnittes stimmte ihn weich und sogar reuevoll. Er tadelte Fernande wegen ihrer Entfernung, aber er tadelte jetzt auch sich selbst, weil er ihr vie Veranlassung dazu gegeben. Ueberdies wie wenig konnte die große Dame aus Paris je für ihn sein! Wie unbedeutend war er in ihren Augen! Aber Fernande war sein Weib, und er wußte, daß er ihr Alles war. Er betete jetzt um Vergebung seiner Gottvergessenheit, um Versöhnung mit seiner Frau. In seinen ernsten Gedanken störte ihn der Briefträger, welcher das Fenster in die Höhe schob und wie gewöhnlich rasch und schweigend die Briefe auf das Fensterbrett fallen ließ. Einer der Briefe, von ungewöhnlicher Größe mit einem Wappen gesiegelt, erregte Etienne's Aufmerksamkeit. Er nahm ihn und erkannte die Handschrift der Tragödin in der Adresse an seine Frau. Er brach das Siegel — die Gatten hatten nie Briefgeheimnisse vor einander gehabt — und er traute kaum seinen Augen beim Lesen folgender Worte: „Madame Lorenzi's Neujahrsgabe für Etienne Kalogne's Gattin." Die Zeilen standen mit Bleistift unter einem offiziellen Document, in welchem der Maire und die Stadtverordneten auf Madame Lorenzi's Empfehlung den Dichter Monsieur Etienne Kalogne zur vacanten Stelle des Stadtbibliothekars beriefen und ihn ersuchten, sein Amt sogleich anzutreten. Dieser Brief brachte weder Ruhm noch Reichthum, noch die Erfüllung seiner Lieblingsträume; aber er brachte die Anerkennung seiner Mitbürger, ein gesichertes Einkommen in ehrenhafter Stellung und Muse zur literarischen Beschäftigung — das war besser als Ruhm, dacht« Etienne im ersten Ausbruch seiner Dankbarkeit und Freude. Er war nicht »»ehr ein Bettler, und Fernande sollte nun eine gesicherte Heimath habe». An diesem Tage versöhnten sich die Gatten und dankten fröhlich vereint ihrer Wohlthäterin. Die äußerst gutmüthige, aber schalkhafte Tragödin erzählte Etienne erst jetzt wie sie in den Besitz seines Manuskriptes gelangt sei und daß er Fernanden die Verbesserung sein« Lage verdanke. «»rdrsrner. Niemanden kann seine eigene Gestalt zuwider sein; der Häßlichste wie der Schönste hat daS Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschönt, und sich Jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Goethe. Die Mensche» zu lieben ist ein leerer Gedanke, aber in dem einzelnen Menschen den Repräsen kanten der ganzen Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die nur erhabenere Seelen verstehen M a h l m a n n. Entschlossenheit gibt ein starkes Regiment, und ein starkes Regiment ist, wenn auch nicht das beste, doch das sicherste. Laube. Wer aus dem Wagen der Hoffnung fährt, hat eine Gefährtin Sicher zur Seite. Das Glück? Nein dochl die Armuth, o Freund I Herder, 220 Der Augsburger Kaufhandel mit Bayern während der ersten Hälfte des fünfzehnte» Jahrhunderts. Vertrag, gehalten im historischen Verein für Schwaben mid Neuburg. Als im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts die italienischen Städte im Süden und der Hansebund im Norden Europa's eine an Großartigkeit einzig dastehende Handelsthätigkeit entfalteten und dadurch den in der Mitte liegenden süddeutschen Städten Anlas; gaben, den Austausch zwischen den beiden Handelsgebieten zu bewerkstelligen, war es Augsburg, das vielleicht am frühesten je»e Vermittlerrolle ergriff und durch ergiebigen Großhandel sich reich und mächtig zu machen strebte. Freilich konnten jene eisernen Zeiten des späteren Mittelalters nicht dazu angethan sein, eine ruhige Entwicklung dieser Thätigkeit zu gestatten; aber wie ja stets gerade der Kampf und Widerstand die dem Menschen innewohnende Kraft erst weckt und zum Ausdruck bringt, so vermochten auch oie zahllosen Hindernisse und Störungen nicht etwa das Heranwachsen zu hemme», sondern es erhielt nur die Art ^und Weise der Entwicklung ein ganz eigenartiges, markiges Gepräge, das mit dem zwar knorrigen, aber höchst kraftvollen Stamm der Eiche verglichen werden könnte, die in Wind und Wetter emporgewachsen ist. In dieser kampfreichen Entwicklungsgeschichte des Augsburger Kaufhandels spielte nun das benachbarte Bayern eine fortdauernd wichtige Rolle: und gerade die Berührung mit diesen herzoglichen Landen bestätigt deutlich das drangjalvolle, aber unentwegt. Schritt für Schritt aufstrebende Bemühen der Stadt, welche, fortwährend bedroht durch die kriegerischen Herzoge, eben darum jeden 'günstigen Moment zu benützen suchte, um Freiheiten zu erwerben oder für erlittenen Schaden Genugthuung zu fordern. Es soll nun in dem Nachfolgenden der Versuch gemacht werden, die augsburgisch- chayerischenHandelsbeziehungen während der er ste n H äl fte des fünzehnte n Jahrhunderts zu beleuchten und damit einen Abschnitt aus der Entwicklungsgeschichte herauszugreifen, der dem im sechzehnten Jahrhundert erreichten Höhepunkte schon nahe genug steht, um bedeutend zu sein, zugleich aber doch noch so sehr den Stempel der sich erst entfaltenden, trotzig ringenden Kraft trägt, daß er von culturellem, wie von rein geschichtlichen; Standpunkte gleich anziehend erscheinen darf. l. Um da? zu erreichen muffen wir die Straßen und Stationen der bayerischen Gebiete verfolgen, welche die Augsburger Kaufleute bei ihrer Handelschaft berührten. Man weiß nun zur Genüge, daß in der mittelalterlichen Hanoelsepoche eine große Welthandelstraße von dem nordwestlichsten Deutschland den Rhein hinauf nach Frankfurt und von da quer durch Oberdeutschland bis Venedig und den andern welschen Städten zog, so, daß die Reichsstadt Augsburg gerade in dieser Linie lag. Die Straße nach Venedig war der eigentliche Nerv ihrer Handelsthätigkeit. Der Kaufmann, welcher dorthin zog, fuhr durch das H runstädter Thor aus der großen Reichsstraße südwärts .und überschritt die bayerische Grenze in der Nähe von Landsberg. Diese herzogliche Stadt gab den Augsburger» die erste Gelegenheit mit bayerischen Amtleuten und Bürgern in unmittelbare Berührung zu treten, welche Berührung denn allerdings für ihren italienischen Durchgangshandel nur ^belästigend wirkte, denn es befand sich da eine Zollstätte, die den Walseczoll von den Flößen und den jThorzoll von den per Achse verschafften Gütern forderte; auch hatten die Bürger Stappelrecht tür die »iach Italien gehende Leinwand und für den von dorther kommenden Wein. In der nächsten Station kSchongau waren die Verhältnisse die gleichen: auch hier wurde der Zoll an den Thoren und iEeläuden, sowie das Gredgeld im Kaufhause genommen. Zugleich aber begann hier eine besondere, eigenanige Einrichtung, die für die Beförderungsart der Güter von grotsem Einsinge war, nämlich 'das Rollwejen. Die Rott war eine Innung von Wagenleuten und hatte die Aufgabe, wie das Recht, lalle durchgehende;; Kaufmannsgüter auf eigenen Fuhrwerken von einer Station zur andern zu befördern, und besaß fcstbcgrenzte, durch Herkommen ivie auch durch Privilegien sankttonirte Ordnungen. Rottberechtigt waren in dem Alpengcbiete zwischen Lech und Jsar die Orte Schougau, lOberammergau, Parte nkircheu und Mitte nwald. Wenn also Kaufmannsgüter von .Augsburg herkamen und in'S Gebirge gegen Innsbruck geführt werden sollten, so wurden sie in .Schongau umgeladen, und mit Fahrzeugen, Fuhrleuten und Geleite dieser Stadt nach Oberammergau geführt. Hier erfolgte zunächst wieder eine Niederlegung der Waaren, denn das Dorf hakte seit 1332 Dtapelrecht; alsdann nahmen die daselbst ansässigen Rottmänuer die Güter in Empfang und schafften Ae nach Partenkirchen, von wo sie in gleicher Umständlichkeit nach Msttenwald und dann weiter in's Äiirslijche verschafft wurden. Kam der Kaufmannschatz aber aus dem Gebirge heraus, so wurde das Rottrecht in umgekehrter .Folge ausgeübt. Doch folgte man, statt jedesmal gerade die Lechstraße aufzusuchen, bisweilen auch dem Lauf der Jsar, auf welcher die Mittenwalder Flößer ein seit etwa 1430 ausgeübtes Wasser- Rottrecht besaßen. Ueber Wolsratshausen, wo eine herzogliche Zollstätte errichtet war, gelangte 'man danach München und traf in dieser Stadt mit einer dritten Venetianerstraßs zusammen, welche von Salzburg her über Traunstein und Roseuheim führte und von dem Augsburger Kaufmann schon deswegen sehr stark besucht war, weil sie zugleich die Verbindung mit Steiermark und 221 Körnten herstellte, welche Gebirgsländsr zn den hervorragenderen Bezugsquellen der Reichsstadt zählten. — Von München aus zog man dann durch das vielfach genannte Dachauer Gebiet aus der direkten Linie gegen Augsburg, nicht ohne vorher noch einen Aufenthalt bei der Feste Friedberg erlitten zn haben. Denn da, wo heute eine Nothbrücke die Verbindung zwischen Augsburg und Friedberg herstellt, befand sich damals eine doppelte Zollstälte: auf dem linken Lechufer sah der städtische Zöllner, ihm gegenüber war das herzoglich bayerische Zollhaus aufgeschlagen. Es liegt auf der Hand, daß, gerade wie die Feste Friedberg selbst als recht eigentliches Trutz- Augsburg den Herzogen in politischen Handeln eine willkommene Stütze bot, so der bayerische Lechbrückenzoll in Fehdezeiten dazu diente, auf Handel und Verkehr der Angsburger einen äußerst beschwerlichen Druck auszuüben; und es wundert uns nicht, zu lesen, wie die reichsstädtischen Bürger hinwiederum alles aufboten, dagegen Maßregeln zu treffe». In dem bekannten Bischofstreite des Anselm Nenninger z. B, in welchem sie durch die Bayernherzoge so viel Ungemach zn erdulden hatten, versuchten sie einmal die Friedberger Zollstätte dadurch zn umfahren, daß sie die Lechhaufener Brücke benutzten, weshalb Herzog Ludwig der Bärtige, als er es gewahrte, diese Brücke mit Querbalken und Schranken und einem in der Eile ausgeworfenen Graben versperrte. Vom Jahre 1462 aber, als sie mit Ludwig dem Reichen in Fehde lagen, erzählt Burkhard Zink: „Die von Augsburg, als sie dem Fürsten abgesagt hetten, da theten sie ein männliche Gethat: sie ließen das Zollhäuslin verbrennen und die Brück abwerfen und kamen all wohl gesund Hermieder, Gott sei gelobt!" Auch die Verbindung mit den nördlichen Handelsemporien, deren wichtigste für den Angsburger Kaufherrn Frankfurt war, brachte denselben mit Bayern in Berührung. Soweit sich allerdings die Fahrt auf den untern Lechrain erstreckte, scheinen die Angsburger auch in bayerischem Gebiete ziemlich unabhängig gewesen zu sein; denn es bestand auf dem untern Lech eine Angsburger Wasser- Rotl, deren Rechte sich auch auf die Donau bis nach Regensburg hinab geltend machten. „Item", heißt es in dem Rathsdekrete, welches im Jahre 1446 diese Rott neu ausrichtete: „man hat den Floß- leuten ernstlich empfohlen, mit trucken Flößen ordentlich ze warten, damit niemand gesaumet oder gehindert werd; man soll auch dazu Leut bescheiden, die schwören werden, Bürger und Gäst und män- niglich zu versorgen zum besten, als sich gebühret. Und die Floßleut, sollen ze Lohn nehmen gen Rain von einem Faß 3 Pfd.: item gen Neuburg von einem Faß 1 Psd. Münchner; item gen Jngolstadt von einem Faß zwen Guldin; item gen Regensburg von zwein Fudern 4 Guldinl" Wenn nun auch hier die Augsbnrger, wenigstens was den Wassertransport betraf, unabhängig blieben, so befanden sich dagegen in N a i u und Donauwörth wieder herzogliche Zollstätten, und auch, wenn man das Gebiet der Jngolstädter Herzoge hinter sich hatte, war der Einfluß der bayerischen Fürsten noch nicht zu Ende. Zur Frankfurter Messe konnte man nämlich zwei Routen einschlagen: entweder wurde der Waarenzug über Nürnberg, Würzburg und Aschaffenburg geführt, oder man begab sich durch die Gebiete der Herren von Weinsberg und Württemberg in die pfälzischen Kurfür stenthümer, um schließlich unter dem Geleite des Mainzer Erzbischoss nach Frankfurt zu gelange». Auf dieser letzteren Route also waren die pfälzischen Kurfürsten für eine ansehnliche Strecke die Geleitsherrn, und jährlich zweimal, vor der Fasten- und vor der Herbstmesse, mußte der Augsburger Stadtrath an Herzog Ludwig aus der Heidelberger Linie und an Psalzgraf Otto von MoSbach für seine lieben Mitbürger und Kaufleute schreiben, welche mit ihren Leibern und Gütern die Messe zu Frankfurt pflichtig seien zu suchen, und deshalb wohl eins freien und sichern Geleites bedürfen „vor münniglich." Es konnte aber natürlich nicht fehlen, daß in diesem Verhältnisse mancherlei Irrungen entstanden: von Seite der Kaufleute gab es Beschwerden wegen Beschädigungen; von den Herzogen dagegen lief wiederholt in Augsburg Klage ein, weil die Kaufleute, um das Geleitgeld nicht zahlen zu müssen, gar gerne die richtige Straße zu umfahren versuchten. So beklagte sich Herzog Otto ini Mai 1438, „daß die Augsbnrger der mehrer Theil die Straße für Pretheim mit ihrer Kausmannschaft schlagen und fahren", und er forderte von dem Rath Abstellung dieses Unfugs. Daiiials wußten die Stadtväter noch eine ausweichende Antwort; als sich aber 1443 dieselbe Beschwerde wiedecholte, sah sich der Rath genöthigt, sämmtliche nach Frankfurt handelnden Kaufleute vor sich zu bescheiden, „um abermals ernstlich mit ihnen zu reden, wie nicht über den Hüchelberg gefahren werde, dadurch die Stadt groß Schmach und Schaden wohl zusteh'n möcht, und daß ein Rath für sie nit mehr leiden wolle." Unter den Kaufleuten, welche solchergestalt strenge Rüge empfingen, befanden sich Träger berühmter Namen: Egen, Fugger, Gosssnbrot, Jlsung, Mülich, Nördlinger, Rüm, RavenSburger, Ridler, Tenndrich und Weiser; aber auch andere sind genannt, welche die Steuerbücher als reiche oder wenigstens wohlhabende Kaufleute ausweisen: Limhard Ayslinger mit 19 Gld. Steuer; Thomas Ehern mit 37 Gld.; Jakob Hämerlin mit 19 Gld.; Konrad Rot mit 21 Gld.; Simon Zelter mit 22 Gulden Steuer, und viele andere; mit Einschluß der Wagenleute über siebzig Bürger, welche alle am 4. Oktober 1442 vor den Rath gefordert wurden, weil sie nicht über den Hüchelberg gefahren waren I Aber mehr noch als auf der nördlichen Route kamen die Augsburger mit Bayern in Berührung, wenn sie den Transithandel in die östlichen Länder betriebe», die für den Absatz wie für den Bezug gleich wichtig waren. In die Steiermark führte die bereits erwähnte Salzburger Straße, und sowohl Salzburg wie die Steiermark werden auffallend häufig in den Quellen erwähnt: einem Wagenmann wurde 1421 vom Rath ein Schutzbrief ausgestellt, damit er sicher durch der hochgeboren Fürsten und Herren Land zu Bayern mit zwen Wägen gen Salzburg und herwiederum heimfahren konnte, und in gleicher Weise 1422 dem Wagenmann Thomas Klemm, der sich durch Bayern in die Stciermark begeben wollte. Hans Fucker von Augsburg war 1430 niit einem Salzburger Mautner wegen Verführens der Psnndmaut in Conflikt gerathen, und zwei andere reiche Bürger, Hans Gwärlich und Ulrich Halter, hatten in den steicrmärkischen Städten Peltau und Friesach geschäftliche Verbindungen; in der letzteren Stadt verknuste ihr Diener Ulrich Hüber im Großen Augsburger Gewand, und als einer der Friesacher Bürger „an Gewände um etwas namhafter Summ Geldes" schuldig blieb, forderte Hüber anstatt der Geldschuld zwei Häuser nebst Hossache, welche ihm auch überanlwdrlet und als Gwärlichs und Hallers Eigenthum in das Friesacher Stadtbuch eingeschrieben wurden. Ebenso wichtig waren die Verbindungen mit Wien und Ungarn, wohin man theils über München, Octting, Burghauseu, theils über Landshut und Schärding suhr; auch die Donau, wo die Herzoge Gcleitrecht übten und Zölle nahmen, wurde als natürlichste und bedeutendste Wasserstraße benutzt, und ebenso stellten die niedcrbayerischeu und oberpsälzischen Gebiete die Verbindung mit Böhmen und Polen her. Da sich alle bisher genannten Straßen aus den Transithandel der großen Augsburger Kaufherrn bezogen, so lag ihre Bedeutung hauptsächlich darin, daß die herzoglichen Beamten Zölle und Geleitgeld forderten; oder daß die Bürger einzelner Städte durch Stapel und Rottrecht ihren Einfluß geltend machten; oder auch, daß Aufhaltungen und Beschädigungen von Handelswaaren vorkamen. Solche Beschädigungen nun, so unlieb und leidig sie dem betroffenen Kaufmann sein mochten, sind sür den, welcher heutzutage ein möglichst vollständiges Bild jener Zeit gewinne» will, oft höchst erwünscht und willkommen, da sie nicht blos über Namen von Kaufleuten, sondern bisweilen auch über Handelsgegenjtände detaillirtcsteu Ausschluß geben. Als zum Beispiel im Jahre 1417 der Ritter Rudolf von Westerstellen mehrere von der Nördlinger Messe zurückkehrende Augsburger beraubte, in der Meinung, es seien bayerische Kaufleute, forderten die Rathgeben von ihm Rückerstattung Md berichteten, man habe genommen: „Heinrich dem Engelschalk vier groß Scheiben Wachs und 21 sack Metwachs; Hansen dem Gewärlich 3 Pällach, darin sind bei 900 Bech, 8 Seid, 70 Vechrück, ein süchsin Rock, ein Mantel und sunst ander klein Ding, bei drei Guldin wert; item Kunradeu Sumer , 1 Pällin, darin sind zwo süchsin und ein eichhörnin Kürseu, 225 Vechrück, 1 Rock und 1 Mantel; item dem Bytzel ein Fäßlin, darin ist männigerlei Kaufmannschaft, als er auch den Schlüssel darzu sendet, und 60 Pfannen, klein und groß; item Hans Mangmeifter hat behebt sür sich selb ein Fäßlin und ! einen Wautsack, und sür Jörgen, seinen Bruder, einen Perlinkranz und ein Fäßlin mit blauer Färb; ! item Barthvlome Mäuler hat behebt ein Bett, einen Stechschild, ein Pavcse», Saut Jose» Bild ge- ! schnitten und ein halb Pfund blauer Färb; item die Talerm hat behebt an ihrs Mannes Statt die Specerei und andri Kleinad, die in dem Trüchlin gewesen sind, das sie ihr ufgebrochen Hand, und ein Fäßlin mit Kramerei; item Claus Hofmeister, der hat etwieviel Bändel bei demselben Nome in einen« Trüchlin gehedt-" — Wenn wir nun zu dieser Schilderung noch das Steuerbuch des genannten Jahres heranziehen, so sehen wir. daß Heinrich der Eugeljchalk mit 43 Gulden besteuert war, und Hans und Jörg Mangmeifter mit je 14 Gulden, während dagegen die übrigen nur zu 4 bis 1 Pfund Pfennige verpflichtet waren und der Barthvlome Mäuler mit seinen! Bett, Pavese und Holzschnitt gar nur 10 Groschen Steuer zahlen konnte, also ein ziemlich geringer Krämer gewesen sein mag. » * * Wenn nun in dem bisher Angeführten blos vom Transithandel und dabei mehr von störenden, als förderlichen Einflüssen die Rede war, so verhält es sich dagegen ganz anders da, wo der Augsburger Kaufmann die eigenen und die vom Weltniarkt geholten Produkte inBayern s el b st ab- . zusetzen, oder aber andere Erzeugnisse, sei es sür eigene Zwecke, sei es sür den Weiterveriandt, daselbst einzutauschen pflegte. Denn da wird man alsbald gewahr, daß die gegenseitige Handelsverknnpfung eine überaus enge und bedeutungsvolle war und daß Bayern als ein unentbehrliches c o m m e r- zielles Hinterland der Reichsstadt Augsburg sigurirte. i Schon die Thatsache, daß die Augsburger durch den Besitz von liegenden Gütern, von Hintersassen, Leibgedingen und Korngülten an den verschiedensten Orten der bayerischen Herzoglhümer sich . ! eingenistet hatten, läßt vermuthen, daß es ihnen ein Leichtes wurde, die von Italien oder von Frankfurt geholten Waaren hier an den Mann zu bringen; noch deutlicher weist darauf hin die außer- ! ordentlich große Zahl von säumigen Schuldnern, welche sie in allen Theilen Bayerns hatten und die den Rath zu Hunderten von Mahn- und Verwendungsbriesen nöthigten. — Es gaben ihnen zunächst die Märkte der näher gelegenen Städte Gelegenheit, mit den dortigen Kaufleuten Verbindungen ! anzuknüpfen, und auch hier müssen Landsberg und Schougau in erster Linie genannt werden. So ! schrieben die Nathgeben im Jahre 1419 an die Landsberger: „als euch wohl wissend ist, wie unser > Mubürger und Kaufleute den Markt bei euch mit ihren Leibern und Gütern jährlichpslichtig > sind zu suchen, also thuen wir euer Liebe zu wissen, daß sie jetzo aber uf denselben Markt ver- ^ meinen zu kommen, ob sie Sicherheit und Geleite haben mügeu." — Nicht minder thätig erwiesen sich die Augsburger in den westlich benachbarten Städten, noch mehr aber im Donaugebiet: Donauwörth, Neuburg, Jngolstadt, Regensburg, Passau. Jngolstädter und Regensburger Großhändler bezogen die Augsburger Leinwand „samtkauss", und einer der reichsten Augsburger Kaufherrn, Hans Endorffer, 223 der 1418 und 1419 mit 81 Gulden besteuert war, besaß in Regensburg ein eigenes Geschäftshaus und üble in dieser Stadt eine weitreichende geschäftliche Thätigkeit aus. Am häufigsten und entschiedensten wird auch Laudshut genannt, die Residenz Herzog Heinrichs, der selbst sür die Aufrechterhaltung und Förderung der augsburgiich-bayerischen Handelsbeziehungen das regste Interesse an den Tag legte. Ueberhanpt allenthalben fühlten sich die Augsbnrger in den bayerischen Herzogthümern heimisch und fanden für den Verkauf ihrer Waaren günstigen Boden. Aber ebenso gewichtig und ergiebig war auch die Gegenströmung von bayerischer Seite wobei in erster Linie der Salzhandel in Betracht zu ziehen ist. Aus zwei Quellen floh der Salzstrom nach und durch Bayern: die eine hatte ihren Ursprung in Neichenhall, die zweite in Berchtesgaden und Hallein; und es war von Alters Herkommen, daß das Neichenhaller Salz über Trannstein nach Wasserburg, das Halleinsr dagegen nach Burghausen und Oetiiig ging. Jenes sollte Oberbayern und durch dessen Vermittlung Schwaben, dieses dagegen Niederbayern und Franken versorgen; für das erstere war Münch n, für das letztere Regensburg Hanptstappelort. München insbesondere erhielt durch zwei auseinanderfolgsnde Privilegien Kaiser Ludwigs des Bayern ein die übrigen Städte überflügelndes Salzmonopol: „alles Salz, das innerhüb der Jsar zwischen Landshut und dem Gebirg gefertigt wird, das soll alles nach München geführt werden, und nur die Münchener sollen es führen oder ihre Diener, und niemand anders. Und wenn mau Salz auf einer andern Straße ergreift, so ist es „zollsreysig"; und wenn man es auf einem andern Gejährt ergreift, als das zu München „ansgürtig" ist, dasselb -salz soll halb mit Fuhr und allem den Bürgern von München werden, und das ander halb Theil dem obersten Amtmann!" Dadurch war also den Angsburgern der direkte, gewinnreichere Bezug von Wasserburg oder gar von Neichenhall abgeschnitten, und wenn sie ihren Bedarf nicht etwa von Landshut oder Regensburg holen wollten, was freilich auch häufig genug vorkam, so sahen sie sich aus die Münchener salzsertiger angewiesen. Der Gewinn, den diese dabei erzielten, muß sedeusalls ein beträchtlicher gewesen sein; denn der Salzhandel bildete ohne Zweifel einen Bestandtheil des Aug sbnrgischen Gros;- und Exporthandels. Im Jahre 1120 löste die Stadt aus dem Salz-Ungelde die Summe von 510 Gulden und 80 Psd. Pfennige; da »tau nun von je zwei Scheiben einen Pfennig nahm, so käme dies einer täglichen Zufuhr von mehr als 400 Salzscheiben gleich. Die Zahl der Augsburger Salzfertiger belief sich im Jahre 1159 auf dreißig. Andreas Frickinger, der sechsmal das Bürgermeisteramt versah und der Stadt jährlich etwa 27 Gulden Steuer entrichtete, war Salzsertiger; ebenso die beiden hoch angesehenen Bürger Ulrich Ziegeldach und Andreas Rebhun, welch letzterer stch in, Jahre 1414 mit 81 Gulden in den Steuerbücher» verzeichnet findet! Beide, sowohl Ziegeldach wie Rebhun, standen in enger Beziehung zu einzelnen Münchener Salzsertigern, denen sie Beträge von mehr als 100 Dukaten übersendeten, um dajür Salzscheiben zugeschickt zu erhalten; und die beiderseitigen Diener waren in regelmäßigem Wechsel zwischen Augsburg und München unterwegs. Auch über die Preise der Waare und des Transportes erfährt man Näheres. Der Augsbnrger Salzsertiger Gastet Hug, dem sein Salz bei Freising aufgehalten wurde, weil er es, den bestehenden Bestimmungen zuwider, selbst von Wasserburg geholt hatte, berichtete vor dem Raih: „wie daß derselben seiner enthaltenen Salzscheiben gewesen feien 140; die seien ihn des ersten Kaufes zu Wasserburg gestanden 73 Gulden und 4 Groschen Münchener (also die Scheibe etwas über V- Gulden); und sei darauf gegangen bis gen Freisingen zu fertigen 21 Gld. und 57 Pfennige! Zu diesen außerordentlich hohen Frachtgebühren (auch bei der Augsburger Wassercott kostete ja ein Faß bis Jngol- stadt 2 Gnlden) kamen dann noch die Zölle: München nahm unter dem Jsarthore von jeder Scheibe einen Pfennig, zu besondern Zeiten auch zwei Pfennige. Der bayrische Zöllner bei Friedberg forderte 2, initnnler auch :> Pfennige von der Scheibe; der städtische Zöllner an der Lechbrücke verlangte von je 3 Scheiben 1 Pfennig, und in der Stadt selbst, am Salzstadel, mußten die Gäste für je zwei Scheiben 1 Pfennig entrichten. Eine besondere Eigenthümlichkeit im Salzhandel war, daß man damals allgemein dem Salze als Taujchwaare den Wein entgegensetzte. Wein- und Salzstadel waren gewöhnlich vereint. AIs zu München im Jahre 1471 ein neuer Salzstadel erbaut werden sollte, brachte der Rath unter Anderem das als Begründung vor: es geschehe zur Förderung des Zolls am obern Thor, von wegen der Weine, die die Gäste hereinführen, und die den Wein hie verkaufen und Salz hinwieder ausführen. In Augsburg aber wurde 1425 ein Rathsdekret erlassen „von den salzsertigern »ich Weinschenken", mit der Bestimmung, daß kein Salzsertiger, Gastgeber oder Weinschenk sich zu schulden kommen lassen solle, den Wein auf dem Markiern or zukaufen; welche Bestimmung schon im darauffolgenden Jahre eine Bestrafung veranlaßte. Sie traf den Goldschmied Jürig Nathau, welchem der Weinmarkt und der Salzmarkt ein halbes Jahr verboten wurde „darum, daß er solich Ersatz, die von des Weins und Salzes wegen gesatzt sind, hätt' überfahren." Nächst dem Salze bildete der Viehreichthum für Bayern eine Quelle des Gegentausches, um so mehr, als die Augsburger auch diese Waare für den Exporthandel zusammenkauften, und Rinder, Schafe und Schweine an den Bodensee und an den Rhein bis Straßburg und Speyer trieben; so ließen im September 1418 die Rathgeben an die Ulnier und an den Graf.» von Württemberg die Bitte ergehen, sie möchten den Augsbnrger Bürgern Jakob Strauß und K'onrad Zoller Geleit geben, da diese jetzo mit Schweinen an den Rhine hinab trieben wöllent. Und derselbe Jakob Strauß (der von der Augsburger Gemeinde zum Bürgermeister gewählt wurde) wandte sich einige Jahre später 224 durch Vermittlung des Rathes an H.rzog Ruprecht von der Pfalz wegen einer Beschädigung, die ihm bei Speyer zugefügt worden war. In diesem Briese heißt es: wie daß er (Jakob Strauß) jetznnd nächst als uni sein Nothdurst und Gewerbe Vercher (Schweine) durch Euer Land, Herrschaft und Gebiet getrieben habe; und als er damit bis für Speyer kommen sei, da haben etlich Reisige ihm seine Vercher genommen, bei vierthalbhundert und zwei und zwanzigcn " Was Bayern außerdem noch bieten konnte, waren hauptsächlich Victualien: Schmalz, Käse, Obst und dergl. Auch des Glasversandtes von Passau her wird Erwähnung gethan: Im Jahre 1448 schrieb der Rath an die von Passau: der Augsburger Bürger 17. hat ctnneviel Spiegelglas und sunst ander Glas von einem Passauer Bürger 17. in Passau gekauft und denselben angewiesen, ihm das nach Augsburg zu senden, was auch geschah. Als aber das Glas durch die Geschwornen geschaut wurde, erfand sich, „daß es nit Kaufmannsgut sei", und der Rath verlangte daher, man solle den Passauer anhalten, ein richtiges Kaufmannsglas zu senden. — Ebenso vernimmt man, was einigermaßen in Erstaunen setzt, daß die durch ihren Gewaudhandel so berühmte Reichsstadt von ganz unscheinbaren bayrischen Orten fertige Tücher bezog: so wurde 1374 auf ein Tuch von Rain ein Unigeld von VO Psg. gelegt, und in einem Dekret von 1452 über Schau-Ordnung ist die Rede von Barchent- Tüchern von Ulm, Nördlingen ic. und von Lauingen, die so gut o der b esser sind, als die in Augsburg gefertigten. — Was endlich den Kornhaudel betrifft, so beruhte derselbe zwischen Augsburg und Bayern auf Gegenseitigkeit, indem der Vorstand hin- und herüber schwankte, je nachdem die Ernten im Westen oder im Osten der Reichsstadt reichlicher ausgefallen waren. Soviel über den Umfang der augsburgisch-bayrischen Handelsbeziehungen. (Schluß folgt.) Zur Ostrrfreudv hier und dort! Er lebt, drum muß ich leben, Wo Er ist, soll ich sein, Dort leuchten wohl die Wunden Die Bosheit Ihm hier schlug, Als Er in dunklen Stunden Der Welten Sünde trug! Dort wird die Rose blühen Wie hier ihr Dorn Ihn stach; Und Liebe heilig glühen, i- »st, stttt sklll, Und froh mein Haupt erheben Mm Esters onnenscyein: Denn wo Er hingegangen Da nimmt Er mich auch mit, Daß ich dort mög' empfangen Was Er mir hier erstritt! Er starb, daß ich nicht stürbe, Die Ihm das Herz hier brach! O Jesu Fürst, des Lebens, O Herr, voll Gottesmacht, Er trug, was ich verdient! Er litt, daß Er erwürbe Was ewig mich versöhnt! Nun hat Er hier vollendet Dazu Ihn Gott gesandt. Und Ostcrgaben spendet Du riefst hier nicht vergebens Am Kreuz: „Es ist vollbracht!" Denn mit der Ostersonue Sollst Du ja aufersteh'n, Und zu der Osterwonne' Mit all den Deinen geh'n! Uns die durchbohrte Hand! O zähl' uns zu den Deinen, Gieb uns solch' selig' Theil! Und wenn wir hier noch weinen So sei's zu ew'gem Heil! Laß uns mit Magdalenen Zu Deinem Grabe geh'n, Und nach den Bußethränen Auch Ostersreude seh'n! Amen. Zu Deinem Grabe geh'n, Miseell-ir. (Der Feinhörige.) Dame (schmachtend): „Bringen Sie mir drei Eier!" (Kellner bringt sie.) — Dame: „Sie haben mir richtig drei weiche gebracht, ohne zu fragen, ob ich sie harr oder weich wünschte!" — Kellner: „Gnädige Frau ertheilten Ihren Befehl mit so weicher Stimme, daß ich an harte gar nicht dachte!" (Bedingungsweise Benutzung.) „Aber Kinder, was lauft Ihr denn bei dem schönen Wetter mit dem Regenschirm umher?" — „Ja, wenn's regn't krieg'n mer'n nie, — dann nimmt'» de Mutter selber." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttle», zur „ÄUIgdilrger PostMuug." Nr. 29. Mittwoch, 11. April 1883. Des Uörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Nachdnick verbclni. G-Ietz vc»l 1I.VI. 70.) I. Einige Meilen von der romantisch gelegenen Residenz eines kleinen selbständigen Fürstenthums entfernt, ineiner Berg- und Waldgegend des initiieren Deutschlands, findet der Leser noch heute Gut und Schloß Bodenwald, seit Jahrhunderte» im Besitz der Familie von Bodenwald, und mit nur wenigen Ausnahmen stets von Vater und Sohn fortgeerbt. Beides nimmt ein von zwei zurücktretenden Bergreihen gebildetes Thal ein, während die reichen dazugehörenden Waldungen sich die Höhen Hinanziehen und tief in's Gebirge hincinerstrecken. Das Schloß, ein zwar weitläufiges doch in architektonischer Beziehung schmuckloses Gebäude, ist aus Sandstein aufgeführt, welche die Brüche der nahen Berge geliefert, wobei der Erbauer vor ulken Dingen die Sicherheit und den Nutzen der Bewohner im Auge gehabt, und weder auf Zierlichkeit noch Schönheit bedacht gewesen. Ungeachtet der äußeren Einfachheit aber hat das Innere des Schlosses Schätze aller Art auszuweisen; kostbare alte und wohlerhaltene Tapeten, Vorhänge und Möbel; reiches Silbergeschirr, das in den tiefen Wandschränken verwahrt gehalten wird; einen Ahnensaal, in dem in fchwervergoldeten Rahmen die Familienbilder vom ersten bis zum letzten Besitzer hingen, und waren die eichenen Schränke auf breiten Korridoren mit Leinwand aller Art angefüllt, die unter der Aufsicht und wohl auch unter der Beihilfe der Frauen und Fräulein von Bodenwald angefertigt worden. Mit der Fronte gegen Süden errichtet, führten einige breite Sandsteinstufen zu der geräumigen Vorhalle, von der man in sämmtliche Zimmer und Säle des Erdgeschosses und auch in's obere Stockwerk gelangte, wo besonders die Schlaf-, Kinder- und Fremdenzimmer sich befanden. Für die Haushaltung waren im Kellergewölbe Räumlichkeiten eingerichtet, die daher einem Theil der Dienerschaft zum Aufenthalt angewiesen waren. Vor dem großen Eingangsthor an der Landstraße zog sich ein breiter, zu beiden Seiten mit Pappeln bepflanzter Fahrweg zum Schlosse hinauf; abseits von diesem lag das Verwalterhaus und sämmtliche zur Landwirthschaft erforderliche Baulichkeiten, wie auch die Häuser der Taglöhner und anderer zum Gute gehörender Arbeiter. Alles dies übersah man theilweise von.den Fenstern des ersten Stockwerks auS und in weiterer Entfernung die Kirche, an der außer Bodenwald noch andere Güter und Dörfer Theil hatten, mit dem Pfarr- und Lehrerhaus und der Schule, das Försterhaus mit seinen Nebengebäuden, welches am Fuß eines Berges lag, und mit dem fnschrothen Ziegeldach und sauberen weißen Anstrich weithin leuchtete, und sich gegen den grünen Hintergrund freundlichst abzeichnete. Die Rückseite 'des Schlosses blickte zunächst auf den weitläufig angelegten Garten, den zwar Rasenflächen, Blumenbeete und Treibhäuser, meistens aber schöne alte Bäume schmückten, die sowohl Alleen bildeten, wie in Gruppen standen. Hinter dem Schloßgarten aber zogen sich die Berge hin, welche theilmsise dichtbewachsen, theilweise aus Felspartien bestanden, in deren Brüchen täglich Hunderte Arbeit und damit ihr Unterkommen fanden. Außer dieser Besitzung, nach welcher die Familie den Namen führte, gehörte ihr noch eine andere, der Bacheuhof, etwa anderthalb Meilen von Bodeuwald entfernt, und von einem dichten Buchenwald umgeben, der Herrenhaus- und Wirtschaftsgebäude fast gänzlich den Augen der Menschen entzog. Er halte stets eins eigene Verwaltung gehabt, und stand zur Zeit, wo diese Erzählung beginnt, unter der Leitung eines Inspektors. Etwa im Jahre 183 . . gehörten beide Güter dem Herrn Friedrich von Boden- wald, einem im Lande und bei Hofe hoch angesehenen Beamten, der jedoch seiner Stellung wegen sie mit seiner Familie nur zur Sommerszeit bewohnen konnte. Er war ein angehender Fünfziger, von hoher, kräftiger Gestalt, mit ernsten, strengen Gesichtszügen, hatte reiches, goldblondes Haar, scharfe blaue Augen, eine leicht gebogene Nase und einen besonders schön geschwungenen Mund — alles Merkzeichen und Familienähnlichkeiten der von Vodenwald, welche in direkter Linie er mit seinen drei Söhnen — es waren ihrer vier gewesen, doch war der älteste vor zwei Jahren im Duell gefallen — repräsentiere. Er war ein stolzer Mann, dem die Familienehre und sein alter Name über Alles ging, welchen letzteren seine Söhne noch lange zu erhalten verhießen, so daß den entfernten Vettern wenig Aussicht auf eine reiche Erbschaft blieb. Wie allgemein bekannt, hatte er seine Gemahlin nur ihrer Schönheit und ihres « alten Adels wegen geheirathet, und da diese ein kaltes, berechnendes Herz besaß, und ü ebenso selbstsüchtig wie schön war, so genügte ihr das Loos, die Gattin des ersten reichsten l Mannes des Landes und die Mutter seiner Söhne zu sein. I Wenn nun die älteren von diesen blühend kräftige junge Männer waren, bei denen die Familienähnlichkeit mehr oder weniger hervortrat, so wich der jüngste in seiner äußeren Erscheinung weit von seinen Brudern ab. Von jeher ein schwächlicher Knabe hatte er Anlage zur Brustkrankheit und eine ! leichte Krümmung des Rückgrats; auch hinkte er mit dem linken Fuß, was die Aerzte i einem unglücklichen Fall in seinen ersten Kindheitsjahren zuschrieben, von dem indeß die Eltern nichts erfahren haben. Durch alle diese immermehr zu Tage tretenden Leiden und Gebrechen war er ihnen gleichgültig und lästig geworden, und früh schon dem Verivalter von Bodenwald und seiner Gattin übergeben, die keine Kinder besaßen, und den zarten Knaben mit großer Liebe pflegten und behandelten. Als er heranwuchs, ward er von dem Prediger des Dorfes unterrichtet, hatte die Tochter des Försters als Gespielin, welche mehrere Jahre > jünger als er war, einen lebhaften Charakter und ein heiteres Gemüth besaß, das beides ^ den stilleren Knaben anzog» Da er nie die Liebe einer Mutter, die Sorge eines Vaters, das vertrauliche Zusammenleben mit Geschwistern gekannt, so war es kein Wunder, wenn er mit der ganzen Liebe, deren sein Herz fähig war, sich den Familien zuwandte, die ihn stets freundlich und zärtlich behandelten und der Gespielin seiner Kindheit mit besonderer Zuneigung anhing. Nach der Residenz kam er nur seit»«, und hatte auch keine Sehnsucht dorthin, er fühlte sich nur glücklich und heimisch in Bodenwald. Seit dem Tode seines ältesten Bruders, des Majoratserben, den seine Eltern noch nicht verschmerzt, blickten sie, besonders der Landkammerrath fast mit Abneigung auf ihn, der allerdings eine traurige Ersche -> nung neben dem stattlichen jungen Mann gewesen, und letzterer hatte oft in seinem Herzen gewünscht, daß das Schicksal ihm den Schwächling statt seines Lieblings, denn das war ihm sein ältester Sohn gewesen, genommen. Lassen wir nach dieser nothwendigen Einleitung die Erzählung folgen, und be- ' trachten wir was sich in früherer Zeit zugetragen, und erst in späteren Jahre» seinen Abschluß finden sollte. — 227 II. Es ivar zu Anfang Sommer; ei» schöner Julitag und im Schloß Bodenwald ward die Gutsherrschaft erwartet. Sie sollte diesmal mit den Söhnen und zahlreicher Diener« schast kommen» und Frau Bergmann, die Verwalterin, hatte sämmtliche Räumlichkeiten dazu in Stand gesetzt. Anna Kohring, die siebzehnjährige Försterstochter war ihr dabei zur Hand gegangen, und beide freuten sich über ihr Werk, und schritten befriedigt durch alle Zimmer und Kammern, durch deren weitgeöffnete Fenster die warme balsamische Sommerluft eindrang. „Hier kann es die Herrschaft schon einige Monate aushalten", sagte das junge Mädchen, als Frau Bergmann die letzte Thür in der Vorhalle schloß und sich anschickte, diese mit ihrer Gefährtin zu verlassen. „Es ist Alles so prächtig und schön, als ob es für die Festlichkeiten selbst wäre!" „Es wird hier diesen Sommer viel Besuch erwartet", entgegnete freundlich die Verwalterin. „Und daher hat die gnädige Frau mehr als sonst an diesen alten Räumen thun lassen, die dann den ganzen Winter wieder verödet dastehen!" „Schade ist's auch", nieinte Anna voll Erregung, „daß das Schloß den größten Theil des Jahres leer bleiben muß, und es könnten hier doch mehrere Familien wohnen t — Wie anders würde es sein, wenn die Herrschaft immer auf Bodenwald lebte, und Fremde und Gäste immer ein- und auszogen!" „Die Zeit wird auch kommen, Anna", antwortete zuversichtlich Frau Bergmann, „und vielleicht schon früher als wir Alle denken. Wenn nur erst Junker Hugo eine angesehene Stellung am Hofe oder in der Verwaltung des Landes hat, und verheirathet ist, dann wird der Landkammerrath sich gewiß bald zurückziehen, denn seit Junker Friedrichs Tode ist er nicht mehr derselbe und auch die gnädige Frau leidet an Nervenzufällen, die durch das aufregende Leben bei Hofe nur noch verschlimmert werden!" Bei diesen Worten hatte Frau Bergmann die schwere Eingangsthür mit dem mächtigen Schlüssel versichert, und die Treppe hinabgehend sahen sie den Verwalter und Junker vom Felde kommen, wo Beide, wie an jedem Tage, beschäftigt geivesen. Letzterer schritt grüßend dem Verwalterhause zu. Ersterer aber dem Schlosse, und hatte bald seine Gattin und Anna erreicht. Er war ein kräftiger Vierziger, und hatte gleich seiner um mehrere Jahre jüngeren Frau ein freundliches wohlwollendes Gesicht. Ludwig von Bodenwald, jetzt einundzwanzig Jahre alt, und nur wenig größer als seine, einstige Spielgefährtin, entsprach dem bereits von ihm entworfenen Bilde, nur müssen wir hinzusetzen, daß, so zart geschnitten seine Züge auch waren, er vollkommen seinem Vater glich, seine Augen aber waren meistens ruhig und freundlich blickend, obgleich sie' auch ernst und zornig funkeln konnten, und das goldblonde Haar fast in zu reicher Fülle den zierlichen Kopf des jungen Mannes umgab. Durch den fortwährenden Aufenthalt in der freien Luft, denn Junker Ludwig lernte die Landwirthschast, um den Buchenhof zu vermalten, war schon sein schwächlicher Körper gekräftigt, und seine leichtgebräunte Gesichtsfarbe verrieth, daß er der Sonne, dem Wind und Wetter tapfer ausgehalten. „Wo nur die Wagen bleiben, di? mit den Leuten und dem Gepäck schon hier sein sollten", begann nach seiner Uhr sehend der Verwalter. „Es geht auf zwölf und der Landkammerrath hat mir doch sagen lassen, daß sie frühzeitig hier sein würden!" „Sie haben sich vielleicht verspätet", meinte Anna, die ebenfalls für die Ankunft der Gutsherrschast ein reges Interesse empfand. „Wenn nur kein Unglück geschehen ist", sagte die Verwalterin, welche bemerkte, daß Junker Ludwig unter den Pappeln dahinschritt. „Wie kommst Du nur darauf, Frau?" entgegnete ihr Gatte, der selbst sich einiger Besorguiß nicht erwehren konnte. „Welches Unglück sollte denn geschehen sein?" — Als gestern der Bote die Stadt verlassen, ist Alles wohlauf gewesen, und Jeder hatte mit großem Eifer zur Fahrt hierher gerüstet!" 228 „Zwischen gestern Nachmittag und jetzt liegen fast vierundzwanzig Stunden, in denen mancherlei vorgefallen sein kann", antwortete Frau Bergmann, während Alle langsam weiter gingen; „dennoch wollen wir hoffen, daß meine Befürchtungen vergeblich gewesen sind, und die Herrschaft diesen Abend glücklich ankommt!" An der Thür des Verwalterhauses trennte sich Anna von dem Ehepaar und ging der Försterei zu. Frau Bergmann begab sich in die Küche, um die letzte Hand an das Mittagsmahl zu legen, ihr Gatte aber setzte sich an's Fenster seiner Arbeitsstube und griff zu der bereitstehenden Pfeife und den Zeitungen, welche am vergangenen Nachmittag der Bote aus der Stadt mitgebracht. Anna hatte kaum den Gutshof überschritten, als Junker Ludwig zu ihr trat, dessen Gesichtszüge und Augen eine ungewohnte Erregung verriethen. Das augenblickliche Schweigen unterbrechend, sagte sie: „Bist Du auch um die Wagen besorgt, Ludwig, die noch nicht gekommen sind?" „Die können sich leicht verspätet haben", entgegnete er lauter, als er sonst zu reden pflegte, „ich aber habe nicht eininal daran gedacht", und dies sagend, folgte er ihr auf dem Wege nach dem Försterhause. „Bergmann's scheinen sich über ihr Ausbleiben zu ängstigen — —" „Und weshalb? — Meine Eltern waren gestern wohl und munter, und von meinen Brüdern wissen wir das ebenfalls — lassen wir sie aber allesammt, Anna, denn ich muß mit Dir sprechen, so lange ich dies noch ungehindert und ungestört kann, zuinal wir uns in diesen Tagen trennen werden!" Die Försterstochter war ernst geworden, und ihrer auch begann sich eine seltsame Erregung zu bemächtigen. Sie suchte sich jedoch zu beherrschen, und die sonst so lebhaften, dunklen Augen mit ruhigerem Ausdruck auf ihren Begleiter haftend, fragte sie: „Was könntest Du mir gerade heute zu sagen haben, Ludwig?" „Das fragst Du, Anna?" antwortete er schnell und mit einer Heftigkeit, die man dem sonst so ruhigen Junker kaum zugetraut hätte. „Laß uns hier in Euren Garten abbiegen, wo wir, da Deine Eltern erst am Abend aus L. zurückkehren, ungestört sein werden!" Anna, die stets die Fllhrerin und Leiterin ihres einstigen Spielgefährten gewesen, wie sie ihn immer beherrscht hatte, folgte ihm jetzt schweigend ohne sich zu fragen was sie von ihm hören und vernehmen werde. Ihr Herz sagte ihr dies, und ungeachtet ihrer siebzehn Jahre wußte sie was sie ihm zu antworten habe, sie die Försterstochter dem Junker von Vodenwald. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Die biegsame Organisation der Frauen läßt ihnen ost im Alter Kräste übrig, die dem Manne fehlen, so daß die Frau, welche sonst den Mann als Ueberlegcnen anerkannte, nun selbst als Ueberlegene ihm zu dienen und sein Herz zu erfrischen vermag. - N e ck e r - S a u s s u r e. Selbst die unschuldigsten Freuden der Sinne gleichen den Blumen: sie sterben, sobald sie gebrochen sind. Geliert. Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen; und was er dan n ist, nur das ist er. Seume. Was geboren ward, muß sterben: Was da stirbt, wird neu geboren. Mensch, Du weist, was Du wärest, Was Du jetzt bist, lerne kennen, Und erwarte, was Du sein wirst. Herder. Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Goethe. 229 Dcr Angöl>tr:ger Kaufhandel »rit Bayer» während der erste» Hälfte des fimfzehriten Jahrhunderts. (Schluß.) II. Nun besteht aber das Material, aus welchem diese Eröteruugen geschöpft sind, im allgemeinen nicht in systematisch angelegten, statistischen Nachweisen, sondern verdankt vielmehr seine Entstehung säst ausschließlich zufälligen, namentlich störenden Erscheinungen im Geschäftsgänge, und es dürste daher vielleicht nicht uninteressant sein, auch von diesem Gesichtspunkte aus den vorliegenden Stoff zu verwerthen und in einem zweiten Abschnitte einiges über die Förderungen und Störunge n des Geschäftsbetriebes darzulegen und so das äußere Bild der kauftnünnischen Thätigkeit noch durch einen Blick auf ihr inneres Wesen und Getriebe zu ergänzen und abzuschließen. Dabei sollen die Grenzen des angegebenen Thema's übrigens nicht überschritten, sondern die Beispiele und Belege, mit ganz wenigen Ausnahmen, speziell aus den augsburgisch-bayerischen Beziehungen hergenommen werden. Wenn wir uns zuerst nach den Faktoren umsehen, die dem kaufmännischen Gedeihen fördernd zur seile standen, so tritt uns auf der einen Seite der um das Interesse seiner Mitbürger eitrig besorgte Angsbnrger Stadtralh, aus der andern die in die commerziellen Angelegenheiten thätig eingreifenden Herzoge charakterististh entgegen. Der Angsbnrger stadtrath war seinem ganzen Wesen nach der natürliche Schirmherr des Kaufnuinnsstandes Die bedeutendsten Einnahmegnellen der Stadt beruhten auf den Um- geldern und Zöllen, welche die einheimischen Handelsleute oder die von ihnen herbeigezogenen Gäste zu entrichten hatten, und die vornehmsten Glieder des Rathes gehörten dem Kansmannsitande an; in der ersten hülste des snnszehiiten Jahrhunderts war fast alljährlich wenigstens einer der Bürgermeister ein Kaufmann, nicht selten aber auch zwei. Es nimmt uns daher keineswegs Wunder, wenn wir sehen, daß es eine gewissenhaft erfüllte Aufgabe der Stadtvnter war, die Interessen ihrer Kaufleute in allen und jeglichen Füllen zu vertreten, und daß die Missiven, welche sich in den noch erhaltenen, wichtigen Briesbücher n des Rathes vorfinden, in erster Linie den Kaufleuten galten. Denn abgesehen von den hnndelspolizeilichen Anordnungen im Innern der eigenen Stadt, von Zoll, Uuigeld, Waage, Waarenschau, Untertans u. a. gab es bei den unruhige» und unbestimmten Verhältnissen jener Zeit auch außerhalb der Stadtgemarknug unendlich viel zu sorgen. Im Allgemeinen war schon dadurch eine regelmäßige Briesentsendnng nothwendig, daß bei Negiernngswechscln, bei Messen und Märkten jedesmal von neuem um Schuh und Geleite nachgesucht werden mußte; insbesondere aber wurde die Obsorge des Rathes in Anspruch genommen, sobald eine Fehde in Aussicht stand. Noch vor vem Erscheinen des Absagebriefes mußte da sondirt und „kundschaftet" werden: „Wir bitten Euer Edelkeit mit Ernste fleißiglich", schrieben sie einmal an einen befreundeten bayerischen Pfleger, als mit.Herzog Ludwig dem Bärtigen Fehde auszubrcchen drohte, „daß Ihr uns verschrieben wissen lasset bei diesem Boten, ob wir und die unsern in unsers gnädigen Herrn Herzog Ludwigs Landen sicher seien zu wandeln." — Wenn aber der Absagebrief wirklich gekommen war und also die auf der Geschäftsreise abwesenden Kaufleute in plötzlicher und unbewußter Gesahr sich befanden, so galt es, durch schleunigst entsendete Boten ihnen Warnung zukommen zu lassen. So schrieben sie, als aus die eben erwähnte Kundschaft ungünstige Nachricht eingetroffen war, an die in Frankfurt befindlichen Kaufleute: „Lieben Freunde! Uns ist sürkommen und cigcnlichen gesagt worden, wie daß unser Herzog Ludwig die Geschirre mit dem Gute, ob sie durch Franken und für Werde wieder hcrhenn gohn werden vermeine nfzehalten und zu bekümmern; darnach wisjent euch zu richten und das Gut zu besorgen, daß es in Gewahrheit Herheim kommen niüge!" Freilich konnte gerade in Fehdezeiteil nicht immer das Interesse des einzelnen Kaufmanns im alleinigen Vordergrund gestellt bleiben, sondern mußte eben zuweilen hinter dem Vortheile der Stadt oder des groyen Stadtebnndes zurücktreten. Ein augenfälliges Beispiel hiefilr liefert ein Beschluß, der am 1t). Juni 14 3 den Ulmern mitgetheilt wird. Da nämlich die Grasen von Oeltingsn (in Franken) das gewohnte Geleite zur Nürdlinger Messe alfiagten, wurde vom Angsbnrger Rath ein- müthig erkannt: „daß niemand, weder Reich noch Arm, weder reiten, fahren noch gehen sollt in den Mar kt g e n Nürdlingen, und auch niemand nichtes daselb weder kaufen noch ver-kansen soll; und ob das wäre, daß jemand ichtes vor dem und wir das erkannt haben, genNürdlingen geführt oder bracht hätte, welcherlei das wä-r', dasselbe soll auch alles still liegen und nit verkauft werden. Und welcher der unserii das überfährt und ni t haltet, der müss' uns zu Pen geben den zehnten Pfennig seines Kanfens uiid^Verkansens. Und mit ähnlicher Entschiedenheit trat der Stadtrath dem Sonderinteresse der Kaufleute auch in einer andern Angelegenheit entgegen, welche sich in den Milsivbüchern durch eine Reihe von Briefen hlndiirch verfolgen läßt. Zu Ansang des Jahres l 418 hatte sich nämlich der bayrische Ritter T ristra in "kr Zänker iiiit und den übrigen schwäbischen Städten verfeindet und machte, nachdem aus beiden Seiten Sotdknechte überfallen und gefangen genommen ivaren, die Snlzburger Straße unsicher. Nun befanden sich aber damals viele Angsbnrger Kaufleute in Salzburg, im Begriffe, nach Haufe zurückzukehren. Der Rath schrieb ihnen daher zunächst, am ö. Februar, einen Warnbrief, der 230 mit der ernsten Mahnung schloß: „us das wir euch allen und jeglichen besunder befehlen mi Ernst, daß ihr mit euer» Leibern und Gütern bleibet zu Salzburg und uit süro fahret, bis an die Zeit, daß wir euch unser Botschaft senden!" Aber die Kaufleute litten natürlich schweren Schaden unter dieser Verzögerung und beschlossen, ohne Rücksicht auf die Stadt und den Städtebnnd durch Vermittlung des Saizburger Hauptmanns dem Tristram Geld anzubieten, um ungefährdet heimgelangen zu tonne». — „Wir haben vernommen", schrieb darauf erzürnt der Rath, „wie daß ihr geworben und bracht kabent an unsers Herrn des Bischofs von Salzburg Hauptmann und an ander, daß die rcn euer aller wegen bringen füllen am Tristram den Zänbr, daß er euch und euer Gut sicher Herheim von seinen wegen fahren lasse, darum wöllent ihr Gut geben. Das uns von euch nit wohl gefallet, und ist uns nit lieb: und heißen und gebieten euch mit Ernst, und wollen auch das mit Namen, daß ihr dem Zänker kein Geld in keiner Weis'nit gebeut noch versprechent ze geben." Dieser ernstlichen Verweisung mußten die Kaufleute sich wohl oder übel lügen. Sie blieben in Salzburg, wohin ihnen end ich am 14. April der Rath schreiben konnte, daß Herzog Heinrich von Niederbayern sich um die Sache angenommen und den Streitenden einen Rechtstag gesetzt Habs. Mehr als zwei Monate also waren hier die Kaufleute in der fremden Stadt gebannt, ohne die Rückkehr nach Hause bewerkstelligen zu können und zu dürfen. Aber wenn auch in solchen vereinzelnien Fällen der Rath seinem Mitbürger hemmend entgegenstehen mußte, so trat er um so besorglicher und wohlthätiger sür ihn ein, wenn ihm bei seinen Kausfahrten an Leib oder Gut irgend ein Schaden zugefügt worden war. Ursprünglich beanspruchte der in auswärtige Irrungen vecwickelte Kaufmann sogar, „daß man ihm die Barscheste und das Kostgeld von der Stadt Gut ausreichte"; welche Vergünstigung freilich durch ein Dekret von 1303 aufgehoben wurde. „Aber", heißt es in diesen, Dekret weiter, „wenn sie's an den Rath bringen und es dem Rath klagen, so stillen ihnen die Nachgeben getreulich darin rathe» und helfen, wie sie ihr Sach handeln stillen, und Bries heißen geben, an wen sie wällen". So wurde es auch treulich gehalten; und gerade die Briefe, welche in solchen Füllen Beschwerde und Verwendung des Rathes enthalten, bilden einen Hauplbestandtheil der Mijsivbücher. Wegen fünf Balle», die dem reichen Ulrich Arzt von den Bayernhcrzogen im Jahre 1416 bei Parteukirchen genommen wurden, fertigte man an die Bundcsstädte, an die Herzoge und an den Kaiser Boten und Briese. Als dem Hans Mütting d- ä. im Jahre 1443 drei Säcke Safran gestohlen wurden, schrieb der Rath mehrere Dutzend Briefe an Städte, Ritter und Beamte, bis man nicht blos des Diebes, sondern auch des gestohlenen Gutes wieder habhaft geworden war. Und bis auf die »ubedeuteudsten Kleinigkeiten erstreckte sich diese Fürsorge: Die beiden Metzger Grllber und Schnäckli» kauften im Jahre 1415 aus dem Markte zu Psaf- scnhosen eine Anzahl von Schweinen; „derselben ihrer L-chweiiie", berichteten sie dem Rath, „sei eines außer dem Hansen, als sie die heraustreiben wollten, wieder hinein in den Markt gelösten, an die Statt, da es vormals gewesen was", und der Verkäufer hatte nichts Eiligeres zu thun, als das viel- getreue Thier sich wieder anzueignen; darüber denn große Aufregung unter den Bctheiligten entstand und die Augsburgcr Rathgebe» ernstliche Mahnung an die von Pfaffenhofen ergehen ließen, damit den ihren ihr gebührend Recht zu Theil werde. — Ebenso verwendeten sie sich ein andermal bei dem Pfleger von Dachau sür die Rückerstattung von „zwei, Häsen mit Schmalz und zehen Käs'; und ähnliche Beispiele ließen sich noch in großer Zahl anführen. Uebrigens erscheint das ja ganz erklärlich, insofern eben der Rath principiell der Vertreter seiner Mitbürger war und daher jedes Vvrkommniß in die Hand nehmen mußte, das der Kaufmann nicht selbst zu erledigen vermochte. Viel auffallender dagegen ist es, wen» mir ein ähnliches Eindringen bis in das Kleinste auch bei den Herzogen vorfinden. Die bayerischen Herzoge griffen nämlich in die commcrziellen Verhältnisse selbstthätig ein und nahmen an der Gestaltung der angs- dnrgisch-bayerischcn Beziehungen regen persönliche» Antheil. Wegen drei Sacke Korn, die einem Augskmrger Krämer bei Landsberg aufgehalten sind, wird der Beschädigte mit einem Empfehlungsschreiben vom Rath an Herzog Ernst gewiesen; ein Üeberfall, durch den ein anderer ein Paar Hauben, Hosen und Wachstafeln einbüßt, wird vor Herzog Heinrichs Nichterstnhl gebracht, n. s. w. Nicht etwa, als ob die Herzoge nur nominell betheiligt gewesen wären, sondern sie ließen die Handelsleute persönlich vor sich kommen, um aus ihrem eigenen Munde den Vorgang zu vernehmen. Und wie die Rathsschreiben von Augsburg an die herzoglichen Höfe abgefertigt wurde», so liefen umgekehrt von da die geschriebenen Antworten in zahlreicher Fülle im Augsburger Rathhause ein. „Als uns Euer fürstlich Gnade verschrieben hat" .... „als Euer Gnade uns jetz und über von der Zwihel- lungen wegen geschrieben hat" .... „als Euer fürstlich Gnaden uns nächst geschrieben habent von söliches Ussenhaltcns wegen der Salzscheiben" . . . . x., solche Formeln finden sich überall da, wo ein Beschüdigungsfall oder ein Gläubigerstreit oder sonst eine Irrung nicht sofortige Erledigung erfuhr, sondern ein häufigeres Mahnen und Drängen des Rathes nothwendig machte. Wenn sich also die Herzoge so lebhaft an den Nechtshäudeln einzelner Kaufleute betheiligten, so ist es sehr natürlich, daß auch in allgemeinen Haudelsfragen ein häufiger Briefwechsel stattfand. Und dies geschah nicht blos da, wo es sich speziell um die Verkehrsinteressen zwischen Augsburg und Bayern handelte, sondern es kam auch vor, daß die Herzoge vom Kaiser als handelspolitische Schiedsrichter ausgestellt wurden und dadurch mit Augsburg in Berührung zu treten Gelegenheit hatten. Als zum Beispiel im Jahre 1433 die Nürnberger eine Messe in ihrer Stadt aus« 231 richten wollten und Herzog Wilhelm von Bayern durch Kaiser Sigismund den Auftrag er sielt, Kundschaft zu erhellen, oll solche Neuerung der Franksurtcr und der Nördlinger Messe nicht Eintrag thun würde: da übersandten die Augsburger dem Herzog eil, Gutachten, dessen Wortlaut höchst charakteristisch ist. „Nachdem uns bedanket", heißt es darin, „meinen wir, daß landknndig sei, ob die Blesse zu Nürnberg also Fürgang gewinne, daß das größiich wär und würd wider die Blesse zu Frankfurt, und große Hindernus, Eintrag und Schäden gemeinen Landen und Kaufleuten brächte, damit viel Gewerbs möcht vermieden bleiben, sunder, so die Kaufleut von Behem, Mehreen, der Slesien, Oesterreich und sunst von Oberlanden vielleicht zu Nürnberg blieben, dawider die Kaufleut aus den Landen von Brabaut, Flandern, Holland, Westsalen und Niederland vielleicht desgleich ze Frankfurt blieben, und daß an entweder», Ort der Gewerb gemindert werden und dem ganzen Lande merklich Unstatt und Schaden dadurch wohl entstah'n möcht, und wirjannsers Theils zemal gerne wöllten, daß die Blesse zu Frankfurt durch gemeines Nutz willen also nnbekrünket belieb, wann die allen Kaufleuten in keuschen Landen ze Wasser und ze Land am allergelegnisten ist." * -p * Aus den erwähnten Tatsachen geht hervor, daß die Herzoge dem wechselseitigen Verkehre ihre volle Aufmerksamkeit zollten, und in der That bekundete namentlich der in Landshut residireude Herzog Heinrich, sowie der friedliebende Albrecht der Fromme, der von 1138 an in München regierte, einen überaus regen Eifer und eine ernste Autheiluahme. Aber trotzdem wäre es eine arge Entstellung, wenn man ein derartiges gegenseitiges Einverständnis; als dauernd oder allgemein gütig hinstellen wollte, da es ja doch bekanntermaßen niat leicht »»ruhigere und sehdelnstigere Nachbarn gab, als diejenigen, welche die schwäbische Reichsstadt damals an den Baycrnherzogen hatte, und da die Bedrückungen und Belästigungen, welche die Brüder Ernst und Wilhelm von Bayern-München, sowie Ludwig der Bärtige von Bayern—Jngolüadt und endlich Ludwig der Reiche über Augsburg verhängten, die unaufhörlichen Klagen der Chronisten hervorriefen. Um daher diesen hervorragenden Eharatterzug nicht unerwähnt zu lassen, bitte ich Sie, mir noch zu einigen ganz kurzen Bemerkungen über den Augsburger Kaufmann in Bayern während der Fehdezeit Gehör zu schenken- Burkhard Zink klagt an einer Stelle, wo er von dem 1458 mit Herzog Ludwig dem Reichen ausgebrochenen Llrcite erzählt: „es wollt aus dasmal niemand weder sein Gut noch fein Geldschuld lassen folgen; so getrost man auch nicht von Bayern her in die Stadt weder führen noch tragen noch treiben, es wandert auch niemand von hinnen gen Bayern, denn es was niemand sicher: wen man ankam, der was verloren!" Nach diesen Worten also war damals eine vollständige Lähmung des Handels herbeigeführt. Aber so schlimm war es nicht immer, sondern man darf im Gegentheil behaupten, daß die Augsburger im Allgemeinen auch zur Fehdezect ihre Kausfahrten wagten. Der Beweis hiesür liegt in den Aussöhnuugsverträgeu, welche nach beendigtem Streit zwischen der Stadt und den Herzogen geschlossen zu werden pflegten. Denn da ist die Rede von Durchgangszöllen, welche man in Landsberg, Schougau Neustadt, Wasserburg re. zur Belästigung der Augsburger während der Fehde erhöht; oder von Slapelorteu, die man ungerecht aufgerichtet: oder von Kaigeldern, die man in Augsburg den Bayernherzogen zum Trotz erhoben halte. Wenn also während der Kriegszeit Zoll, Stapel und Umgeld von solchem Belang waren, daß mau dem Gegner damit empfindlich schaden konnte, io geht daraus doch zur Genüge hervor, daß ein nicht unbeträchtlicher, wechselseitiger Handelsverkehr selbst während der Fehde stattgefunden haben muß. — Und noch viel weniger ließen sich die reichsstädtischen Kaufleute abschrecken, wenn die Bayernherzoge einen Krieg führten, an dem Augsburg selbst iiich t betheitigt war. Denn sie konnten alsdann in dem mit Krieg überzogenen Lande mit einer gewissen Sicherheit fahren, wenn sie sich nur mit einem Geleitjcheine versehe,i hatten, welcher, vom Augsburger Stadtrath ausgefertigt und gesiegelt, die eidliche Versicherung enthalten mußte, daß die vom betreffenden Kaufmann oder Wageumanu initgeführten Güter ihn, selbst zu eigen und keinem andern gehören, besonders keinem, der an dem Kriege irgend welchen Antheil habe. — Freilich ein absoluter L-chutz war damit nicht gewährt, sondern es kam ebensogut vor, daß die Aa yern- herzog e die „offenen Briese" nicht beachteten, als sich auch umgekehrt zahlreiche Fälle ereigneten, in denen die Gegne r derselben einen Angriff auf Augsburger Kaufmannsgüter blos deshalb unternahmen, weil sie dieselben für bayerische hielten. Immerhin aber zeigt sich die Benützung solcher Geleitscheine in gefährdeten Zeiten an und für sich schon den frischwagcnden und hartnäckigen Kaufmannssinn, und es findet sich so das Markige in der Entwicklungsgeschichte des Augsburger Handels bestätigt, das in den einleitenden Worten mit dem zwar knorrigen, aber höchst kraftvollen Namen der Eiche verglichen wurde. Ueberhanpt: wenn man mit einem Rückblick das gewonnene Resultat zusammenfassen will, so sieht man, wie sich die Zähigkeit in Kriegsgefahr, das Umfahren der Gelcit- straße, die Antheilnahme der Herzoge, die Fürsorge der Rathgeben, die Masse der Hindernisse und Unbequemlichkeiten zu einem kräftigen und vielgestaltigen Cultnrbild vereint. . . zugleich auch läßt sich, so eng begrenzt das Thema an Zeit und Stoff erscheinen mag, doch aus der »»gemeinen Rührigkeit, mit der die Augsburger Kaufleute in Bayern schalteten und sich da zu Herren der cominerziellen Verhältnisse zu machen wußten, recht gut ein Schluß auf die damalige Handelsepoche der Augsburger überhaupt ziehen. Wenn nun vollends — und 232 das ist e!» Wunsch, den ich am Schlüsse noch nuszusprechcn wage — wenn nun auch, selbst blos mit Hilfe der inhaltsreichen Briesbücher, ihre Thätigkeit in den schwäbischeil nnd srünkischen Nachbarländern, und ihre Beziehungen zu Frankfurt, Nürnberg, Ulm, Venedig und Wien besondere und eingehende Darstellung erfahren würden, so erhielte man ohne Zweifel ei» Bild, das uns deutlich erkennen liehe, wie sehr der Augsburger Kansmannsstand im snnszehnteu Jahrhundert der wunderbaren Blüthe schon nahegerückt war, welche er im sechzehnten behaupten sollte. Htminclsschau im Monat April. —Merkur H tritt am 16. in obere Sonnenconjunktion, befindet sich demnach in Erdferne (30 Millionen Meilen) und geht zuletzt 8 Uhr 42 Minuten Abends in NW. unter. Venus ? ist in der Morgendämmerung tief am östlichen Himmel im Wassermann sichtbar. Sie steigt immer höher und fällt ihr Tagesbogen am 30. mit dem Aeguator zusammen. Ihre Scheibe ist zu drei Viertel erleuchtet wie der Mond zwischen Vollmond und letztem Viertel, nimmt jedoch an Glanz ab. Am 4. steht sie 5>/>, südlich vom Mond. Mars F kommt gegen 4 Uhr 30 Mi». früh über den Horizont, durchläuft am 25. den Aeguator und wendet sich dann nach N. Am 5. steht er 6'" südlich vom Mond. Jupiter 2P im Stier erreicht zwischen 5 Uhr und 4 Uhr Nachm. seine größte Tageshöhe und geht nach Mitternacht in NW. unter. Am 12. steht er 3>// nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert; der erste am 7., 15., 22.; der zweite am 8.: der dritte am 1.; der vierte am 4. und 5. Saturn H im Stier geht unter zwischen 10 Uhr und 9 Uhr Abends. Am 9, steht er 1? südlich vom Mond. MLseellsn. (Eine fürstliche Dichterin.) Wie die Madrider „Epoca" schreibt, besitzt die Infantil, Maria de la Paz, die Tochter der Königin Jsabella und Schwester des Königs Alfonso XII. von Spanien, welche demnächst an der Hand des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern ihren feierlichen Einzug in München halten wird, ein hervorragendes dichterisches Talent, wovon das nachfolgende Sonett (übersetzt von der M. „Allg. Ztg.") Zeugniß liefert: An meine Mutter. Lieb' Mntlerherz! Mein ganzes Erdenleben Wird überstrahlt von diesem trauten Klänge, Wie Gottes Hauch sühl' ich mit süßem Dränge Dies eine Wort mir durch die Seele beben. Nach Ruhm und Ehren mögen Andre streben Und sich verzehren in der Selbstsucht Zwange, . Was, liebste Mutter, ich sür Dich verlange, Ist Glück, — mehr Glück, als Glanz vermag zu geben. Noch keiner ist so viel, wie mir, geschehen Von eines Mutterherzens Lieb' und Güte: Du wünschtest Eins nur — glücklich mich zu sehen. Vereint mit Dir im innersten Gemüthe Kann ich voll Inbrunst nur zum Himmel flehen, Daß Gott der Herr Dein theures Haupt behüte. Uns cko Kordon. Ob Berlin hinsichtlich des Bier-Consums wirklich München weit nachsteht? In der Bockbrauerei auf dem Tempelhofer Berg allein wurden getrunken am ersten Osterfeiertage rund 29,100 Seidel, am zweiten 30,600 und am dritten 22,000, in Summa also nicht weniger als 81,700 Seidel. (Zu welchen Gerichten gehören die Kartoffeln?) wurde in einem Examen gefragt, und prompt geantwortet: Zu den Land- und Stadtgerichten! Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkaktunggbkatt »ur „Äugslmrger postjeitimg." Nr. 30. Samstag, 14. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Junker Bobenwald führte die Försterstochter in eine Baumhütte, welche beide vor Jahren errichtet, und neben ihr auf der Bank Platz nehmend sagte er in einem so entschlossenen Tone, wie sie noch nie von ihm vernommen: „Anna, laß mich die Sache kurz machen, denn ich darf Bergmann's nicht mit dem Mittagessen warten lassen, da dies heute zu Vermuthungen führen könnte, und Niemand darf «ine Ahnung von unserer Unterredung haben. Du weißt, daß ich in diesen Tagen für immer auf den Buchenhof übersiedele, um zuerst mich unter dem Inspektor in die Verwaltung hineinzuarbeiten, dann aber sie selbst zu übernehmen.« „Ich weiß es, Ludwig«, entgegnete Anna so ruhig wie vorher, obgleich ihr junges Herz dasselbe Weh empfand, das sie gefühlt, als eines Tages der Landkammerrath zu ihrem Vater gesagt, daß er seinen jüngsten Sohn nach dem Buchenhof bringen wolle. „Und weißt Du auch weshalb meine Eltern, denn meine Mutter ist nur allzusehr mit den Ansichten meines Vaters einverstanden, mich nach dem stillen Buchenhof ziehen lassen wollen, jetzt, wo ich erst einundzwanzig Jahre alt bin, und noch nichts von der Welt, die doch so groß und schön ist, gesehen habe, während sie doch meinen Brüdern zu reisen gestattet, und Hugo erst jetzt wieder von B. zurückkehrt, wo er Karl in der Garnison besucht, und die Festlichkeit bei Hofe mitgemacht hat? — Weil sie sich meiner als ihres Sohnes schämen, weil ich, der ich schwächlich und verwachsen bin und dazu hinke, mich neben meinem Vater und meinen Brüdern nur schlecht als ein Bodenwald ausnehme, wenngleich sie meinen, mein Kopf doch die Familienähnlichkeit trägt!« „Ludwig«, unterbrach Anna den heftig erregten Jüngling in bittendem Ton. „Laß mich ausreden, Anna«, unterbrach sie dieser schnell, „denn einmal muß ich sprechen, mich aussprechen über das, was mein Herz empfindet, seit meiner Kindheit empfunden hat und mich voll Bitterkeit gegen meine Eltern erfüllt, zu denen ich keine Liebe hege, und die ich doch so gerne geliebt hätte!" „Armer Ludwig«, sagte Anna in innigerem Ton, als vielleicht sie selbst wußte, und legte ihre Hand auf seinen Arm, wie sie es wohl als Kind gethan, wenn seine Eltern den tieffühlenden Knaben durch eine harte Bemerkung verletzt hatten, und sie ihn still weinend im Hause oder Garten des Verwalters gefunden. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest in der seinen, während seine Wangen glühten, und seine Augen gleich denen seines Vaters funkelten. Nach einigen Sekunden fuhr er in ruhigerem Tone fort: „Ja, Annas meine Eltern schämen sich meiner und wollen mich für immer von sich entfernt halten, mich auf dem Buchenhof ansässig und beschäftigt wissen, wo mich tief im Gebirge kaum Jemand sieht, noch besuchen wird. Ich bin auch mit ihrem Willen einverstanden, denn ich weiß» daß ich nicht für die Welt, in der sie leben und glänzen, geeignet bin, doch will ich, wenn ich einmal als Herr dort wohne, kein so einsames, 234 trauriges Leben führen, wie vielleicht mein Vater meint, und bei meinen Schwächen und Gebrechen für mich angemessen hält, nein, ich will, wenn es möglich ist, glücklich werden und mir heute die Gewißheit sichern!" „Was willst Du thun, Ludwig?" fragte Anna und versuchte vergeblich ihm ihre Hand zu entziehen. „Was ich thun will, Anna?" entgegnete er in tiefem, bewegtem Ton, und seine Augen blickten voll Liebe in die ihrigen, die sie schnell senkte. „Ich will Dich fragen, ob Du, die bisher meine liebe, theure Schwester gewesen, und als solche das Leben des armen Ludwig von Bodenwald erheitert und beglückt hast, nach zwei Jahren die Meine — mein Weib werden und mit mir auf dem Buchenhof leben kannst und willst?" „Ludwig", brachte kaum hörbar Anna hervor, und er fühlte ihre Hand, die sie nicht zu befreien vermocht, in der seinen zittern. „Antworte mir, Anna", fuhr er noch leiser fort, „kannst Du Dich dazu entschließen und mir schon heute das Versprechen geben?" „Hast Du auch bedacht, was Du forderst?" fragte Anna ebenso leise. Er hatte sie mißverstanden und erwiderte schnell und mit erregter Stimme: „Ja, Anna, ich weiß, was ich von Dir fordere, von Dir dem blühenden lebensfrohen Mädchen, dem es jedoch vielleicht unmöglich erscheint, Demjenigen einmal als Gattin anzugehören dem es bisher wohl nur aus Mitleid Freundlichkeit erwiesen!" „Ludwig", antwortete Anna in schmerzlichem Ton, „Du thust mir bitteres Unrecht, und eine solche Anschuldigung habe ich nicht um Dich verdient!" „Du könntest also darauf eingehen, mit mir, als mein geliebtes Weib, denn, Anna, so lange ich über meine Gefühle klar zu denken vermag weiß ich, daß ich Dich mit aller Kraft, deren mein Herz fähig ist, liebe, auf dem Buchennof zu wohnen, der dann ein Paradies für mich sein würde?" rief freudig der Jüngling aus. „Ja, Ludwig", entgegnete mit tiefer Bewegung die Försterstochter, und blickte voll Liebe auf ihren einstigen Spielgefährten, dessen Augen jetzt eine unbeschreibliche Freude ausdrückten, „ich will Dein Weib werden, sobald Du mich von meinen Eltern forderst, will Dir durch meine Liebe zu ersetzen suchen, was Du seit Deiner ersten Kindheit schon entbehrt —" „Anna, sprach Ludwig mit sichtlicher Rührung und umschlang sie zugleich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, „Ana, meine Braut!" und Alles um sich her vergessend, tauschte das jugendliche Paar den Verlobungskuß aus. Dann entrang sich Anna plötzlich seinem Arme, und sagte hastig und mit verändertem Gesichtsausdruck: „Ludwig, meine Frage, die Du mißverstanden und unterbrochen —" „Worauf bezog sie sich, Geliebte?" „Auf Deine Eltern! — Dein Vater —" „Wohl wußte ich, daß dieser Einwand Deinerseits kommen wurde, und so lange ich auf diese Stunde der Entscheidung gewartet, habe ich mich auch vorbereitet, ihn zu widerlegen! —" „Und was wird Dein Vater, wenn Du ihm unsere Verlobung mittheilst, sagen?" „Er wird sich wundern, daß ich gewagt sie einzugehen!" antwortete Ludwig von Bodenwald mit einer Ruhe und Sicherheit, die Anna bisher noch nicht an ihm gekannt. „Er wird sie für nichtig erklären und Dir gebieten sie aufzulösen!" „Das kann er nicht, denn ich bin mündig und damit Herr meiner Handlungen!" „Dein Vater wird Dich enterben, wenn Du Dich seinem Willen widersetzest —" „Auch das kann er nicht, Anna", entgegnete zuversichtlich ihr Verlobter, „denn er muß unsern Familienbestimmungen gemäß handeln. Während der langen Abende des vergangenen Winters habe ich mich mit den alten Papieren bekannt gemacht, die im Wand- Schrank meines Vaters Arbeitszimmer verschlossen liegen, darin aber nicht gefunden, daß ein Bodenwald seinen Sohn enterben kann, wenn dieser eine Bürgerliche heirathet!" „Meine Eltern aber werden kaum ihre Zustimmung zu einer Verbindung geben, die die Deinigen nicht billigen —" „Anna, theure Anna, quäle Dich und mich jetzt nicht mit solchen Gedanken, sondern vertraue mir und laß mich gewähren", erwiderte, das jugendliche Haupt mit dem reichen goldblonden Haar, und den blitzenden, blonden Augen hoch aufrichtend, Ludwig von Bodenwald. „Vorderhand darf natürlich Niemand unsere Verlobung erfahren, das mußt Du mir versprechen." — „Ich verspreche es Dir, Ludwig, wenngleich ich bisher nie ein Geheimniß vor meinen Eltern gehabt", antwortete seine Braut, deren sonst so heitere Gesichtszüge einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck hatten. „Sie werden es Dir später gewiß verzeihen", entgegnete ihr Verlobter mit ruhiger Entschiedenheit. „Wenn ich erst den Buchenhof zur Zufriedenheit meines Vaters allein verwaltet, und ihm dadurch beweisen kann, daß ich nöthigenfalls im Stande bin, Deinen und meinen Unterhalt zu erwerben, will ich Dich als Frau von Deinen Eltern begehren, und die Erlaubniß der meinigen zu unserer Verbindung fordern!" „Es sei» wie Dm sagst, Ludwig", erwiderte Anna, welcher die ruhige Sicherheit ihres Verlobten zwar Muth einflößte, indeß noch immer nicht ohne Bedenken war. „Meine Eltern werden von mir noch nicht erfahren, was sich soeben in dieser Baumhütte zugetragen." — „Und alles Uebrige überlasse mir, theure Anna, Du wirst schon sehen, daß ich meine Pläne wie meinen Willen auszuführen vermag. Doch nun muß ich nach Hause eilen, damit nicht Bergmann's auf mich warten, oder vielleicht gar zu Vermuthungen kommen, Auch geht es nach dem Essen wieder in's Feld, wo noch viel Arbeit zu besorgen ist, weil ich zum Empfang meiner Eltern diesen Abend frühzeitig im Schlosse sein muß!" Nach einer innigen Umarmung verließ Ludwig von Bodenwald seine Braut und ging so schnell es seine Gebrechen zuließen dem Verwalterhause zu. Anna aber blickte ihm mit dem Ausdruck zärtlicher Liebe in den dunklen Augen nach und sagte ernst und sinnend: „Ob wir Recht gethan, ich weiß es nicht, doch konnte ich nicht anders, denn mein Herz gehört ihm und wird ihm immer gehören, und nur ich kann den armen Verstoßenen, den Niemand von den Seinen liebt, glücklich machen, denn für mich sind alle seine Schwächen und körperlichen Mängel nicht vorhanden!" und langsam den Weg nach dem Försterhause einschlagend, gelobte sie sich streng über ihr und Ludwigs Geheimniß zu wachen, damit Niemand es binnen der folgenden zwei Jahre ahne. — (Fortsetzung folgt.) ««ldk-vner. Ueber Wetter- und Herren-Launen Runzle niemals die Augenbraunen; Und bei den Grillen der hübschen Frauen Mußt Du immer vergnüglich schauen. Goethe. Der Schnupfen der Seele, den man wohl viel zu gelinde üble Laune nennt, verbreitet sich über Alles, was der Angesteckte berührt, begleitet ihn zu seinen Geschälten, hinkt neben ihn auf seinen Spa- ziergängen und verlöscht die lauterste Flamme der geheiligte» Freundschaft. Arbeite und bewege Dich W werden Seele und Körper sich einander so begegnen, als pichten sie die ehemalige Freundschas wieder zu erneuern, die ein geringes Mißverständlich unterbrochen hat. Thümmel. Wird Deine Jugend gemartert und beraubt, so blüht sie Dir im Alter nach, ivie der Rasenstück, dem im Frühling die Blätter ausgerissen werden, im Winter Rosen trägt. So hoffe, Erdensohn. Jean Paul. Hast Du etwas Gutes gethan, so vergiß es und thue etwas Besseres. Ein Jeder sucht ein All zu sein, Und Jeder ist im Grunde nichts. Lavater. Platen. Plaudereien für's tägliche praktische Leben. Von Dr. I. A. Schilling. Euer Wo h'l geboren! Hochwohlgeborenl Wie viele Briefe haben täglich die Posten zu befördern, auf denen in einfacher oder Schnörkelschrift obenan das „Seiner oder Ihrer W o h l g e b o r e n" pranget» Ich möchte diese täglich geschriebenen Wohlgeboreu nicht zählen. Es ist eine alte Sitte oder Unsitte, Jeden oder Jede, die ein bischen etwas sind — mit „Wohlgebore n" zu traktiren. Und Wer wollte so unhöflich sein, diese Formel das Wohl oder Hochwohl? oder Edel oder Hochgeboren? zu vernachlässigen? Und fragen wir uns, — die Hand auf's Herz offen und ehrlich — was denkt der Schreiber des „Wohlgeboreu" in der Regel dabei? — Meist ja in vier- fünftel der Fälle gewiß Nichts. Würde man beim Niederschreiben solcher Höflichkeitsformen wirklich seinen Gedankenapparat in Thätigkeit setzen, so würde sich zeigen, daß der Hochgeborne manchmal ganz tief unten in einem „kühlen Grunde" und der Nicht« wohl oder Niedergeborne wirklich hoch d. i. droben an der Schneegränze zur Welt kam. Und wie ist's wirklich mit dem Wohl und noch Wohler, dem H o ch- wohlgebornen? Sehen wir nicht täglich Hunderte an uns vorüberschleichen, -huschen, -fahren, -hinken, die „w o h l g e b o r e n" genannt werden und die ihr Geborensein bedauern und ihr Wohl oder Hochgeborensein überhaupt geradezu verlachen oder beweinen, wenn nicht sogar verfluchen. Geboren sind wir, die wir auf diesem Planeten uns herumtreiben und den Kampf um's Dasein kämpfen, Alle aber das wie? ist die große Frage? Leider sind gar Viele bei ihrer Geburt statt wohl oder sehr d. i. Hochwohl — im Gegentheil sehr unwohl, sehr krank, schlecht, siech und elend zur Welt geboren worden. Oft klingt es genau und naturwissenschaftlich betrachtet, wie bitterer Hohn, einen elenden mit Krötenbauch, Hühnerbrust und Säbelbeinen zur Welt gekommenen — Halbcretin Wohlgeboren zu nennen I Man thut's aber doch, wenn der Mensch nur ein bischen was geworden ist oder ein wenig mehr Geld hat, als andere arme Teufel seiner Umgebung! „W ir sind halt ein höflich Volk", sagt der Wiener und küßt jedem „Gnaden" von Geldmäckler die nickelschmutzige Hand. Dagegen ist mancher Holzknecht im bayerischen Gebirge, — den man „dutzt" oder „erst" und ihm auf dem Briefe kein Wohlgeboren gönnt, sondern ihn nur „den und den Hans oder Michel titulirt, wirklich recht wohl und weil er droben in der Hütte an der Felsenwand zur Welt kam, wirklich hoch und wohlgeboren also h o ch w o h l g e b o r e n zugleich. Dies zeigen ja seine geraden Glieder, sein kernig frisches Aussehen, seine geistige Kraft, seine körperliche Gewandtheit u. s. w. Kurz und gut, beim wirklichen Wohlgeboren, bei dem man auch wirklich etwas denkt, kommt es vor Allem darauf an, ob man wirklich wohl d. h. frisch und gesund in dieses irdische Dasein trat, oder ob man als Siechling und Schwachmatikus schon das Licht der Welt erblickte. Aber gerade bei uns Europäern spielt die Erblichkeit d. h. die angeborne Anlage zu Krankheiten oder spielen auch die von Vater oder Mutter übertragenen wirklichen Krankheiten eine Hauptrolle. Sind ja gerade die schlimmsten Uebel und die unheilbarsten und qualvollsten allmeist mit an's Licht der Welt gebrachte. Sind nun solche mit erblichen Leiden Geborne, wirklich wohlgeboren? Gewiß nicht. — Wer in Neichenhall oder Davo's oder Kreuth die Leberthran- und Ziegen-Molken- kneiper oder Bergluftschnapper fragen wollte, wird von Vielen erfahren, daß solche sehr schlecht geboren wurden. Wer eine Krankheitsanlage oder wirkliche Krankheit von seinen Erzeugern ererbt hat d. h. mit solcher, höchst bedauernswerthen Mitgift zur Welt kam, ist nur nicht wohl, sondern sogar sehr unwohl, sehr übel geboren. 237 Ja es liegt eine großartige, erschütternde Mark und Bein durchdringende Wahrheit in den paar Liederzeilen: „Und die Kinder, die mich erben, Erben anch mein Fleisch und Blut!" ' Wenn auch die nachfolgende Erziehung und sogenannte Kultur des jungen und wachsenden Menschen die ererbte schlimme Anlage etwas zu fördern oder auch zu hemmen ^ vermag, ganz wird diese üble Erbschaft n i e erlöschen und zwar schon deshalb nicht, , weil auch das alte deutsche Volkssprichwort hier gilt: „Wie die Alten sungen, So zwitschern die Jungen, d. h. weil die Jungen meist durch das Beispiel der Alten angezogen in die Fußstapsen der Eltern treten, welche gar oft sich ihre Uebel, die sie weiter vererbten, anjubilirt und durch Saus uns Braus angeworben haben. — Die Sprößlinge oder Kinder sind aber so enge mit ihren Erzeugern verbunden, wie die Rose mit ihren Zweigen. Aber auch der Brand des Getreides ist mit der Mutterähre engstens verknüpft und die faule Kartoffel hängt so fest am Mutterknollen wie die gesunde. Fast Alles aber kann sich vererben, Hautfarbe, Haarwuchs, oer gesammte Körperbau, die Haltung, eine langsam einherschreitende wie eine zappelnde Figur u. s. w. Taubstummheit und sogenannte Hasenscharten erben sich so oft fort wie schielende Augen und Adlernasen oder wie Sanftmuth und Wildheit. Schon Horaz singt: „Wilde Geier werden nie zahme Tauben erzeugen!" — Doktor Baumgärtner erzählt in den „Vermächtnissen eines klinischen Arztes" er habe in einer Stadt die Geschichte der Blödsinnigen amtlich aufgenommen und gefunden, daß dort unter 43 solcher Blöden volle 42 aus geistig zerrütteten Familien stammen, welche dem Trunke ergeben waren. Wir dürfen jedoch dabei nicht vergessen, daß es ebenso gut unverschuldeten Blödsinn wie unverschuldete Brandbeschädigung gibt. Eine Hauptschuld des Nichtwohlgeborenseins liegt bekanntlich in den Ehen. Nachdem die Ehe der Neuzeit meist nichts weiter zu sein scheint, als ein gegenseitiger Vertrag, nachdem nur selten vollste Liebe und Sympathie weder Gesinnungsähnlichkeit noch körperliche Vorzüge, sondern gar oft nur Geld und Gut und andere soziale Standes-, Protektions- oder dergleichen noch mehr andere verwerfliche Interessen den sonst so geheiligten Ehebund auf dem Markte des Lebens schließen lassen, nachdem und seitdem dieser Kauf oder Verkauf häufig vorkommt, ist auch das erbliche Unheil sehr viel größer geworden. Heutzutage heirathen nahe oder nächst Verwandte oft ohne ' Spur von gegenseitiger Neigung zusammen, damit die Kapitalien und der Refach in den , Familien schön beisammen bleiben. Gar oft heirathen noch unmündige, unreife Knaben ^ und Mädchen aus finanziellen oder Familieninteressen. Wie oft heirathen alte, decrepide, abgehauste Lebemänner irgend eine abgetragene, in ihren alten Tagen eine gute Erbschaft gemacht habende Wirthschaften» wegen des „uuri suoras kumis" d. h. aus Geldhunger und zur Sicherung weiterer Subsistenzmittel? Traurig aber wahr! Schon Confucius erlaubte seinen Chinesen nicht, daß zwei Leute mit gleichem Familiennamen zusammen heirathen. Eines der hochwichtigsten Kirchengesetze für's praktische Leben ist gewiß das Verbot der Verwandtenheirathen. Solon verbot den Athenern, ihren Töchtern eine Mitgift zu geben, damit ja die vernünftigen und natürlichen Motive der Ehe von dem Gelde nicht überragt werden. Ja die Kinder erben leider die Sünden der Väter bis in's dritte und vierte Glied ^ und werden so oft „schlechtgeborne" Menschenkinder. — Es „menschelt", wie Joh. Scherr sagt, gar oft und vielfach. Verbindungen von alten Leuten sind ebenso unerquicklich, wie die von allzu jungen. Hippel sagt: „Alte Jungfern werden in der Regel überfromm und alte Hagestolze sind meist gottlos, darum schon paffen sie nicht zusammen. 238 Die Mitgift wird aber, wie das Wort schon sagt: nicht selten zum schlimmsten der Gifte und mit Gift ist gar schlimm umzugehen. — Die Kinder von sehr jungen Eltern werden meist schwächlich. Frühzeitig alte Frauen, Leidensschwestern und Jammerbasen ersten Ranges, finden sich zahlreich unter allzufrüh Verheiratheten und wer Aerzten und Apothekern, Kurorten und Heilanstalten, „mit und ohne Schwindel« wie Sonderegger treffend ^ sagt, dauernde Beschäftigung und Bevölkerung geben will, — der copulire — Kinder! Hektische Familien sind höchst gefährlich für die Bevölkerung der Welt. Gefährlicher sind solche mit Epileptikern und Irren, am allergefährlichsten ist aber die Dummheit und die Geldgier, erstere ist gleich trostlos im Reichthum wie in der Armuth, unvergeßlich und erbarmungslos vererblich, — letztere ist gemein und erzeugt viele Niedertracht. Auch diese ist erblich und unheilzeugend. Gar so gerne heirathen viele aus Geldsucht. Die Kinder aber kommen gar oft mit blinden Augen zur Welt, namentlich bei Reichen. Darum gibt's heute blinde, auch so viele blinde Augen, die nichts mehr vom poetischen Glauben an eine bessere Zeit und an ein Ideal wissen und sehen wollen und nur noch für edle Metalle, Gewicht, Länge- und Hohlmaße eine Seh- und Empsindungskraft besitzen. Wie oft heirathen nach jetzigen, laxen Prinzipien, erblich sieche, in Fabriken beschäftigte oder ebenso sieche an der Börse schachernde decrepide Jünglinge, — irgend welche bleichsüchtige scrophulöse Dirne oder ein krampfsüchtiges Fräulein? Die Folgen bleiben sicher nicht aus. Von den sämmtlichen männlichen Nachkommen solcher Ehepaare sind oft kein Zehntel tauglich — als Vertheidiger des Vaterlandes ihre Pflicht zu thun. Dafür muß dann der kräftig gesunde Schlag des Bauern oder Mittelbürgers Gut und Blut opfern. Das Siechthum sitzt dann zu Hause hinter dem Ofen und pflanzt sich fort. Die kräftige, zur Verbreitung der Nasse und Verbesserung der Generation taugliche Gesundheit aber tränkt vorzeitig den wälschen Boden mit seinem Herzbluts — und stirbt ohne Nachkommen. So tief einschneidend für's ganze spätere soziale Wohl sind unpassende Ehen. — „Jede Schuld rächt sich auf Erden« — wenn auch nicht gerade heute und morgen. — Einer der hauptsächlichsten in der Neuzeit so häufig zu Mord und Selbstmord führender, meist ererbter Zustand ist die sogenannte Nervosität. Diese gewaltige und dunkle Macht in unserem geistigen Culturzustande, deren unheilvolle Tyrannei oft übersehen wird, wie auch W. A. Riehl richtig betont — ist erblich. Diese krankhafte Nervosität ist aber vielfach die Ursache zu den schlimmsten sozialen Uebeln und Gebrechen auch nicht selten zu Verbrechen. , Diese krankhafte Reizbarkeit des Nervensystems wird nicht selten irrthümlich das genannt, was man auf modernem Gebiete der Kunst und Literatur „genial« i betitelt. In ihr, dieser krankhaften Nervosität wurzeln auch die meisten unserer modernen ^ Phantastereien. Welcher Vollgehalt unverdorbener, natürlicher Nervenkraft spricht zum Beispiel aus den Werken eines Shakespear's, Michel Angel o's, Händel s, B a ch' s gegenüber den oft krankhaft bizarren Kunst- und Dichtungswerken eines-ja „Nomina, oäiosa snnt" — um eines entweder aus einer Irrenanstalt Gekommenen oder für dieselbe wohl reifen Poeten, Musikers, Farben- oder Pinselkünstlers I — Sind solche hyper-nervöse Menschen auch manchmal genial genannte wirklich wohlgeboren? — Der wirklich wohlgeborne Geistesheld ist in der Regel auch langlebend, weil körperlich und geistig gesund. Denken wir nur an einen Kaiser Wilhelm, Humbold, Goethe, v. Kobell, Ringseis u. s. w. Diese Männer sind wahrlich hochundwohl- ^ geboren zugleich. Auch die Hypochondrie, dieses Chamäleon aller Krankheiten, mit ihren Tantalusqualen für den Besitzer und für Andere zugleich, ist erblich. Dieses Zerrbild menschlichen Daseins, dies Leiden, das für die Umgebung nicht nur höchst beschwerlich, sondern auch 239 wegen Weiterverbreitung auch durch geistige Ansteckung gefährlich wird, ist vielfach eine Mitgift der Eltern. Ist etwa solch ein Hypochonder wirklich wohlgeboren? — Hierher gehört auch die Schwindsucht mit ihrer Schwester Scrophulose. Legionen von Phtisikern danken ihr Elend ihren Eltern. Eine Summe von Eigenthümlichkeiten des Körperbaues werden von den Erzeugern den Kindern mitgetheilt, aus denen sich dann die Scropheln und Tuberkeln herausbilden. Ist etwa solch ein Sprößling wohlgeboren, dessen Hauptbeschäftigung Husten und dessen Körperzier Geschwüre sind? Außer allem Zweifel steht auch die Erblichkeit von Krebsgeschwülsten. Ist zum Beispiel der Vater krebsleidend, die Mutter außerdem an einem constitutionellen, (d. h. auf einem kranken Blutleben beruhenden) Leiden z. B. Blei-Quecksilberdyscrasie, Scrophulose rc. zehrend, dann kann es leicht vorkommen, wie B. W. Nichardson erzählt, daß, wie die traurige Erfahrung lehrte, das erste Kind an fressender Flechte (Imxus), das zweite an Lungenschwindsucht, das dritte an Gehirntuberculose und Fallsucht, das vierte an Zuckerharnruhr, das fünfte und letzte aber an Krebs zu Grunde geht. , Für viele solcher elend geborner Kinder ist es noch am Besten, recht bald zu Grunde zu gehen bevor sie etwa groß geworden, durch allenfallsige spätere Heirathen wieder neuen Unglücklichen das Leben geben. — Erblich ist auch die Gicht, wie neuerdings Jonathan, Hutchinson und Andere nachgewiesen haben. Fast ausschließlich wird das Podagra vom Vater auf die Kinder und ausnahmsweise nur von der Mutter weiter vererbt. Die Uebertragung der Lustisuche oder Syfilis ist allzu bekannt, als daß man darüber weiteres zu sagen brauchte. Auch von Vätern erbt sich das Uebel auf die Mütter» ebenso oft sogar auf die noch ungebornen Kinder fort. Sind solche mit dem Kainszeichen der Lues Behafteten wenn auch „von" zugenannt, etwa Wohlgeboren? Erblichkeit ist auch ziemlich häufige, ebenso fruchtbare wie furchtbare Quelle des Jrrseins. Was bei Großeltern oft nur „Nervosität" gewesen, wird bei den Enkeln Wahnsinn, besonders wenn gleiche Lebensverhältnisse fortdauern und das Blut nicht durch slückliche Kreuzung verbessert wird. Nur aller Jrrseinsfälle soll nach Angabe des berühmten Doktors Moreau nicht vererbt sein und bei d/,„ soll Erblichkeit als Veranlassung in Betracht kommen. Gar oft ist „Sauferei", d. h. Trunksucht der Eltern die Ursache des Jrrseins bei den Nachkommen. Meine Erfahrungen bestätigen dies vollkommen. Ich hatte einmal während eines Monats drei Geisteskranke in eine Anstalt zu schaffen. Der Eine, ein Kaufmann, hatte einen Vater» der bereits wiederholter Bewohner derselben Anstalt gewesen, der zweite — hatte einen Trunkenbold zum Erzeuger. Dieses Irren noch einziger Bruder ist aber ein Idiot. Die dritte Kranke — der gräßlichste Fall, der mir in meiner langen Praxis vorkam, war eine wunderhübsche» üppig gebaute, junge Dame, die an ihrem Hochzeitstage tobsüchtig wurde und die ich nur mit Aufwand aller Mannskraft in die Anstalt bringen konnte. — Das Mädchen war körperlich vortrefflich geformt und in ihrer Aeußerlichkeit „Wohlgeboren." — Der Geist aber sehr schlecht geboren! Ihr Vater hatte sich vorher in einem Anfalle von Melancholie erhängt, ihr Bruder hatte sich in einem Delirium zum Fenster hinausgestürzt. — Nur mit Haarsträuben denke ich an dieses Mädchen — das ihr baldiges Ende im Wahnsinne fand. In jedem Lande steigt aber der Irrsinn mit der zunehmenden Trunksucht. Mit der Trunksucht, die auch nicht selten angeboren wird und ebenso mit der Nervosität steigern sich die Selbstmorde zur schaudererregenden Höhe. CretiniSmus ist erwiesenerweise erblich, wie die Taubstummheit. Ebenso der Kröpf. Diese Uebel werden meist durch die Väter fortgepflanzt. Auch die Hämo- philie (d. i. Bluter-Krankheit) wie die Epilepsie sind bekanntlich häufig; erstere fast immer durch Erbschaft entstanden. Der gesammte moralische Charakter der Kinder hängt gar oft von den Eltern, meist von den Müttern ab. 240 Nicht leer und eitel ist der Spruch: „daß Tugenden und Laster mit der Muttermilch eingesogen wurden." Schon Lucretius CaruS in seiner Naturgeschichte sagt mit Recht: „Gar oft tragen die Enkel und Urenkel der Großvater und Urgroßvater Gestalten und Zustände an sich." Noch einige Zahlen zur Beweisführung. Nach einer Aufnahme von Landes waren von 287 taubstummen Personen 79 von Geburt an taubstumm und davon entsprangen 24 aus Ehen zwischen Blutsverwandten. Howe berichtet uns von 17 unter den nächsten Verwandten geschlossenen Ehen. Aus diesen gingen zusammen 95 Kinder hervor» davon waren 44 Idioten, 12 Scrophulose, 1 taub» 1 zwerghaft und nur 37 von erträglicher Gesundheit und Gestaltung. MoriS beweist, wie von 100 aus blutsverwandten Ehen hervorgegangenen Kindern durchschnittlich 61^ Prz. schlecht constituirt und krank waren. Auch geht leider die Neigung zum Selbstmorde von den Erzeugern auf die Erzeugten über, wie C. A. Dietz und Andere dies durch zahlreiche Beispiele darlegten. In dieser Beziehung sind bei uns für die nächsten paar Dezennien die Aussichten bezüglich der Selbstmordstatistik gewiß sehr trübe. Kurz und gut ich wollte nur darthun, daß gar Viele, die man Wohlgeboren nennt, dies bei weitem und leider! nicht sind und nie gewesen sind. Trotzdem wird diese Sitte — der Wohlgeborenheit-Titulatur fortdauern, wie auch die Sitte des Hutabnehmens bei Sturm und Ungewitter und wenn auch Rheuma und Ohrenreißen diese letztere höfliche Gewohnheit vielfach verleiden! — Uebrigens habe ich die Ehre, mich den wirklich „Wohlgebornen" Lesern bestens zu empfehlen. Nichts für ungut! Miseellen. (Eine wenig bekannte Beethoven-Anekdote) wird in der „Revue Arti- stique" von Brüssel erzählt: Paör hatte seine Oper „Leonore" in Wien zur Aufführung gebracht, welche ein Sujet enthielt, das Bouilly zuerst bearbeitet hatte, und welches nachträglich für den „Fidelio" diente. Beethoven hatte der Paör'schen Aufführung beigewohnt. Beim Verlassen begegnete er dem Autor, schüttelte ihm die Hand und sagte ihm in seiner gewohnten Gradheit: „Ihre Oper gefällt mir sehr gut; ich habe Lust, sie in Musik zu setzen" .... So entstand „Fidelio." (Die höchste Zeit.) An der Nandolph-Straße in Chicago wurde kürzlich in einer dunkeln Nacht ein Mann von zwei Räubern angehalten, die ihn fragten wie viel Uhr es sei. „Zündet ein Streichhölzchen an, damit ich nachsehen kann," sagte der Mann. Als das Streichholz brannte hatte er auch richtig die Uhr in der Hand, aber quer über dem Zifferblatt lag ein eklich aussehender Revolver. Es ist jetzt anderthalb Sekunden bis 11 Uhr," sagte er, „und ihr habt gerade anderthalb Sekunden Zeit zu verduften, ehe es anfängt zu schlagen." Sie verdufteten. In einem Berliner Gymnasium passirte dem Cultusmini ster neulich bei einem Besuche desselben ein hübscher Scherz. Er fragte nämlich einen kleinen Sextaner, ob er auch schon spare. „Jawohl," lautete die Antwort. Und was machst Du mit dem Gelde?" forschte der Minister weiter. „Dafür kaufe ich mir Sonntags Bonbons," antwortete prompt der kleine Kerl. Direktor und Lehrer wurden verlegen, der Minister aber lachte. Die Theorie der Schul-Sparkaffen schien ihm dadurch etwas erschüttert. (Ein gefährliches Leiden.) Ein alter französ. Richter, der sich stets einer eisernen Konstitution rühmte, kam zu einem Arzt. „Sie hier?" „Ich bin ein wenig beunruhigt über meinen Gesundheitszustand, lieber Doktor". „Ä?o sitzt denn das Uebel? Im Kopf, im Magen?" „Nein, das ist Alles in Ordnung, aber in letzter Zeit litt ich während Gerichtsverhandlungen häufig an — Schlaflosigkeit." Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler, 1883, M „Äiigglmrger Postseitimg/' o Nr. 31. Mittwoch, 18 . April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) III. In dem stattlichen Hause des Landkammerraths, das in der Residenz neben dem fürstlichen Schlosse lag, und seit seiner Erbauung der Familie von Bodenwald gehört» herrschte rege Thätigkeit, denn der Augenblick des Aufbruchs, wenigstens der beiden Gepäck- und Prooiantwagen, die den Bedarf vieler Personen für mehrere Monate ent- hie ten, war gekommen. In dem geräumigen von der Straße durch ein hohes Gitter getrennten Vorhof, standen die bereits fertigen Fuhrwerke, und lautes Sprechen und Pferdestampfen in den umliegenden Ställen ließ schließen, daß sie sogleich bespannt werden und den Weg nach Bodenwald antreten sollte». Es war gegen neun Uhr Morgens, als der Landkammerrath, welcher seine Geschäfte und Pflichten für längere Zeit erledigt, in das Zimmer seiner mit Schreiben beschäftigten Gemahlin trat und in sichtlich heiterer Stimmung, die gewöhnlich man bei ihm vermißte, zu seiner Gemahlin sagte: „Nun, wie ist's, Josephine, können wir in einer Stunde die Stadt verlassen? ich wollte die Wagen fortschicken — " „Ich habe nur diese Briefe zu beenden, lieber Bodenwald, und dann noch einmal mit der Haushälterin alle Arbeiten zu besprechen, die während unserer Abwesenheit hier vorgenommen werden sollen!" entgegnete, ohne aufzusehen die Landkammerräthin. „Schärfe ihr nur ein, sogleich damit zu beginnen, und sie nicht, wie gewöhnlich, bis zum letzten Augenblick hinauszuschieben. Wir könnten früher, als ivir denken, zurückkommen, und dann — — was geht da draußen vor? Wer mag da so laut reden?" und durch das Vorzimmer in den Hausflur tretend, sah der Landkammerrath neben seinen Bedienten einen fremden Mann, dessen schweißtriefende Stirn und staubige Kleidung andeuteten, daß er schnell und weit gegangen war. Den allgemein bekannten Beamten erblickend, zog er seine Mütze und war im Begriff ihn anzureden, als dieser ihm zuvorkam, und barsch und in strengem Ton fragte: „Was gibt's? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?" „Herr Landkammerrath", begann der Bauer, seine Kopfbedeckung in der Hand hallend, und sah mit einiger Scheu zu ihm auf, „ich komme aus Langenhagen, und wollte Ihnen nur anzeigen, daß bei uns ein Unglück geschehen ist!" „Das wolltet Ihr mir anzeigen?" fragte nicht freundlicher der Herr von Bodenwald. „Was kümmert mich das Unglück, das sich in Eurem Dorfs zugetragen, habt Ihr nicht einen Arzt, den Schulzen und den Polizeidiencr? — Es wäre doch arg, müßte ich mich auch um Dergleichen kümmern", und sich abwendend, wollte er sich zu seiner Gemahlin zurückbegeben, als der momentan eingeschüchterte Landmann sich faßte, und kühner als vorher sagte: 242 „Ein Wort noch, Herr Landkammerrath! Das Unglück, von dem ich gesprochen, kümmert Sie wohl, und um ihretwegen bin ich hierher gekommen, wie Sie sogleich hören werden I — Ihr ältester Sohn liegt seit einigen Stunden in unserm Gasthaus; er hat den linken Arm gebrochen und ist außerdem noch verwundet!" „Mein ältester Sohn sollte in Eurem Dorf verwundet liegen?" unterbrach ungläubig der Landkammerrath. „Das muß ein Irrthum sein, denn er ist nicht einmal in dieser Gegend, wir erwarten ihn erst in den nächsten Tagen von B. zurück!" „Es ist dennoch, wie ich sage, Herr Landkammerrath, und der Doktor, der ihn verbunden, hat mich-, hergeschickt, um Ihnen die Anzeige zu machen. Auch hat der junge Herr mir eine Karte gegeben, die ich Ihnen einhändigen sollte", und der Bote begann nach dem ihm anvertrauten Blättchen Papier zu suchen, und zog es endlich aus einer tiefen Rocktasche hervor, in der es in friedlicher Gemeinschaft mit seiner Pfeife und seinem Tabaksvorrath gelegen. Es dem Herrn von Bodenwald reichend, sagte er triumphirend zu ihm aufblickend: „Da lesen Sie selbst den Namen, Herr Landkammerrath —" In diesem Moment öffnete Frau von Bodenwald die Thür des Vorzimmers. Sie hatte der lauten Unterredung gelauscht, und mehrfach ihren ältesten Sohn nennen hörend, fühlte sie sich von einer plötzlichen Angst ergriffen. Jetzt sah sie in der Hand ihres Gatten die Visitenkarte, und fragte hastig und in besorgtem Tone: „Hat der Mann uns irgend eine Nachricht gebracht, lieber Bodenwald?" Ihr die Karte mit dein Namen des Sohnes reichend berichtete ihr der Landkammerrath in aller Kürze, was er von dem Boten vernommen, und dieser die sichtliche Aufregung der erschreckten Mutter gewahrend, fügte hinzu: „Fahren Sie nur gleich zu Ihrem Sohne hinaus, gnädige Frau, der, als ich ging, kaum seine Besinnung wieder bekomme» —" „Wie aber konnte das Unglück geschehen?" fragte Herr von Bodenwald den Boten, dessen Schüchternheit vollständig geschwunden war, und der schnell entgegnete: „Das ist einfach genug zugegangen, Herr Landkammerrath. Die Pferde des Postwagens, in dem sich der junge Herr befunden, und der noch dazu stark besetzt war, sind vor einer Heerde Kühe, die über den Weg rannte, scheu geworden und durchgegangen, und haben den großen Kasten gegen einen Meilenstein geschleudert, daß er umgefallen und zum Theil zerbrochen ist. Es liegen noch mehrere Verwunvete in unserem Wirths- hause, die übrigen Passagiere aber hat der Postillon in einem anderen Wagen weiter gefahren, und werden sie auch wohl in der Stadt ankommen!" „Aber, lieber Bodenwald", kam die Landkammerräthin, welche um ihren Lieblingssohn die größte Besorgniß empfand, einer zweiten Frage ihres Gatten zuvor, „laß uns doch so schnell wie möglich mit dem Medizinalrath hinausfahren, und selbst sehen, wie es um unseren Sohn steht, der einige Tage früher, als anfänglich er gewollt, zurückgekommen sein wird!" Das Nichtige dieses Vorschlages einsehend, befahl der Landkammerrath dem Diener anspannen zu lassen, den Boten nach dem heißen Weg durch Speisen und Trank zu erquicken, und den Hausarzt zur Mitfahrt nach Langenhagen aufzufordern. Dann folgte er seiner Gattin in ihr Zimmer, wo sie bereits ihrer Kammerfrau hastige Befehle ertheilte, und hinzufügte, sich zur Mitfahrt nach Langenhagen bereit zu halten, wo sie vielleicht gar einige Zeit bleiben würden. „Liebe Frau", begann der Landkammerrath nicht ohne Besorgniß auf ihr bleiches Gesicht blickend, „Du solltest Dich noch nicht allzu sehr ängstigen, denn da jede Aufregung Deiner Gesundheit schadet —" „Und thust Du es vielleicht nicht?" fragte sie schnell. „Müssen wir nicht wiederum auf's Schlimmste gefaßt sein? — Denke doch nur an den Morgen, wo wir die Nachricht erhielten, daß Friedrich schwer getroffen in einer Dorfschenke liege, und wir, obgleich wir auf der Stelle zu ihm eilten —" 243 »Wozu das noch immer so Schmerzliche wiederholen?- entgegnete der Landkammerrath mit düsterem Ernst. „Laß uns hoffen, daß Hugo's Verletzungen schließlich nicht bedeutender Art sind, und wir unsern blühenden kräftigen Sohn, die Zierde unseres alten Namens, behalten. Ich könnte fast wahnsinnig werden, daß das Unglück ihn betroffen, während doch Ludwig der jämmerliche Schwächling-doch wir vergessen die Wagen, die schon nach Bodenwald unterwegs sein sollten — —- »Sie müssen einstweilen noch hier bleiben-- »Ich will einen der Knechte zurückschicken und Bergmann sagen lassen, was sich zugetragen. An Ort und Stelle werden wir schon sehen, was wir für die nächste Zeit zu beschließen haben!- Nach einer halben Stunde bestiegen Herr und Frau von Bodenwald mit dem Haus- Arzt, der Kammerfrau und dem Boten den mit vier kräftigen Pferden bespannten Wagen, und schlugen die Schloß Bodenwald entgegengesetzte Richtung ein. Mit schwerem Herzen fuhren sie an dem schönen Julimorgen dem Ziele zu, wo, wie sie nur zu gut wußten, ihr verwundeter Sohn ihrer sehnlichst harrte. — IV. »Das ist ein schweres Mißgeschick, das uns da wiederum betroffen, Kohring-, mit diesen Worten empfing drei Tage nach dem Unfall seines Sohnes der Landkammerrath seinen Förster, welcher zu seiner Begrüßung sich in's Schloß begeben und ihn in seinem Arbeitszimmer aufgesucht hatte. »Ja, Herr Landkammerrath, ein Mißgeschick, das wir Alle bedauert haben-, entgegnete der Förster, ein etwas jüngerer, doch ebenso stattlicher Mann wie der Gutsherr, dessen schwarzes Haar und dunkle Augen auf seine Tochter vererbt waren. ^.Wie steht es um den jungen Herrn von Bodenwald? — Hat er außer dem Armbruch noch anderweitig« Verletzungen erlitten?- „Für den Augenblick geht es ihm schlimm genug, wenngleich keine bestimmte Gefahr vorhanden ist-, entgeguet« mit umwölkter Stirn der Landkammerrath. »Als wir mit dem Medizinalrath in Langenhagen ankamen war sein linker Arm regelrecht von dem dortigen Arzt geschient, und wird nach Verlauf von sechs Wochen wohl geheilt sein. Außerdem hat er «ine Wunde am Kopf, die ebenfalls verbunden war, und was das Schlimmste ist, hat auch die Brust eine Verletzung bekommen, über die der Medizinalrath sich noch nicht aussprechen will oder kann.- »Auch die Brust ist verletzt?- fragt« theilnehmend der Förster, welcher unterdeß dem Landkammerrath gegenüber Platz genommen, der für ihn als einen tüchtigen und thätigen Fachmann eine besonder« Zuneigung empfand. „Mein Sohn hat beim Sturz des Wagens einige Rippen gebrochen, und muß dadurch die Lunge gelitten haben, da er beim Athmen Schmerzen empfindet!- erwiderte sichtlich bekümmert Herr von Bodenwald. »Diese Schmerzen können auch eine Folge der großen Erschütterung des Körpers sein", meinte der Förster. »UebrigenS ist es mir einmal gerade so ergangen, und haben sich die Schmerzen, als die Rippen geheilt waren, verloren!- »Und haben Sie von Ihrem damaligen Unfall keine nachteiligen Folgen behalten?- fragte der Landkammerrath mit einem fast ängstlichen Blick auf seinen Förster. „Nein, Herr Landkammerrath, denn wie Sie zur Genüge wissen, habe ich meinen Dienst seinem ganzen Umfang nach stets zu Ihrer Zufriedenheit versehen!- „Ja, ja, Kohring, und mögen Sie «S noch recht lange thun! — Auf meinen Sohn zurückzukommen, soll er, sobald er nur im Stande ist, die Fahrt zu unternehmen, nach der Stadt kommen, weil der Medizinalrath, der schon unsertwegen seine Reise aufgegeben, ihn dort unter Augen haben und besser behandeln kann!" »Und wie befindet sich die gnädige Frau nach dem gehabten Schrecken?- fragt« der Förster. „Meine Frau hat allerdings sehr dadurch gelitten, und ich fürchte auch, «S wird 244 nicht ohne nachtl,eilige Folgen bleiben. Doch denkt sie jetzt nur an die Pflege ihres Sohnes, und will ihn keinen fremden Händen überlasten!" „Dann werden wir sie hier wohl vorerst nicht sehen?" „Es ist möglich, daß wir im August kommen, wenigstens meine Frau und unser Sohn, doch läßt sich darüber noch nichts bestimmen. Ich bleibe einige Tage hier, um vor allen Dingen den Ludwig nach dem Buchenhof zu bringen, wo er dann wohl sein ganzes Leben bleiben wird, denn nach einigen Jahren muß er doch im Stande sein, das Gut zu verwalten!" „Dazu hat Junker Ludwig neben dem besten Willen auch die Fähigkeit, und wenn nur seine körperliche Kraft der semes Geistes gleichkäme —" „Ja, dieser elende, schwächliche Körper!" unterbrach mit finsterer Stirn der Landkammerrath. „Sollte man wohl, das Gesicht allerdings abgerechnet, die jämmerliche Gestalt, die kaum größer als Ihre Tochter ist, für mein n und meiner Frau Sohn halten?" „Herr Landkammerrath", entgegnete fast vorwurfsvoll und mit Nachdruck der Förster, welcher eine wahrhaft väterliche Zuneigung zu besten schwächlichem Sohn empfand, „der arme Junker hat sich diesen nicht selbst gegeben, und auch am schwersten darunter zu leiden und immer zu leiden gehabt!" „Schweigen wir von ihm", erwiderte fast rauh der Gutsherr, „er wird nie im Stande sein, etwas zum Glanz und Ruhm unseres alten Namens zu thun, denn wer wird eine solche Jammergestalt heirathen wollen? — Das wäre anders bei Hugo, den ich mit einer sehr schönen und reichen jungen Gräfin zu vermählen gedachte, und der nun mit gebrochenen Gliedmaßen, und vielleicht schon kranker Lunge in dem elenden Dorfe liegt! —" . Hoffen wir das Beste, Herr Landkammerrath", unterbrach der Förster, der seine Härte und Lieblosigkeit gegen den jüngste» Sohn stets getadelt. „Junker Hugo wird bei seiner kräftigen Gesundheit sich erhulen, zumal Sie keine Kosten zu scheuen haben!" „Der Medizinalrath hat von Seebädern gesprochen, und uns Ostende empfohlen, und würde auch die dortige Luft für meine Frau, die ihn begleiten will, zuträglich sein!" Der Förster mußte bei dieser Erklärung an den armen Ludwig denken, für dessen schwächlichen Körper und zarte Gesundheit bisher weder Vater noch Mutter gesorgt, und da der Landkammerrath sich erhob, verließ auch er seinen Platz und trat mit ihm an's Fenster. Hier siel Beider Blick auf zwei herankommende sehr verschiedene Gestalten; es waren der Verwalter Bergmann und Junker Ludwig, weiche lebhaft sprachen, und ihre Hüte zogen, als sie des Gutsherrn ansichtig wurden, welcher flüchtig grüßte und sich dem Förster zuwendend sagte: „Habe ich nicht recht? — Ein Jammer ist's um den Kopf, daß er nicht auf einen« sechs Fuß hohen Körper sitzt!" „Und mehr noch, daß der Geist und die Thatkraft, die Ihren jüngsten Sohn zu einen« der tüchtigsten Männer des Landes machen würden, nicht einen solchen beleben^, konnte der Förster sich nicht enthalten zu erwidern. „Sollte der Ludwig wirklich damit versehen sein?" fragte ungläubig der Gutsherr» „Geiviß, Herr Landkammerrath, allein da Sie Ihren jüngsten Sohn kaum kennen, können Sie das allerdings «richt wissen! — Da Sie aber sicherlich noch mit ihm zu sprechen haben, will ich mich entfernen — —" „Das habe ich in der That — —" „Nach einigen Sekunden gingen der Förster und der Verwalter dem Hause des Letzteren zu, Ludwig von Bodenwald aber betrat das Arbeitszimmer seines Vaters, mit den« er schon das Frühstück eingenommen, und der sich jetzt am Fenster niedergelassen. Auf einen Sessel deutend sagte er in gemessenem Tone: „Setze Dich, Ludwig, denn ich habe noch mit Dir zu reden!" Der Sohn kam seiner Aufforderung nach, und ihn mit unverkennbarem Jntereste betrachtend, begann der Landkammerrath.' 245 „Es ist nothwendig, noch einmal auf Deine Uebersiedlung nach dem Buchenhof zurückzukommen. Du wirst, so lange Baumgart dort ist, als Unterinspektor eine allerdings ihm untergeordnete Stellung einnehmen, doch hast Du, wie Du weißt, Deine eigene Häuslichkeit, wenn Du auch das Haus mit ihm theilen mußt!" „Die Haushälterin hat, wie ich mich vor einigen Tagen überzeugt, schon Deinem Willen gemäß Alles eingerichtet, Papa", entgegnete der junge Mann. „Ich habe es ihr dringend genug anempfohlen", antwortete der Landkammerrath. „Hoffe, tlich wirst Du Dich schnell und hinlänglich in die Lerwaltung des Gutes hineinarbeiten, damit wenn Baumgart geh', was binnen zwei Jahren gewiß geschieht, Du, obgleich immerhin noch sehr jung, es allein bewirthschaften kannst!" „Ich werde gewiß meine Pflrcht thun, Papa", erwiderte sein Sohn, und richtete mit einer raschen Bewegung den ausdrucksvollen Kopf höher auf, indem er zugleich die reiche Fülle des goldblonden Haares von der weißen Stirn zurückstrich. „Das erwarte ich auch von Dir, da ich Dir auch eine selbstständige Stellung übertragen, die zugleich, weil Du im Leben keine andere bekleiden kannst, Deinem Stande angemessen ist." Ludwig von Bodenwald's Züge umdüsterten sich, doch hatte er keine Erwiderung auf diese Bemerkung seines Vaters, der alsbald fortfuhr: „Ich werde wohl noch diesen Herbst nach dem Buchenhos kommen, doch läßt sich darüber noch nichts Näheres bestimmen, dg Alles von dem Befinden Deines Bruders abhängt, von dem man noch nicht einmal weiß, wie schwer er verwundet ist!" Des jungen Mannes Züge blieben unverändert, er enthielt sich jedoch jeder Bemerkung über den Unfall, der schon einmal besprochen war, und sein Bater fuhr fort: „Du wirst ein Viertel der Gutseinkünfte als Dein Taschengeld beziehen, ich habe Baumgart bereits angewiesen, es Dir vierteljährlich auszubezahlen. Sobald Du den Buchenhof allein bewirthschaftest, gehört Dir der ganze Ertrag desselben, doch hast Du alsdann die Kosten, die er erfordert, zu tragen. Wenngleich Du Dich von der Zeit an als Herr des Gutes zu betrachten hast, darfst Du doch ohne meine besondere Erlaubniß keine besondere Veränderung vornehmen." „Ich wüßte nicht, welcher Art die sein könnten, Papa!" „Ich in diesem Augenblick auch nicht, doch finden neue Herren leicht Veranlassung zu Veränderungen! — Etwas weiteres wüßte ich in Bezug auf Deine nächste Zukunft nicht, solltest Du noch besondere Wünsche haben-" „Ja, Papa, ich möchte Dich ersuchen, mir Einiges in der Stadt zu besorgen, wohin ich vorerst wohl kaum kommen werde." — „Darüber habe ich kein Urtheil, doch stehen Dir, wie ich Dir bereits gesagt, Wagen und Pserde, so bald es sein muß, zur Verfügung. Laß inveß hören, was Du wünschest ?" „Vor allen Dingen Bücher, um mich an den Abenden, ivo ich allein sein werde, zu beschäftigen." „ t ücher?" wiederholte überrascht der Landkammerrath, der für diese nie eine große Vorliebe gehegt, seit seine Ausbildung auf der Universität beendet, mit aller Wissenschaft abgeschlossen hatte und nur zuweilen in einem ihm gerühmten Roman blätterte. „Du — erhälst verschiedene Zeitungen — —" „Die reichen nicht aus", entgegnete Ludwig mit mehr Entschiedenheit, als er bisher gesprochen. „Auch will ich die begonnenen Srudien fortsetzen, und habe hier ein Ver- zeichniß der verschiedenen Werke, die ich dazu gebrauche." Und ein gefaltetes Papier aus seiner Brusttasche nehmend, überreichte er es seinem Vater. Dieser überblickte die mit schöner, fester Hand geschriebenen Aufzeichnungen und sagte sichtlich überrascht: „Englische und französische Spezialgeschichte in der Ursprache — — verstehst Du denn diese Sprachen?" „Ich habe sie von dem Herrn Pastor erlernt und seitdem fortgeübt!" 246 „Und davon weiß ich nichts?" An Deiner Stelle aber wiirde ich lieber englische als französische Romane lesen." „Es stehen auch einige der ersteren, die der Pastor mir besonders empfohlen, verzeichnet, die französischen Romanverfasser will ich erst später kennen lernen." (Fortsetzung folgt.) Das Muster eines katholischen Seelsorgers. * Christoph v. S ch m i d stellt, da er von seinem Aufenthalte an der Universität Dillingen schreibt, im zweiten Bündchen seiner „Erinnerungen aus meinem Leben", welches Buch wir unseren Lesern erst kürzlich ganz besonders für geisterfrischende Lektüre empfohlen haben, als solches den Pfarrer Jgnaz Valentin Heggelin» einen Freund des hochseligen Sailer, dar. Die hübsche Erzählung mag hier Platz finden. Echmid schreibt: Jgnaz Valentin Heggelin, Pfarrer in den gräflich stadionischen Marktflecken Warthausen und Kämmerer des Landkapitels Biberach, war ein wahrhaft großer Mann, von ausgezeichneten natürlichen Geistesgaben, seltener Weisheit und Menschenkunde, und als Seelsorger von allumfassender, unermüdeter Thätigkeit. Er hatte Sailer's Schriften gelesen, wünschte ihn näher kennen zu lernen, lud ihn auf das Pfingstfest zum Predigen ein, und fand alle seine hohe Erwartungen weit übertrofsen. Beide wurden innige Freunde. Sailer schickte mich zu ihm. „Em künftiger Seelsorger", sagte er, „kann im Umgänge mit ihm niehr lernen, als in allen meinen Vorlesungen." Heggelin behielt mich einig« Tage, ja Wochen bei sich. Er schenkte mir vom frühen Morgen bis zum späten Abende alle seine freien Stunden. Ich fragte ihn über Vieles. Wenn ihn aber seine Geschäfte riefen oder, bevor ich mich am Abende zur Ruhe begab, zeichnete ich jedesmal auf, was er mir gesagt hatte. Am folgenden Morgen forderte er mich auf, wieder Register zu ziehen, wie er zu sagen pflegte. Was ich damals aufzeichnete, hat Sailer in Heggelin's Biographie aufgenommen. Doch mag noch «ine kleine Nachlese stattfinde». Heggelin ließ sich durch nichts von Befolgung der kirchlichen Anordnungen abhalten, und zeigte da einen strengen entschiedenen Ernst. Einst war eine ansehnlich« Gesellschaft bei ihm, und eben in einem interessanten Gespräche mit ihm begriffen. Da läutete man die Gebetglocke, zur Erinnerung an den Gruß des Engels und an die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Er brach das Gespräch augenblicklich ab, und sprach mit der ihm eigenen Energie: „Da jetzt die ganze Pfarrgemeinde auf den Knieen liegt und betet, so wäre eS schlecht, wenn der Pfarrer allein von andern Dingen reden wollte. So wichtig diese Gespräche sein mögen, so ist nach fünf Minuten noch Zeit dazu." Er betete stillschweigend, und auch alle Anwesenden beteten. So ernsthaft er aber sein konnte, so freundlich war er, zum Beispiel gegen Kinder, gleich der liebreichsten zärtlichsten Mutter. Von den Heilsmitteln, welche die Kirche uns darbietet, machte er gewissenhaften Gebrauch. Er pflegt« jede Woche zu beichten. An jedem Freitage kam ein frommer Geistlicher aus der Nachbarschaft zu ihm, um ihn Beicht zu hören. Einmal, da mehrere Gäste da waren, ging Heggelin mit ihm in ein anderes Zimmer, und als er zurückkam, war sein Angesicht — was auch Sailer einmal bemerkt hat! — von sanftem mildem Glänze wie verklärt und so helle, als fiele ein Strahl der Sonne oder des Mondes darauf. Ich glaubte nun zu verstehen, was die heilige Schrift mit den Worten sagen wollte: „Das Angesicht des Stephanus habe geleuchtet." Heggelin hatte auch ein sicheres Ahnungsvermögen, desgleichen wohl jedein Menschen einwohnet, das aber nur bei sehr ruhigen, von Leidenschaften gereinigten Gemüthern sich äußern kann. Er hatte mir und einem Freunde versprochen, nach Tische mit uns nach Biberach zu gehen. Er säumte aber lange bis er Hut und Stock nahm, ging sehr langsam, blieb unterwegs öfter im Gespräche stehen, und setzte sich zuletzt gar auf «ine von 24? Bäumen beschattete Bank, die nächst dem angenehmen Spaziergange von Warthausen nach Biberach angebracht war. und die er die wohlthätige Bank zu nennen pflegte. Ich begriff nicht, warum er gar so sehr zögere und dachte, er habe gar nicht mehr im Sinn, heute in die Stadt zu gehen. Da kam auf einmal ein schöner, wohlgekleideter Herr zu Pferde hierher gesprengt, grüßte Heggelin schon von Weitein, stieg ab und sagte, auf seiner sehr eiligen Reise sei er nur für einige Stunden nach Warthausen gekommen, habe in dem Pfarrhofe vernommen, Herr Pfarrer sei gegen Biberach hin spazieren gegangen; er freute sich sehr, seinen väterlichen Freund doch wenigstens auf einige Augenblicke zu sehen. Dieser Herr war der Graf Philipp von Stadion, nachmals kaiserlich-österreichischer Minister. Beide gingen jetzt, angelegentlich miteinander sprechend, auf und ab. Der Graf schwang sich dann wieder auf sein Pferd und eilte weiter. Heggelin sprach hierauf zu uns: „Es war mir immer, heute Nachmittags dürfe ich mich nicht weit von Hause entfernen. Ich sagte deshalb, bevor ich ging, zu meiner Haushälterin, wenn etwas vorfallen sollte, so sei ich auf dem Wege nach Biberach, bis zu der ihr bekannten Bank sicher zu treffen; denn ich dachte, wiewohl wir heute nicht nach Biberach kommen, so ist es in dem schönen Rißthale doch ein angenehmer Spazier-, gang. Meine Ahnung hat mich auch nicht getäuscht." Als beide Grafen Lipps und dessen Bruder Fritz, nachmals kaiserlich-österreichischer Gesandte in München und späterhin Armee-Minister, noch Knaben waren, harten sie den Pfarrer Heggelin, der mit ihnen so liebreich umzugehen und sie, wie sonst Niemand, zu unterhalten wußte, von ganzem Herzen lieb gewannen. O, wie oft erzählte Heggelin mir von ihnen! Er sprach auch immer von deren Eltern, besonders deren vortrefflichen Mutter, Gräfin Luise, mit Ehrfurcht, Liebe und Anhänglichkeit. Als Jünglinge brachten die Grafen Lipps und Fritz ihm einmal Schiller's Schauspiel „die Räuber", das Goethe die erste vulkanische Explosion eines Genie's nennt. Die Hauptpersonen darin hatten sie hingerissen; wie denn die Ruinen eines großen Gebäudes noch immer mehr interessiren, als das artigste Gartenhäuschen. Vieles aber hatte ihnen, als zu gräßlich, mehr mißfallen. Sie wollten hören, was Heggelin dazu sage. Er wußte über Alles, worüber er gefragt wurde, etwas Treffendes und geeignetes vorzubringen. Was war aber da zu sagend Heggelin sagte: „Ich vermuthe, der Verfasser habe zeigen wollen, daß adelige Jünglinge, aus deren Erziehung so Vieles verwendet wird, wenn sie doch ausarten sollten, äußerst böse und grundschlechte Menschen werden." Der berühmte Schriftsteller Wieland, damals noch Stadtschreiber in Biberach, hielt sich viel bei der gräflichen Herrschaft in Warthausen auf. Er lernte Heggelin kennen, und ehrte ihn sehr hoch. Einst kam die Herrschaft in den Gottesdienst und Wieland begleitete sie. Heggelin bot dem Grafen und der Gräfin Weihwasser, ihm aber nicht. Wieland fragte nachher: „Warum haben Sie mir kein Weihwasser geboten?" Heggelin sprach: „Weil Sie, Ihrer Konfession zufolge, das Weihwasser als eine leere Zeremonie betrachten müssen, ich aber die Gebräuche meiner Kirche entweihen würde, wenn ich sie zu bloßen Höflichkeitsbezeugungen herab würdigte." Der angesehenste Beamte und Rath der gräflichen Herrschaft Stadion sagte mir einmal: „Pfarrer Heggelin ist ein Mann von ganz außerordentlicher Einsicht und Willenskraft; er eignete sich zu einem ganz vortrefflichen Papst." Sailer hat Heggelin's Biographie geschrieben. Jeder Seelsorger sollte sie lesen. Mich beschämt sie tief. Wie wenig, wie nichts erschein' ich mir, wenn ich mich mit Heggelin vergleiche. Freilich kann nicht jeder mit Adlern fliegen; allein Heggelin's Leben und Wirken sollte doch Jeden anregen, nicht auf einer niedrigen Staude oder ganz auf der Erde sitzen zu bleiben. — 248 Miseelleir. (Prinzessin Ludwig von Bayern). Die „Epoca" veröffentlicht abermals ei» Gedicht der jungst vermählten Infantil! Donna Paz de Borbon, welches der am 5. d. Mts. in Madrid unter Anwesenheit des kgl. Hofes vollzogenen Grundsteinlegung einer neuen Kirche seine Entstehung verdankt. Die „Allg. Ztg." stellt den spanischen Wortlaut und eine sich in Form und Inhalt möglichst treu an das Original anschließende Uebersetzung neben einander, wobei sie meint, daß die Schlichtheit und rührende Innigkeit des Gefühlsausdrucks, welche aus den kunstvollen Seguidillen der erlauchten Verfasserin sprechen, auch nicht entfernt erreicht seien. Das Gedicht ist der Schutzheiligen der Kirche, der Virgen de la Almudena, gewidmet und lautet: jOd Vwgon oaorosanta l>6 tu -rlmuckona! Rozc voiiZo amo tu plsuta Övtt uns. pena. Vicgsn ütuiia, Oonsuota, eowo siemprs, Dl alma mia. * Rux ssres ev el wuucko, Leres gngriäos, tzuo anbelo ver alegrss, Ikuuca aüigickos . . . ;Ob Vtigen dc»va, lw imptoro ante tu uiiLgeu tüö ka ^Imuckeua! vios, st crear 6> muucko, Viö xa 8808 S6l'68, 1k uuu gutüä tes reserva keuas erueles. lrtts gue cmmbie Docks s inis slogriss t?or sus pössres. 1k 8! tü 88 to ckieös 6uat z'v to pick», La ckö iiuoör to guö guioroo Du 8>jo guericko. 1k xv, sereus, Oraeias ckarö 4 tu imägsa Os Is ^twuckens. Jungfrau von Almudena, Voll Huld und Gnaden, Sied mich zu Deinen Füßen Mit Gram beladen! In keiner Schickung Sucht' ich bei Dir vergebens Trost und Erqnicknng! Es lebt manch theures Wesen Mir auf der Erde, Das gern ich glücklich sähe, Frei von Beschwerde . . . Vor Deinem Bilde Von Almudena fleh' ich: Füg' es, Du Milde! Gott sah am ersten Tage Schon diese Wesen, Vielleicht zu schwerer Drangsal Von ihm erleien. Sag' ihm: nnt Freuden Tausch' ich das Glück des Lebens Um ihre Leiden! Sagst Du's, wie ich's erflehe Mit heißen Zähren, So wird Dein lieber Sohn es Dir gern gewähren. Und ich, Du Milde Von Almudena, spende Dank Deinem Bilde. (Die kürzeste Depesche,) die es jemals gegeben hat, schrieb unstreitig Suwarow. Nach der Einnahme von Praga schrieb er der Kaiserin die drei Worte: „Hurrah Praga! Suwarow.* — Ebenso kurz machte sie ihn auch mit drei Worten zum Feldmarschall, denn sie schrieb als Antwort: „Bravo, Feldmarschall. Katharina." („L iterarische s.") Ein junger Mann der gelegentlich Artikel für Zeitungen schreibt, hat seiner Feder ein Vermögen zu verdanken. Sein Vater grämte sich zu Tode, nachdem er einen seiner Artikel gelesen hatte und hinterließ ihm ein Vermöge» von 150,000 Dollar. (Er und Sie.) Eine junge Frau war im Besitz eines sehr dicken Gatten. „Wie kann man sich nur mit einer solchen Last beladen!" sagte Jemand dazu. „Ich bitte Sie," versetzte ein Kenner, „sie ist ja so leicht, daß sie ohne diese Last gar keinen Halt haben würde." (Jammer eines Kaufmannes.) Die guten Käufer zahlen schlecht. — Die guten Zahler kaufen schlecht. — Die schlechten Käufer zahlen gut. — Die schlechten Zahler kaufen gut. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. rm „Äugsburger Postzeitung.- Nr. 32. Samstag, 21. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Landkamir errath schwieg zu dieser Erklärung seines Sohnes, der ihm in einem neuen, nicht geahnten Licht erschien, und blickte immer verwunderter auf die Titel der von ihm begehrten Bücher, welche fast sämmtlich wissenschaftlichen Inhalts, und von dem Pastor mit großer Sorgfalt ausgewählt wäre», die er aber kaum dem Namen nach kannte» Endlich sagte er nach längerer Pause: »Ich sehe zwar nicht ein, wozu Dir alle diese Werke dienen sollen, doch finde ich es für einen jungen Mann Deines Standes angemessen und richtig, namentlich wenn er auf dem Lande lebt, seine freie Zeit, wie Du vorhast zu benutzen, und will ich dem Hof« buchhändlcr Dein Vcrzeichniß schicke», damit er Dir das Gewünschte durch den Boten nach dem Buchenhof sendet. Einmal mit ihm in Verbindung, wird es für die Folge richtig sein, wenn Du Dich selbst an ihn wendest l — Und nun wüßte ich für heute nichts weiter zu erwähnen. Schicke mir Bergmann und Kohring, mit denen ich über die neue Tannenpflanzung bei den Steinbrüchen reden wollte, und treffe alle erforderlichen Vorbereitungen. Wir werden diesen Nachmittag um 3 Uhr fahren; ich möchte nicht zu spät auf dem Buchenhof ankommen, wo ich mancherlei Angelegenheiten zu besorgen habe." Ludwig von Bodenwald verließ seinen Vater, der ans Fenster trat und ihm nach» blickend sagte: „Es ist mehr aus ihm geworden, als ich gedacht — sollte er den Geist und Ver« stand besitzen, den Kohring rühmt? — Dann wäre es ja ein doppelter Jammer, daß er hinkt und ein Krüppel ist, was man allerdings vergißt, wenn man ihm in's Angesicht blickt und ihn reden hört! — Die Bücher will ich ihm sobald wie möglich schicken, und freue mich, daß mein Sohn, dessen Dasein mir bisher nur Kummer bereitet, an Bildung wenigstens seinen Standesgenossen nicht nachsteht!" Als Ludwig, die von seinem Vater begehrten Männer zu ihm geschickt, begab er sich nach dem Försterhause, um, wenn möglich, noch einmal mit Anna zu sprechen und einstweilen von ihr und ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Die Försterin war in's nächste Dorf zu einer Kranken gegangen, doch konnte sie jeden Augenblick wiederkommen, Anna aber war, wie stets am Morgen in der Haushaltung beschäftigt und ernster als sonst, als sie ihn begrüßte. Ihre Augen und Züge erheiterten sich auch nicht, als er sagte: „Anna, ich komme, Dir und Deiner Mutter Lebewohl zu sagen —" „Ich kann es mir denken", entgegnete sie mit gepreßter Stimme. „Und Dir noch einmal zu wiederholen, daß ich Dich als meine Braut betrachte, wie Du fest darauf bauen kannst, daß ich, sobald ich allein auf dem Buchenhof wohne, Dich von Deinen Eltern als meine Frau begehre!" „Ludwig", erwiderte Anna in ruhigem fast traurigem Ton, „Du hast sicherlich 250 diesen Morgen schon eine Unterredung mit Deinem Vater gehabt, ist Dir da nicht die Ueberzeugung gekommen, daß er sich unserer Verbindung stets widersetzen wird?" Sie einen Moment überrascht anblickend, erwiderte er dann in heftigerem Ton: „Anna, soll das heißen, daß ich auf Dein Gelübde nicht mehr zu bauen habe?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „Du weißt, daß ich Dir Wort halte, denn ich liebe Dich und mein Herz wird Dir immer angehören. Wenn ich aber denke, daß Du meinetwegen Deiner Familie entsagen mußt, vielleicht auf immer von ihr getrennt sein wirst —" „Bin ich nicht seit meiner Kindheit von ihr getrennt gewesen?" antwortete er ihr ebenso zornig, wie erbittert. „Haben nicht meine Eltern mich fern von sich aufwachsen und erziehe» lassen, und mich nie ihrer Liebe und Sorge gewürdigt? — Hat heute wohl mein Vater mich aufgefordert, meinen Bruder zu besuchen, für dessen Genesung und Gesundheit alles nur Erdenkliche geschehen soll und muß, während wenn ich bisher krank und leidend war, der Arzt nur mit Mühe das für mich Erforderliche erlangen konnte? — Ich hätte sterben können, ohne daß meine Familie sich um mich gekümmert, kann noch sterben unb weder Vater noch Mutter werden kommen, um meinem letzten Athemzuge zu lauschen, um mit liebender Hand mir die Augen zuzudrücken!" „Ludwig, Du wirst nicht sterben!" rief leidenschaftlich Anna, ihn zugleich mit beiden Armen umschlingend. „Du wirst leben, für mich, die ich Dich so innig liebe, für mich, die, wenn ich erst Dein Weib bin, für Dich sorgen und über Dich wachen kann!" „Theure, geliebte Anna!" flüsterte der Junker von Bodenwald, sie zärtlich küssend, „Beruhige Dich, ich werde leben, den» ich will leben und in der stillen Abgeschiedenheit des Buchenhoses werden wir uns unseres Glückes freuen! — Aber verzeihe, wenn ich Dich aufgeregt, heute, wo wir ruhig von einander gehen müssen, damit wir nicht unser Geheimniß verrathen. Laß uns, bis Deine Mutter kommt, von anderen Dingen sprechen, ich will Dir die Unterredung mit meinem Vater wiederholen", und er begann ihr zu erzählen, was dieser für ihn bestimmt, ivard aber bald durch den Eintritt der Förstern: unterbrochen. Diese bemerkte nur noch geringe Spuren der Aufregung in den Zügen der einstigen Spielgenossen und fand diese die Veranlassung von Ludwigs Besuch errathend, erklärlich. Einen heiteren Ton erzwingend, obgleich es auch sie schmerzlich berührte, ihn von der Stätte scheiden zu sehen, wo sie ihn seit seiner Kindheit gekannt, sagte sie, nachdem sie sich begrüßt: „Nun, Junker Ludwig, gedenkt der Vater noch heute nach dem Buchenhof zu fahren? —" »Ja, Frau Förstern,, und ich wollte von Ihnen und Anna Abschied nehmen!" „Sie werden bald genug wieder nach Bodenwald kommen — — —" „Gewiß! — Schon in den nächsten Woche» können Sie darauf rechnen, mich hier zu sehen!" „Und wir und Frau Bergmann werden Sie eines Tages überraschen, um uns zu überzeugen wie Sie sich eingerichtet haben, und zu ei fahren, wie es Ihnen an Ihrem neuen Wohnort ergeht und gefällt!" „ES wird und muß mir dort gefallen, da ich der Bestimmung meines Vaters zufolge mein Leben daselbst verbringen soll", entgegnete mit Nachdruck und einem Anflug von Bitterkeit der junge Mann. „Darüber läßt sich von Menschen kaum etwas bestimmen", sagte sanft die Försterin, „denn für uns Alle liegt die Zukunft in höherer Hand. Der Buchenhof aber wird Ihnen, sobald Sie dies nur selbst wollen, ein lieber Aufenthalt werden — —" „Ja, das wird er und das soll er!" rief lebhaft der junge Mann. Als der junge Herr den überraschten Blick der Försterin gewahrte, fügte er schnell hinzu: „Bin ich dort erst alleiniger Herr, was bald genug sein kann, so habe ich auch da- Recht, Alles nach meinem Wunsch und Willen einzurichten, und da wäre es meine Schuld wollte ich von diesem Recht nicht Gebrauch machen! — Doch nun, Frau Försterin leben Sie wohl! — Ich will von hier zum Herrn Pastor gehen -- und er reichte ihr die Hand, die sie ergriff und mit bewegter Stimme erwiderte: „Leben sie wohl, Junker Ludwig, und möge Gottes Schutz und Segen mit Ihnen sein! —" „Ich danke Ihnen für Ihre Wünsche", entgegnete ebenfalls bewegt der junge Mann, und sich an Anna wendend, gab er auch ihr seine Hand und sagte: „Lebe wohl, Anna — —" „Lebe wohl, Ludwig", erwiderte sie, ihre Rechte in die seinige legend« Er drückte diese Hand, die ihm gehörte, fest in der seinen, blickte der Geliebten noch einmal in die thränengesüllten Augen rief mit kaum vernehmbarer Stimme der Försterin nochmals Lebewohl zu, verließ hastig das Zimmer und eilte, so schnell er vermochte dem Prediger- hause zu. V. Wie bereits erwähnt, lag der Buchenhof anderthalb Meilen von Bodenwald entfernt, und war gleich diesem von Bergen umgeben, die links und rechts zurücktraten, und dadurch die Ausdehnung des Gutes gestatteten. Das Herrenhaus mit dem Garten» den Wirthschastsgebäuden und Tagelöhnerwohnungen, war nach der nahegelegenen Landstraße zu, von einem kleinen Theil des ansehnlichen Buchenwaldes umgeben, der sich jenseits derselben erstreckte und für den Besitzer einen bedeutenden Werth repräsentirte. Durch diese Waldstrecke führte ein breiter, wohlerhaltener Weg zum Gutshof, an dessen äußerstem Ende sich das Wohnhaus befand, zu beide» Seiten von den übrigen Baulichkeiten begrenzt. Ersteres war ein größeres, zweckmäßiges Gebäude, das jedoch keinen Vergleich mit Schloß Bodenwald aushielt, und seit langen Jahren verschiedenen Inspektoren und deren Familien zum Aufenthalt gedient hatte. Jetzt aber wurden mancherlei Veränderungen in demselben vorgenommen, Handwerker und Arbeiter aller Art waren darin thätig denn Ludwig von Bodenwald, nachdem er ein Jahr und mehrere Monate als Unterinspektor gewirkt, hatte die selbständige Verwaltung des Gutes über» nommen. Der Verwalter Baumgart hatte sich in der nahegelegenen Provinz angekauft, und war bereits mit seiner Familie dorthin übergesiedelt. Der junge Herr vom Buchenhof, wie allgemein der jüngste Sohn des Landkammerraths genannt ward, war während des Aufenthalts daselbst größer an Gestalt und diese kräftiger geworden, was ihm ei.i männliches Aussehen verlieh. Seine Gesundheit schien sich befestigt zu haben, wenngleich seine schwache Brust sich bei jeder Anstrengung geltend machte. Er freute sich der neuen Thätigkeit, und mehr noch der Selbständigkeit, und war überzeugt, das Gut mit dem schon angelangten Inspektor zur Zufriedenheit seines Vaters zu verwalten. Laut Uebereinkunst hatt« er diesem von Allen, was daselbst geschah, Rechenschaft abzulegen, und »rußte er dies schriftlich thun, da vor kurzer Zeit — zu Anfang Oktober — der Landkammerrath mit seiner Gattin und seinem Sohn Hugo zu längerem Aufenthalt nach Italien abgereist war, was auf den dringenden Wunsch der Aerzte geschehen, und die Gesundheit der Genannten erforderlich gemacht. Denn was anfänglich Niemand geglaubt, und glauben wollte, der sonst so rüstige, kräftige und noch immer stattliche Landkammerrath, hatte Krankheitshalber seine vorläufige Entlassung aus dem Staatsdienst genommen, und der Fürst, wenn auch nur sehr ungern, sie ihm bewilligen müssen. Die Krankheit aber schrieb sich von einer heftigen Erkältung her, die er sich aus Jagd zugezogen, jedoch so wenig berücksichtigt hatt:, daß sie ein schweres rheumatisches Fieber zur Folge gehabt, von welchem er nach Monate» genesen, das aber empfindliche Gliederschmerzen, und besonders eine ihn ängstigende Augenschwäche hinterlasse». Beider Leiden wegen hatte er schon, jedoch vergeblich, mehrere Kuren gebraucht und waren die 252 ihn behandelnden Aerzte einstimmig der Ansicht gewesen, daß nur der Aufenthalt in einem gleichmäßig warmen Klima ihm Genesung sichern würde. Zu diesem Aufenthalt hatte er sich lange nicht entschließen können, obgleich auch das Nervenleiden seiner Gattin zugenommen und der Mevizinalrath die bestimmte Meinung ausgesprochen, daß Orts- und Luftveränderung die einzige Hilfe und Rettung für sie sei. Endlich aber trat ein Fall ein, der ihn zu einem schnellen Entschluß brachte. Sem ältester Sohn hatte sich von den, bei dem Umsturz des Postwagens erhaltenen Verletzungen vollständig erholt, so daß er wieder in den Staatsdienst treten und seine frühere Lebensweise als reicher, junger Kavalier und Majoratserbe fortsetzen konnte. Dies hatte seinem Vater ebenso viel Freude, wie Beruhigung gewährt, der nun ernstlich an seine Verheirathung dachte, und die zu seiner Verlobung mit der von ihm zur Schwiegertochter ausersehenen jungen Gräfin erforderlichen Schritte erwog. Im letzten Sommer war er einer Einladung seines Bruders Karl nach dessen Garnison gefolgt, um als geschickter Reiter an den dort stattfindenden Wettrennen Theil zu nehmen. Er hatte sich dem anstrengenden und aufregenden Vergnügen während dreier Tage überlassen, und war darauf an einer Lungenentzündung erkrankt, die indeß seinen Eltern verheimlicht ward, von der er aber schnell genug genas und zu ihnen in die kleine Residenz zurückkehrte, wohin sie sich nach einem nur kurzen Sommeraufenthalt in Vodenwald begaben. Hier nahm er auf seine, vielleicht geschwächte Lunge keine Rücksicht, sondern ritt, jagte und tanzte, wie er sonst gethan. Eines Nachts kehrte er mit einem stechendem Schmerz in der Brust aus einer Hofgesellschaft heim, und hatte kaum sein Zimmer erreicht, als er zum Schrecken des ihn begleitenden Dieners in einen Sessel sank, das Blut langsam seinem Munde entquoll und er die Besinnung verlor. Bald war das ganze Haus aus dem Schlafe geweckt» und die aus's Höchste beunruhigten Eltern ließen den Medizinalrath rufen. Diesem gelang es, das Blut zu stillen; er erklärte, daß in der Lunge des jungen Mannes ein Gesäß gesprungen, bei vorsichtiger Pflege und großer Schonung aber keinerlei Gefahr vorhanden sei. Hugo von Bodenwald's Herstellung währte verhältnißmäßig lange, und er mußte mehrere Wochen streng das Bett hüten. Als er anhaltend sprechen durfte, erzählte er seinen Eltern wie dem Arzt von seiner Erkrankung in B., und Letzterer sprach die Ueberzeugung aus, daß seine Lunge durch den Unfall des verflossenen Sommers doch gelitten habe und längere Zeit darüber vergehen könne, bevor sie gründlich geheilt sei. Er rieth, damit dies vollständig und dauernd geschehen könne, zu einem längeren Aufenthalt in Italien, und wußte dem Landkammerrath die Sache so dringend vorzustellen, daß dieser sich auf der Stelle entschloß und die erforderlichen Vorbereitungen mit großer Eile betrieb. Auch Frau von Bodenwald that dies, und zu Anfang Oktober wurde von den zurückbleibenden Söhnen Abschied genommen, und die Reise angetreten. Die Reise führte zunächst nach Neapel» wo eine vollständig eingerichtete Villa gemiethet werden sollte. Das Haus in der Residenz blieb in der Obhut eines älteren Dieners, und Rente Ludwig von Bodenwald bei seiner eigentlichen Anwesenheit in der Stadt zum Aufenthalte. Die Verwaltung der Güter war in sicheren Händen, und mit den übrigen geschäftlichen Angelegenheiten der Familie der Rechtsanwalt derselben betraut. Die mehrwöchentlichen Arbeiten im Herrenhaus des Buchenhofs waren beendet, auch der letzte Handwerker hatte es verlassen, und befriedigt durchschritt der junge Gebieter sämmtliche Räume, die er mit allem was sie enthielten, sein eigen nannte. Dabei gedachte er mit stiller seliger Freude der nicht mehr allzusernen Zukunft, wo ein geliebtes theueres Wesen sie mit ihm bewohnen, und als sein Weib ihm liebend und stützend zur Seite stehen werde. Denn Anna Kohring liebte ihn mit unveränderter Treue und hatte ihm noch kürzlich in Vodenwald, wo er bisher fast wöchentlich gewesen, gesagt, daß, sobald ihre Eltern ihre Einwilligung zu der Verbindung geben würden, sie jeden Tag bereit sei, ihm anzugehören. (Fortsetzung folgt.) 253 Zitr Geschichte der Spielkarten. Vo» Klara Reichner. Welche Bedeutung die kleinen, bunten Kartenblättchen im Leben der Menschen gewonnen haben, ist Jedem wohlbekannt. Nicht nur „hoffähig" sind sie, sonder» auch in fast jedem Bauern-Wirthshaus ein beliebter, ja nothwendiger Gast; nicht nur in den Gesellschaftsräumen haben sie festen Sitz und Stimme, sondern auch in jedem Haus ihr größeres oder kleineres Plätzchen. Welche Rollen auch spielen sie als zerstreuende Genossen für Kranke oder Ruhende, in Form der Patience-Karten, was für Unterhaltung gewähren sie, in Form von Karten- Kunsl stücken oder harmloser Kartenschlägereil Oft ist freilich dieses „Wahrsagen" schon zum schädlichen Gewerbe, oft das Unterhaltungsspiel der bunten, leichten Blätter zum bittern, grausen Ernst geworden, das manch' ein Lebensglück, ja, das Leben selbst gefährdete dessen, der sie wie mit Zauberbanden an sich und ihr wechselndes Glück gekettet hielten. Was aber können sie, die kleinen Kartenblätter wohl dafür? Sind sie schuld daran, wenn der Mensch sein ganzes Geschick oft „aus eine Karte setzt", wenn er es wie die Kinder macht, und „Kartenhäuser" baut, die doch natürlich stürzen müssen, wie die lustige» Gebäude von des Kindes Hand, sobald ein Hauch sie anbläst? — Wer die Erfinder der ersten Spielkarten gewesen sind? — Man bezeichnet die Araber als Urheber, außerdem aber findet man ihrer bereits in alten Sagen bei den Indern und Chinesen erwähnt; — zur Zeit der Kreuzzüge gelangten sie dann über Griechenland nach Europa, und kamen in Italien schon zu Ende des 13. Jahrhunderts vor. Auch wird von König Eduard I. von England (1272—1307) der mit Ludwig IX>, dem Heiligen von Frankreich im 13. Jahrhundert einen Bekehrungszug nach dem Orient unternommen, erzählt, daß er ein Spiel: „die vier Könige" gespielt haben soll. Sicher ist jedenfalls, daß die Karte» aus dem Orient stammen, und nicht — wie auch behauptet worden — aus Spanien; — waren sie dort auch bereits seit dem vierzehnten Jahrhundert bekannt, und sogar durch einen spanischen König einmal verboten worden, — sie stammen doch — trotz der verschiedenen spanischen Benennungen, die sich beim Spiel erhielten — weder aus Spanien, noch aus Italien, wie auch irrthüm- licherweise geglaubt ward. Italien, die Heimath des allbekannten und allbeliebten Tarok» spiels, theilte die Bezeichnungen der vier Farben: roth grün, schwarz, gelb, in: Becher» Pfennige, Schwerter und Stäbe. Im vierzehnten Jahrhundert führte man sie, um den kranken König Karl VI. zu zerstreuen, in Frankreich ein, und aus dem folgenden Jahrhundert stammen die sogen, „französischen", unsere eigentlichen Whist-Karten, die am Gebräuchlichsten geworden sind, und deren vier Farben eine Art von Kriegssymbolik haben. „Oa ur" — „Herz" bedeutete ein tapferes Soldatenherz, — „Spitze" und „OarrauG — „Viereck" sollte die Waffen bezeichnen, — I?iizuo die Lanze und Oarreau die viereckigen, schweren Pfeile, welche zu der Armbrust gehörten, und endlich „Prokkie ^ „Kleeblatt" sollte daran mahne», im Lager nicht zu vergessen, auch solche Plätze zu wählen, wo die Pferde mit Futter wohlversorgt seien. — Aber noch weirer ging die Allegorie der französischen Spielkarten! Die Hauptkarte, dem Werthe nach, das Aß, repräsentirte das allregierende Geld, von dem auch sogar Könige nie zuviel haben, und sich ihm unterordnen müssen. Die vier Könige selbst vertraten vier weltgeschichtliche Helden: König David, Alexander der Große, Julius Cäsar, uud Kaiser Karl der Große. — Auch die Damen waren der Wirklichkeit entlehnt, wenn auch meist etwas »lehr der Gegenwart: Ooaur-Dame stellte Agnes Sorel, des Königs Karl VlI. Favoritin vor, ki(zu,--Dams die berühmte Jungfrau von Orleans, M'cMo-Dame die Königin Marie von Anjou, und Onrroau-Dame die Gemahlin König Ludivig des Frommen. Die Benennung „Bube" (französisch „Valut") rührt von der Sitte her, damals 254 jeden jungen Edelmann: „Vulot" zu nennen, welchem noch nicht der Ritterschlag er» theilt war. — Das erste Kartenspiel mit 52 Karten in Frankreich war das kiqust-Spiel; — allerdings haben seit jenen Zeiten die Karten in ihrer Form gar manche Abänderung erlitten, trotzdem aber sind die französischen Spielkarten in der Hauptsache: Eintheilung und Werthordnung — dieselben geblieben, wie ehedem. Was nun unser deutsches Vaterland betrifft, so waren die Spielkarten dort bereits im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, seit 1321, bekannt, und zwar sch.'int es so, als hätten sie bei uns sich ganz besonders schnell verbreitet, da die starke Frequentirung des Spiels verschiedene Verbote und Einschränkungen seitens der hohen Obrigkeit hervorbrachte; — so untersagte z. B. auch ein Bischof von Würzburg dazumals seinen Geistlichen, sich diesem neuen Sports hinzugeben. — Ursprünglich bestanden die Karten aus Handzeichnungen; erst später wurden sie in Nürnberg durch Holzschnitte hergestellt, allein auch damals mußte mit der Hand noch nachgeholfen werden, da nur die Umrisse geliefert wurden, bis endlich die Kupferstecherkunst und zuletzt der Farbendruck die Nachhilfe entbehrlich machten. Daß zu jener Zeit, als noch Stift und Pinsel ausschließlich dafür thätig waren, die Spielkarten für etwas sehr Kostbares galten, ist wohl klar, — dem entsprechend waren auch die Preise. So kam es auch, daß derartige theure Blättchen sogar zu Anfang ihres Aufkommens einen Schmuck mehr zur Aussteuer fürstlicher Frauen bildeten. Die sogenannten: „deutschen Karten" erhielten — ebenso wie die französischen — sehr kriegerisch-klingende Bezeichnungen. „Daus, König, Ober und Unter" bedeuten zum Beispiel allerlei militärische Grade, als: General, Hauptleute, Unteranführer, „Schellen, heißt: Avel, anknüpfend an die damalige Sitte der Ritter, bei besonders festlichen Gelegenheiten an Wams und Schuhen Schellen zu tragen. Das Herz bedeutete: herzhaften, muthigen Sinn, „Blatt" und „Eichel": Nährstand und Landmann. — Der Ausdruck: „Trumpf" entstammt dem französischen Wort „l'riomple" Triumph, Sieg. Daß die französischen Spielkarten gebräuchlicher und die eigentlichen Spielkarten sind, ist allgemein bekannt; — sogar im stolzen England sind sie acclimatisirt und nationalisirt, um das Hauptspiel der Britten: „Whist" in Scene zu setzen, welches ja bei uns auch in so hohem Grade eingebürgert ist. Der Erfinder soll ein englischer Arzt sein, und der Name „>V!n8t," von: „Still! Pst!" herkommen, weil das Whist-Spiel besondere Stille und Aufmerksamkeit verlangt. Die ältesten Karten der Welt, — wenigstens die, welche man kennt, — sind von Pergament gefertigt, und rückwärts mit gefärbten, Kartenpapier bezogen — früher niag man andere Stoffe dafür verwendet haben, — z. B. sind indische Karten erhalten geblieben, bestehend aus Cartonstücke», mit allerlei gemalten, wunderlichen Zeichen versehen; außerdem auch Karten der Chinesen auf Holzblättchen, woraus wohl zu entnehmen ist, daß man früher, etwa seit anno 1350, ehe Papier aus Lumpen angefertigt worden, eben mit anderem Material auch in Europa sich behalfen haben mag, um Spielkarten zu sabriciren. Gewiß ist aber, daß so allbekannt und allbeliebt auch heut' zu Tage Spielkarten in jeder Ltadt, ja jeden, Dorfe, sind, daß trotzdem keine Braut mehr Spielkarten als besondere Gabe für die Aussteuer erhalten wird, und daß ein Spiel Karten im Brautschatz sie nicht mehr so angenehm überraschen werde, wie das z. B. einst der Gräfin Barbara, Gemahlin des berühmten Grafen Eberhard im Barte von Württemberg, geschah, welches ihr, wie uns berichtet wird, „zu hoher Freude gereichte." — Freilich sind wir auch inzwischen um mehr als vier Jahrhunderte älter geworden — ob aber auch um soviel weiser? — Darüber mögen in Bezug auf sich die Spielkarten am Besten Jede», selbst erzählen, denn es sollen hier keine Geheimnisse ausgeplaudert werden, sondern nur etwas: zur Geschichte der Spielkarten! 255 König Ludwig I. und die Schildwache. König Ludwig I. von Bayern erzählte einmal ein kleines Abenteuer, das ihm in München mit einer Schildwache begegnet war. Der König ging nämlich im englischen Garten spazieren und traf, weit daußen, an einer einsamen Stelle, auf eine Schildmache, welche, als sie Jemanden kommen sah, schleunigst etwas in den Waffenrock schob. Auch blickte der Soldat mißtrauisch auf den Spaziergänger. Da dieser aber in Civilkleidern ging, entwölkte sich die Stirne des biederen Kriegers bald wieder und er sagte gemüthlich zu dem Unbekannten: „Na, Sie hob'n mich schön erschreckt, Herr!" „Sos" sprach der König im Münchener Dialekt, „ hob'n S' denn vielleicht a bös Gewiss'»?* „No, dös grad net", antwortete der Soldat, aber schaun' S' i bin erst ganz kurz hier in Minchen un' kenn no niemand. Un' der König that manchmal do 'raus spazier'n. No hob' i g'rad was g'gessen, dös derf der Soldat nit auf Wacht', un' do hob' i 's glei unter die Jacken do g'sä ob'n. Aber jetzt efs' i glei' weiter, denn 's is wos zu Gut's un's wird jo nit wirrer Aaner kemme, was »innen S'?" „I glaab nct!* antwortete der König. „No sogen S' aber e niol, was hob'n S' denn Gut's z'essen?" „Wissen S' wos» roth'n S' amal", antwortete die Schildwache. „No", meinte der König, „vielleicht hob'n S' aan Schwcinsbrot'n?" „Jo Schweinsbrot'nl Dös is was Gut's, aber so hoch steig' i »et; abi (abwärts)!" „Hob'n S' vielleicht aan Kalbsbrot'n?" fragte der König weiter, den die Treuherzigkeit des Soldaten höchlich amüsirte. „Is aa wos Gut's, aber abi, sog i, roth'n S' weiter!* „Vielleicht aan Schink'n?" „Schink'n loß i mir scho g'fall'n a, aber heut net, abi!" „Do hob'» S' gewiß aan Schweizerkas!" rieth der König weiter. „O geh'n S' zu mit Jhr'm SchweizerkaSl" lachte der Soldat; „was i hob, i- viel besser, aber abi, sog' il" „No, do hob'n S' vielleicht gor aan Radi?" rieth der König belustigt. „Ja nadierli, fast geroth'n; aber zwoa Radi san's; den «anen hob' i schon beinah g'gessen un den andern hob' i noch; vielleicht kann i dienen I No nor zug'riff'n un net schenirt." „Dank virlmol", sagte der König, „lass' S' sich die Radi gut schmeck'n, i muß jetzt zum Mittagessen un will mir 'n Abbetit net verderbe, adjel" Als der König ein paar Schritte gemacht, rief die Schildwache, welche munter den Nest des ersten Rettigs verzehrt hatte, auf einmal: „Sie, hören S' doch amol!" Der König wandte sich um. „Woll'n S' nit so gut sein, um mir sog'n wer Sie sän? Sie war'n so freundlich, da möcht i doch aa wiss'n mit wem i die Ehr' g'hobt hob'?* „Do bleibt nix anders iwrig, als daß Sie aa roth'n", sagte der König; „Sie hob'n mich aa roth'n loss'n." Die Schildwache biß kräftig in den zweiten Rettig, sah den König scharf an unb sagte: „No, Sie sän vielleicht aa Kanzlist oder so wos?" „A Kanzlist is wos ganz Schönes", sagte der König, „aber auffi (aufwärts!)". „Do fan S' wohl 'n Herr Assessor?" „Is a wos ganz Schön's, aber auffi!" „Sän S' vielleicht goar 'n Herr Roth?" „'n Herr Noth is wos ganz Schön's, aber auffi!" „So sän S' am End goar 'n Herr Direkter?" „Dös loß i mir a g'fall'n", sprach der König, „so'n Herr Direkter is wo- ganz Schöns, aber auffi, sag' il" „Die G'schicht' g'fällt wer", sprach die Schildwache, un i freu' mi, daß i d' Ehr 256 hob', so'n hoh'n Herrn kennen z' lerne: d'rnm will i jetzt aber emol was Tüchtig's roth'n; Sie sän g'wiß 'n Herr Excellenz?" „Js wos recht Schöns, aber i sog' Jhne, auffi!" „Do — sän S' am End' goar — der König?" — rief der Soldat und rieß dle Augen weit auf. „G'roth'n, g'roth'nl" antwortete der König. „Jesses, Mari' un' Joseph!" rief der Soldat verblüfft, „do halten S' um GotteS Will'n nor glei' wol den Radi, daß i pressentir'n kann!" Der König that's, die Schildwache präsentirte — und vergnügt schieden beide von e,»ander. Goldkörner. Hoheit, wenn sie auch wie Andre irrt, Trägt eine Art von Heilkraft in sich, Die Fehl' und Wanden schließt. Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht entgehen. Shakespeare. Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht. Goethe. Fliehe den Mann, der mit schiesem Verstand der Empfindungen spottet, Mehr noch ein witziges Weib, das mit Empfindungen spielt. Schil'ler. Die Tugend ist das Göttliche, die Liebe das Menschliche im Menschen; wo sie sich vereinigen, wird ein schönes Dasein verlebt. Ehren der g. Der Mensch wird nicht gut, obwohl besser, wenn er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil er gut ist. Jean Paul. Die Menschen suche» nicht Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, sie suchen nur sich selbst. I a c o b i. Des Neides Laster ist nicht Deiner Strafe werth, Neid bricht sich selbst den Hals, fällt in sein eigen Schwert. T s ch e r n i n g. Es gibt Menschen, — aber, dem Himmel sei Dank, nur wenige, — die Feinde der Musik find; ich traue keinem solchen Menschen, denn ich denke immer, er ist auch mein Feind. Karl v. B. Wer Engel sucht in dieses Lebens Gründen, Der findet nie, was ihm genügt; Wer Menschen sucht, der wird den Engel finden, Der sich an seine Seele schmiegt. Mise-llen. (Angeboren.) „Kaum zum elften Male wegen Diebstahls aus dem Arrest entlassen, isi er schon wieder hier. Kann Er denn das Stehlen gar nicht lassen, KripS- huber?" — „Ne." — „Zum Henker! Es ist ihm doch nicht angeboren?" — „Leider Gottes doch, Herr Landrichter; ich habe ein Paar Nabeneltern gehabt." Sinnen, der seiner Zeit berühmte und angesehene Professor sollte in den Adelsstand versetzt werden. Er lehnte jedoch diese Auszeichnung rundweg ab und erklärte in einer Gesellschaft, nach dem Motive gefragt: „Man kann doch unmöglich von mir verlangen, mich immer mit den Worten vorzustellen: „Ich bin von Sinnen." (Bei der Musterung.) Oesterreichischer Korporal (zu einem Rekruten): „Kerl, Du bist doch ein rechtes Schwein! Wenn Du Bedienter beim General wärst, ich glaub', Du thät'st ihm die Eicheln von, Kragen 'runterfress'n!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von 0r. Max Huttlcr. Nr. 33. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 25. April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Ludwig von Bodenmald hatte seinem Vater den ersten gewissenhaft abgefaßten Bericht geschickt, und erhielt nach einiger Zeit von ihm eine Antwort, die erste Nachricht aus Neapel, welche also lautete: „Mein lieber Sohn! Wir sind glücklich angelangt, wie Du wohl denken kannst, denn das Gegentheil hättest Du durch die Zeitungen erfahren, die ja nur zu gern nach Neuigkeit spüren und auch meinen Namen, verbunden mit irgend einem Neiseunfall bereitwillig in ihre Spalten aufgenommen hätten. Da ich kein Freund von Schreibereien bin, und nur die Geschäftsbrief« besorge, die übrigen aber Deiner Mutter überlasse, so will ich Dir nur mittheilen, daß wir noch im Hotel sind und so lange bleiben werden, bis wir eine anständig eingerichtete Villa gefunden. In Deiner Mutter und meinem Befinden ist noch keinerlei Aenderung eingetreten; Deinem Bruder ist von einem Spezialarzt die größte Vorsicht anempfohlen, doch hat er uns die Versicherung gegeben, daß keinerlei Gefahr für ihn vorhanden sei, eine Erklärung, die mir große Beruhigung gewährte. Daß unser Hotel den Blick auf den immer gerühmten Golf von Neapel hat, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen, und denke ich auch, daß wir uns nach und nach an diesen Aufenthalt gewöhnen werden, zumal wir hier wenigstens zwei Jahre bleiben sollen. Deinen Bericht habe ich geprüft und finde, daß Du für die Erneuerung des Hauses zu viel Geld ausgegeben, wenn Du es auch von Deinen Ersparnissen bezahlt hast. Das ist für Dich vollständig überflüssig und rathe ich Dir, sparsam zu sein, und an die einen den Landwirth stets schwer treffenden unfruchtbaren Jahre zu denken, die auch Dir nicht ausbleiben werden. — In einem solchen Falle bin ich außer Stande Dir zu helfen, da wir hier bedeutende Summen gebrauchen, und besonders der Gesundheit Deines Bruders wegen nichts gespart werden darf. Der Brief ist, wie ich sehe, länger geworden, als ich gedacht, obgleich ich Dir gesagt, daß ich nur ungern schreibe. Deine Mutter und Dein Bruder wiffen nichts davon, sie haben eine Spazierfahrt unternommen, an der ich meiner Gichtschmerzen wegen mich nicht betheiligen konnte. An Bergmann schreibe ich, da ich zu Hause bleiben muß, ebenfalls; es hat mich sehr gefreut, daß der letzte Holzverkauf so günstig ausgefallen ist. Schicke mir Deinen nächsten Brief erst im nächsten Jahr» bis dahin wird sich auf dem Buchenhof kaum etwas von Wichtigkeit ereignen. Es grüßt Dich Dein Vater Friedrich v. Bodenwald. Diesen Brief überlas der junge Mann mehrere Male, seine Züge nahmen dabei einen traurigen Ausdruck an, und halblaut sagte er: «Keine Frage nach meinem Befinden und Ergehen, keine Bemerkung über meine — 253 - Gesundheit — mein Vater denkt nur an seinen ältesten Sohn, dessen Leben ihm ein so kostbares ist, daß kein Geld dafür gespart werden darf! — Ich bin ihm nichts, wie das immer gewesen, und seiner Meinung nach hätte ich nicht einmal dies Haus nach meinem Gutdünken, und noch dazu mit den Mitteln errichten sollen, die ich lange dazu gesammelt l — Ich sparen für die Zeit der Noth, in der mein Vater mir nicht beistehen will und kann, weil meines Bruders Gesundheit so große Ausgaben erfordert! — Nie, nie werde ich ihn, und Karl gleichgestellt werden, nie wird mein Vater an eine Freude, an ein Lebensglück für mich denken, und gewiß wird meine Mutter der Ansicht sein, daß ich unter Arbeit und Mühe als Einsiedler meine Tags auf dem Buchenhof verleben soll!" — „Da aber haben sie sich verrechnet", fügte er heftig hinzu, „denn, wenn ich hier bleibe, so ist es nur mit Anna, als meiner Frau, und wollen meine Eltern unsere Verbindung nicht zugeben, so erlebe» sie, daß ihr Sohn, ein Bodenwald, sich einen Platz als Verwalter sucht, und Niemand wird anstehen, mir einen solchen zu übertragen! Ich mochte aber wissen", fuhr der junge Mann fort, „was mein Vater Bergmann geschrieben, und will noch heute nach Bodenwald fahren. Auch will ich zu Kohrings gehe», denn, da Anna während dös Winters bei ihren Verwandten in der Stadt bleiben soll, werde ich sie vorher kaum noch oft sehen!" Frühzeitig am Nachmittag führte er diesen Plan aus, verließ am Förstsrhause seinen Wagen, und schickte ihn mit der Meldung, daß er folgen werde, nach dem Gutshos. Er fand Anna allein, und als sie grüßend ihm in der Hausflur entgegentrat, sagten ihm ihre geratheten Augen, daß sie geweint hatte. Ihr in das Zimmer folgend wo sie vorher mit einer Handarbeit beschäftigt gewesen, sagte er schnell und besorgt: „Anna, Du hast geweint! Sage mir Alles, was geschehen ist, denn hast Du mir nicht das Recht gegeben, Deinen Kummer und Schmerz als den meinigen anzusehen?" „Ja, Ludwig, das habe ich, und werde es Dir nie wieder aus freien Stücken nehmen", erwiderte des Försters Tochter, die seit der Zeit, wo ihrer zuerst Erwähnung geschehen, sich zu einer blühenden Jungfrau entfaltet, deren Haltung und Züge man den energischen Charakter ihres Vaters ansah. „Es hat sich hier in diesen Tagen etwas ereignet, an dessen Möglichkeit ich nicht gedacht —" „Was ist es, Anna? sprich schnell!" und des jungen Mannes Stimme klang so befehlend, wie die ihres Vaters. „Der Bentzer von Königssee hat bei meinen Eltern um meine Hand angehalten —" „Negensburg? — Der könnte dem Alter nach Dein Vater sein, und denkt daran, Dich zu heirathen?" fuhr der junge Gutsherr auf. „Ich bitte Dich, Ludwig, höre mich ruhg an —" „Anna, wenn ich denke, Du könntest ihn mir vorziehen, weil vielleicht Deine Eltern es wünschten, denen die Partie annehmbar erscheinen könnte —" „Sei unbesorgt, Ludwig", entgegnete das junge Mädchen, ihm in die erregten Züge blickend, „ich habe meinen Eltern erklärt, nur einen Mann heirathen zu wollen, den ich liebe, und da Herr Negensburg mir gänzlich gleichgültig sei, könne ich mich nicht entschließen, ihm anzugehören!" „Dank, Anna, Dank, daß Du mir Dein gegebenes Versprechen hülst", erwiderte der junge Gutsherr sie an seine Brust schließend. Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Und was haben Deine Eltern erwidert?" „Meine Eltern, die in gegenseitiger Liebe so glücklich sind, werden mich nie zu einer Verbindung überreden, die meiner Meinung widerspricht. Sie haben dies auch Herrn Negensburg gesagt, und ihn gebeten, jeden Gedanken an meinen Besitz aufzugeben." „Aber Geliebte", konnte Ludwig sich nicht enthalten zu sagen, „wenn die Sache auf eine so glückliche Weise beseitigt ist, wie konnte sie da noch Deine Thränen veranlassen?" „Sie ist der Grund", entgegnete Anna mit unverkennbarer Bewegung, „daß ich schon nächste Woche zu meiner Tante gehe, und da ich Dich so lange nicht gesehen, und 259 Dir auch keinen Boten schicken konnte, so fürchtete ich, Bodenwalb verlassen zu müssen' ohne Dir dies selbst mitgetheilt und Abschied von Dir genommen zu haben." „Wie glücklich macht mich Deine Liebe und Sorge, Anna", entgegnete gerührt der junge Mann, „aber ich werde sie Dir vergelten, sobald Du meine Gattin bist! —" „Aber nun höre auf das, was ich Dir und Deinen Eltern mittheilen wollte. Ich habe von meinem Vater einen Brief erhalten — —" „Aus Neapel?" Und wie befindet sich Deine Familie?" fragte Anna schnell. „Ueberzeuge Dich selbst!" erwiderte er, ihr das Schreiben reichend, welches sie sogleich und mit wechselndem Gesichtsausdruck las. Es ihm schweigend zurückgebend, fragte er in bitterem Ton: „Nun, was sagst Du zu diesem ersten Brief meines Vaters, der erst im neuen Jahr einen zweiten von mir haben will, und mir nicht einmal die Freude gönnt, das alte Eulennest, wie er sonst immer den Buchenhof genannt, freundlich und wohnlich eingerichtet zu haben!" „Ludwig rege Dich nicht wieder auf", bat Anna voll Besorgniß auf seine flammenden Augen und glühenden Wangen blickend. „Das habe ich zu Hause gethan, jetzt aber denke ich ruhiger über die Sache, und auch darüber, daß er sich nicht einmal nach meinem Ergehen erkundigt, während er doch mehrfach Hugo's Gesundheit erwähnt!" „Du bist, dem Himmel sei Dank, jetzt wohler und kräftiger als sonst — —" „Da hast Du recht, Geliebte, wozu auch immer wieder der Lieblosigkeit meiner Eltern erwähnen! —" „Doch ich will jetzt zu Bergmann's gehen und hören, was ich noch weiter aus Neapel erfahren werde. Nachher komme ich noch einmal hierher, um Abschied von Dir zu nehmen, und Deine Eltern, wenn sie zurückgekehrt sein werden, zu sehen!" Der junge Gutsherr verließ das Försterhaus und begab sich nach der Verwalterwohnung, Anna aber blickte ihm in der Dämmerung nach, bis er ihren Augen entschwunden war und begab sich dann an einige häusliche Arbeiten, die sie wie allabendlich zu besorgen hatte. So verfloß ihr schnell eine Stunde, dann kamen die Eltern heim, die sie mit herzlichem Gruß empfing und ihnen zugleich mittheilte: „Ludwig ist diesen Nachmittag hier gewesen, er hat einen Brief von seinem Vater gehabt! —" „Was mag der Landkammerrath geschrieben haben?" fragte der Förster mit einem forschenden Blick auf seine Tochter, die ihm ruhig aushielt und erwiderte: „Du sollst den Brief selbst lesen, Vater. Er hat ihn unter die Zeitungen gelegt!" „Ist der Junker schon wieder zurückgefahren?" fragte die Försterin. „Nein, Mutter, er ist bei Bergmann's und wird nachher wiederkommen!" Den Brief von der bezeichneten Stelle nehmend, begann der Förster ihn zu lesen. Seine Züge umdüsterten sich dabei immer mehr, und als er bis zum Schluß gelangt» sagte er, ihn auf den Tisch werfend: „Eine schöne Epistel das, an seinen jüngsten Sohn, der mit seinem schwächlichen Körper schon weit mehr geleistet, als einer seiner Brüder, für die er vielleicht noch gar Schätze sammeln soll. Es wird aber immer so bleiben und ein Glück ist'S, daß er gesund geworden ist, und selbständig in der Welt dastehen kann!" Als Ludwig von Bodenwald im Försterhause, wo er noch einige Stunden geblieben, in herzlichster Weise, denn das gestattete ihr früheres Verhältniß, auf längere Zeit von Anna Abschied genommen und sich entfernt, diese selbst aber sich in ihr Stübchen begeben, da sagte der Förster, welcher noch einen Blick in die Zeitungen thun und wie allabendlich seine Pfeife rauchen wollte, in ernstem Ton zu seiner neben ihm sitzenden Gattin: „Es freut mich, Frau, daß es soweit gekommen ist und Anna, wenn wn sie auch überall entbehren werden, einstweilen fortgeht, denn ich fürchte, ich fürchte —" „Was?" fragte die Försterin schnell doch anscheinend unbefangen. 260 „Solltest Du es nicht ebenfalls bemerkt habe»/ und hast doch sonst ein scharfes, wachsames Auge auf Deine Umgebung?" „Doch, doch, Kohring, ich weiß, was Du sagen willst", entgegnete eben so ernst seine Gattin, „und es ist schon lange meine stille Sorge gewesen, daß der Junker und Anna sich nicht mehr wie in früheren Tagen gegenüberstehen könnten!" „Mir ist kürzlich", versetzte der Förster, „als sie Regensburgs Bewerbung so entschieden zurückgewiesen, dieser Gedanke gekommen, obgleich wir sie nie veranlassen würden einen so viel älteren Mann zu heirathen. Zu begreifen wäre es wohl —" „Ja, denn die gebrechliche Gestalt abgerechnet, ist auch wohl der Junker im Stande, das Herz eines Mädchens zu fesseln, zumal diesem bisher nicht viele Vergleiche zu Gebote gestanden. Gesetzt aber, sie hätten sich in einander verliebt, so sollte mir das für beide Theile innigst leid thun, denn sie müßten doch dieser Neigung entsagen, und würde sie ihnen nur eine schöne Erinnerung ihrer Jugendzeit bleiben!" „Und deshalb ist es gut, daß sie getrennt werden", antwortete der Förster, einige hastige Züge aus seiner Pfeife thuend. „Sollte aber wirklich der Junker unserer Anna mit der ganzen Kraft der ersten Liebe zugethan sein, so ist mir bange, daß er sie weder aufgibt, noch vergißt." „Das könnten aber schlimme Zeiten für uns geben", sprach traurig die Försterin. „Dennoch sind wir außer Stande, ihnen vorzubeugen", entgegnete ihr Gatte, fügte aber zugleich ermuthigend hinzu: „Mache Dir aber noch keine Sorgen, Frau, und laß uns vor allen Dingen Anna verbergen, was wir, und vielleicht ohne Grund, von ihr und dem Junker muthmaßen. Kommt Zeit, kommt Rath, und damit laß uns von dieser Sache abbrechen, über die wir uns aussprechen mußten", und sich in dicke Dampfwolken hüllend, nahm der Förster die eine der Zeitungen zur Hand und schob seiner Gattin die andere hin. Als Anna ihr Erkerstübchen erreicht, begab sie sich nicht, wie ihre Eltern angenommen» denen sie eine gute Nacht gewünscht, zur Ruhe, sondern überließ sich dem so lange zurückgedrängte» Schmerz über die Trennung von dem Geliebten, den sie während vieler Monate nicht wiedersehen würde, und brach auf einen Stuhl sinkend in lautes Schluchzen aus. Wie lange sie so geweint, wußte sie kaum, doch vernahm sie endlich Fußtritte auf der Treppe, und sich leise erhebend, drehte sie, um vor jeder Ueberraschung sicher zu sein, den Schlüssel im Schlöffe um, überzeugte sich aber bald, daß es das Mädchen gewesen, welches sich in ihre Stube begeben wollte. Dann versuchte sie sich zu fassen, begann ihre, nach und nach langsamer fließenden Thränen zu trocknen, und sagte, nachdem sie noch eine Weile sinnend und gedankenvoll dagesessen: „Sechs oder sieben Monate vergehen schnell, und dennoch — dennoch kann in dieser Zeit viel geschehen! — Ludwig ist schwächlich, der Winter immer sein Feind gewesen, allein er wird um meinetwillen seine Gesundheit schonen, denn er weiß» wie unaussprechlich ich mich ängstigen würde, wüßte ich ihn krank auf dem Buchenhof! — Es kann aber noch Schlimmeres eintreten — er kann sterben, auf immer von mir gehen — — o, «nein Gott!" stöhnte leise die bleiche Försterstochter, „laß es nicht dazu kommen, schütze ihn, erhalle ihn mir! — Ohne sei» Dasein und seine Liebe würde auch das meinige bald enden, seinen Tod möchte ich nicht lange überleben!" Von ihren schmerzlichen Gedanken überwältigt hielt sie inne, und fuhr erst nach einer Weile fort: „Sollten wohl die Eltern eine Ahnung von Ludwigs und meiner Liebe haben? Ich glaube es, denn ich bin kürzlich so oft den forschenden Blicken des Vaters begegnet, und gewiß lassen sie mich nur aus dem Grunde so schnell von hier fortgehen! — Wie mag nur alles enden, denn trotz Ludwigs Muth und Zuversicht ist mir so bange um's Herz-« Jetzt hörte sie unten die Hausthür öffnen, und vernahm zugleich die Stimme ihres Vaters und des Jägerburschen, der wie allabendlich tue Schlüssel zu den verschiedenen 261 Stallungen gebracht. Dann ward die Hausthür verschlossen und verriegelt, ihre Eltern begaben sich in ihr Schlafzimmer, das unter ihrem Erkerstübchen lag, und so leise wie möglich eilte auch sie jetzt, zur Ruhe zu kommen. Aber noch lange lag sie wachend und mit traurigen Zukunftsbildern beschäftigt da, und als sie endlich nach Mitternacht eingeschlummert, verfolgten diese sie selbst in ihren Träumen. — (Fortsetzung folgt.) Frühjahrshüte. Der Berliner Feuilletonist Siegfried Haber schreibt: In den Schaufenstern unserer Putzhandlungen liegen garnirte Damenhiite aus, welche so ziemlich das Monströseste sind, was man seit langer Zeit gesehen hat: Babylonische Thurmbauten aus Stroh, mit Rändern, unter denen eine ganze Familie inklusive Kinderwagen Schutz vor einem plötzlich ausbrechenden Platzregen finden könnte, aufgetakelt mit einer Wagenladung von knallig bunten Bändern, Vogelbälgen und künstliche» Obstsorten. Wenn man diese Ungethüme zum ersten Male sieht, wird man ausschließlich von einem Gefühl des Schreckens beschlichen. Das also sollen unsere des Tragens großer Lasten ja so ungewohnten Damen in der kommenden Saison auf den Kopf setzen! — Wahrlich, es ist kein Wunder, wenn bei dem Gedanken hieran ein Grauen jegliches weibliche Wesen befällt. Wäre nun der Frühling ganz plötzlich von gestern zu heute in's Land gekommen, dann hätte sich die gesammte Damenwelt in der fürchterlichsten Verlegenheit befunden: Sie würde gezwungen gewesen sein, sofort und ohne weiteres ihre Wahl zu treffen, respektive sich für einen derartigen Koloß zu enticheioen. Die Natur aber, in ihrer unendlichen Milde und Güte, läßt Nachsicht walten. An straffem Zügel hält sie den Lenz zurück, damit das schwache Geschlecht Zeit gewinne, sich mit dem Gedanken an die unvermeidliche Kopfbethürmung vertraut zu machen. Auf diese Weise ermöglicht sie den nachstehend in großen Umrissen charakterisiern Uebergang: Erster Tag. Bor dem Schaufenster. „Nein, diese Hüte! Das ist ja etwas geradezu Scheußliches I" Zweiter Tag. Bei einer Freundin. „Hast Du denn schon die fürchterlichen Hüte gesehen, die in diesem Jahre Mode sind? Ich glaube, ich würde mich nie entschließen können, dergleichen zu tragen." Dritter Tag. In einer Gesellschaft. „Also die Kommerzienräthin P. trägt schon einen solchen Hut? Nun ja, bei diesen Damen ist man ja von jeher an Extravaganzen aller Art gewöhnt." Vierter Tag. Im Thiergarten. „Sieh' mal, da geht eine mit einem solchen Hut. Dort wieder eine. Es sieht doch zu kurios aus! Das heißt, für manche Gesichter scheinen sie sehr kleidsam zu sein." Fünfter Tag. Im Laden der Putzhandlung. „Könnte man denn vle Garmtur nicht weniger aufbauschen, und würden statt der drei reizenden Vögelchen nicht zwei genügen? —» Sechster Tag. In einem anderen Putzladen. „Allerdings, ich sehe es wohl ein, eine weniger splendide Garnirung steht in keinem Verhältniß zu dem natürlichen Volumen des Hutes." Siebenter Tag. Vor dem Spiegel in einem dritten Putzgeschäft. „Da ist nicht zu leugnen, so gut wie dieser Hut kleidet mich kein anderer. Und sehr praktisch scheinen sie zu sein. Gegen die Sonne zum Beispiel gibt es gar keinen besseren Schutz. Was haben die Männer skandalirt, als wir früher die kleinen Miniaturhütchen trugen! Und sie hatten wahrhaftig recht!" Achter Tag» Zu Hause. „Männchen, ich habe mir einen Hut gekauft, weißt Du so einen großen, mit vier reizenden kleinen Vögelchen d'rauf — ich sage Dir: entzückend!" 262 Ueber die wahre Lage der Villa des Horaz. Frankfurt, 20. April. Der gelehrt« Engländer James A. Lawson macht in einem interessanten Reise« bericht, den die neueste Nummer der „Times" veröffentlicht, wesentlich neue Mittheilungen. Er schreibt: »Von einem Freunde begleitet, der ein Kenner und 'Verehrer des Dichters ist, verließ ich Tivoli früh am Morgen, um in das Sabiner Land zu fahren. Der Weg ist die alte Villa Valeria und zieht sich durch eine reizende Gegend. Wir begegneten den malerischen Ueberresten einer alten Wasserleitung und der sehr unmalerischen Form einer neuen. Wir schauten hinab auf die Wendungen des „praooapa ^nio.^ Der erste bemerkenswerthe Ort heißt Vico Varo, ein Dorf, das hoch auf seinem Felsenfundamente steht, die Straße beherrscht und sehr alte Unterbauten, auf dem es ruht, ausweist. Es ist das Varia, zu dem fünf wackere Familienvater vom kleinen Gütchen des Horaz zu gehen siegten, um als stimmfähige Bürger Theil an den in der Hauptstadt des Distriktes zu verhandelnden Gemeinde-Angelegenheiten zu nehmen. Der Weg rechter Hand führt nach Subiaco, während der des Licenza-Thales links abgeht. Der Bach Licenza, Horazens Digentia, fließt mit klarem Wasser in der Tiefe des Thales weit unter uns dahin und eilt hastig dem Anio zu. Auf der anderen Seite des Baches liegt auf einem erhabenen Hügel ein Dorf, jetzt Cantalupo Bardclla genannt, das bei Horaz Mandela heißt und von ihm wegen seiner erhabenen Lage als „ruAoous kriZors puZus" bezeichnet wird. Wir konnten uns den Dichter noch wohl vorstellen, wie er diesen Weg entlang schlenderte und die Dorfbewohner den Hügel Herabkommen sah, um ihren Wasserbedarf aus der an dessen Fuße dahinrauschenden Digentia zu schöpfen. Wir setzten dann unsere» Weg, der jetzt sehr verbessert und für Wagen fahrbar gemacht worden ist, bis an das Ende des Thales fort, wo wir noch die Spuren der alten Straße, auf der Horaz zu reiten pflegte, recht wohl unterscheiden konnten. Zunächst kamen wir in das Dorf Rocca Giovani, das auf einem Felsenhügel in einer beträchtlichen Höhe an der Seite des Berges sitzt, der das Thal zu unserer Rechten abschließt. Nach einer Fahrt von drei bis vier englischen Meilen erreichten wir das Ende des Thales, das von allen Seiten von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen ist. Hier hat man in der That vor Augen, was Horaz mit den Worten beschreibt: „Lontinui nisi äisrooieiitur opuou Vnl's." Die Fahrstraße hört auf; aber, wenn man zu Fuß über eine kleine Brücke geht, gelangt man auf einem steilen, felsigen Wege zum Dorf Licenza empor, das ein armer Ort ist und keine Zeichen von Alterthum an sich trägt, allein von seiner hohen Lage einen herrlichen Blick auf das ganze Thal gewährt. Hinter dem Dorfe ist ein Steigpfad, der zu einem höher gelegenen Dorfe, Civitella genannt, führt und von dort durch die Gebirge nach Palombaro. Das Thal ist so ein oul-cks-ouo, und die Ausdrücke „vallis rockuvtrr" und „latebru« äulosn" bezeichnen seinen Charakter treffend. Als wir von diesem Punkte hinabblickten und uns Horazens Beschreibung vergegenwärtigten, waren wir überzeugt, daß die horazische Farm gerade unter uns auf dem rechten Ufer der Digentia gelegen haben mußte, von der einen Seite von diesem Flüßchen, und von der anderen von einem kleinen Bache oder Zuflüsse der Digentia begrenzt war, die zu unserer Rechten in's Thal hinabrauscht und in deren Laufe man die §ons Lunckuisnö, wenn sie überhaupt in dieser Gegend war, finden müßte. Das Gütchen des Dichters umfaßte einige Acker bebautes Land, Weideplätze, einen Weinberg und einen Wiesengrund, der vom Bache selber bespült war, mit einem Streifen Wald dahinter, der den Abhang deS Hügels beschattete, welcher jetzt Comazzano und bei Horaz Lucretilis heißt. Wie weit des Dichters Besitzthum in das Thal hinabreichte, kann jetzt nicht mehr bestimmt werden; allein nach den,, was wir von seiner Ausdehnung nach der Beschreibung des Dichters schließen dürfen, konnte es nicht sehr groß gewesen sein, da es außer des Herrn Villa nur fünf kleine Behausungen für die Arbeiter enthielt. Sie lag so in einem Winkel „un§ulus ist,«" am Ende des Thales und erstreckte sich bis an die Ufer der Digentia. Auf diesen Punkt lege ich ein besonderes Gewicht, denn er schien uns entscheidend und widerspricht der 263 Lage, welche Signor Rosa der horazischeu Villa gibt. Daß die Farm an den Bach grenzte, beweist die Epistel des Horaz an seinen Verwalter, lud. I, op. 14: Opus pigeo rivus, 8i esoillit imber, Llulta molo ckoeonüno aprioo paroore prato." Was die Quelle Lanäugiu betrifft, so habe ich sie nicht als seinen Gegenstand angesehen, um die Lage der Farm festzustellen, da man doch streitet, ob sie bei derselben oder in Venusia, dein Heimathsorte des Dichters war. Diesbezüglich möchte ich übrigens einfach fragen, warum Horaz in so herrlichen Worten eine Quelle in Venusia besingen sollte, welchen Ort er höchst wahrscheinlich, seit er nach Nom gekommen, nie mehr besucht hatte? Setzt nicht seine Beschreibung und das gelobte Opfer eines Ziegenböckleins, das ihr Wasser röthen sollte, eine tägliche Bekanntschaft mit dieser Quelle voraus und eine Anhänglichkeit, wie sie ein Dichter für eine klare Quelle in der Nähe seines Lieb« lingsspazierganges „empfinden mußte?" Und warum sollte die Quelle Bandusia nicht dieselbe sein wie »k'ons ötinm rivo änrs uoinen iäoncni^", die offenbar ein Wässerchen sein mußte, das durch sein Besitzthum floß und sich in die Digentia ergoß und ihr soviel Wasser zuführte, daß man dem Bache füglich ihren Namen hätte geben können? Auf dem Boden, den man mit aller Wahrscheinlichkeit als die Lage der Farm ansehen kann, zeigte uns der Eigenthümer im Weinberge etwas über dem Wegs die Reste eines Gebäudes, woselbst er etwas Erde mit einer Schaufel wegnahm, wonach ein Mosaikboden zum Vorschein kam. Darauf lege ich zwar nicht viel Gewicht, denn Horazens Villa war eine bescheidene, so daß man nicht erwarten kann, daß von ihr, sowie von den Hütten der Arbeiter viel hat übrig bleiben können; auch möchte ich die Lage der Villa selber nicht genau sixiren. Allein die Lage des Gütchens ist deutlich abgegrenzt und paßt in jeder Weise zu Horazens Gemälde, dem geschützten Winkel, dem Flüßche» Digentia vor seiner Thüre, in dessen kühlen Wellen er sich erfrischen konnte; der Morgensonne, die die Hügel zur Rechten vergoldete und der Abendsonne, die deren rechte Seite erwärmte. An einem solchen Abende, wie wir einen genossen, ist es nicht schwer, sich den Horaz vorzustellen, wie er außer seinem Thore an den Ufern des Baches herumschlendert und nach seinen Freunden in der Abendsonne späht, die auf der Straße von Tibur daherkommen und von ihm eingeladen sind, die „nootös ooLuno^uö Osuiu" zu genießen. G o l d r s r n s r. Größe, wen» sie mit dem Glück zerfällt, Zerfällt mit Mensche» auch. Shakespeare. Wer dem Publikum dient, ist ein armes Thier; Er quält sich ab, Niemand dankt ihm dafür. Goethe. Freundschaft ist die Blüthe eines Augenblickes nnd die Frucht der Zeit. Es ist nicht genug, Herr über viele Leidenschaften geworden zu sein! nein, Alle muß mau sie besiegt haben; eine einzige, die zurück bleibt verunreinigt die Seele des Weisen, wie ein einziger Tropfen Blut den Becher voll kristallhellen Wassers. Kohebne. Gegen srechcu Lug Den listigen Betrug, Den stolzen Uebermnth Und die Pertolgnngswnth — Wird Geduld Zur Mitschuld. Jak. V-nedey. Reichthum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei. Borne. Mit dem Rechte soll der Mensch nicht dingen: Es gibt nur einen hellen Punkt des Rechts, Und ringsum liegt die Finsterniß der Sünde. R a u p a ch. 264 Ehemaliger Kleiderluxus. * Man schmäht so sehr über den Aufwand der mordernen Moden, und doch war dies ehemals weit ärger! Namentlich scheint das 16. Jahrhundert Hervorragendes an Luxus geleistet zu haben, wie die folgenden Beispiele beweisen mögen. — Die Königin Elisabeth von Spanien, eine Tochter der berüchtigten Katharina von Medicis, und Gemahlin König Philipp II.» trug nie ein Kleid zweimal — ihr Schneider brachte ihr täglich ein neues, im Preise von 900—1200 M., und wurde dabei in etlichen Jahren zum reichen Mann. — Auch die Königin Elisabeth von England, ebenfalls zur Gattin Philipp II. aus- ersehen, besaß eine außerordentliche Vorliebe für Luxus in der Kleidung, und pflegte sich deshalb stets in die kostbarsten Anzüge, nach den Moden aller Länder von Europa angefertigt, zu kleiden, oft verziert mit Gold und Edelsteinen von unschätzbarem Werthe. Sie besaß 3000 verschiedene Gewänder, darunter z. B. Eines von weißer Seide, ganz und gar mit Perlen in der Größe von Lohnen besetzt. Auch ihre Juwelenbüchse war mit allen erdenklichen Schmuckgegenständen versehen, außerdem aber mit vielerlei Kopfputz, als Haarnetzen mit goldenen Knöpfen und mit Perlen u. s. w., und mit vielen — Perrücken. Dieser Luxus, der von der Königin ausging, theilte sich dem ganzen Hofe mit. Der berühmte Hofmann und Weltumsegler, Sir Walter Raleigh, warf einmal seinen Prachtvollen Plüschmantel in den Schmutz, nur um der Königin einen etwas bequemeren Weg dadurch zu verschaffen. Er wurde portraitirt in einem Wams von weißem Atlas, besäet mit echten Perlen, und noch im Tower, während seiner späteren 19jährigen Gefangenschaft, ging er in Sammet und kostbarem Stoffe gekleidet. Und er war nicht der einzige Mann seiner Zeit, welcher „sein Gut am Leibe trug", wie es in einer Predigt von damals, welche sehr gegen jenen Mode-Luxus eifert, heißt! Ebenfalls ein Zeitgenosse: 6k okkroi äv In Volvo, der 1573 wogen einer Schrift, die er verfaßt, gehangen und dann verbrannt wurde, besaß nicht weniger als für jeden Tag im Jahr ein anderes — Hemd, und zwar schickte er alle diese Hemden stets extra nach einer Stadt in Flandern — zur Wäsche! — Dagegen kommt der Kleiderluxus von heute wohl doch kaum auf! L. R. Mtseellen. Ein Leser der „Köln. Volksztg." theilt derselben folgendes Histörchen aus einem von Amerika an ihn gesandten Briefe mit: „Der Grocerist (Krämer) John Dohlen in New- Uork, wurde jüngst von einem jungen Manne ersucht, eine 10-Dollar-Note zu wechseln. Dohlen leistete dem Wunsche Folge und zog dabei eine Rolle Banknoten aus der innern Tasche seiner Weste. Der junge Mann dankte für die Gefälligkeit und empfahl sich. Etwa zehn Minuten später kamen zwei wohlgekleidete junge Leute in den Laden. „Wir haben eine sonderbare Wette gemacht," hob einer derselben an, „mein Freund behauptet, daß sein Hut eine größere Qantität Molasses halten könne, als meiner. Füllen Sie meinen Hut mit Molasses und messen.es ab; ich bezahle dafür!" Dohlen, der allein im Laden war, lachte, ging nach der Syruppfanne und füllte den Hut bis zum Rande. Der Fremde nahm den „Cylinder, der, nebenbei gesagt, sehr weit war, und stülpte ihn dem Erocer (Krämer) auf den Kopf. Der Hut sank dem Manne bis auf die Ohren während der Syrup ihm über die Augen lief. Im nächsten Moment hatten die Kerle dein Manne 274 Dollars in Papiergeld gestohlen, und ehe er den Hut vom Kopfe ziehen konnte, waren sie verschwunden." Ein süßer Hut! (Auf der Leipziger Promenade.) „Bitte, bleiben Se bedeckt. Herr Advegate, Ihre Freindlichkeet kost't mich doch ooch Widder änne Mark uff d'r neien Rechnung!" (Immer ächt.) Pfarrer zu einem Tproler: „Ist es dein freier ungezwungener Willen, in das Sakrament der Ehe einzugehen, so sage ja." — Tproler: „Sei wohl." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 34. 1883. zur „Äugst!urger PostMuug." Samstag. 28. April Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) VI. Ein harter Winter, namentlich fühlbar in den Berggegenden» die durch den tiefliegenden Schnee längere Zeit von allein äußeren Verkehr fast abgeschnitten gewesen, war vergangen. Dem Ende Februar eingetretenen Thauwetter war die Märzsonne zu Hülfe gekommen, und diese, sowie ein scharfer Nordostwind hatte nach und nach die Landstraßen mit ihren Nebenwegen wieder brauchbar gemacht. Dies war auch in der näheren und weiteren Umgebung von Schloß Bodenwald und dem Buchenhof der Fall gewesen, wo es oft tagclanger Arbeit bedurfte, um die haushohen Schneemassen zu durchbrechen, die ihnen der Sturm zugeführt. Ungeachtet des Winters, des Schnees und der Kälte aber war die Zeit unter gewohnter Arbeit, die keinen Aufschub litt, vergangen. In Bodenwald hatte die Verwalter« und die Försterfamilie sich des besten Wohlseins zu erfreuen gehabt, doch war dies leider mit dem jungen Gutsherrn des Buchenhofes nicht der Fall gewesen, den eine heftige Erkältung gezwungen, während dreier Monate das Haus zu hüten. Bergmann - und Kohring waren, soweit eS das Wetter und die Wege gestatteten, fast täglich u ihm hinübergefahren oder geritten, um ihm in der Leitung der Gutsangelegenheiten beizustehen; deren Gattinnen halten ihn ebenfalls besucht, und Frau Bergmann war sogar, als sein Husten einen schlimmeren Charakter angenommen, mehrere Wochen bei ihm auf dem Buchenhof geblieben, um ihn, wie in seinen Kinderjahren zu pflegen, und ihm in dem großen, stillen Hause Gesellschaft zu leisten. Während dieser Zeit hatte sie bemerkt, daß neben seinem körperlichen Leiden, er in fortwährender Gemüthsverstunmung und Aufregung war, die außer den traurigen Familien- verhältnissen noch einen anderen Grund haben konnten, denn sie, wie ihr Gatte hatten ihres ehemaligen Schützlings Neigung zu seiner sonstigen Spielgefährtin längst durchschaut und wußten auch nur zu gut, warum deren Eltern ihr einziges Kind von sich gegeben. — WaS nun Anna Kohring anbetraf, so war Ludwig von Bodenwald ihretwegen gänzlich beruhigt, da ihr Vater und auch Bergmann, welche sie gelegentlich besucht, stets die günstigsten Nachrichten von ihr mitgebracht. Sie selbst aber war seinetwegen stets in großer Sorge; man hatte ihr seine Kränklichkeit während des Winters nicht verheimlichen können, und wenngleich sie erfahren, daß er genesen war und das Haus wieder verlassen durfte, so verschwand damit ihre Angst um ihn nicht, und sie sehnte den Augenblick herbei, wo sie nach Bodenwald zurückkehren und auch ihn wiedersehen würde. Von dem Landkammerrath waren zu Zeiten Briefe an seinen Sohn, wie an Bergmann angelangt. Die des Letzteren handelten meistens nur von Geschäfts-Angelegen- 266 heilen des Gutes, wenngleich sie auch zuweilen kürzere Familienmittheilungen enthielten. Letztere waren an den jungen Gutsherrn vom Buchenhof ausführlicher; er erfuhr, daß die Gesundheit seiner Eltern sich in Italien kaum gebessert habe, sein Bruder aber fast vollständig genesen sei. Außer verschiedenen Bekannten, die sie während des Winters gesehen, war auch die gräfliche Familie von Eschenbach in Neapel angekommen, deren älteste Tochter von den beiderseitigen Eltern zur Gattin des Majoratserbcn ausersehen war. Das junge Paar hatte sich kennen und lieben gelernt, die Verlobung im Februar stattgefunden, und sollte im Mai die Vermählung folgen. Bei dieser wünschte der Landkammerrath seinen zweiten Sohn zu sehen; er trug ihm auf, deshalb einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, und sobald wie möglich nach Neapel zu kommen. Ein zweiter Grund zu dieser Reise war die Anwesenheit einer sehr reichen, jungen verwaisten Baronesse, die mit ihren Verwandten Italien bereiste, und dem Landkammerrath so gut gefallen, daß er sie seinem zweiten Sohne als Gattin bestimmt. Karl von Bodenwald erhielt leicht den begehrten Urlaub, und reiste im März nach Neapel, ohne jedoch, weder auf Bodenwald noch dem Buckenhof gewesen zu sein, wohin an den jungen Gutsherrn keine Einladung zur Hochzeit seines Bruders gelangt war. Diese Lieblosigkeit der Seinigen kränkte ihn tief, entfremdete ihn seiner Familie immer mehr, und befestigte in ihm den Entschluß, Anna Kohring so bald wie möglich ! als seine Gattin heimzuführen. So war der Mai herangekommen, das Hochzeitsfest seines Bruders in Neapel begangen worden, doch hatte er darüber noch keine nähere Nachricht erhalten. Eines Nachmittags fuhr er nach Bodenwald, um sich nach Frau Kohring's Befinden zu erkundigen, die eine kranke Bauernfrau gepflegt, und von derselben Krankheit befallen worden war. Auf dem Wege dahin übergab ihm der Postbote einen Brief seines Vaters, den er sogleich öffnete und zu lesen begann. Er enthielt die Schilderung der Hochzeitsfeier, an der sich mehrere der ihnen bekannten Familien betheiligt. Nach der Festlichkeit war das junge Paar auf einige Wochen nach Sorente gegangen, um später mit der ganzen Familie eine nördlichere Gegend aufzusuchen. Außer dieser Nachricht theilte aber auch der Landkammerrath seinem jüngsten Sohne mit, daß sein .Bruder Karl sich mit der Baronesse von Sommerfeld verlobt habe, die Hochzeit im Herbst stattfinden, und die Neuvermählten ebenfalls im Winter in Italien bleiben würden. Dieser Brief enthielt noch einige geschäftliche Mittheilungen, allein keine Erkundigungen nach Ludwig von Bodenwald's Gesundheit, oder überhaupt seinem Ergehen, und schloß, wie immer, mit einem Gruß seines Vaters, ohne der übrigen Familie weiter zu erwähnen. Mit einer raschen Haudbewegung steckte der junge Mann das Schreiben wieder in das Couvert, und dies ebenso heftig in seine Brusttasche, lehnte sich dann gegen die Wagenecke, i und überließ sich seinem Nachdenken. Beim Anblick des Försterhauses, das ihm von» Eingang des Waldes her entgegen leuchtete, erheiterten sich seine Züge und er dachte: „Anna wird in nächster Zeit zurückkommen und dann, sobald nur ihre Eltern einwilligen bekommen die meinigen eine dritte Schwiegertochter, ich aber ein theures, liebes Weib, an dessen Seite ich bald meine Familie und deren Lieblosigkeit vergessen werde!" Nach einer Weile ließ er halten, stieg aus und schickte den Wagen nach dem Gutshof, (wohin er sich später ebenfalls begeben wollte), dann vernahm er die Stimme des Försters, der aus einem Seitenweg kommend, ihn begrüßte, und bei dem er sich nach dem Befinden seiner Gattin erkundigte. Es steht leider mit meiner Frau nicht gut, Herr von Bodenwald, entgegnete der Förster traurig, „und seit wir uns vor acht Tagen zuletzt auf dem Buchenhof gesehen, < hat das Fieber bedeutend zugenommen, so daß der Medizinalrath seine ganze Sorge und GeschickUchkeit aufbietet, um den Typhus abzuwenden!" 267 ' „Den Typhus?« fragt« theilnehmend der junge Mann, „dazu wird es hoffentlich nicht kommen!" — „Wer aber pflegt sie?" „Seit einigen Tagen ist Anna wieder hier —" „Anna?" wiederholte schnell der Junker, und dem Förster entging das freudige Aufleuchten seiner Augen nicht. „Sie wußte von der Krankheit ihrer Mutter", erwiderte dieser, „und hatte in M. keine Ruhe mehr. Bergmann, der des Kornhandels wegen dorthin fahren mußte, hat sie mitgebracht!" / „Und ist Ihre Frau damit einverstanden?" fragte Ludwig von Bodenwald, der sich von seiner freudigen Ueberralchung schon erholt hatte. „Gewiß, Junker Ludwig, und ich bin es ebenfalls, denn die Haushaltung kommt aus dem Geleise, wenn die kundige Hand sie zu leiten fehlt!" Anna hatte vom Fenster aus die Männer herankommen sehen und Zeit gehabt, sich auf das unerwartete Wiedersehen ihres Geliebten vorzubereiten, und war daher im Stande ihm mit ruhiger Freundlichkeit entgegen zu treten. Sie begrüßten sich mit herzlichen Worten, und der junge Mann fügte theilnehmend hinzu: „Deine schnelle Rückkehr, Anna, die ich von Deinem Vater erfahren, hat eine traurige Veranlassung gehabt —" „Ja, Ludwig", entgegnete Anna, welche sich schon durch einen prüfenden Blick überzeugt, daß seine äußere Erscheinung sich nicht zu seinem Nachtheil verändert hatte, „doch wolle» wir hoffen, daß bald alle Besorgniß überflüssig ist!« Der Förster und sein Gast nahmen vor der Thür Platz» Anna aber ging in's Haus zurück, schickte ihnen einige Erfrischungen, ihres Vaters Pfeife und Cigarren, und begab sich dann wieder an das Krankenbett ihrer Mutter, welcher sie unbefangen erzählte, daß Ludwig von Bodenwald gekommen sei, und mit dem Vater sich vor der Thüre befinde« Ungeachtet ihrer Krankheit beobachtete die Försterin ihre Tochter mit scharfem Blick, konnte aber keinerlei Veränderung in deren Zügen erkennen, und schloß die matten, fieberheißen Augen. — Unterließ hatte der Förster die Gläser gefüllt und seine Pfeife genommen, der junge Gutsherr aber den Brief seines VaterS aus der Tasche gezogen, und ihm reichend sagte er: „Lesen Sie, Kohring, oder haben Sie schon die neuesten Nachrichten aus Neapel erfahren? —" Der gereizte Ton des jungen Mannes fiel dem Förster auf, der ruhig erwiderte: „Bis diesen Mittag hatte Bergmann noch keine Nachrichten, Junker Ludwig — —" „Ich habe diesen unterwegs in Empfang genommen, lesen Sie auch, damit Sie erfahren, daß mein Vater auch meinen Bruder Karl verlobt!" > Der Förster kam der Aufforderung nach, und hüllte sich in immer dichtere Rauchwolke» «in, Junker Ludwig blies ebenfalls den Dampf seiner Cigarre schneller vor sich ^ hin, und als Ersterer den Brief, den er zweimal gelesen, vor sich auf den Tisch legte, trat Anna hinzu und sagte in ganz unbefangenem Ton: „Du hast wohl Nachricht von Deinem Vater erhalten, Ludwig?" „Ja, Anna", antwortete er mit verfinstertem Gesicht, „und wenn eS Dir Vergnügen macht, kannst Du lesen, daß mein Vater Hugo mit einer Gräfin verheirathrt, und Karl mit einer Baronesse verlobt hat!" Anna, welche sich zu ihrem Vater gesetzt, las ebenfalls den Brief des Landkammerraths, der dann in eingehender Weise von ihnen besprochen ward, doch konnten weder Kohring noch seine Tochter, dessen Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen seinen Sohn beschönigen noch vertheidigen. Anna war im Begriff in'S Haus zu ihrer Mutter zurückzukehren, als der Jägerbursche erschien und ihrem Vater meldete, daß ein benachbarter Landmann ihn in der Baumschule zu sprechen wünsche. Kohring folgte dem Jäger- burschen, ünd kaum hatten sich Beide entfernt, als Ludwig hastig und mit unterdrückter Stimme sagte: 268 „Anna, ich muß Dich einige Augenblicke ungestört sprechen —" „Es wird uns hier Niemand belauschen noch unterbrechen, Ludwig. Was aber hast Du mir zu sage» — —" „Ich will Dich fragen, ob ich mich auf Dein mir gegebenes Versprechen verlassen kann-" „Ludwig!" antwortete vorwurfsvoll seine Braut. „Verzeihe, Anna, vergib! Allein wir haben uns seit Deiner Rückkehr noch nicht gesprochen — Du könntest während Deines Aufenthalts in der Stadt — —" „Still, still, Ludwig", unterbrach Anna ihn schnell, „und rege mich und Dich nicht unnöthig auf! — Nimm aber die Versicherung, daß seit vergangenem Herbst ich mich als Deine verlobte Braut betrachtet habe-" * „Dank, Anna, Dank", sprach Ludwig von Bodenwald mit unterdrückter Stimme. „Sobald Deine Mutter hergestellt ist, werde ich bei Deinen Eltern um Deine Hand anhalten, und die Einwilligung der meinigen zu unserer Verbindung schon zu erlangen wissen! —" „Hoffst Du nicht zu viel, Ludwig?" — nach den Heirathen, die Deine Brüder geschloffen-" „Wir werden sehen, was sie sagen, ich bin auf Alles vorbereitet, und ist's nicht auf dem Buchenhof, Anna, so werde ich für unser stilles Glück schon eine andere Stätte finden! —" Nach diesen Worten erhob er sich schnell und fügte lebhaft hinzu: „Anna, ich will zu Deinem Vater und dann zu Bergmann's gehen, da ich heute nicht zu spät fahren möchte. Sage Deiner Mutter meine besten Wünsche zu ihrer baldigen Genesung, und möchtest Du vor jeder Krankheit bewahrt bleiben!" Sie nahm in wenigen Worten Abschied, und während Ludwig von Bodenwald der Baumschule zuschritt, begab Anna sich zu ihrer Mutter zurück. — Vll. „Und glauben Sie wirklich, Junker Ludwig, daß Ihre Eltern zu solchen Plänen, die Sie und meine Tochter so lange verfolgt, ihre Zustimmung geben werden?" fragte der Förster den jungen Gutsherrn vom Buchenhof, als einen Monat später, denn die Genesung der Försterin war nicht so schnell, wie man g-'glaubt, erfolgt, sie durch den Schloßgarten gingen. Letzterer hatte Anna's Eltern seine Werbung um ihre Tochter vorgetragen, und diese schritt in einiger Entfernung von ihnen mit ihrer Mutter durch die stillen Wege und Alleen, die jetzt selten ei» Menschenfuß betrat, und wies voll freudiger Zuversicht, auf ihren Verlobten, als Frau Kohring ihr jede Hoffnung auf eine solche Verbindung zu nehmen suchte. „Geben Sie und Ihre Frau unS nur erst Ihre Einwilligung, Kohring, so will ich noch heute den Versuch machen, sie zu erlangen", entgegnete mit erhobenem Haupt und leuchtenden Augen der junge Mann, froh, endlich sein und seiner Braut Geheimniß deren Eltern anvertraut zu haben, ohne dabei auf eigentlichen Widerstand gestoßen zu sein. „Und wenn sie sie verweigern-" . Darauf bin ich vorbereitet, doch lasse ich mich dadurch nicht abschrecken, sondern werde meine Sache bis auf's Aeußerste verfolgen!" „Ihr Vater wird mit Enterbung drohen —" „Das kann er nicht, Kohring, und Sie wissen so gut wie ich, daß er die alten Familiengesetze einhalten muß» Er kann mir höchstens den Aufenthalt auf dem Buchenhof verweigern —" „Das wird er kaum thun, denn er ist mit Ihrer Verwaltung sehr zufrieden —" „Und geschieht es dennoch, so nehme ich, sein kränklicher, hinkender Sohn, eine Verwalterstelle an, und daß ich das thue, dafür bürgt ihm die Thatsache, daß von seinen Söhnen ich vielleicht der einzige echte Bodenwald bin!" Förster Kohring wußte nur zu gut, daß dies auch der Landkammerrath dachte, und 269 einsehend, daß alle seine Einwände vergeblich sein würben, beschloß er, sie noch einmal bei seiner Tochter zu versuchen. Er stand mit seinem Begleiter still, ergriff, als sie herankam, ihren Arm, führte sie davon und überließ es diesem, sich seiner Gattin anzuschließen. „Anna", begann er, als sie außer Hörweite waren, „ist es Dein fester Entschluß, Ludwig als Frau anzugehören?" „Ich kann nicht anders, Vater", entgegnete sie kaum hörbar, ohne ihn würde mein Leben freudlos und traurig sein —" „Es kann aber auch freudlos und traurig in seinem Besitz werden! — Denke an seine Familie — —" „Die wird uns immer fern bleiben!" — „Hat sie doch Ludwig seit seiner Kindheit verstoßen und ihn auch jetzt an keinem Familienfeste theilnehmen lassen. — Seine Brüder haben es nicht einmal der Mühe werth gehalten, ihm ihre Verlobung anzuzeigen!" ^ Diese Thatsache ließ allerdings keinen Widerspruch zu, dennoch sagte der Förster! „Denke an seine schwächliche Gesundheit seinen — gebrechlichen Körper —" „Ich werde ihn wie einen Augapfel hüten, und in meiner stete» Sorge und Pflege wird er sich immer mehr kräftigen." „Und wenn er Deinetwegen den Buchenhof, wo er sich so heimisch fühlt, verlassen muß? —" „Dann, Vater, dann muß meine Liebe ihm einen andern Aufenthalt theuer machen", entgegnete Anna, durch Thränen zu ihm aufblickend. Ihr Vater schloß sie gerührt an seine Brust und sagte mit bewegter Stimme: „Möge alles zum Guten enden, mein einziges, theueres Kind! — Ich will nur Dein Glück, und würde es mit jedem Opfer erkaufen!" Anna schmiegte sich fest an ihren Vater, sie gingen noch eine Strecke weiter, dann stand abermals Förster Kohring still, bis seine Gattin mit ihrem Begleiter herangekommen, er legte ihre Hand in seinen Arm und führte sie schweigend davon, während Ludwig und Anna ihnen ebenso schweigend folgten. Nach einer Weile sagte er in ernstem, fast bekümmerten Ton: Es ist also gekommen, wie wir gefürchtet, Frau, und meine Vorstellungen vermögen über Beide nichts — —" „Auch ich habe das Meinige gethan", erwiderte Frau Kohring, „um sie zu überreden, diese Verbindung aufzugeben, die der Landkammerratb nie gestatten wird, allein Beide wollen nicht daran denken und sehen darin allein ihr Glück." (Fortsetzung folgt.) G-ldkSrner. — Denn so geschieht^, Daß, was wir haben, wir nach Werth nicht achten» So lange wir's genießen; ist's verloren, Dann überschätzen wir ven Preis; ja dann Erkennen wir den Werth, den uns Besitz Mißachten ließ. Shakespeare. Tadeln ist leicht, erschaffen so schwer; ihr Tadler des Schwachen, Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen das Herz? Goethe. Ach, die Liebe beweget das Leben, Daß sich die graulichen Farben erheben. Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre, Die gefällige Tochter des Schaums; In das Gemeine und Traurigmahre Webt sie die Bilder des goldenen Träumst Schiller. Der Mensch nimmt viel leichter als man glaubt das Widersprechen und Zurechtweisen auf, nur kern Hemgcs verträgt er, und wäre es em gegründetes. Die Herzen sind Blumen: deni leise fallenden Thau bleiben sie offen, aber vor dem Platzregen verschließen sie sich. tzean Paul. 270 Ueber Sie Anfänge des Vogelschießens. Mancher unserer Leser hat wohl schon oft einen Schuß und noch dazu einen treff« lichen — nach dem Vogel gethan, ohne zu wisse», daß er damit einem heidnischen Brauche huldigte. — Der Gebrauch der Vogelschießen ist bekanntlich sehr alt und reicht hinab bis zu den verworrenen grauen Zeiten, wo in den germanischen Wälder» das Christenthum noch mit dem Heidenthum im Kampf« lag. Wie die durch Religionsvrrschiedenheit getrennten und zu wildem Haß gegeneinander getriebenen Völkerschaften sich gegenseitig zu vernichte» strebten, so machten sie ihren Vernichtungstrieb an ihren beiderseitigen religiösen Symbolen geltend. Die christliche Axt fällte die den Göttern der Walhalla gewidmeten heiligen Bäume, von denen mancher unter fanatischem Jauchzen seine Wipfel beugte, und die Heiden Übte» das Vergeltungsrecht an dem Bilde der Friedenstaube, unter welchem die Christen den heiligen Geist anbeteten. Zu diesem Zwecke schnitzten sie sich dergleichen Sinnbilder — unter ihren Händen wurden es freilich eher Zerrbilder — befestigten sie an Stangen und Bäumen und schössen nach ihnen mit Bogen und Pfeil, woraus später die sogenannten Armbrüste entstanden sind. Diesen heidnischen Schießübungen verdanken unsere „Vogelschießen" ihren Ursprung. In manchen deutschen Landen, z. B. in Franken, heißen dieselben auch heute noch „Taubknschießen." Auch findet man die Form der hölzerne» Vogel hin und wieder noch den Tauben ähnlich, wie man sie öfter in Kirchen abgebildet sieht. Allmälig, als der ursprüngliche Zweck solcher Schießvergnügungen in Vergessenheit grrjeth und dieselben sich zu volksthümlichen Festen erweiterten, wursen die Formen der Vögel größer, mannigfaltiger zusammengesetzt und stattlicher. Die friedlichen Tauben verwandelten sich in Adler, und im Schutze ihrer viel- fedrrigen Schwingen wurden Kleinode und Ehrenzeichen angebracht, auf welche die gr- wandten Schützen vorzugsweise gern zielten. Wer das letzte Stück vom Vogel schoß, ward zum König ausgerufen und blieb in dieser Würde bis zum nächst wiederkehrenden Feste und bis der neue Königsschuß fiel. Bekanntlich ist das Alles noch heute so. Ehe aber dies« »Vogelschießen" eine Sache des, wie wir aus der Geschichte wissen, oft ziemlich rohen und ausgelassenen Vergnügens wurden, hatten sie anfangs den Zweck, tüchtige Schützen zur Vertheidigung der Städte gegen äußere Angriffe und für den Krieg zu bilden. Mehr oder minder ist dieser Zweck selbstverständlich in den Hintergrund getreten, doch begünstigt z. B. die österreichische Regierung noch immer die Büchsenschießseste in Tirol aus den» nämlichen Grunde. Eine gleiche Bedeutung haben sie in der Schweiz. Allgemeiner und mit Volks festlichkeiten verbunden wurde das Schießen nach dem Vogel im vierzehnten Jahrhunderte. Aber schon im vorhergehenden Jahrhundert wurde es in geselliger Weise geübt und die Städte Augsburg und Nürnberg sollen eS bereits im Jahre 1286 aufgebracht haben. In dem alten Preußen (Porussien) ward es wahrscheinlich zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts eingeführt. Bis zum Jahre 1808 sollen sich noch Rechnungen der waffenkundigen „Erasmus-Brüderschast" aus dem Jahre 1342 in der Lade der Danziger Schützenbrüderschast vorgefunden haben» doch sind sie vielleicht unter dem Einfluss« der kriegerischen Unruhen verloren gegangen. Geschichtlich erwiesen ist, daß der Hochmeister des deutschen Orden», Winrich von Kniprode, der vorher mehrere Jahre Komthur des Danziger Schlosses war, bald nach seinem Regierungsantritt, etwa im Jahre 1352, das Vogel- und Königsschießen für alle Städte des Ordensgrbietes einzurichten befahl, wobei er vielleicht die in Danzig bestehende Sitte zum Muster nahm. Die von ihm angeordneten Schießübungen fanden in Zwingern und Schießgärten statt, indem man mit der Armbrust nach hölzernen Vögeln oder nach der Scheibe schoß. DaS große Vogelschießen nach den vom Hochmeister ausgesetzten Preisen hielt man in der Pfingstzeit ab. Wem dabei der beste Schuh gelang, der ward 271 ^ Schützenkönig. Mit Blumen bekränzt und mit einer silbernen Kette mit Wappenschildern geschmückt, ward er in festlichem Zuge nach seiner Wohnung geleitet, und neben manchen Vorrechten ward ihm auch bei festlichen Gelegenheiten der Schmuck jener Halskette und der Ehrenplatz neben den Herren des Rathes gestattet. Es wird wohl nicht uninteressant sein, den Bericht eines alten Schriftstellers, LukaS Davio, darüber zu vernehmen, der sich wie folgt ausspricht: „Nachdem er (Meister Winrich) wohl erfahren, daß mit Armbrustschießen — weil zu der Zeit die Handröhre nicht in Brauch — zu erwehren und abzuhalten die Feinde von den Mauern der Städte / sehr nutz- und fürtrefflichen", ließ er vor allen Städten einen Schießbaum setzen und einen Vogel von Holz gemacht, ungefähr in der Größe einer Henne» die ihre Flügel ausbreitet, aufstecken. Dabei verordnete er Geschenke, die denen gegeben wurden, „so die Flügel oder sonst ein merklich Stück am Kopf oder Schwanz abgeschossen. Der aber den Vogel ganz oder vollbereit zerstucket, das letzte Stuck «beschoß, der sollte das ganz Jahr über der Schützenkönig sein und geheißen werden, denn dann ein sonderlich und besser Geschenk, denn den andern, nämlich ein gut stark Armbrust verordnet und gegeben ward. Auch ward diesem ein silberner, überguldeter Vogel mit einer silberne» Ketten, der an der vorigen Könige Wapfen hing, um den Hals bis an die Brust schwebende gehenkt. (Daher hieß der Schützenkönig auch „Wappenkönig.") Dazu hatte er auch die Ehre vor andern, daß er an Feiertagen allewege zunähest dem Rath und Gerichtspersonen, den Vogel am Halse tragend, vor jedem anderen gemeinen Mann in der Prozession oder Umbgang fürherging. Ueber das hatte er in etlichen Städten in seinem Jahr der Herrlichkeit oder Freiheit, daß, wenn er in den gemeinen Garten oder sonst wohin in die Zeche ging, da einer oder mehr der Schützen-Brüderschaft vorhanden, mußten der oder die, so gegenwärtig waren, in der Zeche ihren König freihalten. Dadurch brachte er den gemeinen Mann dahin, daß unter ihnen viel guter Schützen, die Stadt in Nöthen zu erwehren, erfunden wurden. Und obwohl die Armbrust fast nicht mehr in Brauch, sondern an ihre Statt die Büchsen, Haken und Handröhre aufkommen, dennoch der Vogelschoß mit Armbrust jährlich wird gehalten. Und damit sich die Bürger desto fleißiger im Schießen üben möchten, gab er Rath, daß sie in den Zwingern ihrer Städte Schieß« gärten und Wände von Lehm zurichteten, dahin die Bürger sich zu erlustigen begeben möchten, und umb Kleinode, die von zusammengelegtem Gelde durch die Schützen erkauft oder von der Herrschaft aufgesetzt waren — danebst dann sonderliche Wetten einliefen — schießen sollten; alles dazu dienende — wie auch itzo mit Feuerbüchsen Haken und Handröhren beschicht, — daß die junge Mannschaft desto geübter werde und im Fall der Noth sich und die Stadt wider tue Feinde schützen könne." Der gemeinschaftliche Versammlungsort der Bürger wurde die Schießbude, auch der Hof genannt. Uebriaens mußte jedes Mitglied eine eigene Armbrust und bei jedem Schießen den vorgeschriebenen Anzug — die Gartsn-Kögel — haben und durfte diesen ^ auch vor Ablauf eines Jahres von keinem Nichtmitgliede tragen lasten. A. Löhn - Siegel. Mise-ll-n. (In Auerbach's Keller) in Leipzig finden sich folgende humoristische Verse: Wenn auch kein Rheinwein, Wenn der Wein nur rein; Wenn auch kein Mainwein, Wenn der Wein nur mein; Wenn auch kein Steinwein, Wenn nur kein Weinstein; So saß ich ',nal am Rheinfall, Da kam mir der Einfall, Wäre der Rheinfall ein Weinfall, Das wäre mein Fall. 272 (Das Ideal eines Reporters.) Der Correio Mercantil de Pelotas (Brasilien) betrauert den Verlust seines besten Reporters und berichtet über dessen tragisches Ende folgendermaßen: Vor 8 Tagen schrieb Snr. Monteiro in unseren: Blatte eine Notiz, der Echweinefetthändler Nudolfo Alschero sei ein ganz miserabler Gauner, und seine Waare alles andere nur kein Schweinefett. Der Fetthändler nannte Monteiro einen infamen Lügner und forderte ihn zum Duell. Dieses fand gestern hinter dem Caminho Nuovo statt. Während Alschero einen Schuß in den Schenkel erhielt und in vier Wochen wieder hergestellt sein wird, bekam unser braver Monteiro eine Kugel in die Brust und die Versicherung der Aerzte, daß er gerade noch fünf Minuten zu leben habe. Monteiro benutzte nun diese kleine Frist nicht etwa dazu, um in einem kurzen Stoßgebet seine Seele Gott zu empfehlen, nein, der pflichtgetreue Reporter raffte seine letzte Kraft zusammen und schrieb Folgendes an unsere Redaction: „Duell. Snr. Alschero und Snr, Monteiro hatten heute um 9 Uhr Morgens wegen einer Dummheit einen Zweikampf hinter dem Caminho nuovo. Snr. Alschero kam mit einer leichten Verwundung davon, Snr. Monteiro bekam eine Kugel in die Brust und starb einige Minuten nachher." Macht ein Extra- Honorar von rund 2 Mrlreis, welche Sie meiner Gattin zustellen wollen. Hierauf senkte er sein Haupt in den Schooß. (Eine ganz neue Kurmethode.) In Sän Franzisko prügelten sich zwei Aerzte am Bette eines Kranken, der darüber so heftig lachen mußte, daß er in Schweiß gerieth und hierauf gesund wurde. (Auf Abschlag.) Ella (eine 5jährige Kleine, die beim Schneeballenwerfen eins Fensterscheibe zerbrochen hat und dafür eben von Papa gestraft werden soll, fleht mit aufgehobenen Händen): Lieber Papa, bitt', nicht hauen; zieh mir's lieber von meinem Heirathgut ab!" (Gute Hausordnung.) Frau zu ihrem Manne: „Jetzt haben wir den ganzen Vormittag den Schuh unserer kleinen Elise gesucht, da steckt er mitten im Kraut. Ich wußt' es ja, daß bei mir nichts verloren geht!" (Zweideutig.) „Haben Sie nichts Uebertragenes?" „Gegenwärtig nichts." „Vielleicht die Frau Gemahlin?" In weltentrückter Einsamkeit, Wenn mir der Freude Blumen sprießen, Wenn ferne Gram und düstres Leid, Dann tuet,' ick seliaes Genießen Doch wenn die Stürme mich wild umtosen, Wenn mich das Glück nur verspottet und haßt, Wenn grausam es Disteln mir bietet statt Rosen, Wenn mich der Verzweiflung Macht ersaßt; Wo hinter dicht verschloss'nen Zweigen Ein trautes, stilles Plätzchen winkt, Wo alle Stürme ruh':: und schweigen, Den Morgenthau die Blume trinkt! Wenn alle Hoffnungen meines Lebensl Nur wie ein trügerisch' täuschend Licht, Dann lockt mich der Schöpsung Frieden vergebens, Gibt ihre Ruhe mir Ruhe nicht! Zu mir nnt wunderbaren: Dust, Es tönen srob der Walenr L:ede Es neigen sich Jasmin und Flieder Dann eil' ich hinaus auf schäumenden Wogen, Wenn stürmend am Ufer die Brandung sich bricht — Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Es tönen sroh der Wglen: Leder Hoch über nur in blauer Lust. Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Jn's feuchte Grab — ich sürchte es nicht! Es ruh':: der Leidenschaften Flammen, Nur Friede athmet die Natur, — Wir sitzen schweigend dann beisammen, Beglückt von treuer Liebe nur. Dann eil' ich trotz Blitz und trotz Donnerrollen Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Du stürmisch erregte, Du große Natur! Wir sitzen schweigend da und lauschen Der Vögten: fröhlichem Gesang, Umwogt von fausten: Blätterrauschen, — Der Liebe dünkt's wie Sphürcnklang! Wie groß die unendliche Schöpfung ist, Bis endlich des Kummers Wolken scheiden, Das Herz seine kleinen Leiden vergißt I Du lehrst mich, wie klein meine irdischen Leiden, Carl Felix. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Hwtler. !^nterüaktung8ökatt »ur „Äugslmrger Postzeitnilg." Nr« 35. Mittwoch, 2. Mai 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) „Wir müssen der Sache freien Lauf lassen, und zunächst die Antwort des Land« kammerrathes abwarten, an den der Junker noch heute schreiben will", entgegnete der Förster, den Weg nach seinem Hause einschlagend, wohin Ludwig und Anna in ernstem Gespräch ihnen folgten. — Drei Wochen waren seit dein Tage vergangen, an dem der jung« Gutsherr vom Buchenhof seinem Vater mitgetheilt, daß auch er sich zu verheirathen beabsichtige» und seine Wahl auf die Gespielin seiner Kindheit gefallen sei, die er liebe, wie er auch von ihr geliebt werde, doch war auf diesen Brief noch keine Antwort angelangt. Er sah ihr mit Ruhe und Entschlossenheit, mochte sie auch ausfallen wie sie wolle, entgegen, denn weder der Wunsch noch der Wille seiner Eltern war im Stande, seine Pläne zu ändern. In Bodenwald, wo man Ludwig noch nicht wieder gesehen hatte, erwartete man, denn auch Bergmann'S waren von der Verlobung des jungen Paares in Kenntniß gesetzt, den Brief des Landkammerraths mit eben so viel Spannung wie Unruhe. Niemand glaubte, daß Letzterer die Verbindung seines Sohnes mit Anna Kohring billigen würde, was für alle Parteien eine traurige Zeit herbeiführen mußte. Endlich aber traf die Entscheidung ein l — An einem heißen Tage — es war gege Ende Juli und die Ernte hatte bereits begonnen — kehrte Ludwig von Bodenwald zur Mittagszeit vom Felde heim, und sich in sein Zimmer begebend, sah er auf seinem Schreibtisch unter dem, was mit der Post für ihn eingegangen, einen Brief von seinem Vater. Ungeachtet aller Ruhe, die er bisher in dieser ihn so tief berührenden Sache gehabt und gezeigt» bemächtigte seiner dennoch eine nie empfundene Aufregung, und seine Hand zitterte so heftig, daß er einen Augenblick inne halten mußte, ehe er das durch ein großes Familiensiegel geschlossene Couvert öffnete. Dann aber schnell entschlossen das Schreiben hervorziehend, öffnete er es und las: „Mein Sohn! Also Du willst heirathen? — Nun ich muß sagen, daß ich eher jede andere Nachricht aus Deutschland erwartet hätte, als eine solche Anzeige von Dir. Uebrigens begreife ich Kohrings nicht, daß sie für ihre einzige Tochter nicht eine andere Verbindung wünschen und wollen, denn was das Ende einer solchen Heirath sein wird, das können sie sich bei Deiner schwächlichen Gesundheit und Deinem gebrechlichen Körper sagen. — Wie Du ganz richtig aus unseren alten Familiengesetzen ersehen, kann ich sie Dir nicht verbieten, ich erkenne sie aber auch nicht an, und ebensowenig thun das Deine Mutter und Deine Brüder, das heißt, wir werden Deine Frau nie als ein Familienglied betrachten. Will sie und wollen ihre Eltern auf eine solche Stellung für sie eingehen, so laßt Euch trauen. Du kannst während Deiner Lebenszeit auf dem Buchenhof bleiben, und so lange Deine Frau mit Dir, ich will das alte Eulennest vorläufig nicht wieder in fremde Hände geben, da ich selbst noch nicht weiß, wo wir nach unserer Rückkehr bleiben werden« — Dein Brief ist mir nach Genua geschickt worden, wo wir augenblicklich sind. Auf Wunsch der Aerzte unternehmen wir der Abwechslung und Luftveränderung wegen eine Reise durch das obere Italien, das heißt in Begleitung von Hugo und seiner Frau, wie Karl, seiner Braut und deren Verwandte. Hast Du mir etwas Wichtiges mitzutheilen, so schicke den Brief unter der früheren Adresse nach Neapel, und ich werde ihn bekommen, sonst aber unterlaß das Schreiben bis zu Ende September, wo wir wieder dort eintreffen werden, iveil im Oktober Karls Hochzeit ist. Dein Vater Friedrich von Bodenwald." Der junge Gutsherr hatte den Brief unter den wechselndsten Empfindungen gelesen, und wenn er sich auch keinen sanguinischen Hoffnungen in Bezug auf die Antwort seines Vaters hingegeben, so hatte er doch wenigstens keine lieblose und verletzende Andeutung auf seine Körperschwächen erwartet. Er überlegte, ob er den Brief nicht seiner Braut und ihren Eltern vorenthalten, und ihnen nur die Einwilligung seines Vaters ankündigen sollte, doch verwarf er bald diesen Gedanken, beschloß ihnen gegenüber offen und ehrlich zu handeln und gleich nach dem Mittagessen mit der frohen Botschaft nach Bodenwald zu fahren« Förster Kohring war eben im Begriff, sich nach dem Nachmittagskaffee, der in der Lindenlaube eingenommen worden, in den Wald hinauszubegeben, seine Frau und Tochter aber wollten dem Mädchen beim Pflücken der reifen Früchte helfen, die zum Winter- vorrath verwandt werden sollten, als sie plötzlich Schritte vernahmen, und in's Freie blickend, Anna in freudigem Ton: „Ludwig!" ausrief. „Ja, ich bin's", entgegnete dieser schnell und mit freudestrahlendem Gesicht, „und komme mit der Einwilligung ineines Vaters, die ich diesen Mittag erhalten!" „Hat er sie wirklich ertheilt?" fragten einstimmig der Förster und seine Gattin, während Anna's Wangen sich höher färbten. „Lesen Sie selbst", und Ludwig von Bodenwald reichte ihnen den Brief, und fügte ungeduldig hinzu: „Nun aber geben Sie mir auch Anna» damit ich sie offen und vor aller Welt meine Braut nennen kann!" Förster Kohring legte ihre Hände ineinander, schloß sie an seine Brust und sagte ihnen mit bewegter Stimme seine Glückwünsche. Dieß that auch die Förstern,, worauf Ludwig seine Braut umfaßte, und beide sich dem Glücke, sich nun endlich anzugehören, überließen. Die Eltern entfernten sich, um den Brief des Landkammerraths zu lesen, der ihre ganze Mißbilligung erregte, dann beschlossen sie ein kleines Verlobungsfest zu feiern, und Kohring ging nach dem Verwaltungshause, Bergmann's dazu einzuladen, und besonders die von Allen mit so großer Spannung erwartete Nachricht mitzutheilen, seine Gattin aber begab sich in die Küche und traf die Vorbereitungen zum außerordentliche» Abendessen. Sechs Wochen später fand die Hochzeit des jungen Paares statt. Es war eine stille Feier, bei der nur die nothwendigsten Theilnehmer zugegen waren; der Prediger, der Beide getauft, unterrichtet und confirmirt, vollzog auch die Trauung, und dieser folgte ein kleines Festmahl, bei dem jedoch eine ernste, fast feierliche Stimmung vorherrschend blieb. — Am Abend des schönen Septembertages führte Ludwig von Bodenwald seine Gattin, die sich unter heißen Thränen von ihren Eltern, den Freunden und der Stätte getrennt, wo sie eine glückliche Kindheit und Jugend verlebt, ihrer neuen Heimath zu. Hier war ihnen ein freundlicher Empfang bereitet, das Herrenhaus reich mit Blumen und Grün geschmückt und als der Wagen hielt und sie ausstiegen, hießen viele Stimme» sie mit herzlichen Worten willkommen. 275 VHs. Drei Jahre waren seit Anna Kohring's Einzug als Herrin des Buchenhofs verflossen. Es war eine Zeit unbeschreiblichen Glückes für das junge Paar gewesen; in ihrer steten Sorge und Pflege hatte sich ihres Gatten Gesundheit gekräftigt, und wenngleich er zur Winterzeit noch die größte Vorsicht beobachten mußte, so hatte offenbar sein Brustleiden keine Fortschritte gemacht. Ihr beiderseitiges Glück war durch die Geburt einer Tochter erhöht worden, die zu dieser Zeit fast zwei Jahre zählte, und ihrem Vater sprechend ähnlich, in jedem Zug des kleinen ausdrucksvollen Gesichtchens, das eine reiche Fülle goldblonder Locken umgab, eine echte Bodenwald war, jedoch die kräftige Gesundheit ihrer Mutter geerbt zu haben schien, und in der Taufe die Namen Anna Thusnelda, letzterer ein Familien-Namen der Bodenwald, erhalten. Sie war zugleich die größte Freude der Großeltern und Bergmann's» deren Wagen oft, sehr oft auf dem Wege nach dem Buchenhof, dem alten Eulennest des LandkammerrathS, zu treffen waren, um dessen glückliche, ihnen Allen so theure Bewohner zu besuchen. Wenn nun auch Anna gleich einem guten Engel im Gutshause wie über den ganzen Buchenhof waltete, ihr Gatte in ihrem Besitz sich mit jedem Tage glücklicher fühlte, die allgemeine Liebe und Verehrung ihr zu Theil ward, so hatte sie doch noch kein Zeichen der Anerkennung von den Eltern ihres Galten erhalten, und schien in der That nicht für sie vorhanden zu sein. Ludwig von Bodenwald hatte vor drei Jahren seine Verheiratung nach Neapel gemeldet, sein Vater aber nicht darauf geantwortet, sondern ihm mitgetheilt, daß seines Bruders Karl's Hochzeit mit der jungen Baronesse stattgefunden, sie bis zum Frühling in Italien bleiben würden, dann aber Ersterer seinen Dienst wieder antreten müsse. Im Laufe der Zeit zeigt« er seinem Vater die Geburt seiner Tochter an, worauf dieser ebenfalls nicht antwortet«, dagegen ihm ein halbes Jahr später schrieb, daß sein Bruder Karl, Vater einer Tochter geworden, die den Familien-Namen Thusnelda führe. Hugo von Bodenwald und seine Gattin hatten einen Sohn gehabt, was der Land- kammrrrath mit großer Freude auf Bodenwald und Buchenhof angezeigt, doch war dieser, leider im früheren Alter gestorben- Ein langjähriger Diener hatte die kleine Leiche nach Deutschland und Bodenwald gebracht, wo die Beisetzung in deren Familiengruft stattgefunden, und auf besonderen Wunsch seines Vaters der Gutsherr vom Buchenhof die Familie vertreten. Im vierten Jahre der Ehe des Majoratserben fand die Geburt eines zweiten Sohnes statt, der wenige Stunden darauf starb und auch seiner Mutter das Leben kostete. Es war ein harter Schlag für den jungen Mann, der seine Gattin aufrichtig geliebt, und dessen Glück nun der Tod so plötzlich vernichtet. Die Leichen wurden wiederum nach Bodenwald übergeführt, doch konnte der trauernde Vater sie nicht, wie er beabsichtigt, begleiten, da die Aufregung und der Schmerz über seinen Verlust auch ihn auf's Krankenlager geworfen, und sein Bruder Ludwig mußte die feierliche Beisetzung leiten. Hugo von Bodenwald's Krankheit war langwierig und nahm nach und nach einen gefährlichen Charakter an. Es war der Plan des Landkammerraths gewesen, im nächsten Frühjahr nach Bodenwald zurückzukehren, doch sah er mit unaussprechlichem Kummer, den auch seine Gattin theilte, daß für seinen ältesten Sohn und Erben keine Hoffnung vorhanden sei, das Vaterland lebend wieder zu sehen. Das schleichende Fieber rieb seine Kräfte aus, und ungeachtet der geschicktesten Aerzte und der sorgsamsten Pflege erlag er der Gehirnkrankheit, die ihn einige Tage nach dem Tode seiner Gattin und seines Sohnes erfaßt, und schon auf Wochen des Bewußtseins beraubt hatte. Diese Nachricht langte zu Ende September auf dem Buchenhof an. Es war an , einem Sonntag Nachmittag, an dem Kohring's und Bergmann's daselbst erwartet wurden, denn des Försters Geburtstag sollte festlich begangen werden. Der Gutsherr, der nach Bodenwald zur Kirche gefahren war, wollte nach dem Gottesdienst seinen Schwiegervater 276 beglückwünschen, und mit den lieben Gästen heimfahren. Anna hatte das Wohnzimmer mit den schönsten Herbstblumen geschmückt, die in reicher Fülle in ihrem Garten blühten, und nach Kinder Art war ihre kleine Tochter ihr dabei hülfreich zur Hand gegangen. Als sie ihre Arbeit beendet, die Geschenke für den geliebten Vater geordnet, und den großen, selbstgebackenen Kuchen, den die kleine Anna unter Jubel und Händeklatschen aus der Speisekammer begleitet hatte, auf den Tisch gestellt, kleidet« sie sich und das Kind festlich an, und begab sich dann mit diesem vor das Haus, wo sie die zu erwartenden Wagen schon aus der Ferne erspähen konnte. Mit der Kleinen tändelnd, die neben ihr auf den weichen Kissen der Bank saß, fiel ihr plötzlich der kranke Bruder ihres Gatten ein, dessen Zustand, dein letzten Briefe des Landkammerraths nach, wenig Hoffnung auf Genesung zuließ. Sie freute sich, daß der Postbote keinen Brief aus Neapel gebracht hatte, und hoffte, das kleine Fest, soweit es die Familienereignisse zuließen, fröhlich verlaufen zu sehen, als die Allee hinabdeutend die Kleine lebhaft ausrief: „Ein Pferd, Mama, ein Pferd!" Anna blickte hin und sah einen rasch näherkommenden Reiter, den indeß ihr scharfes Auge nicht zu erkennen vermochte. Ein vor dem Wirthschaftsgebäude stehender Knecht ging ihm entgegen, nach wenigen gewechselten Worten stieg er ab, und während Jener das Pferd bei Seite führte, näherte er sich der Bank, wo schon das Kind voll Ungeduld seiner wartete. Als er sie erreicht, übergab er grüßend Anna einen Brief, den er der Vrusttasche seines Rockes entnahm, und erklärte zugleich, daß er von dem Postmeister in D. geschickt sei. Sie sah bald, daß dies auf dem Brief besonders begehrt worden, der aus Neapel und von ihrem Schwiegervater kam. Bei seinem Anblick empfand sie plötzlich ein unnennbares Weh, ein schneidender Schmerz durchzuckte ihr Herz und ihre Brust, und dem Boten sagend nach dem Hause zu gehen und sich nach dem weiten Ritt zu stärken, fragte sie ihn zugleich, ob er auch in Bodenwald gewesen, was er jedoch verneinte und sich entfernte. Das verhängmßvolle Schreiben dann wieder zur Hand nehmend, ruhten lange ihre Augen mit nachdenklichem Ausdruck darauf. Es mußte was besonderes Wichtiges enthalten, denn noch nie hatte der Landkammerrath Briefe durch einen Eilboten geschickt, und einen Augenblick dachte sie ihn ihrem Gatten erst nach dein Mittagessen zu geben. Das war indeß unmöglich, denn Bergmann konnte schon am Morgen ^ Nachricht aus Neapel erhalten und die neuesten Ereignisse mitgetheilt haben. Unschlüssig, was zu thun sei, um wenigstens nicht die ersten Momente des Beisammenseins zu trüben, schob sie den Brief in die Tasche als abermals ihre kleine Tochter, und diesmal jubelnd ausrief: „Pferde, Mama, Pferdei — Papa kommt!" ihre Hand ergriff und sie schnell in's Haus führte. Die Freude ihres Kindes wirkte auch auf sie zurück, und ihre Züge belebten sich noch mehr, als sie die heiteren Gesichter in dem schnell herankommenden Wagen sah, der alsbald hielt. Nach gegenseitiger lebhafter und herzlicher Begrüßung begrüßte sie den geliebten Vater, dem auch die kleine Enkelin, so gut es ging, ihre Glückwünsche aus- sprach, und der diese darauf auf seine Schulter hob, was sie laut und fröhlich geschehen ließ. - - (Forts, folgt.) «»ldrsrner. Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind! Die guten flattern fort im Wind, Und keiner ist, der taubenfromm Zurück mit grünem Oelblatt komm'. Die schlimmen hascht der Teufel ein Und stutzt nach seinem Sinn sie fein, Erfüllt sie dir zu Leid und Last, Wenn du sie längst bereuet hastl Bernhard Endrulat. Es ist gleich schwach und gefährlich, die öffentliche Stimnie zu viel und zu wenig zu achten. Seume- 27? Marschall Nazaine und -sr Krieg 1870. Der ehemalige Commandirende der „Rhein-Armee", Marschall Bazaine, hat in Madrid unter dem Titel „Episoden aus dem Kriege 1870 und die Einschließung von Metz" ein umfangreiches Buch erscheinen lassen, dessen Vertrieb in Frankreich verboten worden ist. Man könnte dieses Verbot so auffassen, als ob die dritte französische Republik hinsichtlich des Ex-Marschalls, der im Mai 1872 vor ein Kriegsgericht gestellt und von diesem im Dezember 1873 zum Tode verurtheilt wurde, kein gutes Gewissen habe. Man kann aber dieses böse Gewissen getrost auch auf das französische Volk ausdehnen, das so lange über den „Verrath" Bazaines schrie, bis die Regierung zur Beschwichtigung der öffentlichen Meinung den Marschall zur Verantwortung zog. Daß der Prozeß Bazaine vom militärischen Standpunkte aus eine Ungeheuerlichkeit war, diese Auffassung hat sich bis auf den heutigen Tag überall, außer in Frankreich, erhalten und gewinnt durch das vorliegende Buch von neuem Bestätigung. Andererseits mag es der französischen Regierung damals aus politischen Gründen nützlich erschienen sein, einen General, welcher als treuester und fähigster Diener der lästerlichen Herrschaft galt, an den Pranger zu stellen, als persönliche Sühne für das Unglück, welches die Waffen Frankreichs betroffen hatte. — Eambetta, dessen überschwengliche Plane die Capitulation von Metz rauh kreuzte, war der erste, welcher Bazaine für einen Verrüther erklärte, und freudig stimmte Frankreich der Verdammung bei, da ja auf diese Weise das Mißgeschick der Armee greifbar erklärt wurde, denn der richtige Franzose glaubt es ja so gern, daß französische Truppen unbesiegbar seien, wenn nicht — Verrath dabei im Spiele ist. Diese Legende ist seit der Schlacht von Leipzig so ziemlich fixe Idee und patriotische Ueberlieferung geworden. — Die Geschichte des Prozesses Bazaine ist auch diejenige des Krieges bis zum Falle von Metz, welche der Marschall in seiner Darstellung uns nochmals vor Augen führt. Die einleitenden Betrachtungen stellen fest, daß Bazaine schon vor 1870 dem Kriegsminister wiederholt Vorschläge wegen Verbesserungen in Bezug auf Organisation und Taktik gemacht habe, aber ckhns Erfolg. Die Mängel der Centralisation werden hervorgehoben und erklärt, daß die Macht und der Einfluß der commandirenden Generäle gleich Null gewesen sei. Daß der Krieg gegen Preußen seit 1867 beschlossene Sache war, gibt der Marschall zu; ebenso, daß nicht allein die Armee, sondern auch das Volk den Krieg herbeigewünscht habe. — Bazaine nahm im Jahre 1869 in seiner Stellung als Commandeur des 3. Armeecorps (Hauptquartier Metz) auch Veranlassung, die Aufmerksamkeit des Kriegsministers auf die Wichtigkeit der Stellung bei Frouard hinzulenken, welche in ein befestigtes Lager umzuwandeln sei, und erhielt die bezeichnende Antwort: „ljunuä norm s i Miseelleir. (Zu Nicksichts voll.) Herr Maier (die Zeitung lesend): „Du Frau, denk' Dir ! nur, der Herr Assessor Müller ist ja gestorben! Da muß ich ihm doch bei seinem Be- s gräbniß mitgehen, er war ja auch bei dem meinigen." — Frau Maier: „Was red'st Du denn da für tolles Zeug?" — Herr Mayer: „Nun ja, weißt Du, voriges Jahr starb . einmal ein Herr Maier, da meinte Müller ich sei's gewesen, und ging mit zu meiner ^ Beerdigung und da muß ich mich doch jetzt revanchiren." (Er will der Einzige sein.) John Smith, ein reicher und exentrischer Kali« fornier hat an 17 im Staate Kalifornien lebende Personen desselben Namens je 300 Dollars bezahlt, damit sie ihre Namen ändern. Wenn das in Deutschland einem Müller oder Schulze einfiele! (Ein Bedenken.) Tante: „Emilie, Du zeichnest für ein sechsjähriges Mädchen ganz wunderbar — Du mußt wirklich Malerin werden." — Emilie: „Aber Tante, können Malerinnen auch — heirathen?" (Vergüte Wegweiser.) Reisender: „Hören Sie, wo geht's denn zur Münster- kirche?" --- Soldat: „Da gehn's nur g'rad aus, und am Eck fragen Sie nach dem Schuhmacher Hofmeister, gleich daneben ist's Münster!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS ^ Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 36. 1883. »m „Äugsburger PostMimg." Samstag, 5. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, und eben überlegte Anna, ob es, da offenbar in Bodenwald kein Brief angekommen, nicht richtiger sei, den erhaltenen einstweilen zu verheimlichen, als ihre kleine Tochter in einer nur ihm verständlichen Sprache ihrem Vater erzählte, daß ein Pferd und ein Brief gekommen sei. Mit einem schnellen fragenden Blick sich an seine Gattin wendend» ergänzte diese die Worte des Kindes, und den Brief aus der Tasche ziehend, wollte sie ihn ihm reichen, doch sagte er abwehrend: „Behalte ihn bis nach dem Mittagessen, Anna, und laß uns dann erst sehen, was er enthält. Es wird die Todesanzeige meines Bruders sein, auf die wir längst vorbereitet gewesen, nur weiß ich nicht, weshalb mein Vater sie durch einen besonderen Boten hierher geschickt hat!" Die Anwesenden stimmten ihm mit plötzlich ernst gewordenen Gesichtern bei, und begaben sich dann in's Wohnzimmer» wo der Förster an den Geburtstagstisch geführt ward, und seine Enkelin ihn auf den großen Kuchen besonders aufmerksam machte. Das Kind vermittelte für den Augenblick eine heitere Stimmung und in dieser ging man zu Tisch. Allein, wenn auch den vorzüglich zubereiteten Speisen der jungen Hausfrau genügend zugesprochen ward, so lag doch auf jedem Gemüth ein düsterer Schatten, und jeder freute sich, als das Mahl beendet war, und man sich in's Wohnzimmer zurückbegeben konnte. — Hier übergab Anna ihrem Gatten den Brief seines Vaters. Er erbrach ihn sogleich und las. wie folgt: „Mein lieber Sohn! Wie Du gewiß längst erwartet, «hälft Du heute die Todesnachricht Deines ältesten Bruders, der endlich von seinem Leiden erlöst ist. Sein Verlust hat Deine Mutter und mich schwer getroffen, er war uns ein theure« Sohn und hätte einmal unseren Namen würdig vertreten. Meine Hoffnungen, diesen noch lange durch unsere Linie fortblühen zu sehen, sind seit mir der Tod in so kurze« Zeit zwei Söhne und zwei Enkel genommen, bedeutend geschwunden. Nach diesem letzten Sterbefall haben Deine Mutter und ich beschlossen, schon in nächster Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Die Leiche Deines Bruders, welche in emer hiesigen Kapelle beigesetzt worden ist, wird bis zum Tage unserer Abreise bleiben dann aber von Einfeld begleitet, direkt nach der Heimath fahren, während wir langsame« folgen. Sie wird bis zu unserer Ankunft in unserem Hause in der Stadt bleiben, dann begleiten Karl und ich sie nach Bodenwald, wo am nächsten Tage die Beisetzung stattfinden soll. Unsere Ankunft werde ich Dir und Bergmann noch näher bestimmen, theil «hm und Kohring vorläufig die Todesnachricht mit. Der öffentlichen Todesanzeigen, wegen 282 habe ich an Doktor Müller geschrieben, der auch Sorge tragen wird, daß das Haus zu unserer Aufnahme bereit ist. Im Schlosse müssen ebenfalls einige Zimmer in Stand gesetzt werden, da möglicherweise einige von Hugo's Verwandten und Freunden die Leiche geleiten, und dort übernachten werden. Nichte Dich ein, mährend meiner und Karl's Anwesenheit in Bodenwald zu sein, mir haben nach der langen Trennung Mancherlei zu besprechen. Dies wäre für heute Alles; mein letzter Brief von hier wird alles Uebrige bestimmen. Deine Mutter schickt Dir ihre Grüße, denen ich die meinigen binzufüge. Dein Vater Friedrich von Bodenwald." Dieser Brief hatte die Aufmerksamkeit der Zuhörer in so vollem Maße gefesselt, daß sie darüber Anna nicht beobachtet, die mit bleichen Wangen, ihr Kind fest an sich gedrückt im Hintergründe des Zimmers saß. Aus ihren mit Thränen gefüllten Augen waren schon zwei schwere Tropfen auf das lockige Haupt ihrer Tochter gefallen. Sich nach ihr umsehend gewahrte das ihr Gatte. Er eilte zu ihr, schloß sie und sein Kind in die Arme, und fragte bestürzt, während auch die übrigen Anwesenden hinzukamen: „Anna, was ist Dir? Weshalb Dein bleiches Gesicht und wozu diese Thränen?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „ich fürchte, eS wird eine schwere Zeit über uns hereinbrechen —" „Ueber uns?" fragte kaum seinen Ohren trauend ihr Gatte. „Wie wäre das möglich? — Der Tod meines Bruders, der im Leben mir so fern gestanden, kann doch auf uns keinen Einfluß haben?" „Er wird es dennoch", entgegnete sie langsam aber mit Nachdruck, „laß nur erst die Zeit herankommen —" „Aber, Kind, wie sprichst Du da?" fragte jetzt ihr Vater, indeß Frau Kohring die kleine Anna, welche traurig und fragend auf ihre Eltern blickte, zu beruhigen suchte, Bergmann's aber sie betroffen ansahen. Anna beschrieb, was sie beim ersten Anblick des Briefes empfunden und fuhr dann weinend fort: „Ich konnte mir nur theilweise sage», was er enthalten würde, allein ich hatte die Ueberzeugung, daß mit dem Augenblick seiner Ankunft mein Unglück beginnen werde und der Inhalt bestätigt dies!" „Aber in welcher Weise, Anna?" fragte ihr Gatte und blickte sie voll Unruhe und Besorgniß an. „Durchschaust Du denn nicht, Ludwig, was meine Liebe zu Dir und unserm Kinde schnell entdeckt? — Fällt Dir diese plötzliche Berücksichtigung Deines Vaters nicht auf, der während Deines ganzen Lebens Dir so wenig Beachtung geschenkt?" Die Anwesenden sahen sich betroffen an, sie aber fuhr fort: „Du und Dein Bruder Karl, Ihr seid jetzt seine einzigen Erben —" „Anna!" unterbrach hastig der Gutsherr. „Laß mich ausreden, Ludwig, und Du und Ihr Alle werdet und müßt mir beipflichten, und wenn nicht, werdet Ihr Euch vielleicht schon bald überzeugen, daß ich Recht gehabt! — Deine Eltern, die nie mich und unser Kind anerkannt, werden sich Dir zu nähern suchen, wozu schon der Brief den Anfang gemacht. Als ihr Sohn kannst Du Dich ihnen nicht entziehen, und wenn der geeignete Augenblick gekommen ist, —" „Anna, jetzt begreife ich, was Du sagen willst, doch sprich es nicht aus!" rief ihr Gatte, sie voll leidenschaftlicher Liebe an seine Brust schließend. „Nie, nein, nie könnte ich mich von Dir und unserm Kinde trennen, von Dir, die Du seit meiner Kindheit die Freude meines so traurigen Lebens gewesen, der Gedanke allein könnte mich rasend machen!" „Mein theurer, geliebter Ludwig", flüsterte die junge Frau, durch Thränen zu ihm aufblickend. „Anna, ich nehme in diesem Augenblick Gott zum Zeugen —" „Schwöre richt, Ludwig«, unterbrach sie ihn, sich innig an ihn schmiegend, „denn ich glaube Deinem Wort und Deiner Versicherung! — So viel aber ist gewiß, ich würde die Trennung von Dir nicht ertragen, ich glaube selbst um unseres theuren Kindes willen vermöchte ich es nicht, und bald würde dies Herz brechen, das nur Dich so unaussprech» lich geliebt!« Ihres Gatten Liebeswort, wie die ernsten Vorstellungen ihrer Eltern und Berg« mann's schienen sie nach und nach zu beruhigen und zu überzeugen, daß sie sich und si« alle mit Befürchtungen quäle, wozu nie ein Grund vorhanden sein könne und würde. Dankbar für die Bemühungen, ihr die Sorge ihres Herzens zu nehmen, versuchte sie zu lächeln, allein es gelang ihr nicht, sie brach nochmals in Thränen aus und verließ eiligst das Zimmer. Bestürzt blickten die Ihrigen und Bergmann's ihr nach und ihr Gatte wollte ihr folgen, doch hielt der Förster ihn zurück und sagte: „Laß mich gehen, Ludwig, und versuchen, ihr die krankhaften Vorstellungen auszureden, die sich nicht in ihrem Kopf und Herzen festsetzen dürfen", und das Zimmer ebenfalls verlassend, folgte er seiner Tochter. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie weinend am Fenster stand. Ihren Vater erblickend, warf sie sich an seine Brust, umklammerte ihn mit beiden Armen und schluchzt«: „Vater, ich kann mich nicht so schnell von diesen schrecklichen Gedanken losmachen, von denen ich nicht weiß, wie sie über mich gekommen sind!« „Sie sind aber eben so ungerechtfertigt wie sündlich, mein Kind, und Du kränkst Deinen guten Mann tief damit«, antwortete Kohring mit ernstem Nachdruck. „Du bist mit der Bewilligung des Landkammerraths Ludwig von Bodenwald's Frau, wirst als solche genannt und anerkannt. Euer Kind führt seinen Namen, glaubst Du, daß solche Bande sich so schnell und leicht lösen lassen, und dies dem Landkammerrath ohne Grund und Eure gegenseitige Zustimmung möglich wäre? — Nein, Kind, die bestehenden Gesetze gelten, und müssen ohne Ausrahme der Person, von Jedermann gehalten werden, waS würde wohl sonst aus der staatlichen Einrichtung, die doch die Grundlage der Ordnung und Ruhe des Landes ist?« Anna antwortete nicht sogleich, dann aber sagte sie mit unsicherer Stimme: „Du magst Recht haben, Vater, wie ihr Alle gewiß Recht habt, aber auch ich täusche mich so ganz nicht, was Euch der Brief beweisen kann. Versprich mir daher, jetzt wo wir hier allein sind, und uns nur Gott hört, daß, wenn je meine Befürchtungen dem ganzen Umfange nach eintreffen sollten-« „Anna!" Sie ließ sich nicht stören, sondern fuhr fort: „Wenn einmal das Unglück über uns hereinbrechen, und mein Kind, mein IheureS, geliebtes Kind, allein in der Welt dastehen sollte, Du es zu Dir nehmen, es nie auS Deinen Händen geben willst — —" „Falls es Dich beruhigt, will ich Dir geloben, Anna, daß, wenn einmal die Nothwendigkeit eintreten sollte, ich Dein Kind zu mir nehmen, ihm Vater und Mutter sein, und seine Rechte vertreten will«, antwortete feierlich der Förster, wohl einsehend, daß eS richtiger sei, seiner Tochter zu willfahren, als sie durch Widerspruch noch weiter aufzuregen. „Genügt Dir das?" „Ja, Vater, erwiderte Anna mit einem Seufzer der Erleichterung, und blickte gefaßter zu ihm auf. „Mag nun geschehen was da wolle, ich bin meines Kindes wegen beruhigt —« „Und nicht Deines und Ludwigs wegen, Anna?« fragte sanft der Förster, seine Hand auf das schöne Haupt seines Kindes legend, das an seiner Brust ruhet«. „Unser Glück ruht in Gottes Hand, Vater«, entgegncte leise die junge Frau» „möge er es uns zu einem gnädigen werden lassen! — Verzeihe aber, daß ich auf diese Weise Demen Geburtstag, auf den^wir uns Alle so sehr gefreut, gestört. — 284 „Nicht Du hast es gethan, sondern der Brief, der füglich bis morgen hätte ausbleiben können", antwortete im leichtere» Ton der Förster. „Sei indeß meines Geburtstages wegen unbekümmert, wir wollen ihn im nächsten Jahr um so fröhlicher begehen." „Ja, im nächsten Jahr l" wiederholte Anna langsam und mit leisem Nachdruck, hing sich an den Arm ihres Vaters, und kehrte mit ihm in's Wohnzimmer zurück. — (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Die ernste Strafe schlich der Sünde nach; sie wollte Ihr Schwert schon zieh'n da trat die Reue vor sie hin, Die Strafe wich; eh' mag die Sünde frei entflieh'n, Sprach sie, als daß mein Schwert die Reue treffen sollte. Pfe fsel. Schöner ist kein Lächeln als das, welches mit der noch nicht versiegten Thräne im Auge kämpft; höher und dauernder ist keine Sehnsucht, als die nie zu befriedigende; reiner und wahrer genießt Niemand als der freiwillig Entbehrende; und so mag und wird das Kreuz mit Rosen umschlungen E. v. Feuchtersleben. das tiefste Symbol unseres Lebens bleiben. Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Schiller. Georg Keil. Frag um den Weg nicht viel. Sonst kommst Du spät an's Ziel. Durch den Nachgeschmack des vergangenen und den Vorgeschmack des zukünftigen Leidens überfüllen wir den Kelch des Augenblickes. Jean Paul. Ja der Menschheit schönste Zierde ist ein freier, franker Mann, Der die Wahrheit, feinen Glauben, »»erschüttert sagen kann, Der der glatten, bunten Schlange Schmeichelei den Krieg erklärt, Weil sie am ErkeniitnißbaumcBlatt und Blüth' und Frucht zerstört. A. Grün. Der Vater straft sein Kind, und fühlet selbst den Streich; Die Härt' ist ein Verdienst, wo Dir das Herz ist weich. Rückert. Wohl zu besänftigen ist die Leidenschaft. Doch Ueberzeugung, Grub sie Verstand in's Gemüth, bleibt unvertilgbar der Zeit. v. Halem. Da- Panorama der Schlacht von Weißenvurg tm Elsaß. München ist um ein unvergleichliches Kunstwerk reicher. Professor Louis Braun, her Schöpfer des Panoramas der Schlacht von Sedan in Frankfurt a. M. und zahl« «sicher Schlachten» und Genre-Bilder, hat sein Rundgemälde der Schlacht von Weißenburg vollendet. Er bedurfte, um die Riesenaufgabe zu bewältigen, nur der unglaublich kurzen Frist von fünf Monaten, und hat sie in einer Weise künstlerisch gelöst, die in ihrer Art wohl einzig dasteht. Es war am 4. August 1870, als die deutsche Heeresführung die allgemeine Offensive mit dem Vormärsche der dritten Armee (1. und 2. bayerisches Armeecorps, 5. und 11. preußisches ArmeecorpS, württembergische und badische Division) unter dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen gegen die.Lauter, den damaligen Grenz-Fluß zwischen Bayern und Frankreich, begann, die bayBffche Division Bothmer als Avantgarde vorauf. Ihr war die Aufgabe gestellt, die dicht an der Grenze liegende französische Stadt Weißenburg zu nehmen, welche noch aus alter Zeit mit Graben und Wall umgeben und von dem französischen DivisionS-General Douay besetzt war. Auf den Höhen südlich der Stadt hatte derselbe ein Zeltlager aufgeschlagen und eine Abtheilung Infanterie und Artillerie (Mitrailleusen-Batterie) auf den nahen Geisberg geworfen, der mit seinem, von einer hohen Mauer umgebenen massiven Schlöffe den Schlüssel der ganze» Stellung bildete. Obwohl die Franzosen am frühen Morgen ein Detachement zur Necognoscirung über die Grenze geschickt hatten, waren sie gegen >^9 Uhr doch sorglos mit dem Abkochen beschäftigt, als die ersten bayerischen Granaten unter ihnen einschlugen. Als die Bayern unter Oberst Mühlbauer (5. Jnf.-Negt.) gegen Weißenburg vorgingen, fanden sie die Zugbrücken der drei Thore der Stadt aufgezogen und die Wällt 285 — besetzt; es entwickelte sich alsbald ein heftiges Artillerie- und Jnfanterie-Feuergefecht. Die Turkos hielten die Weinberge an den südlichen Abhängen des Wurmberges im Nord- Osten der Stadt besetzt und vertheidigten sie mit zäher Tapferkeit. Um 9 Uhr ließ der Kronprinz von Preußen das 5. und 11. preußische Armeecorps von Osten und Norden her gegen den Geisberg und die Stadt vorrücken und der Kampf ward bald ein allgemeiner, nachdem die Bayern ihrerseits im oberen Lauterthale vorgedrungen waren. Ein paar preußische Geschütze beschoßen das Landauer-Thor, ein paar bayerische folgten ihnen und thaten das Gleiche, nachdem sie dicht am Grabenrande abgeprotzt, und legten die Brückenpfeiler nieder, worauf die Zugbrücke zum Fallen gebracht wurde und die Bayern in die Stadt eindrangen und bis zum Marktplatze vordrangen, woselbst sie die Mairie besetzten. Inzwischen hatten die Preußen den Bahnhof genommen und verfolgten die sich auf die südlich von der Stadt gelegenen Höhen zurückziehenden Franzosen, wobei die erste feindliche Kanone und das Zeltlager erbeutet wurde. Gleichzeitig erstiegen die preußischen Sturmcolonnen von drei Seiten her den Geisberg und zwangen die Besatzung desselben nach hartnäckigem Kampfe, bei dem die Artillerie den Ausschlag gab, indem sie in die Umfassungsmauer des Schloßhofes Bresche legte, zur Kapitulation. Nun war auch die Stadt nicht länger mehr zu halten und streckte gegen 2 Uhr Nachmittags deren Besatzung die Waffen. Ueber 1000 unverwundete Gefangene, ein Geschütz, eine Proviant-Colonne und das gesammte Zeltlager war der Gewinn der Sieger, die ihrerseits freilich auch schwere Verluste erlitten hatten. Noch wichtiger aber war die moralische Bedeutung des Sieges, dem bald neue folgen sollten. Diesen Kampf nun um die Stadt Weißenburg und die benachbarten Höhen führt uns der Künstler in einem kolossalen Nundgemälde vor, in dessen Mitte wir auf einem erhöhten Standpunkte stehen. Und er thut das mit solcher Naturwahrheit, daß wir der Täuschung kaum inne werden. Nur die Stelle, die uns umgibt und die wir mit den Pulverdampswolken nicht vereinbaren können, welche ringsum aufsteigen, macht uns klar, daß wir nur einem Bilde gegenüberstehen. Und diese Täuschung wird durch die geistreiche Ausfüllung des ZwischenraumeS zwischen unserem Standpunkte und dem Nundgemälde mit plastischen Gegenständen, wie Weinpflanzungen, Straße, Markstein, Kornfeld, Ackerland rc. noch außerordentlich gesteigert. Mit glücklichster Berechnung hat Professor Louis Braun für seine Darstellung die Zeit um Mittag 1 Uhr gewählt: noch sind die entscheidenden Würfel nicht gefallen, noch wogt die männermordende Schlacht, noch dauert das Ringen um jeden Fuß breit Boden. Dort lacht die Nheinebene in Hellem Sonnenschein, bläulich schaut der badische Schwarzwald herüber. In der Ebene blinken die Gewehre der Preußen, auf den Abhängen des Geisberges sehen wir ihre Sturmcolonnen vordringen, weiter oben speit die Mitrailleusen-Batterie Tod und Verderben in ihre Reihen. Weiter nach rechts hin hängen schwere Regenwolken über den letzten Ausläufern der Vogesen und mit ihnen vereinigen sich die Rauchwolken, die aus der brennenden Stadt aufsteigen. Und dann ist auf einer Anhöhe jenseits des Hohlweges, in dem die alte Neichsstraße hinzieht, bayerische und preußische Artillerie aufgefahren und sendet Granate um Granate hinüber nach der Stadt und den nun auf dem Rückzüge befindlichen feindlichen Massen. Hinter den Batterien halten die bayerischen Generale mit ihrem Stab, lauter bekannte Namen, wie von Bothmer, von Hartmann, Lutz, von Maillinger, weiterhin sehen wir den Oberstkomman- dnenden Friedrich Wilhelm von Preußen mit seinem Generalstabs-Chef General von - Blumenthal, mit dem Herzog von Sachsen-Coburg und reichem Gefolge auf dem Kampf- platze erscheinen. — Aber es sind nicht blos Fürstlichkeiten und Generale, deren wohl- getroffene Bildnisse der Künstler in charakteristischer Weise auf seinem Gemälde anbrachte, unter den vierzig Porträts befinden sich die vielen Stabs- und Subalternofsiziere; 286 selbst ein wackerer Unteroffizier und «in Pferdemärter fehlen nicht, auch nicht der brave bayerische Feldgeistliche, der einem Sterbenden Trost zuspricht. Die geschichtlich« Gerechtigkeit forderte vom Künstler» daß er den Antheil, den das ö. und 11. preußische Armeecorps an der Entscheidung des Tages nahm, geeignet zum Ausdruck brachte, der Standpunkt, von dem er sein Rundgemälde aufnahm, machte es natürlich, daß er die Bayern in den Vordergrund der Aktion stellte. Und sie war für sie rühmlich genug, um diese ihre Stellung auch nach einer anderen Seite zu rechtfertigen. Das Handgemenge in dem nahen Weinberg, welchen Bayern von darin versteckten Turkos säubern, das Herausbringen von Verwundeten, das Einschlagen von Granaten, das Vorstürmen eines Bataillons von der Höhe in den Lautergrund und gegen die Stadt die Thätigkeit der Aerzte auf den Verbandplätzen, der stumme Jammer eines hochverdienten bayerischen Obersten an der Leiche seines jüngste» Sohnes —, er sollte im selben Kriege noch zwei ander« verlieren — die aus der geängsteten Stadt aufschlagende Lohe, der Kontrast einer friedlichen Natur mit dem blutige» Tagewerk der Menschen — Alles das und noch vieles Andere, dessen Ausführung hier zu weit führen würde, hat der Künstler mit einer Meisterschaft zur Anschauung gebracht die zu seinen und der Münchener Kunst Lorbeer» ein neues Blatt fügt. Der Georgiritt zu Statt». Vom herrlichsten Sonnenschein begünstigt, fand am Tage St. Georgi der alljähriz übliche Ritt zu Ehren dieses Heiligen statt. 15 Kilometer nördlich von Traunstein, an der grün rauschenden Traun, liegt die herzoglich leuchtenbergische Herrschaft Stain mit zwei Burgen und einem Schlosse. Die älteste dieser Burgen besteht aus mehreren in den Felsen gehauenen Gemächern und Gängen, stammt vermuthlich noch aus vorrömischer Zeit und in ihr hauste, der Sage nach, der fabelhafte Mädchenräuber und Raubritter Heinz von Stain. Den Berg krönt eine von hohem Wall und tiefem Graben umzogene Feste, am Fuße desselben liegt das aus neuerer Zeit stammende Schloß im Kranze der Oekonomiegebäude, Mit der Romantik uralter Geschichte wetteifert der Reiz der lieblichen Landschaft; über das anmuthige Thal hinweg schweift der Blick zu den schneebedeckten Alpen, deren Kette von der Salzach bis zum Jnn den Horizont säumt und bleibt auf der gothischen Kirche zu St. Georgen weilen. Malerisch auf einem Vorsprung des rechten Ufers gelegen, streckt sie ihren Spitzthurm gen Himmel. Hier m dieser Gegend, welche uns die bis in's achte Jahrhundert zurückreichenden Salzburger Urkunden noch dicht besiedelt von den Nachkommen der keltisch-römischen Bevölkerung zeigen, hat sich bis auf den heutigen Tag ein abgeblaßter Nest uralt feierlichen Brauches erhalten. Am Morgen des Georgitages, 24. April, versammelt sich im Schloß- hofe zu Stain die Bauerschaft der umliegenden Ortschaften. Jeder Hof stellt zwei Rosse, meistens junge Hengste, deren Rücken in der Regel keine» Sattel, sondern nur eine Decke trägt; die Reiter sind gewöhnlich der Bauer selbst und sein Sohn; in feurigem Roth leuchtende Bänder zieren Mähne und Schweif. Um 8 Uhr erfolgt der Aufbruch. Die Spitz; eröffnen Postillone in Galla-Uniform, flatternde Standarten mit den freundlichen Landessarben in der Hand, darauf folgt die Musik und nun die insgesammt auf Schimmeln reitenden Hauptpersonen des Zuges: 2 Engel, der heilige Georg, 4 Engel und der Schloß- kaplan von Stain im Chorrock. Hieran reihen sich paarweise die Bauern, in ihrer Mitte ein blauweißes Banner führend und Heuer 68 Paare zählend. Der heilige Georg, von einem ehemaligen österreichischen Grenadier dargestellt, trägt das traditionelle Costüm seiner Figur in den Landkirchen: weißseidenes Wamms und gleiche Beinkleider, beide mit reicher Nococo-Stickerei, gelbe hohe Reiterstiesel mit goldenen Sporen, einen wallenden Mantel von rother Seide und auf dem Haupte den blitzenden Helm von gelbem Metall mit dem Kreuze statt des Federbusches, in der Faust die große Fahne von weißem Atlas mit den rothen Schrägebalken des Andreaskreuzes und dem goldenen Auge Gottes auf schwarzem Atlasschilde in der Mitte. Die Engel stellen 4jährige Knaben dar, bekleidet mit weißen, bauschigen, lange» Röcken, rosafarbenen Hosen und einem grünen Kranz um die blonden Locken. Die Köpfe der Schimmel schmücken weiß-rothe Federbüsche, gesattelt sind nur jene des KaplanS und des heiligen Ritters, dieser mit dem altdeutschen Sattel: die Engel sitzen auf rothen Schabrake». In der bereits angegebenen Ordnung setzt sich der Zug unter den Fanfaren der Trompeter im Schritte in Bewegung und begibt sich auf der alten, vielleicht von den Römern erbauten Salzburger Straße nach Weisham, von da nach St. Georgen, ein ungemein malerisches Bild bietend» wie er durch das frische, glänzende Grün der Fluren die Höhe der Uferterrasse sich hinaufwindet, während im fernen Hintergründe die schimmernden Vergeshaupter emporragen. — Sobald der Zug St. Georgen naht, kommt ihm der dortige Pfarrhcrr mit dem Sanctissimum entgegen, ihn begleiten die Männer der Georgi-Bruderschaft in weißen, rothverschnürten Talaren mit rothen Schulterkrägen, Pilgerstäbe in den Händen und die fliegende rothe Kirchenfahne mit sich führend. Auf freier Straße macht der Zug Halt und unter dem Donner der Böller ertheilt ihm der Pfarrer den Segen, worauf dieser sich mit den Georgi-Brüdern an die Spitze setzt, am Eingänge des Ortes, an der Stelle einer uralten Linde beim Schul- hause stehen bleibt und den ganzen Zug an sich vorüberdefiliren läßt, indem er jeden einzelnen Reiter mit Weihwasser besprengt und dadurch Roß und Mann auf Jahresfrist gegen Schaden feit. Hieraus folgt Hochamt, Predigt und Litanei, die Reiter steigen ab, um dem Gottesdienste beizuwohnen und darauf zu Fuß heimzukehren, die Rosse aber werden von anderen Leuten sofort nach Hause geritten. Schmauß und Zechen bilden den Schluß des Festes, auch mancher Pferdehandel geht vor sich. So verläuft das Fest gegenwärtig; verschiedene charakteristische Züge, die noch Altmeister Steub schaute, kamen im Laufe der Jahrzehnte in Wegfall. — Gleich unseren Cürassiereu, die den Panzer ablegten schirmt sich auch St. Georg mit keiner ritterlichen Rüstung mehr» sein Schwert zerfiel, vom Rost zerfressen, in Trümmer und ist durch kein anderes ersetzt, an die Stelle des echten alten Helmes trat eine moderne Nachahmung. Die meiste und bedauerlichste Einbuße jedoch erlitt das Fest dadurch, daß die alte Linde nächst der Kirche in St. Georgen umgehauen wurde. Mise-ll-n. (Die Vater heirathsfähiger Töchter) werden in ihren Hoffnungen oft bitler getäuscht. Ein solcher Märtyrer schreibt dem „D. Mtgs. Bl>": „Ich besuchte mit meiner Tochter Eva in diesem Karneval mehrere Bälle, und da lernte Eva einen jungen Mann kennen, der durch ein elegantes Exterieur und tadellose, gewandte Manieren auffiel. Seine Karte enthielt nur die Worte „Friedrich Müller« — Generalsekretär. — Unter einem „Generalsekretär" stellt man sich doch Etwas vor; nun machte er mir außerdem den Eindruck eines Menschen, der vor einer ehelichen Verbindung nicht zurückschreckt; wir näherten uns, eS schien, daß er auch an mir — nicht nur an Eva — Gefallen fand, und da ich auch bei dem Mädchen ein gewisses lymphatisches Interesse zu entdecke» glaubte, war ich zu geheimen Hoffnungen berechtigt, die dem Vater eines fast 23jährigen Mädchens nicht übel gedeutet werden können. Mein Herr Müller machte Visite, er kommt ein zweites Mal und beginnt im Beisein meiner Tochter — die nur die ersten Worte hörte und dann indignirt und verlegen das Zimmer verließ: „Mein Herr, das Glück der Ihrig«!, welches Ihnen gewiß nicht gleichgiltig sein wird, sollte Sie bestimmen, einem Antrag näher zu treten, den ich Ihnen hiermit unterbreite —" Dabei griff er an seine linke Seite, aber nicht um die Gegend seines Herzens anzudeuten, sondern um ein dickes Portefeuille herauszuziehen, welches mit Schriften rc. gefüllt war — dann fuhr er fort: „Ich bin nämlich Generalsekretär der Amerikanischen Vsrsichrrungs-Gesellschaft „Ohio," unsere Bedingungen sind die coulantesten; wir versichern für Leben und Todesfall ..." — Sie können sich denken, daß ich diese Auseinandersetzungen, welche mich über den Zweck seiner Annäherung mit einem Male hinreichend belehrten, bei dem ersten Komma, welches er sich gestattete, abschnitt. — Ich begleite ihn zur Ausgangsthüre, nicht aus Höflichkeit, fanden um mich zu überzeugen, daß er wirklich gehe. O meine Illusionen!!" (Prinzeß Ludwig Ferdinand.) Aus Anlaß der Vermählung der Spanischen Jnfantin Donna Paz theilt ein Pariser Blatt die folgende wie es behauptet, völlig authentische Anekdote mit. Im April des vorigen Jahres machte die Jnfantin in Begleitung ihrer Schwester Jsabella eine Reise nach Granada. Paläste, Museen, Kirchen, die Alhambra, kurz alle Sehenswürdigkeiten der historisch merkwürdigen Stadt wurden von den beiden Prinzessinnen der Reihe nach in Augenschein genommen. Zum Schluß kamen sie in das Kolleg von Sacra Monte, wo sich eine Krypta mit den Gebeinen des heiligen Cecilo befindet. In dieser Krypta sind außerdem zwei Steine angebracht, die jeder Besucher kennt: der eine ist bekannt unter dem Namen des „Heiraths "-Steins, während der andere einen Namen führt, der das Gegentheil, also etwa „Trennungs-" „Scheidungs-"Stein bedeutet. Der Abbö, der die beiden hohen Besucherinen herumführte und ihnen als Cicerone diente, zeigte denselben auch die beiden Steine und bemerkte, daß nach der Legende ein jedes Mädchen, welches den „Heiraths"-Stein berühre, binnen Jahresfrist vermählt sein würde. Die Jnfantinnen lachten. „So berühre ihn doch!" sagte Jsabella zu Ihrer Schwester und Donna Paz berührte den Stein lächelnd. Das geschah am 3. April 1882. Genau nach Ablauf eines Jahres aber, nämlich am 2. April 1883, wurde Donna Paz in Madrid mit dein Prinzen Ludwig von Bayern vermählt. (Wie man in Schwaben zänkische Eheleute „einigte".) In oberschwäbischen Gebieten war es in der „guten alten Zeit" nicht selten, daß zänkische Ehegatten, welche ihren Nachbarn ein Aergerniß gaben, gemeinschaftlich in den Thurm gesperrt wurden. Obendrein mußten sie sich mit einem Messer, einer Gabel, einem Stuhle und was, wie die Schwaben sagen, „das Fürnahmst" war, einer Bettstelle begnügen! Das war ein probates Mittel! Gar häufig sah man Mann und Frau unmittelbar aus dem Thurm in's Wirthshaus gehen, und hörte, wie sie bei einer Flasche Wein oder einem Glase Bier die besten Vorsätze aussprache». Auch in Memmingen kam es vor zweihundert Jahren gar häufig vor, daß in argem Unfrieden mit einander lebende Ehegatten verurtheilt wurden, mit einem Löffel zu essen. Das Nathhausarchiv enthält ein Docu- ment, in dem es heißt: „^.niio 1624, den 13. Juli» hat man zwei Eheleute, so übel mit einander gelebt, in das Blockhaus gethan und mit einem Löffel essen lassen." Das war nicht dumm; „essen," so calculirten die Schwaben, „wollen und müssen die Beiden; da sie aber nur eine Gabel und ein Messer und einen Stuhl hatten, mußten sie sich vereinbaren." (Schwäbische Höflichkeit.) „Herr Präsident, i bitt' um's Wort!" — „Der Herr Schlankele hat's Wort!" — „Drum hab' i no vor ere Viertelstund' mein Dos' zum Schnupfe rumgange lasse und kann se jetzt nemme finde. I möcht' daher no die Herre bitte, daß se nachsehe sollet, ob keiner mein Dos' in sein Sack g'steckt hat, in der Meinung, er steck' se in de meinig!" (Grab schrift auf einen Zänker.) Krakehl, der große Zänker. Er ruht in diesem Grab. Lies still die Worte Wanderer, Sonst streitet er's Dir ab. (Ein Berliner Tischlermeister) bot seinem widerspenstigen Lehrburschen Ohrfeigen mit folgenden Worten an: „Wenn du weißnäßige Kröte nu nich den Ogen- blick det Maul hälft, so werfe ick dir einen Fünfdahlerschein in die Viehsionomie, deff du acht Tage daran zu wechseln haben sollst!" (Bedenkliche Aehnlichkeit.) Hören Sie mal, das Bild meiner Frau sieht scheußlich aus. — Maler: Ja, aber Sie müssen zugeben» daß es ungemein ähnlich ist. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlas des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unternaktungsvkatt zur „Angglmrger Postzeitung." Nr. 37. Samstag, 5. Mai (Abends) 1883. Des Försters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) IX. Hugo von Bodenwald's Beerdigung hatte stattgefunden, doch ward der Landkammer» rath, der mit seiner Gemahlin in der Residenz eingetroffen, durch Krankheit verhindert, daran theil zu nehmen. Das plötzliche eingetretene feuchte Herbstwetter hatte ihm einen heftigeren Gichtanfall zugezogen, und mußte der jetzige Majoratserbe bei der traurigen Feier seine Stelle vertreten. Bei dieser Veranlassung hatten sich auch die Brüde" wieder getroffen und sich fast wie zwei fremde Menschen begrüßt, doch war Karl von Boden« wald nicht entgangen, daß während der Jahre, wo er ihn nicht gesehen, das Aeußere seines Bruders sich vortheilhaft verändert hatte und er ein entschiedenes männliches Auf» treten bekommen. Ludwig dagegen hatte seinen Bruder gealtert gefunden; er war nicht mehr der fröhliche, leichtlebige Offizier, der er gewesen, das eheliche Leben und die trau« rigen Familienereigniffe hatten ihn zum gereiften Manne gemacht. Bald nach der Beerdigungsfeier hatte der junge Gutsherr vom Buchenhof sich zu seinen Eltern begeben, ein Besuch, für den auch seine Gattin gestimmt. Er hatte seinen Vater, auf dem Sopha liegend, und unfähig das Zimmer zu verlassen, gefunden; sein« Mutter, in Folge der Ortsveränderung zur ungünstigen Jahreszeit und der gehabten Aufregung ebenfalls leidend, und war von Beiden, was er indeß weder Anna, ihren Eltern noch Bergmann's mittheilte, mit besonderer Freundlichkeit empfangen, und während seines ganzen Aufenthaltes behandelt worden. Sie hatten sich eingehend nach seinem Leben auf dem Buchenhof erkundigt, und er nicht unterlassen, ihnen sein häusliches Glück wie sein« Gattin und Tochter zu schildern. Sie hatten dieser Beschreibung zugehört, mit keiner Silbe jedoch seine Frau «der sein Kind genannt, wenngleich sie mehrfach von Kohring'S und Bergmann's gesprochen. Ludwig war die Freundlichkeit seiner Eltern zwar neu, doch war sie zu natürlich, um ihn nicht wohlwollend zu berühren; er trat ihnen indeß einigermaßen gemessen gegen» über, hatte er doch zu lange das Gegentheil von ihnen erfahren, und gleichzeitig war ihm die Aufregung seiner Gattin am Geburtstag« ihres Vaters, die einen schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht, stets gegenwärtig. Als Ludwig von Bodrnwald nach zwei Tagen des Beisammenseins von seinen Eltern Abschied nahm, sagt« sein Vater: „Du mußt einsehen, Ludwig, daß ich wahrscheinlich während des ganzen Winters nicht nach Bodenwald und dem Buchenhof kommen kann, laß Dich also so bald wie mög« sich hier wieder sehen. Vergiß nicht, daß Du allein uns jetzt nahe wohnst, denn Karl darf sobald keinen längeren Urlaub wieder nehmen, auch ist seine Frau gern in der großen Stadt, wo sie noch dazu viele Verwandte hat. Mir wäre es schon recht er könnte den Militärdienst verlassen und mit seiner Familie hier in Bodenwald wohnen, doch muh «r wenigstens als Rittmeister abgehen, und damit hat «8 noch einige Jahre Zeit." 290 — Der junge Mann versprach seinen Eltern, den Besuch noch im alten Jahr zu wiederholen, nahm Abschied und kehrte nach dem Buchenhof zurück, wo er seine Gattin voll Sehnsucht seiner wartend, wußte. Zu Anfang gemährte ihm die Fahrt an dem schönen Oktobertag, der ihm die nächste Umgebung der freundlichen Residenz im Herbstkleide zeigte, Zerstreuung. Sie ward durch die Bewohner derselben belebt, die das herrliche Wetter benutzt hatten, und in Zügen aus den bewaldeten Bergen heimkehrten, die bald schon ihres buntfarbigen Schmuckes beraubt sein konnten. Nach und nach aber ward der Weg, der jetzt durch ausgedehnte Holzungen führte, einsamer, und als erst zu beiden Seiten die Berge sich erhoben und die Dämmerung eintrat, begegneten ihm nur noch einzelne Wanderer oder Fuhrwerke, und sich in die Wagenecke lehnend, begann er sich seinen Gedanken zu überlassen. Diese führten ihn nach der Stadt und zu seinen Eltern zurück; er sann über deren so auffallend verändertes Benehmen gegen ihn nach, und suchte sich ebenfalls zu erklären, wie auch seine früheren Gefühle und Empfindungen, seine Gleichgültigkeit gegen sie zu schwinden anfing, und er sich kindlicherer Regungen gegen sie bewußt ward. „ES ist das verwandle Blut —,die Gottesstimme, die jedem Menschen inne wohnt*, sagte sich endlich Ludwig von Bodenwald, „und es wäre sündlich gegen sie ankämpfen zu wollen. Allein", setzte er nach einigen Sekunden erregter hinzu, es ist auch sündlich sie zu unterdrücken, oder ihr nicht Gehör zu geben, wie meine Eltern gethan, die jetzt die Früchte davon ernten, denn hätten sie ihr jüngstes, schwächliches Kind voll Liebe und Sorgfalt erzogen, sie ständen jetzt, wo auch sie Kränklichkeit und Körperschwäche zu tragen haben, nicht so vereinsamt da!" Dann traten die Bilder der geliebten Gattin und holden kleinen Tochter vor sein geistiges Auge, und er sagte nun halblaut: „Sollte ich es nicht, wenn sich das Verhältniß zwischen mir und meinen Eltern immer herzlicher gestaltet, dahin bringen, daß sie Anna und unserem Kinde die gebührenden Rechte in der Familie einräumend — Niemand sonst versagt sie ihnen, sie selbst hören sie meine Frau und Tochter nennen, allein", unterbrach er sich mit gerunzelter Stirn, „es ist für Beide schließlich auch gleichgültig, ob sie sich sehen wollen oder nicht, ihre Rechte kann ihnen Niemand nehmen, und vor dem Gesetz stehen sie Karl's Frau und Tochter gleich! — Wie Anna sich auf meine Rückkehr freuen und mich mit unserem Kinde schon erwarten wird! — In einer halben Stunde bin ich bei ihnen, seit unserer Berheirathung sind wir noch nie so lange getrennt gewesen. Während mit diesen Gedanken und Bildern beschäftigt Ludwig von Bodenwald der Stätte seines häuslichen Glückes, dem stillen Buchenhof, zufuhr, saß seiner harrend die junge Gebieterin im bereits erleuchteten Wohnzimmer. Sie hatte am Tische Platz genommen, hielt ihre kleine Tochter, welche eifrig mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug beschäftigt war, auf dem Schooß, und das Kind schon instinktiv hütend, achtete sie für den Augenblick auf dessen Beschäftigung nicht, sondern dachte an ihren Gatten, der ihr für den Abend seine Heimkehr zugesagt. Sollte er wohl Wort halten, oder sie warten lassen und noch länger bei seinen Eltern bleiben? Anna'S Züge nahmen einen trüben Ausdruck an, und sich den traurigen Gedanken überlastend, die stets für sie mit den Eltern ihres Gatten verbunden waren, verfolgten sie wiederum die Bilder, die sie schon oft gequält, und Thränen füllten ihre Augen. Bald aber hörte sie das Rollen eines Wagens, und schnell ihre schmerzliche Erregung bekämpfend, wandte sie sich ihrer Tochter zu, die ebenfalls das Geräusch gehört haben mußte, denn sie sagte lebhaft und in freudigem Tone: „Mama, Papa kommt — Papa bringt Anna auch die große Puppe mit-* Die Kleine auf den Arm nehmend, küßte sie sie zärtlich und trat mit ihr an das noch nicht verhangene Fenster. Ja, es war ihr Gatte, jetzt bog er auf den Gutshof ein, und nach wenigen Minuten hielt er sie und seine Tochter umfaßt, begrüßte beide 291 voll Liebe und Zärtlichkeit, und führte sie in'S Zimmer zurück. Beim hellen Schein der Lampe betrachtete er mit forschendem Blick sein Weib, und da« Aug« der Liebe war scharf genug, die Schatten zu entdecken, die noch theilweise auf ihren, jetzt allerdings von Glück und Freude strahlenden Zügen führten. Sie hatte seinen Blick verstanden und entschlossen, ihn nicht zu betrüben, fragt« sie schnell: „Wie hast Du Deine Eltern gefunden, Ludwig? Sind sie so leidend, wie Bergmann sie unS beschrieben?" Zu einer Antwort kam er nicht, denn seine Tochter machte ihre Rechte geltend» und seine Hand ergreifend, forderte sie mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit und Entschiedenheit die versprochene Puppe. In diesem Momente brachte das Mädchen verschiedene Kasten und Pakete, die im Wagen Platz gehabt, und den größten der ersteren ergreifend, legte er ihn auf die ausgebreiteten Arme seines freudig jubelnden KindeS, und sagte zu seiner lächelnden Gattin: „Anna, Du wirst mit dem Inhalt besser umgehen können als ich-" Sie öffnete, während unter allen Zeichen der Ungeduld die Kleine dabeistand, die Schachtel und nahn: eine sehr schöne Puppe hervor, welche sie dieser reichte. Das freudige Staunen über den so sehr begehrten Schatz raubte dem Kinde einige Augenblicke die Sprache, dann aber ergriff sie das herrliche Spielzeug, betrachtete eS forschend, prüfte mit den kleinen Fingern die Augen, Wangen und Haare, die in der in der That an Farbe und Frische den ihrigen glichen und brach dann in lauten Jubel auS. Die glücklichen Eltern blickten voll Freude und Rührung auf das Kind, bis Ludwig von Bodenwald zu seiner Gattin sagte: „Und forderst Du nichts, Anna, das ich Dir hätte mitbringen können?" „Ich weiß im Voraus, daß Du alle meine Aufträge besorgt hast", entgegnete sie vollständig aufgeheitert. „Sie sind sämmtlich ausgerichtet, und was ich nicht mitgebracht, wird Dir geschickt werden. Aber sieh einmal, ob ich es verstanden, Deine Wünsche zu erspähen", und ein zierliches Päckchen aus der Brusttasche nehmend, legte er es in ihre Hand. „Du machst mich wirklich neugierig, was eS sein kann", entgegnete sie mit glücklichem Lächeln, und die Papierhülle, abnehmend, hielt sie ein länglich-rundes Moroquin- Etui in der Hand, auf den von zierlichen Umschlingungen eingefaßt die Buchstaben: „A. v. B." zu lesen waren. Es schnell öffnend, rief sie mit freudigem Staunen: „Ludwig!" Dieser blickte voll Zärtlichkeit auf die überraschten Züge seiner Gattin, mit denen sie jetzt die Miniaturbilder — eS war das ihrige und das feinige — betrachtete. Die Bilder waren sprechend ähnlich, sie zeigten ein schönes, jugendliches Paar, auf dessen Gesichtern der Ausdruck stillen Glücks hervortrat. „Habe ich es getroffen, Geliebte?" fragte ihr Gatte, sie zärtlich umfassend. ,O, nur zu sehr", erwiderte sie voll Liebe, ihm in die Augen blickend. Wie Ist eS nur möglich gewesen, dies in aller Stille zu vollbringen?" „Als vergangenes Frühjahr wir uns malen ließen, da sagtest Du, daß es einmal für unser Kind eine hübsche Erinnerung sein würde» die Bilder ihrer Eltern in jugendlichem Alter zu haben und ich beschloß, sie, wenn irgend möglich, im Geheimen herstellen zu lassen. Ehe der Maler unsere Portraits als vollendet aus den Händen gab, hatte er schon diese Medaillons darnach angefertigt, die er erst kürzlich zurückerhalten, da er die Fassung auswärts besorgt. Ich wollte sie auf Deinen Weihnachtstisch legen, da ich aber noch eine Menge Wünsche von Dir entdeckt-" „Ludwig!" lachte die junge Frau in der heitersten Stimmung. „Du mußt sehr vorsichtig sein, mein theures liebes Weib, wenn Du nicht am Weihnachtsabend eine ganze Ausstellung auf Deinen Tischen haben willst", entgegnete ebenfalls lachend der junge Gutsherr, „denn ich halte eS für meine Pflicht, so viel ich vermag, einen jeden Deiner Wünsch« zu erfüllen!" 2S2 Glücklich, und beruhigt in ihrem Herzen verging Anna der Abend und die nächste Zeit, die, da ein leichter Frost eingetreten, ihren Gatten oft fern von ihr in den herrlichen Waldungen hielt, wo er mit seinem Schwiegervater beschäftigt war, denn die Zeit der Holzverkäufe war für beide Güter gekommen. Einige Wochen vor Weihnachten erhielt er von seinem Vater die Aufforderung mit Kohring und Bergmann zur Stadt zu kommen, doch war er zu Anna's stiller Freude nicht im Stande, diese Fahrt zu unternehmen, denn kaum wissend wie, hatte er sich eine Erkältung zugezogen, und der stets so gefürchtet« Husten hatte sich in leichtem Grade eingestellt. (Fortsetzung folgt.) Ave Maria! Wie soll ich Dich grüßen? Ich weiß keinen Namen, So schönen, so süßen Als: Ave Maria! Ave Maria. Ave Maria! Laßt freudig mich singen, Am Morgen, am Abend Den Engelsgruß bringen Dir: Ave Maria! Ave Maria! Die ewige Liebe Hat selbst ihn ersonnen, Daß ewig er bliebe Dies: Ave Maria! Ave Maria! So sing ich auf Erden, — Im Himmel auch einsten! Ein Sänger laß werden Mich: Ave Maria! mb. Aus dem Tagebuche eines Schulgehilfeu. Von I. Mayerhofer. Das ist jetzt Jahre her: da hatt' ich als bayerischer Schulgehilfe im schönen Monat Juli und August die Ferien. Mein vorgesetzter Lehrer hatte sechs kleine Mädchen, und jedes Mädchen hatt' ein Brüderchen. — Da kam's dem Magister eben recht, daß alljährlich zwei Monate Vakanz einfielen. Da pflegten nämlich wir „Gehülfen" unsere Löffel nicht in des Lehrers Familien- Schüssel zu stecken und machten die ganze Zeit über keinen Versuch, aus dem Haufen Kraut darin ein Stückchen Fleisch herauszuangeln. Meine Collegen im Revier verflogen wie die Schwalben auf „Maria Geburt" zu Eltern heim und zu Verwandten. — Mir aber waren beide, Vater und Mutter, todt, und hatt' ich auch Verwandte, so waren die gar arm, so daß ich nicht zu ihnen gehen konnte. Da dacht' ich mir: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, — erhob mein bischen Sold, schwang frohgemuth mein Ränzlein auf die Schulter und wanderte in's offne Land hinein. Auf solcher Fahrt gelangt' ich eines Tages an das große Wasser, das der Jnn heißt, und darüber lag das schöne Oesterreich. Ehrwürdig grüßten Braunau's geschwärzte Thürme und Mauern herüber, freundlich blickte ein Kloster vom Berge nieder und mir ivar's, als schaue die Sonne viel wärmer und lieblicher auf das Land da drüben hinterm schwarz-gelben Grenzpfahl. Da faßt es mich im Herzen und ich dachte: Jetzt hast du dich durch all' das matte Bier im „Wald" und „Gäu" hindurch geplempelt, daß dir's im Magen kalt und sauer ist, — nun trinkst dich einmal auf der Wein-Seite durch alle christlich-billigen Sorten Seiner kaiserlichen Majestät durch und den ganzen Weg retour bis gen Paffau hin, auf daß dir's wieder bester wird. Und schritt über die lange Holzbrücke zwischen den „Grenzern" durch, am heiligen Johannes von Nepoinuk vorbei und durch den tiefen Thorbogen in die Stadt hinein. Darin besah ich mir das Bild des alten Bürgermeisters, dessen Bart so lang war, daß er darauf stehen konnte» und als ich ihn und die alte Pfarrkirche mit den vielen Steindenkmalen genugsam betrachtet hatte, besprengte ich mich mit Weihbronn und trat, um mich zu stärken für den Weitermarsch, in'S Hintergärtchen des „Wein-Hauses.* War das ein seliger Winkel! Wie prickelte der helle flirrende Wein auf »reiner trock'nen Zunge! Die leis bewegten Zweige der Garte.ibäume warfen ihren Schatten über mich, des Brünnleins Wasser rauschten klingend auf die Tropfstein-Mulde nieder — ja wär' meines Beutels Inhalt nicht gar so dürftig gewesen, hier hätt' ich etlich' Tage Rast gehalten. Wie schwer mir auch das Scheiden fiel, die Furcht, es möchte mir in der Stadt die Herberg' für die Nacht zu theuer sein, trieb mich wieder weiter. Ich zog den Jnn entlang, lag Nachts in einem Dorf im Heu und wanderte des andern Tages wieder zu. Ueber Nacht war schlechtes Wetter eingetreten. Die Wolken hingen tief vom Himmel nieder, ein feiner Regen rieselte sachte und schläfrig auf die Erde und erreichte den fetten Lehmboden, daß mir das Gehen sauer ward. Vor Hunger, Müdigkeit und Nässe war ich herzlich froh, als aus dem Regen- und Nebelschleier endlich wieder ein Dorf auftauchte. Und war mein erster Gang natürlich in's Wirthshaus. War aber mein Eintritt in die Wirthschaft gedrückt, und erhofft' ich mir darin nicht etwas anderes Erfreuliches zu finden als Obdach gegen das Unwetter, — so sollte bald der Schalk nur im Nacken sitzen und mir so Fröhliches adveniren, wie bis dahin nicht auf meiner ganzen Fahrt; und war ich doch in manch' einer guten Schenke gesessen bei lustsamen Menschen. Das ging also zu: Ich sprach: Grüß Gott, Herr Wirth! Darauf fragte der: Was kriag'n S'? A Bier? Ja, weun's frisch is. Als ich dies gesagt hatte, ging er ab und humpelte in dem Keller. Er ging sich nicht leicht, hatt' einen dicken Bauch, war in mittleren Jahren und trug die alte Wirths- tracht: grünes Sammtkäppchen, rothe Weste und mit zwei Reihen silberner Knöpfe besetzt, schwarze Le'oerhose, blaue Strümpfe und Bundschuh'. Dieweilen er im Keller hantirte, hing ich mein Ränzchen an den Nagel und setzte mich an den Tisch, woran nur ein einziger Gast saß. Der sah mich scharf an und fragte: G'wiß sän S' a Student? Und weil der Schelm mir in Herzen erwachte, so antwortete ich: Ja, Wo studir'n S' denn? In Wean oder z'JnnSbruck? In Boar'n drent, z'Münka drob'm. Und was studirn S' denn? Und antwortete ich stolz: ^us. Was is denn dös:? Dös is dös, wo man a'n Advokat wird» Also a Herr Advokat sind S'? Der bin ich. Mittlerweilen kam der Wirth aus dem Keller herauf gekeucht und hörte mit Erstaunen, wie mein Gesprächs-Part und die Leute an den Nachbartischen mich „Herr Advokat* titulirten. Rückte darnach in Etwas sein Sammtkäppchen und frug: Was? Üs seid schon an Advokat und seid'S noch so jung? Ja wißt's, ich bin halt früh zur Studi kemma und bin iazt a g'rad fertig wor'n. ... ""hm er das Käppchen ganz vom Kopfe und während er es zwischen den buken Händen drehte, sagte er: 294 O, Sie, Herr Advokat, ich hätt' Ihnen Eppas z' sagen. Vielleicht könnt' Ös mir da an Rath geben. Wißt's, ich hab' mit einem Nachbarsbauern Streitigkeit von -'wegen einem Joch Wiesen und da kimmt's iazta zum Klagen. Jetzt kann's gut geh'n, dacht ich. Soll ich nun wirklich den Advokaten spielen, oder soll ich mich ergeben und bekennen, daß ich nur eitel geflunkert? — Sicherer war das Letztere. Da trat des Wirthes blühend Töchterlein aus der Küche in die Gaststube, stellte sich an den Gläserkasten und warf unterm Nadeln am Strickstrumpfe vielhelle Blicke auf mich herüber, als wollt' sie mich ermuntern, ein gutes Werk zu thun. Also, auch sie hielt mich verwundert für einen, ob zwar jungen, dennoch wahrhaftigen Advokaten. Wie konnt' ich jetzt noch eingesteh'n, daß ich ein bloßer armer Schulgehilfe sei? — Du mußt die aufgenommene Rolle weiterspielen, ermuthigte ich mich und und sagte laut: Ja, mein lieber Wirth, das kann ich Euch auch nicht grade sagen, wie's mit der Wiese steht, und wem von Euch Beiden sie gehört. Da müßt' ich erst Eure Kataster sehen und müßt' auch mit dem Bauer reden können. An alter Spruch hoaßt eben: auckiatur et altsra paro, auf deutsch: die andere Partei muß auch vernommen werden. Und wenn ich recht thue und ordentlich zwischen Euch entscheiden sollt, so müht ich auch, wie g'sagt, den Bauer hören. Vielleicht geht der nicht bei, hofft' ich im Stillen. Es dauerte aber nicht lang, und Kataster und Bauer waren herbeigeholt. Der war ein langer Mann; als er zur Thüre hereintrat, mußte er den Kopf bücken; er richtete ihn aber sogleich wieder auf und überschaute die Versammelten mit dem Blicke eines Mannes, der sich selten unter ihnen sieht. Die Leute grüßten ihn fast ehrfurchtsvoll und flüsterten dann unter sich; er dankte kurz und setzte sich mit leichtem Kopfnicken an meine Seite. Der Wirth brachte für ihn ein Glas Wein und an Stelle des abgetragenen Bieres auch eines für mich. Als ich dasselbe geleert hatte, ließ mir der Bauer eines auf« setzen; dann ließ der Wirth wieder eines bringen durch sein Töchterlein, und dann machte eS der Bauer wieder nach. Dabei wurde mir bald vom Einen, bald vom Andern der Streit um die Wiese vorgetragen und ich gab bald dem Wirthe Recht in seinen Ansprüchen und bald dem Bauer, doch keinem zu viel und keinem zu weh. Nachdem ich also an die sechs Gratisschoppen in den Magen gegossen und mich auch in den Kataster — Kapadaster nannten ihn die Guten — vertieft hatte, kam ich zu dem salomonischen Schlüsse: Ja. meine lieben Leute! Im Kataster ist dieser höchst eigenthümliche Fall nicht vorgemerkt. Um daher über vorwürfige Streitsache einen richtigen Ueberblick gewinnen zu können» müßt' ich'S Grundstück selbst seh'n. DaS sagt' ich aber nur, weil mir bei dem ganzen Handel immer weniger wohl ward und ich nicht absah, wie mich draus Hinauswickeln. Die Parteien aber waren mit einer Besichtigung der Wiese sofort einverstanden und drängten sogar dazu. Bevor wir jedoch aufbrachen, mußt' ich noch auf jedes Klienten Wohl ein weiteres Glas Wein trinken, und — notn bens! — keinen „Tischwein" mehr, sondern feurig „schnalzenden". Mir ward im Kopse ziemlich schwank: seit zehn Uhr Vormittags trank ich auf Beiden Rechnung ungewohnten Wein, und jetzt war's zwei Uhr Nachmittags. Trotzdem der Regen noch immer niederrieselte, war's mir angenehm erleichternd, daß wir uns endlich aufmachten nach der eine 1/2 Stunde entfernten Wiese. Ich trug den „Kapataster" unterm Arme und ließ das unschuldige Papier zu Nutz und Frommen eines k. k. Notarschreibers weidlich durchwalken. Was kümmert« mich der Kataster? Ich dachte nur: Josephus, Josephus! wie kommst du wohl noch leidlich aus dieser Schlinge? Wir kamen an Ort und Stelle an; zweimal gingen wir um die ganze Wiese herum, langsam, sachte: mir fiel kein Ausweg ein. Ich zog die „kapadastrische" Urkunde von 295 — Schritt zu Schritt zu Rathe, umwandelte zum drittenmal die Flur und stieß mit dem Fuße an jeden Grenzstein und besah ihn, als ob, Gott weiß waSl auf ihm geschrieben steh« — und immer, immer noch kein Ausweg! Josephus, JosephuS, da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt! Schon flucht' ich heimlich allen Gratisschoppen, da firl'S mir zündend ,n die Seele, was meine Rettung sei. Ich machte plötzlich halt, legte den linken Zeigefinger über die Nase an die Stirne und sagte: Liebe Leute: Das ist der seltsamste Fall. der mir bislang in meinem ganzen Leben vorgekommen, und es nimmt mich gar nicht Wunder, daß Ihr darüber streitet und nicht in's Reine kommt. Denn er ist so verwickelt und verworren, daß alle Advokaten in der? Welt den Knoten nicht zu lösen in der Lage sind. Ich geb' Euch drum den Rath, daß Ihr die Wiese theilt, und Jeder sich die Hälfte nimmt. Fügt Euch meinem Urtheil: wenn Jhr's zum Processe treibt, so nehmen Eure Advokaten Euch nur Euer Geld ab, und mehr Geld, als die ganze Wiese werth ist. Es kriegt aber, wenn's mit rechten Dingen zugeht, keiner von Euch die ganze Wiese zugesprochen, sondern Jeder nur die Hälfte, weil eben Niemand auf Gottes Erdboden sagen und entscheiden kann, wein von Euch die ganze Wiese zugehört. Und daß das also kommen wird, das weiß ich ganz genau, dieweil ich eben erst vor wenig Wochen ausstudirt hab'. — Auf diesen Entscheid war Keiner der Guten gefaßt. Erst starrten sie mich an, dann räusperten sie sich etzliche Male, ließen den Blick über die Wiese schweifen und versanken in Trübsinnigkeit, und trüb und trist fiel dazu der Regen nieder. Endlich faßte sich der Bauer und sprach: Ich glaub', der Herr Advokat hat Recht. Wir theilen d' Wies und lassen 'S Streiten gut sein, und wenn wir von dein Geld, was uns das Prozessiren kosten that, nur einen zehnten Theil vertrinke», so ha'm wir alle drei an guten Tag, und wir zwei werden wieder gute Nachbarsleut'. Was moanst denn, Wirth? Und weilen ich ihm lächelnd zunickte und ihn solchen Entschlusses halber lobte, erheiterte sich auch des Wirthes umflorte Miene und er bot versöhnt dem Widersacher die Hand auf dem strittigen Grundstück. Dann aber kehrten wir zum „goldenen Hirschen" zurück, wo bis in's Dunkel der Nacht hinein ein fröhliches Trinken stattfand. Das halbe Dorf nahm zechend Theil an der Wiederversöhnung der zwei angesehensten Männer der Gemeinde, die lange wie Achill und Agamemnon gehadert an deren Zwiespalt ganz „Kirchdorf" in zwei Lager getrennt hatte. Bon allen Tischen klang das Lob des „g'scheidten Advokaten" mir in's Ohr, dem solches Wunder in so kurzer Frist gelungen sei. Dazu ein beständiges Klingen und Anstoßen der Gläser, und war es nur gut, daß es an vielem und gutem Essen nirgends fehlte, als: Blut- und Leberwürsten, Schwarten« magen und Kalbsbraten. Obwohl ich mich aber tapfer an diese guten Dinge hielt, war gleichwohl das Resultat des Tages dies: Wirth und Bauer waren versöhnt und ich, als deren „Advokat" war unmenschlich — betrunken« Ich trage aber gutes Verhoffen, daß der Himmel dieses Uebcrnehmen im Wein mir gnüdiglich verzeihen werde. Mich hat halt meine „Friedensstiftung" und mein gutes Werk so gar sehr überfreut. Es scheint mir übrigens, als habe sich auch der Wirth in Etwa gar zu stark der Freude hingegeben. Denn als ich nächsten Tages erst nach acht Uhr in die Gaststube herab kam, hieß es, daß er noch gut schlafe. Und war mir das zu hören lieb. Wie leicht konnte ein unbedachtes Wort, in deß Morgens Nüchternheit gesprochen, den armen Schulgehilfen verrathen l 29b Gab also noch gute Grüße an die Versöhnten auf und wandert' raschen Fußes au», dem Dorfe die Straße entlang. Gegen Mittag langte ich im hochragenden Stifte ReicherSberg an und sah im Kreuz- gang die alten Ritter auf den Steindenkmalen und im Klostergarten den sehr freundlich grüßenden Prälaten, der mit dem jungen Dechant Konrad spazieren ging. Dann zog ich wieder weiter und kam nach Schärding, wo ich mein letztes Gläschen Wein trank« Und ob der auch um vieles saurer war, weil ich den Preis dran sparte, so schmeckte er mir doch nicht minder, als der „schnalzende- in Kirchdorf, well ich nun nimmer fürchtete, daß der falsche Advokat entlarvt werden und damit mein gut gelungenes Werk in'S Wasser fallen könne. Verblieb mir aber noch immer ein Gefühl der Aengstlichkeit im Busen, und ging ich d'rum in Kurzem über die Brücke nach „Neuhaus- hinüber. Erst als ich wieder bayerischen Boden unter den Füßen spürte, war auch mein 'letztes Bangen fort, und mit dem Hut nach Oesterreich grüßend, sang ich mit lauter Stimme: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt. Himmelsschal» im Monat Mai« — >. Merkur L kommt nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel im Stier zum Vorschein und ist am besten gegen Mitte des Monats zu beobachten. Am 1. findet man ihn 4" nördlich vom Saturn. Venus y steht am 2. in Sonnenferne zwischen Fische und Widder und ist nur kurz« Zeit in der Morgendämmerung sichtbar. Mars im Sternbilde der Fische und des Widders geht Morgens 3 Uhr in Osten auf und erreicht zwischen 10 und 9 Uhr Vormittags seine größte TageShöhe. Am 4. steht er 4° südlich vom Mond, am 10. gegen 1" südlich von der Venus. Jupiter geht gegen 11 Uhr Vormittags durch den Meridian und verschwindet in den Zwillingen 11 Uhr Nachts. Am 19. passirt er die Erdbahn und steht 4" nördlich vom Mond am 9. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 8.; der zweite am 2. und 9.; der dritte am 6. und 13. Saturn H kommt mit der Sonne in Conjunktion und geht mit ihr auf und unter« Miseellen. (»Fafcht unglaublich-!) Kurz nach dem 70er Krieg bramarbasirte ein junger preußischer Offizier, welcher nach Stuttgart commandirt war im Kreise württembergischer Kameraden mit seinen Kriegsthaten. Mit unverfälschter schwäbischer Derbheit erlaubte sich hierauf ein württembergischer Marssohn die Bemerkung: „Aber Herr Kamerad» feie se net so saumäßig verloge,- woraufhin der Norddeutsche ein Pistolenduell für unumgänglich nöthig erklärte Indeß wurde der Zwist dadurch beigelegt» daß ein älterer württembergischer Kapitain den hitzigen Preußen mit den klassischen Worten: „Beruhige Se sich, Herr Kamerad, saumäßig verloge heißt soviel als wie bei Ihn« fascht un- glaublichl- (V e r sch na p pt.) Wirth (zum Weinreisenden): „Warum verkaufen Sie denn Ihren rothen Landwein theurer, als den weißen?" — Weinreisender: „Ja, glauben Sie denn, wir kriegen die Färb' geschenkt? l- (Traurige Erfahrungen.) Schulinspektor: Ich finde, daß die Mädchen dieser Classe durchwegs Besseres leisten als die Knaben« Lehrer: In der That sind hier die Knaben das schwächere Geschlecht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterstaktung8ökatt »ur „Äugsburger Postzeituilg." Rr. 38. Samstag, 12. Mai 1883 . Pfingsten. Mit ihrem Sternenglanz entflieht die Nacht. Es wehen kühl die jungen Morgenlüste, Und sie durchwollt das Meer der süßen Düste, Im Blüthenreich zum Fest des Tags erwacht. Die Sonne schwebet durch des Ausgangs Thor, In ihrem Licht erglüh'» die Tempelzinnen, Und sreud-erröthend steigt aus Nebelflor Jerusalem, die Feier zu beginnen. Durch alle Thore strömt das Volk herein, Im Festgemaiid, mit reichgesüllteu Händen, Dem Gott der Saat die Erstlingsfrncht zu spenden Von seiner Felder fröhlichem Gedeih'n. Und Alles eilt und fliegt zur Stadt hinaus. — Wie Meeresflutheii schwillt der Opsrer Menge; Sie ordnet sich — und zu Jehoven's Haus Wallt hin der Zug mit fröhlichem Gepränge. Die Priester steh'» im festlichen Talar, Vorn Volk empfangend die geweihten Brode, Und Opserthiere nah'n, bekränzt zum Tode, Das Haupt gesenkt und zitternd, dem Altar. — Die Flamme kündend wirbelt hoch der Rauch; Sie schlägt empor — das Heiligthum erglühet. Der Priester Mund entweht Grbeteshauch, Und Alles legt die Hand aus's Herz und knieet. In Freundeshaus, dem prächt'gen Tempel fern, Vom heimathlichen Volke, wie verloren, Verweilt die Schaar, die Christus sich erkoren, Einmüthiglich versammelt in dem Herrn. Verhangnißvoll umwebt sie Gottes Rath, Den Tag zu weih'n mit hohen Wunderdingen; Im Morgenglanze winkt des Meisters Saat, Auch ihre Erstlingsfrucht dem Fest zu bringen. Gedankenvolle Still' ist im Gemach, Der Jünger Geist dem Meister nachgezogen: Nur je und dann, der tiefsten Brust entflogen, Durchbebt die Luft der Sehnsucht leises Ach! — Doch schöner, denn des Mundes Rede, spricht Mit zartem und bedeutungsvollem Regen Der Sinnenden bewegtes Angesicht Voin Gottessohn und seiner Liebe Segen. Und sieh'! da zuckt aus blauer Lust ein Strahl. Des Hauses Beste bebt vom dumpfen Brausen. Es wirbelt sich empor, wie Sturmcssausen, Und blendeiid Licht erfüllt den hohen Saal. Doch von der Windsbraut hin und her durch» schnaubt . .. Muß bald der helle Wunderglanz sich theilen; Dann wird es still — und über jedem Haupt Sieht man ein Flämmcheu liebeglühend weilen. Wie von verborgner Gluten Donnerstoß Der heilige Tiberias erbebet, Und Well' aus Well' empor zum Lichte hebet, Was ewig barg der dunkelu Wasser Schooß: So bebt der Jünger Herz dem Wetterschlag Und den bedeutungsvollen Wunderzeichen, Und was in tiefer Brust noch schlummernd lag, Ringt sich empor — und alle Nächte weichen. Da sieht ihr Aug', was »och kein Auge sah, Des Menschensohiis vollkommne Gottesnähe Und fernes Planes Weite, Tief' und Höhe Und seiner Schöpfung Leben fern und nah. Hernieder strahlt auf sie des Meisters Glanz, Und sie erschau'» des eignen Geistes Würde, Das Hirtenamt, des Sieges Stcrnenkrauz Nach ihres Werkes wohlgetragner Bürde. Ihr Herz entbrennt von heißer Liebesglut, Versöhnend Erd' und Himmel zu umfangen; Eutfloh'n ist ein Kiudertraum, ihr Bangen» Die Brust erfüllt mit frohem Glaubensmuth. Und zu dem Glauben strömt auch wunderbar Von oben her die heil'ge Kraft der Zungen: Da wird das Wort vom Tröster ihnen klar, Von höhrer Andacht ihr Gemüth durchdrungen. Des Wunders Sage wälzt sich fort und sort Bis zu Jerusalems eutsernlsten Hütten, Ulid Alles staunt und kommt mit schnellen Schritten, Um selbst zu schau'» an den geweihten Ort. Das Haus, das bald ein Heer von Fragern füllt, Durchtönt der Sprachen wild verworr'nrs Rausche»; Ein Wink der Jünger» — und es ist gestillt, Und rings umher ein odemlojes Lauschen. 298 Da steht der Helden gottgeweihtec Bund Und schaut auf sein Geschlecht mit Wonnebeben, Laut schlügt die Brust — und ihr verklärtes Leben Entwallet rein dem hochberedte» Mund. Die Hörer sind erschüttert und entzückt: Ein solches Wort ist ihnen nie verkündet. Des Ew'gen Geist hat sie der Welt entrückt — Und Christi Reich ist felsenfest gegründet. Nikolaus Leonard Heilmann. Des Jörstero Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Das alte Leiden hielt bis nach dem Weihnachtsfeste an, das von den drei so eng verbundene» und befreundeten Familien auf dem Buchenhof begangen worden, und da in den ersten Wochen des neuen Jahres mildes feuchtes Wetter vorherrschend war, erklärte eines Abends der junge Gutsherr in Anwesenheit seiner Schwiegereltern, die am Nachmittag gekommen waren, am nächste» Morgen nach der Stadt zu fahren und seinen Eltern den längstversprochenen Besuch abstatten zu wollen. Anna und Kohrings stimmten ihm bei, und der Förster fügte hinzu: „Wie lange gedenkst Du zu bleiben, Ludwig? Wir könnten uns möglicherweise treffen, denn ich muß Deinen Vater sehen und sprechen —" „Ich komme aber morgen Abend bestimmt wieder", entgegnete Ludwig von Bodenwald mit einem schnellen Blick seine Gattin streifend, die indeß mit unverändertem Gesichts- ausdruck sich mit einer Handarbeit beschäftigte- „Dann werden wir uns wohl morgen Mittag sehen, und ich begleite Dich am Abend hierher! —" Kohrings brachen bald auf, und beim Weggehen bat Anna ihre Mutter, doch den nächstfolgenden Morgen zu kommen, und den Tag auf dem Buchenhof zu verleben, was diese ihr bereitwilligst zusagte. Ludwig stand am nächsten Morgen mit seiner Gattin und Tochter im Wohnzimmer und nahm, zwar. nur auf zwei Tage, Abschied von ihnen, Anna's Wangen waren bleicher als sonst, doch erwiderte sie mit ruhiger Fassung seine zärtlichen Worte, und bat ihn besonders für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Er versprach ihr dirs und fügte hinzu: „Morgen in der Dämmerung siehst Du mich wieder, Geliebte", drückte sie dann nochmals an seine Brust, nahm auch das Kind auf seine Arme, das mit lebhafter Zärtlichkeit seinen Hals umschlang, küßte es wiederho't, reichte seiner Gattin nochmals die Hand und verließ das Zimmer, doch folgte sie ihm mit der Kleinen auf den Flur hinaus. Im Begriff die Hausthür zu öffnen, kehrte er nochmals zu Beiden zurück umfaßte sie mit einer hastigen Umarmung, verließ schnell das Haus und bestieg den Wagen, der dann sogleich davon fuhr. Jn's Wohnzimmer zurückgekehrt, blickte die junge Frau, ihr Kind auf dem Arm, dem den Gutshof verlassenden Gatten nach, und als dieser ihren Augen entschwand, sank sie auf einen Stuhl und brach in Thränen aus. Die Kleine betrachtete sie erschrocken eine Weile, legte dann ihre Händchen an die Wange der Mutter, und versuchte, sie mit zärtlichen, beredte» Worten zu trösten. Gerührt von der schon so deutlich hervortretenden kindlichen Liebe ihrer kleinen Tochter, und bestürmt von den verschiedenartigsten Gedanken, küßte sie diese mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, versuchte sie zu beruhigen, denn auch sie schien dem Weinen nahe zu sei», trocknete ihre Thänen, und begann ihre gewohnten Morgenarbeiten in der großen Haushaltung vorzunehmen. Sie hatte indeß kaum das Erforderliche mit der Haushälterin geordnet, als sie einen rasch näherkommende» Wagen vernahm. Bei diesem Geräusch 299 klopfte ihr Herz hörbar, denn er konnte es sein, er konnte ein Unglück gehabt haben! — Doch nein, es war das Fuhrwerk des Verwalters von Bodenwald und bald erkannte sie auch Frau Bergmann darin. Als die Gäste ausstiegen und Mutter und Kind begrüßten, sagte Frau Bergmann zu der jungen Frau: „Anna, wenn Du mich hier behalten willst, werde ich bis Deine Mutter kommt, oder noch länger hier bleiben —" „Das ist sehr freundlich von ihnen, liebe Frau Bergmann-, entgegnete Anna lebhaft, während die Kleine dre Großmama, wie sie sie nannte, fröhlich umsprang. „Hat Ludwig Ihr Kommen veranlaßt?" „Aufrichtig gesprochen, ja, Kind, dennoch würdest Du mich auch ohne seinen Wunsch sehen, denn es taugt nicht für Dich, allein zu sein! — Du hast geweint — " „Noch nie ist mir die Trennung von ihm so schwer gefallen, und meine Angst wird nicht eher schwinden, als bis ich ihn gesund wiedersehe!" „Das ivird schon morgen Abend sein, er ist kaum einige Stunden von hier entfernt-- „Stellen Sie sich vor, Frau Bergmann, wenn ich ihn nie wiedersehen sollte!" und wie vor einer furchtbaren Erscheinung erschaudernd, blickte die junge Frau zu ihr auf. „Anna, wie kannst Du, die stets so ruhig und besonnen gedacht, jetzt Dich und uns alle mit solchen Gedanken quälen? Du kannst doch Deinen Mann nicht seinen Eltern entziehen!" „Es drängen sich mir aber immer wieder die alten Befürchtungen auf — —" „Und daß diese thöricht und grundlos sind, hast Du längst einsehen müssen! — Uebrigens habe ich vollauf Beschäftigung mitgebracht, und Du, die Du so geschickt bist, muht mir helfen. Den arnien Stcinhauerfamilien an den Brüchen gebricht es an vielem, und der Winter ist noch nicht vorüber. Ich wollte ihnen warme Kleidungsstücke geben, und Dich bitten, mir beim Einrichten derselben zu helfen, damit ich sie sogleich anfertigen lassen kann!" Ludwig von Bodenwald war mit unverkennbarer Freude von seinen Eltern empfangen worden, sie hatten alles aufgeboten, ihm den Aufenthalt im Vaterhause angenehm zu machen, was ihm nicht entgangen war, und ihn lebhaft an die Befürchtungen seiner Gattin erinnert hatte. Er setzte ihrer Freundlichkeit Vorsicht und eine leichte Zurückhaltung entgegen, die, wenn sie sie bemerkten, ihnen nur allzu gerechtfertigt erscheinen mußt«. Am Abend fand sich eine kleine Gesellschaft bei ihnen ein, von denen die meisten den jüngsten Sohn des Landkammerraths nicht kannten, ihn wenigstens selten oder lange nicht gesehen hatten. Nach der Vorstellung seines Vaters ward er von Allen, wenngleich die Familiengeschichte der Bodenwald im Lande kein Geheimniß geblieben mit besonderer Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelt, und bei eingehender Unterhaltung mit ihm konnten die alten Freunde seines Vaters nicht umhin, seine vielseitige Ausbildung anzuerkennen. Als die Gäste in einer späten Stunde auch von ihm Abschied nahmen, geschah eS mit der Aufforderung, ihnen Gelegenheit zu geben, eine Bekanntschaft fortzusetzen, die ihnen so große Freude gewährt. Als am nächsten Morgen nach dem mit seinen Eltern eingenommenen Frühstück er und sein Vater nach den neuesten Zeitungen griffen, fragte die Landkammerräthin, welche mit einer leichten Handarbeit beschäftigt war: „Ludwig, befriedigt Dich der Aufenthalt auf dem Lande — auf dem Buchenhof?" „Ob er mich befriedigt?" entgegnete verwundert ihr Sohn und fing zugleich einen Blick des Einverständnisses seiner Eltern auf. „Gewiß, Mutter, wo sollte es mir auch besser gefallen, als im Kreise meiner Familie und inmitten der mir so lieben Thätigkeit?" „Das klingt ganz gut und schön", fuhr Frau von Bodenwald fort, während ihr Gemahl anscheinend eifrig las, „und mag Dir jetzt genügen, später aber, glaub« mir, 300 thut es das nicht mehr. Du mußt auf den Umgang mit Deinesgleichen verzichten, und hast dafür den täglichen Verkehr mit Knechten und Tagelöhnern —" Der junge Mann blickte ruhig auf seine Mutter und antwortete in entschiedenem und ernstem Ton: „Einem solchen Verkehr kann sich kein Landwirth entziehen, und sind sämmtliche Leute auf dem Buchenhof brave, rechtliche Menschen. Den weiteren Umgang mit Meinesgleichen muß ich augenblicklich meiner Gesundheit wegen meiden, im Hause aber bei meiner Frau und Tochter —" „Deiner Frau und Tochter", wiederholte jetzt langsam der Landkammerrath, „ja, dieser wegen wollten wir schon lange mit Dir reden, und ist augenblicklich dazu die geeignetste Zeit —" „Was könnte das sein?" fragte in gemessenem Ton der junge Mann, und blickte ernst, fast streng auf seine Eltern, denn seiner Gattin Sorge und Befürchtungen traten vor seine Seele. „Ludwig, verkenne uns nicht in dnn, was ich jetzt sagen werde und sagen muß, seit wir Dich als Mann kennen gelernt", fuhr in überredendem Ton sein Vater fort, während Ludwigs Erregung mit jedem Augenblick zunahm, wenngleich er entschlossen war, seinen Eltern ruhig zuzuhören. „Als Du vor einigen Jahren Anna Kohring heirathen wolltest, habe ich allerdings meine Zustimmung dazu gegeben, allein dies seitdem tausendmal bereut „Ich hätte Anna auch ohne Deine Zustimmung geheirathet, Vater", unterbrach der junge Mann mit einem festen entschiedenen Blick. Der Landkammerrath sah diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, daß sein Sohn die Wahrheit gesprochen. Dieser fuhr fort: „Doch wollten Kohrings ihrer noch damals unmündigen Tochter nicht ihre Einwilligung geben!". „Daran erkenne ich ihre Anhänglichkeit und Treue an uns — —" „Lassen wir das, Vater, und sage mir, weshalb Du bereut, daß Anna meine Frau geworden, und ich, der ich seit meiner Kindheit in meiner Familie weder Glück noch Freude gekannt, ein glücklicher Mann, Gatte und Vater geworden bin?" Seine Eltern sahen sich betroffen an, die Mahnung an ihre beiderseitige Schuld reizte aber den Landkammerrath, der so lange seine Ruhe bewahrt, und mit lauterer Stimme, als er bisher gesprochen, antwortete: „Solltest Du, ein Bodenwald, das nicht einsehen?" „Nein!" „Nun, so muß ich Dich daran erinnern, daß seit Hugo's und seiner beiden Söhne Tod Du und Karl die einzigen Erben unseres Namens seid, Karl hat noch keinen Sohn —" „Es können deren noch hinreichend aus seiner Ehe erwachsen, um unsern alten Namen fortzupflanzen, wie auch meine Frau mich noch mit mehreren Söhnen beschenken kann —" „Du meinst doch nicht etwa Anna Kohring?" fragte seine Mutter in geringschätzendem Ton. „Gewiß, Mutter, denn meines Wissens nach, besitze ich nur eine Frau!" erwiderte ihr Sohn, seine funkelnden Augen auf sie richtend. „Die Söhne aus Deiner jetzigen Ehe könnten unsern alten Namen nicht fortpflanzen -" „Sie ist eine gesetzliche-" „Die Du jedoch aufgeben mußt!" fuhr der Landkammerrath heftig auf. „Ich will für die Försterstochter und ihr Kind hinreichend sorgen; sie kann in einer andern Gegend oder in einem anderen Lande-" „Vater, was wagst Du mir zu sagen?" entgegnete sein Sohn. „Ich wiederhole Dir, daß es mein fester Wille ist! — Ich werde die nöthigen Schritte, Deine Ehe zu lösen, thun, und mit meinem Einfluß-" In maßlosem Erstaunen hörte Ludwig seinem Vater zu. Sein Blick begann heftig zu rollen, und er fühlte das laute Pochen seiner Schläfe und seines Herzens. Von seinem Arzt vor jeder heftigen Aufregung gewarnt, suchte er sich zu beherrschen und schwieg einen Moment. Sein Vater aber, der seinen jüngsten Sohn nicht kannte, glaubte, daß wie immer, sein Wille gesiezt habe, und fuhr in erhobenem, befehlendem Tone fort: „Du wirst für den Augenblick nicht nach dem Buchenhof zurückkehre», den Berg mann bis auf Weiteres vermalten kann. Unterdcß wende ich mich an das Konsistorium." „Vater", rief jetzt der Sohn, dessen Vernunft seine Aufregung und seinen Zorn nicht mehr zu beherrschen vermochte, unterlaß alle Deine Bemühungen, denn ich, ein Bodenmald erkläre, ja, schwöre Dir — —" „Schwöre nicht!" riefen einstimmig seine Eltern, und sein Vater fügte hinzu: „Denn Du wirst Deinen Schwur nicht halten können —" „Ich werde ihn dennoch halten und schwöre, daß nur mit meinem Leben ich mich von meinem Weibe und Kinde trennen werde!" „Entarteter Bube! man sieht, daß Du nicht in meiner Zucht erwachsen bist!" rief außer sich vor Wuth sein Vater aus. Diese Worte aber raubten Ludwig alle Besinnung. Er sprang von seinem Sessel auf, und was geschehen wäre, ist schwer zu sagen. Im nächsten Moment aber stieß seine Mutter einen lauten Schrei aus, denn ein rother Strahl stürzte aus seinem Munde und kraftlos erbleichend, stützte er sich gegen den Tisch. In diesem Augenblick ward die Thür aufgerissen, Förster Kohring trat in's Zimmer, und den schon fast bewußtlosen jungen Mann in seinen Armen auffangend, trug er ihn auf das nahe Sopha. (Fortsetzung folgt.) Was uns der Mai und das Pfingstfeft erzählen. Der Mai war gekommen — ja: „Er war gekommen In Sturm und Regen!" aber nun war er da! Mai, Mail — Wie wiegt doch diese kurze Silbe ein ganzes, langes Gedicht auf! -- Die Maiensehnsucht ist wie das Heimweh, und welcher Mensch möchte oder könnte dieses Sehnens entbehren? Wohl hat jede Jahreszeit, jeder Monat eigemthümliche Reize, der Mai aber ist der Freund aller Menschen, er pocht an unsere Thüren, an unsere Herzen, ein Schritt hinaus aus dem dumpfigen Treiben der Städte, und aufathmet der Mensch wie verjüngt, wie neugeboren. — Die kleinen Blattspitzen lugen so naseweis hervor, wie verhätschelte Kinder, die uns so lange necken, bis wir selber heiter iverden, die Blüthen kommen heraus, — ein Jahr nach dem andern, und doch jedes Jahr neue Zaubergewalt übend auf das arme Menschenherz. — Der Mensch müßte sehr unglücklich oder sehr elend sein, der keine Freude mehr haben könnte an dem lieblichen Schmuck des sich entwickelnden Jahres, — o Maienzeit, du Brautzeit des Jahres! — Ab streifen wir den Winter, die Frühjahrssonne macht ihr liebfreundlichstes Gesicht, und im Zwitschern jedes Vogels, im Pfeifen jedes Bahnzugs liegt für den Menschen mit seiner Zugvogelnatur eine eindringliche Mahnung: „Hinaus! Hinaus!" und den jubelnden Lockruf: „Wunderseliger Mensch, welcher der Stadt entfloh!" Auch des MaimonatS alljährliche Attribute halte» den feierlichen Ein- und Umzug ein wie alle Mal: der Maitrank und die Maiblumen und die Maikäfer, und nun naht des Maies Krone'und des Sommers Herold sich: Pfingsten, das liebliche Fest der Freuds! Seine Boten hat es längst geschickt, den Weg ihm zu bereiten: die Schwalben, von denen ein alter Spruch sagt: „An Maria Verkündigung Kommen die Schalben wiederum", und das heilige Osterfest mit seiner hohen Festeszeit und seiner schönen Weihe, und dann steckte der Winter noch einmal seinen weißen Kopf zur Thür hinein, und lächelte gar grimmig und schadenfroh und schüttelte den weißen Pelz, daß nur so die Flocken flogen. „Freut Euch nur nicht zu früh!" brummte er, „denn ich bin auch noch da! Mit dein grünen Anstrich da, dem Firlefanz, eilt's nicht so sehr — ich bin ein treuerer Gesell — mich werdet Ihr nicht so leicht los!" Aber die Kinder Alle — die großen wie die kleinen — schlugen ihm ein Schnippchen und sangen ihm ein Trutz- und Spotrlied: „Winter lauf', Winter lauf' Deinen weißen Pelz verkauf'! Frühling kommt mit Sonnenschein, Frühling will zur Thür hinein, Schwülbcben singt schon seine Lieder, Ließ im Nest sich häuslich nieder, Winter, Winter, lauf', lauf'! — Winter lauf', Winter laus', Schon sind alle Thüre» auf, Frühling streut sein frisches Grün, Blaue Beilchen auch schon blüh'u, Schneeglöckchen gar munter klingen, Frühling, Frühling, hör' ich's singen, Witter, Winter, lauf', laus'! — Winter lauf', Winter laus', Deinen Bart von Eis zerraus', Sonst schmilzt ihn der Sonne Glut, Sonne ist Dir gar nicht gut. Fort mit Dir, Herr Wintersmann, Niemand Dich mehr brauchen kann! Winter, Winter, laus', lauf'!" — Und auf den wetterwendischen» launenhaften April, der uns so oft zum Besten hat, und in den April schickt, folgt nun der vielliebe, wunderschöne Monat Mai mit all' seiner reichen Knospenpracht und Blüthenfülle wie sehnsüchtig herbeigewünscht und herbeigerufen: „Komm, lieber Mai, Komm, mach' uns frei, Jage den Winter hinaus, Mache die Bäume grün, Laß bunte Blumen blüh'u, Komm, lieber Mai, Schnell komm herbei!" — Und so war er denn gekommen, und mit ihm der Tag vor Christi Himmelfahrt, und endlich auch der letzte Sonntag vor dem heiligen Pfingstfest, und alle Glocken läuteten recht hell und freudig durch die maienfrische Luft. „Könnt' ich in dem Zimmer bleiben, Wenn das Volk zur Kirche wallt? Könnt' ich Alltagswerke treiben, Wenn der Glockenruf erschallt?" — Ja, und doch trieb er Alltagswrrke, der fleißige Mann dort, der in seinem Gärtchrn hinter dem Hause, behaglich sein Pfeifchen rauchend, sich mit seinem Steckenpferd, der Blumenpflege, beschäftigte, eine Arbeit, wie er sie in seinen Musestunden besonders gerne zu verrrichten pflegte. Heute trug er zum ersten Male seine Topfgewächse wieder in'3 Freie, stellte sie dort auf, begoß sie, deckte seine selteneren Rosenarten ab, band sie in die Höhe, beschnitt und stutzte Alles, und pflanzte einige zartere Gewächse in die Erde, mit denen er sich zuvor noch nicht herausgewagt hatte. Indessen läuteten die Glocken in die Kirche zum Tag des Herrn, und seine Frau trat zu ihm hin im Festtagskleide, das Gebetbuch in der Hand, bereit in die Kirche zu gehen; sie sah ihn fragend an, — er aber schüttelte den Kopf. „Laß nur", sprach er. „Gott ist ja überall — man braucht ihn also nicht nur in der Kirche aufzusuchen. Hier in seiner freien Natur ist er auch zu finden!" Der Mann meinte es nicht böse, aber der Frau gab's einen Stich durch'S Herz. „Aber, Martin, heut' am heil'gen Sonntag, am Sonntag vor dem Pfingstfest» wo Du ohnehin den Ausflug in's Gebirge machen willst, also wieder Predigt und Amt versäumst I —" 303 „Geh', Frau!" sprach Martin, „das verstehst Du nicht! Es kann Eins ein braver Mensch sein, und unsern Herrgott und Heiland im Herzen tragen, auch wenn er einmal nicht mit in die Kirche geht." Und die Frau ging, sie gmg allem, wie öfter, sie seufzte aber leise vor sich hin. Ihr Martin war gewiß ein braver, arbeitsamer Mann, — daß er aber am Tag des Herrn Aütagswerke trieb, und deshalb nicht mit ihr in die Kirche ging, das war doch eine rechte Sünde! — Und so ging sie dann allein, und betete so recht von Herzen für den Daheimgebliebenen, und daß die heilige Mutter Gottes, die holde Maienkönigin, sein Herz doch noch wenden und behüten möge, damit Gott ihn nicht strafe, um seiner Sünde willen. Wie sie dann von ihren Knieen sich erhob und heimging, fühlte sie sich wundersam getröstet, ja, und es müsse etwas Wunderbares sich ereignen, um das Herz des sonst so braven Mannes zu erweichen und die Augen ihm zu öffnen. — Das Fest des heilige» Geistes, das liebliche Freudenfest, es war ja nahe, — wer weiß, ob nicht da auch der Tröster für sie kommen, und ein Strahl des ewigen Lichtes auch für ihren Martin leuchten wird!" — Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen, mit seinen grünen Maienzweigen und Maibäumen, seinen Pfingströslein und seiner hellen Maienfreude: „Pfingsten ist gekommen, Gold'ne Blüthenzeit! Rings in Glanz verschwommen Liegt die Erde weil! Nun mit Maien kränzt Euch, Schmücket und beglünzt Euch, Singt und feiert auf das Best' Frühling's Maienfest! Pfingsten ist gekommen, Grün bergauf bergab, Nun zur Hand genommen Hut und Wanderstab!" — Ja, es wur so recht ein schöner, sonnenheller, frischer Maientag, als Martin am Pfingstsonntags.norgen zu Hut und Wanderstab auch greifen wollte, um hinaus in die Berge zu wandern, als die Festtagsglocken in die Kirche riefen; — zuvor aber trat er noch in den Garten hinaus, um wie tagtäglich, nach seinen Lieblingen zu sehen, weil Nachts ein starker Reif gefallen war. Doch erschreckt fuhr er zurück! Was sah er dort! Ein einziger Frost hatte all' sein „Alltagswerk", das er am Tag des Herrn so oft getrieben, zerstört — die zartesten Gewächse waren ganr vernichtet, Anderes arg verwüstet, ein trauriger Anblick, der ihm tief in's Herz schnitt. Und hinter ihm stand seine Frau, — sie faltete die Hände und sprach kein Wort und sah ihn stumm nur an, aber er verstand den Blick, und ivußte, daß es der Finger Gottes war- der ihn berührt, — sanft zwar nur, aber doch berührt hatte. — „Sei froh, laß uns Beide froh sein", sprach tröstend nun sein gutes Weib, „daß es nur Blätter und Knospen sind, welche des Herrn Hand getroffen. So hat Gott Dich warnen wollen, Martin!" Er sagte Nichts, der Wink war ihm in's Herz gefahren, und er legte Hut und Wanderstab ganz stille von sich, und vertauschte schweigend seinen Äanderanzug mit dem Festtagsrocke, und als alle Kirchenglocken das Fest des heiligen Geistes läuteten und zum Haus des Herrn riefen, schritt, auch Martin an der Seite seines Weibes still und demüthig zur Kirche hin, das heilige Pfingstfest dort zu begehen, und Gott herzinniglich zu danken, daß er ihn so gnädiglich gestraft. — So war auch ihm der heilige Geist gekommen, denn fortan hat Martin msmals mehr bei einem sonntäglichen Kirchgänge gefehlt, weil er kein Alltagswerk mehr trieb am Tag des Herrn, und die Frau fühlte es mit tiefer Dankbarkeit, daß Maria geholfen hatte; und die Psingstmaien, die draußen grünten und die Pfingstrosen- die draußen blühten, erglühten auch lebendig in Beider Herzen, und Frühling war's allüberall ge- 804 worden, zur Maien-, zur heiligen Pfingstzeit, wenn auch etliche Blüthen und Knospen dem warnenden Reif zum Opfer fielen. — Und Alles jubelte dem Freudenfeste zu, dem Fest der Rosen und des Maien! — »An ihren bunten Liedern klettert i Da sind, soweit die Blicke gleiten, Die Lerche selig in die Lust, I Altäre schlich ausgebaut; Ein Jubclchor von Sängern schmettert > Und all' die tausend Herzen läuten Im Walde voller Blüth' und Dust. > Zur Liebesscier dringend laut. Der Lenz hat Rosen angezündet, An Lichtern von Smaragd im Don: Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom." — Llara Leiekner. Mis-sH-ir. (Ein gutes Geschäft.) Zwei Wallachen treten in einen Trödlerladen« —- „Guten Morgen!" sagt der eine; „ich brauche fünf Gulden, leihe mir sie und ich will Dir fünf Gulden Interessen zahlen, überdies meinen Rock hier zum Pfande lassen. Jst's gefällig?" — Der Trödler besinnt sich ein wenig, endlich antwortet er, indem er eine Fünfguldennote aus der Tasche zieht: „Gut, Bojar, Du sollst Dein Verlangen haben, ziehe Deinen Rock aus." Der Bojar thut es; der Trödler ninimt den Rock. „Sieh," fängt nun dieser an, „ich borge Dir aus diesen Rock fünf Gulden für eben so viel Gulden Interessen. Da es nun Sitte ist, die Interessen gleich abzuziehen, so behalte ich die fünf Gulden und den Rock und Du schuldest mir noch fünf Gulden, worüber Du mir einen Wechsel ausstellen wirst." — Verblüfft schaut der Wallache drein und sich an seinen Begleiter wendend, sagt er: „Jetzt habe ich keinen Rock, kein Geld und der Kerl hat doch Recht." > (Der Bedarf einer Weltdame.) Ein Pariser Blatt richtete vorige Woche an seine Leserinnen die Interpellation, wieviel eine anständige elegante Pariserin für ihre Toilette braucht. Hier die erste Antwort, die der Zeitung aus honetten Kreisen zukommt. Die Einsenderin setzt das Vorhandensein eines vollständigen Toilettenfonds an Kleidern und Schmucksachen voraus. Unter diesem Vorbehalte braucht die zur „großen Welt" gehörende Pariserin für Schneiderin 12,000 Fr., Putzmacherin 3000 Fr., Leibwäsche 4000 Fr., Schuhmacher 1500 Fr., Handschuhe, Strümpfe, Bänder, Cravatten und sonstige Kleinigkeiten 6000 Fr., Alltagsspitzen 3000 Fr«, Parfümerien und Coiffeur 4600 Fr., Regen- und Sonnenschirme 500 Fr. Zu diesem Total von 34,500 Franks kommen noch ungefähr 600 Fr. monatlich für Wäscherei, Fr. 300 monatlich für Putz und Färbung von Seide, Strümpfe rc. und 200 Fr. monatlich für Reparaturen, im Ganzen also 47,700 Fr. (Die trauernde Wittwe.) Eine Dame, die vor drei Tagen ihren geliebten Gatten verloren, kommt weinend und jammernd zu ihrer Mutter. „O, Mutter," ruft sie, die Augen verzweifelnd zum Himmel aufschlagend, „mein halbes Leben gäbe ich dasür, wenn ich die nächsten acht Tage erst hinter mir hätte!" — „Aber warum denn, mein Kind?" — Die trauernde Wittwe sieht thränenden Auges auf das Bild des verstorbenen Gatten und antwortete wehmüthig: „Weil ich dann — nicht mehr daran denke!" (Mißverständniß.) Der Landesherr besuchte einen Ort, in dem eine große Feuersbrunst stattgefunden hatte, und sagte zu dem ihn begrüßenden Ortsvorstand: „Ich habe mit Bedauern gehört, daß Sie kürzlich einen größeren Brand gehabt haben." Derselbe erwiderte unter dem Drucke eines schlechten Gewissens: „Ew. Durchlaucht, es war nicht schlimm, wir waren nur etwas zu lustig." (Schnell gefaßt.) Madame: „Wie kannst Du Dich unterstehen in der Küche zu lesen?" — Köchin: „Aber, Madame, da steht es ja d'rauf, Unterhaltungen am häuslichen Heerd. Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unter^aktungsökatl jm ^Äugsburger Postzeituug.- Nr. 39. Mittwoch, 16 . Mai L883. Des Uörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Förster hatte vor der Thür das laute Gespräch vernommen, welches theil« weise auch der alte Diener erlauscht, und mit einem Blick das furchtbare Unglück übersehend, sah er zugleich, daß er hier handeln mußte, denn der Landkammerrath wie seine Gattin schienen aller Thatkraft beraubt. Heftig an der Klingel ziehend, befahl er den hereinstürzenden Dienern, Aerzte z» holen und kaltes Wasser zu bringen. Die aufregende Scene aber und der schreckliche Anblick waren zu viel für die Nerven der Landkammerräthin gewesen, und ihr Gatte sah, daß sie in ihren Sessel bewußtlos zurücksank. Kaum im Stande sich zu erheben, verließ er jedoch seinen Platz, um ihr Beistand zu leisten und Hülfe herbei zu rufen, was er auch mit lauter Stimme, und laut klingelnd that. Dieses Letzteren wegen warf ihm der Förster einen vernichtenden Blick zu, und sagte mit unterdrücktem Ton: „Schweigen Sie, Herr Landkammerrath, die Leute werden sogleich kommen. Ihre Frau lebt und wird sich bald erholen, ich habe es hier mit einem Sterbenden zu thun. Stören Sie dessen letzte Augenblicke nicht I" „Jetzt trat die Kammerfrau mit mehreren Mädchen herein, die dem Förster Hülfe leisteten, und auch Frau von Bodenwald in das anliegende Zimmer brachten, und ihrer Ohnmacht zu entreißen versuchten. Die Bemühungen des Försters und des alten Ein- feld waren vergebens; Ludwig von Bodenwald schlug die Augen nicht auf, und kaum vermochten sie ihm etwas kaltes Wasser einzuflößen, sie konnten nur theilweise das Blut beseitigen, das über ihn herabgeflossen war. Bald erschien der erste Arzt, der anzutreffen gewesen, und auf den Fall vorbereitet, wandte er die mitgebrachten Mittel an, das nur noch langsam fließende Blut zu stillen. Noch damit beschäftigt, langte auch der Medizinalrath an, und beide Männer boten ihre Kunst und ihr Wissen auf, das schnell schwindende Leben des Erkrankten zu erhalten, und seine Kräfte zu beleben. Durch die heftige Aufregung war eines der wichtigsten Blutgefäße der Lunge gesprungen, und ahnungslos für ihn und unmerkbar für seine Umgebung war bereits sein Tod erfolgt. Der Förster war nicht von der Seite seines Schwiegersohnes gewichen, und als die Aerzte nochmals seine Pulse und den Herzschlag untersucht, und den Tod des dritten Sohnes des Landkammerraths bestätigt hatten, trat dieser ein, um sich, nachdem seine Gemahlin die Besinnung wieder erlangt, nach seinem Sohn zu erkundigen. Der Medizinalrath theilte ihm die Todesnachricht mit, bei der er wankte und in sein Zimmer geführt werden mußte, ohne, wie Kohring bemerkt, einen Blick auf die Leiche seines Sohnes geworfen zu haben, deren Züge noch die letzte heftige und zornige Erregung zeigten, die dem jungen Mann so verhängnißvoll geworden. In tiefem Schmerz neigte sich der Förster über diesen und küßte seine schon erkaltende Stirn, auf die zwei schwere Thränen 306 aus seinen männlichen Augen Herabsielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ;u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafe in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Cinfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gafthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Bries und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn den: Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Stsinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Eesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt waren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit ei»em schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — 307 Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihr« Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ei» Traum geängstigt —" zO, ein schrecklicher, furchtbarer TraumI — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — ach! es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu veruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefaltet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie in» Hause wie aus dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete, was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah, und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Bodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und erzählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen- hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dein Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna ein Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigend 306 aus seinen männlichen Augen herabfielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ,u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafs in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Einfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gasthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Brief und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn deni Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Steinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Gesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt ivaren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit einem schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihre Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ein Traum geängstigt —" -O, ein schrecklicher, furchtbarer Traum! — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — acht es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu beruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefallet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie im Hause wie auf dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete» was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah» und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Vodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und er-, zählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen-' hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dem Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna em Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigen.' 308 Sie selbst nahm indeß mit ihrer Enkelin am Fenster Platz und erzählte ihr die Geschichten, welche schon das Herz ihrer Mutter in deren Kindheit entzückt und erfreut. So ging der kurze Wintertag zu Ende; in der vergangenen Nacht hatte ein leichter Schneefall stattgefunden, und dabei sich Frost eingestellt, so daß die letzten Strahlen der untergehenden Sonne' auf eine schöne Winterlandschaft fielen, die zwar die schneebedeckten Bäume des Waldes begrenzten, deren jetzt vom Abendroth rosig gefärbte Gipfel einen wunderbar herrlichen Anblick gewährten. Der wechselnde Mond, welcher während des ganzen Tages am Himmel sichtbar gestanden, leuchtete in das Zimmer hinein, in dem Großmutter und Enkelin saßen, und eben wollte Erstere der bisher so aufmerksamen Kleinen auch von ihm erzählen, als diese sie ungeduldig unterbrach und nach ihrem Vater fragte. ' Jetzt trat Frau Bergmann ein, und da sie die Frage noch lauter wiederholte, ermähnte sie es, ruhig zu sein, um nicht die noch schlafende Mutter zu wecken. Diese erschien indeß bald; ihre Tochter lief ihr entgegen und fragte sie auch in weinerlichem Ton nach dem Vater. Sie auf' den Arm nehmend erwiderte Anna unter zärtlichen Liebkosungen, doch mit merklich erregter Stimme: „Papa wird sogleich kommen, mein Herzchen, Du kannst vielleicht schon seinen und Großpapa's Wagen hören. Wir wollen den Kaffee bereiten und die Lampen anzünden, damit sie schon aus der Ferne sehen, daß wir sie erwarten!" Das behagliche Wohngemach, in dessen Ofen ein Helles Holzfeuer brannte, war bald erhellt, auf dem sauber gedeckten, einladenden Kaffeetisch kochte die dampfende Maschine, während Anna den aromatischen Trank bereitete und sich dabei mit ihrer Mutter, Frau Bergmann und ihrer kleinen ungeduldigen Tochter unterhielt. Ersteren entging es nicht, daß sie in hastiger Erregung und nicht in der freudigen Stimmung war, in der eine glückliche junge Frau den geliebten Gatten, wenn auch nach nur kurzer Trennung erwartet. Sie schrieben dies stillschweigend dem noch nachhaltenden ! Einfluß des häßlichen Traumes zu, dem indeß die Rückkehr des Gatten den Stachel am wirksamsten nehmen konnte. Nach einer Weile trat sie an's Fenster und blickte auf die schneebedeckte Landstraße hinab, auf welcher der Mondschein jeden Gegenstand erkennen ließ, doch war dort noch kein Wagen zu entdecken. Auf deni Gutshof bewegten sich Knechte und Mägde, welche in den Scheunen und Ställen ihre Arbeit verrichteten, und deren munteres Lachen und Sprechen nach dem Hause hinübertönte. Jetzt sah sie eine stattliche Männergestalt mit raschen Schritten den Gutshof betreten; es war unverkennbar der Verwalter Bergmann, ^ der mit einigen der ihm begegnenden Leuten sprach, und dann langsam der Landstraße j zuging. Sie theilte dies den sie fast ängstlich beobachtenden Frauen mit und fügte hinzu: „Weshalb mag er nicht zu uns gekommen sein, da doch Ludwig und der Vater ) jeden Augenblick hier sein muffen? — Uebrigens kehrt er wieder um — —" Wirklich war dieser, der von Allen so sehnlich erwartet war, hörbar, und bald war er auch nahe genug, um ihn zu erkenne» und Frau Kohring, die an's Fenster getreten, sah, daß der Fußgänger, der am Thor stand, ihn aushielt und mit dem Jnsaßen sprach, worauf er von diesem gefolgt, dem Hause zufuhr. Anna trat jetzt mit freudestrahlendem Gesicht vom Fenster zurück; der Traum war offenbar vergessen, und ihr Kind auf den Arm nehmend eilte sie mit den Worten: „Anna, Papa kommt!" auf den Flur hinaus. Die Kleine jubelte laut und klatschte in die Hände, als sie den Wagen erblickte, der sogleich halten mußte und hielt. Der Förster stieg aus, in ihrer Aufregung sah sie nicht, daß es ein fremdes Fuhrwerk war, und einen Schritt näherntretend rief sie tödt- lich erbleichend: „Ludwig — Vater, — wo — wo ist Ludwig?" Die Frauen, die ihr gefolgt, blickten fragend und besorgt auf den Förster und 309 Bergmann, der eben eingetreten war. Aus Beider Zügen sprach die tiefste Trauer, und Ersterer erwiderte seiner Tochter: „Ludwig ist diesen Morgen plötzlich erkrankt, Anna, und kommt heute nicht-" „Vater, Du sprichst nicht die Wahrheit, er ist todt — todt!" und einen gellenden Schrei ausstoßend, wankte sie und sank bewußtlos in die Arme ihres Vaters, während ihre Mutter das ihren Händen entgleitende, ebenfalls schreiende Kind erfaßte. — Kohring trug sie in ihr Schlafzimmer auf's Bett, wo sogleich Frau Bergmann mit den vorhandenen Mitteln erschien, um sie der Ohnmacht zu entreißen. Als sie und Frau Kohring diese anwandten, hielt der Förster seine plötzlich verstummte Enkelin auf dem Arm, die seinen Hals fest umklammert- hatte, und erzählte in hastigen Worten, was er am Morgen erlebt. Mit tiefem unaussprechlichem Schmerz vernahmen die Frauen, daß Anna's Traum, den sie den erstaunt horchenden Männern mittheilten, nur zu bald zur Wahrheit geworden. Es blieb Ihnen aber keine Zeit, sich über das traurige Ereigniß, das auch schon im Hause bekannt geworden, auszusprechen, denn da die Ohnmacht nicht weichen wollte, erforderte Anna's Zustand ihre ganle Aufmerksamkeit, und mit großer Erleichterung vernahmen die Frauen, daß der Förster mit dem Medizinalrath gesprochen und dieser für alle Fälle sein Erscheinen zugesagt. Er hielt Wort und langte nach kaum einer halben Stundn an. Nachdem er erfahren, daß Kohrings Befürchtung nicht umsonst gewesen, untersuchte er mit der ganzen Theilnahme, die er für sie empfand, die Kranke und wandte die mitgebrachten Mittel an. Diese, wie ein Aderlaß, zu dem er ebenfalls seine Zuflucht genommen, bewirkten zwar, daß wieder Bewegung in die erstarrten Glieder kam, Puls und Herzschlag eintrat, doch blieben die Augen und der Mund geschlossen, und war auch kein Zeichen zurückkehrenden Bewußtseins wahrzunehmen. Bkit bedenklichem Gesicht begab sich der Medizinalrath in's Wohnzimmer, wo Kohring und der Verwalter in ernstem Gespräch saßen, die kleine Anna aber an ihrem Tisch geschäftig eine große Schachtel ausräumte, die ihr der Großvater aus der Stadt mitgebracht und darüber für den Augenblick den Vater und die Mutter vergessen hatte» Ihren fragenden Blick verstehend sagte er Zu dem Förster: „Es wird ein schweres Gehirnfieber werden, Herr Kohring, und müssen Sie sogleich einen zuverlässigen Boten zur Stadt schicken und die erforderlichen Arzneien holen lasten. Auch wollte ich meiner Frau Nachricht geben, denn ich bleibe diese Nacht hier, und will den Zustand des armes Kindes überwachen, indem jeden Augenblick Veränderungen eintreten könnten!" „Ich reite zur Stadt", sprach sich erhebend der Verwalter, dessen Augen feucht schimmerten, „ich richte alle Ihre Besorgungen aus, Herr Doktor. Es ist dies ein ver- hängnißvoller Nitt, den, da Kohring hier bleiben muß, nur ich übernehmen kann, und mit' Gottes Hülfe werde ich schnell und sicher wiederkommen!" Der Förster hatte sich ebenfalls erhoben und drückte dem treuen Freunde stumm die Hand. Dieser fuhr fort: „Schreiben Sie nur die Recepte, Herr Doktor, unterdeß will ich unseres armen Ludwig's Braunen satteln lassen, der das beste hier vorhandene Pferd ist, und noch keinen solchen Ritt gethan! — Du aber, Kohring, schicke mir ein anderes entgegen, damit ich unterwegs keinerlei Aufenthalt habe! —" (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Du könntest mehr der Mann sein, der du bist, Wen» du es wcn'ger zeigtest. Shakespeare. Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verständen sie auch. Goethe. Sehnsucht nach dem Besten veredelt die Seele unaufhörlich. La vater. 310 Ein Flregenstich. Humoreske aus dem Gaunerleben. Die Londoner Gaunerzunst, namentlich aber die edle Zunft der Taschendiebe, zählt in ihren Reihen >so manche „genial angelegte Natur", die aber ihr Talent leider nur dazu benutzt, im wahren Sinne des Wortes aus anderer Leute Taschen zu leben. — Immerhin gehört aber zur Ausübung dieser Kunst eine genaue Berechnung aller Umstünde, vollständige Kaltblütigkeit — um das etwas „hart" klingende Wort „Unverschämtheit" nicht anzuwenden und Ia!-t dut not lonst — eine sichere Hand, und diese Eigenschaften haben den Taschendieben der Metropole an der Themse einen gewissen Ruf verschafft. Auch Mr. Smith, ein reicher Handelsherr der City, sollte jüngst einen für ihn allerdings etwas unangenehmen Beweis von der Virtuosität erhalten mit welcher diese Herren ihr Handwerk auszuüben wissen. Also Mr. Schmith begab sich eines Morgens von seiner Wohnung, Old-Street, zu seinem Bankier, Kannon Street, um sich die Kleinigkeit von 100 Pfund zu holen. Auf drin Heimweg hielt Mr. Smith beständig die Hand in die Tasche, in welcher er das Geld trug, und doch war das Geld verschwunden, als er zu Hause anlangte. Nun konnte der sehr ehrenwerthe Handelsherr den Verlust dieser kleinen Summe allerdings leicht wieder verschmerzen, aber unangenehm war ihm die Sache doch und namentlich war ihm die Art und Weise, auf welche das Geld verschwunden, völlig räthselhaft. Nach einigem Besinnen ließ er einen ihm bekannte» Detektive zu sich bitten und theilte ihm die Affaire, sowie den Weg, welchen er genommen, mit. „O, da ist kein Zweifel", erwiderte Mr. Tumble, der Detektive ohne Zögern, „das Geld hat entweder die „rothe Tonne" oder der „Seiderspinner." „Wer — was?" unterbrach ihn Smith mit erstaunter Miene. „Ach, ich vergaß", unterbrach ihn der Beamte lächelnd, „die „rothe Tonne" und der „Seidenspinner" gehören zu den geriebensten unserer Taschendiebe, von denen jeder sein besonderes Revier hat. Die „rothe Tonne" nun hat etwa die Gegend von City Rcad bis Smitfield und der „Seidenspinner" herrscht von da an bis etwa Thomas- Street. Wenn Sie es wünschen, so hoffe ich es noch bis heute Nachmittag herauszubekommen, wer von den Beiden Ihr Geld gestohlen hat." „Ich wäre Ihnen in der That sehr verbunden, Mr. Tumble", erwiderte Mr. Smith eifrig, „und bitte, theilen Sie dem betreffenden Gentleman mit, daß es mir natürlich nicht einfällt, mein Geld wieder haben zu wollen oder ihn dem Gesetze zu überliefern, sondern ich möchte ihn nur um persönliche Auskunft bitten, auf welche geschickte Art er die 100 Pfund in seinen Besitz gebracht hat." Nachdem Mr. Tumble versprochen, sein Möglichstes zu thun, entfernte er sich und schon am Nachmittag erhielt Mr. Smith ein Billet von dem Beamten, daß Mr. Grape, der „Seidenspinner", der jetzige Besitzer der 100 Pfund sei und sich am nächsten Tage um 12 Uhr die Ehre geben würde, Mr. Smith zu besuchen. Pünktlich um die angegebene Stunde erschien am nächsten Tage der „Seidenspinner" bei Mr. Smith, welcher mit Verwunderung in dem berüchtigten Taschendiebe ein kleines, unscheinbares Männchen mit harmloser Miene und untadelhafter Kleidung erblickte, welches nach einer gewandten Verbeugung, ohne weiteres begann: „Die Sache ist ziemlich einfach, Mr. Smith; ich sah Sie gestern zufällig Kannon- Street hingehen, und da Sie Geld holen wollten, so behielt ich Sie fortan im Auge." „Woher wußten Sie, daß ich Geld holen wollte?" unterbrach Mr. Smith seinen Besuch mit unverkennbarem Erstaunen. „Nun", erklärte der ehrenwerthe Gentleman, „aus Ihrer äußern Brusttasche lugte ein großer Zipfel von jenen gelbgestreiften Säcken hervor, mit denen man gewöhnlich Gelder von der Bank zu holen pflegt und da wußte ich genug." „O, was bin ich für ein Escll" rief Mr. Smith aus. Mr. Grape lächelte mit einer Miene, in welcher deutlich zu lesen stand: „Ich bin 311 entfernt das Gegentheil zu behaupten", doch sprach er diesen Gedanken nicht aus, sondern fuhr in seiner Erklärung ruhig fort: „Ich sah Sie in ein Bankgeschäft in Kannon-Street treten und wartete, bis Sie wieder herauskamen, und nun richtete ich mein Augenmerk auf Ihre linke Rocktasche, in welcher Sie das Geld trugen." „Woher wußten Sie denn nun wieder, daß ich das Geld in der linken Rocktasche hatte, es konnte sich doch ebensogut in der rechten oder in der Brusttasche befinden?" „Sie selbst ließen mir hierüber keinen Zweifel", sagte Mr. Grape, „denn Sie hielten beständig Ihre Hand in der linken Tasche." „Ah — allerdings sehr einfach", meinte Mr. Smith, „aber weshalb schnitten Sie nicht die Tasche ab?" „Sie würden dann wahrscheinlich das Gewicht des Goldes sofort vermißt haben, und so beschloß ich zu warten, bis Sie die Hand aus der Tasche nehmen würden." „Ich weiß aber doch ganz genau", rief Mr. Smith in bestimmtem Tone, „daß ich die Hand keinen Augenblick aus der Rocktasche genommen habe und . . ." „Doch, doch", unterbrach ihn sein Besuch mit eben solcher Bestimmtheit. „Nun, da will ich mich doch gleich hängen lassen, wenn das wahr ist." „Sagen Sie so etwas nicht, Sir", sagte Mr. Grape in höchst ernsthaftem Tone, „doch, um an das Ende zu kommen, — es dauerte mir selbst etwas lange, und da Sie schon in der Nähe von Smithfield waren, so mußte ich fürchten, daß Sie der „rothen Tonne" in die Hände lausen würden; ich beschloß daher, den letzten Versuch zu machen und die Fliege anzuwenden." „Die Fliege?" wiederholte Mr. Smith im höchsten Erstaunen, „was verpetzen Sie darunter? — " Sir", erklärte Mr. Grape mit feinem Lächeln, „Sie blieben einmal vor einem Bilderladen stehen, nicht weit von der Post, wenn Sie die Güte haben wollten, sich zu erinnern . . . ." „Nichtig, richtig", nickte der Handelsherr, „nun?" „Nun, Mr. Smith, fühlten SieAda nicht einen Stich in der linken Wange, wie von einem Insekt?" „Ah, ah, — ich begreife." „Ja, Sir, Sie zogen die Hand aus der Tasche, um sich die gestochene Stelle einen Augenblick zu reiben, diesen günstigen Momen benutzte ich und — die 100 Pfund waren mein." „Ich muß leider gestehen, Mr. Grape, daß Sie da wirklich eine Virtuosität entwickelt haben, ... das muß ich selber sagen." Als Gentleman hielt natürlich Mr. Smith sein Versprechen, keinerlei Schritte gegen ihn zu unternehmen, aber er warnte alle seine Bekannten, ja nicht die Hand aus der Tasche zu nehmen, sobald ein kleiner, harmlos aussehender und elegant gekleideter Man» in der Nähe sei. — Wir fürchten aber trotzdem, daß die „Fliege" Mr. Grape noch zu manchem Souvcreign verhelfen haben mag. MLserllen. (Eine allerliebste Ordensgeschichte) erzählt das „D. Mtgs.-Bl.": Der orbenspendende Graf in „Niniche" ist eine übertriebene Satire auf die — Freigebigkeit gewisser Souveräne, die Hansorden zn vertheilen haben, aber etwas Wahres ist doch dran. Erzählt man sich doch von einem ordenssttchtigen Schauspieler und einem generösen Fürsten folgendes Geschichtchen: Der Schauspieler hatte an dem kleinen Hoftheater gefallen, der Fürst drückte ihm mündlich seine Befriedigung aus — aber der Orden erschien nicht, obwohl der Mime drei Tage in der.Residenz verweilte. Endlich riß ihm die Geduld, er bestellte den Wagen und fuhr zur Bahn. Auf dein W ege dahin kommt man an dem Park des Souveräns vorüber. Serenissimus stand eben auf der Parkterrasse 312 neben seinem Adjutanten, als der Gast mit einem ziemlich verdrossenen Gesicht vorüber- fuhr. Als der Fürst ihn so herankommen sah, wendete er sich an seinen Adjutanten: „Was hat denn der A.?" Der Hofmarschall lächelte diplomatisch und wies nach dem l Knopfloch. — «Ach so," lachte der Gebieter, „laufen Sie doch hinein und holen Sie einen Orden!" — „Pst, pst, Herr A." Der Wagen kehrte um und lenkte dicht unter ! die Terrasse. Der Hofmarschall kam athemlos mit einem Papierpäckchen aus dem Schloß. „Hier!" sagte der Fürst, dem verwirrten Schauspieler das Päckchen zuwerfend. — „Auf Wiedersehen!" Doch kaum hatte das Pferd sich in Trab gesetzt, als sich der Schau- , spieler erhob und zurückrief: „Durchlaucht, es sind zwei Orden!" — Durchlaucht winkte: „Geben Sie den Andern dem Kutscher!" (Zwei lustige T e l e p h o n g e s ch i ch ten) kursiven zur Zeit in Wien. In den Bureaus eines sehr gestrengen Herrn ertönt das schrille Zeichen des Telephons. Er eilte zum Sprachrohr und meldet seine Anwesenheit durch das übliche „Halloh." — Leise tönt die Antwort zurück: „Diese Rolle spiele ich nicht, die ist mir zu fad." — „Mit wem sprechen Sie denn?" fragt der gestrenge Herr. — „Nun, mit meinem Direktor." — „So, der bin ich nicht, ich habe keine schlechte Rollen zu vergeben. Schluß." — Die s unglückliche Telephonistin hatte eine unglückliche Künstlerin statt mit ihrem Theater-Direktor s mit — einem gestrengen Herrn verbunden, der so außeramtlich von einem neuesten Theater- s conslict erfuhr. — Und noch eine Telephon-Anekdote. Der General-Director einer Bahn ! läutet dem Collegen einer anderen Bahn. Ein jugendlicher Praktikant ist in der Nähe des gerufenen Thelephons und eilt pflichtschuldigst ans Hörrohr. „Halloh." — „Wer ! dort?" — „L. Kanzleipraktikant." — „Sagen Sie Ihrem Chef, daß ich ihn gern Nachmittags sprechen möchte!" — „Mit wem habe ich die Ehre?" — „General-Direktor i P." — „O, ich bitte," stammelte der erschrockene Beamte in das Sprachrohr und verbeugte sich pflichtschuldigst vor dem Telephon bis zur Erde. Erst die laute Heiterkeit, in die der gerade eintretende Chef ausbrach, machte ihn auf seine übertriebene Höflichkeit . aufmerksam. ) (Richtige Antwort.) Herr Doktor sagte eine gern Fremdworts anwendende Patientin, ich möchte Sie einmal insultiren, ich habe so Konfection nach dem Kopfe und bin konstruirt. Madame, erwiederte der Arzt, machen Sie sich keine Skropheln, gehen ^ Sie in die Hypothek« und holen Sie sich für 20 Pfennig Ninocerosöl. s (Gut gemeint.) Dame (im Schlächterladen): „Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir das Fleisch zu zerkleinern?" Schlächersrau: „Du Aujust, schlag doch mal der Dame die Knochen entzwei." (Scherzfragen.) Welcher Körpertheil ist am meisten musikalisch? Die Augen — sie haben immer ihre Lieder. — Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einer Schiefertafel und der Ehe? Junge Mädchen rechne» darauf. (Aus dem Lebe n.) Herr: „Für so schlechte Musik geb' ich nichts." Straßen- : Musikant: „Ach für den, der nichts gibt, ist die schlechte Musik immer noch gut genug." i Original-Nüthsel. * Prächtig glänzet von ferne die erste Silb' uns entgegen ! Schüchtern nahen wir uns, doch Hoffnung, der liebliche Schimmer, Werde die Wolke des Grams von unserer L-tirne zerstreuen, ' Gibt uns Vertrauen und Muth. Wir klagen dem glänzenden Manne Frei die Noth, die uns drückt, und bitten um schleunige Hilfe; Ach! da erhalten wir oft als Artwort: „Die letzten zwei Silben!" Wahrlich kein Balsam von Mekka, die brennende Wunde zu kühlen, > Kein Freund begleite zum Orte mich, der Dir das Ganze bezeichnet, ' Dort sei die Erde'vergessen mit all' ihren Gebrechen, Sei nur dem schöneren Himmel die ernste Betrachtung geweiht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. ^ Nr. M. 1883 . zur „Äilgsbnrger PostMung/- Samstag, 19. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobsom (Fortsetzung.) XI. Die Beisetzung des jungen Gutsherrn von Buchenhof hatte am sechsten Tage nach seinem plötzlichen Tode, im Beisein seines Bruders» des nunmehrigen einzigen Sohnes des Landkammerraths, unter Betheiligung seiner Bekannten, aller Bewohner von Buchen» Hof und Bodenwald, und vieler, nahegelegenen Güter stattgefunden, und am Abend desselben Tages war seine noch vor einer Woche so blühendschöne und glückliche Gattin nach schwerer Krankheit, ohne auch nur einen Augenblick das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, ihm in die Ewigkeit gefolgt. In tiefem, lautlosem Schmerz umstanden die schwergetroffenen Eltern und Berg« mann's das Sterbebett, auf dem sie soeben sanft entschlafen war, und leise drückte Frau Kohring ihrem Kinde die Augen zu, die im fast unmerklichen Todeskampf sich geöffnet hatten. Dann sank sie, in schmerzliches Weinen ausbrechend, an die Brust ihres Gatten, während sich Bergmannes in das anstoßende Zimmer begaben, wo die kleine Waise von einer Nichte des Försters, die ihren Verwandte» zur Hülfe gekommen war, gehütet ward. Sie erblickend, sprang sie von Frau Albrechts — diese war eine junge und kinderlose Wittwe — Schooß und lief ihnen entgegen, und während Frau Bergmann sie auf ihre Arme nahm und unter Thränen liebkoste und küßte, theilte der Verwalter Ersterer mit, was sich soeben ereignet, worauf diese sich zu ihrem Onkel und ihrer Tante in's Sterbezimmer begab. Auf die vielen Fragen des Kindes nach dem Vater hatten endlich die Großelteru ihr stets geantwortet, daß er todt, auf immer von ihr gegangen und im Himmel sei, und sie ihn nie wiedersehen könne. Sie hatte über diese Antwort, die sie nach Kinderiveise verstanden, bitterlich geweint, dann aber sich über die Abwesenheit seines Vatqxs zu beruhigen begonnen und nach der Mutter gefragt, von deren Krankheit sie wußte. Auch jetzt that sie dies, und begehrte zu ihr geführt zu werden, und als Frau Bergmann ihr sagte, daß auch ihre Mutter sie verlassen habe, sie sie nicht wiedersehen könne, und die Kleine in lautes Weinen ausbrach, trat gerade der Förster ein. Von Frau Bergmann's Schooß gleitend, eilte das Kind dem.Großvater entgegen, und wiederholte ihm schluchzend, was diese ihm gesagt. Er schloß sie unter Thränen an seine Brust, und erwiderte mit unsicherer Stimme: «Ja, mein armes Kind, Deine Eltern sind von Dir gegangen allein wir Alle sind Dir geblieben! — Von diesem Augenblick an aber gehörst Du mir, und wie ich Deiner Mutter gelobt, werde ich Dich nicht von mir lassen!" — Voll aufrichtiger Theilnahme hatten Herr und Frau von Bodenwald den so schnellen Tod der Gattin ihres verstorbenen Sohnes vernommen, den ihnen am Morgen nach demselben der Medizinalrath, und Kohring und seine Gattin ihnen einige Stunden später durch einen Boten angezeigt hatten. Sie halten darauf eine längere Unterredung gehabt/ 314 — die, wie die Dienerschaft gehört, bald laut und heftig, bald ruhiger geführt worden, und deren Ergebniß am folgenden Morgen der Verwalter mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr, als er, der jetzt beide Güter zu verwalten hatte, den Landkammerrath in geschäftlichen Angelegenheiten aufsuchte. Beide hatten lange und viel zu berathen und zu besprechen, und erst in der Dämmerung begab er sich nach dem Buchenhof, dem Trauerhause, wo, wie er wußte, seine Frau war. Es ivar wiederum ein schöner Winterabend; die Kälte hatte zugenommen; eine dichte Schnseschicht deckte die Erde, und der Vollmond verbreitete ein so Helles Licht, daß der Verwaltrr schon aus der Ferne das Herrenhaus erblickte. Es war säst wie an jenem Abend, wo die nun als Leiche daliegende junge G»ts- herrin ihn zurückerwartet, und statt seiner seine Todesnachricht erhielt, doch beachtete dies Bergmann nicht, seine Gedanken wurden von dem in Anspruch genommen, was er mitzutheilen hatte, und kaum wußte, wie er es den Freunden mittheilen sollte. Diese saßen wie an jenem verhüngnivollen Abend seiner wartend im Wohnzimmer, doch erzählte diesmal Frau Albrecht der kleinen Anna, welche ihr schon ihre Zuneigung zugewandt, die ihr neuen Geschichten, diese dagegen hatten eben mit Frau Bergmann das ihnen zunächst liegende, die Beerdigung ihres Kindes, besprochen, die auf dem Fried- hofe nahe der Kirche stattfinden sollte, woselbst Frau Kohrings Eltern — ihr Vater war der frühere Förster von Bodenwald gewesen — rührten, und dazu wollten sie am folgenden Morgen die nöthigen Schritte thun. Von der durch das Gespräch hervorgerufenen traurigen Aufregung fast überwältigt, erhob sich Kohring, um einen Gang in's Freie zu unternehmen. Da hörte er den Wagen, der den Verwalter bringen mußte, und er ging hinaus, diesen zu empfangen. Gleich darauf trat er mit diesem ein, und als er die Frauen und auch die kleine Anna begrüßt, berichtete er von dein Geschäftlichen, was er mit dem Landkammerrath geordnet und abgemacht, erzählte, daß er und seine Gattin sehr leidend seien, und wollte eben zu seinem Auftrag übergehen, als der Förster heftig sagte: „Das Gewissen mag sich wohl in ihnen regen, denn sie wissen nur zu gut, daß sie an allem Unglück Schuld sind!" „Kohring!" sagte begütigend seine Gattin, wenngleich sie seine Ansicht theilte. „Sie sollen und werden dies noch einmal selbst von mir hören, entstehe auch daraus was da wolle", fuhr dieser mit zunehmender Erregung fort. „Wenn Du so sprichst, Kohring", unterbrach ihn der Verwalter in ruhigem Ton, „dann wage ich kaum den Auftrag des Landkammerraths auszurichten, den er lange mit mir besprochen —" „Was könnte das sein?" fragte der Förster. „Ich wüßte nicht was das, und noch dazu in diesem Augenblick, sein könnte, denn eine Dienstsache wird es nicht betreffen!" „Es bezieht sich auf Deine verstorbene Tochter", erwiderte Bergmann. „Der Landkammerrath läßt Dir und Deiner Frau den Vorschlag machen, sie in der Familiengruft neben ihrem Mann beizusetzen!" „Wie?" rief Kohring, während auch die Frauen überrascht auf den Verwalter blickten. „Das mag er uns vorschlagen lassen, nachdem er noch vor Kurzem ihre Ehr zu trennen versucht, und dadurch Beider Tod verschuldet?" „Ich habe Dir seine Worte wiederholt —" „So bringe ihm die Antwort, daß ich nimmer darauf eingehen würde, und meine Frau und ich die Sache längst beschlossen!" „Laß uns sie dennoch noch einmal besprechen, Kohring", entgegnrte Bergmann so ruhig wie vorher, „denn ich kann seinen Vorschlag nur billigen. Er hatte die Heirath seines Sohnes mit Euerer Tochter bewilligt, Anna hat Jahre lang als Frau von Boden- wald gelebt, ivas wird man also sagen, wenn Ihr sie in Eurem Familienbegräbniß beerdigen läßt?" „Weißt Du, warum er uns das Anerbieten machen läßt?" unterbrach ihn der 317 unter unverkennbaren Zeichen der zunehmenden Schwäche ihr Ende herbeiführen mußte. Dem Förster gingen endlich die Augen auf, und der Zustand seiner treuen, wahrhaft von ihm geliebte Lebensgefährtin versetzte ihn in die schmerzlichste Aufregung. Er klagte sich an, nicht früh genug für sie gesorgt, sie nicht einstweilen von Bodenwald fortgeführt zu haben. Es war dies Alles aber Zu spät. Zwar leise, doch mit sicherem Schritt nahets der Todesengel seinem Opfer, das ihm längst verfallen war, und als an einem schönen Maiabend, die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen durch die weitgeöffneten Fenster in ihr Zimmer warf, sagte sie, in einem Krankenstuhl vor diesem ruhend, zu ihrer Nichte und Frau Bergmann, welche bei ihr waren: „Ruft Kohring — bringt Anna — ich fühle, daß ich schwächer werde! —" (Fortsetzung folgt.) G s l d k ö r «e x. Last Dich biegen, aber nur nicht knicken. Goethe. Endlich legt sich jedes Sturmes Wuth, Tag wird es durch die dickste Nacht, und kommt Die Zeit, so reifen auch die spätsten Fruchte. Schiller. Thörichter Jüngling, der Jngendgluth für Liebe nimmt, und wehe dem armen Mädchen, das seinen Kranz in solche Strohflammen wirft! Kotz ebne. Der Tod ist das Pünktchen der letzten Phrase unseres Lebens, der Deckel auf dem Topf, in dem eZ sonst so kochte und brauste. Bcnzel-Stern au. Die gütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Busens ab und erzählt sie uns mit einer Thräne. Jean Panl. Eine Lüge engagirt meistens schon zu der nächsten. Rahel. Tcr verhinderte Selbstmord. (Aus den Wiener Gcrichtssälen.) „Rufen Sie jetzt den AthanasiuS Zwerler!" befahl der Bezirksrichier dem Amtsdisner. Zwischen der nur halbgeöffneten Flügelthür schiebt sich ein schmächtiger Mensch herein, der es offenbar als unbescheiden erachten würde, seinetwegen die Thüre ganz zu öffnen. Der junge Mann ist auffallend blaß; er ist Tischlsrgehilfe von Beruf und kann, seiner wiederholten Versicherung nach, keine Fliege an der Wand beleidigen. Richter: Sie heißen AthanasiuS Zwerler, sind aus Plattling in Bayern gebürtig, unbescholten und Tischlergehilfe. Ist das richtig? — Angekl.: Zu dienen, Euer Gnaden, nur die Liebe — Richter: Lassen wir das jetzt. Sie sind wegen Exzesses und wegen der Uebertretung der thätlichen Wachebrleidigung angeklagt. Erzählen Sie den Vorfall vom 22. April. — Angekl.: Hoher Herr Richter! Wer nie sein Brod mit Thränen gegessen hat, der weiß gar nicht, was die Liebe ist, wegen derer ich heute vor diesem geehrten Nichterstuhle stehe. — Richter: Nun, wegen Liebe wurde noch nie Jemand angeklagt; Sie sollen ganz einfach erzählen, wie Sie dazu kamen, an dem benannten Tags einen Exzeß zu verüben und die Wachleute zu insultiren. — Angekl.: Oh, ich bitte, Herr Amtmann, ohne meine Liebs wäre so etwas nie geschehen; aber die war zu überhäuft! Ich war bis zu jenem Sonntag stets ein ruhiger Staatsbürger. — Richter: Erzählen Sie doch das Begebniß. Angekl.: Vor zwei Monaten — so weit muß ich ausholen — hab'ich die Lisi kennen g lernt, die in der großen Mohrengassen eine Köchin war. Au: Samstag um 7 Uhr hab' ich zur Lisi geh'» wollen, weil sie immer um die Zeit fürs Nachtmahl für ihre Herr'nleut' Alles z'sammeuholt; wie ich so in die große Mohrengasse komm' und denk': jetzt wirst deine Lisi seh'n, da kommt sie richtig, eing'hängt in ein Soldaten! Herr Amtmann, wer nie geliebt, der kennt so was gar nie nicht. Der Stich, den ich in's Herz hab' kriegt! und weil ich den Soldaten umsomchr kennt hab', vom Pratenusfeehaus aus,' wo ich mit meiner Lissi war und wo er alle Sonntag bei der Militär - Negiinentsmusi blasen thut, der elendiche Kerl, der! — Richter: Sie dürfen hier Niemanden beleidigen. Erzählen Sie weiter. — Angekl.: Alsdann wie mir das den Stich gegeben hat, den! ich mir: Adjes Lisi! Ich gehe jetzt in den Tod! Und am Sonntag nach dem Essen hab' ich auch wollen in den Tod geh'n und will durch die Schwimmschul-Alle hinunter zum Kommunialbad. Derweil kommt am Praterstern ein Bekannter von mir, der Spengler Josef Deng, der auch heut' als Zeuge da ist, der sagt: Wohin denn? Sag ich: Lebe wohl, ich geh' ins Wasser! Sagt er: Das kannst später auch thun, und zieht mich in ein' Tramwaywaggon hinein. Na, denk ich mir, jetzt sind so noch zu viel Leut auf der Gassen; wenn ich schon aus Liebe in den blassen Tod gehe, will ich ungestört sein dabei. Ich bin nachher willenlos mit dem Deng nach Hernals g'fahren wo er ein Wein zahlt hat. Ich hab' mich angetrunken, aber meine List hab' ich nie verschmerzen können und nachher sind wir erst zum Stalchner gangen. (Heiterkeit.) Da hab' ich noch ein Paar Viertel getrunken und dann hab' ich mich erinnert, das; ich heute noch in den blaffen Tod in die Donau gehen muß wegen der Lisi und da bin ich fort. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht — Richter: Nun, es ist durch die Aussage der Wachtleute und Zeugen erwiesen, daß Sie auf der Gasse brüllten: Meine Lisi, die is putsch und als Sie der Wachtmann Dolezal zur Ruhe verwies, versetzten Sie ihm einen Faustschlag auf die Brust, worauf sie arretirt wurden. — Angekl.: Ich bitte, ich bin gewiß ein Mensch, der nie eine Fliege an der Wand beleidigt, aber wenn man aus gekränkter Liebe in den blassen Tod geh'n will und der Sicherheitswachmann halt Einen auf, so was soll doch nicht sein in einer freien Nechtsstadt. Außerdem kann ich mich gar nicht mehr erinnern aus das. — Der Richter konstatirt, daß bei dem Angeklagten nach seiner Arretirung ein Brief an seine Geliebte vorgefunden wurde. Derselbe lautet sowohl wörtlich als orthographisch dem Original getreu: „Theure Lisi! Es dränkt mich daß Schicksal, das ich heute Abends in den blassen Todt gehe, weil Du mir deine Liebe entwendet hast! Wann Du diese Zailen erheldst, bin ich nimmer unter den Lebendichen, sondern bereits in des Todtes Schalen anwesend! Oh, theure Lisi! meine Liebe zu dir war zu überhäuft in der großen Mohrengasse! Besonders gestern Abends, wie ich dich mit dem Korporal von der Musich gehen geseh'n hab', der gerad so dick und ungebüldert ist, wie das Pomparton, was er blast, weil er ein nicht einmal dangt, wann man ihm griest. Der Lümmel, wann er Dir lieber ist, Lisi, so behald ihm und heirade! Ich aber gehe heute Abends jedenfalls in den blassen Tobt! — Oh, theure Lisi, warum hast Du mir daß angethan, das ich jetzt um acht Jahre friher dem kühlen Grabe beiwohnen muß in den Wällen und Fludten er regulirten Donau beim Kohmunialbad trunten? Lebe wol, lebe wol, Ungetreue schlänge und denke an jedem 22. an Deinen unaussprechlichen unglücklichen Athanasius Zwerler." — Richter: Sie haben in diesem Vriese die Absicht kundgegeben, sich das Leben zu nehmen? Warum haben Sie dies nicht ausgeführt? — Angekl.: Ich bitte, die Liebe ist heute noch wegen der Lisi so überwältigt in meinem Busen, aber wie ich zu mir selbst gekommen bin, hab' ich auf dem Wachtzimmer g'schlafen und der Herr Inspektor hat nur ein Glas Wasser geben, weil ich Durst gehabt hab'. Sonst weiß ich gar nichts. — Nach der Aussage der Zeugen war der Angeklagte allerdings so arg bekneipt, daß die Sache weit mehr einem gewöhnlichen Wein- als einem Liebssrausch ähnlich sah. Der'Richter sprach deshalb den Angeklagten von der ihm zur Last gelegte» strafbaren Handlung frei und verurtheilte ihn blos wegen Volltrunkenheit zu einer vierundzwanzigstündigen Arreststrafe. — Der Angeklagte bemerkte hieraus: Oh, die Liebe! Bis in den schwarzen Arrest hat sie mich gesetzesreinen Menschen getrieben! — Richter: Trösten Sie sich» Ihre Strafe ist keine entehrende und ein paar Stunden Arrest sind noch immer bester als der Tod in der Donau. — .'Uf Förster. «Er will dadurch verhindern, daß sein Name auf einem Leichenstein zwischen denen seiner Untergebenen steht! — Das ist seinem Stolz zuwider, und lieber soll Anna'S Sarg an Ludwig's Seite stehen, der doch in der Reihe seiner Söhne den letzten Platz einnimmt! —" . „ . ^ „Er niag diesen Gedanken gehabt haben, ich will Dir dann nicht widersprechen, allein nach meiner Ansicht gehört die Frau an die Seite ihres Mannes, im Leben, sowie im Tod-" „Wenn das sein kann, und wo das sein kann." „Allerdings, doch hier kann das sein, und würde nur Dein Wille sie trennen. Schon Deiner Enkelin wegen darfst Du das nicht thu»-" „Meiner Enkelin wegen?" „Ja, Kohring; soll sie denn einmal, wenn sie so alt ist, daß sie die Sache begreifen kann, die Grabstätte ihres Vaters in der alten Familiengruft, die ihrer Mutter auf dem Kirchhof von Bodenwald suchen? — Was würde sie über solche Trennung ihrer Eltern nach dem Tode denken, welche Fragen an Euch richten?" Vergmann's ruhige Vorstellungen, denen sich die Frauen anschlössen, fanden endlich bei dem Förster so weit Gehör, daß er bis zum nächsten Morgen Bedenkzeit forderte, und der Verwalter sich erbot, seine Antwort holen zu wollen. Vergmann's kehrten bald, begleitet von Frau Albrecht, die einstweilen dem Hausstand in der Försterei vorstand, nach Vodenwald zurück, und als am nächsten Morgen der Verwalter wieder bei den Freunden erschien, die er bei der Leiche ihrer Tochter aufsuchen mußte, sagte der Förster ihm die Hand reichend, während er mit der andern auf dir regungslose Hülle seines geliebten Kindes deutete: „Bergmann, sie soll neben dem ruhen, dem seit ihrer Kindheit ihr Herz zugehört, ich bin damit einverstanden. Sage das dem Landkammerrath, und sorge in meinem Namen für das klebrige, bannt Alles rechtzeitig besorgt ist!" So ward denn Anna von Bodenwald neben ihrem Gatten beigesetzt. Ei» vierspänniger Leichenwagen hatte den kostbaren Sarg vom Buchenhof nach der alten Familiengruft, und viele Bewohner der Nachbarschaft, wie alle vom Buchenhof, gaben ihr das Geleit. An der Grenze von Bodenwald ward sie von dessen Gutsangehörigen in Empfang genommen, an deren Spitze sich der Geistliche, der sie vor wenigen Jahren getraut, befand. — Ihr Vater und Bergmann fuhren zunächst dem Sarge, ihnen schloffen sich nahe Verwandte und Bekannte und der Nechtsanwalt des Landkammerraths an, der von diese» dazu beauftragt worden. Die Frauen folgten, so lange sie vermochten, mit ihren Blicken dem stillen düstern Zug, der sich nur allzu deuilich auf dein weißen Schnee abzeichnete. Die kleine Anna, welche nichts von der traurigen Feier wußte, und nicht ahnte, daß man die irdische Hülle ihrer Mutter zur letzten Ruhestätte brachte, spielte sorglos mit ihren Schätzen, die sie auf und um ihren Tisch herum aufgehäuft hatte. Als die Wagen und auch die letzten Fußgänger ihren Augen entschwunden, sank weinend die Försterin in die Arme der treuen Freundin und ihren jungen Verwandten, und sagte mit kaum vernehmbarer Stimme: „Den Schlag werde ich nicht überwinden, ich fühle es hier —" und sie legte ihre Hand auf das Herz — „er wird der letzte Nagel zu meinem Sarge sein. Sagt aber Kohring nichts davon, ich will es ihm ebenfalls zu verheimlichen suchen. Er muß erst wieder zur Ruhe kommen, es könnte sonst zwischen ihm und dem Landkammerrath ei» Unglück geben! —" Die nächste Pflicht der Hinterbliebenen von Ludwig von Bodenwald und seiner Gattin war die Sorge für deren verwaiste Tochter, und hier trat Bergmann wiederum als Vermittler auf. Die beiden Großväter derselben hatten sich noch nicht wiedergesehen, 816 und es war von Kohrings auch wenig Aussicht vorhanden, daß es geschehen würde? Zuerst wurden die Vormünder für die kleine Anna Thusnelda von Vodenwald erwählt und bestätigt, und zwar als solche der Förster Kohring und der Verwalter Bergmann. Diese Wahl sagte aus vielen Gründen auch dem Landkammerrath zu, den: die Familien- sache mehr zu denken gab, als zu Lebzeiten seines Sohnes, daS Kind war die gesetzliche Erbin seines Vaters, und wie er mit seiner Frau und dem Nechtsbeistand der Familie besprochen, wollte er es für alle Zeiten durch eine ihr zwar gebührende Summe abfinden. Er theilte also Bergmann mit, daß die Vormünder für die Tochter seines verstorbenen Sohnes 50,000 Thaler ausgezahlt erhalten würden, von deren Zinsen ihr Unterhalt und ihre Erstehung zu bestreiten sei, und über die sie bei ihrer Mündigkeit zu verfügen habe. Alles was ihren Eltern gehört, die Einrichtung des Buchenhofs solle sie ebenfalls haben, und könnten die Vormünder nach Gutdünken darüber verfügen. Als Bergmann Kohring's diese Mittheilung machte, fuhr der Förster auf und sagte: „Ich will das Geld nicht, Bergmann, denn der Unterhalt und die Erziehung meiner Enkelin kann ich bestreiten." „Wie Du meinst, Kohring", unterbrach der Verwalter, „doch kannst Du nicht hindern, daß die Obervormundschaft es für sie annimmt, da es ihr als Erbtheil zuerkannt wird. Den alten Papieren nach gehört diese Summe jeder Tochter der jüngern Söhne des Hauses, und als solche könnte nur sie selbst es bei ihrer Mündigkeit zurückweisen. Und wie soll es mit der Einrichtung des Hauses und dem klebrigen werden?" „Wir nehmen nur das, was wir eingepackt, alles Andere mag dort bleiben, denn was soll es uns —" „So will ich Dir einen Vorschlag machen, den ich dem Landkammerrath wiederholen werde. Ich will Alles im oberen Stockwerk unterbringen lassen, wo Raum genug ist, da mag es bleiben, so lange es soll! Bist Du damit einverstanden?" „Thue, was Du willst, nur laß mich nichts mehr davon sehen, obgleich ich das Haus wohl nicht wieder betreten werde!" Als alles Geschäftliche geordnet, die Rechte der kleinen Waise gewahrt worden, war der März herangekommen. Kohring's Groll gegen den Vater seines verstorbenen Schwiegersohnes nahm nicht ab, der Anblick der kleinen Anna nährte ihn immer mehr. Das ihm mit großer Liebe anhängende Kind war seine einzige Freude, und seine einzige Beschäftigung, sobald er sich im Hause befand. Er hatte nur Augen und Ohren für sie, und nur ihre Bemerkungen vermochten auf seinem ernsten oft finsteren Gesicht ein Lächeln hervorzubringen. Darüber sah er nicht, was Frau Albrecht, die als Stütze der Förster!» bei ihnen geblieben, und Frau Bergmann, die täglich erschien, längst entdeckt, daß seine Gattin immer bleicher ward, ihre Augen immer matter blickten, und sie, die sonst so rüstig und ruhig gewesen, nur mit großer Anstrengung einen Weg in's Freie unternehmen konnte. Als eines Tages sie und Frau Albrecht mit der kleinen Anna nach dem Verwaltungshause gehen wollten und sie stillstand um Athem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln, sagte ihre Nichte in bekümmertem Ton: „Tante, es geht nicht länger, ich darf es dem Onkel nicht länger verschweigen —" „Es ist durchaus nichts Schlimmes, Wilhelmine", entgegnets Frau Kohring mit schmerzlichem Lächeln, und fügte ernster hinzu: „Ich fühle weder Schmerzen noch Beschwerden, es ist nur Kummer um die Beiden, die so schnell von uns gegangen, aus dem für sie so glücklichen Leben geschieden sind, und ich denke der Frühling und der Sommer wird Heilung bringen. Sprich vor allen Dingen nicht mit dem Onkel darüber, der schon genug zu tragen hat!" Frau Kohring's Leiben aber machte bald beängstigende Fortschritte, und nahm einen immer drohenderen Charakter an. Eine Erkältung, die sie sich bei einem scharfen Nordostwind zugezogen, der zu Ende März anhaltend wehste, warf sie auf das Krankenlager, und es stellte sich ein Leiden ein, für das der Arzt keinen Namen hatte, das aber 319 Die geborgte Ananas. Eine sehr drollige Reminiscenz an die berühmte Tragödin Nachel wird in französischen Blättern wieder aufgefrischt. Die Künstlerin stand, nicht mit Unrecht, in dem Rufe, zuweilen etwas knauserig zu sein. Eines Tages gab die Phädra des Theatre franqais eines ihrer berühmten Diners, wo sich an ihrer Tafel die Elite der Kunst, der Literatur und der Aristokratie vereinten. Unter den Geladenen befanden sich der Herzog Sän Teodoro von Neapel, Prinz von Walderer, mehrere Marquis, Künstler, Scribe, Auber, Herzog von Noailles, Augier, Ponsard und andere Geistesnotabilitäten. Am Tage des Diners erschien sie in der Wohnung eines Kritikers, der ebenfalls zu den Gästen zählte, und sagte: „Lieber Freund, Sie müssen mir bei der Wahl des Dessert hilfreiche Hand leisten, mein Wagen steht vor der Thür, ich entführe Sie." Der Mann des kritischen Nichtschwertes mußte sich bequemen und der ungestümen Freundin folgen. Man fuhr in das Palais Noyal zu dem weltberühmten Delikatessen- waarenhündler Chevet. Mademoiselle Nachel wählte die schmackhaftesten Früchte, kostbare xrirnouis rc. aus. Plötzlich präsentirt ihr Chevet eine herrlich duftende Ananas. „Wünschen Madame vielleicht eine Ananas als Mittelstück einer Fruchtpyramide?" n'Irös dien! Was kostet sie?" „Siebzig Francs, Madame." Man befand sich damals im Jahre 1819, einer Epoche, wo wenig große Diners stattfanden, und die von den Antillen kommenden Ananasse waren selten. Das vermochte jedoch in den Augen der Rache! diesen exorbitanten Preis nicht zu rechtfertigen. „Siebzig Francs!" — rief sie in einer tragischen Pose — „aber das ist ja ungeheuerlich. Ich kaufe sie nicht, doch halt — wie wäre es, wenn Sie mir die Ananas borgten? Es ist immerhin ein hübscher Tafelschmuck, und nach dem Diner sende ich Ihnen die Frucht unversehrt wieder zurück." Lächelnd ging Chevet auf den originellen Vorschlag seiner berühmten Kundin ein» Der Abend kam und mit ihm das Diner, welches, wie immer, süperb war. Man trägt das Dessert auf und inmitten der Fruchtabundantia thront mit königlicher Würde die Chevetsche Ananas. Da die Gastgeberin sich wohlweislich hütete, von dieser kostbaren Frucht anzubieten, keiner der Geladenen aber so naschhaft erscheinen wollte, als Erster die Ananas anzuschneiden, so ging Alles vortrefflich und die Nachel war bei rosigster Laune. Doch die Künstlerin hatte ohne den boshaften Kritikus gerechnet. Sich zu seinem Nachbar, dem Herzog von Noailles wendend, sagte derselbe plötzlich mit halblauter Stimme: „Und die Ananas? Wäre es nicht Zeit, ihr ernstlich auf den Leib zu rücken?" „IHiIcui, Sie haben recht, mein Freund," ruft der Herzog, welchem schon lange der Mund wässerte, erhebt sich und reicht die Ananas seinem kritischen Tischnachbar, welcher alsbald unter dem beifälligem Gemurmel der gesammten Tafelrunde die herrliche Frucht kunstgerecht zu zerlegen begann. Die Nachel erbleichte» sie warf dem hämische» Kritikus einen vernichtenden Blick zu und hatte Mühe, ihre Wuth unter einem gezwungene» Lächeln zu verbergen. Die Künstlerin hat seit jenem Tage noch manches Diner gegeben, der ananasliebende Kritiker befand sich niemals mehr unter den Gästen. (Aus der griechischen Geschichtsstunde.) Hm! Ruhe! Wir waren das letzte Mal stehen geblieben — „Haberkorn, machen Sie 'mal das Fenster zu!" — bei dem Beispiele heldenmüthiger Vaterlandsvertheidigung — „ganz zu, Habsrkorn!" — der Thermopylen durch den Spartanerfürsten — „Riimplsr, ich höre Sie schon wieder brummen!" — durch Leonidas. Das Wort Thermopylen heißt, wie Sie eigentlich schon wissen sollten, auf deutsch: — „Flegeleien lieber Bretterschneider, dulde ich in meiner Stunde nicht!" — heißt §uf deutsch: „Warme Quellen!" Aisrxes war also init seinem - Heere bis an jenen berühmten Engpaß vorgerückt. Ehe es zum Treffen kam, entsandte der Perserkönig an den Lacedämonier einen Voten mit der Aufforderung: — »geben Sie 'mal den Bindfaden her» Sie kindischer Mensch dahinten, ich kann die Spielerei ' nicht langer mehr ansehen!" — mit der Aufforderung um Auslieferung der — „Regenschirme, mein lieber Nümpler, stellt man hübsch in die Ecke, wo sie nicht jeden Augen- i blick umfallen" — um Auslieferung der Waffen. Die stolze Antwort des Griechensürsten ^ war: — »Sie, Hübner, rücken Sie doch 'mal bei Seite, damit ich sehe, was Ihr Hinter- s mann für dummes Zeug treibt!" — ich wollte sagen, die Antwort war: Komm und l hol' sie. Und als man den Griechen bedeutete, die Zahl ihrer Feinde sei so groß, daß ihre Pfeile die Sonne verfinstern würden, erwiderte Leonidas verächtlich: — „Sehen ^ Sie, Nümpler, ich stecke Sie wahrhaftig zur Thüre hinaus, wenn Sie nicht aufhören, mich anzugrinsen!" — erwiderte Leonidas: Desto besser, so werden wir im Schatten fechten! Vier Tage später erfolgte der Angriff. — Auf Befehl des Perserkönigs — »Sie dahinten — schlafen Sie nicht!" — stürzte sich eine ungeheure Truppenmasse in ! den Engpaß. Heldenmüthig war die Vertheidigung von Seiten des Leonidas, — „und ! Sie sind ein rechter Esel, Meyer!" — tagelang währte der Kampf, und selbst die Kerntruppen des Perserheeres mit dem stolzen Namen: — „die Dümmsten und Faulsten sind doch immer die Unverschämtesten, Friedmann" — die Unsterblichen, selbst diese vermochten nicht, den Engpaß zu erkämpfen. Da endlich zeigt ein verrätherischer Grieche, ^ Namens — „Nümpler, Nümpler, Nümpler, Sie schreiben gewiß etwas, was nicht zur Sache gehört!" — Ephialtes, den Persern einen geheimen Pfad über das Gebirge und plötzlich — „Jeschke, was schneiden sie für Gesichter!" — plötzlich verbreitete sich unter den Spartanern der Schreckensruf: — „Wer wirst denn da mit Papierkugeln?" — der Ruf: Wir sind im Rücken angegriffen! — „Unterstehen Sie sich das noch einmal, Sie Flegel!" — Auf diese Kunde hin entlieh Leonidas seine Bundesgenossen, er selbst und seine 300 — „Schassköpfe, wie Sie, Meyer, gehören in die Kinderschule" —300 Spartaner kämpften weiter und starben den ehrenvollen Tod für — „solche Flegeleien, Haberkorn, dulde ich nicht länger!" fürs Vaterland, welchen Horaz feiert mit den bekannten Worten: — „Ich werde gleich 'mal dahinterkommen, Nümpler!" — üulos et ckc-oorum «st pro xutriu inori. Ganz Sparta bedauerte den Tod seiner Heldenschaar, aber an der Stelle jenes denkwürdigen Kampfes errichtete man ein Monument mit einer Aufschrift, welche in metrischer Uebersetzung lautet: — „Nun wird es mir aber zu arg! Ich kann nicht weiter reden, wenn ich solche Menschen vor meinen Augen Unfug treiben sehe! Nümpler, Sie verlassen sofort die Classe und wenn Sie bis zur nächsten Geschichtsstunde nicht den Inhalt der heutigen ganz so genau ausgearbeitet haben, wie ich ihn vorgetragen, ^ dann sollen Sie mal sehen, was geschieht!" (Der Gipfel der Reinlichkeit.) Wir finden im Pariser „Figaro" das folgende treffliche Zeugniß für ein Dienstmädchen: „Cölestine X. war vier volle Jahre in unserem Dienst (folgt die Aufzählung ihrer Tugenden). Für ihre Sauberkeit wird ein Beispiel genügen. Wir besitzen einen mit großer Kunstfertigkeit hergestellten mechanischen Vogel, welcher sehr schön singt und keine Nahrung zu sich nimmt, Cölestine scheuerte gleichwohl jeden Morgen den Boden seines Käfigs." (Zwischen zwei alten Wienern.) „Wer ist denn der la Noche, von dem die Zeitungen so viel daherreden?" — „Aner von die Burgschauspieler; er hat sein fünfzigjähriges Jubiläum g'feiert." — „Schau! Schau! Js mir ganz unbekannt. Seit fünfzig Jahren will i jed'n Abend ins Theater geh'n und komm wirkst net dazu." (Woher kommt das Wort Locomotive?) Von insolventen Kaufleuten; da sie keine Motive haben, in Loco zu bleiben, so suchen sie rasch fortzukommen. Auflösung des Original-Räthsels in Nr. 39: „Sternwarte." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Or. Max Hultlcr. Nr. 41 1883. zur „Äugslmrger PostMnng." Mittwoch, 23. Mai Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) - Frau Albrecht entfernte sich, um ihre Wünsche zu erfüllen, doch kam kein weiteres Wort über ihre Lippen; sie blickte mit gefalteten Händen und schon fast verklärten Zügen über den Garten hinweg in die schöne Gegend hinaus, die im ersten Frühlingsgrün dalag. Leise trat Frau Albrecht mit ihrer Enkelin ein, und hielt ihr diesebe entgegen. Lange betrachtete sie die Züge des Kindes, das ängstlich und traurig sie anblickte» küßte es wiederholt, sprach leise einige Worte, küßte es nochmals, und gab dann ein Zeichen es fortzuführen. Jetzt erschienen der Förster und Bergmann, der ebenfalls von dem wahrscheinlichen Ende der langjährigen Freundin gehört, und Ersterer näherte sich ihren» Stuhl. Köhring die Hand reichend, sagte sie: „Kohring, wir müssen uns trennen — vielleicht sehr bald schon — mein Herz schlägt so heftig, daß es bald stille stehen muß! — Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich gemacht — —" „Liebes, theures Weib!" brachte er nur mühsam hervor, neigte sich über sie und küßte ihr bleiches eingefallenes Gesicht. „Lebe für mich — für das Kind — wir bedürfen Deiner Liebe und Sorge — verlaß uns nicht-" „Ich habe es lange versucht, das Leben könnte noch einmal wie-er schön werden!" Ein Schauer durchbebte ihre abgeinagerte Gestalt, ihre Augen schlössen sich, doch nur einen Moment, dann öffnete sie sie wieder, reichte Bergmann's und ihrer Nichte die Hände, streckte sie darauf nach dem Gatten aus und versuchte sich aufzurichten. Er umfaßte sie schnell, sie lehnte das Haupt an seine Brust, und schloß wiederum die Augen. Dann entquoll ein tiefer Seufzer ihren Lippen, ihre Gestalt erbebte, der Förster fühlte die Hand, welche die seine hielt, kraftlos werden, das Haupt seines Weibes lehnte schwerer gegen seine Brust, und einen langen Kuß auf die feuchte Stirn drilckend, die bereits erkaltete, sprachen dann er und die Umstehenden ein leises Gebet. Darauf legte er sie sanft in die Kissen zurück, und sank, sein Gesicht in den Händen bergend, auf einen Stuhl. Die Anwesenden blickten tiefbewegt auf die bleichen, ruhigen Gesichtszüge der Geschiedenen» bis endlich die Thür geöffnet ward, und die kleine Anna auf ihren Großvater zusprang, dann aber ängstlich zurücktrat. Sie sah auf das bleiche Gesicht der so still daliegenden Großmutter, und der sie traurig Umstehenden und in lautes Weinen ausbrechend umklammerte sie den Arm des Großvaters. Frau Albrecht trat hinzu um sie fortzuführen, er aber sagte leise: „Laß sie, Wilhelmine, sie fühlt, daß sie jetzt auf der Welt nur mich allein hat", und das Kind auf seine Kniee setzend, fügte er hinzu: „Anna, Deine Großmutter ist zu Deinem Papa und Deiner Mama gegangen, u»»d Du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen. Ich aber bleibe bei Dir, so lange Gott will!" und sie auf seine Arme nehmend, verließ er schnell mit ihr das Zimmer. 322 Während die Frauen bei der Leiche zurückblieben, folgte ihm nach einer Weile Bergmann und fand ihn in seinem Arbeitszimmer. Die kleine Anna saß auf seinen Knieen, ihr goldblondes Köpfchen lag an seiner Brust geschmiegt; mit einem Arm hatte sie den Versuch gemacht, seinen Hals zu umfassen, die andere kleine weiße Hand aber ruhte auf seiner Rechten. — XII. Drei Wochen waren seit Frau Kohring's Beerdigung, die unter allgemeiner Betheiligung der Bewohner beider Güter stattgefunden, verflossen, doch ging in der Försterei das Leben mit seinen Arbeiten und Sorgen den gewohnten Gang, und machte mit jedem neuen Tag seine Rechte geltend. Frau Albrecht nahm nunmehr die Stelle ihrer verstorbenen Tante ein; ihre kleine Nichte hatte sich ihr, die eine große Kinderfreundin war, mit vieler Liebe angeschlossen, und immer seltener ward die Frage nach ihren Eltern. Von ihrer Großmutter dagegen sprach sie oft, obgleich Frau Bergmann, für die sie ebenfalls eins lebhafte Zuneigung empfand, deren Stelle ersetzte. Ihres kleinen Pfleglings wegen beruhigt, war es jedoch Frau Albrecht, und mit ihr Vergmann's, des Försters wegen nicht, an dem sichtlich der Schmerz um den Verlust seiner Kinder und seiner Gattin nagte. Schweigend und mit düsterem Ausdruck in den plötzlich sehr gealterten Zügen, ging er so gewissenhaft wie sonst seinen vielfachen schweren Pflichten nach, wich aber so viel er konnte den treue» Freunden aus, und sprach auch mit seiner Nichte nur das Erforderliche. Gegen die kleine Anna indeß war er unverändert, denn zu Hause durfte sie nicht von seiner Seite gehen, und suchte er so viel wie möglich jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, was sie mit dem Scharfblick eines Kindes >bald genug fühlte, und geltend zu machen wußte. Eines Abends kehrte er finsterer als sonst aus dem Walde heim, und sagte nach schweigend eingenommenem Abendessen zu seiner Nichte: „Wilhelmine, halte Alles bereit, ich will morgen zur Stadt fahren, den» ich habe mit dem Landkammerrath zu sprechen!" „In Geschäftsangelegenheiten, Onkel?" fragte Frau Albrecht, um wenn möglich ihn zu weiterer Mittheilung zu veranlassen. „In Sachen, die ihn und mich betreffen", entgegnete er mit wirklichem Nachdruck, er ging nach wenigen Augenblicken in's Freie hinaus. — — — Der Landkammerrath war in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, seine Gemahlin in der Haushaltung thätig, denn in wenigen Tagen wollten sie sich nach Bodenwald begeben, wo sie seit mehreren Jahren nicht gewesen. Eben streckte er die Hand aus, um seinem Diener zu klingeln, der verschiedene Briefe zur Post besorgen sollte, als dieser eintrat und den Förster Kohring meldete. „Führe ihn hierher", gebot er, während ihn ein unbehagliches Gefühl beschlich, denn er fürchtete in der That, den Man wieder zu sehen, der binnen wenigen Monate» so schwere Verluste zu beklagen gehabt, und die umfangreiche Post seines Gebieters mitnehmend, entfernte sich der Diener. In der nächsten Minute standen sie sich grüßend gegenüber, und der Herr von Bodenwald senkte das Auge vor dem Blick seines langjährigen Dieners. Dies aber währte nur einen Moment, dann sagte er, ihm die Hand reichend: „Wir haben unü lange nicht gesehen, Kohring — wie viel hat sich seit dem Tage ereignet! „Sehr viel, Herr Landkammerrath", erwiderte ernst der Förster, und nahm den Stuhl, auf den dieser, welcher sich ebenfalls wieder gesetzt, deutete. „Es war ein harter Schlag für Sie, binnen so kurzer Zeit Tochter und Frau zu verlieren-" „Ja, beim Himmel! Das war es: — Härter aber noch ist es, sie durch die Schuld Anderer zu verlieren! —" 323 „Durch die Schuld Anderer?" fragte der Landkammerraih, merklich die Stirn runzelnd. -„Herr Landkaininerrath", entgegnete Kohring mit erhobener Stimme, „wäre Ludwig nicht gestorben —" „Meinen Sie meinen Sohn?» fragte der Gutsherr mit Nachdruck. „Ja, Ihren Sohn und meinen Schwiegersohn! — Hätten Sie nicht versucht feine Ehe zu trennen, so lebten er, meine Tochter und Frau noch — —» „So klagen Sie mich wohl gar als die Ursache seines und ihres Todes a>^?" „Auf diese Frage habe ich keine Antwort, Ihr Herz und Ihr Gewissen mag sie Ihnen ertheilen I» „Sie führen hier eine Sprache, Kohring, die Ihnen nicht geziemt, und die ich nur der langen Dienste wegen, die Sie mir geleistet, entschuldige!» „Das ist mir gleichgültig, Herr Landkaininerrath, die Wahrheit mußten Sie einmal aus meinem Munde hören! — Die Vergeltung für das, was Sie mir und meiner Enkelin gethan, ivird nicht ausbleiben, denn es lebt ein Gott im Himmel und der ist noch immer gerecht gewesen!" Der Landkaininerrath saß sprachlos da, noch nie hatte er Worte gleich diesen, am wenigsten aber aus dem Munde eines Untergebenen vernommen. Sein Zorn hatte dabei den höchsten Grad erreicht, denn seine Augen flammten, und seine Stirnadern schwollen bedenklich an. Kohring, der seinen Vorgesetzten besser als sonst Jemand kannte, sah dies, beachtete es aber nicht, sondern fuhr fort: „Und jetzt noch eine Mittheilung, Herr Landkammerrath l — Sie sehen mich heute für lange Zeit zum letzten Mal — mein Aufenthalt in dieser Gegend wird nur noch von kurzer Dauer sein!" „Sie wollen fort?" rief der Herr von Bodenwald, dem diese, ihn persönlich berührende Nachricht die Sprache wiedergegeben. „Das gestatte ich nicht, glauben Sie so ohne Weiteres meinen Dienst verlassen zu können?" „Ich thue es wenigstens, Herr Landkammerrath! — Sie werden leicht einen andern Förster finden, und einstweilen kann der Jägerbursche unter Bergmann's Aufsicht arbeiten! — Auf Wiedersehen somit, Herr Landkammerrath l — Wann und wo das sein wird, müssen wir Gottes Willen anheiln geben, vielleicht auch finden wir uns erst in jenem Leben wieder, wohin uns die Unsrigen vorangegangen sind." Nach diesen Worten verließ er den stumm dasitzenden Herrn von Bodenwald und dessen Haus und begab sich zu einen« Nechtsanwalt, der zugleich sein Jugendfreund war« Mit diesem sprach und arbeitete er lange, ordnete seine Vermögensverhältnisse, traf mancherlei Verabredungen und nahn» dann in herzlicher Weise von ihm Abschied. Als am Abend er sein Haus wieder erreichte, eilten ihm Bergmann's und seine Nichte entgegen, und der Verwalter sagte mit unverkennbarer Aufregung: „Kohring, ivie lange bist Du geblieben! — Wir haben Deinetwegen eine namenlose Angst gehabt-« „Angst um mich?" fragte fast verwundert der Förster. „Freilich, es ist Abend geworden, doch konnte ich das diesen Morgen nicht voraussehen. Meine Angelegenheiten aber sind geordnet», und sich an seine Nichts wendend, setzte er hinzu: „Und sobald Du den Hausstand besorgt und eingepackt hast, Wilhelmine, können wir fortgehen!" „Fortgehen?" wiederholten überrascht diese und Bergmann's. „Fort von hier?" „Ja", entgegnete er mit dumpfer Stimme, „ich muß fort, muß vergessen lernen! — Der Schmerz um die Verlorenen, die Erinnerung an sie, die hier lebhafter als an einem anderen Orte ist, würde mich sonst überwältigen, denn Niemand weiß und ahnt, was ich während dieser letzten Monate gelitten!" Die Frauen konnten sich der Thränen nicht enthalte», der Verwalter aber sagte M herzlichem, theilnehmendem Ton: „Du sollst es vorläufig bei einer Reise bewenden lassen, alter Freund — —^ „Um wieder hierher, zu denselben Menschen und in dieselben Verhältnisse zurückzukehren? — Nein, das kann ich nicht, ich muß eine andere, mir ganz fremde Umgebung haben —" „Und die kleine Anna — Ihre Nichte hier?" „Meine Enkelin nehme ich mit, und Du, Wilhelmine", wandte er sich dann an diese, „willst Du mich ebenfalls in die neue Heimath begleiten?" „Ja, Onkel", antwortete Frau Albrecht bewegt. „Kannst Du Dich aber auch entschließen, die alte aufzugeben, auf lange Zeit von ihr getrennt zu sein?" „Ja, Onkel, das kann ich, denn in der alten Heimath habe ich alles begraben, was meinem Herzen lieb und theuer gewesen!" „Kohring", sagte jetzt die Verwalterin, die noch kein Wort gesprochen sondern nur «oll Besorgnis; die leuchtenden Augen und glühenden Wangen ihres langjährigen Freundes betrachtet hatte, „fast sollte man meinen, Sie hätten bereits einen Aufenthalt, der Ihnen '»sagt, gefunden." „Das habe ich auch, Frau Bergmann." „Und wo ist er?" fragte schnell der Verwalter. „Das ist vorläufig noch mein Geheimniß, und wird es Euch noch lange bleiben, denn Ihr werdet gewiß meinen Wunsch ehren und unseren künftigen Wohnort nicht zu entdecken suchen." „Das kann aber nicht lange währen, Kohring, bedenke, wir Beide sind Vormünder Deiner Enkelin!" Bis zu ihrer Mündigkeit werde ich Sorge für sie tragen", entgegnete entschieden der Förster. „Sollte ihr oder mir etwas Menschliches begegne«, so wirst Du davon in Kenntniß gesetzt!" „Und ihr Vermögrn?" „Verwalte es, wie Du angefangen! — Ich habe es zurückgewiesen, vielleicht thut auch sie es einstmals bei ihrer Mündigkeit!" Eine längere Pause trat em, dann erhoben sich Bergmann's und der Verwalter sagte: „Kohring, wir nehmen heute noch nicht Alles, was Du uns gesagt, als beschlossen und abgemacht an, und hoffen, Du läßt morgen noch mit Dir reden!" „Nein, Bergmann, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe!" „Und kannst Du Dich wirklich so leicht von den Gräbern der Deinen trennen?" „Von ihren Gräbern, nachdem ich mich von ihnen selbst habe trennen müssen? — Sie würden mich, wollte ich hier bleiben, bald nach sich ziehen, und ich muß der kleinen Waise wegen leben, wie ich es ihrer Mutter versprochen! — Auch weiß ich die Gräber hier in guter Hut, und die Geister der Meinigsn sind um mich, wo ich auch bin!" „Guts Nacht denn, Kohring» — —" „Gute Nacht, alter Freund", und er reichte ihm und seiner Gattin seine Hände, „gute Nacht Frau Bergmann! — Erhaltet mir, wo ich sein möge, Eure Freundschaft, ich werde Euch das treueste Andenken bewahren!" Sie drückten sich herzlich und bewegt die Hände, dann gingen Bergmann's ihrer Wohnung zu, der Förster aber in sein Zimmer, nachdem er noch vorher seine schlafende Nichte geküßt. — XIII. Die Kindheitslage von Förster Kohrings Enkelin verflossen in einem herrlichen Walde, an dessen Eingang seine Dienstwohnung lag. Zur Sommerszeit mit den Vögeln Lie in den Bäumen nisteten und sangen, mit den Eichhörnchen, die auf deren Zweige und Aestö umhersprangen; mit den schillernden Schmetterlingen und Insekten, die, wein; sie Blumen pflückte, oder Waldbeeren und Kräuter suchte, sie umflatterten, oder bei ihr im Grase krochen und an ihr vorüberschössen, und dir, wenn sie besonders schön waren, ,re zu hasche» strebte, doch nur, um sie sich genauer anzusehen und ihnen die Freiheit wieder zu geben. Aber auch zur Winterszeit hatte der Wald große Anziehungskraft für des Försters Enkelkind. Wenn da, so weit ihr Auge reichte, der Schnee den Erdboden, die Zweige der Bäume, die grünen Tannen und Gebüsche deckte, so daß sie in der hellen Dezemberoder Januarsonne glänzten und glitzerten, dann jubelte sie laut und eilte, unbekümmert um Kälte und Einsamkeit, bewundernd von Baum zu Strauch, schüttelte diese auch wohl, daß sie einen Theil ihrer Last auf sie herabfallen ließen, und lief dann lachend weiter, gefolgt von einem großen Neufundländer, den ihr der Großvater als Hüter und Gefährte gegeben. Die Waldvogel schrieen dann wohl über ihrem Kopfe, und wären mit den Eichhörnchen näher gekommen, denn sie kannten des Försters Enkelkind, das zur Winterszeit ihnen Futter brachte, allein sie fürchteten seinen Begleiter, dessen tiefes, munteres Bellen weithin hörbar war. Gefahr gab es für sie im Walde nicht, da ihr Großvater, die Forstgehülfen und Jägerburschen stets darin beschäftigt waren, und auch die Axthiebe der Holzhauer, die ringsum herrschende Stille unterbrachen. Ebensowenig kannte sie aber Furcht, denn die Bäume und Sträucher, die Rehe und Hirsche, welche sich blicken ließen, waren ihr gleich lieben alten Freunden vertraut, und von ihrem Wolf begleitet, wäre sie zu jeder Tageszeit in den Wald gegangen, um ihren Großvater aufzusuchen, oder Bestellungen für ihn auszurichten. Fast sieben Jahre hatte bereits Förster Kohring mit seiner Nichte und Enkelin im nördlichen Deutschland gelebt. Sie waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sein Haar merklich ergraut, seine Züge tief gefurcht, doch war ihm die stattliche, aufrechte Gestalt und auch die kräftige Gesundheit früherer Jahre geblieben. Die Zeit hatte den Schmerz um den so frühen Verlust seiner Kinder und Gattin gemildert, doch war seiner Herzensivuude der Stachel geblieben, der sich bald mehr, bald weniger geltend machte. Aus der alten Heimath und von den alten Freunden und Bekannten hatte er wahrend all' der Jahre nichts erfahren; sein Freund, der Nschtsanwalt schrieb ihm zwar bei jedem Jahreswechsel, doch wurden, wie verabredet, nur Geschäftsangelegenheiten erwähnt. Sein jetziger Aufenthalt sagte ihm zu; er hatte einen bedeutend größeren Wirkungskreis als er in Vodenwald gehabt, und war ihm dieser die beste Zerstrennng» Frau Albrecht, die sich während der verflossenen sieben Jahre kaum verändert, fühlte sich ebenfalls in der neuen Heimath wohl, in der sie gleich ihrem Onkel sich jeder Verbindung mit der alten enthalten. Sie war ihm eine treue Tochter, seiner Enkelin eine liebevolle Mutter geworden und stand mit Eifer und Umsicht seiner großen Haushaltung vor. — (Fortsetzung folgt.) T o n k i »r g. Während de Vrazza sich aufgemacht hat, um das Congo Gebiet für Frankreich zu annectiren, ist die französische Republik im Begriff, in Hinter-Asien einen Conflict aufzunehmen, dessen Tragweite noch nicht zu übersehen ist- Die allgemeine Lage scheint freilich keineswegs dafür einladend. Jules Simon bezeichnet sie in seinem neuesten Buch mit dem Worte: „keine Regierung im Innern und i>» Ausland kein Frankreich." Aber vielleicht eben weil die Republik in Europa isolirt und ohne Einfluß ist, fühlen die gegenwärtigen Machthaber das Bedürfniß, ihre Macht im fernen Osten zu heben und sich selbst im Sattel zu halten. So tragen sis denn trotz der immer bedenklicher werdenden finanziellen Lage, welche in sinkenden Einnahmen und steigenden Deficits sich kundgibt, kein Bedenken, fünf Millionen zu fordern, um Frankreichs Ansprüche i» Tonking sicher zu stellen. Daß dieser Credit bewilligt wird, ist kaum zu bezweifeln, obwohl die Masse des sranzösiichen Volkes gar nicht kriegerisch gesinnt ist und genug an der tunesischen Intervention hat, welche ihm so schwere Summen gekostet hat. Wie das Unternehmen ab- — 326 — laufen wird, ist schwer zu ermessen« Es kann gelingen, wenn China neutral bleibt, wird aber selbst in diesem Falle schwerlich wirklich greifbare materielle Bortheile bringen. Jedenfalls wird es nicht ohne Interesse sei», die dortigen Verhältnisse sich kurz zu vergegenwärtigen. Bis zum 15. Jahrhundert war Tonking Vasallenstaat China's; 1428 erreichte es unter China's Suzerainetüt und der Li-Dynastie eine Selbständigkeit, welche 300 Jahre dauerte. Im 18. Jahrhundert brachen dynastische Kämpfe aus, und einer der Prätendenten rief auf den Rath eines französischen Missionärs Ludwig's XVI. Hülfe an, die dieser durch einen Vertrag vom 28. Ncvember 1787 zusagte; als Aeguivalent war die Abtretung der Bai und Halbinsel von Turon an Frankreich zugesagt. Die Revolution verhinderte die Ausführung dieses Vertrages. 1858 führte eine Christenverfolgung in Annam zu einer französisch-spanischen Intervention, die unter Einfluß eines Bürgerkrieges mit der Eroberung der drei Südprovinzen von Cochin-China: Mytho, Saigun und Bienhoa, endete. Der Führer der Aufständischen bot sogar Frankreich das Protectorat über ganz Anna»» an, aber der französische Admiral lehnte dies ab. Der Rothe Fluß war damals noch nicht bekannt, und Niemand ahnte die Wichtigkeit, »wiche seine Entdeckung Tonking verleihen würde, indem dessen Besitz nicht nur dem Eigenthümer eine fruchtbare Provinz, sondern auch eine große Handelsstraße nach der südchinesischen Provinz Wnnan gibt, welche damals noch in den Händen von Rebellen war. Diese Entdeckung ist Jean Dupuis zu verdanken, welcher 1860 nach China kam, als der englische Admiral Hope den Jang-tse-Kiang heraufging, um die drei neuen Häfen auszuwählen, welche nach dem Vertrag von Tientsin dem fremden Handel eröffnet werden sollten. Dupuis ließ sich in dem obersten derselben, Hankau, nieder, studirte das Land und die Mittel, europäische Handelsbeziehungen auszudehnen, wofür er sein Auge besonders auf Süd-China warf. Er wußte, daß es den Franzosen mißlungen war, dorthin durch Kambodja und auf dem Me-Klong vorzudringen; er unternahm es, die Aufgabe durch den Song-Klong oder Rothen Fluß zu lösen, der in Jünnan entspringt und Tonking von Nord-Ost nach Süd- West durchzieht. Er schloß sich 1870 dem chinesischen Befehlshaber Ma an, welcher damals gegen die muselmännischen Aufständischen zu Felde lag, und führte von der Grenze von Tonking unter großen Gefahren und Mühen eine Reise aus, die ihn schließlich an den Rothen Fluß brachte, den er bis Kuen-Si, dem ersten annamitischen Posten befuhr, wo man ihn nöthigte, umzukehren. Die mögliche Verbindung aber war festgestellt, und nicht minder hatte er auf seiner Fahrt gesehen, daß das Land reich an tropischen Pro- ducten, Kohlen, Eisen, Zinn, Kupfer und Silber sei. Die Chinesen hätten sich dasselbe gern durch ihn gesichert; aber er hatte Frankreichs Interessen im Auge und ging nach Paris, um die Hülse der Regierung für seine Pläne nachzusuchen. Thiers aber hatte 1872 an andere Dinge zu denken, und lehnte ab. Dupuis rüstete auf seine Kosten ein kleines Geschwader aus, kam damit Ende dieses Jahres im Tonking-Busen an und entdeckte einen Canal, der ihn nach Hanoi, der Hauptstadt der Provinz, 30 Meilen von der See, führte. Die Ankunft dieser ersten europäischen Expedition erfüllt« die annamitischen Mandarinen mit Schrecken; sie wagten nicht, dieselben offen anzugreifen, aber verhielten sich doch feindlich, worauf Dupuis sie mit seiner kleinen Schaar angriff und in die Citadelle trieb, indem er sich der Stadt bemächtigte, deren Einwohner sich freundlich zeigten. Mit der Hüfte seiner Leute zog er dann auf dem Rothen Strome weiter nach Jünnan, wo er den ihm bekannten chinesischen General traf, der nunmehr den Aufstand unterdrückt hatte. Nach seiner Rückkehr nach Hanoi schickte er einen Vertrauten nach Saigun, um dem französischen Gouverneur klar zu machen, daß das Erscheinen einer kleinen französischen Macht hinreichen würde, um das französische Protectorat über zehn Millionen Tonlingesen aufzurichten, die das annamitische Joch haßten, aber zu schwach feien, es abzuschütteln. Die Franzosen hatten inzwischen ihren Besitz in Cochinchina durch wiederholte Annexionen erheblich ausgedehnt. Der Gouverneur Duprö sandte nun den Lieutenant Garnier nach Hanoi, welcher von der Regierung die Oeffnung des Rothen — 327 — Flusses fordern sollte. Je nach der Haltung des Hofes zu Huä sollte das Vorgehen zu einem Protectorat oder Gründung einer Colonie führen. Garnier, der das Land bereits gut kannte, erschien am 6. November 1873 mit einer kleinen Macht in Hanoi, kam sofort mit den Mandarinen in Conflict, besetzte die Stadt und nahm die Regierung des Landes mit bc!vuiid,rnswerther Energie in die Hand. Aber in einem Treffen mit Räubern fiel er frühzeitig und inzwischen war auf Andringen des Hofes von Huä von Saigun Air. Philaster gesandt, der alles rückgängig zu machen suchte, was Garnier gethan, Hanoi wurde geräumt und Dupuis gezwungen, sich zurückzuziehen. Der Vertrag vom 15. Mai 1874 anerkannte indeß die frühern Annexionen Frankreichs und beseitigte die Suzerainetät China's, indem die Unabhängigkeit des Königs von jeder fremden Macht in einer besondern Clausel ausgesprochen wurde. Annam versprach, seine auswärtige Politik nach der Frankreichs zu richten, wofür dieses ihm Schutz gegen fremde Intervention und Seeräuber zusicherte und militärische Jnstructoren, Ingenieure und Zollbeamte zu schicken versprach. Der christlichen Religion wurde volle Duldung zugesagt, drei Häfen in Tonking und der ganze Lauf des Rothen Flusses sollte dem auswärtige» Handel geöffnet sein, und in jenen Häfen französische Consuln eingesetzt werden mit Gerichtsbarkeit über alle fremden Ansiedler jeder Nation, die auch nur mit französische» Pässen im Lande reisen dürften. Dieser Vertrag, gegen den China sofort kraft seiner suzsrainen Rechte über Tonking protestirte, zeigte sich in zwei Hauptpunkten als unausführbar. Ein Mal konnte kein auswärtiger Staat zugestehen, daß seine Angehörigen, welche in einem als unabhängig anerkannten Lands wohnten, der Gerichtsbarkeit französischer Beamten unterworfen seien, und bei etwaigen schweren Anlagen zur Aburtheilung nach Frankreich geschickt werden könnten. Sodann ist aber der Rothe Fluß nicht wirklich geöffnet, weil einerseits Räuberbanden dem entgegentraten, anderseits chinesische Truppe» von Norden in Tonking einrückten, indem der Hof von Peking nicht erlauben will, daß Frankreich in einer von ihm abhängigen Provinz die große Verbindungsader zwischen Minna» und der See beherrscht; Annam aber erklärte sich außer Stande, den Vertrag gegen diese doppelten Störungen durchzuführen. Daraus ergaben sich denn fortwährende Conflicte, in deren Verlauf die französische Politik je nach den innern Strömungen wechselte. Der Gesandte der Republik in Peking, Mr. Bourröe, hat in einem Vertrage die suzerainen Rechte China's anerkannt, wie behauptet wird mit Zustimmung des Präsidenten Grövy, welcher der ganzen Unternehmung abgeneigt ist. Das gegenwärtige Ministerium aber hat die Ratifikation des Vertrages verweigert, den Gesandten abberufen und will ostensibel den Vertrag von 1874 zu voller Ausführung bringen, thatsächlich Tonking in einer oder der andern Form unter Frankreichs Botmäßigkeit bringe». Es braucht kaum gesagt zu werden, daß England bei seiner Stellung in China diesem Unternehmen eben so ungünstig ist, wie den Ansprüchen, dir Frankreich in Madagascar und . am Congo geltend machen will. (Kreuzzeitung.) Soldköruer. 0. Es ist Geduld ein rauher Strauch Voll Dornen aller Enden, Und wer ihm naht, der merkt es auch An Füßen und au Händen. Und dennoch sag' ich laß die Müh' Dich nimmermehr verdrießen, Sci's auch mit Thränen spät.und früh Ihn treulich zu beziehen. Urplötzlich wird er über Nacht Die Mühen Dir belohne», Wenn über all den Dornen lacht Ein Strauß von Dornenkrone». Wilhelm Wackernagel. 328 Miseell-n. („Oh, Abraham!") Unter diesem Titel erzählt ein Amerikanisches Blatt nachfolgende für den Charakter, wie für das Familienleben des unvergeßlichen Präsidenten Lincoln bezeichnende Anekdote: In der Nacht, die der Präsidentenmahlversammlung in Chicago vorherging, kam Lincoln erst um 11 Uhr Nachts nach Hause. Am folgenden Morgen machte Mrs. Lincoln, welche nicht eben die sanftmüthigsten Anlagen besaß, ihrem Galten sehr ernste Vorstellungen. Sie gab ihm ziemlich zu verstehen, daß ihn die Politik zu schlechten Gewohnheiten verleite, ihn bis spät in die Nacht in allerlei Wirthshäuser führe, während sie mit den Kindern allein aufbleiben müsse, und daß sie keineswegs gesonnen sei, derlei Unregelmäßigkeiten zu dulden. „Heute," schloß sie ihren Sermon, „sage ich Dir, Abraham, gehe ich punkt zehn Uhr zu Bett. Wenn Du vor dieser Zeit nach Hause kommst, dann ist's gut, wenn nicht — ich stehe nicht auf, um Dich einzulassen.« Zehn Uhr schlug es an dem betreffenden Abend, und Mrs. Lincoln ging, getreu ihrem Worte, mit den Kindern zu Bette. Etwa eine Stunde später klopfte Lincoln an das Hausthor. Er klopfte einmal, zweimal, ja sogar dreimal, ehe ein Fenster im Oberstock geöffnet wurde, und eine weibliche Nachthaube zum Vorschein kam. — „Wer ist da?" — „Ich." — «Du weißt, was ich Dir gesagt habe, Abraham!" — „Ja, aber Frau, ich habe Dir etwas ganz Besonderes mitzutheilen. Laß mich ein!" — „Ich brauche nichts zu hören. Wahrscheinlich wieder irgend ein politischer Unsinn!" — Aber, Frau, es ist sehr wichtig. Ich habe eine telegraphische Depesche erhalten, daß ich zum Präsidenten erwählt worden bin." — „Oh, Abraham!" rief nun Mrs. Lincoln im Tone der höchsten Indignation: „das ist wirklich zu arg!" Ich habe bisher nur vermuthet, daß Du Dich auswärts betrinkst, nun aber weiß ich es! Geh nur Deiner Wege und schlafe Dich dort aus, wo Du Dir Deinen Rausch angetrunken hast!" Und raffelnd ging das Fenster nieder. Zur nicht geringen Verwunderung der liebenswürdigen Frau bestättigte sich am nächsten Tage, daß der beste Anekdotenerzähler der ganzen Umgegend in der That be- rusen worden war, 40 Millionen seiner Mitbürger zu regieren. (Ein drolliger Brief) mit einer Einlage von 50 Mark ist dieser Tage an einen Berliner Nechtsanwalt von einem, seiner Clienten angekommen. Das Schreiben lautet: „Bester Herr Anwalt! Sie haben mich vor etwa 6 Monaten vertheidigt, wo ich einen Hund auf den Haussirer Wenzlaff gehetzt, den das Thier furchtbar zerrissen und ich noch gehauen haben soll. Ich konnte damals blos 10 Mark Vorschuß geben, aber Sie haben doch einen von Ihren Arbeitern hingeschickt, der seine Sache sehr gut gemacht hat, denn ich mußte selber staunen, daß ich freigesprochen wurde. Ihr Vertreter sprach für mich so schön und so merkwürdig, daß ich beinahe selber glaubte, der Wenz- laff hat Unrecht. Wenn der Herr noch lange gesprochen hätte, so wäre es beinahe dahin gekommen, daß der Hund nicht den Wenzlaff, sondern der Wenzlaff den Hund gebissen hat. Ich bedanke mich für die Freiheit, die ich Ihnen verdanke, und schicke Ihnen hier noch 50 Mk. als Lohn für die Vertheidigung, wovon Sie ja dein jungen Mann etwas abgeben können." (Aus dem Gerichtssaale.) Richter: „Ihr seit heute schon zuu sechzehnten Male wegen Taschcndiebstahls vor Gericht." — Angeklagter: „Es ist nicht meine Schuld, Gnaden Herr Gerichtshof, denn bevor man noch rechte Zeit hat zum Ehrlichwerden, sperr'n s' Einen ja schon wieder ein." (Eins nach dem andern.) Kellner: „Herr Wirth, die Gäst' halten sich auf, daß das Essen zu wenig gesalzen ist." — Wirth: „So? Na — die soll'n nur warten, bis ich mit der Rechnung komm'." (Schiefe Ansicht.) Maler: „Ja, Freund, was ist's denn mit Dir, Du hast ja gar nix mehr als Versatzzetteln!" — Schreiber: „Ja, weißt, bei der jetzigen Zeit ist's das allerbeste, man legt ftin Vermögen in Pfandbriefen an." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 42. 1883. ,ur „Äiigsimrger Pojheitima." Samstag, 26 . Mai Des Jörsters Enkelkind. « Original-Novelle von MaryDobson. (Fortsetzung.) Des Försters Enkelkind, jetzt fast zehn Jahre alt, hatte mit seinem Aufenthalt auch seinen Namen gewechselt» denn Ersterer wollte nie mehr das Wort Bodenwald hören, wie es auch nicht über seine Lippen kam. Anna führte den Namen Herfeld, galt aber im Uebrigen für das, was sie war und hatte in der neuen, ihr überaus zusagenden Heimath, nicht die geringste Erinnerung an Bodenwald, den Buchenhof und die Familie Bergmann behalten, ebenfalls war ihr ihr eigentlicher Name fremd und sie kannte sich nur als Anna Herfeld. Sie hatte sich kräftig entwickelt, und ward täglich ihrem Vater ähnlicher, eine Aehnlichkeit, die oft den Förster schmerzlich überraschte. Ihre tiefblauen Augen blickten bald ernst und sinnig, bald lebhaft und munter, je nach den Gefühlen, denen sie Ausdruck gaben; sie konnten aber auch zornig funkeln und dann glich Anna Herfeld vollkommen dem Landkammerrath von Bodenwald. Sie hatte ein charakteristisches, ein Familiengesicht, das man jedoch für den Augenblick, da es für ihre Jahre zu alt war, kaum hübsch finden konnte. Ihr goldblondes Haar legte sich in reichen Wellen um eine zu hohe weiße Stirn; ihre feingebogene Nase, wenn sie auch dem Kinserantlitz etwas Aristokratisches gab, war für dies zu groß und um den selten schön geformten Mund. lagerte «in zu ernster Zug, der selbst, wenn Anna lächelte, nicht ganz schwand. Von der Natur mit reichen Anlagen, mit einem weichen Herzen und Gemüth ausgestattet» hatte sie früh schon ein großes Verständniß für die Gefühle und Leiden Anderer. Sie wußte, daß ihres Großvaters stetem Ernst, den sie nur selten auf Augenblicke weichen sah, frühere traurige Familienereigmfse zu Grunde lagen, und kannte so viel wie erforderlich» diese auch. Ebenso wußte sie, daß ihre Tante herbe Schicksale und viel Leid erlebt, und daß Beide nicht gern auf die früheren Jahre zurückkamen, weshalb sie auch mit zunehmendem Alter nur selten der Vergangenheit erwähnte. Das Försterhaus von Vahrenwald — so hieß auch das nächste Kirchdorf — lag an einer Landstraße, welche durch den Forst führte, und hatte zu beiden Seiten verschiedene Nebengebäude. In ersterem herrschte zu jeder Tageszeit reges Treiben, wie es eine rege Haushaltung mit sich brachte, die Frau Albrecht fast den ganzen Tag in Anspruch nahm, und mit ihr, ungeachtet des langjährigen Dienstmädchens, ihre Nichte, die ihr in allen Arbeiten geschickt zur Hand ging. Die freien Nachmittagsflunden wurden zu Anna's Unterricht verwandt, die bisher noch keine Schule besucht hatte. Der Förster wollte sie deshalb weder in'S Dorf schicken, noch sie in der entfernten Stadt in Pension geben, sondern er und seine Nichte halten beschlossen, eine Erzieherin anzunehmen, die sich ihr den ganzen Tag widmen konnte. Dies war für den Winter bestimmt, während des Sommers sollte Anna sich noch ihrer Freiheit freuen. Frau Albrechts Bemühungen, um ihrer Nichte verschiedene Fertigkeiten beizubringen, waren indeß nicht ohne Erfolg geblieben. Sie hatte längst die Anfangsgründe alles Wissens, Lesen, Schreiben und Rechnen inne, und auch die Anfangsgründe aller Geschick« lichkeit, Stricken und Nähen, begriffen. Wenn auch in allem erlernten Wissen gegen andere Kinder ihres Alters und Standes zurück, hatte Anna viel aus eigener Anschauung und Beobachtung der Natur gelernt, und so glaubten denn ihr Großvater und ihre Tante, daß bei ihren glücklichen Faffungsgaben sie das bisher Versäumte leicht nachholen werde. Als eines Nachmittags — es war um die Mitte Juni — Frau Albrecht und ihre Nichte vor der Thür saßen, wie dies stets bei schönem Wetter geschah, und Letztere zum ersten Mal nach gedruckten Vorlagen geschrieben, näherte sich der Förster, eine» bereits geöffneten Brief in der Hand haltend, und- zu ihm aufblickend gewahrte Frau Albrecht eine nicht zu verkennende Erregung seiner Züge. Bei diesem Anblick, wie beim Anblick des großdn Siegels, das sich auf dem Schreiben befand, bemächtigte sich ihrer ein- sichtliche Unruhe, welche dem scharfen Auge des Försters nicht entging, welcher auf seine Hand blickend, sagte: „Dieser Brief ist von unserer Nachbarin, der Gräfin Steinhorst. Ein Bote, den ich unterwegs getroffen, hat ihn mir übergeben!" „Von der Gräfin Steinhorst?* fragte erstaunt Frau Albrecht. „Ja, und der Inhalt wird Dich eben so sehr überraschen, wie er mich überrascht hat!" antwortete der Förster, neben seiner Enkelin auf der Bank Platz nehmend. „Da bin ich neugierig, ihn zu erfahren, Onkel, denn die Gräfin Steinhorst muß eine besondere Veranlassung dazu gehabt haben, an den Förster Kohring zu schreiben!" Dieser antwortete nur durch einen bedeutungsvollen Blick und das Heft seiner Enkelin sehend, sagte er in ermunterndem Ton, während seine Züge sich etwas erheiterten: „Das hast Du recht hübsch geschrieben, Anna, die neuen Vorlagen gefallen Dir wohl? — Uebrigens sehe ich, daß Du schon sehr fleißig gewesen bist, denn da liegt ja Dein Lesebuch und Deine Tafel, auf der ein Exempel neben dem andern steht!" Das erhaltene Lob hatte auf Anna's Gesicht ein leichtes Erröthe» hervorgerufen und die Feder bei Seite legend erwiderte sie: „Ja, Großvater, ich habe auch schon gelesen und gerechnet, und will noch die neuen Handtücher nähen!" „Laß das heute, Anna", unterbrach ihre Tante. „Wir haben hier schon zwei Stunden gesessen und Du kannst zu Christine in den Garten gehen!" „Ich habe für beide eine Besorgung", sagte jetzt der Förster, und wollte sie in's Dorf schicken-" „In's Dorf? Nach Vahrenwald?" rief lebhaft Anna, welcher die Aussicht auf eine Abwechselung sehr zusagte. „Was sollen wir dort, Großvater?" Der Holzhauer Steffen hat mir gesagt, daß seine kranken Kinder kräftige Speisen genießen dürfen, und da meine ich, Ihr könntet seiner Frau Einiges zubereitet hintragen; Wilhelmine", wandte er sich dann an seine Nichte, „füge auch einige Flaschen von dein guten alten Wein hinzu, damit die arme Frau, die durch die Pflege so lange gelitten, wieder zu Kräften kommt!" Frau Albrecht entfernte sich, um in umfassender Weise den Wunsch ihres Onkels zu erfüllen, Anna aber brachte ihre verschiedenen Arbeiten in Sicherheit und eilte dann in den Garten zu Christine, welche ebenso erfreut war, über die Aussicht in's Dorf zu gehen, wo sie Bekannte hatte. Beide machten sich zum Ausgehen bereit und traten bald, nachdem Anna von ihrem Großvater und ihrer Tante Abschied genommen, mit einem größeren und kleineren Korbe, von Wolf begleitet den Weg an. Der Förster hatte unterdeß in ernstem Nachdenken dagesessen, und sich in dichte Tabakswolken gehüllt. Als seine Nichte ihren Platz wieder eingenommen, begann er» auf das Schreiben deutend: „Der Brief macht mir große Sorge, Wilhelmine! — Lies ihn mir noch einmal vor, damit wir den Inhalt überlegen und einen Entschluß fassen können!" Neugierig öffnete ihn Frau Albrecht; er war mit fester deutlicher Geschäftshand geschrieben, die nicht die schon ältere Dame verrieth, und lautete: «Herr Förster! Erlauben Sie mir hierdurch eine Anfrage. Wären Sie geneigt einen jungen Menschen, lassen Sie mich nur gleich sagen meinen Enkel, als Eleven oder Pensionär» für ein Jahr, vielleicht auch länger bei sich aufnehmen? Er ist 16 Jahre alt, hat Ostern die Schule verlassen, und ist von zarter Gesundheit, weshalb ich Beschäftigung in der freien Luft zuträglich für ihn halte. Zugleich ist es für ihn, der nach seiner Mündigkeit die Verwaltung dreier Güter antreten soll, erforderlich, daß er die nöthigen Kenntnisse dazu erlangt, und müssen sich diese auch auf das Forstsach erstrecken. Vor allen Dingen aber liegt mit bei seiner Jugend daran» ihn den Händen eines tüchtigen verständigen Mannes zu übergeben, als welcher Sie genugsam bekannt sind. Können Sie daher auf meinen Wunsch eingehen, so lassen Sie es mich morgen missen» wo ich Ihnen dann Waldemar vorstelle» und das Weitere mit Ihnen überlegen werde» Mit aller Hochachtung Eleonore Gräfin v. Steinhorst." Frau Albrechts Hand sank in den Schooß, sie blickte auf ihren Onkel, der sich und sie fast mit Tabakswolken umgeben und langsam sagte: «Nun, Wilhelmine, was meinst Du zu dem Vorschlag der Gräfin?" „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Onkel", entgegnete diese nachdenklich. «Wie richtig auch Alles ist, was sie schreibt, wundert es mich dennoch, daß sie, die als adelstolz bekannt ist, und für ihren Enkel gewiß «in Unterkommen in Familien ihres Standes finden könnte —" Diesen dem Förster von Vahrenwald übergeben will, nicht wahr?" ergänzte der Förster mit gerunzelter Stirn. „Nun ja, Onkel —" „Du hast nicht unrecht, Wilhelmine, und auch ich hätte es von der Gräfin kaum geglaubt. Außerdem", setzte er nach einem liefen Zuge aus seiner Pfeife hinzu, „will mir der Gedanke nicht in den Sinn» daß wir wiederum mit Adeligen in Verbindung treten, nachdem ich mit ihnen abgethan zu haben gemeint, nachdem so lange Jahre darüber hingegangen daß —" und innehaltend blies der Förster gewaltige Rauchwolken vor sich hin. Auch seine Nichte blickte schweigend in's Weite, über die ihr liegende Grasfläche hinweg, in den dichten Wald, der im saftigen Sommergrün, beleuchtet von der Nachmittagssonne vor ihnen lag. Nach längerer Pause sagte sie in herzlichem Ton: „Laß die Vergangenheit ruhen, Onkel, und wecke nicht die Todten, die so lange sanft geschlummert! — Denke nicht an jene Zeit zurück-" „Wilhelmine", stieß fast heftig Kohring hervor, „kann ich denn unterlasse», daran zu denken, wenn ich doch das verwaiste Kind um mich habe, und täglich und stündlich daran erinnert werde, was es in zarter Kindheit verloren, und verloren durch die Schuld — —" „Onkel, ich bitte Dich nochmals, sprich nicht weiter", unterbrach ihn, Thränen im Auge, feine Nichte. «Ich muß, Wilhelmine, es muß einmal wieder über meine Lippen!" fuhr hastig der Förster fort. „Nachdem sieben Jahre darüber hingegangen» daß der Adelstolz und Hochmuth eines Menschen, dreien der Meinigen das Leben gekostet, und mich gezwungen, die alte Heimath und theure Freunde zu verlassen, ich schwer, unaussprechlich schwer gelitten, und geglaubt, für alle Zeiten mit Seinesgleichen fertig zu sein, kommt plötzlich diese Gräfin Steinhorst mit ihrem Anliegen --" 332 „Schlag es ihr ab", unterbrach Frau Albrecht, „es wird sich schon ein gütiger Grund dazu finden! Thue das lieber jetzt, damit nicht später Dich der Anblick des jungen Menschen aufregt und Dir schadet." „Du hast Recht, Wilhelinine", entgegnets ruhiger der Förster und nahm das Schreiben vom Tische auf. Was kümmert uns auch der Enkel der Gräfin Stcinhorst, den ich im Leben noch nie gesehen!" und langsam den Brief entfaltend, begann er ihn noch einmal zu lesen. Seine ihn aufmerksam beobachtende Nichte gewahrte bald, daß in seinen Zügen eine Verändeung vorging; der traurig düstere Ausdruck schwand etwas« „Wilhelmine", sagte der Förster, „wir wollen noch keinen Entschluß fassen, ich will nur die Sache bis morgen überlegen." „Thue das Onkel," antwortete ruhig Frau Albrecht, „und laß uns jetzt von andern Dingen reden. Ich will die Zeitungen holen-" „Sieh einmal die Landstraße hinunter," fuhr lebhafter der Förster fort, „kommt da nicht ein Wagen durch den Wald? Wahrhaftig! und ich glaube, es sind die vier Füchse der Gräfin! Sollte sie es gar selbst schon sein?" „Unmöglich, Onkel, sie hat ja kaum den Brief geschickt!" Den habe ich gleich am Nachmittag in Empfang genommen, und sie mag Eile haben!" erwiderte Kohring und den Brief in die Brusttasche steckend, erhob er sich lind that einige Schritte um die Rasenfläche. Bald sah er, daß er sich nicht getäuscht. Der Wagen kam näher, fuhr auf den Forsthof und hielt nach wenigen Sekunden vor dem Wohnhause. Den Schlag öffnend half er der Gräfin beim Aussteigen, die ihn und seine Nichte förmlich begrüßte, während der Wagen bei Seite fuhr. Sie war eine kleine Frau von zartem Körperbau, die bereits das sechzigste Jahr überschritten, mit ernsten strengen Gesichtszügen, denen man es ansah, daß auch ihr das Leben Sorge und Kummer gebracht, ein Ausdruck, dem die kalt und gemessen blickenden hellblauen Augen nicht widersprachen. Kaum hatte sie der Höflichkeit genügt, als sie sich an Kohring wendend hastig fragte: „Wie ist es, Herr Förster, haben Sie meinen Brief gelesen, und meinen Vorschlag erwogen?" „Meine Nichte und ich haben soeben darüber gesprochen, Frau Gräfin", antwortete Kohring, sie zu der Bank führend. „Und meinen Sie darauf eingehen zu können?" „Wir haben noch keinen Entschluß gefaßt!" „So lassen Sie uns die Sache jetzt besprechen und wenn möglich abschließen", fuhr die Gräfin mit unverkennbarer Aufregung fort. „Ich habe nämlich diesen Nachmittag einen Brief von meiner Tochter bekommen, dir, was Sie wohl kaum wissen, an einen Gutsbesitzer in Schlesien verheirathet ist. Durch einen unglücklichen Sturz vom Pferds kränklich geworden, ist augenblicklich der Zustand meines Schwiegersohnes sehr bedenklich, so daß sogar die Aerzte eine Gehirnerweichung für ihn befürchten. Meine durch diese Erklärung schwer getroffene Tochter wünscht meinen baldigen Besuch, da auch um diese Zeit ihre älteste Tochter sich verheirathet, und sie sehr in Anspruch genommen wird. Es war meine Absicht, nachdem ich Waldemar untergebracht, den Winter in Schlesien zu verleben, doch hatte ich nicht daran gedacht, daß sie meiner schon so bald bedürftig sei!" „Sollte der jünge Graf Sie nicht gern begleiten wollen?" siel der Förster ein. „Das ist mir gleichgültig", entgegnete sie mit kälterer Stimme, „er muß sich darein fügen, was ich für rathsam halte. Doch ich habe Ihnen das Alles geschrieben und frage Sie nun, ob Sie meinen Enkel, wenigstens während meiner Abwesenheit hierher nehmen wollen, weil ich sonst kaum weiß, wo ich ihn unterbringen soll", und ihre Gesichtszüge nahmen einen berümmerteu Ausdruck an. (Fortsetzung folgt.) Die sixtinische Kapelle in Rom. Mit Schmerz las Einsender dieser Zeilen in Nr. 39 der „Neuen Augsburg« Zeitung" eine Notiz, datirt Nom, 12. Februar 1883 folgendes: „Wie die „Capitale" versichert, wird der einst weltberühmte Chor in der sixtinischen Kapelle immer kleiner und unbedeutender. Der ganze Chor soll nur aus wenigen Sängern dritten Ranges bestehen. Hoffentlich ist die Meldung der „Capitale" nicht buchstäblich wahr, wenn aber, so ist der schwerwiegende Inhalt obiger Zeilen der, daß die sixtinische Kapelle in Bälde aufgelöst sein dürfte. Es ist deßwegen wohl ganz und gar opportun, in kurzen bündigen Sätzen der sixtinischen Kapelle auch in diesen Blättern, welche stets für das Schöne und Edle ihre Spalten öffnen, zu gedenken. Ein doppelter Begriff -liegt in den Worten „sixtinische Kapelle". Für's erste bezeichnet man damit eine der Hauptsehenswürdigkeiten Noms im Vatikan, für's zweite wird damit die Gesangesschule selbst bezeichnet, welche feit Jahrhunderten unsterblichen Namen führt, an welcher die größten Meister gewirkt, und in welcher Compositionen zu Gehör geführt wurden, wie sonst vielleicht nirgends. Die Kapelle selbst, schlechthin auch nach dem Papst Sirius IV. (1471—1484) Sixtina genannt, wurde 1473 durch den römischen Baumeister Pintelli angelegt. Dieselbe ist ungemein reich ausgestattet und stellt ein Muster architektonischer Schönheit dar. Das Schönste in derselben ist das Fresko- Gemälde „das jüngste Gericht", von dem Maler Michael Angelo (geb. 1474, gestorben zu Rom 1504), welcher dasselbe unter dem Papste Clemens VI!. innerhalb des Zeitraumes von sieben Jahren malte. Das Bild hat die kolossale Höhe von 60 Fuß und nimmt die ganze Altarmand der Kapelle ein. In dieser Kapelle werden die unsterblichen Werte eines Palestrina, eines Allegri u. s. w. aufgeführt von der weltberühmten Sängerschule, der sixtinischen Kapelle. In Nom bestanden seit dem Papste Gregor den: Großen Sängerschulen, berühmt weit und breit, aus diesen Schulen nun wurde die sixtinische Kapelle gebildet, und war so gleichsam die Elite der Elite. Das Institut wurde gegründet 1545 unter Papst Paul III. (1534—1549), gerade in einer Zeit, in welcher der kirchliche Gesang ausarten wollte, so daß das Concil von Trient ausdrücklich befehlen mußte: „al» ooolcsiis varo urusioas aas, ubi snD ur->Äiu>, oivs cniitu lauoivuin uut impurum ali^uict mii-cmtur, nrosant.^ Palestrina selbst, welcher durch seine „nstssu Llarealli" den Ehrenamen eines Homer der älteren Kirchenmusik sich erwarb, und sich desgleichen durch seine „Impro^Lria" unsterblichen Ruhm erworben, war eine Zeit lang Vorstand der sixtinischen Kapelle, wurde aber wegen Verheirathung unter Papst Paul entlassen, später wieder aufgenommen, weil ein Palestrina nur allein der damalige Dirigent sein konnte. Die Mitglieder der Kapelle dürfen nämlich nicht verheirathet, und nicht über dreißig Jahre alt sein; sie müssen aus guter Familie stammen und dürfen noch nie gerichtlich bestraft worden sein. Alle haben priesterliche Kleidung und die Tonsur zu tragen, und müssen fünf verschiedene Prüfungen bestehen im Choral-, im Figuralgesang und im Contrapunkt. Daß sämmtliche Mitglieder sich nur aus den tüchtigsten, geschultesten Sängern rckrutiren, mag auch daraus erhellen, daß Proben nur im äußersten Nothfall gehalten werden. Die Sänger haben bei allen gottesdienstlichen Handlungen, die der Papst selbst vornimmt, den Gesang zn besorgen, und jedes: muß. demselben bei seiner Aufnahme, welche durch Abstimmung geschieht, Treue geloben. Zu dem Archiv, in welchen: sich gegen fünfhundert Gesangesstücke befinden, die sonst nirgends auf der Welt sind, hat außer dein jeweiligen Kapellmeister Niemand Zutritt, außer der heilige Vater gäbe speziell seine Erlaubniß dazu. Der letzte berühmte Direktor war Baust, der jetzige heißt, wenn wir uns nicht täuschen, Mustapha. Das Großartigste, was man in Musik und Gesang leisten kann, wird von der Kapelle aufgeführt in der heiligen Charwoche, und die Perle aller Aufführungen ist die des Miserere am heiligen Charfreitag. Dasselbe ist von Gregorio Allegri, neben Palestrina der berühmteste Componist aus der altitalienischen Schule, Hnd ist zweichörig. Dasselbe muß wirklich großartigen, gewaltigen Eindruck machen. Kaiser Leopold I. (1657—1705) erbat sich eine Abschrift, die er auch erhielt; — 334 — es wurde in Wien aufgeführt, doch lange nicht mit dem Erfolg und der Wirkung, wie zu Rom. Deshalb glaubte man, der römische Kapellmeister habe ein unechtes gesandt, und er wurde abgesetzt. Nachdem er sich gerechtfertigt, wurde er wieder aufgenommen; das echte Miserere hatte er wohl nach Wien geschickt, aber den Geist, welcher demselben innewohnt, konnte er eben nicht absenden. Der Heroe der Musik, Mozart, hörte es zweimal und schrieb es dann auswendig nieder. Im Jahre 1860 wurde es in Wien wiederholt aufgeführt und ist jetzt eine Abschrift von demseben vorhanden in der Nusisa saora bei Kühne!. Auch vom König Friedrich Wilhelm IH. von Preußen ist bekannt, daß er im Jahre 1822 in Rom die sixtinische Kapelle hörte und die Aufführungen derselben ungemein lobte. Von dem bedeutenden Musikkenner und Musiker Mendelssohn dagegen wissen wir, daß er, nachdem er die Kapelle gehört, in einem Brief an seinen Lehrer Zelter in Berlin schrieb, daß die Leistungen nicht gar so großartig seien, wie man ihm erzählt, und wie er gelesen. Betreffs dieses Urtheils dürften vielleicht die Worte hierher gesetzt werden: „äs ^ustibus non s^t ämputunäum." Hoffen wir, daß das weltberühmte Institut nicht seinen Ruhm verliert oder gar auf den Aussterbeetat gesetzt wird! Wer des Weitem sich mit der Kapelle beschäftigen will, findet hinreichenden Stoff in der „Geschichte der sixtinischen Kapelle" von Adrien de la Zage und in der „päpstlichen Süngerschule in Rom" von Eduard Schelle. Was uns -er Strumpf erzählt. Der Gebrauch der Strümpfe, wie wir sie heut' zu Tage tragen und jetzt täglich unter den fleißigen, deutschen Frauenhänden entstehen sehen, ist noch nicht so gar uralten Datums und Ursprunges. Die Alten trugen bekanntlich überhaupt keine Strümpfe; die Römer umwickelten ihre Beine mit Binden, und auch später bedienten sich ihrer vorerst nur Weiber, Kranke oder für weichlich geltende Personen. Erst im 5. und 6. Jahrhundert wurde der Gebrauch durch die Germanen ein allgemeiner, und zwar bestanden jene Strümpfe aus Leder, Tuch oder Wollenzeug, und waren mit den Hosen gleich verbunden, bis dann — erst im Jahre 1560 — durch die Schweizer gestrickte Strümpfe aufkamen. Die Königin Elisabeth von England (1556—1603), welche nicht nur, wo sich irgend eine Gelegenheit bot, die brittische Mannfactur zu fördern suchte, sondern auch außerdem eine große Vorliebe für fremde, schöne Kleidung und Moden besaß, mochte fortan gar keine Tuchstrümpfe mehr tragen, nachdem man in ihrem dritten Negierungsjahr, so bald gestrickte Strümpfe aufgekommen waren, ein Paar davon ihr überreicht hatte, so wohl war sie zufrieden mit der neuen Errungenschaft. Diese Strümpfe der Königin bestanden aus Seide, und waren in England selbst verfaßt, d. h. gestrickt worden, was als einen sehr großer Triumph der Kunst und Wissenschaft galt; die Strümpfe damaliger Zeit bestanden sämmtlich und allgemein aus Seide, Leinwand, Wolle, gezwirnter Gaze, feinerem Garn oder Tuch von allen Farben, mit Zwickeln, offenen Säumen u. s. w. Maria Etuart z. B., Elisabeth's besiegte Feindin, trug bei ihrer Hinrichtung Strümpfe von blauer Wolle mit Silber durchwebt, und darunter ein Paar weiße. Aber auch die Zeit war nicht mehr fern, wo alle mit der Hand gearbeiteten Strümpfe in den Hintergrund treten sollten, während das Tragen von Strümpfen nun allgemein gebräuchlich wurde, denn es nahete, als wichtiger Moment in der Lebensgeschichte der Strümpfe der „Strumpfwirkerstuhl" in eigener Gestalt, erfunden 1589 durch William Lee in Cambrigde, welchem dafür die Ehre zu Theil ward, nebst seinen Brüdern zu „Hoflieferanten" ernannt zu werden, d. h. sie durften die Strümpfe ihrer Majestät arbeiten. Concurrenzneid trieb sie später dann nach Frankreich; so gelangte die Strumpfwirkerei auch nach dorthin zu Anfang des 17. Jahrhunderts, während sie in Deutschland erst anno 1700 erschien, um sich dort in Erlangen, und später namentlich im sächsischen Erzgebirge heimisch zu machen. — Der Strumpfwirkerstuhl erfuhr freilich im Laufe der Zeiten mancherlei Lerände» - 333 — ungen und Verbesserungen, und das Tragen von Strümpfen ist so allgemein Brauch und Sitte, daß man fast meint, es müsse gar immer so gewesen sein, und doch hat es einst eine Zeit gegeben, in der noch nicht der Strickstrumpf der beachtenswerthe Concurrent des Strumpfwirlstuhles das rechte, echte Attribut der deutschen Hausfrau, ihr Zufluchtsort, ihr zweites Ich und schönes Vorrecht war! — Andere Zeiten, andere Sitten! Würde man doch jetzt aucy recht erstaunt drein blicken, wenn ein Paar Strumpfbänder noch ein ebenso kostbarer Gegenstand wären, wie damals, zur Zeit der Königin Elisabeth, wo das Paar oft fünf Pfund» also etwa 100 Mark, kostete! — Nein, auch das besorgt der deutsche Strickstrumpf heut' zu Tage billiger! — Klara Reichner. N h e i n f a h r t. Nun rinnen alle Quellen Gebt Ränzlein mir und Stab: Mit fröhlichen Gesellen Zieh' ich den Rhein hinab! Weiß keiner um den andern, Sind doch sich herzlich gut: Im Frühling muß man wandern, Da blüht so reich der Muth. Seht ihr das Land sich spiegeln Im Strom, der fluchend kreist? Laßt feiernd uns entsiegeln Der Rebe kühnen Geist! Stoßt an, die Jugend lebe, Die Liebe und der Wein, Durch's Blau ein Engel schwebe, Und Frühling soll es sein! Der schroffe Fels mit Schweige» Blickt nieder, burggekrünt, Doch bald mit sanftem Reigen Er sich dem Thal versöhnt. Mit bräutlichem Erschwellen Sein User küßt der Strom, Es schaut sich in die Wellen Die Stadt mit ihrem Dom. Wohl mag auf weiter Erde Manch trautes Plätzchen sein, Doch stets ich rasen iverde: Am schönsten ist's am Rhein! Mögt ihr den Borzug geben Neapel und Byzanz: - Es ist nur halbes Leben, Am Rhein nur lebt sich's ganz! Du Fei mit blonde» Haaren, Geliebtes Schifferkind, Du möchtest wohl erfahren, Wer die Geselle» sind? Die Herzen sich erweitern, Du knüpfst die Locke los; Wie freudig wollt' ich icheiter Bor deinem Zauberschloß l Wie lieblich hat die Sage Seit Alters ihn verklärt l Bis in die jüngsten Tags Hat sich fein Ruhm bewährt l Wo echtes Lied erklungen Im weiten, deutschen Land, Bon ihm hat es gesungen, Und er gibt ihm Bestand. O Lust, sich hinznwiegen Auf feuchter Wasserbahn, Wenn gold'ne Wolken fliegen Und milde Lüfte nah'n! An grünen Rebenhänge» Vorüber geht die Fahrt, Vergang'ne Zeiten dränge» Sich j» die Gegenwart. Wie Griechenlands Camöne*) An Delphi's Quell geruht, So schöpfen deutsche Söhne Aus feiner grünen Fluth: Da singt so säusle Weise Der Nixe Zaubermund, Und jeder Schmerz wird leise Und sinkt hinab zum Grund. Wie einst der kluge Hagen - Das blinkende Geichmeid', Hab' ich in schlimmen Tagen Darin versenkt mein Leid; Des Herzens Wünsche streben Zurück mir an den Rhein: Am Rheins möcht' ich leben Und auch begraben sein! Geschrieben in der Türkei im Frühlinge des Jahres 1876. Franz Wisbacher. *) Muse. M i s - s l l e,r. (I'iillö i8 mone^.) Eine humoristische Geschichte, die sich auf der tragischen Brandstätte des Berliner National-Theaters abspielte, wird in den Theaterkreisen Berlins erzählt. Als Herr Hofbuchdrucker Möser vor dem Gebäude angelangt war und in höchster Aufregung mit den Feuerwehrleuten conferirte, benutzte ein Herr die ungemein passende Gelegenheit, um sich dem Besitzer des Theaters — vorzustellen. Es war dies Herr Benno von Donat, der Direkter des National-Theaters, welcher die Bekanntschaft des Besitzers noch nicht gemacht hatte. Herr Möser, der in diesem Augenblicke wohl Anderes zu thun hatte als gesellschaftliche Artigkeiten auszutauschen» lehnte in seiner begreiflichen Irritation mit den Worten: „Ich habe keine Zeit, übrigens hätten Sie sich mir schon längst vorstellen sollen" ab." Herr v. Donat ist wirklich Stoiker eoinm il kaut, das Wort des Horaz „auixe Iioras" scheint einen „unauslöschlichen" Eindruck auf ihn gemacht zu haben. (Ein geriebener Junge.) Die „Düsseld. Volksztg." erzählt: Ein früherer Professor am Düsseldorfer Gymnasium erzählte, daß er am zweiten oder dritten Tage seines Hierseins sich im Nebel verlaufen und seine Wohnung nicht habe finden können. Er fragte deshalb einen Jungen von hier: „Kleiner, wenn Du mir zeigst, wo die Schadowstraße ist, so erhälst Du zwei und einen halben Silbergroschen." „Dann müßt ehr se mir evver vorher gebe," habe der Junge geantwortet. Seinem Wunsche sei willfahrt worden, worauf der Junge seine Kührerdienste dadurch kurz erledigte, daß er sagtet „Här, ehr steht drop!" Der Junge, der die Wahrheit gesagt hatte, sei darauf im Nebe! verschwunden. (Ein Haar im Zopf gefunden.) Der Pariser „Figaro" weiß genau Bescheid, wie die österreichische Kaiserin frisirt wird. Er erzählt, daß die Friseurin Ihrer Majestät -erst dann, wenn andere Dienerinnen bereits alle Vorarbeiten gemacht, hinzu tritt, um die Coiffure zu vollenden. Die Kaiserin hat bekanntlich sehr schönes langes Haar und da habe nun — so will das genannte Blatt erfahren haben — eine Steirerin die Haare, welche beim Auskämmen am Kamme verblieben gesammelt, zu einem Zopfe gebunden und denselben zum Preise von mehreren tausend Gulden einem reichen Engländer verkauft. Am österreichischen Hofe jedoch sei man sehr empört gewesen über diesen Mißbrauch und habe die Betreffende sofort ihres Dienstes entlassen. (Das Eldorado der Avokaten) scheint der Staat Newyork zu sein. Dort finden unter einer Bevölkerung von etwa 5 Millionen Menschen nicht iveniger als 8000 bis 10,000 Advokaten ihr tägliches Brod. In ganz England gibt eS nur 11—12,000 Advokaten. _^ (Auch ein Scheidungsgrund.) Advokat: -Sie wollen von Ihrem Manne geschieden werden — welchen Scheidungsgrund haben Sie?" — Dame: „Wissen Sie, ich kann so 'ne gute andere Partie machen." Original-Lilben-Näthsel. * Drei Silben breiten über Mausoleen Die schlanken Arme leidverkündend aus. Sie sind des Todes prunkende Trophäen Und mahnen an des Menschen letztes Hans. Du hörst in ihnen Geisterstimmen wehen. Und es ergreift dich Wehmuth, Furcht und Graus; Wo sie ihr traurig stolzes Haupt erheben, Verstummt die Lust, ersterben Krast und Leben. Drum tilg' die erste Silb' und epikurisch Lachet dir das Leben, denn ein Kunstgebild, Dem Weingott werth, erscheint, worauspurpurisch Ein Freudenborn aus tausend Ritzen quillt: Ergreif ein Trinkgesäß, sei es etrurisch, Seis vom gemeinsten Thon, und ist's gefüllt, Entleer' es, schlag die Grabgedauken nieder Und still' es aus dem Kunstgebild Dir wieder. Doch dies versiegt mit seiner Freudenqucllc Raubst Du ihm vorne nur ein Zcichcnpaar, Es wandelt sich eine in wahre Hölle Mit einem Funkensprühenden Altar. Trübscl'ge Gnomen steh'n an seiner Schwell« Und bringen Opfer dem Vulkane dar. Allein besäng ich ihre schwarze Thaten, Dieß Räthsel würd' ein Kind sogar errathen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugslmrger postzeitimg." Nr. 43. Mittwoch, 30. Mai 1883. Des Försters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Frau Albrecht empfand bereits die aufrichtigste Theilnahme mit der Gräfin Steinhorst und war geneigt auf ihren Wunsch einzugehen, während auch ihr Onkel für die Frau, die er ihres rastlosen Wirkens willen hochachtete, eine Art Mitleid fühlte. Seine Nichte bedeutungsvoll ansehend, erwiderte sie dies durch einen bejahenden Blick, worauf er zu der Gräfin sagte: „Wir können es ja einmal mit dem Junker versuchen, Frau Gräfin, und sehen, wie wir uns gegenseitig gefallen!" „Das freut mich, Herr Förster", erwiderte diese sichtlich erleichtert, und fügte, sich an seine Nichte wendend, hinzu: „Sind Sie auch der Ansicht, Frau Albrecht?" „Gewiß, Frau Gräfin, ich stimme mit meinem Onkel überein!" „Nun gut, so versuchen wir es, obgleich ich glaube, mein Enkel wird sich Ihre Zuneigung bald erwerben. Ünd nun noch eine Frage — eine Geschäftsfrage — wie viel Kostgeld beanspruchen Sie?" „Wie viel Kostgeld?" fragte einigermaßen überrascht der Förster, der an ein solches noch nicht gedacht. „Lassen wir das einstweilen, Frau Gräfin-" „Nein, nein", erwiderte diese schnell und ihre Wange röthete sich leicht, „habe ich es doch auch dem Professor bezahlt! — Ich werde Sie doch den Grafen Steinhorst nicht umsonst unterhalten lassen, wenn es auch kein Geheimniß geblieben, daß er der ärmste seines Namens ist." Frau Albrechts Züge verriethen eine plötzliche Besorgniß, denn auch das Gesicht des Försters röthete sich, der eben noch so wohlwollende Ausdruck desselben schwand und mit scharfer Betonung erwiderte er: „Nein, Frau Gräfin, das können Sie allerdings nicht! — Für den Grafen Steinhorst muß natürlich ein Kostgeld bezahlt werden und so sagen Sie mir, wie viel Sie dem Professorgegeben?" „Jährlich vierhundert Thaler, außer einigen Nebenausgaben", erwiderte ruhig die Gräfin, während Frau Albrecht ihren Onkel noch immer besorgt betrachtete. „Dann wollen wir die Hälfte sagen, ohne alle Nebenausgaben", fuhr nach kurzem Bedenken der Förster fort. Das Leben hier draußen im Walde ist billiger als in der Stadt, und auf einige Hülfe kann ich bei dem Junker auch wohl rechnen, indeß der Professor noch Arbeit und Mühe von ihm gehabt!" „Damit bin ich einverstanden", antwortete die Gräfin, „vorausgesetzt, daß Sie Ihre Rechnung dabei finden!" „Das lassen Sie meine Sorge sein, Frau Gräfin!" 338 „So wäre denn der Vertrag auf unbestimmte Zeit abgeschlossen, und ich werde die erforderliche Ausstattung meines Eekels schicken; wann können Sie ihn aufnehmen?", „Wann Sie wollen, Frau Gräfin!" „Schon morgen!" „Ich werde Ihnen ihn selbst zuführen!" „Weiß der Junker, daß er Steinhorst schon wieder verlassen soll?" „Ich habe es ihm diesen Morgen mitgetheilt und ihm zugleich vorgestellt, daß er sich die zur Verwaltung seiner Güter erforderlichen Kenntnisse erwerben müsse. Sein Großvater und Vater hatten das nicht gethan, und ich habe mit den Folgen schwer zu kämpfen gehabt!" Sie setzten dies Gespräch fort, indeß Frau Albrecht sich rn's Haus begab, um einige Erfrischungen zu holen. Die Gräfin nahm von dem ihr dargebotenen Wein und Kuchen und fragte nach Anna, die sie ebenfalls kannte. „Sie ist mit dem Mädchen in's Dorf gegangen", antwortete der Förster, „doch glaube ich, sie kommen zu sehen!" Wirklich kamen Beide, begleitet von dem Neufundländer, die Straße gegangen, und zwar wie sich erkennen ließ, in lebhaftem Gespräch. Der Weg über den Forsthof war bald zurückgelegt und während Christine, die Gräfin begrüßend, in's Haus ging, schritt Anna dem Platz vor der Thüre zu und begrüßte ebenfalls den ungewohnten Gast, ihren Großvater und ihre Tante. Diese erwiderten freundlich ihren Gruß, und ihr die Hand reichend, sagte die Gräfin in der ihr gewohnten schnellen und schroffen Sprachweise: „Guten Tag, mein Kind. Kennst Du mich noch?" „Gewiß", entgegnete Anna mit der ihr eigenen Unbefangenheit, ich habe Sie noch kürzlich in der Kirche gesehen!" „Da hätte ich Dich doch auch bemerken müssen!" „Ich war den Tag mit Christine gegangen, und weil wir uns verspätet, bekamen wir nur noch einen Seitenplatzl" „Auf dem Kirchenweg sollte man sich nie verspäten, mein Kind", antwortete streng die Gräfin, des Försters Enkelkind zugleich aufmerksam betrachtend. „Es kam auch nur, weil wir einer kranken Frau Wein gebracht, den ich doch nicht mit in die Kirche nehmen konnte." „Das ist allerdings wahr!" — Gewiß aber bist Du heute wieder bei Kranken gewesen, denn Du, wie Deine Begleiterin hatten Körbe-" Anna sah auf den Großvater, der sie liebevoll anblickend, sagte: „Erzähle der Frau Gräfin nur, was Du und Christine in Vahrenwald gethan-" Anna berichtete umständlich von ihrer Mission und Frau Steffens Dank und Freude über den Inhalt der Körbe und fügte schließlich hinzu: „Die armen Kinder müssen sehr krank gewesen sein, denn sie sind schrecklich bleich, und können nicht gehen noch stehen." Die Gräfin zog ihre Geldtasche hervor, nahm fünf Thaler aus derselben und sagte' sie Anna reichend: „Du gehst gewiß bald wieder zu Frau Steffen, mein Kind, dann bringe ihr auch dies Geld für ihre kranken Kinder —" „Das will ich thun, Frau Gräfin", entgegnete lebhaft des Försters Enkelkind. „Darüber wird sie sich gewiß sehr freuen, denn sie hat Christine erzählt, daß ihr Mann für die theure Medizin fast sein ganzes Geld ausgegeben." Frau Albrecht reichte ihrer Nichte jetzt ebenfalls Kuchen und Wein, die Gräfin aber sagte nach kurzer Pause: „Du wirst einen Hausgenossen bekommen, mein Kind, Morgen bringe ich meinen Enkel 339 „Anna blickte sie überrascht an, sah dann auf ihren Großvater und ihre Tante und mußte in deren Augen eine Bestätigung gelesen haben, denn sie sagte; „Ihren Enkel, Frau Gräfin? — Ist das wohl der große Junge, der mit Ihnen in der Kirche war?" Ueber die ernsten Züge des Försters und seiner Nichte huschte ein Lächeln, die Grüsin aber erwiderte ruhig: „Ja, mein Kind!" „Was soll er bei uns?" fuhr Anna unbeirrt fort. „Geht er nicht mehr in die Schule? —" „Nein, er hat sie verlassen und wird bei Deinem Großvater arbeiten." „Will er auch ein Förster werden?" „Jetzt überflcg der Gräfin Angesicht ein leises Lächeln und dann das Kind forschend und prüfend ansehend erwiderte sie: „Nein, er muß Landmann werden, denn er hat von seinem Vater drei Güter geerbt. Weil aber zu diesen große Waldungen gehören, soll er hier lernen —" , „O, ich weiß es schon", unterbrach sie Anna lebhaft, „ich weiß, was die Jägerburschen und Forstgehülfen bei meinem Großvater lernen und habe oft gesehen, —" „Du spielst wohl viel im Walde und bist dort lieber, als in der Schule?" sagte mit merklicher Betonung die Gräfin. Kohring und seine Nichte blickte,« erwartungsvoll auf Anna, welche auch sogleich mit einen« ruhigen Blick auf diese entgegnete: »Ich spiele nie im Walde, Frau Gräfin, und gehe nur dorthin, wenn es sein muß, und mein Großvater und meine Tante es wünschen. — I» einer Schule bin ich noch gar nicht gewesen-" Anna blickte rathlos auf ihren Großvater und ihre Tante, welche der Gräfin erklärte, «vie es sich mit dieser Sache verhielt und was in dieser Beziehung ihr Onkel für seine Enkelin zu thun gedachte. Nach einigen Augenblicken erhob sie sich, »vas ihren» Kutscher das Zeichen vorzufahren war. Noch einmal erklärend am folgenden Morgen mit ihrem Enkel kommen zu wollen, nahin sie von der Familie Abschied und verließ den Forsthof. Ihr nachblickend, als sie auf der Landstraße dahin fuhr, sagte Anna, den Arm um ihres Großvaters Schultern legend: „Großvater, die Frau Gräfin gefällt mir nicht, «vie ich das rvohl immer gedacht, wen» sie mir auch das Geld für Frau Steffen gegeben!" „Weshalb nicht, «nein Kind?" fragte Kohring, die Pfeife wieder zur Hand nehmend» und sah zugleich in die ernstblickenden Augen seiner Enkelin. „Sie ist gewiß recht strenge-aber ich kann das rechte Wort nicht finden-" „Gib Dir deshalb keine Mühe, Anna", entgegnete ihr Großvater und that die ersten Züge aus seiner Pfeife. „Wir werden sie den ganzen Winter nicht wiedersehen, denn sie' reist schon in diesen Tagen zu ihrer Tochter." Das freut mich aber ihres Enkels wegen. Wie heißt er?" „Sie nannte ihn Waldemar." „Es wird Waldemar bei uns gewiß besser gefallen, als in Steinhorst. — Wenn ihm drei Güter gehören, so ist er wohl sehr reich?" „Noch nicht, Kind, doch kann er, wenn er fleißig und sparsam ist, es einmal werden. Sein Vater und Großvater haben sehr viel Geld gebraucht, mehr als sie gehabt und er und seine Großmutter «nüssen das wieder bezahlen. Doch das verstehst Du noch nicht-" „Nein, Großvater", erwiderte Anna nachdenklich, das verstehe ich noch nicht. Wenn ich aber größer und älter bin-" „Ja, Kind, wenn Du größer und älter bist, wirst Du Manches sehen, hören und verstehen lernen, von dein Du jetzt keine Ahnung hast", erwiderte Kohring und that hastige Züge aus seiner Pfeife, ein sicheres Zeichen, daß schwere, traurige Gedanken sich seiner bemächtigt. — 340 XIV. Junker Walbemar war im Försterhause von Vahrenwald eingezogen und am nächsten Tage die Gräfin nach Schlesien abgereist. Seitdem waren mehrere Wochen verflossen, man hatte den neuen Hausgenossen kennen gelernt und sich an ihn gewöhnt. Seine äußere Erscheinung entsprach der Beschreibung seiner Großmutter; er war klein und schmächtig, hatte eine bleiche Gesichtsfarbe, hübsche, offene, doch kindliche Züge, braune, etwas träumerisch blickende Angen und reiches, hellbraunes Haar. Durch ein bescheidenes, aufmerksames Betragen gewann sich Waldemar bald Aller Zuneigung, wie man ihm auch mit Freundlichkeit entgegen kam. Dem Förster schloß er sich besonders an, und widmete sich den ihm neuen Arbeiten in Wald und Flur mit großem Eifer. Er und Anna standen auf geschwisterlichen, Fuße, doch blickte sie voll Anerkennung und Bewunderung zu ihm auf, denn ihr war schon klar geworden, daß er viel gelernt, und aufmerksam lauschte Sie, wenn er mit ihrem Großvater über Dinge sprach, die sie nicht verstand. An einem Sonntag Nachmittag unternahm seiner Gewohnheit gemäß, der Förster mit den Seinen, zu denen er jetzt auch den Junker zählte, einen Spaziergang durch den Wald, nachdem sie am Morgen die Kirche besucht. Die beiden Jüngsten der Gesellschaft gingen lebhaft plaudernd und von Wolf begleitet voran, während langsam die Aelteren folgten. Sie eine Weile schweigend betrachtend, sagte endlich der Förster: „Der Junker hat sich allem Anschein nach hier schnell angewöhnt und ist ein anstelliger Bursche, der sich gebrauchen läßt. Ich habe das auch der Gräfin geschrieben, deren Brief ich bereits beantwortet habe." „Sie hat offenbar das Richtige für ihren Enkel gewühlt", entgegnete Frau Albrecht. „Das hat sie ohne Zweifel, da er sich hier auch körperlich erholt. Ob aber auch wir es gethan —" fügte der Förster mit Nachdruck hinzu. — „Was meinst Du, Onkel?" fragte schnell seine Nichte. „Sieh doch nur hin", antwortete er, auf die jugendlichen Gestalten deutend, die jetzt ernst und angelegentlich sprachen. „Bis auf den Neufundländer erinnern sie mich an ein anderes Bild, das mir jetzt so oft wieder vor die Seele tritt!" Frau Albrecht blickte voll Theilnahme auf ihren Onkel, der nach kurzer Pause fortfuhr: „Noch einmal, Wilhelmine, ich weiß nicht, ob ich recht gethan, den Junker hierher zu nehmen. Wie leicht — wie leicht können sie —" „Anna ist noch ein Kind, Onkel, und der Junker nicht viel mehr", unterbrach seine Nichte. „So ging es mit Jenen auch", sagte langsam und seine Worte betonend der Förster, „bis sie älter wurden und die Liebe in die jungen Herzen einzog!" „Der Junker wird nur kurze Zeit hier bleiben —" „Dennoch müssen wir sie so viel wie eben möglich, zu trennen suche» —" „Es wird schwer halten, Onkel. Aber da kommt mir ein Gedanke! — Laß uns sobald wie möglich eine Erzieherin nehme», die sich fortwährend mit Anna beschäftigt —5 „Das sollte ja erst im Herbste geschehen", wandte der Förster ein. „Es wird Dich beruhigen, wenn wir uns schon jetzt nach einer solchen umsehen! — Fahre gleich morgen zur Stadt, zum Physikus, der einmal von einer entfernten Verwandten gesprochen, und weiß er keinen Rath, so laß uns eine Anzeige machen —" ^ „Du magst Recht haben, Wilhelmine", entgegnete nach kurzem Bedenken der Förster, j der einmal diesen Gedanken erfaßt ihn mit seiner Nichte weiter besprach, bis er beschloß, am nächsten Morgen die ersten Schritte zur Ausführung desselben zu thun. Nach manchen vergeblichen Bemühungen war endlich die Erzieherin für des Försters Enkelkind gefunden, und diese auch bereits angelangt. Sophie Dörner war die Tochter der Wittwe eines Arztes in einer mitteldeutschen Universitätsstadt, und dem Förster und seiner Nichte besonders empfohlen. Einige zwanzig 341 Jahre alt war sie, von sanftem, doch bestimmtem Charakter, und verstand es, sich Anna'S Liebe zu erwerben, in der sie eine ebenso fleißige wie begabte Schülerin fand. Nach den Unterrichtsstunden blieb dieser noch Zeit genug, sich ihrem Großvater, ihrer Tante und den häuslichen Arbeiten zu widmen und war dann Sophie Dörner Frau Albrecht eine liebe Gesellschafterin, auch sagte ihr das Leben in dem einsamen Förstcrhause zu, so daß sie sich dort bald heimisch fühlte. (Fortsetzung folgt.) Maiandacht. Es öffnet sich der Schönheit blühend Reich; Was hehr und hold, was hoch und auserlesen, Es huldigt Dir im Wettstreit aller Wesen, Du Herrliche, der nichts Erschafs'ues gleich. O laß auch uns ein Blümlein niederlegen Als Gabe Dir an des Altares Fuß! Dort blüh' es still und trag' als Liebesgras; Der Andacht heil'gen Odem Dir entgegen. . L. Der Einzug des Kaiserpaares irr Moskau. Moskau, 22. Mai. Das große Ereigniß des Tages hat sich vorschriftsmäßig und glücklich vollzogen. Das kaiserliche Paar hat seinen feierlichen Krönungseinzug in Moskau gehalten. Das Wetter war wechselnd. Die Sonne kämpfte mit den Wolken und während eines Theiles der Einzugszeit fiel ein leichter Regen. Stürmischer Jubel, alle erdenklichen Zeichen der Hingebung und Huldigung begleiteten den kaiserlichen Zug. Es war gegen Mittag, als neun Schüsse aus den auf dem Tainizki-Thurm (Tainizki-Thor am Kreml) aufgestellte» Geschützen das Signal zum Beginn des Glockengeläutes von der großen Uspenski-Kathe- drale (Kathedrale der Himmelfahrt Maria — Krönungskirche der Zaren und Begräbniß- stätte der russischen Patriarchen) gaben. Inzwischen hatten die Truppen längs den Einzugsstraßen Aufstellung genommen und sich die an dem Einzug theilnehmenden Fürstlichkeiten, Hofchargen und Deputationen in dem Petrowskipalais einaefunden. Um zwei Uhr stieg der Kaiser, der große Generalsuniform trug, zu Pferde, er ritt ein reichgeschirrtes weißes Pferd, sein Gesicht zeigte den ruhigen und etwas melancholischen Ernst, den man an ihm kennt. Als auch die Kaiserin in ihrer Prachtkarrosse Platz genommen hatte, gab der Adjutant das verabredete Zeichen — aus den gegenüber dem Petromski- Palais aufgefahrenen Geschützen werden drei Schüsse abgegeben und der Zug setzt sich in Bewegung. Was das russische Reich an Glanz und Repräsentation aufbieten kann, ist rn diesen» außerordentlichen Zuge vereiirt. Ihn eröffnete ein Polizeimeister und 12 Gendarmen paarweise zu Pferde, darauf folgte die Eskorte des Kaisers, je eine Schwadron Leibkosaken und Leibdragoner. Dann folgte das Hauptschaustück des Zuges, der sich durch die via triuinxdalio bewegte, die Deputationen der Rußland unterworfenen asiatischen Völkerschaften paarweise zu Pferde, eine wahre Völkerausstellung. Die Mannigfaltigkeit der Kostüme, die Seltsamkeit der Gestalten, ihre würdevolle und getragene Erscheinung gaben eiü Bild von unbeschreiblicher Wirkung. I» den Kreis russicher Uniformen wird man wieder zurückgerufen durch die sich anschließenden Adelsmarschälle, welche den hohen Adel Rußlands geleiten, die stolzeste Aristokratie der Welt, zum Theil prächtige und originelle Erscheinungen. Die kaiserliche Jägerei zu Fuß und der Leibjäger des Kaisers und der Oberjägermeister zu Pferde markiren einen Abschnitt und geben dem Beschauer Zeit, sich zu neuen Eindrücken zu sammeln. Denn jetzt steigert sich die Szene und man wird gewahr, daß der Mittelpunkt dieses ungeheuren Aufgebotes der Selbstherrscher, um den sich alles bewegt und auf den alles zurückführt, sich nähert. In zehn Abtheilungen zu »- 342 Pferde oder in Prachtkarrossen folgen die Krönungsoberzeremonienmeister, Zeremonien- ineisler, Kammerjunker, Kainmerherren, Hofmarschälle, die Kavaliere der fremden Prinzen, die Mitglieder des Neichsrathes und endlich der Oberhofmarschall. Die Leibschwadron des Chevaliergarderegiments der Kaiserin und die Leibschmadron des Leibgarderegiments zu Pferde ritten unmittelbar vor dem Kaiser, dem in angemessener Entfernung folgten Graf Woronzow-Daschkow, der Hausminister, der Kriegsminister und der Befehlshaber des kaiserlichen Hauptquartiers, sowie die Adjutanten vom Dienst. Das Gebrause des wildesten Hurrahschreiens kündigt das Herannahen des Kaisers an und verhallt, wie er im Zug langsam weiter reitend sich entfernt. Als Nebensonnen an diesem Himmel folgen jetzt die Großfürsten und die mit der kaiserlichen Familie verwandten, im russischen Dienst stehenden Fürsten fremder Häuser. Die Großfürsten Wladimir und Sergei sowie der Prinz Alexander Petrowitsch von Oldenburg standen in der Fronte. Unmittelbar vor dem Wagen der Kaiserin ritten die Generaladjutanten, Generale ä 1a suitö und Flügeladjutanten sowie das militärische Gefolge der fremden Prinzen. Hatte sich der Zug bis jetzt durch Würde und Pracht ausgezeichnet, so brachte die jetzt sich anschließende Abtheilung ein neues Element hinein. Der Wagen der Kaisern kommt herbei. Auf den lieblichen Zügen liegt eine gewisse Müdigkeit angedeutet, nicht desto weniger beantwortet die Monarchin mit freundlichem Verneigen die huldigenden Vernetzungen und die stürmischen Zurufe der Menge, durch welche sie passirt. Die Kaiserin sah mit ihrer Tochter, der Großfürstin Tenia, in einem vergoldeten, reichgezierten Paradewagen, dessen beide Beschläge mit großen kaiserlichen Adlern in Diamanten ausgeführt, geziert sind. Die Decke des Wagens stellt eine zusammenlaufende Guirlande dar, die mit einer reich in Rubinen und Smaragden gefaßten Krone abgeschlossen wird. Die Vorderwand und die Seiten des Wagens bestehen fast ganz aus Glas. In den Hang- riemen halten sich zwei Pagen in rothen goldgestickten Kostümen. Gezogen ward der Wagen von einem wundervollen Achtgespann von Schimmeln, neben jedem Thier ein Reitknecht; Stallmeister und Pagen, Kammerkosaken, Reitknechte beschlossen diese Abtheilung. Die Toilette der Zarin und aller Festtheilnehmerinnen ist die national-russische Hostoilette, bestehend aus dem Sarafan (Unterkleid) aus weißem Seidenstoffe mit reichen Goldstickereien im byzantinischen Styl, einem Oberkleid mit langer Schleppe aus strohgelbfarbigen Sammt mit reicher Handstickerei, Arabesken und Blumen kunstvoll in Gold ausgeführt. Das Oberkleid ist dekolletirt, der Brusteinsatz reich in Gold gestickt und mit Edelsteinen besetzt. Die weit aufgeschlitzten sog. polnischen Aermel fallen in malerischen Farben nach rückwärts. Das seingeformte Haupt der Zarin ziert ein Kakoschnik, eine Art von Diadem aus demselben Stoffe bestehend wie die Schleppe, mit Arabesken aus Edelsteinen und Perlen benäht. Diese Kopfzier wird noch durch einen langen, weiten, reich drapirten Tüllschleier gehoben. Der schlanke Hals ist durch eine reiche Niviöre in Brillanten gehoben. Die rechte Hand ist wegen der mehrfachen religiösen Zeremonien vom Handschuh entblößt. Der Kaiserin zunächst folgen in einer sechsspännigen reichvergoldeten Paradekassore die liebreizende Großfürstin Maria Pawlowna (geborene Prinzessin von Mecklenburg- Schwerin), Gemahlin des Großfürsten Wladimir, mit der geistvollen Alexandra Jossifowna, Gemahlin des Großfürsten Konstantin. Diese Galakarosse ist auf Befehl Friedrichs des Großen für die Kaiserin Katharina II. erbaut worden, ist reich vergoldet, auf den Wagenschlägen befindet sich inmitten einer Gruppe von reizvollen Amoretten der Namenszug Katharina's II. Im Innern ist der Wagen mit zarten Malereien vom Pinsel der Maler Wattau und Boucher geziert. Die nächstfolgenden Abtheilungen bildeten die Großfürstin Olga Fedorowna und die Herzogin von Edinburgh; die Herzogin Wera von Württemberg und Katharina von Oldenburg; die Prinzessin Maria von Baden und die Prinzessin Eugenia von Oldenburg, sowie die Herzogin Helene von Mecklenburg-Strelitz. Hierauf folgte die Leibschwadron des Leibgarde-Kürassier-Regiments des Kaisers und die Leibschwadron des Kürassier-Regiments der Kaiserin. Sodann kamen Staatsdamen, Kammer- 343 fräuleiii und Hofmeisterinnen der Kaiserin und der Großfürstinnen, sowie die Hofdamen der ausländischen Prinzessinnen. Den Beschluß des Zuges bilden die Leibschwadronen des Garde-Husaren- und Garde-Ulauen-Negiments. Mit der Ordnung des Zuges waren sechs Zeremonienmeister betraut, welche zur Seite desselben ritten. Um 3 Uhr erreichte die Spitze des Zuges die Stadt bei der Triumphpforte; auf kurz aufeinander gegebene Glockenzeichen vom Twerskoithurm und dem Iwan Weliki wurden 71 Salutschüsse gelöst. Hier erwartete den Kaiser Fürst Dolgoruki, der Generalgouverneur von Moskau und Oberstkrönungsmarschall, umgeben von den kaiserlichen Adjutanten. Bei der alten Triumphpsorte und beim Eingang zum Semljanoigorod (Moskau, das in konzentrischen Kreisen um seinen Mittelpunct, dem Kreml, herangewachsen ist, zerfällt in fünf Haupttheile, welche durch Mauern oder Boulevards von einander getrennt sind, einer dieser Theile heißt Semljanoigorod, so benannt nach den Erdwällen, welche Zar Michael Feodorowitsch aufführen ließ und an deren Stelle jetzt die boulevard- artige Gartenstraße die „Erdstadt" einschließt) ward der Kaiser und die Kaiserin empfangen von dem Moskauer Stadthaupte und den Stadtverordneten, sowie den Moskauer Kleinbürger- und Handwerkerämtern und Innungen. Ani Twerschen Platz stand der Adel des Gouvernements Moskau, am Wosskressenki Thor (auch Iberisches genannt, bildet von Westen her den Haupteingang zur inneren Stadt Kitaigorod) hatten die Behörden Moskaus Aufstellung genommen. Das Wosskressenski hat zwei Thorwege dicht bei einander, zwischen beiden am Fuße des Hügels der zum Krassnajaa-Platze ansteigt, steht die 1669 erbaute Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, welche das berühmteste Heiligenbild Moskaus, das der wunder- thätigen Muttergottes enthält; es ist dies eine genaue 1648 feierlich unter Fasten und Beten angefertigte Copie des wunderthätigen Marienbildes des Iberischen Klosters auf dein Berge Athos, welche von dem Archimandriten und der Bruderschaft dem Zaren Alexis Michailowitsch verehrt wurde. (Das Bild wird fast täglich mit sechs Pferden und Livreebedienten in den Straßen Moskaus herumgefahren, um am Bette von Kranken Wunder zu verrichten oder Familienfesten durch seine Gegenwart die höchste Weihs zu geben, wofür eine Geldvergütung oft bis zu 100 Rubel erlegt wird.) An dieser Kapelle saßen der Kaiser und die Großfürsten ab, verließen die Kaiserin und die Großfürstinnen ihre Wagen, um dem wunderthätigen Bilde ihre Verehrung darzubringen. Mittlerweile machte der Zug Halt und setzte sich derselbe erst wieder in Bewegung, nachdem der Kaiser und die Großfürsten die Pferde, die Kaiserin und die Großfürstinnen die Wagen bestiegen hatten. Der feine Sprühregen, welcher während des Zuges eintrat» schlug den mächtig aufwirbelnden Staub nieder, wirkte somit wohlthätig und vermochte nicht den Eindruck des farbenprächtigen, überaus imponirend wirkenden Gesammtbildes zn beeinträchtigen. An den Hauptpunkten der fast 6 Kilometer langen, mit gelbem Kies bedeckten Triumph- straße sind Tribünen und Pavillons im allrussischen Styl errichtet, reich bemalt, mit Reichsadlern und Bannern in allen Farben geschmückt; für die Illumination und alle architektonischen Linien mit buntfarbigen Lampions ausgezeichnet. Der Zug ward von unausgesetzten brausenden Hurrahs und Hüteschwenken der loyalen Menge begleitet; sobald der Kaiser und die Kaiserin sichtbar wurden, verneigte sich das Volk bis zur Erde. 3'/^ Uhr traf der Zug am Kreml ein; am Eingang zu demselben, an dem merkwürdigsten aller Thore Moskaus, dein Spyassky oder Erlöser-Thor, war der Kaiser von dem Kommandanten von Moskau und einer glänzenden Generals- und Offizierssuite empfangen. Ueber den Zarenplatz erreichte der kaiserliche Zug die Pforte zwischen dem ^wan Welikij und der Archangelskirche. Die ersten Abtheilungen des Zuges waren ohne Aufenthalt über den Palaisplatz hin und am großen Kremlpalais vorbei gezogen und hatten den Kreml durch das Borowizki-Thor wieder verlassen. Nachdem der Kaiser und dre Kaiserin, sowie die Großfürsten und Großfürstinnen bei jener Pforte abgestiegen, betraten sie von dem heiligen Synod und der Geistlichkeit mit Kreuz und Weihwasser empfangen, die Uspenski-Kathedrale, von hier aus begaben sich die Majestäten unter grokem 344 Gefolge nach der Archangel-Kathedrale, wo sie der Erzbischof von Twer empfing. Hier küßten der Kaiser und die Kaiserin die heiligen Bilder und Reliquien und verrichteten ein Gebet an den Gräbern der alten Zaren aus dein Hause Romanow, sodann begaben sie sich unter Vorantritt des Metropoliten in die Blagowjeschtschenski-Kathedrale (Kathedrale der Verkündigung Maria), welche sie, nachdem sie auch hier den Heiligen ihre Verehrung bezeugt, unter Vorantritt der Hofgeistlichkeit und Sänger verließen, um sich über die rothe Freitreppe in das Krcmlpalais zu begeben; an dem Aufgang zur Treppe überreichte der Präsident der Krönungs-Kommission dem Kaiser Salz und Brot. Beim Eintritt in das Kremlpalais wurden 101 Schüsse gelöst uud begann gleichzeitig von allen Kirchen Glockengeläute, welches den ganzen Tag fortdauerte. Bei Beginn der Dunkelheit erstrahlte die Stadt in einem Lichtermeer, nur der Kreml blieb in Dunkel gehüllt. Das kaiserliche Paar hat sich in den Alexandrinenpalast begeben, von wo es zur Krönung nach dem Kreml zurückkehren wird. Das Gefühl hoher Befriedigung über den ungestörten glänzenden Verlauf des Einzuges ist allgemein und erhöht die Stimmung, die in den großen Volksmassen sich als eine religiös bewegte und getragene darstellt. Mit Spannung sieht man dem Krönungsmanifsste entgegen. Durch Fasten und Gebete bereitet sich das kaiserliche Paar auf die Krönung vor, während in den Straßen Moskaus ein unermeßliches Leben fluthet und die letzten Vorbereitungen zu zahllosen Festen getroffen werden. M i s s - l l e rr. (Der erste Journalist.) Wenn man sich bei der Aufsuchung des erste Journalisten nicht auf Europa beschränken will, so muß man als Vater der Journalistik einem Chinesen den Vortritt lassen, und zwar keinem geringern als dem ersten Minig- kaiscr Hung-wu, welcher im Jahre 1336 die jetzt auch in Peking erscheinende Staatszeitung Sin-Pao (Neue Nachrichten) gründete. In Europa war man bisher über den ersten Journalisten noch zweifelhaft; einige nahmen als solchen den Franzosen Theophrast Nenaudot an, der 1623 in Paris die erste regelmäßig erscheinende französische Zeitschrift „Ikouvolls oräma,i'r68 cko ckivers enckroit»" — von 1631 „Oanotts äo l?ranes" — herausgab. Diese Annahme ist jedoch ungerechtfertigt, da bereits im Jahre 1609 der Straß- bürger Johann Carolus die regelmäßig erscheinende Straßburger Zeitung in's Leben rief. Der Titel dieser nachweislich ältesten Zeitung, von welcher noch «in ganzer Jahrgang in der Heidelberger Bibliothek vorhanden ist, lautet: „Relation Allen Fürnemmen vnd ge- denkwürdigen Historien, so sich hin vnd wider im Hoch vnd Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott- und Engelland, Hisspanien, Hungarn, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türky rc. Jnn diesem 1609 Jahr verlauffen vnd zutragen möchte. Alles auf das trewlichste wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag» in Truck ververtigen will." Da dieses Blatt, das bis 1679 bestand, nachweislich das älteste ist, so kann man demnach den Deutschen Johann Carolus als den „Vater der Journalistik bezeichnen. (Ein armer Zeuge.) Obergerichtsfchreiber: „So, da sind die IVr Mark Zeugengebühr." — Zeuge: ,,J' bedank' mi schönstens, und wenn's S' halt wieder 'was brauchen, i' bin alt und kann net viel verdienen — nacha lassen Sie's mir zukommen." (Zweideutig.) Metzgermeister (in einer kleinen Universitätsstadt): „Wenn nur die langen Herbstferien nicht wären, denn wenn die Herren Professoren fort sind, das macht für mich ein paar Ochsen weniger." (Letztes Mittel.) „Jetzt will ich Euch etwas sagen. Auf allen Bällen hab' ich Euch den Carneval herumgeschleppt und nix wars. Die Pfingstfeiertage will ich noch mit Euch nach Starnberg fahren. Wenn da auch Keiner anbeißt, dann ist's 'rum." Auslösung des Original'Silbeu'Räthsels in Nr. 42: „Cypresse — Presse — E sse." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler, UnterkaktungMatl „Ängsburger Postjeitnug.- Nr. 44. Samstag, 2. Juni 1633. Des Jörsters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dvbson. (Fortsetzung.) Ohne irgend ein besonderes Ereigniß verfloß sämmtlichen Hausgenossen unter vielseitiger Thätigkeit die Zeit. Unmerklich verging der Sommer mit seinen langen sonnigen Tagen, mit seinem Blätter- und Blumenschmuck; der Herbst begann die herrlichen Laub- kronen des Waldes zu färben, bis sie, der Vergänglichkeit geweiht, zur Erde sanken, die Blumen des Förstergartens — Anna's Pfleglinge — vom Reif und dem herben Nordost berührt, starben und bald Wald, Flur und Garten entblättert und verödet dalag. Dann fiel der erste Schnee und wie sonst ging des Försters Enkelkind hinaus, um ihre Pfleglinge, die Eichhörnchen, die Raben, Krähen und Elstern und wer sonst sich als hungernder Gast einsund, zu versorgen. Auf diesen Wegen ward sie stets von ihrer Erzieherin begleitet, die ebenfalls Freude hatte am Wald zur Winterszeit und oft auch von Junker Waldemar, der ihr in der Sorge für die darbenden Thiere eifrig beistand. So kam das Weihnachtsfest mit seinen stillen Freuden, das jedoch, Dank dem Einfluß der beiden neuen Hausgenossen, belebter als sonst im Försterhause zu Vahren- wald begangen ward. Darauf folgte der Jahreswechsel, welcher Januarkälts und noch größere Schneemnssrn herbeiführte, nach und nach aber auch längere Tage und höhere Sonne und für die Forstleute und Holzarbeiter und auch für Junker Waldemar neue Thätigkeit brachte. Bis zum März machte sich der Winter geltend, dann begann der Schnee endlich zu schmelzen und nach kurzer Zeit sprießte das erste Grün aus der Erde hervor, und bald konnten Sophie Dörner, Anna und der Junker Waldemar Veilchen, Schneeglöckchen und andere Frühlingsblumen suchen, um die Zimmer des Forsthauses damit zu schmücken. Um die Mitte Mai langte die Gräfin Steinhorst aus Schlesien wieder an, waS sie vorher angezeigt, und schon am Tage nach ihrer Ankunft ward sie im Försterhause erwartet. Sie kam pünktlich zur festgelegten Stunde an, begrüßte voll Freude und Herzlichkeit ihren Enkel, mit gleicher Förmlichkeit Frau Albrecht, Anna und den Förster, der sie in's Wohnzimmer führend sagte: „Willkommen daheim nach langer Abwesenheit, Frau Gräfin — „Ja, nach langer Abwesenheit", erwiderte sie in zurückhaltendem Ton, „und ist mir's fast, als fei ich kaum von hier fortgewesen. Man sieht daraus wie jeder Mensch zu entbehren ist l" „Sie haben keinen frohen Winter verlebt, Frau Gräfin", bemerkte Frau Albrecht mit einem theilnehmenden Blick auf ihr bleiches Gesicht. „Das habe ich allerdinds nicht! — Wie Sie wohl aus meinen Briefen entnommen,' ist das Leiden meines Schwiegersohnes ein unheilbares geworden, obgleich er in seiner Familie verbleiben kann, und dann den Blick auf Anna richtend, fügte sie hinzu: „Mit 346 Dir, mein Kind, ist seit vergangenem Sommer eine große Veränderung vorgegangen. Die wird wohl die Erzieherin und das Lernen bewirkt haben!" Anna hatte auf diese, in schroffem Ton gesprochene Bemerkung keine Antwort, und ehe noch Frau Albrecht ihr zu Hilfe kommen konnte, fuhr die Gräfin fort: „Auch Waldemar hat sich hier vortheilhaft verändert, und ich bin Ihnen für die ihm gewidmete Sorge sehr dankbar. Er wird dadurch im Stande sein, größere» Anforderungen als bisher an ihn gemacht sind, zu genügen!" Diese bedeutungsvoll gesprochenen Worte waren nicht mißzuverstehen, dennoch sagte ihr Enkel: „Welche Anforderungen, Großmutter?" „Nun, Waldemar", entgegnete sie bestimmt, „Deine Vormünder, wie ich, finden es richtig, daß Du jetzt die Landmirthschaft praktisch erlernst, und Du wirst zu diesem Zwecke nach der Besitzung des Grafen Hohenhausen in Schlesien gehen, was ich auch Ihnen anzeigen wollte, wandte sie sich an den Förster und seine Nichte. Diese blickten sich einigermaßen überrascht an, über Waldemar's Gesicht flog ein Schatten der Enttäuschung, und Anna's Züge nahmen einen so traurigen Ausdruck an, daß man nur zu deutlich sah, wie schmerzlich sie die Mittheilung berührte. Nach einigen Minuten fragte Kohring: „Dann wird wohl der Junker uns bald verlassen, Frau Gräfin?" „Er wird in den nächsten Tagen mit Graf Hohenhausen, der nach Steinhorst kommt» abreisen, und da ich vor der langen Trennung wenigstens noch eine» Tag mit ihm allein zu sein wünsche, werde ich morgen Vormittag den Wagen schicken! — Das Geschäftliche wird ebenfalls morgen der Verwalter mit Ihnen ordnen, Herr Förster!" „Wie Sie wünschen, Frau Gräfin, es hat aber keine Eile damit!" „Doch, doch!" entgegnete sie schnell. „Ich wenigstens liebe es mit einer Sache, die gewesen, und einer Verbindung, die aufgehört, vollständig abgeschlossen zu haben!" Nach diesen Worten erhob sie sich und fügte, die Försterfamilie mit einem gemessenem Blick streifend, hinzu: „Auch unsere Verbindung, so weit sie meinen Enkel betrifft, hat aufgehört, dennoch werden wir uns, als so nahe Nachbarn gewiß recht oft wiedersehen!" Ohne eine Antwort abzuwarten, dankte die Gräfin dann nochmals für alle ihrem Enkel gewidmete Sorge, und nahm mit eine»: forschenden Blick auf Anna's trauriges Gesicht Abschied. Darauf bestieg sie den Wagen und fuhr in raschem Trabe davon» In die Kissen sich lehnend, sagte sie nach kurzem Nachdenken: „Das wäre abgemacht und nach meiner Ansicht zur gelegenen Zeit, denn Waldemar hätte kaum länger in dieser Familie bleiben können, die ihn wie einen der Ihrigen betrachtet und behandelt. Auch hat er sich ihnen schon zu sehr angeschossen, und hegt eine große Zuneigung zu des Försters Enkelkind die bei seinem und ihrem bestimmten Charakter leicht dauernd werden könnte! — Jetzt aber wird er diese brüderliche Liebe bald vergessen! Graf Hohenhausen's reizende Töchter werde» ihm ebenfalls gefallen, und eine derselben denke ich, soll einmal als Gräfin Steinhorst bei uns einziehen, womit auch die Eltern einverstanden sind! — Ein seltsames Kind übrigens, sdiese Anna Herdfeld, mit dem Gesicht, das so viel älter als sie ist, und gewiß auch mit Gefühlen, die über ihre Jahre hinausgehen, wenigstens liegt so etwas in ihren seltsamen blauen Augen!" Diese Gedanken noch weiter verfolgend, fuhr die Gräfin Steinhorst zu, der Förster, seine Nichte und Junker Waldemar besprachen die so baldige Trennung, und übersahen dabei, daß Anna das Zimmer verlassen hatte. »Das ist ein gar schnelles Ende unseres Zusammenlebens, Junker Waldemar", sagte der Förster seine Hand auf dessen Schulter legend, „und wann, und wo wir uns wiedersehen, das liegt in der Hand Dessen, der uns so unerwartet zusammengeführt!" »Sie werden mir doch gewiß erlauben, Herr Förster, von Schlesien aus an Sie zu schreiben", entgegnete der Junker mit ernstem, fast traurigem Gesicht. „Von Herzen gern, und werden Sie auch Antwort von uns erhalten, das heißt durch weine Nichte, denn, wie Sie wissen, schreibe ich nicht gern! — Und jetzt lassen Sie uns in den Wald hinausgehen. Ich möchte noch nach der jungen Buchenpflanzung sehen, die wirksam gegen das Wild geschützt werden muß." Schon zu Anfang dieses Gespräches war Anna in der Schulstube erschienen, und hatte mit Thränen in den Augen zu ihrer mit einer Vorarbeit für die Unterrichtsstunden beschäftigten Lehrerin gesagt: „Denke Dir, Sophie, Waldemar geht schon morgen von uns fort. Seine Großmutter, die soeben hier gewesen, hat Alles angeordnet!" „Das ist allerdings unerwartet", antwortete die Erzieherin, welcher die geschwisterliche Zuneigung ihrer Schülerin und deS Junkers nicht entgangen. „Als künftiger Landwirth soll er wohl noch Weiteres als bisher lernen — " „Ja, und deshalb reist er nach Schlesien", entgegnete Anna, über deren Wangen die Thänen ihren Weg fanden, „und mir wollten diesen Sommer noch so viel zusammen lesen und arbeiten! — Auch wollte er mir die Tcppichbeete anlegen, wie er sie in der Hauptstadt gesehen —" „Das kann ja auch Alles ohne den Junker geschehen", sagte die Erzieherin in ruhigem Ton. „Wir Beide wollen lesen und arbeiten, und die Teppichbeete werde ich Dir schon anlegen, wie ich es oft im Garten meiner Mutter gethan, und die Du sehen wirst, wenn Du mich diesen Sommer zu ihr begleitest!" Anna schien durch diese Zusage beruhigt, getröstet aber war sie über die so nahe Trennung von ihrem judendlichen Hausgenossen nicht, denn als sie sich zu ihren Uebungen für den folgenden Tag niedersetzte, gelangen ihr diese nicht wie sonst, und sie mußte oft imie halten um die Augen zu trocknen, die dem ersten Schmerz ihres jungen Lebens galten. — XV. Fast sechs Jahre — der Maimonat ging zu Ende — waren verflossen. Im Försterhause von Vahrenwald waren, seit Junker Waldemar es verlassen und die Veränderungen vorgegangen, welche die Zeit mit sich bringt, die uns bekannten Bewohner dieselben geblieben. Des Försters Angesicht durchzogen noch liefere Furchen, Haar und Bart waren noch mehr ergraut und seine früher ernste, oft düstere Stimmung hatte fast noch mehr zugenommen. Nur die kräftige Gesundheit war ihm geblieben, und die stattliche Gestalt mit der aufrechten Haltung, die ihm in früheren Jahren eigen gewesen. Ueber Frau Albrecht hatten die verflossenen sechs Jahre wenig vermocht; sie war nach wie vor die rührige, umsichtige Hausfrau, die jetzt an Anna eine kräftige Stütze hatte. — Christine und Wolf waren wie Frau Albrecht noch im Försterhause. Erstere arbeitete mit unermüdetem Fleiß für die Familie, der sie mit großer Anhänglichkeit zugethan war, und der noch im kräftigen Alter stehende Neufundländer war ebenso anhänglich an seine junge Herrin, wie er an das Kind gewesen, das er vor Jahren auf Schritt und Tritt begleitet. Die übrigen Hausgenossen hatten gewechselt; es waren andere Forstgehülfen und Jägerburschen gekommen, denn unter Förster Kohring seine Studien zu machen, ward von den jungen Forstleuten stets lange vorher nachgesucht. Fräulein Sophie Dörner hatte sich seit einige» Jahren schon zu ihrer Mutter zurückbegeben, doch war das freundschaftliche Verhältniß zu der Försterfamilie dasselbe geblieben, und alljährlich hatte sie seitdem einige Wochen in Vahrenwald verlebt. Mit Anna war während der sechs Jahre die merklichste Veränderung vorgegangen. Sie war zur Jungfrau herangereift und stand im 18. Lebensjahre. Hochgewachsen, war sie jedoch von kräftiger Gestalt, und ein blühendschönes Mädchen geworden, und die einst nach der Gräfin Steinhorst Meinung so alten Gesichtszüge ihrem Alter entsprechend. 348 Es wäre Niemanden eingefallen, die leichtgebogene Nase zu groß zu finden ober anders zu wünsche», und die hohe weiße Stirn harmonirte vollständig mit dem oft sinnend ernsten Ausdruck der tiefblauen Augen, deren feingezogene Brauen merklich dunkler als das goldblonde Haar waren, das in schweren Flechten den zierlichen Kopf umgab. > Der sinnende Ernst des Försters Enkelkindes war diesem mit der Zeit gekommen,' wo es für seine Familienverhältnisse größeres Verständniß erlangt, und woraus Nachdenken und Forschen gewachsen war. Auch hatte einst Anna ihren Großvater in ungewöhnlich trauriger Stimmung angetroffen, und ihre Tante, ihm tröstend und beruhigend zuredend, bei ihm. -- In lebhafter Erregung hatte sie nach der Ursache des Kummers gefragt, jedoch von ihm nur die ausweichende Antwort erhalten, die ihr mit abwehrender Hand gegeben worden: „Du wirst später Alles erfahren, Kind! — Die Zeit wird kommen, wo Du Vergangenes kennen lernen mußt, bis dahin aber frage mich, wenn Du mich liebst, nicht wieder, Du würdest mir immer nur einen großen Schmerz bereiten!" Diese Antwort war nicht darnach, Anna zu beruhigen, und sie wandte sich um Aufklärung an ihre Tante. Bei dieser aber war sie nicht glücklicher, denn auf alle ihre dringenden Fragen und Bitten hatte Frau Albrecht nur die Erwiderung: „Begnüge Dich mit Deines Großvaters Erklärung, Anna; sein Kummer und sein Schmerz ist sein Eigenthum, und ohne seine Erlaubniß werde und darf ich nie darüber sprechen! — " Mit dieser Antwort hatte sich Anna zufrieden geben müssen, ihres Großvaters Kummer und Schmerz aber dem frühen Verlust ihrer Eltern und seiner Gattin, und den möglicherweise dabei stattgehabten traurigen Ereignissen zugeschrieben. Wer jedoch diese Eltern gewesen, welche Stellung ihr Vater eingenommen, ivo ihre erste Hsimath zu suchen sei» das wußte sie nicht, hatte auch erst kürzlich darüber nachzudenken begonnen. In ihrer Erinnerung aber konnte sie weder eine Erklärung, noch einen Anhalt dazu finden, sie entsann sich nur des Försterhauses von Vahrenwald, mit seiner näheren und weiteren Umgebung, in der sie ein so frohes und glückliches Kind gewesen. In Steinhorst war während der sechs Jahre im Wesentlichen ebenfalls Alles unverändert geblieben. Die Gräfin lebte daselbst mit derselben Umgebung, und sorgte, so viel sie vermochte, ihr Vermögen wie das ihres Enkels zu vergrößern. Ihr Verkehr mit der Försterfamilie war immer seltener geworden, und seit mehreren Jahren hatten sie sich nur aus der Ferne gesehen. Junker — jetzt Graf Waldemar — war noch nicht wieder in Steinhorst gewesen. Nachdem er mehrere Jahre in Schlesien die Landwirthschaft erlernt, hatte er diese auch theoretisch studiert, und war darauf zur weiteren Ausbildung auf Reisen gegangen. Von diesen zurückgekehrt, ward er nach sechsjähriger Abwesenheit auf Steinhorst erwartet, um daselbst zum ersten Mal als Gutsherr zu erscheinen. Im Herrenhaus« waren zu längerem Besuch Frau von Stern und ihre jüngste Tochter anwesend. Ihr Gatte war im Winter seinen Leiden erlegen, und nach der langen und aufreibenden Pflege hatte sie sich zu einer Erholungsreise in die Heimath entschlossen. Graf Waldemar hatte seiner Großmutter geschrieben, daß er am Nachmittag auf der nächsten Eisenbahnstation, einer Landstadt ankommen würde, und dahin war längst ein Wagen für ihn abgegangen. Es war derselbe Kutscher, welcher ihn vor sechs Jahre» fortgefahren, und nun ungeduldig auf die schon signalisirte Ankunft des Zuges wartete. Endlich langte dieser an; Konrad richtete sein Augenmerk auf die Wagen erster Klasse, welche stets die Gräfin benutzte, sah aber Niemand aussteigen, und wollte schon rnißmuthig den Bahnhof verlassen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und freundlich eine zwar ihm unbekannte Stimme sagte: „Konrad, Du hast sicherlich geglaubt, daß ich nicht kommen würde! — Guten Tag-« „Aber da sind Sie ja, Herr Graf!" rief sich hastig umwendend Konrad erfreut, und stand vor einem stattlichen jungen Mann, den er indeß kaum erkannt hätte. „Willkommen nach so langer Zeit-" „Ja, nach sechs Jahren!" erwiderte lebhaft der Graf. „Der Zug hatte sich verspätet, besorge daher nur mein Gepäck, damit wir nach Steinhorst kommen." „Der Wagen ist in dem Ihnen wohl bekannten Wirthshaus«, Herr Graf. Wenn Sie dorthin gehen wollen-" Graf Waldemar befolgte diesen Rath und begab sich nach dem Gasthause, wo er schon oft als Knabe gewesen. Er wurde von dem Wirth und seiner Gattin freundlich begrüßt, nahm eine kleine Erfrischung zu sich, bestieg dann den von Konrad vorgeführten Wagen und fuhr der Heimath zu, die er zum ersten Male als Mann betrat. Der Weg führte zunächst durch die Umgebung der Stadt, eine Reihe von Gärten die den Bewohnern derselben gehörten, dann durch Wiesen und Felder, an einem ansehnlichen Dorf vorüber, bis sie an eine Stelle kamen, wo er sich nach verschiedenen Richtungen theilte. Der nach Steinhorst führende ging gerade aus, rechts gelangte man nach einer Fabrikanlage, und weiter in's Land hinein, und auf die links abgehende Landstraße deutend, sagte Konrad sich seinem Herrn zuwendend: „Das ist der Weg nachVahrendwald. Der Herr Graf werden sich wohl noch erinnern." Graf Waldemar hatte längst auf diesen Weg geblickt, und welche Gedanken und Gefühle sich seiner auch bemächtigt haben mochten, er verbarg sie und antwortete ruhig: „Gewiß, Konrad! — Warst Du es nicht auch, der mich vor sechs Jahren aus dem Försterhause abholte?" „Ja, Herr Graf. Sie waren damals, als Sie von dem Förster und seiner Familie Abschied genommen, recht traurig." „Dazu hatte ich alle Ursache", entgegnete ernster der junge Gutsherr, „denn ich war von ihnen wie ein eigenes Kind gehalten!" „Aus der kleinen Anna ist ein schönes Fräulein geworden", fuhr Konrad fort. „Hast Du sie kürzlich gesehen?" fragte unbefangen sein Gebieter. „Ja, noch am Sonntag in der Kirche. Den Herrn Förster werden Sie wohl etwas gealtert finden." — Konrads Aufmerksamkeit wandte sich hier dem Wege zu, der schmal und holperig war, Graf Waldemar aber lehnte sich gegen die Kissen des Wagens, und blickte nach dem Wald hinüber, durch den er so oft an Förster Kohrings Seite gegangen, eben so oft aber mit seiner Enkelin, begleitet von dem treuen Wolf, der eine große Zuneigung zu ihm gehabt. Konrad's Stimme weckte ihn aus seinem Sinnen, und auf einen großen Sandstein zeigend, der in einiger Entfernung von der Landstraße im Felde stand, sagte er: „Hier fängt Steinhorst an, Herr Graf, und nun sind Sie auf eigenem Grund und Boden. Ich gratulire herzlich, daß Sie gesund und wohl in Ihr Vesitzthum einziehen!" „Ich danke Dir, Konrad", erwiderte gerührt der Graf, und er reichte dem langjährigen Diener die- Hand, und drückte dessen braune schwielige Rechte. „In einer halben Stunde sind wir dort", fuhr er nach kurzer Pause, während welcher er mit der Hand über die Augen gefahren, fort. „Ich habe die Pferds verschnaufen lassen, damit sie nun gehörig laufen können. Die Gutsleute sollen doch aus der Ferne hören, das; Sie da sind, denn, daß Sie heute kommen wollten, ist allgemein bekannt I" Graf Waldemar konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, zugleich bemächtigte sich aber seiner eins nie empfundene Rührung, denn ihm war noch nicht der Gedanke gekommen, daß seine Untergebenen sich über seine Ankunft freuen würden. Dieser Gedanke aber that ihm wohl, und er gelobte sich, ihnen stets ein fürsorglicher Gutsherr zu sein. Mit lautem Geräusch schlugen jetzt die Hufe von vier Pferden auf das zwar gut erhaltene, doch unebene Pflaster, und mit eben so lautem Gerassel rollte der Wagen darüber hin. Konrad erreichte seinen Zweck; die Taglöhnerfamilion eilten freundlich grüßend vor ihre Häuser, während die Kinder ihm jubelnd zuriefen, und er aus dem Wagen lehnend, Allen dankte. (Forts, folgt.) 350 Die Eröffnung der Cast-River-Brückc in New-Borr-Brooklin. Am 24, Mai wurde in der Metropolis der Neuen Welt unter entsprechenden Feierlichkeiten ein Bauwerk dem öffentlichen Verkehr übergeben, das wohl für Jahrhunderte den kommenden Geschlechtern Zeugniß geben wird von der gewaltigen Entwickelung, die der Menschengeist auf allen Gebieten der Technik in unserem erfindungsreichen Jahrhundert genommen. Wenn auch der weltenumgürtende Ocean Deutschland und Amerika von einander trennt, so dürfen wir Deutsche heute unseren Blick dennoch mit Stolz nach dem jenseitigen Gestade des atlantischen Oceans schweife» lassen und uns des Gelingens des grandiosen Bauwerks innig freuen, denn der ursprüngliche Erbauer desselben, dem es leider nicht vergönnt war, die Vollendung seines Werkes zu schauen, der aber im eigenen Sohne einen würdigen Nachfolger fand, das Werk im Geiste des Vaters zu vollenden, war ein Deutscher. Johann A. NoebIing ist sein Name, der von den in der Frühlingssonne glänzenden, an den beiden in den Himmel ragenden Pfeilern der Brücke angebrachten Messingplatten der Mit- und Nachwelt entgegenprangt, der aber auch verdient, in den Annalen der Brückenbaukunst für alle Zeiten mit ehernen Lettern ein« gegraben zu werden. Wir wollen nun versuchen, dem Leser ein möglichst getreues Bild der Brücke, wie sie sich jetzt dem Auge des Beschauers in ihrer Vollendung darbietet, zu geben. Sie beginnt, wenn man die langen Aufgänge mit in Betracht zieht, an der City Hall in Ncw-Z)ork und endigt an der Ecke von Sands- und Washington-Street in Brooklyn, nicht weit von der dortigen City Hall entfernt. Wir betreten die Brücke von der New- Jorker Auffahrt aus. In mäßiger Ansteigung erhebt sich letztere bis zu dem Ankerplatz der Kabelenden auf Franklin-Square, und geht dann immer weiter über die Dächer der Häuser hinweg bis zu den beiden je 31'/2 Fuß breiten Durchgängen in dem New-Iorker Pfeiler. Wir haben bereits 1562 Fuß zurückgelegt und befinden uns 118 Fuß über Hochwasserniveau. Sobald wir die eigentliche Hängebrücke betreten, sehen wir, daß sich dieselbe in fünf parallel laufende Avenuen theilt. Die beiden äußeren, 19 Fuß breit, bilden die Fahrstraßen für die schweren Lastwagen, Equipagen u. s. w., die beiden inneren find für noch zu bauende Pferde- resp. Drahtseilbahnen reservirt und die dazwischen liegende, etwas erhobene Avenue ist für die Fußgänger bestimmt. I» der Mitte des Flusses befinden wir uns 135 Fuß über dem Wasserspiegel des Eastrivers, und es ist keine verlorene Minute Zeit, einen Augenblick Rast zu machen, um das sich vor uns ausbreitende prachtvolle Panorama bewundernden Blicks zu betrachten und unserm Gedächtniß einzuprägen. Unter unsern Füßen schäumen die Wogen des Eastrivers dem Meere zu, auf ihm tummeln sich zahlreiche Ferryboote, die bisher den alleinigen Verkehr mit Brooklyn ermöglichten und die in ihrem schmucken weißen Anstrich einen überaus freundlichen Anblick gewähren. Längs der beiden Ufer liegen Hunderte von Segelschiffen, die die Produkte fremder Länder an die amerikanische Küste gebracht, um mit amerikanischen Erzeugnissen voll beladen nach kurzem Aufenthalt im sichern Hafen bald wieder den gefahrbringenden Ocean zu kreuzen. Vor uns, im stolzen Hafen von Nsw-Aork, liegt Governos Island, der Garnisonsort eines kleinen Detachements Vereinigter Staaten-Truppen, mit seinen in saftigem Grün prangenden, von schattigen Bäumen bestandenen Wiesen, und dort am fernen Horizont, wo die Inseln Staten-Jsland und Long-Jsland nur eine schmale Passage, die sogenannte „Narrows", gestatten, segelt eben ein stolzer Oceandampfer der lieben Heimath zu, während ein anderer im vollen Flaggenschmuck eine Anzahl Europamüder nach den gastlichen Gestaden Amerika's bringt. Wie die beiden Schiffe aneinander vorbei- passiren, erfüllen brausende Hurrahrufe die Luft, die Einen, die Brust von Hoffnung geschwellt, jauchzen ihre Freude aus, daß sie den Drangsalen der alten Welt und den Gefahren des Oceans glücklich entronnen, die Anderen, die der lange nicht gesehenen, aber nicht vergessenen Heimath einen Besuch abstatten, um im Herbste in ihr liebgewonnenes Adoptivvaterland zurückzukehren, heißen die Neuankommenden beim Eintritt in die Neue Welt herzlich willkommen. Wenden wir nun unsere Blicke rückwärts über die schier 351 endlose, vonckSonnenbrand durchglühte Häusrrwüste der zu unseren Füßen sich ausbreitenden Riesenstädte hinweg, die nur vereinzelt durch grüne Parks gleich Oasen unterbrochen wirb» so sehen wir im Hintergründe die blauen Berge des Hudsonhochlandes gleichsam aus den Fmthen des majestätischen „amerikanischen Rheins" emportauchen, gewahre» jenseits des Rorthrivers (Hudsons) auf dem New-Jerseyer Ufer die weißen, steilaüfsteigenden Palli- sadenselsen, auf deren schwindelnder Höhe, eine luftige Sommer-Villegiatur mit Aussichtsthurm thront. Das Panorama, das sich von hier aus unserem Auge darbietet, ist in der That entzückend schön, und die armen Großstätter, die durch ihren Beruf jahraus jahrein in dem monotonen Häusermeere Gothams gefangen gehalten worden, werden jetzt erstaunen über die wunderbare und eigenartige Schönheit der sie umgebenden Natur, die sie bisher kaum geahnt, geschweige denn in vollen Zügen genossen haben.Doch der Strom der geschäftig dahineilenden Fußgänger drängt uns vorwärts, wir steigen zu dem Brooklyner Pfeiler nieder, passiven durch denselben und erreichen nach einem weiteren Abstieg von 971 Fuß das Ziel unserer „Reise" (denn ein Gang über die Brücke ist eine kleine Reise): das Erde der Brücke an der Ecke der Washington- und Sandsstreet in Vrooklpn. Die Brücke erhält jedoch dann erst ihren vollen Werth, wenn nran sie mit dem Hochbahnsrfflem, wie es bereits in New-Z)ork besteht, und wie es in Kurzem auch in der frommen Schwesterstadt erstehen wird, in Verbindung^ bringt. Die Brücke bildet dann eine thatsächliche und natürliche Fortsetzung resp. Verbindung der New-Iorker Hochbahnen mit den in Brooklpn im Bau begriffenen und gestattet den Bewohnern der äußersten Nordspitze von Manhattan-Jsland, d. i. der Stadt New-Iork, in denkbar kürzester Zeit nach den kühlen Gestaden des Meeres zu gelangen, wie auch auf demselben Wege in umgekehrter Richtung die Gartenprodukte des fruchtbaren Long-Jsland in loss tliun no timo auf die New-Uorker Mürkts gebracht werden können. Es erübrigt uns nur noch, einige im Vorstehenden noch nicht enthaltene Ziffern zu geben. Das Gewicht der Centralspannung ist 6,710 To. und das praktisch noch nicht erprobte Gewicht einer von Fußgängern bevölkerten und von Wagen befahrenen Brücke wird auf 1380 To. geschützt. Die vier Kabel müßten also im Stande sein, 8120 To. zu halten. Man berechnet ihre Stärke indeß auf 43,000 To. Die Bogenweite der Hängebrücke beträgt 1595'/., Fuß. Die ganze Brücke hat indeß drei Bogen, nämlich vorn Ankerplatz in Brooklpn bis zum Pfeiler am Ufer, dann über den Eastrivsr bis zum andern Pfeiler und von da bis zum Ankerplatz auf der New-Iorker Seite. Diese Entfernung, von Ankerplatz zu Ankerplatz, beträgt 3460 Fuß, und die ganze Brücke mit den beiden steinernen Aufgängen hat eine Länge von 5989 Fuß. Die Höh; der Hängebrücke an den Thurmeinschnitten ist 118 Fuß und steigt bis zu 135 Fuß über Hochwasserniveau in der Mitte des Flusses, so daß also die größten Oceanschiffe bequem darunter durchführen können. In den vier Kabeln sind 6,928,346 Pfd. Draht enthalten. Die Stärke eines Kabels, auf 170,000 Pfd. per Quadratzoll geschützt, beträgt 24,621,780 Pfund, die der vier Kabel also 98,487,120 Pfd. Die sämmtlichen Drähte der vier Kabel schließlich haben eine Länge von 14,060 Meilen, oder mehr als die halbe Lange rund um die Erde herum! — G o l d k ö r n e r. 6. O Muth, nur Muth in jeder Lage, Wo uns ein Dornenwald mnstarrt! Die Morgenröthe besserer Tage Glüht hinter'»! Berg der Gegenwart. Langbein. 0. Wer sich ganz dem Dank entzieht, Der erniedrigt den beschenkten Freund, indem er sich erhebt. Grillparzer. Wenn man einen Einfältigen betrügt und man auf einen Frommen lügt und Feindschaft zwischen Ehlenten macht: der Dreier Arbeit der Tenjel lacht. Altes deutsches Sprichwort. Htmmelsschait in» Monat Juni. " 8 —>« Venus bewegt sich vom Widder gegen den Stier, tritt 3 Uhr Morgens über den nordöstlichen Horizont und nimmt immer noch an Helligkeit ab. Am 3. steht j sie l'/r südlich vom Mond. k Mars F läuft vom Widder gegen den Stier, geht auf zwischen 2 Uhr und 1 Uhr in NO. und ist bis Tagesanbruch genau im O. Am 2. findet man ihn 1'/," ^ nördlich vom Mond. / Jupiter 2 z nähert sich der Sonne, mit der er zuletzt auf und untergeht und s ist nur noch während der ersten Tage des Monats kurze Zeit nach Sonnenuntergang sichtbar. Saturn kommt gegen Mitte des Monates in der Morgendämmerung in NO. zum Vorschein. Er geht auf zwischen 3 Uhr 45 Min. und 2 Uhr 4 Min. früh und steht am 4. in nächster Nähe des Mondes, am 20. südlich von der Venus. Mise-ll-rr. (Eine beißende Abweisung) ist jüngst einem noch etwas sehr „jugendlichen" Liebhaber zu Theil geworden. Mademoiselle Samary die berühmte inZtznus des i Theatre Franyais, hatt« vor einigen Tagen die schriftliche Liebeserklärung eines Gymnasiasten erhalten» in welcher der glühende Jüngling sie um ihr Bild und eine postlagernd« Antwort im Bureau des Theatre Franyais anflehte. Nun ist aber die schöne Naive der Comödie Franyaise im Privatleben die Gattin eines jungen Banquiers und Mutter mehrerer rosiger Böbös. Als deshalb der Romeo der Schulbank sich im Bureau präsentirte, fand ^ er dort den folgenden charmanten Brief von dem Gemahl der Samary vor: „Mein Herr! Da meine Frau gerade im Begriffe ist, ihr Jüngstes in die Windeln zu legen — ein Mädchen theurer Herr —, so beauftragt sie mich mit der Antwort und sendet Ihnen mein Bild, das Theuerste was sie besitzt. Was nun ihre Photographie anlangt, so finden * Sie dieselbe bei Radar. Ich benachrichtige Sie, daß dieser eminente Industrielle bedeutende Vortheile einräumt, wenn man die Photographiern Hundertweise nimmt. Schließlich bemerke ich noch, daß mein Töchterchen sechs Monate alt ist, und Sie vielleicht später, die Liebe für die Mutter auf das Kind übertragend, mein Schwiegersohn werde» könnten. ! Genehmigen Sie, geehrter Herr" rc. (Amerikanisch.) In Detroit, Michigan, Nordamerika, ging kürzlich ein Mann ! spät in der Nacht nach Hause. In einer einsamen Straße glaubte er in der Dunkelheit eine sich hinter einem Hausthore versteckende Figur zu entdecken. Als er näher käm, entdeckte er in der That eine Frau, welche sich dort versteckt hatte. Er blieb stehen; die Frau aber rief ärgerlich: „Machen Sie, daß Sie fortkommen!" — „Wohnen Sie hier?" — „Ja wohl!" — „Können Sie nicht in Ihre Wohnung?" — „O ja!" — „Worauf ' warten Sie denn hier?" — Die Frau, unter ihrem Regenmantel einen kräftigen Sopha- i klopfsr hervorziehend: „Auf meinen Mann!" (Lumpenlogik.) Ein berühmter Professor der Volkswirthschaft sagt: „Arbeit ! ist Eigenthum!" Proudhon sagt: „Eigenthum ist Diebstahl!" Folglich ist Arbeit — Diebstahl. Diebstahl ist aber ein Verbrechen, das bestraft werden muß — folglich ist Arbeit ein Verbrechen, das bestraft werden muß! »Ja, Herr Graf, wenngleich Sie sehr verändert zu uns zurückkehren!" „Aber auch Sie haben sich verändert, Fräulein Herfeld", entgegnete er mit einem Blick offener Bewunderung, „doch hätte ich Sie unter Tausenden erkannt!" Diesen, beredten Blick ausweichend, entzog sie ihm zugleich ihre Hand, es erfolgt^ Line momentane Pause, — dann näherte sich der Förster und seine Nichte, welche nur zu richtig geschlossen, daß Graf Steinhorst durch den Wald gekommen sei. Dieser eilte ihnen entgegen, eine gegenseitige herzliche Begrüßung fand statt, und beide Hände beL jungen Mannes fassend, sagte Kohring mit bewegter Stimme: „Willkommen, Herr Graf, willkommen in der alten Heimaih, und Heil und Segen Ihnen zu», Antritt Ihres Erbes!" „'Nehmen Sie auch meine besten Wünsche, Herr Graf", sagte ebenfalls Frau Albrecht, „und mögen Sie sich Ihres Besitzes in Glück und Gesundheit freuen!" „Ich danke Ihnen, meine Freunde", erwiderte gerührt der junge Mann, Beider Hände in den seinen drückend, „und danke Ihnen ebenfalls, daß Sie mir einen so freundlichen Empfang zu Theil werden lassen!" „Sie haben Recht gethan uns hier im Walde zu überraschen", sagte mit beifälligem Lächeln der Förster, der gleich Frau Albrecht, seiner Enkelin Ruhe und Unbefangenheit wahrgenommen. „Wo Wolf mich aufgespürt und verrathen", entgegnete ebenfalls lächelnd der Graf. „i.Unser guter treuer Wolf" — und er streichelte den glänzend schwarzen Kopf des Neufundländers — „der während der sechs Jahre» wo ich ihn nicht gesehen, derselbe geblieben!" „Wie haben Sie Ihre Frau Großmutter gefunden?" fragte Frau Albrecht, welche die Allgewalt der Erinnerungen für den jungen Mann wie für ihre Nichte fürchtete. 363 „Meine Großmutter ist älter geworden", antwortete er mit einem ernsten Zug in seine»« eben noch so heiteren Gesicht- „Sie behauptet eS ebenfalls —" „Dem kann Niemand entgehen", sprach der Förster mit leichtem Nachdruck. „Nun Sie aber selbst da sind, könnte sie sich die erforderliche Ruhe gönnen „Das hat sie theilweise schon gethan —" „Der Besuch Ihrer Tante und Cousine ist wohl eine große Freude für sie", bemerkte Frau Albrecht. „Ja, gewiß, und Erstere hat mir versprochen, so lange wie möglich, in Steinhorst zu bleiben!" Frau Albrecht schlug vor, den Rückweg anzutreten, rvas auch sogleich geschah. Graf Waldemar ging zwischen dem Förster und seiner Nichte, an deren anderer Seite sich Anna befand. Er mußte seinen letzten Aufenthalt in Frankreich und seine Rückreise beschreiben, die der Förster, welcher schon vollständig den Ton früherer Tage wiedergefunden, noch nicht erfahren. Vor der Thür des Försterhauses angekommen, ließ Graf Waldemar seine Augeir eine Weile umherschweifen, und sagte neben Kohring auf der Bank Platz nehmend, wo er früher so oft gesessen, mit unverkennbarer Bewegung: „Wie heimisch ist eS mir hier, wo ich Alles — Alles wiederfinde, wie ich es verlassen! — Nichts ist verändert, und mir scheint fast, als hätte ich erst gestern Abschied von« Forsthof genommen!" „Nur wir Menschen haben uns verändert", entgegnete ernst der Förster, „wir haben der Zeit herhalten müssen!" „Ihnen und Frau Albrecht sieht man es kaum an —" „In unserem Alter rrrmögen ein paar Jahre nicht viel! — Mit der Jugend ist'S anders —" „Dies Gespräch ward durch ciuen lauten Ausdruck der Freude von Christine unterbrochen, «reiche von Anna, die sich in's Haus begebe««, erfahren, wer gekommen sei, vor die Thüre eilte. Sie erblickend, ging der junge Mann ihr entgegen, und sagte, ihr seine Hand reichend, in heiterein Ton: „Da ist nun der ehemalige Junker Waldemar wieder, Christiire — Erkennen Sie mich —" „Ei gewiß, Herr Graf, wie sollte ich nicht", entgegnete sie lächelnd» „obgleich Sie ei» großer und stattlicher Herr geworden sind! — Jetzt werden Sie aber rvohl nicht mehr in die Küche kommen, und sich ein Vutterbrod auf den Weg holen!" „O, das könnte doch noch einmal geschehen, Christine", erwiderte Graf Steinhorst lachend. „In meinem Alter hat man guten Appetit, und der Weg durch Feld und Wald macht hungrig. Wenn ich also einmal in der Nähe bin und Eßlust verspüre —" „Dann kommen Sie nur «vie sonst zu mir, und ich schneide Ihnen das Butterbrod genau wie vor sechs Jahren", und sichtlich erfreut, den jungen Grafen gesehen und begrüßt zu haben, ging Christine an ihre Arbeit zurück. Jetzt erschien Anna mit Wein und Kuchen und präsentirte Beides mit anmuthiger Freundlichkeit. Das schmackhafte Backwerk einen Augenblick betrachtend, rief lebhaft der junge Mann: „Sogar dieselben Kuchen finde ich hier wieder!" und sich an Anna wendend, fügte er vollkommen unbefangen in Ton und Blick hinzu: „Erinnern Sie sich noch, Fräulein Herfeld, daß wir früher den Zucker und Gewürz dazu gestoßen? — das geschah in besonders thätiger Weise zum Weihnachtsfest, wo, «vie ich mich sehr entsinne, es hier viel zu thun gab, und Christine uns aus der Küche in das Nebenzimmer verwies!" Anna, deren Züge bisher einen ruhig freundlichen Ausdruck gehabt, konnte sich des Lachens nicht enthalten, denn ihr siel ein, daß Christine damals ziemlich unsanft mit ihm verfahren war, und dies Lachen verjüngte ihre Züge so sehr, daß Graf Waldemar fast glaubte, seine ehemalige Gefährtin vor sich zu sehen. Auch der Förster und seine Nichte 364 lachten über diese Reminiscenz, und einmal das Eis gebrochen, war denn die Erinnerung mächtiger als die Sorge des Großvaters und der Tante, und Anna Herssld und Graf Waldemar plauderten bald so unbefangen wie in früheren Tagen, und Kohring und Frau Albrecht stimmten ein — die früheren Tage waren auch ihnen im Gedächtniß geblieben. — XVII. Als die Gräfin Steinhorst, ihre Tochter und Enkelin von einem Besuch aus der Umgegend heimkehrten, fragte Erstere die Vorhalle betretend, den Diener: „Ist der Herr Graf -schon hier, Johann?" „Nein, Frau Gräfin", lautete dessen Antwort. „Der Herr Graf aber hat mir gesägt, daß er jedenfalls zum Abendessen, vielleicht auch schon früher kommen würde", und sichtlich verstimmt über diese Nachricht, stieg sie, gefolgt von Frau von Stein und Fräulein Constanze, die Treppe zu den oberen Gemächern hinauf. Nach einer Weile im Wohnzimmer wieder versammelt, sagte Erstere mit unverkennbarer Erregung in Stimme und Zügen: i „Der erste Besuch bei dein Förster in Vahrenwald wäre also gemacht, und mich soll es wundern, ob er nicht wiederholt wird —" „Das werden wir bald genug erfahren", unterbrach Frau von Stein. „Die sechsjährige Korrespondenz beweist, daß Waldemar der Familie eine große Anhänglichkeit bewahrt. Und diese Anna Herfeld —" ! „Sie ist wirklich schön, Großmutter", fiel Fräulein Constanze ein, „obgleich ich sie i zu ernst und ruhig für ihre Jahre findel" „Du scheinst sie Dir sehr genau angesehen zu haben", sprach ihre Großmutter in * z verstimmtem Ton. „Anna Herfeld mit den blauen Augen und goldblonden Haaren muß es ihr angethan haben", entgegnele Frau v. Stein mit leichtem Spott, „denn sie hat auf dem Rückwege nur von ihr geredet. Das Gesicht ist mir übrigens bekannt, ich weiß nur nicht, wo ich eine auffallend« Aehnlichkeit gesehen!" Fräulein Constanze hatte sich dem Fenster zugewandt, wo die eingetretene Dämmerung ihr lebhaftes Erröthen verbarg. Nach augenblicklicher Pause erwiderte sie: ! „Mich spricht ihre ganze Erscheinung ungewöhnlich an, es liegt etwas so Edles s und Aristokratisches darin —" ! „Kind, fasele doch nicht solchen Unsinn!" sagte fast erzürnt die Gräfin. „Woher i sollte bei ihr wohl das Aristokratische kommen? — Um eins möchte ich Euch beide noch j dringend ersuchen. Legt, wenn Waldemar kommt, kein besonderes Gewicht auf seinen Besuch iiu Försterhause —" ' Rasche Hufschläge, und dann ein haltender Wagen, verkündeten die Rückkehr des ; jungen Gutsherr», der auch alsbald den Wohnsaal betrat, und die Anwesenden in freundlicher Weise begrüßte. Neben seiner Cousine Platz nehmend, erkundigte er sich nach dein Verlauf des Besuchs, worauf seine Großmutter in gleichgültigem Ton fragte: „Wie hast Du die Försterfamilie nach so langen Jahren angetroffen, Waldemar?" „Wohl und munter", erwiderte der junge Mann. „Der Förster und Frau Albrecht sind allerdings älter und aus der ehemaligen Anna ist ein Fräulein Herfeld geworden, wie Du ja aus eigener Anschauung weißt. Ich traf sie, wie ich mir gedacht, im Walde, wir waren gegenseitig sehr erfreut uns wiederzusehen und haben viel über die Vergangenheit gesprochen!" „Ich wollte, ich hätte Dich damals gleich nach Hohenhausen geschickt", bemerkte darauf die Gräfin, „es wäre Dir hier dann nicht ein Jahr verloren gegangen!" „Das Jahr ist mir kein verlorenes gewesen, Großmutter", antwortete lebhaft und mit Nachdruck Gras Waldemar, „denn das in Vahrenwald Erlernte ist mir schon vielfach zu statten gekommen. Ebenso nützlich ist mir auch jetzt des Försters erfahrener Rath in Bezug auf unsere Waldungen-^ 365 „Dessen bedarfst Du nicht", entgeznete entschieden die Gräfin. „Es hat noch nie ein Forstmann nach unsern Waldungen gesehen, die darum nicht schlechter als andere gewesen sind, und einen guten Ertrag geliefert haben!" „Dennoch ist es in Steinhagen und Schönau durchaus erforderlich", erwiderte ihr Enkel in bestimmtem Ton. „Ich will dort überhaupt die Holzungen erweitern, und Förster Kohring soll nächstens mit mir hinüberfahren um Grund und Boden zu untersuchen! —" Die Meldung des Abendessens unterbrach rechtzeitig die Unterhaltung und die kleine Gesellschaft begab sich in den Spsisesaal. Nach demselben nahmen die beiden älteren Damen die Karten zu einem Patiencespiel zur Hand, Graf Waldemar und seine Cousine aber begannen sich durch die Musik zu unterhalten, für welche Beide gleiche Begabung und Verständniß hatten. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Ja wohl! das ewig Wirkende bewegt Uns unbegreiflich, — dieses oder jenes, Als wie von ungeiähr, zu unserm Wohl, Zum Rathe, znr Entscheidung, zum Vollbringen, Und wie getragen werden wir an's Ziel. Das Hu cmpflnden, ist das höchste Gluck, Es nicht zu sondern, ist bescheidne Pflicht, Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden. Goethe. Man sieht nur dann, wenn man mit ruhiger Besonnenheit sieht. Die Leidenschaftslosesten waren immer die größten Menschenkenner. F. Ehrender g. Wer sich selber kennt, ist strenge gegen sich selber, Jedem Schwachen gelind und richtet ungern den Bösen. L a v a t e r. Halts Dich an's Schöne! Vom Schönen lebt das Gute im Menschen und auch seine Gesundheit. v. Fenchtersleben. Sein eig'ner Leitstern ist des Menschen Geist, Und wenn ihn dieser sührt zu hohem Ziele, So wird er mächtig mit sich reihen Viele, Gleichviel, ob man ihn tadelt oder preist. Fr. Bodenstedt. TriMsrrit; im Thale. Von K. A. Reisner Freiherrn von Lichtenstern. Im Sommer des Jahres 1879 besuchte ich von Schloß Neusath aus das nicht weit davon gelegene Trausnitz im Thale. Nie hatte ich von den landschaftlichen Nerzen dieses historisch-berühmten Ortes sprechen gehört, wie ja überhaupt der Oberpfalz in dieser Beziehung fälschlicher Weise wenig Gutes nachgerühmt wird. Um so freudiger war ich überrascht, die alte, hochinteressante Burg in so schöner, romantischer Umgebung anzutreffen. Das noch wchlerhaltene, altersgraue, massive und prächtige Castell erhebt sich kühn, dicht am Rande des hohen rechten Ufers der lebhaft vom Böhmerwalde her eilenden Pfreimbt, nicht unbedeutende Höhenzüge und große Wälder bilven seinen dunklen Hintergrund und begrenzen unweit den Blick. Trausnitz ist heute noch ein so abgelegener, nur durch schlechte Wege mit den benachbarten kleinen Dörfern verbundener Ort, daß sich bei seinem Betreten die Phantasie unwillkürlich in jene graue Vorzeit verliert, in der der Urwald bis dicht an die Burg sich erstreckte, und außer ihr vielleicht keine menschliche Behausung, ja außer den sie bewohnenden Rittern und Knechten auf weit und breit kein menschliches Wesen existirte. Vielleicht ist es aber nur treue Ueberlieferung von Mund zu Mund, wen» die heutigen Bewohner des übrigens wohl uralten Dorfes sich in solch' wildromantischer — 366 — Lage jenes Trausnit vorstellen, das Friedrich dem Schönen in für Bayern ruhmvoller, gewaltiger Zeit zu ritterlicher Haft angewiesen worden war. Die Erinnerung an diese Gefangenschaft des unglücklichen österreichischen Fürsten lebt in volksthümlichen Sagen fort. So erzählte uns der Besitzer des neben der Ritter- Burg befindlichen Gasthauses mit ernster Miene und im Tone vollster Ueberzeugung Folgendes: „Sieben Jahre schon schmachtete Friedrich im engen Thurmgelasse, sich die Zeit mit Pfeilschnitzen vertreibend. Da kam eines Tages ein Bürger von Luhe, der nach Pfreimbt gehen wollte und sich in den großen Wäldern verirrt hatte, auf die Waldblöße; er erstaunte, hier eine Burg und bayerisches Kriegsvolk anzutreffen. Von dein Letzteren erfuhr er den Namen dessen, den sie zu bewachen hatten. Man zeigte ihm den Weg längs des Wassers, der nach Pfreimbt führt, und er berichtete, dort glücklich angekommen, was ihm widerfahren war. Das traurige Loos des gefangenen Fürsten ergriff besonders den Geistlichen des Ortes mächtig, er schlug sofort den Weg zu jener Burg ein, kletterte in der Nähe derselben auf einen hohen Baum und stimmte einen Gesang an. So wurde der unglückliche Fürst auf ihn aufmerksam, ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erzählte ihm die traurige Mähre: Sein „Bruder" Kaiser Ludwig der Bayer halte ihn hier seit sieben Jahren in strenger Haft. Der Priester eilt zurück nach Pfreimbt, es gelingt ihm die Bürger für die Sache des Gefangenen zu gewinnen und mit vereinten Kräften rücken sie vor die Beste. Vergebens kämpfen sie mit den Bayern, es glückt ihnen nicht, sie zu überwinden und damit den Herzog zu befreien. Endlich kommen sie auf den Einfall, die Burg zu untergraben. Nun sehen die Vertheidiger ein, daß sie selbe nicht mehr länger halten können und übergeben sie ihren edelgesinnten Feinden. Aber Friedrich, der ritterliche Mann, will die Haft nicht breche». Nur von seinem „Bruder", der ihn gefangen hält, nähme er die Befreiung an. Erst auf langes Bitten und Drängen der Eroberer ver- läße er die Burg und zieht mit ihnen fort. Sie überschreiten die Pfreimbt und ersteigen die jenseitige Höhe. Dort wendet sich Friedrich um, deutet auf das Thal, das sie soeben verließen, und spricht zu seinen Begleitern die Worte: „Kinder, trauet dem Thale nit." In seiner Heimath angekommen, findet Friedrich seine treue Gattin erblindet von unablässigem Weinen um den so lange entfernt gewesenen Gemahl. Die muthigen Bürger wurden fürstlich belohnt. Sie erhielten die Wälder, die das Castell umgaben und die Friedrich von seinem „Bruder" Ludwig, mit dem er sich bald ausgesöhnt, käuflich erworben hatte, zum Geschenk. So entstand um die Burg eine Ansiedelung, die ihre Bewohner in getreuem Andenken an die Warnung des Herzogs „Trausnit im Thale" nannten, während sie das später entstandene Dorf auf der Höhe, wo der Fürst sich noch einmal nach seinem eben verlassenen Kerker umgesehen hatte, „Hohen-Trausnit" hießen. So sagt das Volk noch heute, wahrend diese Namen schon längst „von den Herren" in „Trausnitz im Thale" und „Hohen-Treswitz" umgetauft worden sind." — Soweit mein Gewährsmann. Viele Adelsgeschlechter saßen von Altersher auf der Burg. Zu Anfang unseres Jahrhunderts gehörte das Rittergut TrauSnitz im Thal dem Freiherrn Joseph von Karg- Bebenburg» k. b. Kämmerer, der mit seiner Ehegattin Maria Elisabetha, einer geborne» Neisner Freiin von Lichtenstern, das heutige Wirthshaus zum adelige» Ansitze hatte. Er baute indeß ein neues Schloß (die alte Burg war bayerisches Staatseigenthum geworden) neben der Kirche, in der das vereinigte Wappen der beiden Gatten über dem Altar an sie erinnert. Aber auch das neue Herrenhaus ist jetzt zum Schulhaus umgewandelt worden, und kein Edelgeschlecht haust mehr an dieser Stelle des sagenumwobenen Ufers der Pfreimbt. (Deutsches Adelsblatt.) 367 Der erste Felibre. (Provencalische Romanze von Ludwig Bril l-) 1 . Schritt ein schwarzgelocktcr Jüngling An den Usern der Dnrance, Schweifte, alter Zeit gedenkend, Durch die blühende Provence. Vom Adour bis zu den Alpen Sah er edle Sänger wallen, Hörte von den hohen Burgen Wundersame Lieder schallen. Und verzückt, wie einst Eäcilia. Stand der Jüngling da und lauschte, Bis der Strom der süßen Klänge Saust iin Abcndwind verrauschte. ' Trauernd lag vor seinem Blick jetzt Saugvergessen die Provence, Und mit ihm die Weiden weinte!! An den Ufern der Durancs. Und die Blüthe der Granate Schloß sich leist vor tiefem Leide, Und mit linden Thränen netzte Rosmarin die dürre Haide. 2 . Von der Haide tönte lieblich Nachtgesang der kleinen Grillen, Und aus blauer Ferne stiege» Goldumrändert die Alpillen. Langsam zog die Hserde heimwärts, Hinter ihr in weißen Locken Schritt der Hirt, voll Andacht horchend Aus den Reis der Abendglocken. Sein Gesicht, ein Buch der Weisheit, Und sein Herz, ein heilig Feuer, Seine Brust, ein Schrein voll Sagen Der Provence, die ihm theuer. Trieb die Heerde sechszig Jahrs Durch die Crau und die Camargue, ') Und nur noch eine» Wunsch kannt' er: Daß man dort zur Ruh' ihn sarge. Und der schwarzgelockte Jüngling Nahte sich dem Greis mit Zagen, Bebend klang von seiner Lippe Frommer Gruß aus alten Tagen. 3 . „Josö I" rief der Alte lächelnd, „Ist nicht niehr der munt're Knabe, Flog sonst gleich dem Sambu-Füllen, Durch die Flur im wilden Trabe. U Crau und Camargue sind große Haide« So viel wie Füllen der Wildniß. Baux: Ruine einer alten Felsensestung. Der letzte bedeutende Troubadour. Hand aus's Herz! er sah verwegen Einer Schönen in die Augen, Und nun, ein gezähmtes Äößlein, Will sein Muth nichts Rechtes taugen." „Vater Hirt! in's holde Antlitz Sah ich einen! Wundermädchen, Und sie spann mit Feenhänden Um mich gold'ne Liebsssädchen. Trotz der achtzig Jahre, Vater, Liebt ihr minder nicht die Traute, Die Provence alter Zeiten, Die ich hentt im Traum erschaute. Troubadoure zogen singend Durch die sonnigen Gefilde, Selig lauscht' ich ihren Weisen — Ach! da schwand das Tranmgcbilde." 4 . In prophetisch Schau'» versunken, Vor dem Jüngling stand der Hirte, Während geisterhaft sein Auge Nach den blauen Hohen irrte. „Dort", begann er, „ties im Felsschacht, Seit die Banx in Schutt zerstoben, Ruht in unberührter Schönheit Eine Jungfrau, traumumwoben. . Unheil schauend, saß sie lange Einsam dort in finsterm Kummer» Arnald Maraviglia sang sie Eines Tags in sel'gen Schlummer. Lächelnd in den braunen Haaren Rosmarin und Immortelle, Aus der Brust die Lilienhände, Liegt sie an gefeiter Stelle. Manchmal wandelt wohl ihr Schatten An den Ufern der Dnrance, Und dann flüstern aus den Weide» Alte Lieder der Provence. 5 . Schwieg der Hirt. Darauf der Andre: Wunderbar! und habt ihr Kunde, Wie man Weg und Eingang finde Zu Ver Maid im Felsengrunde?" Und der Alte blickt dem Frager In die dunkeln Sonnenaugen: „Nur ein Sänger reinen Herzens Mag zu solchem Gange tauge«» Doch man sagt, mit heil'aem Liede In der Heimath süßem Laute Die nur mehr erklingt in Hütten, Weckt ein Sänger einst die Traute. im Süden der Provence. Und zurück aus Mistrals Schwingen Kehrt der Geist in die Provence, Tönt das Lied der Troubadoure Pein Adour bis zur Durance" Ictzo schied mit Gruß und Segen Von dem Musensohn der Hirte, Während Jener durch die Haide Nach den fernen Höhen irrte. 6 . Aus den Schwingen heil'gcr Sehnsucht Flog der Wand'rer durch die Wüste, Bis die bleiche Baux gespenstisch Aus dem Dämmerdust ihn grüßte. Seinem Sterne fromm vertrauend, Drang er in die Felsentielen, War's ihm doch, als ob, süß lockend, Stimmen aus dem Innern riefen. Plötzlich hellte sich das Dunkel, Und vor ihm im Glorienlichte Lag die Jungfrau friedlich schlummernd, Mit dem Engelsangestchte. Ihr zu Häupten lang die Harfe, Maraviglta's Herzvertraute, Aus den gold'nen Saiten strömten Noch des Meisters Minnelaute. Sel'ge Wonncschauer zogen Durch die Brust dem Musensohne, Upd das Saitenspiel ergreifend, Hub er an in leisem Tone: 7. »Wach auf, du holdes Traut! O, nicht zu neuem Kummer Rüst dich aus sanften, Schlummer Des Sängers Klagclaut. ») Name des bcdeutendsten Felibre, starken Windes. Wach aus! der Lenz erschien, Die klaren Brünnlein rauschen, Und Nachtigallen tauschen Der Liebe Melodie'». Wach aus! am Bache fleh'» Maßliebchen, licht wie Sterne: Wir grüßten dich so gerne Zu srohem Aufersteh'»! Wach aus! Dein Troubadour Will dich zur Braut erküren Und im Triumph dich führen Durch all' die Heimathflur." 8 . Wie dem Kind, wenn lichte Träume Seine Wiege still umfächeln, Also flog der Schlummerholden Um den Mund ein süßes Lächeln. Und sie schlug die dunkeln Augen Seclenvoll empor zum Sänger, Der jahrhundertalte Zauber Hielt das schöne Kind nicht länger. Hehr und herrlich vor den, Jüngling Stand sie da im Jugendprangen, Während von den Rosenlippen Provencalcnlicder klangen. Und im Arm des Meisters Harse, Zog mit ihm sie durch die Fluren, Um sich schaarend viele Sänger, Die zum heil'gen Bunde schwuren. Felibrige sein holder Name, Stolz und Zierde der Provence, Denn die Langue d'Oc klingt wieder Von, Adour bis zur Durance. der Name eines in der Provence oft wehenden M i s e s l l s,r. (Baron Mikosch.) Professor in einer Gesellschaft: „In der That, verglichen mit früheren Jahrhunderten sind die astronomischen Errungenschaften unserer Zeit großartig zu nennen. Mit welcher erstaunlichen Genauigkeit berechnen wir z. B. die Entfernung der Sterne von unserer Erde, Neptun 600 Millionen weit, Venus 14>/z Millionen weit . « — Baron Mikosch: „Daß man waiß, wie wait die Sternen sind, ist nichts — daß man aber waiß, wie sie haißen — olle Achtung!" (Marc Twain), der bekannte amerikanische Humorist, erhielt von einem amerikanischen Würdenträger einen Brief, den zu beantworten er nicht für nöthig fand. Darauf ließ die hochgestellte Persönlichkeit dem ersten Briefs einen Bogen Papier und eine Marke folgen. Darauf erwiderte Twain per Postkarte: „Papier und Marke erhalten, bitte um Couvert." (Neise-Utensilien.) A.: „Da Sie in die Alpen reisen, so haben Sie hoffentlich nicht vergessen, ein gutes Glas mitzunehmen, man hat dann doppelten Genuß von der herrlichen Fernsicht." — B.: „Ja ein großes Glas hab' ich schon, aber wird man überall das Bier dazu kriegen können?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max.Huttler. zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 47. Mittwoch, 13. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson, (Fortsetzung.) Nur zu gern hätte Fräulein Constanze sich bei ihrem Vetter nach des Försters Enkelkind erkundigt, doch hielt der bestimmte Wunsch ihrer Großmutter sie davon zurück, dennoch nahm sie sich vor, zu geeigneter Zeit einmal der Waldfee ihm gegenüber zu erwähnen. Die beabsichtigte Fahrt nach den beiden entfernten Gütern war zum Verdruß der Gräfin von Förster Kohring und Graf Waldemar unternommen, und einige Wochen darauf vergangen, ohne daß er im Försterhause erschien. Man wunderte sich darüber nicht, es gab für ihn Abeit genug, er war so unausgesetzt thätig, daß auch seine Großmutter ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnte, und zugleich sich freute, daß er die Försterei noch nicht wiedergesehen. Bald aber erschien er in derselben, und diesem Besuche folgten andere, und die ehemalige Gefährtin nahm unmerklich den vertraulichen Ton früherer Tage an, wo sie ein Kind und er ein kaum erwachsener Knabe gewesen, wenn sie sich auch der förmlichen Anrede bedienten. Damit aber zog die Liebe in ihre junge Herzen ein, die eigentlich nur die Fortsetzung der Zuneigung ihrer Kinderjahre, und bald dem Förster und seiner Nichte kein Geheimniß mehr war. Man ahnte sie aber auch in Steinhorst, und die Gräfin und ihre Tochter führten erbitterte Worte darüber, welche Fräulein Constanze voll inniger Theilnahme mit ihrem Vetter anhörte. Der Entschluß der Ersteren stand fest, sie wollte in ihrer Familie keine Heirath unter Rang und Stand dulden, am wenigsten aber von dem Enkel, für den sie gearbeitet und gestrebt, und bedachte dabei nicht, daß dieser Enkel der selbstständige Herr seines Schicksals war, und ihrer Einwilligung zu einer beabsichtigten Verbindung nicht bedurfte. Die Liebenden selbst aber, über deren Lippen ihre Gefühle noch keinen Ausdruck gefunden, lebten in stiller Seligkeit, im Bewußtsein und in der Ueberzeugung ihrer gegenseitigen Neigung fort, welche ihnen ihre, Blicke und eine nur ihnen verständliche Sprache verrathen, wenngleich auch der Gedanke — die Frage an sie herantrat, ob diese Liebe zu einem glücklichen, erwünschten Ziele führen werde. Graf Waldemar war entschlossen, Anna Herfeld mit Bewilligung ihres Großvaters zu seiner Gattin zu machen» alle ihm entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen und auch die Wünsche seiner Großmutter nicht zu berücksichtigen, die stets ihren einseitigen Adelstolz geltend zu machen suchte, und deren Ansichten in dieser Beziehung weit von den feinigen abwichen. Auch Anna hatte bereits empfunden, daß die Pfade wahrer Liebe nicht immer eben seien, und war oft ernster und nachdenkender als man sie sonst gesehen. Auch sie kannte die Ansichten der adelstolzen Gräfin Steinhorst zur Genüge, die, wenn sie sich in der Kirche trafen, gleich ihrer Tochter sie stets nur hochmüthig begrüßten, während Fräu- 370 lein Constanze dies mit freundlicher Höflichkeit that. Sie hatte das tief gefühlt, und wußte sich auch die vornehme Herablassung der beiden älteren Damen zu erklären, dennoch aber vermochte ihr Herz nicht von Graf Waldemar zu lassen. Eines Nachmittags kehrte früher als sonst Förster Kohring von seinen Wegen aus dem Walde heim, und fand an dem gemahnten Platz vor der Thür nur seine Nichte. Ihr ernstes bekümmertes Gesicht gewahrend, sah er zugleich die Arbeit seiner Enkelin auf dem Tische, und fragte schnell: „Wo ist Anna, Wilhelmine?" „In den Garten gegangen, wie ich fürchte, um mir ihre Thränen zu verbergen, da sie schon den ganzen Nachmittag traurig und still gewesen ist", und Frau Albrecht stieß einen tiefen Seufzer aus. „So mag's wohl sein", erwiderte der Förster, sich neben seiner Nichte niederlassend. „Es ist Alles gekommen, wie Du befürchtet, und wir müssen etwas thun, um hier eine Veränderung zu machenI" „Welche Veränderung aber, Onkel? — Wir können doch dem Grafen nicht das Haus verschließen, obgleich das sicherlich im Sinne seiner Großmutter gehandelt wäre!" „Nein, Wilhelmine, das können wir nicht, doch muß es zu einer Entscheidung kommen, denn ich will nicht, daß das arme Kind sich härmt und grämt." „Was kann und soll jedoch geschehen?" „Anna soll fort, schon in den nächsten Tagen, und dazu ist uns der Zufall günstig. Ich habe einen Brief von Sophie Dörner in der Tasche, den ich dem Postboten abgenommen und auch schon gelesen habe. Sie ladet sie zu einem baldigen Besuche ein, da sie später mit dem schwachsinnigen jungen Mädchen, das bei ihrer Mutter ist, reisen wird! —" „Das trifft sich sehr glücklich, Onkel, denn auch ich halte Anna's Entfernung für nothwendig", entgegnete sichtlich erleichtert Frau Albrecht. Sollte sie aber auch reisen wollen? —" „Sie muß reisen, Wilhelmine, und ist auch verständig genug, es einzusehen. Vorher aber will ich ihr — es kann sogleich geschehen — die Geschichte ihrer Eltern erzählen, was schon längst meine Absicht gewesen-" „Aber Du wirst sie entbehren, Onkel-" „Ich komme dabei nicht in Betracht, Kind! — Es handelt sich hier um ihre Gesundheit und um ihr Lebensglück — auch hat der Graf sich gegen mich noch mit keinem Wort ausgesprochen, und wir wissen nicht, woran wir seinerseits sind, Ist sie fort, so wird die Sache zur Sprache und damit zur Entscheidung kommen, und — doch verliere ich hier die Zeit und das Kind sitzt im Garten und grämt sich und weint —" und sich erhebend entfernte er sich mit eiligen Schritten. Er fand seine Enkelin bald in einer Mooshütte« die einst Graf Waldemar für sie und ihre Erzieherin erbaut. Schon aus der Ferne gewahrt« er ihr ernstes, gedankenvolles Gesicht, und sah ebenfalls, daß sie, als sie seine Schritte vernahm, mit dem Taschentuch über die Augen fuhr. Ein tiefes Weh durchzog seine Brust, dies verriethen auch seine Züge als er die Hütte erreicht, aus der sie ihm entgegen trat. „Schon zu Hause, Großvater?" begann sie mit einer Stimme, welcher der sonst so heitere Klang fehlte. „Ja, mein Kind", erwiderte er mit einem forschenden Blick, der schnell das Blut in ihre Wange^ trieb. „Weshalb aber finde ich Dich hier, und nicht wie sonst bei Deiner Tante, die traurig und kummervoll vor der Thür sitzt?" „Großvater —" „Anna, «nein liebes, theures Kind", entgegnete er, sie mit seinem Arm umfassend und sah ihr voll Liebe und Zärtlichkeit in die Algen. „Du hast Kummer — den Kummer eines jungen Herzens, das zuerst die Liebe empfunden, die aber das erwünschte Ziel nicht voraussehen läßt!" 371 „Großvater — " sprach nochmals Anna und barg ihr glühendes Gesicht an seine Brust. „Laß uns einmal die Sache, der Du Dich nicht zu schämen hast, in aller Ruhe besprechen, mein Kind", fuhr mit weicher Stimme der Förster fort, und führte sie in die Hütte zurück, wo er sie neben sich auf die Bank zog. „Du liebst Graf Waldemar", — Anna erbebte an seiner Brust — „ich weiß es, Deine Tante und ich haben es vorausgesehen, er liebt Dich ebenfalls, denn auch dies haben wir durchschaut, was soll aber aus Eurer Liebe werden, wenn seine Großmutter und Familie gegen eine Verbindung mit Dir find?" Die Enkelin schwieg und der Großvater fuhr fort: „Die Gräfin ist sehr adelsstolz, Geburt und Name ist ihr durch nichts zu ersehen. Daher müssen mir ihr gegenüber unfern Stolz und unsere Selbstachtung zeigen und dazu ist erforderlich» daß Du auf einige Zeit von hier fortgehst!" „Ich, Großvater?" fragte Anna überrascht. „Ja, Kind, und durch eine glückliche Fügung läßt sich das machen. Wir haben einen Brief von Sophie Dörner bekommen, und in diesem bittet sie um Deinen baldigen Besuch. Nach meiner und Deiner Tante Ansicht reisest Du in diesen Tagen zu ihr, und erwartest dort in aller Ruhe, was hier geschieht. „Vorher aber, Anna", fuhr der Förster fort und seine Züge umdüsterten sich und seine Stimme klang tiefer als zuvor, „vorher aber sollst Du hören, was außer mir. Deiner Tante und dem Prediger von Vahrenwald Niemand weiß, noch vorerst wissen soll, die Sache betrifft Dich und —" „Und meine Eltern, Großvater?" fragte schnell seine Enkelin und blickte lebhaft zu ihm auf. „Ja, und Deine Eltern", sagte er mit einem tiefen Seufzer. „Der Zeitpunkt ist gekommen, wo ich Dir eine eingehende Mittheilung über sie nicht länger vorenthalten kann. Auch mußt Du die traurigen Schicksale erfahren, die sie Dir und mir so früh genommen, und den Tod Deiner Großmutter verursacht haben!" Der Förster hielt inne, blickte einige Sekunden in's Weite — in den Wald, der still und schweigend vor ihnen lag, während ein leichter Windzug seine hohen Laubkronen leise bewegte, und begann: „Anna, Du bist, wofür Du und auch Andere Dich immer gehalten, das einzige Kind meiner früh verstorbenen Tochter, doch hieß Dein Vater nicht Herfeld, sondern Ludwig von Bodenwald, und war der jüngste Sohn eines im-Lande reichbegüterten Majoratsherrn von altem Adel, der zugleich bei Hof und im Lande eine hohe Stellung eingenommen. Deinem Taufschein nach heißt Du Anna Thusnelda von Bodenwald, und Du bist demnach von Deines Vaters Seite dem Grafen Waldemar von Steinhorst ebenbürtig — " „Großvater —" unterbrach lebhaft Anna, welche voll Spannung zugehört hatte. Deine Mutter aber war eine Bürgerliche, und daraus ist für Dich und mich alles Unglück erwachsen", fuhr mit leisem Nachdruck der Förster fort, „doch höre nun wie das geschehen", und Anna vernahm aus dem Munde ihres Großvaters, was der Leser bereits zu Anfang und im weiteren Verlauf dieser Erzählung erfahren. Oftmals ward er von ihren theilnehmenden, oder heftigerregten zornigen Worten unterbrochen, oft auch durch die Erinnerungen, welche auf ihn einstürmten und ihn kaum Worte zur Fortsetzung seines Berichtes finden ließen. Als er ihn den Tod seiner Gattin geschildert, fügte er mit kaum vernehmbarer Stimme hinzu: „Daß meines Bleibens in Bodenwald, wo Alles mich an die Verstorbene erinnerte, nicht länger war, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ich las von dieser Stelle, bewarb mich darum und erhielt sie schnell, und sagte der alten Heimath, wo ich so glücklich gewesen, und den Gräbern meiner Gattin und Kinder Lebewohl. Seitdem haben wir hier gelebt»" — (Forts, folgt.) 372 Ein Volksfest in Mo skan. ^Aus der Berl. Nat. Ztg.) Moskau, 3. Jmn. „Sei fröhlich, ehrliches Volk, aber bewahre die Ordnung!" Getreu dem Motto des Programms hat sich das Volksfest auf dem Chodynkafelde trotz der ungeheuren Massen, die an demselben theilnahmen, ohne unangenehme Unterbrechung heiter und maßvoll abgespielt. Ueberall, soweit wir beobachten konnten, herrschte der den Russen angeborene Sinn harmloser Vergnügtheit. Die Anordnungen und Einrichtungen für das Fest waren zum größten Theil vortrefflich; wo sie sich nicht ganz bewahrten, war man gutmüthig genug, sich den einstellenden Aerger hinwegzulachen. Das Geordnete und Gezügelte dieses Volksfestes unterscheidet es vortheilhaft von dem Tumult, in den bei der Krönung Alexander's II. die Fröhlichkeit der Massen schließlich ausartete. Damals hatten die Lieferanten mit den Beamten einen abscheulichen Plan ersonnen, um das Volk um das erwartete Vergnügen zu bringen. Da kaum der vierte Theil der versprochenen Lieferungen wirklich geleistet worden war, «rußte man daran denken, den Betrug zu verschleiern. Man gab daher das Zeichen zum Einlaß des Volkes viel früher, als es programmmäßig erfolgen sollte. Die hineinstürmende Menge bemächtigte sich schnell aller vorhandenen Vorräthe, zerschlug Stühle und Tische und hatte, als der Kaiser eintraf, das Ganze bereits in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt. Von alledem war dieses Mal keine Rede, obwohl sich auf dem Felde gewiß eine halbe Million Menschen versammelt hatten. Nicht nur aus den entferntesten Stadttheilen Moskau's waren sie herbeigeströmt, so daß diese öde und verlassen erschienen, sondern auch das ganze Gouvernement hatte die Landleute nach der Stadt entsendet. Reisende, die am Tage des Volksfestes in Moskau eintrafen, versicherten, daß die Bewohner der Dörfer in langen Reihen zu beiden Seiten der Eisenbahn die Nacht hindurch gepilgert wären, um sich ihren Antheil an dem Vergnügen zu holen. Tausende hatten sich vom frühen Morgen an vor den Einlaßthoren ein Quartier geschaffen, sehnsüchtig des Zeichens harrend, das ihnen erlauben würde, sich nach Herzenslust auf alle erdenkliche Weise zu amüsiren. An dem Wetter hatte das Fest einen Bundesgenossen, wie er nicht bester gedacht werden konnte. Der Himmel war ununterbrochen bewölkt, die Luft frisch und kühl, wir während eines deutschen Aprils oder Septembers. Der Sonnenschein hätte die unendliche Fläche sicherlich in glühenden Sand, der Regen in einen furchtbaren Sumpf verwandelt. Das Chokynkafeld liegt an der Petersburger Chaussee neben dem Gebäude der vorjährigen Kunst- und Gewerbe-Ausstellung, gegenüber dem Petrowsky-Schloß, wo der Kaiser abgestiegen war, um in die Stadt zu ziehen, und dem Petrowsky-Park, dem Thiergarten oder Prater Moskau's, dessen Landhäuser, Alleen, Teiche die Bewohner an Sommertagen regelmäßig Hinauslocken. Gerade gegenüber dem Schlosse war der Kaiserpavillon aufgebaut, eine zierliche, aus zwei Stockwerken bestehende, reichgeschmückte Halle, auf deren oberem Balkon der Kaiser gegen Uhr erschien, um von nicht enden wollenden Hochrufen, Hüteschwenken, Kanonensalven und Orchestertuschen empfangen zu werden. Links und rechts davon lagerten sich kolossale Tribünen, die geschickt gebaut waren und der Bewegung des Einzelnen den freiesten Spielraum ließen. Auf beiden Seiten zerfielen sie in drei Abtheilungen, die der Farbe des Außenanstrichs und der Billets entsprechend als blaue, weiße und rothe zu unterscheiden waren. Die Lage des Kaiserpavillons war derartig, daß von ihm aus das Feld übersehen werden konnte, so weit das überhaupt möglich war. Aber selbst ein gutes Opernglas trug den Blick lange nicht so weit, um die Grenzen des Schauplatzes auch nur annähernd erkennen zu lassen. Was man, allerdings in großer Verkürzung, gut wahrnahm, waren die vier Theater, welche ihre Scene der kaiserlichen Loge zugewendet hatten und in deren Mitte sich das weit ausgespannte Halbrund des Circus befand. Die andere Hälfte blieb gleichfalls wieder für den Kaiser und die Zuschauer auf den Tribünen frei. Trotzdem die Breite der vier Bühnen gewiß 373 nicht geringer als die des Berliner Opernhauses war und der Circus für fünfzehn- tausend Personen Platz hatte, schrumpfte das Alles doch zur Größe eines Puppentheaters zusammen, auf dem die Schauspieler und Jongleure zu Kindermarionetten wurden. Ueber den Circus und die beiden rückwärts gelegenen Theater hinaus verschwamm das Bild für das Auge vollständig, man mußte eine halbstündige Wanderung zu Fuß durch das Menschengewühl antreten, um zu der südwestlichen Begrenzung des Platzes zu gelangen. Diese bestand aus hundert mummerirten Eiscnbahnwaggons, wie man sie für den Gütertransport braucht die zu Tempeln des Gottes Gambrinus umgewandelt waren. In einer ihrer eigenen Länge entsprechenden Distanz waren sie von einander entfernt und vom Publikum durch eine vier Fuß hohe hölzerne Galerie getrennt. Man hatte sich einen schönen Apparat ausgedacht, um das edle bereits im Februar gekaufte und dann in versiegelten Kellern verschlossen gehaltene Naß aus den Fässern in die durstigen Kehlen stießen zu lassen. Das Bier sollte in ein Eisenrohr, eben so lang wie der ganze Wagen, strömen und dann aus sieben, mit Gummiverschluß versehenen Oeffnungen in die einzelnen Kruge übergehen. Als man den Apparat am Tage vorher prüfte, fand man ihn vollendet schön, aber beim Volksfeste zeigte er sich durchweg widerspenstig, so daß man ihn beseitigen und durch gewöhnliche Krähne ersetzen mußte. Wie bei allen solche» Gelegenheiten kam auf die Unverschämten der größte Theil, mit spitzigen Ellenbogen drangen sie durch die Menge durch, den Krug leerend und wieder füllend, bis sie vergnügt wurden, der Fortsetzung dieser wohlthuenden Motion vergaßen, sich singend und gestikulirend durch die Menge eine Gasse bahnten und endlich wie nach einem rühmlichen Kampfe als Schlachtopfer zur Erde sielen. Dergleichen Scheintodte, die nur bei einem besonders wirkungsvollen Hurrahrufen ihrer Kameraden die müden Augen einen Moment öffneten, um weiter zu schnarchen, gab es eine erkleckliche Anzahl. Wirkliche Rohheiten sind aber ebensowenig vorgekommen, wie bei der Illumination am Krönungstage. Die Kosaken, die hin und her ritten, fanden, so viel wir sahen, nur einmal Gelegenheit, einzuschreiten. Als der Apparat nicht funktionirte» glaubten nämlich die durstigen Seelen, daß das Bier ihnen absichtlich vorenthalten würde, und suchten sich als Opfer ihrer Rache einen Herrn im hohen Hute aus, den sie für den Lieferanten hielten und der sich nur durch schleunige Flucht unter militärischer Deckung der ihm drohenden Lynch-Justiz entziehen konnte. Am malerischsten machte sich die Scene, als an den hundert Waggons die Neigen an die Reihe kamen, die mit Sturm genommen und dabei kläglich vergossen wurden. Wer in die sich bildenden Bierlachen nicht hineinplumpste, und mit den am Körper festklebenden Kleidern herausgezogen wurde, war glücklich, wenn er mit seinem Kruge oder mit seiner Mütze einen Tropfen auffangen konnte. Ich sah bei dieser Gelegenheit Gestalten von einer Seltsamkeit, die jeder Beschreibung spottet. Ausgerissene Aermel und Rockschöße, die durchaus beweisen wollten, daß der Schmutz der Vater aller Dinge ist, waren noch das Wenigste. Aber diese von struppigen Haaren umgebenen Gesichter mit den selig verklärten Augen, diese vorsündfluthlichen Hände, die aus einem Stück Zeitungspapier und einer unkenntlichen Masse eine Cigarrette treten, diese mit einer zolldicken Schicht Erde bedeckten Stiefel wiesen thatsächlich auf eine weit hinter uns liegende Periode der Geschichte. Die Krüge, die zur Vertheilung kamen, hatten nicht all« dieselbe Form. Einige zeigten den kaiserlichen Doppeladler als Relief auf die thönerne Masse aufgetragen, andere hatten ihn nur als eingeritzte Zeichnung. Da aber nicht für alle viermalhunderttausend Menschen in gleicher Weise gesorgt werden konnte, hatte man eine nicht unbeträchtliche Zahl derselben mit einfache» Gläsern ohne jedes weitere Abzeichen abgefunden. Im Laufe des Nachmittags verwandelten sich die braunen thönernen Töpfe in einen Handelsartikel, der aber nur schwach begehrt wurde. Von 1'/^ Rubel sank der Preis bald auf vierzig und dreißig Kopeken herab. Die am Tage darauf auf der Straße feilgehaltenen Exemplare dürften noch wohlfeiler geworden sein. Der Krug bildete mit zwei Pirogen und einer Düte Konfitüren den Inhalt einer — 374 — hölzernen Schachtel, die in einzelnen an verschiedenen Seiten des Platzes befindlichen Zelten dem Volke verabreicht wurden. Der Ansturm war so stark, daß in einer halben Stunde die Bertheilunz beendigt war. Tausende der Empfänger verließen sofort den Platz, um in ihrem Schnupftuche das willkommene Geschenk nach Hause zu tragen und dort in Ruhe zu verzehren. Die überwiegende Mehrzahl blieb jedoch zurück und suchte sich, nachdem sie sich an den allgemeinen Belustigungen und Vorstellungen sattgesehen hatte, einen Ruhesitz zu erkämpfen, so gut eS eben gehen wollte. Sitzplätze hatte man nur im Circus, dessen Reihen bis zu einer schwindelnden Höhe hinaufreichten, während vor den Theatern Alles stehen mußte. Auch sonst waren nirgends Tische und Stühle vorhanden. Man fürchtete, daß sie bei einer etwaigen Prügelei zu gefährlichen Waffen werden könnten. Allein zu einer solchen kam es nirgends, da der Schnaps in Acht erklärt war und auch in den neben dem Chodynkafelde gelegenen Buden keine Spiritussen verabfolgt werden durften. Die Herstellung der Pirogen, großer Fladen, die bald mit Teig, bald mit Fleisch gefüllt waren, war den, Moskauer Hofbäcker Filippow anvertraut worden, der aber seinen kontraktischen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und daher in eine hohe Konventionalstrafe verfallen wird, obwohl er seine sämmtlichen Filialen in der Stadt geschloffen und alle seine Leute Tag und Nacht nur mit der Bäckerei für das Volksfest beschäftigt hatte. Die Schwierigkeit lag aber darin, daß mit der Anfertigung dieser Pirogen erst drei Tage vorher begonnen werden durfte, damit sie nicht verderben konnten. Uebrigens schmecken sie, wenn man davon absieht, daß sie wie alles ähnliche russische Backwerk zu wenig gesalzen sind, vortrefflich. Das Einrühren des Teiges in ungeheuren Kesseln, die Füllung mit Fruchtsaft und Fleisch, das Backen in zerlassener Butter bildet eine Prozedur, die mit der größten Geschicklichkeit gemacht wurde. Sehr gut und schmackhaft waren auch die Konfitüren, welche die Firma Einem in Moskau zur vollsten Zufriedenheit der Besteller und Konsumenten geliefert hatte. In den vier Theatern wurden militärische Pantomimen, Harlekinaden, Zauber- possen und Balleis aufgeführt. Jede Vorstellung wurde nach einer Pause von zwanzig Minuten wieder von Neuem aufgenommen. Hier den Text einzelner Stücke: „Die lustige Hochzeit", dramatisches Bild in drei Akten von Suckonin, „Der schöne Frühling", Zauberpoffe in drei Bildern („Eisige Kälte", „Fest des Frühlings", „Einzug des Gottes") von Lentowsky, dem Besitzer des besuchten Sommergartens Eremitage, „Iwan Czarewitsch von Nodislawsky" und „Der russische Adler", große Kriegspantomime von Lentowski). Die letztere spielte sich vor unseren Augen als Kriegsgemälde im Kaukasus ab, bei dem mit rasselnden Kanonen, schmetternden Trompeten und Salven ein furchtbarer Lärm gemacht wurde. Nachdem sich die Akteurs ein paar Stunden lang müde gespielt hatten, zog eS die Direktion vor, den Reiz der Fabel nur noch in das Schießen zu verlegen, bis der Pulverdampf die Scene wie mit einem schweren Schleier bedeckte, so daß gar Nichts mehr zu unterscheiden war. —- Als der Kaiser im Pavillon erschienen war, begann vom Circus aus eir Festzug' der zu ihm auch wieder zurückkehrte, nachdem er an den Tribünen der weiten Bogen vorbeigegangen ivar. Die ihm zu Grunde liegende Idee war das Erscheinen des Frühlings. Den Anfang machten sechs geflügelte Herolde mit Sturmhauben und Trompeten, ihnen folgten die Personifikationen der Insekten und Getreidekäfer, dann sieben Frösche zu Pferde, eine Equipage mit Bienen, darunter die Bienenkönigin, dahinter der Wagen des russischen reichen Mika! Gelianowitsch, des Besitzers der schwarzen, den Humus darstellenden Erde, umgeben von Ameisen, als Sinnbildern des Fleißes. Ihnen schließen sich Bauern im rothen Hemd an, worauf der von Birkenzweigen und Blumen umgebene, von Schmetterlingen umflatterte Wagen des Frühlings kommt, den vier Pferde ziehen. Aus den vielen, für deutsche Leser unverständlichen und uninteressanten allegorischen Figuren heben wir nur den russischen Bacchus hervor, der auf einer von Hopfen umwundenen Troika heranzieht und von betrunkenen Knaben, Jongleurs und Bajazzos um- 375 — geben ist. Den Zug schließen eine Ziege, ein Bär und ein russischer Sängerchor. In diesem Momente sollten aus einem Luftballon, an dessen Füllung man fleißig gearbeitet hät!e, Kopftücher auf das Volk herabgeworfen werden. Allein der Ballon war unliebens- würdig genug, sich seiner Mission zu entziehen, indem er platzte und den Neugierigen das Nachsehen ließ. , » Unter den Volksbelustigungen verdienen neben den bekannten des Dauerlaufs und MastkletternS noch die vier Erzähler, die mit Anekdoten das. Volk unterhielten, ferner die Moltschanow'schen Volkssänger und die Nacumowsky'schen Chöre Erwähnung. Beim Mastklettern und Schwcbebanm hatte man Mützen, Hosen, Hemden, Stiefel, Uhren, Ketten, Harmonika's, Samoware als Preise ausgesetzt. Es war keine leichte Aufgabe diese Bäume zu erklettern, die für gewöhnliche Arme kaum zu umfassen waren. Die Meisten kamen nicht an das ersehnte Ziel und rissen beim Heruntergleiten ihre Nachfolger mit sich. Ein stämmiger Bursche der mit vieler Noth die Mastspitzr erreicht hatte, schwankte in der Qual der Wahl, wonach er greifen sollte. Lüstern schaute er eine Zeit nach dem Samowar, bis er sich endlich doch für die Harmonika entschied, auf der er gleich oben unter allgemeinem Jubel ein lustiges Stück zum Besten gab. Beim Schwebebaum bildete den Preis ein in einem Sack befindliches Ferkel, bis zu dem es jedoch auf dein zitternden Balken nur die Allerwenigsten brachten. Wer das Gleichgewicht verlor, fiel entweder in einen Nuß- oder Mehlhaufen, so daß er als Schornsteinfeger oder Müller der Gegenstand des allgemeinen Lachens wurde. Die Illumination vermochte ich, von Durst und Hunger gepenugt, wie ich war, nicht mehr abzuwarten. In den Restaurants des Pstrowsky-Parks mußte man sich als Millionär legitimiern, um von Kellnern, deren Schläfrigkeit etwas Orientalisches hatte, überhaupt berücksichtigt zu werden. Der Russe hat immer einen Vorwand zur Faulheit, wie der Deutsche zum Trinken, was sich diesmal nur schlecht miteinander vertrug. — Um fünf Uhr schien der Platz, nachdem ein Paar hunderttausend Menschen den Weg zur Stadt eingeschlagen hatten, sich geleert zu haben. Es war das aber eine Augentäuschung, der Blick des Einzelnen war nur gegen die Unzähligen, die vor den Theatern standen, im Circus saßen, an den Bierwaggons herumkletterten abgestumpft. Zu den Kanonenschlägen, Raketen und sonstigen Effekten des Feuerwerks mögen immer noch so viel Menschen auf dem Platze gewesen sein, als Königsberg oder Leipzig Einwohner besitzen. Um neun Uhr Abends begann man die zum Volksfeste errichteten Baulichkeiten mit Ausnahme des Kaiserpavillons und der Tribünen wieder einzureißen, da das Cho- dynkafeld für die am nächsten Sonnabend stattfindende Parade freigemacht werden muß. Miscells,r. (Von demungarischen Grafen Sandor) weiß das „Kl. I." eine Anekdote zu erzählen, die auch hier ihren Platz finden mag. Graf Sandor war bekanntlich allzeit zu tollen Scherzen aufgelegt und man hat von keiner einzigen Ausschreitung gehört, die dem genialen Manne mißglückt wäre. Da sitzt er eines Tages in Budapest im Kreise seiner Freunde und zecht. Draußen auf der Straße wird eben ein Mensch verhaftet, ohne daß der Grund recht ersichtlich ist. „Wer weiß," sagt einer von Sandor's Freunden, „was der aufgefressen hat!" „Ei," erwidert der Graf, „der Mann da draußen kann unschuldig sein, wie ein neugeborenes Kind." „Ohl" ertönt es im Chorus, „dann wird man nicht verhaftet!" „Das kommt darauf an," meint Graf Sandor, dem in diesem Augenblick ein närrischer Einfall durch den Kopf schießt. „Ich gehe eine Wette ein, daß ich morgen nachmittag 4 Uhr verhaftet bin, ohne auch nur das allerkleinfl? Unrecht begegnen zu haben." „Warum nicht gar!" „Wir leben ja nicht bei den Hottentotten!" „Das ist nicht möglich!" So und ähnlich machte sich der lebhafte Widerspruch vernehmbar, bis endlich nach Rede und Gegenrede eine Wette zu Stande kommt, deren Einsatz — 20 Flaschen Sekt — am nächsten Abend gemeinschaftlich getrunken werden sollte. Die Fortsetzung unserer Erzählung spielt in einem der vornehmsten Kaffee's in 376 Wien. Alle Tische sind von einem distinguirten Publikum besetzt und die geschniegelten Kellner fliegen hierhin und dorthin. Da zwängt sich durch die halbgeöffnete Thür eine Gestalt, die offenbar nicht hierher gehört. Ein Mensch in „schlotterichter" Haltung, bekleidet mit Lumpen, die Schuhe mit Bindfaden verschnürt, um die Schulter einen durchlöcherten Slowakenmantel, so schiebt sich der zoltige Bursche bis zu einem Tischchen im nächsten Winkel, blickt scheu und furchtsam um sich und kauert sich nieder. Flüsternd und ohne aufzublicken, verlangt — nein, erbittet er einen Kaffee. Wie wenn er seit vierzehn Tagen nichts warmes gegessen, stürzt er sich darüber her, ist mit gierigem Behagen wohl ein halbes Dutzend Brödchen dazu, ohne daß er auch nur für einen Augenblick sein unruhiges, wie verfolgtes Gebühren aufgegeben hätte. Fertig mit seiner Mahlzeit, flüsterte er mit zagendem Blick: „Zahlen!" Der Zählkellner, der den unsauberen und verdächtigen Gast ohnehin nicht einen Moment aus den Augen gelassen, eilt herbei. Nun dreht sich der Vagabond zur Wand, als wollte er von niemanden beobachtet werden und auch keinem ins Gesicht blicken, zerrt unterm Tisch aus den zerfetzten enganliegenden „Buchsen" eine Banknote und knittert sie verstohlen dem Oberkellner in die Hand. Dieser hat es sozusagen „am Gefühl", daß er eine Tausendguldennote zwischen den Fingern hält. Er bemeistert sein Erstaunen, setzt das stereotype Lächeln auf und hüpft mit dem üblichen „Gleich, bitte gleich!" von bannen, scheinbar um die Note am Büffet wechseln zu lassen. Scheinbar sagen wir; denn in Wirklichkeit schickte er einen dienstbaren Geist hinaus auf di? belebte Straße, um einen Sicherheitswachmann herbeirufen zu lassen. Kaum eine Minute vergeht, da steht der Mann des Gesetzes vor dem Zerlumpten; ein Blick auf das angstverzerrte Gesicht des Menschen genügt dem Polizisten, um zu wissen, daß er es hier mit einem Diebe zu thun hat. Darin bestärkt ihn auch der aus tiefster Brust hervordringende Seufzer mit dem sich sein Opfer in die schleunigst vollzogene Arretirung fügt. Vor den Polizei- kommissar geführt und um den Erwerb der namhaften Banknote befragt, gibt der Arrestant zitternd , und stammelnd zu, daß — er das Geld nicht verdient habe. Nun soll er seine Nationale angeben. „Bin ich nicht von hier, gnädiger Herr Kommissar!" „Woher also?" „Aus Ungarn!" „Und Dein Name?" „Kann ich nicht sagen!" „Kerl, antworte, wer bist Du und wie willst Du Dich ausweisen?" „Hob' ich Verwandte hier!" „Du — hier Anverwandte? Wer find diese?" „Hob' ich Schwiegersohn hier!" „Zum Teufel! Mach's kurz!" Wie heißt dieser Lump von Schwiegersohn?" „Heißt — Fürst Metternichl Bin ich — Moritz, Graf Sandor!" (Der ganze Unterschied.) Während eines häuslichen Zwistes rief die Frau ganz entrüstet aus: „Ach wüßtest Du, welch' ein Unterschied zwischen Dir ist und meinem verstorbenen Gatten!" — „O ja," erwiderte der Ehemann, „er ist jetzt selig, weil er Dir losgeworden, und ich war selig, ehe ich Dich gekriegt habe." (Trinkerlogik.) Arzt: „Wenn Sie wollen, daß Ihre Augen wieder ganz gut werden, so müssen Sie vor Allem das viele Trinken lassen!" Patient: „Dees geht net, Herr Doktor! Wegen zwei schlechte Fenster werd' i' doch net 's ganze Haus riskiren!" (Der diplomatische Frack.) Ein neugebackener Attachs bestellte sich einen Frack. Als der Schneider ihn fragte, ob der Herr ihn nach englischem, französischem oder deutschem Schnitt gemacht wolle, antwortete der von der Wichtigkeit seiner diplomatischen Bedeutung ganz erfüllte junge Mann: „Wissen Sie was? Da ich bei keiner der Großmächte anstoßen möchte, machen Sie mir ihn neutral." Original-Silben-Näthsel. * Von tausend Wünschen ohne Rast bewegt Ersehnt der Silben erste stets den Frieden; Allein er ist ihr nicht beschieden Bis man sie nicht in Beide letzte legt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ur. Max Hnttler. 679 „Dann werden Sie sie unfehlbar auf immer erzürnen, und das sollte mir sehr leid thu», da doch die Gräfin für Sie voll Aufopferung und Liebe gehandelt. Auch weiß ich nicht, ob unter solchen Aussichten meine Enkelin einwilligen würde, in Ihre Familie zu treten-" „Für mich existirt Nangunterschied nicht mehr, meine Familie aber hängt noch an Stand und Namen, doch würde ich Anna als meine Gattin, dieser gegenüber zu schützen wissen! —" „Das können Sie kaum, Herr Graf", entgegnete langsam das Haupt schüttelnd der Förster, „und ebenso wenig Ihrer Großmutter den Aufenthalt in Steinhorst wehren, wo sie ja doch seit so vielen Jahren, so ehrenvoll gewirkt und geschafft hat!" „Wir aber könnten uns in Schönau einrichten, denn das dortige Herrenhaus ist hübsch und geräumig." „Ich sehe, Sie haben die Sache schon reiflich überlegt." »Ja» Herr Graf, Anna liebt Sie mit aller Kraft und allein Leid der ersten Liebe«" „Herr Förster!" rief gerührt der junge Mann. „Da Sie es selbst durchschaut, darf ich Ihnen ihr Herzensgeheimniß anvertrauen.' Dennoch aber kann ich Ihnen keine Antwort auf Ihre Anfrage geben, bevor Sie nicht mit Ihrer Großmutter gesprochen, was sicherlich Sie noch nicht gethan." „Nein", erwiderte etwas kleinlaut der Graf, „obgleich sie, meine Tante und Cousine meine Liebe zu Ihrer Enkelin vermuthen, was ich gelegentliche» Bemerkungen, denen ich ein Ende machen will, entnommen. Ich kann übrigens jetzt nicht mit meiner Groß, Mutter reden, da diese und ihre Gäste an die See gereist sind." „Werden Sie bald wiederkommen?" fragte der Förster. „Das kommt wohl darauf an, wie es Ihnen in dem Badeort gefällt. Ich habe die kleine Ausflucht befürwortet, jetzt aber thut es mir leid —" «Unsere Angelegenheit eilt nicht, Herr Graf", entgegnete Kohring, dem diese Mittheilung erwünscht war, „es ist vielmehr richtig, wenn Sie noch einige Zeit zum Erwägen und Entschließen haben. Zudem sind Sie, wie Anna noch jung." „Mein Entschluß ist unabänderlich gefaßt", erwiderte lebhaft der junge Mann. „Anna hat außer mir noch einen Vormund, der ebenfalls seine Zustimmung geben muß-" „Nennen Sie ihn mir, damit ich ihn aufsuchen kann —" „Wozu, Herr Graf? — Trachten Sie erst nach dem Erforderlichsten, die Einwilligung ihrer Großmutter —" „Und falls sie mir sie nicht ertheilt —" „So werde ich um eine Unterredung mit ihr bitten —" „Sie, Herr Förster?" fragte ungläubig der junge Mann. „Meinen Sie, es würde Ihnen gelingen, ihre Vorurtheile zu besiegen?" „Sie könnte meinen Vorstellungen Gehör schenken", antwortete Kohring so bedeutungsvoll, daß Graf Waldemar ihn fragend anblickte. Nun aber lassen Sie uns nicht mehr von der Sache sprechen, sondern hören Sie meinen Vorschlag. Da Sie ebenfalls in Ihrem Herrenhause allein sind, so bleiben Sie diesen Abend bei mir. Wir wollen plaudern und Sie erzählen nur dann von Ihren Reisen —" „Mit dem größten Vergnügen, Herr Förster", entgegnete lebhafter der junge Mann. „Zwar wird mein Wagen bald kommen —" „Wir lassen hier ausspannen, Ihr Konrad findet hier Bekannte und Unterhaltung." Jetzt erschien Christine mit einer Stärkung für den Grafen, den sie durch den Garten hatte kommen sehen, und für dessen häufige Besuche sie längst den wahren Grund gefunden. Sie begrüßten sich wie immer in freundlicher Weise, der Förster bestellte für sich und seinen Gast das Abendessen und bald saßen diese bei einer guten Flasche Wein, der Christine nach einer Weile eine zweite folgen ließ, und rauchten und plauderten, bis sie das vortrefflich zubereitete Mahl meldete. — 380 Nach sechStägiger Abwesenheit kehrte Frau Albrecht von H. zurück, wo sie Anna in Schutz der Doktorin Dörner gelassen, welche erfahren, weshalb Förster Kohring ihnen so plötzlich sein Enkelkind geschickt und versprochen, falls Anna Heimweh bekommen würde, für ihre Zerstreuung und Erheiterung Sorge tragen zu wollen. Neben einander bei dem verspäteten Abendbrod sitzend, stattete Frau Albrecht ihrem Onkel von der Reise und ihrem Aufenthalt in H. Bericht ab, und mit einem merklichen Zucken um seine Mundwinkel, fragte der Förster, als sie ihrer Abreise erwähnte: «War Anna traurig als Du von ihr gingst, Wilhelmine?" „Das war sie allerdings, Onkel, doch faßte sie sich bald und trug nur auf dem Bahnhof viele Grüße für Dich und Christine auf." „Erwähnte sie auch des Grafen?" » „Nein mit keiner Silbe!" „Wie ist die Pensionärin bei Dorner's?" fuhr der Försterj nach einigen tiefen Zügen aus seiner Pfeife fort. „Sie mag in Anna's Alter sein und ist ein liebes gutes Kind, das eben niemals Zurechnungsfähig werden wird, obgleich sie in fortwährend ärztlicher Behandlung ist. Sophie und ihre Mutter, haben trotz der älteren Kammerjungfer, welche sie begleitet, viele Mühe und Arbeit von ihr!" „Woher mag das junge Mädchen sein?" „Aus dem Fürstenthum Onkel", entgegnete mit leichter Betonung Frau Albrecht. „Das ist ein eigenthümliches Begegnen, Wilhelmine! — Sie und unsere Anna aus demselben Lande —" „Ja, Onkel", fuhr bedeutungsvoll seine Nichte fort, „und sie heißt — Tusnelda von Bodenwaldl" „Thusnelda von Bodenwald?" rief sich aufrichtend und hastig die Pfeife aus dem Munde nehmend, der Förster. „Es ist wie ich Dir sage, Onkel, und sie ist Karl von Bodenwald's einzige Tochter, mithin Anna's Cousine, was aber noch Niemand von Dorner's weiß!" „Herr, Deine Wege sind wunderbar", sagte langsam der Förster, durch's offene Fenster zum Himmel aufblickend, an dem der Vollmond über dem Dunkel des Waldes stand. „Ja, des Herrn Wege sind wunderbar", wiederholte ernst Frau Albrecht, „und was mich so sehr ergriffen, ist, daß die kleine schwächliche Thusnelda bei aller Leidenschaftlichkeit ihrer reizbaren Natur schon eine große Zuneigung zu unserer Anna gefaßt, so daß sie immer in ihrer Nähe sein will!" „Wie aber benimmt Anna sich dabei?" fragte Kohring. „Spricht auch in ihr die Stimme des Blutes?" „Onkel, die muß eine gar seltsame, geheimnißvolle Macht sein, gegen die wir uns nicht zu wehren vermögen", antwortete bewegt Frau Albrecht, „denn Anna empfindet eben so viel Liebe zu dem armen Kinde, dem das Beste und Edelste fehlt, das Gott dem Menschen gegeben!" Beide versanken in längeres Schweigen, das der Förster unterbrach, indem er sagte: „Eine solche Mittheilung hätte ich nie erwartet, Wilhelmine, und dazu, nachdem ich erst vor kurzer Zeit Anna mit Ihrer Herkunft bekannt gemacht, und seitdem fast nur in den alten Erinnerungen gelebt habe!" „Anna und ich waren ebenso überrascht, als wir erfuhren, wer Sophiens und ihrer Mutter Pensionärin sei!" „Habt Ihr auch Etwas über ihre Eltern» den von Bodenwald's überhaupt gehört?" kragte widerum der Förster. „Ja, mancherlei, was Dich interessiren wird, und ich mußte Anna bewundern, die bei allen Mittheilungen der Doktorin stets ihre Ruhe bewahrt. Von der ganzen Familie leben nur noch der Landkammerrath und seine beiden Enkelinnen-" „Wie?" rief der Förster, sich wiederum hastig aufrichtend. „Sein Sohn Karl und besten Gattin — die alte gnädige Frau-" „Sind todt, Onkel, Alle todt!" — Frau von Vodenwald ist zuerst ihrem Nervenleiden erlegen; einige Jahre darauf sind kurz nach einander ihr Sohn und seine Frau an einer epidemischen Halskrankheit gestorben, die damals in D. sehr heftig aufgetreten sein soll. Sie haben nur diese schwachsinnige Tochter hinterlassen — —" „Da hat den Landkammerrath ein schweres Geschick getroffen!" sagte theilnehmend der Förster. „Denn nun stirbt mit ihm seine Linie der von Bodenwald aus, und die entfernten Verwandten treten in den Besitz der Güter!" „Der nächste Erbe ist ein junger Offizier, der in Schlesien in Garnison steht, und auch schon in Bodenwald gewesen ist!" berichtete Frau Albrecht und fügte hinzu: „Nach allen diesen Aufklärungen haben Anna und ich mehrfach überlegt, ob es richtiger sei, DornerS von ihrer nahen Verwandtschaft mit ihrer Pensionairin in Kenntniß zu setzen, doch wollte ich Dich erst fragen, Onkel-" Der Förster sann einige Sekunden nach, bevor er erwiderte: „Lassen wir das einstweilen, Wilhelmine, oder sollte wohl der Landkammerrath nach H. kommen, der dann vielleicht Anna an der Familienähnlichkeit erkennen würde?" „Nein, Onkel, der Landkammerrath kann keine so weite Reise mehr antreten, da sein Gichtleiden mit den Jahren zugenommen. Er hält sich meistens im Krankenstuhl oder Rollwagen aus!" „Im Krankenstuhl oder Rollwagen", wiederholte traurig der Förster, „und war einst ein so stattlicher und rüstiger Mann, ein Jäger, den selbst die größten Anstrengungen nicht ermüdeten! — Wo mag er wohnen?" „Er scheint sich stets in Bodenwald aufzuhalten, und ist »ach dem Tode ihrer Eltern die kleine Thusnelda bei ihm gewesen. Im nächsten Monat wird sie ihn besuchen-" „Welch' ein schweres Schicksal für ihn, der einst so stolz auf seine Söhne war, eine solchs Enkelin zu haben!" bemerkte Kohring nach längerer Pause. „Ja es ist ein schweres Schicksal, und tritt besonders hervor, wenn man unsere Anna neben ihr sieht! — der Herr hat seinem Hochmuth ein schreckliches Ende gemacht und ihn für seine Härte gegen seinen Sohn Ludwig gestraft!" — (Fortsetzung folgt.) Die Oekonomie irr der Küche. Von K. Reichn er. Motto: „Stimmungen komme!! aus dem Magen." Nicht nur der Wohlstand, sondern auch der Friede in der Familie hängt zum großen Theile von der vernünftigen und ökonomischen Leitung des Hauses ab, und da diese Leitung vorzugsweise, wenn nicht meist ausschließlich, in den Händen der Frau ruht, so ist es besonders ihre Pflicht, den ruhigen Gang des Haushalts zu fördern, durch eine weise Benutzung jedes Vortheils, um auch mit geringen Mitteln zum Ziele zu gelangen. Dazu gehört z. B. eine möglichst wohlüberlegte Taktik, zur rechten Zeit Verrathe einzukaufen und diese auch wohl zu erhalten: Ordnung hilft Haushalten! Ferner ist wohl daraus zu achten, daß bei der Zubereitung der Speisen das richtige Maaß gehalten werde — nicht zu viel und nicht zu wenig — mit einem Wort: die goldene Mittelstraße — zuviel Sparsamkeit hat schon ebenso viel Unheil angerichtet, als Verschwendung. — Im letzteren Fall verdirbt leicht Manches, im ersteren geht nebenbei das, und weit mehr noch, mit darauf, was man ersparen wollte, durch ungenießbare oder ungenügend zubereitete Kost. — Endlich sollte noch ein goldener Grundsatz jede Hausfrau leiten, nämlich der, daß das Theuerste immer das Billigste ist, das scheinbar Billige sehr oft das Theuerste, welches nicht nur das gute Gelingen der Speisen hindert, sondern auch durch größeren Bedarf den geglaubten Vortheil brach legt. — Und dabei kommen — 382 wir auf das Gebiet der Fälschungen der Lebeusmittel. — Fürwahr eine unerquickliche Perspektive, die da sich uns öffnet. Wir glauben Mehl zu kaufen, und bei angestellter Untersuchung ergibt sich, das; die Probe einen recht erheblichen Prozentsatz von Schwerspats) als Beigabe enthält, oder wir finden, daß unser so wohlfeil geglaubtes Mehl freilich nicht gefälscht, jedoch um gerade so viel Geld zu theuer gezahlt ist, als es gekostet hat, denn es wimmelt von Maden, und ist somit völlig ungenießbar. — Als Mehlprobe ist übrigens zu 'empfehlen, von jeder Sorte 20 Gramm genau abzuwiegen, jede dieser Sorten extra in eine Tasse von Porzellan zu thun und mit je 10 Gramm Wasser zu einem Teige zu vermischen. Der festeste Teig deutet auf das beste, der weichste auf das schlechteste Mehl, der Qualität nach. — „An seinen Früchten sollt Ihr es erkennen", und jedenfalls ist es besser, die Früchte dieser Proben zu erkennen, bevor man ein Gebäck verdorben hat, als wann es zu spät zum Nepariren ist. — Und nun — ein ander Bild! — Wir kaufen Gewürze, — d. h. wir glauben Zimmet, Nelken, Pfeffer, Kümmel, Muskat, Safran, Mandeln, Vanille rc. rc. zu haben, und erhalten häufig unsern Zimmet gemischt mit zu Pulver gemahlenem Cigarrenkistchenholz oder als ein Präparat von parfümirtem Sandelholz, oder er ist echt und unverfälscht, dafür aber seines eigentlichen Gewürzgehaltes schon beraubt, indem man zuvor aus seiner Rinde theilweise das ätherische Oel gezogen hat und dann den Nest verkauft, von Dem, was einstmals Zimmet hieß. — Unwillkürlich erinnert dies an jene Anekdote, von der sparsamen Wirthin, welche Zimmetstangen und Zitronenschale aus des Gastes Suppe nahm, sie sauber ableckte, und dann zu anderweitiger Benutzung aufbewahrt — und das vor seinen Augen! — Was mag nun Alles erst hinter dein Rücken der Interessenten geschehen, Dinge, „von denen Niemand nichts weiß!" — Weiter also im Text! — Unsere Nelken ergeben häufig bei der Probe ein nicht minder trübes Resultat. — 80 Prozent Baumrinde, 18 Prozent Nelken und 2 Prozent Nelkenöl ist kein glänzender Einkauf zu nennen — kein Wunder freilich — hat man doch auch dafür gesorgt, daß erst auf dem Wege der Destillation die Nelken des größten Theiles ihres Gewürz-Oeles beraubt wurden, bevor sie in den Handel kamen und wir sie in diesem wenig aromatischen Zustande, d. h. also: runzelig, schwärzlich-dunkelbraun, oft auch ohne die runden Vlüthen- kronen, zum Verbraucherhalten, während ein Druck des Fingers schon genügen sollte, der Nelke „wie sie sein soll" das ätherische Oel herauszupressen. — Mit dem Pfeffer sieht's nicht viel besser aus — kaufen wir ihn in ganzer Figur, so ist er oft so schlecht, daß er im Wasser nicht untergeht, sondern lustig obenauf schwimmt, und daß man den Mörser und das Stampfen spart, weil man ihn schon ohne Kraft» anstrengung in den bloßen Händen zu Pulver verreiben kann. — Der Kümmel ist meist schon seines besten Kümmelgchaltes beraubt, und bildete vielleicht längst schon Extract für irgend einen Liqueur, oder man hat den bereits ausgezogenen mit noch gutem vermischt, wodurch die Fälschung schwer zu erkennen ist. Nicht besser ergeht es uns bei dem Muskat. — In Form von Nüssen müssen wir gar manches wurmstichige, mißrathene Produkt mit in den Kanf nehmen, dessen Kümmer» lichkeit und Verdorbenheit durch einen äußern, erdigen Firniß, um die Oeffnungen kunstvoll zu verdecken, maskirt wird. — Mit der Muskatblüths ist's auch nicht besser bestellt, denn ihrer bemächtigt sich wiederum die habgierige Destillation, bevor man sie in den Handel kommen läßt, nachdem der Sprit sie ausgesogen. — Sehr leicht zu fälschen ist der Safran, denn seinen orangenrothen Narben (?) täuschend ähnlich sehen die Fasern von geräuchertem Rindfleisch, zerschnittene Grumet- oder Ringel» Blumen u. s. w. Zuweilen auch kommt der Safran sogar mit einem gar angenehmen Exterieur in den Handel hinein. „Schöne Safranfarbe und kräftiger Geruch" — aber das Innere — o weh — das,Interieur! — Welch' ein Unterschied! —^Er ist „beschwert", Unteröaltunggökatt »ür „Äugsburger post^eilnng." 49. Mittwoch, 20. Juni !883» Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Einige Wochen nach diesem Gespräch, während welcher Graf Waldemar, der eine kleine Reise unternommen, nicht in Vahrenwald gewesen, traf ein Brief von Anna ein, den ihr Großvater zuerst las, und darauf seine Nichte in sein Zimmer rief. Als sie es betreten, sagte er auf das Schreiben deutend mit erregter Stimme: „Wilhelmine, ich fürchte der Knoten schürzt sich immer fester und wir müssen den Dingen freien Lauf lasten!" «Was meinst Du, Onkel?" fragte Frau Albrecht ihn überraschend anblickend. «Anna hat von dem Landkammerrath die Einladung bekommen, seine Enkelin, falls sie die Erlaubniß ihrer Familie dazu erhalten würde, nach Bodenwald zu begleiten!" „Das ist wahrlich wunderbar genug, Onkel", erwiderte lebhaft seine Nichte. «Wie aber wird Deine Antwort sein?" «Ich will mich dem Höchsten nicht widersetzen, Wilhelmine, dessen Werk und Fügung dies Alles so sichtlich ist, obgleich ich mir früher das Versprechen gegeben, den Land- kammerrath seine Enkelin nie sehen zu lassen." „Das wirst Du streng genommen auch nicht thun, Onkel, und somit Dein Versprechen nicht brechen —" «Nein, er begehrt nur Anna Herfeld von mir, und wir wollen ihr schreiben, der Einladung Folge zu leisten!" „Hältst Du es noch nicht für richtig, daß Anna sich Sophie und ihrer Mutter zu erkennen gibt?" Der Förster sann nach, wie er schon vor Wochen bei dieser Frage gethan, und wie damals antwortete er: „Nein, Kind, laß uns ihr vielmehr anempfehlen, ihr Geheimniß zu bewahren, was sie um so eher kann, da in Bodenwald Niemand ihren jetzigen Namen kennt. Laß uns ihr auch keinerlei Rathschläge in Bezug auf ihr Verhalten daselbst geben, sondern es ihr überlassen, den Kampf mit ihrem Großvater auszukämpfen und entweder den Weg zu seinem Herzen zu finden, oder —" „Möchtest Du das, Onkel?" fragte Frau Albrecht mit einem schnellen Blick auf seine erregten Züge. «Es möchte jetzt am Besten so sein", entgegnete der Förster mit einem tiefen Seufzer. «Er hat zwar damals meinem Herzen sehr, sehr wehe gethan, der Herr aber hat ihn im Laufe der Zeit getroffen! — Ich habe ein blühend schönes Enkelkind, das die Freude und der Stolz jeder Familie sein würde, er dagegen besitzt nur eine schwachsinnige Enkelin — sage, Wilhelmine» wessen Loos jetzt das schwerste ist?" Frau Albrecht blickte auf den stattlichen Greis, aus dessen Augen seine tiefe Bewegung sprach, und unter Thränen erwiderte sie: 386 „Onkel — mein lieber Onkel» ich wollte nur aus Deinem Munde hören, ob Du versöhnlich sein könntest, und ihm das schwere Leid vergeben, das er Dir zugefügt!" „Ich habe ihm vergeben", erwiderte mit tieferer Stimme der Förster, „und mein Weib und meine Kinder werden mir dort, wo Alles Frieden und Seligkeit ist, nicht zürnen, daß ich es gethan!" „Amen!" sprach Frau Albrecht, die Hand ihres Onkels in der ihren drückend, denn sie wußte, was die Vergebung bedeutete, die er dem Landkammerrath hatte zu Theil werden lassen. XIX. Graf Walbemar war von seiner kurzen Reise, die mehreren Ausstellungen gegolten, heimgekehrt, vor ihm aber waren die Damen in Steinhorst eingetroffen, und schon am folgenden Morgen ersuchte er seine Großmutter um eine Unterredung. Wohl wissend, was diese betreffen werde, erklärte sich sich dazu bereit, ließ ihn in ihr kleines Wohnzimmer treten, dessen Thür sie schloß, und in einem Sessel Platz nehmend, deutete sie auf einen in ihrer Nähe befindlichen Stuhl. Sich jedoch nur auf dessen Lehne stützend, begann er mit zwar erregter doch fester Stimme: „Großmutter, ich habe mit Dir über eine Sache zu sprechen, die mir sehr am Herzen liegt —" „So ist es auch wohl nur eine Herzensangelegenheit", unterbrach die Gräfin mit leichte»: Spott, „die schließlich in Deinem Alter nur natürlich wäre!" „Du hast Recht", entgegnete Graf Waldemar mit einem ruhigen entschlossenen Blick, „und ich will sogleich zur Sache kommen. Ich liebe Anna Herfeld —" „Sie ist ein schönes Mädchen geworden", erwiderte die Gräfin in unverändertem Ton. — „Das weiß ich kaum", antwortete schnell gereizt durch ihren Spott ihr Enkel. „Ich liebe sie anderer Vorzüge wegen, die sie mir schon als kleines Mädchen theuer gemacht, und habe seit Jahren die Ueberzeugung gehabt, nur an ihrer Seite »rein Lebensglück finden zu können!" „Walbemar, Du wolltest doch nicht —" fragte wie erstaunt die Gräfin. „Ich will Anna Herfelv meine Liebe erklären, und sie um ihre Hand bitten, und bin hier, mir dazu Deine Zustimmung zu holen!" Die Gräfin athmete erleichtert auf, denn sie hatte gefürchtet, daß ihr Enkel schon eine Unbesonnenheit gethan. Dennoch sagte sie in strengem Ton: „Und Du hast wirklich geglaubt, daß ich zu einer solchen Verbindung meine Zustimmung geben würde?" „Ja, Großmutter, ich habe geglaubt, Du würdest mein Lebensglück in Betracht stehen! —" „Dein Lebensglück wird nicht durch das bürgerliche Mädchen begründet, denn ist ^er erste Liebesrausch dahin, so wird es Dich gereuen, keine ebenbürtige Gattin gewählt u haben." „Nein, Großmutter, sicherlich nicht, denn Anna besitzt alle Gaben des Herzens und Geistes, die einen Mann dauernd zu fesseln vermögen!" „So denkst Du jetzt, wenn Du aber ihretwegen Dich von uns trennen müßtest, denn Du kannst uns doch nicht zumuthen, sie als Deine Gattin anzuerkennen —" „Ist sie mir vom Priester vor Gott angetraut, so muß ein Jeder sie als meine Gattin anerkennen", erwiderte in festem Ton der junge Mann. „Leider sehe ich, Waldemar", fuhr nach einer Pause die Gräfin fort, „daß Du Dich nicht überzeugen lassen willst, und ich muß Dir daher die Sache von einer andern Seile vorstellen. Ich habe Jahre lang daran gearbeitet, Deine Finanzen zu bessern " „Ich werde Dir mein ganzes Leben dafür dankbar sein, Großmutter!" rief mit tiefem Gefühl Graf Waldemar. „Davon ist nicht die Rede, sondern höre mich ruhig an. Ich habe also für Dich 387 gearbeitet und gespart, um die leichtfertige Verschwendung Deines Großvaters und VaterS in etwas gut zu machen, doch bist Du ungeachtet Deiner drei Güter kein reicher Mann, und thätest wohl, Dich nach einer reichen Gattin umzusehen, damit Dein Haus und Name wieder früheren Glanz bekommt I" „Ich bin seit meiner frühesten Jugend an Genügsamkeit und Fleiß gewöhnt, Anna ist es ebenfalls — —" „Waldemar» ich bitte Dich inständig, gib den Gedanken an diese Verbindung aufl> „Das kann ich nicht, Großmutter", entgegnete bewegt, doch entschieden ihr Enkel» „denn auch Anna liebt mich, wenngleich ich es noch nicht aus ihrem Munde vernommen. Ich habe vielmehr erst mit ihrem Großvater gesprochen, der mich dann an Dich verwiesen -" „Förster Kohring ist der Ehrenmann, für den ich ihn immer gehalten", sagte leb haft die Gräfin. „Ich will mit ihm reden, so lange aber bitte ich Dich, seine Enkelin nicht wieder zu sehen l" „Anna ist schon seit Wochen in H« bei der Mutter ihrer früheren Erzieherin, und wird dort auch noch einstweilen bleiben-" „Das ist wiederum richtig von dem Förster gehandelt", sagte voll Anerkennung die Gräfin, „und läßt mich fast annehmen, daß auch er nicht mit Deinen Plänen einver standen ist!-" „Das muß er dennoch sein, Großmutter, denn wenn Du mir Deine Zustimmung versagst, wird er Dich in dieser Angelegenheit aufsuchen —" „Sein Besuch ist mir sehr erwünscht", versetzte die Gräfin, „doch laß ihn diesen noch verschieben, da Hohenhausens jeden Tag bei uns eintreffen können!" Schon am Tage nach dieser Unterredung ritt Graf Waldemar nach Vahrenmald, um dem Förster das Resultat derselben mitzutheilen» und fand ihn mit seiner Nichte und Wolf im Wohnzimmer. Nachdem sie sich gegenseitig begrüßt, auch der Neufundländer seinen Antheil bekommen, sagte, als sie sich u», den Tisch gesetzt, Kohring: „Ist die Reise Ihrem Wunsche gemäß ausgefallen, Herr Graf, und haben Sie viel Neues gesehen?" „Ja, Herr Förster", entgegnete der junge Mann, „doch habe ich mich alles Kausens enthalten-" „Das muß ich loben", antwortete Kohring beifällig. „Versuchen Sie es auch vorläufig mit den bereits angeschafften Maschinen, und lassen Sie Andere die ersten Erfahrungen mit den neuen machen!" «Sind Sie noch immer allein in Steinhorst?" fragte Frau Albrecht, welche den Ausdruck einer merklichen Verstimmung im Gesicht ihres Gastes wahrzunehmen glaubte." „Nein, meine Großmutter, Tante und Cousiine sind zurückgekehrt. Aber auch Sie sind, seit ich Sie nicht gesehen, verreist gewesen. Wie befindet sich Fräulein Anna in H»?" „Sehr gut, Herr Graf", entgegnete Frau Albrecht. „Sie wird nächstens noch eine weitere Reise unternehmen", setzte der Förster hinzu, „und wir werden sie hier vorerst nicht wiedersehen!" Graf Waldemar blickte ihn mit unverkennbarer Enttäuschung an, er aber fuhr fort: „Sie und Fräulein Dörner werden deren Pensionärin begleiten, wozu sie von dem Großvater der Letzteren, einem Herrn von Bodenwald im Fürstenthum -- — — aufgefordert sind!" „Und Sie haben Ihre Zustimmung zu dieser Reise ertheilt?" fragte fast verstimmt der junge Mann. „Ja, denn es war meiner Enkelin höchster Wunsch, Bodemvald, so heißt die Besitzung, zu sehen", antwortete lebhaft der Förster. Frau Albrecht entfernte sich, um der Gastlichkeit Genüge zu thun, der Gras aber fragte schnell: «Herr Förster, haben Sie Ihrer Nichte unser letztes Gespräch mitgetheilt?" 38 « „Ja, mein junger Freund, denn wir haben keine Geheimnisse vor einander!" „So kann ich mich in ihrer Gegenwart wohl offen aussprechen?" „Gewiß." „Herr Förster, ich habe mit meiner Großmutter gesprochen", stieß fast hastig Gras Waldemar hervor. „Schon so bald?" fragte theilnehmend Kohring. „Und ihre Antwort?" „Sie will mir ihre Einwilligung nicht geben, ich aber werde meinen Willen durchsetzen!" — Vorläufig habe ich sie auf Ihren Besuch vorbereitet, doch läßt sie Sie bitten, diesen der Familie Hohenhausen wegen, die nach Steinhorst kommt, noch einstweilen zu verschieben!" „Das ist mir auch sehr erwünscht", antwortete der Förster, einen bedeutungsvollen Blick mit seiner Nichte wechselnd, die eben eingetreten war. „Vorher aber oder vielmehr jetzt gleich, will ich Ihnen mittheilen, was ich Ihrer Großmutter zu sagen habe, und sie vielleicht veranlassen wird, ihre Weigerung zurückzunehmen!" „Sie machen mich neugierig, Herr Förster!" sagte lebhaft der junge Mann. „Betrifft das, was ich erfahren soll, Anna?" „Ja, nur Sie allein!" „So lassen Sie mich Alles wissen", drängte Graf Waldemar, und der Förster erzählte dem aufmerksam und voll Spannung Lauschenden in kurzen Worten, was er vor Wochen seiner Enkelin im Garten mitgetheilt. Als dies geschehen, vielfach unterbrochen von den Ausrufungen des Staunens und der Ueberraschung, des Zornes und Unwillens seines Gastes, besprachen sie noch länger die traurigen Familienereignisse, bis endlich der Förster sagte: „Ich möchte auch wohl auf einige Tage nach Bodenwald reisen, denn ich habe plötzlich eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der alten Heimath bekommen, und den Gräbern, die ich nun schon so lange nicht gesehen!" Er schwieg, und zwei große Thränen rannen an seinen gebräunten Wangen hinab in den grauen Bart, während der junge Mann und seine Nichte ihn theilnehmend betrachteten, bis Letztere sagte: „Einige Tage würden Dir kaum genügen, Onkel, denn es ist eine weite Reise HiL dahin. Wer weiß aber, was noch geschieht —" „Ich will auf alle Fälle einen längeren Urlaub nehmen und vom Oberförster Vertretung kommen lassen —" „Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung, Herr Förster", sprach sinnend Graf Waldemar, „die Ihre Enkelin zu ihrer Familie und in die erste Heimath zurückgeführt haben!" „Ja, ja", sagte ernst das Haupt wiegend Förster Kohring, „und darum will ich mich auch nicht vermessen und ihnen entgegentreten! — Wir lassen Anna ihren eigenen Weg gehen, ihr Herz, wie ihr Verstand werden ihr schon die Richtung zeigen, die sie ihrem Großvater gegenüber einzuschlagen hat!" „Davon bin ich ebenfalls überzeugt", stimmte Graf Waldemar bei, und fügte mit einem Anflug von Ungeduld hinzu: „Das Ziel meiner Wünsche aber wird noch weiter hinausgeschoben, denn wenn Hohenhausens vielleicht gar Wochen bei uns bleiben —" „Geduld, Geduld, Herr Graf", unterbrach ermuthigend Frau Albrecht. „Anna liebt Sie, wie Sie wissen, und ist Ihnen treu, in dieser Ueberzeugung können Sie wohl einige Wochen Ihres Geschickes warten. Glauben Sie mir, sie empfindet diese Trennung auch, doch weiß sie, daß sie zu ihrem Besten ist, denn die fortwährende Aufregung hätte auf die Dauer ihrer Gesundheit geschadet!" „Auch weiß sie, daß ihr Großvater hier für sie am Platze ist!" sprach mit unsicherer Stimme der Graf, „der ihr gelobt, daß sie glücklicher werden soll als einst ihre Mutter gewesen, und so Gott will, Wort halten wird." (Fortsetzung folgt.) 389 Ein Blatt für die Leserin. (Von Ernst Eckstein in der Franks. Ztg.) Unsere Frauen und Mädchen, wenn sie die Wörter „Hellas", „Alterthum", „römische Kaiserzeit" rc. aussprechen, konstruiren sich alsbald eine Welt, wie sie nie existirt hat. Mit Hülfe ihrer Schul- und Pensionats-Neminiscenzen erbauen sie sich ein Athen — von Weltweisen, wie Sokrates und Plato, von göttlichen Staatsmännern und Dichtern bevölkert — hehr, klassisch, pathetisch in jeder Linie, gleichsam eine Schachtel voll Parthenon-Giebel, Pallas-Statuen und Erechtheion-Fagaden. — Das Nom des Kaisers Augustus übertrifft an maßvoller Hoheit und selbstbewußter, glorreicher Kraftsülle noch das der Meininger. Ernste Senatoren — die alle dreinschauen, als wollten sie sich eben von der Faust eines Galliers zur größeren Ehre des römischen Namens erdolchen lasten, ohne mit der Wimper zu zucken — steigen unaufhörlich zum Kapital hinan. Schweigsame Vestalinnen wandeln im Abgangsschritte der Clara Ziegler über das Forum. Ab und zu begegnet man einem Consul, der gerade über die Parther gesiegt hat, oder dem Poeten Horaz, der, den Lorbeerkranz auf dem ergrauenden Scheitel, die Leyer unter dem Arme, von Mäcenas kommt. Die gesammte Architektur besteht wesentlich aus korinthischen Säulen, Triumphbogen und Amphitheatern. Dort — am Eingang des Circus Maximus — steht ein Prätor mit zwei Aedilen, einem Censor und einem Dictator außer Diensten in rethorisch glanzvoller Unterhaltung. Man conversirt im reinsten Ciceronianisch; unsere Damen können zwar kein Latein — aber daß Ciceronianisch ungefähr so viel bedeutet, wie stilvoll, mustergültig, und glänzend im eleganten Wurf der Perioden — das misten sie nicht nur gedächtnißmäßig, das haben sie auch mit dem Herzen gefaßt, denn das schöne feinsinnige Antlitz des Geschichtsprofeffors hat in geweihterem Lichte gestrahlt, wenn er von Cirero und der vollendeten Classicität seiner gesammelten Werke sprach. — Nichts liegt der Welt dieses Alterthums, wie es sich in den liebenswürdigen Köpfchen deutscher Frauen und Jungfrauen malt — (in den weiblichen Gehirnen viel anderer Nationalitäten malt es sich überhaupt nicht) — also: nichts liegt dieser klassischen ülorMiia ferner, als eine Verwandtschaft zur Gegenwart. Bei uns, im neunten Deeennium des neunzehnten Jahrhunderts, ist Alles Prosa, Alles Schwunglosigkeit und nüchterne Alltagsstimmung; zwischen durch blitzt hier und da wohl ein Fünkchen himmlischer Poesie — zumal in der Liebe —; aber sonst: keinerlei Analogie mit der Epoche der Toga und Tunica, kein Berührungspunkt im Sein und Empfinden. Die Würde, die Hoheit, das Getragene, das Antik-Uebermenschliche ist uns abhanden gekommen; ja, selbst die Liebe, wie viel kleiner, wie viel nippsachenartiger erscheint sie in unseren modernen Salons, als in jenen großartig disponirten Zeitläuften, da der Jüngling in schwer übersetzbaren Distichen um die Huld einer Lesbia geworben! Kann man sich einen römischen Egues, einen Sprößling uralter Senatorenfamilien, die noch mit Hannibal zu thun hatten, als komplimentirenden Modeherrn vorstellen, der seiner Auserkorenen zarte Aufmerksamkeiten sechsten und siebenten Ranges erweist, der vor Wonne erröthet, wenn er im Theater Gelegenheit findet, ihr den Zettel zu reichen, oder ihr mit dem Fächer Kühlung zuzuwehen? — Läßt sich von einer klassischen Römerin denken, daß sie im Schmuck ihrer echt antiken Schlangen-Arm- bänder und Cameenringe sich salonmäßig geziert und gelächelt, daß sie jene kleinlichen Huldigungen mit Wohlbehagen bemerkt, daß sie kokettirt habe? -- „Nein!" antwortet der Instinkt unserer schulgebildeten Frauenwelt; und, ww wollen es nur ohne Rückhalt bekennen: wir Männer fühlen in dieser Hinsicht auch zuweilen recht frauenhaft. — Es fehlt dem kurzsichtigen Auge hier nämlich das historische Fernglas. Entlegene Berge sehen wie Wolken aus, — völlig anders geartet, als die Felsenwünde und Hügelhänge, die uns unmittelbar vor dem Blick emporsteigen. Setzen wir jedoch das Teleskop einer genaueren Detailprüfung an, so gewahren wir, daß auch die vermeintlichen Wolken nichts anderes sind, als Wälder, Halden und Steinmasten. — Der Geschichtsunterricht unserer höheren Lehranstalten — dazu rechne ich natürlich die Pensionate, denn dort gedeiht ja das Höchste, die deutsche Müdchenblüthe — er leidet an » 390 dem betrübsamen Fehler, nur Knochen zu geben, aber kein Fleisch, nur Haupt- und Staatsaktionen, aber keine Kulturgeschichte. Jener Quartaner, der seinen Aufsatz mit den Worten begann: „Die alten Nomer verbrachte» ihre Zeit meistens mit Kriegführen, Ackergesetzen und Volksversammlungen" — sprach unbewußt die Verurtheilung dieser Einseitigkeit aus. In Wahrheit gilt von den meisten Geschichtsepochen die Thatsache: je genauer wir uns mit ihren Einzelheiten beschäftigen, um so geringer erscheinen die Unterschiede, die sie von der Gegenwart trennen. „I'iuo eolM ollanAa" — behauptet ein französischer Autor von den Institutionen seines eigenen Vaterlandes, — „ot plus v'est absvlument la mainö — Das läßt sich, in gewissem Sinn, auch von der Lebensphysiognomie jener Epochen aussagen, die, durch das neblige Medium zweier Jahr» lausende betrachtet, so unmodern, so fremdartig, so pathetisch erscheinen. Bleiben wir bei der Liebe! „Ein Blatt für die Leserin" hat der Verfasser dieser Zeilen die bescheidene Skizze betitelt, — und was liegt der Leserin, sei sie alt oder jung, noch unerobert oder verheirathet, näher als dies höchste Problem, daS dein weiblichen Herzen zur theoretischen Betrachtung und praktischen Lösung bestimmt ist? Die Liebe im alten Nom war durchaus kein Dialog in volltönigen Trimetern, noch weniger ein Monolog in Hexametern, sondern ganz das nämliche thöricht-süße, wonnesame Geplapper von heute, ganz die gleiche melodramatische Causerie, das Getändel mit Kleinigkeiten, das bald bewußte, bald unbewußte Hinüber und Herüber von reizvollen Tirailleur-Angriffen, wie im Ballsaal der Gegenwart. Für den ruhig überlegenden Kopf, der nicht gleich Congestionen bekömmt, wenn er die Parole „antik" hört, ist daS bis zu einem gewissen Grade ja selbstverständlich; aber daß die holdselige Comödie bis in die feinsten psychologischen Nuancen mit dem, was Amor heutzutage in Scene setzt, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich stimmt, das frappirt vielleicht auch den Besonnenen. Ich erwähnte vorhin das galante Offeriren des Theaterzettels. — Die römischen Schriftsteller kennen derartige Aufmerksamkeiten als Introduktion zärtlicher Herzensbündnisse eben so gut, wie das Spiel mit dem kühlungwehenden Fächer. Wir wissen z. D. mit stereoskopischer Klarheit, wie es zwischen zwei jungen Leuten, die Amor sich als Opfer erlesen, bei den Vorstellungen im römischen Circus herging. Hier saßen nämlich die Damen und Herren in bunter Reihe, während im Amphitheater :c. die Damen besondere Plätze hatten. — Wenn nun so ein römischer Lieutenant oder Referendar — (das Reich der Cäsaren kannte sie so gut, wie das Reich der Dichter und Denker) — das junge Mädchen gewahrte, für die er in Minne entbrannt war, so bot er zunächst Alles auf, an ihre Seite zu kommen — eventuell durch listige Hinwegschaffung dessen, der diesen Platz bereits inne hatte. — Beim Einleiten des Gesprächs verfiel er zunächst in jene artige Allgemeinheit, die auch hierzulanhe das Erste-Walzer-Geplauder rc. charak- terisirt. — Das Wetter oder das neueste Tagesereigniß: das Unwohlsein des Premier- Ministers, den Erfolg eines sensationellen Buches, die reizende Operette (zu römisch Pantomimus genannt und allerdings nur aus Geberdenspiel und Instrumentalmusik zusammengesetzt), die Telegramme von der Neichsgrenze, wo man sich mit den Datiern -oder den Germanen herumschlug (allerdings keine elektrischen, aber doch Telegramme, Schnellbriefe, durch Couriere befördert, die nicht viel mehr Zeit brauchten, als unsere Eisenbahnzüge) —: dies Alles benutzte er als Anknüpfungspunkt, je nachdem die junge Dame nun für die römischen Offenbach schwärmte, oder mehr für die Mirza-Schaffy's, oder gar für die Staats-Jnteressen, was freilich, — ganz wie bei uns — die Ausnahme bildete. — Inzwischen begann das Wettrennen. Die vorgeführten Andalusier und Kappadocier mit den schnaubende» Nüstern und den wallenden Mähnen boten erneuten Stoff für die stockende Konversation» — In rasender Schnelligkeit sausten sie mit den zweirädrigen Rennwagen um die Spitzsäule. Der Lieutenant — bleiben wir bei dem Lieutenant — konstatirte alsbald, für wen die junge Dame Partei nahm, — für den Besitzer des Rennpferds Vastator oder für den der schmeidigen Passerina —,— und das entschied auch für ihn. Jetzt erhob sie die reizenden Händchen zum Klatschen: unverzüglich, als sei ihre Bewunderung die seine, klatschte er mit. — Nun kömmt irgend eine größere Produktion, sagen wir eine Quadrille, — denn auch Massenaufzüge fanden im Circus statt; der Staub wirbelt hoch über die Sitzreihen und fällt der jungen Dame aus's Kleid. „Erlauben Sie» gnädiges Fräulein —" .,äomina", auf lateinisch, — also Herrin, Herrscherin; die Gemahlin des Kaisers war die äornina im prägnanten Sinne!) — „erlauben Sie", flüstert der Lieutenant — und gestattet sich, mit schüchternem Finger den Staub zu beseitigen. — Ja, Ovid ertheilt den erfolgbeaierigen Jünglingen sogar den Rath, selbst dann „den Staub zu beseitigen", wenn gar keiner vorhanden ist: „Jeglichen Verwand nimm eifrig zur Galanterie!" Als weitere Ritterdienste werden erwähnt die hier folgenden hochinteressanten Punkte: Er hat sorgfältig Acht darauf, daß der hinter ihr Sitzende sie nicht mit den Knieen belästigt. Der Hintermann saß nämlich, wie aus der architektonischen Anlage des Circus hervorgeht, um eine Stufe höher. — Er rückt ihr die Polster zurecht. Er fächelt ihr Kühlung mit dem kostbaren Circusfächer. (Wer sieht nicht im Geiste den deutschen Lieutenant während der Tanzpause?) Er schiebt ihr die Fußbank unter den niedlichen Fuß, dessen Kleinheit und Anmuth im alten Rom nicht minder geschätzt und gepriesen wurde, wie heutzutage. Er lächelt, sobald sie lächelt. Er wird ernst wenn sie ernst scheint. Mit einem Worte: er macht ihr, nach allen Regeln der Ritterlichkeit, die man irrtümlicher Weise für eine Spezialität des Mittelalters auszugeben bestrebt ist, den Hof. Das wiederholt sich so einige Male während der Circussaison. Man ist sich näher gekommen — aber noch ist das entscheidende Wort nicht gefallen. Verschiedene Male hat de.r altklassische Lieutenant (tr'isiunus inilitum supornumorarills) die Geliebte in ihrer Equipage, d. h. Sänfte begrüßt, war so frei, eine Strecke weit neben dem Tragbett einherzuwaudeln, obgleich ihn die Sänftenträger mit ihrem Lauf- Tempo ab und zu außer Athem brachten. Er hat ihr sogar ein Gedicht übersandt — denn, sagt Ovid, es gibt jetzt auch hochgebildete junge Dame», die dergleichen zu schätzen wissen . . . Aber die Sache ist doch immer noch in der Schwebe. Da kommt der Sommer heran — und mit ihm die Badesaison. Wohin geht man in diesem Jahre? Nach Alsium? Nach Tibur? Nach Vajä? Ja! Am liebsten nach Bajä, dem altrömischen Ostende, Scheveningen, Dieppe und Trouville. — Kaum hat der liebende Jüngling in Erfahrung gebracht, wo er scine Septimia oder Lydia zu suchen hat, so ertheilt er alsbald seinem Burschen — dem ersten der Lsibsklaven — den Befehl, das Erforderliche für die Reise vorzubereiten. Sie fährt über Ostia zu Schisse. — Vortrefflich. Da wählt er den Landweg über die Via Appia, und trifft, vermöge der ausgezeichneten Leistungen seiner gallischen Füchse, noch einen Tag früher ein als die Geliebte. „Nein, das ist reizend!" klingt die Begrüßung beim Wiedersehen — und nun beginnt eine ungezwungenere Art des Verkehrs, die schneller zum Ziele führt. Er trägt jetzt rückhaltsloser seine Bewunderung zur Schau. „Geht sie in Purpurgewand, so preist er die Purpurgewänder." — „Geht sie im kölschen Kleid, rühmt er das kölsche Zeug." (Die kölschen Gewebe kennen auch wir, obgleich sie heutzutage nicht mehr auf der Insel Kos fabrizirt werden: wir sagen etwa Mull ober Barege.) Trügt sie das Haar aufgenestelt in einem Knoten über dem Köpfchen, so erklärt er, das allein sei oommu il kaut unter allen Frisuren. Brennt sie sich Locken, so verachtet er die Coiffüren ü, la Diana von Grund aus. Wenn sie ein Lied zur Guitarra (die Römer und Griechen sagten „Litstara") vorträgt, so erklärt er die glänzendste Diva der Siebenhügelstadt für eine Stümperin im Vergleich mit der Angebeteten. . . . So ereignet sich endlich, was er begehrt hat. Sie lispelt unter den Ahorn- bäumen des blühcnddustigen Parks ein beglückendes Ja — und ob die wonneselise 392 Phrase nun lautet: „äuloiHms Vital" oder „mein lieber, süßer Eugen!" — ob man „awo" sagt oder „ich liebe", ob man „basia," gibt oder „Küsse", ob das „tausendmal" geschieht oder „ssxvantias" — die Sache bleibt unbestreitbar die gleiche — und Vater Goethe hat Recht, wenn er die Dienste die Amor den altklassischen Triumvirn gethan, als völlig identisch bezeichnet mit dem, waS die Sehnsucht heute von ihm erwartet — nicht nur in eoseotia, sondern auch in der Form, in der Filigranarbeit des Details. Wie aber nun die Römerin liebte, nachdem der Jüngling ihr Ja gehört, wie sie schmollte und kokettirte, wie sie huldvoll und launenhaft war — das zu schildern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Darüber läßt sich ein Buch schreiben, ein Buch. das in die große Bibliothek eingereiht werden müßte: Encyclopädie des weiblichen Herzens, herausgegeben unter Mitarbeiterschaft sämmtlicher Poeten seit David und Saloinon« — Fragmente davon vielleicht bei einer anderen Gelegenheit! «oldkSrner. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, Ausbaut auf dem betrüglichen Grunde? Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet, Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt, So lebt der Mann mit der Vergangenheit; Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Rechlschaffenheit! Sie sei der feste Grund, Aus dem Du gehst und stehst; Rechlschaffenheit Schafft in Dir selbst das Rechte allezeit, Und ihre beste Segnung wird Dir kund, Strenge, die sich selbst bezwingt. Schafft im Leben, was gelingt. Treu' umfaßt sie alle drei, Lieb' und Frieden noch dabei. In Thränen ist der Mensch dem Menschen gleich; Der Starke wird des Schwachen sich erbarmen, Dem Fremdling sich der Fremdling liebend nah'»; Was sich gehaßt, wird friedlich sich umarmen, Und heißer sich, was sich geliebt, umsah'». Schiller. Passet. Grillparzer. Fr. Schlegel. E. Schulze. 8 Miseellerr. (Denksprüche von Petit-Senn.) Ein weitschweifiger Redner und de< Docht eines Lichtes verlieren ihre Klarheit je länger sie werden. — Die Liebe errichtet ein Zelt in unserem Herzen; die Freundschaft aber baut sich einen häuslichen Heerd darin. — Der gewinnreichste Handel wäre der: die Menschen zu kaufen nach dem, was sie werth find, und sie wieder zu veräußern, nach dem was sie sich schätzen. (Die gescheidten Kinder.) Vater (bei dem Abendessen): „Ihr seid schon rechte Naschmäuler! Jetzt ist den Rangen nicht einmal der Kalbsbraten mehr gut genug.' Wißt Ihr, was ich bei meinen Eltern als Nachtessen bekam?" Eine Suppe und ein aufgewärmtes Gemüse von Mittags, manchmal auch nur einen halben Schoppen Bier und ein Stück schwarzes Brod." — Kinder: „Gelt, Papa, da geht's Dir bei uns schon besser!" (Kindermund.) „Du mußt Dir hübsch Mühe geben, orthographisch zu schreiben," sagte ein Vater zu seinem Sohne. „Ach, lieber Vater, plage mich doch nicht mit der Orthographie," antwortete der Kleine, „denn darüber sind ja die Gelehrten nicht einig,". Auflösung des Original-Silben-Räthscl in Nr. 47: „Herzgrube." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterimktunggökatt »ur „Äugsliurger Postieilimg.- Nr. 50. ; ^s. Samstag, 23. Juni 1883. Des Försters Enkelkind. Original «Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XX. Am Nachmittag vor ihrer Abreise nach Bodenwald finden wir Anna in ihrem Zimmer im Hause der Frau Doktor Dörner, im Begriff den letzten Brief aus H. an ihren Großvater zu schreiben. Vor ihr liegt der seinige, der ihr alle in Vahrenwald stattgehabten Ereignisse auf'3 eingehendste mitgetheilt, unk beim nochmaligen Lesen desselben flössen ihre Thränen reichlich. Endlich aber hatte sie die Stelle erreicht, wo ihre Tante im Namen ihres Großvaters geschrieben: „Sei trotz Allem ruhig, mein Enkelkind, denn ich denke durch meine Mittheilung die Gräfin dahin zu bringen, daß sie ihre Einwilligung zu Eurer Verbindung gibt. Reise ohne Sorgen mit Sophie und der kleinen Thusnelda nach Bodenwald; der Herr aber segne Deinen Einzug, und wende Alles, wie es seiner Allweisheit zufolge sein soll. Ich habe mich seinem Willen nicht widersetzt, sondern lasse Dich zu Deinem Großvater gehen, der nicht ahnt, wer in Dir sein stilles, vereinsamtes Schloß betritt!" „Ja, ich will ruhig sein", sagte jetzt entschieden Anna, „will meinem theuren, sorgenden Großvater glauben, will glauben, daß Alles gut und fröhlich endet! — Und weshalb sollte es auch nicht? — Waldemar liebt mich treu und wahr, mein Besitz ist sein höchstes Glück — ich liebe ihn ebenfalls, mein Großvater will mich ihm zur Gattir geben, und ich werde die Seinrge werden, ein sicheres seliges Gefühl sagt es mir!" Die Feder, welche sie bei Seite gelegt, wieder zur Hand nehmend, begann sie zi schreiben: „Mein theurer, lieber Großvater! Morgen, wie Dir auch schon bekannt ist, reisen wir nach Bodenwald, und ich wollt Dir noch diese Zeilen schicken, damit Du auch bis zu Ende erfährst, wie eS mir hier e; gangen ist. Sehr gut, kann ich wie immer sagen, denn Sophie und ihre Mutter hüt« und pflegen mich auf das Beste, und alle meine Sorgen — Dir ^vAßt wen und wl sie betreffen — überlasse ich Dir, wie ich soeben mir noch einmal vorgenommen, ui denke mit Ruhe an Waldemar und an die Zeit, wo wir uns wiedersehen werden. Wenngleich ich mir so oft vorgestellt, wie nothwendig mir jetzt Ruhe und' Besonne» heit ist, bemächtigt sich meiner doch eine kaum zu unterdrückende Aufregung, wenn ' Mir vorstelle, daß schon morgen Abend ich meinem Großvater gegenüberstehen werde, d — der — — aber, nein, Großvater, ich will ihm nicht mehr zürnen, und auch ni mit gehässigen Gefühlen vor ihn hintreten, sondern will ihm vergeben — das Leid vt geben, das er Dir und auch mir zugefügt! Von Bodenwald erhaltet Ihr baldigst wieder Nachricht, und werde ich Dein Rath zufolge den Brief an Deine Tante adressiren. Mein Koffer ist gepackt, auch habe ich Frau Doktor schon das Abschiedsgeschenk überreicht, die sich über das schöne Service, welches glücklich angekommen, sehr gefreut hat. — Zum weiteren Plaudern mit Euch bleibt mir keine Zeit, denn ich habe Thusnelda 'ersprochen, einige Einkäufe mit ihr zu machen, Geschenke für ihren Großvater, Herrn nd Frau Bergmann, und einigen Personen der Dienerschaft, die sie besonders liebt. Das arme, arme Kindl Sie selbst empfindet nicht, was und wie viel ihr fehlt, und ist stets heiter und guter Dinge. Aber ich höre meine kleine Cousine mit eiligen Schritten kominen und schließe daher den Brief, den ich selbst besorgen will. Nehmt meine herzlichsten Grüße und gedenkt in Liebe Eurer Anna Herfsld. Gegen Abend des folgendes Tages verließen Sophie Dörner, Anna Thusnelda und deren Pflegerin oder Kammerjungser Dorothea den Eisenbahnzug an der Station B., wo ihrer ein Wagen wartete, um sie nach Bodenwald zu bringen. Thusnelda begrüßte den Kutscher, welcher schon manches Jahr im Dienst seines Herrn gewesen, mit vieler Freude, und erkundigte sich in lebhafter Weise nach ihrem Großvater. „Der Herr Landkammerrath ist heute recht krank gewesen, gnädiges Fräulein", erwiderte Georg, das Gepäck der Reisenden in Empfang nehmend. „Ist Großpapa in seinem Zimmer geblieben?" forschte das kleine Fräulein weiter. «Ja, gnädiges Fräulein, doch meint Auaust, daß der Herr Landkammerrath diesen Abend im Saal sein werde!" Man war mittlerweile eingestiegen, Georg hatte die Koffer aufgepackt, und erkletterte dann den hohen Bock des alterthümlichen Neisewagens. Die Zügel und Peitsche ergreifend, trieb er dann die Pferde an, um noch vor vollständiger Dunkelheit Schloß Bodenwald zu erreichen. Der Weg führte zunächst durch eine ebene, fruchtbare' Gegend, dann aber begannen die Berge, und traten immer näher, bis später sich die Landstraße durch ein eriveitertes Thal hinzog, in dem das Gut Bodenwald lag. Thusnelda und ihre Kammerfrau waren hier bekannt, und Erstere unterließ nicht, ihre Begleiterinnen auf Alles aufmerksam zu machen, was sie von jeher sehenswerth oder bewunderungswürdig gefunden, was diese aber der eintretenden Dämmerung wegen kaum erkennen konnten. Während Thusnelda lebhaft und munter plauderte und sich sichtlich freute, nach längerer Abwesenheit wieder daheim zu sein, ward Anna immer stiller und schweigsamer, denn sie mußte ihres Großvaters Erzählung gedenken, und sollte so bald schon die Stätte betreten, wo die Jugend ihrer Eltern verflossen, wo sie deren und ihrer Großmutter letzte Ruhestätte zu suchen hatte. Ihr ernstes, nachdenkendes Gesicht gewahrend, sagte leise die ihr gegenübersitzende Sophie: „Schon wieder still und traurig, Anna? Und hast doch, wie Du mir gesagt, gestern an Deinen Großvater geschrieben, der Zukunft fröhlich und guten Muthes entgegensehen zu wollen?" Anna erschrack fast bei dieser Anrede und erröthete leicht, und einen dankbaren Blick auf ihre frühere Erzieherin und jetzige Freundin richtend, erwiderte sie ebenso leise: „Das thiie ich? auch, Sophie, und bin meines Geschickes wegen ohne Sorge. Ich stellte mir aber in diesem Augenblick unsere Ankunft in Bodenwald vor, das Wiedersehen zwischen Enkelin und Großvater, welch Letzteren Du ebenfalls noch nicht kennst —" „Nein, Anna, persönlich kenne ich den Herrn Landkammerrath noch nicht", entgegnete sophie Dörner, „und bin neugierig, ihn, der seiner Korrespondenz nach ein sehr kluger rnd gebildeter Mann sein muß, zu sehen. Seiner zärtlichen Sorge für seine Enkelin wegen habe ich ihn immer bewundert, die — ein trauriges Berhängniß — seine einzige . nähere Angehörige ist!" ^ Anna enthielt sich jeder Bemerkung: kannte sie doch ihren Großvater von einer anderen Seite, und wußte sie ebenfalls, daß die schwachsinnige Thusnelda von Bodenwald nicht seine einzige Verwandte war. Sie versank indeß wiederum in Nachdenken, stellte sich den Empfang in Bodenwald vor, wobei ihr plötzlich ihre Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Vater, der ihr Großvater Kohring mehrfach erwähnt, einfiel. Dieser Gedanke begann sie zu beunruhigen, eine Erkennung war dadurch möglich,-da unterbrach Thusnelda, die unterdeß immer aus dem Fenster gesehen, ihr Sinnen, in dem sie hastig, wie sie stets zu reden flegle, sagte: „Anna, gleich sind wir in Bodenwald, Du kannst es, weil es ichon vunkel geworden ist, nur nicht sehen!" und ihr Gesicht an die Scheibe legend versuchte sie wiederum bekannte Gegenstände zu erspähen. Sie fuhren noch eine Weile, die Dämmerung war vollständig eingetreten, dennoch konnte Anna, welche gleich ihrer Cousine aus dem Fenster blickte, sehen, daß sie an einigen kleineren erleuchteten Häusern vorüberkamen. „Hier wohnen unsere Taglöhner", belehrte sie Thusnelda, „und nun — nun sind wir gleich bei Großpapa!" Wirklich bogen sie bald in ein weitgeöffnetes Thor, das, wie sie hörten, hinter ihnen geschlossen ward, und fuhren einen breiten, zu beiden Seiten mit hohen Pappeln besetzten Weg zum Schloß hinauf. Dann hielt der Wagen vor einer nur aus wenigen Stufen bestehenden Treppe, welche in die geräumige hell erleuchtete Vorhalle führte, wo in der hohen, geöffneten Glasthür bereits ein Diener ihrer wartete. Kaum hatte er den Wagenschlag geöffnet, als auch schon Thusnelda zur Erde sprang, und August, welchen sie seit ihrer Kindheit gekannt, mit lebhafter Freude begrüßte, indeß ihre Begleiterinnen langsamer folgten. Unterdeß war auch die Haushälterin, welche schon eine Reihe von Jahren in Schloß Bodenwald gewesen, herbeigekommen, und nachdem sie von Thusnelda mit stürmischer Zärtlichkeit war begrüßt worden, bewillkommnete sie die Fremde, welche diese ihr zuerst auf Sophie Dörner deutend vorstellte: «Frau Lindenau, dies ist Fräulein Sophie Dörner, meine Lehrerin", und sich an Anna wendend, fügte sie deren Hand ergreifend hinzu: „Und dies ist meine liebe Freundin Anna Herfeld, die ich in H. kennen gelernt, und Großpapa eingeladen hat!" Frau Lindenau, eine Dame von würdigem Aussehen, richtete einige freundliche Worte an die ihr genannte, ward aber bald durch Thusnelda unterbrochen, welche sie hastig fragte: „Wie geht es Großpapa, Frau Lindenau? — Wo ist er? Kann ich ihn sehen?" „Der Landkammerrath wird zum Abendessen im Saal sein, gnädiges Fräulein, und läßt Sie und die Damen bitten, sich vorher im Zimmer einzufinden!" „Ich soll ihn also jetzt nicht sehen?" fragte ungeduldig Thusnelda. „Nein, gnädiges Fräulein, und ich werde Ihnen und den Damen den Thee sogleich heraufschicken! — Jetzt bitte ich, mir zu folgen", wandte sie sich zu Sophie und Anna, damit ich Sie in Ihr« Zimmer führen kann!" Sie gingen in das erste Stockwerk hinauf, wo zu beiden Seiten eines geräumigen Corridors eine Anzahl Gemächer lagen, von denen jedoch wenige benutzt wurden. Aus Thusnelden's Zimmer trat ihnen Dorothea entgegen, bevor aber Erstere ihrer Pflegerin folgte, trug sie noch Frau Lindenau auf, ihre Freundin in ihrer nächsten Nähe wohnen zu lassen, was diese ihr lächelnd zusagte und ihre Begleiterinnen in die bereit gehaltenen Zimmer führte. Allein geblieben, blickte Anna m sein maum umher, der sie einstweilen beherbergen sollte. Es war ein mittelgroßes, hohes Gemach, hellerleuchtet durch zwei Wachskerzen, die in silbernen Leuchtern auf dem Sophistisch brannten, mit einer alterthümlichen Ausstattung, wie sie sie noch nie gesehen. An den mit hellen Goldtapeten bekleideten Wänden hingen Schildere!«» aus Italien, die ohne Zweifel ihr Großvater von seinen Reisen mit gebracht. Die Thür des Schlafzimmers öffnend, blickte sie auch in dies hinein und sal dort ebenso altmodische Mobilien, zu denen auch ein Bett mit dunkelgrünen, seidenen osü Vorhängen gehörte. Nachdem sie Hut und Mantel abgelegt, kehrte sie in's Wohngemach zurück, wo bald an ihre Thür geklopft ward und der Diener mit dem versprochenen Thee erschien, ihr anzeigte, daß das Abendessen um halb neun Uhr servirt sein würde und sich darauf entfernte. Im Sopha Platz nehmend, genoß sie mit Behagen die ihr angenehme Erfrischung, dachte dabei an ihren Großvater, dem sie jetzt so nahe war, und fragte sich: „Ob er mich — ob man mich überhaupt kennen wird? Auf den ersten Blick mußte die Familienähnlichkeit, welche doch Großvater Kohring hervorgehoben, so auffallend nicht sein, denn bis jetzt scheint noch Niemand sie bemerkt zu haben. Vielleicht aber werden Bergmann's und mein Großvater selbst sie entdecken und was — was wird dann daraus entstehen? Wäre es nicht richtiger gewesen, die verhängnißvolle Einladung auszuschlagen?" „Nein, nein", fuhr sie nach längerer Pause sich ermuthigend und zuversichtlich fort, „ich bin durch Gottes Fügung hier, und diesen Gedanken will ich festhalten! Wer weiß auch, was schon die nächsten Tage von Steinhorst und Dahrenwald bringen werden, und wie bald sich dort mein und Waldemar's Geschick entscheidet!" Nach einer Weile auf die Uhr blickend sah sie, daß sie auf halb acht wies, es war also keine Zeit zu verlieren, denn sie mußte nothwendig ihren Neiseanzug gegen einen andern vertauschen. Schnell nahm sie aus ihrem schon im Schlafzimmer befindlichen Koffer alles Erforderliche hervor und begab sich an ihre Toilette, und als nach einer halben Stunde sie wieder im Wohngemach erschien, war das Bild, welches der hohe Spiegel zurückgab, eine Erscheinung, auf die des Försters Enkelkind, welches zwar die Eitelkeit nicht kannte, voll Genugthuung hätte blicken können. Wie immer hatte Anna das reiche goldblonde Haar, das in lockigen Wellen ihre weiße Stirn umgab, in schweren Flechten um den Kopf geordnet; ein dunkelblauer Anzug von leichter Wolle ließ ihre Gestalt vortheilhaft hervortreten, und Hals und Handgelenke umgab eine blendendweiße Leinengarnitur, die durch eine goldene Broche und eben solche Knöpfe gehalten ward. Die ganze Erscheinung aber — hoch und stattlich — war vom Zauber holder Jugendlichkeit umflossen, und sinnend, ernst und erwartungsvoll blickten die blauen Augen dem Kommenden entgegen. (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch bei Hay-u. (Aus de"N. Fr. Pr.) Man hat im vorigen Jahre den einhundertfünfzigsten Geburtstag Joseph Haydn's, des armen Stellmachersohnes, gefeiert, den Anlage und Fleiß zu einem der glänzendsten Sterne am Himmel der Tonkunst gemacht haben. Bei dieser Gelegenheit wäre es vielleicht angebracht gewesen, an seine Zusammenkunft mit Jffland im Jahre 1808 zu erinnern, welche eine der schönsten Episoden seines Lebens genannt werden muß. Aber, so viel bekannt, ist dies nicht geschehen. Mag daher hier eine Darstellung des Falles folgen, wie sie an der Hand der denkwürdigen, aber heute wie es scheint, vergessenen Aufzeichnungen Jffland's möglich ist. Schon im Jahre 1800, als Jffland sich zum ersten Male in Wien befand, hatte er ein inniges Verlangen getragen, den großen Mann zu sehen, dem er als Mensch und Künstler mit gleicher Liebe sich ergeben fühlte. Aber damals lebte Haydn auf dem Lande, und ihm dorthin zu folgen, gestatteten die Verhältnisse nicht. Anders fügte es sich, als Jffland acht Jahre später seinen Besuch in der Donaustadt erneuerte. Körperliche Leiden hielten zwar den edlen Greis danieder, aber, wie sichtlich er anfing, sich mehr und mehr dem Grabe zu nähern, war sein Schwächezustand doch nicht derart, daß es ihm versagt bleiben mußte, sein Haus den Freunden zu öffnen. Mit Recht durfte Jffland daher hoffen, daß diesmal dem Verlangen seines Herzens Genüge geschehen werde, und diese Hoffnung sollte ihn nicht betrügen. Es war am Vormittag des 7. September, als der berühmte Berliner Mime sich 39 ? — auf den Weg machte, die stille Gasse zu erreichen, in welcher Haydn wohnte. Der mit diese»» persönlich bekannte Vorsteher des fürstlich Eszterhazyschen Theaters zu Eisenstadt, Herr Schmid, hatte versprochen, ihn einzuführen, und schritt neben ihm. Eine heitere Sonne lächelte vom Himmel herab, und da es Marientag war, so waren die Straßen von Menschen belebt, die lachend und schwatzend sich hin und her bewegten. Nachdem sich Beide durch diesen Knäuel hindurchgewunden, machten sie endlich vor einem hellen, freundlichen Hause Halt, welches als das des Musikers das Ziel ihrer Wanderung bezeichnete. Eine sauber gekleidete Magd trat, sie zutraulich begrüßend, den Männern entgegen, deren Frage, ob ihr Herr daheim sei, dahin beantwortend, er komme soeben mit seinem Diener aus dem Garten. Es war so, da seine Füße aber den Dienst versagten, so konnte sich Haydn nur langsam fortbewegen. Inzwischen harrten Jffland und Schmid, in das Wartezimmer geführt, des Augenblicks, da es ihnen vergönnt sein sollte, vorgelassen zu werden. Die Wände eines anstoßenden Cabinets, dessen Thür offen stand, zeigten sich kostbar geziert. Kleine Tonschöpfungen Haydn's, mit eigener Hand geschrieben, bedeckten sie, jede unmuthig von einem Kranze umrahmt. Hier erblickte man auch das Bildniß des Meisters. Es stammte aus Tagen, da seine Kraft noch ungebrochen war und ihm Jugendmuth und Frische noch reichlich zur Seite standen. Gedankenvoll und wehmüthig blickte Jffland in das milde Autlitz, als die Magd mit der Meldung erschien, ihr Herr warte in dem Empfangssaals der Besucher. Haydn saß, als sie eintraten, völlig angekleidet, das Gesicht nach dem Fenster gerichtet, in einen: Sessel. In der einen Hand hielt er seinen Hut, in der andern den Krückstock und einen Blumenstrauß. Er trug ein braunes Unterkleid, einen grauen Ueberrock und eine zierlich frisirte Beutelperrücke. Sein Diener stand hinter ihm. Als er die Männer über die Schwelle schreiten sah, erhob er sich mit Hilfe des Dieners und kam ihnen, die Füße mühsam nachschleppend, einige Schritte entgegen. Dabei hielt er die Hand über die Augen. Zunächst begrüßte er Schmid, indem er ihm warm die Hand drückte; hierauf neigte sich sein Haupt mit anmuthigem Lächeln gegen Jffland, den er zu einem Sitze führte. Dann kehrte er langsam zu seinem Sessel zurück. Das Gespräch berührte zunächst gleichgültige Dinge, wobei Haydn, da ihm das Athemholen schwer wurde» nicht ohne Beschwerde sprach. Oft sah er auf die Blumen in seiner Hand, deren Duft ihn sichtlich erquickte. „Ich habe heute meine Andacht in der Natur gehalten", sagte er wehmüthig — und dabei war es, als würde seine Wimper von Thränen feucht — „Ich kann nicht anders, ich muß so thun." Hier erhob er den Blick, wie zum Gebet gestimmt, gen Himmel. Es kam dann auf die „Jahreszeiten", seine letzte größere Tonschöpsung, die Rede, an welcher er elf Monate arbeitete und die man, wenn man will, den Schwanengesang des Dichters nennen kann. Sogleich verließ ihn die bis dahin bewahrte Ruhe, und beinahe heftig rief er: „Ja, die „Jahreszeiten", die haben mir den Rest gegeben! Sie glauben nicht, wie ich mich dabei gemartert habe." Er wollte noch mehr sagen, aber er fand den Ausdruck, nach welchem er suchte, nicht sogleich und stieß, wie in Univillen darüber, den Stock auf den Boden. In diesem Augenblicke sah ihn der Diener besorgt und bittend an, wie wenn er sagen wollte: Schonet Eure Kräfte! Haydn verstand ihn sogleich und setzte gelassener hinzu: „Ja, du hast Recht. Warum soll ich mich erregen, da Alles vorbei und abgethan ist?" Dann, ganz die frühere Ruhe wieder annehmend, wendete er sich zu den Gästen mit den Worten: „Ja, es ist vorbei, wie Sie sehen, und die „Jahreszeiten" sind schulv daran. Ich habe überhaupt in meinem Leben viel und schwer arbeiten müssen. Ich hatte es nicht leicht, wahrlich nicht leicht; meine Jugend war eine sehr schwierige." Er erzählte dann, wie mühselig er sich einst durchbringen mußte, wie viele Treppen er dabei täglich auf und ab zu steigen hatte, als er noch auf dein Platze bei den Michaeln,, wohnte, und wie dadurch seine Gesundheit untergraben worden sei. „Das kommt nun nach", sagte er, auf seine Brust deutend, „und wirft mich nieder. Aber ich erliege mit Ehren, und mein Mühen und Schaffen ist nicht ohne - 398 Früchte geblieben." Dann entzog er sich diesen schmerzlichen Betrachtungen, deren Peinlichkeit für die Anwesenden er fühle» mochte, und lenkte die Unterhaltung auf das Theater. Er bedauerte sehr, durch seinen Zustand an dem Besuche desselben verhindert zu sein, und selbst den neuen Erscheinungen auf der Bühne, die ihm einst so großes Interesse einflößte» seine Theilnahme versagen zu müssen. Jfflands Wiener Gastspiel im Jahre 1800 war ihm noch so sehr gut in der Erinnerung geblieben, und mit Wohlgefallen sich derselben hingebend, benützie er die Gelegenheit, dem Künstler ein schmeichelhaftes Lob zu spenden. Auch von dem Schriftsteller Jffland sprach er, sich wohl unterrichtet zeigend, mit Anerkennung und Wärme. Dabei sah er diesen überaus freundlich an und reicht« ihm schließlich die Hand. Als dann der in dieser Weise Geehrte bat, diese Hand auf sein Herz legen zu dürfe», schloß er ihn in seine Arme und küßte ihn, Thränen der Rührung vergießend, mit Inbrunst. „ Wenn ich eine große Freude habe", sagte er weich, „dann muß ich weinen. Das will ich durchaus nicht, aber ich kann eS nicht hindern. Daran mag wohl die Schwäche des Aüers schuld sein, denn früher war es anders." Dabei entrang sich ein Seufzer seiner Brust, während das feuchte Auge sehnsüchtig durch das Fenster in die Ferne schaute. Weiter lenkte sich das Gespräch auf eine Messe Haydn's, die einige Tage vorher in Eisenstadt zur Aufführung gelangt war. Sogleich sah man ihn freudig erregt, er sprach mit Lebhaftigkeit von seiner Kirchenmusik und schien ganz und gar zu vergessen, daß er ein hinfälliger Greis war. Ohne es zu wissen, gab er Hut und Stock aus den Händen, die er mit beinahe jugendlicher Kraft hin- und herschwengte- und gcberdete sich, als ob er wieder an der Spitze des Orchesters stünde. Dabei strahlte sein Antlitz vor Wonne und er schien beglückt, den Traum einer besseren Zeit träumen zu dürfen.' Aber die Täuschung währte nicht lange. Bald mahnte es ihn, der Wirklichkeit zu gedenken, in die er gebannt war. Er nahm Hut und Stock, welche der Diener an sich genommen, von diesem zurück, schloß das Auge zur Hälfte und senkte den Blick, die Kräfte sammelnd, welche ihm noch geblieben waren, zu Boden. So verharrte er noch einige Minuten schweigend, dann nahm er das Gespräch wieder auf, gedachte der Eszterhazpschen Capelle und that Fragen nach den neuesten in Eisenstadt zur Aufführung gelangten Musiken. Vor nicht langer Zeit hatte man in Wien noch seine „Schöpfung" gegeben. Er war zugegen gewesen und hatte damals einen der schönsten Ehrentage erlebt» Als die Aufführung ungefähr bis zur Mitte des Werkes vorgeschritten war, hatte sich in dem von einem glänzenden Publikum gefüllten Saale ein leichter Zugwind bemerkbar gemacht, die Bcsorgniß weckend, daß der geliebte Greis darunter leiden könne. Dies hatte die Frauen aus den ersten Häusern Wiens bestimmt, zu seinem Schutze ihre kostbaren Shawls herzugeben, eine Handlung, welche lauten und anhaltenden Jubel weckend, ihn zum Gegenstände der zartesten Huldigungen machte. Auch hierauf kam er jetzt zu sprechen, lobte die damalige Aufführung seiner Arbeit als die beste, die er erlebt, und faltete in seliger Erinnerung die Hände. „Man hat bei jener Gelegenheit zu viel für mich gethan, zu viel! Wie hat mich dieses Volk gefeiert! O, es ist ein gutes, gutes Volk!" sagte er begeistert und von dem innigsten Dankgefühle ergriffen. Dabei klang seine Stimme beinahe stark und erglänzte das sonst matte Auge in heiligem Feuer. Jffland nahm jetzt Veranlassung, des Beifalls zu gedenken, welchen Haydn'S „Schöpfung" auch in Berlin gesunden, und erzählte dabei, daß daS Meisterwerk auch einmal zum Besten der Armen gegeben worden sei und diese Vorstellung mehr als zweitausend Thaler eingebracht habe. Sogleich horchte Haydn auf; «in Freudenstrahl flog über sein Gesicht, und er wiederholte: „Ueber zweitausend Thaler! Und für die Armen! Ueber zweitausend Thaler!" Dann fuhr er, zu dem Diener gewendet, fort: „Hörst du es wohl? Meine „Schöpfung" hat in Berlin über zweitausend Thaler eingetragen, und für die Armen. Meine Arbeit hat den Armen einen guten Tag gebracht! Das ist herrlich, das ist tröstlich!" Bei diesen Worten legte er sich ganz zurück in seinen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ließ Thränen der Rührung über die Wangen 399 rollen. Als er sich wieder erhob, wendete er sich nochmals an seinen Diener, indem er sagte: „Merke es dir genau, wie viel die „Schöpfung" den Armen eingetragen, und erinnere mich daran, wenn du mich von trüben Gedanken erfüllt siehst. Das wird mich erheitern. Denn — achl — mit meinem Wirken ist es aus, und meine ganze Welt ist die Vergangenheit." Dann war es wiederum, als fühle er das Peinliche dieses Augenblickes für die Gäste und als bemühe er sich, diesen Eindruck zu verscheuchen. „Sie werden auch wohl meine Ehrenzeichen sehen wollen?" sagte er und befahl dem Diener, sie herbeizuholen. Dieser ging und brachte die Denkmünzen, welche man einst in Petersburg, Paris und London auf den großen Musiker geschlagen hatte. Haydn nahm sie in die Hand, erklärte jede einzelne und legte sie dann neben sich nieder. Die Beschäftigung hatte ihn offenbar erquickt, indem sie ihm die Zeiten seines Glanzes zurückrief. Er gestand dies auch selbst ein, indem er hinzufügte: „Wenn ich diese Münzen betrachte, so werde ich jedesmal vorübergehend wieder jung. Ich zähle daran mein Leben rückwärts und bin glücklich in der Erimerung ruhmvoller Tage." Jetzt trat eine Pause ein. Haydn schien nachzudenken, ob er nicht noch eine Pflicht gegen die Freunde habe, welche mit so herzlicher Theilnahme in sein Haus gekommen waren. Endlich erhob er das gesunkene Haupt, und wie im Gefühl, das Nichtige gefunden zu haben, sagte er: „Ich sollte Ihnen doch etwas vorspielen. Freilich ist mein Können nicht mehr bedeutend, aber »leine letzte Dichtung wenigstens sollen Sie doch hören. Ich habe sie gesetzt, als vor drei Jahren die französische Armee auf Wien mar- schirte." Er machte dann eine Bewegung,-welche auf die Absicht deutete, aufzustehen. Der Arm des Dieners unterstützte ihn dabei, aber auch Jffland und Schmid traten hinzu, erleichterten mit ihren Händen liebevoll die Schritte des Greises und geleiteten ihn so zum Pianoforte. Langsam ließen sie ihn auf den Sessel gleiten. Das Instrument, vor dem er jetzt saß, war nicht mehr das alte von Würmern zerfressene Clavier, mit dessen Tönen er einst als armer, unbekannter Musiker um Brot und Ehre warb. Es war ein schönes, kostbares Vesitzthum, das aber seinen vollen Werth erst dann erhielt, wenn sich des Meisters theure Hände darauf legten. „Das Lied, welches ich jetzt spielen will", sagte er, „heißt: Gott erhalte Franz den Kaiser!" Und als nun seine Finger die Tasten berührten, da war es, als wären sie in den Dienst eines Zauberers getreten. Wie schwach auch diese Hände waren, sie hatten immer noch Macht genug, ein Tonwunder zu bewirken, das ein unvergleichliches genannt werden durste und den Hörer in heiliger Andacht gefesselt hielt. Mit staunenerregender Kunst, wie er begonnen, spielte Haydn die Melodie zu Ende, und als er sich dann endlich, wiederum von den Anwesenden unterstützt, von seinem Sitze erhob, blieb er noch eine' Weile vor dem Pianoforte stehen, legte beide Hände darauf und sagte: „Ich spiele dieses Lied jeden Morgen, und oft, wenn unruhige Tage kamen, die mich pcinvoll erregten, habe ich Trost und Erquickung daraus genommen." Dann ließ er sich langsam zu seinem Stuhle zurückführen. Dabei neigte sich das Haupt ein wenig auf die Brust und es schien, als fühle er das Bedürfniß der Ruhe. Seine Kräfte waren jetzt offenbar erschöpft. Er schien dies auch selbst zu fühlen, denn er sagte: „Ich tauge heute nicht mehr viel. Gott sei mit Ihnen! Es gehe Ihnen gut, Adieu l" Schon vorher hatten sich die Gäste gesagt, daß es Zeit sei, zu scheiden. Der Greis hatte Alles gethan, dem Verlangen ihres Herzens zu entsprechen. Mehr von ihm zu fordern, wäre Grausamkeit gewesen und hätte beinahe als ein Versuch erscheinen müssen, die zarten Fäden, an denen dieses theure Leben hing, zu zerreißen. Der Abschied, welcher jetzt folgte, war von tiefer Bewegung begleitet und erweckte ein schmerzliches Gefühl, das durch keine Hoffnung auf Wiedersehen gemildert wurde. Haydn nahm die Umarmung der Freunde beinahe schweigend hin, und auch diese vermochten ihren Empfindungen nur wenige Worte zu leihen; aber Alle waren mächtig berührt von der Bedeutung des Augenblicks, der jeden Nerv ihres Körpers erzittern machte. Unwillk-ir-- 400 lich griff Haydn noch einmal nach dem Strauße, den seine Hand gefaßt hielt, als er die eintretenden Männer begrüßte. Davon nahm Jffland Veranlassung, die Frage zu thun, ob es ihm gestattet sei, eine Blume diesem Strauße zur bleibenden Erinnerung an diese Stunde zu entnehmen. Haydn antwortete dadurch, daß er das Gesicht ganz und gar in den Strauß sinken ließ, dessen Duft noch einmal innig und mit Wonne sog und ihn dann mit beiden Händen Jffland reichte. Noch eine Umarmung folgte, noch eine Thräne floß über die welken Wangen des Musikers, dann wendete er sich ab und rief mit dumpfer Stimme: „Lebet wohl!" Nachdenklich und ergriffen verließen die Männer das Haus. Jffland pries sich glücklich, an dem Anblicke der Sonne dieses Genius sich noch gelabt zu haben, die schon zum Untergänge neigte. Er hatte Grund dazu, denn bald sank sie hinab. Nur wenige Monate vergingen, da pochte der Tod an Haydn's Thür und führte ihn sanft zu jenen lichten Höhen, denen er ahnend längst entgegenstrebte. Sein Ende war wie eine schöne Symphonie mit leise ausklingenden Accorden, und es klang, als sangen Engel an seinem Sterbelager. Miseelilsn. (Ein raffinirter Gaunerstreich), der diesmal glücklicherweise kein Menschenleben kostete, wurde in einem Juwelierladen des Palais Royal, nicht weit von dem Prestrotschen Gewölbe begangen. Eine Dame in offenbar gesegneten Umständen betrat den Laden, verlangte Einiges zu sehen und entfernte sich, ohne etwas zu kaufen. Kaum war sie draußen, stürzte ein elegant gekleideter Herr ins Magazin und ruft ganz bestürzt: „Ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm; die Unglückliche kann nichts dafür, ich bringe Ihnen den Ring zurück", und dabei zeigte der Herr eine bnAus olrovaliers, die wirklich in einem der Dame gezeigten Kästchen fehlte. Der Herr erzählte nun, daß seine Gattin in Folge ihres Zustandes von einer unwiderstehlichen Lust zu stehlen beherrscht werde und daß er ihr in Folge dessen auf Schritt und Tritt nachgehen müßte, um Skandal zu vermeiden. Dabei spielte der Herr mit dem Ringe und frug, was er koste. Der Juwelier nannte einen ziemlich geringfügigen Preis, den der Herr auch erlegte und sich mit dem Ringe auch entfernte. Zwei Tage später kam dieselbe Dame, bat neuerdings, man möge ihr verschiedene Gegenstände zeigen, kramte herum und entfernte sich ebenso, ohne etwas gekauft zu haben. Die Ladenmädchen tauschten untereinander verständniß- volle Augenwinke, und als die Frau draußen war, wunderte sich Niemand, daß abermals ein Stück, diesmal kein Ring, sondern ein mit Brillanten besetztes Bracelet im Werthe von 6000 Francs, fehlte. Worüber dagegen Alles im Laden staunte, das war das Ausbleiben des zärtlichen Ehegatten, der seine wider Willen diebische Gemahlin auf Schritt und Tritt verfolgte. Er ließ sich nicht blicken und das Bracelet noch weniger. Der Juwelier war das Opfer eines Gaunerpaares geworden. (Die Dummen werden nicht alle.) In einer Zeitung wurde ein unfehlbares Mittel zur Nattenvertilgung gegen Einsendung von 3 M, empfohlen. Ein Bäuerlein, das mit diesen Nagethieren belästigt war, sandte den Betrag ein und erhielt nach einigen Tagen das gewünschte Mittel zugesandt. Wie groß aber die Enttäuschung des Bestellers, als er das ziemlich umfangreiche Packet öffnete und einen ca. 2Vz Fuß langen Knittel mit einem Zettel vorfand, auf dem die lakonischen Worte standen: „Mit diesem Knittel schlagen. Sie jede Ratte, die Sie sehen, kräftig auf den Kopf und Sie werden sofort Gelegenheit haben, die unfehlbare Wirkung unseres Mittels zu bewundern." (Eine junge Hausfrau.) „Aber liebe Frau, Du hast mir doch versprochen, ein Rebhuhn vom Markte mitzubringend Es muß doch jetzt genug geben!" — Frau: „Das schon, aber weißt Du, lieber Rudolf, ich konnte mich nicht dazu entschließen, ein todtes Rebhuhn zu kaufen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkaktungsbkatt »m ^Ängslulrger Postzeitung." Nr. 51. Mittwoch, 27. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Thusnelda erwartend war sie im Begriff, eines der auf dem Tische liegenden Bücher zu nehmen, als nach hastigem Klopfen diese ebenso hastig in's Zimmer tretend sagte: »Gut, daß Du fertig bist, Anna, Sophie ist es auch. Ich bin schon bei Großpapa gewesen, der sich sehr gefreut, mich zu sehen, und auch Euch begrüßen möchte. Wollen wir hinuntergehen?" „Ja, Thusnelda", erwiderte zögernd ihre Cousine, deren Herz und Pulse heftig zu klopfen begannen, während die Aufregung das Blut in ihre Wangen trieb. Im nächsten Moment aber war die Aufregung gewaltsam unterdrückt und im Begriff, mit sicherem Schritt das Zimmer zu verlassen, hörte sie Thusnelda sagen: »Du mußt nur nicht vor Großpapa erschrecken, Anna. Er trägt seinen grünen Schirm und auch die blaue Brille, denn wenn er sehr krank gewesen, sind immer seine Augen angegriffen, und können das helle Licht nicht vertragen!" „Er trägt einen grünen Schirm und eine blaue Brille?" wiederholte Anna mit einem Gefühl von Erleichterung, denn damit schien ihr für den Augenblick die Gefahr des Erkennens abgewandt. „Ja, das hat er schon lange gethan — aber komm zu ihm —" und Thusnelda zog sie auf den Korridor hinaus, wo schon Sophie ihnen entgegentrat. Die breite Treppe hinabgehend, standen sie bald an der Thür des Wohnzimmers, welche Auguste öffnete und sie eintreten ließ. Gleich allen übrigen Gemächern war es einfach, aber nichtsdestoweniger behaglich ausgestattet, denn Neuerungen litt einmal der Gutsherr von Bodenwald nicht. Die eine Ecke ward vollständig von einem großen Eopha eingenommen, vor dem ein kostbar eingelegter runder Tisch stand, auf welchen: eine hohe, durch einen Schirm bedeckte Lampe brannte. Für dies Alles aber hatte Anna kein Auge, sondern blickte auf den Herrn von Bodenwald, der in einem Sessel vor dem Tisch ruhete, vor ihm sämmtliche Gegenstände, welche seine Enkelin ihm mitgebracht, und die Zeitungen und die Journale, mit denen er sich am Abend zu beschäftigen pflegte. Als die Thür geöffnet ward, erhob er sich langsam, und ging ebenso langsam, doch ohne Stütze den Erwarteten einige Schritte entgegen. Er war von hoher Gestalt, die gleich Kohring's dem Alter Widerstand geleistet, doch war das meist goldblonde Haar schneeweiß geworden, und umgab in noch reicher Fülle das Gesicht, das Anna's forschendem Blick, wenngleich durch Schirm und Brille entstellt, nur zu vertraut war. Sie suchte die Aufregung, die wiederum sich ihrer zu bemächtigen begann, gewaltsam zu unterdrücken, denn sie hörte ihre Cousine sagen: 402 »Großpapa, hier bringe ich Dir Sophie Dörner und meine liebe Freundin, Anna Herfeld-" Beide standen jetzt dem Herrn von Bodenwald gegenüber, der ihnen die Hand reichend mit klangvoller Stimme freundlich sagte: „Seien Sie mir willkommen, meine Damen, und möge es Ihnen in dem stillen Bodenwald und bei einem alte», kranken Manne einige Wochen gefallen!" „Großpapa, wir werden länger bleiben", unterbrach ihn schnell seine Enkelin. „Der Professor, welcher mich behandelt, ist verreist, und kein Anderer kann mit mir die Kur gebrauchen!" „Darüber bist Du wohl kaum unzufrieden, mein Kind", erwiderte der Landkammerrath, seinen Blick, dessen Ausdruck jedoch nicht zu unterscheiden war, auf die kleine Gestalt seiner Enkelin richtend, und sich dann ihren Begleiterinnen zuwendend, fügte er hinzu: „Nehmen Sie Platz, meine Damen, und gestatten Sie mir, ein Gleiches zu thun!" Diese kamen seiner Aufforderung nach und während Anna ihren Großvater betrachtete, sagte Sophie Dörner: „Wir haben erfahren, Herr Landkannnerrath, daß Sie erst gestern sehr leidend gewesen und würde uns sehr leid thun, wenn Sie unsertwegen Ihr Zimmer verlassen!" „Ich mußte Sie doch wenigstens begrüßen", entgegnete mit gewandter Höflichkeit der Gutsherr, der sich in seinem Sessel niedergelassen, und darauf Anna anblickend, fortfuhr: „Ihnen, Fräulein Herfeld, muß ich noch meinen besonderen Dank sagen, daß Sie so freundlich auf die Wünsche meiner Enkelin eingegangen sind — —" „Herr von Bodenwald-" begann Anna, stockte aber, denn Sie meinte, dem forschenden Blicke zu begegnen. „Ebenfalls danke ich Ihrem Herrn Großvater und Ihrer Frau Tante, — Sie sehen, wie gut ich durch Thusnelda über Ihre Familie unterrichtet bin, — daß sie Sie noch auf einige Zeit entbehren wollen — —" „Mein Großvater und meine Tante bedürfen meiner augenblicklich nicht", erwideke Anna freundlich, doch im früheren Ton und heftete zugleich entschlossen ihre Augen auf die seinigen, „deshalb habe ich mir auch kein Gewissen daraus gemacht, sie noch länger allein zu lassen." „Anna's Großvater wohnt in einem großen Walde", fiel jetzt Thusnelda ein. „Sie hat mir viel davon erzählt —" „Das möchte ich morgen von Dir in meinem Zimmer hören", unterbrach mit leisem Nachdruck der Landkammerrath seine gesprächige Enkelin, und sich darauf an Sophie wendend, erkundigte er sich nach deren Mutter, während Thusnelda mit ihrer neben ihr sitzenden Freundin zu sprechen begann. Nach kurzer Weile ward das Abendessen gemeldet und zugleich öffnete der Diener die Thüren des anliegenden Speisesaals. Der Schloßherr erhob sich aus seinem Sessel, wobei sein Stock, der an diesen gelehnt, zur Erde fiel. Anna, welche gleich Sophie und Thusnelda ihren Platz verlassen, nahm ihn auf und überreichte ihn dem Landkammerrath, und ihn aus ihrer Hand nehmend, sagte derselbe in verbindlichem Tone: „Ich danke Ihnen recht sehr, mein Fräulein, und bitte Sie zugleich, mich als Ihren Führer zu Tische anzunehmen, das heißt, wenn ich Ihnen meinen linken Arm bieten darf!" Anna kam ein plötzlicher Gedanke, und diesem Worte verleihend, sagte sie mit leichtem Erröthen und einer kaum merklichen Bewegung in ihrer Stimme: „Gestatten Sie mir vielmehr Ihre Stütze zu sein, Herr Landkammerrathl — Darf ich", und schnell an seine Seite tretend, reichte sie ihm ihren rechten Arm, während sie, vielleicht sich selbst unbewußt, die Augen voll kindlichem Vertrauen zu ihm erhob. Ein freundliches Lächeln überflog des Schloßherrn ernste, gefurchte Züge, und beifällig und voll Interesse blickte er ihr entgegen. Dann legte er seine Hand auf ihre» Arm, und sagte, das Haupt leicht neigend: 406 „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, und glaube fest, daß Sie mir eine bessere Stütze sein werden, als ich Ihnen hätte sein können", und nach diesen Worten schritten sie dem Eßzimmer zu, gefolgt von Sophie und Thusnelda, welche Erstere ihren früheren Zögling mit beifälliger Freude beobachtet hatte und noch betrachtete, als an der Tafel sie zu des Landkammerraths Rechten in unbefangener Weise auf seine Unterhaltung, ihre Belusti» gungen in Bodenwald betreffend» einging« Das Mahl verfloß in heiterer Weise, denn als feiner und gewandter Wirth wußte der Schloßherr über die Förmlichkeiten des Bekanntwerdens hinweg zu helfen. Als es beendet, führte wiederum Anna ihren Großvater in das Wohnzimmer, wo er, einen Augenblick ihre Hand in der seinen haltend, mit einem leichten Neigen des Hauptes sagte: „Nehmen Sie nochmals meinen Dank für die mir so freundlich gewährte Stütze, die ich leider, wie Sie sich auch überzeugt, nicht entbehren kann, und in meinem Alter ist auf Besserung nicht zu hoffen. Ich bin zufrieden, wenn die Schmerzen mich nicht zu sehr plagen." Nach diesen Worten ließ er sich wiederum in seinem Krankenstuhl nieder, und diesen Moment hatte sich Thusnelda ersehen, sich Anna's zu bemächtigen, die sie nach ihrer Ansicht schon zu lange entbehrt hatte, während sie es Sophien überließ, ihren Großvater zu unterhalten, was auch alsbald, und zwar sie selbst betreffend, geschah. Als nach einer halben Stunde seine Gäste wie seine Enkelin sich von dem Landkammerrath trennte», sprach er die Hoffnung aus, sie am nächsten Tag« gesund und wohl wieder zu sehen und bat erstere zugleich, da dies spät sein würde, nach eigenem Ermessen im Schlosse zu schalten und zu walten. Er fügte hinzu» daß Frau Lindenau und auch die Leute die Weisung erhalten, allen ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, worauf er Sophie und Anna mit einer Verbeugung und einem Händedruck, seine Enkelin aber mit einem zärtlichen Kusse entließ. — XXI. Am folgenden Morgen unternahmen Sophie Dörner, welche auch in ihren Rechten als Thusnelda's Erzieherin blieb, diese und Anna einen Gang in's Freie, um die nächste Umgebung des Herrenhauses und den Schloßgarten kennen zu lernen. Thusnelda, hier seit ihrer Kindheit bekannt, machte die Führen», doch konnte sie keine besonderen Sehenswürdigkeiten zeigen, denn wie schon vor Jahren waren die hohen, alten Bäume und Alleen und einzelnen Gruppen auf den Rasenflächen die größte Zierde des Gartens von Bodenwald, auf dessen Verschönerung der Besitzer jetzt noch weniger Werth als sonst legte, doch den langjährigen Gärtner gewähren ließ, der wie früher Gewächse, Blumen und Früchte in den Treibhäusern zog. Nachdem sie alles besichtigt und an dem schönen Sommermorgen längere Zeit nach allen Richtungen umhergewandelt waren, wobei Thusnelda es nicht unterlassen, ihre Begleiterinnen auf ihre Lieblingsplätze aufmerksam zu machen, an die für sie sich mancherlei Erinnerungen knüpften, Anna aber mit Gedanken anderer Art beschäftigt gewesen, gelangten sie an einen breiten Weg, über dem die Bäume sich zu einem Blätterdach wölbten und der zu beiden Seiten mit Tannen, Taxus und Zypressen dicht bewachsen war. Er war besonders sorgfältig gepflegt und schien seit längerer Zeit nicht betreten zu sein. Am Eingang desselben stehen bleibend, fragte Anna, an deren Arm ihre Cousine hing: „Wohin gelangen wir auf diesem Wege, Thusnelda?" „Nach dem Mausoleum", entgegnete diese ernst, wo meine Eltern, meine Großmama und viele unserer Familie beigesetzt sind. Wir wollen es einmal besehen." Auch Anna's Gesicht hatte sich bei dieser Antwort umdüstert, denn dort war ebenfalls ihrer Eltern letzte Ruhestätte, und sie hätte deren Särge zum erstenmal sehen können, ehe sie jedoch zu antworten vermochte, entgegnete Sophie Dörner, welche die Aufregung eines Besuchs im Mausoleum für ihren Zögling befürchtete: „Später, meine liebe Thusnelda, heute noch nicht. Führe uns lieber nach dem Gutshof, wo Herr und Frau Bergmann wohnen —" 404 „Wollen wir sie nicht begrüßen?" unterbrach schnell das kleine Fräulein, dessen Gedanken schon wieder eine andere Richtung genommen. Hiergegen hätte nun gern Anna Einwand erhoben, denn sie fürchtete von dieser Seite eine Entdeckung, obgleich sie am Abend vorher sich vorgenommen, einer solchen, wenn sie erfolgen würde, mit ruhiger Entschlossenheit entgegenzugehen, doch sagte Sophie: „Wenn es Dir eine so große Freude ist, sie wiederzusehen, so müssen wir sie wohl aufsuchen. Vielleicht treffen wir sie gar im Freien." — (Fortsetzung solgt.) Go»dkör««r. Ohne Glauben ist nicht Liebe, Ohne Liebe ist nicht Glauben. Willst Du Dir Dich seiber rauben, Nimm dem Herzen Lieb und Glauben. F. Horn. Stets ist die Sprache kecker als die That. Schiller.' Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welch' wichtige Person glauben wir zu sein. Wir denken allein den Kreis zu beleben, in dem wir wirken. In unserer Abwesenheit muß, denken wir, Leben, Nahrung und Athem stocken: und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie stillt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres. Goethe. Leicht geleitet wird ein Thor» Leichter aber, wer verständig; Doch wer wenig halb gelernt nur, Ist sür Götter selbst unbändig. A. Höfer. Ueberschaue ganz das große Ganze; Kannst Du's nicht, so senke Deinen Blick. Seume. Das Kreuz im Walde. Eine Wildschützengeschichte von Friedr. Dolch. Während meiner Studienzeit besuchte ich in den Herbstferien manchmal meinen alten Onkel, den königlichen Förster Wendemann, dessen Wohnort nicht gar weit von der Residenz entfernt war. In seinem Reviere gab es auch noch ziemlich viel Wild, weil er dasselbe schonte und pflegte, mäßig schoß und die Wilderer, die sich in seinem Bezirk blicken ließen, energisch verfolgte und über die Grenzen trieb. Mein Onkel war übrigens durchaus kein finsterer griesgrämiger Gesell, sondern ein lustiger fideler Kauz; mit dem es sich vortrefflich leben ließ. Nur die Wilddiebe und Holzfrevler fürchteten und haßten ihn, weil er ihnen so scharf auf die Finger sah und durchaus nicht mit ihnen spaßte. Am liebsten war eS mir, wenn ich mit ihm draußen in Wald und Feld umher- streifen durfte, denn da ging ihm das Herz auf und manche ernste und heitere Geschichte aus dem Jägerleben hat er mir auf solchen Streifzügen erzählt. Ich lauschte auch stets mit großem Interesse seinen Erzählungen und manche von ihnen haben sich meinem Gedächtnisse so fest eingeprägt, daß es mir jetzt nach Jahren noch möglich ist, sie genau so wiederzugeben, wie er sie mir einst erzählt. Eines Abends kamen wir, nach erfolglosem Pirschgange, auf eine Waldlichtung und da wir ziemlich müde waren, beschlossen wir eins kleine Rast zu halten, ehe wir den Heimweg antraten. Wir setzten uns also unter eine dichtbelaubte Buche, zündeten unsere kurzen Jagdpfeifen an und bliesen schweigend die blauen Rauchwötkchen in die Luft. „Siehst Du dort drüben am Waldesrand das hohe, halb umgesunkene schwarze Kreuz?" frug plötzlich mein Onkel und eS konnte mir trotz der zunehmenden Dunkelheit nicht entgehen, daß sein vorher noch so heiteres Gesicht plötzlich tiefernst geworden war. „Dort steht es» neben der hohen einzelnen Tanne, die über das Dickicht emporragt!", Und er zeigte mit dem Finger nach der Richtung und sah mich an. 405 — »Ich leyr r»-', antwortete ich und richtete meine Blicke nach der Gegend, wo sich as Kreuz schwarz 'vom hellen Nachthimmel abhob. „Was ist's damit? Ist an jener Stelle vielleicht einmal ein Mord verübt worden?" „Jawohl, Junge, hast's errathen", antwortete mein Oheim. „Dort ist vor beinahe einem halben Jahrhundert ein Jäger von einem Wildschützen erschossen worden; der Mörder aber war mein eigener leiblicher Vetter und ich war Augenzeuge jener schreck« lichen That." „Ach, ist's möglich?" rief ich erregt. „Bitte, Onkel, das mußt Du mir erzählen, d. h. wenn es Dich nicht zu stark angreift." „Ja, 's ist eine traurige Geschichte", nickte ernst mein Oheim, „und sogar jetzt noch« nach so langer Zeit, stimmt es mich trübe, wenn ich an jenes Ereigniß denke. Weil wir aber doch schon einmal davon gesprochen haben, so will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir die Geschichte erzählen." Mein Onkel schwieg einen Augenblick, ich rückte ihm etwas näher und blickte ihm erwartungsvoll in das Gesicht. Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, räusperte er sich und fing an: „Mein Vater war, wie Dir vielleicht bekannt sein wird, Jäger beim Baron V.» besten Gut in der Nähe des Dorfes Hohenkamm, das einige Stunden von hier entfernt ist, liegt. Die Waldungen, die zu dem Gute des Barons gehören, sind ziemlich groß und stoßen theilweise an die königlichen Forsten. Mein Vater hatte einen von den erwachsenen Söhnen seines Bruders als Gehilfen zu sich genommen, denn er wurde all- mählig alt und hinfällig und auf mich konnte er nicht rechnen, weil ich damals gerade die Forstschule besuchte. Vetter Kaspar, der neue Jagdgehilfe, war ein junger lustiger Bursche, zu allen tollen Streichen aufgelegt, aber sonst doch ein ordentlicher Mensch und, was die Hauptsache war, ein ausgezeichneter Schütze und guter Jäger. Kam ich in den Ferien nach Hause, dann begann ein lustiges Leben und Treiben, denn Vetter Kaspar und ich wurden bald die besten Freunde und wir waren fast stets beisammen. Wenn die Ferien zu Ende waren, nahm ich jedes Mal betrübt Abschied und lange noch dachte ich an die Heimath und das frische freie Leben draußen im Walde. So war ich denn wieder einmal nach Hause gekommen, hatte aber in der erstey Stunde schon zu meinem Schmerze bemerkt, daß während meiner Abwesenheit sich Vieles verändert hatte. Kaspar war ein ganz Anderer geworden; seine Lustigkeit war verschwunden und hatte einem unruhigen, hastigen, scheuen Wesen Platz gemacht. Sein Gesicht war bleich und in seinen Augen brannte ein düsteres Feuer. Auch war er wortkarg und verschlossen geworden, und so sehr ich auch in ihn drang und ihn bat, mir mitzutheilen, was ihm denn eigentlich fehle, er blieb stumm und gab keine Antwort auf meine Fragen. Von meinem Vater erfuhr ich aber, daß er eine Liebschaft mit der Tochter des Schullehrers, einem eitel», putzsüchtigen Mädchen angeknüpft und ihr auch schon öfters Geschenke gemacht habe. „Diese Liebschaft", sagte mein Vater kopfschüttelnd, „bringt ihn noch in's Verderben. Ich hab' ihm auch das gesagt, aber der Bursche ist verstockt und will nicht von ihr lasten. Von einer Heirath kann aber gar nicht die Rede sein, denn Beide haben keinen rothen Heller. Schlägt er sich aber das Mädel nicht aus dem Kopf, dann schick' ich ihn wieder heim zu seinem Vater, denn einen verliebten Jagd- Gehilfen kann ich nicht brauchen." Nach dem Abendessen nahm Kaspar seine Büchse von der Wand und fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten wolle. Ich erhob mich, nahm ebenfalls meine Flinte und wir schritten schweigend hinaus in den Wald. Als wir eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, wandte sich Kaspar zu mir und sagte: „Franz, hör' mich an! Ich muß bis morgen Abend dreißig Gulden haben und Du mußt mir helfen, daß ich sie bekomme. Willst Du das thun?" 406 Ich blieb erstaunt stehen und sah ihn an. „DaS ist viel Geld", antwortete ich. „Wo willst Du es denn herbekommen und was soll ich dabei thun?» „Ich muß das Geld haben, und wenn ich es stehlen sollte», stieß Kaspar hervor und seine Augen glühten. „Frage mich nicht weiter, ich könnte und dürfte Dir doch sonst nichts mehr sagen. Leihen wird mir das Geld Niemand, aber ich bekomme es dennoch, wenn Du mir beistehen willst.» „Gern", antwortete ich. Sag' mir nur, was ich thun soll.» „Drüben in den königlichen Forsten, nicht weit von der Grenze» stehen Hirsche», flüsterst« mein Vetter. „Wenn wir heut' Nacht einen schießen und ihn herüber schaffen könnten, dann wäre mir geholfen. Allein kann ich den Hirsch indeß nicht transportiren, hilfst Du mir aber dabei, dann geht es gewiß und wo wir ihn hinschaffen müssen, damit er uns abgenommen wird, weiß ich auch.» „Nein, nein, das ist zu gefährlich», rief ich erschrocken, „da könnten wir schön in Teufels Küche kommen I» „Dann bin ich verloren», sagte Kaspar tonlos. Ich befand mich wirklich in einer schlimmen Lage. Entweder gab ich nach und begleitete meinen Vetter, dann wurde ich Mitschuldiger eines Verbrechens, oder ich wies das Ansinnen zurück, nachher war mein Vetter ein verlorener Mann. Die Liebe zu ihm aber siegte endlich über alle meine Bedenklichkeiten und ich versprach, ihn bei seinem Unternehmen unterstützen zu wollen. Am andern Morgen, als sich noch kaum ein Heller Streifen im Osten zeigte, standen wir schon draußen im Walde und schlichen der Grenze und jener Gegend zu, wo sich nach Kaspar's Aussage das Hochwild aufhielt. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen, um zu lauschen und schlichen dann wieder vorsichtig auf kaum erkennbaren Pirschwegen weiter. Wir hatten jetzt die Grenze überschritten und die größte Vorsicht mußte deswegen angewandt werden. Im Osten wurde es auch schon immer Heller und Heller und bevor der Tag anbrach, mußten wir wieder zurück sein, entweder mit dem erlegten Hirsch, oder mit leeren Händen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, noch im letzten Augenblick gesehen und ergriffen zu werden. „Ich höre das Nudel», flüsterte mir da plötzlich mein Vetter zu und da wir gerade vor uns eine Waldlichtung hatten, — dieselbe, die Du da vor Dir siehst», unterbrach sich mein Onkel, indem er sich zu mir wandte, — „so konnte» wir das Wild, das ahnungslos über die Lichtung zog, ganz nahe zu uns heranlassen. Hinter einigen Büschen verborgen warteten wir, die Büchsen krampfhaft in den Händen haltend, auf das Näherkommen des Rudels, das aber plötzlich, hatte es nun von uns, oder von irgend etwas Anderem Witterung bekommen, stehen blieb und sich dann auf einmal seitwärts wandle. Mit einem halb unterdrückten Fluch sprang mein Vetter empor. «Jetzt brauchen wir uns nicht mehr verborgen zu halten», rief er mir zu, „wir müssen das Wild anspringen und uns dann auf unser gutes Glück verlassen, oder unser Pirschgang ist umsonst gewesen. Nimm Du jenen starken Hirsch auf's Korn, der dort, einige Schritte von dem Nudel entfernt, nachzieht, ich werde mir schon ein anderes Stück aussuchen und nun vorwärts!» Wir sprangen auf und schlichen uns, einzelne niedere Büsche und Baumstümpfe als Deckung benutzend, auf das Nudel zu und waren schon ziemlich nahe an dasselbe herangekommen, als es plötzlich, von panischem Schrecken ergriffen mit gewaltigen Sätzen dem nicht mehr fernen Dickicht zueilte. Fluchend richtete sich Kaspar aus seiner gebückten Stellung auf, riß die Büchse an die Wange und wollte abdrücken, aber in demselben Augenblick ließ er auch das Gewehr schon wieder sinken und faßte krampfhaft meinen Arm. Ich warf erschreckt einen Blick auf sei» Gesicht, es war furchtbar bleich und seine Augen starrten gerade aus, als sähen sie ein Gespenst. Jetzt hatte auch ich den Gegenstand erblickt, der ihm einen solchen Schrecken einiagte und das Blut wollte mir in den Adern erstarren, denn kaum dreißig 407 Schritte von uns entfernt, stand, die Büchse i»i Anschlag, ein Jäger hinter einer Tanne» der uns mit zornfunkelnden Blicken betrachtete. Wir waren allerdings in einer verzweifelten Lage, aber wir hatten trotzdem nicht die mindeste Lust, uns zu ergeben und da das Dickicht nicht gar zu weit entfernt war, machten mir verzweifelte Anstrengungen, um dasselbe wieder zu erreichen. Der Förster des fremden Revieres aber verstand durchaus keinen Spaß und kaum hatten wir einige Sprünge gemacht, als es auch schon krachte und die Kugel meinem Vetter den Hut vom Kopse riß. Jetzt galt es Leben gegen Leben und blitzschnell wandte sich mein Gefährte, riß die Büchse an die Wange und drückte ab. Ein furchtbarer Aufschrei vermischte sich mit dem Krachen der Büchse, der Förster ließ sein Gewehr fallen, breitete die Arme aus und stürzte vornüber auf das Gesicht. Entsetzt standen wir Beide einen Augenblick, dann aber rannten wir, wie von Furien gepeischt, in das Gebüsch und suchten unser Heil in der wildesten Flucht. „Entsetzlich", flüsterte ich, als mein Onkel, schwer athmend, einen Augenblick inne hielt. „Aber was wurde aus dem Erschossenen?" „Den fanden einige Minuten später Holzhauer, die nach ihren Arbeitsplätzen, welche sich in der Nähe befanden, gehen wollten und die Schüsse gehört hatten. Der Förster war noch nicht todt, als sie ihn fanden, sondern sogar noch vollkommen bei Besinnung und konnte auch den Männern den Name» seines Mörders, der ihm wohl bekannt war, nennen. Er hatte sich Moos in die Wunde gestopft und Pulver verschluckt, aber es war vergeblich, denn die Brust war durchschossen und auf dem Heimtransport verschied er. Die Holzhauer brachten nur mehr eine Leiche nach Hause." „Und wie erging es jenem unglücklichen junge» Mann, Deinem Vetter?" wandte ich mich aus's Neue an meinen Oheim. „Er wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurtheilt", sagte der alte Mann trübe, „und kam zum Weveldt nach München. Wir besuchten ihn einmal, mein Vater und ich, da stand er in Züchtlingskleidern, schwere Ketten mit Eisenkugeln an den Füssen, hinten inr Hofe des Gefängnisses, welchen er mit noch einigen anderen Sträflingen gerade rein kehren mußte. Er sah elend aus und mir wollte fast das Herz brechen bei seinem Anblick. Nach einigen Jahren jedoch wurde seine Haft eine leichtere; der Zuchthausdirektor Weveldt gewann ihn lieb und mein Vetter mußte ihn zuletzt überall hinbegleiten» wo Scheibenschießen abgehalten wurden, denn der Direktor hatte ihn sogar zu seinem Vüchsenspanner gemacht. Zehn Jahre vergingen auf diese Weise, da wurde er plötzlich, mit noch einigen anderen Sträflingen, die sich ebenfalls gut gehalten hatten, vom Könige nicht nur be« gnadigt, sondern er erhielt sogar, da sich Weveldt für ihn verwendete, in einem fernen Bezirke die Stelle eines königlichen ForstwarteS, die er dann lange Zeit mit Ehren bekleidet hatte. „Und was ist aus jener Lehrerstochter geworden?" fragte ich nach einer Pause, während wir uns erhoben, um den Heimweg anzutreten, denn es war unterdessen völlig Nacht geworden. „Die hatte den Unglücklichen bald vergessen, der so schrecklich für seine Thorheiten büßen mußte, die er doch nur ihretwegen begangen hatte", sagte mein Onkel. „Aber so sind die Weiber! Mein armer Vetter hat auch keine mehr angeschaut und ist sein ganzes Leben lang Junggeselle geblieben. Aus dem lustigen jungen Burschen aber wurde ein finsterer mürrischer Mann, der nur selten mehr gelacht hat. — So, jetzt weißt Du die Geschichte, die sich an jenes schwarze Kreuz dort drüben knüpft und jetzt wollen wir nach Hause gehen." Das thaten wir denn auch und als ich später daheim mein Lager aufsuchte, träumte ich die ganze Nacht von jenem schrecklichen Ereigniß und dem schwarzen Kreuze draußen im Walde. Mis-ell-n. (Eine Erinnerung an Ferdinand v. S chill.) Ein interessantes Dokument aus einer denkwürdigen Zeit kam in diesen Tagen durch einen ergötzlichen Zufall in Berlin zum Vorschein und wird nunmehr an betreffender Stelle unter Glas und Nahmen feierlich aufbewahrt. Das „Dtsch. Tgbl." berichtet darüber: Der Besitzer eines beliebten Restaurant in der Friedrichstraße, bekannt als eifriger Politiker, ist, wie seinen Gästen ebenfalls nicht unbekannt ist, ein geschworener Feind der Franzosen im allgemeinen und der Napoleoniden insbesondere, und namentlich gilt ihm Napoleon I. als Erzfeind und nichtswürdigster Verderb« Deutschlands. Nun erwähnte vor einigen Tagen ein etwas «unsicherer" Gast, er sei im Besitze einer höchst interessanten Urkunde aus jener Zeit des ersten Napoleon, die einst dem Verhaßten nicht wenig Spott und Schande eingetragen haben mochte: nämlich eines alten vergilbten Zeitungsblattes des früher in Köslin herausgegebenen „Pomiiierischen Volksbl.", welches die betr. Geschichte seinen damaligen Lesern erzählte. Aufgefordert, daS interessante Blatt zur Stelle zu schaffen, warf der Besitzer desselben im Scherz die Frage auf: „Was bekomme ich dafür?" „Ich streiche Ihre Zeche, wenn Sie mir das Blatt geben!" rief im ersten Feuer der Wirth. Das willkommene Wort wurde von dem „unsicheren" Gast feierlich acceptirt, das Zeitungsblatt ward gebracht und wanderte in die Hände des beglückten Wirths. Dieser hängte es Hum ewigen Angedenken unter Glas und Nahmen am Ehrenplätze auf, und so ist jene interessante Erinnerung zu erneuter, weiterer Kenntniß gelangt. Der betreff. Zeitungsartikel erzählt, wie Ferdinand v. Schill vor her Belagerung von Kolberg von den Franzosen 4 prachtvolle schöne Pferde erbeutet hatte, welche für den Kaiser Napoleon eigens bestimmt waren. Napoleon bot ihm schriftlich pro Pferd 1000 Thlr. Vergütung, adres- firte aber den Brief „An den Räuberhauptmann Schill." Der wackere Major antwortete; „Mein Herr Bruder! Daß ich Ihnen 4 Pferde genommen, macht mir um so mehr Vergnügen, da ich aus Ihrem Briefe ersehe, daß Sie einen hohen Werth darauf setzen. Gegen die angebotenen 4000 Thlr. kann ich sie nicht zurückgeben. Wollen Sie aber die 4 Pferde, welche Sie vom Brandenburger Thor in Berlin weggestohlen haben zurückgeben, so stehen die Ihrigen unentgeltlich zu Diensten. Schill." (Amerikanisches.) Vor Kurzem wurde ein schon oft bestrafter Gewohnheits- fäufer wegen Wiederholung der alten Vergehen vor die Behörde gebracht» „In was für einem bestialischen Zustande ist er wieder betroffen worden?" redete ihn der Vorsitzende an. „Hoher Gerichtshof seien Sie nicht so strenge mit mir, diesmal habe ich einen guten Grund. Ich gehöre zum Mäßigkeitsverein," war die Antwort. — „Das ist ja eine eigenthümliche Ausrede." — „Ganz und gar nicht, sie haben mich engagirt, um als schlechtes Beispiel zu dienen." (Die gute Rede.) Lysias, ein alter griechischer Redner, gab einem Bürger, dessen Sache er vor dem Gerichtshof in Athen vertheidigen sollte, die aufgesetzte Rede vorher zu lesen. Der Client durchflog den Inhalt, that es nocheinmal, ja zum dritten Male, und sagte dann zum Anwalt: „Das erste Mal, da ich Deine Rede las, fand ich sie gut, das zweite Mal mittelmäßig und das dritte Mal schlecht." Ungesäumt entschied Lysias: „So wird sie gut sein, denn ein Mal will ich sie nur halten." (Die tröstliche W e st e n t a s ch e.) Muhme: „Aber Jaköbili, Du wirscht doch den Guide nit verlaura habe? Dei Mutta reißt Dir ja d' Ohrli vom Kopf." — Jakob: „Ja Muhme, i ha schon überall g'sucht, in alle Tascha, aba nix kann i finda." — Muhme: „Au scho im Westatäschli?" — Jakob: „Nei, da mag i net sucha, denn wenn er da nit drinne ischt, dann hab'n i ganz g'wiß verlaura." (Mitgefühl.) Dame (im zoologischen Garten zu ihren Töchtern): „Diesem armen Elephanten ist es wahrscheinlich auch nicht an der Wiege gesungen worden, daß er ^einst genöthigt sein würde, mit Kunststücken sein tägliches Brod zu verdienen!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max.Huttler. Nr. 52. 1883. zur ^Augsburger Pojheilnug." Samstag, 30. Juni Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Die drei Damen begaben sich nach dem links vom Schlosse liegenden Gutshof, rvo vor ihnen das geräumige Haus des Verwalters Bergmann lag. Da die Leute im Feld waren, herrschte überall Ruhe, und nur das reichlich vorhandene Federvieh machte, sich durch die verschiedenartigsten Töne bemerkbar. Thusnelda machte auch hier wieder die Führerin, und nannte den Zweck eines jeden Gebäudes, bis sie sich plötzlich von Anna's Arm losriß, denn aus einer der Scheunen trat ein älterer Mann, welchem sie mit dem lebhaften Ausruf: »Da ist schon Herr Bergmann!" entgegen lief, während Sophie und Anna langsamer folgten. . Letzterer blieb dadurch Zeit genug sich zu fassen, um dem Freunde ihres Großvaters, wie verstorbenen Vaters ruhig entgegen zu treten. Sie sahen die gegenseitige Begrüßung, und wie herzlich er Thusnelda beide Hände schüttelte, dann lebhaft mit ihr sprach, und ihr endlich zu ihnen folgte. Als sie sich gegenseitig erreicht, begrüßte er auch sie mit schlichter Freundlichkeit, und setzte hinzu: »Ich habe von unserem gnädigen Fräulein gehört, daß die Damen sich hier umsehen wollen. Lassen Sie sich nicht stören, doch entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht begleiten kann, da ich sogleich zu den Leuten reiten muß!" »Arbeiten Sie denn weit von hier?" fragte Thusnelda voll Interesse. »Ja, gnädiges Fräulein, fast eine Stunde. Sie hätten sonst wohl Lust einmal wieder auf dem Erntewagen zu fahren l" entgegnete mit gutmüthigem Lächeln der Verwalter. Eingedenk früherer Zeiten erröthete das gnädige Fräulein leicht, während Sophie und Anna ebenfalls lächelten und Erster« sagte: „Lassen Sie sich durch uns nicht aufhalten, Herr Bergmann, Fräulein Thusnelda wird uns schon führen. Sie hat dies bereits im Garten gethan —" „Es sind schöne alte Bäume darin", antwortete der Verwalter, »sonst bietet er nichts Besonderes. Der Herr Landkammerrath ist nicht für Veränderungen!" Sein Blick streifte dabei Anna, die auch ihn aufmerksam angesehen, und schon im Begriff sein Auge abzuwenden, ließ er es noch einen Moment länger auf ihrem Gesicht haften, während sie so ruhig wie möglich sagte: »Mir hat der Garten mit seinen prächtigen Bäumen und Alleen seyr gefallen, und meinem Geschmack nach könnte es bei Schloß Bodenwald kaum anders sein!" „Da mö'gen Sie recht haben, mein Fräulein, denn das Alte schickt sich am besten zum Alten, das gilt nicht allein von den Menschen, sondern auch von ihrer Umgebung", entgegnete der Vermalter sie unverwandt betrachtend« Aber, um Vergebung, Sie sind wohl die Freundin, welche unser gnädiges Fräulein in H. kennen gelernt —" „Wir haben uns allerdings in H. im Hause der Frau Doktor Dörner getroffen" entgegnete Anna, ward aber durch Thusnelda unterbrochen, welche auf Sophie deutend sagte: „Und diese Dame, Herr Bergmann, ist meine Erzieherin, Fräulein Sophie Dörner. Wir werden hier lange bleiben, so lange wenigstens, bis der Professor, der mein Arzt ist, von der Reise kommt!" Ein leises Lächeln und der Ausdruck inniger Theilnahme überflog das weiter« gebräunte Gesicht des Verwalters, der freundlich erwiderte: „Da benutzen Sie nur Ihren Aufenthalt bei uns, gnädiges Fräulein, damit die frische Luft Sie für den Winter kräftigt und stärkt! — Machen Sie auch mit den Damen die hübschen Fahrten in die Berge, Herr Großpapa hat schon befohlen, daß die Pferde jederzeit bereit stehen sollen!" Jetzt ward das Pferd des Verwalters herbeigebracht, und nochmals Anna mit prüfendem Blick betrachtend, verabschiedete er sich zugleich um es zu besteigen, und ritt, seinen Hut ziehend zum Thor hinaus, während sie auf Thusnelden's besonderen Wunsch, dem Hause zugingen, in dessen Thür schon Frau Bergmann stand. Sie hatte die Unterhaltung ihres Mannes mit den Damen, die, wie sie wußte, am Abend zuvor angekommen waren, gesehen, und wollte sie nun ebenfalls begrüßen und kennen lernen. Als sie näher kam, eilte Thusnelda in ihre Arme und ward von ihr voll Zärtlichkeit an die Brust geschlossen, darauf wurden Sophie und Anna vorgestellt. „Es wird gewiß den Damen hier still und einsam werden", sagte Frau Bergmann im Laufe des nun folgenden Gesprächs, „zumal der Herr Landkammerrath wieder so leidend ist. Aber unsere Gegend ist schön und die Berge sind nicht weit." „Wir wollen recht bald ausführen, Frau Bergmann", entschied das kleine Fräulein, und wenn Sie Lust dazu haben, so begleiten Sie uns!" „Das wird mir eine große Freude sein, gnädiges Fräulein", entgegnete sie mit einem lächelnden Blick auf Sophie, die sie als Erzieherin nennen gehört hatte. Von dieser aber ivandten sich ihre Augen auf Anna, und gleich denen ihres Mannes blieben sie einen Moment länger als erforderlich auf ihren Zügen ruhen, wandten sich dann ab, kehrten aber nochmls zu ihnen zurück, indeß sie langsam und wie einen andere» Gedanken verfolgend, fortfuhr: „Gelernt und gearbeitet wird hier wohl nicht —" „Gewiß, Frau Bergmann", versetzte etwas weniger lebhaft das kleine Fräulein, und ihre Lehrerin fügte hinzu: „Wir beschäftigen uns auch hier jeden Tag, damit Fräulein Thusnelda in Uebung bleibt!" „Das ist sehr richtig, Fräulein Dörner", antwortete die Verwalterin. Der Mensch kann nie zu viel lernen und unser gnädiges Fräulein ist noch jung." Jetzt ward ihr Haus, wie das Innere der Treibhäuser, wo die herrlichsten Gewächse und edle, reife Früchte in reichlichem Maß vorhanden waren, besichtigt, doch richteten sich Frau Bergmann's Augen immer wieder auf Anna, welche anscheinend unbefangen sich unterhielt, dennoch dies gewahrte, und überzeugt war, daß, gleich ihren Manne mit kräftigeren Augen als der Gutsherr versehen, sie wie Jener die Familienähnlichkeit entdeckt hatte. Endlich gingen sie in's Schloß zurück, wo Sophie Dörner und Thusnelda sich einige Stunden beschäftigten, Anna aber einen Brief an ihren Großvater zu schreiben begann, in welchem sie ihm ihre Reise, wie ihre Ankunft und Erlebnisse in Bodenwald schilderte. Als zur Mittagszeit der Verwalter Bergmann nach Hause kam, fragte er seien Gattin, mit einem forschenden Blick betrachtend: „Nun, Frau, die Damen vom Schlosse sind auch wohl hier gewesen — —" „Und was sagst Du zu ihnen?" unterbrach Ersterer fast ungeduldig. „Fräulein Thusnelda scheint mir dieselbe zu sein, und nützen ihr wohl alle Pro- 411 schoren der Welt nichts. Sie ist wohl in Fräulein Dorner's Händen sicher aufbewahrt und diese gewiß ebenso liebevoll wie verständig-" „Und was meinst Du zu dem Fräulein Herfeld?" fragte Bergmann noch un, geduldiger als vorher. „Das Fräulein gefällt mir ganz ausnehmend, und ich glaube laum, daß man «in schöneres Mädchen sehen kann!" entgegnete lebhaft und ihrerseits mit einem forschenden Blick seine Gattin. „Frau", sprach jetzt der Verwalter in leiserem Ton, „ist Drr an dem Fräulein Hrrfeld nichts aufgefallen? — Erinnert nicht ihr Gesicht-" „Ja, Bergmann", antwortete ernst und mit Nachdruck seine Frau, „sie hat «ine unverkennbare Ähnlichkeit mit den Bodenwald'S — —" „Das meine ich auch-„ „Dasselbe Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase! — Es soll mich nur wundern, ob der Landkammerrath dies nicht auch bald sehen wird!" „So lange er den Schirm und die blaue Brille trägt wohl nicht", meinte nachdenklich der Verwalter. „Es kann ja auch nur eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn ich glaube nicht, daß der alte Kohring seine Enkelin heimlich und unter anderem Namen zu ihrem Großvater gehen lassen würde, nachdem er so viele Jahre keine Nachricht von sich gegeben —" „Der Ansicht bin ich auch, doch könnte Kohring darin gesehen haben, daß Anna Thusnelda von Bodenwald als Anna Herfeld von ihrem Großvater veranlaßt worden ist hierher zu kommen", entgegnete ebenso nachdenklich Frau Bergmann. „Das wird nicht lange unentschieden bleiben", sprach lebhafter der Verwalter, „laß nur erst den Landkammerrath das Familiengesicht sehen! — Eins aber möchte ich wissen!" „Und das wäre?" fragte seine Gattin. „Ob, falls wirklich Anna Herfeld die Enkelin des alten Kohring ist, dieser sie mit ihrem wahren Namen und ihren Familienverhältnissen bekannt gemacht hat!" Wer weiß, er könnte dazu wohl besondere Gründe gehabt haben — —" „Wie dem auch sei, Frau", sprach nach kurzer Pause Bergmann, „laß uns über unsere Entdeckung, namentlich dem Landkammerrath gegenüber schweigen. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar genug, und vielleicht gehen wir gar unerwarteten Ereignissen entgegen, doch sind wir schließlich an der Sache nicht eigentlich behelligt, und in Bezug auf seine Familienangelegenheiten ist er derselbe wie er immer gewesen!" Der Landkammerrath konnte an der Mittagstafel nicht erscheinen, denn ein neuer Gichtanfall, verbunden mit heftigen Schmerzen, hinderte ihn das Bett zu verlassen, doch ließ er seinen Gästen die Hoffnung auSsprechcn, den Abend mit ihnen zu verleben. Seine Enkelin durste um ihn sein, und wie sie sagte, ihn pflegen, den andern Damen ließ er durch sie anzeigen, daß er nach dein Mittagessen, welches altem Brauch gemäß um drei Uhr eingenommen ward, den Wagen bestellt habe, und sie ersuche, diesen zu benutzen, und eine Spazierfahrt zu unternehmen. Seinen, Wunsch ward Folge geleistet, Sophie Dörner, Anna und Thusnelda fuhren durch Gut Bodenwald, wo sie auf verschiedenen Feldern Knechte, Mägde und Taglöhner an der Arbeit beschäftigt sahen, vie Thusnelda lebhaft begrüßte. Bei einem Kreuzweg ankommend, der zur einen Seite tiefer in die Berge führte sagte Thusnelda nach dieser Richtung deutend: . „Dies ist der Weg nach dem Buchenhof, sollen wir nicht noch heute dort hinfahren?" „Es wird zu weit sein", meinte Anna, die dessenungeachtet keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als die Stätte zu sehen, wo sie geboren worden, und ihre Eltern gelebt und gewirkt hatten. Da sie sich im offenen Wagen befanden, hatte der Kutscher diese Bemerkung gehört und sagte: „Es sind fast zwei Stunden ors zum Buchenhof. Wir müssen früh am Morgen fahren, dann läßt sich der Weg bis zur Mittagszeit schon zweimal machen!" 412 »Das wollen wir sehr bald thun, Georg", entschied Thusnelda, „ich will schon heute oder morgen mit Großpapa darüber sprechen!" „Ist es auf dem Buchenhof besonders schön?" fragte ihre Erzieherin. „Nein", antwortete schnell der Zögling, „ich mag die vielen hohen Bäume nicht,' die um das Haus herum stehen, das so dunkel und kalt ist —" „Es könnte auf dem Buchenhof schön genug sein", antwortete Georg, „wenn dort nur eine Familie wohnte, die das Haus und die Umgebung freundlich hielt. Früher soll es anders gewesen sein, da hat einer der Söhne des Herrn Landkammerrath's das Gut gehabt." „Ja, mein Onkel Ludwig, der früh gestorben ist!" unterbrach ihn Thusnelda. Den Namen ihres Vaters nennen hörend klopfte Anna's Herz schon lauter, zugleich fürchtete sie weitere Fragen und Erklärungen. Zu ihrer Erleichterung kam Bergmann herangeritten, der an ihrem Wagen haltend ein Gespräch mit ihnen begann, und ihnen einen in der Nähe befindlichen, leicht zu ersteigenden Berg bezeichnete, der nach mehreren Richtungen hin frei lag, so daß sie den Sonnenuntergang ungehindert beobachten konnten. Da ein schöner Sommerabend bevorstand, rieth Bergmann ihnen an, den Berg zu besuchen, und dem Kutscher den Weg angebend entfernte er sich grüßend, ohne Anna, tvas ihr nicht entging, wie am Morgen betrachtet zu haben. — In dem hellerleuchteten Wohnzimmer saß der Landkammerrath, so weit es seine Augen zuließen, mit den Zeitungen beschäftigt, deren täglich mehrere ankamen. Er erwartete mit einiger Ungeduld seine Gäste und Enkelin, die, obgleich es halb siebe» geschlagen, von der von ihm angeordneten Fahrt noch nicht zurückgekehrt waren. Endlich hörte er den Wagen kommen und halten und nach einer Weile traten die Erwarteten ein. Thusnelda begrüßte ihn lebhaft und mit großer Zärtlichkeit, Sophie Dörner und Anna wurden mit freundlicher Höflichkeit von ihm empfangen, und als sie, nachdem sie ebenfalls am Tische Platz genommen, sich nach seinem Befinden erkundigten und die schmerzhaften Anfälle beklagten, denen er so oft ausgesetzt war, erwiderte er mit einer ruhigen Ergebung, die Anna tief rührte: „Diese Schmerzen bringen meine Leiden mit sich, ich bin während der langen Jahre daran gewöhnt. Eine große Freude ist es mir, daß nach und nach meine Augen mir wieder das Lesen gestatten, denn es hat Zeiten gegeben, wo der Verwalter, oder auch August mir die Blätter vorgelesen!" Anna konnte sich des innigen Mitgefühls mit ihm nicht enthalten, und stellte sich zugleich ihren Großvater Kohring in seiner Rüstigkeit und Thätigkeit vor, und ein schwerer Seufzer entquoll ihrer Brust. Dem Schloßherrn entging er nicht, und durch seine blaue Brille zu ihr aufblickend, sagte er in freundlichem Ton: „Nicht wahr, mein Fräulein, davon können Sie in Ihrem Alter sich keine Vorstellung machen? — Nein, in der Jugend denkt und ahnt man nicht, wie viele Leiden und Entbehrungen das Alter mit sich bringt, zumal wenn man es allein, ganz allein verleben muß!" Er hatte diese Worte mit tiefer Empfindung gesprochen, und durch das Herz der Enkelin zuckte ein schmerzliches Weh, das ihre Züge wiederspiegelten. Der Landkammer- vath, welcher sie mit wachsendem Interesse betrachtete, ohne jedoch ihr Gesicht genau unterscheiden zu können, fuhr fort, während Thusnelda, ungeduldig über dies Gespräch, eine Handarbeit aufgenommen. „Haben Sie zu Hause noch Geschwister oder Verwandte, oder ist auch Ihr Herr Großvater, bei dem Sie, wie ich gehört, nach dem Tode ihrer Eltern gewesen, allein?" „Meine Tante ist im Hause meines Großvaters, Geschwister habe ich nie besessen", entgegnete Anna mit fester Stimme. „Mein Großvater aber ist gesund und rüstig —" „So danken Sie Gott für seine Gesundheit, ich aber wünsche, daß sie ihm noch lange, lange erhalten bleiben möge!" ^ „Ich werde ihm dies schreiben, Herr von Bodenwald", entgegnete Anna mit unverkennbarer Erregung. 413 „Sie lieben Ihren Großvater wohl sehr?" fuhr, diese gewahrend, der Landkammerrath fort. „Seit meiner frühesten Kindheit habe ich nur ihn und meine Tante gekannt und bin stets der Gegenstand seiner Liebe und Sorge gewesen!" Fräulein Thusnelda hatte zur Handarbeit nie lange Ausdauer; auch jetzt ließ sie dieselbe bald ruhen und unterbrach rechtzeitig das Gespräch, das vielleicht noch zu Aufklärungen geführt, indem sie zu ihrem Großvater tretend, sagte: „Großpapa, morgen will ich Sophie und Anna das ganze Schloß zeigen!" „Thue das, Thusnelda", antwortete der Landkammerrath, den Blick langsam von Anna abwendend, für die er eine ihm unerklärliche, aber schnell steigende Zuneigung empfand. „Wo aber willst Du den Ansang machen?" „Mit Großmama's Zimmer, wo die vielen schönen Sachen sind, die sie aus Italien mitgebracht und mir gehören, nicht wahr, Großpapa?" „Ja, mein Kind", erwiderte langsam der Schloßherr seiner Enkelin. „Ich bin Großmama's einzige Enkelin und Erbin, sagen die Leute", fuhr mit einigem Selbstgefühl das schwachsinnige junge Mädchen fort. Eine momentane Pause folgte, dann erwiderte der Landkammerrath in verändertem Ton: „Welche Leute, Thusnelda?" Die hiesigen, Großpapa, in H. habe ich nie darüber gesprochen", lautete die schnelle Antwort. „Ich denke auch", fuhr der Landkammerrath mit merklichem Nachdruck fort, „daß nachgerade Du zu vernünftig bist, um dergleichen mit den Leuten zu besprechen!" eine Erwiderung, die Sophie Dörner sich merkte, und sich vornahm, ihren Zögling nicht außer Acht zu lassen. „Meine Damen", wandte er sich dann an Sophie und Anna, „lassen Sie sich nach Belieben das Schloß zeigen, es thut mir leid, Sie nicht begleiten zu können, doch kann dies statt meiner auch Thusnelda. Sie werden zwar keine Kunstschätze finden, doch Mancherlei von Werth für eine alte Familie!" „Wir werden von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machen, Herr Landkammert rath", entgegnete Sophie Dörner, und auf die Zeitungen blickend, die theilweise unberühr- lagen, fügte sie hinzu: „Stören wir aber jetzt nicht in Ihrer gewohnten Abendunterhaltung?" „Keineswegs, mein Fräulein, ich werde später lesen. Der Schlaf pflegt sich erst spät bei mir einzustellen, und oftmals schließe ich kaum auf einige Stunden die Augen!" (Fortsetzung folgt.) Empfindsame Briefe aus BrNckenau. Von Carl Felix. 1. Brief. Ich mußte in der Schule einmal einen Aufsatz machen über die Nützlichkeit des Eisens. Ich zerbrach mir den Kopf, zu was wohl das Eisen gebraucht werden könne, von seiner rohen Gestalt an bis zu den feinsten Erzeugnissen der Kunst und Industrie und glaube, meine Aufgabe befriedigend gelöst zu haben, denn ich bekam nicht nur Note I, sondern sogar eine Extrabelobung meines Professors. Und doch hatte ich eine Eigenschaft des Eisens vergessen, eine Eigenschaft, die vielleicht wichtiger und segcnspendender ist, als alle andern von mir ausgezählten zusammengenommen : seine blutbildende Kraft. Ich ahnte damals noch nicht, daß das Eisen ein unentbehrlicher Bestandtheil des Blutes sei, daß der Mensch, um gesund zu sein, täglich circa V»» Gramm dieses Metalls verzehren müsse, und daß der Mangel einer an und für sich verschwindend kleineren Portion eine Störung im Blut- und Ncrvenleben verursachen könne, ja daß ein paar Gran Eisen mehr oder weniger in den Adern die Ursache sein können, warum der Eine hypersentimental, der Andere das Gegentheil ist! — Von jeher war ich eine etwas exzentrisch angelegte Natur und ließ meiner Phantasie stets freien Spielraum; es ist deshalb nicht zum wundern, wenn meine spätere Erkenntniß von der Nützlichkeit des Eisens für den menschlichen Körper in meinem Geiste mitunter wunderliche und exzentrische Blüthen trieb. So bildete ich mir z. B. ein, es wachse mir nur deshalb so lang kein anständiger Bart, weil ich innerlich zu wenig Eisen habe, wenn ich auch von außen mein Kinn fleißig mit den: Rasirmesser bearbeitete 414 und eines Tages träumte ich mich, obwohl sonst ei» ganz friedliebender Mensch, in die Zeiten eine-, Nero und Caligula zurück und rechnete aus, wie viel Christen umgebracht werden müßten, um aus dem Eisengehalt ihres Blutes eiu ordentliches Schwert zu machen I Gut, daß Nero und Caligula noch keine Idee von diesen Dingen hatten, sie würden sonst eine ganze Arme« mit Schwertern aus Christen- blutcisen bewaffnet haben. Die Jahre schwanden; ich wurde größer und vernünftiger, wurde Gatte und Vater und hatte keine so mörderischen Ideen mehr; meine Phantasie lenkte in andere Bahnen ein. Mit den zunehmenden Jahren und dem zunehmende» Embonpoint aber verschwand die Sorglosigkeit der Jugend, allerlei Gebrechen, theils wahre theils eingebildete, stellten sich ein und als ich eines Tages meinen Hausarzt consultirte, sagte er ganz ernsthast: „Sie sind blutarm und nervenschwach, mein Lieber, und müssen in ein Stahlbad; am besten wird sllr Sie Brückcnau sein!" Ich machte ein bedenkliches Gesicht, denn bisher mußte ich noch nie in ein Bad, und aus der Ordinirung einer Badekur folgerte ich eine ganze Reihe bekannter und unbekannter Leiden. Ich war nur über das Eine froh, daß er mich nicht nach Neichenhall oder Merau schickte, denn in diesem Fall Hütte ich sicher zuerst mein Testament gemacht, wenn ich auch nicht viel zu tcstirc» habe! Es galt nunmehr bloß einzupacken und abzureisen. Ich hatte mich zwar anfänglich leicht in den Gedanken hineingelebt, einmal eine dreiwöchentliche Badekur durchzumachen, je näher aber der Tag der Abreise daherkam, um so schwerer wurde es mir um's Herz. Bisher hatte ich mein liebes Weib noch nie allein zurückgelassen, — diesmal mußte es aus verschiedenen Gründen sein, und wenn ich an den Abschied dachte, mußte ich alle meine Kraft zusammennehmen, um nicht zu weine»! Das kommt nur davon her, weil ich ein paar Gran Eisen zu wenig in meinem Blute habe! — Verwünschtes Eisen! — Als es an's Abschiednehmeu ging, wollte die Rührung kein Ende nehme»; es war nicht, als ob ich blos nach Brückenau, sondern als ob ich direct in's Jenseits abfahren wollte. Alle meine Bekannten und Verwandten, — lauter, wie es scheint, hypcrscntimentale Naturen, — drückten mir zitternd die Hand und weinten helle Thränen. „Nimm Dich ja recht in Acht, Felix, schone Deine Gesundheit, damit Dir Nichts passirt und Du glücklich wieder heimkommst", hieß es im Chorus. Mein liebes Weib war sehr gefaßt, aber ich merkte wohl, daß es nur mit Mühe eine äußere Ruhe zur Schau trug und dies that mir weher, als wenn es gleich den Andern sentimental gestimmt gewesen wäre. Am standhaftesten war jedenfalls meine Schwiegermutter, aber die ist eben eine durch und durch gesunde Frau und bat mindestens ein Pfund Eisen m ihrem Blute! 2. Bries. Am Morgen des 8. Juni fuhr ich ab. Lebewohl, geliebte Vaterstadt, — lebt ivohl, ihr Theure» Alle, die ich in derselben zurücklassen muß! Aus ein glückliches Wiedersehen!- Noch ein Schwenken des Hutes, — noch ein Blick auf die Thürme der Stadt, — dann hinaus, hinaus in die eben erwachende Morgenlandschast! — Meine Reise ging über Ansbach, Würzbura, Gemüiiden nach Jossa, wo die ersten einschmeichelnden „Na nu", meine Ohren ergötzten. — In Jossa erwartete mich ein feiner Landauer der Herren Zier und Wähler vom Bad Brückenau. Es war ein wundervoller Tag und die Fahrt in einer offenen Equipage durch die schöne Gegend bot eine reizende Abwechslung nach der langen Eisenbahnfahrt. Behaglich lehnte ich mich wie ein Lord in die Ecke des Wagens. Bei einer Biegung des Weges stand ein armer, zerlumpter Mann- Er grüßte mich so ehrerbietig, als ob ich der König von Bayern wäre. Obgleich er mich nicht anbettelte, merkte ich doch, daß dem guten Manne eine Gabe recht willkommen sei und ließ den Kutscher halten. „Wie geht's Euch, lieber Mann?" redete ich ihn mit dem sreundlichsten Ton, dessen meine Stimme fähig ist, an. „O, Herr, wie wird's einem alten, gebrechlichen Mann gehen? Immer noch ein bische» zu gut zum Sterben, aber viel zu schlecht zum Leben! Sie glauben wohl, Herr, ich sei schon recht, recht alt, weil ich so gebrechlich ausschaue, aber nur das Unglück hat mich so heruntergebracht." „Was ist Euch denn passirt, guter Man»? Erzählt mir kurz Eure Geschichte, — ich intcresfire mich dafür." „O Herr, was soll ich Ihnen erzählen, — ich kann nicht so mit der Sprache umgehen, ich versteht nicht, mit vornehmen Leuten zu reden. Und die vornehmen Leute wollen ja doch Nichts von Unsereins wissen, — die denken an andere Dinge." „Nicht Alle, mein Lieber, es gibt schon noch Einige, die ein Herz haben für ihre Nebenmenschen. Sagt mir also, was Eiich passirt ist." „Sie sind ein freundlicher Herr. Es sind aber nicht alle Fremden, die hierher kommen, so. Ich bettle ja Keine» an, weil ich gar nicht betteln kann und so lang es geht mir mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will. Ich bin nur srenndlich gegen Jedermann, weil man mich das von Jugend aus gelehrt hat und grüße Jeden, der mir begegnet. Da meinen denn Viele, ich wolle sie anbetteln, wenn ich den Hut herunterthue und schauen mich stolz an; das thut mir weh, wenn ich auch nur ein' armer Mann bin^ denn ich meine, einen, artigen. Gruß könnte Jeder erwidern, wenn er auch noch io vornehm ist. Der alte König Ludwig, — Gott hab' ihn selig! — war gewiß ein vornehmer Herr, aber der war leutselig, der hat mir, wenn er hieher. gekommen ist, und er war ost und gern hier in der Gegend, jedesmal auf die Schulter geklopft, und gesagt: «Nun, wie geht's Euch denn, Aller?" obgleich ich damals noch nicht alt war, und hat mir dabei ein Geldstück in die Hand gedrückt. Gott hab' ihn selig! — Später ging's mir schlecht. Es fiel mir das Heiraten ein. Ich lebte zwar recht glücklich und zufrieden init meiner Frau, aber nach dem dritten Kind wurde sie elend und krank und siechte dahin. Der Doktor meinte, eine Luftveränderung würde ihr gut thun, sie solle einige Zeit in ein wärmeres Klima, aber, Du mein Gott, wie hätten wir das thun können! Ein solches Opfer konnten wir nicht bringen, ein armer Holzfäller kaun seine Frau nicht anderswohin schicken! Ja, wenn der gute König Ludwig noch gelebt hätte, dann wäre Alles anders gekommen! Ich war bisher trotz meiner bescheidenen Verhältnisse glücklich und zufrieden, — jetzt trat bei mir ein Gefühl der Bitterkeit und Unzufriedenheit ein, ich beneidete diejenigen, die es vermochten, hieher zu reifen und sich, wenn auch für theures Geld, ihre Gesundheit zu erkaufen. Man sagt wohl immer, die Gesundheit sei mehr werth als der Reichthum, vielleicht ist'S auch wahr. Was thut denn aber der arme Tcufel, wenn er krank ist? Der Reiche kaun sein Leben manchmal noch fristen, wenn er in ein Bad oder sonstwohin reist, — der arme Teufel muß aber, so lauge er nur ein Glied rühren kann, Tag für Tag der Arbeit nachgehen, um fei» Brod zu verdienen, — der darf auf seine Gesundheit nicht acht geben, und gerade ihm ist sie am unentbehrlichsten! — Ich will Sie nicht zu lang aushalten, lieber Herr, ich habe auch nimmer viel zu sagen. Mein gutes Weib starb und kurze Zeit darauf traf mich ein Unglück, das mich unfähig machte, meine gewohnte Arbeit weiter zu verrichten. Ich konnte nur mehr einen Steinklopfer machen und hatte zu Hause drei kleine Kinder zu ernähren. Nun, meine Kinder sind jetzt so groß geworden, daß sie sich was Ordentliches verdienen könnten, wenn ich sie etwas Tüchtiges Hütte lernen lassen können, aber so geht's halt schwer! Ich will ihnen nicht auch noch zur Last fallen und da muß ich halt sortarbeiten, wenn's mir auch manchmal recht sauer wird. Nun, lang wird's nimmer dauern und wenn ich gestorben bin, dann wird sich der liebe Herrgott meiner schon erbarmen; ich glaube nicht, daß es im Himmel einen Unterschied zwischen reichen Leuten und armen Steinklopfern gibt!" „Gewiß nicht, guter Alter", erwiderte ich, „wer seine Schuldigkeit hier gethan hat, wird die Krone des Sieges empfangen und der arme, brave Taglöhnex, der immer rechtschaffen und thätig gelebt hat, kann, wenn er einmal aus's Sterbebett kommt, mit viel mehr Beruhigung und Freude aus sein kümmerliches Leben zurückblicken, als der vornehme Tagedieb, der nicht weiß, wie er die Stunden todtschlagen soll!" Es überkam mich eine ganz unendliche weiche Stimmung, — ich schämte mich fast, in einer noblen Equipage zu sitzen und drei Wochen lang auch so ein Tagedieb zu sein, während hundert und tausend Andere in Noth und Elend schmachteten. Ich reichte dem guten Alten ein Geldstück, ohne lange zu schauen, was es war, und fuhr weiter. „Gott segne Sie, lieber Herr", rief er mir nach, „Gott segne Sie tausendfach, und lasse Ihnen, wenn Sie krank sind, das Bad Brücken»» gut anschlagen!" „Danke, danke", rief ich zurück und winkle dem Kutscher schneller zu fahren, denn es hatten sich während der letzten Worte mehrere Leute nur uns versammelt und horchten neugierig zu. Wären mir heute viel solche arme Leute begegnet, dann hätte ich meinen ganzen Geldbeutel geleert, eh' ich Brückenau erreichte, so weich war ich gestimmt! — O meine Nerven, mein eifenarmes Blut! — — 3. Brief. Jetzt bin ich da! Ich athme die würzige Luft dieser himmlischen Wälder, in denen so viele traute Plätzchen unter riesigen Buchen und tausendjährigen Eichen sind, trinke auch fleißig das Stahl- wasser, welches nicht wie andere Eiscnmassen nach Tinte schmeckt, sondern feines großen Kohlensäure- gehaltes wegen, recht angenehm und erfrischend ist und begreife, warum für Viele Brückenau so große Anziehungskrast besitzt, daß sie es immer und immer wieder besuchen. Hier wirkt die Natur in ihrer vollen Reinheit und Frische belebend und kräftigend und versöhnend auf Geist und Gemüth. In diesen prächtigen Wäldern kann man stundenlang sitzen und träumen, ein Hauch des Friedens weht durch dieselben, der dem kranken Gemüth Balsam, dem verwundeten Herzen Trost verleiht. Ferne sind die künstlichen Reizmittel, welche in Lnxusbädcrn angewendet werden, um den kranken Körper und die kranke Seele über die Leiden der Gegenwart auf Augenblicke zu täuschen und die doch nur einen physischen oder moralischen Katzenjammer hinterlassen; hier ist es die Natur in ihrer Jungfräulichkeit, die iedem empfänglichen Gemüthe den Weihekuß gibt. O du herrliche, himmlische, einzige Natur! In deine» Armen wird der Mensch zum Menschen, — so lange er dich mit Liebe umfaßt, schweigen die dunkeln Leidenschaften, die der Pesthauch moderner Cultur und modernen Luxuslebens sind. Weg von jenen Plätzen, wo berauschender Sinnentaumel die Loosung des Tages ist, wo Intriguen und Falschheit herrschen,-hinein in den schönen Wald, wo Ruhe und Friede ist. — Die Kronen hundertjähriger Buchen und tausendjähriger Eichen wölben sich über Dir, ihre Blätter flüstern sich leise Liebesworte zu, die Vogel singe» jubelnd in den Zweige», die Eichhörnchen springen lustig von Ast zu Ast, — von ferne rauscht die Sinn und ihre Wellen erzählen sich plätschernd von lachenden Usern und blauen Vergißmeinnicht, — über das Kornfeld am 416 jenseitigen User weht ein leises Lüftchen und spielt kosend mit den jungen Aehren, es sieht aus, als ob Silverwökchen darüber fliegen würden, — ein würziger balsamischer Duft umfächelt Dich:- — hier kann das Herz mit sich selbst reden, und wie gut ist es, wenn man manchmal in sein eigenes Innere schaut! Im geräuschvollen Alltagsleben kommt man so selten dazu! O wer es versteht, mit seinem eigenen Herzen sich zu unterhalten, der wird gar oft und gern solch einsame Plätzchen aus» suchen, wo er ungestört ist, und dem schalen Geschwätze entfliehen, das in den Cirkel» der gebildeten oder gebildet sein wollenden Welt geführt wird. Doktor Wehner hätte für seine Badeschrist kein passenderes Motto finden können als das von ihm gewählte: ' „Stets ja gibt die stille, sanfte . Freundin, die Natur, den Frieden Uns zurück, wenn in des Lebens Stürmen sich der Geist verlor." Auch mir gibt die Natur diesen Frieden.-Weg mit Bleistift nnd Papier — — laßt mich träumen in diesen schönen Wäldern!- Mis-elleir. (Eine hübsche Anekdote) über einen Borgang, der sich vor einige» Tagen bei dem auch in Deutschland vielgenannten Maler Detaille zugetragen hat, zirkulirt zu Paris in den Künstlerateliers. Ein Kollege wollte dem erwähnten Maler in seiner Wohnung der Avenue de Villiers einen Besuch abstatten und vertrieb sich, da er jenen nicht anwesend fand, die Zeit mit Billardspielen. Da ihm die schwierigsten „Coups" gelangen, bedauerte er, seinen Freund Detaille nicht als Gegner oder doch wenigstens als Zeugen anwesend zu sehen, bis ein böser Zufall es fügte, daß der einsame Spieler ein mächtiges Loch in das Tuch des Billards stieß. Guter Rath war theuer, zumal Detaille's Ankunft sich immer mehr verzögerte, so daß die Entschuldigung wegen der Sachbeschädigung nicht ' mündlich vorgetragen werden konnte. Ein Mann von Geist, wußte sich der Besucher aber zu helfen, indem er rasch ein Blatt Papier nahm, eine Zeichnung darauf entwarf und diese als „Pflaster" für das Billard benutzte. Als Detaille nach Hause kam, war er auf's Freudigste überrascht; repräsentirte doch die Zeichnung, abgesehen von dem xretivm alkLotioms, den Werth vieler neuer Billardüberzüge. Der Besucher war kein Geringerer als Meissonier, dessen Gemälde und Skizzen mit Gold ausgewogen werden. * (Studentensprache.) Bekanntlich haben die Herrrn Studenten zuweilen ihre eigene Sprüche für sich, deren Bezeichnungen meist mehr drastisch als höflich zu sein pflegen. — So bedienen sie sich in dieser Sprache für: „Mädchen" galanterweise des Ausdruckes: „Besen", und zwar ist die Herkunft dieses Ausdruckes von einem alten Studentenstreiche abzuleiten» — Als einstmals — es ist schon lange her — die Studenten der Stadt Würzburg eine pompöse Schlittenfahrt veranstalteten, ließen sie dazu Einladungen an alle junge Damen von Würzburg ergehen, wurden jedoch abschlägig be» schieden. Darüber ergrimmt, nahm jeder Student einen Kehrbesen, bekleidete ihn mit Hut und Schleier, setzte ihn in den Schlitten, den er leitete, hinein, und so fuhr der ganze Zug durch alle Straßen der Stadt. Seit jener Revanche aber heißen alle Mädchen in der Studentensprache: „Besen!" (Gegenseitige Controlle.) Schreiber (zum Fenster hinausschauend): „Jetzt seh' ich dem Maurer da drüben schon drei Stunden zu, aber auch keinen Streich hat der Kerl seither geschasst. Jetzt möcht' ich nur auch wissen, für was solche Leute alle Samstag ihr Geld einstreichen. Maurer: jetzt guckt der Schreibersknecht scho drei g'schlagene Stund zu mir rüber und Hot in dera ganze Zeit noch koi Feder ang'regt. Jetzt möcht' i no au wissa, für was so Tagdieb ihr V'soldung ei'nemmet. (Im Diensteifer.) Gast ^zu dem dienstfertig, aber hinkend herbeikommenden Kellner, theilnehmend): Haben Sie Hühneraugen? — Kellner (zur Küche eilend): Werde sogleich nachsehen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. der Seinestadt eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Der Eroberer, gegen den ihr Revanche predigt und Patrioten-Vereine gründet und jeden Augenblick mit blind geladenen Pathos zu Felde zieht, der deutsche Eroberer ist wieder hier eingedrungen und hat viel weiter um sich gegriffen, als Anno 1871. Damals durste er kaum über die Vorstadt hinaus, nur bis zu den Tuilerien; heute hat er ganz Paris. . » Und das Schlimmste ist, diesmal spürt ihr den Feind nicht. Trefft ihr mit ihm zusammen, so haltet ihr ihn für euren besten Freund, küßt ihn ab, schmatzt und schnalzt mit der Zunge und preist seine Güte mit glänzenden Augen. Höchst bedenklich, lieber Freund!" Und da mich der Erschrockene aufforderte, womöglich ohne Bild zu sprechen, fuhr ich fort: „Der Feind ist das Münchener Vier ... das Vier überhaupt. . . Ihr Franzosen scheint mir in der That auf dem Wegs zu sein, ein biertrinkendes Volk zu werden und den Spruch Goethe's umzudrehen: Ein echter fränk'scher Mann mag keinen Deutschen leiden, doch ihre Biere trinkt er gern. . « Da hilft kein Leugnen, die Thatsache springt in die Augen. Vor dem Kriege versteckten sich die deutschen Vierschünken bescheiden in Seitengassen und Nebenstraßen, und wenn sie sich auf's Boulevard herauswagten, so geschah es ohne Aufsehen. Erinnerst du dich des kleinen Locales in der Ruhe d'Haute« ville, wo wir vor so und so viel Jahren — wir wollen sie lieber nicht zählen — hin und wieder unsern Durst löschten? Zwei Kämmerchen zu ebener Erde, in jedem etliche Tische aus Tannenholz, ein paar Stühle, ein lederner Divan, mehr brauchten wir nicht, um München nach Paris zu zaubern. Jetzt, wo euch alles Deutsche so verhaßt sein soll, prangen die deutschen Bierhallen mit ihren bunten Schaufenstern an allen Enden und Ecken der Weltstadt. Schlendert man an einem warmen Nachmittag die Boulevards entlang, so sieht man vor den zahllosen Kaffeehäusern und Brasserien eine beinahe ununterbrochene Doppelreihe von Tischen, hinter welchen Bier getrunken wird, fast nichts als Vier, deutsches Bier. Sollte da nicht Bismarck dahinter stecken? Bedenke, was er über die biertrinkenden Völker gesagt hat. An diesen sei Hopfen und Malz verloren. Das Bier verfettet den Körper, verschlemmt den Geist, es raubt den Gliedern und den Gedanke» die Spannkraft, die Beweglichkeit. Mich wundert, daß noch kein Franzose darauf gekommen: euer Durst ist zum Verräther an euch geworden, Bismarck hat sich mit ihm verbündet, um Paris zu verdeutschen, Frankreich auf immerdar zu lahmen. Dazu bedarf er keines Millionenheeres mehr, ein paar Dutzend Münchener Brauknechte genügen. — Doch, was meinst du? Der Nachmittag ist warm, sehr warm, wie wär's, wenn wir ein Glas Bier trinken gingen?" Ich entsinne mich nicht, daß mein Freund eine derartige Frage jemals verneint Hütte. Meinen Bemerkungen hatte er seine Zustimmung nicht ganz versagen können; er gab zu, daß das verhängnißvolle „diere äs ^Vlunioli" an immer mehr Orten zu lesen sei und auf seine Landsleute immer verführerischer wirke. Paris, klagte er, sei, wenn nicht verdeutscht, doch schon ein bischen verbayert, und in diesem Bayrisch Paris schien er Weg und Steg trefflich zu kenne», denn in halb scherzhaftem Tone erbot er sich als Führer zu einem Ausflug dahin. Es kam mir ganz wunderlich vor, daß ein Franzose den Deutschen durch das neue Bierland an der Seine geleiten sollte. 4 - Wo er mich zunächst hinbrachte, floß Spatenbräu. Man kann sich kein prunkhafter ausgestattetes Wirthshaus denken, nirgends wohnt König Gambrinus so vornehm, wie an diesem Orte. Braunes Deckgetäfel, die Wände ringsum mit Gobelin's verhüllt, geschnitzte Eichentische, Bauernstühle von gepreßtem Leder, die Fenster lauter Glasmalereien, Nürnberger Scenen, Landsknechte und Nittersleute darstellend: mit dem bayrischen Bier ist die morderne Münchener Decorationskunst, welche die Rathskeller und Trinkhallen mit mittelalterlichen Schildereien und biederen deutschen Reimlein schmückt, hier eingezogen. Deutsche Worte an die Wand zu malen, hatte man nicht gewagt, aber die französischen waren in deutschen Buchstaben hingepinselt, und das Biöre de Munich und Taverne 413 deutlich erkannt» mir schon ein so wohlthuender, vertrauter gewesen, wenn sie meine Enkelin, das Kind meines Sohnes Ludwig wäre?" Einmal diesen Gedanken gefaßt, verfolgte er ihn weiter, und das Haupt gegen die Lehne des Krankenstuhles stützend, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort: „Dem Alter nach kann sie es sein, der Gestalt nach auch, sie hatt eine stattliche Größe, die auch den Frauen unseres Hauses eigen gewesen l — und ihr Gesicht? — Das muß ich ohne die Brille sehen — ob ich sie zu mir bitten lasse, und sie zugleich frage — aber was?" unterbrach sich der Schloßherr. „Nach ihren: Namen? — Sie heißt Anna Herfeld! — Doch könnte ich sie nach dem Namen ihres Großvaters fragen, und würde dann bald meiner Sache gewiß sein! Wenn sie aber keine Ahnung von dem hat, was hier vor langen Jahren vorgegangen, ihr Großvater ihr alles verschwiegen, mit guter Absicht verschwiegen, darf ich da seinem Willen entgegen treten, ich, der ihn, damals das Kind überlassen, es nicht einmal gesehen habe?" Nochmals sann der Landkammerrath nach, sann lange nach, und kam endlich zu dem Entschluß, an Anna Herfeld noch keinerlei Frage zu richten, sich aber zu überzeugen, ob ihre Gesichtszüge die der von Bodenwald seien. Im Begriff seinem Diener zu klingeln, um sich in das Schlafzimmer geleiten zu lassen, hielt er jedoch inne und sagte: „Wenn — wenn diese Anna Herfeld doch meine Enkelin wäre? — Wenn sie Alles wüßte, von ihrein Großvater in unsere Familiengeschichte eingeweiht, und dessen ungeachtet hier unbefangen und mit freier Stirne auftritt, voll Sorge und Aufmerksamkeit gegen mich, als habe sie von mir nur Liebe und Güte erfahren, während ich doch —" er stockte und fügte erst nach einer Weile bewegt hinzu: „Wenn Anna Herfeld» Anna Thusnelda von Bodenwald ist, so ist sie nicht mit gehässigen Gefühlen gegen mich erzogen, und hat 'vielleicht gar erst kürzlich die Geschichte ihrer Geburt erfahren. — Kohring hatte Bergmann beim Abschied gesagt, dem Kinde erst, wenn erforderlich, in späteren Jahren seinen Namen mittheilen zu wollen, wer weiß, was auch in der Familie geschehen ist, was Förster Kohring erlebt haben mag, ich will daher dem Verlauf der Dinge in Ruhe entgegensehen! — Sollten aber Bergmann's, die sie diesen Morgen gesehen, nicht vielleicht eine Familienähnlichkeit entdeckt haben? — Ich könnte sie fragen — doch nein, nein, das darf nicht geschehen! — Ich selbst muß die Entdeckung machen, und will sie baldigst machen, brauche ich mich doch meiner Enkelin, wenn sie es sein sollte, nicht zu schämen, denn Kohring hat sie in jeder Beziehung standesgemäß erzogen!" Während dieses Selbstgespräches des Landkammerrath's saß Anna in dem alter« thümlichen Sopha ihres Zimmers, das schöne Haupt ebenfalls gestützt, und sann gleich ihrem Großvater nach. Sie hatte den zweiten Abend mit ihm verlebt, und vergegenwärtigte sich ihre Unterhaltung, zu Anfang derselben seine Fragen nach ihrer Heimath und ihrer Familie. „Zunächst wird er sich nach dem Namen meines Großvaters erkundigen", sagte sie halblaut, „und was — was soll ich ihm dann antworten? — Die Wahrheit? Er wird erschrecken, und ich möchte ihm diese Aufregung ersparen, aber wie? — Wie soll ich mich ihm zu erkennen geben? — Ich glaube nicht, daß er mir zürnen wird, ohne sein Borwissen hierher gekommen zu sein, es scheint sich in seinem Herzen, ihm vielleicht noch unerklärlich» «in warmes Gefühl für mich zu regen, und gewiß bereut er längst seine Härte gegen meinen verstorbenen Vater, und nimmt sein einziges Kind mit Liebe auf, sind ihm doch für seine letzten Lebenstage nur wenig Freuden geblieben! — Meinen Gefühlen nach ist es am richtigsten, ihm meinen wahren Namen zu nennen, seinen Zorn über mich ergehen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von sich weisen sollte. Da» aber wird er nimmer thun", setzte sie zuversichtlich hinzu, „mein Herz sagt mir vielmehr, daß er mich willkommen heißen, und als seine Enkelin aufnehmen wird, es ist ja als ob ich von Gott hierhergeführt sei, um meine beiden Großväter zu versöhnen, und mir den Platz zu sichern, der mir gebührt!" — 419 — „Aber »nein Großvater Kohririg?" unterbrach sie sich, und antwortete nach einigen Sekunden: „Er denkt und glaubt, daß es so kommen rvird, obgleich er mir keinerlei Andeutung gemacht, wie ich handeln soll, er hat mir nur seinen Segen zu meinem Einzug in Schloß Bodenwald geschickt, doch hat er hinzugefügt, daß er sich der Fügung des Allweisen nicht widersetzt hab», sondern mich zu meinein Großvater ziehen lasse! — In stiller Uebereinstimmung mit ihm will ich sobald ich kann mit meinem hiesigen Großvater reden und mich ihm zu erkennen geben, vielleicht koinmt mir dabei der Zufall, vielleicht auch er selbst entgegen!* Ein leises Klopfen störte ihr Selbstgespräch. Aufspringend öffnete sie die Thür, und ließ Sophie eintreten, welche mit einem forschenden Blick und leisem Vorwurf sagte: „Noch auf, Anna, eS ist schon spät?* — Ich sah das Licht durch das Schlüsselloch schimmern, und konnte es nicht unterlassen, »»ich nach Dir umzusehen!* „Ich habe nachgedacht, Sophie*, den Arm um ihre ältere Freundin legend, welche sie zugleich in's Sopha niederzog. „Du hattest inir doch versprochen, Anna — — * „Sei ruhig, Sophie*, antwortete Anna, „die Gedanken, welche mich beschäftigte», waren keineswegs trauriger Art.* „Ueberlaß sie dennoch Deinem Großvater und Deiner Tante*, erwiderte Sophie voll Theilnahme in das Antlitz ihrer jüngeren Freundin blickend. Ein schneller Gedanke durchzuckte Anna; sollte sie sich Sophie anvertrauen, ihr Alles entdecken und mit ihr in der Sille berathen? — Sie verwarf ihn aber so schnell, denn sie mußte und wollte unabhängig handeln, und antwortete: „Du meinst, weil ich jung und unerfahren bin? — Ach, Sophie! Das Leben im Walde hat mich früh gereift, und frühzeitig habe ich im Hause meines Großvater« nachdenken gelernt! — Aber Du» weshalb bist Du noch nicht zur Ruhe?* „Dorothea hatte mich gerufen. — —* „Thusnelda ist doch nicht krank?* „Nein, sie ist nach der Anstrengung der Reise, und durch die Aufregung, in der sie hier fortwährend gelebt, nervös angegriffen, und kann nicht schlafen. Ich bin bis jetzt bei ihr gewesen, und habe ihr dir für solche Fälle bestimmte Medizin gereicht. Morgen, wenn sie ausgeschlafen, wird sie hergestellt sein, doch will ich diese Nacht in ihrem Zimmer bleiben!* „Laß mich das thun, Sophie — * „Nein, Anna, Du bist unstreitig der Ruhe ebenso sehr bedürftig wie Thusnelda, denn Deine Augen leuchten und Deine Wangen glühen. Befolge daher meinen Rath» und suche sie so schnell wie möglich-* „Das will ich auch, Sophie, sogleich — * Sich in herzlicher Weise eine gute Nacht wünschend trennten sich die Freundinnen, und während die ältere sich in das Zimmer des schwachsinnigen Zöglings zurückbegab, ging Anna in ihr Schlafzimmer, wo nach allen Aufregungen des Tages, sie bald in tiefem, sanstein Schlummer lag. — (Forts, folgt.) Bayrisch Paris. (Aus der N. Fr. Pr.) Für einen Pariser, der Vaterland und Vaterstadt liebte, war es zwar schmerzlich, wäv ich da sagte, allein die Bemerkung lag mir schon seit einigen Tagen auf der Zunge, und endlich muße sie über die Lippen. „Ja, lieber Freund*, wiederholte ich, „Paris ist jüngst von den Deutschen zum zweiten Male erobert worden.* „Und wann das, wenn man fragen darf?" „Das kann ich dir nicht genau bestimmen, eS muß aber in den letzten zwei Jahren geschehen sein; denn vor zwei Jahren war ich zum letzten Male hier, und seither ist in Nr. 53. 1883. zur „Äugsliarger Pofheitnug." Mittwoch, 4. Juli Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna hatte voll tiefem Mitgefühl auf ihren Großvater geblickt, der bei seinem Reichthum die Leiden und Entbehrungen des Alters so schwer empfinden mußte. Ihr kam ein plötzlicher Gedanke, der eben so schnell zum Entschluß, und sich ihm zuwendend, sagte sie in herzlicher Weise: „Wenn Sie mir gestatten wollen, Herr Landkammerrath» Ihnen eins dieser Blätter vorzulesen, so würde ich dies mit Vergnügen thun!" Er sah sie einige Augenblicke freundlich an, und erwiderte dann in herzlichem Ton: „Sie sind sehr gütig, liebes Fräulein, und ich würde Ihr Anerbieten mit Dank annehmen, wenn dies zugleich eine Unterhaltung für Sie und Fräulein Dörner wäret" „Das Lesen der Zeitungen ist mir seit Jahren eine gewohnte Unterhaltung, die mir zusagt!" sagte Anna und Sophie Dörner setzte hinzu: „Nehmen Sie auf mich keinerlei Rücksicht, Herr Landkammerrath, ich werde mich schon mit Thusnelda unterhalten." „Ich sehe, daß ich mich Ihnen fügen muß", erwiderte mit gewandter Höflichkeit der Schloßherr. „In dem nächsten Zimmer werden Sie Ansichten und Albums finden, die Sie vielleicht noch nicht kennen, und Ihnen daher Vergnügen gewähren werden« Befehlen Sie nur die Lampe anzuzünden!" Der Abend war in der kleinen Gesellschaft schnell und in befriedigender Weise ver- gangen, denn während nach dem Essen Sophie Dörner und der Landkammerrath sich im Schachspiel versuchten, hatte Anna sich ihrer Cousine gewidmet, und sie für die Zeit entschädigt, die sie ihres Großvaters wegen hatte entbehren müssen. Dieser, als seine Gäste und Enkelin ihn verlassen, blieb noch allein in dem Wohngemach zurück, und wer ihn in seinem Sessel ruhend gesehen, hätte ihn unfehlbar für einen ruhig Schlummernden gehalten. Dennoch schlief er nicht, sondern blickte durch die blaue Brille hindurch auf die weiche Sammetdecke, die seine Gestalt umhüllte und sann nach. Die zufälligen Worte seiner Enkelin: „Ich bin Großmama's einzige Erbin!" waren ihm während des ganzen Abend gegenwärtig gewesen, denn die schwachsinnige Thusnelda war nicht die einzige Erbin seiner verstorbenen Gattin, es gab noch eine andere, die Tochter seines jüngsten Sohnes, welche dieselben Rechte beanspruchen konnte, und deren Großvater und Vormünder diese Rechte gewiß über kurz oder lang beanspruchen werden. „Wo mögen sie sein?" fragte er sich nach einer Weile. „Wo leben und wohnen sie, nachdem Förster Kohring aus dieser Gegend verschwunden ist, denn auch Bergmann weiß nichts von seinem und des Kindes Aufenthalt? — Aber — aber, großer Himmel!" und hier richtete sich der Gutsherr hastig in seinem,Sessel auf, „stimmen nicht genau die Familienverhältnisse dieser Anna Herfrld, die ich auf Thusnelda's Wunsch eingeladen, Mit Kohring's überein? — Ist nicht auch ihr Großvater Förster? Allmächtige Vorsehung! wenn — wenn das junge Mädchen, dessen erster Anblick, ohne daß ich bis jetzt ihr Gesicht 421 Monmartre bildete, in kunstvoll verschnörkelter Fractur ausgeführt, einen leidlich reinen Accord mit den deutschen Eichentischen und Bausrnstühlen. Nachahmung deutscher Formen und Sitten war hier Alles, was man sah; deutsch war der Stoff den man genoß, deutsch das Glas, der Humpen in stark verjüngtem Maßstabe, aus dem man trank, deutsch zumal der Farbendämmer, den dir gemalten Scheiben hervorbrachten. Wie sonderbar, in diesem germanischen Halbdunkel, diesen: künstlich präparirten deutschen Kneiplicht das Pariser Leben umtreiben zu sehen! Der Zeiger der deutschen Standuhr kroch zwischen vier und fünf. Das Wirthshaus war voller Franzosen, die sich an dem bayrischen Getränke gütlich thaten. Viele hielten den Figaro oder La France oder die Nopubligus Franyaise zwischen den Fingern, und während sie vielleicht eine landesübliche Verlästeruug Deutschlands lasen, schlürften sie behaglich den Feind hinunter und schmunzelten ob seiner Frische. Und da soll sich's Einer versagen, wiederum den Goethe zu citiren: Den Teufel spürt das Völkchen nie . . .! 2 * Nachdem wir den deutschen Miniatur-Humpen etliche Male geleert, gingen wir unseres Weges weiter. Auf der Straße vor der Taverne stand ein deutscher Bierkarren, wie man deren zwischen Schwechat und Wien dutzendweise, von schweren Pinzgauern gezogen, treffen kann, und auf dem mit Normannengäulen bespannten Karren lagen schwere Fässer, und auf den Deckeln dieser Fässer war hart über dem Spundloch das merkwürdige Wörtchen Spaten brau in's Holz gebrannt. Gegenüber der Taverne aber flatterten ein breiter Streifen weißer Leininand die Schauseite eines andern Wirthshauses entlang, und auf dem Streifen stand in großen schwarzen Lettern das nicht minder verwunderliche Wörtchen: Hackerbräu. „Wie wär's, wenn wir hinübergingen?" fragte mein Pariser. Ich hütete mich meinerseits, dir Frage zu verneinen, denn eine Lieb' ist die andere werth, und bald saßen wir drüben in einem kaum minder prachtvoll ausgestatteten Raume hinter einem Hümpchen, das keinen minder freundlichen Stoff enthielt. Hier wieder lauter Franzosen, von deutschen Formen umgeben, den deutschen Feind ahnungslos in die Kehle schüttend. Man fühlt sich beinahe versucht, den bereits ausgesprochenen Argwohn, ob da nicht Bismarck dahinterstecke, für etwas mehr als ein Paradoxon zu halten, und jedenfalls soll man an warmen Nachmittagen nicht allzulang bei Hackerbräu über derlei sinnen, sonst läuft man Gefahr, an helllichtem Tage Geisterspuk zu erleben: der feiste Gambrinus, der dort über dem -Schänkburschen thront, setzt, sich dann den Kopf des deutschen Reichskanzlers auf, alle Kellner nehmen die weltbbekannte BiSmarck-Maske vor, und ein mephistophelisches Lächeln blitzt um eines jeden Mund, so oft durstige Gäste den selbstmörderischen Ruf ertönen lassen: ^Oaryoii, un lroolcl" . . . Ach, es war mir fast zu viel Deutschthum in Bayrisch Paris, zu viel jener absichtlichen, aufdringlichen Manier, welche seit einiger Zeit die Münchener Ausstattungskunst beherrscht und mit der man jetzt sogar Bierlocale unsicher macht. Gobelins und Bier- seitel, stimmt das zusammen? Deutsche Renaissance und Sauerkraut, sind das verwandte Kategorien? Braucht man stylisirte Ledersessel, um Spatenbräu zu trinken, und feines Meisten« Porcellan, um Knackwürste und Salzbretzeln zu essen? Denn auch die germanische Knackwurst und jenes eigenthümliche süddeutsche Gebäck, genannt Laugenbretzel, sind jetzt in Paris heimisch geworden und liegen in allen Bierhäusern auf allen Tischen. Nein, das Bier ist ein Plebejer und will diesen Luxus nicht. Die nackten Trinkstübchen in der Ruhe d'Hauteville waren mir lieber. „Mir auch", sagte der Freund, allein dieser falsche Prunk ist jetzt in der Mode, man thut's nicht ohne Glasmalerei und geschnitztes Eichenholz. Die schlicht eingerichteten Schänken werden immer seltener. Doch gibt es noch welche . . . wie wär's, wenn wir eine aufsuchten?" „Nicht die in der Nur de Richelieu, die Stammmutter von Bayrisch Paris, die kenn' ich! Sie liegt übrigens vortrefflich, auf beinahe klassischem Boden, dem Moliöre- Brunnen gegenüber, in der Mitte zwischen der großen National-Bibliothek und dem Thüätre Franxais, den beiden Glanzstättrn der französischen Literatur. Hütet euren berühmten Esprit, ihr alten Gallier! Der Feind hat mitten in dessen Lieblingsbezirk eine Burg eingerichtet." „Leider mehrere Burgen. Komm', eine davon will ich dir zeigen." » » Sie lag Boulevard Bonne-Nouvelle und war mit ihren Tischen aus gelb gesprenkeltem Marmor, ihren rothbraunen Lederdivan's und Sesseln aus gebogenem Holz noch elegant genug. Wenigstens verschonte man uns diesmal mit gemalten Fenstern und germanischem Kneiplicht. Nach der Straße hin war der Raum ganz Fenster, und das Pariser Licht konnte in breiten Massen einströmen. Um hineinzukommen, mußte man durch einen dichten Haufen durstiger Menschen, hindurch, die theils aus Seiteln, theils aus Krügeln tranken, ganz wie in einem Wiener Biergarten. Ein altes Ehepaar, echte Pariser Bourgeoisie, saß hinter seinem -Tischchen, und jedes der Beiden hatte einen halben Liter Vier vor sich stehen, „nn mos", wie der Franzose sagt, der auch seine Bierwörter aus dem Deutschen holt. Vor zwanzig Jahren, vor zehn, vor fünf Jahren wäre dergleichen ein unerhörtes Schauspiel gewesen. Heiliger Gambrinus, womit soll das enden, wenn schon Monsieur und Madame Prud'homme den Feind in solchen Quantitäten genießen? Hinter den ergrauten Häuptern dieser Pariser Bürgersleute erglänzten auf den hohen Scheiben große goldene Buchstaben, einerseits: Oosvenbrau, andererseits: Lalvntor 6e Anniest. Weitere Inschriften luden zum Verspeisen von Ostseehäringen, norwegischen Anschovis und Braunschweiger Würsten ein. Ostouerouts xarnio konnte man zu jeder Stunde haben, wie eine besondere Tafel vermeldete. An der Wand hinter der Comptoir- dame hing das Conterfei einer unermeßlichen Brauerei mit einem Meer von Häusern, einem Wald rauchender Schlote. Oben lief ein zierlich auf Goldgrund gemalter Putten» fries unter der Decke hin: Amorinen und das Münchener Mandel in zahllosen Exemplaren hantirten da mit Allem, was zum Bierbrauen und Biertrinken gehört, hüpften, tanzten, ritten, kutschirten, spielten mit Schläuchen, Flaschen und Zuckerhüten, mit Pferden, Ochsen und Schweinen, bürsteten, pichten, schoben die Fässer, malzten und maischten, arbeiteten mit Darrhorde, Hopfcnseiher, Braupfanne und Kühlschiff, mit Bottich, Spunde und Zapfen, entrollten in lieblichem Durcheinander ein recht anschauliches Bild von dem geheimen Thun jener neuesten Großmacht, welche deutsches Bier genannt, nicht blos Paris und nicht blos Frankreich, sondern nachgerade ganz Europa erobert hat, die halbe Welt überströmt. Sie verhehlten nichts, die rosigen Kobolde. Sie zeigten das Wo und das Wie, sie ließen die Schmiede sehen und lehrten, wie der Feind dort seine Waffen bereitete. Sie trieben ihr Wesen im hellen Sonnenlichte, zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags, und wenn einst die Franzosen ganz in der Gewalt des Feindes sich befinden, werde» sie wenigstens nicht klagen können, daß er sie hinterrücks überfallen. Leider, meinte der Freund, komme das viele Bier nicht allein aus München, welches in neuester Zeit Wie» und Pilsen verdrängt habe; auch Dortmund, Ulm, Nürnberg tragen zur Ueberschwemmung bei, die elsässischen und einheimischen Biere gar nicht zu rechne»; es sei beispielsweise unglaublich, wie viel Wiener Bier in Sevres bei Paris gebraut werde, und die Statistik weise nach, daß gegenwärtig Frankreich fast ebensoviel Bier erzeuge und verzehre, als Österreich. Dazu komme diese entsetzliche Einfuhr. „Ja", rief ich, «ich ahne die Zeit, wo ihr alle deutsche Biere werdet über euch kommen lassen, auch die schlechtesten und verrufensten, neben dem Münchener Bock auch die Braunschweiger Mumme, die Osnabrücker Buße, den Erfurter Schlunz, den Breslauer Schöps, den Halberstädter Muff, den Wittenberger Kater, den Kottbusar Krabbel-an-die- Wand und den Kyritzer Mord-und-Todtschlag . . . Unglücklicherweise' versteht ihr sie nicht zu behandeln. Euer Bier wird immer durch den unvermeidlichen Druckapparat aus dem Keller heraufgexumpt, und so gut es schmeckt, so stolz es glänzt, auf dem weiten 41-3 l Wege, den es vom Zapfen zum Munde machen muß, verliert es denn doch etwas von seiner Würze." „Möglich, aber wir trink-rn es auch frisch vom Fasse weg." „Wo?" „Hart nebenan." V 4- * Offen gestanden, ich hätte nicht gedacht, daß Bayrisch Paris m zwei kurzen Jahren sich dergestalt vergrößern könnte. Da lag wirklich hart an dem Löwenbräue eine Filiale der Pschorr'schen Brauerei, in welcher der braune Trank aus dem Fasse gerabewegs inS GlaS lief. Man nennt das jetzt in Paris äs-xuslation au tonnvau. Auch hier hatten mir Mühe, unterzukommen. Lauter durstige Pariser, bis weit hinaus aufs Boulevard. Die jüngsten Kammerverhandlungen waren spurlos an diesen tapferen Kehlen vorübergegangen. Vergebens hatte» verdrießliche Abgeordnete vor dem übermäßigen Biergenusse gewarnt und ihren Landsleuten weißzumachen versucht, statt Gerste und Hopfen benutze man allerhand schädliche Surrogate, als da wären Kartoffelstärke, Melasse, Glycerin, Quassia, Tauscndguldenkraut, Bittsrklee, Belladonna, Ingwer, Tollkraut und Torf, von hundert anderen Giften zu schweigen. Doch der Pariser dachte mit dem Berliner: Bange machen gilt nicht! und ging zu Pschorr oder ließ sich den Löwenbräu reichen. Nun scheinen aber die Franzosen, und das ist besonders merkwürdig, mit dem deutschen Bier auch die deutsche Gründlichkeit einzusaugen. Ich für meine Person war von unserer Studienreise schon ziemlich müde geworden und hätte am liebsten aufgehört, mein Freund aber meinte, was man einmal begonnen, müsse man auch durchführen, und Einiges wolle er mir jedenfalls noch zeigen. Wir gingen das Boulevard Saint-Denis entlang, den volksthümlicheren Geschäftsviertsl zu. Ueberall Bier und Biertrinker. Gewiß, man sieht auch Turiner Wermuth in den Gläsern funkeln, und der traditionelle Absynth mit dem unheimlichen grünen Opalglanze findet noch Tausende von Liebhabern. Allein das Hauptgetränk bleibt das Bier. Von der Madeleine bis zur Vastille eine Stunde Wegs. leuchtet es allerorten in Seiteln und Kritzeln; die Pariser Boulevards, zwischen deren Häuserreihen schon so viel Macht und Pracht sich entfaltet hat, welche so viel Weltgeschichte vorüberfluthen sahen, sie sind heute wie eine Triumphstraße des germanischen Gerstenweines. Wir bogen rechts auf das Boulevard Sebastopol ein und standen bald wieder vor einer, nein, vor zwei hart aneinanderstoßenden Tavernen mit gemalten Fenstern, wovon die eine Hackerbräu, die andere Kulmbacher Bier auSschänkte. So tritt in dem modernen Paris immer ein Bräu dem andern in die Pfanne. Die Concurrenz scheint sehr heftig zu sein. München gegen Wien, Culmbach gegen München, Spatenbräu gegen Hackerbräu und Hackerbräu gegen Löwenbräu — ein förmlicher Visrkrieg wüthet durch die Gassen der Seinestadt, und nur im Kampfe gegen die Franzosen sind alle diese Gegner einig. Ich will nicht darauf schwören, aber mir schien's wirklich manchmal, als wäre der Franzosen Witz bereits etwas träger geworden, als wären in gewissen Dingen ihre Irrthümer und Vorurtheile dergestalt ineinander verfilzt, daß kein Mensch mehr den Wirrwarr schlichten kann. Himmelweit liegt jetzt die freche Preisfrage hinter uns: „bin nllo-nunä, pout-il avoir äs I'ssxrit?" 2 * * Trotz aller Zureden ließ ich mich nicht mehr bewegen, einzutreten und den Pariser Tag durch bunte Scherben zu betrachten. Ich hatte mich an dem Luxus satt getrunken, ich sehnte mich nach einer einfachen Kneipe. Ob wohl das elsässische Bierhaus am oberen Ende des Faubourg Saint-Denis, wo wir gleichfalls einst so manchen Abend bei einem leidlichen Trunke verplaudert, noch bestand? „Gewiß," versicherte der Freund, „und ganz unverändert," Wir besteigen einen Wagen, um rascher hinzukommen. Der Ort hatte in der That sein früheres Gesicht bewabrt. Es waren die alten einfachen Lederbänke und Marmor 424 — tische, die alten kahlen, schmucklosen Wände; der Boden war wie ehedem mit gelbem Sand bestreut, und in der Ecke dort, dein Tische gegenüber, wo sonst das Dioskurenpaar Erckmann-Chatrian saß, hockten noch immer einige spießbürgerliche Gestalten und tarockten mit unerschütterlicher Stammgastruhe, als spielten sie seit zwanzig Jahren an derselben Partie. Der Ort schien von der vorbcistürmenden Zeit übersehen worden zu sein, hier hatte sich wirklich gar nichts verändert. . . Doch! Dies und das ist anders geworden. Das Bierhaus, das früher schlechthin Uransoriö hieß, nennt sich jetzt In brassiero «1o I'Lspürimoo, und man trinkt dort Revanche, In bivro cis I'blspöi'nnos. Diese patriotische Flüssigkeit mundet nicht so gut als früher das harmlose Elsässer Bier. Das Bier zur guten Hoffnung ist sogar trotz der löblichen Tendenz herzlich schlecht, namentlich wenn man kurz zuvor Hackerbrüu gekostet hat. „Wie wär's...?" fragte mein Pariser, allein ich fiel ihm ins Wort und schloß ihm den Mund. Es war mir in der That unmöglich, die Reise fortzusetzen. Wir hatten zwar nicht die Hälfte, nicht den zehnten Theil dessen gesehen, was ein gründlicher Bierforscher in Bayrisch Paris sehen müßte, doch das Wenige genügte mir. Ich staunte nur über das fabelhaft entwickelte Fassungsvermögen des Freundes. Er hatte gewaltige Fortschritte gemacht und konnte als lebendiges Beispiel dessen gelten, was Münchener Bock vermag» wenn er in die recht Kehle kommt. Der Franzose blieb so nüchtern wie eine diplomatische Depesche, indeß die Phantasie des Deutschen bereits Sprünge zu machen anfing. Ein paar Glas mehr, und ich hätte gesehen, wie die rosigen Bierkobolde ihrem Friese ent- slaiterten, die schweren Fäßer Spatcnbräu bestiegen und in allerliebster wilder Jagd durch Paris ritten, befehligt von Bismarck-Gambrinus, gefolgt von den bösen Geistern Mumme, Bluff, Schöps, Schrunz, Buße, Kater. Zu solcher Tollheit kam es zum Glücke nicht. Allein heimkehrend dachte ich ernstlich darüber nach, ob nicht dieser gesteigerte Genuß deutschen Bieres, diese Infusion eines reizenden Feindes mit der Zeit den französischen Nationalgeist umgestalten, die französische Volksseele ganz und gar aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Die Münchener Bierschänken sind in Paris stets überfüllt, die elsässische mit dem erbärmlichen Hosfnungsbier schien mir sehr leer zu sein. Der Pariser trinkt nicht gerne matte Hoffnung aus dem elsässischen Fasse, trinkt lieber frische Verzweiflung vom bayrischen Zapfen. Hier liegt die Gefahr, nicht in den 50,000 Deutschen, die nach den Klagen der Patrioten-Liga wieder in Paris, und den 400,000, die wieder in der Provinz leben sollen. Ich fürchte, ich fürchte, die Stadt verdeutscht sich immer mehr, und einst wird kommen der Tag, wo man die Seine für einen Nebenfluß der Jsar hält und das große Paris nur noch ein Klein-München ist. Himmelsschau in» Monat Juli. —). Merkur hat am 2. seinen größten westlichen Abstand von der Sonne und ist bei günstiger Witterung am Morgenhimmel zu finden. Venus bewegt sich von den Hyaden gegen die Zwillinge, erscheint 2 Stunden vor Sonnenaufgang in NO. und erreicht am 21. ihren höchsten nördlichen Stand. Am 2. befindet sich Venus nördlich vom Mond, am 4. und 8. nördlich von Merkur, am 26. nur 10 Bogensekunden nördlich von Jupiter. Mars F geht mit Aldebaran im Stiere nach Mitternacht auf, wird am 1. Morgens 4 Uhr vom Monde bedeckt und steht am 20. nördlich von Saturn unterhalb der Hyaden. Jupiter kommt am 5. mit der Sonne zusammen und wird gegen Ende des Monates Morgenstern. - Saturn H im Stiere geht auf zwischen 2 Uhr und 12 Uhr Nachts und wird am 1. um Mitternacht vom Monde bedeckt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. zur „Äugst! urger PostMmg." Nr. 54. Samstag, 7 . Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XXII. Thusnelda war fast hergestellt, und ließ es sich daher nicht nehmen, Sophie und Anna im Schlosse umherzuführen, wie es ihnen am Abend zuvor versprochen, und ihr Großvater es gestattete. Dieser hatte den Befehl gegeben, in sämmtlichen Zimmern die Fenster zu öffnen und die warme Sommerluft einziehen zu lassen, eine Vorsicht, die, nachdem sie so lange geschlossen gewesen, nur zu erforderlich war. Gleich den bewohnten waren die verschiedenen Räume, welche sie betraten, in alter- thümlicher aber meist kostbarer Weise ausgestattet, und die seidenen und wollenen Stoffe der Vorhänge und Mobilien auf das Sorgfältigste erhalten. Voll tiefer Empfindung, die sie jedoch sorgfältig verbarg, wanderte Anna in diesen Räumen umher; in einem großen Schlafzimmer standen vier Kinderbetten, und Thusnelda erklärte, daß sie ihrem Vater und seinen Brudern, als sie klein gewesen, gehört. „Also auch meinem Vater!* dachte Anna und betrachtete sich die kleinen Nußbaum- bettstellen mit den seidenen Decken genauer. Im nächsten Zimmer hatten die kleinen Junker gewohnt, da war noch Spielgeräth aller Art vorhanden, und kleine Tische und Stühle standen an den Wänden, als seien die Kinder erst kürzlich davon gegangen, und rührten sie nicht seit langen Jahren schon in der Familiengruft. Von dem Kinderzimmer gelangten sie in die Gemächer der Schloßherrin, in deren Einrichtung Geschmack und Luxus entfaltet war. Weiche brüsseler Teppiche deckten die Fußböden, die Wände waren mit Goldtapeten bekleidet, und kostbare Seide zu den Mobilien und Vorhängen verwendet. In den verschiedenen Glasschränken waren die Schätze verwahrt, von denen Thusnelda gesprochen, vor allen Dingen eine reiche Sammlung von Schmuckgegenständen aller Art, und Diamanten, Perlen und andere Edelsteine strahlten ihnen aus den Etuis entgegen, die sie öffnen durften, denn der Landkammerrath welcher selbst die Schlüssel dazu verwahrte, hatte sie seiner Enkelin gegeben. „Alle diese Schmucksachen bekomme ich", sagte wiederum Thusnelda, „und auch noch das, was in den Schränken ist. Großmama hat alle diese schöne Sachen gekauft, und mir gehören sie, denn ich bin ihre einzige Erbin!" Anna konnte sich nicht enthalten, die weiteren Schätze ihrer Großmutter anzusehen, und Sophie Dörner war neugierig, den Inhalt der übrigen Behälter kennen zu lernen. Dieser bestand aus einer großen Anzahl kostbarer Seidengewänder in den schönsten Farben» und der Mode früherer Zeit angemessen, und aus allen anderen Gegenständen des Nutzens und des Luxus, die Frau von Bodenivald bei ihren Lebzeiten gebraucht, aus Schätzen von Leinwand aller Art und schwerem Silbergeräth, das aber seit ihrem Tode nicht angerührt worden. Außerdem waren die Räume mit den verschiedensten Kunstschätzen geschmückt, und Bilder, Vasen und Büsten, und was sonst der Reichthum anzuschaffen vermag, in reicher Auswahl vorhanden. „Mich wundert nur, dies Alles so frisch und wohlerhalten zu sehen", sagte endlich Sophie Dörner zu Anna, welche ernst und sinnend auf alle diese Schätze schaute, die zum Theil auch ihr gehörten. — „Frau von Vodenwald ist wohl noch nicht lange todt?" entgegnete ausweichend Anna. „Großmama ist vor sechs oder sieben Ihren gestorben", berichtete Thusnelda. „Das macht die Sache erklärlich", entgegnete Sophie, und fügte zu Ersterer ge, wandt, leiser hinzu: „Schade, daß alle diese Schätze und Herrlichkeiten für ein so armes, armes Kind sind!" Anna hatte keine Erwiderung auf diese Bemerkung, mußte aber das Gesicht abwenden, denn sie fühlte das verrätherische Blut in ihre Wangen steigen. Glücklicherweise gewahrte sie in dem anstoßenden Zimmer einen Bücherschrank und darauf hindeutend, sagte sie: „Frau von Bodenwald hat offenbar auch Freude an geistiger Unterhaltung gefunden. Sieh' nur, Sophie, die reiche Sammlrng von Büchern!" Sie traten hinzu, um sich diese näher zu betrachten. Es waren die Klassiker verschiedener Sprachen, auch andere bedeutende Berfasser vertreten, und man sah es der Auswahl an, daß Frau von Bodenwald eine Dame von Bildung und Kenntnisse» gewesen. — „Sobald ich diese Bücher bekomme, will ich sie Dir schenken, Sophie", sagte Thusnelda, die Schätze der Literatur gleichgültig betrachtend. „Ich lese nicht gern, und Du kannst mir erzählen, was darin steht, denn Du wirst doch wohl immer bei mir bleiben und mit mir hier wohnen!" Ihre Begleiterin konnte sich des Lächelns nicht erwehren, sie aber fügte hinzu: „Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich es thue, Sophie. Ich werde auch Anna Vielerlei schenken, denn ich kann doch nicht Alles allein gebrauchen!" Nach diesem wurden auch die Zimmer des ersten Stockwerks in Augenschein genommen, die sich jedoch nur durch eine besonders schöne Aussicht auszeichneten. Sie waren für Gäste und Fremde bestimmt und war in allen die Einrichtung wohlerhalten, ein Beweis, daß eine' tüchtige Hand die Oberleitung in Schloß Bodenwald führte. Da nach einer theilweis durchwachten Nacht Thusnelda der Ruhe bedürftig war, so schlug Sophie vor, sich die Räumlichkeiten des Erdgeschosses anzusehen, ein Vorschlag, mit dem auch ihr Zögling und Anna übereinstimmten. Als sie ihren Morgenanzug mit einem andern vertauscht, ging sie nach etwa einer halben Stunde in die unteren Räume des Schlaffes hinab, wohin Sophie und Thusnelda ihr so bald als möglich folgen wollten. Sie hatten schon am Morgen erfahren, daß der Landkammerrath eine gute Nacht gehabt, sich wohler als sonst fühle und beim Mittagessen erscheinen werde. Das schöne Wetter lockt« Anna in's Freie hinaus; sie trat auf die Terrasse und schritt diese langsam hinab, dabei überlegend, wie sie ihren am vorigen Abend gefaßten Entschluß ausführen könne, mochten auch die Folgen sein, welche sie wollten. Bald hatte sie ein größeres Gemach erreicht, dessen Fenster und Thüren weit geöffnet standen und hineinblickend sah sie, daß die Wände mit Familienbildern geschmückt waren. Ein langer glänzend polirter Tisch und viele an den Seiten stehende Stühle ließen schließen, daß eS bei festlichen Gelegenheiten als Saal benutzt worden sein mochte. Nasch trat sie ein, denn sie hatte noch in sämmtlichen Zimmern kein Bild der Boden- wald's gefunden und begann sich diese der Reihe nach anzusehen, überzeugt, auch dasjenige ihres verstorbenen Vaters zu erblicken. Es war dies nicht schwer, denn der Landkammerrath mit seinen Söhnen und seiner Enkelin schloffen die stattliche Reihe der von Bodenwald, denen er entstammt war, und Anna fand das Bild, das den Namen ihres Vaters trug. Es war ein schönes, jugendliches Männergesicht, dem man körperliche Schwäche und Kränklichkeit nur wenig ansah, und dem sie sprechend glich. Es war dasselbe goldblonde Haar, die tiefblauen Augen mit den dunklen Brauen, dir gebogene Nase, der schön ge- schwungene Mund — und sinnend stand Anna vor diesem Bilde, an dessen Seite daS der Gattin fehlte wie auch das ihrige, als Tochter Ludwigs von Bodenwald. Dann ging sie zu dem Portrait ihrer Großmutter; sie war eine schöne Frau mit dunklen Augen und Haaren, deren Züge aber genugsam ihren Charakter verriethen, und sich von ihr abwendend, trat Anna vor ihren Großvater. Diesem war der Sohn so ähnlich, wie sie ihrem Vater, doch hatten die Züge des Landkammerraths als sieben- zigjähriger Greis, wie sie ihn seit wenigen Tagen kannte, viel von dem Ausdruck des Stolzes und der Strenge verloren, die noch auf dem Bilde hervortrat, und daS volle weiße Haar des Schloßherrn gab diesem ebenfalls ein milderes Aussehen. Anna trat darauf nochmals vor das Bild ihres Vaters, ward aber an dem weiteren Betrachten desselben verhindert, denn sie hörte ein Geräusch, und sich umblickend, sah sis den Nollstuhl ihres Großvaters, in den Saal geschoben von einem Diener, welcher sämmtliche Thüren schließend sich sofort wieder entfernte. „Guten Morgen, Fräulein Herfeld", begann, sobald sie allein waren, der Landkammerrath, und ihm entgegen blickend sah sie, daß unter dem grünen Schirm jetzt die blaue Brille fehlte. Ucberrascht durch seine unerwartete Erscheinung stand sie «inen Augenblick sprachlos da, dann aber sich fassend» trat sie an den Wagen, und ihre schlanke Gestalt leicht neigend, erwiderte sie mit erregter Stimme: * „Guten Morgen, Herr Landkammerrath", dabei begegnete sie einem so scharfen, forschenden Blick, daß sie erröthend den ihrigen abwandte, und fast stockend hinzusetzt«: „Sie haben Ihre Zimmer heute schon früh verlassen." „Es war meine Absicht Sie und Fräulein Dörner hier bei den Familienbildern zu überraschen", antwortete der Schloßherr, dessen Augen noch immer forschend und prüfend an Anna's Zügen hefteten, „nun aber sehe ich,' daß Sie allein gekommen sind." „Fräulein Dörner ist bei Thusnelda geblieben, welche die Nacht nicht gut geschlafen." „So freut es mich, daß ich Sie wenigstens getroffen", entgegnete der Landkammerrath, sie unverwandt betrachtend, wobei seine Züge zugleich Staunen und Befriedigung verriethen. „Haben Sie sich unsere Familienbilder schon angesehen?" „Ja, Herr Landkammerrath", antwortete Anna, deren sich plötzlich ein Gefühl von Angst und Unruhe bemächtigte, das sie jedoch zu bekämpfen suchte. „Sie finden auf sämmtlichen eine stark hervortretende Familienähnlichkeit, das blonde Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase sind von jeher Kennzeichen der von Bodenwald gewesen", fuhr mit merklicher Betonung der greise Edelmann fort. „Meine Enkelin, die Veranlassung Ihres Hierseins, weicht allerdings davon ab» doch werden Sie an anderen Frauen unserer Familie ebenfalls diese Kennzeichen finden." Anna gerirth in immer größere Befangenheit; die Augen des Landkammerrath'S ruhten immer forschender auf ihr, seine Worte waren unverkennbar mit Bezug auf sie gesprochen — er hatte sie also erkannt, wenigstens die hervortretende Familienähnlichkeit bemerk^ sollte sie ihn das erste Wort sprechen lassen, oder — Da vernahm sie, leiser als bisher ihr Großvater zu ihr geredet, die Worte, die tief und unwiderstehlich sie trafen: „Die Tochter meines Sohnes Ludwig aber, Anna Thusnelda, ist, wie ich zu meiner Freude und mit Stolz gesehen, eine echte von Bodenwald, und sie ist mir, ihrem Großvater, von Herzen willkommen." Anna kniete schon an seiner Seite, und segnend lagen seine Hände auf ihrem schönen Haupte, das sich unter Thränen der Rührung auf die Decke geneigt. Er aber richtete es auf, um es unter den wechselndsten Gefühlen zu betrachten, und drückte einen Kuß auf die weiße Stirn, die ebenfalls ein Familienzeichen der von Bodenwald war. Der Lnndkammerrath ermannte sich zuerst und ihre Hände, die jetzt weiß und zart wie die scinigen waren, ergreifend, sagte er, sie voll Liebe anblickend: „Anna, denn so muß auch ich Dich wohl nennen, wenngleich Du auch unsern Familiennamen Thusnelda führst, Dein erster Anblick hat mich wunderbar berührt und lief ergriffen, gestern Abend aber, als Ihr hinaufgegangen, habe ich noch lange über das nachgedacht, was Du mir von Deiner Familie gesagt hattest, und da ist mir die Ueberzeugung gekommen, daß Du das Kind meines Sohnes Ludwig sein müßtest. Deine Aehnlichkeit mit unserer Familie, die ich hier ohne meine Brille geprüft, hat mich in dieser Ueberzeugung bestärkt — ich fand Dich vor dem Bilde Deines Vaters —" „Großvater — mein Großvater!" dies waren die ersten Worts, welche mit kaum vernehmbarer Stimme Anna hervorbrachte. „Du hast also keinen Groll gegen mich? Bist nicht in Haß gegen mich erzogen, denn ich nehme an, Daß Du Alles — Alles weißt — —" „Ja, ich weiß Alles, Großvater", erwiderte Anna, voll kindlicher Liebe zu ihm aufblickend, „als ich Dich aber gesehen, hatte ich kein weiteres Gefühl, als daß Du der Vater meines Vater seiest, und ich Dich um seinetwillen lieben müsse!" „Dank — Dank, Du theures Kind", erwiderte bewegt der greise Schloßherr. „Erhalte mir dies Gefühl, und Du wirst die Freude, ja, die einzige wahre Freude meiner letzten Tage sein! — Dennoch möchte ich noch leben, um gut zu machen, was ich verschuldet und versäumt — möchte — aber erzähle mir Deine Lebensgeschichte bis zum Heutigen Tag. Wir sind hier ungestört, August wird Jeden, wer es auch sei, fern halten!" Anna nahm neben dem Rollwagen ihrer Großvaters Platz, und begann seine verschiedenen Fragen, ihren Großvater und ihre Tante betreffend, zu beantworten, und ihm dann, so weit es ihre Erinnerungen zuließen, aus ihrem Leben zu erzählen, indeß er mit dem größten Interesse ihren Worten lauscht. Zuerst berichtete sie von ihrer Kindheit, im Walde verlebt, gehütet von der Sorge und Liebe ihres Großvaters und ihrer Tante, und im Schutz und in der Gesellschaft ihres treuen Wolf; dann von Waldemar's Ankunft, den seine Großmutter, die Gräfin Steinhorst, ihrem Großvater auf ein Jahr übergeben, ach dessen Verlauf sie ihn unerwartet abgeholt, um ihn nach Schlesien zu schicken. (Fortsetzung solgt.) Sommerluft. O i wie so wunderherrlich ist's, An sonunerjungen Tagen In lauer Lüste vollem Strom Mit wonnigem Behagen, Der Schwalbe nach, die oben kreist, Den Leib zu baden und den Geist! Was rufst Du allen Wesen zu In Deinem Hochzeitskleids? Dringt nicht im Jubel der Accord Empor aus allem Leide: O seht! Der einst mich rief zum Sein, O seht, wie liebend denkt Er mein! u alle Fenster strömt's hinein, sie Schläfer zu erwecken, nid treibt den letzten kalten Ha Und treibt den letzten kalten Hauch nd treibt den letzten kalten inweg aus dumpfen Ecken; So komm heran zu dieser Zeit Ihr Kranken und Gesunden,, Die Lüste lind wie Balsam sind Dem Elend und den Wunden; :s bringt uns warmen Grüß der Süd Wer bleibt noch sündig stolz und kalt Bei dieser göttlichen Gewalt? Ihr sonnenklaren Räume, Und Du, der matten Augen Lust, Jungfrisches Grün der Bäume, O Welt, wie eine Braut geschmückt, Wem schlägt Dein Herz, so froh entzückt? Von, Land, wo die Orange blüht. Du Hinimcl hoch und wolkenfrei, Es möcht der Sehnsucht Flügelschlag Die reinen Seelen tragen Bon Stern zu Stern, wo endlos schön In sommeriungen Tagen Der volle Strom des Lebens fließt, Aus Gott, der Alles in sich schließt! L. v. Heemstede. 429 CchLernach und die «pringproeefsior,. Echternach ist die Stadt des großen Glaubensboten Willibrordus. Hier hat seine sterbliche Hülle in einem Marmor-Sarg geruht, bis der Dandalismus der unter General Bol- land in Echternach eingerückten französischen Truppen in der Nacht vom 7. November 1794 die Stätte entweihte. Das Grab wurde gesprengt, und die Gebeine wurden herausgerissen und zerstreut. Zweifellos reicht das Entstehen der Stadt über St. Willibrord (-st 739) zurück. Wahrscheinlich haben wir es mit einer Niederlassung der ripuarischen Franken zu thun. Schon früh begegnet uns Echternach in der Geschichte als fester Platz. 1462 wird dasselbe in einer Lirdonanz Philipp's des Guten von Burgund als eine in alter Zeit gegründete Stadt bezeichnet, die durch Mauern und Thürme, Thorburgen und Gräben sich als stark befestigt erweise. Von diesen Werken sind heute nur noch Bruch- theile der Umfassungsmauern erhalten. Die Thorburgen sind gefallen, aus den Grüben sind prächtige Promenaden entstanden. Die Stadt selbst ist inzwischen auf nahezu 5000 Seelen angewachsen. Als besonderer Industriezweig verdient die Porzellanmalerei der Gebrüder Zeus Erwähnung. Die Fabrikate gehen größtentheils nach Frankreich. Hier gelten sie als veritabler Sevres-Porzella». Echternachs Hauptsehenswürdigkeit ist die wundervolle Basilika. Der dreischiffige Bau in frühromanischem Stil zeigt eine ungemein große, aber gleichwohl sehr ansprechende Einfachheit der Formen; er datirt aus dem Jahre 1031 und ist an die Stelle einer Kirche von geringerm Umfang getreten, welche 1017 ein Raub der Flammen geworden ist» In dem Neubau hat man die frühere Holztäfelung der Decke durch ein geschmackvolles Gurtgewölbe in Stein ersetzt. 1794 wurde das Gotteshaus von der französischen Regierung als Nationalgut erklärt und schließlich unter den Hammer gebracht. Die Kirche wurde Fabrik. Die Thürme wandelte!» sich in gualmende Kamine eines Fapencc-Ofens um. Gott Lob, daß das böse Gewissen über diese Versündigung an den» Kunst- und Frommsinne unserer Vorfahren nicht zur Ruhe gekommen. Dei allmälig fast zur Ruine werdende Bau wurde der Pfarrgemeinde geschenkt. Der wieder aufblühende kirchliche Kunstsinn schuf den Willibrordus-Bau-Verein, dessen reiche Sammlungen die Mittel zu der jetzt vollendeten Restauration boten. Sie ist in allen Theilen gelungei». Die Pläne zu den baulichen Arbeiten, insbesondere auch zu den zwei prächtigen Thürmen, die das stilvolle Säulenpvrtal flankiren, sind aus der Hand des DirectorS des Germanischen 'Museums, Professor I)r. Essenwein in Nürnberg, hervorgegangen. Hclbig, ein Schüler Bethue's, hat die polpchromische Ausmalung übernommen. Der nach Darcy in Paris angefertigte Hochaltar ist eine durch Gold und Email-Schmuck mit Geschmack ausgestattete Bronzearbeit. Der trefflich ausgeführte Baldachin-Altar ist eine Schöpfung der Werkstätte von Richard Morst in Köln. Alles vereinigt sich, die Kirche zu einem wirklichen Kunstkleinod zu machen. Seitwärts der Kirche liegen die umfangreichen Gebäude des frühern Benediktiner- Klosters. Jetzt dienen sie meist Jndustriezwecken. Die am besten erhaltenen Räume werden von einen» der Miteigenthümer als Wohnung benutzt. Das prächtige Treppenhaus mit Deckenmalereien aus den» vorigen Jahrhundert und die zwei anstoßenden Säle, deren Wände noch heute mit werthvollen ledernen Goldtapeten bedeckt sind, verdienen besondere Beachtung. Ein großes Oelgemälde gibt die Medaillon-Portraits der langen Reihe der Aebte von der Zeit der Gründung an bis zur Säkularisation wieder. Von der Kloster-Bibliothek ist nur noch der Raun» vorhanden: Die werthvollen und thsilweise seltenen Bücherschätze, über 8000 Bände, sind von den Franzosen fortgeführt »vorbei». Auf dem Markte liegt die altdeutsche Dingstätte oder, wie sie in Echternach heute noch genannt wird, der „Dingstuhl": ein freier Platz, überragt von einem viereckigen Ueberbau, der durch eine Doppelreihe von Säulen getragen wird. Hier wurde in älterer Zeit, wie das der Name bekundet und eine Urkunde aus 1539 bestätigt, von den Schöffen Recht gesprochen. Gegenüber liegt das Nathhaus, ein derselben Epoche angehörender Bau, dessen crenelirter Giebel gleichfalls auf Säulen ruht. Auf dem Marktplatz herrscht 430 ein buntbewegtes Leben. Es ist Pfingstmontag, also der Vorabend der berühmten Spring« procession. Kram« und Schießbuden, Caroufsels und Seiltänzergrsellschaften, kurz, alle möglichen Belustigungen find hier unter lauter Theilnahme der entzückten Stadtjugend im Begriff, sich auf morgen zu rüsten. „Echternacher Brücke" heißt die auf preußischem Gebiet liegende Häusergruppe auf der andern Seite der Sauer. Sehr beachtenswerth ist die noch aus der Nömerzeit her- rührende, 117 Meter lange Brücke, deren massige Quadern dem Zahn der Jahrhunderte und bei so manchen Hochfluthen insbesondere der Gewalt des Elementes in einer staunen- . erregenden Art getrotzt haben. Von dieser Brücke schaute bis Ende der sechsziger Jahre das Standbild des Abtes Bertels in die kristallhelle Fluth hinab. Der große Historiker genoß bei den Echternachern ein solches Ansehen, daß sie das Standbild, um es vor der Zerstörung durch die Franzose» zu bewahren, 1794 in die Sauer vergruben. Das wieder an seinen Platz gebrachte, inzwischen aber verfallene Monument ist bis dahin noch nicht wieder ersetzt worden. Der Blick gerade ausgerichtet, fällt auf die steilen Wände des von einem reichen Sagenkreis umwobenen „Ernzer Berges". Hier schmiedete zur Zeit der Begründung der Abtei der im Volksniund heute noch fortlebende Zauberer Kitzele seine gefürchtet«» Ränke gegen die mächtigen „Glousterhäere". Im nahegelegenen „Deivel- schoart" (Teufelsspalt) hatten dämonische Unholde ihre unerreichbaren Schlupfwinkel. Daneben waren die dem Gebet gewidmete» Klausen frommer Einsiedler erstanden — alles allmälig verhallende Echos des auf diesem Boden mit besonderer Zähigkeit aus- gefochtenen Kampfes des Christenthums mit der Götterlehre der Römer und Frankens Der Berg, wenn auch nur zur Hälfte erklommen, bietet eine mehr als lohnende Aussicht. Zu Füßen die Stadt, seitwärts mit Reben bepflanzte Abhänge, im Hintergründe der Eingang zu dem mit vielem Glück erschlossenen Aesbuchthale, zur Rechten wie gegenüber waldreiche Höhen, überragt von prächtigen Felsgebilden, die einer Kette künstlich erbauter Festungswerke ähnlich sehen. In dieses wunderbare Bild vertieft, höre ich von« Thurm der Pfarrkirche her — wohl als Festgelävte zum Willibrordustag — die feierlich schönen Klänge einer tief- tönenden Glocke; wie ich später hörte, ein Geschenk des Kaisers Maximilian. 1512 hatte er in Trier den von hier nach Köln verlegten Reichstag eröffnet. Hierbei mit seinem Gefolge nach Echternach zur Verehrung des h. Srbastianus, eines der Schutzpatrone gegen die gefürchtet« Pest, gekommen, wurde er Zeuge der Springprocession. Diese geschichtliche Thatsache ist Gegenstand der Darstellung eines 1553 von unbekannter Hand gemalten Oelbildes, das, wie ich mich auf dem inzwischen angetretenen Rückgänge zur Stadt überzeugt habe, noch gegenwärtig in der Pfarrkirche sich vorfindet. An der Hauptstraße fiel mir ein im Stile der Abtei erbautes Patricierhaus auf. Ueber dem Thorweg las ich den Wahrspruch: Lola, rriisoria ouret cura, ot inviäin. Im ersten V Augenblick klingen die Worte seltsam, und doch, es ist ivahr: nur im Unglück ist man frei von Besorgniß und ohne Neider. Wie mir später mein biederer Hirschwirth erzählte, war das Haus Aesitzthum der Grafen Rieth von Dierf. Wer weiß? Vielleicht liegt in jener Devise ein Stück Familiengeschichte ausgesprochen. Es ist Pfingst-Dienstag. Schon die früheste Morgenstunde brachte in die ziemlich engen Straßen ein gewaltiges Leben. Unausgesetzt strömten große Pilgerschaaren herbei, bald Processionen, bald kleinere Gruppen — alle andachtsvoll die Willbirordus-Litanei singend oder betend. Auf meinem Wege zur Kirche stieß ich vor dem Gasthof auf einen Knäuel halbwüchsiger Burschen. Ihre anfangs nicht verstandene Frage im Ortsdialekt: „Dangt er mech, fir mat ze spränge?" vermochte ich erst nach einigem Parlamentiren zu enträthseln. Sie hatten mir richtig abgesehen, daß ich als Willibrordus-Tänzer woh! nicht qualificirt sei. Allen Nichttänzern wird Gelegenheit geboten, tanzen zu lasse««. Daher ^ die Frage: Dingt Ihr mich, um mit zu springen? Auf den, preußische» Ufer der Sauer stand gegen 8 Uhr eine unabsehbare Volksmenge. Von einer improvisirten Kanzel herab hielt ein noch jugendlicher Priester in deutscher Sprache die Festpredigt. Mit deren 431 <- Schluß vermochte ich mich aus dem sich entwickelnden Gewühls nur mit Mühe zu meinem Gasthof zu retten. Von dessen dicht besetzten Fenstern aus ließ ich das bunte Bild der sonderbaren Procession an mir vorüberziehen. Hinter dem zahlreichen Klerus, der mit einem mächtigen Männerchor die Procession eröffnend die Willibrordus-Litanei anstimmte, folgte ein verstärktes Musikcorps, welches in berauschenden Tönen den nun folgenden Springern zum Willibrordus-Tanz aufspielte. Auf die Springer folgten an 2000 Pilger, die sich auf das Beten des Rosenkranzes beschränkten. 23 Gendarmen, eine Anzahl Turner und das städtische Pompier-Corps befaßten sich mit Handhabung der Ordnung. ^ Mein Interesse galt ausschließlich den Springern. Der amtlichen Zählung zufolge waren es ihrer 9528, die alle in theilweise wildem Wogen und Drängen nach der von den verschiedenen Capellen immer wiederholten eintönigen Weise hüpften, tanzten und sprangen. Die schnelltactige Melodie nähert sich ganz dem manchem aus der Zeit der Jugendspiels wohlbekannten Liede: Abraham hat sieben Söhne, sieben Söhn' hat Abraham; Sie aßen nichts, sie tranken nichts, sie machten alle sa. Der Tradition nach sollen fünf Schritte vorwärts und drei Schritte rückwärts, oder drei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts gemacht werden. Von einem rhythmischen und gefälligen Tanze, wie er sich z. B. in Spanien auch bei religiösen Festen als Ausdruck nationaler Sitte erhalten hat, war hier nur bei verschwindend Wenigen die Rede. Bei dem großen Haufen war der Eindruck des Ordnungslosen und stellenweise förmlich Ungefälligen vorherrschend. Manchem, besonders aus dem Kreise der Jugend, las man den Schalk im Gesicht ab. Gleichwohl fehlte es auch nicht an erbauenden Momenten. Die Mehrzahl der Theilnehmer, welche nebenbei gesagt, fast ausschließlich den ländlichen Kreisen Luxemburgs, der Eifel und den Moselstrichen angehören, scheint in dem Glauben zu handeln, ein gutes Werk zu thun. Und Gutes zu wollen, ist ja an sich schon gut. Rührend war der Eindruck von so manchem alten Mütterchen, das, ungeachtet der Last der Jahre, trotz der förmlichen Glühhitze des Tages, tanzend und springend sich mit fortschleppte. Abgesehen von den verschiedenen programmmäßigen Capellen wird die Procession von einer Anzahl freiwilliger Solisten begleitet. Violin- spieler und Trommler, Trompeten und Schalmaisn sieht man in kurzen Abständen auf die Procession vertheilt; alle spielen mit bewundernswerther Ausdauer zum sogenannten Willibrordus-Tanz auf. Die sich immer wiederholende Melodie erinnert in ihrer Eintönigkeit unwillkürlich an. die Musik eines irländischen Marsches. Die Procession, deren Weg zwar nur ein Kilometer lang ist, aber doch zwei Stunden Zeit in Anspruch nimmt, endigt in der Pfarrkirche. Auch hier noch wird das Springen fortgesetzt: das rechte Seitenschiff hinauf, um den Altar herum, das linke Seitenschiff hinunter bis zum Kirchhof. Ein dreimaliges Nundspringen um das große Kirchhofskreuz beschließt den Tanz. Kaum ist die Procession zu Ende, so tritt das Volksfest in seine Rechte: eine Kirmeß ^ in großem Stil. Von der sogenannten bessern Gesellschaft des Luxemburger Ländchens hat sich ein gut Theil der eleganten Damen und Herren-Welt ein fröhliches Stelldichein ^ gegeben. Gesprungen wird auch von ihnen, allerdings erst Abends in den Räumen der ' Casino-Gesellschaft nach Straß'schen Weisen. Nachmittags vereinigt sich alles im Abtei- aarten bei Kaffee und Conzert» (Schluß folgt.) Miseellsrr. (Reicher Kindersegen.) In einer der letzten Nummern der „Estafette", einem Madrider Journal, lesen wir folgenden merkwürdigen Vorfall, den wir wir seiner Originalität wegen unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Jüngst kehrte nach Galizien» seinem Heimathslande, ein Greis von 93 Jahren zurück, der vor 70 Jahren nach Amerika auf die Suche nach Glücksgütern gegangen war» Er besitzt heute mit Kindern, Enkeln, und Uerenkeln die stattliche Zahl von 197 Familienmitgliedern» außerdem eine große Anzahl von Schwiegersöhnen, die sämmtlich mit ihm in seinem eigenen Dampfer nach 432 Spanien zurückgekehrt sind. Der ehrwürdige Greis nennt sich Lukas Negreiras Saez, hat Amerika in seiner ganzen Länge und Breite durchstreift und besaß zuletzt ein großes Leder- und Häutemagazin in Boston. In seinen drei Ehen, die er eingegangen war, hatte er das Glück, Vater von 37 Kindern zu werden. Seine erste Frau, eine Spanierin, schenkte ihm 11 Kinder in sieben verschiedenen Geburten; beider letzten, einem Drillinge, verstarb sie. Seine zweite Frau, mit der er 18 Jahre lebte, schenkte ihm 19 Sprößlinge in l3 Abschnitten. Zum drittenmal im Alter von 55 Jahren vermählt, wurde ihm das seltene Glück zu Theil, seine Familie noch um fernere sieben Häupter sich vermehren zu sehen; wieder befanden sich ein Paar Zwilling darunter. Der letzte Sprosse dieses ur- krüftigen Stammes sah airp 15. Juli 1864 das Licht der Welt, als sein Papa bereits 74 Jahre zählte. Der älteste Sohn ist gegenwätig 70 Jahre alt, und hat bis jetzt seinem Vater 17 Enkel geschenkt, deren ältester zur Zeit im blühenden Alter von 47 Jahren steht. Der gegenwärtige Bestand dieser seltenen Familie ist folgender: 16 Töchter, davon eine unverheirathet und sechs Wittwen; 23 Söhne, wovon sechs unver- heirathet, 13 verheirathet und vier Wittwer; 34 Enkelinen, davon neun unverheirathet, 22 verheirathet und drei Wittwen; 47 Enkel, davon 17 unverheirathet 26 verheiratet und vier Wittwer; 45 Urenkelinen, davon 2 verheirathet, und 39 Urenkel die das Eheglück noch nicht gekostet, außerdem 3 Ururenkel. Der alte Herr N. lebt äußerst mäßig, feine Mahlzeiten bestehen meistens aus Gemüse und Puris, fast ganz ohne Salz. Täglich widmet er drei Stunden dem Spaziergang und hygieinischen Uebungen. Wein und alkoholische Getränke hat er niemals genossen. Trotz seines vorgeschrittenen Alters besitzt er eine vortreffliche Gesundheit. (Bureaukra tische Grobheit.) In der jüngst erschienenen Schrift: „Die Politik Friedrich Wilhelm's IV." erzählt der Wirkt Geh. Ober-Regierungsrath Wagen«« als Beispiel, wie verknöchert die preußische Verwaltung am Schluss« der Regierung Friedrich Wilhelm's III. war, folgende kleine Geschichte aus der Zeit des Ministers v. Schuckmann. Als nämlich die Cholera zum ersten Male Preußen durchzog, erstattete eine Regierungsbehörde einen Bericht an den Minister v. Schluckmann, in welchen: eS hieß: da nun die verderbliche Seuche auch ihrem Regierungssitz sich nähere, so hätten sie beschlossen, einen dreimonatlichen Urlaub mit entsprechender Vorwegnähme ihres GehalteS zu nehmen und bäten ihre Excellenz um hochgeneigte Genehmigung. Hr. v. Schluckmann, der einen drastischen Stiel liebte, erwiderte darauf umgehend: von der Cholera hätten sie nichts zu besorgen; wenn aber wieder Vermuthen die Rinderpest ihrem Sitze sich nähern sollte, dann bäte er um schleunigen Bericht. Gleichzeitig erhielt der Präsident seinen Abschied." (Ein gemüthlicher Romanschriftsteller.) Durch ein verhängnißvolles Versehen ist neulich in einer Provinzialzeitung eine für die Redaction bestimmte Bemerkung des Nomanautors mit abgedruckt worden. Der betreffende Feuilletonroman schließt damit, daß die jugendliche Heldin in Nußdorf bei Wien das Grab in den Wellen sucht» Dieser Selbstmord ist sehr grell geschildert, und umsomehr überrascht den Leser die nun folgende nicht für seine Augen berechnete Bemerkung: „Sollte Ihnen das Schicksal der Louise zu düster erscheinen, so lassen wir sie leben; es hieße dann bei der 46. Zeile gleich: „Louise dachte noch oft an den schändlichen Streich, den ihr der blonde Doktor gespielt; aber allmählich gewann auch sie ihre Ruhe und Zufriedenheit des Herzens wieder." .... Das ist doch ein gemüthlicher Romancier, der mit sich reden lätzt! (Epidemisches.) Ein Schulivspektor kommt im Winter während der Schulzeit in ein Dorf und trifft eine große Anzahl der schulpflichtigen Jugend, welche sich auf dem Eise des Dorfteiches belustigt. „Warum seid Ihr denn nicht in der Schule, Kinder?" fragte der würdige Herr. Wie aus einem Munde schallt ihm die Antwort entgegen: „Mer dürfen nich, mer han die Masern." Für die Nedaltion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. Unternuktunggökatt ,ur „Äilgsburger Postzeitung." Nr. 55. Mittwoch. 11. Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna berichtete von der Zeit ihres Unterrichts, den ihr Sophie Dörner ertheilt und nachdem diese entlassen von den beiden Jahren, die gefolgt und unter häuslicher Thätigkeit schnell verflossen waren. Jetzt hielt sie inne» und sie forschend doch liebevoll ansehend, sagte ihr Großvater: „Hast Du mir nichts weiter zu erzählen, Anna?" Sie senkte erröthend die Augen, der Landkammerrath aber fuhr mit tieferer Stimme fort: „Kind, laß mich das Ende hinzusetzen, das nicht schwer zu errathen istl — AuS Waldemar, Deinem ehemaligen Kindheitsgenossen, ist ein Graf Steinhorst geworden, der auf seine Güter zurückgekehrt ist, meine Enkelin liebt, und den sie wieder liebt, allein seine Großmutter will keine Verbindung mit dein bürgerlichen Mädchen gestatten!" Anna war noch tiefer erröthet, blickte aber den Landkammerrath offen und zuversichtlich an und erwiderte: „Es ist wie Du sagst, Großvater, doch wird sie es dennoch thun. Großvater Kohring will ihr meinen wahren Namen nennen, und gedenkt dadurch ihre Zustimmung zu erlangen, denn ohne diese will auch er unsere Verbindung nicht gestatten!" „So stehen also die Dinge", entgegnete nachdenklich der Schloßherr, und konnte in seinen, Herzen dein Förster seinen Beifall nicht versagen. „Wie wäre es, wenn ich an die Gräfin schriebe, denn ohne ihren Enkel gibt es auf Erden wohl kein Glück für Dich?" — Anna senkte den Blick, erhob ihn aber nach einigen Sekunden wieder und sagte in bittendem Ton: „Großvater, überlasse Alles meinem Großvater Kohring, der vielleicht schon jetzt mit der Gräfin gesprochen und auf dem Wege hierher ist!" „Er will also kommen?" fragte schnell der Landkammerrath. „Er wäre gekommen, Großvater, auch wenn Du mich nicht eingeladen hättest, um meinetwillen, um mein Glück wollte er die Reise unternehmen!" „So werde ich denn auch ihn nach so langen Jahren wiedersehen!" sagte sinnend der greise Schloßherr, fügte aber alsbald lebhafter hinzu: „Anna, Du mußt hier sogleich als meine Enkelin auftrete», denn ich kann und werde nicht zugeben, daß vielleicht meine Leute Dich erkennen, und ich irgend eine Frage oder Andeutung ihrerseits erfahren müßte. Meine älteren Diener kennen die früheren Familienereignisse zur Genüge, und die jüngeren haben von ihnen davon gehört — doch genug davon! — Schreibe Deinem Großvater Kohring, was sich hier zugetragen, lade ihn wie auch Deine Tante in meinem Namen ein-" „Ich werde noch heute den Brief besorgen, Großvater", unterbrach Anna, die fast 434 zu träumen wähnte, und kaum begreifen konnte, daß ihr Geschick sich so plötzlich um» gestaltet. „Weiß Sophie Dörner, wer Du bist?" fragte der Landkammerrath nach momentanem Schweigen. „Nein, Großvater, sie weiß nur, daß ich Förster Kohring's Enkelin, Anna Herfeld, bin! — " „Jetzt muß sie wissen, daß Du auch meine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald bist!" antwortete der Landkammerrath mit einem Blick voll väterlichem Stolz und väterlicher Freude, und fügte mit weicher Stimme hinzu: „Die ich aber nur gefunden zu haben scheine, um sie schon wieder mit einem geliebten Gatten ziehen zu lasten. Doch wird das sobald noch nicht sein, Anna, und damit stimmt gewiß Dein Großvater Kohring mit mir überein, und wollen vorläufig nur an Deine Verlobung mit Graf Steinhorst denken! —" XXIII. Anna war von ihrem Großvater den Leuten der Haushaltung und des Gutes als seine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald vorgestellt worden, und Alle hatten die Weisung erhalten, in ihr die Herrin des Schlosses zu sehen. Niemand war froher über dies Ereigniß als Bergmann's, die ihr in herzlichen Worten Glück dazu wünschten, ihr aber auch die Versicherung gaben, daß sie sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit erkannt hätten. Anna mußte auch ihnen, den treuen Freunden ihrer Eltern und Groß» eitern, eingehend von ihrem bisherigen Leben in Vahrenwald berichten, und mit großem Interesse hörten sie ihr zu, und freuten sich über die Aussicht, ihren alten Freund so bald und gesund und wohlbehalten wieder zu sehen. Sophie Dörner, welcher die näheren Familienverhältniste im Försterhause von Vahrenwald unbekannt geblieben, hatte diese von Anna, ehe ihr Großvater sie als seine Enkelin vorgestellt, voll Ueberraschung und Theilnahme vernommen. Auch sie hatte ihr Glück gewünscht, die ihr gebührende Stelle erlangt zu haben, und hatte scherzend hinzugefügt, daß man sie nun wohl bald als Gräfin Steinhorst begrüßen könne. Thusnelda war sehr glücklich, in Anna jetzt eine Cousine zu haben, und als scherzend ihr Großvater sagte, daß sie nun nicht mehr die einzige Erbin ihrer Großmutter sei, sondern alle vorhandene» Schätze derselben mit Anna zu theilen habe, erwiderte sie den Arm um diese schlingend, während sie sie zugleich voll zärtlicher Bewunderung betrachtete: „Großpapa, es ist genug für uns Beide da, und Anna, die so gut und so schön ist» soll vorn Allem daN Schönste und Beste haben!" Für den greisen Schloßhrrrn war ein anderes, ein nie gekanntes Leben angegangen, und rückhaltlos gab er sich der Freude über den Besitz seiner schönen Enkelin hin, die ihm die aufmerksamste Pflegerin und liebste Gesellschafterin war, und wie er zu seiner Genugthuung erfuhr, mit eben so viel Liebe, wie Bewunderung betrachtet wurde. Aber auch Anna war froher und heiterer, wie sie seit langer Zeit gewesen, denn alles Dunkel, was bisher ihr Leben getrübt, jedes Hinderniß, das ihrem Glück störend entgegen getreten, war plötzlich und unerwartet geschwunden, und allem menschlichen Ermessen nach mußte sich ihre Zukunft glücklich gestalten. Von ihrem Großvater und ihrer Tante, denen sie alle Ereignisse eingehend geschrieben, war noch keine Antwort angelangt, doch beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß möglicherweise Ersterer auf die entscheidende Unterredung mit der Gräfin Steinhorst zu warten haben, und sie erst nach dieser schreiben, oder gar selbst kommen würde. Während dieser Zeit hatte Anna den Buchenhof besucht, begleitet von Sophie, Thusnelda und Bergmann's. Als sie ihre erste Heimath gesehen, wo jetzt ein fremder Verwalter wohnte, waren dem Andenken ihrer Eltern ihre Thränen geflossen, und Bergmann's mußten ihr alle ihnen aus jenen Tagen erinnerlichen Ereignisse erzählen. An einem andern Morgen hatte sie sich von ihnen in das Mausoleum, wie auch 46S nach dem Friedhof des Dorfes führen lassen, und hatte die Särge ihrer Eltern und das Grab ihrer Großmutter, das sie sorgsam erhalten und gehütet gefunden, mit Blumen reichlich geschmückt. Sie schloß sich Bergmann'S überhaupt mit warmer Zuneigung und Dankbarkeit an, und diese brachten ihr die Liebe entgegen, welche sie für ihre so früh verstorbenen Eltern empfunden. So war der neunte Tag nach Absenkung des Briefes herangekommen; gegen Mittag befand sich Anna im Wohngemach, dessen Thüren bei der andauernden Septembersonne weit geöffnet standen; Sophie Dörner und Thusnelda waren mit den Unterrichtsstunden beschäftigt, und ihr Großvater, welcher wiederum einige Schmerzenstage gehabt, war mit dem Verwalter in seinem Zimmer beschäftigt. Sie hatte schon eine Welle gedankenvoll in den Garten geblickt, dessen Bäume und Stäucher der Herbst leise zu färben begann, und endlich ihren Gedanken Worte gebend, sagte sie halblaut: «Nur eine Stunde möchte ich im Försterhause bei meinem Großvater und meiner Tante sein, möchte Christine und meinen treuen lieben Wolf sehen, die Alle sich freuen würden, mich wieder in ihrer Mitte zu haben! Aber-- und hier lauschte sie aufmerksam — «war das nicht ein Posthorn? — Jetzt höre ich «S deutlich — sollten — sollten sie es sein?" und hastig das Wohngemach verlassend, eilte sie in die Vorhalle, wo sie August traf, welcher sagte: «Es ist eine Extrapost, gnädiges Fräulein, und wird entiveder hierher kommen, oder zum Herrn Verwalter fahren —* und lustig und kräftig stieß jetzt der Postillon in'S Horn, daß es weithin hörbar war. «Nein, nein, sie kommt hierher!" rief jetzt Anna mit steigender Erregung. «Aber sehen Sie, August, sie hält im Thor." Wirklich hielt der Postwagen an dein Eingangsthor, ein großer, schwarzer Hund sprang zur Erde, und mit dem Ruf: «Wolf! — Wolf! hierher!" trat sie auf die Treppe, für den Augenblick Alles um sich her vergessend, denn ihr Großvater und ihre Tante muhten in dem Wagen sein. Jetzt hatte der Neufundländer, der die ihm wohlbekannte Stimme vernommen, sie erreicht und sprang mit lautem, freudigen Bellen an sie heran, bis seine Vorderpfoten auf ihren Schultern lagen, und er ihr voll Freude und Treue in die Augen blickt«, während sie seinen glänzenden schwarzen Kopf streichelte, und ihn mit den zärtlichsten Namen benannte. Einen Moment hatte der Diener voll Rührung dieser Szene zugesehen, und war dann zu dem Landkammerrath geeilt, um ihm die Ankunft der Extrapost mitzutheilen. Bei dieser Nachricht wechselte der Schloßherr die Farbe, und die Hand, welche die Feder zur Unterschrift hielt, zitterte merklich. Doch währte dies nur eine Sekunde, dann sagte er zwar noch mit unsicherer Stimme zu dem Verwalter, welcher im Begriff war, sich zu entfernen: «Bleiben Sie, Bergmann, damit auch Sie Kohring sehen und begrüßen können, denn ohne Zweifel wird er in dem Wagen sein!" Unterdeß war die Extrapost angekommen, und Förster Kohring ausgestiegen. Anna war herzugeeilt und lag im nächsten Augenblick an ihres Großvaters Brust. Dieser drückte einen Kuß auf die Stirn des geliebten Enkelkindes, und führte es darauf in die Vorhalle, wohin ihnen Frau Albrecht, die ebenfalls ausgestiegen, folgte. «Großvater, mein lieber, theurer Großvater!" mehr vermochte Anna nicht zu sagen, blickte aber unter Thränen der Freude und Rührung in seine Augen, indeß er leise sagte: »Der Herr hat Alles gut gemacht, mein Herzenskind —" „Ja, Großvater das hat er!" entgegnete Anna und die folgenden Schritte vernehmend, entwand sie sich seinen Armen und flog ihrer Tante entgegen, die sie ebenfalls tief bewegt an ihre Brust schloß, während Anna in der freudigen Aufregung ihres Herzens das Gesicht der mütterlichen Freundin mit Küssen bedeckte. Im Begriff, sich mit ihnen in'S Wohngemach zu begeben, wandte sie das Haupt und stieß einen Laut der Ueber- 436 raschung aus, denn Graf Steinhorst, dessen Züge die tiefste Bewegung verriethen, stand vor ihr. „Anna!" rief er schnell, näher tretend, und sie vermochte nur „Waldemar!" zu erwidern, dann hielten sie sich fest umschlangen; und unter Thränen blickten der Förster und seine Nichte auf das so glückliche jugendliche Paar. Graf Steinhorst ermannte sich zuerst und sagte mit einem Blick inniger Liebe auf das schön« Mädchen, das an seiner Brust lag: »Anna, ich bin mit der Bewilligung Deines Großvaters und meiner Großmutter hier.-" „Aber mein Großvater Bodenwald, Waldemar", entgegnete Anna schnell. „So führe mich zu ihm, Geliebte, damit ich Dich endlich meine Braut nennen kann! —" Der Landkammerrath blickte erwartungsvoll nach der Thür, versuchte vergeblich die Bewegung zu unterdrücken, die sich seiner bemächtigt. Es blieb ihm auch keine Zeit dazu, denn die Thür ward geöffnet, an der Hand ihres Geliebten trat Anna ein, und sagte, sich mit ihm dem Krankenstuhl nähernd: „Großvater, hier bringe ich Dir Waldemar — Graf Steinhorst", fügte sie schnell und erröthend hinzu. „Herr von Bodenwald", begann der junge Mann, voll Theilnahme auf den greisen kranken Schloßherrn blickend. „Herr Graf", unterbrach ihn dieser mit unsicherer Stimme, „ich weiß Alles, habe Alles durch meine Enkelin erfahren, Ihr Hiersein beweist mir, daß Ihre Frau Großmutter -" „Meine Großmutter heißt Anna als Enkelin gern willkommen." „So bin ich auch damit einverstanden, daß sie die Ihre wird!" und Beider Hände ineinander fügend, umschloß er sie mit festem, warmem Druck, während seine Lippen leise Segensworte sprachen. „Anna, jetzt meine Braut", rief in lebhafter Freude Graf Waldemar, umfaßte sie noch einmal und ihre Lippen begegneten sich zum ersten Verlobungskuß. Jetzt ward nochmals die Thür geöffnet, und voll Spannung, die jeder Zug seines gefurchten Gesichtes verrieth, blickte der Landkammerrath den Eintretenden, Förster Kohring und Frau Albrecht, begleitet von dem Verwalter, der hinausgegangen war sie zu begrüßen, entgegen. Einen Augenblick sah der Förster auf die einst so stolze Gestalt des Schloßherrn von Bodenwald, der jetzt in Decken gehüllt im Krankenstuhle lag; einen Augenblick sah dieser auf den stattlichen Mann, aus dessen Augen jedoch der jahrelange Kummer sprach, dann reichten sich Beide stumm die Hände, und Jeder zerdrückte im Auge die Thräne, welche die Erinnerung an die Vergangenheit hervorgerufen. Nicht minder bewegt ward Frau Albrecht von dem Landkammerrath begrüßt der sie zwar persönlich nicht kannte, ihr jedoch für das, was sie seiner Enkelin gewesen, die größte Dankbarkeit zollte. Während dieser Begrüßung aber trat Anna mit ihrem Verlobten zu ihrem Großvater Kohring, und ihn voll kindlicher Liebe umfassend, flüsterte sie: „Habe Dank, Großvater für Alles, was Du für mich gethan!" worauf er Beide in seine Arme schloß, und mit kaum vernehmbarer Stimme sagte: „Und mit Freuden habe ich es für Dich, mein Herzenskind, gethan l — Mögt Ihr nun glücklich seii^und werden, und der Herr mir noch einige Lebensjahre vergönnen, damit ich mich Eures Glückes freuen kann!" „Und die wirst Du in unserer Mitte verleben, Großvater", rief lebhaft Graf Waldemar, „Du und die Tante, Ihr müßt fortan bei uns auf Steinhorst wohnen, denn ohne Euch kann ich mir dort den Aufenthalt nicht denken!" Jetzt sagte auch Frau Albrecht dem Brautpaar ihre Glückwünsche und darauf stellte Anna Bergmann ihren Verlobten vor. Auch dieser beglückwünschte sie in herzlicher Weise und fügte mit unsicherer Stimme hinzu: 437 „Dem Herrn sei Dank, gnädiges Fräulein, baß er mich und meine Frau diesen Tag erleben ließ, denn wer außer Ihrer Familie könnte sich wohl mehr über Ihr Glück freuen l" Es trat eine ruhigere Stimmung ein, und eben wollte der Landkammerrath seiner Enkelin auftragen, Thusnelda, ihre Erzieherin und auch Frau Bergmann holen zu lassen, als diese eintraten. Es wiederholten sich noch einmal die Vorstellungen, Begrüßungen und Glückwünsche, wobei ThuZnelda mit sichtlicher Genugthuung hörte, daß Graf Waldemar sie seine künftige Cousine nannte und sie aufforderte, später Anna in Steinhorst aufzusuchen. Da nach aller Aufregung der greise Schloßherr der Ruhe bedürftig war, so verließen ihn sämmtliche Anwesende, und während die Angekommenen ihre Zimmer aufsuchten, begaben sich die Schloßbewohner in den Wohnsaal, wo Jene sich bald wieder bei ihnen einfanden. Beim Mittagsessen, an den« auch Bergmann's Lheilnahmen, fand sich auch der Landkammerrath wieder ein; dies verlief in möglichst heiterer Stimmung, denn die früheren Erinnerungen wurden fern gehalten, und Graf Waldemar ließ sich die Unterhaltung der beiden Großvater besonders angelegen sein. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Mensch weint oft im Schlaf; wenn er erwacht, weiß er kaum» daß er Thränen hatte Dafür halte das Leben. Im zweiten weißt Du nicht mehr, daß Du im ersten geweint. Jea» Paul. Gott ist das Licht, das selber nie gesehen, alles sichtbar macht und sich in Farben verkleidet. Nicht Dein Auge empfindet den Strahl, aber Dein Herz dessen Wärme. Jean Paul- Das ist ein süßer Trost dem Menschenfreunde, Daß alles, was nur lange wo bestanden, Und sei's der Tod, — vom menschliche» Gefühl Stets wiederholt gefaßt und stets gemildert, Sein nnhsitfchweres längst verloren, wenig Bedeutet, ja oft schön und menschlich ist, Geschmückt mit jenen jegenjchweren Blumen, Die treu in Gott aus alle Tage streut. Leopold Scheser. Begegne jedem Bösen zart und sanft! Begegn' ihm hilfreich, denn du kannst kaum denken, Welch' schmählich Sein er trägt, wie viel er Kraft Verschwendet, um sich ausrecht in der Fülle Der Edleren zu hallen. Leopold Scheser. Hätte die Kahe Flügel, kein Sperling wäre in der Luft mehr: Hätte, was jeder wünscht, Jeder, wer hätte noch was? Herder. Echterrrach und die Spriirgprocessiorr. (Schluß.) Ueber den historischen Hintergrund der Echternacher Springprocession ist viel geschrieben worden; geschichtlich Verbürgtes liegt nicht vor. Die Forschungen sind zu den seltsamsten, manchmal geradezu abgeschmackten Erklärungsversuchen gekommen. Der 1755 gestorbene Historiker Bertholet erzählt in seiner Geschichte des Großherzogthums, bald nach St. Willibrordns Tod sei, der Legende nach, eine Viehseuche ausgebrochen, die sich in ganz tollen Springen und Capriolen geäußert habe. Zur Abwehr des Uebels habe man gelobt, tanzend und springend zum Willibrordus-Grab zu wallfahrten. Der geschichts- kundige Pros. Marx sieht die Erscheinung in seiner Geschichte des Erzstists Trier als ein Echo des 1349 aufgetauchten Flagellantenthums an. Der Tanz ist indeß schon vor den Flagellanten nachweisbar. Anderseits ist der Tanz ein lustiger Dreisprung, der den Gedanken an Büßersinn nicht aufkommen läßt. Servatius Ottler, ein Chronist der 46 « Abtei Prüm hebt 1623 die Möglichkeit hervor, daß es sich um das Ueberbleibsel eines heidnischen Brauches handele. Professor Krier, früher NeligionSlehrer in Echternach, jetzt Regens des Convicts in Luxemburg, schließt sich dieser Ansicht in seiner 1871 erschienenen Abhandlung über „die Springprocession" an. Geschichtlich steht fest, daß der Tanz als Ausdruck der Freude wie des Dankes einen Theil des heidnischen Gottesdienstes bildete. Tief eingewurzelte Bräuche vermochte auch das Christenthum nicht zu verdrängen. Darum begnügte man sich, ihnen einen christlichen Gedanken unterzuschieben. Etwas der Echter« nach» Procession Aehnliches berichtet Montalembert in den Mönchen des Abendlandes. Der h. Aldhelmus, der Begründer des Klosters Malmesbury, ein Zeitgenosse des heil. Willibrordus, wurde bei der Rückkehr von seinen Missionsreisen unter den rhytmischen Tänzen der zusammengeströmten Bevölkerung in Empfang genommen. Ganz so mag es in Echternach gehalten worden sein, wenn Willibrord von seinen vielen Bekehrungsreisen zum Pfingstfest in die Mauern der von ihm in's Leben gerufenen Abtei wieder einzog. Die Tänze, welche man bei seinen Lebzeiten zu seinem Empfange veranstaltete, hat man nach seinem Tode zu seinem Grabe als Ausdruck freudiger Verehrung fortgesetzt. In der Volks-Tradition findet diese Combination eine Unterstützung nur in so weit, als nach ihr das Entstehen der Procession jedenfalls in das Zeitalter Willibrord's zurückreicht. Im Uebrigrn habe ich bei meinen Nachfragen in den verschiedensten Bevölkerungskreisen — so weit sie sich überhaupt unterrichtet zeigten — meist den Bescheid bekommen, die Springprocession gelte als Bittgang gegen den Veitstanz oder gegen die Epilepsie. Als solcher sei er eingeführt worden zur Zeit der Veitstanz-Epidemie. Neuestens spricht sich auch Professor Marx für diese Lesart aus. Aber auch hier ist zu antworten: die Pro« crssion existirte schon vor der Veitstanz-Epidemie, die allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Luxemburg und dessen weitester Umgebung geherrscht hat. Und dann — es liegt etwas geradezu Ungereimtes in dem Gedanken, man habe ein Uebel abwehren wollen durch Nachahmung der Zuckungen und Bewegungen der unglücklichen Kranken. Da klingt ungleich poetischer eine andere Version. Danach wäre „der lange Veit" der Schöpfer der Procession. Er lebte zu Willibrordus Zeit. Von einer Wall» fahrt in's gelobte Land kehrte er nach langer Gefangenschaft bei den Mohammedanern ohne feine inzwischen gestorbene Gattin zurück. Die Güter des Todtgeglaubten waren von den Verwandten vertheilt worden. Um deren Herausgabe abzuwehren, wurde Veit beschuldigt, seine Gattin ermordet zu haben. Das Gottesgericht entschied gegen ihn. Veit sollte am Galgen sterben. Als letzte Gnade bat er sich aus, seine aus dem Morgen- lande mitgebrachte Geige spielen zu dürfen. Veit spielte und spielte. Die Volksmenge wurde durch die Töne wie bezaubert. Mit einem Schlage sing Alles an zu tanzen Groß und Klein, Männer und Frauen, Richter und Henker, und schließlich gar Ochs und Pferd, Katz und Hund. Nichts vermochte sich dem Zauber zu entziehen. Der Spielmann verschwand. Der Tanz dauerte fort, insbesondere bei den habgierigen Verwandten Veit's. Willibrord brach den Zauber. Die von dem Uebel Befreiten erblickten in dem Vorgang einen Hähern Fingerzeig für den ungerechten Nichterspruch. Als Sühne wurde die Springprocession eingeführt. Natürlich, diese Sage ist Dichtung. Als innerlich und geschichtlich berechtigte Erklärung erübrigt eigentlich nur die Annahme, daß die Springprozession ihrem Kern nach ein in ein christliches Gewand eingekleideter heidnischer Brauch ist. Wenn Herr Professor Krier sich auf diesen Boden stellt und dabei doch für die Procession begeistert, so läßt sich das wohl nur voin Gesichtspunkt eines nicht ganz unbefangenen Local-Patrkotismus erklären. Nicht als ob allen Bräuchen der Garaus gemacht werden soll, deren Wurzeln in die Zeit des Heidenthums zurückreichen. So wird sich gewiß Niemand an der anmuthigen Christbaum-Feier stoßen, obwohl die heidnische Jul-Feier bei ihr Pathenstelle vertreten hat. Der Echternach» Springprocession läßt sich etwas Sinniges oder äußerlich Schönes beim besten Willen nicht abgewinnen, Interessant ist, daß die in Echternach jetzt noch bestehende Springprocession bis vor stark hundert Jahren auch in der gleichalterigen Abtristadt Vrüm in der Eifel genau 433 in derselben Art und Weise stattgefunden hat. Durch Decret des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus und durch Verordnung des Weihbischofs von Hontheim vom Jahre 1777 wurde für Prüm wie für Echternach „das bei den Processionen übliche Tanzen und Springen" als „unschicklich" verboten. Gleichwohl hat Echternach die Spring« procession 1802 wieder aufgenommen. In Prüm hingegen hat sich nur noch eine Bitt« procession erhalten. Der echte Frommsinn würde keine Einbuße erlitten haben, wenn man in Echternach dem Prümer Beispiele gefolgt wäre. Zweifellos würde sich die jetzige Gestalt der Procession ganz von selbst verlieren, wenn ihr geschichtlicher Hintergrund genügend bekannt wäre. Theorie und Praxis. „Was Unsinn!", sagt zum Hans der Veit, „Noch nach dem Tode fort zu leben?! Ha, dazu bin ich längst schon zu gescheidt, Aus solche Thollheit noch etwas zu geben! Ei, hin ist hin, gerade wie beim Thier, Und drum, je bälder, um so lieber mir!" Piff, paff! kracht da des Jägers Schuß, Die Kugel hatte säst des Veiten Kopf errathen, Und Veit, voll Schrecken darüber und Verdruß, Läuft zu verklagen ihn, — zum Advokaten! C. Halb eck. Mtseellen. (Eine Stunde mit einer Todten.) Im Pariser „Figaro" berichtet ein Mitarbeiter Jgnotus, hinter welchem Pseudonym sich ein Baron Patel verbirgt, unter dem spannenden Titel: „Eine Stunde mit einer Todten" über einen nur wenig bekannten Frauenorden, die „barfüssigen Klarissinnen", denen er eine unbegrenzte Bewunderung widmet. Diese Klarissen haben im Jnvalidenviertel ein Kloster, das nur 18 Nonnen und einige Laienschwestern für ihre Bedienung zählt. Vierzehn der Nonnen sind unter dreiundzwanzig Jahre alt; denn die Regel ist so streng, daß die meisten Bewohnerinnen des Hauses jung sterben. Sie tragen ein rauhes Wollkleid mit einem Strick als Gürtel, gehen das ganze Jahr barfuß auf kalten Steinböden, wärmen sich niemals an einem Feuer, da sogar der Küchenherd außerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs liegt, essen nur einmal des Jahres, am Weihnachtstage, Fleisch und sonst nur eine geringe Gemüsesuppe, schlafen auf einem Brett, das einen Meter im Geviert hat und ein Ausstrecken der Glieder nicht gestattet, unterbrechen ihre sechsstündige Nachtruhe durch zweistündiges Gebet, knieen zehn Stunden des Tags in der Kapelle, leben von Almosen und dem Ertrag ihrer Arbeit, die sie neben den religiösen Uebungen verrichten, dürfen unter sich nur die unerläßlichsten Worte sprechen und gewöhnen sich auch diese oft dermaßen ab, daß die Äbtissin dem sie durch einen eisernen undurchsichtigen Schieber in der Wand interviewenden Jgnotus versicherte, mehr als eine ihrer Nonnen wäre heute nicht mehr im Stande, einen Satz zu bilden. Die Insassen des Klarissenklosters gehören größten- thrilS vornehmen Geschlechtern an. Sie dürfen mit der Außenwelt gar nicht mehr verkehren und sich ihren Eltern nur einmal im Jahre durch das Gitter der Kapelle aus der Ferne zeigen. Wenn eine der Nonnen stirbt, so wird sie von ihren Genossinnen in den Sarg gebettet und dieser auf die Grenze der Klausur gestellt, wo die Behörden die Todtenschau im leeren Zimmer vornehmen können. (Zur Erinnerung an Theodor Körner.) Vor 70 Jahren, nämlich am 18. Juni 1813, wurde bekanntlich Theodor Körner zu Kitzen schwer verwundet. Die den am Boden Liegenden zuerst auffand und zur Rettung des Dichters die geeigneten Schritte that, war ein lOjähriges Mädchen. Die Helferin in Todesnöthen lebt heute noch als 80jährige Frau in Grvßzschocher bei Leipzig, und zwar in kümmerlichen Ver- — 440 — hältnifsen. Schriftsteller Dr. Karl Siegen hat nun Gelegenheit genommen, von diesem Umstände den deutschen Kaiser in Kenntniß zu setzten und demselben die Bitte um Unterstützung der alten Frau — Therese Haubenreißer ist ihr Name — auszusprechen. Da« Vorgehen ist von gutem Erfolg begleitet gewesen, denn der Kaiser hat sich bewogen gefunden, der Therese Haubenreißer auf Lebenszeit eine monatliche Unterstützung auszusetzen, welche auf Veranlassung des k. preußischen Gesandten zu Dresden, Grafen von Dönhof, am 18. Juni zum erstenmale durch den Ortsgeistlichen von Großzschocher, Superintendent vr. Michael, ausbezahlt worden ist. * (Eine königliche Verordnung.) Friedrich der Große, „der alte Fritz", erhielt einmal von dem Magistrat« einer kleinen märkischen Stadt F. die unterthänige Anzeige, es habe der Tischlermeister N., wohnhaft in selbigem Orte, „Gott gelästert, den König geschmäht und den Magistrat beleidigt", weßhalb ein hoher Magistrat um gestrenge Bestrafung des Delinquenten ersuche. Die Antwort des Königs lautete folgendermaßen: „Daß der Tischler N. Gott gelästert hat, ist nur ein Beweiß, daß er ihn nicht kennt, — daß er Mich geschmäht hat, vergebe ich ihm, aber, daß er sogar den hohen Rath der Stadt F. beleidigt hat, dafür soll er — eine halbe Stunde nach Spandau." (Festung bei Berlin.) (Opernsängergeschichten.) Die „W. Abdp." schreibt: In Theaterkreisen erzählt man sich zwei unglaubliche, aber wahre Opernsängergeschichten. Ein Baritonist gerieth kürzlich bei einer Diskussion über „Faust" so sehr in Eifer, daß er behauptete, Gounod's Oper sei älter als die gleichnamige Tragödie. Kürzlich, bei einer Aufführung des „Orpheus", wurde ein Tenorist von einem Kollegen aufgefordert, nach der Loge eines hochgestellten Herrn zu blicken, da sich Gluck in derselben befinde. Der Tenorist richtete sein Opernglas, sah hin und sagte: „Nach der Photographie habe ich mir Gluck jünger vorgestellt." .... Das Alles macht wohl die Hitze! (Eine hübsche Anekdote von einem charakterfest en Politiker) erzählt der „Figaro". Es war unmittelbar nach dem Staatsstreich des Jahres 1851. Ein Republikaner, der seit 1848 einen ziemlich hohen Posten in einem Ministerium bekleidete begegnete auf der Straße einem Freunde, der in der Seinepräfektur angestellt war. „Ich habe soeben meine Demission gegeben," ruft er erregt dem Freunde zu, „ich hoffe, daß Du auch die Deinige geben wirst." Nach einer kurzen Pause der Ueber- legung antwortet der Freund höflich: „O bitte, die Deinige genügt mir!" (Amerikanisches.) In einigen Countyblättern des amerikanischen Westens fand sich vor Kurzem eine Anzeige, in welcher in pomphaften Reklamestiel die „billigste Nähmaschine der Welt" zum allerdings erstaunlich billigen Preise von 1 Mark osferirt wurde. Gar manche brave Farmersfrau, die auf den offenkundigen Schwindel hereingefallen, erhielt von dem inserirenden „Fabrikanten" — eine Nähnadel zugesandt. (Im Gebirge.) Baron: „Sagt mal, Bäuerin, wie bringt Ihr denn das Muster auf dem Kuchen so schön fertig? Ihr habt wohl ein eigenes Instrument dazu?" — Bäuerin: „O na, Herr Baron, dees macht ma mit'm Kämpe (Kamm)!" Sinngedicht. „Es bringt doch gar zu viele Müh'n, Sich Geist und Herz zu bilde», Und manches muß von dünnen zieh'n, Was lieb und werth wir hielten I" Du möchtest wohl in aller Nutz Des Lebens Weisheit kriegen? — Sahst Du beim Hobeln niemals zu, Wie da die Spähne fliegen? E. Halbeck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. »ur „Äugslmrger PostMmg." Nr. 56. Samstag, 14. Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dobson. (Schluß.) Nach dein Mahl unternahmen Anna und ihr Großvater Kohring, mit dem sie, da er fortwährend von Bergmann's in Anspruch genommen worden, noch kein vertrautes Wort gewechselt, einen Spaziergang durch den Garten, indeß Graf Waldemar dem Laitd- kammerrath Gesellschaft leistete. Nach einigen gegenseitigen Fragen und Antworten begann sie: „Großvater, laß mich nun auch wissen, auf welche Weise Du die Einwilligung der Gräfin erlangt-" „Das ist schnell erzählt*, entgegnete Förster Kohring, sein Enkelkind, das ihm schöner und stattlicher noch als sonst erschien, voll Liebe betrachtend. „Ich wußte von Waldemar daß der Besuch sich auf einige Tage entfernt hatte, und wollte diese zur Ausführung meines Planes benutzen, als Dein Brief ankam, der, wie Du denken kannst, Deine Tante und mich mit großer Freude erfüllte, denn wir hatten kaum geglaubt, daß sich die Sache hier so schnell entscheiden würde, was jedoch für alle Theile das Wünschenswertheste war. Am folgenden Tage also fuhr ich nach Steinhorst, ward von der Gräfin angenommen, ich trug ihr mein Anliegen vor, während Frau und Fräulein von Stein sich im nächsten Zimmer befanden." „Sie ließ mich kaum ausreden, und erklärte entschieden, wenn auch nicht unfreundlich, daß ihr Enkel keinen bürgerlichen Namen in die Familie bringen dürfe, daß er diese Kindheits- und Jugenderinnerung aufgeben, und eine reiche, ebenbürtige Gattin wählen müsse! — „Frau Gräfin", entgegnete ich ihr auf diese Erklärung» „meine Enkelin würde keinen bürgerlichen Namen in Ihre Familie bringen. Sie hat besonderer Verhältnisse wegen bisher nicht den ihrigen geführt, und dieser lautet Anna Thusnelda von Bodenwald, als welche sie nebenbei ein sehr reiches Mädchen istl" „Von Bodenwald!" ertönte es von den Lippen der Damen im nächsten Zimmer, die, wie mir nicht entging, in sichtlicher Aufregung näher traten, während die Gräfin überrascht fragte: „Kennt Ihr diesen Namen?" Fräulein Constanze erröthete lebhaft, ihre Muttter jedoch erwiderte: „Ein junger Mann, den wir in Schlesien kennen gelernt, führt ihn. Er steht in k ! i in Garnison und hat sich uns zuerst auf den, Balle vorstellen lassen I" Die Gräfin sah ihre Enkelin an wie ich es gethan, und mochte ungefähr dasselbe was ich denken. Dann aber sich mir wieder zuwendend sagte sie: »Herr Förster, lassen Sie mich wissen, weshalb Ihre Enkelin bisher den Namen Herseld und nicht ihren eigenen geführt?" Ich erzählte ihr die Geschichte Deiner Eltern, wie ich sie Dir und Waldemar er- 442 zählt, und es entging mir nicht, baß die drei Damen mit der größten Aufmerksamkeit zuhörten. Als ich meinen Bericht beendet, fugte ich hinzu: „Meine Enkelin ist bei ihrem Großvater, und wird seinem Wunsch zufolge zunächst auf Schloß Bodenwald bleiben, wohin auch meine Nichte und ich in den nächsten Tagen abreisen werden!" Die Gräfin schwieg eine Weile, dann aber sagte sie: „Herr Förster, lassen Sie mir noch kurze Zeit zum Ueberlegen —" „Bis morgen werden Sie doch wohl warten können?" „Ja, bis morgen also!" Ich empfahl mich den Damen und ging zu Waldemar, mit dem ich noch wegen seiner Holzungen 'zu sprechen hatte, und theilte ihm auch meine Unterredung mit seiner Großmutter mit, und er — —" „Er wußte, daß nun Alles gut stand", unterbrach lebhaft die Stimme des Genannten, „und daß Du, meine liebe, liebe Anna doch mit der Bewilligung meiner Großmutter die Meine werden würdest?" und nach diesen Worten nahm er ihren freien Arm, denn der andere ruhte in dem ihres Großvaters. „Woher aber konntest Du das wissen, Waldemar?" fragte sie mit glücklichem Lächeln zu ihm aufblickend. „Weil ich längst das HerzenSgsheimniß meiner Cousine entdeckt, die, nebenbei gesagt, Dich liebt und bewundert —" „Mich?" fragte Anna leicht erröthend. „Ja, und weißt Du auch weshalb?" „Wie kann ich — —" „Weil Du vsm Lieutenant von Bodenwald, Deinem Better, so ähnlich bist, den sie liebt. Aber Großvater", wandte er sich an den Förster, ich komme Dir zuvor —" „Erzähle nun das Ende, mein Sohn, das Du ebenso gut weißt wie ich-" „So laß es mich hören, Waldemar", sagte Anna schnell und mit einem leichten Anflug von Ungeduld im Ton, und fröhlich lachend erwiderte Graf Steinhorst: „Das klang ja wie in alter Zeit, Anna, wo der etwas blöde und schüchterne Waldemar so gern die Wünsche und Befehle seiner weit selbständigeren Gefährtin erfüllte!" Auch Anna und der Förster lachten und Letzterer sagte: „Aber Waldemar Du wolltest — —" „Nichtig, Großvater", entgegncte munter der junge Mann, „Anna sollte wissen, wie sie nun doch zur Gräfin Steinhorst wird! — Meine Großmutter und Tante hatten lange Unterredungen, was mir nachher Constanze anvertraute, und das Ergebniß der Unterredungen war wahrscheinlich die Hoffnung, durch seine Enkelin den Landkammrrrath für die Verbindung seines Neffen mit Constanze von Stern zu stimmen. Meine Großmutter ließ mich wenigstens am Abend in ihr Zimmer kommen und theilte mir mit, daß unter den veränderten Verhältnissen sie meinem Glücke nicht entgegen sein wolle und meine Verlobung mit Anna von Vodenwald zugebe, für welche Zustimmung ich ihr sehr dankbar die Hand küßte. Zwei Tage später waren wir unterwegs hierher — —" „Und nun bin ich Deine Braut, Waldemar!" sagte voll Liebe zu ihm aufblickend Anna, und während er zärtlich seinen Namen um sie schlang, fuhr sie fort: „Es ist seltsam, daß ohne mich zu kennen, Constanze von Stern mir ihre Zuneigung zugewandt, die ich übrigens theile, wenngleich ich sie ebenfalls nur einige Male in der Kirche gesehen!" „Hoffentlich werdet Ihr Euch bei persönlicher Bekanntschaft immer besser gefallen", sagte Graf Waldemar» „denn Constanze ist mir eine sehr liebe Cousine und wird auch Deinem Großvater gefallen!" Förster Kohring kehrte mit seinen beiden Enkelkindern in's Schloß zurück, doch war im Wohnsaal, wo sie namentlich von Thusnelda mit großer Ungeduld erwartet wurden, der Landkammerrath noch nicht erschienen. Nach einer Weile ließ er Kohring zu sich bitten, und dieser leistete sogleich seiner Aufforderung Folge. Sie blieben lange beisammen, aber 443 Niemand erfuhr je, was sie gesprochen. Als aber endlich Anna voll Sorge um ihre beiden Großvater leise das Zimmer betrat, in dem schon Dämmerung herrschte, sah sie, daß beide Männer sich die Hände gereicht und Thränen über ihre Wangen Herabflossen. Einen Moment stand sie schweigend und tiefbewegt vor ihnen, dann neigte sie sich auf diese Hände herab, berührte sie mit ihren Lippen, küßte dann die Thränen von den Wangen ihrer Groszväter, und sagte nur ihnen vernehmbar: „So hat's kommen müssen!" — Ihr seid versöhnt — ich habe meinen Namen wieder, und segnend sehen meine Eltern vom Himmel auf uns herab!" Der Landkammerrath faßte die Hand seines ehemaligen Försters noch fester und jagte leise und mit tiefer Bewegung: „Haben Sie Dank, Kohring, das; Sie mir diesen Engel erzogen! — Sie wird der Trost, die Freude und der Stolz meiner letzten Tage sein!" XXIV. Länger als ein Jahr ist vergangen, und in Schloß Bodcnwald bereitete man sich zu einer Doppelhcchzeit vor. Das eine Brautpaar ist des Schloßherrn noch schöner erblühte Enkelkind, und Waldemar Graf von Stsinhorst, das zweite der Lieutenant von Bodenwald und Constanze von Stern. Der junge Majoratserbe hat seinen Abschied nehmen müssen, um sich in der Be- wirthschastung seiner Güter hineinzuarbeiten, auf Anna's Verwendung hat der Land- kammcrrath seine Verlobung mit Constanze von Stern zugegeben, die seitdem verschiedentlich auf Bodenwald gewesen, und sich die Liebe des greisen Gutsherrn und seiner Enkelin crworkem Zu der Feier sind bereits verschiedene Gäste angekommen; zuerst die beiden jungen Männer, deren Bräute in Bodenwald sind, die Gräfin Stsinhorst, welche Anna, die einige Male in Vahrenwalir gewesen, schon als Enkelin begrüßt; Fratz von Stern, die Anna mit besonderer Zuvorkommenheit behandelt, denn sie weiß, wie mächtig sie für ihre Tochter gewirkt, Förster Kohring, seine Nichts und Christine, und Sophie Dörner und Thusnelda, welche ihre Fericnreise zur Hochzeit verschoben. , Der Festtag war herangekommen, die Trauung sollte in dem großen Saal des Schlosses vollzogen werden, und dieser ist reichlich mit Grün und Blumen geschmückt. An der einen Seite war ein Altar errichtet worden und vor diesem stand der Geistliche des Dorfes, welcher die feierliche Handlung vollziehen sollte und im Kreise warteten Diejenigen, welche der feierlichen Handlung beiwohnen wollten und voll Spannung nach der Thür blickten, durch die die Brautpaars erscheinen mußten. Endlich wurden die Flüge! geöffnet, man hatte wohl. selten zwei schönere Paare an den Altar treten sehen, und der Landkammerrath konnte sich voll Genugthuung sagen, daß kau n, eine edlere Erscheinung als die seiner Enkelin den kränklichen Kranz und Schleier getragen. — , Die Trauung war vollzogen, und als Mann und Weib nahmen der Graf und die ^räsin Steinhorst, neben Herr und Frau von Bodenwald Aller Glückwünsche entgegen, tiinergnffen von der feierlichen Handlung und dem wichtigen Lebensschritt, den sie soeben gethan. Dann folgte das Hochzeitsmahl — die Abreise nach verschiedenen Richtungen — Graf Steinhorst will seine Gemahlin nach mehreren großen Siadtsn führen, deren Genüsse ihr noch neu sind, Herr von Vodenwald dagegen die Seinigs nach Schlesien, um deren ihm noch unbekannte Geschwister zu besuchen» Nach einigen Wochen kehrts das. letztere Paar von der Hochzeitsreise zurück, nach einigen Monaten das erste, das ebenfalls sich zuerst nach Bodenwald begab, denn Am ' sehnte sich ihren kranken Großvater zu begrüßen. Eine Veränderung, im Laufe des Jahres vorbereitet, war nnterdeß mit dem Aufenthalt verschiedener in diesen Blättern genannter Personen vorgegangen. Förster Kohring hatte seinen Abschied genommen, um mit seiner Nichts, Ehrisiins und Wolf nach Steinhorst zu ziehen, denn Anna konnte sich nicht entschließen flich von 444 ihnen, die ihr bisher im Leben stets nahe gewesen, zu trennen, und Graf Walbeinar, der seinen! jetzigen Großvater und seiner Tante kindlichste Liebe entgegenbrachte, stimmte mit diesem Wunsch überein. — Die alte Gräfin Steinhorst hatte nach eigener Wahl ihren dauernden Aufenthalt in Schönau genommen, und zwar mit ihrer Tochter, Frau von Stern, welche nach Ver- heirathung ihrer Tochter Constanze, das Gut in Schlesien ihrem Sohn übergeben. Der Landkammerrath, welcher seine geliebte Enkelin nur zu gern in seiner unmittelbaren Nähe gehabt, und bis an sein Lebensende behalten hätte, mußte diesem Wunsche, so schmerzlich es ihm auch war, entsagen, und sich damit begnügen, sie in der ihm unerreichbaren Entfernung als Gräfin Stsinhorst glücklich zu wissen nachdem sie ihm das Versprechen gegeben, oft, sehr oft in Bodenwald, ihrer ersten Heimath, Einkehr halten zu wollen, ein Versprechen, dem sich auch ihr Gatte anschloß. Thusnelda und Sophie Dörner hatten daselbst jetzt ihren dauernden Aufenthalt genommen, nachdem die Aerzte erklärt hatten, daß in dem geistigen Zustand der Ersteren nie eine Aenderung eintreten würde. Als ein sehr erwünschtes Geschenk hatte der Graf und die Gräfin Steinhorst dem Landkammerrath ihre Portraits von der Hochzeitsreise mitgebracht, welche genau die Größe und die kostbaren Rahmen der Familienbilder hatten und als beide ihren Platz erhielten, bemerkte Anna neben dem ihres Vaters ein anderes, das Bild einer jungen und lieblichen Frau, und unter diesem stand der Name: „Anna von Bodenwald geb. Kohring." Zunächst diesen! folgte das Bild ihrer einzigen Tochter, bezeichnet als: „Anna Thusnelda Gräfin von Steinhorst, geb. von Bodenwald." Die Reihe aber schloß das Portrait des Grasen Waldemar von Steinhorst, und auf diese Familienbilder, dir letzten seiner Kinder und Kindeskinder blickte der greise Gutsherr mit besonderer Liebe und besonderem Stolz. Goldkörner. ^ Recht ist hüben zwar, wie drüben, Aber dennoch sollst du trachten, Etg'ue Rechte mild zu übeu, Fremde Rechte streng zu achten. Leopold Sche er. Ein Thor, der klaget Slets andere an. Selbst sich anklaget Ein halb schon wsiser Mann. Richt sich, nicht andere klaget Der Weise an. . Herder. Großen Seelen ziehen die Schmerzen nach, wie den Gebirgen die Gewitter; aber au ihnen brechen sich auch die Wetter, und sio werden die Wetterscheide der Ebene unter ihnen. Jean Paul. Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Götter Schooß dies Glück, Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick. Schiller. Wie der Schatten früh am Morgen, Ist die Freundschaft mit dem Bösen: Stund auf Stunde nimmt nur sie ab. Aber Freundschaft mit dem Guten Wächset wie der Abendschatten, Bis des Lebens Sonne sinkt. s Herder. Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte, Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte. Den Samen legen wir in ihre Hände, Ob Glück, ob Unglück ausgeht, lehrt das Ende. Schiller. Empfindsame Briefe aus Brückenau. Von Karl Felix. 4. Brief. Der schrille Klang einer Glocke weckt mich ans meinen Träumen, — es ist Mittagszeit, die schrecklichste Stunde des Tages! Ich kann inir nichts Abgeschmackteres und Zuwidereres denken, als eine rndls ck'kwte! Meine Seele dürstet nach Freiheit, ich möchte einige Wochen so ganz in stiller Nahe genießen, losgelöst von allen Fesseln, die das Leben dem Menschen nur zu ost aufbürdet und hasse den Zwang, den eine dumme Mode mir auferlegt, nicht essen zu dürfen, wann es mich freut und was mich freut, ja nicht einmal mich hinsetzen zu dürfen, wo es mich freut, sondern just da, wo es dem Kellner beliebt hat, meine Serviette hinzulegen! Eine unheimliche Stille herrscht, ein Curgast nach dem andern kommt, sagt kurz „Mahlzeit" zu feineni Nachbar und jetzt sich nieder. Die Speisen neiden aufgetragen. Statt dem Flüstern der Blätter und dem Gesang der Vogel, der mich vor wenigen Alinuten noch entzückte, höre ich jetzt nur das Klappern der Teller, das Klirren der Gläser und das Geräusch von Messern und Gabel». Es sind erst sehr wenige Curgäste hier, wir sitzen zu 13 an der Tafel! Ich habe nur links einen Nachbar, rechts sind leere Stühle. Bin ich nun der erste oder der dreizehnte? Schreckliche Frage für einen nervösen Menschen! Mein Nachbar ist eine unzugängliche Natur; er spricht fast nichts nnd wenn er etwas sagt, ist es stets irgend eine beißende Bemerkung. Er ist der personificirte Sarkasmus! Obgleich er in keiner guten Haut zu stecken scheint, so liest er doch in allen Blättern zuerst die Todesanzeigen, um zu erfahren, ob nicht Einer gestorben ist, dessen Tod ihm Aussicht auf Beförderung bietet. — Mißtrauisch blickt Eines auf das Andere und hie und da flüstert Einer dem Nachbar etwas zu, denn^laut zu reden getraut er sich in dem kleinen Saale nicht, er erschrickt vor dem Ton seiner eigenen L-timme nnd will nicht, daß der ganze Tisch weist, was er gesagt hat. Der joviale Doctor gibt sich alle Mühe, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, aber es gelingt ihm nicht, man kennt sich ja nur dein Namen nach und bis man sich endlich genauer kennen lernen würde, müssen die Meisten schon wieder fort und machen Andern Platz, die Dich wieder nicht kennen und mit mißtrauischen Blicken betrachten. Da fährt endlich nm halb 2 Uhr der Postomnibus vorbei. O sei mir gegrüßt, du Netlnngsengel, — vielgeliebter Dons ox maobiua! Man bekommt Zeitungen und Briefe, fliegt sie hastig durch, nnd ist aus Augenblicke sich selbst wiedergegeben. Wenn die Krachmandeln nnd ante« diluvianischen Rosinen verzehrt sind, geht der Kellner mit einem Teller unheimlich von Gast zu Gast, die Markstücke klirren und rufen Dir freudig zu: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kaun gehend Doppelt schon isl's Nachmittag, wenn die schreckliche Stunde der tabks cl'llote überstanden ist, im Walde. Ich gehe auf mein Lieblingsptätzchen und ruhe aus. Horch! Was tönt da auf einmal zu mir herüber? Was sind das für Laute? Ein leises Flüstern und Zwitschern, dann ein mächtiges Brausen, — inzwischen langgezogene weiche Töne, wie von eiuer menschlichen Stimme!? — Ich nähere mich dem Orte, von wo die Töne kommen, — es ist die Cureapelle, welche morgen zum erstenmal spielen wird und eben eine Probe hält. Ich lausche, — es ist eine jchwermüthige Weise, die sie gerade spielt und «nein Herz eriüllt ein unendliches Heimweh. Unter allen schönen Künsten ist die Musik die älteste und treueste Gefährtin im menschlichen Leben. Schon im Paradiese werden sich die ersten Menschen am Gesänge der Vogel erfreut haben. Der Säugling, dessen Bewußtsein noch kaum erwacht ist, wird durch ein leises Lied feiner Mutter in sanften Schlaf gewiegt und dem müden Greise, der diese Welt verlassen hat, rufen ernste Orgelklänge noch den letzten Abschiedsgruß nach; bei den Tönen der Musik hüpfen glückliche Paare durch den erleuchteten Saal und bei den Tönen der Musik stürmt der junge Krieger begeistert in die Schlacht! Hymnen ertönen zum Lob und Preis des Unendlichen, die Cherubim singen ihr „heilig, heilig," und die Posaunen wecken die stillen Schläser zum jüngsten Gericht! Die Musik vermag Freude und Trauer, Sehnsucht und himmlischen Frieden zu schildern, sie vermag ein krankes Gemüth zu besänftigen und eine zagende Seele anzufeuern, nur ein unedles Gefühl wachzurufen, vermag sie nicht. Sie ist darum auch die keuscheste der schönen Künste! Hanslick jagt in einem Feuilleton der Neuen freien Presse: muß es doch gerade Dichter und Schriftsteller, welche ihr Leben der inhaltreichsten „Kunst, der Kunst des Wortes und Gedankens, gewidmet, tief verstimmen, wenn sie allenthalben „die Bevorzugung der Musik, dieser Kunst der schönen I »Haltlosigkeit zu erfahre» haben." Dieser Ausspruch des berühmten Musikkritikers hat mich, als ich ihn seinerzeit las, frappirt. Gerade diese sogenannte „schöne Jnhaltlosigkeit" ist es ja eben, was der Musik alle Herzen öffnet! Die Werke der Plastik können mich durch ihre Formenschönheit entzücken, aber ich muß eben einen Sinn sür Formcnschönheit haben; die Farbenpracht der Malerei und die Bilder, die sie hervorzaubert, können mich begeistern und zu Thränen rühren, — die Werke der Poesie können meinen Geist erheben und meine Seele erschüttern, aber es sind ganz bestimmte Gefühle und Empfindungen, welche diese beiden Künste hervorrufen und ich muß ^ine» gewissen Grad von Empfänglichkeit haben, um gerade in diesen, künstlich wachgerufenen Gefühlen schwelgen zu können. Die Musik dagegen ist eine Sprache, die Jeder versteht, dessen Gefühlsleben nicht völlig erstürben ist, auch wenn er nicht musikalisch gebildet ist, — sie läßt der Fantasie den sreiesten Spielraum und ist eine Jakobsleiter, 446 die vorn schmutz der Erde in die himmlischen Gefilde führt. Wo der Pinsel des Malers und die Feder des Dichters zu schwach und zu arm sind, den Gefühlen, die das Men- schcnherz bewegen, Ausdruck zu verleihen, da thut es noch eine sanfte Melodie, ein einziger sterbender Accord! Sage ich vielleicht zu viel? O dann nimm es mir nicht übel, geneigter Leser, — dann sind nur meine Nerven daran schuld! Ich wollte keinen übcrjchwänglichen Panegyrikns schreiben, aber eS empört sich mein Inneres und meine Ueberzeuaung, wenn man mir eine Inseriorität der Musik, den anderen Künsten gegenüber, einreden will^ Es ist viel leichter, ein schönes Gedicht zn machen, als ein schönes Lied zn componiren, und was der Komponist hervorbringt, das schöpft er aus seinem eigenen Innern, während dein Dichter das menschliche Leben Stoss in Hülle und Fülle bietet. „Greift nur hinein in's volle Menschenleben, „Und wo ihr's packt, da ist es int'ressant!" 5. Brief. Soeben bringr mir der Postbote eine Einladung von Paul Heinzs in Dresden zum Abonnement auf das „Teutsche Dicbterhcim". Wie eine Todinnde lasten meine gestrigen Erpectorationen auf meiner Seele! Was wird Paul Heinzs dazu sagen? Wird er mich in Zukunft nicht für einen Tnnnnkopf oder exaltirten Schwärmer halten? Werde ich in seiner Achtung nicht meilentief gesunken sein? — Doch ich tröste mich, Paul Heinze wird diese Briese schwerlich zn lesen bekommen und die Andern, welche vielleicht mitleidig über meine Anschauungen lächeln, wissen ja gar nicht, iver der „Carl Felix" eigentlich ist. Es kommt in der Welt unendlich viel darauf-an, wer etwas sagt oder thut. Sagt's z. B. der A., so hält man es snr ein geistreiches Lvmgn, sagt's aber der B., so schwört Jeder darani, es sei eine Flachheit. Auch Paul Heinze macht's in seinem Dichterhenn nicht besser und nimmt manches ziemlich werthlose Gedicht auf, wenn nur ein berühmter Name darunter steht, während er dasselbe Gedicht mit einer bethenden Kritik zurückweisen winde, wenn der Autor unbekannt ist. So war's übrigens in der Welt immer, und so wird» immer bleiben! Schon dcr Lateiner sagt: „81 clno kaeinni iäem, nvn est iüenr" und „Unoäliovi lovi, nonlioetbovi." Die Philosophen haben das Privilegium, das Dümmste zn beweisen und die Gebildeten haben das Privilegium, ungebildet zn sein! Doch zurück zn meinem lieben Brückcnan! — Ich wandle einsam am User dcr Sinn und pflücke Vergißmeinnicht und Maßliebchen. Die Töne sind verklungen, aber das Heimweh, das sie heroorgcrnscn, ist geblieben! Jst's anch noch so schön hier, so fühle ich mich doch verlassen. Schon im Paradiese sprach Gott der .Herr zn Adam: „Es ist nicht gut, daß dcr Mensch allein sei, ich will dir eine Geflihrlin geben" und schuf die Eva. Für mich braucht nicht einmal eine Eva erst geschaffen zn werden, ich Habs ja schon längst eine, — nur das; sie nicht hier ist, sondern viele Meilen von mir entfernt in meinem stillen kleinen Häuschen in Sie muß kommen, dann erst kann ich die Schönheit dieser Wälder, die Reinheit dieser Luft voll und ganz genießen, — dann werde ich jauchzen und jubeln und keine trüben und empfindsamen Gedanken werden mich mehr besclüeichen! Finit're hinaus, kleines Blätichsn, und rufe sie an meine Seite! Ich lege dem Briese die Vergißmeinnicht vom User der Sinn bei und zerpflücke die Maßliebchen, die ich vorhin gesammelt. „Sw kommt" — „sie kommt nicht" — „kommt" — „kommt nicht."-beim letzten Blättchen heißt es: „sie kommt" und jubelnd kehre ich heim! — 6. Brief. Die Physiognomie des Badeorts hat sich in den letzten Tagen mrsenilich verändert: es sind nun mehr Gäste da, die tadlo ü'IuUo findet in Folge dessen in den prächtigen Räumen des imposanten Cnrsaales statt und wer nicht daran thsilnehmen will kann jederzeit ä, In, vnrto, speisen, die Cnr- capcile spielt 3 mal täglich, es wird mnsicirt, gekegelt, tarroclt und getanzt, es werden Ausflüge gemach-, — ein heitereres Leben hat begonnen! Trotzdem kann derjenige, der die Stille und Einsamkeit sucht, stundenlang in den prächtigen Wäldcrn spazieren gehen, ohne gestört zn werden. Ich suhle bereits die gute Wirkung des rtahlwnsssrs und der vorzüglich eingerichteten Stahlbäder, maz auch dcr Dortor in * über das Brückenancr Wasser spötteln, wie er will. Doch, geneigter Leser, Du weißt ja noch nichts vom Doctor in und ich muß Dir deshalb eine kleine Episode erzählen. Es war auf der Fahrt von Jossa nach Brücken»!:. Ich ließ den Kutscher in Zeilloss halten, um ein Glas Bier zn trinken, denn ich war von der langen Fahrt an einem heißen Tage durstig geworden. Mein Kutscher war ein gesprächiger Mann, mit dem ich mich unterwegs vortrefflich unterhielt. In Zeilloss nun saß ein Herr an unserm Tisch und das Gespräch kam natürlich auch aus Brnckenan. Der Herr äußerte sich sehr geringschätzend über die Wirksamkeit der dortigen Stahlgnelle und meinte, Brnckenan sei ein recht schöner Aufenthalt snr Gesunde, jedoch keineswegs ein Bad snr wirklich .Kranke, da die dortige Quelle zn schwach sci, um irgend eine Wirkung zn erzielen. Nun war es wirklich interessant, zn hören, mit welchem Feuereifer mein Kutscher das Ärückenaner Wasser in Schutz nahm und wie cr die Argumente des fremden hü-rrn zn widerlegen suchte. Wenn er seine Gegenargumente vorgebracht hatte, kam als Schlnßbombe stets der Refrain: „König Ludwig I. hat gesagt: „in meinem Königreich gibt es nur ein Bad, und das heißt Brnckenan", woraus der fremde Hcrr regelmäßig erwiderte: „König Ludwig Hai von Bädern nichts verstanden!" Ich mischte mich nicht i» dieDiscussiou, denn ich wollte Brückeuau erst aus eigener Erfahrung kennen lernen, ehe ich sür oder wider Partei ergriff. Es iväre mir übrigens, auf Grund der chemischen Analyse, welche i» der Bndeschnst des lle.Wchner enthalten ist, sehr leicht gewesen, die Theorien des sremden Herrn zu widerlegen, denn bei denn gegenwärtigen istand der Wissenschaft ist man schon langst davon abgekommen, ans der Quantität des Eisenoxyd»!?, welches eine Quelle enthält, absolut aus deren Wirksamkeit zu schließe». (5s müssen verschiedene Faktoren znsamme nvirken. Die Quantität des Eisens, welcle das menschliche Blut benöthigt, ist so gering, das; der Gehalt des Brückenaner Wassers vollständig ausreicht. Die Wirksamkeit einer Stahlgnelle beruht nicht lediglich auf dem Eisengehalt, sondern auf den Mischungsverhältnissen der sämmtlichen festen Bestandtheile und aus dem Gehalt an freier Kohlensäure, welch' letztere die Abjorblionsfähigkcit steigert. Gerade in dieser Hinsicht ist aber das Brückenaner Wasser unschätzbar und übertrifft viele andere, stärkere Stahtguellen. Führt man dem Körper zu viel Eisen zu, so ist der Ueberschns; einfach unnütz, weil er von den innern Organen nicht absorbirt wird, oder sogar schädlich, weil er Verdauungsstörungen verursachen kann. Doch, diese Betrachtungen gehören ni - t in ein Feuilleton und ich breche deshalb ab. Als ich wieder fortgefahren war, fragte ich den um den Ruf des Bades so sehr besorgten Kutscher, wer denn der fremde Herr eigentlich gewesen sei. Er erwiderte mir: „Der Doctor von * " (einem nicht sehr weit von Brückenan entjernten Orte). Damit war mir Manches klar! Wäre in Brückenan kein Badearzt, dann würde der Herr Doctor vielleicht ganz anders gesprochen haben! Ich mußte später noch oft lachen, wenn ich an den Disput dachte. Mit dem Doctor bin ich leider nicht mehr zusammengetroffen. Ich hätte ihm gerne meine Erfahrungen und Ansichten auseinandergesetzt, ohne mich auf die Autorität König Ludwig's 1. zu stützen! Vielleicht bekommt er diese Zeilen zu lesen! 7. Brief. Nun ist's aus mit der „Empfindsamkeit" aber auch — mit den „empfindsamen Briefen"! Meine Eva ist angekommen! — Lebe wohl, geneigter Leser! Bist du nervenschwach oder blutarm, oder sehnst Du Dich »ach den Mühen und Sorgen d:S täglichen Lebens, nach den Aufregungen, die dein Berns vielleicht mit sich bringt, darnach, einige Wochen in stiller Abgeschiedenheit, in reizendem äoloe bar uioirts selig zu verträumen, so komme hicher in dieses Eldorado. In der hehren Pracht der Natur, die sich ringsum entfaltet, in diesen herrlichen Wäldern, wo unter hundertjährigen Buchen und tausendjährigen Eichen so viele traute, liebe Plätzchen winken, wird Dein Körper erstarken und Dein Gemüth sich beruhigen. Hängst Du an den eitlen Vergnügungen dieser Welt, an dem Sinnenrausch des Augenblicks, dann freilich ist Brückenan nichts für Dich, — dann gehe in eines jener modernen Lnxnsbäder, wo der äußere Glanz maßgebend ist, wo Du Jmal des Tages die Toilette wechseln mußt, um salonfähig zu sein und wo Du jalich sein mußt, um Dir aus wenige Wochen falsche Freunde zu erringen! In Brückenan herrschen noch einfachere Sitten und nur die Natur entfaltet hier ihre ganze Pracht. Diese alle und treue Freundin des Menfchen macht aber keinen Unterschied zwischen hoch und nieder, zwischen arm und reich, sie schließt Jeden mit gleicher Liebe in ihre Arme und theilt an Jeden, der ihre Reize zu würdigen versteht, die gleichen Gaben aus! (Anni. d. Red. Der Versasser vorstehende/Briefe hat sich bereit erklärt, durch Vermittlung der Redaction allen denjenigen, welche sich für einen Aufenthalt in Brückenan interessiren sollten, nähere Mittheilungen über die dortigen Verhältnisse w. zu machen.) M r s s e L L § rr. (Die S i in p e l f r a n z e n.) Als Gott das erste Menschenpaar — Erschuf vor so und so viel Jahr, — Da setzt er es in's Paradies, — Das damals an den Himmel stieß — Und sprach zu ihnen: „Lehet hier, — Da habt Ihr allerlei Gethier: — Den Löwen, Tiger und das Nind, — Und wie die Namen alle sind, — Und all' das Viehzeug, wie sich's regt, — Das Haar hinein in's Antlitz trägt, — Auf daß ein Jeder sehen kann, — Daß er gehört dem Thierreich au. — Damit man unterscheiden werd' — Den Mensch von einem Hund und Pferd, — So traget, ich macht's Euch zur Pflicht, — .Das Haar stets frei aus dem Gesicht." — Als d'rauf der liebe Gott verschwand, Eva hart an 'nein Büchlein stand. — Sie blickt hinein und sah mit Graus — Auf ihrer Stirn ein Löckchen kraus, — und eingedenk des Herren Wort — Schob heftig sie die Löcklcin fort, — Daß ihre Stirne klar und frei — Und nicht durch Haar verunziert sei. — Doch heutzutagl dn lieber Gott! — Niemand mehr kennet dein Gebot! — Den alle Eva's, groß und klein, — Zieh'n sich das Haar in's Antlitz nein! — In Löckchenform, bald g'rad, bald krumm — Im Zickzack auch, 's ist gar zu dumm —> Klebt man sich an die Stirn das Haar — Manchmal bis auf die Augen garl — Und 448 diese Haartracht nie gekannt, — Sie wird mit Stolz „Isis IianZs" genannt. — „Vangs" Jede trägt, Gott sei's geklagt. — Prinzessin so wie Küchenmagd. — Die Frau dagegen lob' ich mir, — Die als der Zierden schönste Zier, — Ihr reiches Haar in Flechten legt — Und frei aus dem Gesicht es trägt; — Die kühn des schnöden Brauches lacht — Der „Bangs", und sie mit Muth veracht't, — Die halt' ich werth, — Auf solche Frau'n — Wird stets der Mann verehrend schau'n. (Die Grazer sind loyale Unterthanen, aber schlechte Dichter.) Der Kaiser Franz Joseph bereist jetzt die Provinzen der Monarchie und kommt auch nach Graz. Zu seiner Begrüßung war nun ein Triumphbogen errichtet, auf welchem die folgende, so „sinnige" wie „formvollendete" Inschrift prangt: „Was vor sechsmallmndcrt Jahren Unsere Väter zugeschwore». Wird der Enkel stets bewahren, Sleirer's Treu' geht nicht verloren. Volkes Liebe, Volkes Treue, Das sind Habsburgs feste Mauern, Die sich häuten (?) stets auss Neue Und die ewig sollen dauern." (Enttäuschung.) „Aber liebe Schwester, Dein Unglück existirt wahrscheinlich nur in Deiner Einbildung." — „Meinst Du? Du hast einen Rath geheirathet und bist Näthin geworden, die Schwester hat einen Major geehelicht und ist Frau Majorin geworden, ich habe einen Wittwer geheirathet und glaubte Wittwe zu werden, aber wie schrecklich habe ich mich getäuscht!" (Auf dem Exerzierplatz.) Ein Unteroffizier, etwas entfernt stehend, comman- dirt: „Rechtes Bein aufwärts fü-ü-ürht!" — Ein Rekrut, nicht gut deutsch verstehend, hebt das linke Bein auf. Der Commandirende sieht in der Front zwei Beine dicht nebeneinander und ruft: „Himmelkreuzdonnerwetter, welches Rindvieh hebt da beide Beine zugleich auf?" (Jeder nach seiner Weise.) Herr: „Nun, wie urtheilen Sie über das neue Trauerspiel?" — Dame: „Ach, wir haben uns köstlich amüsirt. Ich habe so geweint!" Die Quelle -er Natur. Ich weiß eine Quelle gar köstlicher Art, Die sprudelt und schäumet in lustiger Fahrt; Sie lockt dich am Morgen zu kühlendem Bad, Sie spület von Sorgen die Stirne dir glatt. Hoch spritzt an mein Fenster das köstliche Naß. — Wen kann es noch halten im dumpfen Gelaß? Aus Straßen und Thoren in?» Freie hinein. Zu schlürfen, zu schlürfen den herrliche» Wein! Wer sollt' es nicht wissen, wie lang' es auch her: Einst floß uns die Quelle gleich wonnigem Meer, Wir sanken in Blumen, versanken im ^Uee, Der Himmel stand endlos auf endlose^ See. Dann ebbte die Woge zu Fluß und zu>Bach: Statt goldener Weile ein enges Gemach, Statt gaukelnder Falter auf blumiger Trist In modrigen Blättern die krimmelnde Schrift! Und ging der Gedanke dir Grübelndem aus, So grüble nicht weiter: nur fort aus dem Haus, Und trink' an.der Quelle der schönen Natur; Dort reist dir die Weisheit aus schwellender Flur. Und wuchsen die Sorgen dir über das Haupt, So ruhe, von rauschenden Wipfeln umlaubt, In heiliger Stille, vom Murmeln nmkost Der kühlenden Welle mit lieblichem Trost. Doch heisa, juchheisa! nun geht es hinaus, Nun jubelt es: „Ferien! die Schulen sind aus!" Nun schmetterl's im Walde so fröhlich und hell, Nun stnrmt's zu dem alten, urewigen Quell. Und wie du dich grämest und kümmerst und bangst, In zehrender Trauer, in nagender Angst, Ö steig' zn den Bergen, dort sprudelt dir hell, Jungkrästig entgegen der heilende Quell. Wann immer auf Erden dir Bitt'res geschah, So rufe die Sonne, die Sterne dir nah, Und trink' an der Quelle, die überall springt, Was Tugend und Freude des Lebens dir bringt! L. v. Heemstede» Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnlller. Nr. 57. 1883, »m „Äilgslmrger PostMnng." —- — « « > >- Mittwoch, 18. Juli Ein Jahr Uogenieben. Von Georg Numüller. „Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all' der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Brust!" Die Abendsonne sandte ihre noch immer glühenden Strahlen auf den menschenleeren,' baumlosen Marktplatz der mitteldeutschen Stadt G. ...» als sich an einem Fenster des Eckhauses das Gesicht eines Mannes blicken ließ» der ungeduldig Jemanden zu erwarten schien. Man hätte dieses Gesicht nämlich schön nennen müssen, wenn nicht ein beständiges Zucken der Mundwinkel und stetes Aufflackern der Augen Zeugniß gegeben hätten von einem unruhigen, friedlosen Geiste, der den ganzen Menschen beherrschte. Darum konnte man auch den Pros. Paul Graf wohl für vierzigjährig halten, obwohl er erst in dem Jahre stand, das man in der Negel als Beginn des Mannesalters bezeichnet. Das „„gescheitelte lange Herabwallende Haar und ein etwas struppiger, blonder Bart, in dem sich bereits einige graue Sprößlinge zeigten, gaben Zeugniß, wie wenig deren Eigenthümer bemüht war, die Leute im Betreff seines Alters auf anders Ansichten zu bringen. Was lag ihm an der Meinung der Welt. Für ihn war die Welt todt, soweit sie nicht seine Elsa und sein Kind umfaßte. Für diese nur lebte er, ihnen gehörte seine ganze Liebe, all sein Sinnen und Trachten. Und doch brannte noch ein anderes Feuer in der Brust des Mannes — ein heißes Sehnen nach Ruhe und Friede. Doppelt empfand er diese Quak, wenn seine Lieben fern von ihn, weilten, um in milderer und reinerer Luft Erholung zu suchen. — Auch heute erschien ihn, die Welt doppelt öde, sein Dasein fried- und freudloser als je. Jetzt verließ er das Fenster und begann hastigen Schrittes in dem Zimmer auf und ab zu wandeln. Dieses, ein großes Helles Gemach, zeigte auf den ersten Blick seine Bestimmung. In der Mitte stand ein großer, eichener Schreibtisch, die Wände bedeckten Bücher und Kupferstiche, welche Begebenheiten aus der Geschichte oder Illustrationen zu deutschen Klassikern darstellten. Die Ecken zierten die Büsten unserer Geistes- herocn. Neben einer halbvollendeten Arbeit lag auf dem Schreibtische Goethe's Faust aufgeschlagen. Draußen läutete die Abendglocke und lud zum Gruße der Jungfrau ein, in der das Wort Fleisch geworden. Paul nahm das Buch zur Hand und murmelte Faust's Worte vor sich hin: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir sehlt der Glaube, Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind Zu jener Sphäre wag' ich nicht zu streben, Woher die holde Nachricht tönt. Und doch, an diesen Klang von Jugend aus gewöhnt, Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß Aus mich herab in ernster Sabbathstille, Da klang so ahnungsvoll des Glockcntones Fülle. Und ein Gebet war brünstiger Genuß. *) Nachdruck ohne Erlaubniß verboten. 45b Da meldete sich statt des sehnlichst erwarteten Briefboten ein Mann, der nach sorgfältiger Erkundigung, ob er an die richtige Adresse gelangt sei, einen wohlversiegelten Brief übergab, mit der Bitte, dessen Einhändigung zu bescheinigen. Hastig erbrach Paul das Schreiben, und nachdem er einen Blick in dasselbe geworfen, händigte er die Bestätigung dem Ueberbringer ein. Dieser, ein süßlächelnder, älterer Mann mit grünlich schillernden Augen, die stets spähend umher schweiften, entfernte sich mit tiefen Bücklingen und fast vertraulichem Blinzeln, indem er baldiges Wiedersehen wünschte. Paul schloß die Thüre ab, um ungestört seinen Gedanken und Empfindungen sich hingeben zu können. Das Schreiben enthielt nämlich — die Auf- nahmsurkunde in den Bund der Freimaurer und zwar in die Loge „Zur Verbrüderung", die seit langer Zeit in der Stadt ihre Thätigkeit entfaltet hatte und in maurerischen preisen in hohem Ansehen stand. Schon vor einigen Wochen hatte Paul um Aufnahme in den Orden nachgesucht; er wollte dort den Frieden finden, den er mit dem Glauben verloren hatte. Jetzt war der erste Schritt in jene unbekannte Welt gethan, die durch Bruderliebe und echte Humanität beseligen sollte. — Und doch wogte es in der Brust des Mannes, wie wenn der eisige Föhn über die Wasser des Sees dahin wirbelt, als er jetzt den Schlüsse! zur Thüre der ersehnten Wahrheit und Bruderliebe in Händen hielt. Er dachte an die Zeit, wo seine liebe, gute Mutter ihm die Hände gefaltet und beten gelehrt hatte, an die Freudenthränen, die sie vergoß, als er zum ersten Male dem Tische des Herrn sich nähern durfte, an ihre Segensworte, die den jungen Studenten bei seinem Abschiede aus dem Vaterhause begleiteten, an den liebevollen Kuß» der ihn beglückte, wenn er am Schlüsse des Jahres ihr das Zeichen seines Fleißes und guten Betragens zeigen konnte, an das Leid, das er ihr verursacht, als er eines Abends, den Lieblingsplan der Mutter ihren geliebten Paul einst am Altare Gott das unschuldige Opfer darzubringen, jählings vernichtete — an die Zeit seiner eigenen Ruhe und des Herzensfriedens, der mir diesem jähen Schritte ihn verließ. Hatte er unrecht gethan, als er das Kleid des heiligen Venediktus ablegte, ehe die Hand des Oberhirten ihn für immer aus der Welt ausschied? Er glaubte recht zu handeln, indem er die Lehre der Kirche mit der Weisheit der Welt nicht vereinbaren konnte. Und doch war ein stilles Sehnen nach der einsamen Klosterzelle ihm geblieben, mitten in der Welt, mitten im rauhen Kampfe um Gründung einer neuen Lebensexistenz. Da hatte er seine Elsa kennen gelernt und ihr holdes Wesen, umwoben vom Zauber der Unschuld, Reinheit und Herzensgüte hatte den unruhigen Mann zum innigliebenden Gatten gemacht. Und als ihm seine Lieb' noch die kleine Lina geschenkt, da jubelte er auf in Wonne und Glück und glaubte für immer Ruhe gefunden zu haben. Allein es war nur die Ruhe vor dem Ausbruch des tobenden Gewitters. Wie der Sturm nach tagelanger Schwüle mit doppelter Heftigkeit Alles entwurzelnd über die Gefilde dahin braust und der Hagel die Hoffnung des händeringenden Landmannes vernichtet, so entfesselten sich mit doppelter Gewalt die Leidenschaften in Pauls Brust und trauernd mußte Elsa sehen, daß all' ihre Liebe nicht die Leere in der Brust ihres Mannes auszufüllen vermochte. Wenn dann, nachdem er die Nacht an seinem Arbeitstische zugebracht hatte oder ruhelos umhergeschweift war, die gerötheten Augen seines treuen Weibes schaute, dann schnürte es ihm wohl krampfhaft das Herz zusammen, dann drückte er seine Lieb an die Brust und suchte mit innigen Küssen die Spuren der Thränen zu vertilgen. In solchen Augenblicken fühlte er wieder den Zauber des hingebenden, reinen Wesens seines Weibes und er gelobte, den Dämon der Unruhe, des Ehrgeizes und Hochmuthes, der ihn stets zu neuem rast- und friedlosen Streben verführte, zu bändigen und nur seine Elsa und seinem Kinde zu leben. Was hatte ihn all sein rastloses Ringen und Streben, sein unruhiges Forschen und Haschen geholfen? Die Ruhe war dahin; die Wissenschaft, die sich so oft selbst widersprach, konnte ihm nicht den Frieden wiedergeben, den einst das Gebet über ihn ausgebreitet hatte. Und was stand vor ihm?! Konnte er zurück? Muhte er vorwärts?! — Lange, lange kämpften die Geister in der Brust des Mannes — endlich erhob er sich. Trauernd war sein Schutzengel von ihm gewichen, triumphirend herrschte jetzt der Geist, der im Paradiese unsern Stammeltern verführerisch zurief: Lritis siout Zeus, seieutos donum et mnlum. (Ihr werdet sein wie Gott, erkennend das Gute und das Böse). _Unterdessen war die leuchtende Herrscherin unserer Erde im Westen verschwunden und finsteres Gewölk lagerte über Stadt und Land, das jedem milden Lichtstreifen des Nachtgestirns den Durchbruch verwehrte. Nur die Gasflammen, die zu beide» Seiten der Straßen und an den Ecken der Häuser flackerten, erhellten nothdürftig das Dunkel. In wuchtigen Stößen warf der Sturm die schweren Gewittertropsen gegen die klirrenden Fenster, während die zuckenden Blitze, von grollendem Donner begleitet, herniederfuhren. Paul setzte sich an's offene Fenster und freute sich des Tobens der Elemente» worin sich sein innerstes Wesen abspiegelte. Die großen Wassertropfen, die der Sturm ihm in'ä Gesicht jagte, sollten ihm Erguickung und Kühlung bringen. Lange nach Mitternacht war es, als er endlich Nuhe suchte. Aber sein schweres Athmen und oftmaliges Stöhnen verriethen, daß quälende Träume ihn drückten und plagten. Er befand sich in zechender» lärmender Gesellschaft. Ein üppiges Mädchen hielt ihn umschlungen, liebkoste ihn und füllte das leere Glas mit schäumendem Wein. Lieder von Liebe und Wein durchbrausten die Halle. Plötzlich, als er gerade das sinnenbestrickende Wesen zu sich heranzog, erschien ihm das Bild seiner Elsa, bleich, abgezehrt, den Tod im Auge. Auf den Armen trug sie ein todtes Knäblein, dessen bleiches Gesichtchen seine Züge hatte. Langsamen Schrittes ging sie auf Paul zu, legte ihn, das Kind auf den Schooß, sah ihn mit bittenden Geisteraugen wie beschwörend an und verschwand. Da begannen die wein» und liebetrunkenen Zecher höhnisch lachend das so schöne, rührende Lied, welches Elsa's weiche Altstimme so oft sang, zu brüllen: Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man von, Liebste», was man hat, Muß scheide»; Wiewohl doch nichts im Laus der Welt Den, Herze», ach, so sauer sälll Als Scheiden, ja Scheiden! — Und hat Dir Gott ei» Lieb beschcert, Und hältst Du sie recht innig werth, Die Deine; Es wird wohl wenig Zeit um sein, Da läßt sie Dich sogar allein, Dann weine, ja weine! — Mit jähem Aufschrei erwachte Paul, auf dessen Stirne große Angsttropfen standen' Vergebens suchte er das schreckliche Bild zu vergessen. Es beängstigte ihn, bis der neue Tag mit seinem Mühen und Schaffen den »Traum" zurückdrängte. — Noch nie vorher hatte er aber so innig und wehmüthig Schuberts schönes Lied gesungen: „Ich hab' im Traume gcivcinet, Mir träumte, Du lägest im Grab. Ich wachte auf und die Thräne Floß noch von der Wange herab." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wem Hoch und Niedrig gleich, gleichviel ist hart und weich, Gleichgiltig Reich und Arm, der ist in Armuth reich. So wie der Weihrauch das Leben einer Kohle erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnung des Herzens. Goethe. in jedem Aeußersten entschlossen scheint, And't unerwartet in der Brust ein Herz, spricht man des Frevels wahren Namen aus. Mancher, der i», blinden Eifer jetzt Zu jedem Aeußersten entschlossen schc Schiller. Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von vr. I. A. Schilling. Ich muß sofort Anfangs bemerken, daß die wirklichen Kaffeebohnen die Samen des Immergrünen Kaffeebaums sind, dessen Vaterland Abyssinien ist und der dortselbst 8 bis 10 selbst 20 und 30 Fuß hoch wird. Derselbe wird in Pflanzschulen gesät und sechs Monate alt verpflanzt, nach 3 Jahren trägt er Früchte und solche unter günstigen Umständen 20 Jahre lang fort. Im Süden vom Niger bis Sierra Leone wächst er wild und an mehrern Stellen so zahlreich, daß er ganze Wälder bildet. Gebaut wird er auch im glücklichen Arabien und Jemen, im südlichen Vorder- und Hinterindien, — in Java, wohin er seit 1690 aus Arabien verpflanzt wurde in Manila, Sumatra, in West-Indien (dahin seit 1717 gekommen) in Surinam, Brasilien und auf den Südsee-Jnseln. Der Baum verlangt ein beständig warmes Klima von mindestens 18—20° Wärme, wobei das Thermometer nicht unter 1l)0 0. Wärme sinken darf. Ich sage dies, wohl Manchen schon Bekannte deshalb, weil vor nicht langer Zeit ein paar hochgestellte Damen mir auf Ehrenwort versicherten, daß drunten in der bayrischen Nheinpfalz, ganze Felder voll echte wirkliche Kaffeebohnen gebaut würden, — wie man etwa bei uns Saubohnen kaut, daß sie diese gemahlenen Bohnen mit eigenen Augen geschaut, selber daraus bereiteten, sehr wohlschmeckenden Kaffee getrunken hätten und dieser ganz gewiß ein wohlschmeckendes Getränk gewesen. Da alle meine Ueberzeugungsgründe statt die Damen zu belehren, das Gegentheil bewirkten und die Herrschaften böse wurden und mich der Rechthaberei beschuldigten, — so brach ich ab und ließ Ihnen den echten, wahren, selbst sogar in Blumentöpfen, wie auf den Feldern gezogenen, selber mit Augen geschauten Mocca. Glückliche Pfalz! Drum doppeltes „Gott erhalt's. Das Räthsel dieser Behauptung wird sich !m Verlaufe dieser Plaudereien bald lösen. — Ich will nur vorher noch einiges vom Kaffee wie solcher in den botanischen Büchern und auf Ceylon oder in Persien auf freiem Felde steht, — in Kürze berichten. Der Gebrauch des Kasfee's geht bis in die ältesten Zeiten zurück, und zwar nicht als Getränke, sondern — als Speise. Die Gallasstämme (Negervolk im südafrikanischen Tafellande) bedienten sich seiner wohl zuerst, indem sie die gerösteten Bohnen quetschten, mit Butter vermischt zu Klösen geformt aus ihren weiten Zügen als eine nahrhafte und Ausdauer verleihende Speise mit sich führten. Also leibhaftige Kaffeeknödel zur Bereicherung unserer an Klüsen nicht armen Kochbücher. — Dieses prächtige Väumchen mit seinem dunkelgrün glänzenden Laube und seinen blaßweißen wohlriechenden Blüthen trägt in Büscheln stehende Früchte, die unseren Kirschen ähnlich sehen. Das Fleisch wird abgequetscht und der Kern oder Same ist die Kaffeebohne. Zwei Bohnen zusammen bilden den Kern dieser kirschartigen Frucht. Seines Nutzens halber wurde der erst seit 400 Jahren in Arabien als allgemeines Getränk benützter Kaffee vor etwa 150 Jahren von Java aus in die holländischen Kolonien übergepflanzt. Seitdem ist er einer der größte» wenn auch jüngsten Tyrannen unserer civilisirten Gesellschaft geworden. Diese Frucht ist auch immer eine treue Begleiterin des giftigen Tabaks geblieben. Im Anfange des 17. Jahrhunderts zählte Kairo schon 1000 Kaffeehäuser. Von da aus verbreitete sich sein Genuß nach Konstantinopel von woher ihn der Gesandte Mohamed' s IV. an den Hof Ludwig XIV. brachte. Der deutsche Arzt und Reisende Nauwolf hatte in seiner „aigentlichen Beschreibung der Naiß in die Morgenländer 1582" zuerst seinen Landsleuten von diesem Getränke erzählt. In England erstand das erste Kaffeehaus in London 1652 durch einen Griechen Namens Pasqua (Viixinia Gakö Ilouso). In Deutschland breitete sich die Kaffeekneiperei trotz verschiedener Widerstände von Seite der Obrigkeiten rasch aus nachdem er von Frankreich her (erste Kaffeehäuser 1670 in Marseille, 1671 in Paris) Eingang gefunden hatte. An: Brandenburger Hof war der Kaffee schon bald nach dem Jahre 1670 bekannt. In Wien wurde das erste Kaffeehaus 1683 eröffnet, in Negensburg und Nürnberg 1686, in Hamburg 1687, in Stuttgart 1712, in Augsburg 1713, in Prag 1714 und in Berlin 1721 s. >v. Die Gefammt-Production aller Kaffee-Pflanzungen soll für das einzelne Jahr g—700 Mill. Pfund betragen. Man kann sich hieraus leicht einen Begriff machen» welch' große Anzahl von Bäumen hierzu nöthig ist, wenn man erfährt, daß in Brasilien ein Kaffeebaum nur 1'/.,—3 Pfund, in Arabien 5—6 Pfund Bohnen liefert. Daß der Kaffee nicht nur ein Luxusgenußmittel, sondern auch eine Art Nahrungsmittel sei, ist schon oben bei den Kaffeeklösen der Gallasneger angedeutet worden. — Der Kaffee enthält kaffeegerbsaures Kali-Kaffein 3—5"/,,, Legumen (Erbsenstoff) 10^, Fett 10"/o, Zucker 15"^, Salze 6"/., freies Kaffem 0,8"/,.. Durch das Rösten werden die Bohnen leichter, jedoch größer. Sie schwellen nämlich durch die Wärme an und bekommen wegen der brennölig-aromatischen Substanzen, die dabei entstehen, einen Wohlgeruch sowie etwas Bitterstoff. Je nach der Farbe des Röstens verliert der Kaffee mehr oder minder an Gewicht und gewinnt dabei an Umfang. Zum Beispiel ein rothbraun gerösteter Kaffee verliert an Gewicht 15"/„ und gewinnt an Umfang 30".',, kastanienbraun geröstet verliert er 20"/,, an Gewicht, gewinnt aber dafür 60".,, an Volumen; bei dunkelbrauner Rüstung verliert er 25"^, an Gewicht und gewinnt gleichfalls 50"/„ an Masse. Am angenehmsten ist das Aroma, wenn die Hitze nicht größer ist als hinreichend, um der Bohne eine hellbraune Farbe zu geben. Daß weiches Wasser oder der Zusatz von kohlensaurem Natron zum Wasser den Kaffee besser auszieht, kräftiger und wohlschmeckender »'.acht, ist wohl längst bekannt, aber nicht alle Kaffeebereiterinnen kennen dies offene Geheimniß. Der Kaffee wirkt ähnlich auf den Magen wie der Weingeist. Kleine Mengen regen die Verdauung an, größere verlangsamen oder unterbrechen sie. Der Kaffee kann im Magen wie im Blute ein Sparmittel werden. Außerordentlich große Portionen starken Kaffee's wirken giftig und tödtlich durch Herzlühmungsn, wie Fingerhut, Nisßwurz und dergleichen. Bei Mißbrauch des Kaffee's durch allzu häufigen Genuß großer Portionen leidet die Verdauung, das Gehirn wird gereizt, der Charakter des Menschen launenhaft. Doch entstehen auch beim Uebergcnuß von Kaffee nicht jene furchtbaren Folgen, wie nach Weingeistkneiperei, z. B. in Schnaps, wodurch häufig entzündliche Neizungen Krebsbildungen, Willenslähmung, Irrsinn, Selbstmord bedingt werden. Wichtig ist die diätistische Wirkung des Kaffee's auf unsere geistigen Thätigkeiten. Derselbe regt die Phantasie an, jedoch stetiger wie die geistigen Getränke und drängt dabei nicht das Urthcilsvermögen zurück. Im Gegentheile, die Urteilskraft wird dadurch gesteigert, die Sinneseindrücke werden schärfer, es entsteht ein gewisser Drang zu geistiger Produktivität, ein Treiben der Gedanke» und Vorstellungen, eine Beweglichkeit und Gluth in den Wünschen und Idealen, das aber weniger Neues schafft als schon das im Geist Vorhandene lebendiger gestaltet. So wird es uns nicht nur verständlich, warum wir Morgens nach dein Erwachen mit dem Reizmittel des Kaffee's unser Gehirnleben rasch in Fluß bringen und nach dem Essen es antreiben, sondern wir begreifen es auch, warum ein Magen, der mit faden, kraftlosen Speisen angefüllt, ein Gehirn, das von dünnem schlecht ersetztem Blute durchströmt wird, kurz, warum ein Bettler auch nach Kaffee verlangt und sich glücklich fühlt, wenn er Kräftigung aus der Tasse getrunken ohne dabei eine moralische Niederlage zu riskiren, wie beim Schnapsgenusse. Daß man es schon lange gefühlt und gewußt hat, daß der Kaffes nährende Eigenschaften besitzt, geht daraus hervor, daß man in dem schwäbischen Alpendorfe Genkingen 1817, in dem bekannten Hungerjahre, zum ersten Male Kaffee trank, woselbst er aus dem Luxusgetränke der Vornehmen zum Nahrungsmittel der Armen geworden ist, wie dies noch heute bei uns der Fall zu sein pflegt. Ein Kaffee, der aus gleichen Theilen Milch und Kaffeeaufguß besteht enthält sechsmal so viel Nährstoff und dreimal so viel stickstoffhaltige Bestandtheile als die gewöhnliche Bouillon. Daß durch Uebermaß — wie Alles in der Welt, — so auch der Kaffee schädlich wirken kann, bedarf keiner Erklärung. „Im rechten Maß, zur rechten Zeitk" lautet auch hier der Wahlspruch. Wenn gewisse Gelehrte den Kaffee als den Sünden- 454 Lock sür alle möglichen körperlichen, geistigen und sozialen Gebrechen anschwärzten und ihm sogar Buckel und Säbelbeine in die Schuhe schoben, so ist dies übertriebene Narrethei. Der furchtbare Tadel, den sich der Kaffee mußte schon vielfach gefallen lassen, rührt gar meist von Personen her, die aus natürlichen Körperanlagen denselben durchaus nicht vertragen und denen er darum verhaßt ist. So hatte Goethe stets Abneigung gegen Kaffee, weil er bei ihm niederschlagend und mattmachend wirkte, ihn traurig stimmte, seine Eingeweide schwächte und ihn ungeheuer beängstigte. Solche Idiosynkrasien sind jedoch nur Ausnahmen. — Der echte erste und wirkliche, gute, unverfälschte Kaffee verdient also durchaus nicht den Tadel, den er schon seit vielen Jahrzehnten erfahren mußte. Schädlich dagegen, krank und siechemachend wirkt aber der Phantasie-Kaffee, d. h.< ein Kaffee dem Namen nach, der aber mit echtem Java oder Mocca etwa soviel gemeinsam hat, wie etwa ein saurer Seewein mit echter Liebfrauenmilch oder ein österreichisch sogenanntes bayrisches mit dem Münchner Salvatorbier. Auch jene, wenn auch aus wirklichem Kaffee hergestellten Abkochungen, zu denen auf den Liter kaum zehn Bohnen gerechnet werden — der sogenannte Blümchen- Kaffee ist eine mägenverderbende Brühe. — Surrogate für den immer noch ziemlich kostspieligen Kaffee gibt eS in Unmasse und die Industrie hat redlich dafür gesorgt und thut dies täglich noch, um dem selber- wollenden Publikum ein L für ein U vorzumachen; damit dieses seine Mägen täglich bedrohe und betrüge. Ein wirkliches Surrogat für den Kaffee gibt «s nicht; ebensowenig, wie für den Wein, weil kein nachgemachter Kaffee in seiner chemischen Zusammensetzung und in seinen Bestandtheilen auch nur irgend eine Ähnlichkeit mit dem echten Kaffee besitzt. Kein Surrogat besitzt das Koffein oder einen ähnlichen Stoff, der das Wirksame und Charakteristische im Kaffee allein bildet. Während der schlechtere Theil der Armuth in Branntwein zu Grunde geht, stirbt der schwächere und bessere Theil der Armen an den Kaffee-Surrogaten, den gerösteten und gemahlenen Cichorienwurzeln, Runkelrüben, Eicheln und dergleichen. Diese Stoffe enthalten etwas Stärkmehl, Dextrin (Stärkegummi) und Zucker, ja das sogenannte Kaffeeextract ist größtentheils sogar gerösteter Zuckerrückstand (Caramel), könnte also etwas zur Ernährung beitragen, wenn derlei Surrogate nicht noch nebenbei auch Schimmel und andere Produkte fäuliger Gährung aus den Fabriken mitbrächten und nicht eine Fabrik die andere an schöner Verpackung und billigen» Material überböte. — Bekannt ist ja die Geschichte einer Niederländer Fabrik, die eine Prämie von 1000 Gulden für den Nachweis einer Fälschung anbot, während unter dem schönbedruckten Umschlage neben Cichorien pulver auch viele gemeine Torferde war. Der Nährwerth von 1 Pfund Raps-, Mohn- oder Sesamöl ist durschschnittlich zehnmal größer als der von 1 Pfund bester Cichorie und doch kostet diese annähernd halb so viel als Oel. Die Kaffee-Surrogate sind ein diätetisches und nationalökonomisches Unglück, liefern anstatt Nährstoff ein förmliches Spülwasser für Millionen Männer, Frauen und Kinder, die um gleiches Geld auch eine Mehlsuppe mit Fett, Käse oder Bohnen immer mit weit größerem Nahrungsstoffe haben könnten, wenn man es der Mühe werth erachtete, diese diätetische Lotterie wahrzunehmen, die mit ihren Nieten ganze Völker aussaugt, um mit ihren Treffern wenige Producenten zu bereichern. „Bettlerkaffer und Branntwein", sagt Doktor Sonderegger, sind die Schlüssel, die jedes Armen- und Zuchthaus öffnen, Instrumente mit denen die Negierenden den Ast absägen, auf dem sie sitzen. — Kurz und gut; fast keinem einzigen Surrogat kommt irgend etwas von der wohlthätigen Wirkung des echten Kaffee's zu. — Dagegen führen die Surrogate verschiedene Gesundheitsstörungen in ihrer Begleitung. Sodbrennen, Magen» beschwerden, Appetitlosigkeit, fortwährend saurer Geschmack im Munde, Brechreiz im nüchternen Zustande, Verstopfung und zeitweilige schmerzhafte Durchfälle, weiters Muskel- schwäche, Zittern der Hände, unruhiger Schlaf, Krämpfe, Nervenleiden, selbst Blindheit sind die Erscheinungen, welche sich beim fortgesetzten Genusse größerer Mengen von Kaffee- Surrogaten einstellen können und wirklich einstellen. „Ach warum nicht gar sofort „sterben" durch Cichorie", ruft hinter mir die Gattin des Herrn Professors. — „Ohne Eich orie hat der beste Kaffee keine Farbe. Hören Sie nur Doktor! Mein Mann schimpft immer über die Cichorie wie Sie und will durchaus nicht dulden, daß ich solche dem Kaffee zufüge; obgleich ich dies schon heimlich seit Jahren thue. Neulich hatte ich kein derartiges Surrogat zu Hause, braute den besten Kaffee der Welt ohne eines Zusatzes, da begehrte mein Gatte fürchterlich auf, über die schofle, elende, farbverdächtige Cichorienbrühe, obgleich zum ersten Male seit Jahren ich ihm einen echten puren Mocca vorsetzte. — Da haben Sie die Gewalt der „Einbildung." — . „Nun als Farbe verbesserndes Mittel will ich mir schließlich noch eine kleine Portion guten Surrogat's gefallen lassen", erwiderte ich, denn mit Damen, zumal wenn solche schön und außerdem liebenswürdig sind, läßt sich sehr schwer erfolgreich streiten. (Schluß folgt.) Natur und Gnade. Heut' in leichtein Fluge gaukelnd, Ueber blumeuschöne Flur, Heute frei in Lüsten schaukelnd Hoch im leuchtenden Azur, Morgen an der Erde kriechend Farbenblaß und flügellahm, Unter grauem Himmel steckend Und gestorben schier vor Gram. Aber aus den höchsten Kreisen, Wenn die Seele wie verzückt Stammelt des Hosanna Weisen, Dieser Erdenlust entrückt, Muß sie uuauihaltsam wieder, Nach des bitt'ren Urtcls Kraft, Zu des Staubes Kerker nieder, Der ihr so viel Leiden schafft. O Du seltsam Menschenwesen, Zwicgestaltet und zertheilt, Bon den« Uebel nie genesen, Das im Ansang Dich ereilt, Und so göttlich doch erhoben Ueber reiner Geister Schaar, Die den Ew'gen ewig loben, Selig und umwandelbar. Und so geh'» in Furcht und Hoffen Aller Menschen Tage hin; Heute von Verlust betroffen, Lockt uns morgen der Gewinn Wieder auf die alten Psade Des Verderbens immerfort, Wenn erbarmend nicht die Gnade Riese der Erlösung Wort. Diesem laßt uns immer lauschen, Wenn der Fittig müde sinkt, Wenn im Sturm die Meere rauschen Und kein Stern am Himmel blinkt; Sind die Flügel uns zerschlagen, Wieder heilt sie das Gebet: Höher wird die Gnad' uns tragen Als die höchste Sehnsucht geht. L. v. Heemsiede. Mise-llerr. (Die geizigen Ehemänner find die schlechtesten.) Welche Frau wird dieser Theorie nicht beistimme»? Daß aber ein junges Mädchen ihr Verlöbniß bricht, weil ihr Bräutigam ein ökonomischer Raucher ist, dieser Fall allerdings dürfte nicht recht glaublich erscheinen. Und doch hat er sich zugetragen. — Zwei Fraüen reisten vor einige» Wochen mit ihren Kindern, die eine mit ihrem 20jährigen Richard, die Andere mit ihrer 17jährigen Tochter Sofie von Wien nach Karlsbad. Die beiden Frauen kannten sich schon von früher, die jungen Leute haben sich jedoch erst auf der Fahrt kenne» gelernt. Unterstützt durch die Fürsorge der Mütter, hatte sich zwischen den beiden jungen Leuten bald ein Liebesverhältniß herausgebildet und es sollte dasselbe nach beendigter Kur die volle Weihe erhalten durch eine offizielle Verlobung» Darum wurde die Rückfahrt wieder in Gemeinschaft angetreten. Da ereignete sich auf einer Station, wo ein etwas längerer Aufenthalt angesagt war, ein Vorfall, der sonst kaum beachtet wird, dies- _ 456 — mal aber eine sehr ernste Wendung in dem traulichen Verhältniß herbeiführte. Da der junge Mann in der Gesellschaft der Frauen während des Fahrens nicht rauchen wollte, verließ er, kaum als der Nuf des Kondukteurs ertönte: „Zehn Minuten Aufenthalt!" das Koupee und zündete sich eine Cigarre an. Als bald hierauf wieder das Zeichen zum Einsteigen gegeben wurde, löschte er die nur bis zur Hälfte angerauchte Cigarre aus wickelte sie sorgfältig in ein Papierstück und steckte sie zu sich. Die Braut in axo hatte hierbei ihren Zukünftigen beobachtet, und von diesem Augenblicke an — erkaltete wie die Cigarre, auch ihre Zuneigung zu dem Bräutigam. Sie hatte diese Wandlungen, die in ihrem Inneren vorgegangen, vor Niemanden merken lassen; sie bewahrte das Geheimniß in sich mit aller Sorgfalt. Erst zu Hause angelangt, erklärte sie ihrer Mutter, daß sie diesen Richard nie und nimmer heirathen werde, weil er ein Geizhalz sei, denn nur ein solcher werde eine angebrannte Zigarre auslöschen und zu sich stecken. — Wenn nur die schöne Sofie nicht allzu vorschnell geurtheilt hat? Kann nicht Richard auch nur ein passionirter Raucher gewesen sein und die Cigarre ihm besonders gut geschmeckt haben? Unbedingt aber kann sich Richard gratuliren, daß er seine Braut los ist, denn mit dieser Liebe muß es nicht weit Hergewesen sein. (Die historische „Martinswand") wird durch die Eröffnung der Arlberg- bahnstrecke „Jnnsbruck-Landeck", welche am Mittwoch stattfand, allgemein zugänglich werden. Früher war es nur dem kühnen Bergsteiger vorbehalten, den Punkt zu besuchen, auf dem vor vierhundert Jahren Kaiser Mar in Gefahr schwebte. Heute ist dies anders geworden. Wie die Eisenbahn stets Kultur und Bequemlichkeit bringt, ist auch im Hinblick auf den zu erwartenden Fremdenverkehr ein bequemer Pfad in den Stein gehauen worden, und in einer halben Stunde kann man ziemlich bequem die Grotte der Martinswand, von welcher aus man die schönste Aussicht genießt, erreichen. Im Gasthof » Zur Post" in Zirl wohnt sich's gut und bequem, und mit der Eröffnung der Bahn wird der wenig bekannte Ort allmählich ein Zielpunkt des Touristenverkehrs werden. (Weibliche Aerzte.) Die Preisvertheilung an der medizinischen Schule in London hat Gelegenheit geboten, die neue Institution der weiblichen Aezte interessant zu beleuchten. Vor einigen Jahren hatte eine Anzahl Damen die Erlaubniß nachgesucht, einen medizinischen Kursus in den Spitälern hören zu dürfen, und man hatte dieses Verlangen mit. nicht allzu freundlichen Glossen begleitet. Heute gibt es an der Londoner medizinischen Schule 40 Hörerinnen der Medizin, deren Erhaltung und Studium ungefähr 3000 Pfd. St. jährlich kostet, welches Geld durch Subskriptionen und Schenkungen aufgebracht worden ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben bewiesen, daß Frauen sich vollkommen zur Ausübung des ärztlichen Berufes eignen und daß man sie mit Vorliebe zu Behandlung von Kindern und Personen ihres Geschlechts ruft. Namentlich in Indien sind die weiblichen Aerzte sehr gesucht, und in Bombay wurden kürzlich 40,000 Rupien votirt zur Deckung der ersten Kosten eines Etablissements für Damen, die mit einem ärztlichen Diplome versehen sind. (Die historische Windmühle bei Sanssouci) hat bei ganz ruhigem Wetter einen Flügel verloren; die anderen sind so morsch, daß sie der Sicherheit wegen entfernt werden müssen. Ob die Flügel durch neue ersetzt werden sollen, will man der Entscheidung des Kaisers Wilhelm anheimstellen, doch glaubt man nicht an Wiederherstellung der Mühle, die sich als solche nicht bewährt hat und lediglich als Reliquie zur Erinnerung an die Gerechtigkeit Berliner Richter und Friedrich des Großen gepflegt wurde. (Schlechte Zeiten.) Mann: „In dieser Zeit ist es schwer, seinen Kopf über Wasser zu halten." — „Frau: das wäre gar nicht schwer, wenn Du den Deinen nicht immer über den Maßkrug halten würdest!" (Schmeichelhaft.) „Der Pfad ist so schmal; wir müssen den Gänsemarsch »Nachen — gehen Sie voran, Fräulein Elsa." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. »ur „Ängslmrger PostMmg." Nr. 58. Samstag, 21. Juli 1663. Ein Jahr Jogenleben. Von Georg Aumüller. Zweites Kapitel. Aus vollen Athemzügen Saug ich, Natur, aus dir Ein schmerzliches Vergnügen. Wie lebet, Wie bebet, Wie strebet Das Herz in mir! Acht Tage sind verflossen. Aus einem einsamen Alpenthale wandelt um Mittag eine Frau, den Weg zur nächsten Eisenbahnstation, die sie unfern erblickt. , Vor ihr hüpft ein etwa vierjähriges Mädchen, und hascht nach den Schmetterlingen, die neckend sie umtanze». Man erkannte auf den ersten Blick Mutter und Kind. Erstere war eine mittelgroße, schlanke Gestalt, deren zarte Glieder von einem grauen, anschließenden Kleide umhüllt wurden. Das Gesicht konnte schon keinen Anspruch auf eigentliche Frauenschön- heit machen, aber aus dem großen, braunen Auge blickten so viel Güte, Liebreiz und fast mädchenhafte Schüchternheit, daß es über das ganze Wesen einen Zauber von Lieb» lichkeit verbreitete, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Unter dem breiten, weißen Strohhute quoll eine Fülle brauner Flechten hervor. Jetzt wandte sich das Mädchen, ein liebliches blondes Kind, dessen klarem, fröhlichem Auge man es ansah, daß noch kein Frost des Lebens sich darauf herniedergesenkt hatte, zur Mutter mit der Frage, ob denn der Zug noch nicht bald komme, der den Papa bringen sollte. Als Antwort hörte man das heftige Pusten des Dampfrosses und wenige Minuten später lagen Weib und Kind in den Armen Pauls, der den ersten Feiertag aufgebrochen war, um wieder bei seinen Lieben zu weilen. Wer die Drei jetzt des Weges ziehen sah, hätte meinen können, die Welt trage keine glücklicheren Menschen. Und in der That ruhte auch der Schimmer des beglückenden Friedens auf den Gesichter». Jetzt betraten sie ein einfaches Häuschen, dessen mit Steinen beschwertes Schindeldach kaum über die fruchtbedeckte» Obstbäume hervorragte, die es von allen Seiten dem Blicke verhüllten. Auf der Schwelle empfingen Eva, die treue sorgsame Begleiterin ihrer Herrin und Agathe, die Besitzerin des kleinen Anwesens die Kommenden. Letztere, die einfache, gerade Wittwe eines VolksschullehrerS, der den Tod in der Blüthe seiner Jahre hinweggerafft hatte, bot Alles auf» ihren Gästen den Aufenthalt recht angenehm zu machen. Nun ging es an ein Fragen und Erzählen und Wünschen und Versichern, daß man glauben konnte, die Leute stünden nach jahrelanger Trennung und kurzem Wiedersehen vor einem neuen Abschiede. Die kleine Lina hatte sich an des Vaters Brust geschmiegt und schmeichelte ihm Liebesworte um Liebes- worte ab. Elsa hielt des Gatten Hand in der ihrigen und lauschte in Glück und Wonne seinen Worten. Erst als er von seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer sprach, senkten sich Trauerwolken auf die Stirne des liebenden Weibes aber kein Wort des Tadels kam über ihre Lippen; nur ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust, als — 4S8 — Paul erzählte, er habe auf die Frage, was er über Unsterblichkeit denke, mit den Worten Göthe's geantwortet: „Das Drüben kann mich wenig kümmern, Schlügst Du erst diese Welt in Trümmern, Die andere mag darnach entstehen. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag, was will und kann, geschehen. Davon will ich nichts weiter hären, Ob man auch künftig haßt und liebt, Und ob es auch in jenen Spähten Ein Ober oder Unten gibt." Sie hatte den Glauben ihrer Kindheit als theures Kleinod bewahrt und zweifelte nicht, baß sie auch im Jenseits ihren Paul wiedersehen und lieben dürfe. Und als ihr der Gatte versicherte, er wolle jetzt, treu dem Bunde, den er für'S ganze Leben geschlossen, seine Kraft der Erforschung und Verbreitung cher freimauerischen Grundsätze einsetzen, da war es ihr, als schleiche sich eine glatte, kalte Natter in ihr Herz, um es in langsamen Bissen zu ertödten. Doch wiederum unterdrückte das Weib die quälende Angst und flüsterte nur die Worte: „O Paul, wenn doch auch Du Ruhe finden könntest! Schone Dich, denke an Weib und Kind!" Er aber küßte ihr die Sorge hinweg und sprach von baldigem und stetem Glücke, das über sein ganzes Wesen sich werde ausbreiten und an dem sein Weib und sei» Kind sich erfreuen sollten. Kaum hatten am folgenden Tage die wogenden Nebel, welche gleich einer dichten, silberdurchwirkten Mütze die Häupter der Berge bedeckten, in dem Thale hin und her wogten und auf den Fluß und See sich herabsenkten, nach hartnäckigem Kampfe den übermächtigen Sonnenstrahlen weichen müssen, als Paul und Elsa den einsamen Pfad betraten, der sich in vielen Krümmungen zu der Höhe Hinaufwand, wo eine reizende Aussicht die Mühe des SteigenS lohnte, und der Wanderer während der Sommermonate Erquickung durch Speise und Trank fand. Es kam auch selten ein Tag, da nicht einzelne Naturfreunde oder größere Gesellschaften des herrlichen Anblicks sich erfreuten. Von dem kleinen, hölzernen Balköne des Häuschens erblickte man vor sich die ausgedehnte Fläche des See's, in dem sich die eisigen Berggipfel spiegelten. Gegen die Berge-Hin bildete der See eine Menge von Buchten und Busen. Weiter nach rechts konnte ein scharfes Auge sehen, wie er sich allmählig verengert und den Lauf und die Gestalt eines Flusses annahm, der bald in mächtigem Bogen seine schäumenden Wasser in's Thal hinab schleuderte» wo er dann gemessenen Laufes sich fortwälzte. Auf der anderen Seite vermochte der Blick nicht die Ufer zu erspähen, wo seine Wellen brandend anschlugen. Vor sich aber erblickte man in weiter Ferne die Bergketten» deren eisige Häupter hoch zum Himmel emporragten. Auf der Fläche des Sees herrschte reges Leben. Stöhnend durcheilten Dampfer die weite Fläche, während die reichbefrachteten Schiffe der Kaufleute langsamer dahinsegelnd die Waaren verschiedener Länder austauschten. Dazwischen durchkreuzten winzige Boote die Fluthen, geleitet von fröhlichen jungen Leuten, welche des heiteren WellenspielS sich erfreuten. Ernst betrachteten dieses Treiben die Berge, deren düstere Tannenwaldungen sich schwarz im Wasser wiederspiegelten und wie ein riesiger Leichenstein an der Grenze eines weiten Todtenfeldes dem übermüthigen Leben ein Llsmonto moril zuriefen. Dieser Eindruck wurde verscheucht, wenn man die überall zerstreuten grünen Matten und saftigen Triften betrachtete, von denen das Geläute weidender Heerden herüberdrang, noch oft vermischt mit einem fröhlichen Jodler, den der Senne als Gruß in's Thal sandte. — Auf der Höhe herrschte schon ziemlich reges Leben. Es war eine größere Gesellschaft von Herren und Damen aus der nächsten größeren Stadt, die am jenseitigen Ufer — 459 sich ausbreitete, herübergekommen. Unter ihnen traf Paul einen Herrn, den er in G„ dessen Vaterstadt kennen gelernt hatte. Er hieß Ernst Flemming, war der Sohn eines wohlhabenden Gastwirth's in G. und hatte sich nach Vollendung seiner medizinischen Studien in der Seegegend als praktischer Arzt niedergelassen. Nach der ersten Begrüßung und Vorstellung entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung, die von den Vorzügen und der Schönheit des Gebirgs- landes ausgehend, bald auf die neuesten Ereignisse unserer Literatur und des öffentlichen Lebens überging. Während die Damen sich ohne Schwierigkeiten über jedes Urtheil einigten, fühlten die Herrn starken Gegensatz ihrer Meinungen. Der weltgewandte Arzt, der von Jugend auf in und mit der Gesellschaft verkehrt hatte und Sorg' und Kummer nicht kannte, redete der materialistischen, auf Lebensgenuß bedachten Weltanschauung das Wort, während Paul, dem stets seine Bücher lieber als die Gesellschaft gewesen waren, und der sein Leben lang um des Lebens Unterhalt hatte kämpfen müssen, das Verschwinde» jedes Ideals in Wort, Bild, Streben und Leben bedauerte. Besonders erregten die alles Schamgefühl verletzenden Schilderungen weiblicher Reize, nackter Männergestalten und berückender Sinnengenüsse, die von Feder, Pinsel und Griffel verherrlicht, auf allen Bühne» als Kitzel vorgeführt und in Form von Bildern berühmter Meister in allen Städten gezeigt werden, Pauls Unwillen. Es war ihm dabei hauptsächlich um das Aergerniß zu thun, das junge Mädchen (solange sie noch jungfräuliches Schamgefühl besitzen) nehmen müssen, die man schaarenweise zu solchen Frauenfleischbänken und Männermuskelnausstellungen führt. In der größeren Zahl der sogenannten Meisterwerke sah der ernste Paul noch die schamlosesten Vorstellungen unwichtiger Götter und Menschen; Gegenstände, welche die Lust entflammen sollten und sie noch jetzt entflammen. Als der Doktor gerade wieder eine solche nach seiner Meinung mittelalterliche Ansicht lachend widerlegte, näherte sich eine Dame der Gesellschaft, die der Arzt als seine Schwester Friederike vorstellte, und welche er sogleich aufforderte, mitzukämpfen gegen Pauls veraltete, einseitige Stubengelehrsamkeit. Wie durchschauderte es aber den Professor, als er in dem schönen Mädchen die Gestalt und Züge jenes verführerischen Wesens wiederzuerkennen glaubte, das ihm den Tag vor seiner Aufnahme in den Freimaurerorden im Traume erschienen war. Unwillkürlich mußte er seine Elsa betrachten, um das Bild nicht Herr über seine Phantasie werden zu lassen. Der Aufenthalt dort aber hatte ihr ein frisches Aussehen gegeben, daß beim Anblick des lieblichen Gesichtes jeder Gedanke an den Tod verschwinden mußte. Welchen Gegensatz boten aber diese zwei Gestalten! — Es war, als wenn neben dem hohen Stengel einer Lilie, deren Blätter sich gerade zur prächtigen, dustausströmenden Blume entfalten, ein bescheidenes Vergißmeinnicht blüht, das Köpfchen kaum über die Grashalme erhebend. Die hohe Junosgesialt Friederike's, mit den großen, schwarzen ersten Augen und den üppigen tiefschwarzen Haaren, die ruhige Sicherheit konnte wohl Manchen in Zweifel lassen, ob dieser Busen schon das Jauchzen oder Wehe der ernsten Liebe gefühlt, oder ob nicht schon Hymens Band sie mit einem Manne vereinigt habe. Letztere Vermuthung mußte schwinden» wenn man Friederike's Worte lauschen konnte, dann erinnerte man sich unwillkürlich des Dichters Worte: Du bist wie eine Blume, So schön, so hold, so rein, Ich schau' Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aus's Haupt Dir legen soll, Betend, daß Gott Dich erhalte So schön, so rein, so hold. Dieses Gefühl des Entzückens und der Wehmuth, das bei dem Anblicke des herrlichsten Gebildes der Schöpfung, so lange es noch nicht von der Hand des gierigen Mannes entweiht ist, des guten Menschen Brust bewegt, wurde bei Paul noch erhöht, als er sah, daß Friederike, die längere Zeit in einem modernen Pensionate erzogen und 460 dann zu ihrem Bruder übergesiedelt war, in ihren Ansichten von Welt und Leben ganz mit demselben übereinstimmte. Sie verehrte die Gebilde der sogenannten Kunst als Produkte eines gottbegnadigten Geistes, und wenn man auf das Aergerniß hinwies, so entgegnete sie mit Schillers Worten: Sollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen ? Malet die Wohltust — nur malet den Teufel dazu! Wurde man über dieses Gebiet nicht ganz einig, so war mit Ausnahme der beiden Frauen, die sich mittlerweile in das Haus begeben hatten, um für den Imbiß Sorge zu tragen, die Gesellschaft um so einiger in den Ansichten über Religion. Hatte Paul doch lange hierin Schiffbruch gelitten. Alle drei stimmten überein, daß das Volk allmählig durch Verbreitung von Wissenschaft und Bildung zur Freiheit der Vernunft erzogen werde; der Gebildete aber sich seine Religion auf gleichem Grunde selbst aufbauen sollte. Als daher Paul die Loge als Ideal alles menschlichen Strebens hinstellte, ivo an Stelle des starren Dogmenzwanges und der Eingrenzung der Konfessionen als Hauptglaubenssatz echte Menschlichkeit, Bruderliebe und freie Geistesentfaltung gelehrt werde, da erhielt er den vollsten Beifall des GeschivisterpaareS, das ihni prophezeite, er werde mit solchen Ansichten über Religion bald sich zu ihren Anschauungen von Kunst und Leben bekehren. Jetzt kamen die beiden Frauen zurück, und nachdem man ein einfaches Mahl zu sich genommen, brach man wieder in's Thal auf. Man wollte in dem benachbarten Försterhause den Kaffee nehmen und von da aus den Heimweg, den beide Familien eins Strecke gemeinsam zurücklegen konnten, antreten. Hiezu wählte man den Weg durch den schattigen Wald, der sich bis zum Fuße des Berges ausdehnte. An dessen Ausgang lag, von Bäumen und einem rauschenden Gebirgsbach fast eingeschlossen die Wohnung des Jagdaufsehers, der, wie es in dieser Gegend öfters der Fall ist, Kaffee, kalte Küche und Getränke verabreichte. Während die kleine Gesellschaft so durch die Stille des Waldes dahinschritt, über dem sich tiefer Gottesfriede ausbreitete, senkte sich auch in die Herzen der Wanderer diese Sehnsucht nach Ruhe und äußerte sich bald in dem schönen Liede: Unter allen Gipfeln Ist Ruh; In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch. Die Vöglein lchweigen im Walde Warte nur, balde - Ruhest Du auch. (Fortsetzung folgt.) Gol-rörner. Der größte Siunengeuuß, der gar keine Beimischung von Ekel mit sich fährt, ist, in gesundem Zustande, Ruhe nach der Arbeit. Kant. Große Eigenschaften haben auch große Laster, oder wenigstens große Fehler zu ihren Waffen trügern. Hippel. Lob befruchtet die Seele, wie den Acker Milder Regen, damit die Saat im ersten Wüchse nicht sterbe. Herder. Des Lebens Zeit ist kurz. Die Kürze schlecht verbringe», wär' zu lang. Wohl kaun die Brust den Schmerz verschlossen halten, Doch stummes Glück erträgt die Seele nicht. Meinen Wurf will ich vertreten, Aber das nicht, was er traf. -Man muß dem Vaterlands, Wie Gott dem Herrn, mit Zucht und Ordnung dienen, Durch treue Pflichterfüllung iin Gesetz. Shakespeare. Goethe. Grillparzer. Raupach. 461 Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von Dr. I. A. Schilling. (Schluß.) Betrachten wir nun die berühmtesten unter den zur Mode gewordenen und täglich kenützten Kaffee-Surrogate. Zu den ältesten Kaffee-Surrogaten gehören unstreitig die Eicheln, die Früchte von kuovauo rodur, dann der Roggen und die C i ch o r i e n w u r z. Die Eicheln wurden nach Herodot schon von den alten Arca- dicrn verspeist und Marx hat sie zuerst als Kaffee-Surrogat benützt und angepriesen. Sie enthalten Stärkmehl, Gerbsäure, Zucker, Phosphorsauren Kalk, Kali, Spuren von Kieselsäure und Eisenoxyd, etwas ätherisches Oel und Wasser. — Das durch das Rösten der Eicheln sich bildende brenzliche Oel und die Gerbsäure sind die hauptsächlichsten wirksamen Bestandtheile des Eichelkafsce's, der bei Durchkälten der Kinder, Scropheln, immer noch seine Anwendung in der Volkskinderstube findet. Auch die bei uns allenthalben wildwachsende blaublühende Cichorie, dieser Urtypus der Kaffee-Surrogate — denn vor 30—40 Jahren hörte man beim Volke nur den Schmäheausdruck Cichorie n brühe, um damit schlechte Kaffee's zu brandmarken, — war schon den Alten bekannt und wird von Birgil, Horaz, Plinius, Halsn, und in den Schriften der Araber erwähnt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde diese rübenförmige Wurzel von OHwrimn in- t)'l)u^, als Kaffceersatz von Holland aus eingeführt und bis zum Jahre 1801 war die Zubereitung dieses Surrogats Geheimniß geblieben. Par »rentier theilte 1806 zuerst das Verfahren, Cichorienkaffee zu bereiten, mit. Es ist gut, daß dieser Ehrenmann heute nicht mehr lebt, um gesteinigt zu werden. In den Jahren 1850—1860 bestes sich die Consumtion der .Cichorie auf sechs Millionen Kilogramm. Im Jahre 1845 führte man in England 4>/,, Mill. Pfund ein, in Frankreich braucht man jährlich 12 und in dem kleinen Fabrikstaate Belgien sogar 20 Millionen Pfund. Die wirksamen Bestandtheile in der gerösteten Cichorie sind das brandige, flüchtige Oel und der bittere Stoff. In mäßiger Menge und mit gute m Kaffee gemischt ist sie der Gesundheit wahrscheinlich! nicht schädlich. Ein häufiger und stärkerer fortgesetzter Genuß aber, — wie zumal dies bei der Armuth üblich ist, — schadet sehr bedeutend dein Wohlbefinden, und das dadurch entstandene Siechthum erbt sich oft fort auf Kinder und Kindeskinder. Andere Aerzte behaupten, daß die Cichorie immer wirklich schädlich sei; — während die übrigen Kaffee-Surrogate nur unter gewissen Bedingungen die Gesundheit beeinträchtigen. Deutsch z. B. in seiner Abhandlung über die nachteiligen Wirkungen der e m p y r e n m a t i s ch e n S t o f f e, C a n- statt in seinen Jahresberichten lassen sich darüber sehr strenge aus, indem sie Sodbrennen, Magenkrämpfe, Schwindel, Einschlafen der Glieder, ja sogar den schwarzen Staar davon herleiten und lassen sich besonders derlei nachteilige Folgen bei alten Cichoriekaffeebasen, die manchmal geradezu in solchen Getränken schwelgen, nicht selten beobachten. Es ist wahr, daß eine kleine Menge gerösteter Cichorie dem Wasser eine ebenso dunkle Färbung gibt als ein guter Theil Kaffee. Ursprünglich wurde sie deshalb in den öffentlichen Kaffeehäusern nur des Gewinnstes der Ersparniß halber, — um einen gutbraunen Kaffee nachzuahmen, eingeführt, weil sie den» Getränke Farbe und Geschmack verlieh. Allmählig gewöhnte sich aber der Geschmack des Publikums an die betrügerische Mischung, manchem Gaumen mundete sie gut und endlich fanden sich zahlreiche Liebhaber an dunklem, bitteren Kaffee. Auf diese Weise wurde sogar die Bereitung des echten Kaffee's von ehrlichen Leuten verschlechtert, indem man um dunkle Farbe zu erzielen, die Kaffeebohnen allzu dunkel röstete, wodurch sowohl die Nahrhaftigkeit wie das Aroma des Kaffee's vermindert werden. — Im Ganzen und Allgemeinen ist der Cichorienkaffee ein ebenso verwerfliches Surrogat wie die übrigen, und dazu kommt noch, daß man selbst dieses schlechte und wohlfeile Fabrikat gar oft nicht einmal rein und unverfälscht auf den» Markthandel antrifft, indem noch andere Surrogate oder Ziegelmehl, Ocker, Erde, Torfpulver zugemischt werden. — 462 — Das sogenannte KölnerKafsee-Surrogat, dessen Bereitung längere Zeit unbekannt blieb und das deshalb sehr theuer verkauft wurde, wird durch Einkochen von 1 Pfund stark gerösteter Gerste mit 2 Pfund Syrup gewonnen. Die Getreidearten als Kaffee-Surrogate sind immer noch allen andern Surrogaten vorzuziehen,.da in ihren Aufgüssen außer «mpyreumatischen Stoffen noch Dextrin (Stärkegummi) vorhanden ist. Man sollte sich aber derlei Surrogate selber zubereiten, — wenn man doch durchaus sich selber betrügen will, — weil solche im Handel fast nur im ungeeigneten Zustand vorkommen und weil man sich dieselben bei nur geringer Mühe weit besser, reiner und billiger herstellen kann. Außerdem wurden und werden zu Kaffee-Surrogaten noch verwendet: Mohrrübe», die Roßkastanien, die Samen von spanischem Wirbelkraut e, geröstete Weintraubenkerne, geröstete Dattelkerne, Erdmandrln, Spargelsamen, Hagebutten, Wurzeln des Löwenzahnes, Wach- holderbeeren.T Vogelkirschen, Brodkrumen, Skorzonerwurzeln, Bucheckern, Mandeln, Mais, Hanfsamen, alle Hülsen fruchte und dergleichen. — Verschiedene Zeiten bringen immer neue Erfindungen auf diesem Gebiete. Die allerneuesten und bestempfohlensten Kaffee-Surrogate sind nun folgende: Das Kaffeepräparat der Wiener Firma Ed. Perger und Comp. Diese Firma hat ein Neichspatent und zwar unter Nr. 10519 auf seine Erfindung erhalten. — Es ist «in Destillat. Dieses wird aus dem Kaffee bereitet, wovon 100 Kilogramm Kaffee 11 Liter geben sollen. Zur Herstellung des Destillats wird der Dampf der in großen Trommeln zu röstenden Kaffeebohnen (marinirter und haverirter) in besondere Behälter geleitet und verdichtet. Dieses Product wenigstens aus Kaffeedunst hergestellt, dient zum Aromatisiren von Kaffeepräparate» und Surrogaten. Der Magdad-Kaffee, Negerkaffee, Oa.15o Kilon ist ein Kaffee- Surrogat, das aus dem zermahlenen Samen der O-rosin oriontnlis, einer in den Tropenländern häufigen Hülscnfrucht, bereitet wird. Die grünen Samen wirken als Brechmittel, — geröstet aber werden sie auch schon in Deutschland als Verfälschungsmittel des gemahlenen Kaffee's benutzt. Obgleich diesem Samen ein gewisser Nährwerth nicht abgesprochen werden kann, da sie ja fettes Oel, Pflanzenschleim, stickstoffhaltige, und stickstofffreie organische Stoffe und zwar an 18"/„ enthalten, so besitzen sie doch durchwegs kein Koffein, den eigentlichen Hauptwerthstoff des Kaffee's. Das sogenannte approbirte Kaffee-Surrogat ist ein halbverkohlter Zucker. Es wurden nämlich in Folge eines Brandes in einer Zuckerfabrik (1678) mehrere tausend Kilogramm gebrannter Zucker billig angeboten und liegt hier wahrscheinlich diese Verwendung jenes durch Brandunglück gebrannten Zuckers vor. Kaffee deN Heims v. Doyer undComp. in Nheims ist ein dem comprimirten Kaffee ähnliches Fabrikat, dem jedoch etwas Cichoriensubstanz zugesetzt ist. Die holländische Kaffee-Essenz in Pulverform soll gleichfalls gebrannter Zucker sein, stammt höchst wahrscheinlich aus vorhergenannter abgebrannter Zuckerfabrik. Döhrens patentirtes Kaffee-Surrogat ist im Wasserdampf erhitzte Getreidefrucht mit vorherigein Zusatz von doppelkohlensaurem Natron. Kaffeeersatz der Firma Leusmann und Zabel in Hanover ist ein Gemisch mehrerer Surrogate mit etwas Stärkmehlstoffen. Dieses Surrogat zeichnet sich durch sehr angenehmen Kaffeegeschmack aus und läßt auch Spuren von wirklichem Koffein wahrnehmen. Pisonis, Kaffee-Surrogat ist das trockne Extract aus gerösteter Cicho- rienwurz, zuweilen mit gebranntem Zucker vermischt. Der comprimirte und patentirteKaffee von Ruch, Chartier und Verlit (Kassel) ist ein sorgfältig gebrannter, zermahlener wirklicher Kaffee, der unter einem Drucke von mehr als 40 Atmosphären in eine den Chocoladetafeln ähnliche Form gebracht ist. (Ist eigentlich kein Surrogat, weil wahrer Kaffee.) 463 — Feigen kaffee, Fugine besteht aus getrockneten gerösteten Feigen, enthält etwa 40"/n Zuckerstoff, 54»/,. Feuchtigkeit. Der homöopatische Gesundheitskaffee von E. Kreplin besteht aus gebranntem Roggen. Der Jamaica-Kaffee soll aus verschiedenen Kaffee-Surrogaten als da sind, geröstete Hülsensamen, Eicheln, Getreidefrüchten zusammengesetzt sein. Der rheinische Frucht kaffee Buch mann's enthält hauptsächlich Lupinensamen. Und nun kommen wir zur Aufklärung des Räthsels von dem ich Eingangs gesprochen habe — von dem „Kaffeebaum" in der Rheinpfalz. Nämlich die Wolfsbohne, Lupine, — von der zwar keine in Deutschland ursprünglich einheimisch ist, welche jedoch im Großen kultivirt und zuweilen in Gärten als Zierkräuter gepflegt werden» besonders aber die gelbe Wolfsbohne (Oupinn luton), die ein sehr hübsches 1 Meter hochwerdendes Sommergewächse darstellt und mit gelben wohlriechenden Blüthen versehen ist, bietet in ihren Samenhülsen Kerne, welche den Kaffeebohnen etwas entfernt ähnlich sehen und als Kaffee vielfach benützt werden. Das Kaffee-Surrogat Behring's auch unter dem Namen Lupinen oder Kraftkaffee bekannt, besteht aus dem ganzen Samen der gelben Lupine, welche Samen durch Erweichung im Wasser zum Theil von ihrem Bitterstoffe befreit, und dann nach dem Trocknen geröstet, sind. Das Verfahren ist patentirt. Dieses Surrogat mit gleichviel Kaffee gemischt gibt ein angenehmes kräftig schmeckendes Kaffeegetränk. Die Bitterstoffe der Lupinensamen sind jedoch von narkotischer, betäubender Wirkung, jedoch in größerer Verdünnung ganz unschädlich. In diesem Krastkaffee sind die Bitterstoffe nur in sehr geringer Menge vorhanden. Die gelbblühende Lupine ist also die deutsche Kaffeebohne. Der M e l i l o t i n - K a f f e e ist eine Mischung von Kaffee — Dattelkernen und Cichorien, geröstet und gemahlen. In England soll dies Surrogat als Fälschung ver- urtheilt und der Verkauf verboten worden sein. DeutscherNatron-Kaffee von Thilo und Döhren soll geröstetes Getreidekorn und Cichorie sein, welche Mischung mit 8»/„ doppelkohlensaurein Natron vermischt ist. — Der Nations« Kaffee der französischen Armee ist ein ähnliches, aber zugleich echten gerösteten Kaffee enthaltendes Fabrikat in runden Tafeln. Der Sintenis- Mocca-Sacca-Kaffee soll ein geröstetes Gemisch aus Getreidefrucht und Matö (Paraguay-Thee) sein. Der Stragal- oder Astragal-Kaffee, auch schwedischer Kaffee, Continental- kaffee genannt, ein vortreffliches Kaffee-Surrogat, besteht aus dem gerösteten Samen der sogenannten Kaffeewicke, ^.atraxalno Iiantieus, auch Bärenschote, Traganth genannt, einer in» südlicheren Europa einheimischen, auch hie und da bei uns cultivirten Pflanze. Der Andalusische Traganth mit gelben Blüthen, ein einen Meter hoch werdender dickästiger Strauch mit citronengelben Blüthen, länglichter Hülse stumpf vierkantig platten Samenkörnern wird an verschiedenen Orten Deutschland's als Kaffeebaum gepflanzt und gepflegt und bildet eine weitere Lösung des Räthsels für unsern deutsch-bayerische» Kaffeestrauch. Der Sudan-Kaffee besteht aus dem gerösteten Samen der sogen. I'arlci» skrilcann, einer in den tropischen Ländern einheimischen Mimosenpflanze. Schließlich muß ich noch eines deutschen Kaffeestrauches erwähnen, den ich selber mit besten Erfolgen aus andere» Gründen mit ebensoviel Glück als großen Erträgnissen anbaute. Es ist dies die Sojabohne oder der Sojakaffee. Dieses Kaffee-Surrogat besteht aus den gerösteten Samen der eigentlich in dem wärmeren Asien einheimischen Papilionacee, Ool alros 8v,ja). Dieser Samen, der die Form von der kleinen gelben rundlichen Bohnenkerne besitzt, enthalten reichliches Fett. Dieses Kaffee-Surrogat ist von F. Auchmann in Marburg in Steiermark in den Handel gekommen. Ich habe diese Sojabohne der berühmten chinesisch-englischen S ojakraft-Sautze wegen angebaut. Werden ja in England alljährlich 12,000 Zentner Sojabohnen zu diesem Zwecke importirt. Dieser schöne ziemlich hoch werdende, vielästige Strauch, der durchaus keine Ähnlichkeit mit einer ander» gewöhnlichen Bohne hat, zeichnet sich durch eine ungeheure Ertragsfähigkeit (auf ein Hektar Land bei der lichtgelben mongolischen Sorte 2177 Kilo ergebend) aus, seine Samen sind sehr nahrhaft und wohlschmeckend, bilden in China und allenthalben, wo dieser Strauch angebaut wird, eine mit Recht höchst beliebte Speise, die bei keiner Mahlzeit fehlt. Keine andere Kulturpflanze producirt so hohen Nährmerth, da diese Bohnen über 34"/y stickstoffhaltige Sustanzen und über 18"/g Fett enthalten. Ueberall, wenigstens in Süddeutschland, sollte man nirgends ermangeln diese Pflanze anzubauen, da man durch sie nicht nur eine höchst-nahrhaste wohlschmeckende Kost, sondern auch ein vorzügliches Kaffee-Surrogat erhält. Die Soja wäre gewiß dir beste unserer heimischen Kaffee-Ersatz-Sträucher. — Miseelleir. (Negerschädel als — Zielscheiben!) Während des kürzlich in Nashville im Staate Tenefsee abgehaltenen Veteranen-Convents war auf der Festwiese ein Stand für Wurf-Uebungen errichtet, auf welchem mit Base-Brill-Kugeln nach Negerschädeln geworfen wurde. Die „Niggers" standen hinter einem mit Leinwand verhängten Verschlage und hatten die Köpfe durch in der Leinwand angebrachte Löcher zu stecken» um den Geschossen als Ziel zu dienen. Jeder Neger erhielt hierfür einen Tagelohn von 3 Dollars, wenn er aber von Schmerz gepeinigt, vor Beendigung des Tagewerks davonlief, nichts. Wir wissen nicht, sollen wir mehr über die Nohheit dieses widrigen Sports oder über die Unthätigkeit der Behörde, die denselben ruhig gestattete, erstaunen. (Ein Dialog auf See.) Zwei Schiffe begegnen sich in der Nordsee auf Hörweite und reden sich durchs Sprachrohr folgendermaßen an: „Wo kommst Du her." „Von Hüll." „Watt heft Du loden?" „Wull!" „Wie is de Fracht?" „Vull!" „Wie heil dat Schipp?" „John Bull." „Und de Kaptein?" „Krull." Da schreit der Fragesteller wüthend zurück: „Minsch, Du bist wul dulll" Wächterlted. Meine Heimath ist ein grauer Thurm, Der Wald umrauscht mich Tag und Nacht: Bei Frühlingsschein und Wintersturm Halt' ich für meinen Herrn die Wacht. Mein Herr lebt freudig bei Prunk und Schmaus Fern in der Stadt; aus harter Streu Beherbergt mich mein Felsenhaus, Doch meinem Herrn dien' ich getreu. Er schaut nicht den Lenz, der mit Schöpserhand Die Wälder schmückt zum Frühlingsmahl, Auch nicht den Herbst, der im Kriegsgewand Durchschreitet das trauernde Quellenthal. Er schaut nicht die Bäche silbern gehen Durch frischer Thäler grüne Bucht, Hört nicht des wilden Nordsturins Wehn, Wie Schlachtruf durch die Felsenschlncht! Er schaut nicht in dämmriger Abendzeit Die Rehlein trinken den kühlen Born, Hört nicht der Bügel Saugesstreit, Wie's trillert und pseist i» Busch und Dorn. Was der Wald sich erzählt, das weiß er nicht, Keimt nicht das Reich von Gnom und Fee, Wo tanzt der Elf bei Mondenlicht, Und die Nixe jubelt im Schiff am See. Er hört nicht der Donner Schauergruß Verhallen an der Felsenwand, Schaut nicht der Blitze Titanenfuß, Der wild zermalmt den Eichenbestand. Wohl gleicht sich alles aus Erden aus, Mit Lust das Leid, mit Schatten der Glanz; ier Fried' und Ruhe, doch Freude draus, nd überall windet Liebe den Kranz. — Drum wohn' ich so gern im grauen Thurm, Jahrein, jahraus, bei Tag und Nacht; Ob Frühlingsschein, ob Winterstnrm, Halfl ich sür meinen Herrn die Wacht! Johannes Hüll. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. ,ur „Äugsburger pojijeitmig?- Nr. 59. Mittwoch, 25. Juli 1883. Ein Jahr Uogrnirben. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Da plötzlich störte Hilferuf eines in rasender Hast dahinfliegenden Mannes Wald- ruhe und Gesang. Kaum hatte derselbe den Arzt erblickt, als er mit zum Himmel emporgehobenen Händen den Nothruf der Freimaurer ausstieß und dann wie leblos zur Erde sank. Paul und Ernst stürzten zur gleichen Zeit zu dem Hilfesuchenden, um ihn aus den Händen eines Mannes zu befreien, der sein Opfer würgte, als müsse es den letzten Athemzug aushauchen, ehe die beiden Männer herbeigeeilt kamen. Daß es diesem Manne Ernst sei, bewies sein verzerrtes, wuthentbranntes Gesicht mit den aus den Höhlen hervorquellenden Augen. Jetzt warfen sich die Beiden auf den Rasenden und es gelang ihnen nach hartein Ringen das ohnmächtige Opfer den furchtbare» Händen zu entreißen. — Während der Arzt sich mühte den Ohnmächtigen mit Hilfe der Damen, die während dieses gräßlichen Schauspieles herbeigekommen waren, in's Lebe» zurückzurufen, hielt Paul die Arme des Mannes, a» K-ss-„ Willen es nicht gefehlt hätte, daß jetzt das Blut eines gemordeten Menschen an , ..-eü Händen klebte. Der Arme, bei dem jetzt Ermattung und heftiges Zittern des ganzen Körpers an Stelle der rasenden Wuth getreten waren, machte nicht die mindeste Anstrengung, sich der fesselnden Hände zu entledigen. Auf des Arztes Zuruf, der in ihm den Jagdaufseher, einen sonst gutmüthigen, wenn auch jähzornigen Menschen erkannte, ließ Paul dessen Arme los und befragte ihn, was ihn zu so unseliger That getrieben habe. Stöhnend stieß jener, auf den Ohmächtigen zeigend, die Wort«: „Weiberverführer, Schänder meiner Ehre" auS, dann wandte er sich, ohne ein Wort zu sagen um und wankte seiner Hütte zu. Paul, der neues Unheil befürchtete, folgte ihm dorthin. Seine Besorgniß war umsonst. Nachdem der Unglückliche sich überzeugt hatte» daß seine Frau das Haus verlassen, warf er sich zur Erde, nieder und weinte und jammerte, daß sich die Steine hätten erbarmen können. Endlich, als die Thränensluth seinem itodtwunden Herzen Erleichterung verschafft hatte, erhob er sich und schritt auf Paul zu, der selbst bis zu Thränen gerührt, in einiger Entfernung den Unglücklichen bemitleidet hatte. Stillschweigend nahmen beide auf einer Bank vor dem Häuschen Platz, während zu ihren Füßen die Wasser des Baches in dumpfem Gemurmel dahinrollten, erzählten sie das alte Lied von gebrochener Treue und zerrissenen Herzen dem lauschende» Walde. Jetzt begann der Mann: „Lieber Herr, ich danke Euch von Herzen, daß Ihr mich verhindert habt, ein Mörder zu werden. Jetzt sehe ich ein, daß ich Unrecht gethan hätte, allein Zorn und Nachgier hatten mich meiner Sinne beraubt. Es hätte aber auch ein älteres und kälteres Blut als das meinige rasend werden können. Wie jeden Montag, so ging ich auch heute zu der fast drei Stunden entfernten Oberförsterei, um Bericht über meine Thätigkeit zu erstatten und neue Befehle zu erhalten. In der Regel komme ich dann vor Nacht nicht nach Hause. Heute nun begegnete mir auf halbem Wege ein Holz- 466 macher, der mir im Auftrage meines Vorgesetzten mittheilte, ich solle zu Hause bleiben, da er gegen Abend mit einer größeren Jagdgesellschaft bei mir erscheinen werde. Wie ich nun so durch den Walv dahin schritt, malte, ich mir die Freude aus, die mein Weib haben würde, wenn sie mich so bald zurücksehen werde. Ich bin nämlich erst seit einem Vierteljahre verheirathet, früher war Theres im Dienste bei dem Gutsbesitzer, den Sie vorhin gesehen haben. Der Herr kommt öfters in mein Haus, hat der Theres auch früher und noch jetzt Geschenke gemacht, allein er sagte immer, es sei nur eine kleine Erkenntlichkeit für die guten Dienste, die sie ihm und seinem Hause geleistet habe. Ich glaubte das auch und dachte nichts Schlimmes bis ich heute nach Hause kam und mich überzeugte, daß der Elende mein Weib umgarnt und freventlich in mein Lebensglück eingegriffen hat. Da ward ich von Sinnen, stürzte auf den Räuber meiner Ehre und es begann ein Nennen und Jagen auf Leben und Tod. Ohne Ihre Dazwischenkunft läge der Elende jetzt erwürgt auf der Straße. Neue hätte ich wohl auch dann keine empfunden, allein es ist so besser. Mein Weib, seine Dirne, wird wohl um Hilfe für ihren Buhlen gelaufen sein. Was jetzt kommt ist mir gleich — ich hasse die Welt und die Menschen, die mich so sehr betrogen haben. Am besten wäre für mich eine Kugel aus meiner Büchse, allein meine Mutter würde sich im Grabe umkehren, wenn sie einen Selbstmörder gebore» hätte. Vielleicht erlöst mich unser Herrgott auf andere Weise; wenn ich mein Kreuz trage brauche ich die ewige Verdammniß nicht fürchten." — Tief schnitten diese Worte Paul in's Herz. Hätte wohl auch ihn der Gedanke an feine Mutter, der Glaube seiner Kindheit und die Furcht vor ewiger Pein in ähnlicher Lage vor Verzweiflung geschützt? — Er hatte ja den Glauben verloren. Fast neidisch blickte er auf den Mann, dem sein Lebensglück geraubt worden war, und der nun Gott fein Kreuz aufopferte. Schweigend drückte er ihm die Hand und ging der Stelle zu, ws er die Gesellschaft mit dem Ohnmächtigen gelassen hatte. Dieser hatte sich mittlerweile erholt und bot lächelnd den« Ankommenden die Hände zu Gruß und Dank dar. Paul ergriff Ekel vor dem Menschen, der lächeln konnte, nachdem er der Mörder des Lebensglückes seines Nächsten geworden war. Doch der Grüßende war ja Bruder, er hatte sich durch den Nothruf zu erkennen gegeben und Paul hatte gezeigt, daß er den Bruderruf verstanden. Er beglückwünschte den Geretteten, der sich als Bruder Folger von der Loge „zur Nächstenliebe" in K. vorstellte. Dann tauschte er auch mit Bruder Flemming das brüderliche Erkennungszeichen und versprach, der kommenden Monatsloge, die nächsten Freitag stattfinden sollte, beizuwohnen. Inzwischen »var man an der Wegscheide angelangt, wo die Dame» ihrer Begleiter harrten. Staunend fah Paul, wie Friederike mit Elsa unterwegs Freundschaft geschloffen hatte, sie umarmte und zum Abschiede küßte. Paul grüßte nochmal» dann reichte er seiner Elsa den Arm und beide schlugen den nächsten Pfad zu ihrem stillen Häuschen ein. Der unschuldige Genuß der Natur war dem Professor gründlich verdorben worden. Auch Elsa, obwohl ihr gesagt worden war, der Mensch habe in einem Anfall von Raserei den Gutsbesitzer ermorden wollen, hatte nicht die vorige Heiterkeit des Gemüthes. Der Nothruf des Verfolgten und die Vertraulichkeit mit dem die drei Männer verkehrten, mußte ihr gezeigt haben, daß ein engeres Band sie umschlang. Auch Dr. Flemming hatte auf sie nicht den besten Eindruck gemacht. Selbst Friederike's Freundschaft schien ihr mehr erkünstelt als natürlich zu sein. So kamen die Gatten, jedes seinen eigenen Empfindungen und Gedanken nachhängend, in kurzer Zeit zu Hause an, wo die kleine Lina und ein erquickender Schlaf die trüben Bilder etwas verscheuchten. 467 Drittes Kapitel. „Ja, hinweg mit blindem Aberglauben! Fort mit todten Formen, leerem Wahn! Nur Vernunft und reine Menschenliebe Strebe, wer da denkt, von heute an. Die Vernunft ist Gottes Offenbarung Freiheit ist des Geistes Element, Liebe ist des Lebens schönste Krone, Die die Schranken keines Glaubens kennt. Ehrist und Jude, Heide selbst und jene, Die Geburt dem Koran unterwarf, Alle bilden eine Bruderkelte, Die kein Haß der Priester trennen darf." „Die Loge ist gedeckt" — rief der erste Aufseher, als die Thurmuhr des nahen Münsters in K. eben in wuchtigen Schlägen die neunte Abendstunde verkündet hatte. — „Nachdem die Loge nach innen und außen gehörig gedeckt ist", begann hierauf der Meister von Stuhl, „so wollen wir, meine Brüdrr, zur Eröffnung der heutigen Arbeit schreiten." Dann sprach er, während sich die Brüder erhoben folgendes Gebet: „Allmächtiger Baumeister aller Welten! Segne unsere Arbeit, die wir zu Deiner Ehre und zum Heile der Menschheit jetzt beginnen. Möge Weisheit uns leiten, Stärke uns erfüllen und Schönheit uns begeistern zum erhabenen Werke, die Menschheit zu Dir hinaufzuziehen. Alles Dunkel soll weichen, Licht werde, sei und bleibe auf unserm Stern. Vor allem aber, liebe Vrüder", fuhr er weiter, „haben wir allen Grund, dem allmächtigen Baumeister aller Welten unsern Dank darzubringen, da er auf fast wunderbare Weise unsern geliebten Bruder Folger, den ehrwürdigen Repräsentanten unserer Großloge, den mörderischen Händen eines Wahnsinnigen entrissen hat. Wir Alle wissen, was der Bund an ihm besitzt. Stolz erfüllt uns, eine solche Zierde des Maurerthums als Mitglied der Loge „zur Nächstenliebe" zu besitzen. Vereinigen sich doch in ihm die Tugenden des profanen Menschen mit den höheren des Maurers zu schönem Bunde, so daß er gewiß ohne Uebertreibung das Muster und Vorbild der Freimaurer genannt werden darf. Wer kennt nicht seine echte, reine Humanität, den Ausfluß seines liebenden Herzens, wer nicht seine wahre Frömmigkeit, die freilich nicht zwischen engen Wänden den allmächtigen Baumeister verehrt! Kaum eine Wittwe unseres Bezirkes wird sein, die nicht schon unsers Bruders wohlthätige Hand empfunden hätte. Und was that und thut er nicht Alles, in echtem Maurersinn für die Bildung der Jugend, die da bestimmt ist, einst aus dem Dunkel der Finsterniß herauszutreten und die Fackel der Ausklärung in alle Welt zu tragen! Wer weiß nicht, wie viel ihm unser blühendes Töchterinstitut verdankt, wo durch seine Mildthätigkeit Freiplätze für arme Mädchen errichtet wurden, die dereinst als Gattlnen und Mütter mitwirken werden am großen Baue der Aufklärung der Menschheit. Doch wer könnte die Verdienste des ehrwürdigen Bruders alle aufzählen! Der allmächtige Baumeister aller Welten hält sichtbar seine Hand über ihm, da er ihn aus den Händen eines i», finsteren Wahne rasenden Menschen so wunderbar errettet hat. Wir aber, meine Brüder, wollen unserer Freude hierüber Ausdruck geben, indem wir ihm den maurerischen Gruß darbringen." — Jetzt Haschten sämmtliche Anwesende in die Hände, die bis dahin in tiefem Schweigen dagesessen waren und einen sonderbaren Anblick darboten. Ueber die schwarze Kleidung war ein weißes Schurzfell gebunden, die Hände steckten in weißledernen Handschuhen, auf den» Haupte saßsein schwarzer Seidenhut und um den Hals schlang sich ein breites, blaues Band, an dem das Logenzeichen hing» Hierauf erhob sich auf des Meisters Geheiß der Bruder Redner, der zur linken des Altares saß, und begann: »Hochwürdiger Bruder Meister! Liebe Vrüder! Die Zierde des Menschen, die im Maurerthum zu ihrer Vollendung geführt werden soll, ist die helfende Nächstenliebe, die echte Bruderliebe. Daß unser Bund diese Zierde besitzt, beweisen die Brüder, welche mit Gefahr ihres eigenen Lebens auf den Nothruf des Bruders Folger den Wahn» 468 sinnigen von seinem Opfer rissen. Es sind dies Bruder Paul Graf und Bruder Flemmlnz. Wenn wir auch nicht das Vergnügen haben, Ersteren als Mirglied der Loge zur Menschenliebe den Unsern nennen zu können, so grüßen wir ihn doch als Glied der Kette, die über den ganzen Erdkreis sich erstreckt und die Herzen verbindet. Glück wünschen kann inan aber der Loge zur Eintracht, wo Brüder wohnen, die kaum dem großen Bunde einverleibt, als Lehrling die Maurertugenden eines Meisters zeigen und üben. Möge Bruder Graf überzeugt sein, daß all unsere Herzen ihm warm entgegenschlagen und daß Jeder von uns, des Geretteten Bruders eingedenk, Gut und Blut für ihn einsetzen wird, wenn die Noth es erheischt. Dir aber, geliebter Bruder Flemming, der Du in Wort und That wiederum als echter Maurer Dich stets bewährt hast, der mit dem Spitzhammer den rohen kubischen Stein bearbeitet und seine Kelle nicht ruhen läßt bei dem Ausbau des Tempels der Humanität, Dir bezeugen wir auf's Neue unsern Dank, und unsere Bruderliebe. Darum, meine lieben Brüder bringt mit mir unsern beiden Brudern den maurerischen Dank dar." — Wiederum gab die Versammlung durch dreimaliges Händeklatschen ihren Beifall zu erkennen. Nachdem hierauf die drei Gepriesenen in kurzen Worten gedankt und ebenfalls auf das Gedeihen des Maurerthums geklatscht hatten, durchklangen auf des Meisters Gebot die gezogenen Töne des Harmoniums den Saal und es wurde folgendes Lied gesungen: Dem Maurer Preis und Lob und Ruhm, Der treu im Logeuheiligthmn Der Menschheit Wurde fördernd trägt, Im Busen Bruderliebe hegt. Doch dreifach Hoch dem Mann, der wagt, Der in Gefahren nie verzagt, Der im Getümmel dieser Welt Das Maurerwort snr's höchste hält. Ihm lohne der große Weltengcist, Der lieben uns und helfen heißt- Ihm dankt der Bruder große schaar, Ein „Meister" heißt er immerdar. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmuth, zur Zufriedenheit mit sich und zur Reue; da hat man mit sich, mit Anderen, mit dem Geschicke gekänipst, gesiegt und unterlegen.' was da gefunden wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war, untilgbar, me eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar, wie ein der Seele eingewachsener Gedanke: ts ist ferner rein von der Aengstlichkeit, der Besorgnis; der Zukunft. W. v. Humboldt, Aus thränenreicher Vergangenheit wächst immer bess're Zukunft: Wir werden Keiner ohne Thränen gut. Raupach. Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht, Doch weh dem Glauben, den; die Sittlichkeit gebricht. Rückert. Reine, absichtslose Wohlthätigkeit ist der Hochgenuß des Daseins. Wer nicht schmeckte, hat nicht gelebt. — Benzel-Sternau. Gerechtigkeit gegen Alle bedeutet die wahre Liebe zu dem Einem. Bettina. Die Schönheit rührt, doch nur die Anmuth sieget, Und Unschuld nur behält den Preis. Seume. Einer der größten und zugleich gemeinsten Fehler der Menschen ist, daß sie glauben» andere Menschen käunten ihre Schwächen nicht, weil sie nicht davon plaudern hören, oder nichts davon gedruckt lesen. Ich glaube aber, das; die meisten Mensche» besser von sichern aekannt werden, als sie sich selbst kennen. Lichtenberg. Es gibt noch süßere Freudenthränei!, als die im Wachen — es sind die im Traume. JeanPaul. — 469 — Aus Obergünzbttrg's Umgebung. Langsam geht es aufwärts durch das grüne Thal, durch gesättigte, duftende Felder, vorüber am schnellen Büchlein, drin muntere Fischlein ihr sorgloses Spiel treiben. Doch noch hindert das Pochen einer Gypsmühle den reinen Genuß der Natur. Da schimmert durch das Gebüsch eine helle Wasserfläche, die uns durch ihre Zuflüsse einen jedenfalls kühlen Empfang ahnen läßt, falls wir den Lockungen von Sonnenschein nnd Wellenschlag folgen wollten. Darum fort! auf die stille Waldwiese, wo bescheidene Blümchen am Rande der Quellen lauschen auf den Tritt des scheuen Rehes, das soeben seine Aesung sucht. Auf dem sauften Polster des Heidekrautes geht das schlanke Thier vorwärts zu dem schwellenden Grün, das vom Himmelsthau getränkt in funkelndem Glänze schimmert. Ein froher Sängergruß schallt von den waldigen Höhen und jubelnd führt die Lerche in dem bewegten Chöre die liebliche Melodie. Plötzlich jauchzt einer aus unserer Mitte, verführt durch das wundersame Singen und Klingen — das Reh ist in dem wilden Nosengebüsche verschwunden, das den Wald umsäumt. Ein kurzer Hohlweg führt uns aufwärts durch das Fichtenholz, wo das Licht im magischen Wechselwirken mit dem Dunkel kämpft — da scheucht das Knistern dürrer Aeste einen schlafenden Hasen auf, der jetzt noch sorglos vor dem grimmen Menschenfeinde entflieht; girrend fliegen die Wildtauben in's Freie und wecken das Eichkützchen zu neuen Kletterübungsn. Bald öffnet sich der Wald und ein Hochplateau liegt vor uns, dessen höchster Punkt von dem freundlichen Weiler Eschers gekrönt wird. Die Leute schauen verwundert uns „Stadtherrn" nach, denn dem biedern Landmann fehlt hier im Allgemeinen der empfängliche Sinn für Naturschönheit wie ihm auch die Gabe des Liedes mangelt, die uns in Schnadahüpfeln des bayrischen Oberlandes entgegentritt. Dir stattlichen Bauernhöfe machen namentlich durch ihre Reinlichkeit einen guten Eindruck, sogar ein Blitzableiter ist auf einem Anwesen zu bemerken; da wird wahrscheinlich einmal aus lichten Höhen eine warnende Mahnung gekommen sein, denn zu Neuerungen, die nur einigermaßen überflüssig erscheinen, ist der Allgäuer schwer zu bewegen; da bemerkt eben der naive Mann: „Hat's bis jetzt nix braucht, na wird's so a thua." Schon sind wir auf der Höhe angelangt, die sich nahezu 870 m über den Meeresspiegel erhebt, und bemerken, daß hier Steine' zur trigonometrischen Landesvermelluna angebracht sind. Ein Allgemeiner Ruf des Staunens entfährt unsern Lippen, die wir uns absichtlich bis jetzt jedes Hinblickes enthalten hatten, um einen volleren Genuß zu haben. Die noch nicht lange emporgestiegene Sonne beleuchtete uns eine prachtvolle Landschaft. Umschlossen von blühenden Feldern und wogenden, goldene» Aehren sahen wir über dunkle Wälder und einsame Gehöfte hinüber nach den Bergen in ihrer Morgenpracht. In voller Klarheit und packender Macht heben sich die schroffen Spitzen des Wettersteines von dem klare» Himmel ab, die Schneefelder schimmern in überwältigendem Glänze, ein rosenfarbener Flor hängt an den grünen Matten und Halden des langgestreckten Grünten, eine Fülle der schönsten Wirkungen läßt das Auge nicht ermüde», das freudestrahlend den weiten Kreis durchmißt. Von den Bergei» des Bodensee'S bis hinunter in's Jnnthal, vermag der Blick zu schweisen — eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Gruppirungen, unter welchen die Zugspitze den Vorrang einnimmt, »nährend der Hochvogel mit der Daumenkette wegen seiner Nähe nicht minder »nächtig wirkt. Doch wenden wir uns nach Westen, so ist der Gegensatz der Landschaft äußerst fesselnd. Während im Süden die mächtige Naturkraft selbst durch die bunte Gestaltung der Felsgebilde den Zauber des Anblickes schafft, ist es auf den Höhen des JllerthaleS der rastlos schaffende Mensch, welcher die ansteigenden Hügel belebt. Wie es glitzert und blitzt, wie es funkelt und schimmert auf den zahllosen, glänzenden Fenstern» Regellos »«streut liegen eine unschätzbare Zahl von Häuschen zwischen den Wiesen und Wäldern ei» einziges, geordnetes Dorf ist sichtbar und wir werden lebhaft an die Sitten unsrer Vorfahren erinnert, als noch jeder freie Bauer, wie der Adeling auf seinem Hofe inmitten seiner Felder saß. Die Stadt Kempten entzieht sich unserm Blicke, Schloß Quadt, Kronburg rc. sind sichtbar. Im Norden sind zunächst die Thürme von Ottobeuren bemerklich und bei Hellem Wetter vermag man sogar die Wilhelmsburg in Ulm zu erkennen. Im Nordosten hatte uns leider der tückische Nebel die Aussicht benommen, doch eine rasche Wendung des Kopses brachte uns Ersatz genug. Noch lange weilten wir hier ooen und freuten uns des herrlichen Morgens in wunderbarer Schönheit. Ost schauten wir zurück »ach der Stätte froher Augenblicke, als wir durch Hartmannsberg unser» Abstieg nach dem hübschen Markte nahmen. Man hat uns auf einen andern Spaziergang durch die sogenannte Buchhalde nach dem „Hüttchen" aufmerksam gemacht und da wir einen hellen Abend zu erwarten hatten, so traten wir am späten Nachmittage unsere Wanderung durch das Günzthal an. Frohe Landleute belebten die Felder, welche auf schwankendem Wagen das duftige Heu. welches in dieser wasserreichen Thalsohle besonders gut gedeiht, nach Hause oder in die Feldscheunen schafften. Bald nahm uns ein junger Fichtenbestand in seinen kühlen Schatten auf, lauschige Stille umfing uns, so das; wir schweigend fortschritten und in süßem Behagen die wonnige Waldluft einsoge». Diese Ruhe bestrickt die Sinne und läßt Erinnerungen wach werden, welche im Gewühle der großen Stadt, in dem hastigen Dränge» und Kämpfen der Menschenmassen übertönt werde». Doch bald ward dieses träumerische Sinnen durch die durchbrechende Jugendlust verscheucht, jeder war durch die kurze ungestörte Rückkehr zu der eigenste» Gedankenwelt gehoben und im muntern Gespräche entwarfen wir uns ein farbenreiches Gemälde der Zukunft, bei dem e^ allerdings an dein nöthigen Schatten fehlte. Denn um diesen kümmert sich die Jugend nicht; wenn auch dem idealen Streben so manche Enttäuschungen nicht erspart bleiben können, so darf doch dieses reine Licht der Begeisterung niemals dem Dunkel der Unthätigkeit und dumpfer Resignation weichen. Da unterbrach der Wechsel der Landschaft unser Gespräch; waren wir bisher im Dunkel des Nadelholzes in einförmiger Umgebung dahingegangen auf weichem Moose, das nur manchmal vom Springkrauts überwuchert war, so schien die Sonne jetzt freundlich durch das Laubdach, vor uns erschloß sich ein freier Platz, während links sich abschüssige Erhöhungen zeigten. Ueppiger Pflanzenwuchs deckt die mit einzelnen Tannen bestandenen Hängen, welche in Folge des abstürzenden Schneewassers tiefe Rinnsale und Erdabrutschungen zeigen; ein Gangsteig schlängelt sich in sanfter Steigung zur Höhe von Freyen empor und eben entschwindet ein pürschender, stämmiger Jägersmann am Ende desselben. — Da tönte es in der Nähe geschwätzig schnell und sieh! ein murmelnder Quell eilt vom Felsen rasch in's Thal hinab. Eine sinnige Hand hat neben dem Wasserbecken und dem Gestein, welches den Namen „Neverdy" trägt, eine Nasenbank errichtet, welche uns zu einigem Verweilen verlockte. Der Trank ist gut und erfrischend. — Doch die sinkende Sonne mahnte zum Scheiden. An den Höhen entlang zog sich der Weg durch Buchen und Tannen, bald wurde ein kleiner Weiher sichtbar, der ehemalige Schloß- weiher von Liebenthann. Endlich führten uns viele Stufen aufwärts zum Hüttchen, der alten Kapelle und den Schloßruinen. Daselbst waren im 13. Jahrhunderte Volkmar und Ulrich von Liebenthann gesessen, welche die Burg an die Herzoge von Teck verkauft. Im 15. Jahrhundert ging dieselbe sammt der Freiung, dem Zoll und Zins des FleckenS Gunzelourc an den Grafen Hans Stain von Nonsberg über, der es an das Stift Kempten überließ, in Folge dessen der Ort von Kaiser Nupprecht das Marktrecht erhielt. Nur wenige Spuren der Burg sind noch aufzufinden, die Kapelle scheint noch nicht allzu lange niedergerissen zu sein. Nach dieser kurzen Umschau ließen wir uns in dem einfachen Häuschen nieder, um den sich bietenden Ausblick zu genießen. Unter uns klapperte eine Mühle, deren Rad wie mit Silber übergössen erschien; doch kein menschliches Wesen >var zu sehen und vergebens spähten wir nach einer schönen Müllerin. Zu beiden Seiten des anmuthigen Thales sind bewaldete Höhenzüge, von welchen freundliche Höfe niederschauen. Durch diese Begrenzung wird der Blick zunächst auf Obergüngburg selbst beschränkt und dadurch ein ganz hübsches Bild geschaffen. Daran schließt sich das obere Thal mit dem Schotlenwalde, bis den Horizont die Alpen abschließen. Selten bot sich unsern Augen ein farbenprächtigeres Bild als an diesem Abende. Die Beleuchtung erhöhte unzemein die Reize der Umgebung und das Farben- spiel bot einen wundersamen Anblick. Als schon leise Schatten in's Thal niedersanken und die blinkenden Wellen des Baches erbleichten, da strahlten die Berge in zauberischem Glänze. Eine Nöthe, wie sie die holde Scham auf die Wangen eines lieblichen Mädchenantlitzes senkt, fluthet in reicher Fülle um die Häupter der starren Niesen, fächerartig floß sie herab an den Schluchten, die Eisfelder leuchteten in schimmernden Farben. Doch jeden Moment schillerten die Spitzen in wechselnder Färbung, bald erschienen sie in flüssiges Gold getaucht, dann sank ein Silberschleier leise auf die verglühenden Firnen, bis zuletzt die Königin unsrer Berge, die Zugspitze, allein im matten Scheine sich über den dunklen Horizont erhob. Stumm sahen wir diesem unbeschreiblichen Schauspiele zu, bis uns ein kühler Wind auf den Gedanken der Heimkehr brachte. Mit dankbarem Gefühle schieden wir von dem schönen Waldesort. Der Bollmond stieg über den hellen Himmel herauf; es war Johannisnacht. Unsere Phantasie belebte den Hain mit lieblichen Gestalten, Elfen und Fee'», Dryaden und Faune mußten ihre Tänze und neckische Spiele uns zeigen im zitternden Lichts, das stille auf den Bäumen schlief. Die Böge! schwiegen und träumten wohl von angehörten Liedern, die sie morgen singen wollten. Da fühlten wir es wohl: „sanfte Still und Nacht Sind hold den Tönen süßer Harmonie." Und als wir aufsahen zu den lichten Sternen, die unergründlich ihre ewigen Bahnen ziehen, da füllt ein unstillbares Sehnen unsere Seele, hinaufzubringen nach den Himmelsräume», zu sehen jener Welten Harmonie» das stete Walten göttlichen Gesetzes. So verband sich der Zauber der Natur mit dem Wirken unserer Phantasie zu einem jener Eindrücke, welche wir in weihevoller Stunde empfangen und nie vergessen. Und als wir am nächsten Morgen in das Gewühl der Residenzstadt zurückkehren mußten, da gab uns einer aus unserer Wirte ein Eriunerungsblatt mit auf den Weg, das er unmittelbar nach diesem Abende flüchtig entworfen hatte. Es mag denn auch den Schluß der Mittheilung bilden. „Das Wunderbare taun den Jüngling fesseln, Wenn noch die Kindheit mit dem Ernste ringt, Der still das Knabeiffpicl zu Mauueschateu reist. Doch mächtig regt sich das Gemüth, die Seele, Es treibe» Blüthen aus dem vollen Keim Ball süßen Dustes scur'ger Farbeuglut. In seinem Innern treibt's den Jüngling, ahnend, Sich eine Welt zu bau'», die ihn befriedigt. O! pflegt dies Herz, die freie lebensnollc sogar sein Aeußcres war zu seinen Gunsten verändert. — Elsa's Gesundheit hatte sich gekräftigt, wenigstens deutete eine frischere Farbe darauf hin, allein es schien als ob aus den mädchenhafte» Augen nicht nur Innigkeit, sondern auch Schwermuth blickte. Während sie aber nach wie vor ruhig den Geschäften des Hauses und der Pflege ihres Kindes oblag, hatte sich bei Paul eine Sucht nach Zerstreuung eingrschlichen, die ihn alle Abend aus dein Hause in den Kreis seiner Bekannten trieb, welche fast ausschließlich der Loge angehörten. War nicht Gesellschaftsabend im Lügengebäude selbst, so konnte man diesen Kreis sicherlich in einem Nebenzimmer des Gasthauses zur Schwane versammelt finden, dessen Eigenthümer, der Vater von Ernst und Friederike, schon seit seinem zwanzigsten Jahre dem Bunde angehörte. Letztere ivar auf der Eltern Geheiß kürzlich nach Hause zurückgekehrt, um der kränkelnden Mutter eine Stütze zu sein. War Paul nun der Liebling seiner Freunde, die er durch unermüdete Arbeit in Schrift und Wort an sich fesselte, so konnte er als der Freund Friederike's gelten, welche sich in kleine Zuvorkommenheiten gegen ihn überbot, nichts ohne seinen Rath anfing und aufmerksam, wie ein begeisterter Schüler, seinen Worten lauschte. Welch' ein Leben war aber auch in die früher so starre Hülle eingezogen! — Nichts war mehr von dem in Weltschmerz versunkenen Pedanten zu erblicke», wenn Paul in zündender Rede die Vrüder ermähnte, nicht nachzulassen i,n Kampfe gegen den Geist der Finsterniß, der Jahrhunderte lang die Menschheit geknechtet und gemartert, der den Menschen zum Thiere erniedrigt oder ihn zum Despoten mache. Und wenn er dann lächelnd Friederike ein Gedicht überreichte, das von Liebe und Wonne überfloß, oder in einem der Tagblät.er seinen Gefühlen Ausdruck gab, da hätte wohl Niemand in ihm den ehemaligen ascetischen Klosterbruder und Weltver- ächtcr gesucht. Und doch gab es Stunden, wo der Schein von Glückseligkeit und Friede wich und er einen Blick senken konnte in seine Brust, wo es dunkler und kälter war als je. Dann schmiegte sich wohl seine Elsa an seine Brust, hob ihr bittendes Auge zu ihm auf und erinnerte ihn an die Zeiten, wo er ihr gehörte, ihr und ihrem Kinde lebte. Dann flehte sie ihn an, gerade jetzt, wo sie ein neues Geschenk seiner Liebe unter dem — 476 Herzen trage, sie nicht zu verlassen, da nur seine Liebs ihr Leben erhalten könne. Dann kam wohl auch die kleine Lina betete dem Vater ein neues Gebetlein vor, das sie von der Mutter gelernt hatte, oder bat ihn, Abends mit ihr zu spielen, und bei ihr und Mama zu bleiben. In solchen Augenblicken lebte Pauls Brust wohl von neuem auf in dem reinen Gefühle der Gattenliebe und Vatersreude, und er versprach Mutter und Kind alles, was sie begehrten; wenn aber dann, nachdem er ein paar Tage für seine Lieben gelebt hatte, Friede,ike zur Freundin kam, sich ängstlich nach seinem Befinden erkundigte und mit ihren Zauberaugen ihn bannte, da vergaß er des Versprechens und erschien Abends wieder im fröhlichen Kreise, aufmerksamer als je von Friederike mit Zeichen der ^ Freundschaft und Ergebenheit überhäuft. Dann gehörte er auch wieder der Loge und , arbeitete für dieselbe zur Freude der Meister und zum erhabenen Beispiele der Lehrlinge. ! So kam Ostern heran, und Paul, der mittlerweile in den Gesellengrad vorgerückt war, - sollte durch einstimmigen Beschluß der Meisterloge in Anbetracht seiner Verdienste um ^ den Bund zum Meister erhoben werden, obwohl seine Probezeit noch nicht zu Ende war. ! Der ersehnte Abend brach an. Unbekleidet, wie einst ein Suchender, betrat er am l Arme zweier ebenfalls zu befördernden Bruder unter dem Gesänge der Anwesenden die ! Loge. Doch waren ihm diesmal die Augen nicht verbunden, sondern er mußte rückwärts ! gehend die Schwelle des HeiligthumS überschreiten. Während die Aufzunehmenden, das ^ Gesicht stets von der Mitte des Saales abgewandt, die Loge dreimal durchwanderten, sangen die Bruder unter Begleitung des Harmoniums die letzte Strophe des „Vaterunsers 's ! der Freimaurer: O Du, der sein wird, ist und war, Beschütze Deine Maurcrschaar! Und wo ei» Bruder zweifelnd irrt, Von der Versuchung Reiz umgirrt, ! Da laß ihn fliehen bis an die Schwelle, - Wo Deines Trostes 'sehen quelle; ! Laß an des Altares Hörnern sich ihn halten, ' Hier schütze ihn der heil'gen Dreien Walten. Hier betet er mit Zuversicht: Führe uns nicht in Versuchung, Sondern erlöse uns von allen Uebeln. Hallelujah, großer Meister! " Deine ewigen Säulen stehen, Ob in Deinem weiten Reiche ! Welten untergehen. Lies gezündet steht Dein Tempel, > Reichend bis znr Sternenwand, ^ Für ihn schlagen lausend Herze», Bauet jede Bruderhand. f Leil' auch inich aus sicherem Wege s Durch der Wogen Element, Bis ich schaue T»ch als Meister ) In dem großen Orient, s Ais dereinst sich mir die Thore Oeffnen Deines Tempels Hallen, s Wo von'iiah und fern die Brüdsr Zu dem Sonnenaltar wallen. ^ (Fortsetzung folgt.) Gol-kSrerer. Der schlimmste Schritt ist, den man eingestellt; Was man nicht ausgibt, hat man nie verloren l Schiller. Das Wort sröhnt wie ein Sktav' Jeglicher Gruft, auf jedem Epitaph Lügt es Trophäen; oft schweigt^, und dem Gedächtniß Ehrwürd'ger Namen läßt es als Vermächtnis! Vergessenheit und Staub. Shakespeare. — ^77 — Der ArrferrthalL in kleinen Orten. Eine Studie von *** (Aus der Nürnb. Presse.) Es ist nicht möglich, dass Alle, die sich zu den Gebildeten rechnen, in der Residenz, ja selbst in Mittelstädten leben können. Gerade die meisten wissenschaftlich gebildeten Männer, namentlich Beamte, zwingt eme heilsame Nothwendigkeit in kleinen Städten, unbedeutenden Flecken oder gar auf stillen Dörfern zu leben; denn es soll ja auch in die kleinsten Winkel, auch in rauhe und durch die zweifelhafte Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner verrufene Gegenden der Same der Bildung und Menschlichkeit getragen, Recht und Verwaltung nach den Gesetzen geübt. Unterricht, Tröstung und Heilung dem bedürfenden und verlangenden Volke ertheilt werden. Aber welche unendlichen Klagen über diese so klare Nothwendigkeit und in welchen Abstufungen! Am wenigsten, was hoch anzuerkennen ist, hört man bittere Unzufriedenheit von denjenigen äußern, welche in der Regel am weitesten hinausgeworfen sind: von Forstleuten, Pfarrern und Aerzten. Namentlich bei den ersteren findet man selbst in den rauhest?» Gegenden in der Regel immer frohen Muth, ein stilles Einleben in die kleinsten und ärmsten Verhältnisse, einen Mangel an Neid und Ingrimm gegen bester gestellte oder höher stehende Standesgenosse», der dem Kenner der Menschennatur eins freudige Regung ablockt. Kommt man an solchen abgelegenen Orten zu irgend einem frohen Feste solcher wetterharter und biederer Männer, so geht Einem das Herz auf und man möchte glauben, daß dieß „doch bestere Menschen seien." Auch Aerzte finden sich leicht und anspruchslos in den Aufenthalt an kleineren Orten und halten oft mit vielem Humor aus, besonders wenn die Praxis eine einträgliche ist; aber auch in ganz armen Gegenden, wo der Arzt, abgesehen von dem kargen Lohne, oft Leben und Gesundheit in seinem Berufe wagt, ist jahrelanges treues Aushalten keine Seltenheit. Nun aber zu den ewig Klagenden und Unglücklichen. Es sind die Juristen und Verwaltungsbeaiuten im engeren Sinne und namentlich deren Frauen, welche an kleinen Orten immer unzufrieden und unablässig von dem Stachel des WeiterdräugenS geplagt sind. Sind diese Klagen, diese Wünsche nicht in den meisten Fällen unbillig, könnten sich nicht die Betheiligten selbst ihr Dasein mehr verschönern? Auf die erste Frage können wir aus eigener vieljähriger Erfahrung antworten, daß gar viele dieser Klage» nach dem objektiven Bestände nicht unberechtigt sind. Solche Bemängelungen, daß man nicht die Vergnügungen und Genüsse der Großstädte genießen könne, wie Theater, Konzerte, Bälle rc. rc., sind freilich rein lächerlich; hier heißt es sich eben einfach bei dem gefallenen Loose beruhigen. Ebenso ist es wenigstens unbillig, wenn jüngere Beamte, sie mögen so talentvoll sein als sie wollen, nicht bedenkcnd die außerordentliche Konkurrenz und die geringe Zahl der höheren Stellen, sich nach vsrhältnißmüßig kurzem Aufenthalte ewig gekränkt, zurückgesetzt und unglücklich fühlen und mit fieberhafter Anstrengung aus dem N e st e weiter trachten, währsiH wir es einem älteren Herr», der drei, vier oder noch mehr Söhne heranwachsen sieht, allerdings nicht verdenken können, wenn er ängstlich einer größeren Stadt mit Bildnngsanstalten zustrebt. Und ist es denn in der That gar so arg in den Nestern? Manchmal, doch nicht i m m er. S o n st muß es freilich überall recht gemüthlich gewesen sein, denn fast in jedem Städtchen konnte man schon 1860 hören: Ja, früher, da war es hier schön, da hätten Sie da sein sollen! Oroäut ckuckssus ^ppallu! — Es gab sonst und gibt heute noch gemüthliche, gleichgiltige und bösartige Nester. In den ersten verstehen sich die Beamten unter sich ohne allen Stolz auf ein Stüfchen höher auf's beste; man sucht sowohl im Amte, als im Privntwege nur Frieden und gutes Auskommen und es pflegen Beamte, gebildete Bürger und sonstige Honoratioren einen für alle Theile erfreulichen Umgang. Ebenso kommen, was eine Hauptsache ist, die Frauen miteinander gut oder 478 doch erträglich aus; man bewegt sich zwangslos in Gesangvereinen, Harmonien und dergleichen; man macht gemeinschaftlich Ausflüge auf's Land, chuf Vergkuppen; — Pikniks und dergleichen und spricht wohl öfter das frohe Wort: „Heut ist's doch wieder recht schön gewesen!" Daß solche Orte nicht blos im Reiche der Phantasie liegen, das habe ich selbst in mehr als einem Kreise unseres engeren Vaterlandes erfahren, zwar schon vor geraumer Zeit, doch auch aus der Gegenwart vernahm ich erfreuliche Berichte, daß hier und dort die schöne alte Tradition fortgepflanzt werde. In den gleichgültigen Nestern, und das sind wohl recht viele, herrscht eine unbeschreibliche Stagnation der Affekts- und Willenskräfte, die oft unter ungünstigen Verhältnissen um so mächtiger gedeihen, allein das gesellige Leben und die Stunden, in welchen es dem Beamten und Berufsmanne jeder Art vergönnt ist, Mensch zu sein und unter Menschen zu leben, sich zu freuen und andere zu erfreuen, — gehen ihren unbeschreiblich müden Gang; alles schläft am helle» Tage wie in Dornröschens Zauberburg. Und das Alles trotz Turn«, Sing- und Lesevereinen? Ja wohl. Wo eben kein Leben, kein frischer Pulsschlag der Zeit, keine gegenseitige Neigung vorhanden ist, da kann nur das Gefühl absoluter Gleichgiltigkcit alle Kreise beherrschen; bleierne Langweile, alltägliches Gespräch füllt die langen Winterabende beim Bier, nur das edle Tarokspiel vermag eine kleine Unterhaltung zu bieten. Wehe dem Fremde», dem es im Winter zu Theil wird, eine solche Abendunterhaltung mit zu genießen. Glücklich dagegen das abgelegenste Dorf, in welchem sich einige Lehrer finde», die den Abend mit Quartetten von Silcher, Kreuzer, Methsessel rc. verschönern. Noch schlimmer freilich ist es in den bösartigen Nestern. Hier beleidigt man sich aus geringfügigem Anlasse, oft nur aus persönlicher Antipathie, man ohrAgt, man duellirt, man prügelt sich, namentlich zur Zeit von Wahlen, man vervehmt Mißliebige, setzt sich von ihnen hinweg, wirft sie hinaus. Manchmal gibt es auch herbe Parteistellungen aus folgendem Grunde. Es weiß ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft durch glänzenden Aufwand, Schmeicheleien, pantzm vt eiroausen in kleinem Maßstabe, lange Zeit einen großen Anhang um sich zu sammeln, während die Stolzen und Mißtrauischen ganz in den Schatten gesetzt werden, bis dann endlich durch die Alles reifende Zeit ein böser Schaden an's Licht kommt und das hervorragende Mitglied wegen Kassendefekts oder Diebstahls, durch Selbstmord oder im Zuchthause endet. Nun findet vielleicht Reinigung der Luft statt? Weit gefehlt! schlimmerer Haß und Zwiespalt als zuvor! Ein Aufenthalt an einem solchen Orte ist nun freilich arg und wer ihn Jahre hindurch getragen, dem bleibt er unvergeßlich und er trägt die Narben im Gemüth sei» Leben lang; doch zum Glücke sind ja solche Orte Ausnahmen, es ist eben einfach ein Unglück, in einen solchen Sumpf zu gerathen, und unablässiges Streben und Arbeiten herauszukommen nicht nur erklärlich, sondern eine bittere Nothwendigkeit und vom Triebe zu leben, geboten. Solche Schäden zu heilen, steht nun nicht in der Macht der Einzelnen. Hier heißt es Resignation und Forltrachten aus allen Kräften. Nur durch vollständige Erneuerung eines ganzen Personen-Status tritt manchmal Besserung ein, aber nur durch vollständige, denn bei unvollständiger treten in der Regel die neu Eintretenden die Erbschaft des Hasses und der Parteigelüste der Abtretenden frisch und fröhlich an. — Aber an solchen Orten, welche nicht an liefen moralischen Schäden, sondern mehr an Kleinlichkeiten und Schwächen leiden, könnten doch die Betheiligten selbst durch redlichen Willen eine Besserung ihres Zusammenlebens herbeiführen? Gewiß, wenn auch nicht so leicht und schnell; und doch würde sich die Wirkung schon in wenigen Jahren zeigen, wenn Manches vermieden oder gemildert würde, was wir jetzt mit dem Stückchen des Horaz nicht mit der Skorpionpeitschs des Juvenal, berühren »vollen. Es ist jetzt zum Glücke allgemein anerkannt und zwar auch unter den Beamten 479 selbst, daß ein Beamter durch seine Stellung an und für sich keinen Vorrang und keine Autorität im bürgerlichen Leben beanspruchen kann,- durch seine Kenntnisse, durch seine Humanität muß er sich Achtung und Beliebtheit verschaffen. — Polterer und aufgeblasene Menschen im Stile der Landrichter in den „Fliegenden Blättern" werden heuzutage mit gleicher Münze bezahlt. Das beste Mittel aber von Seite des Bürgers und Bauern, sich eine anständige Behandlung zu sichern, ist ruhige Höflichkeit, ohne Kriecherei und ohne Belästigung, wenn eine Zumuthung als rechtlich unstatthaft zurückgewiesen wird; es steht ja deswegen doch Jedem frei, zum Advokaten zu gehen; nur nicht damit drohen l Sehr zu vermeiden ist auch das Pochen von Seite wohlhabender Bauern, Brauer, Fabrikanten auf großen Besitz und große Steuer; namentlich die letztere wird oft bitter hervorgehoben, wenn es nicht gleich nach Wunsch geht. Darum, ihr Aufgeblasenen im Amte, deren es ja hie und da noch gibt, seid bescheiden und human; ihr Rschtssucher und Antragsteller desgleichen; und ihr Humanen, die ihr Gott Lob! die Mehrzahl bildet, laßt Euch durch keinen Unverstand, durch keine Plumpheit in Euerer lobenswerthen Führung erschüttern! Was nun Titel- und Nangsucht unter den Beamten selbst betrifft, so hat auch hier die Zeit schon wohlthätig gewirkt; konnte man noch vor 20 Jahren kaum in einer Abendgesellschaft auf dem Lande sein, ohne beständig die gebührenden Titel hin und her fliegen zu hören, so hat sich dies an den meisten Orten sehr gegeben und es genügt einmalige Nennung beim Kommen und Gehen. Mögen aber auch diejenigen, die denn gar so versessen auf den Titel sind oder gar ihr Stüfchen höher manchmal recht bösartig geltend machen, hiemir dringend ermähnt sein, endlich einmal dieses Zöpflein abzuthun und namentlich auch das Stüfchen höher zu vergessen. Leider bös versessen sind in diesem Punkte fast überall noch die Frauen. Mit Recht lacht der Franzose über unsere Frau Direktor, Frau Inspektor» Frau Bezirksarzt rc. Möchte doch endlich auch dieser lächerliche Mißbrauch aufhören; darum Ihr edlen deutschen Frauen, laßt Euch über diesen Punkt nicht länger mit Recht von dem Nachbarvolke verlachen, nennt Euch gegenseitig getrost Frau Müller und Frau Schulz« und sollte auch „Euere Waschfrau" ebenso heißen. Dies nicht etwa blos für's Land, sondern auch für die Stadt recht wohl zu beherzigen. Und an Euch, Ihr Frauen, ist es ferner, eine Quelle recht vielen Uebels versiegen zu lassen. Wir meinen die scheinbar unschuldigen abwechselnden Kränzchen oder „Visiten" mit Bewirthung im Hause. Scheinbar unschuldig sind dieselben, allein in Wirklichkeit Veranlassung zu vielen Kosten, Anlaß zur Entstehung und Verbreitung übler Nachreden und hauptsächlich sofort nach Verlassen der gastlichen Stätte zur boshaftesten Kritik über die Personen, die Bewirthung, die Toilette, die Hauseinrichtung der edlen Spenderin. Darum wochenlang« Aufregung vor dem Ereignisse der Visite im Hause der Fesl- geberin, ängstliche Revision der Vorhänge, des Fußbodens, der Möbel, Akkorde mit Bäcker und Konditor; denn Hausgebäck wagt man aus Furcht vor Mißlingen schon lange nicht mehr zu bieten, und vor Allem das fieberhafte Streben, wieder Neues und Großartiges aufzutischen, das die Anderen herabsticht. Glücklicherweise bricht die Uebertreibung der Sache die Spitze ab. Die große» Visiten kommen, namentlich durch energischen Einspruch des Gemahls, mehr und mehr ab. Möge auch dieser Zopf bald gänzlich verschwinden und da ja doch geplaudert und geklatscht werden muß, dieß auf neutralem Boden im Sommer in einer Gartenwirthschaft, im Winter in einem passenden Wirthslokale bei erheiterndem Kaffee und einfachem Gebäcke geschehen. Und nun zum Schlüsse für kleine und große Orte noch eine Mahnung. In morali- sircnden und gemüthreichen Büchern liest man gar viel über den Firniß des gesellschaftlichen Tones, über die Falschheit der Menschen bei freundlicher Außenseite; laßt, ich bitte "Euch! o laßt beides bestehen und gelten, wie eS ist. Geht nur einmal dahin, wo man sich beständig die Wahrheit sagt, wo die Geister wild auf einander platzen, wo man keine 480 Antipathie verbirgt, sich schimpft, prügelt duellirt» und ich wette, Ihr werdet Euch herz- ^ lich nach „Firniß" und „Falschheit" sehnen Daß ich die Höflichkeit nicht so weit getrieben haben will, d -ß man wirklich i m- same Menschen mit Rücksicht behandeln soll, versteht sich von selbst; allein so lange es nur auf Formen ankommt, rathe ich sogar solchen gegenüber sie nicht provozierend zu ^ verweigern. ^ Ich habe meine Erfahrungen zunächst in Süddeutschland gesammelt; sie dürften l auch anderwärts zutreffen. Es galt mir zunächst, ein Kulturbild der neuesten Zeit zu j entwerfen und ich glaube, daß sehr Viele es richtig finden werden; ich wollte aber auch l Winke zu „einem besser» Leben" geben; helfen sie Nichts, nun, so war doch meine Ab- i ficht gut. — ! Hitnmeloschau inr Monat August. —X. Venus o im Löwen verschwindet gegen Ende des Monates in den Strahlen ^ oer aufgehenden Sonne. ; Mars F erscheint um Mitternacht in NO., glänzt bei den Hörnern des Stieres ! und den Füßen der Zwillinge und hat am 29. seinen höchsten nördlichen Stand. Am s 28. befindet er sich 4 ' nördlich vom Mond. ! Jupiter -s erhebt sich gegen 2 Uhr früh über den nordöstlichen Horizont, be- ! findet sich unler Castor und Pollux und steht 5" nördlich vom Mond am 29. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 14. (Eintritt 2 Uhr 55 Min. Morgens): der zweite am 3. (Eintritt 4 Uhr Morgens). Saturn H geht fast gleichzeitig mit Mars in NO. auf und wird am 25. vom Monde bedeckt Abends 7 Uhr. Der Durchmesser der Kugel beträgt 10, die Durchmesser i der Ningaxen 40 und 18 Bogensckunden. s Am 10. findet ein Sternschuppenfall statt. (Loreuzistrom.) ' M L s e s l l s rr. (Bier und sein Trinken.) Der Direktor einer Münchener Brauerei sagt: ! „Es ist nicht genug gutes Bier in die Welt zu schicken, man sollte auch jeden Wirth ! und Trinker die Behandlung lehren! Wie wird aber verfahren? Wirthe verstehen >! nicht einzuschänken und " Trinker verstehen nicht zu trinken! Dem Biere muß seine ! Kohlensäure erhalten werden bis zum Munds des Trinkers. Durch die Kohlensäure f nur bekommt uns das Vier gut. Wird sie durch verkehrtes Verfahren dem Biere ent- ! zogen, so hat es einen widrigen faden Geschmack und liegt wie Blei im Magen, macht Kopflckunerzen und allerlei Uebelbefinden. Durch mehrmaliges Umgießen verflüchtigt sich auch die Kohlensäure, desgleichen auch durch Erwärmung. 1) Bedingung ist: Berührung des Vieres mit der Lust und Erwärmung zu vermeiden so viel als möglich; 2) Das ! Bierglas muß dicht unter dem Hahne gehalten werden. Verkehrt ist aber: Das Ein- ^ schänken tief unterm Hahne und Auf- und Niederfahren des Glases oder gar Luft ein- ) zuspritzen, wodurch die Kohlensäure geradezu ermordet wird; durch dergleichen Verfahren e kann Schlimmeres nnd Thörichteres dem Biere nicht angethan werden. Die meisten H Trinker, die kein Verständniß haben, wollen aber viel Schaum sehen. Wirth und Trinker ^ sagen bei viel Schaum „Das ist a Bierel!" Der Bierverständige sagt aber: „Das ist ; kein Bier!" s (Aufmunterung.) „Ihr seid doch wahrhaftig die größten Dummköpfe vom ganzen Regiment — und doch, wenn sich Einer unter Euch nur ein bischen gut hielte, so wär's kein Wunder, wenn er's bis zum Sergeanten brächte, wie ich!" (Starke Familie.) Beamter: Wie stark ist Ihre Familie? — Bauer: Wann wer zammehalte, so verhaue mers ganze Dorf! Für die Nedaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarisLen Instituts von Dr. Mar Huttler. Unterlniltnngsökatt zur „Äugst« urger postskitirug.- Nr. 61. Mittwoch, 1. August 1883. Ein Jahr Jogenledeii. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Jetzt ergriff der Meister vom Stuhl das Wort und forderte nach einigen einleitenden Worten die zu Befördernden auf, sich umzuwenden. Sie erblickten einen schwarzen leeren Sarg, dessen Deckel abgehoben war. Hinter demselben lagen Todtenköpfe und Knochen. „Geschlossen ist der Bund für's Leben", klang eS von den Lippen des Meisters, »und auch über das Leben hinaus erstreckt sich unser Bund. Der Tod schreckt den Maurer nicht ab von der Erfüllung seiner Pflichten. Bis daher habt Ihr Euch, liebe Brüder, als Maurer bewährt, bleibt standhaft bis zum Tode. Der Bund hält und beschützt Euch in allen Lagen des Lebens. Schwört noch einmal Treue, Liebe und Gehorsam dem Orden und seinen Obern!" — Mit hocherhobener Hand wiederholten die drei neuen Meister den Schwur, den sie bei der Aufnahme geleistet und verstärkten ihn durch folgenden Beisatz: »Getreu bis in den Tod wollen wir leben, streben und sterben für den Bund. Möge uns der Brüder Rache treffen, wenn wir je vom Ziele abweichen!" — Dann fuhr der Meister fort: „Treue Pflichterfüllung in jeder Lage des Lebens im Verhältniß zum Bunde und als wahre Freunde gegen unsere Brüder ist unsere Aufgabe. Wohl sollen mir des köstlichen Gutes der Gesundheit schonen und es uns zu erhalten suchen zum Werke, das wir begonnen; aber die Pflicht des Maurers steht höher als das Leben, und wenn beide in'Kampf gerathen, muß erstere dem letzteren vorangehen. Wir können Weh und Kummer hinterlassen, wenn wir von dieser Welt abtreten, aber wir Menschen sind auf dieser Erde nur eine ununterbrochene Kette von Werkzeugen in der Hand des Allmächtigen Baumeisters aller Welten. Einer steht auf den Schultern des andern, ganze Geschlechter bauen auf dem Rücken anderer auf und unsterblich pflanzt sich nach unserm Tode fort, was wir gewirkt und geschaffen. Wir alle sind nur Fortsetzer des Werkes, das vor uns begonnen, wir alle erfüllen nur weiter die Aufgabe, die andere unvollendet uns hinterlassen haben, wir alle bauen nur fort an dem Tempel der Menschheit, der nach Jahrhunderten noch nicht sich gewölbt haben wird über alle Kinder des himmlischen Vaters. Das tröste uns in strenger Erfüllung unserer Maurerpflicht, in der Stunde des Todes; das ermuthige uns zugleich, zu schaffen und zu wirken, daß wir das Unsrige beitragen zur Veredlung der Menschheit und tapfer stehen im Kampfe gegen die Macht der Finsterniß, deren Stütze ....... Priester sind, die mit ihren Märlein das ängstliche Volk bethören. Kämpft mit allen Mitteln gegen sie und ihre Lehren — Licht und Aufklärung — das sei unser Losungswort!" — Jetzt vertauschte man die Gesellenschürze mit der des Meisters, deren drei Rosen jeden Bruder an das von treulosen Gesellen vergossene Blut Hirems, des Erbauers des Salomonischen Tempels, mahnen sollen, und unter den üblichen Ceremonien und Gesängen ging die Loge zu Ende. Im anstoßenden Gesellschaftszimmer wurden nun die junge» Meister von den älteren Brüdern unter Händedruck beglückwünscht, und nachdem man sich der maurerischen Ab- 48,2 zeichen entkleidet hatte, setzte man sich nieder zum heitern Mahle. Der perlende Wein öffnete bald Herz und Mund zu fröhlichen Reden und Toasten. Auch der abwesenden Schwestern wurde gedacht und Paul war nicht der letzte, der in begeisterten Worten der Frauen Lob verkündete. Freilich dachte er nicht dabei an die stille, züchtige Elsa, sondern er erblickte die herrliche Gestalt Friederike's und träumte, in ihr Wonne verheißendes Glutauge zu blicken. Vergessen waren alle Schwüre von ewiger Liebe und Treue, verschwunden der Zauber, den früher sein Weib auf ihn geübt. Was sollten ihm die traurigen Blicke der Dulderin! Lied, Liebe und Wein führten ihn einem neuen Leben entgegen. Die Bande eines thörichten Aberglaubens lagen zerrissen zu seinen Füßen, goldene Freiheit, und bestrickender Genuß winkte ihm, und er folgte dem Rufe. Lange genug hatte er die Welt verachtet und unter der Wucht alter Vorurtheile geschmachtet,' jetzt war es Licht in ihm geworden und sein heißes Blut wollte im Strudel des Lebens Kühlung und Erquickung suchen. Der Thor, der einst Wein, Weib und Gesang verachtete, hatte dem genießenden Menschen Platz gemacht. Deshalb stimmte er mit Herz und Mund in das Lied ein: Morgen liebe, was bis heute Nie der Liebe sich gefreut I Was sich stets der Liebe freute, Liebe morgen, wie bis heutl Die Wolken fingen schon an, vom Glänze der neuauftauchenden Sonne sich zu vergolden, als die angeheitert« Gesellschaft das Logengebäude verließ. Hatte sonst oft ein bitteres Neuegefühl Pauls Brust ergriffen, wenn er nach durchwachten Nächten seiner Elsa sich nahte, so empfand er heute fast Bitterkeit und Aerger über sein Weib als er die Treppe zu seiner Wohnung Hinanstieg. Kein Wort der Entschuldigung kam über seine Lippen, als er die zarte Gestalt und das bleiche Gesicht Elsa'S erblickte, auf dem sich die Spuren vergossener Thränen nicht hatten verwischen lassen. Er wollte ja jetzt das Leben genießen, nicht in Kummer und Schmerz sein Dasein Hinfristen. Nach einigen gleichgiltigen Worten suchte er sein Zimmer auf, um dort einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Aber Ruhe und Schlaf flohen ihn. Kaum sielen die müden Augen zu» so umgaukelten ihn die wilden Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, er lag im schwarze» Sarg der Loge und die Brüder schlugen hohnlachend den Deckel zu; er hält Friederike's herrliche Gestalt umschlungen; aber sie entwand sich lachend seinen Armen und drohenden, haßerfüllten Blickes stand ihr Vater vor ihm; er wollte zu seiner Elsa flüchten, aber er fand nur den starren, todten Leib seines Weibes» Müder, als er sich gelegt, erhob er sich vom Lager, um durch Lektüre die düstern Bilder zu verscheuchen. Neue Bücher lagen auf seinem Schreibtische. Er nahm das erste in die Hand und las als Motto des armen Dichters Worte: „O legt nicht schlafen das Gewissen, Seid wach und seid auf Gott gestellt! Es ist ein schlechtes Ruhekissen Die Sturmeswoge dieser Welt." Vor einiger Zeit hätte Paul sicher das Buch durchgeblättert. Jetzt legte er es verächtlich beiseite. Er wollte ja ohne Gott und Gewissen in den Sturmeswogen der Welt Glück und Ruhe finden! Des deutschen Satyr's Lieder, die in neuer golbstrotzender Prachtausgabe ihr Gift bargen, taugten eher zu Pauls Stimmung und wiederholt laS er die Worte: Herz, mein Herz sei nicht beklommen, und ertrage dein Geschick, Neuer Frühling gibt zurück, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben! Und wie schön ist noch die Welt! Und mein Herz, was dir gefällt, Alles, Alles darfst du lieben! 483 -7 Das waren für Paul Worte der Erbauung und des Trostes. Hatte er ja doch in der Loge gelernt das Evangelium der Entsagung zu verwerfen und das Wort von der Freiheit des Fleisches an dessen Stelle zu setzen. Mit weniger finsterer Miene, als er gekommen, setzte er sich zu Tische, liebkoste seine kleine Lina und benachrichtigte Elsa nach eingenommenem Mahle von seinem Plane, an dem nachmittägigen Ausfluge der Bruder und Schwestern theil zu nehmen. Daß Elsa nicht dabei sein konnte, wußte er, denn seit sie sich zum zweiten Male Mutter fühlte wurde sie von öfterem Unwolsrin befallen und mied deshalb mehr als je alle Gesellschaften. Achtes Kapitel. Den schreckt nicht des Grabes Offne Nacht, nicht Erd' aus den Leichnam mit dumpfem Getöse Niedergeworfen, nicht Stille verlassener, einsanier Gräber, Noch der Verwesung Bild, wer, wenn dies alles sein wartet, Weiß, daß Gott ihn dereinst in seinen Himmel hmausrust, An dem Tage der großen Geburt in das Leben der Engel. Ueber die kahlen Stoppelfelder wehte der Herbstwind. Auch in dem baumbeschatteten Häuschen in der Nähe des Sees, das Elsa wieder bewohnte, schien das Leben ersterben zu wollen. Trotz sorgfältigster Pflege der Wittwe und des heitern Geplauders ihres Kindes wollten sich trübe Wolken, die stets das blasse Gesicht beschatteten, nicht verziehen. Ein beängstigender Husten hatte sich eingestellt und mit Bangen mußte man dem Augenblicke entgegensehen, wo sie einem zweiten Kinde das Leben geben sollte. Dazu kam das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, das stets beengender wurde, je seltener Briese von Paul einliefen, der unter dem Vorwande dringender Arbeit in G. . . . zurückgeblieben war und die den Tag seiner Ankunft stets weiter hinausschob. Das liebende Weib erkannte die Gefahr, in der ihr Mann schwebte, und obgleich vernachlässigt und zurückgesetzt, schlug ihr Herz in gleicher Liebe für den Gatten, dem sie am Altare ewige Treue geschworen. Ohnmächtig stand sie dem hereinbrechenden Unheil gegenüber und nur der Allwissende und Allbarmherzige hörte ihr Flehen. Hatte sie doch sehen müssen, wie Paul, ihren Bitten und Thränen ausweichend, ganz nur der Loge lebte, und kaum den Abend warten konnte, der ihn zu Friederike brachte. Dort saß er singend, redend» spielend die halbe Nacht im Banne der schönen Augen, und wenn die übrigen sich entfernt hatten, so sog er von den Lippen des schönen Mädchens neue Lebenslust. Briefe, glühend voll Liebe und Sehnsucht, waren in Elsa's Hände gekommen und hatten ihr über des Gatten Thun die Augen vollends geöffnet. Sie konnte den Bann nicht brechen, sie wollte aber auch nicht Augenzeuge des Ehebruchs sein, darum hatte sie, früher als sonst, G. . . . verlassen, um in einsamer Stille der schrecklichen Zukunft entgegenzusehen. Wird Gott dem Verhörten die Augen öffnen, wird sie sein Kind, alles verzeihend, ihm in die Arme legen können? So quälte, so kümmerte sie sich und sah bange und lange jedem kommenden Tage entgegen. Wie konnte doch ein einziges Jahr so viel Unheil auf ei» schuldloses Haupt häufen, wie ihr Leben zu einem gänzlich verfehlten gestalten! Klar, rein und ruhig, wie der Spiegel des Sees, wenn kein Lufthauch die Gewässer bewegt, war ihr Herz, bis Pauls Unruhe und unstetes Haschen und Ringen es bis in die innersten Tiefen erzittern ließ. Wie konnte sie denn gerade einem solchen Manne, ihre Liebe schenken? — Doch es war Gottes Wille, er hatte sie mit dem Manne verbunden und Niemand sollte das Band zerreißen. Solch trüben Gedanken hing auch heute Elsa auf eine Ruhebank vor dem Hause sitzend nach, als sie Herrn Folger auf sich zukommen sah. Was wollte der unheimliche Mann bei ihr? Bisher war sie von seinen Besuchen verschont geblieben. Höflich grüßend erkundigte sich der Gutsbesitzer nach ihrem Befinden und fragte, ob es erlaubt sei, P latz -u nehmen, da er wichtige Nachrichten aus G. . . . bringe. Elsa geleitete ihn in ihrn einfaches Wohnzimmer und Folger begann nun: „Es ist mir, hochverehrte Frau, vo G. . . . aus ein sehr unerfreulicher und unangenehmer uftrag zu theil geworden, allein die Freundespflicht erlaubt nicht, daß ich ihn ablehne. AZudem glaube ich Ihnen noch 484 eine Gefälligkeit erweisen zu können, wenn ich die für Sie jedenfalls bittere Nachricht in etwas milderer Form, als es ein Brief zuläßt, übermittle. Wie Ihnen, verehrte Frau, vielleicht bekannt sein wird, verkehrt unser lieber Freund Paul sehr viel im Hause Flemmings und sein gegen alles Schöne sehr empfängliches Gemüth gerieth durch den steten Umgang mit Friederike, der Tochter des Hauses, in nicht geringe Aufregung. Diese steigerte sich während Ihrer Abwesenheit zu inniger Vertraulichkeit und gegenseitiger Zuneigung. So lange das Verhältniß ein harmloser Freundschaftsbund blieb, sah Herr Flemming dem Treiben der beiden ohne Einrede zu, jetzt aber, da die ganze Stadt darauf aufmerksam geworden ist, glaubt er auf Lösung oder Ehe dringen zu müssen. Leider hat es seine Schwierigkeiten, jedoch sind die Hindernisse nicht unübersteigbar, wenn von allen Seiten Ernst und guter Wille vorhanden ist. Von Trennung will weder Paul noch Friederike etwas hören. Gegen die Trauung ist die Unauflöslichkeit der Ehe der Katholiken, dabei muß ich Ihnen noch gestehen, daß Paul trotz seiner Leidenschaft immer noch in alten Vorurtheilen steckt und nicht recht an eine Scheidung von Ihnen und seinem Kinde, sowie an den Uebertritt zum Protestantismus denken will, obgleich letzteres nur Formsache wäre. Nun läßt Sie, hochverehrte Frau, Herr Flemming ersuchen, Sie möchten Ihrem Mann, der Ihnen ja doch schon lange entfernt ist und nie mehr zu Ihnen zurückkehren wird, völlig freigeben und ihm dies schriftlich anzuzeigen. Auch Ihre Freundin Friederike bittet Sir um das Gleiche." — Jetzt erhob sich flammenden Auges das tiefgekränkte Weib und ersuchte mit einer Miene der Verachtung und einem Ton, den man dem zarten Wesen nie zugetraut hätte,"Herrn Folger, seine Bemühungen einzustellen und sie nicht weiter zu belästigen. Dieser aber, als merkte er die Entrüstung und den Abscheu der beleidigten Frau nicht, suchte sie niederzuhalten, da er noch nicht zu Ende sei. Gleich als berühre sie eine giftige Natter stieß Elsa des Gutsbesitzers Hände zurück, überwand sich aber doch, ihn ausreden zu lassen. Er fuhr fort: „Sie scheinen mich, hochverehrte Frau, gänzlich zu verkennen, damit Sie aber sehen, daß ich und meine Freunde für Ihr Wohl tief bekümmert sind, so erlaube ich mir, Ihnen auf unbeschränkte Zeit mein Haus zur freien Verfügung zu stellen. Meine Therese, die Wittwe des Jagdaufsehers, die Ihnen noch im Gedächtniß sein wird, wird es sich zur Ehre rechnen, Sie zu unterhalten und zu verpflegen, so daß Sie mit Ruhe dem Kommendem entgegensehen können." — Diese Zumuthung hatte noch gesehlt. Mit einem jähen Weheruse sank das bis in das innerste Mark verletzte und beschimpfte Weib auf den Boden des Zimmers. Auf diesen Ruf eilte die brave Hausfrau herbei und suchte die Regungslose wieder zum Leben zu wecken. Folger entfernte sich mit dem Versprechen, einen Arzt zu senden. Lange trotzte die tiefe Ohnmacht allen Lebensversuchen und herzlichen Zusprächen Agathe's. Endlich schlug die Arme die Augen auf, aber nur um nach herzzerreißendem Schluchzen wieder in die Kissen des Sopha's zurückzusinken. Händeringend stand die treue Pflegerin vor der Kranken, laut aufschreiend beugte sich Lina über die leblose Mutter. Als der Arzt kam, hatten mitleidige Nachbarnfrauen den geliebten Gast in das Bett gebracht und dort ruhte nun die Dulderin, sanft und still, als habe Gott sie von ihrem Leiden erlöst. Doch die Prüfung war noch nicht überstanden. Schwache Pulsschlüge verkündeten nach langein Bemühen des Arztes, daß das Herz noch nicht zu schlagen aufgehört habe. Allmählig kehrte das Bewußtsein ivieder und die blassen Lippen öffneten sich zu innigem Gebete. „Gott, mein Gott, verlaß mich nicht", hauchte die Sterbende. „Ervarme Dich seiner, seines Kindes und meiner. Laß mich büßen für seine Sünden, doch rette ihn, rette sein Kind! Nimm mich als Opfer und das Kind in meinem Leibe, erlöse mich! Maria hilf! Amen." — Nun öffnete sie die Augen, erblickte ihr Kind, streckte die matten Arme nach ihm aus und drückte den letzten Kuh auf den unschuldigen Mund. Dann legte sie die erkaltenden Hände auf das Haupt des weinenden Lieblings und murmelte den Segenswunsch einer sterbenden Mutter. „Lina, liebe den Vater!" war ihr letztes Wort. Der würdige Pfarrer des Ortes, der herbeigeeilt war, hatte kaum die letzte Oelung gespendet, da hielt der Arzt ein todtes Knäblein in den Armen, auf dem der letzte, scheidende Blick der Mutter ruhte. — „Sie hat ausgerungen", sprach feuchten Blickes der Geistliche, „lasset uns ein Vaterunser beten." Schluchzend warfen sich die Anwesenden auf die Knie und flehten für die Seele der Dulderin, „ko^uissvat in pacv", sprach jetzt sich erhebend der Pfarrer. „Geht in die Kirche und betet, damit der letzte Wunsch der Verstorbenen erfüllt werde." Niemand wußte ihn, doch bald, während die Todtenglocke wimmerte, lag die ganze Gemeinde in brünstigem Gebete auf den Knien im Gotteshause. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Groschen klingt nicht, wenn er bleibt allein. Gib ihm Genossen, wird es anders sein; Willkommen ist auch einer Blume Glanz, Doch nur aus vielen windet man den Kranz. Setz einen Frosch auf goldenen Stuhl, Er springt doch wieder in den Pfuhl. Der Wagen ist zu sehr beschwert, Kein Wunder, daß er langsam fährt. Die Kränkung schmerzte: schwer war sie gewiß: Die beste Heilung aber ist: Vergiß! Nicht wo der Fluß sich raschen Laus's bewegt, Er ist am tiefsten, wo er kaum sich regt. Willkomm'ner Nachricht wünscht man schnellen Flug, Ein Unglücksbote kommt stets früh genug. Wozu das Unkraut noch beziehen? Es wird empor von selber schießen. Den ganzen Kuchen, wie gut er sei, Verdirbt ein übelriechend Ei. F. B eck. Zehn Minuten Eisenbahnfahrt. Der Zug hatte soeben London verlassen; ich saß allein in einem Coupö erster Klasse. Da öffnet sich die Thür und ein Mann springt mit dem Rufe hinein: „Wäre beinah' nicht mitgekommen, ging eben noch gutl" Ein halsbrecherisches Stück Arbeit, dachte ich, auf einen Zug zu springen, der bereits in der Fahrt begriffen ist, wenn auch in langsamer. Aber was ging's mich an. — Die Engländer haben ja ihre Schrullen. Der neue Passagier schien auch überhaupt ein gewöhnliches Exemplar der Menschheit zu sein, denn er knüpfte sofort ein Gespräch mit mir an, und das kommt in England, diesem Lande der Zugeknöpftheit, dem „Nicht« vorgestellten" gegenüber selten vor. Er renommirte mit den großen Reisen, die er gemacht habe. In Italien, Rußland, Indien, China, Timbuktu sei er gewesen, so versicherte er, den Nordpol und auch den Südpol habe er besucht. „Da kennen Sie ja so ziemlich alle Gegenden der Erde", meinte ich in ungläubigem Tone. „So verhält es sich", versicherte der Unbekannte. „Aber das genügt mir nicht. Ich muß auch den Mond kennen lernen. Niemand darf sich als einen großen Reisenden bezeichnen, der dort nicht gewesen ist." Aber außer den Nomanfiguren von Julius Verne haben nur wenige Leute diese Tour unternommen", warf ich ein, auf den vermeintlichen Scherz eingehend. „Richtig! Und doch, wie angenehm würde ein Ausflug dorthin sein, gerade jetzt, da auf dieser Erde ein so verwünschter Nebel herrscht. Hegen Sie aber gar keine Sehnsucht, eine solche Reise zu machen?" „Entschieden nein", lachte ich. „Ich möchte, ich wäre zu Hause vor meinem behaglichen Kamin, denn auch dort ist es besser als in der Nebelluft draußen." — 486 — „In der That. Der Nebel ist abscheulich. Und wie er stinkt!" Dabei öffnete er das Schiebfenster der Waggonthür, so daß der häßlich duftende Nebel eindrang. „Er ist wirklich weder für die Augen noch für die Kehle vortheilhaft", sagte ich verdrießlich. «Also . . ." „Also wären Sie mir dankbar, wenn ich Sie von dem Verweilen im Nebel be- freie? Das will ich." In seinen Augen blitzte etwas Unheimliches: er rückte mir ganr nahe und flüsterte: „Ich kann Sie vom Nebel befreien — Sie und mich selbst." Dabei knöpfte er den Nock dicht zu und streifte den Aermel desselben halb auf. s Jetzt zum erstenmale leuchtete der Gedanke in mir auf, daß der Unbekannte geistesgestört sein werde. Ich fixirte ihn. Ja, es blieb kein Zweifel übrig: der unstäte Blick, das seltsame Zucken um die Mundwinkel bestätigen es, ich war allein im Coupä mit eine»» Wahnsinnigen, wahrscheinlich mit einem entsprungenen Tollhäusler. Ich bin nicht muthlos, habe mehrere Male auf Reisen und im Kriege dem drohenden Tode fest in's Auge geblickt, aber hier überlief es mich eiskalt und der Angstschweiß perlte auf meiner Stirne. Der Unbekannte trug alle Anzeichen eines Mannes von ungewöhnlicher Körperkraft; wenn er sich auf mich stürzte, könnte ich kaum hoffen, ihn abzuwehren im Stande zu sein. Und toll war er, ganz toll! Nur ein Toller konnte in dieser Weise lachen wie er, als er mir zuraunte: „Wir werden zusammen die Reise nach dem Monde machen. Adieu, Nebel I Nun, mein Herr, sagen Sie doch dem Nebel Lebewohl I" Ich erhob mich, auf einen Kampf gefaßt. Es gebrach »lir an jeglicher Waffe, nur auf meine beiden Fäuste konnte ich zählen. Doch hoffte ich, daß wir jeden Augenblick die Station erreichen würden, woselbst auf mein Hülferufen rasch Beistand kommen mußte. Vielleicht half die Fortsetzung des Gesprächs. „Ihr Ballon", bemerkte ich, „würde in einer solchen Nacht schwerlich reisen können. Die Atmosphäre ist zu dick." „Zu dick? Glauben Sie das?" „Ja. Der Nebel ist so stark, daß wir nicht hindurchkommen würden." „Abrr es ist des Versuches werth." Er sprang auf und griff nach meiner Kehle: «Auf diese Art wollen wir anfangen. So gewinne ich Gas für die Tour. Erst tödte ich Sie, dann mich; Sie gehe» voran, ich folge." Einen lauten Schrei um Hülfe aussioßend, der aber in dem Geraffel deS Expreß- Zuges gänzlich verloren gehen mußte» rang ich verzweifelt mit dem Wahnsinnigen. Er war stark, riesig stark, aber die Angst gab mir zunächst Riesenkräfte. Einige Minuten (so kam es mir vor) währte dieser Kampf, eng umklammert drängten wir uns vor- und rückwärts im Coupe. Ich fühlte den Athem des Wahnsinnigen heiß in meinem Gesicht, ich hörte das Knirschen seiner Zähne, blickte in seine grimmig funkelnden Augen. Ein weißer Schaum trat vor seine Lippen. Endlich ließ er mich los. Da tanzten die Lichter der ersten Station vor den Fenstern vorbei — ich hatte vergessen, daß der Expreßzug hier nicht anhalte! Mich überkam es wie eine Lähmung, die Arme fielen mir schlaff am Körper herunter, und als nach kurzem Athemholen der Wahnsinnige zum zweiten Male anpackte, hatte er kaum den Widerstand zu bewältigen, wie ihn ein Kind leisten würde. Er warf mich zu Boden und kniete auf meiner Brust. , „Ich habe ein Messer", zischte er mir durch die zugekniffenen Lippen zu. „Damit können wir uns einen Weg durch den Nebel schneiden. Wir werden die Reise nach dem Monde antreten." Und Langsam suchte er in seinen Taschen nach dem Messer, Hüflos lag ich da, und nun überkam mich eine eigenthümliche Stimmung. In nächster Nähe vor einem schrecklichen Tode, ganz in der Macht des Tobsüchtigen, hatte ich doch keineswegs das Bewußtsein verloren, gewann vielmehr plötzlich meine volle Fassung und bildete so ruhig meine Gedanken, als handle es sich um eine dritte Person. Ich wunderte mich, daß der Zug so langsam ging, nur schien es, als bewege er sich nur im Schneckentempo vorwärts. Ich dachte an meine Lieben daheim, wie sie sich wundern 487 würben, wenn ich heute nicht anlange. Ich bedauerte, daß ein so schätzbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft ein so elendes Ende finden sollte. Ich betrachtete kühl und aufmerksam die Gesichtszüge des Tollen und fand sie recht abstoßend. Sein Halstuch, blau mit weißen Punkten mißfiel mir. Auch an einen Schuhmacher dachte ich, dein ich noch eine kleine Summe schuldete, und der meine Adresse nicht kannte; es that mir leid, daß der Mann um fein Geld kommen werde. Und noch unzählige solcher Gedanken flogen mir wie Blitzesschnelle durch mein Gehirn — mir schien es, als ob eine unendliche Zeit seit meiner Niederlage verflossen sei, während in Wirklichkeit kaum eine Minute seit derselben vergangen sein mochte. Mit gemächlicher Ruhe zog endlich der Wahnsinnige ein großes Taschenmesser heraus und öffnete die lange, blanke Klinge, welche durch eine einschnappende Feder zum Feststehen im Heft gebracht wird. Ich las die Sheffielder Firma auf dem Stahl, so nahe blitzte derselbe vor meinem Gesicht. „Jetzt werde ich Ihnen den Hals abschneiden, dann geht es nach dem Monde. Aber bitte, verlassen Sie den Waggon nicht eher, bis auch ich so weit bin." „Damit ist es nichts", antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich bin schnell. Gehe ich zuerst, so werden Sie mir schwerlich nachkommen, aber weshalb wollen Sie denn nicht vorangehen?" „Ich vorangehen?" „Nun ja, natürlich, Sie sind stark, muthig, haben ein Messer. Sie haben ja selbst erklärt, daß Sie den Weg bahnen können." „Freilich, freilich, das vergaß ich. Natürlich ich muß voran, Sie haben ganz Recht. Ich will den Weg bahnen, folgen Sie nml" Und bei diesen unerwarteten Reden überkam mich plötzlich wieder ein furchtbares Grausen vor dem schrecklichen Menschen. Im selben Moment zog er die scharfe Klinge quer über seine eigene Kehle, ein heißer Blutquell überströmte mich. . . . Das Messer fiel aus seiner Hand, er sank auf die Seite. Ich sprang auf und schrie aus dem Fenster um Hülfe. Der Zug ging bereits langsamer, die Haltestation war erreicht. Die Wunde war keine tödtliche, ja, sie hatte, wie ich später erfuhr, insofern eine gute Wirkung, als die Tobsucht des Unglücklichen in Folge des starken Blutverlustes sich milderte. Er war am selben Abend erst aus einer Heilanstalt entsprungen. Als ich auf meine Uhr blickte, fand ich zu meinem Staunen, daß die entsetzliche Fahrt, die mir eine Ewigkeit zu dauern geschienen hatte, in Wirklichkeit kaum zehn Minuten währte. Es waren die längsten zehn Minuten meines Lebens. Miseelleir. (Der kluge Kutscher.) Ein kürzlich vermähltes englisches Ehepaar von den „oberen Zehntausend" beschloß, die Hochzeitsreise zu Wagen zu machen, da dies der junge» Frau viel poetischer erschien, als auf den Allerweltswegen mit der Eisenbahn zu fahren. Um diese lästige Neugierde zu vermeiden, womit die Leute auf dem Lande und in den kleinen Städten gewöhnlich ein neuvermähltes Paar zu verfolgen pflegen, gab Sir Arthur seinem irländischen Kutscher gemessenen Befehl, Niemanden unterwegs zu erzählen, daß die Hochzeit erst eben stattgefunden habe, wobei er drohte, ihn bei Zuwiderhandeln sofort zu entlassen. Pat versprach den strengsten Gehorsam; allein schon am folgenden Morgen hatten Sir Arthur und seine junge Gemahlin die unangenehme Ueber- raschung', die ganze Bewohnerschaft des Ortes bei ihrem Erscheinen zusammenlaufen zu sehen. Die Leute im Gasthaus und auf der Straße starrten sie neugierig an, indem sie sich gegenseitig zuflüsterten: „Das sind siel das sind sie!" Am nächsten Tage spielte sich in einem anderen Orte die nämliche Scene ab. Voll Entrüstung rief Sir Arthur den Kutscher ins Zimmer, um ihm seine augenblickliche Entlassung anzukündigen, weil er ausgeplaudert habe, was er geheim halten sollte. „Was soll ich denn gesagt haben?" rief Pat zerknirscht. „Kerl", fuhr ihn sein Herr ärgerlich an, „du hast jedes- 488 Mal der ganzen Dienerschaft des Gasthofes erzählt, daß wir ein neuverheirathetes Paar sind." „O," rief Pat triumphirend, „davon habe ich kein Wort gesagt. Wenn sie mich in der Küche danach gefragt haben» erzählte ich jedesmal, Sie würden sich erst in einigen Monaten verheirathen! . . . ." Die junge Lady war einer Ohnmacht nahe, ihr Gatte aber verzieh Pat und beschloß, ihn in Zukunft lieber die Wahrheit sagen zu lassen. (Ein Droschkenkutscher, der Sänger wird), ist nichts Seltenes mehr. Aber ein Sänger der Droschkenkutscher wird ... der neuen Welt blieb es vorbehalten, dies traurige Pendant zu liefern. In Newyork hat nämlich, wie das „Berl. Tagebl." zu melden weiß, vor Kurzem ein Droschkenkutscher in einer sehr belebten Stadtgegend Aufstellung genommen, der — wie ein amerikanisches Blatt versichert, vor vier Jahren als „stur" einer Oper die Kunstfreunde Bostons und Worcesters in Ethusiasmus versetzt hatte. Der betreffende Tenorist, der übrigens ein geborener Nüsse sein soll, hat — wie es heißt — seine Stimme gänzlich eingebüßt, scheut sich aber, da er Stellungsflüchtling ist, nach seiner Heimath zuurückzukehren, und findet sich ganz gut in seine Rolle. In Amerika haben aber solche Standesveränderungen nicht viel zu sagen. Die schönen Newyorkerinen, welche die Droschke des Russen besteigen, ahnen nicht, daß der Mann auf dem Kutschbock vor mehreren Jahren die Damen Bostons als Naoul oder Manrico in Entzücken versetzt hatte. Dem Mimen flicht eben unter solchen Umständen auch die Mitwelt keine Kränze. (Wie baut man eine glückliche Heimath?) Hierzu sind sechs Dinge nöthig. Rechtschaffenheit muß der Architekt sein und Sauberkeit der Tapezierer. Das Haus muß durch Liebe erwärmt und durch Heiterkeit erleuchtet werden. Nützliche Thätig» keil muß der Ventilator sein, welcher die Atmosphäre erneut und Tag für Tag eine frische gesunde Luft herrschen läßt, während als schützende Decke über Alle» der Segen Gottes walten muß. Die Hand zur Sühne. Jede Kränkung, alle Fehle! ' „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Uni'ren Schuldiaern veraeben Reist das Korn schon in den Halmen? Hören wir die Sichel klingen? Dürfen die in Thränen säten Frohe Erntelieder singen? Aus dem göttlich hehren Munde, Lauschend dieser Himmelslehre Wird auf gold'nen Rechtes Boden Sich die Freiheit wieder heben? Darf, von L-chergen unbehelligt, Jeder seinem Glauben lebe»? Riesen wir in der Bedrängnis; So aus, tiesem Herzensgründe. Mit dem einzig Sündenlosen, Der die Zeiten hat erschaffen Kennt den Tag und keimt die Stunde; Seine Werke währen ewig, Der an s ureuz warb sestgeschlagen, Haben wir, dem Feind verzeihend, Unsrer Sünden Last getragen. Die Ihm trotzen geh'n zu 'Grunde. Sieh', o Herr! die Stürme schweigen Und die tollen Leidenschaften, — Mußten wir den Druck der Starken Und der Mächt'gen Unbill dulden, Gnädig war der Herr, gedenkend Nicht der Mengen unsrer Schulden. 4411V vtv tvt4t.1t ^,civt.11s>.tz)Nstt.ll- Lass' des Friedens Samenkörnlcin Nun in gutem Boden hasten! Herzen lenkt wie Bäche, >m Uebel uns erlösen. Der die Wird vom Uebel uns erlösen. Gnädig ist der Herr, und immer Schafft Er Gutes aus dem Bösen; Wissend, das; in jedem Kanivfe Wir den Sieg erringen müssen <4)14 vt.lt IllNIst.Il- Möchten wir im Feind den Bruder Lieber mit der Bitte grüßen: „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Unsren Schuldiger» vergeben Jede Kränkung, alle Fehle!" L. v. Heemstede. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Unterkiaktunggökntt »ur „Ängslmrger postzeitimg." Nr. 62. Samstag, 4. August 1883. Ein Jahr Jogrnleben. Von Georg Auniüller. (Schluß.) Am gleichen Tage hatten die Brüder zu G. . . . Schwesternfest. Aus dem Logen« )aale waren die hohen Säulen der Weisheit, Schönheit und Stärke entfernt, der Altar verhüllt und die dreieckigen Tische der beiden Aufseher beseitigt worden. Dafür prangten zwei Tafelreihen mit Blumenschmuck geziert im Saale und bald ließen sich die Brüder und Schwestern an demselben zu reichlichem Mahle nieder. Nach den gewöhnlichen Eröffnungsgebeten der Loge wurde folgendes Lied zum Preise der Schwestern angestimmt: Es strömt des Himmels reichster Segen Herab auf jede Maurcrbrust, Und durch der Schwesten Liebesregen Wird Gram zur Freude, Wohlthun Lust. Theilt mit den Schwestern, theure Brüder, All' euren Kummer, euren Schmerz, Ihr findet stets den Frieden wieder Im treuen Schwesternherz. Die Welt mit ihrem Trug und Lügen Mit ihrem Eigennutz und Hohn, Wem kann dies Jammerthal genügen? Nur deni profanen Erdensohn. Doch gibt's noch eine heilige Stätte In Glück und Unglück, Lust und Schmerz, Das ist in unserer Logenstätte Das treue Schwesternherz. Das Haar wird weiß, und aus den Wangen Erbleicht das jugendliche Roth, Bald kommt das Alter dann gegangen Mit seinen Mühen seiner Noth. Doch laßt die Haare nur ergrauen Von dieser Erde Harm und Schmerz, Dann erst kannst du recht sicher bauen Aus's treue Schwesternherz. Was war es doch, das Paul so sonderbar erregte, als er in den Gesang einstimmte? Saß ja doch seine Friederike neben ihm und ihre Nähe hatte bisher jeden Gram von ihm verscheucht. Und doch schnürte ein unbestimmtes, banges Gefühl ihm die Brust zusammen, daß er kaum die Wolken von seiner Stirne scheuchen konnte. Jetzt fiel des Meisters Hammer dreimal in wuchtigen Schlägen auf den Tisch, und der Bruder Redner begann: Meine lieben Brüder und Schwestern! Die besten unserer deutschen Sänger wetteiferten im Preise der Frauen, ja sie stellten Frauenliebe und Frauenlob als Maßstab der Bildung und des Charakters eines Mannes auf. Ich möchte heute nur an unsern unsterblichen Schiller erinnern: 490 „Ehret die Frauen, sie flechte» und wedelt Himmlische Rosen in's irdische Leben, Flechten der Rose beglückendes Band"', so beginnt der Sänger sein Lied von der Würde der Frauen. Wer von uns hat nicht schon sich den Duft dieser Rosen eingesogen, wer nicht Liebesglück empfunden? Kaum den Knabenschuhen entwachsen schleicht sich in unser Hrrz der Sehnsucht süßes Hoffen und es beginnt der erste» Liebe goldne Zeit, wie da der Dichter singt: Das Auge sieht den Himmel offen Es schwelgt das Herz in Seligkeit, O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schone Zeit der sungen Liebe! Wage Niemand störende Hand an dieses Glück zu legen. Die Jahre fliehen von selbst und bald beginnt die Zeit des Ringens und Strebens für den Mann, die Sorge für Haus und Kind, für das Weib. Und welch' tiefes Wehe schnürt des Mannes Brust zusammen, wenn schwer und bang der Glocken Grabgesang den Tod der Gattin und Mutter verkündet! Doch hinweg mit solch' trüben Bildern; stehen mir ja doch mitten im Leben, blühen ja doch unsere Schwestern gleich farbenprächtigen duftigen Blumen, winkt uns ja noch immer der Becher der Lust. Ihn wollen wir ergreifen und mit gierigen Zügen leeren. Und wüßten wir, wo Einer traurig läge, wir brächten ihm diesen Freudenbecher und er müßte zu neuem Leben erwachen. Euer Amt aber, geliebte Schwestern, ist eS, zu sorgen, daß der Labetrunk im Becher nie versiege und das ewige Feuer schöner Gefühle mit heiliger Hand stets genährt werde. Denn wenn diese Quelle versiegt, wenn diese Flamme erlischt, dann dürft Ihr nicht klagen, wenn der Mann trostlos umherirrt oder an anderm Feuer sich erwärmt. Es ist sein Recht nach des Tages Mühen bei Euch Erholung und Freude zu suchen. Wollt oder könnt Ihr sie ihm nicht gewähren, dann zürnet der Schwester nicht, in deren Busen der Arme seinen Gram senkt." — Hier wurde der Redner unterbrochen. Der dienende Bruder brachte ein als sofort zu bestellendes Telegramm und übergab es dem Meister vom Stuhle. Dieser las eS und gab eS lächelnd dem Vater Friederike's, mit dem er leise einige Worte wechselte. Auch auf dessen Gesicht zeigte sich unverkennbare Freude, und nachdem auf einen Blick des Meisters der Redner mit einigen Phrasen zu Ende geeilt war, erhob sich der deputirte Meister und brachte ein dreifaches Hoch auf alle liebenden Paare aus, denen baldige Vereinigung bevorstehe. Dabei ruhten seine Augen so auffallend und zufrieden auf seiner Tochter und Paul, daß Niemand im Zweifel war, es seien günstige Nachrichten Betreff der beiden eingelaufen. Doch vergebens bat man den Meister um Aufklärung. Man brachte nur so viel aus ihm heraus, daß Bruder Folger Günstiges mitgetheilt habe. Nur Friederike gelang es, von ihrem Vater die Worte: „Sie stirbt" — zu erfahren. — Paul kam es vor, als benehme sie sich henie vor der großen Gesellschaft freier, als es einem Mädchen gezieme; aber ihre wonneverheißenden Augen, ihr Liebesgeplaudsr und der schäumende Wein, den sie ihm reichlich in das Glas goß, verscheuchten alle Grillen. Erst nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft und Friederike's Vater lud Paul selbst ein, seine Tochter nach Hause zu geleiten. — Die Sonne stand hoch am Himmel als Paul aufstand und zu seiner Ueber- raschung ein Telegramm auf seinem Schreibtische liegen sah. Hastig öffnete er es und las stieren Auges die Worte: „Ihre Frau todt — Beerdigung unaufschiebbar. Doktor Schuster." — Tiefaufstöhnend mußte sich der starke Mann mit beiden Händen an dein Schreibtische halten, um nicht zu Bode» zu sinken. Das also hatte gestern so große Freuds in der Loge erweckt, darum hatte Friederike sich weniger Zwang angethan, darum war sie Nachts nach Hause von ihm geleitet worden! Sich und die Welt verfluchend warf sich der gebrochene Mann, in dessen Brust die Liebe zu seinem Weibe noch nicht ganz erloschen war, auf das Bett und raste in ohnmächtiger Wuth, bis ein Thräncnstrom d^ Verzweiflung hinwegfnhrte und nur das tiefe Wehe in 491 seiner Brust zurückließ. Dann ermannte er sich, eS galt, vielleicht das liebe Gesicht »schmal zu sehen oder doch wenigstens in die Gruft hinabzublicken, in die sein Weib gesenkt werde» sollte zu ewiger Trennung. Gab es kein Wiedersehen, keine Verzeihung, wa< sei» Weib mit Groll auf ihn geschieden für immer, sollte der Mund sich nie mehr zu einem Worte der Vergebung sich öffnen? Nie mehr — sagte sich der Mann und neue Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Endlich raffte er sich auf und wankt« nach dem Bahnhöfe. Die Leute auf der Straße blieben stehen und zeigten mit Fingern auf die zerrüttete Gestalt. Der diensthabende Beamte wies ihm mitleidig ein eigenes Coupö an, wo er während der traurigen Fahrt alleinig mit sich und seinem Schmerz war. Nach langer, wiederholt unterbrochener Fahrt, kam endlich die letzte Station. Als der in dumpfem Brüten dahinwandelnde dem Wagen entstiegen ivar, trug ihm der Wind bange, dumpfe Klänge aus dem Pfarrdorfe entgegen. Es war das Grabgeläute seines Weibes. Paul ahnte es; unwillkürlich öffneten sich die Lippen des Ungläubigen zum Todtengruße. „O Herr, gib ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, Herr, lasse sie ruhen in Fielen«, betete zum ersten Male nach Jahren wieder Paul mit gefallenen Händen. Dann raffte er sich auf, die Glocke» mahnten zur Eile. Dort vor dem kleinen Häuschen stand der einfache Sarg, der Mutter und Kind enthielt. „O Herr gib ihr die ewige Ruhe", beteten die Leute, die aus allen Ortschaften der Umgebung gekommen waren, zum letzten Geleite. Nun stand Paul vor dem Sarge. Der Thränenquell war versiegt, nur die Bläffe des Gesichtes, die gerötheten Augen und heftiges Zittern des ganzen Leibes zeigten von den furchtbaren Qualen des Mannes. Erst als er sein mutterloses Kind an sich drückte, da verlieh ihm neuer Schauer wieder Sprache und Thränen. So stand er am Grabe und hörte die Worte des Geistlichen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt und ich auferstehen werde am jüngsten Tage." Und als derselbe dann in rührenden Worten die Verblichene als Muster eines Weibes» einer Mutter darstellte, deren letztes Wort Liebe gewesen sei, da glaubte Paul das Wort der Vergebung von den blaffn« Lippen zu hören und im brechenden Auge die Hoffnung des Wiedersehens zu lesen. Ruhiger, als er gekommen verließ er die letzte Ruhestätte seines Weibes, nachdem er der Todten geschworen hatte, nur ihrem Andenke» und seinem Kinde zu leben. — Täglich sah man nun Paul mit der kleinen Lina am Grab« Elsa's, nicht weniger selten besuchte er den würdigen Pfarrer, in dessen Umgang allmalig der längstgesuchte Friede in sein Herz einzog. Nach G. . . . hatte er geschrieben, seinen Austritt aus der Loge erklärt und Friederike mitgetheilt, daß er in Entsagung und Reue die Verzeihung seines Weibes, Ruhe und Frieden erlangen, der Erziehung seines Kindes sein Leben widme» wolle. Zugleich richtete er an seine vorgesetzte Behörde das Gesuch um Enthebung von seiner Stelle, um sich fortan in Stille und Einsamkeit dem schriftstellerischen Berufe hinzugeben. So Mancher, der blinden Auges schon der gähnenden Tiefe des Verderbens sich nahte, wurde durch sein warnendes Wort zur Umkehr bewogen. Auf einer Tafel aber, die zwischen Blumen auf Elsa's Grabe liegt, steht folgendes Lied: Es wallt ein Licht ob dieser Welt, Das ihrer Stürme Nacht erhellt. Gleich wie dem Aug' das Morgculicht, So glänzt der Glaube dem Gemüth. Wenn der Erfahrung Bild die Brust Mit Schmerz und Wehmuth füllt lind uns des Tages Schwüle drückt, Das Herz im Glauben Trost erblickt. Und ruft aus Grabnacht bang und dumpf Der kalte Tod Triumph! Triumph! Mild strahlt von deinem Angesicht O Glaube, Licht, des Himmels Licht. Der IvdOjährige Rosenstock in Hildesheim Als alter Hildesheimer laste ich eS mir nicht nehmen, alljährlich im Junimonat unserm tausendjährigen Rasenstücke an der Chorwand des Domes einen Besuch abzustatten. Das ist die Zeit, in der er seine Blüthen treibt, die Zeit also, in welcher sein Anblick am lieblichsten und zugleich am ergreifendsten ist. Hat er dann seine glühenden Augen aufgeschlagen, so sieht er den sinnenden Beobachter so eigen an, als wollte er ihm singen und sagen von uralten, längst vergangenen Zeiten, deren Zeuge er gewesen, und als deren lebender Zeuge er jetzt noch dasteht. Begleite mich, lieber Leser, im Geiste dorthin, und laß uns dort sub rosa ein wenig plaudern! Aber da könnte mir vielleicht Jemand kommen und, von der Zweifelsucht der Gegenwart angekränkelt, über meine Worte lächeln und sagen, mit der Giltigkcit dieses Zeugnisses möchte es nicht weit her sein, Noch in der letztvergangenen Psingstwoche hat man ja von einem Hildesheimer Herrn in einem Vortrage, welchen derselbe vor dem „Historischen Verein für Niedersachsen" hielt, hören können, der Nosenstock sei nach Ansicht botanischer Autoritäten nicht älter als 300 Jahre — eine Aeußerung, welche natürlich von den Zeitungen sofort colportirt wurde. Wie erbebend ist nicht das stolze Bewußtsein, an der Hand der neuesten Forschungen veraltete Meinungen zu überfliegen und namentlich auf Sagen und Legenden des katholischen Volkes vornehm hinabzublicken? Aber sachte! So schnell ziehen wir die Segel nicht ein. Abgesehen davon, daß jener Herr keine einzige der „botanischen Autoritäten" namhaft gemacht, so sind bloße Behauptungen wohlfeil wie Brombeeren und schlagen daher bei dem Freunde der Wahrheit nicht zu Buche. Von offenbar sehr berufener Hand werden wir dagegen in einem Artikel der „Kornacker'schen Zeitung" auf eine Stimme hingewiesen, welche sich überall des besten Klanges erfreut, auf die des verstorbenen Professors Leunis nämlich, welcher das Alter des Nosenstockes auf tausend Jahre schätzte. Das Urtheil dieses allverehrten Forschers ist in diesem Falle wichtiger, als er die eigenartige Entwickelung des Stammes genau beobachtet hat. Während im Laufe der Jahrhunderte die oberen Zweige bei starkem Frostwetter zum öfteren litten, ja sogar gänzlich abstarben» erhielt der eigentliche Wurzrlstamm das Leben und trieb neue Zweige in die Höhe. Er konnte dieses seiner geschützten Loge wegen. Unter dem mittleren Altar der Domgruft kommt er aus der Erde, geht zunächst durch ein steinernes Gewölbe von 2 Fuß Höhe und 5 Fuß Breite und hierauf durch die 6 Fuß dicke Mauer der Apsis — dann erst wird er nach außen sichtbar und erhebt sich knollsnartig wenige Zoll über der Erde, um in die einzelnen Triebe überzugehen. Nein, wir beneiden die niedersächsischen Historiker um den gehörten Vortrag nicht» Wäre es nicht auch paffender gewesen, gerade den Historikern mit historischen Autoritäten und vor Allem mit historischen Thatsachen aufzuwarten? Aber gerade die geschichtlichen Zeugnisse sprechen anders. Namentlich ist da hervorzuheben, daß nach der Feuersbrunst des Jahres 1046, bei welcher jedoch die Krypta verschont blieb, Bischof Hszilo bei Gelegenheit seines Wiederaufbaues den Nosenstock als ein „merkwürdiges Denkmal der Vorzeit" ehrte und ihn schonend ummauern und aufwärts leiten ließ. Mit vollem Rechte schrieb daher Professor Cramer am Gymnasium Josephinum im dritten seiner immer seltener werdenden „Physischen Briefe" (Hildesheim 1792): „Er bleibt immer bewunderungswürdig, wenn man sein ungeheures Alter bedenkt; denn unter allen Stämmen und Stauden in ganz Europa wird es keine geben, wovon man mit so vieler Gewißheit die Jahrhunderte ihres Daseins zeigen könnte." Ich begrüßte also die Zeitungsnotiz, daß am 5. Juni die ersten Blüthen des Nosenstockes sich geöffnet, mit Freude — erscheint mir doch eine solche Nachricht viel interessanter, als ein Bulletin über den Gorilla-Affen, welchen neulich ein boshafter Berichterstatter den Berlinern in ihr Stadtwappen empfahl. Einige Zeit darauf öffnete mir der freundliche Domcustos die Pforte des Kreuzganges, und wieder einmal sah ich - 493 den allen Freund in seiner blühenden Verjüngung. Allerdings sind die Rosen daran in diesem Jahre nicht so zahlreich als sonst gewesen. Wer daher geneigt ist, in ihm eine lieu-i lum'umlis (den geheiligten Baum des alten Rom) zu erblicken, dem kann es nicht schwer werden, hier seine Phantasie auf die traurige» Zustände zu richten, denen die Hildesheimer Stadt und Diöcese verfallen sind. Der Culturkampf hat uns wahrlich nicht auf Rosen gebettet! Und wie wird es im nächsten Jahre aussehen? Wird sich uns der Spruch bewähren: Zeit. bringt Rosen? Immerhin ist die Blüthenpracht des Rasenstückes, wenn auch nicht so voll als im Vorjahre, herrlich genug, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und unsere Empfindung zu erwärmen. Ja, dieser Nosensiock! Man niag ihn sehen, so oft man will, man kann es nicht, ohne von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen zu werden. Ewiger Jugend sich erfreuend, sah er die Geschichte einer Welt auf den Flügeln der Zeit vorübereilen. Er sah die ersten Strahlen der christlichen Enadensonne das Dunkel des altgermanischen Heiden- thums durchblitzen — von jedem Tage an, als das Religuiengefäß Ludwigs des Frommen, Unser leven Frouwen Hyligthum genannt, an seinen Zweigen hängen blieb. Er sah die vielen heiligen und gottesfürchtigen Bischöfe, Priester und Laien, welche im Hildesheimer Bisthum erblühten, wie die Rosen an seinen Ranken. Aus den verheerenden Feuers- brünsten ging er, von höherer Hand beschützt, unversehrt hervor. Aus seinem Holze wurde das mit Gold, Edelsteinen und Perlen reich geschmückte Muttergottesbild geschnitzt, welches auf dem Hochaltare prangte und vor dem die Disnstmannen dem neugswählten Bilchofe huldigten. Er erlebte manchen Sturm, der über die Diöcese hintobte und manches hinwegfegte, aber dann auch wieder bessere Tage. Mehr als ein übermüthiges Haupt sah er sich in den Staub beugen und manch' ungerechtes Reich in Trümmer stürzen. Doch trotz einer mehr als tausendjährigen Vergangenheit, trotz der Last seiner Jahre lassen LebenSmulh und Lebensfreudigkeit nicht von ihm ab. Er wird nicht müde, frische Ranken zu treiben und im Schmucke junger Blüthen zu prangen. Dazu rechts und links - die üppigen Gewinde des wilden Weines, welche die Säulen des unvergleichlichen Kreuz- gangeS in seinem oberen Geschosse zum Aerger der Architekten, aber zur Freude der Maler auf das Neizenoste umkleiden — oben in der Höhe die goldene Domkuppel, an die alte Heldenzeit und den Schutz der heil. Jungfrau gemahnend — unten die Gräber der Bischöfe und Domherren, darunter so manche bekannte Namen — aus der Ferne der Gesang einer einsamen Drossel, an den dort verstummten, aber will's Gott bald wieder erschallenden Psalmengesang erinnernd; das alles wirkt geradezu überwältigend. Und damit der Leser sehe, daß man nicht gerade Hildesheimer zu sein braucht, um so zu fühlen, will ich noch, ehe wir von diesem köstlichen Plätzchen scheide», das Zeugniß eines Berliner Reisenden anführen: „Ich wüßte wenig Stellen der Erde, auf denen sich das unverwüstliche Leben der Natur schmückend, um ehrwürdiges, kunstvolles, verfallendes, steinernes Mciischeiiwerk drängt, die einen stärkeren holderen poetischen Zauber üben, als dieser Dom- und Klostergarten. Das Bild der alten trümmerhaften sarazenischen Kirche 8. Oiovrmui clojUi lWvmiri bei Palermo in seiner grünen, verwilderten, südlich üppigen Pracht, die um die trümmerhaften Kreuzgänge wuchert und, von ihnen umschlossen, dust- strömend im glühenden Lichte der Augustsonns vor mir dalag, trat mir plötzlich wieder klar vor die erinnernde Seele. Hier ist dessen poetisch-malerischer Verwandter. Aber der hoheitvolle Bau des Domes, die ernste und zierliche Anna-Kapelle, welche hier aufragen, und die deutsche traute Heimathlust, welche um diese grauen Mauern, im Laube dieser Gebüsche flüstert, sie machen ihn mir doch »och unvergleichlich lieber, als jenen ob ! auch noch so wundervollen Winkel bei der prächtigen Normannenstadt dort im Süden auf der seinen Aetnalnsel im blauen Meer." 494 Aus Monaco. Der bekannte Feuilletonist und Romanschriftsteller Hans Wachenhusen hat unter - dem Titel: „Monaco, Skizzen vom grünen Tisch und vom blauen Meer", eine Reihe - von Schilderungen über die Niviera erscheinen lassen. In diesem Büchlein finden sich interessante Mittheilungen über Vergangenheit und Gegenwart des an der ligurischen Küste t des Mittelmeeres gelegenen absoluten Fürstenthumes Monaco und seine Bewohner, sowie ' über die Spielbank Monte Carlo. Wir entnehmen dem Abschnitte über „die Engländer / am Mittelwerte" die folgende interessante Skizze: ' Wer die Niviera am meisten zu schätzen versteht, das sind die Engländer. Auch sie schicken allerdings ihre Kranke» hierher, aber lieber kommen sie schon als Gesunde I und treten in Heerden auf. ! An der ll'ublo ck'düte der Hotels Alles englisch; man dejeunirt hier auf französischem s! Boden auch nicht, man luncht, und der Hammel darf nie fehlen. Die Tafel spricht vorzugsweise, an manchen Tagen sogar ausschließlich englisch. Sie setzen Alle voraus, daß man ihre Sprache rede und ist eine der Misses sehr sprachbewandert, so bittet sie wohl bei Tische: volen-vos mo xasser In rnovou? Aber sie sind die praktischesten und verständigsten travollors aller Völker. Die übrigen Nationalitäten existiren für sie nicht. Mit unglaublich billigen Nundreisebillets für die weitesten Touren, ganze Ballen von Gepäck im Coupö mit sich schleppend, ziehen sie einzeln oder in Familien um die ganze Mittelmserküste herum. Ihre Checks nimmt jedes Hotel und in jedeni Hotel sind sie überzeugt, eine englische Colonie schon vorzufinden. Sie haben ja nur die Scholle gewechselt, die Atmosphäre ist ihnen überall englisch. Und sie reisen mit Genuß. Ein derber, unverwüstlicher Reise-Anzug fehlt Keinem, I der sich noch rüstig fühlt; man findet ihre nagelschuhige» Spuren auf den höchsten I Terrassen der Berge» wo irgend ein Nasen, wird ein ioc»t dall oder luvn tennis etablirt» für welchen letzteren selbst die Misses eine geschmacklose, aber solide Toilette mit sich ; führe». ! Pferde, Esel und Führer dienen zumeist den Engländern. Bestaubt, mit wuchtigen Knitteln in der Hand, sieht man sie Abends von ihren Land- und Bergpartien zurück- >- kehren, die Misses mit ihnen, ebenso unermüdlich, immer mit demselben unbeweglichen Rückgrat, in groben Kleidern, die kurzgeschnittenen Schlasröcken ähnlich. Zum Diner um 7 Uhr Abends erscheinen sie nach schnellem Kleiderwechsel xontlomuii und luclzUilcs und die Wirthe erschrecken über den Gebirgsappetit, den sie au die Tafel bringen. Das ist indeß mehr die mittlere, zu Hause nur wohlhabende Gesellschaftsklasse Albions, die den Continent sucht, um mit den Jahreszeiten die Stätten zu wechseln, wie der Nomade seine Weideplätze. Sie gehen im Herbste nach Biarritz, im Winter an die Niviera, im Frühjahre nach den Pyrenäen, im Sommer a» den Rhein; nur die Bestsituirten unter ihnen machen vorher noch die Saison in London mit. Die zu den oberen Zehntauiend Gehörenden oder ihnen Nahestehenden sind die Gentlemen und Lords, denen der Sport der maßgebende Wegweiser ist. Auch sie verfehlen die Niviera nicht, sie sind Mitglieder der Clubs in Nizza und geben den (nebenbei gesagt, langweiligsten) Ton an. Ihre Namen fehlen auch in keiner Saison im osiols äos ätraiiSLra in Monte Carlo und in dem Shooting-Club, dem tir nux xiZeon-, dessen anerkannteste Beschützer sie sind und in dessen stanckioaps, inatsoiw, pari? und ponIes sie das Reglement dictiren. Dieses tir anx xiAvons, das Taubenschießen, ist namentlich der Lieblingssport > der Niviera. Es existirt eines in Nizza auf dem Uferrasen auf der Promenade nach ! Villesranche, doch hat es weniger Bedeutung; das von Monte Carlo gilt den passionirten skoot rs als das Musterinstitut der ganzen Welt, dem auch die englischen und selbst das des Bois de Boulogne nicht nahe kommen. So mancher Fremde, der vom Casinoplatze auf der westlichen Seite über die Rotunde zum Ufer hinabsteigt, wird absichtslos der Zeuge dieses blutigen Vergnügens» 495 das ich unter den oft seltsamen Belustigungen unserer modernen Gesellschaft in die Kategorie der Sticrgefechte einreihen würde, dürfte ich »»ich befreundeten Fanatikern dieses Sportes gegenüber zu so engherzigem Gesichtspunkte bekennen und mich zu Denen reihen, die in England selbst schon für die Beseitigung dieses Zeitvertreibes thätig sind. Wie aller Sport nämlich, hat auch dieser seine kulturelle Bedeutung: er soll die Schußfertigkcit und Sicherheit in der Geflügeljagd ausbilden, und das ist gut, sehr gut: Wenn alles Wild, das in Wald und Fluren lebt, nur dazu geboren wird, um todtgeschossen zu werden und auf die Tafel zu kommen, so wird es gleichgiltig sein, wie es erlegt wird, und ein sicherer Schuß ist für den dem Tode Geweihten immer eine Wohlthat. Trotzdem mag es für empfindsame Gemüther etwas Beleidigendes, je nachdem sogar etwas Empörendes haben, wenn sie hier in Monte Carlo unfreiwillig vor dem tir nux pißküim stehen. Ueber den zu Füßen des Casinos sich im Halbkreise in das Meer erhebenden grünen Rasen flattert nämlich, wenn wir an die Balustrade der Rotunde treten» vor uns ein blaues Tüubchen aus dem Grase auf, eines von jenen, die wir täglich auf dem Dachgesimse des „Hotel de Paris" in langer Reihe dicht gedrängt bei- sammensitzen sehe». Ein Schuß knallt über den Plan und über das Meer. Die Taube sinkt getroffen in kaum begonnenem Fluge. Ein weißbunter Jagdhund trabt im Geschäftseifer daher, gibt dem Thierchen den Nest und trägt es zurück unter das Dach des Schweizerhäuschen zu unseren Füßen; ein Diener in kurzer Jacke kommt gelaufen, öffnet eines der fünf Kästchen, die im Halbkreis, in Entfernung von einigen Metern sich auf dem Rasen abzeichnen, klappt den Deckel wieder zu und läuft zurück. Wieder flattert aus einem dieser Kästchen eine Taube auf; wieder ein Schuß und wieder erscheint pflichteifrig der Jagdhund. So wiederholt sich das blutige Schauspiel gegen Ende der Woche den Tag hindurch, das berühmte Taubenschießcn von Monte Carlo, das Sportvergnügen des Pigeon- Shooting-Club, der seine Mitglieder, wie gesagt, unter den Cavalieren aller Welttheile zählt. Das kleine Gebäude auf der Terrasse enthält einen langen nach dem Wasser Hinausschauenden Saal, daneben den Taubenschlag, dem noch ein Reserve-Pavillon für die Unterbringung von mindestens zehn Tausend dieser Thiere dient. Strenge Gesetze liegen diesem Sport zu Grunde; dieselben schreiben Caliber und Blei vor. Es können Fremde gegen Tageskarten von 20 Francs eingeführt werden; Preise werden erschossen. Der Schütze wird aufgerufen und darf die vorgeschriebene Distanz nicht überschreiten, auch die Flinte nicht an die Schulter legen, es sei denn, er ließe der Taube Zeit zum Ausflug. Auf sein Zeichen wird eins der Kästchen, in welchem je eine Taube sich befindet, durch einen Zug geöffnet; will sie nicht auffliegen, so bellt sie der Hund heraus. Fällt die Taube getroffen über den Rand des Rasens, so ist der Schuß Null, d. h. nicht „dou". Es würde mich zu weit führen, wollte ich das Reglement hier delailliren. Der Club zählt die glänzendsten Namen, der höchste Preis beträgt 20,000 Francs. Für den zuschauenden Laien sieht die Sache sehr leicht aus, die armen Thiere, wie sie eben aus dem Kasten aufsteigen, hinwegzuschießen, die Schwierigkeit liegt aber darin, eine Serie zu treffen, und das ist auf dem grünen Plan fast so schwierig, wie oben an den grünen Tische». Die geschossenen Tauben kommen den Hospitälern zugute, und das ist nach allgemeinen Begriffen das einzige Gute an der Sache. Ob auch die Armen dieses Liliputstaates dabei zu Gaste gehen, weiß ich nicht. Mir ist, so oft ich die Niviera in der Nähe von Monaco besuchte, kein solcher hier begegnet. Man macht hier eben nur Arme und schickt sie mit einem Viaticum nach Hause. Und mit dem letzteren haben die Spielbanken seit ihrem Bestehen nie kargen dürfen, um nicht ein Proletariat um sich her zu schaffen, das sie täglich mit drohenden Fäusten umlagern würde. Man gibt den Unglücklichen, die ihre letzten Francs verspielt haben, 4S6 wenn man die Ueberzeugung hat, daß dies wirklich geschehen, und diese hat man gewöhnlich bereits ehe der Ausgeplünderte sich meldet. Man kennt die Spieler, man beobachtet sie an den Tischen, man taxirt ungefähr,' was sie gewonnen oder verloren haben, und ist anständig genug, das Reisegeld nach ihrem Verlust, »ach ihrem Stande zu bemessen. Das war auch in Deutschland so, und i» diesem nur wenige Kilonieter umfassenden souveränen Staate ist es doppelt geboten'; es müßten hier sonst im ganzen Umkreise die Bäume gefällt, das Schießpulver verboten, das Meer zugeschüttet werden, um das Paradies nicht zur Trauerstätte zu machen. Miseellen. (Der Nosenstock in Hildesheim.) An der Absis des Hildesheimer Domchores befindet sich bekanntlich ein Noscnstock, von dem die Sage geht, er sei derselbe, an welchem das Ncliquien-Kästchen hängend gefunden wurde, welcher der Hvfkaplan des gerade im Hildesheimer Walde auf der Jagd befindlichen Kaisers Ludwig des Frommen aus Vergessenheit zurückgelassen hatte. Der „Hannov. Cour." berichtet nun, der Historische Verein für Niedersachsen habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Hildesheim auch den berühmten Rosenstock in Augenschein genommen, dessen Alter nach Aussage des Senators Römer daselbst, von botanischen Autoriräten auf 300 Jahre geschätzt werde. Die „Hildesh. Ztg." hebt dagegen hervor, daß der vor einigen Jahren gestorbene Professor Lr. Leunis» eine botanische Autorität ersten Ranges, das Alter des Nosenstockes auf 1000 Jahre geschätzt habe, und Bischof Hczilo, welcher im 11. Jahrhundert auf dem bischöflichen Stuhle zu Hildesheim saß, habe von dem Nosenstocke als einer altehrwürdigen Erscheinung gesprochen. (Das Kapitel der Zollkuriosa) erfährt täglich neue Bereicherungen, aber auch auf diesem Gebiete ist „Vieles schon dagewesen," und so ist die „Bresl. Ztg." in der Lage, eine zwar schon ältere, aber wenig bekannte Leistung zollwächterischen Scharfsinns mitzutheilen, die beweist, daß man an den Grenzen des deutschen Vaterkandes schon vor Jahrzehnten in Bezug auf Findigkeit unseren heutigen Zollbeamte» mindestens gleich, wenn nicht „über" war. Für das Museum, und zwar dessen anthropologische Abtheilung, einer deutschen Universität trafen an der Grenze mehrere Kisten mit Menschenschädeln ein. Unter welcher Rubrik sollte nun diese unheimliche Ladung verzollt werden. Man rieth hin und her und kam schließlich auf einen schenialcn Gedanken, der aller Noth ein Ende machte. Man verzollte die Schädel als — getragene Sachen! (Die böse Hausfrau.) In Nevada brach, nie die in S. Paulo erscheinende deutsche Zeitung „Germania" erzählt, kürzlich ein Bär in ein Haus ein. Der Hausvater war abwesend und seine Gattin glaubte, er sei es, und er komme betrunken nach Hause. Sie hielt sich nicht erst damit auf, Licht anzuzünden, sondern begann die energische Thätigkeit ihrer Zunge ohne Weiteres. Als der Bär schließlich das Haus verließ, hörte er nicht eher auf zu laufen, als bis elf Meilen zwischen ihm und dessen Bewohnerin lagen; sein Aussehen aber war derart, daß die anderen Bären ihm wochenlang aus dem Wege gingen. — Echt amerikanischer Humor! (Wie in Paris das Geschäft blüht), kennzeichnet „Figaro" durch folgenden bittern Scherz: Ein Kaufmann begegnet einem jungen Blaun, der früher bei ihm als Konnnis thätig war, und klagt über den schlechten Geschäftsgang. „Erlauben Sie," ruft der junge Mann, „bei uns blüht das Geschäft derart, daß wir Erweiterungsbauten vornehme» müssen." „In welcher Branche arbeiten Sie?" „Leihhaus." -> (Den größten Pfirsich garten der Welt) besitzt John Parnsll, ein Bruver des Führers der irischen Partei im englischen Unterhaus«. Der Garten erstreckt sich über 800 Morgen und ist mit 125,000 Pfirsichbäumen bepflanzt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Uiiterüaktunggökatl' jur „Ärrgsburger Postjeitnng." Nr. 63. Mittwoch» 8. August 1883. „Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." NacherMlt von F. Carnevllle. (Nachdruck «erböte».) I. Das reizende Luzern verlassend, wanderte ich den schönen Vierwaldstädter See entlang bis Spitzen-Eck, wo ich mit dem Nachen nach Stanzstad überfuhr und damit den romantischen Kanton Unterwalden betrat, der seiner Naturschönheiten wegen wohl eine« der anmuthigsten Kantone der Schweiz ist, und der Weg von Stanzstad über den Brünig dürfte den Wanderer genügend für die Strapazen lohnen, die er hierauf verwendet. — Die Haupt- und Nebenthäler Unterwaldens von lustigen Gebirgsbächen durchflojsen, und von prächtigen Nadelwäldern überragt, über welche hinweg man die schneeigen Gipfel der Alpen erblickt, die reizenden Ortschaften mit ihren Wiesen und Obsthainen und die schönen Seen, welche die Landschaft zieren, all' das läßt das Herz ferin aufjauchzen vor Lust auf dieser Wanderung; aber auch historische Erinnerungen erwachen hieben wer denkt nicht «n das Völklein, das hier mit voller Thatkraft für seine Unabhängigkeit stritt, wer erinnert sich nicht seiner Jugendzeit, wo ihn Schillers „Wilhelm Tell" begeisterte, wo er sich in diese Berge und Schluchten versetzte und diese starken Männer mit ihren eisernen Muskeln und dies? schönen Frauen mit ihren blonden Haaren bewunderte. — Aber in der hier folgenden Erzählung handelt es sich nicht, die Kraft und Schönheit der Bewohner zu preisen, nicht um Schilderung der Herrlichkeiten dieser Gegend, sondern wir wollen darin einfach die Geschichte zweier Länder mittheilen, die hier ihre Heimath hatten. - - Wenn man auf oben erwähnter Wanderung den Brünig herabsieigt, liegt am Fuße desselben das Dorf Lungern, und vor man an den Ort kommt, fallen dem Reisenden zwei, von schönen Wiesen umgebene, hübsch und solid gebaute Gebirgshäuser auf, die in ihrer Bauart völlig gleich unfern von einander liegen und über deren Eingangs- thüren mit großen Buchstaben die Worte „zur Eintracht" gemalt sind. Im Wirthshaus« zu Lungern kehrte ich zu und nahm, ziemlich ermüdet von meiner Fußtour neben einem geistlichen Herrn Platz, der ebenfalls als Gast anwesend war; nachdem ich einige Labung zu mir genommen und mit dem geistlichen Herrn mich unterhalten hatte, gesellte sich auch ein alter, robuster Mann zu uns, besten Anzug und Sprechart ihn als einen Unterwaldler kundgab und aus besten Leutseligkeit wir auch bald inne wurden, daß er aus Lungern gebürtig war. Ich bat ihn dann um Aufschluß wegen der Eigenthümlichkeit dieser beiden Anwesen und er antwortete: „Ja, Herr, das ist eine lange Geschichte, die ich Euch wohl erzählen will, wenn Ihr Zeit und Geduld habt sie anzuhören"; — ich bot ihm eine Cigarre an und lud ihn ein, uns nur zu erzählen, da ich mit dem geistlichen Herrn schon vorher wegen dieser originellen Aufschriften gesprochen hatte und annehmen konnte, daß er sicher»^ nicht minder neugierig war, das eigentliche Sachverhältniß kennen zu lernen. Das was uns dann der gute Alte mittheilte, will ich nun den freundlichen Leserrz im Nachfolgenden wiedererzählen und wenn es auch nicht so sehr romantisch ist, so möchte j es vielleicht doch so manches Interessante enthalten, daß es den Leser nicht gereuen > dürfte, seine Zeit hierauf verwendet zu haben; wir lassen also unseren Gewährsmann . erzählen. j „In dem, dem Dorfe zunächst liegenden der fraglichen Gebäude, welches das ältere i ist, lebte ehedem ein Mann, der in der ganzen Gegend unter dem Namen „der große ^ Nieder« bekannt war; aus einem armen Jungen ist er allmälig ein reicher Mana ge« / worden, denn er war nicht nur Oekonom, sondern befleißigte sich nebenbei auch noch einer Beschäftigung, die nicht einträglicher hätte sein können. — Er hatte nämlich in seiner , Jugend im Berner Oberland auf der anderen Seite des Brünig die Bildhauerei in Holz ' erlernt, worin er später mit den besten Meistern wetteiferte und es gelang ihm auch den > protestantischen Bernerkünstlern gegenüber, sich durch seine Erzeugnisse, die fast durchgehends ! aus kleinen Cruzifixen, Madonnen und Heiligenbildern bestanden, sich bei seinen Lanvsleuten i einen so bedeutenden Ruf zu verschaffen, daß es kaum ein Haus oder eine Hütte gab, wo man nicht ein Herrgottbild des geschickten Bildhauers fand. — Zudem lebte Nieder mit «einer Familie sehr sparsam, obgleich er nur zwei Kinder besaß. Diese Kinder waren Zivil- inge und hatten von dem Vater den Geist wie die Geschicklichkeit geerbt, und als sie älter wurden, war es schwer zu sagen, wer besser schnitzte, Vater Nieder, der braune Leo oder der blonde Seppli. Dadurch vergrößerte sich denn der Gewinn für die Familie mehr und mehr und der alte Meister Nieder hatte sehr zufrieden und glücklich leben können, wenn auf dieser Welt nicht ein Jeder mehr oder minder sein Kreuz zu tragen hätte, und dieses Kreuz wurde leider von Jahr zu Jahr drückender für ihn; — mit seiner guten Frau war er stets ein Herz und eine Seele, aber wie leider so häufig, kamen alle Sorgen und aller Kummer ihm just durch jene zu, welche seine Freude, sein Stolz und seine Hoffnung sein sollten — nämlich durch seine Kinder. Man konnte den beiden jungen Leuten nicht vorwerfen, daß sie nicht brav und arbeitsam oder unverträglich mit ihren Nachbarn waren, nein, sie waren nur unter sich stets in Streit und Hader und Niemand, der nicht Zeuge von diesen beständigen Zwistigkeiten und Gehässigkeiten dieser Geschwister gewesen, hätte geglaubt, daß diese Beiden an der Brust einer und der« ^ selben Mutter geruht hätten, und wenn es als Naturgesetz angenommen wird, daß Zwillinge nicht nur im Aeußern, sondern auch in ihren Neigungen und geistige» Eigenschaften sich ähnlich sind und daß sie eine besondere Liebe zu einander besitzen/ so hätte man allerdings glauben mögen, daß sie nicht beide von Vater Nieder stammten, da sie j in Nichts sich ähnlich waren. — Leo von brauner Hautfarbe, wie man eS häufig bei den Männern unserer Gegend findet, hatte schwarze Augen und Haare, der Kopf war dick und rund, dabei besaß er Knochen und Muskeln wie ein Niese und er hatte noch nicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht, als schon Niemand nach Hirtenart mehr mit ihm, wenn auch nur im Spiele, kämpfen wollte. Er war stets ernst reizbar und zornig ! und wenn er einmal gegen Jemanden Haß gefaßt hatte, war er unversöhnlich. — Sein Bruder Seppli dagegen war in Allem das Gegentheil. Seine Haare blond, wie die f seiner Mutter, umgaben mit ihren Locken sein zartes Gesicht und seine schönen blauen ! Augen drückten die Sanftmuth seiner Seele aus; in Kraft und Wuchs gab er seinem Bruder durchaus nicht nach, aber in seiner Tounüre doch wohl verschieden und die jungen Mädchen wußten wohl, warum ihnen das Blut in die Wangen stieg, wenn sie ihm un- ^vermuthet begegneten und warum sie ihm wohlgefällig nachsahen, wenn sie sich von ihm unbeachtet glaubten, und außer diesen Vorzügen war er auch sanft in seinen Manieren, worin er völlig seiner Mutter glich. Er lebte mit Allen im besten Einvernehmen, nur mit Dem nicht, den er der Natur gemäß am meisten lieben sollte. Schon im zarten Alter stritten und rauften sich die beiden Brüder und zwar nicht wie gewöhnlich die Kinder in jugendlicher Lust, sondern im gegenseitigen Grimme, namentlich von Seite Leo's. — Weder die Thränen der Mutter, noch die strengen Züchtigungen des Vaters vermochten den Frieden herzustellen, im Gegentheil es schien, daß der Haselstock des — 495 — Vaters Nieder und die Vorstellungen der Mutter das Uebel nur noch vermehrten. — Noch schlimmer wurde eS, als die Brüder in ein Alter kamen, wo die Liebe in den jungen Herzen erwachte; natürlich zogen die jungen Mädchen den hübschen, sanften Seppli dem mürrischen und zänkischen Leo vor. Diesen Vorzug konnte ihm denn dieser nicht verzeihen und die schlimmste Leidenschaft, die Eifersucht, die schon die stärksten Bande der Freundschaft und Liebe zu zerreißen vermochte, setzte der Feindseligkeit der Brüder noch die Krone auf. Von da an konnten sich die Eltern zwischen ihre Söhne nicht mehr in's Mittel legen und mußten sich schließlich in ihr Unglück fügen. — „Ach", sagte einmal der alte Nieder zu seiner Frau, als er wieder argen Verdruß hatte, „ich dachte mir immer die beiden Kinder würden einst zusammen diesen schönen Hof bewohnen; — sie hätten auch hinreichend Platz, selbst wenn jeder ein Nest von Kindern hätte. Die Stallungen könnten die doppelte Zahl Vieh fassen, als wir haben und die Speicher würden dem reichsten Bauern im Entlibuch genügen; aber diese Hoffnung ist dahin, diese Jungen würden sich unter demselben Dach tödten, wenn sie nicht überwacht würden. So bleibt uns denn nur noch Eins übrig, nämlich, daß wir ein zweites Haus bauen, und damit es nicht zu neuen Händeln kommt, muß es mit diesem völlig gleich sein. Dann mag das Loos entscheiden wer von ihnen das neue Haus beziehen soll, und während wir sie auf diese Weise trennen, beugen wir vielleicht einem großen Unglücke vor. Was sagst Du zu diesem Plan?" „Wenn Du glaubst, daß wir dies in unseren alten Tagen noch unternehmen können, so wird es wohl das Beste sein", antwortete sie gutmüthig, „denn so getrennt werden sie ohne Zweifel irn besseren Einvernehmen leben, wenn wir nicht mehr bei ihnen sind und in's Mittel treten können." Nieder war gewohnt einen gefaßten Entschluß auch rasch auszuführen und setzte sich denn alsbald an's Werk. Es besaß die Mittel den Bau zu beschleunigen; die Nachbarn waren, einem alten Landesbrauch nach, auch bereit ihm während des Baues im Beischaffen des Holzes und der Steine Hilfe zu leisten und so stand das fragliche Gebäude bis zum Herbste fix und fertig da. Und damit auch der Himmel diesem Plane Gedeihen schenken möge, baten sie den ehrwürdigen Pfarrer dann das Geschäft: die Verloosung in dis Hand zu nehmen. Sie behielten sich im alten Hause nur ein Zimmer vor, um bis zu ihrem Ende darin leben zu können. Der Pfarrer entsprach bereitwilligst ihrem Ansinnen und hielt vor dem Geschäft eine so ergreifende Rede, daß die Eltern und Seppli zu Thränen gerührt wurden. An Leo waren aber die Mahnungen des würdigen Geistlichen spurlos vorübergegangen ihn beherrschte nur der eine Gedanke: wenn das Schicksal mir das neue HauS schenkt, verzichte ich gerne auf alles Urbrige. Der Pfarrer reichte ihm, als dem Netteren, den Teller auf dem die Laose lagen;' er zauderte einen Augenblick und seine Hand zitterte, als er nach einem Loose griff; als er es entfaltete, wechselte er die Gesichtsfarbe und einen Fluch ausstoßend, stampfte er mit dem Fuße auf den Boden; es war ihm das alte Haus zugefallen. Der Pfarrer wich vor Schrecken zurück als er die Wuth des Unglücklichen gewahrte. Seppli, der es vorgezogen hätte bei seinen Eltern zu bleiben, trat rasch auf Leo zu und sagte ihm die Hand bietend: „Höre, Bruder, ich habe die Absicht unserer Eltern wohl begriffen; sie haben das neue Haus gebaut in der Erwartung, daß dann Friede zwischen uns würde, wenn wir nicht mehr unter einem Dache zusammen wohnten und nichts mehr gemeinschaftlich zu besorgen hätten. Wir haben ihnen durch unsere Zwietracht schon Kummer genug bereitet und wollen ihre letzte Hoffnung nicht vernichten, nimm mein Loo», Bruder, ich trete es Dir gerne ab." Leo's Gesicht verzog sich eigenthümlich, zwei Entschlüsse schienen mächtig in ihm zu kämpfe», aber nicht lange währte dieser Kampf, wuthentbrannt schrie er: „Geh' zum Teufel mit Deinem verfluchten Loose, ich will von Dir keine Gunst!" und verließ in tzrößter Heftigkeit die Stube. Man kann sich den Schmerz der Eltern vorstellen, als sie nach so vielen Mühen, diese ihre letzte Anstrengung zur Herstellung des Friedens vereitelt sahen, denn Leo'S Charakter ließ auf diese Zurückweisung des Vorschlags seines Bruders, keine Versöhnung mehr erwarten. — Eine ganze Woche war Leo abwesend vom Hause gewesen und schien selbst die Gegend verlassen zu haben, Bei seiner endlichen Wiederkehr hatte er ein so mildes Aussehen, daß ihm gerne Alles aus dem Weg ging und sogar sein Vater vermied eine ernste Zurechtweisung. Er selbst sprach auch mit Niemanden, sondern ging schweigsam an seine Arbeit und warf nur zeitweise einen Blick voll Haß auf seinen Bruder. So konnte es nicht lange bleiben, denn dieser versteckte Zorn konnte bei der geringsten Veranlassung zum Ausbruch kommen und ein Unglück herbeiführen. Die Ältern machten denn gewissenhaft zwei Theile aus ihrer Besitzung, und da sie das Zimmer, das sie sich vorbehalten hatten, nicht länger beanspruchen wollten, bezogen sie mit Seppli das neue Haus. — Leo schien nichts weniger als böse darüber zu sein, um so mehr als ihm auch die große Wiese verblieb, die sie sich anfänglich zu ihrer eigenen Nutznießung vorbehalten hatten. — Ohngeachtet, daß Leo nunmehr ein schönes Besitzthum hatte, so pflog doch keiner seiner Nachbarn näheren Umgang mit ihm; dies würde wohl jedem Anderen unerträglich geworden sein, ihm aber schien es zu gefallen, daß er überall Furcht einflößte. Von diesem Benehmen machte er nur mit einem Kaufmann, Namens Gern« zu Sarnen eine Ausnahme, der einen sehr einträglichen Handel mit Kunstgegenständen trieb, vorzugsweise für Kirchen, und war immer einer der besten Kundschaften der Familie Nieder gewesen. Leo fuhr fort ihm seine Arbeiten zu liefern und zwar, wie Vater Nieder und Seppli erfuhren, unter dem bisherigen Preise. Um sich nun nicht den Anschein von Gewinnsucht zu geben und um anderseits nicht die Zeit mit dem Detailverkauf zu verlieren, thaten sie das Gleich«, obwohl Kaufmann Gerner» der vermöglich war, es nicht gefordert hatte. Gerner hatte eine einzige Tochter, die für die größte Schönheit im ganzen Unter- rvalden galt und die fremden Künstler, die mit ihrem Vater verkehrten, hatten bei ihren Besuchen wenig Aufmerksamkeit für die Kunstsachen und vermochten kaum die Blicke von dem schönen, blonden Mariele zu wenden, denn es war wohl kein schöneres Madonnen- »nodell zn finden; aber so getreu sie auch ihre Bilder darnach zu malen glaubten, so blieben sie damit doch weit vom Originale zurück, dieser Liebreiz und diese Anmuth vermochten sie nicht wiederzugeben. (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Wenn Alle hinken auf dem gleichen» Bei», Dünkt richtig Jedem wohl sein Gang zu fein. in grünen Laub da ist der Vöael Welt; ie bau'n kein Nest im Baum, den man gefällt. Ein wackerer Soldat! Ihn lobt der Freund; , Er gälte mehr noch, lobt ihn auch der Feind. Der Apfel, den du stahlst — ein saurer Bissen I Kind, merke dir's, dich mahnte dein Gewissen. Ein Allerweltsfreund — o hüte dich! — Ist Niemand's Freund; er liebt nur sich. Spend' Allen Lob, such' Alle zu gewinnen, Du wirst der Mißgunst doch nie ganz entrinnen. Wer kaum zu schreiben noch versteht, ^ Schilt auf die Feder, daß schlecht sie geht. Was willst du deinen Rock nicht tragen? ^ Die Motten werden ihn zernagen. Horch wie die Mutter sinkt und lustig scheint, ^ , Dem Kind zu Lieb', das in der Wiege weint! F. B eck. 501 Londoner Polizei. London ist keine Stadt, es ist eine Provinz, die mit Häusern bedeckt ist, eine Wildniß von Mauerstein und Mörtel „irgendwo begrenzt durch die Ewigkeit", würde ein Uankee sagen, welcher die „dicken Worte" liebt, und sich gern eines Hagelschlages von Superlativen bedient, um dem Fremdling etwas klar und deutlich zu sagen. Wer da vermeinte, eine genaue Lrief-Adresse zu gebrauchen» so er schriebe: „Mr. John Smilh, 10 George Street, London, hätte eben so gut die Adresse: „Mr. Smith in Europa" anwenden können. Es gibt ein halbes Hundert George Street in der Themseestadt, und wenn auch das Postamt wohl eine Stichprobe nach dem sichern Smith hier und da vornehmen dürfte, so wäre doch die größer« Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß das Schreiben in das Bureau für „todte Briefe" wandern würde. In Anbetracht der ungeheuern Entfernungen wird es auch für ein unsühnbareS Vergehen gehalten, wenn Jemand ein geschäftliches Rendezvous nicht wenigstens innerhalb der akademischen Viertelstunde einhält. Ein Fremder verlöre sofort seine Kaste als Gentleman, falls er einen Engländer zur vereinbarten Stunde am vereinbarten Orte auch nur warten ließe, selbst wenn es sich dabei gar nicht um Pfunde, Shilling« und Pence handelte, sondern um die Prüfung einer Sorte Portwein oder um die Besprechung eines Hunde-Wettrennens. Wenn Heinrich Heine davor warnt, einen Poeten nach London zu schicken, so können diese Worte nur verdrießlicher Laune zugeschrieben werden. Mondschein-Elegien und Frühlings-Epopöen würden freilich einem sanftherzigen Schwaben aus „Stuckert am Neckar" in der Federpose stecken bleiben: aber gerade in London spricht das Leben, wie es an dem Auge vvrüberrollt, in Dramen und Tragödien oder in erschütternden Possen. Auch die letztem sind auf so gewaltigem Hintergründe meist an jener bedeutungsvollen Wehmuth reich, wie sie in den Aussprüchen des Hofnarren König Lear's widerklingt. Welche Welt von Gegensätzen liegt zwischen dem über alle irdische Noth erhabenen Glänze des Westends, wo das Familienleben des Adels und der Plutokratie sich nach der Etiquette regelt, wie sie unter Ludwig dem Vierzehnten, dem Prächtigen, Sitte gewesen, und zwischen jenem Elend im Ostende, wo die Armuth ihre Thränen trinkt und täglich eine Niobe inmitten einer Gruppe abgehärmter Kinder an irgend einem Prellpfeiler einer nebelverhüllten Gasse verhungert» Wohnte dem Engländer nicht ein so gründlicher Gesetzessinn inne, und folgten nicht auch die niedrigen Klaffen einem starken Triebe, wenigstens äußerlich den „Gentleman von Natur" zur Geltung zu bringen, so wäre es unerklärlich» wie es wenigen Tausend Policeman — ein halber Sicherheitswächter auf ein wohlgezähltes Mille von musculösen Briten — gelingen könnte, eine solche unermeßliche Wohnstatt vor Gewaltskrisen zu schützen. Dies fällt um so mehr in's Gewicht, da der Freiheitssinn John Bull's die Einführung einer polizeilichen WohnungS-Meldung als einen unerträglichen Eingriff in seine geheiligte Ungeschorenheit betrachten würde. Eine bescheidene Anfrage wegen frühern Wohnortes und Jahrestages seiner werthen Geburt würde bei ihm eine Antwort erfahren, i>ie sich weder in ungereimter noch gereimter Sprache drucken ließe. Da überdies der Policeman in kein Haus eindringen darf, es sei denn, er hörte den Ruf: „Hülfe! Mörder!" so sind es in der That wenige Handhaben, die ihm die Ausführung seines Berufes erleichtern. Nur die Nachtherbergen niedrigster, bedenklichster Art sind der Aufsicht unterstellt, und ebenso muß jeder Bier- oder Weinwirth alljährlich um Erneuerung seiner Concession sich vor dem Polizeirichter stellen, und er riskirt das kostspieligste Geschäft, falls irgend eine Beschwerde über üble Vorgänge in feiner Localität gegen ihn vorliegen sollte. Der wüsten Schlachten beim Gelage gäbe es indessen dennoch mehr, wenn Trinkschulven, loco contrahirt, einklagbar wären. So erklärt es sich, daß über den Schenktischen auf dem Lande, für Alle, die da kommen, erkennbar, die warnende Inschrift zu lesen steht: „?oor Oroäit is cksnä", d. h.: „Der arme Kerl Pump ist todt!" Der Engländer knöpft sich gern den Nock zu, wenn er irgendwo von einem Fremdling, der seinen Accenten nach mit dem Englischen nicht recht umzugehen weiß, plötzlich 502 angeredet wird. Dieser, der Ausländer, wiederum tritt täppisch leicht in manche Schlinge und Fährlichkeit. Die Verbrecherwelt hat ihre „Zuschlepper" überall. Man kann sich einem sehr biedermännisch aussehenden „Jehu" (dem bibelalten Erfinder der ersten Fiacres) anvertrauen, aber ahnungslos über das gaserleuchtete London hinausgefahren werden, nachdem sich schon unterwegs urplötzlich ein blinder Mitpassagier auf dem Kutsch- bock eingefunden. Der Wagen hält dann erst irgendwo fern draußen auf öder Baustelle, und ein moderner Dick Turpin macht sich an sein Geschäft. Auch hat der Räuber, der im Nebel lungert, sich längst auf den „dänischen Kuß« verlegt, welche Methode er den Matrosen abgelernt. Dieser Kuß wird in der Weise applicirt, daß dein Widersacher dir mit der Faust einen Schlag unter das Kinn versetzt, mit der linken Faust in die Rippen stößt und mit gebogenem Knie dir in das Embonpoint springt — alles s tswxo, wohl« verstanden. Kein Piedestahl hält dagegen Stand. Die Reinigung sämmtlicher Taschen ist auch wohl das Werk einer einzigen Umarmung, die dich liebevoll von jähem Sturze schützen will, nachdem ein Anderer zuvor aus purem Versehen dich mitten auf dem Trottoir über den Haufen gerannt hatte, du dankst dem edeln Unbekannten, der dich abstäubt, in freundlichster Weise, und weißt nicht, daß alle deine Werthsachen sich schon in dritter oder vierter Hand »rechts um die Ecke" befinden. Der Policeman kennt diese eigenen Manieren und hat sein Auge auf alte Bekanntschaften. Wogegen dich aber kein Policeman schützen kann, wenn du als Fremder unsicher des Weges London in der Dämmerung durchwanderst, das ist deine Geneigtheit, Unbekannte nach der Fährte zu fragen. Du könntest leicht in ein Wirrsal von Gassen, Gäßchen oder engen Corridoren gewiesen werden, wo du froh sein darfst, wenn du nur alles, was tragbar an dir, und du dich selber nicht auf immer verlierst. Ferner zahlen die Behörden für jeden todt oder lebendig aufgefischten Menschen sieben Shilling Bergelohn. Es war erstaunlich, wie rasch seitdem die Zahl jener Placate sich vermehrte, welche, an der Außenwand der Polizei- Stationen befestigt, die fettgedruckte Ueberschrift trugen: „vea,^ kounä", d. h.: „Eine Leiche aufgefunden". „Verwegene Bierreisen" in der Nähe der Themse können ja leicht mit einer Zickzackbewegung enden» wo dem verirrten Zecher plötzlich ein Menschenfreund unter die Arme greift, nahe der Stelle, wo das Wasser am tiefsten ist. Und sieben Shillings Bergelohn für einen Ertrunkenen sind ein Gegenstand für mehr Leute, als man sich träumen lassen möchte! Indessen, mit Ausnahme dieser Extempore-Zufälle, ist London bei Tag und Nacht sicher, und dazu trägt Bobby, der Policeman, das Seinige bei. Der boshafte Spitzname „Bobby" ist von „dob" abgeleitet, womit der Plebejer den „Shilling" bezeichnet, und soll so viel bedeuten, daß Bobby eben für einen Shilling zu haben sei. Der süße Pöbel, der „große Ungewaschene", hat den Wächter der öffentlichen Sicherheit noch niemals zum Gegenstände des Preisens gemacht. In der That, nicht mit Sovereigns, nur mit Shil- lingen wird Bobby's Mühsal bezahlt. „Keine Ruh' bei Tag und Nacht, und achtzehn Shillinge auf die Woche, welche sich nach jahrelangem Dienste auf fünfundzwanzig steigern können, gerade genug, um den Wolf, Hunger, von der Thüre fern zu halten. So treten ihm lausend Versuchungen nahe; denn, wenn er bei Gelegenheit nicht sehen will, kann er es zu einem wohlhabenden Manne bringen, ohne daß er den bösen Witz eines Pamphletisten wahr zu machen brauchte: „Armer Bursch! Er war drei Jahre bei der Force, hat hundert berauschte Gentlemen nach Hause gebracht und nur zwei goldene Uhren!" Der Londoner Policeman hat auch seine Heroen. Hin und wieder fehlt Einer beim Appell und fehlt für all« Zeit. Seine Uniform, wegen häßlicher Blutspuren in verborgener Spelunke umgefärbt, wandert dann nach Pettycoat-Lane, in die Judengasse, wo man ganze Ladenreihen nur mit gestohlenen seidenen Taschentüchern decorirt findet, und wird dann mit anderm alten Gewand in Niesenballen nach Californien verschifft oder zu putzsüchtigen Negerfürsten an der westafrikanischen Küste. Furchtlos wagt sich Bobby oft in einen von Wuth dampfenden dichten Menschenknäuel sich auf nichts anderes verlassend, als darauf, daß ja nicht jeder Messerstich ihn in's Herz treffen muß, und pflückt 503 sich „seinen Mann" heraus, auch wohl zwei oder drei. „Den ertappten Verbrecher", so sagt dir der Policeman, „braucht auch der Einzelne von uns nicht zu fürchten. Der ist meist feige und duckt sich sofort unter sein Schicksal, so wir ihm nur die Hand auf die Schulter legen, und er läßt sich ruhig die Schellen um die Knöchel drücken. Aber der Vagabund, der Raufer, der Todttreter aus Passion ist unberechenbar!" — Bei Nacht, oft in schauerlich öden Gassen, auf suchender Nonde, hat er auf langen Strecken keinen Bruder in der Noth, und besaß noch vor einem Jahrzehnt keinen andern Schutz, als einen blauen Frack, weiße waschlederne Handschuhe und lederbesäumten Cylinder, keine andere Waffe, als in der Hintertasche anderthalb Fuß „ungebrannter Asche". Er trug sich wie ein Gentlemen, und fand bereitwilliger» Beistand aus den Reihen des Publikums als heute, wo er seit den Fenier-Excessen militärisch gedrillt worden ist, eine Art Tunica angezogen und einen grauen Filzhelm aufgestülpt hat. Sein Dienst ist derselbe geblieben, hart, sehr hart auch bei Tage. Man braucht ihn nur auf London Bridge zu beobachten, wenn das Gewühl der Wagen, in vierfacher Reihe, hin und her fluthet, die in strenger Linie dicht hinter einander zu folgen haben, um endlosem Wirrsal vorzubeugen. Da steht Bobby, man möchte sagen in buchstäblichem Sinne als fleischgeworbener Prell- pfahl, auf Haaresbreite den wuchtigen Rädern nahe, und lenkt die rollende Völkerwanderung mit einem Wink seiner weißen Handschuhe, die er in riskanten Momenten als Signal in die Höhe streckt, ruhig und gefaßt, als stände er nicht in Gefahr, in einem Nu zermalmt zu werden. Der kärglichen Löhnung wegen recrutirt sich die Force nur langsam, oft aus jungen Burschen, die frisch vom Pfluge gekommen, und dieses Gehen und Kommen hat oft sehr rasch gewechselt; denn Viele, denen sich andere Nothbrücken des Lebens öffnen, legen den sauern und undankbaren Posten nieder. Der Magistratsrichter, falls ihm ein Jnculpat vorgeführt wird, trat überdies oft mit Vehemenz gegen den Policeman auf, wenn dieser sich etwa an einem Unschuldigen vergriffen. Der mit dem militärischen Drill eingeschlichene Hsprit äo oorpg machte danach voll Verdruß wieder das große Publikum verantwortlich. Es kam vor, daß ein College den andern bei Gericht „durchzuschwören" suchte, nach dem Grundsätze verfahrend, daß es besser sei, wenn ein Unschuldiger aus dem undankbaren Publicum verurtheilt, als daß das „Corps" wegen Fehlgriffen öffentlich blamirt werde. Jedoch innerhalb einer freien Nation schütteln sich unversöhnbar scheinende Gegensätze bald wieder zurecht. Zu jener Zeit war es, wo die Londoner Presse „Ihrer Majestät allergetreueste Polizei", beinahe continentalen Mustern aus überwundener Zeit folgend, als einen eingenisteten Feind betrachtete und die Gründung einer Art von Sicherheits-Comitö's, einer Vigilanz-Association zum Schutze des Publikums befürwortete. Das erinnerte an amerikanische Vorgänge, und solche Bilder aus „Bruder Jonathan's" Portfolio liefen „Bruder John's" Jnstinct zuwider. Man scheute vor der entfernten Möglichkeit zurück, daß, gewissen amerikanischen Städten gleich, sich schließlich auch die Polizei in Parteien spalten könnte, und Sicherheitswachmänner, Barrikaden auswerfend, einander mit sechsläufigen Colts bearbeiten oder zum Wohlbefinden einer Partei die Gurgel abschneiden könnten. Und so war Friede und Freundschaft bald wieder hergestellt. Die Londoner und die englische Polizei überhaupt ist die eines Weltreiches, in welchem die Sonne nicht untergeht. Das ist ein weiter Horizont. Eine Virtuosität in der Uebung zu arretiren kann jede Polizei erwerben. In einem Weltreiche muß sie unermeßliche Labyrinthe zu ergründen wissen, — sie hat es so zu sagen mit Clasfikern der Verbrecherwelt zu thun. „Geist fordere ich vom Dichter!" sagt Schiller. Die englische Polizei verbraucht eine große Quantität dieses selbigen Spiritus, Menschenkenntniß dazu und Nacenkenntniß in allen Couleuren. In Norddeutschland empfiehlt man zum Fortkommen auf unserm kleinen Stern, Erde geheißen, „Kopf, Genie und Ellbogen" — drei sehr schätzenswerthe Factoren ohne Zweifel. Aber Jhro britischen Majestät allergetreuester Detective würde sich weniger Erfolge erfreuen, wenn ihm nicht der tiefeingewurzelte Gesetzessinn der Nation zur Seite stände. Außerdem besitzt er ein Organ, das die höchste Cultur durchgemacht, jenes Organ, das dem zartesten aller menschlichen Sinne zur Herberge dient: eine Nase, die über sieben Meere reicht. So kann die englische Polizei vieler Hülfsmittel entrathen, die noch auf dem Festlande für unerläßlich gelten, selbst nachdem die Periode der „allgemeinen Volksanschnauzung" ein überwundener Standpunkt geworden. In England regnen keine Orden in die Knopflöcher, und für Verleitungen von Oben wie für TerrorismuS von Unten ist die Polizei des Weltreiches gleich unempfänglich. (N. Fr. Pr.) MiSe-lleir. (Einer der letzten Fürstbischöfe von Würzburg) so erzählt die „Dorf- Zeitung" — ein leutseliger Herr, traf auf der Jagd einen Knaben, der Schweine hütete, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. „Wieviel Lohn bekommst Du?" fragte der hohe Herr. „Hab' halt a G'wandel und zwei paar Schuhe," antwortete der Junge. „Nicht mehr?" rief der Fürst, „schau ich bin auch ein Hirt, aber ich stelle mich doch besser, als Du." „Glaub's schon, Ihr werdet auch mehr Säu' haben," war des Knaben Antwort. Da lachte der gemüthliche Fürst und sprach zu seinem Gefolge: „Nehmt's all uotriw, meine Herren!" (Mißverstanden.) Pfarrer (sehr erstaut): „Aber Michel, was ist denn das? die Kirche ist ja ganz leer. Wo sind denn die Leute?" — Michel: „Ja nun, seh'n Se, Herr Pfarrer, Sie habn doch nach der Predigt gsagt: „Am nächsten Sonntag werde ich fortfahren", und da Hain mer halt qlobt Sie wölln a zum Schützenfeste nach München 'nein." (Gerechte Entrüstung.) Professor (seinen Hörern eine Patientin vorführend): „Meine Herren, hier haben Sie ein prächtiges Beispiel für Skrophulose. Sehen Sie diese dicke Nase, diese triefenden Augen, dies aufgedunsene Gesicht . . . ." Patientin: „Na wissen Sie Herr Professor, der Schönste sind Sie gerade auch nicht!" (Der herzensgute Mann.) Frau B.: „Nun wie geht es Ihnen denn?" — Frau L: „Es ist kaum zum Aushalten; sehen Sie mein Mann ist herzensgut, wenn er nüchtern ist» — aber er ist nie nüchtern." (Aufgeschnitten.) Ein Sportsmann versicherte, einen so schnellen Ritt gemacht zu haben, daß sein Schatten ihm nicht habe folgen können, sondern über eine halbe Stunde zurückgeblieben sei. (Zufriedenheit.) Mit nichts ist der Mensch mehr zufrieden, als mit seinem Verstände; je weniger er davon hat, desto zufriedener ist er. (Bedauerlich.) A.: „Priese gefällig?" — B.: „Nein, ich schnupfe nie." -- A.: „Schade, Sie haben doch so ein schönes Lokal dazu!" Aus einem Fremdenbuchs in der Schweiz. Ich heiße Conrad Friedrich Scherner, Ersteige Gletscher, Joche, Ferner; Keine Wand ist mir zu hoch, Zu schaurig mir kein Felsenloch. Freiheit! Du bleibst meine Gasse, Ich aber Bergfex erster Klasse' Alle Böcke möcht' ich schießen, Jede Latschen möcht ich küssen, Anfwärtssteigcn, welches Glück! Mit dem Rucksack am Genick, Mit dem Bergstock in den Händen,' Einen Juhschrei zu versenden, Dann über alle Wurzeln stolpern, Daß die Steine abwärts holpern, Fluchen, Schimpfen, Räsonniren, Dann das Gleichgewicht verlieren, Abwärts rutschen zwanzig Meter, Hinunter wie ein Donnerwetter, Ankunft unten ohne Sohlen, Da soll der Teufel Alles holen, Freiheit, Latschen, Nucksack, Joch, Aber Bergfex bleib ich doch. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Druck und Verlag de« Nr. 64. 1885 zur „Äugslmrger PostMmg." Samstag, 11. August „Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) Leo kam oft in Gerner's Haus, wobei er sich immer das Ansehen des friedliebendsten Menschen zu geben wußte. Gerner erkannte alsbald, daß diese Besuche weniger ihm als seiner Tochter galten, was ihm übrigens gar nicht unangenehm war. Leo war wohlhabend, war ein ausgezeichneter Arbeiter in seinem Fache, und wenn er auch, wie man sagte, etwas derb war, wußte man ihm eben hiezu wenigst möglich Gelegenheit geben, kurz, Gerner hatte in ihm noch nichts Uebles entdeckt, und wenn Leo um die Hand seiner Tochter angehalten hätte, würde er, vorausgesetzt, daß Mariele hiemit einverstanden gewesen wäre, nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; — so ging die Sage. Mariele's Gedanke» stimmten aber nicht mit denen ihres Vaters überein. Dieser Leo, sagte sie sich, „ist ein Duckmäuser, selbst wenn Alles, was man von ihm sagt, nicht wahr wäre, nnch schaudert, so oft er mich anlächelt, und wahrlich lieber in ein Kloster gehen, als diesen Mann heirathen, — ja, gewiß, wenn mein Vater mich hiezu nöthigen wollte, würde ich Nonne werden!" Gerner dachte aber nicht im geringsten daran, ihr hierin irgend einen Zwang anzulegen, denn Mariele wad seine einzige Freude, sein einziges Glück auf dieser Erde, und als sie eines Tages von ihrem Vater wegen Leo aufgezogen wurde, und hreber drohte, eher den Schleier nehmen zu wollen, war Gerner rasch entschlossen seinen Verkehr nnt dem jungen Manne zu ändern und ihm zu zeigen, daß er seinen Erwartungen in dieser Beziehung entsagen müsse, er wurde auch viel weniger mittheilsam gegen ihn, und erlaubte sich sogar öfter seine Arbeiten zu tadeln, was er sonst nie gethan hatte. Dies Benehmen Gerner's erweckte die gehässigen Gesinnungen Leo's gegen seinen Bruder aus's Neue, denn durch seine Leidenschaft verblendet, schien er überzeugt sein zu dürfen, daß er diese Abweisung lediglich den Anschwärzungen Seppli's zu danken habe. Diese Annahme war aber durchaus falsch, Seppli hatte zwar jedes Zusammentreffen mit seinem Bruder bei Gerner vermieden, aber gewiß nicht in böswilliger Absicht, sondern lediglich aus Furcht, A möchte irgend eine Geringfügigkeit Anlaß geben, den Streit wieder anzufachen. Wir wissen, wie schwer das Herz eines jungen Mädchens zu ergründen ist und es darf deshalb nicht wundern, wenn Gerner nicht ahnte, was in dem seines Kindes vorging; der glückliche Seppli dagegen mißkannte es nicht. Er mußte, daß sein Bild in ihrem Herzen ebenso tief stund, als das der Jungfrau in seinem; er wußte es, wie wenn es ihm eine Stimme im Traum verkündet hätte, denn Mariele hat noch nicht im Geringsten etwas verrathen, und er selbst hatte bis jetzt nicht den Muth gehabt, sein Schicksal aus ihren Auge» zu lesen. . Aber dieser Muth kam »hm plötzlich eines Tages, als er Gerner Waaren bringen wollte, und Mariele allein zu Hause traf .... sie verständigten sich gar bald und an der Thürschwelle beim Abschiede fragte Seppli noch: „Willst Du mir auch treu bleiben, Mariele?" — »Bis zum Tode!" murmelte das junge Mädchen, „aber nicht wahr, die Welt braucht es vorerst nicht zu wissen, daß wir uns so innig lieben?" „Mein, sicherlich", antwortete freudig bewegt der glückliche Seppli, „Niemand soll es erfahren, vor nicht der Frühling kommt, ünd unsere Vater ihre Einwilligung gegeben haben." Ihre Lippen besiegelten das Versprechen, und rasch verließ er das glückliche Mädchen, auf daß sie in ihrem Geheimnisse nicht von ihrem Vater überrascht werden möchten. Während des darauffolgenden Herbstes und Winters brachte Seppli mehr Arbeiten nach Sarnen als je zuvor; aber Niemand ahnte, was sich die Blicke der beiden Liebenden sägten, während er den Neben Gerner'S ^ zuhörte, und Mariele auf der Ofenbank saß und emsig zu stricken schien. So verging die Zeit bis zum Frühling, wo endlich ein Lichtstrahl in Gerner'S Geist fiel und in seiner Ueberraschnng sagte er zu sich: „Alter Narr, der ich bin, wo habe ich denn die Zeit, über meine Augen gehabt?" Es war am Ostersonntäg Mittags, als Marie!« ihren Seppli an der Hand in'S Zimmer trat, und vor ihren Vater hintretend, zwar etwas verlegen, aber doch ohne Zagen, sprach: „Hier, Vater, ist der, den ich gewühlt habe, wenn Ihr keine Einwendung dagegen zu machen habt!" Gerner hatte zweifelsohne nichts einzuwenden, denn hiedurch erfüllte sich ein Wunsch, den er längst im Stillen genährt hatte, die Hände erhebend setzte er sie zum Zeichen seines Segens über die Häupter der Glücklichen, welche dir Arme ineinandergeschlungen vor ihm standen. — Den nächsten Sonntag wurde das Aufgebot in der Kirche zu Sarnen und Lungern verkündet; als aber vom Pfarrer in Lungern unmittelbar darauf auch das Aufgebot Leo'S erfolgte, geschah dies zur großen Ueberraschung der Anwesenden. Dies Erstaunen war auch nicht weniger in der Familie Nieder selbst» welche hievon vorher keine Silbe gewußt hatte, und es mischte sich eine gewisse Unruhe bei, denn eine Stimme sagte Jedem, daß dieser Entschluß Leo'S nicht aus Liebe, sondern aus Haß geschah. Diese Voraussetzung war auch richtig. Als Leo alle Hoffnung verloren hatte, die ' Tochter Gerner'S heiinzusühren, machte er die Bekanntschaft mit der Tochter eines reichen Bauern zu Sächseln, welche trotz des Geldes ihres Vaters und ihres Rufes einer tüchtigen Wirthschaften«, noch keinen Freier gefunden hatte, was wohl nicht allein daher kam, weil sie keine besondere Körperreize besaß, sondern zunächst wegen ihres Charakters, der mit dem Leo's viel Aehnliches hatte; selbst. Leo zögerte hiewegen einige Zeit, als ihm aber seine Mutter die Verlobung Seppli's mit der Tochter Gerner'S mittheilte, war er wüthend über diese Nachricht und eilte sogleich nach Sächseln, wo noch selben Abends seine Werbung angenommen wurde. Er gab aber weder seinen Eltern, noch sonst Jemanden hievon Kenntniß, und selbst den Pfarrer verständigte er erst Samstag Abends - behufs des Aufgebotes hievon. ' So wurden denn die beiden Söhne Nieder'Z zu gleicher Zeit getraut. Aber im ^ Hause Leo's gingen bald außergewöhnliche Dinge vor. Die Eintracht hatte ein Jahr E nicht viel überdauert gehabt, und der Himmel wollte auch nicht, daß durch die Geburt ! eines Kindes dieselbe wieder hergestellt worden wäre. Die große Sparsamkeit und i Thätigkeit Leo's hatte zwar seine Wohlhabenheit zusehends gehoben, aber Reichthum allein j schafft noch kein Glück. — Leo war jähzornig und grob wie immer; seine Frau in ihrem gleichfalls heftigen Charakter, wenngleich nicht ohne natürliche Gutheit, gab ihm in Nichts ! nach. Der geringsten Kleinigkeit halber, entstund Zank und so lebhafter Streit, daß es ^ weist zu Thätlichkeiten kam und bald verging keine Woche, daß die Frau nicht mit blauen ! Augen, der Mann nicht mit zerkraztem Gesicht einherging. In diesen ehelichen Zwist sich einmischen zu wollen, hieße zwischen Hammer und Amboß gerathen, denn dann hätten sich sicherlich die Gatten dem Eindringlinge gegenüber geeint. — Selbst der Pfarrer machte diese Erfahrung, als er eines Tages vom Vater Nieder, der vergeblich mehrere Versuche gemacht hatte, gebeten wurde, seinen Einfluß und sein Ansehen geltend machen zu wollen, .. ^ M7. — um den Friede» wieder herzustellen. Er begab sich denn zu Leo; aber es verging kaum eine halbe Stunde, als er eiligst das Haus wieder verließ und den Eltern versicherte» daß hier nichts helfen könne, er sei froh wieder heil davon gekommen zu sein und werde sich nie mehr einmischen, mögen sie sich todtschlagen; hier vermag nur die Hand des Höchsten Abhülfe zu schaffen. Welchen Contrast bot dagegen das Wohnhaus Seppli's zu Sarnen, wo er auf Bitten seines Schwiegervaters und Mariele's mit Zustimmung seiner Eltern in Gerner't. Haus sein Heim aufgeschlagen hatte. Hier schien Alles vereinigt, die Liebe, der Friede, das Glück und der Segen des Himmels. Die Schönheit Marien's hatte sich noch mehr entfaltet und wenn sie ihr reizendes Kind am Busen hielt, so gab es in der ganzer, Kunstsammlung ihres Baters keine Madonna, die in ihrer rührenden Anmuth sich mit ihr messen konnten. Auch der alte Nieder und seine Frau benutzten jede sich bietende Gelegenheit sich so oft und so lange zu Sarnen aufzuhalten, als es nur die Umstände gestatteten, dem» sie fanden hier Alles, was sie im alten Hause zu Lungern vermissen mußten, und insbesondere war es auch die Liebe zu dem Enkelein, die sie anzog. <— Leo's hatten sie sich allmählig entwöhnt, denn er vermied sie mehr und mehr und wich sogar jeder Begegnung aus, wenn es nur immer möglich war. Aber auf dieser Erde sind die Tage des Glückes leider gezählt. Dies mußten auch Seppli und Mariele erfahren, denn Vater und Mutter Nieder starben kurz auf einander, mit der sorgfältigsten Liebe der gangen Familie Seppli's bis zur letzte» Stunde gepflegt. Das junge Nieder'sche Haus in Lungern stand nun leer und nachdem sich Niemand fand, der das Anwesen kaufen oder in Pacht nehmen wollte, so sah sich Seppli wohl genöthigt mit Frau und Kind dorthin zu ziehen. Diese Uebersiedlung geschah ganz ruhig, aber nicht ohne traurige Vorahnungen.' Im Augenblick, wo Seppli in sein HauS eintrat, stand Leo auf der Thürschwell« seines Eigenthums mit boshaftem Lächeln; als er aber Mariele gewahrte, die er wohl jahrelang nicht wieder gesehen hatte, da wendete er sich rasch um und Gott mag wissen von welchen Empfindungen seine Seele bewegt war. In der ersten Zeit schien mit diesem Einzüge Seppli's auch eine günstige Veränderung im alten Hause eingetreten zu sein, denn alles Streiten, alles Geschrei und alle Prügeleien hatten aufgehört; dies war aber nur scheinbar, sein roher, zänkischer Geist hatte jetzt nur eine andere Ableitung, ein anderes Ziel gesunden, für das er nun alle seine Kräfte vereinen zu wollen schien; der alte Haß gegen seinen Bruder» dessen eheliches Glück ihm ein Dorn im Auge war, ist wieder aus's Neue erwacht, ja mächtiger als je zuvor» Die erste Gelegenheit seine bösen Absichten kund zu geben, bot sich schon im Sommer, als der Brunnen in Seppli's Anwesen versiegte und dieser sich genöthigt sah, seinen Bruder zu bitten, ihm die Mitbenützung des alten Brunnens gestatten zu wollen. Leo schlug es ihm aber kurz und grob ab, so daß Seppli gezwungen war, das nöthige Wasser für seinen Haushalt sich aus dem Dorfe beizuschasfen, was abgesehen vom Zeitaufwande auch mit Kosten verbunden war. so daß er um solchen Unannehmlichkeiten in Zukunft zu entgehen, kostspielige Arbeiten vornehmen lassen mußte, um den Brunnen tiefer zu graben. Was ihn aber am meisten betrübte war, daß er den alten Unfrieden wieder ausbrechen sah, den er mit der Zeit erloschen glaubte und mit Bedauern mußte er den Vorsatz fassen, künftighin keine Gefälligkeit seines Bruders mehr in Anspruch nehmen zu wollen. Aber bald sollte es zu neuen Zwistigkeiten kommen. Die Eltern hatten seiner Zeit die Theilung der Güter mit Hilfe einiger Freunde vorgenommen und Leo war auch bis jetzt mit seinem Antheile völlig zufrieden; plötzlich aber erhob er Streit hiewegen, indem er vorgab übervortheili worden zu sein; dann griff er auch das Ziehen der Loose an, und so entstand denn ein ebenso langwieriger als kostspieliger Prozeß, der nach einer Menge von Zwischenfällen schließlich damit endete, daß die Fertigung eines neuen S08 Theilungsplanes und nochmalige Verloosung verfügt wurde. — Leo's Absicht ist aber doch nicht ganz erreicht worden, denn das Schicksal warf ihm noch einmal das alte Haus zu und bei der neuen Theilung der Güter geschah nur eine geringe Veränderung. — So erwuchsen denn immer neue Händel, die, ganz nach Willen Leo's, das glückliche Leben Seppli's völlig untergruben. Müde dieser steten Plackereien entschlossen sich gptlich Seppli und seine Frau, deren Vater auch mittlerweile gestorben war, ihr Anwesen zu verkaufen und nach Sarnen in's Gerner'sche Haus überzusiedeln. — Kein Käufer kam jedoch nach Lungern, um das schöne Anwesen zu kaufen und so wollten sie es denn versteigern lassen. Sie erhielten hiezu auch die amtliche Genehmigung, Alles wurde geregelt und die Versteigerung endlich angekündigt. Aber am Abend vorher, wo dies geschehen sollte, Seppli und seine Familie waren bereits ausgezogen und das Haus stand leer, wurde Feuer gelegt und andern Morgens war nur mehr ein rauchender^Trümmcrhaufe» vor» Handen. — Ein Schrei der Entrüstung wiederhallte in der ganzen Gegend. Es herrschte unter der Bevölkerung über die Ursache des Brandes kein Zweifel, die allgemeine Meinung nannte unverholen Leo als Brandstifter. Ob mit Recht oder Unrecht? — — Niemand vermochte es zu beweisen und selbst wenn Beweise vorgelegen hätten, so würde Seppli niemals als Kläger gegen seinen Bruder aufgetreten sein und damit die traurigen Familienvsrhältnisse noch mehr aufgedeckt haben. So stand die Angelegenheit; acht Tags später wurden die Gründe Seppli's versteigert. Aber Niemand wollte sich in eine so gefahrvolle Nachbarschaft begeben, und so begegnete Leo keinem Bewerber und erhielt gegen ein geringes Angebot die schönen Gründe zugeschlagen. Da es zu jener Zeit in Unterwalden noch nicht üblich war, seine Häuser gegen Brandschaden zu versichern, so läßt sich leicht ermessen, welch' großer Schaden dein armen Seppli durch dieses Unglück und den geringen Erlös für seine Gründe erwachsen ist. Aber die beiden Gatten ertrugen dieses Mißgeschick ohne Murren. Sie hatten wenigstens den Trost, nicht mehr in nächster Nähe jenes Menschen zu sein, der ihr Glück und ihren Frieden auf eine so erbarmungslose Weise gestört hatte. Im klebrigen waren sie trotzdem doch nicht arm, denn Mariele's Vater katte ihnen eine ansehnliche Erbschaft hinterlassen. — „Wenn uns das Opfer, das wir bringen mußten, auch hoch zu stehen kam, so haben wir jetzt doch Nutze!" sagte eines Tages die gute Marie zu ihrem Mann, um ihn zu trösten. „Durch Arbeit und Sparsamkeit werden wir, so Gott will, dies wieder gewinnen, so daß mindestens unsere Kinder nicht mehr darunter leiden werden, und wir ? können auch mit gutem Gewissen dabei sagen, daß wir an dem uns widerfahrenen Unglück keine Schuld tragen." Seppli schien diesen Trost anzunehmen, ja er überredete ? sich selbst, daß man sich einer vollendeten Thatsache fügen müsse; aber trotz alledem nagte der Kummer innerlich fort, und wenn er diese traurigen Erinnerrngen auch während des Tages durch seine rastlose Thätigkeit verscheuchte, so traten sie um so heftiger des Nachts hervor und quälten ihn selbst in den Träumen. Ueberdies fand Leo, trotz der Entfernung, die ihn von seinem Bruder trennte, doch immer Gelegenheit ihm Sorge und Gram zu bereiten; so war allseitig bekannt, daß er hinreichende Mittel besessen ! hätte, die ersteigerten Gründe von Seppli's Anwesen gleich zu bezahlen, aber er bedung sich Fristenzahlungen, wohl nur in der Absicht dadurch Anlaß zu bekommen, seinen Bruder peinigen oder ihm schaden zu können. Da der alte Gern« keine Oekonomie betrieb, so bestund sein Anwesen nur aus dem Wohnhaus« und dem anliegenden Garten; Seppli mußte daher Grundstücke dazu erwerben und bezeichnete zu deren Bezahlung dieselben Termine, die Leo ihm bestimmte, so daß er mit diesem Gelde seinen Verbindlichkeiten nachgekommen wäre. Als jedoch die erste Rate von Leo's Schuld zahlbar war, honorirte er dieselbe nicht, sondern wußte / 599 unter allerlei Ausflüchten die Zahlung hinauszuschieben, wohl wissend, daß er damit seinem Bruder große Verlegenheiten bereitete. Seppli sah sich auch in der That hie- durch in die traurige Nothwendigkeit versetzt, ein Anlehen für die ganze Summe seiner Schuld zu machen, da ihm nun die Absicht Leo's klar wurde, und er wohl einsah, daß er nur mit großen Schwierigkeiten dessen Zahlungen werde erlangen können. (Fortsetzung folgt.) Ausstattung einer Braut Früher 1) Ein alter, harter Kasten mit selbstge- spvnnencr Leinwand, Tisch- und Bettwäsche vollgepfropft. — 2) Ein Aufsatzkasten mit Silberzeug, Firmthaler und Pathengeschenksn. — 3) Ein niit Silber beschlagenes Gebetbuch, ein Kochbuch» — 4) Bier Dutzend selbstgefertigte Hemden und 24 selbstgestrickte Strümpfe. 5) Zwei Dutzend silberne Bestecke, Tafelzinn, Kupfergeschirr, ein großer Schmalztopf und ein Faß mit Kraut. 6) Ein Hausaltar mit Vetschemel. 7) Eine goldene Hals-Kette mit ächten Perlen, ein goldenes Kreuz, goldene Ringe. 8) Zwei einfach eingerichtete Zimmer, mit Roßhaar gepolsterte Sessel u. s. w. 9) Alle Abend gemeinschaftliches Gebet vor dem Schlafengehen. 10) Wöchentlich 2 Kosttage für arme Studenten. 11) Die silberne Hochzeit naht, sie wird im Kreise ihrer fröhlichen Kinder gefeiert. 12) Die Eltern sterben in den Armen ihrer Kinder. und Jetzt. 1) Ein polirter Kommodkasten mit Atlas», Tüll- und Seidenkleider, p. Meter 50 Pf., gefüllt. — 2) Große Schachteln mit Bandeln, Federn und Blumen. — 3) Ein Photographiealbum u. Tanzkarte. 4) Sechs neue baumwollene Hemden, 6 Paar Strümpfe von einem Ausverkaufe. 5) Sechs neusilberne Bestecke, Geschirre von Blech, kupferfarbig angestrichen, einen Hafen voll Thee. 6) Eine Toilette und ein Ankleidespiegel vom Meubelverleiher. ?) Ein goldenes Collier, Bracellet vom Fünfzigpfennig-Bazar. - 8) Wohnung mit 6 Zimmern, Draperien an den Fenstern, Meubel und Fortepiano auf Abschlagszahlung, resp. Eigenthum des Tapezierers. 9) Die gnädige Frau liest leichtfertige Romane, der Herr Gemahl schläft seinen Weinrausch aus. 10) Die Frau nimmt einige Hausfreunde in Kost und Quartier. 11) Nach 6 Wochen leben Frau und Mann getrennt. 12) Den Tod der Eltern erfahren die Kinder erst aus der Zeitung. Philosophie. Ohne Ei gibt's keine Henne, Ohne Henne gibt's kein Ei. Ist das Ei ein Kind der Henne? Oder Henne Kind vom Ei? War im Anfang erst die Henne? Oder war zuerst das Ei? Deutscher Philosoph, o trenne Dich von Deiner Träumerei l Werde endlich frisch, froh, frei, Friß die Henne und das Eil (Flgde. Vl.) Mise-llen. (Der Kinder mord bei den Sakalave n.) Ein Brief des unlängst in Tamatave auf Madagaskar verstorbenen Pater Piras, welcher länger als 30 Jahre auf jener Insel zugebracht hat, behandelt die gräßliche Sitte des Kindermordes bei den Sakalave». Denselben gilt der Freitag für unglücklich, und deshalb bringen sie jedes an einem Freitag geborene Kind in den Wald, legen es dort in eine Grube und über» I lassen es seinem Schicksale. Bei andern malagassischsn Stämmen gilt ein anderer Wochen- ^ tag für uiiglückverheißrnd. Jedes an eine», Sonntag geborene Kind eines Prinzen oder einer ! Prinzessin wird ebenfalls ausgesetzt, gleichviel, ob sie schon andere Kinder haben, oder solche erwarten, oder sich keine Hoffnung mehr darauf machen können. Denn ein solches an einem „großen Tage" geborene Kind muß nach ihrem Glauben viel Glück haben und könnte, wenn es am Leben bliebe, mächtiger werden als seine Eltern. Der Aussetzung verfallen ferner alle auch an glücklichen Tagen geborene Kinder, welche irgendwie mißgestaltet sind, sowie die für unheilvoll gehaltenen Zwillinge; noch ganz kürzlich hat die Königin selbst zwei prächtige Knaben, die von ihrer Tochter geboren worden waren, inr Walde ausgesetzt. Wenn eine Frau beim Nähren ermattet, so wird der Häuptling davon in Kenntniß gesetzt und erscheint alsbald in Begleitung des Scharfrichters, der, wenn die Erzählung für richtig befunden wird, sofort das kleine Wesen umbringt, weil es undankbarerweise seine eigene Mutter todten will. Aus dein eben Gesagten folgt, ! daß, wenn eine Frau nach der Entbindung erkrankt, oder stirbt, ihr Kind als der Urheber des Todes gilt. Die grausame Justiz verlangt, daß es alsdann lebendig in>t seiner s todten Mutter begraben wird. Kommt ein Kind um Mitternacht zur Welt, und zwar ! zwischen einem Tage, der fall) (unheilvoll), und einem andern, der nicht fall) ist, so ent- ! scheidet über sein Los eine Art Gottesurtheil: man legt es auf den schmalen Pfad, auf > welchem die Ochsen ihr Gehege verlassen. Weichen die Thiere sämmtlich aus, so ist dem s Kind das Leben erhalten; berührt es aber nur ein Ochse leicht mit dem Fuße, so wird es s gelobtet. Nach Angabe von Hovas soll ein ähnlicher Gebrauch in Tananarivs herrschen. L Pater Piras hat sich vergeblich bemüht, einzelne solcher ausgesetzten Kinder, die zufällig k gesunden worden waren, zu reiten; aber nie hat sich eine Frau auch gegen hohe Belohnung dazu verstanden, eine»: solchen verworfenen Geschöpfe auch nur einmal Nahrung zu reichen. (Komische Annoncen.) In einem Baltimore-Blatt steht folgende Annonce: > „Wenn Papa besseres Betragen angeloben will, so kann er wieder zurückkehren, ohne befürchten zu müssen, zum zweiten Male davon gejagt zu werden von seiner liebenden Tochter Lizzie." . « . Einige geistreiche Anzeigen theilt auch das „Echo" mit, z. B.: „Wir freuen uns, melden zu können, daß die gestern gebrachte Notiz, der Kaufmann Andersen sei gestorben, nicht wahr ist, sondern daß er sich nur verheiratet hat." — „Gestern starb allhier Frau Anna B.; sie war Großmutter, Mutter, Gattin und Freundin aller derer» die sie kannten." — „Verlorener Hund. Dieser ist eine Hündin, hat ein !» weißes und schwarzgeflecktes Ohr, vier Füße, nußbraun, einen auf der rechten Seite mehr gepflegten Hals als auf der linken, wo er weniger gepflegt ist. Seine Grundfarbe ist braun. Diese ohne Wissen wohin verschwundene Hündin wird zur Erkenntlichkeit zurückzubringen gesucht." — „Mein geliebter Sohn ist von mir geschieden. Sanft ruhe seine Asche, die zu großen Hoffnungen berechtigte." (Obwohl alle Mädchen so sind?) Ein junger Student in U l m erhielt auf eine glühende Liebeserklärung an ein 17jährigeZ Mädchen von diesem folgendes ffotte Körbchen: Was füllt Dir ei», Du dummer Junge, Was geht mich Deine Liebe an? Schau Du zuvor in Deine Bücher, Und sieh Dir Deinen Bartwuchs an. — Du bist noch viel zu jung znm Lieben, Und ich bin viel zu alt für Dich, Verliebe Dich in Dein Examen- Arbeite und verschone mich. - Lll - (Der Henker von Spanien.) Noch vor zwanzig Jahren herrschte, wie in spanischen Blättern zu lesen ist, in Spanien der Gebrauch, daß, wenn der Scharfrichter sein Amt vollzogen hatte, er sofort von Gendarmen umgeben wurde, welche ihm Handschellen anlegten und ihn in eine Gefängnißzelle führten. Einige Stunden nachher fand sich ein Gerichtsschreiber, der von dem Gerichtsdiener begleitet wurde, in dein Gefängnisse ein. Der Scharfrichter ward vorgeladen, und nun entspann sich folgende Wechselrede: »Sie sind angeklagt, eine» Menschen getödtet haben," sagte der Gerichtsschreiber. „Ja, es ist die Wahrheit'" lautete die Antwort des Scharfrichters. „Deßhalb haben Sie diesen Mord begangen?" „Um dem Gesetze zu gehorchen und den Auftrag zu erfüllen, der mir von den Gerichten gegeben wurde." Nun wurde sofort ein Protokoll aufgenommen, von dem Scharfrichter unterzeichnet und au» folgenden Tage einem Richter zur Prüfung vorgelegt. Dieser erließ dann zu Gunsten des Scharfrichters ein Urtheil, welches ihn freisprach, worauf derselbe sogleich in Freiheit gesetzt wurde, nachdem man ihn 24 Stunden wie einen Verbrecher behandelt hatte. (Zerstreutheit auf dem Katheder.) Als Kolumbus auf seiner ersten Fahrt das Schiffsvolk unruhig werden sah, weil sich so lange kein Land zeigte, rief er diesem zu: „Verzaget nicht! In späteren Jahrhunderten wird man die Fahrt mit Dampfschiffen machen und schneller das Ziel erreichen." Dies beruhigte die Aufgeregten. — Nach einer bei Syrakus ausgsgrabenen Stcintafel, welche eine Rechnung für gelieferte Waffen erhält, war das Domoklesschwert eine echte Solingerklinge. — Als SokrateS der Giftbecher gereicht wurde, sagte er: „Hätte man mich lieber guillotonirt, es tödtet schneller als dieser Schierlingstrank und verursacht auch kein Gedärmezwicken." Und lächelnd trank er den Becher leer. — Indem Alexander der Große den gordischen Knoten zerhieb, sagte er zu seiner Umgebung: „So löst man das Geheimniß vom Ei des Kolumbus." — Tiberius aß nach jeder durchschwelgten Nacht einen stark gesalzenen holländischen Häring. (Getroffen.) Auf einer Eisenbahn in Michigan saßen guten Muthes ein jung verheirathetes Paar. Sie war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, er war ein oder zwei Jahrs jünger. Auf einer Station stieg eine respektable Dame ein, die sich auf dem Sitze vor dem jungen Paar niederließ. Die Dame hörte bald, wie sich das junge Paar ziemlich ungenirt über ihr altmodisches Bonnet und ihr Umschlagetuch lustig machte und so drehte sie sich resolut um und sagte zu der jungen Frau: „Madame, wollen Sie so freundlich sein und Ihren Sohn bitten, doch das Fenster hinter sich zu schließen!" Der „Sohn" schloß das Fenster und beide den Mund. (Doppelte Rechnung.) In ein Gasthaus des Glatzer Gebirges traten einige Fußwanderer. „Kellner, einen Schoppen VöSlauer und einen Imbiß, ein belegtes Butterbrod oder desgleichen! — Was haben Sie!" — „Bitte meine Herrschaften," antwortete der Kellner dienstbeflissen, „ein Butterbrod mit Käs 25 Pfennig, ohne Käs 15 Pfennig, ein Butterbrod mit Schinken 90 Pfennig, ohne Schinken 20 Pfennig."' — „Na nul" unterbrach ihn ein Tourist, „zweierlei Preise für Butterbrod ohne?" — „Natürlich," erwiderte überlegen lücheld der dienstbare Geist, „der Schinken ist ja überall theurer als der Käs!" („In T ri p s tri ll",) so hört man oft scherzhaft antworten, wenn nach einem Orte gefragt wird, wo dieses oder jenes geschehen sei. Tripstrill ist aber keineswegs ein fabelhafter Ort, wie häufig angenommen wird, sondern existirt wirklich, und zwar im Altwürtembergischen, am Fuße des waldreichen Strombergcs, der das Zabergäu vom Nekargebiet scheidet. Der Ort nur aus wenigen Häusern bestehend, heißt in amtlicher Schreibart Tresfentrill. (Ein kluger Vater) versprach seinem zimperlichen Töchterchen, welches am liebsten vor dem Spiegel stand oder auf der Straße flanierte, eine hübsche Ueb erlas chung, wenn sie das Kochen lernen wolle. Als sie das Kochen gelernt hatte überraschte er sie dadurch, daß er die Köchin entließ. 512 (Altbayerische Auskunft.) Bekanntlich ist der Eintritt in die von Sr. Majestät dem König bewohnten Schlösser sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich. Ein Engländer hatte sich in den Kopf gesetzt, durchaus den „Linderhof" zu sehen. Er fuhr also direkt hin und fragte stracks den dortigen Schloßverwalter, ob er ihm nicht sagen könne, wie er in das Schloß hinein käme? „Wie Sie hineinkommen," antwortete der treue Beamte, „kann ich Ihnen nicht sagen, aber wie Sie hinauskommen, das weiß ich ganz genau." ^ (Boshaft.) Frau (dir eben im Begriff ist, in's Bett zu gehen und Verschiedenes, wie Zähne, Zöpfe, Tournüre rc. ablegt): „Du, Mann, den!'Dir nur, da hab' ich heute gelesen, daß die Wilden noch immer ihre Frauen an den Meistbietenden versteigern, denn sie derselben überdrüssig sind. Gott sei Dank, daß so Etwas bei uns nicht vorkommen kann!" — Mann (mit einem Seitenblick auf seine sich zerlegende Gattin): „Da that ich mir auch recht hart mit Dir — ich müßt' Dich rein auf Abbruch versteigern!" (Eine jungv erheirathete Dame,) die nur Jnstitutsbildung genossen hat, steht mit ihrer Köchin in der Fleischbank zu Dresden, betrachtet einige ausgelegte Stücke Schweinefleisch, ohne die rechte Kennermiene zu verrathen, und fragt um den Preis. Der Metzger, ein Schlaukopf sagt: „Gutes Frau'chen, ohne Trichinen ^kostet es 4 Groschen, aber mit Trichinen 4^." — „Nun," antwortete das Dämchen, „so nehme ich zwei Pfund ohne Trichinen und eines mit." (In der Geschichtsstunde.) Lehrer: „Wann lebte Gottfried von Bouillon?" — Iakobchen (nach längerem Besinnen): „Wenn er welche hatte!" (Im Wirthshause.) „Weeßte Lehman», daß die Gläser een bestimmtes Maß halten, hat keen Zweck, so lange der Durst unmäßig sein darf!" (Was ist der Gipfel der Geduld.) Einen Kronenleuchter so lange unter einem der Gasarme zu kitzeln, bis der Direktor der Gasanstalt zu lachen anfängt» Wie ist es so schön doch im Walde, Hoch oben aus waldigen Höh'»; Zu liegen an schattiger Halde, Wie herrlich! Wie wunderschön! Ning's hör' ich die Tannen rauschen, Die Blätter und Zweige weh'n; Und stille lieg' ich zu lausche», Was flüsternd sie sich gesteh'». Ich höre die Vöglein singen, Wie fröhlich, — wie lustig das schallt! Das ist ein Singen und Klingen, Ein Hüpfen und Springen ini Wald. urrs ^taus. So lausche ich still verborgen In schattiger Einsamkeit. Mein Herz, entlastet der Sorgen,' Füllt Wonne und Seligkeit. Ja, Freunde, wie ist es im Walde So schön doch aus waldigen Höh'n! Zu liegen an schattiger Halde, Wie herrlich! Wie wunderschön! Doch hätt ich ein Fläschchen zu trinken j Bei mir, — o laßt mich's gesteh'», — Ein Vrödchen belegt mit Schinken, — Es wäre nochmal so schön. Räthsel. Mit A und e fand es an Streit Und blut'gem Kamps Gefallen, Mit E und o voll Lieblichkeit, War es beliebt bei Allen Mit E und i bald hier, bald dort Es Zwietracht hat entzündet, Mit I und i der Götter Wort Den Menschen hat's verkündet. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler. jur „Ängsluirger Poßjeitmlg." .. §?r. 65» Mittwoch, 15 . August 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) Trotz alt' diesen Kümmernissen war Seppli doch emsig an seinen Arbeiten und suchte den Seinigen zu verbergen» welche Sorgen für die Zukunft auf ihm lasteten; aber sein gutes Weib entdeckte in ihrer Sorgsamkeit für ihn alsbald, was ihn so unbarmherzig guälte und seitdem sie ihn unglücklich wußte, hatte das Leben keinen Reiz mehr für sie. In der Stille der Nächte bat sie den lieben Gott» er möge ihnen beistehen und das Gewitter abwenden, das über ihren Häuptern stand. Seppli sagte oft, wenn er das Opfer einer neuen Falschheit seines Bruders war: „wenn ich nur einen Erdenwinkel wüßte, wo ich in Frieden leben könnte, ich würde gerne Alles verlassen und von dannen ziehen; denn wenn er auch endlich zahlt, so wird er sicherlich auf andere Mittel sinnen, mir neuen Kummer zu schassen .... und ein andermal fügte er bei: — „könnte nicht dieses Haus in der Nacht einmal von einem Brande heimgesuchr werden, wie das andere — und was wären wir dann? . . Marie wurde auf diese Rede vom größten Schrecken erfaßt und ihre kleine Hand auf seinen Mund legend, sagte sie: „Mein Gott, lieber Mann, denke doch nicht an so, Fürchterliches, oder wenn diese Gedanken nicht unterdrücken kannst, so spreche sie minde« stens nicht aus! — wenn Du Lust hast wo andershin zu ziehen «... und daß es Gottes Wille wäre, ich würde Dir ja gerne bis an's Ende der Welt folgen, wenn wir damit den Frieden uns erkaufen könnten, denn hier .... ich glaub' es selbst, werden wir ihn vergebens suchenI" Diese so liebevollen und ergebenen Worte Marien's machten sein Herz beben und erweckte Gedanken in ihm, denen er noch nie so ernstlich nachgehangen hatte; von da an kam er oft auf die zahlreichen Auswanderungen nach Amerika zu sprechen und seine Fran verrieth nun wohl, warum er an allen Nachrichten aus diesen entfernten Landen, ein so reges Interesse nahm. — Es war just die Zeit, wo das Auswanderungsfieber, das in einem großen Theile der Schweiz herrschte, auch in die stillen Thäler Unterwalden's ein« zudringen anfing. Schon mehrere Einwohner des Kanton's, von der Lust nach Veränderung und Abenteuern getrieben, hatten ihre Heimath verlassen, wo sie eine ganz er-, trägliche Existenz hatten, um den „großen See" zu überschreiten, unter welchem Aus- drucke man dem Volke die Gefahren verbergen wollte, die eine Ueberfahrt über's Meer von mehreren Monaten mit sich bringen mußte. Es ist begreiflich, daß Seppli» für den das Leben so bitter geworden war, bald auch von dem lebhasten Wunsche erfaßt wurde» sich dort eine neue Heimath zu suchen. — Tiefbetrübt sah Mariele, daß diese Gedanken täglich der Erfüllung näher kamen und daß sie wohl bald ihre, ihr so theuer gewordene Geburtsstätte, wo sie geliebt und gelitten hatte, werde verlassen müssen, um in ein fernes, unbekanntes Land zu ziehen. — Aber trotz der Thränen, die sie Nachts darüber vergossen, zeigte sie des Morgens ein heiteres Gesicht, um ihren geliebten Mann, der durch diese Erwartungen, seit einiger Zeit ivieder dem Leben geschenkt schien, nicht zu betrüben, — 51t -< den» er fühlte, dachte und lebte sozusagen jetzt nur mehr in dem Ideal, das er sich vor» Amerika geschaffen hatte. Dort wollte er seinen Kindern eine sorgenfreie Existenz gründen, dort glaubte er den Frieden, die Freude und das Glück wieder zu finden, ohne von seinen, Bruder darin gestört werden zu können; denn dieser, sein einziger Feind, den er auf Erden hatte, war dann durch den Ocean von ihm getrennt und vielleicht erwachte dann Neue über seine Lieblosigkeit in seinem Herzen. So dachte Seppli. Als er offener sein« Absicht aussprach und fein Bruder hievon Kenntniß erhielt, stieß derselbe ein grelles Gelächter aus, und er rief: „so ist es mir doch endlich gelungen, ihn zum Räumen gezwungen zu habe», nun erst werde ich wieder neu ausleben!' Obwohl diese Auslassungen allerseits als Ausflüsse eines verderbten Gemüth's erkannt wurden, so wagte doch Niemand ihn hienach zu verurtheilen, denn man fürchtete tzie Feindschaft dieses Menschen und der Brand des Hauses seines Bruders war Allen als Warnung noch wohl in Erinnerung. — Man mied daher seine Gesellschaft so viel wir möglich, unterhielt aber aus Furcht vor diesen, gefährlichen Nachbar», demungeachtet den nöthigsten Verkehr mit ihm. Leo nahm diese Stimmung sehr wohl wahr, und wenn er auch darüber zu lachen schien, so fühlte er sich doch auf's Tiefste dadurch getroffen und zog sich, nur mit seinen häuslichen Arbeiten beschäftigt, von aller Gesellschaft zurück. Aber auch in seinem Hause hatten sich, seit sein Bruder nach Sarnen zog, die Zustände verschlimmert, seine Frau sollte immer die Ausbrüche seines üblen Humor's ertragen und da Nachgiebigkeit nie ihre Sache war, folgten sich Zank, Streit und Zorn« ausbrüche fortwährend. — So ging es fort, bis sie einmal in die Worte ausbrach: „Willst Du es etwa mit nur, wie mit dem guten Seppli machen?" Nun war es aus, er schäumte vor Wuth und sie konnte nur durch die schleunigste Flucht seinem Zorne entgehen. — Dieser Borwurs ließ jedoch in seinem Herzen einen Stachel zurück, der immer tiefer drang, bis er endlich die Stimme des Gewissens wach rief, und wenn diese einmal laut wird, dann schweigt sie auch nicht mehr und selbst inmitten des lebhaftesten Treibens, schlägt sie an unser Ohr und macht uns Beben vor Schreck wie ein Donnerschlag während des Schlafes. — Ein verhärtetes Gemüth kann sich vielleicht lange sträuben gegen diese geheimnißvolle Macht, aber endlich unterliegt es doch, wenn auch bisweilen erst in. der Sterbestunde. Und so begann denn auch bei Leo diese Stimme in seinen einsamen Stunden gleich einem fernen Echo laut zu werden. Das Auswanderungsproject in Sarnen war inzwischen so weit gediehen, baß Seppli sei» Haus und seine Gründe bereits ausgeschrieben hatte; es fand-sich auch als bald ein Käufer, der ihm eine hübsche Summe hiefür bot, die ihm schon erlaubte» sich in Amerika anständig anzusiedeln. Schon waren mehrere Emigranten auf dem Wege nach Amsterdam, welche Stadt als Sammelort zur Einschiffung bestimmt war» aber Seppli konnte sich diesen nicht gleich anschließen, da er in Sarnen noch manches zu ordnen hatte. Vielleicht verzögerte er das Scheiden unwillkürlich, ohne sich selbst darüber Rechenschaft geben zu können; denn erst im entscheidenden Augenblick, sing er fast zu bereuen an> daß er sich von seinem theuern Vaterland«, von seinen blauen Bergen und seinen grünen Wiesen trennte. Marie, obwohl von bangen Ahnungen und Schinerz erfüllt, mußte ihn zuletzt mahnen, in Anbetracht, daß der bestimmte Termin zur Abfahrt des Schiffes immer näher rückte, sich zur Abreise zu rüsten; er beruhigte sie jedoch mit der Versicherung, daß sie durch rascheres Reisen, dennoch rechtzeitig eintreffen würden. Noch lag ihm ein Gedanke schwer am Herzen; es drängte ihn immer mehr, vor dem Verlassen des heimathlichen Bodens, noch einen Versuch zu machen, von seinem Bruder friedlich Abschied zu nehmen, wenn er sich auch nicht verhehlen konnte, daß dieser Besuch vielleicht alte Wunden aufreißen werde, statt solche vernarben zu lassen. Aber seine Herzensgute hatte schließlich alle Bedenken überwunden, und eines Tages war er auf dem Wege nach Lungern. Zuerst besuchte er das Grab seiner Eltern. Er hielt sich lange auf an dieser Stätte und betete mit Inbrunst, auf daß sie bei Gott, für ihn Schutz erflehen möchten zu seinem Unternehmen. Nachdem er sein Gebet vollendet, ama er, Thränen in den Augen, an seinem eingeäscherten Vesitzthum vorüber und richtete dann seine Schritte nach dem Hause seines Bruders« Leo hatte ihn gemährt, und Gott mag wissen, was in seiner Seele vorging, als er seinen Bruder am Grabe der Eltern so inbrünstig beten sah. Er wechselte die Gesichtsfarbe und seine Hand zitierte, als er nach seinem Bergstock griff. — Erstaunt fragte ihn seine Frau, wohin er noch gehen wolle, nachdem das Mittagmahl schon bereit sei. „Du kannst es mir auf die Seite stellen-, antwortete er, den Kopf zurückwendend, — „ich muh noch auf die Alp gehen, ich hätte es schier vergessen, und muß mich eilen-, worauf er rasch das Haus verlieh. — „Was mag ihm so plötzlich in den Sinn gekommen sein, und wie es schien, war er ganz erschreckt ....." murmelte sie leise» „was soll das heißen? ....." Bald sollte sie es wissen, was es bedeutete, als sie kurz darauf Seppli sah, der sich langsamen Schrittes dem Hause näherte. Sie war in der That gerührt, als sie ihn bei seinem Eintreten so blaß und niedergeschlagen sah. Nachdem er sie mit bewegter Stimme gegrüßt hatte, ließ er sich mehr auf die Bank fallen, als er sich setzte, und den Kopf in die Hand gestützt, sing er bitterlich zu weinen an. Auch Leo's Frau hinderten die Thränen, ein einzig Wort zu erwidern und es verging eine geraume Zeit, bis Seppli das Haupt erhob und nach seinem Bruder fragte. „Er ist auf die Alp gegangen! — ach, armer Seppli, mußte, es dahin kommen!" sprach sie, ihn mitleidig betrachtend. „Ja, warum mußte es so weit kommen!" entgcgnete Seppli traurig, „doch, was geschehen ist, ist geschehen ..... es thut mir unendlich leid, Leo nicht noch einmal gesehen zu haben, es ist leider ein Scheiden für immer. Sagt ihm meine Grüße und versichert ihn, daß ich keinen Groll mit mir nehme. Am Grabe unserer Eltern und un der Stätte meines abgebrannten Hauses, habe ich alle Bitterkeit abgestreift, die mich so, lange erfüllte. — Möge auch er mir verzeihen, denn auch ich mag gegen ihn gefehlt haben, und wenn meine Abreise ihm nun den Aufenthalt friedlicher machen sollt.', so möge er doch bisweilen dann auch denken, daß es nur seinetwegen geschah» daß ich mit gebrochenem Herzen meine liebe Hcimath verließ." Hierauf drückte er die Hand seiner Schwägerin, die mit großer Rührung und thränenden Auges ihn scheiden sah; er wünschte ihr noch Frieden und Gottes Segen, und verließ rasch das Haus. Am Abend desselben Tages bei heiterem Mondschein, verließ ein Wagen mit großen Kisten beladen, auf denen eine Frau mit ihren Kindern saß, das Gerner'sche Haus. II. Es war fast Mitternacht als Leo heimkehrte. Seine Frau wachte noch und saß strickend am Tische, die Augen noch feucht von Thränen. Als sie ihn fragte, ob sie noch etwas auftragen sollte, verneinte er, aber in so ruhigem und gelassenem Ton der Stimme» wie sie es nicht an thu» gewohnt war. Er blieb lange schweigend und gedankenvoll sitzen, bis seine Frau, die seine Stimmung nicht unterbrechen wollte, endlich aufstund, um sich zur Ruhe zu begeben. — „Ist er dagewesen?" fragte er noch sichtlich bewegt» -- „Ja", erwiderte sie, „er wollte nicht mit Bitterkeit in« Herzen für immer von Dir scheiden; er läßt Dich herzlichst grüßen und verließ mich, noch Gott bittend, er möge seinen Segen über uns walten lassen."-Leo neigte den Kopf auf die Brust herab und blieb lang in dieser Haltung, wie ein Mensch, der in peinlichen Gedanken versunken ist; es war gegen 2 Uhr als er die Schlafkammer betrat, um zu Bett zu gehen. — Ohngeachtet er von seinem Marsche sehr ermüdet «vor, wollte doch kein Schlaf in seine Augen kommen, so ivar er innerlich bewegt, und als er seine Frau schlafen glaubte, seufzte und ächzte er, als läge ein großer Kummer ihm am Herzen, dabei sprach er abgebrochene Worte, die seine Frau nur Iheiliveise verstand sie aber völlig beruhigten, da sie daraus seine guten Gesinnungen gegen Seppli entnehmen konnte. — Die Sonne stieg allmälig über die Berge empor und warf ihre freundlichen Strahlen in'S Thal. 816 Leo lag noch unter convulsivischen Bewegungen und mit Thränen in den Augen au seinem Lager. Seine Frau that, als gewahre sie nichts davon, in der beruhigenden Ueberzeugung, daß auf eine so heftige Krise sicherlich Ruhe eintreten werde. Als er später in die Wohnstube kam, war er ernst und gelassen, aber doch nicht frei von einiger Unruhe. Seine Frau, die sich den Schein gab, als ginge sie, ihn unbeachtet lassend, ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach, ließ ihn doch nicht aus den Augen, und während sie am Herde stand, sah sie wie er durch die Hinterthür aus dem Hause und nach der Brandstätte ging. Der Schutt war längst verschwunden und der Platz war zur Wiesfläche, wie ringsum. Das menschliche Herz bewahrt aber langer die Spure» unheilvoller Begebenheiten, als die Natur, in der neues Leben gar bald die Merkmale der Zerstörung verlischt. Als die Morgensuppe aufgetragen wurde, schien keines Lust zu haben davon zu genießen und Leo's Blicke richteten sich oft durch das Fenster nach der Stelle, wo das Geschäft seines Bruders stand. „Ich weiß nicht, was in mir vorgeht", hub er an, „es ist mir, als wenn rings um uns eine Einöde wäre, in der wir völlig vereinsamt stünden." „Das ist auch mir so", antwortete seine Frau, ohne die Augen zu erheben, „eine gute, freundliche Nachbarschaft wäre jedenfalls angenehm, um so mehr, wenn man im Alter vorschreitet und von lauter Nachbarn umgeben ist, denen man, gelinde gesagt, völlig gleichgültig ist „Da ist nur heute, ich weiß selbst nicht wie, ein Gedanke gekommen", unterbrach sie Leo nach einigem Ueberlegen, „sage, was hälft Du davon, wenn wir das Haus da üben wieder aufbauten? Der Brunnen wäre auch schon da." Dies wurde in einer Art gesprochen, daß seine Frau wahrlich hierüber erstaunt war, denn noch nie hatte sie ihn in so eigenthümlichem» wohlwollendem Tone sprechen hören. „Ja, wenn Du Lust dazu hast", erwiderte sie, „warum nicht, wenn wir nur —" fügte sie leise bei, „auch Kinder hätten, für die wir es verwenden könnten." „Ja, wenn wir Kinder hätten!" rief er schmerzvoll und ergriff mit inniger Theilnahme ihre Hand, was ihr schon lange nicht mehr widerfahren ist, „aber man muß sich in das Unabänderliche fügen, und zudem glaube ich immer, daß wir nicht ohne natürliche Erben sterben werden." „Was meinst Du damit?" fragte die Frau erstaunt. „Höre!" erwiderte er, die Hand über die Stirne haltend, „mir däucht, daß die Kinder Seppli's eines Tages wiederkehren werden und es wäre dann doch für mich gewissermaßen eine Pflicht, ihnen eine Unterkunft bieten zu können." „Wenn Du diesen Gedanken hegst und es für eine Pflicht hälft, so fange ohne Säumen an, Deinen Plan auszuführen. — Sie sind allerdings unsere natürlichen Erben und seit gestern, wo der gute Seppli von uns schied, fühlte ich stets eine Regung in mir, die mir sagt, daß Du Recht hast." „Seit gestern?" seufzte er, „ja, mir geht es ebenso; als ich diese armen Kinder meines Bruders von ihren Gespielen Abschied nehmen sah, empfand ich lebhaften Schmerz, fühlte aber doch zugleich eine gewisse Beruhigung, als mir dabei der Gedanke eingegeben worden zu fein schien, daß mir in dieser Welt noch etwas zu thun übrig bliebe." (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Verloren dünke dir kein gutes Wort, Ob früh, ob spät, es findet guten Ort! Die Henne, die erhebt ein laut Geschrei, Sie legt nicht immer auch ein gutes Ei. Den Neid erregt, was Jedermann begehrt, Hol' Sand am Meer, es bleibt dir unverwehrt! Fnd.-. Bsck. 517 Einiges über Mönchs-Deggingen. 8. Der von Augsburg nach Nördlingen gehende oder fahrende Reisende gewahrt eins schwache Stunde von der Station Mültinge», erste vor Nördlingen, ein Conglomcrat von ansehnlichen Gebäu- lichkeiten, blendend weiß weithin sich zeigend, in deren Mitte ein ansehnlicher Thurm steht, dessen prächtiges Geläute weithin erschallt. Prächtig gelegen ist das Ganze, im Hintergrund von Wäldern umsäumt und zu seinem Fuße ein stattliches Dorf. — Ganz entschieden ist dieser Punkt eiuer der schönsten im schönen Riese und sein Name heißt seit alter Zeit Weggingen, Mönchsdeggingen, weil Mönche einstens das berühmte Kloster bewohnt haben. Statt der Mönche haben jetzt sürstliche Beamte die „Zellen", welche in moderne Gelasse umgewandelt wurden, bezogen, und nicht hört man mehr die Metten singen iin Chöre, wohl aber die guttresfenden Flintenschüsse des Forstmannes. Deggingcn war also ein Kloster und zwar ein Beuediktiuerklosler, eines der ältesten in der ganzen Gegend. — Das Stiftungsjahr selbst ist nicht ausgemacht, bestimmte Akten fehlen bis zum Jahre 1017. Die einen sagen, es sei gestiftet von Benhold, einem Reffen Otlo's, Herzogs von Sachsen, dem späteren deutschen Kaiser, andere behaupten, der Stifter sei kein anderer als Kaiser Otto >. selbst und falle das Stislungsjahr in das Jahr 955 oder 959, wieder andere lassen es von König Otto I. und Bertholt, Grasen von Alteuburg und Babenbcrg im Jahre 958 gegründet sein. Leicht ließe sich auch ein Grund für die Stiftung des Kaisers finden, es wäre vielleicht die Gründung des Klosters ox voto geschehen, oder aus Dankbarkeit für die Wohlthaten Gottes. Im Jahre 955 besiegte nämlich Otto die Ungarn in einer entscheidenden Schlacht auf den, Lechsclo bei Augsburg und wurden so die furchtbaren Feinde Deutschlands niedergeschmettert, die Feinde, welche „deutsche Einigkeit" von dazumal selbst gerufen hatten, in einer Zeit, wo der Sohn und der Schwiegersohn gegen den Vater und L-chwiegervater das Schwert zogen. Es könnte demzufolge wohl das Kloster errichtet worden sein zum Andenken au den glänzenden Sieg auf dem Lechseld. Wieder eine andere Chronik vermeldet, Stifter sei Kaiser Heinrich II. (100L—1024), und lassen wir dies dahingestellt, verwahren uns aber gegen Clanseln, wie sie einseitige Geschieht-,uacher vor ein paar Jahrzehnten fabricirten, indem sie z. B. zu Heinrich II. bemerkten „gerne" heilig genannt. Es steht solchen Schreibern ganz frei, an einen heil,gen Heinrich zu glauben oder nicht, wie es jedem Leser ihrer Makulatur freisteht, sie sür einseitige sanatijche Scribeulen zu halten. So viel ist sicher, Heinrich" II. lies; das Reich nach Innen befestigt und nach Außen gesichert zurück und zeichnete sich durch Reinheit des Wandels aus, wie noch wenige Derer, welche die Krone eines Reiches getragen. Lang sagt, Deggingen sei 1097 von Kaiser Heinrich II. dem Hochstift Bamberg als Tafelgut überwiesen, 1138 aber wieder herausgegeben worden, worauf 1101 der Klosterban begonnen, welches Datum uns als ein verspätetes erscheint. Bekanntlich wurde Bamberg 1006 von Heinrich gestiftet und erhielt sodann Deggingen oum omuibus psrtincntiis LivL allbaoroimw. Nach anderen Nachrichten aber wurde das Kloster B.unberg geschenkt im Jahre 1017 ohne weitere Angabe, wann dasselbe gegründet wurde. Um nicht mißverstanden zu werden, mag beigefügt werden, das; Heinrich das Kloster nicht als solches verschenkte und verschenken konnte, sondern er stellte dasselbe nur unter die Advokatie von Bamberg; die Besitzungen gehörten selbstverständlich dem Kloster als solchem. Von, Jahre 1138 ist eine päpstliche Bestätigung verzeichnet, während es von; nächstfolgenden Jahre heißt „Uotarinz II Uowonoruw kunclationem OcMugsuscm Liugularibus l'rivllegii» ovnkrmavit." Diesem Satze muß Einsender deswegen widersprechen, weil im Jahre 1139 Lothar II. bereits zwei Jahre zu den Todten gehörte, und Courad III. (,137—1152) Platz gemacht hatte. Dagegen stimmt das folgende Jahr von dem es heißt: „anno 1140 Inuoeon- tius secuncluo Uoiuauoruiu Uapa tuinlationem soeuuclam ab Ottons imporatoro Conti,mavit." Im Voraus bemerken wir, daß bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts 36 Nebte aufgezeichnet sind, von welchen der dreiunddreißigste Henricus Wernherus volle 43 Jahre den Krummstab führte von 1700—1743. Von einem dieser Prälaten Friedericus wird mit einem UU. bemerkt: „Dieser vermeldete Abt Friedrich zu Kloster-Dcggingeu hat sich in einem gewissen Oiplowato Friedrich von Gottes Gnaden geschrieben." Der siebennndzwanzigste Abt Christophorus 1625 a kapa Uibuno II. (l>. ist grundfalsch und muß VIII. heißen, da Papst Urban II. bereits 1038—1099 regierte) starb >n lixikio im Kloster zum Heiligen Kreuz in Donauwürth, und war die Abtei genöthigt nach dessen Tod ohne Prälat zu sein wegen des „grausigen unmenschlichen" schwedischen Krieges. Wie ungenau die Chronik oft ist, mag der Umstand beweisen, daß eine Nachricht vom Jahre 1221 dem Abt Marguarden die Freiheit ° seitens des Bischofs Sigfried von Augsburg gibt, die Pfarrei zu Deggingen mit einem Laienpriester oder Couvcntualen versehen zu lassen, während die Reihenfolge der Aebte zur damaligen Zeit uns keinen Prälaten dieses Namens hinterlassen hatte, sondern ein Marguardus sich erst ein halbes Jahrhundert später findet. Im Jahre 1287 belehnte Bischof Arnold von Bamberg die Gebrüder von Hürnheim zu Hohcnhaus mit der Vogtei des Klosters Deggingen. Zur damaligen Zeit muß es nicht gar gut gestanden sein, denn wegen Verarmung mußte dem Kloster die Pfarrei Deggingen mit ihren Zehnten übergeben werden. Auch scheint da,»als schon der Begriff „Wucher", der in der modernen Zeit so viel bekannt und gekannt worden ist, nicht ganz im Dunkeln gelegen zu sein, weil 'von den Unteradvokaten geklagt wird, daß sie zu viel für sich genommen und gewonnen haben. Verschiedene prächtige Erlasse seitens der höchsten Behörden sind aus damaliger Zeit, dahin gehend, dem Kloster alles zurückzugeben, was ihm auf ungerechte Weise entzogen wurde. Bald verkaufte Hürnheim die Advokatie an das Kloster selbst, welche aber später wieder ausgelöst an das Haus Oettingeu überging. Die Zeit des Faustrechts war vorüber, die „kaiserlose schreckliche" Zeit 518 liegt hinter uns, K»»st »»d Wissenichast konnncn wieder in Flor ruglcich mit dem Handel, manche geistlichen Würdenträger, welche etwas zu weltlich geworden waren, sind sich wieder ihrer wahren Würde bewußt geworden, und auch unser Kloster steht Ausgangs des dreizehnten und im vierzehnten Jahrhundert angesehen und reich vor der Welt da. Theils durch Schenkung, theils durch Kauf kommt uugeiueiii viel au den Convcnt, nachdem zwischen „Obristentag und Juvocavit des Jahres 1311 Conrad von Hürnheim von. Hohen Haus alle Vogteirechtc über das Kloster, auch alle deren Leut und Güter dem Abbt und Convent mit dem Beding verkauft, daß er solche zu keiner andern Zeit nicht wieder lösen solle und wolle." Trotz dieser Bestimmung finden sich zwischen diesem Verkäufer, wie auch später zwischen dem Grasen Octlinge» und dem Abt verschiedene Nörgeleien vor. Im Jahre 1370 finden wir in der Chronik unseres Klosters einige Mißhelligkeiten verzeichnet. Leren Grund nicht angegeben, wobei uns aber der Name John Wiclifs begegnet. Wir dürfen wohl nicht annehmen, daß die Lehre dieses Vorläufers der Reformatoren in den klösterlichen Mauern Aufnahme fand, sonst wäre entschieden das Weitere bemerkt. Wie genau die Chronisten mitunter auszeichnen, kann unter anderem auch daraus erhellen, Laß einer im Jahre 1135 eine Schenkung von zwei Maller Roggen Nördliuger Mäst an das Kloster rcgistrirt hat. Um dieselbe Zeit kam durch Ausstcrbcu der alten adeligen Familie der Herren von Bollstadt dieses an das Kloster, das am Ausgauge desselben Säculums noch mehrere Schenkungen zu verzeichnen hat. „Eine grausige That ist zu vermelden vorn Jahre 1497, allwo im Kloster ein Mönch dem andern nichts weniger angetan hat, als ein Auge von den zweyen herausgestochen." Dieser grausigen That fügen wir eine weitere spätere vorn Jahre 1629 sofort bei, welche von, Auszeichncr eine „gar sehr ungristliche That" genannt wird. Es wurde nämlich in diesem Jahr, in welchem Friede- ricus Prior war, von seinem Prälaten der Bauer Michael Schiffen von Zibwangen niit einer Klingen hart verwundet, „was derselbe doch hätte sollen intermittiren", welchem Wunsche wir uns schon »ach dem Grundsatz des allgemeinen Völkerrechts anschlichen „guäle nie ei» Thier aus Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz!" Im Jahre 1513 sei es am 27. März oder nach anderer Lesart am 27. Oktober brannte das Kloster ab, nur der Chor der Kirche blieb stehen; dasselbe wurde aber zwei Jahre daraus unter dem Abt Alexander wieder aufgebaut. Ein Jahr nach dem Brande ist ein großer Holzprozcß in den Akten ausgezeichnet, geführt zwischen Haus von Steiu zu Diamautstein und den, Abt von Teggingen, während wir einige Jahre darauf einen kleinen Aufruhr vulgo Empörung zwischen den Bauern des Dorfes und dem Kloster finden ohne Angabe der Veranlassung hiezu. Im Bauernkrieg, über welchen einige dc» Spruch machen „rustiea Zeus est optima. ktono er pesaims, gauclens" kam auch manche kleinere und größere Heimsuchung über unser Kloster. Nachdem im Jahre 1555 »ach langen Verhandlungen der Augsbnrger Religioussriede zu Stande gekommen war, nach welchem die Katholiken und die Anhänger der Augsbnrger Consession freie Neligions- übung haben sollten, worüber aber nach dem eingesührten Tcrritorialsystcm der betreffende Landes- snrst allein entschied, besohl Gras Ludwig von Oetiingen, der zur protestantischen Kirche übergetreten war, das Kloster und die Pfarreien seiner Grafschaft, mit protestantischen Pfarrern zu besetzen, ,,in diesem Jahr aber wurde daraus nichts", setzt der Chronist bei. Später srcilich mußte das Kloster nachgebe», Pater BlasinS war genöthigt, der Gewalt zu weichen und wir finden einen Pfarrer, der neuen Lehre angehörig, Namens Beck, während im Jahre 1565 den 17. Januar der evangelische Geistliche Thomas Ulrich Vril sich, der den 29. Oktober 1557 die Psarrc: erhalten, mit Weib und Kind wieder fortgeschafft wurde. Hiegegen finden wir 1584 in Teggingen selbst einen Superintendenten, Namens M. Liebcuhäujcr, welch' hoher Titel uns anfangs des achtzehnten Jahrhunderts noch zweimal begegnet. — Daß die Ehrenkränkungen nicht das Erzeugnis; des neunzehnte» Jahrhunderts sind, beweist der 3. Februar 1587, an welchem Tage ein Pfarrer zu Bollstadt, der schwere Injurien gegen den Herrn Prälaten und seine Crcditorcs ausgestoßcn hatte, nach „abgcschworenem großem Eidschwnre" wieder freigelassen und auf freien Fuß gesetzt worden ist. Großen Schade;; erlitt das Kloster auch 1632 in; schwedischen Kriege, jedermann floh aus demselben in der höchsten Furcht, massacrirt zu werde», es wurde alles ruinirt und die Dokumente, Bibliothek, Grund- und Tagebücher gestohlen und „zerstampft". 1688 mußte es den; französischen Marquis de Tcquierevcs (?) 500 Gulden Brandschaden „baar und ohne Abzüge" bezahle;;. Der Curiosität halber erwähnen wir eine Auszeichnung aus dein Jahre 1727. Den 6. Augnst ist des Mittags zwischen elf und zwölf Uhr zu Deggingen bei einem entstandenen Donnerwetter Stephan Fundens Auffäkucchts daselbst Hinterbliebene Wittib auf freiem Feld ohnwcit des Dorfes durch einen Donnerstrahl todt geschlagen worden. Bei der Visitation hat man an ihr gesunden, daß dieselbe bis an die Füße wie ein frischer Braten, die Füße aber, als wem; man mit zerhacklcn Schroten dareingeschossen hätte, ausgesehen haben. Unter der Regierung des Abtes Heiurich V. wurde 1736 das Ganze fast von Grund aus neu erbaut, die Kirche aber rennovirt und verbessert. Damals besaß das Kloster »och ziemlich viele Güter, welche alle sich des privilogium immunitati» erfreute» d. h. voi; allen Lasten und Beschwerden frei waren, ausgenommen, daß sie dein evangelische» Psarrmeßiuer jährlich 24 Läut-Garben reichen mußte». Durch die Säkularisation kam das Kloster 1802 an MaHerstein; die Conventualen erhielten Pension, Abt Willibald 3000 fl. und die Pfarrei Bollstadt, wo er am Ll.März 1824 mit Tod abging; das Ganze wurde in eine fürstliche Doniänenvcrwaltung umgewandelt. Wir können nicht umhin, zur Charakte- i-IS nsirimg der Zeit einen einzige» Z des Neichsdeputations-Hauplschlnsses anzuführen, nämlich 8 ^2. Nach diese», „wurden alle Güter der Stifter, Abteien und Klöster der freien und vollen Disposition der respectiven Landesfürsten, sowohl zum Behufe des Aufwandes für Gottesdienst, Unterrichts- und ändere gemeinnützige Anstalten, als znr Erleichterung ihrer Finanzen überlasse n." Werfen wir noch einen ganz kurzen Blick auf das Degginger Kloster und seine Kirche, wie beides sich heute dem Besucher reprcifentirt. Während wir manches, einst berühmte Kloster, heutzutage als Ruine oder nicht viel weniger erblicken, schaut Weggingen den Besucher freundlich an. Gut ist es erhalten, denn in seinen Räumen Hausen nicht wie in vielen andern Uhus und Nachteulen, sonder» es wohnen in den hübschen Gelassen fürstliche Beamte, es «giert dort ein Psarrhcrr und ein Lehrer hat den Katheder inne und schwingt die 0,5 Tröster als Wahrzeichen der Herrjchcrgcwalt; die anderen Gebünlichkeiten imd der Oekonomie gewidmet. Stolz steht vor uns ein siinfftückiger Thurm mit Blechkuppel versehe», auf dessen zweitem Stockwerk vier kleine aufrecht stehende Pseitec sich er» heben, je einer an einer Ecke ganz dazu angethan, den vv» ferne her kommenden Beschauer glauben zu machen, den Thurm ziere eine Altans. An dem geräumigen schönen Schiobhose befindet sich ein hübscher vierrädriger Brunnen mit pyramidalrörmigem Ausbau, gekrönt mit der Statue des heiligen Michael, der stolz den Drachen zu seineu Fübeu bekämpft, und ihn ohne Gnad und Barmherzigkeit in das Wasser des Brunnens hinabwirft. Dieser Brunnen ist auch in einer atten Chronik erwähnt mit den folgenden Zeilen: „Deggingen hat zwoi edle Kleinodien, deren Erstes ist ein Röhrenbrunnen, so in der härtisten Winterszeit nicht eingesrühret, sondern für die Inwohner hier des beßteu Wassers genug giebet. Das andere ist ein stützender Bach, welcher das Dorf durchstreichet, Menschen und Vieh erquicket und beyden wol zu statten kommt." Dieser Chronist scheint die grasten Wasserstiefel des Hahne,unann prolurt zu haben! Die Klosterkirche, welche nach der Regel geastet ist, anlangend, so befindet sich oberhalb des Westportals, das etwas an Magerkeit laborirt, die Himmelskönigin, ganz oben aber in einer Nische der Patron der Kirche, der heilige Martin,is, vom Wetter arg verwittert. In der kleine» Vorhalle ist ein Oelberg und eine Krenztragung mit Gesichtern, welche fast zu sagen scheinen: voll mo tcmgor« beziehungsweise »oli mv evntvmplsii! Oberhalb gewahren wir die Worte cksuiao 53, V. 7 „er ist aufgeopfert, denn er hat's selbst gewollt." Der erste Eindruck» den die ganze eigentliche Kirche macht, dürste der sein, daß das Ganze allzu bematt, etwas inonvton ist. Auch glauben wir bemerken zu dürfen, das; die zehn ganz einander ähnlichen Deitenaltäre etwas zu weit in das Hanptschiss heransragcn, sich also dem betreffenden Pfeiler nicht ganz accomodiren. Trotzdem macht das Ganze, besonders durch das reiche Licht, einen recht freundlichen Eindruck. Die beiden Seitenschiffe, niederer als das Hauptschiff, reichen bis an den Chor. Der Chor, dessen Altar sich aus — beziehungsweise zwischen hölzernen Säule» — erhebt, hat als Plafongemälde die Änfnahme des hl. Martmus in den Himmel. Er wird von der allerheiligsten Dreisaltigköit erwartet, umgeben von sehr vielen Engeln. 'Als Maler bekennt sich auf dem Bilde selbst B. Felix Rigl pinxir 1751 und dürste dns Bild etwas zu grell sein nach des Einsenders unmastgeblicher Ansicht. Die Chorstühle sind einfacher, aber schöner Arbeit. A„j der Evangelinmseite befinden sich „blinde" Chörle; bei», untern schaut ganz natürlich ein alter Pater heraus, die Kutte, das Auge recht schön sich präsentsten». Verunziert dürfte der Chor werden dnrch einen ziemlich umfangreichen Kasten, der allerdings in seine,» Innern eine Orgel birgt. Die Gemälde des Hauptschiffes stellen den Ban des KtosterS und der Kirche dar; eines die Ausnahme des ht. Beuedikt in den Himmel. Oben gewahren wir das Lamm, stehend auf dem'Buch, das mit sieben Siegeln versehen ist, getragen,von drei Engeln. Ju den Seitenschiffe» sind Bilder aus dem Leben und Wirken des hl. Bsnediktns angebracht. Die eigentliche Orgel ist sehr hoch cmgebrachl; unter der Orgelempore ein sehr naives Bild, „die Austreibung anS den, Tempel". Nicht zu; übersehen ist die hübsche Kanzel, gekrönt mit einem Engel, welcher die zwei vergoldeten Gesetzestafeln in den Händen hat. An, Ende des linken Seitenschiffes befindet sich ein Oelberg, der so natürlich anzuschauen ist, das; dem Beschauer leicht Thränen kommen können. In dem andern Seitenschiffe sind einige Grabinschriften in dem Pflaster angebracht, eine von einem Abte Johannes Magiins von llnterelchingen (Johannes lll.) 1625 gestorben, mit dem Schlußsatz: Vivat sctsrnum L/mbolum. Der Krenzgaiig des Klosters ist gut erhalten, in demselben sind die Bilder mehrerer Ordensmänner und eine „Geburt Christi" merkwürdig dargestellt. Die Sacristei endlich enthält fünf schön gearbeitete, aus Klosterzellen stammende, sehr geräumige eichene Küsten, leider ist der Inhalt aus Klosters- Kit nicht mehr vorhanden. Mts-ell-n. (Der Weg zur Geliebten.) Ein junger Mann ve» Middletown, der sich sterblich in die Tochter eines, auf abgelegener Farm lebenden und als eine Art Menschenfeind verschrieenen Mannes verliebt hat, fragt bei dem in Middeltown erscheinenden „Transeript" an: was er thun solle, um zu der Geliebten, deren Wohnplah er noch nie betreten habe, zu dringe», und ob es bei der Unzugänglichkeit desselben nicht das Gerathendste wäre, sich erst das Wohlwollen und die Zuneigung des gestrengen Herriz Vaters zu erwerben. Hierauf nun ertheilt der Briefkasten des „Transeript", der offener ein Interesse an der Lage des Fragestellers gewonnen, demselben folgenden wohl- erwogenen Rath: „Wir an Ihrer Stelle würden zunächst suchen, uns das Wohlwollen und die Zuneigung der gestrengen Herren Hunde des Vaters Ihrer Angebeteten zu erwerben. Ist dies einmal geschehen, dann wird ihrem Betrete» der Farm wohl kaum mehr etwas im Wege stehen." (Die folgende hübsche Mozart-Anekdote) dürfte weiteren Kreisen nicht bekannt sein. Kaiser Josef besaß eine sehr hübsche, weiche Baßstimme, für welche er hin und wieder selbst eine Kleinigkeit komponirte» Einmal aber hat er es gar mit einer großen Arie probirt und legte sie in einer der kleinen italienischen Opern ein, die auf dem Privattheater des Kaisers in Schönbrunn gewöhnlich gegeben wurden. Obwohl Niemand wissen sollte, wer die Arie komponirt, erfuhr es dennoch der Hof und so auch — Mozart. „Wie gefällt Dir die Arie, Mozart?" fragte der Monarch. „Je nun!" antwortete der kindliche, freie, heitere Komponist: „Die Arie ist wohl gut, aber der sie gemacht hat, ist doch viel besser." (Der Triumph der Vorsicht.) Aus London schreibt man folgende buchstäblich wahre Geschichte: Ein Ehepaar in Jslington leuchtet seit 50 Jahren alle Abend vorsorglich unter die Draperien des Bettes, ob sich dort nicht etwa ein Dieb versteckt halle, ohne daß ihre Furcht je Bestätigung gefunden. Vor einigen Tagen jedoch entdeckten sie wirklich einen Mann in dem Versteck und waren so erfreut, ihre Ausdauer endlich von Erfolg gekrönt zu sehen, daß sie den armen Burschen ganz freundlich hervorriefen und reich beschenkt entließen. Der Einbrecher seinerseits war so perplex, daß er erfreut Alles über sich ergehen ließ — und wahrscheinlich das Wiederkommen nicht vergessen wird. (Kanzler und Kanzlist.) Ein schlichter Bauersmann wollte sich bei BiSmarck in Varzin Rath holen. Der Kanzler hörte ihn freundlich an und gab ihm dann ebenso Bescheid. Der Bauer hatte ihn aber immer „Herr Kanzlist" angeredet. Da sagte endlich der Fürst: „Guter Mann, ich bin Kanzler." — „Nu, nu," sagte der Landmann, „was nicht ist, kann noch werden. Des Lebens Rätksel. Ost, wenn wir geh'n auf stillen Wegen Gedankenvoll beim Dämmerlicht, Tritt uns die dunkle Sphynx entgegen Mit grausig starrem Angesicht, Und tragt dem Lebe» Räthsel ab, Die Tod nur lösen kann und Grab. Hat nicht ein Gott die Welt errettet? Was liegt sie denn im Elend da, In Finsterniß und Wahn gebettet, Als wenn kein Werk des Heils geschah? Kniet nicht der Menschheit größ're Zahl Noch vor dem Fetisch oder Baal? Und an des Abgrunds Rande schreiten Die Millionen nngewarnt In Freveln, bis sie niedergleiten, Vom Netz der Würgenden umgarnt; Wo weilt der Engel, gottgesandt. Zu führen sie zum besj'ren Land? Und warum ruft nicht von den Netzen ! Der Herr der Boten Heeresschaar Dast sie die Welt in Muthe» setzen Mit Ftammenznngen ganz und gar; Daß Alles Einen Gott bekennt, Ihn ehrt und liebend Vater nennt!? O still! Dem sündigen Geschlechte Ist nicht des Höchsten Weg bekannt; Nur langsam hebt der Allgerechte Vom Ort des Fluchs die schwere Hand. Wer will bestimmen Raum und Zeit Der göttlichen Barmherzigkeit? Geh', dunkle Svhynr, geh' ein zur Rohr Und stör' des Lebens Ziele nicht! Kein eitel Grübeln! Jeder thue Im Kleinen liebreich seine Pflicht, Wo ihn der Herr hat hingestellt, So sromnit sein Thun der großen Welt. Es trägt zur Freude jede Blume, Zur Ernte jedes Körnlein bei, Bis an der Schöpfung Hciligthum Der letzte Stein vollendet sei: Wer Gottes Pläne fördern will, Der schaffe betend treu und still. L. v. Heemstede. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max. Huttler. i / j i! § ! s M „Äiigslmrger Postjeituug." 9!r« 66. Samstag, 18. August 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) „Du hast Deinen Bruder, seine Frau und Kinder also noch gesehen?" fragte nach einer kurzen Pause Leo's Frau mit Thränen in den Augen ihren Mann. Er machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe und verließ darauf die Stube, um sich an den Grabhügel zu begeben, wo Seppli den Tag vorher so andächtig gebetet hatte; er blieb lange dort knieen. Als seine Frau ihn einige Zeit betrachtet hatte, hob sie die Hände empor und rief: „o heilige Jungfrau! empfange meinen Dank, daß Du mein Gebet erhört und für mich Fürbitte eingelegt hast! Gottes Gnade hat sich sichtlich über uns ausgebreitet, gleich dem Föhne, der das Eis und den Schnee unserer Berge schmilzt; o ziehe Deine Gnade nicht von uns ab, auf daß ich jeden Tag Deinen heiligen Namen preisen kann!" Dann fiel auch sie auf die Knie und betete noch mit Inbrunst; als sie sich erhob, fühlte sie sich neugestärkt und ihre Seele war froh und heiter wie in den Tagen der Kindheit. Nach seiner Rückkunft setzte sich Leo auf die Bank am Tische. „Höre, sagte er zu seiner Frau, „ich will Dir erzählen, was mir begegnete . . . Sie setzte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses an seine Seite. „Ich habe Dir zwar nicht viel zu sagen . . . .« begann er den Arm auf den Tisch stützend und die Hand über die Stirne legend, „und sollte mich bester auszudrücken verstehen, um Dir mitzutheilen, was mir noch wie ein Traum vorkommt ..... MS ich gestern zufällig aus dem Fenster blickte und meinen Bruder da oben betend knieen sah, erfaßte mich plötzlich eine eigene Bangigkeit, wie ich sie noch nie in meinem Leben gefühlt habe. Ich dachte wohl, daß er kommen werde um Abschied zu nehmen; aber eS wäre mir nicht möglich gewesen ihm gute Worte zu geben und doch hatte ich auch nicht den Muth ihm böse zu sagen. Das war der Grund, warum ich so rasch aufbrach, um nach unserer Alp zu gehen. Ich eilte den Berg hinauf, ohne mich nur einmal umzusehen, obwohl ich immer vermeinte eine Stimme zu hören, die mir zurief: „Kehre uml es ist zum letzte Male!" — Ich weiß nicht wie lange ich so gelaufen bin, aber als ich anhielt und mich umsah, erkannte ich, daß ich unsere Alpe bereits weit überstiegen hatt« und so erklimmte ich denn noch über Geröll und Schnee hinweg die Schwarzhornspitzr. Die Sonne war bereits zur Neige und beleuchtete nur noch die Spitzen der höchsten Berge. — Ringsum herrschte Todtenstille und ich weiß nicht wie es kam, — aber plötzlich schien es mir, die Erde habe sich in ein Leichenfeld umgewandelt und ich sei nur noch das einzige lebende Wesen darin. — Ich glaube, wenn mir in diesem Augenblick ein lebender Mensch wirklich begegnet wäre, ich würde alsbald zu mir gekommen sein und über meine Narrheit gelacht haben. — Nachdem mir aber Niemand in dieser schaurigen^ Einsamkeit sichtbar wurde, so konnte ich meiner Herzensangst nicht loS werden und ich rief: „Ja, du mußt.du mußt ihn noch einmal sehen, vor es zu spät wird!" — Und darauf stieg ich abwärts ohne Weg, der Richtung gegen Sarnen zu. — Je 522 — mehr die Nacht vorschritt, desto mehr beschleunigte ich meine Schritte und meine Angst stieg immer mehr; glücklicherweise herrschte nicht völlig« Dunkelheit, der Mond war zeitig aufgegangen und endlich sah ich Sarnen vor mir . . . ." Hier schwieg Leo und schien nachzusinnen, als wollte er sich erst dessen erinnern, was hierauf geschehen war. „Ja", nahm er dann wieder das Wort, „als ich wieder Lichter in einigen Häusern sah und aus der Ferne wieder menschliche Stimmen vernahm, kam ich wieder zu mir und wurde etwas ruhiger. Ich schämte mich auch einigermaßen über mein thörichtes Benehmen und sagte mir, daß ich doch wohl nicht zur Nachtszeit in das Haus meines Bruders auf Besuch gehen könne; es wäre ja auch andern TagS noch Zeit und daß ich vorerst mich auch vergewissern müsse, was die eigentliche Ursache seiner Besuches gewesen sei. Noch diesen Gedanken nachhängend» sah ich auf einmal eine große Zahl von Fackeln aus dem Dorfe kommen. Ich eilte gegen eine Hecke, die hart an der Straße lag, und stellte mich hinter dieselbe, um ohne gesehen zu werden, alles beobachten zu können, was hier vorging; ich gewahrte dann eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, die einen Wagen begleiteten, der langsam einherfuhr. — Da saß Mariele, ihre zwei jüngsten Kinder auf ihrem Schooße, während die beiden anderen ihr zur Seite saßen. Mein Bruder ging in Begleitung seiner Nachbarn.-In der Nähe von mir hielt der Wagen und Seppli stieg ein, ein donnernd Vivat erscholl noch als Abschied von den Begleitern und in raschem Trabe fuhr nun das Fuhrwerk weiter. Ich werde diesen Moment niemals vergessen .... die todtblasse Frau mit ihrem Madonnengesicht und ihre weinenden Kinder ....." Hier brach Leo ab und ließ den Kopf in beide Hände fallen. „Und Du hast kein Wort mehr mit ihm gesprochen .... haben sie Dich nicht erkannt?" frug ihn seine Frau nach einigen Momenten des Stillschweigens. „Nein, er sah mich nicht und ich wäre auch nicht im Stande gewesen, mich ihm zu nähern, wenn auch die ihn umgebende Menge mich nicht daran gehindert hätte. Ich war wie gelähmt an allen Gliedern auf den» Bode» hinter der Hecke gelegen und die Leute von Sarnen waren wohl schon längst wieder daheim, als ich mich endlich zu erheben vermochte .... Ich erzähle Dir alles dies, weil es sicher gut ist, wenn wenigstens ein Angehöriges Kunde von meiner guten Absicht hat und erfährt wie sie entstund, sonst könnte der böse Geist leicht wieder die Oberhand gewinnen, wie ich leider in vergangener Nacht erfahren habe." Seine Frau sah ihn an, als wolle sie ihn hiewegen des Nähern befragen, aber sich rasch erhebend, sagt er nur: „ja, ja, so ist es; bei meiner Rückkehr gestern Nachts fühlte ich meinen Haß auf's Neue erwachen, und es bedurfte wahrlich Deiner umständlichen Erzählung, Deiner Unterredung mit meinem Bruder, daß diese Abneigung sich nicht wieder meines Herzens bemächtigte. Nun, Gottes Wille möge geschehen, aber 'Niemand soll wissen, was sich zugetragen hat." Es wurde auch wirklich Niemand weiter davon unterrichtet. Die Veränderung aber, die so plötzlich mit Leo vorgegangen, »var den Nachbarn nicht entgangen, denn von dieser Zeit an war sein Humor gut und friedlich, sowohl in wie außer dem Hause und die Ueberraschung steigerte sich noch mehr, als er mit dem Bau eines »reuen Hauses begann, und dabei dieselbe Thätigkeit entfaltete, wie ehedem sein Vater. — Natürlich wußte Niemand den nähern Grund dieser Veränderung, und wie es gewöhnlich geht, daß man dem Abwesenden die Schuld gibt, so singen auch hier die Nachbarn allmälig an sich gegenseitig zu äußern: „seht doch, wie man sich täuschen kann; wir sind doch wohl ungerecht gegen Leo gewesen und Seppli mag vielleicht nicht so schuldlos gewesen sein, wie wir uns dachten; wer weiß, welche Neckereien Leo erdulde» mußte, die wir nicht kannten, denn seit Seppli fort ist, ist er völlig umgewandelt und der friedliebendste und beste Mann geworden." 523 — Ja, in der That, Leo war in seinem Leben und Treiben nicht mehr zu kennen und man kann wirklich nur sein höchstes Bedauern ausdrücken, als er, noch ehe sein Bau vollendet war, von einem großen Unglück heimgesucht wurde. — Nicht lang« nach Seppli's Abreise nämlich wurde seine Frau krank und nach sechs Monaten, nachdem ihr, nun eine ruhige und glückliche Zukunft lächelte, raffte sie der Tod dahin. Das war denn ein fürchterlicher Schlag für Leo, der sich nun völlig vereinsamt fand, denn obwohl er nun mit seinen Nachbarn im guten Einvernehmen lebte, so war er doch mit keinem so vertraut, daß er ihm hätte sei» Herz öffnen können. Als sein Neubau vollendet war, fühlte er keine Neigung mehr sich länger mit der Bewirthschaftung seiner großen Besitzung zu befassen; er entließ fast alle seine Dienstleute und gab die entlegenen Grundstücke alle in Pacht. Auch für das neue Haus hätte er öfter schon Pächter gefunden, aber er konnte sich nicht dazu entschließen und so stand, es öde und verlasse» da. — Eine alte Magd führte seine Wirthschaft und er lebte still und traurig dahin, sogar die Holzschnitzerei, für die er sonst «ine so große Vorliebe hatte, betrieb er nicht mehr; die Winterabende verbrachte er im Lehnstuhle, peinlichen Betrachtungen sich hingebend, wobei ihm oft die Thränen über die gebräunten Wangen flösse» und er verließ, außer ßeinem Kirchgänge, nur selten das Haus. Was die Betrübniß über den Verlust seiner Frau noch vermehrte, war die volle llnkenntniß über das Schicksal seines Bruders. Alle anderen Emigranten» die zwar vor ihm abgereist waren, hatten der Einschiffung gewärtig, ihren Verwandten und Freunden bereits Nachricht zugehen lasse», aber in keinem der Briese geschah Erwähnung Seppli's und der Seinen, wohl im Glauben, daß er selbst geschrieben haben werde, was er auch seinen Freunden beim Abschiede sich versprochen, aber bisher noch nicht erfüllt hatte. Die Ursache dieses Schweigens war leider nur zu natürlich. Schon nachdem Seppli Luzern verlassen hatte, zeigte sich schon die Reise ganz anders als er sie sich gedacht hatte. Das Eisenbahnnetz war dazumal noch nicht so voll» komme» als heutzutage und war noch streckenweise unterbrochen, wie so viele Auswanderer, hatte auch er., und seine Frau geglaubt, sich von diese», oder jenem liebgewordenen Jnventarslück nicht trennen zu können, wodurch die ohnedem für die Auswanderung der ganzen Familie schon große Güterlast, noch wesentlich vermehrt wurde. In Folge dessen wurde die gleise nicht nur sehr beschwerlich» sondern auch sehr kostspielig, zudem erkrankten ihm zwei seiner Kinder und zwangen ihn schon in Basel zu einem mehrtägigen Aufenthalt. Mit Schrecken bemerkte er, daß seine Reisekaffa schon weit mehr in Anspruch genommen war, als er berechnet hatte; außerdem beunruhigte ihn auch die Befürchtung, daß er durch diese Verzögerungen zu spät eintreffen möchte und vor Frühjahr dann kein Emigrantenschiff mehr abgehen würde; diese Unruhe ließ ihm denn keine Kosten scheuen die Reise möglichst zu beschleunigen. Diese Besorgniß wurde immer größer, nachdem noch manches außer der Berechnung gelegene Hinderniß eintrat. Endlich erreichte er Amsterdam. Aber wer beschreibt seine Bestürzung, als er erfuhr, daß das Schiff mit den Auswanderern bereits abgesegelt sei. Was sollte er nun mit seiner Familie anfangen, wenn er gezwungen war in dieser fremden Stadt, wo es drei» bis viermal theurer zu leben war als in seiner Heimath, den ganzen Winter ohne Verdienst verbringen sollte? Das Kapital, das er mitgenommen, war nicht so bedeutend; denn hatte er auch sein Haus und seine Gründe ziemlich gut an den Mann gebracht, so mußte er mit dem Erlös auch alle seine Schulden decken, die er zum Ankaufe der Gründe machen mußte, und erforderte auch die Ansässigmachung in Amerika, wenn man nicht eine schon bewirthschaftete Meierei kaufen wollte, keine so große Summe, um ein Stück Land urbar zu machen, so war immerhin noch viel nöthig, um auch nur die nothwendigste Einrichtung hiezu zu treffen und den Unterhalt der Familie zu bestreiten, bis einmal die angebaute Stelle einen Ertrag abwarf. Da er aber in seine Heimath nicht zurückkehren wollte, so blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Vor Allem mußte er sich um 524 eine Beschäftigung umsehen, um doch einigermaßen die Kosten seines nothgedrungenen Aufenthaltes damit decken zu können. — Glücklicherweise fand sich hiezu bald Gelegenheit; Seppli hatte die Bekanntschaft eines wohlwollenden Mannes gemacht, der ihm Beschäftigung in einer Zuckerfabrik anbot, was er natürlich dankbarst annahm. Er fand in einem kleinen Hause Unterkunft mit den Seinigen und sing allmälig an mit weniger Besorgniß der Zukunft entgegenzusehen. — Von den Unfällen, die ihn schon gleich bei dem Antritte seiner Auswanderung betroffen hatten, in seine Heimath zu berichten, scheute er sich, daher seine Nachbarn zu ihrem großen Befremden ohne alle Nachricht blieben. Sein Erwerb war jedoch nicht ausreichend für den Unterhalt der Familie, obwohl Mariele, die sich rasch in die Verhältnisse gefunden hatte, möglichst bemüht war, auch das Ihrige beizutragen, indem sie für die Matrosen in der Nachbarschaft nähte und wusch, was ihr doch erlaubte im Hause zu bleiben und die Kleinen zu beaufsichtigen. Aber ungeachtet aller ihrer Thätigkeit waren die Armen bei der Theuerung der Lebensbedürfnisse gleichwohl immer genöthigt, die Kassa für die Auswanderung, die sie nicht weiter in Anspruch zu nehmen sich vorgenommen hatten, anzugreifen. Man kann sich denn denken, wie der Winter mit seinen kalten Nebeln, welche in Holland um diese Jahreszeit herrschten, beitrug das Heimweh dieser armen Gebirgsländer zu vermehren. Die Unruhe, die Sorgen, die Traurigkeit steigerten sich mit jedem Tage, und wenn auch Eines dem Andern den innerlichen Kummer verbarg, so gab es doch für sie keinen frohen Augenblick mehr. Wenn die Kinder zur Ruhe gegangen waren blieben die Eltern, trotz der Ermüdung von der Arbeit, in der Dunkelheit noch bei einander am Ofen sitzen, so lange er noch einige Wärme gab und oft faßten sich dann ihre Hände, tiefe Seufzer ausstoßend. Aber keines klagte; kein Wort der Bitterkeit kam über ihre Lippen, kein Vorwurf wurde laut gegen diesen Bruder, der allein an diesem Unglücke schuld war. — Im Gegentheile, namentlich das gute, fromme Weib suchte stets ihren Mann zu trösten, ihm Muth einzuflößen, und in ihm das Vertrauen an den lieben Gott zu stärken. So verfloß der Winter mit Mühseligkeiten. — Als Vorläufer des Frühlings kamen bereits die Züge der Auswanderer an, um die Abfahrt des ersten Schiffes zu benützen. Auch Seppli traf seine Vorbereitungen und fand, daß die ihm bleibende Summe doch nicht so geschmälert worden war, daß sie nicht ihre Ansiedelung damit begründen konnten. Seine Frau dankte Gott im Stillen dafür, daß er ihre Hoffnungen nicht vereitelt hatte und vergaß über dieser Freude die Gefahren, welche die lange Ueberfahrt mit sich brachte. Auch das fortwährende Eintreffen von Emigranten trug viel dazu bei, ihren Muth zu stärken, denn sie sahen dabei, wie viele unter ihnen, die nicht das Elend zu diesem Schritte zwang, eine glückliche Zukunft sich jenseits des Oceans zu schaffen hoffen. — Nachdem das Fahrzeug noch vor Ostern unter Segel gehen sollte, so trat man mit Emsigkeit an dessen Ausrüstung. Da fühlte sich Seppli eines Tages plötzlich unwohl und obwohl er anfangs wenig darauf Acht hatte, nahm dieses Uebelbefinden immer mehr zu, bis es ihn arbeitsunfähig machte. Er suchte es anfänglich seiner Frau zu verbergen und sich selbst zu überreden, daß es bald vorübergehen werde, aber die Schmerzen vermehrten sich schließlich so, daß er bettlägerig wurde. Das war noch ein stärkerer Schlag als der, der ihn im Herbste durch seine verspätete Ankunft traf. Der Fabrikherr besorgte sogleich einen Arzt und stand auch der armen Frau großmüthigst bei; doch die ärztlichen Mittel waren ohne Erfolg und däS Uebel nahm den Charakter einer langwierigen Krankheit an. Der Arzt gab zwar noch immer die beste Hoffnung, aber vielleicht mehr aus Schonung und Mitleid, als aus Ueberzeugung. Jedenfalls mußte die Aussicht auf eine baldige Abreise aufgegeben werden, da das erste Emigrantenschisi schon in nächster Zeit in See ging. — Diesen Umstand verschwieg man Seppli auf's sorgfältigste und Mariele zeigte ihm, so viel möglich, stets eine heitere Miene. Als aber die Temperatur immer wärmer wurde, traten starke Nacht- 525 schweiße ein, die ihn bedeutend schwächten und eines Tages, als der Patient sich wvhler fühlte, als gewöhnlich, schlief er ein, den Kopf an Mariele's Brust gelehnt, um nicht mehr zu erwachen — Seppli war todt. Der Gram der armen Frau, völlig verlassen mit ihren Kindern in einer fremden Stadt, war furchtbar und doch sollte er noch nicht am Ende sein; durch einen grausamen Zufall mußte sie den Leidensbecher bis auf die Hefe leeren. Als Mariele nämlich nach der Beerdigung ihres Mannes den Rest ihrer Baarschaft zählen wollte, ivar das Geld verschwunden. Es war ihr unzweifelhaft in der Confusion, die der Tod ihres Mannes im Hause verursachte, gestohlen worden. Dieser letzte Schlag war zu niederdrückend für die ohnedem so erschöpften Kräfte der Unglücklichen. Sie wurde krank und in ihrem Leiden rief sie oft in ihrer Verzweiflung: „o Herr, warum bürdest Du mir solche Last auf, die ich nicht zu ertragen vermag l —" (Schluß folgt.) G»ldkörner. In einem Jahr willst du zum Ziele dringen? Nimm eins dazu, im zweiten wird's gelingen! Wem Gunst und Glück die Fiedel streicht, Der hebt zum Tanz die Füße leicht. Was Zivilist du Träumer nichtig nennen? Ein Scherben lehrt den Topf dich kennen. Almosen, das vom Herzen kommt, Dem Geber, wie dem Nehmer frommt. Fleiß bringt Brod, Faulheit bringt Noth. , Hans ohne Fleiß Wird selten weif'. Nimm deinen Acker wohl in Hut, Bestell' ihn gut, so trägt er gut! Frage nicht was Aud're machen, Sieh' auf deine eignen Sachen! Wenn du hörst, daß Einer klagt, Hör' auch, was der And're jagt! F. Beck. Alphabet für eine angehende Hausfrau. Beharrlichkeit und Geduld — dies Schwesterpaar erwähle Dir zu Freundinnen! oft, recht oft müssen sie Hand in Hand mit Dir gehen; sei Deine Ehe auch die glücklichste, nie wird sie Dir die Ausübung dieser Tugenden erlassen. Christlicher Sinn ist ein Talisman, den Du behüten mußt im Wellenschlag des Lebens. Bewahre ihn durch die That, dann wird auch der Freisinnigste Dir seine Achtung nicht versagen. — Wer etwas Höheres im Wesen sucht, als das Leben geben oder nehmen kann, der hat Religion. «Dienen" — lerne bei Zeiten das Weib — nach ihrer Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen — zu der gerechten Gewalt, wie es ihr zukommt, zu leiten den Hausstand; — die Herrschaft der Frau ist die Sanftmuth, Klugheit und Liebenswürdigkeit und je mehr eine Frau in diesem Sinne das Ansehen genießt, desto besser geht alles darin zu. Eifersucht! hüte Dich davor, sie ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft — ein Gift das an dem Mark zehrt und an sich ganz harmlose Ereignisse für Beweise halt; ein gesundes wohlgeordnetes Gemüth bewahrt das Vertrauen und gibt diesem grünäugigen Ungeheuer nicht Raum, 526 — Frohsinn und Fleiß sind meistens gepaart. Begrüße stets Deinen Gatte» beim Nachhausekommen froh und heiter, — wenngleich er auch mitunter sorgenvoll und mißmuthig scheint — diesen» stillen Zauber wird er sich nicht entziehen; ein gleichbleibender Frohsinn erheitert alle Widerwärtigkeiten des Lebens und erwacht meistens aus der Arbeit, welche das Leben süß rinv nicht zur Qual macht. Gastfreundschaft — des Hauses Ehr', die im großen Ganzen von unseren Großeltern mehr geübt wurde, als von der jetzigen Generation — weil die echte Gastfreundschaft immer mehr verschwindet, deshalb macht sich die Gesellschaft breit. Laß in Deinem jungen Haushalt die alte Sitte walten, übe Gastlichkeit, die auf geistigen Ler, kehr gerichtet ist, sie wird Dir größeren Genuß bereiten, als die Gesellschaft jemals Dir bieten könnte. Häuslichkeit! „In Deines Glückes stillen» Frieden allein nur liegt der Menschheit großes Loos!" — „Im Hciligthum der Wohnstube wird das Gleichgewicht der menschlichen Kräfte gleichsam von der Natur selbst eingelenkt, gehandhabt und gesichert", sagt Pestalozzi. Das Haus ist die Welt der Frau; ist auch der Kreis ihrer Thätigkeit beschränkter, als der des Mannes, so kann sie doch gerade hier verborgene Kräfte entfalten und alle jene eigenthümliche» Vorzüge, welche den Mann bei Beurtheilung und Fühlung so vieler Dinge Auge und Hand der Frau zu Hilfe nehmen lassen. Jugendliches Empfinden suche Dir zu erhalten, auch wenn das Silber- yaar einst Dein Matronen-Antlitz umrahmt und der Muth Dir fehlt mit Rosen es zu schmücken; dann bewahre vor dem Welken Dein Gemüth, erhalte Dir den Sinn, mit den Fröhlichen froh zu sein und ain Schönen Dich zu erfreuen. Klug und weise handeln soll die Frau — d. h. sie soll das häuslich »virth- schaftliche Leben mit geistiger Beschäftigung zu vereinigen verstehen — nicht in ersterer völlig aufgehen und mit Verachtung auf letztere blicken. Eine kluge Frau wird stets auf die Interessen ihres Mannes eingehen, auch wenn sie nicht immer seinem höhere»» Gedankenfluge zu folgen vermag. — Das menschliche Leben und Wissen bietet uns überall so viel edlen Zeitvertreib, dessen wir uns mit Recht befleiße» sollen; bei einem geregelten Hauswesen bleibt immer mehr oder weniger Zeit dafür. Liebe i»» Geben und Empfangen — ist für das Jrauenherz die Krone des Lebens! — „Sie glaubt Alles, hofft Alles, duldet Alles und überwindet Alles", — sie ist der Götterfunken, welcher die Welt befreit! „Die Liebe umfaßt des Weibes volles Leben, Sie ist ihr Lenker und ihr Himmelreich; Die sich in Demuth hingegeben, Sie dient und herrscht zugleich." Milde und Nachsicht übe gegen die Fehler anderer; — Niemand kann die geheimen oft so verworrenen Triebfedern der Handlungen anderer Menschen ergründe», die oft viel mehr das Resultat unseliger Verhältnisse, als eigenen Willens sind — deshalb noch einmal: sei streng gegen Dich selbst und nachsichtig gegen anoere. Natürlichkeit! laß Dir nicht rauben dies Vorrecht der Jugendzeit, »vo alles in uns blüht und glüht und schäumt, und »vo das Herz ohne Wissenschaft und Kunde der Welt oft so richtig weissagt — alle Culturgebilde wiegen ihren Werth nicht auf! Ordnung! — o heilige, segensreiche Himmelstochter, nicht genug kannst Du sie hegen und pflegen, aber hüte Dich vor ihrer weniger verehrten Schwester — der Pedanterie. — Ordnungsliebe, Sauberkeit, Schönheitssinn dürfen der Frau nicht einmal Pflichten, — sie müssei» ihre Naiurnothwendigkeilen sein. Pünktlichkeit geht mit der Ordnung Hand in Hand; laß sie walten in Deinen» Heim, namentlich in Bezug auf die Dienstboten — gewöhne sie und Dich an eine richtige Zeiteintheilung. N ü ck s i ch t n e h m e n, eine leider viel zu wenig geübte Tugend — wie vielen Conflicten würden »vir aus den» Wege gehen, wie viel kleine Freuden uns bereiten, wenn 527 wir uns ihrer mehr befleißigten; übe sie gegen Deine Hausgenossen, insbesondere gegen Deine» Gatten. Sparsamkeit und richtige Einteilung gehören zu den Hauptstützen des Hauswesens — selbst der erlaubte wohlthuende Luxus muß mit gewissenhafter Oekonomie zusammenhängen: „Mit Vielen', läßt sich schmausen, mit Wenigem läßt sich Hausen." Treue, halte sie hoch im Leben — sein treu in der Liebe — treu in der Freundschaft — treu in der Erfüllung Deiner Pflichten! Und wie immer sie Dir naht, nimm sie freundlich auf, verachte nicht ihr schlichtes Kleid» — „Wohl ist sie schön die bunte Zier, doch bringt sie nie den Frieden Dir." Unzufriedenheit halte fern von Dir, sie ist eine gefährliche Klippe in der Ehe und manches Glücksschiff ging daran zu Grunde. Gibst Du Dir selbst den Frieden nicht — im kurzen Erdenleben, dann leiste nur auf ihn Verzicht — die Welt wird ihn nicht geben. Vertrauen ist das Immergrün des Lebens zwischen Dir und Deinem Gatten t Nichts kann den Mann mehr freuen, nichts kann ihn mehr mit der Welt und ihren Verhältnissen aussöhnen, als wen» man ihm in seiner Familie mit ungeheucheltem Vertrauen entgegenkommt» „Geheimnisse in der Ehe" sind gefährlich; ihre Scheide bedeckt immer einen Dolch, den die Zeit endlich zieht", sagt Jean Paul. Wohlthätigkeit übe recht oft in dem Maße, wie Deine Verhältnisse es Dir gestatten, denn „Geben ist seliger als nehmen." Keineswegs blos in materiellen Schätzen wie man glaubt — nein, vorzugsweise in denen der Bildung sind die unfehlbaren Mittel gegen Noth und Elend zu finden, welche tief mit der ganzen Menschheit zusammenhängen, deshalb auch von der Gesammtheit getilgt werden müssen. Xantippe soll gut gekocht haben, im klebrigen ein zänkisches, rachsüchtiges Weib gewesen sein; laß Dir das erst ein Beispiel sein — Dein Gatte kann gegen Deine äußere Erscheinung, Deine Talente gleichgiltig werden — nie wird er sich dem Behagen eines guten Tisches und einer wohlgeordneten Häuslichkeit entziehen. — „Der Weg zum Männerherzen geht durch den Magen." Zank und Nachsucht aber laß stets Dir fernbleiben; sei nachgiebig und versöhnend, es ist zu Deinem eigenen Heil. Zartheit des Empfindens bewahre Dir bis in's hohe Alter. — Die Formen des AnstandeS sind «ine nicht zu verachtende Stütze jener gegenseitigen Achtung, auf welche ein christlicher Ehebund gegründet sein muß und mehr als die Frau gewöhnlich annimmt, wird das Ausüben ihrerseits von dem Gatten gewürdigt. Beginne Deine Ehe mit weiser Umsicht und beherzige diese Winke, damit auch Du einst sagen kannst, wie es im Quickborn heißt: „Berg auf ging's leicht, Berg ab wohl sacht, Durch manches manches Jahr; Und doch das Herz vor Lieb' noch lacht, Wie einst in: braunen Haar." Miseellen. (Wie inan unschuldig zu z w e i O h rf e i g e n kommen kan n), mußte jüngst ein kleiner Bengel in Leipzig erfahren, der eben zur Schule gehen wollte und so unvorsichtig war, vor dem Schulgebäude seinen Kameraden zuzusehen, wie sie einen Esel, der, vor einen Obstwagen gespannt, in GemütShruhe dastand, neckten. Er war so in den Anblick der „Grauen" versunken, daß er den daher kommenden Lehrer ebensowenig bemerkte, wie die Flucht seiner Kameraden. Aber plötzlich bekommt er von dem erzürnten Lehrer, der der Meinung war, einen der Bösewichter vor sich zu haben, eine schallende Ohrfeige. Bestürzt wendet er sich um, erblickt seinen Lehrer und läuft heulend in die Schule, die Treppe hinauf. Da begegnet ihm der Direktor. — „Nun, mein Junge, weßhalb weinst Du denn?" — „A . . . ch! Dr. I ... hat mir eine Ohrfeige gegeben, und ich habe doch dem Esel gar nichts gethan!" — Eine (zweite) Ohrfeige wa« die Antwort» 528 (Am Postschalter der deutschen Reich spoft.) Ein Fremder am Schalter: „Bitte um 3 Dreipfennig-, 4 Fünfpfcnnig-, 7 Zehnpfennig- und 9 Wechsel» stempel Marken L 10 Psg. und 3 ü. 1 Mark. Wollen Sie mir noch 7 Postkarten, darunter 3 internationale, ferner 3 mit Rückantwort und 1 Kursbuch, 4. Abtheilung 2 Hefte geben?" — Postbeamter: „Wünschen Sie noch etwas?" — „Rein, ich wollte Sie nur ersuchen, mir diese 6 Zwanzigpsennig- und 3 Fünfzigpfennig-Briefmarken mit in Rechnung zu nehmen und mir auf einen Hundertmarkschein herauszugeben, ich habe kein anderes Geld bei mir." — Postbeamter: „O Stephan, Dein Geschäft blüht. ES geht nichts über die gediegene Erleichterung im Verkehr." (Hier können Kalauer abgeladen werden.) Sarah Bernstein ist dem „Temps" zufolge jüngst in Montpellier, als sie in einer Pantomime auftrat, ausgepsiffen worden. Einem Privatberichte entnehmen wir, daß die geniale Künstlerin bei dieser Gelegenheit leider auch einen ernsten Unfall erlitten haben soll. Einer der Pfeifenden befand sich nämlich in der ersten Sitzreihe und pfiff so heftig, daß der dadurch entstandene Luftzug die Sarah von der Rampe bis in die dritte Koulisse schleuderte. (Ein charakteristischer Ausspruch Vroudhons.) „Wie haben Sie es angestellt, Hr. Broudhon" — sagte eines Tages Cardinal Mathieu, Erzbischof in Besan^on, zu ihm — „einer der unterrichtetsten Menschen unserer Zeit zu werden, nachdem ich Sie doch noch mit 12 Jahren in einer Elementarschule sitzen sah?" — „Hoch- würden!" antwortete der große Polemiker, „in meinem Lande spannt man 20 Ochsen vor den Pflug und ackert damit einen Felsen." (Was ist emancipirt?) Lehrer (in einem Vortrug über den Tabak): „Ja, eS hat die Unsitte des Rauchens eine solche Verbreitung erlangt, daß selbst Frauenzimmer sich nicht scheuen, Cigarren zu rauchen, allerdings nur Emancipirte. Was verstehst Du darunter: emancipirte?" Schüler (nach einigem Besinnen): „Das ist eine leichtere Sorte!" (Gut gegeben.) Ein junger Mann wurde von einem Bekannten mit den Worten in eine Gesellschaft eingeführt: „Meine Damen und Herren! Ich stelle Ihnen HerrnZk. vor, der durchaus nicht so dumm ist, wie er aussieht." „Das ist eben der Unterschied zwischen uns Beiden," versetzte sogleich der Eingeführte. (Worin gleichen die Frauen den Lichtern?) Beide wollen geputzt sein und Beide leuchten, wenn sie geputzt sind. Putzt man sie jedoch zu stark dann gehen sie oft aus. (Eine gefühlvolle Seele.) Mein Mann ist doch eine recht gefühlvolle Seele! Wenn ich draußen im Hofe eine halbe Klafter Holz hacke, setzt er sich einen halben Tag hinter den Ofen und weint, weil ich so viel arbeiten muß. — (Ein Kenner.) Vor Gericht fragt der Präsident: „Sie haben einen Fußtritt auf die Schulter erhalten, und zwar des Nachts. Wie konnten Sie den Angreifer erkennen?" — „Ich kenne den Stiefelabsatz genau, ich bin sein Schuster." (Militärische Verwarnung.) „Kommt mir der Kerl morgen wieder mit so kurzgeschorenen Haaren, so lasse ich ihn auf drei Tage in's Loch stecken!" Räthsel. Es braust ein Reiter über's Gefilde weit, Sturm ist sein Roß, und Wasser sein Panzerkleid. Daß um das Haupt ihm blauer Helmschmuck walle, Das siehst Du nicht vor finsterer Locken Schwalle. Das aber siehst Du, wie sein Auge glüht Und durchs Visir die zorn'gen Flammen sprüht; Und seiner Stimme dröhnendes Erheben Macht auch den festen Erdengrund erbeben. Auflösung des Räthsels in Nr. 64: „Ares, Eros, Eris, Iris." Wt die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des» Literarischen Instituts von 0e. Max Huttler. -4 Nr. 67 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Schluß.) Aber das Unglück, das sein Opfer so grausam verfolgte, erregte dir Herzen Derer, die Zeuge davon waren und flößte ihnen Mitleid und Bereitwilligkeit zur Hilfe ein. — Ungeachtet aller Thätigkeit, die entfaltet wurde, hatte die Untersuchung des Raubes keinen Erfolg gehabt. Aber, wie bereits erwähnt, war die arme Mutter zum Ersatz hiefür auf ihrem Schmerzenslager von so wohlwollenden, gefühlvollen und opferwilligen Leuten umgeben, daß sie kaum in ihrer Hcimath eine bessere Hilfe hätte finden können. Als Mariele nach einigen Wochen bittern Leidens endlich wieder hinlänglich genesen war, um einen Entschluß fassen zu können, war in ihr immer mehr der Wunsch rege, wieder in ihre Berge zurückzukehren; es war allerdings nicht ohne Bitterkeit für sie, wenn sie an die Umstünde dachte, in denen sie sie öerlassen und in welchem Zustande sie wieder dahin zurückkehren sollte, und gewiß war ihr der Gedanke schmerzvoll, daß ihre Kinder dort keine andere Unterstützung zu erwarten hätten, als das öffentliche Almosen; aber, was sie auch zu erwarten hatte, sie war gleichwohl in ihrer Heimath! — Hatte sie dort auch keine Verwandten mehr, auf deren Hilfe sie rechnen durste, so fanden sich doch sicherlich unter ihren treuen Freunden noch großmüthige Herzen, die ihr ihre Hilfe nicht versagen werden. Auch ihre Freunde in Amsterdam, insbesondere der edelsinnige Fabrik- herr, die alle wohl erkannten, wie sehr ihr Herz von der Sehnsucht nach ihrem Vaterlande durchdrungen war, unterstützten diese ihre Wünsche und boten ihr großmüthigst die Mittel an, mit ihren Kindern die Reise unternehmen zu können. Mit dankerfülltem Herzen nahm sie denn endlich die Hilfe ihrer Wohlthäter an und verließ an einem schönen Commertag mit ihren Kleinen die Stadt, nachdem sie Tags vorher noch am Grabe ihres theuren Mannes, den sie so sehr liebte, mit welchem sie ihre glücklichsten Tage verlebte und dessen sterbliche Ueberreste sie leider hier im fremden Lande zurücklassen mußte, inbrünstig gebetet und auch noch des Himmels Segen auf jene Herabgerufen hatte, die ihr so liebevoll Beistand leisteten, sie trösteten und^sie dem Abgrunde des Elends entrissen hatten. — Diese lange Reife, weift zu Fuß, war eine neue ebenso harte wie schmerzvolle Probe für Marie, welche früher nie aus ihrem engen Thal« gekommen ivar, wo sie sich nur freundlichen Entgegenkommens ihrer Nachbarn zu erfreuen hatte. Von ihren vier Kindern waren nur die zwei ältesten kräftig genug, um kleine Tagemärsche machen zu können, die andern mußten meist getragen werden, wobei die neunjährige Therese sie voll Muth und Ergebung bestens unterstützte. — Ach, wie lange schien der armen Frau in den ersten Tagen der Weg, mitten durch ein flaches, einförmiges Land! — und oft, wenn sie an die Länge ihrer Wanderung und die Entfernung ihrer Heimath dachte, kam ihr die Furcht und Bangigkeit an, daß in Folge der andauernden Anstrengung ihr oder ihren Kindern ein neuer Unfall begegnen, und sie ihrer Mittel berauben könnte, bevor sie ihr Ziel erreicht hätten. 530 . — Schon die Bibel thut den Ausspruch: „Der Herr ist der Nährer der Wittwen und der Vater der Waisen", und unsere armen Reisenden konnten in der That erkennen, wie wahr diese tröstenden Worte waren — wie oft trafen sie mitleidige Fuhrleute, die ihnen erlaubten ihr Fuhrwerk zu benutzen und wie oft theilnehmends Menschen, die ihnen guten Herzens Nahrung und Obdach gaben. So durchzog denn die kleine Familie eine große Strecke des deutschen Landes und zwar rascher als sich Mariele beim Beginne der Reise gedacht hatte. Auch das Gemüth der Kinder, insbesondere Therrsen's, deren Muth sich noch keinen Augenblick verleugnete, wurde wieder heiterer, je mehr sie sich den heimathlichen Bergen näherten. Nur Mariele konnte bei dem Anblick der schneeigen Gipfel der Alpen, ungeachtet der Freude, die sie zeigte, sich doch einer gewissen Unruhe nicht erwehren. — „Was werde ich thun . . ." sprach's in ihr — „mit diesen Kindern, in einer Heimath, wo ich keine Aussicht für ihre Unterkunft habe und für mich selbst noch kein Mittel zu einem Fortkommen weiß . . . .? Wird die Barmherzigkeit der Freunde, so willfährig sie auch anfänglich geübt wird, für die Dauer nicht zur Last werden? — —" Als sie endlich an einem schönen Herbftabend die Höhen von Hauenstein erreichte, und das reizende Schweizerland zu ihren Füßen erblickte und die herrlichen Alpen in all' ihrer Pracht glühen sah, da drückte sie ihre Kinder in die Arme, kniete nieder und flehte mit Jnbrust den weiteren Beistand des Allmächtigen an, der sie bis jetzt so mildthätig beschützt hatte. So erreichte sie endlich Luzern. — Der Vierwaldstädter-See zeigte wie gewöhnlich seine azurene Fläche mit seinen herrlichen Bcrgufern und dort jenseits des Pilatus-Gebirges war ihr theures Vaterland. — Welche Erinnerungen, welche Empfindungen und Gedanken erwachten in dem Herzen der armen Frau! — — Nach einem kurzen Aufenthalt in dieser Stadt hatte Mariele schon andern Tags den nützlichen Hang des Berges erreicht, hinter dem Tarnen lag. — Unweit von der Straße stand eine alte Kapelle, welche die heilige Jungfrau mit dem Jesukind einschloß. In ihrer Kindheit hatte Mariele oft auf der steinernen Bank davor gespielt und später dort oft in der Stille der Einsamkeit ihre Andacht verrichtet; so beschleunigte sie denn auch heute ihre Schritte, um diesen Punkt zu erreichen und dort wieder ein Gebet zur heiligen Jungfrau zu senden, daß sie ihr Schutz und Hilfe augedeihsn lasten möge. — Die kleine Familie bot wohl in diesem Augenblick einen ebenso rührenden Anblick, als dir in der Kapelle. An der Brust der Mutter ruhte eingeschlummert der jüngste Knabe; der ältere, der am ganzen Wege an der Hand seiner Mutter gegangen war, pflückte jetzt Blumen, die aus dem Gemäuer wuchsen; Therese, welche ihrer jüngeren Schwester als Führerin gedient hatte, schloß diese nun in ihre Anne und kniete neben der Mutter, in tiefer Andacht betend. Tiefste Stille herrschte ringsum. Die Sonne neigte sich und warf ihre letzten Strahlen auf diese Gruppe, deren Häupter sie wie ein Heiligenschein umgab. — Inzwischen hatten auch zwei schwere Wagen auf der Straße angehalten, und der Mann, der sie führte kam auch herbei seine Andacht zu verrichten und hatte in der Nähe gehalten, von welcher Stelle er die Wittwe mit ihren Kindern gewährte und sie beobachten konnte, ohne von ihnen gesehen worden zu sein. Dieser Mann nun, dessen Haare schon grauten, obgleich seine ausgeprägten Züge nicht so alt schienen, sing beim Gewahren der Betenden plötzlich heftig zu zittern an. Sein Gesicht, welches einen gewissen Ausdruck von Traurigkeit hatte, nahm eine Todesblässe an« seine Lippen bewegten sich, als wie von einer convulsisischen Bewegung erfaßt, er faltete seine abgemagerten Hände und dicke Thränen rollten über seine Wangen. Er blieb einen Augenblick an einen Baum gelehnt als suchte er eine Stütze, dann sank er, einen Schmerzensschrei auSstoßend, zur Erde nieder. Bei dem Tone dieser Stimme fuhr Mariele erschreckt empor und nach der Stelle blickend, woher der Schrei kam, gab sie rasch ihr Kind in die Arme Therrsen's und eilte auf den Unglücklichen los; aber wer malt ihr Entsetzen, als sie die bleichen Züge ge- 531 wahrte! sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und rief: „Leo! . . . o allmächtiger Gott! ..." Es war in der That Leo, der am Boden lag. Wie wir bereits gesagt haben, befand man sich im Herbste; die Ernten in den Bergen waren eingebracht. Der Sommer war schön gewesen und die Alpen hatte» viel gegeben. — Da Leo nur wenig zu seinem Haushalt bedurfte, so waren die Scheunen in seinen beiden Höfen noch reichlich angefüllt und er mußte, um Platz für die neue Ernte zu gewinnen, den Verlaus der alten Vorräthe im Großen vornehmen. Er war daher dieser Tage mit Getreide und Käse nach Stanz gefahren, von wo sie dann zu Wasser nach Luzern gebracht wurden. Mit den leere» Fuhrwerken heimkehrend, hatte er unweit der Kapelle angehalten, um dort sein Gebet zu verrichten. — Sein Herz war mehr bewegt als gewöhnlich. Die Armen, die er unterwegs begegnete, wurden reichlich bedacht und auch der Opfersiock in der Hauptkirche zu Stanz strotzte sozusagen von seinen milden Gaben. Er wußte selbst nicht woher diese Aufgeregtheit rührte; aber seine Seele war froh wie an einem Festtage und die untergehende Sonne und die Abendglocken, die aus allen Orten durch's Thal hallten, gaben ihm eine eigene melancholische Stimmung und Hiebei mußte er immer seines Bruders und seiner Familie gedenken; immer vermeinte er wieder Zeuge des rührenden Abschiedes zu sein» der zwischen Seppli und der Bevölkerung Sarnen's stattfand und ungeachtet aller Anstrengung vermochte er diese Scene nicht aus dem Gedächtnisse zu bringen. Dann gab es auch wieder Momente, wo er sich anklagte, wo er seine Handlungsweise bitter bereute und ein unwiderstehliches Bedürfniß fühlte, im Gebete Trost zu suchen. So traf sich's denn, daß er an diesem Abend, als er sich der Kapelle näherte, die Frau mit ihren Kleinen in tiefer Andacht vor dem Bilde der heiligen Jungfrau knieen sah; eine dunkle Ahnung beschlich ihn, bis ihm bei näherer Betrachtung endlich die Gewißheit wurde, daß es Mariele mit ihren Kindern war. „Allmächtiger Gott! habe Erbarmen mit mir!" rief er, am ganzen Körper schaudernd, von Gewissensbissen gepeinigt beim Anblick dieser armen Geschöpfe, deren Unglück er geschaffen hatte! wie sah diese frische und schöne Frau vor ehedem, gealtert, von Kummer geblaßt, von den Strapazen und Entbehrungen erschöpft aus! . . . und wo war sein Bruder Seppli? — und unter einem Schmerzensschrei sank er zu Boden. Als Mariele in diesem Mann ihren Schwager erkannt hatte, lief sie an die Straße, um die Kutscher zu rufen, die bei den Wagen zurückgeblieben waren. Auf ihr Rufen in ihrer Herzensangst liefen sie herbei und bebten vor Schrecken zurück, als sie Leo wie todt am Boden liegen sahen. Mariele schickte nun einen derselben gleich nach der nächsten Quelle, während die beiden andern ihren Herrn aufhoben und an die Mauer trugen, die noch von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet war und sein Haupt in den Schooß Marielr's legten, die am Rasen Platz genommen hatte. AIs der Mann den mit Wasser gefüllten Hut brachte» goß sie einiges auf das Gesicht des Kranken, rieb ihm Stirn und Schläfe und suchte ihm welches in den Mund zu bringen. — Nach einiger Zeit gab Leo endlich ein Lebenszeichen. Als er die Augen aufschlug, richtete er sie auf Mariele; aber seine Blicke waren irre und er war sich nicht bewußt, was er gewahrte. Die Anstrengung, die er machte, um sich zu erheben, war fruchtlos; sein Haupt fiel zurück und nach einem schweren Kampfe, drang eine Menge schwarzen Blutes aus seinem Munde. „Einen Arzt, um Himmelswillen l" rief Mariele, »das ist ein Blutsturz, ein Arzt inuß herbeigeholt werden!" Einer der Knechte lief sogleich zu den Wagen, spannte ein Pferd aus und ritt eilends nach Sarnen; aber die Entfernung war groß und es verging doch viel Zeit, selbst wenn gleich einer der beiden Aerzte des Ortes zu treffen war. Mariele gab dem Unglücklichen eine bequemere Lage, auf daß sich sein Zustand thun- lichst lindern mochte. Der Blutsturz erneuerte sich nicht. Das Einzige, was er dringlichst verlangte, war Wasser und sie bot ihm welches in ihrer hohlen Hand, worauf er die 332 ^ugen schloß und sein Haupt am Busen Derjenigen ruhen ließ, deren Existenz er vernichtet hatte. Eine klare Erinnerung schien ihn indeß zu verfolgen, denn er faltete von Zeit zu Zeit die Hände und Thränen netzten seine Augen; auch Mariele weinte bitterlich und trocknete sorgsam die gefurchten Wangen ihres Schwagers. Endlich sprach er mit schwacher und gebrochener Stimme: „O Mariele, erkennst Du die Hand Gottes? . . . Kannst Du mir verzeihen ehe ich vor seinem Nichterstuhle stehe? ... Ich habe für Dich und Deine Kinder gesorgt .... aber wo ist Seppli? ist er mir vorangegangen? . . ." „Ja, er ist todt!" erwiderte das arme Weib mit vor Thränen erstickter Stimme. Leo neigte das Haupt und schwieg im tiefen Schmerze einige Zeit, dann feine Hände auf das Herz pressend und tiefe Seufzer ausstoßend nahm er wieder das Wort: „Ach, wie das brennt und kracht hier innen! .... es wird wohl bald zu Ende sein .... sag' mir, Mariele, hat mir Seppli verziehen? .... ist es schon lange, daß er gestorben ist?" „Er hat Dir verziehen und Deiner in seinem letzten Gebete nicht vergessen!" „Dem Himmel sei Dank dafür .... und Du, Mariele, kannst auch Du mir verzeihen?" „Möge Dir Gott verzeihen, Leo, wie Seppli und ich Dir verziehen haben!" „O Gott! wie groß ist Deine Gnade! .... bete für mich, Mariele! . . ." Die Anstrengung, die er zum Sprechen machen mußte, hatte den letzten Nest seiner Kräfte erschöpft. Neuerdings guoll Blut ihm aus dein Munde, krampfhafte Zuckungen ; bewegten seinen ganzen Körper .... dann wurde er ruhiger, als habe ihn eine Ohnmacht befallen. — Als der Arzt endlich kam und Leo untersuchte, war sein Ausspruch: ^ „ich komme zu spät — er hat geendet!" Mariele mußte alle ihre Kraft anstrengen, um nach diesen ergreifenden Scenen s sich wieder zu sammeln und wendete zunächst alle Sorgfalt darauf, der sterblichen Hülle : Leo's die letzte Ehre zu erweisen, indem sie ihn zu Lungern zunächst den Gräbern feiner Eltern bestatten ließ. ! Nach der Eröffnung des Testaments, welches Leo unmittelbar nach dem Tode t seiner Frau errichtete, erfuhr Mariele, daß er sein ganzes Vermögen, mit Ausnahme ' einer frommen Stiftung, seinem Bruder Seppli oder dessen Erben vermacht hatte. : -i- * * Eine lange Zeit ist nach diesen Begebenheiten verstrichen. In den beiden vor Lungern gelegenen Höfen herrschte jetzt ein glückliches und thätiges Leben und Gottes Segen ruhte sichtlich auf deren Bewohnern. Der Eigenthümer des neuen Anwesens heißt gleichfalls Seppli; es ist der ältere Sohn Marielen's, das wahre Ebenbild seines t Vaters; er hatte ein braves, rühriges Weib und sah sich von einer munteren kleinen ^ Familie umgeben. — Die schöne Therese bewohnte das ältere Haus mit ihrem Manne, ' der durch seinen Charakter und seine Liebe ihr die glücklichsten Tage bereitete. — Die j beiden anderen Kinder Seppli's sind ebenfalls verheirathet und in der nächsten Umgebung ! ansässig. — Mariele bewohnte abwechselnd die beiden Höfe und man sah sie viel hin- j und hergehen, immer umgeben von ihren muntern, kleinen Enkeln, die mit aller Liebe i an der guten Großmutter hingen. Sie war noch eine rüstige Greisin, der aber die Zeit, ^ ungeachtet der harten Schläge, die sie betroffen hatten, nicht die Schönheit geraubt hatte, > die stets der Widerschein einer edlen, liebreichen und heitern Seele ist. ! Am Hochzeitstage, der der gleiche für die beiden ältesten Kinder war, ließ Mariele j über den Thüren der beiden Häuser, mit großen Buchstaben die noch heute sichtbare Inschrift: „zur Eintracht" setzen, um ihre Lieben daran zu mahnen, daß der böse > Geist immer sucht den Samen der Zwietracht in die Herzen der durch die Bande der Freundschaft verbundenen Menschen zu werfen und daß sie deshalb stets auf ihrer Hut ' dagegen sein sollten. Ost erzählt die gute Frau ihren aufmerksam zuhorchenden Enkelein'L i)üc> von ihrem guten Großvater und wie sehr sie ihn geliebt hatte und nicht selten weilen auch die Eltern in diesem Kreise und hören mit tiefer Bewegung diesen Erzählungen der » geliebten Mutter zu. Damit schloß der gute Mann seine Mittheilung und empfing unseren wärmsten Dank hiefür und unsere lieben Leser mögen versichert sein, daß wir mit ganz besonders regem Interesse an diesen beiden Anwesen wieder vorübergingen, in denen sich diese Erzählung hier zugetragen hat und nun mit einer gewissen Ehrfurcht diese Inschrift „zur Eintracht" lasen. Goldrörner. Arbeit Hot bittere Wurzel, aber süße Frucht, Arbeit genug wird finden, wer sie sucht. Wer Armen gibt, gibt Gott die Gabe, Almosen mindert nicht die Habe. Nicht immer geht's im raschen Laus; Gemach jährt man den Berg hinauf. Nicht alles Krumme macht man grad, Nicht ebnen läßt sich jeder Piad. Wer seine Besserung aus's Alter spart, Hat seine Sache gar schlecht verwahrt. Beten ist zu jeder Arbeit gut, Es verleiht den rechte» Sinn und Muth. F. Bcck. Das neue «chlotz des Königs von BsKM'tt» Das „Echo" bringt aus den „Dnily-News" folgende Beschreibung dieses Schlosses: König Ludwig II. von Bayern ist jüngst nach München zurückgekehrt, nachdem er die letzten vier Monate auf seinem Landsitze Neuschwanenstein zugebracht. Dies ist das neueste und prächtigste seiner zahlreichen Schlösser und kann sich hinsichtlich der Große an die Seite der berühmtesten Schlösser auf dem Festlande stellen. Neuschwanenstein steht auf dem vereinzelt dastehenden Tegelselscn, gegenüber dem wohlbekannten Hohen- schwangau, und zwei Zugbrücken verbinden es mit den Fahrstraßen auf beiden Seiten. Das Schloß hat eine Höhe von sechs Stockwerken mit reichen Verzierungen in reinem italienischen Styl und zahlreichen Altanen und Eckthürmen, die alle in massivem Granit ausgeführt sind. In der Mitte erhebt sich ein großer Wachtthurm, 360 Fuß hoch, mit zwei Veranda's nahe der Spitze, welche eine großartige Uebersicht über die bayerische» Hochlande gewähren. DaS Dach des Schlaffes ist mit Kupfer gedeckt und in diagonaler Richtung von vergoldeten Platten gekreuzt. Ein gewaltiger Hof führt zu dem prächtigen Portal, das ein Meisterstück der Steinschneidekunst ist. Die Vorderseite des rechten Flügels des Schlosses ist mit zwei 40 Fuß hohen Freskogemäldeu geschmückt, von denen das eine den hl. Georg mit dem Drachen kümpfend, das andere die hl. Jungfrau Maria mit dem Kinde, als der Beschützerin Bayerns, darstellt. Der Sockel dieses Flügels trägt einen broncenen Herold in alter Waffcnrüstung, der die bayerische Fahne hält, während die linke Seite durch einen broncenen bayerischen Löwen geschützt wird. Das Innere dieses königlichen Wohnsitzes ist mit unzähligen Standbildern und doppelten Säulen in der Weise eines genuesischen Palastes verziert und der Glanz der festlichen Räume läßt sich kaum beschreiben. Die Decken sind mit Stückarbeit überladen, die Wände mit Freskobildern von den ersten Münchener Malern verschönert. Die Gegenstände dieser Gemälde sind der Geschichte der bayerischen Könige von 1806—1867, den Vorfällen des französisch-deutschen Krieges von 1870 und 1871, an welchen bayerische Truppen theilnahmen, wie auch den letzten Musikdramen Richard Wagnsr's dem „Ring der Nibelungen" und „Parsifal" entnommen. Die Fußböden der Säle sind theils in musivischer Arbeit, theils aus verschiedenem Holz in harmonischen Mustern gearbeitet. - 534 — Die Zimmer des Königs befinden sich im sechsten, Stockwerk«, sie bestehen in einem * Arbeitszimmer, einer Bibliothek, einem Schlafzimmer und einem Empfangszimmer für die Minister. Das königliche Arbeitszimmer ist mit den Marmorbüstcn der Eltern des Königs, Richard Wagner's, des Generals v. der Tann, des Herr» v. Lutz und August Heigl's, des königlichen Privatsekrctärs geschmückt, wie auch mit einem Gemälde, das einen Auftritt aus Wagner's „Rheingold" darstellt. In diesem Zimmer erhielt der König die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Freundes Wagner. Das vierte und fünfte Stockwerk enthält die großen Säle, die zur Aufstellung der ausgedehnten Büchersammlung und der Waffen- und Münzensammlung bestimmt sind. Das Erdgeschoß schließt eine großartige Treppe mit goldenen Verzierungen ein. Das ganze Schloß wird mit elektrischen Lampen, Jabkochkoffkerzen auf den Höfen und Siemens- und Edison- lampen im Innern erleuchtet. Selbst die königlichen Stallungen sind mit Freskogemälden verziert, welche vorgeschichtliche Szenen dastellen. Ein breiter, ausgemauerter Fahrweg führt als einziger Zugang zu der Schloßterrasse, die an einer Seite mit einer gewaltigen, vielleicht 20 Meter hohen Böfchungsmauer gestützt ist. Seitwärts hinter dem Schlüsse, von dein aus man eine wundervolle Aussicht auf das Hochland, den Schwansee und den mit Schwänen besetzten einsamen Alpsee genießt, liegt eine tiefe Schlucht mit dem herrlichen Pöllatfall; darüber führt in schwindelnder Höhe die zierliche, eiserne Maricnbrücke und einen zauberhaften Anblick mag es wohl gewähre», wenn Wasserfall und Schlucht von elektischem Lichte widerstrahlen. Pauliuzelle. Alljährlich ergießt sich der Strom der Reisende» über die Wälder und Berge des lieblichen Thüringens, das den Wanderer ebenso sehr durch seine landschaftlichen Schönheiten, wie durch Erinnerungen aus der Sage und Geschick» lockt und fesselt. Jiiinier bequemer wird es dem durch geistige Arbeit und Slubcnlust ermatteten Städter mit Hilfe des unermüdlichin Dampfrosses gemacht, die tchönstcn Punkte der gesegneten Landschaft mit ihrer erquickenden Waldlnst zu erreichen und fast ohne Mühe, wenn auch im Flug?, die herrlichsten Punkte zu besuchen. Aber so schätzensmcrth auch gute Straßen und schnelle Dampfwagen dem eiligen Reisenden sein mögen, so entziehen sie ihm doch leicht Genüsse, welche seitwärts von der großen Heerstraße aufgesucht werden müssen, die aber eine kleine Anstrengung reich belohnen. Zu diesen vergessenen, wenn auch nicht verkannten Schönbeiten des Landes gehört das an- »nithig gelegene, von jchwarzbewaldcten Bergen eingerahmte Dorschen Pantinzelle mit seiner altehrwürdigen Klosterkirchenrüine. Wer früher zu Fuß oder zu Wage» Thüringen durchstreifte, wird schwerlich das reizende Schwarzburg oder das lieblich« Ilmenau besucht haben, ohne Pauliuzelle zu berühren. Heut zu Tage ist das meist anders, wenigstens für die Reisenden, die zu Wagen den Weg machen. Die Fahrt von Ilmenau nach Schwarzburg ist durch die Bahnstrecke von Ilmenau nach Gehren und durch eine vom letzteren Orte ausgehende von einem Omnibus befahrene Chaussee so erleichtert und verkürzt worden, das; Jedem, der PanlinzcUe nicht kennt und der Schönsürberei seines Reisehandbuches mißtraut, die Versuchung nahe tritt, die alte Klostcrruine, die unserer modernen Zivilisation so fern liegt, nnbefticht zu lasten. Ja, noch mehr! Die Kutscher, entweder aus Rücksicht für ihre Pferde oder aus anderen Gründe», bestimmen ihre Fahrgäste nach Kräften, den Weg über Pauliuzelle zu meiden und den kürzeste» Weg zwischen Ilmenau und Schwarzbnrg cinzuschtagen. So wunderbar es auch klingen mag — die edlen Rosselenker tragen in vielen Fällen den Sieg über die Absichten der Reisenden davon. Wer einige Mal bemerkt hat, in eine wie thörichte Abhängigkeit von Wirthen, Kellner», Kutschern, Führern sich ein großer Theil des reisenden Publikums begibt, wie gedankenlos es nach ihren nicht immer uneigennützigen Rathschlägen seine Neisepläne ordnet und ändert, den wird es nicht wundern, zu hören, daß alle diese Faktore dazu beigetragen haben, das reizende, romantische Pauliuzelle seines srühere» reichen Besuches zu berauben. Und doch strahlt diese entthronte Königin der Klosterruinen noch in demselben Glänze, wie in früheren Jahren! Noch heute verdient sie die Huldigung aller Derjenigen, in denen das Gefühl für die stumme Schönheit „steinerner Gedichte" nicht erloschen ist. In diesen Hallen, die trotz ihrer Zerstörung das Herz erheben und erbauen, empfinde» wir schmerzlich, daß der Protestantismus auch manche schöne Stätte des Gottesdienstes vernichtet und verloren hat. Da, wo Jahrhunderte lang sich fromme Beter wohl kaum mehr, als jetzt das kleine Tors Einwohner zählt, in einer Kirche versammelte», die eine Zierde jeder Stadt wäre, sehlt heuzutage ein Kirchlein, und eine Stunde weit müssen die Andächtigen zmn nächsten Kirchdorfe wandern I .Und doch, wie wenig Mühe und Auswand hätte dazu — 5^5 — gehört zur Zeit der Reformation und von da an, diese Perle kirchlicher Baukunst unversehrt zu erhalten!— Die prältige, im reinsten romanischen Styl gebaute Kirche, deren großartiges oben freilich offenes Mittelschiff mit seinen Stinten und Rundbogen uns Rückschlüsse auf ihren Glanz und ihre Größe gestatten, stammt anL dem Ende des elste» Jahrhunderts oder vielleicht aus dein Jahre 1106: in diesem Jahre scheint Pauline, die Stiften» des Klosters, eine Tochter des Grase» Morichv, der bei dem Kaiser Heinrich i V. ei» Hosamt begleitete, und Gemahlin eines Grafen Udalrich, vom Papste Paschntis U. in Rom selbst die Bestätigung für ihr Kloster i erlangt zu haben. Sie nnd ihr Sohn Werner, Letzterer nach einem beweglen Kriegerlebeu, haben sich in diese köstlicbe, dazumal freilich ungastliche Waldeinsamkeit zurückgezogen; um Beide schaarten sich gottergebene Männer und Franen, die wir Jene der Welt entsagten und ein Mönchs- und Nonnenkloster bildeten, das der Regel des heiligen Benedikt sich anschloß. Den ersten Abt aber erbat sich Pauline aus der Benediktinsrabtsi Hirschan in Schwaben; die Reise, welche sie dahin unternahm, brachte ihr unerwarteter Weise den Tod; sie siel vom Pjerde, brach den Arm und starb an den Folgen der Verletzung im Kloster Schwarzbach bei Würzburg am 14. März 1107. Ueber ihre Lebensfchicksale ist kaum etwas bekannt; sie machte mit ihrem Gemahl eine Wallfahrt nach Compostell-', hatte fünf Kinder, darunter drei Töchter, von denen de siingste, gleichwie die Mutter und der älteste Bruder, sich nach dem Tode ihres Gatten dem geistlichen Stande widmete. Tast die später heilig gesprochene Pauline hier begraben wurde, ist bezeugt; von ihrem Sohne ist es anzunehmen; aber keiner der wenigen Grabsteine, deren Bildwerke nnd Schrist- züge fast unkenntlich geworden sind, gehört der frommen Frau an. Leider muß unscre Bewunderung und Wißbegierde sich damit begnügen, in den todten und doch so beredten Steinen zu lesen. Bergeblich wünschten wir, von dem genialen Baumeister dieses kühnen Baues, besonders auch des erhaltenen einen Nebenportals, das uns mit seinen Fensteröffnungen darüber anschaut, wie Thcodorich's Kaiserpalast i» Navenna, zu hören, wenn wir über den weichen Rasenteppich schreiten, der jetzt die ehemaligen Fliesen ersetzt oder bedeckt — wir erkennen nur, daß er sein Vorbild jenseits der Alpen gesucht, auch das arabische Wnrseloruamcnt in dem christlichen Gotteshause nicht verschmäht hat, aber alles sichere Wissen fehlt uns; die Phantasie darf hier ungestraft ihre lustigen Schwingen entfallen. Trotzdem hier die durch ihre wissenschaftliche Arbeit anderswo weltberühmten Veiiediltincrmönche gewaltet haben, ist keine Spur ihrer Thätigkeit geblieben. Die erhaltenen Urkunden des Klosters überliefern uns nur öde Enzelheiten, Namen von Aebten, Bezeichnungen von Beamten, Schenkungen und Vertrüge. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, da die Steine mehr verrathen — aber dann wird auch die jetzige Lrnmmerherrlichkeit in Schutt und Staub gesunken sein: wenn der alte Grundstein einst ausgedeckt wird, mögen unsere Enkel aus den darunter geborgenen Documentcn vielleicht noch Einiges erfahren, was uns unbekannt bleibt. -Zum Glück ist die Zeit noch fern; heutzutage ist die schwarzbnrg-rudolftädtische Regierung bemüht, diesen Schmuck ihren! Lande zu erhalten, der den Stürmen des Bauernkriege?-, dem Blitze nnd der Vernachlässigung getrotzt hat. Mögen wir in Thüringen die Spuren unserer großen Dichter suchen oder den Dust roman- tischer Erinnerungen athmen wollen, — Paulinzelle bietet uns Beides. Hier hat Goethe in stiller Zurückgszogenheit 1817 seinen Geburtstag begangen, um den ihm gerühmten „großartigen Anblick" zu genieße», er. bewundert die uralten Kolossal-Ziegel nnd klagt, daß „die Reformation das Banwerk m die.Wüste versetzt habe, worin es entstanden." Neummdzwanzig Jahre früher, 1738, hatte auch Schiller von dem mir jüns Stunden entfernten Rndvtstadt aus Paulinzelle besucht und seinen Namen in das lecder verloren gegangene alte Fremdenbuch eingetragen. Aber anregender noch als diese Erinnerungen wird jeden Freund der Natur nnd Kunst ein Mondjcheinabend in der Ruine stimmen; ein solcher läßt uns nur den Dichter vermissen, der, weniger kühl als Goethe, das alte Kloster und ' seine Kirche in diesem liefen Waldfricden zum Mittelpunkt seiner Dichtung macht. (Tägl. Rundschau.1 >c - Mise-rren. (Poetische Gerichtsscene.) Angeklagter kommt in den Gerichtssaal und spricht: »In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht." — Präsident: „Schweigen Siel" — Angeklagter: „Heiß mich nicht reden, heiß' mich schweigen, denn mein Geheimniß ist mir Pflicht." — Präsident: „Ihr Name?" — Angeklagter: „Name ist Schall und Rauch, ich heiße Johannes Rauch." — Präsident: „Wie alt?" — Angeklagter: „Ich bin so alt, um nie zu scherzen; zu jung, um ohne Wunsch zu sein, 38 Jahre." — Präsident: »Ihr Beruf?" — Angeklagter: „Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt, bin Schriftsteller." — Präsident: »Sie sind beschuldigt, iu der Nacht voin 14. auf 15, groben Unfug verübt zu haben." — Angeklagter: „Nacht muß es sein, wo Friedlands Stttne leuchten." — Präsident: „Bekennen Sie sich schuldig?" — Angeklagter: ! „Sonderbarer Schwärmer!" — Präsident zum Gendarm: »Da der Angeklagte die ! Achtung vor dem Gerichtshof verletzt hat, so führen Sie ihn in die Haft!" — Angeklagter: „In diesen Mauern, in diesen Hallen, will es mir keineswegs gefallen." (Schlagender Beweis) „Du Seppel, weißt Du, was der Vorsteher neulich in der Gemeindeversammlung gesagt Hai? Wir zwei wären die streitsüchtigsten und rauflustigsten Burschen im ganzen Dorfe. Heut' Abend beim Nachhansegehen von, Wirthshaus passen wir ihm auf und hauen ihn so lange, bis er einsieht, wie Unrecht er uns gethan hat." (Begründete Verinuthun g.) In einer gerichtlichen Bekanntmachung war zu lesen: „Man hat in der Elbe eine Leiche aufgefunden, ganz in Stücke zerhackt und in einen Sack genäht. - Es dürfen dies Umstände sein, welche jeden Verdacht eines Selbstmordes ausschließen." (Abgeblitzt.) „Und ich glaube einmal nicht, daß es einen Geist gibt ; was ich nicht mit Augen sehe, glaube ich nicht; was sagen Sie dazu Herr?" „Sie mögen recht haben, ich bin z. V. der Ansicht, daß Sie kein Loth Hirn im Kopse haben, denn ich sehe nichts davon." (Steigerung.) Schülerin (einen Aufsatz vorlesend): — und er siel um und war todt. — Lehrerin: Das ist kurz gefaßt, Du hattest da schon etwas hinzufügen dürfen, damit der Schluß mehr Eindruck aus den Leser macht. — Schülerin (sich verbessernd): — und er siel um und war mausetodt. (In der JnstruktionSstunde.) Feldwebel: was haben Sie zu thun, wenn Sie auf Posten stehen und den Jnspektionsoffizier kommen sehen?" — Rekrut: „Jn's Gewehr rufen." — Feldwebel: „Warum?" — Rekrut: „Damit — damit die Wachmannschaft weiß, daß sie die Karten verstecken soll." (Keine standesgemäßen Hosen.) Hans: „Mama, ich möchte auch Pumphosen haben, wie des Amtmanns Fritz; die gefallen mir so gut." — Mama: „Entsetzlich, Hans, der Sohn eines Kommerzienrathes und Pumphosen! Für dich schicken sich. nur bezahlte Hosen." (Unerwarteter Aufschluß.) Pfarrer: „Aber Buben schämt ihr euch denn nicht, auf offener Straße zu raufen? Nach euerer Aehnlichkeit scheint ihr gar Brüder zu sein! Was würden eure lieben Eltern darüber sagen, wenn sie euch sehen würden?" — Buben: „Uijeh, die raufen erst recht mit einander!" (Im WirthsHause.) Gast: „Mir scheint, Herr Wirth, der Wein ist schon gewässert." — Wirth: „Ein paar Tropfen verträgt er schon noch. Ich kann ja nicht wissen, wie viel Wasser jedem Gaste zuträglich ist." (Das richtige Thema.) Eine Frau von 60 heirathete einen jungen Mann von 25 Jahren. Der Prediger, der dies Paar trauen sollte, wählte die Textesworte: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was Sie thun." (Abgeblitzt.) Ein eingebildeter Geck sagte zu einem Darbierjungen: „Hast Du auch schon einen Affen rassirt?" — „Nein, mein Herr," erwiderte der Junge, „aber wenn Sie sich setzen wollen, will ich es versuchen." (Geburtsanzeige.) Einem Fleischermeister wurden Zwillinge geboren. Er meldet dies sofort seinen Eltern in folgender Weise: „In Eile thue ich Euch zu wissen, daß wir eben zwei Zwillinge bekommen haben. Das nächste Mal mehr! Euer A." (Geschmacksache.) Zwei Bauern stritten sich, was am besten schmecke« „Nu," sagte Hans, „der Kuß meiner Grete ist das Süßeste aufErden." — „Bah," rief Tösfel, „da hast Du wohl noch nie Speck und Erbsen gegessen." Räthsel. Zu dein Ersten, um zu tanzen, Eilt vergnügt die junge Welt; Auf dem Zweiten bei dem Ganzen Fiel im Waffcntanz ein Held. Auflösung des Räthsels in Nr. 66: „Das Gewitter."- Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max.Huttler. zur Nr. 68. > -rs - > Samstag, 25. August 1883. Der Schloßherr von Hnineck. Novelle von Joseph Grineau. (Nachdruck Verboten.) Schloß Haineck ist ein weit ausgedehnter, stattlicher Herrensitz. Es liegt auf einer mäßigen Hochfläche, abseits von der Verkehrstraße, von welcher eine lange und schnür» grade Allee hochschüssiger Pappeln abbiegt und nach dem Schlosse führt. Eine umfangreiche Blauer zieht sich darum und scheidet von den anschließenden Ackerfeldern Schloß und Park ab. Und eS ist dies ein prächtiger Park, voll tiefgrüner Einsamkeit und wildkrästigcr urwüchsiger Waldnatur, der unter seinen hochstämmigen grau- bemoosten Baumriesen die vollendetsten Exemplare der deutschen Waldbäume ausweist und in seinem Schatten tiefe, stille Weiher birgt, in denen sich Schilf und Binsen und überhängende Tannenzweige spiegeln. Das Schloß ist ein imposanter Prachtbau, in einem Style erbaut, der den Ueber- gang von der Renaissance zum Barockstil zeigt. Die stolze Fayade trägt reichen architektonische» Schmuck, ohne jedoch damit überladen zu sein; sie ist frei von allen den geschmacklosen Ausschreitungen, die fast als ein Charakteristicum jener Periode der Baukunst gelten. Sonnige, heitere Tage und glanzvolle Feste sind einst an Schloß Haineck vorüber gerauscht, als noch seine, stets heiterein Lebensgenüsse huldigenden Besitzer ihren festen Wohnsitz da hatten. Doch anders war es zu Beginn unserer Geschichte« Verhallt und verklungen waren die Töne, und traumhafte Stille lagerte auf dem einsamen Schlosse, in dem der gegen» wältige Besitzer, der junge Freiherr Rudolf von Haineck, der Einzige seines Stammes so selten weilte. Nur einmal im Jahre, wenn Maler Herbst mit seinem farbengesättigten Pinsel den Park streifte und den reichen Blätterschmuck in schillernde Gold- und Scharlachtinten taucht, dann erklang das Hüsthorn im weiten Schloßhofe und sein schmetternder Ruf weckte wie mit Zauberinacht ein buntbewegtes, lärmendes Treiben. ' Der Schloßherr kam dann mit einem ansehnlichen Gefolge jugendfroher Genossen, die mit ihm die Lust und Wonne des edlen Waidwerkes theilen wollten. Und wie einst in entschwundener Vergangenheit tönten die stolzen Hallen wieder von fröhlichen Klängen,' und neues, lusterfülltes Leben zog hinein! Doch nur wenige Wochen — und die lärmenden Gäste verschwanden, wie sie gekommen. Stille ward es wieder, traumhaft still! — Und langsam kam dann der Winter herangeschritten und breitete sein weißglänzendes Leichentuch über Schloß und Park, und sie ruhten versunken darin wie in tiefem märchenhaften Zauberschlaf. , Der wackere Castellan, dem der Schnee des Alters so glänzend vom Haupte leuchtete^ 538 saß dann an den langen Winterabenden behaglich in seinem großen Lehnstuhl neben dem riesigen Kachelofen und ließ sich sein Pfeifchen schmecken, während seine treue Lebensgefährtin das schnurrende Spinnrad drehte. Es war dann so überaus wohnlich und traulich in dem behaglich durchwärmten Zimmer, und die beiden kinderlosen Alten plauderten zusammen und vertieften sich in die Vergangenheit und in Erinnerungen an den guten seligen Herrn, oder sie sprachen von dem jungen Baron Rudolf und beklagten, daß der sogar selten und immer nur auf so kurze Zeit in dem Schlosse seiner Vater Einkehr hielte. Damals, als der alte Freiherr gestorben war, und Baron Nusolf, der als Offizier bei einem Reiterregiment« in der Hauptstadt stand, rasch seinen Abschied nahm, da glaubte man sicher, er werde sich nun, wie es sein Vater gewünscht auf lein schönes Familien- schloß zurückziehen und hier nach alter Väterweise seine Tage verbringen. Allein die Hoffnung zeigte sich balv als eine trügerische. Man gab sich in der Residenz alle Mühe, den glänzenden Cavalier, der der tonangebende Löwe der Salons war, festzuhalten. Und es war dies eine leichte Mühe; war es ihm doch unmöglich den Verkehr mit den flotten Kameraden zu entbehren, von einer Welt sich zu trennen, in der er eine so glänzende Rolle spielte, Gewohnheiten zu entsagen, die schon so tiefe Wurzeln n ihm gefaßt. Und er blieb, und hielt fest an seiner gewohnten Lebensweise, die für seine reich« beanlagte Natur keinen andern Zweck wußte, als die Kräfte zu zersplittern an nutzlosem Tand, das Leben zu vergeuden in leeren Nichtigkeiten. Doch machte er sich darob keine Vorwürfe. Er war ja schon zu sehr angekränkelt von der Anschauungsweise einer Gesellschaft, die so äußerst tolerant, selbst die schlimmsten Neigungen eines „Cavalier oomms i> kaut" als „noble Passionen" zu entschuldigen weiß. Anders jedoch dachte der alte, treue Diener des Hauses, dessen Erkennen ungetrübt geblieben. Er liebte seinen jungen, gnädigen Herrn von ganzem Herzen und tief bekümmerte es ihn, daß die edlen und fruchtverheißenden Blüthen, die an dem Lebensbaume desselben geprangt, von dem wilden Unkrauts böser Gewohnheiten ganz überwuchert wurden. Der Sommer war in's Land gezogen und hatte all' seinen Zauber und seine Pracht über den Park ausgegasten. Der Baron pflegte diese Zeit sonst stets in einem fashionablen Luxusbade zuzubringen; wie sehr erstaunte deshalb der Castellan, als er plötzlich einen Brief von seinem Herrn erhielt, in welchem dieser mit kurzen Worten befahl, Alles vorzubereiten, ihn in Begleitung eines alten Verwandten, des Generals von Horsten und dessen Tochter in einigen Tagen auf Schloß Haineck zu empfangen. Am bestimmten Tage wurde der Wagen zur nächsten Bahnstation geschickt, der wenige Stunden darauf mit den erwarteten Gästen rasselnd durch's Schloßthor einfuhr. Es war ein alter, hochgewachsener Herr, der zuerst ausstieg. Die stramme Haltung, der kühne, feste Blick und der stattliche graue Schnurrbart kennzeichneten den Militär, wenngleich die Kleidung eine bürgerliche war. Aber das martialische Gesicht mit den festen, wettergebräunten Zügen trug einen ungemein biederen und vertrauenerweckenden Ausdruck. Langsam sah er sich im weiten Schloßhofe um, dann flog sein Blick leuchtend, wie mit einem stummen Gruß über die lange Fensterreihe der Frontseite des Schlosses und seine Lippen murmelten endlich halblaut: „Nach vierzig Jahren wieder auf Haineckl Nach vierzig langen Jahren! Gott! welch' ein Unterschied zwischen dem Damals und Jetzt! Und was liegt Alles dazwischen! — Dich finde ich nicht mehr, alter, treuer Freund Haineck, mir den Willkommgruß zu bieten, doch dein Sohn spricht ihn mir heute." Wie verhaltene Rührung hatte es durch die Stimme des alten Herrn bei diesen Worten gezittert, und langsam fuhr er sich mit der Hand über die Augen. Plötzlich traf sein Blick den Castellan, der mit eutblöstem Haupte in ehrfurchtsvoller Haltung dastand. 839 „Ei, noch ein Bekannter aus alten Tagen!" rief der Herr lebhaft aus. „Grüß' Gott, Werner! Wie ist es Ihnen ergangen?" Und herablassend streckte er die Rechte aus, den allen Diener fröhlich zu begrüßen. „Excellenz erinnern Sie sich noch meiner?" fragte dieser, und die Freude über diese Thatsache rathete sein Antlitz. „Man wird doch seiner alten Jugendbekannten nicht vergessen", entgegnete leut« selig der General, „und zumal, wenn dieselben, wie die unsrigen, so sehr zusammengeschmolzen sind, dann freut man sich doppelt, wenn man einem begegnet." Unterdessen war der Schloßherr mit einer jungen und sehr schönen Dame näher , gekommen, der er galant den Arm geboten hatte. Sie war eine schlanke und elegante Gestalt; die frappante Familienähnlichkeit mit dem alten Herrn ließ sie sogleich als dessen Tochter erkennen. Es waren dieselben scharfgeschnittenen Züge mit dem Gepräge sicherer Festigkeit und edlen Kraftbewußtseins, dieselben klaren Augen, die so ruhig und fest bis auf den Grund der Seele zn blicken schienen. Mit Bewunderung blickten die Diener dem Paare nach, und man konnte in der That kaum ein schöneres sich denken, als die imponirende Männergestalt des Freiherrn mit dem schlanken und doch kräftigen Wüchse und die vornehme, sympathische Frauen- erscheinung, in deren Bewegungen sich Hoheit und Adel ausprägten. „Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit", sagte der Castellan, nachdem die Herrschaften im Portale verschwunden waren. „Eine lange Zeit", wiederholte er sinnend, „und was machen sie für eine Veränderung! Hätt' ich doch in dem alten, grauen Herrn kaum wieder den schmucken, flotten Baron Horsten erkannt. Doch in der huldvollen Freundlichkeit ist er derselbe geblieben, die hat ihm die Zeit nicht nehmen können." „Sein Vater", erzählte er seiner Frau, „sein Vater und der Großvater unseres gnädigen Herrn waren Bruder; doch weil Baron Horsten früh elternlos geworden, ist er in Haineck mit dem seligen Herrn erzogen worden. Die beiden waren wie Brüder, ein Herz und eine Seele, und hat es daher dem seligen Herrn nicht wenig Leid gethan, als sein treuer Genosse in's Ausland ging und in britische Dienste trat. Er hat wohl oft geschrieben, wie es ihm ergehe — und es ist ihm sehr gut ergangen, hat es in seiner Cariöre zum General gebracht und eine reiche Tochter Albions geheirathet — allein nicht einmal hat er in der langen Zeit seine Heimath besucht, und jetzt kommt er endlich als alter Mann, aber der selige Herr sollte nicht mehr die Freude des Wiedersehens erleben." „Und die schöne, freundliche Dame ist seine Tochter?" sagte die Castellanin, „die wäre eine passende Gemahlin für unseren Herrn, wenn er endlich an eine Vermählung denken wollte. Dann kämen wohl auch die alten Zeiten für Schloß Haineck wieder." s »Ihr Frauensleute habt doch nichts als Heirathen im Kopf", unterbrach sie der Castellan, halb brummend, halb lachend, „doch diesmal, Alte, hast du einen Wunsch ausgesprochen, dem ich aus Herzensgründe beistimme." * Am Morgen des anderen Tages trat Baron Haineck früh hinaus in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch fast gar nicht geschlafen, und wenn er wirklich einmal ^ die Augen geschlossen, so hatten, ihn wirre Traumbilder immer,wieder aus dem Schlummer aufgeschreckt. i Denn eine seltsame Aufregung und Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, die sich / von dem Tage des Erscheinens seiner schönen Cousine aus England datirte. l Es war ein prächtiger Sommermorgen voll Duft und Glanz. Die Lerchen stiegen , jubelnd in das Aetherblau, und aus den Zweigen der Bäume erschallte der tausendstimmige Chor der gefiederten Sänger wie ein Lobgesang des Herrn. Auf den Rasenflächen, die in frischein Grün sich ausbreiteten, schimmerte diamantengleich der Thau, den die Strahlen der Sonne gierig aufsogen. Die rvarmgoldenen Lichttöne umflutheten die weißen Statuen, die esfectvoll im Parke aufgestellt waren, und spielten zitternd auf dem glänzenden Wasserspiegel des großen Schloßteiches, auf welchem in majestätischer Ruhe zwei stolze Schwäne ruderten. Aber die grellen Lichtreflexe thaten den müden Augen des Freiherrn wehe. Tiefer schritt er in den Park« dort, wo die dichtstehenden Waldbäume ihre mächtigen Aeste ausstreckten, da lockte so köstlicher Schatten her, dort war es so lauschig kühl und waldeinsam. Und er wandelte dahin auf thaufrischen Pfaden, als ihm plötzlich vom Rande eines kleinen Weihers ein Helles Kleid aus dem Laube entgegen leuchtete. Wer konnte das sein? Leise trat er näher. Auf einer primitiven Holzbank saß ruhig und regungslos seine schöne Cousine Edith, den Kopf an den Stamm einer hohen Tanne gelehnt, die Hände lässig im Schooße gefaltet. Der Freiherr stand still, und sein Blick ruhte voll leuchtender Bewunderung auf der ruhenden Mädchengestalt im Schatten, um deren flechtengekrönten Kops nur einige Streifleichter, die sich durch die Zweige stahlen, spielend tanzten. Sie schien ganz versenkt in den Zauber, den die Natur hier entfaltete, und ihre Sinne schienen gefesselt von dem reizenden, poesiegetränkten Waldidyll, das sich ihnen erschloß. Jenseits des hohen Staketes, welches den eigentlichen Wildpark — einen Park im Parke — umzäumte, graste friedlich ein Nudel Edelwild, und die schlanken, graziösen Thiere waren so nahe, daß man ihre schönen Augen hell glänzen sa. Oben aber in dein Blätterwerk der Bäume hielten kleine Waldvögclein zwitschernd Zwiesprache miteinander, und zwei muthwillige Eichhörnchen sprangen zierlich hüpfend von Ast zu Ast. Plötzlich wandte Edith den Kopf, und Baron Haineck trat näher. „Welche Ueberraschung, meine gnädigste Cousine", rief er mit warmem, freudigem Gruße, „ich glaubte Sie noch in tiefem Schlummer nach den Strapazen der gestrigen Reise, und statt dessen unternehmen Sie zu früher Morgenstunde schon Streifzüge durch den Park und berauben mich grausam des Vergnügens, Sie zuerst hier umher zu führen." „Es ist nicht meine Gewohnheit solche köstliche Morgen zu verschlafen", sagte Edith ruhig, „da lockt es mich hinaus in's Freie, denn zu dieser Stunde ist man mehr wie sonst empfänglich, die Schönheiten der Natur zu genießen und ruhig auf sich wirken zu lassen." „Dann finde ich wohl kaum Verzeihung, daß ich in diese weihevolle Stimmung hereinbreche", entgegnete der Freiherr. „Doch sehr freut es mich, daß Haineck soviel Gnade vor Ihren schönen Augen gefunden, daß Sie ihm einigen poetischen Reiz abzugewinnen vermögen." „Es ist schön hier", erwiderte Edith einfach, „nur nimmt es mich Wunder, daß der Eigenthümer selbst so wenig die Schönheit seines reizenden Besitzthums zu würdigen weiß und sein festes, dauerndes Heim hier nicht findet." Er zuckte die Achseln. „Wer mag sich, so lange er noch Lebenslust in sich pul- firen fühlt, in eine weltverschollene Einsamkeit begraben! Denn was nützt da alle Poesie der Natur, so ganz abgeschieden von der Gesellschaft, ist auch der schönste Flecken Erde nur eine Wüste. Da ich aber", fuhr er lachend fort, „wie meine Freunde sagen, „zum Bären" zwar einiges Talent habe, jedoch zum „Wüstenkönig" gar keines, so lebe ich lieber in der Welt, als daß ich mich hier durch Langeweile langsam tödten lasse." (Fortsetzung folgt.) 641 Zur Biographie des Ringes. Bon Klara Reichner. * Von allem äußerlichen Schmuck des Lebens — maa er so reich und glänzend als nur möglich sein — gleicht keiner wohl an Alter, und zugleich an Ticse der Bedeutung dem zuweilen ziemlich unscheinbaren Ringe. Auch der Gebrauch des Ringes ist ein so allgemeiner und beliebter von jeher gewesen, wie nickt leicht bei einem andern Zierrath es der Fall. Ob aus edelm oder uuedelem Metall geformt, ob an Fingern, Armen, Ohren, ob aus dem Kopfe, in den Haaren, an den Fußknöcheln oder Fußzehen, ja, ob sogar in der Nase getragen: er ist und bleibt ein treuer Freund und Genosse der ganzen Menichheit — antiken wie modernen — wenn er auch nicht immer und überall nach »wrgen- iändischer Sitte als Symbol der Treue betrachtet ward und wird. Der Ursprung des Ringes ist so alten Datums, daß er mit der alten Sage zusammenfällt: — die griechische Götterlehre wäre danach als die eigentliche Heimath und Wiege des Ringes zu betrachten. Als nämlich Prometheus das Feuer vom Himmel entwendet hatte, und zu seiner Strafe an einen Felsen geschmiedet worden war, suhlte endlich Zeus, der Göttervater selber, Mitleid mit dem Gefesselten, den er — dieser Regung folgend — nun zwar befreite, jedoch, zum Andenken an dessen Unthat und diese Edelthat, ihm einen Ring an den Finger steckte, den das Oberhaupt der Götter höchsteigeuhändig aus den eisernen Banden des Prometheus fertigte, und als Wahrzeichen und Zier- rath ein Stückchen von den: bewußten Felsen mit hineiusetzte. — Soweit die Sage und Mythologie der Griechen, während nach der Lesart der Juden der Ursprung des Ringes im Paradies bei Sta»:- inntter Frau Eva zu suchen wäre. Jedenfalls ist sicher, daß die Spur der ersten Ringe sich bis in's nebelgraue Alterthum zurück- verliert, und auf das Morgenland zurückzuführen ist. — Die Hebräer bedienten unter Andern: sich des Ringes schon mit Vorliebe; sie besaßen Fingerreise, aus verschiedenen: Metall gefertigt, und zu Kennzeichen verschiedener Rangklassen dienend, denn die Zahl, sowie die mehr oder mindere Kostbarkeit der Ringe, galten für die Inhaber als Beweise von größerer oder geringerer Vornehmheit. Auch Siegelringe wurden schon getragen, jedoch anderer Form als heut' zu Tage, weil man sie nicht nur mit den: Namen des Besitzers, sondern zugleich mir einen: Bibelsprüche zu versehen und sie an einen: Bande aus der Brust zu tragen pflegte, während die Frauen Reife aus Metall, Perlmutter, Elfenbein, Horn und dergleichen um Knöchel oder Oberarm als Zier benutzten. Dagegen waren die jetzt allgemeinen Ohrringe rwar schon bekannt und auch getragen bei den Juden, galten aber als Knecht- schastszeichen. Aus dem Morgenlandc kau: die Sitte Ringe zu tragen, dann zu den Griechen und durch diese zu den 'Römern — so bürgerte der Ring sich in Europa ein! — Bei den Griechen war der Ring ei» ganz besonders weihevolles Zeichen; er wurde dort zur letzten Gabe eines Sterbenden für Den, bei welchem er besonders sich die Erinnerung sichern wollte, und der Brauch reicht noch bis in die Gegenwart hinein, so schlug er Wurzel; auch zu»: Zeichen der Nachfolgerschaft ward der Ring gewählt, und in diesem Sinne als letztes Geschenk dem Betreffenden übergeben. Nicht minder geehrt wurde der Ring bei den Römern, wenn auch in anderer Weise. Bei ihnen galt zu Anfang der schlichte, eiserne Fiugerreif, so »»geziert er war, als ei» schmückendes Ehrenzeichen, das nur Ritter und Senatoren tragen durften, bis die goldenen Ringe Mode wurden, welche man als eine Art von Amtszeichen z. B. den Gesandten mit auf den Weg gab, die man in's Aus- land schickte. Allein die Zeit, in welcher der Ring eine so auserlesene Rolle spielte, verlor sich mit den: wachsenden Ueberflup der römischen Berhältuisse; der ursprüngliche Eisenreif ward nunmehr Privilegium der Plebejer, während der goldene überall unter den höheren Stände:: zu erblicken war, und auch als TapferkeitSbelohnnng für die Soldaten verwendet wurde, die ihn nicht nur au der Hand, sondern auch, wie eine Medaille, an: Brustpauzer trugen. Nach und nach wurde endlich der Gebrauch des Rings so allgemein, daß in der Kaijerzeit jeder freie Bürger das Recht hatte, ihn zu tragen. So kam es, daß die Ringe immer kostbarer wurden, und nicht nur durch Edelsteine verziert, sondern auch als Petschast dienten, indem diese Steine oft geschnitten — meist Köpfe von berühmten Personen — waren und förmliche Kunstwerke bildeten. Reiche Leute trugen damals schon viele Ringe an den Händen, ja, bisweilen zwei oder drei an jedem Finger, während sogar wohlhabende Bürger ihre „Sommer- und Winterringe" besaßen. — Daß die römischen Damen den Männern nicht nachstehen wollten, da, wo und wenn es galt, Pracht und Lurus zu entfalten, ist wohl klar, und so berichtet denn schon tadelnd der berühmte Scneka, daß die Römerinnen jener Zeit mit Ohrringen sich zu schmücken liebten, welche ganze Vermögen verschlangen. Die Ohrringe sind überhaupt von jeher mehr von Frauen als von Männern getragen worden, wenn auch — nach Plinius — in früheren Zeiten im Orient fast jeder Mann sich solcher bedient habe» soll, und wenn auch bei den Arabern die Sitte sich erhielt. Jedenfalls gab der Ohrring nicht nur den alten Römerinnen Gelegenheit, ihre Prachtliebe zu zeigen, — auch andere Frauen anderer Nationen haben ihnen nachgeeifert und thun dies zum Theil auch noch. So zum Verspiel schmücken d:e Frauen an der Küste von Malabar sich jetzt noch mit Ohrringen, von denen Jeder an — zwei Psund Gewicht hat! Weniger allgemein und beliebt als der Ohrring, ist natürlich der Nasenring geworden, welcher früher indessen größeren Beifall als gegenwärtig sich zu erfreuen hatte. Zur Zeit hat dieser sogenannte Schmuck nur noch seine Zufluchtsstätte an indische» Nasen gefunden, während er außerdem nur noch bei Gelegenheit des Zähmens wilder Thiere: Bären u. s. w. in Anwendung zu kommen pflegt. — Noch eigenthümlicher ist freilich die sonderbare Sitte, Lippen- oder gar Kinnringe zu tragen — Ersteres ist indischer, Letzteres Molukkengebrauch. Was die Arm- und Funringe anbelangt, so sind dieselben zum grünten Theil in der früheren Anordnung verschwunden. Unser heutiges Armband ist nur noch ein schwaches Ueberbleibsel von jenen einstige» Spangen und Reifen, mit denen man sich früher schmückte; — die indischen Bajaderen z. B. und auch Frauen anderer Orte, trugen alle Finger und Zehen mit Ringen überdeckt. Im Ganzen aber tritt uns doch die Wahrnehmung entgegen, daß der Ring in seiner verschiedenen Gestalt ursprünglich in eben solchem, ja noch höherem Grade das Eigenthum des Mannes gewesen, und nach und nach erst Privilegium der Frau geworden ist. — Die Egvpter benutzten goldene Ringe sogar als Münzen, während andere Völker deren von Eisen für denselben Zweck verwendeten. — Auch als Orden wurden früher goldene Ringe verwendet, so bei den Kriegern der alten berühmten afrikanischen Stadt Carthago, welche nach jedem Feldzug, au dem sie Theil genommen, von ihrem Feldherrn zum Andenken einen Ring bekamen, wie man später den Soldaten Tapserkeits- vder Erinnerungsmedaillen verlieh. — Als Hanmbal, der berühmte Feldherr der Carthager, die die Römer 216 in der Schlacht bei Caunä besiegt hatte, wurde von dem Senat zu Carthago ein ganzer Scheffel Ringe ausgeschüttet, als Symbol der Vernichtung des römischen Adels. Derselbe Hannibal trug in seinem Siegelringe Gift verborgen, als Schutz- und Erlösungsmittel etwaiger Ge- stmgenschaft; er machte auch wirklich im Jahre 183 v. Chr. seinem Leben, um sich vor schimpflicher Auslieferung an seine Feinde zu retten, mit diesem Gist ein Ende. Ein anderes Volk, die Peruaner, betrachtete Ringe wie Ordenszeichen, das heißt sonderbarerweise die Ohrringe. — Dagegen galt im Mittelalter der Ring aus edelem Metall, um Hals, Arm w er Bein, zuweilen auch um Arm und Bein, als Merkmal eines Gelübdes, das die Ritter thaten; — überhaupt war der Ring ein Symbol der Freiheit, Treue und Ehre. Unfreie dursten keine Ringe tragen — das Geschenk eines solchen seitens ihres Herrn bedeutete für sie die Freiheit. Und — sonderbarer Kontrast — während einerseits der Ring die höchsten Guter der Menschheit zu vertreten hat, diente und dient er andererseits zugleich als Zeichen von Gefangenschaft und Schande — wenigstens in seiner Form von Eisen, die doch ehedem so ehrenvoller Bedeutung — vorzüglich bei den Römern — sich erfreute. Nicht nur die Kette des Gefangenen besteht aus Eisenringen — auch der Verbrecher der Galeere ist an einen Eiseuring geschmiedet, und nach altdeutschem Brauch stand es auch den Gläubigern zu, dem Schuldner einen Ring von Eisen um den Arm zu legen, als sichtbaren Beweis von dessen Schuld und Haftbarkeit, den Jedermann erkennen konnte, damit der saumselige Zahler aus diese Weise stets ein Wahr- und Mahnzeichcn mit sich umherzutragen hatte, das er natürlich baldigst zu entfernen trachtete. Eine Art von Mischung dieser verschiedenen Bedeutungen findet sich bei dem altgermanischen Völkerstamm der Katten, welche von Jugend auf einen Eisenreis tragen mußten, bis sie durch irgend eine Heldenthat seiner sich entledigten. So war der Eiseuring für den Knaben das Natürliche, für den Jüngling ein Gegenstand, den er je eher je lieber los zu werden trachten mußte, und für den Mann ein demüthigendes Abzeichen von Unehre und Feigheit, — folglich findet man hier die verschiedenen Bedeutungen des Ringes trotz ihres anscheinenden Widerspruchs, dennoch zu einem Sinn vereinigt. Wie so es kommt, daß gerade der Ring nicht nur ein Gegenstand des Schmuckes in verschiedener Form geworden, sondern zugleich von jeher stets und überall durch eine tiefe Symbolik sich ausgezeichnet hat? Vielleicht liegt das zum Theil in seiner Form, die etwas in sich Geschlossenes, Abgeschlossenes, Vollendetes, die nicht Anfang und nicht Ende hat. Und diese geheimnißvolle, an die Ewigkeit gemahnende Form des Ringes spielt ja den Zauber ihrer Kraft bis in die grauen, schimmernden Lustgebilde der Märchen und Sagen hinein, wo der Besitz, das Geschenk, das Drehen so eines kostbaren oder gar Zauberringes bekanntlich eine große Rolle spielt; aber nicht nur Wunderdinge, auch Glück und Segen knüpfte sich oft an die Geschichte eines Ringes, der zum Familienkleiuod ward, oder sonst irgend eine tiefere Bedeutung für den Besitzer hat. Schon die alten Deutschen betrachteten den Ring als Mittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, weil er sie durch seine Form an ein von ihnen als glückverheißend geschätztes Thier: die Schlange, erinnerte; ähnlich so war es auch bei den Juden, die in dem Ring nicht minder einen Talisman gegen Ungemach und ein Heilmittel erblickten. Die Römer gaben sehr viel darauf, Ringe von besiegten Feinden zu erhalten; so wurde z. B. der Kopf des Pompejus dem siegreichen Cäsar mit einem Siegelring im Mund Überfracht. — Bei der Investitur eines Bischofs erhält dieser vom Papste einen Ring, außer dem Hirtsn- stab, als Sinnbild, und als ehedem noch Venedig seine Dogen besaß, warf Jeder derselben am Himmelfahrtstage jeden Jahres einen Ring in's Meer, als Symbol seiner Vermählung mit dem Meere. — Die alten Skandinavier schwuren beini Ringe ihres Tempelgottes die feierlichsten Eide und gab man ehedem einem vertrauten Boten seinen Ring mit aus den Weg, so war dies ein untrügliches Zeichen für dessen Legitimation, und bei den Turnieren ward ost heiß und eifrig um den Ring einer Dame, der als Preis dem Sieger zuerkannt wurde, gestritten. Zur Zeit aber der Königin Elisabeth von England tauschten Liebende gar sonderbare Ringe aus, als Symbol der Treue, freilich nicht aus Metall bestehend, sondern nur durch ihre Form an einen Ring erinnernd, das heißt „Er" gab „Ihr" einen Ring aus Binsengeflecht, und „Sie" gab „Ihm" irgend einen Gegenstand — ein Band, ein 543 Tuch rc., das sie getragen, und welches er nun ringartig um den Hals oder das Gelenk der Hand sich schlang. Daß die Verlobung?- und Eheringe als Symbol der Liebe, Treue und der Ewigkeit meist am vierten Finger der rechten Hand getragen werden, ist ja allgemein bekannt; minder bekannt därite vielleicht das „Warum" sein- Weil nämlich beyauptet wird, daß von gerade diesem Finger eine Ad.r direkten Wegs zum Herzen sührt. — Einst bestanden die Verlobungsringe oitmals aus zwei Halsten, die bis zur Heirath von den beiden Verlobten getragen wurden, und erst bei Gelegenheit der Hochzeit zu einem ganzen Ring verbunden wurden, welchen formn die Frau zu tragen hatte; auch bestanden bei den Verlobungen die Ringe zuweilen halb aus Gold und halb aus Silber, während Eheringe häufig anstatt nur die Namen der Galten und allenfalls ein Datum innen zu tragen, wie dies jetzt der Fall ist, durch allerlei Inschriften nebst Herzen, verschlungenen Händen und dergleichen verziert waren. Noch im vorigen Jahrhundert galt der Ring als Vorrecht für die höheren Stände — jetzt hat dieses Privilegium aufgehört — wenigstens ist der Ring am Finger allgemein gebräuchlich bei allen Kulturvölkern, bei jedem Stand und Rang, ohne deshalb sei e tiefere Bedeutung zu verlieren, die er noch heut zu Tage besitzt, wie sonst kein anderer Schmuck des Menschen. Goldkörner. Es verräth kein gutes Herz, Treibst du mit dem Ernste Scherz. Leid' und meid'! Das lieble leide, das Böse meide, So wirst du siegen über beide! Geschehenes zum Besten wende, Das Schaden sich zum Nutzen ende. Die Gesunden und Kranken Haben ungleiche Gedanken! Der Kranke und der Gesunde habe» ungleiche Stunde. Gut Gewissen und armer Herd Ist mehr als alle Schätze werth. Bös' Gewisse», böser Gast, Hat nicht Ruhe hat nicht Rast. Gewonnen mit Ehr', Deß wird immer mehr. Fragen, lernen, lehren, Bringt Manchen zu Ehren. Wer in Frieden will walten, Muß leiden und stille halten. Vom Funken sängt das Feuer an, vom Feuer brennt das Haus, Versuchung ist zu böser That ein Funke; lösch' ihn aus! F. B eck. Mise-llen. („Nit luege, nit luegel") Von der Landesausstellung in Zürich wird folgende köstliche Geschichte erzählt: Ein Primarlehrer aus einem ziemlich entlegenen Dorfe hatte auch, wie viele seiner Collegen, den Weg nach Zürich genommen, um den 6 bis 10jährigen seiner Leitung anvertrauten Jüngelchen einen Begriff von der Größe, der Produktionskraft und dem Genie des Vaterlandes beizubringen. Aber leider war man spät angekommen; man hatte sich wahrscheinlich mit dem Gaffen bei den herrlichen Zuckerläden versäumt — kurz, es blieb zum Besuche der Ausstellung nur wenig Zeit mehr übrig. Um nun aber doch das Programm auszuführen, wurde die Schaar durch den Jndustriepalast geführt oder vielmehr gejagt, denn der Dorfpädagoge, die Uhr in der Hand, rief den Kindern beständig zu: „Nit luege, nit luege!" Und richtig, es gelang, man kam athemlos aus der Ausstellung heraus und noch rechtzeitig zur Bahn. Schweiß» triefend stieg die kleine Schaar ein, und tief aufathmend, stopfte sich der gewissenhafte Lekrer ein Pfeifchen. 544 (S p erl i n g s b ra t e n.) Unter der Überschrift „Sperlingsbraten" enthält die neueste Nummer der „Vogelwelt" einen sehr zu beherzigenden Aussatz. Im Anschluß an denselben wollen wir über den bereits gerichteten Sperling zwar nicht noch einmal zu Gerichte sitzen, ihn weder verdammen, noch vertheidigen, wollen aber doch seinem Nutzen — für die Küche einige Worte widmen. Dr. Schleh, eine bedeutende Kapazität in der Sperlingsfrage, giebt zwar zu, daß des Sperlings Schaden dessen Nutzen wohl übersteige, allein dies berechtige noch nicht zu einem völligen Vernichtungskriege, vielmehr sei der Versuch zu machen, den Schaden auf menschenwürdigere Art, als durch den die Landwirthschast schädigenden Ausrottungskampf zu paralpsiren. Dagegen empfehle sich eine vernünftige Kontrole über seine Vermehrung und die Neduktionsvornahme, besonders zur Zeit der Ernte, d. h. kurz vor oder nach derselben, mittelst Pulver und Blei. Aber während der Brutzeit ihn zu vernichten, sei verwerflich und nicht rationell; vielmehr müsse man, wie für Staare und Meisen an leicht zugänglichen Orten Brutkasten anlegen und die Jungen zur geeigneten Zeit ausheben. Dr. Schleh wendet sich dann an die Hausfrauen bezüglich der Zubereitung des Sperlings und möchte gern in den modernen Kochbüchern Rubriken finden über „geröstete Sperlinge, Sperlinge in Brotkrusten, Sperlingsbrüstchen mit Trüffeln, Sperlinge mit Reis u. a. in." Gekochte Sperlings geben bekanntlich eine überaus kräftige Suppe, auch gebraten oder als Ragout dienen sie als delikate Speise. So weit vr. Schleh. Sind, so müssen wir nunmehr fragen, wir denn nicht thöricht, wenn wir — die feine, wie die bürgerliche Küche, der Reiche wie der Taglöhner — dieses schätzenswerthe Naturgeschenk gleich einem Uebel noch länger verachten? Gewöhnen wir uns nur einmal daran, dann werden wir sicher den Genuß des jungen Sperlingfleisches nicht mehr meiden. Aber auch die älteren Sperlinge geben eine vorzüglich kräftige Suppe. Dabei soll sehr zu empfehlen sein, wie ein alter Spatzen- sreund wissen will, wenn man das rasche Garkochen derselben durch noch eine Messerspitze voll kalzinirte Soda unterstütze, und dann die gekochten Sperlinge wie Hülsen- srüchte durchschlage, wodurch eine feine, substanziöse, kräftige Suppe sich herstellen lasse. (Ein hübsches Künstler-Geschichtchen) wird aus Paris gemeldet. In einem der besuchtesten Cafös kam es zwischen einem Musiker und einem jungen Bankier zu einem Auftritt. Der Musiker — ein Konzert-Virtuose — sprang auf, riß sein Visitenkarten- portefeuille aus der Rocktasche und reichte dem Beleidiger eine Karte, die dieser mit großer Ruhe zu sich fleckte. Achtundvierzig Stunden später traf der Musiker den Finanzmann wieder auf der Straße. Er stürzte auf ihn zu: „Mein Herr, Sie haben mir noch nicht Genugthuung gegeben! . . ." „Im vollen Umfange entgegnets der junge Bankier; „Sie haben mir vorgestern ein Billet zu ihrem gestrigen Konzert gegeben, ich habe das Konzert besucht, Sie spielen gehört, was wollen Sie noch mehr?" Der Musiker wars dem Bankier einen wüthenden Blick zu und seinen Eifer verwünschend, der an der Verwechselung der Karten Schuld war schob er von dannen. (In der Menagerie.) Erster Schusterjunge: „Ne, nu ist er gar zu den Löwen m den Käfig gekrochen. Das ist Courage!" — Zweiter „Schusterjunge: „Ach, wa^ Courage! Hat sich was! Wenn meine Meesterin im Kasten stärke, ginge er nicht hinein.. Räthsel. (Für Lateiner.) Es flogen Silbe Eins und Zwei Geschleudert in die Weite; Nennt man die Silben Zwei und Drei, So denkt man an die Breite; Zur Höhe ragt das Ganze frei, Dem schönsten See zur Seite. Auflösung des Räthsess in Nr. 67: „Saalseid." , Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. —7 Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 69. 1883. M „Äiigsittirger postzeituirg." Mittwoch, 29. August Der Schloßherr von Dnineck. Novelle von Joseph Grinean. (Fortsetzung.) Edith sah ihren Vetter verwundert an, und leicht kräuselten sich ihre rothen, fein* geschnittenen Lippen: „Langeweile, das ist ein Wort, welches sich nur im Lexicon schlaffe* und kraftloser Naturen findet. Würde sich nicht genügende Beschäftigung hier bieten, um alle Langeweile zu verscheuchen?" „BeschäftigungI" Ter Freiherr schüttelte sich mit einer komischen Bewegung, und übermüthig erklang sein frisches Lacken. „Beschäftigung! Ich glaube, Cousinchen, Sie möchten mir die Rolle eines stillzusriedenen Krautjunkers vindiciren, der in erbaulicher Weltabaesäpedenheit mit Hacke und Spaten in der Hand seine Scholle bebaut." „Es ist nicht nöthig Hacke und Spaten in die Hand zu nehmen", entgegnete Edith ruhig; „es kommt nur darauf an, daß man seinen Platz richtig ausfüllt und in ernstem streben und nutzbringendem Wirken seine Aufgabe vollbringt." Nun, meinen Platz fülle ich ja aus", entgegnete er mit einem Anfluge von Selbst» bewußtsein. „Ich weiß, was ich als der einzige Repräsentant eines alten Stammes diesem schulde, und treu meinem Wahlspruche: vkUgsl" bin ich stets bestrebt, gewissenhaft meine Pflichten gegen die Gesellschaft zu erfüllen." Diesmal war es Edith, die über die Begriffsverwirrung ihres Vetters lachte, der in leerem, äußerem Tand seine Pflichten erkannte. Kopfschüttelnd erwiderte sie: „Unter der Gesellschaft verstehe ich nicht nur einen exclusiven Kreis hochgeborener Menschenkinder; nein, ich glaube die Gesellschaft, die unserer Hülfe am meisten bedarf, auf deren Wohl segensreich einzuwirken in unserer Macht liegt, das ist die Gesellschaft, gegen die wir Pflichten haben, und die zu vernachlässigen ein schweres Unrecht, eine Sünde ist." Baron Haineck biß sich aus die von einem hübschen, dunklen Bärtchen beschattete Oberlippe und wie verhalltener Aerger klang es durch seine Antwort, die er in etwas ironischem Tone gab: „Sie haben wunderbar ideale Ansichten vom Leben, Cousine. Schade nur, daß ich mich für diese Menschheit beglückungsvolle Ansicht absolut nicht eigene, und es auch durchaus nicht meinem Geschmack zusagt, mit meinen Bauern zu verkehren." Edith war aufgestanden, um in's Schloß zurückzukehren und ihrem Vater nach gewohnter Weise den Morgengruß zu bieten. Stumm und schweigend schritt der Freiherr neben ihr her. Er war unzufrieden mit sich, daß es ihm nie gelingen wollte, bei Edith mit dem Brillantfeuerwerk seines glänzenden Esprit Effekt zu machen, daß jede Unterhaltung mit ihr, vertieft durch ihre ernste Lebensauffassung «ine so eigene Richtung erhielt und ein« so neue Wendung nahm. Was war es doch, daß diese Cousine mit ihrer einfachen und schlichten Weise ihm, dem weltgewandten Manne den Boden des sicheren Selbstgefühles, auf dem er stets so fest gestanden, plötzlich wankend machte? 846 Wie leicht war es ihm stets gewesen ein Frauenherz zu gewinnen! Wie verheißungsvoll hatten ihm, der nicht nur für den begütertsten Edelmann des Landes, sondern auch für den schönsten Mann am Hofe galt, alle Blicke entgegsngestrahlt! Und hier diesen klaren, ruhigen Augen, die es ihm so wunderbar und eigen angethan, stand er machtlos gegenüber, und alle seine Künste versagten. „Sie ist freilich aus anderm Stoffe, wie die Anderen", sagte er sich seufzend, „aber sie ist kühl bis in's Herz hinein!" Und was war das für eine Idee, daß er hier sein Leben in tiefster Abgeschlossenheit zubringen sollte! Ja, wenn sie einwilligen wollte, ihm ganz zu gehören, dann hätten sie im Anfange hier leben wollen, nur sich und ihrem Glücke. Aber nur im Anfange, für immer ging das ja nicht, denn er müßte seine Gattin dann doch der Welt vorführen, und sie sollte sie bewundern und ihn beneiden. Doch wenn sie einwilligte; ja wenn! Dies waren die Gedanken, die den Freiherrn beschäftigten, und doch nahm Edith tieferen Antheil an ihm, als wie er ahnte. Ihr scharfer und sicherer Blick hatte ja die edlen Grundeigenschaften und Anlagen erkannt, die in seine Seele gepflanzt waren, aber es blieb ihr auch nicht verborgen, daß diese, wie Ranken, denen der Sturm die haltende Stütze entrissen, verkümmert und verwahrlost darnieder lagen. Und ernst dachte sie darüber nach, was geschehen müsse, um die schlummernden Kräfte in seiner Seele zu wecken und dieser einen neuen, kräftigen Aufschwung zu geben, der ihn erhebe aus den sumpfigen Niederungen seines Daseins zur freien Höhe eines ernsten, sittlichen Bewußtseins. Doch so sehr sie sich auch mit diesem Problem das Köpfchen zerbrach, so mußte sie doch nicht, wie sie die Lösung davon finden konnte. * * * Edith von Horsten war ein seltener Charakter. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen, aber frühe schon hatte sie die Mutter verloren, und der General, dessen ganzes Herz an seiner Tochter hing, hatte ihr eine fast männliche Erziehung gegeben. Obgleich nun aber die Festigkeit des Wollens und besonnene Bestimmtheit des HandelnS, die sie dadurch erlangt, das Gepräge eines männlichen Charakters trugen, so hatte sie doch trotzdem Nichts eingebüßt von dem süßen und zarten Duft edler Weiblichkeit. Sie war emporgediehen in der Atmosphäre des Glaubens und der Religiosität» und in dieser Atmosphäre mußten ja alle edlen Anlagen zur schönsten und harmonischen Entfaltung gelangen. Edith's Mutter, die Tochter eines zur Mutterkirche zurückgekehrten Lord's, war von einer glühenden Begeisterung für die heilige Religion erfüllt gewesen. Diese Begeisterung und dazu einen großartigen Wohlthätigkeitssinn» dessen unablässiges Streben es war, Noth zu lindern, hatte Edith nebst anderen schönen Tugenden von ihrer Mutter ererbt. Und wie es ihr ein unabweisbares Bedürfniß war, diesem edlen Zuge ihres Herzens stets zu folgen, so hatte sie auch hier bald mit dem ihr eigenen scharfen Blick die traurigen materiellen Verhältnisse der Landbevölkerung erkannt und war mit Freuden bereit, so weit sie konnte, helfend einzugreifen. Sie berieth sich mit dem alten, würdigen Seelsorger der Gemeinde, und dieser hatte ihr hocherfreut als die Würdigsten der ihrer Unterstützung Bedürftigen, eine arme Forstlauferfamilie mit warmen Worten empfohlen. Es waren die fleißigsten und frömmsten Leute in der Gemeinde, die ihre zahlreichen Kinder in strenger Gottesfurcht erzogen, aber Krankheit war eingezogen in die sonst glückliche Hütte und hatte die brave Frau des Forstlaufers an's Schmerzenslager gefesselt und Kosten verursacht, welche zu bestreiten, das geringe Einkommen nicht ausreichte. DaS Hauswesen lag darnieder, seitdem die fleißigen Hände der Hausfrau nicht mehr 547 schafften und wirkten, und verwahrlost waren die Kinder und ohne Obhut, da der Dienst den Later tagsüber im Wald festhielt. Wenn Edith nun zu früher Morgenstunde durch die thaufrische Waldespracht wandelte, um in der kleinen Dorfkirche die heilige Messe zu hören, die sie ja nie versäumte, so unterließ sie es auch nie in die niedere, verwitterte Hütte am Waldessaum« einzukehren, wo jeder ihrer Besuche still gesegnet wurde. Sie schreckte nicht zurück vor dem Anblicke des nackten Elendes, den so viele zart besaitete Damen nicht ertragen können, und nicht hielt sie ihre feinen, weißen Hände für zu gut, den armen Kranken die niedrigsten Hülfeleistungen zu verrichten. Sie dachte ja nie an das eigene Ich, wenn es galt, für Andere zu sorgen, die ihrer Hülfe bedurften. Und die reinen Freuden, die ein schuldloses Herz am Wohlthun empfindet, gaben ihr einen inneren Frieden, der ihr ganzes Sein so wundersam durchleuchtete, und gleichkam einen stillen Glanz von ihr ausstrahlte, dessen Widerschein in das von Stürmen durchwühlte Herz des Freiherrn wie eine linde Erquickung fiel, daß ihm in ihrer Nähe ein Gefühl überkam, das er nie gekannt hatte. Nur eine Frage, die er sich immer und immer wieder vorlegte, ob auch er wohl wärniere Empfindungen, wie bloße verwandtschaftliche Gefühle in Edith's Seele geweckt habe, konnte er sich nicht beantworten; stets behandelte sie ihn mit der gleichen ruhigen Freundlichkeit und edlen Milde, der auch der leiseste Schein von Koketterie fremd war. Und sie waren viel zusammen die beiden jungen Leute. Oft musicirten sie zusammen, und der Freiherr, der eine bedeutende musikalische Begabung besaß, begleitete Edith auf dem Clavier, wenn sie mit ihrer glockenreinen Stimme, die von einer seltenen Klangschönheit war, mit seelenvollem Ausdrucke ein englisches Lied sang. Oder sie unternahmen auf des Freiherrn prächtigen Nacepferden einen Ritt, wobei sich Edith als eine so tüchtige Reiterin zeigte, daß der ehemalige Reiteroffizier die Segel vor ihr strich. Der General, der von heftigen Gichtanfällen geplagt wurde, mußte zu seinem Bedauern fast meistens das Haus hüten. So stand er denn auch jetzt wieder am Fenster und sah den Beide» nach, wie sie galoppircnd durch das Schloßthor sprengten, und mit sichtbarem Wohlgefallen folgte sein Blick dem schönen Paare. Wie weckte dieser Anblick das Gedächtniß an seine eigene Jugendzeit, wo er und des Freiherrn Vater, zwei fröhliche Genossen, voll überschäumender Jugendlust dahin gesprengt, und die Bilder der Vergangenheit stiegen herauf, golden verklärt vom Strahle der Erinnerung. „Ja, Rudolf ist das treue Abbild seines Vaters", sagte er leise zu sich. „Meine ich doch, ich sähe den Alten, der geradeso stolz, ein Bild des schönsten Ebenmaßes, zu Rosse saß. Aber mein alter Freund war thatkräftiger und entschiedener, und Rudolf kommt mir oft für einen jungen Mann in des Lebens Blüthetagen merkwürdig schlaff vor. — „Was will das heißen", fuhr er kopfschüttelnd fort, indem er finster die buschigen Brauen zusammenzog, „Alles in die Hände des Jnspectors zu legen und um die rationelle Wirthschaft sich gar nicht zu kümmern! Einen sicheren Ueberblick muß man doch stets über sein eigenes Terrain haben, aber für Rudolf scheint mir das Gebiet der Land- nnrthschaft torra inovInitu zu sein." * * * Die beiden jungen Leute jagten in scharfem Trabe dahin durch Felder und Fluren. Edith sah frischer und reizender wie je aus. Das dunkle, knappsitzende Neitcostüm hob vortheilhaft ihre Schönheit; ihre sonst etwas bleichen Wangen leuchteten in lebhaftem Jncarnat, und ihre Augen strahlten voll Jugendlust. Der Freiherr zeigte mit der Reitgerte über die wogenden Kornfelder, die sich rings in gesegneter Fülle dehnten; Alles, soweit man überschauen konnte, bis an den blauen Saum der Waldungen, gehörte zu seinem Besitz. 548 Welch' ei» weites Meer von Halme»!" sagte Edith staunend. »Hier so reicher Ueberfluß und dort unten so bittergefühlte Armuth!" Und sie deutete mit der Hand nach der zum Flusse absteigenden Thalsenkung, wo aus der feuchten Niederung ein Komplex elender, mit armseligen Strohdächern gedeckter Hütte» heraufblickte. „Haben Sir nie darüber nachgedacht, Vetter!", fuhr sie mit einem fragenden Ausblick zu diesem fort, „wie nahe die Kontraste hier liegen? Hat es Sie nie gedrängt von Ihrem Ueberflusse etwas an senrn traurigen Mangel abzutreten?" Der Freiherr runzelte die Stirn. „Sie verschwenden Ihr Mitleid an ein Volk, das es nicht verdient. Dieses Gesinde!, das nicht einmal meine Forsten respectirt, hat jedenfalls seine Nothlage selbst verschuldet." „Aber, wenn Sie die Bittstellerin machen", fuhr er mit einem warmen Blicke fort, „so will ich ja gern meinet! Jnspector anweisen, mit einer ansehnlichen Summe jenen Leuten unter die Arme zu greifen." Edith schüttelte den Kopf. „Damit ist es nicht gethan", «ntgegnete sie rasch. „Sie müssen andere Mitte! ergreifen, um die Existenz diesen Leute besser zu gestalten. Können Sie nicht diese schlechten Wohnungen verbester»? Können Sie nicht Jedem ein kleines Stück guten Feldes zur eigenen Bebauung anweisen? O, glauben Sie, dieses würde gute Früchte bringen, es würde zugleich von sittlicher Förderung auf die Armen sein, wenn dieselben Ihre liebevolle Fürsorge erkennen würden." „Ergreifen Sie diese Ausgabe!" fuhr sie dringend fort, dem Baron ihr schönes Gesicht voll zuwendend, „Wohlthäter der Menschheit zu sein, ist ja die schönste, die segensreichste Aufgabe." Mit ungewöhnlicher Wärme und Begeisterung hatte sie die letzten Wort« gesprochen, daß es den Freiherrn wie ein heimlicher Wonneschauer überkam. „Edith", sagte er plötzlich, indem er sein Pferd dicht an ihre Seite treten ließ und seinen Blick tief und voll in ihr leuchtendes Auge senkte; „Edith, es scheint der Beruf Ihres edlen Herzens zu fein, überall Noth zu lindern und Menschen glücklich zu machen« o, so wenden Sie Ihr Mitleid auch mir zu, geben Sie mir das Glück, und geben Sie Werth und Inhalt einem Leben, das ohne Ihren Besitz unnütz und verloren ist." Erregt und leidenschaftlich klangen feine Worte durch die schwüle Stille des Spätnachmittags, und mit fieberhaft gespannter Erwartung beugte er sich vor, ihre Antwort zu vernehmen. Eine dunkle Blutwelle war in ihr Antlitz gestiegen und hatte es mit glühendem Scheine überfiammt. „Halten Sie ein, Vetter", sagte sie mit bebender Stimme, die sie vergebens zu ruhiger Festigkeit zu zwingen versuchte. „Sie sind von einer großen Selbsttäuschung befangen und halten für wahr, was die Aufwallung des Augenblickes Ihnen nur vorspiegelt. Weder für Sie noch für mich könnte ein Glück daraus werden, wenn wir unser Leben aneinander ketteten. Zu weit geht unsere beiderseitige Lebensanschauung auseinander; und so wenig, wie Sie den mit Ihnen verwachsenen Gewohnheiten zu entsagen wüßten, so unmöglich wäre es mir, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Nie können wir uns zu einem Bunde vereinigen, der die vollkommenste Uebereinstimmung verlangt." „Edith", bat er mit tiefflehendem Tone, „stoßen Sie mich nicht zurück in die un« befriedigende Leere meines Lebens! Warum sollte mir die Liebe zu Ihnen nicht auch die Kraft geben, mich zu Ihrer idealen Weltanschauung zu erschwingen?" „Nein", entgcgnrte sie mit einem leisen Tone von Traurigkeit, „wenn nicht aus höheren Rücksichten Ihre Kraft geweckt wird, wenn Sie nicht durch ernste Pflichterfüllung Ihrem Leben Werth und Inhalt zu geben vermögen, so würden Sie durch mich vergebens diese zu gewinnen suchen, und nie würden sich unsere Seelen finden in einer gemeinsamen Aufgabe.^ «Ist das Ihr letztes Wort, Edith?" fragte er, todtbleich geivarde». „Mein letztes." Sie warfen ihre Neffe herum, riud still und schweigend ritten sie nunmehr dem nahen Schlosse zu. (Schluß folgt.) Das MKirrihaL von Lshr bis AschMenburg. Von In-. Ludwig Herrmann. I. Von Lohr bis Wert heim. Der Main beschreibt von Lohr bis Afchassenburg in vielfachen Krümmungen einen weiten Bogen. Von Lohr zieht er in südlicher Richtung gegen Wcrtheim hin, strömt dann westlich gegen Miltenberg und wendet sich dort nach Norden, um Aschaffenburg zu erreichen. Durch diese weite süd-nördUche Windung umsäumt er den Spcssart. Die Entfernung von Lohr bis Aschassenburg beträgt in der Luftlinie nur 31 Kilometer die Länge der Mainstrccke von da bis dorthin aber 110 Kilometer. Das Mainthal von Lohr bis Aschaffenburg ist reich an herrlichen Landschaftsbildern und geschichtlichen Denkwürdigkeiten und ähnelt dem Nheinthal; auch hier sind mit Neben- geländen geschmückte Berge, stattliche Fürstenschlösser, pittoreske Burgruinen, altersgraue Abteien, am Fuße der Berge idyllische Dörfchen und Siädte mit Giebeldächern, Erkern und spihbogigen Kirchen. Das Nheinthal mit seinem majestätischen Strome und seinen zackigen Schieserselsen ist großartiger, das Maiuthal aber lieblicher. Seine Bundsandsteinberge haben eine sanfte, mehr wellenförmige Physiognomie, mehr abgerundet.« Konturen. Der größte Theil des Spessarts ist mit Bundsändstein bedeckt; auf dem humusreichen Boden dieser porösen, den Einflüsse» der Luft und des Wassers leicht zugänglichen Sandsleingebilde gedeiht die Eiche vortrefflich, besonders wenn sie, wie hier, meist mit Buchen untermijcht ist. Auch die das linke Mainuser begleitenden Berge des östliche» Odenwaldes gehören meist der Buntsandstein-Formation an und sind ebenfalls schön bewaldet. Die von den Sohlen bis zu den Gipfeln herauf mit den prachtvollsten Eichen und Buchen bewachsenen Berge mit ihren mannigfach gekrümmten Seitenthäler» bilden den Hauptschmuck unseres von Poesie, Sage und Geschichte mit einem unmuthigen Schleier umwobene» Mainthales. Einen so üppigen Waldschmuck haben die Berge des Nheinthals nicht. Im Jahre 1843 wurde in Würzburg eine Main-Dampfschiffsahrts-Gesellschast gegründet, welche 8 Dampfer baute, mit denen sie den Main von Bamberg bis Mainz besuhr. Dazu wurde das Mainthal viel von Engländern und Norddeutschen besucht« Leider löste sich im Jahre 1839 diese Gesellschaft wieder auf. Durch die vor zwei Jahren erfolgte Eröffnung der in die Aschaffenburg-Würzburger Bahn einmündenden Lohr-Wertheimer Bahn ist jetzt ein Theil des Maiuthals den Vergnügungsreisenden wieder zugänglich gemacht. Die 38 Kilometer lange Lohr-Wertheimer Bahn läuft längs des rechten Mainufers hin und hat fast an allen schönen Punkten Haltestalionen. Von Lohr an ziehen hohe, von unten bis oben hinauf in dichtem Laubschmuck prangende Berge links des linken Mainufers hin, viele Seitenthäler öffnen sich, aus denen da und dort Kirchthürme hervorlugen und uns ihre Glockengrüße über den Fluß herüber zusenden. Auf dem rechten Ufer treten anfänglich die Waldberge etwas zurück. Die erste Haltestation „Nodcnbach" breiet uns ein liebliches Bild; am rechten Ufer erblicken wir das von üppigen Fluren umgebene Dorf und das schöne Schloß und Hofgut des Freiherr» von Dalberg und gegenüber am linken Ufer das Dorf Pflochsbach. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Station „Neustadt". Das Dorf liegt am rechten Ufer innerhalb eines Halbkreises von Bergen. Hoch empor ragen die zwei viereckigen Thürme der ehemaligen Abteikirche. Am Ufer erscheinen ohne Dachstuhl die Umfassungsmauern der durch eine Feuersbrunst in den sechziger» Jahren zerstörten weitläufigen 550 Ableigebäude. Auf einer Anhöhe schaut aus Bäumen der Thurm der Dorfkirche heraus Am jenseitigen Ufer spiegelt sich das freundliche Dörfchen „Erlbach" im Main. Die Mönche der Abtei Neustavt waren die Pioniere der Kulturentwicklung in Ostsranken. Unter den Männern, die sicy von der kakedonischen Halbinsel bis zum hl. Boni- . facius, dem Apostel der Deutschen, begaben, befand sich auch der Burkard. Dieser zog mit einigen gottbegeisterter Gehülfen nach dem heidnischen Ostfranken, um dort die Leuchte des Christenthums anzuzünden. Im Waldesdickicht des Spessarts am Lohrbache. dort, wo jetzt der „Einsiedlerhof" steht, ließ er im Jahre 732 einige Zellen bauen und begann von hier das Werk der Mission. Pipin „der Kurze" räumte sväter den Misnonairen s in von da l'/z Stunden entferntes, am Main gelegenes Jagdschloß Nohrlaha zur Wohnung ein. Bin Karl dem Großen unterstützt, erbauten sie hier im Jahre 790 die große Benediktinerabtei Neustadt. Die Mönche zoaen junge Eingeborene an sich und bildeten sie zu Lehrern aus, die sie in das Land hinausschickten, nicht nur zur Ausbreitung des Christenthums und zur Milderung der rohen heidnischen Sitten, sondern auch um das Volk zu unterrichten und um ihm Anleitung zu geben zur Urbarmachung und besseren Bebauung des Bodens. Im Jahre 1803 wurde das Kloster säkularisirt, und seine großen Güter wurden dem Fürsten Löwenstein-Weitheim-Rosenbcrg übergeben. Dieser restaurirte die schöne, im Nundbogenstyl erbaute Abteikirche und legte auch einen Park an, der sich von hier bis „Rothenfels", der dritten Station, erstreckt. Auf steilen Roth- sandsteinfelsen ragt das Schloß „Rothenfels" mit seinen Thürmen über den mit Ringmauern umgebenen Marktflecken empor und schaut hinüber nach dem am linken Ufer liegenden Dorfe „Zimmern". Die Umgegend hat eine üppige Vegetation; allenthalben grüne Wiesen, Aehrenfelder, Obstgärten, da und dort Nebengelände rc. Von hier werden viele Buntsandsteinplatten ausgeführt. Das alte Bergschloß wurde 1148 von Marquard v. Grumbach, dem Schirmvogt der Abtei Neustadt, erbaut. Da Grumbach die Mönche furchtbar tyrannisirte, belehnte das Hochstift Würzburg die Grafen von Nieneck mit Nothen- fels und der Schirmvogtci Neustadt. Im Jahre 1631 wurde die Burg von den Schweden zerstört. Von ihr ist nur noch ein viereckiger Thurm und ein Mauerfragment vorhanden. Das neue Schloß hat das Hochstift im Jahre 1751 erbaut. Bis zur neuen Gerichts- orgauisation befand sich in ihm das königlich bayerische Landgericht. — Stromabwärts nimmt die Gegend wieder mehr den ernsten Waldcharakter an. Hier wird der Pfiff und das Brausen der vorüberrollenden Lokomotive von den Bergen zurückgeworfen; mehrfache Echo's beinerkte ich auch weiter unten an Stellen, wo die Berge nahe an das Gestade traten. Wir kommen zur vierten Station Hafenlohr. Das Dorf breitet sich mit seinen Häusern am rechten Ufer aus. Als ich hier im Juni vorüberfnhr, waren alle Häuser beflaggt und mit grünen Eichlaubkränzen geschmückt. Der auf der Firmungsreise begriffene Bischof von Würzburg wurde hier erwartet. In Hafenlohr stürzt sich der Waldbach „Hafenlohr" in den Main, auf ihm wird das Holz von den Bergen herab- geflößt. Die Höhen des ernsten Hafenlohrthals tragen die schönsten Waldungen des Spessarts, den Kern der Eichenvegetation; in den Bergfalten dort gelangt die Eiche zur herrlichsten Entwickelung. Hafenlohr ist der Stapelplatz des fürstlich Löwenstein'schen Holzes. Von hier werden jährlich etwa 24,000 Stere Brennholz und viele große Eich- stümme, sogenannte Holländerstämme, zum Schiff- und Brückenbau ausgeführt. Auf dem linken Ufer wurde im Dezember 1224 eine blutige Schlacht ausgekochten zwischen dem aufständischen altfränkischen Adel einerseits und den Mannen der Bischöfe von Würzburg und Mainz andererseits. Die Leichen von 13 altfränkischen Grafen und von vielen Rittern aus den edelsten ältesten Geschlechtern bedeckten die Wahlstatt. Die Erinnerung an diese „Mordschlacht" haftet noch im Volke; in stürmischen Dezember-Nächten will man Waffengeklirr, Stöhnen und Jammertöne hören, welche der Wind über den Main herübertrage. Die fünfte Haltestation ist „Markthcidenfeld". Das Handel- und gewerbe- 551 treibende Städtchen liegt aber am linken Ufer. Eine schöne rothsandsteinerne Brücke mit sieben stattlichen Bogen führt zu ihn, hinüber. Etwas unterhalb Marktheidenscld erblicken wir bereits in der Ferne am rechten Ufer auf einem vorspringenden hohen Berge aus den Bäumen Thürme und weiße Gebäude emporragen. Dies ist die ehemalige Augustiner Propstei „Tiefenstein". Leider fährt der Eisenbahnzug an diesem schönen Punkt vorüber, ohne anzuhalten. Die Propstei- gedäude sind mit herrlichen parkartigen Anlagen umgeben, die sich bis an das Gestade hinab erstrecken. Gegenüber am linken Ufer erscheint der große Marktflecken „Lengfurt", sich anlehnend an einen ganz mit Nebengeländen bedeckten Berg. Die im Jahre 1102 gegründete Probstei wurde 1803 fäkularisirt und dem fürstlichen Hause Löwenstein-Wert- Heim-Freudenberg überlassen. Der im Jahre 1852 verstorbene kunstsinnige Fürst Carl Friedrich wandelte das Kloster in ein Schloß um und verlegte hierher seine Residenz. Er war der Schöpfer des so schöne Partieen enthaltenden Parks. Fürst Wilhelm hat ein Palais in Karlsruhe, bringt aber meist die Sommermonate in Triefenstein zu. Die hochgelegene Schstoßterrasse gewährt eine freie, herrliche Umschau. Ein Saal des Schlosses enthält interessante alle Gobelintapeten; auf den mit der Hand gefertigten Blldern (Darstellungen aus dem alten Testament) treten die Gestalten plastisch und »och immer farbenfnsch hervor. Die im Rococostyl erbaute Klosterkirche ist mit guten Al-Fresko- Deckengemälden geschmückt. Bon Lengfurt ziehen auf beiden Ufern rebengrüne Berge stundenlang stromabwärts. Auf steilen Kalksteinfelsen des linken Ufers wächst der berühmte „Kaimut", welcher in guten Jahrgängen an Blume und Feuer den spanischen Weinen ähnelt. Wir kommen nun zur sechsten Station „Trennfeld". Das Dorf liegt malerisch dicht am rechten Ufer; gegenüber am linken Ufer ragt über dem Städtchen Homburg in schwindclnver Höhe auf einem grotesken Tuffsteinfelsen das alte Bergschloß „Hohen- burg" empor. Von der karolingischen Beste steht nur noch ein Theil der Ringmauer und ein Thurmsockel; die neue Beste und die in ihr stehenden Häuser wurden vom Hochstifte Würzburg aufgeführt. In den'. Tuffsteinfelsen finden sich viele Höhlen und ladhrinthische Gänge vor. Pipin der Kurze hatte dem hl. Burkard (seit 742 Bischof von Würzburg) für seine Missionäre auch in Homburg einige Häuser eingeräumt. Auf einer Reise von Würzburg nach Homburg im Jahr 753 erkrankte Burkard und starb in einer jenen Höhlen, welche dann zu seinem Andenken in eine Kapelle umgewandelt wurde. Unterhalb Homburg wendet sich, der Main mehr nach Westen. In dem Bestreben, die ihm im Wege stehenden Hindernisse zu beseitigen, hat er dort die äußeren Bedeckungen der linksseitigen Uferhöhcu abgenagt, so daß die weiße Kalkformation zu Tage tritt, welche gegen die hellgrünen Wiesen und Nebengelände und die fernen dunkelen Waldberge grell absticht. Bei dem Dorfe „Bettiugen" am linken Ufer beginnt das badische Gebiet. Hier macht der Main eine beinahe 2 Stunden lange Krümmung, die einen schroff in die Höhe steigenden, von der Sohle bis zum Gipfel dicht bewaldeten Berg von 3 Seiten umschließt, eine Art Landzunge bildet. Den Gipfel des Berges umgibt ein ringförmiger Graben, hinter welchen, sich ein Erdmall befindet — sicher eine allemannische Grenzwehr gegen das Vordringen der Römer. Vom Volke hat sie den Namen „Wetterburg" auch „Wettenburg" erhalten. Gräben und Wälle ohne jede Spur von Mauerwerk waren für das Volk ein geheimnißvolles Räthsel, dessen Lösung die Sage übernahm: Dort oben stand ehedem eine stattliche Ritterburg, welche wegen der grausamen Behandlungen der Armen seitens der Burgfrau während eines UngewitterS unter Donner und Blitz plötzlich in die Tiefe des Berges versank. Bei dem badischen Dorfe „Eichel" vollendet der Main seine Krümmung und strömt dann in einem Bogen Wertheim zu. Auf dem rechten Ufer erstrecken sich die Weinberge bis nach Kreuzwertheim. Bettingen fast gegenüber durchbohrt ein Tunnel den im Weg stehenden Berg. Bei der bald erreichten siebenten bayerischen Station „Kreuzwertheim" geht die Bahn wieder durch einen Tunnel, gelangt, nachdem sie auf einer Brücke den Main überschritten, auf das linke, badische User — am Ende der Brücke steht der gslb- rothe Greazpfahl—, tritt sogleich wieder in einen Tunnel, der sie durch den Schloßberg führt, überschreitet auf einer Brü e die Tauber und erreicht so den auf dem linken Tauberufer liegenden Wertheimer Bahnhof. Bon Wertheini im folgenden Artikel. Himmelsscha« in» Monat September. —Merkur H hat am 11. seinen g'.ohten östlichen Abstand von der Sonne und könnte am Abendhimmel kurze Zeit beoba cstet werden. Venus tz tritt als volle Scheibe vor die Sonne und geht deßhalb mit ihr auf und unter. Mars läuft in den Zwillingen gegen den Krebs vorwärts, geht nach 11 Uhr Abends in NO. aus und ist bei Eastor und Pvllux bis Tagesanbruch zu sehen. Am 25. steht er 6" nördlich vom Monde. Jupiter bewegt sich von den Zwillingen gegen den Krebs, geht in immer früheren Morgenstunden zuletzt gegen Mitternacht aus iu NO. Am 2Ü. steht er nördlich vom Monde. Von ferne» Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 29.; der zweite am 4. und 29.; der dritte am 27. Saturn A geht zwischen 8 Uhr >8 Min. und 6 Uhr 15 Min. Abends auf und steht am 21. n, rdlich vom Monde. Der Durch nesjer seiner Kugel beträgt 17, der seiner Ringoxen 43 und 19 Nogenselunden. Miscellen. (Sprichwörter.) Wer den Acker zu sehr düngt, bekommt Kraut statt Knollen. Wer seinen Acker bauet, der wird Brodes die Fülle haben. Wer seinen Acker brach liegen laßt, dem läuft Schaf- und Hornvieh darüber. Wer seinen Acker mit armer Leute Schweiß will düngen, dem wird er leine Segengarben bringen. Wer seinen Acker wohl baut, genießt sein auch wohl. Wer unfruchtbaren Acker baut, vergeblich nach der Ernte schaut. Wie der Acker, so das Getreide. Wie du den Acker wirst eggen, so wirb das Getreide sich legen. Auf einen solchen Acker gehört kein anderer Pflug. (Das verdient keine andere Vehandluugsweije.) Fremde Acker pflügen. (Seine Kräfte dem eigenen Wirkungskreise zu entziehen und damit in fremde Geschäftssphären eingreifen.) Aus dem Acker ist kein besserer Mist, als der an des Herren Schuhen ist. Das ist der beste Acker, den man eigen hat. Der Acker, den man mit silbernen Scharen pflügt, trägt goldene Früchte. Der Acker ist das Heu, die Wiese der Knecht. Der Acker spürt's schon, neu» man Weißrükensamen nur darüber trägt. Ein Acker, der mit Kalk gedüngt wird macht nur alte Leute reich. Ein Acker mutz den andern austragen. (Ein Nachbar soll dem andern zum Bestellen der Saat nie zum Einräumen der Früchte den Weg über seinen Acker öffnen, wenn auf andere Weise die Ab- und Zufuhr nicht möglich ist.) Ein Acker und Pflug, ein Wasser und Krug, durstige Leute und guter Wein, soll allzeit bei einander sein. (Wanders Spr.-Lex.) (Berechtigter Wunsch.) Photograph: „Wie wünschen Sie abgenommen zu werden, Brustbild oder Kniestück?" — Bäuerin: „Wenn's sein könnt', sollt der Kopf schon aucl dabei sein!" (Musterhafte Reinlichkeit.) Vater (stolz erzählend): „Ein reinliches Kind, mein kleiner Moritz; jede Woche geb' ich ä reines Handtuch, und wenn ich's weg- nehin', ist es noch so sauber wie zuvor." Auflösung des Räthsels in Nr. 68: „Pilatus." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarijchen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 70. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitnng." Samstag, 1. September Der Schloßherr von Mineck. Novelle von Joseph Grineau. (Schluß.) Tags darauf hatte der Freiherr zu Ehren eines stattlichen Zehnenders, dessen Fährte der Forstlauser entdeckt, ein Treibjagen mit seinen Leuten veranstaltet; und frühe schon war er aufgebrochen mit seinen Hunden; er fühlte sich einer aufregenden Zerstreuung so sehr bedürftig. Edith machte ihren gewohnten Kirchgang. Sie sah um einen Ton bleicher, wie gewöhnlich aus, und schärfer ausgeprägt schien der charakteristische Züg von Festigkeit, der sich um ihren Mund zog. Sie vergaß nicht auf dem Rückwege in der kleinen Hütte am Waldrand einzukehren, wo die jubelnde Begrüßung der Kinder und der freudig dankbare Blick der Kranken ihr Herz erhob. Sie setzte sich an das Bett der Kranken, in deren Zustand eine Besserung eingetreten war — Dank der wohlthätigen Fürsorge Edith's — und liebevoll und tröstend redete sie zu ihr, als es plötzlich draußen laut wurde, und der Schall von gedämpften Stimmen und Männertritten hereindrang. „Was ist das?" fragte die Kranke, die sich im Bette aufgerichtet hatte. Edith trat an das niedrige, kleine Fenster, um hinauszusehen, aber sie mußte ihre ganze Kraft zusammenraffen, um nicht zu wanken, bei dem Anblick, der sich ihr darbot. Langsam und mit verstörten Mienen näherten sich der Hütte vier Männer, die mit behutsamer Vorsicht einen scheinbar leblosen und mit Blut befleckten Menschen trugen. Da öffnete sich die Stubenthüre und laut schreiend stürzte herein ein kleiner, flachs- haariger Bube. „O Gott! sie bringen den Vater, und er ist todt; er ist todt geschossen!" „Barmherziger Gott!" rief die Kranke mit einem markerschütternden Schrei, und dann legte sich ein wohlthätiger Schleier um ihre Sinne. Ein lautes Jammergeschrei stießen die Kinder aus, als jetzt die Männer leise herein- traten und den Bewußtlosen in die anstoßende Kammer trugen, wo sie ihn vorsichtig auf das Bett legten. Leise unv ernst berichtete dann der Wildmeister Edith, daß ein unvorsichtig ab« gefeuerter Schuß des Freiherrn den armen Forstlaufer in die Brust getroffen habe und vielleicht von todtbringender Wirkung gewesen sei. „Und wo ist der Freiherr?" fragte Edith, deren Herz still zu stehen drohte. „Er ist mit Sturmeseile auf seinem schnellsten Nenner fortgeritten, um selbst so rasch als möglich ärztliche Hülfe herbei zu schaffen. Und er mußte in der That mit Sturmeseile geritten sein, denn ehe es man für möglich gehalten hätte, kam er mit dem Arzte an und sprang von dem über und über mit Schweiß bedeckten Pferde. 654 In der Hausflur trat ihnen Edith entgegen. „Lebt er noch?" rief der Freiherr mit tonloser Stimme und seltsam verstörtem Aussehen. Edith bejahte. „Gott sei Dank!" rang es sich heiß aus der Tiefe seiner Brust und still folgte er Edith und dem Arzte in die kleine Stube. Da stand er nun, und vor seinen Augen entschleierte sich nun zum ersten Mals in den düstersten Farbentönen das Bild des Jammers und menschlichen Elendes, zum ersten Male sah er die grauenerregende Gestalt des Unglückes, und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen bei dem Anblicke eines Wehes, das durch seine Schuld hereingebrochen war. Und Edith? — Sie war überall, und hier zeigte sich erst im vollen Lichte die stille Kraft und ruhige Größe ihrer Seele. Fest und mit besonnener Ruhe stand sie inmitten dieses Jammers, der ihr doch so tief in die Seele schnitt, unermüdet helfend und tröstend. Sie war um die kranke Frau und richtete diese auf, sie beruhigte die laut weinen, den Kinder und forderte sie auf zum Gebete, sie unterstützte mit klarer Umsicht den Arzt und vollzog dessen Anordnungen, und sie träufelte milden Trost in die von den heftigsten Qualen und Selbstvorwürfen gefolterte Seele des Freiherrn. Der Arzt hatte die Wunde untersucht, und dieselbe an und für sich nicht lebens» gefährlich gesunden. Aber die Kugel mußte herausgeschnitten werden, und starkes Wund- fieber hatte sich eingestellt, das einen drohenden Charakter angenommen hatte.' -«- * * Lange, lange Tage schwebte der arme Forstlaufer in einem höchst gefährlichen Zustande, aber endlich siegte seine kräftige, unverdorbene Natur, und begann Langsam ihre Heilkraft zu üben. Es war eine schlimme Zeit gewesen für die braven Bewohner der Waldhütt«, und eine schlimme Zeit für Baron Haineck, eine Zeit voll Stunden der heftigsten Selbstanklagen und bittersten Geivissensqualcn, die seine Seele erschüttert und aufgewühlt bis in ihre Grundtiesen, aber auch voll Stunde» der stillen, inneren Einkehr bei sich, die ihn umgewandelt in einen anderen Menschen. Und als endlich der Arzt das Leben des Schwerverwundeten außer Gefahr erklärte, da war es, als ob eine drückende Zentnerlast von dem Gemüthe des Freiherrn gewälzt werde, und mit der wunderbaren Elastizität der Jugend richtete er sich wieder auf, ein neues Leben zu beginnen und die Kräfte zu üben, die so lange in ihm geschlummert und erst durch die unglückliche und doch so heilbringende Katastrophe geweckt worden waren. Niemand freute sich über die Wandlung mehr als Edith, der der Freiherr seit dem letzten verhängnißvollen Ritt mit der strengsten, gemessensten Zurückhaltung, doch zartesten Achtung gegenüber stand. „Sonderbar!" sagte sich wohl der alte General, wenn er die kühle Form des Verkehrens zwischen den beiden jungen Leuten beobachtete, „die beiden verstehen sich doch auch gar nicht, und aus meiner Lieblingsidee wird nichts. Und doch ist Rudolf ein guter Junge, und Keiner wäre »>ir als Schwiegersohn willkommener gewesen als wie der letzte Haineck." » * * Und so saßen denn die drei an einem schönen Abende schweigsam und träumerisch im Schlosse zusammen, als plötzlich der General das Schweigen unterbrach und in seiner Weise, die er gewohnt war, kurz und rasch Entschlüsse zu fassen, und auch auszuführen, jm bestimmten Tone sagte: „Edith, es ist Zeit, daß wir uns zum Rückmärsche rüsteir, für morgen habe ich unsere Abreise festgesetzt." 655 Betroffen fuhr der Freiherr bei dieser unerwarteten Mittheilung in die Höhe, und dringend bat er den General, doch noch länger unter seinem Dache zu weilen. „Nein, mein Junge", entgeguete der General entschieden, der Entschluß ist unabänderlich gefaßt. Auch sollst Du uns und der Gastfreundschaft nicht länger ein Opfer bringen, denn ich weiß recht gut, daß Du lieber Deine Zeit in einem Deiner Geschmacksrichtung mehr zusagenden Orte zubringen würdest, anstatt hier auf Haineck zu sitzen, wo Dich nur die Rücksicht für Deine Gäste festhält." „Sie irren", entgegnete der Baron ruhig, doch mit ernster Festigkeit, „ich werde Haineck nie mehr verlassen." „Nun, zu diesem Vorsätze gratulire ich Dir von Herzen!" rief treuherzig der General aus, indem er dem Freiherrn mit kräftigem Drucke die Hand schüttelte. „So gehört es sich für einen Haineck. Das Leben auf dein Lande bietet ja auch so viel Genuß, und immer mehr Reiz wirst Du ihm abzugewinnen lernen; vor Allem aber muß es von einer nutzbringenden Thätigkeit erfüllt sein, denn das ist ja der Kern des Daseins, das ohne diese nicht mehr wie eine hohle Nuß ist, mögen auch die Schalen noch so glatt und glänzend sein." „Auch ich gedenke meine alten Tage auf dem Lande- zu beschließen", fuhr nach einer kleinen Pause der General fort, nachdem er einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife gethan und mächtige Rauchwolken von sich blies. „Ich will deshalb gleich nach nieiner Ankunft in der Stadt Schritte zu dem Ankaufe eines kleinen Landgutes thun. Nicht wahr, Edith, damit bist Du auch einverstanden und ziehst es dem Leben in der Stadt gewiß vor." Edith fuhr in die Höhe. Wie ein Zug von Trauer und Weh war es über das schöne Gesicht gezogen, als der General so plötzlich und unerwartet die Abreise angekündigt, und dann hatte sie still und in sich gekehrt, wie versenkt in tiefes träumerisches Sinnen, dagesessen. Mit bescheidenem Tone, fast zögernd, bat sie der Freiherr, den letzten Abend noch einmal mit einem Liede zu verherrlichen, sie hatte ja seit langem nicht mehr gesungen» Sie erröthete flüchtig, doch dann setzte sie sich an's Klavier und begann lebhaft zu präludieren. Nie hatte sie mit solcher hinreißenden Wärme und Wahrheit des Gefühls gesungen, wie jetzt dieses schottische Lied, in dem das tiefe Weh des Abschiedes in so schwermuths» vollen und doch so süßen Klängen gewaltsam siuthete. Edith hatte geendet. Wie eine tiefinnerliche Gemüthsbewegung zuckte es in ihrem Antlitz, und rasch stand sie auf und trat hinaus auf den Balkon. Es war ein wunderschöner Sommerabend. Die weiche und blaue Lust war erfüllt von würzigen Waldesdüften, und zahllose Sterne flimmerten vom Himmel herab. Still und schweigend lag der Park, gehüllt in den magischen Nebelglanz des Mondes, der wiederstrahlte von den» Wasserspiegel des großen Schloßteiches und geisterbleich und gespenstisch die aufgestellten Statuen umwob. Aber das traumhafte» mondbeglänzte Naiurbild war nicht dazu angethan, weiche und träumerische Stimmungen zu verscheuchen, und Edith fühlte sich so seltsam bewegt, und eine Stimmung war plötzlich über sie gekommen, die ihrer thatkräftigen und entschlossenen Natur sonst ganz fremd war. War das wirklich eine Thräne, was so hell wie schimmernder Thau im Strahle des Mondes an ihrer Wimper glänzte und sich jetzt löste und langsam die Wange hernieder rann? — Sie hatte es nicht gehört, wie sich leise die Thüre hinter ihr geöffnet hatte. „Edith!" sagte da plötzlich eine tiefbewegte Stimme, bei deren Klang sie zusammen fuhr und sich hastig umwandte. „Bleiben Sie, Edith", bat der Freiherr, der leise hinter sie getreten war, mit ge- 556 dämpfter Stimme und flehendem Tone, „hören Sie noch einmal nur, was meine Seele mich Ihnen zu sagen drängt." Sie neigte leise das Haupt. „Edith, als Sie mir neulich die Nichtigkeit meines Lebens vorwarfen, da erkannte ich nicht die Wahrheit Ihrer Worte; war mein Sinn doch allzusehr betrübt und befangen; aber als dann durch meine Unvorsichtigkeit jenes große Unglück geschah, das Gottes Güte mir so wunderbar zum Heile gewendet und als ich mit Augen sah, was das Leben für Noth und Elend birgt, da fiel es wie ein Schleier von meinen Augen, und ich kam zur Erkenntniß und wurde mir bewußt, was für ein erbärmlicher Egoist ich bisher gewesen, wie ich das Leben vertrödelt im Jagen nach leeren Genüssen. „Aber", fuhr er mit entschlossenem Tone fort, „dahabe ich mir gelobt, ein anderes Leben aufzubauen, zu schaffen und zu wirken und den eitlen Weltsinn mit jeder Faser auszureißen. Ich will mir Ihre Achtung erringen, Edith, auf die ich jetzt freilich noch keinen Anspruch machen kann", fügte er traurig bei, „und wenn es mir gelungen ist, Ihnen die Beweise meiner geänderten Gesinnung zu geben — Edith, Sie scheiden morgen von hier, lassen Sie mir die einzige Hoffnung, daß ich dann noch einmal vor Sie treten darf mit der Frage, ob Sie die Hand mir reichen wollen zum ewigen Bunde für ein ernstes, der Pflicht geweihtes Leben." In leisem Flüstertöne, aber mit heißer Erregung hatte er diese Worts gesprochen. Nun schwieg er und eine Pause war entstanden, in der man nichts hörte als das melodische Plätschern eines Springquelles und das leise Rauschen in den Wipfeln der Bäume. „Edith, antworten Sie; wollen Sie mir diese Hoffnung morgen da lassen?" bat er noch einmal, und der Mond beleuchtete voll sein männlich schönes Gesicht, auf dem eine tiefe Bewegung zuckte. „Rudolf", sagte sie endlich, und ihre Stimme klang dabei wunderbar weich, „als ich vor Kurzem Ihre Werbung ablehnte, da geschah es mit traurigem und betrübtem Herzen, aber es mußte ja fein, weil da, wo die Lebensrichtungen so weit auseinander gingen, keine Vereinigung möglich war." „Heute, Rudolf", fuhr sie fort, und es war nicht nur der Strahl des Mondes, der ihr Gesicht so seltsam leuchten ließ, „heute sind diese Gegensätze, Gott sei Dank! gehoben und ausgeglichen durch Ihre ernste und demuthsvolle Sühne, und nicht brauch' ich zu warten auf Beweise — solch redliches Wollen genügt mir ja, es genügt, uns zu einigen zu gemeinsamem Vollbringen. „Edith!" — Es kam laut, stürmisch, jauchzend von seinen Lippen. Und „Vater gib uns Deinen Segen!" tönte es plötzlich jubelnd an das Ohr des alten General, der vor Ueberraschung und freudigem Staunen sprachlos da stand. „Meinen Segen", sagte er endlich, nachdem er sich gefaßt und gesammelt, tiefbewegt, und sein Auge glänzte feucht, „meinen Segen, ja den geb' ich Euch wit freudigem Vaterherzen, aber bittet auch vor Allem, den da Oben um den Seinen, denn nur auf dem Segen Gottes beruht ja einzig unser Glück und Heil. Das vergesset nie!" Und sie vergaßen es nicht. Sie erflehten den Segen des Herrn unablässig, und er ward ihnen in reicher Fülle. Der General aber hatte nicht nöthig gehabt, ein Landgut anzukaufen; da, wo ihm sein Lebensmorgen frisch und fonnverheißend aufgegangen war, auf Schloß Haineck neigte sich auch sein Abend, rosig angeglüht vom Strahle dankbarer pietätvoller Kindesliebe, in tiefem, süßem Frieden.; 557 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffenbirrg. Von 0r. Ludwig Herrmann. II. W e r t h e i m. Wertheim liegt am Einfluß der Tauber in den Main um den Fuß eines steilen Berges herum, auf welchem die Thürme einer großartigen Burgruine emporragen. Hinter diesem Berge ziehen von Osten und von Westen höhere, mit Gemälde gekrönte Berg« hin. Die Tauber theilt die Stadt in zwei durch eine Brücke verbundene Theile. Gegenüber auf dem rechten Mainufer liegt der bayerische Marktflecken Kreuzwertheim. Burg und Stadt find der Stammsitz des alten ostfränkischen Dynastengeschlechtes der Grafen von Wertheim. Urkundlich kommt zuerst im Jahre 1182 Graf Wolfram von Wertheim vor. Mit dem Tod des Grafen Michael III. im Jahre 1556 erlosch der Mannsstamm. Nun erhielt der Graf Ludwig Stollberg-Königstein, der Schwiegervater des Grafen Michael, die Grafschaft Wertheim. Durch die Vermählung seiner Tochter mit dem Grafen Ludwig von Löwenstein kam die Grafschaft in den Besitz dieses Hauses. Während des 30jährigen Krieges entstand des Glaubens halber Zwist und Fehde im Hause der Grafen. Das Haus Löwenstein-Wertheim theilte sich nun in zwei Hauptlinien, die Freudenbergische und die Nösenbergische. Die letztere wurde 1711, jene 1813 in den Fürstenstand erhoben. Die Freudenbergische Linie ist protestantisch und hat ihren Sitz in Wertheim, Kreuzwertheim und Tiefenstein, die Nösenbergische ist katholisch und residirt in dem Schlosse zu Klein-Heubach am linken Mainufcr. Die Wertheimer Schloßruine hat einen größeren Umfang, gewaltigere Massen und phantastischere Getrümmerhaufen als die Heidelberger Schloßruine, steht dieser aber an architektonischer Schönheit nach. Im Jahre 1634 wurde der ganze südliche Theil der Burg von den Kaiserlichen unter Oktavio Piccolomini in Trümmer geschossen. Die Breschen wurden nicht mehr ausgebessert, und die Grafen gaben das Bergschloß als Wohnsitz auf. Die ihrem Schicksal überlassene Burg zerfiel allmählich. Eigenthümer der Burgruine ist das fürstliche Gesammthaus Löwenstein-Wertheim. In neuerer Zeit wurde von diesem die Burgruine mit Garten-, Neben- und Gehölzanlagen umgeben, und es wurde Sorge getragen für die malerische Unterhaltung des noch stehenden Theiles. Für die Bewachung der Burg ist ein Kastellan aufgestellt, der in einem restaurirten Thurme wohnt. Der Bau der Burg gehört verschiedenen Bauperioden an, wie aus den verschiedene Baustyle ausweisenden Trümmern ersichtlich ist. Der älteste und noch ziemlich gut erhaltene Theil ist ein hoher viereckiger aus Wulstquadern erbauter Thurm von kolossaler Dicke. Er gehört dem XII. Jahrhundert an. Dies ist die Urform der Berg- schlösser jener Zeit, der alten oastra: umfangreiche, massive viereckige Thürme, zur Be- wohnung und zur Vertheidigung bestimmt. Ebenso gut erhalten wie dieser ist auf der Ostseite ein runder, ganz mit Epheu umsponnener Thurm; er hat den Namen „Zehnringthurm" erhalten, weil später rundum in das Mauerwerk 10 eiserne Ringe eingelassen wurden. Diese Ringe dienten wahrscheinlich dazu, Wollfäcke daranzuhängen zum Schutze gegen schwere Geschütze. Von dem der Tauber zugekehrten Schloßtheile, erbaut 1310 vom Grafen Rudolf, stehen noch die freundlich mit Grün durchwirkten Außenmauern mit den leeren Fensteröffnungen. Das Portal der im zierlichen Nenaissancestyl erbauten Schloßkapelle trägt die Jahreszahl 1562, von der Kapelle selbst ist nur noch der Giebel und ein Theil des Thurmes vorhanden. An einer Terrasse sah ich ein schönes gothisches Geländer. Ueber dem Burgeingang stehen zwei im Jahre 1745 erbaute Thürme, die durch Zwischengebäude miteinander verbunden sind. Sie enthalten die Archive der beiden fürstlichen Häuser. Fürstlicher Archivrath ist der rheinische Dichter Alexander Kaufmann, der Gemahl der gleichfalls auf poetischem Gebiet vortheilhaft bekannten Amara George Kaufmann. Zur Besichtigung der ganzen umfangreichen Schloßruine mit ihren vielen halbeingeflürzten Thürmen, Hallen, Ställen, Kellergewölben, Bastionen und Vormerken 558 brauchte ich über zwei Stunden. Die Aussicht von der Schloßterrasse und von den zwei gut erhaltenen Thürmen ist unbeschreiblich schön. Am Ausgang eines ganz mit Obstbäumen und Nebenterrassen bedeckten Thales mischt die Tauber ihre sanft dahingleitenden Fluthen mit denen des Mains. Dieser bildet hier eine breite Bucht, die wie ein kräuselnder See die Gestade umspült. Tief unten zieht sich die Stadt mit ihren Thürmen, Kirchen und Häusern dicht an ihrem Ufer hin. In der Ebene breiten sich Gärten mit Lusthäuschen, grüne Wiesen und wogende Kornfelder aus. Im Nordwesten erheben sich hohe Berge, die Gipfel bewaldet, die Hänge mit Traubenterrassen bebaut. Auf einem dieser Berge schaut aus den Bäumen ein Wartthurm heraus, der früher mit Wächtern besetzt war, welche das Bergschloß durch Zeichen vom Nahen eines Feindes in Kenntniß zu setzen hatten. Im Osten steigt die vom Main umgürtete düstere Wettsrburg empor. Gegenüber am rechten Mainuser erblicken wir Kreuzwertheim mit dem von Parkanlagen umgebenen fürstlichen Schlosse. Auch dort haben Bacchus und Ceres ihre Gaben verschwenderisch ausgeschüttet. Im Hintergründe taucht der dunkelbelaubte Spefsart auf und tritt da und dort bis nahe an die üppigen Fluren und Weinberge heran. Wertheim zählt 3500 Einwohner, unter diesen 2380 Protestanten. In dem rechts von der Tauber liegenden Theile sieht man viel« alte Häuser mit hohen Giebeldächern. Hier steht auch ein fürstliches Schloß, welches jetzt den Beamten des Fürsten zur Be- wohnung überlassen ist. Die im Jahre 1384 im gothischen Style erbaute Stadtkirche, jetzt protestantische Pfarrkirche, enthält viele Grabdenkmäler der Grafen von Wertheim; von diesen haben zwei großen Kunstwerth. Das eine stellt in rothem Sandstein den Grafen Johann I. (ch 1407) mit seinen beiden Frauen in Lebensgröße dar. Der Graf, eine reckenhafte Nittergestalt, im Kostüm des XV. Jahrhunderts mit Kettenpanzer, steht in der Mitte der zwei Frauen. Die Frauen sind von großer Schönheit und Anmuth und sehen einander ganz ähnlich; die eine schlägt sinnend die Augen nieder, die andere schaut zu dem Grafen empor, als ob sie sich an dem männlich schönen Antlitz ihres Gatten erfreue. Aus der ganzen Gruppe weht uns ein poetischer Hauch an, wir haben es wahrscheinlich nur mit Jdealgebilden zu thun. Die Sage, der Graf habe nach dem Tode seiner ersten vielgeliebten Gattin in Begleitung eines Knappen viele Länder durchwandert, bis er endlich eine jener ähnliche Jungfrau gefunden, schwebte wohl dem unbekannten Künstler vor. Das zweite, großartigere Denkmal aus weichem Tuffstein, im Nenaissancestyl von dem Bildhauer Johannes von Trarbach ausgeführt, stellt den Grafen Michael III. von Wertheim (ch 1556), dessen Gattin (ch 1606) und deren zweiten Gatten, den Grafen Philipp von Eberstein (ff 1589) dar. Die drei lebensgroßen Statuen stehen in drei überreich verzierten Nischen, welche durch eine auf vier Säulen ruhende Architektur gebildet werden. Oben schwebt Gott Vater und der auferstehende Christus, rechts der Glaube und Simson mit den Thorflügeln, links die Liebe und der von dem Walisisch an's Ufer geworfene Jonas. Zu den Füßen der Gräfin spielen zwei liebliche Kinder. Die drei ausdrucksvollen Köpfe sind hier wirkliche Porträts. Die Ornamentik zeugt von großer Kunstfertigkeit. Auf beiden Monumenten sind die Rüstungen, Gewänder und Wappen sehr fleißig und zierlich ausgearbeitet. Nahe bei der Kirche steht eine 1425 erbaute Kapelle, ein Muster edelster Gothik, aber im Innern durch die Umwandlung in ein Schulhaus verunstaltet. In dein Stadttheil links der Tauber sah ich viele stattliche, aus rothem Sandstein aufgeführte Gebäude, wie die katholische Kirche, das Gymnasium, das Amtshaus, die umfangreichen Gebäude des Bahnhofs der Lohr- Wertheimer und der Wertheim-Mergentheimer Bahn. Die badische Regierung hat auch hier den geistigen Interessen der Bevölkerung große Sorgfalt zugewendet; in der kleinen Stadt befinden sich ein mit guten Lehrkräften besetztes vollständiges Gymnasium, eine Gewerbeschule, eine höhere Töchterschule und mehrere vortreffliche Volksschulen. Deshalb herrscht hier durchgängig ein sehr anständiger Ton. Gegen Fremde sind die Wertheimer außerordentlich entgegenkommend und gefällig. Der Handel mit Wein, Obst, Getreide und rothen Sandsteinen ist nicht unbedeutend. Die Bevölkerung des angrenzenden Tauber- 559 — grundes ist mit Ausnahme der Dörfer „Niklashausen" und „Waldenhausen" *) katholisch und gibt bei den Wahlen meist den Ausschlag. Wer Werthem» besucht, versäume nicht, einen Ausflug zu machen nach der von» Grafen Wolfram v. Werthem» im XII. Jahrhundert gestifteten Cistercienser Abtei Bronnbach. Die Werthcim-Mergentheimer Bahn bringt ihn in 15 Alinuten dorthin^ Die im Jahre 1803 säkularisirte Abtei, jetzt eine Musterökonouiie des Fürsten von Löivenstein-Wertheim-Nosenberg, liegt wunderschön am User der Tauber. Sehr fehensmerth ist die in» byzantinischen Styl erbaute große Abteikirche mit Krypta» Kreuzgang und vielen Grabdenkmälern» *) Nur diese zwei Dörfer im Taubcrgrunde sind protestantisch. Goldkörner. Halt' dich rein, Bleib' gern allein, Mach' dich nicht gemein, Willst du in Ehren gehalten sein! Nicht alles Krumme macht man grad, Nicht ebnen läßt sich jeder Pfad. Wohl begonnen, Ist halb gewonnen. Eig'ner Herd Ist Goldes werth; Ist er auch arm, Hält er doch warm. Wer feinen Neider liebt, von Feinden Gutes spricht. Sag', ob ein Solcher nicht von Disteln Trauben bricht? Almofen reiche Zinsen trägt, Es wird im Himmel angelegt. Was hilft dir gut bedacht, Wenn's gut nicht ist gemacht. F. B e ck. Miseelilsn. (Die Stromschnellen des Niagara,) in denen der Kapitän Webb vor Kurzein verunglückte, will jetzt ein Amerikaner durchschwimmen. Er beabsichtigt zuerst einen Strohmann durch die Wasserhöhle zu schicken, um durch ihn Gelegenheit zu gewinnen, die Strömung rc. zu studiren. Vorläufig unterzieht sich der Wagehals einer Trainirung und schwimmt gegen die Fluth und in den Brandungen des Meeres. Uebrigens soll Kapitän Webb, wie jetzt verlautet, nicht der erste gewesen sein, welcher das ungeheure Wagniß unternahm, die Stromschnellen des Niagara zu durchschwimmen. Vielmehr wird erzählt, Webb habe schon drei Vorgänger gehabt. In den Vierziger- Jahren galt Dir. Füller, der Redakteur des zu Milwaukee erscheinenden „Daily Wiskonsin", als der beste und kühnste Schwimmer in der ganzen Union. Im Frühjahr 1819 besuchte er mit mehreren Freunden den Niagara, und sofort stieg in ihm der Gedanke auf, -ob es wohl möglich sei, die Wirbel am Fuße des Kataraktes zu durchschwimmen. Seine Freunde, die seine Alles in die Schanze schlagende Verwegenheit kannten, erklärten jeden derartigen Versuch für einen selbstmörderischen Frevel. Unentwegt aber richtete Füller an den Steuermann der Fähre, die den Verkehr mit dein kanadischen Ufer vermittelt, die Frage ob noch Niemand das Wagniß unternommen habe. „O, doch," antwortete der alte Charon. „Zwei englische Soldaten von Toronto." Wo gingen sie durch?" frgate Füller mit funkelnden Augen. „Dort!" erklärte der Fährmann und deutete eins Strecke stromaufwärts. Der Redakteur wandte sich an seine Freunde: „Soll sich ein Am erikaner nachsagen lassen, er habe weniger Kourage als so zwei englische Kommiß- brodschlucker l?" Ohne auf irgend einen weiteren Zuspruch zu hören, stelzte er »nit seine,» 560 — langen Beinen nach der bezeichneten Stelle hin, riß sich die Kleider vom Leibe und sprang in den Strom, der dort etwa tausend Fuß breit war. Schon in den nächsten Minuten sahen ihn seine erschrockenen Freunde mit den schäumenden Wirbel» kämpfen. Bald tauchte er auf — bald verschwand er — dann kam er abermals in die Höhe — um gleich darauf abermals unterzugehen. Aber der zähe Schwimmer hielt Stand und „faßt ihn der Strudel mit rasendem Toben — es war ihm zum Heil — er riß ihn nach oben". Halbtodt vor Ermattung erreichte der Tollkopf die kanadische Uferseite, wo ihn seine Freunde, die weiter unten die Fähre bestiegen hallen, in Empfang nahmen. Auch der Fährmann kani herbei. Mit echt amerikanischem Gleichmuth klopfte er dem keuchenden Redakteur auf die Schulter und sagte: „Habt Eure Sache gut gemacht, Sir, denn die zwei Engländer, von denen ich Euch sprach, sind unterwegs ersoffen." Ob es dieselbe Stelle der Stromschnelle war, in welcher Webb seinen Tod fand, geht aus diesem Bericht freilich nicht hervor; wahrscheinlich ist es nicht. (Splitter.) Wenn man hört, daß ein Mann eine gute Partie gemacht hat, so kann man ziemlich sicher überzeugt sein, daß die Frau eine schlechte gemacht hat. In der Krrpelte. Vollendet ist die Messe, der Priester im Talare Den beil'gcu Segen spendet, und wandelt vom Altare. Jung Walther kniet im Stahle, die Mutier ihm zur Linken r Zur letzten, tiefen Andacht die Beiden stumm versinke». Da wogt herauf zum Hase der Reiter wirr Gedränge; Es wiehern ihre Rasse, eS klirrt ihr Wehrgehäuge. Hell schmettert durch den Margen der Höruerrus zum Reiten, Und rauh zur Mahne preisend sie in die Bügel gl atm. Jung Walther sieht die Mutter erschrecken und erblassen, Er neigt sich zu ihr über, sie scheidend zu umfassen. Ihm quillt aus blankem Helme tue weiche dunkle Locke, Von Erz der schlichle Harnisch blitzt unterm Wafsenrocke; Das Schwert des todten Bakers umgürtet seine Leiche; Ans's Haupt, zur Erd' gebogen, die Matt r legt die Hände, Und senk t ihre Augen voll Wehmuth in d e seine», Es ringt ihr Mund uni's Lächeln, ihr Auge kann nur weinen. „An meiner Liebe Borne lrankst du des Lebens Morgen, Ich hab' in deine Seele mein ganzes Lei» geborgen! Mit unsichtbaren Fäden bin ich mit dir verkettet, Hab' alle meine Freuden in deine Brust gebettet! Du bist der Lenz der Rosen, die mir das Herz umflechten! Du Sonne meiner Tage, du Stern in meine» Rächten! Und nun von all' dein iet'gen, mir überbliebnen Glücke Bringt mir vielleicht ein Wandrer den Namen nur zurücke, Und nennt mir noch die Stätte, wo bleich du hingesunken, Uiid bringt i»ir eine Blume, die noch dein Blut getrunken I" — Da stillt ihr eine Thräne ani's Schwert des todten Gatten, Und aus dem Grabe steiget iei» theurer Heldmschatteu. Und all' die welke» Blumen, all' die erloschnen Sonnen Vor ihrer Seele tauchen aus der Erinnerung Bronnen. Vom Geist des Vaterlandes fühlt sie das Herz dnrchichauert, Das deutsche Weib frohlocket, ob auch die Mutter irauert. Hoch über Gram und Thränen hat sich ihr Muth geschwungen, Und eine deutsche Mutter hätt ihren Sohn umschtilngeii: „Zieh' hin, in Gottes Name», zum Sterben oder Leben! Mein Vaterland! ich hab' mich in dein Gebot ergeben! Wo wären deine Helden, wenn feig die Mütter wären? Ich will aus Gott vertrauen! Mein Auge las;' die Zähren!" Oscar v. Redwitz. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler. »m ^Ängslmrger Postzeitung." 71. Mittwoch, 5 . September 1883. Der Gpalring. Ronian aus dem Englischen von E. C. (Nachdruck derdotm.) Erstes Capitel. Es war ein regnerischer Nachmittag, mit schneidendem Märzwinde; anscheinend hatten Winter und Frühling ihre unangenehmsten Eigenschaften vereinigt; der Himmel war in einförmig Grau gekleidet, die Straßen mit Koth bedeckt, von den Thoren und den überhängenden Schildern der Geschäftshäuser tropfte der Regen und bildete kleine Tümpel in den Unebenheiten des Pflasters. Die Polizisten sahen, ungeachtet ihrer Negenmäntel, durchnäßt aus und von jedem Regenschirme der wenigen Fußgänger strömten kleine Wasserfalle hernieder. Eine junge Dame wandte sich an einer Straßenecke um und winkte dem sich nahenden Omnibus. Der Kutscher bemerkte das Zeichen und hielt an. Die junge Dame nahm den noch freien Platz in der Nähe der Thüre ein, und der Omnibus rasselte weiter. Sie war ein schlankes, hübsches Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, mit sanften, nußbraunen Augen und hellbraunem Haar; ihre Gesichtsfarbe war blaß und die feinen Züge nicht regelmäßig genug, um Anspruch auf Schönheit machen zu können. Die heruntergehenden Linien zur Seite des Mundes, sowie das leichte Zusammenziehen der gut geformten Stirne, zeugten von Traurigkeit oder auch vielleicht Ermüdung; denn ihr Kopf sank, gleich einer mit Thau bedeckten Blume, leicht zur Seite. Ihr einfacher Anzug bestand aus einem dunkelblauen Kleide und schwarzem Hute, sowie einem großen, grau wollenen Shawl, mit dicken Fransen. Gleichgültig betrachtete sie ihre Mitreisenden, bis endlich ihre Augen auf der letzten Person ihr gegenüber haften. Dieser, ein Mann von mittlerer Statur, mit dunkelbrauner Hautfarbe und schwarzem Haare, welches in festgedrehten Locken, einem Pfropfenzieher ähnlich, um seinen Kopf hing, hatte eine schmale Adlernase, die dünnen, breiten Lippen waren fortwährend in Bewegung und seine kleinen schwarzen Augen standen auffallend nahe zusammen. Er trug keinen Bart, und doch hätte man ihn nicht glatt rasirt nennen können, da die dunkeln Stoppeln in seinem Gesichte schon mehrere Tage alt zu sein schienen. Sein brauner Ueberzieher mit Pelzkragen sah sehr abgenutzt aus und vorne hing ein Knopf ganz lose daran. An den Handschuhen blickten die Finger durch, und auch sein Hut schien bessere Zeiten gekannt zu haben. Im Ganzen machte er den Eindruck eines Landstreichers. Jetzt vertiefte sich tue Hand oes kleinen Mannes in eine Seitentasche des Rockes und holte ern Notizbuch hervor; dann suchte er von Neuem nach einem Bleistifte» und da dieser keine Spitze hatte, zog er, nachdem er sich vorher seiner Handschuhe entledigt, ein Feldmesser heraus. Die junge Dame bemerkte, daß er an dem kleinen Finger seiner nicht besonders reinlichen, braunen Hand einen anscheinend' werthvollen antiken Ring trug. Ein prachtvoller Opal bildete den Mittelpunkt desselben, und diesen umgaben mehrere kleine Edelsteine. Es war ein eigenthümlicher Ring, den man, einmal gesehen, leicht wieder erkennen konnte. Nachdem der kleine Mann in seinem Notizbuche einige Zeit herumgeblättert hatte, sing er emsig an zu schreiben, dann blickte er wieder durch das Fenster der Wagenthüre und steckte eiligst sein Buch ein. Während er damit beschäftigt war, fiel der Regenschirm, welchen er zwischen den Knieen gehalten, gegen das Kleid der jungen Dame. „Bitte sehr um Entschuldigung", sagte er mit ausländischem Accent und streckte seine Hand nach dem Schirme aus. Aber dieser hatte sich in den schweren Fransen des Shwals verwickelt. Das Mädchen bemühte sich, ihn los zu machen, aber der Mann war behender als sie, seine Hände schienen an solche gewandte, flinke Arbeit gewöhnt zu sein. Nun rief er den Condukteur, raffte seine Handschuh zusammen und stieg aus. Sie blickte ihm neugierig nach, wohin er wohl gehe. Er öffnete seinen Regenschirm nicht, sondern lief eiligst guer über die Straße und schellte an der Nebenthüre eines großen Porzellangeschäftes. Sie bemerkte nicht, ob er eingelassen wurde, denn der Omnibus rollte vorwärts, und sie verlor ihn aus dem Gesichte. Es begann dunkel zu werden; der Regen floß noch in Strömen, als der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht hatte, und die junge Dame ausstieg. Sie mußte noch zehn Minuten zu Fuß zurücklegen und eilte durch Sturm und Regen muthig vorwärts. Ihr Weg führte sie bald in eine enge Straße an armseligen Häusern vorbei, bis sie endlich ein kleines Thor erreichte; dieses öffnend, durchschritt sie ein hübsches Gärtchen und langte dann in ihrer Wohnung an. Doch hier änderte sich plötzlich die Scene. Ein behagliches, häusliches Bild bot sich ihr dar, so recht ein Gegensatz zu dem trüben, nassen Wetter da draußen. Im Kamine flackerte ein lustiges Feuer; rothe Gardinen verhüllten die Fenster, auf dem Tische brannte die Lampe und erleuchtete das blendendweiße Damastgedeck mit dem darauf zurecht gestellten chinesischen Theeservice, während der singende Wasserkessel, das frische Brod, der Schinken, die Butter und ein Glas Johannisbeeren-Gels zur nöthigen Erfrischung einluden. Vor dem Theebrette saß eine hübsche, freundliche Dame von fünfundvierzig Jahren, mit blühender Gesichtsfarbe und noch glänzendem, üppigem Haare; in der Nähe des Kamins hatte eine jüngere Dame auf einem niedrigen Schemel Platz genommen. „Du kommst heut spät zurück, Bertha", sagte die Aeltere zu der eben Herein- tretenden. „Ja, Mama, spät und naß und müde", entgegnete Bertha. „Ich will eben hingehen und meine Sachen ablegen und Dir dann erzählen, was ich den Tag über angefangen habe. „So eile Dich, wir haben schon eine halbe Stunde mit dem Thee auf Dich gewartet. Was hast Du dort Glänzendes in den Fransen hängen?" fügte die .Mutter hinzu, als Bertha sich umwandte, um das Zimmer zu verlassen. „Etwas Glänzendes?" frug diese und untersuchte ihren Shwal. Ein Ausruf der Ueberraschung, fast des Schreckens, entschlüpfte ihr. Dort in den Fransen hing der Opalring, welchen sie an der Hand ihres Gegenübers im Omnibusse erblickt hatte» Mit großer Hast machte sie ihn los; es war unverkennbar derselbe Ring. „O Mama, was soll ich anfangen!" rief sie. Im ersten Schrecken kam eS ihr vor, als ob sie sich augenblicklich ivieder hinaus in das fürchterliche Wetter begeben müsse, um den Eigenthümer des Ringes aufzusuchen. „Ein Mann, welcher mir gegenüber im Omnibus saß, trug diesen Ring. Sein Regenschirm fiel gegen meine Kniee, ehe er aussteigen wollte, und indem er ihn nahm, muß der Ring sich in die Fransen verwickelt haben. Was soll ich nun machen?" „Du hast keine Ursache so bestürzt darüber zu fein", sagte die junge Dame, welche 563 am Kamin gesessen und die jetzt hinzutrat, um den Ring in Augenschein zu nehmen. Du wirst doch nicht deshalb des Diebstahls beschuldigt werden können." Auch die Mutter erhob sich, ganz aufgeregt über diesen merkwürdigen Zufall. „Zeige ihn mir einmal", sagte sie, „und — um's Himmelwillen, Kind, wie naß Du bist! Lause nur rasch hinaus und wechsele Deine Kleider, heute Abend kannst Du in keinem Falle mehr ausgehen." Bertha zögerte noch einige Augenblicke. „Nein, heute Abend wird es nicht mehr möglich sein. Es war ein sonderbar aussehender Mann, daß meine Neugierde erregt wurde, und ich ihm nachblickte, um zu sehen, in welches Haus er sich begebe. Vermuthlich wird es morgen auch noch früh genug sein.", „Natürlich", bestätigte Mrs. Dalton. „Jetzt gehe augenblicklich und kleide Dich um, Du wirst Dich noch zu Tode erkälten." „Ich wartete einige Zeit bei Miß Beaumont in der Hoffnung, oaß das Wetter sich aufklären würde", entgegnete Bertha, ihrer Mutter den Ring hinreichend. „Hah ich bin so naß wie eine Katze", und beim Hinauslaufen rief siel „Bitte, setze den Thee an, Mama." Als sie wieder herunterkam, war der Thee fertig; die jüngere Dame hatte mit dem Nucken gegen den Kamin Platz genommen und amüsirte sich damit, den Ring fortwährend an den Finger zu stecken und wieder auszuziehen. Sie war sehr schön; ihre Züge waren klassisch in ihrer Regelmäßigkeit; die braunen Augen, von langen Wimpern beschattet, bildeten ebenso wie die schön gezeichneten Augenbrauen einen überraschenden Contrast zu ihrem goldenen Haare; ihr blendendweißer Teint wurde noch durch die Räthe der Wangen und Lippen gehoben. Sie hatte eine große, schlanke Gestalt und ihre Bewegungen trugen den Stempel träger Anmuth, welcher mit dem ruhigen, theilnahmlosen Ausdrucke des schönen Gesichtes vollständig harmonirte. „ES scheint ein sehr werthvoller Nina zu sein", sagte Mrs. Dalton, als Bertha am Tische Platz nahm. „O, ich wollte, er wäre mein", seufzte Madelina oder Lena, wie man sie zu nennen pflegte, und von Neuein steckte sie den Ring an den Finger und betrachtete mit Bewunderung die gut geformte Hand. „Das ist ein vergeblicher Wunsch", entgegnete Bertha. „Sobald ich morgen bei Miß Paget fertig bin, werde ich zu dem Hause hingehen, wo der Mann schellte, und dort Erkundigungen einziehen. Wie froh bin ich, daß ich das doch zufällig gesehen habe." Nachdem sie ihren Hunger gestillt, betrachtete sie den Ring genauer. Um den Opal, der zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, befanden sich fünf kleinere Steine in Form eines Hufeisens und unter diesen ein winziges goldenes Herz. Die Fassung war ein wahres Kunstwerk und dem Style nach zu urtheilen, Jahrhunderte alt. Es schien ein Familienerbstück zu sein. „Vermuthlich bilden diese Steine einen Namen", fuhr Bertha fort, „da die Wahl derselben so seltsam ist; sieh' dieser zweite ist ein Stück Jaspis. Der erste ist der Opal, dann kommt Jaspis, Diamant, Emerald*) und Saphir." „O. I. D. E. S." buchstabirte Lena. „Das ist Unsinn." „Halt", entgegnete Bertha. „Wird der Opal nicht zuweilen auch feuriger Stein genannt 2 Dann wäre der erste Buchstabe F. Ich habe es — F. I. D. E. S. — Fides, ohne Zweifel. Ich möchte wohl wetten, daß es ein Verlobungsring war." „Mir würde es sehr lieb sein, wenn Ihr Euch mit dem Thee beeiltet, Mädchen", warf Airs. Dalton dazwischen. „Der Ring ist beides, schön und interessant, aber für uns von gar keiner Bedeutung, da er aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgefordert wird." „Wir wollen es hoffen, Mama, obgleich ich gestehe» muß, daß das Aeußere des Mannes, der ihn trug, es mir sehr fraglich erscheinen läßt, ob er auf redliche Weise in seine» Besitz gelangt ist." *) Englischer Ausdruck für Smaragv, „Wie kannst Du das wissen, Bertha?" frug ihre Mutter. „Natürlich kann ich das nicht wissen, Mama; es ist nur eine Vermuthung.« Nachdem sie endlich mit dem Theetrinken fertig waren, stellte MrS. Dalton den Zucker und Johannisbeergölä in den schweren, altmodischen Schrank und schellte dem Mädchen, um den Tisch abzutragen. Bertha ging zu ihrem Arbeitskörbchen, nahm ein Stückchen Silberpapier, wickelte den Ring hinein und legte ihn in ihre Börse. „So, da kannst du nun liegen bleiben bis morgen, wo hoffentlich dein Eigenthümer entdeckt werden wird«, sagte sie und nahm dann ihr Schreibpültchen zur Hand, da ste die Aufgaben ihrer Schülerinnen über Harmonielehre nachzusehen hatte. Lena erhob sich ebenfalls, um ihre Arbeit zu nehmen, und nun konnte man bemerken, daß sie einen mit langer Schleppe versehenen, blauseidenen Rock mit einer hübschen schwarzsammtnen Tunika trug. Als Sara die Theeserviette wegnahm, stellte Lena ein reizendes Arbeitskästchen auf den Tisch; in demselben befand sich eine kleine Spitzen« arbeit, ähnlich dem Kragen und den Manschetten, welche sie selber trug. „Bitte, räume mir ein klein wenig Platz an dieser Seite des Tisches ein, Lena; ich bin so kalt", sagte Bertha, das Schreibpültchen in der Hand haltend, während ein Frösteln durch ihre Glieder fuhr. „Meinst Du, ich wäre nicht kalt?« entgegnete ihre Schwester, ein wenig zur Seite rückend. „Bist Du heute ausgewesen?" frug Bertha, während sie sich niedersetzte. „Aus? Nein, gewiß nicht bei so kaltem, schlechtein Wetter." „Ich glaube kaum, daß eS für Dich schlechter war, als für mich." „Du vergissest den Unterschied, Bertha", schaltete Mrs. Dalton ein, indem sie das „Magazin", in welchem sie den Thee erwartend gelesen hatte, wieder zur Hand nahm. „Du weißt, daß ich Lena nicht allein ausgehen lassen kann und es war mir zu naß, um sie zu begleiten." Bertha verstand sehr wohl, was ihre Mutter mit dem „Unterschiede" meinte. Lena war sechszehn Monate älter, als sie, und von frühester Jugend an war es Bertha eingeprägt worden, daß Lena eine Schönheit sei, und sie sich in keiner Beziehung eines hübschen Aussehens rühmen könne. Oftmals in letzterer Zeit mußte Bertha im Stillen darüber nachdenken, ob sie nicht vielleicht auch hübscher und frischer aussehen würde, wenn ihr Vater noch lebte, und dadurch die Vermögensverhältntsse besser wären, und sie nicht so anstrengend zu arbeiten habe. Es war wahrlich kein Wunder, daß zuweilen ihre Wangen bleich und die Augen müde waren und wenn sie sich so ermattet fühlte, schmerzte es sie doppelt, den Vorwurf hören zu müssen, daß es ihr an Frische und Lebendigkeit fehle. Der Charakter sowohl wie die Erziehung Bertha's ließen sie meistens alle Dinge von der besten Seite auffassen, nur wenn sie sich gar so matt und abgespannt fühlte, tauchte der Gedanke, ein hartes Loos habe sie getroffen und die ältere Schwester könne wohl auch einen Theil der Arbeit übernehmen, in ihrer Seele auf; doch war sie im Allgemeinen zufrieden. Sie freute sich ihrer hübschen Heimath, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerke dorthin zurückkehrte und obschon sie und die Ihrigen keine ausgedehnte» Bekanntschaften hatten, besaßen sie doch einige angenehme Freunde, deren Gesellschaft sie liebte. Nein, Bertha Dalton war nicht unglücklich; sie hatte das beruhigende Bewußtsein, ihre Pflicht treu zu erfüllen und kannte die Langeweile, über die Lena sich oft so bitter beklagte, gar nicht. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie zuweilen ein Gefühl von Niedergeschlagenheit empfand; aber sie kämpfte muthig dagegen an und setzte voller Vertrauen den Weg fort, welcher ihr von der Vorsehung war bezeichnet worden; ihn willig zu verfolgen, erkannte sie als ihre heiligste Pflicht. (Fortsetzung folgt.) 565 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffe,rbrirg. Von vo. Ludwig Herrmann. IN. Von Wertheim nach Aschaffenburg. Die Lohr-Wertheimer Bahn endet in Wertheim. Von dort führt eine gute Landstraße längs des linken MainuferS nach der 7 Stunden entfernten Stadt Miltenberg, von wo man sich auf der Aschaffenburg-Miltenberger Bahn nach Aschaffenburg begeben kann. In Wertheim und in Miltenberg findet man gute Mieths« und Postchaisen, welche den Weg zwischen diesen beide» Städten in 3—3'/^ Stunden zurücklegen. In diesem Theil des Mainthals waltet die Romantik vor. Auf beiden Seiten erblicken wir hohe bewaldete Berge, die bald dicht an die Gestade herantreten und den Strom in ein engeres Bett pressen, bald sich wieder etwas vom Ufer entfernen. Der Main windet sich in mannigfachen Krümmungen um die Berge, fast jede Beugung bildet durch die im Vorder- wie im Hintergründe vorspringenden Berge und Felsen ein abgeschlossenes Ganze, ein neues Landschaftsbild, dessen Reiz durch die auf den Höhen auftauchenden Burgruinen aus der Feudalzeit erhöht wird. Die frühere Fahrt auf den Maindampfern bot mir Hähern Genuß als die Landfahrt; denn bei jener zogen die verschiedenen landschaftlichen oft kontrastirenden Szenerie?» wie eine Wandeldekoration vorüber und das Auge umfaßte die Einzelbilder ganz. Gleich unterhalb Weltheim steigen am linken Ufer felsige Berge, die Gipfel mit Wald bedeckt, schroff empor und lassen der Landstraße kaum genügenden Raum. Tosend umströmt-der Main einen Berg, an dessen zerklüfteten Buntsandsteinfelsen sich die Häuser des Dorfes „Bestenheid" anlehnen. Hinter diesem Berg erhebt sich ein massiver Berg, der „Sporkert", auf dessen Gipfel sich die Trümmer einer allemannischen Grenzwehr befinden. Etwas unterhalb Bestenheid am rechten Ufer erscheint an der Mündung des romantischen Spessarter Haßlochthales das freundliche Dorf Haßloch, umgeben von Reben- terrassen, auf denen ein vorzüglicher Wein wächst. Hier ergießt sich die forellenrsichs Hassel in den Main. Sie treibt zehn Mühlen und ein Hammerwerk. Gehen wir das anmuthige Haßlochthal etwa eine Stunde aufwärts, so eröffnet sich uns «in bewaldetes enges Seitenthal, eine Art von Waldschlucht, hier liegt in einem umbuschten Wiesengrunde die „Karthause Grünau", ein passender Ort für Karthäuser- Mönche, deren strenge Ordensregeln Einsamkeit in abgeschlossenen Zellen, fortwährendes Schweigen und Enthaltung von Fleischnahrung vorschreiben. Düstere Stille umlagert den einsamen Thalgrund, aber seine Waldberge athmen erfrischende Lebenslust aus. Die Gräfin Elisabeth von Hohrnlohe, geb. Gräfin von Wertheim, stiftete im Jahre 1328 dies Kloster zur Sühne; die leidenschaftliche Jägerin Hatte dort ihren Gemahl getödtet, den sie im Waldesdickicht für ein Wild gehalten. Das im Jahre 1803 aufgehobene Kloster wurde mit seinen Gütern dem Grafen Löwenstein-Wertheim-Freudenberg übergeben, das Konventsgebüude, jetzt Wohnung des Oekonomiepächters, ist noch vorhanden, aber im verfallenden Zustand, das Refektorium wurde in eine Scheuer umgewandelt, die Klosterkirche sammt den Altären und den Mönchszellen auf den Abbruch verkauft, unter freien: Himmel stehen sieben hohe mittelalterliche Leichensteine von Karthäusern — ein widerliches, mir den Waldfrieden störendes Bild! In der Umgebung sind mehrere gut angelegte kristallhelle Forellenbäche und Teiche. In neuester Zeit wurde hier eine Anstalt für künstliche Fischzucht errichtet. Die an den Mainufern sehr häufig vorkommende Flußotter (Imtrn innsor), der gefährlichste Feind der Fische, steigt die in den Strom mündende Bäche hinauf und richtet arge Verwüstungen an. Jetzt wird auf dieses Raub- thier gefahndet, sein Pelz, welcher dem des Bibers ähnelt, ist eine köstliche Beute des Jägers. In jener Gegend liegt auch der „Steckenhahn", ein steiler Berg, auf dessen Gipfel man Spuren einer allemannischen Grenzwehr sieht; sie korrespondirte mit den früher angeführten Grenzwehren. In den „Mainsagen" (gesammelt von Alexander Kauf- mann 1883) habe ich drei liebliche Gedichte von A. Kaufmann gelesen, welche Sagen aus dem Haßlochthal zum Gegenstände haben. Kehren wir wieder an die Gestade des Mains zurück! Etwa eine Stunde unter Haßloch schauen links von der Landstraße aus einem umbuschten Felsthale die Ziegeldächer des badischen Dorfes „Grünewört" heraus. Von hier zieht sich der schattige „Schenkenwald" längs des linken Ufers bis nach „Mondfeld" hinab. Dieses badische Dorf liegt dem bayerischen Marktflecken „Stadtprozelten" gegenüber. Hier strömt der Main im engern Bette. Sobald wir an dem großen bayerischen Dorfe „Faulbach" am rechten Ufer vorüber sind, erblicken wir in der Ferne die Zinnen und Thürme der Burg von Stadtprozelten. Auf einer steilen Anhöhe ragt noch immer stolz die imposante Ruine des Bergschlosses empor. Hinter der Anhöhe erheben sich die dunkeln Berge des Spessarts, und ihre Wälder ziehen sich auf beiden Seiten der Anhöhe bis an's Gestade hinab. Dicht am Ufer umlagert die Burganhöhe der alterthümliche Marktflecken Stadtprozelten, dessen Befestigungsmauern bis zum Bergschlosse hinauslaufen. Dies Bergschloß soll von König Heinrich I. erbaut worden sein. Urkundlich treten als Eigenthümer zuerst im Jahre 1260 die „Schenken von Klingenberg" auf. Nach mehrmaligem Besitzwechsel kam es 1483 an Kurmainz, welches dasselbe zur Landesfestung erhob und bedeutend erweiterte. Im Jahre 1668 wurde die Feste von Turenne zerstört. Ringmauer», Bastionen und Kellergewölbe sind ziemlich gut erhalten. Die Burg selbst zeigt noch eine Vorderseite mit einer Reihe von Fensteröffnungen. Die zwei viereckigen massiven Hauvtthürme haben eine Höhe von 70 Fuß. Von kleineren Thürmen sind noch theilweise die Umfassungsmauern vorhanden. Als König Ludwig 7. nach der Errichtung der Main-Dampfschifffahrt 1844 zum ersten Mal von Bamberg den Main hinunterfuhr, war er überrascht von der romantischen Schönheit dieser Gegend, stieg die Burg hinauf, besichtigte Alles genau und bestimmte eine nicht unbedeutende Summe aus seiner Schatulle für die Erhaltung der Burg und für die Umgebung derselben mit Anlagen. Eine halbe Stunde unter Stadtprozelten gewahren wir am Fuß des „Hochberges" das große bayerische Pfarrdorf „Dorfprozelten"; es erscheint urkundlich schon im neunten Jahrhundert. Sein Gemeindehaus war ursprünglich ein kurfürstlich Mainzisches Jagdschloß. Eine weitere halbe Stunde abwärts, in einer reizenden, auf beiden Seiten von grünen Waldungen bekränzten Landschaft liegt auf dein rechten Ufer am Abhänge des „Fechenberges" die pittoreske Ruine „Kollenburg". Am Fuße des Bergs steht einsam ein Försterhaus. Die Burg wurde 1254 von dein Ritter von Kollenbcrg erbaut, kam 1296 an die Herren von Nüdt und nach deren Aussterben 1735 an Kurmainz. Durch die Nachlässigkeit der kurfürstlichen Beamten wurde die schöne Burg allmälig eine Ruine. Abermals eine halbe Stunde abwärts von da streckt sich traulich ans rechte Ufer das Dorf „Fechenbach" hin. Dicht am Gestade liegt das Hofgut und Schloß des Freiherr» v. Bethmann aus Frankfurt a. M. Das Schloß wurde 1648 von den Herren von Rcigersberg erbaut und 1842 an Herrn von Bethmann verkauft. Dieser richtete das Schloß komfortabel ein und umgab es mit schönem Park und Garten. Für Pomo- logen vom großen Interesse ist die dortige Baumschule. Unterhalb Fechenbach erblicken wir am rechten Ufer die nahezu 90 Meter hohen Wände und Stunde langen rothen Sandsteinbrüche des Dorfes „Neistenhausen". In ihnen sind viele hundert Arbeiter beschäftigt. Diese Brüche liefern vortreffliches Baumaterial, welches nach Frankfurt, Mainz bis Koblenz hin ausgeführt wird. Hier werden Steine von colossaler Größe gebrochen, für Säulen, Palast-, Feflungs- und Brückenbauten. An den Uferbergen des Mains hatte ich schon vorher viele Bundsandsteinbrüche gesehen. Besonders häufig sind sie auf der Strecke von Stadtprozelten bis Miltenberg hin. Sie steigen die Berge hoch hinauf, oben und seitwärts umgiebt sie Wald, auf den südlichen Abhängen ziehen meist Reben» terraffen von einem Steinbruch bis zum andern hin. Die zwischen den dunkeln Bergwäldern hervorschimmernden, von der Sonne grell beleuchteten zackigen rothen Massen bieten aus der Ferne gesehen einen eigenthümlichen landschaftlichen Reiz. > 567 j > Etwas weiter unten überrascht uns am linken Ufer ein neues schönes Bild. Auf der halben Höhe des schroffen „Wanneiiberges" steigen, von Hochwald umgeben, die hohen Thürme der Burg „Freudenberg" trotzig gen Himmel; dicht am Ufer umgiebt den Fuß des Berges das badische Städtchen „Freudenberg" mit seinen alterthümlichen Gebäuden, unter denen sich ein fürstliches Schloß befindet. Die Burg wurde gegen Ende des XII. Jahrhunderts vom Hochstift Würzburg erbaut, den Grafen v. Wertheim als Lehen übergeben, aber ihnen wieder abgenommen nach dem Tode des Grafen Michael III. im Jahre 1556. Kaiser Rudolf II. sprach im Jahre 1602 Burg und Stadt dem Grafen Ludwig v. Löwenstein-Wertheim wieder zu, der dann während des 30 jährigen Krieges die Linie Löwenstein-Wertheim-Freudenberg gründete. Dieser Linie gehört die Burg noch jetzt, die Stadt aber wurde 1803 badisch. Zerstört wurde die Burg während des 30- jährigen Krieges. Der viereckige» aus riesigen Quadern erbaute, 60 Fuß hohe Wart- thnrm ist gut erhalten, ebenso ein etwas kleinerer Thurm und ein Theil der äußeren Mauern. Das Schloßthor trägt das gräfliche Wappen und die Jahreszahl 1409. Von der Schloßkapelle steht noch die Vorderseite mit der Jahreszahl 1361. Die Festungsmauern erstrecken sich den Berg hinunter und ziehen die Stadt in den Bereich der Burg- befestigung. Um Freudenberg herum ist das Klima außerordentlich mild, es reifen dort auf einem geschützten Abhang große blaue Trauben, die einen guten Nothwein geben. Etwas unterhalb Freudenberg hört das badische Gebiet auf; die Länge der Mainstrecke, in welcher das linksseitige User zu Baden gehört, beträgt 73 Kilometer. Von Freudenberg an sind wieder beide Flußufer bayrisch. Schon bei Neistenhausen wendet sich der Main mehr gegen Süden und bei Freudenberg gegen Südwesten. Auf dem linken Ufer treten die Ufer allmälig mehr und mehr zurück und lassen einer fruchtbaren Ebene Raum, während auf der rechten Seite noch der Spessart seine bewaldeten Berge und rothen Felsen bis nahe ans Gestade sendet und da und dort düstere Seitenthäler öffnet. Die erste bayerische Ortschaft auf dem linken Ufer ist der wohlhabende große Marktflecken Bürgstadt. Saatfelder, Wiesen, Obstbäume, Weingelände umgeben ihn. Bereits unter Freudenberg sah ich viele Tabaksanpflanzungen, die sich bis Bürgstadt hin erstrecken» Hier mündet die viele Mühlen treibende „Erf" in den Main. Südwestlich von Bürgstadt erhebt sich ein waldiger Berg, dessen Gipfel ein großer allemannischer Ningwall umgibt. Von Bürgstadt zieht der Main nach der eine Stunde entfernten Stadt Milten- berg und beginnt dort den nordwestlichen Lauf gegen Aschaffenburg. Als ich in diesem Sommer hier vorüberkam, war der Main außerordentlich belebt. Viele Schiffe mit Bunt» sandsteinen, Holz, Getreide befrachtet, und lange Flöße fuhren thalwärts. An das schönbewaldete Gebirg angelehnt streckt sich Miltenberg in einer einzigen weit ausgedehnten Zeile längs des linken Ufers hin, auf der Abdachung eines Berges erheben sich über der Stadt die alte epheuumrankte Miltcnburg und zwei moderne schloß- artige Villen. Von Miltenberg schlangelt sich der eine Stunde lange schattige fürstliche Park längs des Mains hin bis zum stattlichen Nesidenzschlosse des Fürsten Löwenstein- Wertheim-Noscnberg und dem Marktflecken Klein-Heubach. Gegenüber auf dem rechten Ufer liegt das Pfarrdorf Groß-Heubach, und vom Gipfel eines mit Traubenterrassen bebauten hohen Berges begrüßt uns das idyllische Franziskanerkloster „Engelsberg" mit seinem Kirchthurm und seiner 560jährigen Linde. Nun durchströmt der Main eins fruchtbare, mit vielen Dörfern und Städtchen besetzte Thalebene, rechts begleitet von den südwestlichen Ausläufern des Spessarts, links von den dichtbewaldsten Bergen des östlichen Odenwaldes. Bevor wir Aschaffenburg erreichen, kommen wir noch vor einer Burgruine vorbei; auf dem Gipfel eines rebenumkränzten Berges schaut aus Bäumen der Thurm und die Ringmauer der „Klingenburg", ehemals den „Schenken von Klingenberg und Prozelten" gehörig, freundlich heraus. Bei der Annäherung an Aschaffenburg wird das Land auf der linke» Seite allmälig flacher. Nachdem wir an dem großen Hofgut „Nilkheim" vorüber sind, bietet sich unfern Blicken das Schlußbilb des Mainthal-Panorama's dar: „Aschaffenburg und seine Umgebung." 568 Der Main strömt unter den elf stattlichen Bögen einer steinernen Brücke abwärts und umsäumt in weitbogiger Krümmung die vom rechten Ufer aufsteigenden Anhöhen. Auf diesen thront, von parkartigen Anlagen umgeben, das aus rot'hem Sandstein erbaute königliche Nesidenzschloß mit seinen fünf hohen Thürmen; am Ufer tritt dort das Urgebirg in massenhaften, klippenförmig aufsteigenden Felsbänden zu Tag, über denselben aus einem Weinberge s-iegelt sich im Main die von König Ludwig I. in antikem Style erbaute pompejanische Villa. Rechts vom Schlosse tauchen aus terrassenartigen Anhöhen aus dem Dunkel von Bäumen, die Kirchthürme und Häuser der Stadt auf. Am Südende zieht längs der Uferhügel eine Reihe schmucker Landhäuser und Gärten hin. Den Hintergrund schließen die Berge des Spessarts, aus welchen der weithin hochrothschimmernde, mit dunklem Nadelholz bewachsene Gipfel des kegelförmigen Findberges emporragt. Der Gipfel dieses Berges war mit einen, großen germanischen Ringwall umgeben, von welchem durch den Rothsandstcinbruch der größte Theil weggegraben ist. Auch hier erzählt die Sage von der „Findburg", auf welcher der 'Ritter von Helmenroth im Jahre 1005 gehaust habe. Urkundlich ist hierüber nichts vorhanden. Ebensowenig hat man Spuren von Mauerwerk gefunden. Bei dem zwei Stunden von Aschaffenburg entfernten Dorfe Soden befindet sich auf eine», steilen Berge ein großer dreifacher germanischer Ringwall. Die Sage hat hierhin die „Sodenburg" verlegt. Auch hier keine urkundliche Bestätigung und keine Spur von Mauerwerk. (Nordd. Allg. Ztg.) Miseellen. („Mesalliancen" im Thierreich.) Man schreibt der Wiener „Presse" aus Golling (Salzburg): „Der größte Jagdherr unserer Gegend ist bekanntlich der preußische Oberst-Jägermeister Fürst Heinrich ^ I. von Pleß. Nicht nur der Paß Lueg sondern das ganze Tännen-Gebirge, Steinwandseite Lueg und die vorliegenden und angrenzenden Niederjagden sind theils Eigenthum, theils Pachtung des Fürsten. Nun hat vor einigen Jahren der verstorbene König Victor Emanuel dem Fürsten eine Anzahl piemontesischer Steinböcke zum Geschenke gemacht. Die Thiere wurden ausgesetzt und, wie es scheint, haben sich die südlichen Gäste in unserem Hochgebirge ganz gut eingebürgert. Neuerdings wird über Mesalliancen berichtet, welche die Böcke mit den aus der Hochweide befindlichen Hausgaiscn eingehe». Die Sprößlinge aus dieser Paarung haben indessen mit ihren Erzeugern wenig gemein. Je älter der Bastard wird, um so mehr verliert er die Ähnlichkeit mit dem Steinböcke; insbesondere bleibt die Entwicklung des Gehörns weit zurück. Werfenweng besitzt einige dieser Bastarde, die sich allerdings durch eine gewisse Wildartigkeit auszeichnen. (Eine chronometrische Sternwarte), so berichtet das „Journal des Debüts", soll in Besan^on zu dem Zwecke erbaut werden, um den Gang des Chronometer durch mathematische Feststellung der astronomischen Zeit zu bestimmen. Man hat die Stadt Besän, on dazu gewählt, weil diese Stadt der Sitz der diesbezüglichen Fabrikationen in Frankreich ist; denn es werden daselbst täglich 1200 Chronometer verfertigt. Diese Zahl allein reicht hin, um das Interesse zu erklären, das man allgemein empfindet, an Ort und Stelle der dortigen Industrie die Mittel zu bieten, ihren Produkten dir höchstmögliche Vollendung zu geben. Die Stadt wird das Terrain hergeben und die Sternwarte erbauen, was ihr eine Ausgabe von 200,000 Franken auferlegen wird. Der Staat seinerseits wird die Instrumente, deren Werth auf 100,000 Franken veranschlagt worden sind, liefern. (Boshaft.) Frau: „Sieh' nur, Gustav, wie mein seliger Vater auf dem Bilde lächelt. Er freut sich, daß Du endlich meinen Wunsch erfüllt und mir den Brillant- schmuck gekauft hast." — Mann: „Bewahre, er lacht mich aus, weil sich so ein Esel war und das schöne Geld dafür fortgeworfen habe." Für die Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. »m „Äugslmrger postzeitnug." Nr. 72. Samstag, 8. September 1883. Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E- C. (Fortsetzung.) Zweites Capitel. Mehrmals in der Woche gab Bertha Gesang- und Clavierunterricht an einer Schule, und diese Beschäftigung nahm dann fast den ganzen Tag in Anspruch; die übrige Zeit hatte sie anderweitig Stunden zu geben; doch entstand ab und zu eine kleine Lücke. Diese benutzte sie, um das Haus, an welchem sie den Mann hatte schellen sehen, aufzusuchen. Es war ihr nicht schwer, den großen Porzellanladen wieder zu finden, und da sie es am Gerathensten hielt dort zuerst Erkundigungen einzuziehen, ging sie hinein. Ein junger Mensch kam auf sie zu; sie theilte ihm ihr Vorhaben mit, ohne jedoch den verloren gegangenen Gegenstand näher zu bezeichnen. Wie sie richtig vermuthet hatte, gehörte der obere Theil des Hauses nicht dem Besitzer des Ladens, sondern war in einzelnen Abtheilungen vermiethet. Von dem jungen Manne erfuhr sie, daß augenblicklich nur eine einzelne Dame, welche vor Kurzem aus dem Auslande angekommen sei, dort wohne. Wenn also Jemand an der Thür geschellt hatte, so mußte er nothwendig diese aufgesucht haben. Er rieth Bertha daher, die Privatschelle zu ziehen und nach Mrs. Lemont zu fragen. Sie befolgte den Rath; einstämmiger, älterer Diener öffnete die Thüre und führte sie, nachdem er ihren Wunsch erfahren, die Treppe hinauf in's Wohnzimmer und bot ihr einen Stuhl mit dem Bemerken an, daß er sie seiner Herrin anmelden werde. „Mrs. Lemont wird mein Name unbekannt sein", sagte Bertha, ihm die Karte überreichend, „aber bitte theilen sie ihr mit, daß ich sie nur wenige Minuten in Anspruch nehmen werde." Bertha mußte eine Weile warten und hatte Muse, die Einrichtung des Zimmers zu besichtigen. Die Möbel waren so, wie man sie gewöhnlich in eleganten Mieth- .Wohnungen antrifft und die Gegenstände, welche zerstreut umherlagen, ließen auf luxuriöse Gewohnheiten der jetzigen Bewohner schließen. Auf dem mittleren Tische befand sich ein Strauß von seltenen Treibhauspflanzen, daneben lag ein mit Perlmutter und Gold eingelegter Operngucker und ein Fächer von Pfauenfedern. Das offenstehende Arbeitskästchen zeigte die innere, goldene Einrichtung und ein echt indischer Shawl hing nachlässig auf der Lehne eines Sessels. Der kleine, weiße Pudel, welcher Bertha mit starkem Bellen begrüßt hatte, ruhte wieder in seinem mit rother Seide verzierten Korbe und am Fenster stand ein vergoldeter Käsig mit ausländischen Vögeln. Jetzt öffnete sich die Thüre und eine reich, aber etwas auffallend gekleidete Dame trat ein; sie war noch ziemlich jung und nicht ohne bedeutende körperliche Vorzüge, obgleich der zarte Teint und das üppige, schwarze Haar den Verdacht erregten, daß hier die Kunst der Natur zu Hülfe gekommen sei. Aber der Ausdruck des Gesichtes war nicht angenehm; um die dünnen Lippen zogen sich harte Linien, und die schwarzen Augen, welche so nahe beisammen standen, hatten einen kalten Blick. Ob die Verhältnisse sie dazu veranlaßten, oder ob wirklich eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden war, Vertha glaubte diese ganz sicher zwischen der Dame und ihrem Reisegefährten herauszufinden. Und doch, so frug sie sich selbst, welche Verwandtschaft könnte wohl möglicherweise zwischen dieser fein geputzten, schönen Dame und jener entschieden verkommenen aussehenden Persönlichkeit bestehen? Bertha nahm, der Einladung der Mrs. Lemont folgend von Neuem Platz und erzählte dann die Begebenheit des vorigen Abends, ohne jedoch auch hier den betreffenden Gegenstand näher zu bezeichnen; sie empfand unwillkürlich Mißtrauen gegen diese Frau, besonders da sie bemerkte, daß Mrs. Lemont bei der näheren Beschreibung des Mannes trotz der aufgelegten rothen Farbe sichtlich erblaßte. „Welch' merkwürdiger Zufall! Aber Sie haben sich gewiß in Ihrer Vermuthung, die beschriebene Person habe hier geschellt, geirrt. Es wurde schon dunkel, wie Sie sagen, wie leicht können Sie sich getäuscht haben. Eine derartige Persönlichkeit ist mir völlig unbekannt; auch hat gestern Nachmittag nach vier Uhr Niemand mehr hier Besuch gemacht." „Wäre es nicht möglich, daß er Jemanden von Ihrer Dienerschaft aufgesucht habe?" frug Bertha. „Das ist nicht wahrscheinlich. Wir sind erst vor Kurzem aus dem Auslande hierher gekommen; meine Leute haben gar keine Bekannte in London, aber wenn Sie es wünschen, werde ich mich darnach erkundigen." Mrs. Lemont schellte; derselbe Diener, welcher Bertha hineingeführt hatte, erschien. „Ist gestern Abend gegen sieben Uhr irgend Jemand hier gewesen, Perkins?" frug Mrs. Lemont, und Bertha glaubte sein Zeichen des Einverständnisses zwischen der Herrin und dem Diener zu bemerken. „Nein, Niemand, Madame." „Vielleicht hat Eliza die Thür geöffnet?" fuhr Mrs. Lemont fort. „Nein, Madame, das ist nicht möglich. Ich war den ganzen Nachmittag und Abend zu Hause, und Eliza oben mit ihrer Arbeit beschäftigt." „Es ist gut, Du kannst gehen", und der Mann zog sich zurück. „Sie sehen", fuhr sie gegen Bertha gewendet fort, „daß wir Nichts von der fraglichen Person wissen. Der Mann hat vielleicht irrthümlicher Weise an dieser Thüre geschellt und ist dann weiter gegangen. Hat der verloren gegangene Gegenstand hohen Werth?" „Er rst immerhin werthvoll genug, um von Demjenigen, der ihn verloren hat, schmerzlich vermißt zu werden", erwiderte Bertha fest entschlossen, sich auf nichts Näheres einzulassen; deshalb stand sie auf und empfahl sich, nachdem sie Mrs. Lemont darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Adresse auf der Karte angegeben sei. Der scharfe Wind hatte den Sieg davon getragen und die Regenwolken weggefegt; matte Sonnenstrahlen durchdrängen die feuchte Luft; auch die Kälte hatte etwas nachgelassen. Vertha Dalton begab sich nach Beendigung ihrer Musikstunden zu der Haltestelle des Omnibus, um zu fragen, ob vielleicht Erkundigungen nach dem Ringe angestellt worden seien. Nachdem sie eine verneinende Antwort erhalten, ließ sie auch dort ihre Adresse zurück und nun blieb ihr weiter nichts übrig, als abzuwarten, ob nicht eine Anfrage in der Times erscheinen werde. Nach der Persönlichkeit des Mannes zu urtheilen, welcher mit ihr im Omnibus gefahren und der geheimnißvollen Verbindung, die ihrer festen Ueberzeugung nach zwischen ihm und der Dame bestand, erwartete Bertha nicht, daß er kommen und den Ring als sein Eigenthum beanspruchen werde und so beschloß sie, in der unbestimmten Hoffnung, eines Tages den wirkliche» Eigenthümer anzutreffen, ihn selbst zu tragen. Zu Hause angekommen, eilte Lena ihr mit einem offenen Briefe in der Hand entgegen. 571 „Wenn Du heute Morgen nur noch zehn Minuten gewartet hättest, wäre Dir schon diese angenehme Ueberraschung zu Theil geworden." „Und meinen Schülerinnen eine sehr unangenehme, indem ich sie hätte warten lassen; aber was gibt's? Wer hat geschrieben?" „Die liebe alte Lady Langley; sie ladet uns auf acht Tage zu Ende April ein. Wirst Du hingehen können?" Bertha's Miene erhellte sich. „Wie liebenswürdig von ihr, an uns zu denken!" rief sie aus. „Ja, ich glaube, ich werde gehen können. Miß Beaumont gibt dann vierzehn Tage Ferien, und ich kann meinen anderen Schülerinnen anstatt Ostern, zu dieser Zeit frei geben. Wie herrlich wird das sein!" „Sie haben jetzt gewiß schon eine Menge Bekannte in dortiger Gegend", bemerkte Lena, indem sie ihrer Schwester die Treppe hinauf folgte. „Wer weiß, was daraus entstehen wird?" Auf jeden Fall ist es für uns eine sehr angenehme Abwechselung; ich erwarte nichts Anderes", entgegnete Bertha lächelnd. „Ich glaube gern, daß Du das nicht thust", gab Lena zu. Du bist ein solch ruhiges Mäuschen, Dein Verlangen ist es nicht, eine vornehme Partie zu machen; aber ich thue das, und hier sieht man ja Niemanden." „Dann spute Dich» das Ersehnte zu Stande zu bringen", sagte Bertha lachend; „Du hast schon so lange Zeit davon gesprochen." „Gib mir nur die Gelegenheit dazu", erwiderte Lena, sich in dem Spiegel betrachtend. „Welche Schritte hast Du wegen des Ringes gethan?" frug sie, da sie bemerkte, daß Bertha ihn, nachdem sie die Hände gewaschen, wieder an den Finger steckte. Diese erzählte es ihr und fügte hinzu, daß sie jetzt den Ring tragen werde, bis der Eigenthümer gefunden sei. „Willst Du mich das nicht thun lassen, er gefällt mir außerordentlich gut?" „Nein, ich gehe mehr aus als Du, Lena", wandte Bertha ein, „und vielleicht wird er doch bald zurückgefordert. Schreibt Lady Langley noch sonst etwas in ihrem Briefe?" „Sie spricht davon, wie ihre neue Heiuiath ihr immer besser gefalle und daß sie einige recht angenehme Nachbarn habe und ihre Besitzung an den Park des Lord Alphington angrenze." „Hast Du vielleicht vor, den alten Lord Alphington zu erobern", neckte Bertha; „er ist Wittwer, wahrscheinlich noch nicht weit über siebzig Jahr« alt und unermeßlich reich, wie man sagt." „Ich bin gespannt, ob die Geschichte wahr ist", sagte Lena mit Achselzucken. „Welche Geschichte?" frug ihre Schwester, die Halskrause auf ihrem einfachen schwarzseidenen Kleide, welches sie gewöhnlich des Nachmittags trug, befestigend. „Erinnerst Du Dich nicht mehr? Man erzählte sich ja, sein zweiter Sohn hab^ sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht und sei nach Amerika gegangen. Später starb Lord Chalsont, der älteste Sohn, sammt seinen Kindern, und nun ist kein Erbe für den Titel und das Besitzthum dort." „Ja, jetzt fällt mir ein, daß ich darüber habe sprechen hören. Freue Dich, Lena, desto bessere Aussichten für Dich." „Du machst Dich immer über mich lustig, Bertha, aber warte nur, eines Tages wirst Du sehen, daß ich Jemanden erobert habe, der annehmbarer ist, als alle unsere hiesigen Bekannten", entgegnete Lena schmollend. „Du eitles Geschöpf; ich will Dir aber doch sagen, daß man Titel und Reichthum nicht alle Tage auf der Straße findet — und Du bist schon 23 Jahr« alt» Lena." „Weshalb mich immer an diese unangenehme Thatsache erinnern?" frug diese in ärgerlichem Tone. «Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du Jemanden antriffst, den Du wahrhaft — 572 lieben und achten kannst; alle Titel der Welt können dies nicht aufwiegen", erwiderte Bertha ernst. „So denke ich nicht!" rief Lena aus. „Wenn der alte Lord Alphington mir einen Antrag machte und ein schönes Witthum bestimmte, ich würde ihn morgen am Tage heirathen." „O stille, Lena! Ich kann es nicht ertragen, solche Reden von Dir zu hören. Komm jetzt, ich bin fertig, wir wollen zu Mama hinuntergehen." Sie lief voran, als ob sie dem Anhören solcher Gesinnungen, die ihr reines, selbstloses Herz empörten, entrinnen wolle. Drittes Capitel. In einem großen Gemache, welches dem doppelten Zwecke eines Wohnzimmers und Malerateliers entsprach, faßen zwei junge Leute rauchend am glühenden Kamine. Das Zimmer besaß drei Fenster, wovon das mittlere bis hoch zur Decke hinaufreichte; der untere Theil desselben war mit einem grünen Vorhänge verdeckt. Zn nächster Nähe von diesem stand eine Staffelei mit einem unvollendeten Bilde; verschiedene Zeichnungen und Mappen waren gegen die Wand angelehnt. Auf einem Tische in der Nähe der Staffelei lagen Palette, Pinsel, Farben, überhaupt alle Utensilien eines Malers. In der andern Ecke des Zimmers herrschte etwas mehr Ordnung: dort war der Tisch mit einer grünen Tuchdecke behängen, an der einen Seite des Kamins stand ein gut gefüllter Bücherschrank und diesem gegenüber ein hübscher Schreibtisch; Flügelthüren führten zu dem anstoßenden Schlafzimmer. Die beiden Raucher ruhten in bequemen Sesseln; ihnen zur Seite stand auf einem kleinen Tischchen eine Flasche mit Gläsern und ein Cigarrenkistchen. „Das ist eine fatale Geschichte ohne Zweifel", sagte der jüngere der Beiden, ein lebhaft aussehender Bursche mit blondem Haare und lachenden, blauen Augen; die zarten Anfänge eines weichen Schnurrbartes zierten seine Oberlippe. „Sein Gefährte, den er anredete, war vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre alt. Er hatte eine dunkele, etwas bleiche Gesichtsfarbe; das dichte, wollige Haar umgab vortheilhast die schön geformte Stirne. Seine grauen Augen hatten schwarze Wimpern, die Lippen waren, wenn auch nicht voll, so doch wohl gebildet, und die fast viereckige Form des Kinnes ließ auf Festigkeit des Willens schließen. Auch er trug einen Schnurr- bart, dieser war dicht und schwarz, wie sein Haar. Seins mittelgroße Gestalt machte den Eindruck außergewöhnlicher, durch häufige Uebung erworbener Stärke. In der Haltung des Kopfes und der.ganzen Erscheinung lag ungezwungene Selbstbeherrschung, vielleicht mit etwas Stolz gepaart. Im Ganzen war er ein schöner, stattlich aussehender Mann, der selten unbeachtet blieb. „Ja, das ist wahr, erwiderte er auf die Bemerkung seines Freundes, „und was das Schlimmste dabei ist, ich bin mir gar nicht klar, was in der Sache zu machen wäre." „Weshalb nimmst Du nicht die Hülfe eines Geheimpolizisten in Anspruch?" frug der erste Redner. „Das habe ich gethan, aber bis jetzt ist Nichts entdeckt worden. Ich weiß überhaupt nicht, 'wie ich mir den Raub erklären soll, da ich mir bewußt bin, keinen einzigen Feind auf der Welt zu besitzen. Und weshalb sollte ich auch einen solchen haben?" „Und weshalb sollte ich «inen haben?" bemerkte der jüngere Mann. „Und doch will meine Tante gar nicht sterben und mir einige tausend Pfund Sterling vererben. Wenn das nicht als Feind gehandelt ist, dann weiß ich es nicht." „Sage lieber als Freund", entgegnrte sein Gesellschafter; „denn, wenn Du rm Besitze des Geldes wärest» wie rasch würdest Du es wohl ausgegeben haben, und jetzt hast Du noch immer etwas zu erwarten. Du solltest Dir wirklich Mühe geben, mit hundert Pfund das Jahr auszukommen, Douglas." „Das hast Du gut sagen, alter Bursche, Deine sichere Einnahme beläuft sich auf wehr als zweihundert Pfund das Jahr. Ich wollte, meine Mutter hätt« mir auch so 573 viel hinterlassen, denn wenn man aus der Hand in den Mund leben muß, wie ich, und manchmal gar kein Durchkommen sieht, dann ist es wirklich sehr verführerisch, einmal über die Stränge zu schlagen, wenn man gerade bei Cassa ist. Aber was ich Dich fragen wollte, Eustacs, bist Du wirklich entschlossen, Deinen Namen zu ändern? Wirst Du von nun an nur unter dem Namen „St. Lawrence" bekannt sein?" „Ich habe nach reiflicher Ueberlegung diesen festen Entschluß gefaßt", antwortete sein Freund. Meinen wirklichen Namen werde ich erst dann annehmen, wenn mir das Recht, ihn zu führen, zuerkannt ist, und da ich jetzt vor dem großen Publikum erscheinen werde, will ich nicht fortfahren, den Namen meiner Mutter zu tragen, damit nicht möglicherweise ihr reines Andenken durch den leisesten Zweifel befleckt werde." „Hört ihr» ihr Götter!" rief Douglas mit komischem Pathos. „Sollte man nicht glauben, er habe vor, sein erstes Debüt auf deü Brettern zu machen!" (Fortsetzung folgt.) Die Nord-Paeific-Bahr» irr Nord-Amerika. Nord-Amerika steht vor der Eröffnung eines neuen, völkerverbindenden Schienenweges, welcher sich an Großartigkeit der Anlage, an kühner Ueberwindung der den Menschen von der Natur in den Weg gelegten Hindernisse und an Ausdehnung ebenbürtig der großen Eisenstraße an die Seite stellen kann, die bereis seit dem Jahre 1869 die Küste» des Atlantischen mit denen des Stillen Ozeans verbindet. Im Unterschied zu der 1869 dem Verkehr übergebenen Bahn über den amerikanischen Kontinent und einer inzwischen entstandenen Süd-Pacific-Bahn ist dje neu zu eröffnende Linie mit dem Namen Nord-Pacific-Bahn bezeichnet worden. Der Gesellschaft, welche ihren Bau unternommen, der Northern-Pacisic-Nailroad-Company, wurde mittelst Gesetz vom Jahre 1864 vom Kongreß der Bereinigten Staaten unter der Bedingung, daß sie den nordamerikanischen Nordwesten durch den Bau einer Eisenbahn der Kultur erschlösse, die Hülste alles Landes, welches auf jeder Seite einer zu bauenden Bahn in einer Breite von 20 Meilen liegt, unentgeltlich überlassen. Es ist dies die Schenkung eines TerrainS von etwa 63 Millionen preußischer Morgen, welches die Bahnverwaltung theils als Wald und Acker, theils als Wald- und Prärieland an Ansiedler verkauft, unter Gewährung leichter, über mehrere Jahre ausgedehnter Zahlungsbedingungen und außerdem eines Rabattes von 25 pCt. auf jeden in den ersten rivei Jahren nach dem Ankauft urbar gemachten Morgen. Die Anfangspunkte der Nord-Pacific-Bahn liegen unmittelbar westlich des großen nordamerikanischen Seengebietes, welches, wie bekannt, durch den Sän Lorenzofluß natürliche Verbindung mit dem Meere hat. Als diese Ausgangspunkte sind zu nennen die Städte St. Paul und Minneapolis südlich und Superior, bezüglich Dulukh mehr nördlich, und am Superiorsee gelegen, sämmtlich im Staat Minnesota. Die ebengenannten Zugangslinien vereinigen sich dann zu einem Hauptschrenenstrange, welcher Nord-Wisconsin, Zentral-Minnesota, Nord-Dacota, Montana, einen Theil von Nord-Jdaho und Oregon durchzieht. Die Bahntrace lauft zwischen dem 46. und 47. Breitengrade ist ziemlich gerader Linie nach Westen bis zu dem Nocky-Msuntains-Gebirge. Das Gebirge zwingt dann zum Ausweichen in nordwestlicher Richtung. In der Nähe des 48. Breitengrades liegt der nördlichste von der Bahn.berührte Punkt, der Oreillesse. Von hier aus verfolgt sie eine südwestliche Richtung nach dem 46. Grade hin und erreicht in Portland im Staate Oregon ihren südlichsten und zugleich ihren Endpunkt. Die geographische Breite, welche die Nord-Pacific-Bahn durchschneidet, entspricht derjenigen des südlichen Frankreichs und Oberitaliens. — Die ganze Länge vom Superiorsee bis zur westlichen Endstation beträgt 542 deutsche Meilen: man kann aber die eigentlich« Schienenlänge nur auf 490 Meilen angeben, da von dem Kolumbiathal an die Züge der Nordbahn bei Portland auf dem Geleise einer anderen Strecke, der „Oregon Nailway" und „Navigation-Company" laufen. 574 Die die Bahn umgebende Landschaft mit ihrem Naturleben wechselt in überraschender Weise vor den Augen des Beschauers. Die Städte und Ortschaften, welche sie berührt, gewähren in den meisten Fällen noch das Bild der Unfertigkeit und des schnellen hastigen Aufstrebens in dem bekannten amerikanischen Großstadtstyle. St. Paul, die eine Ausgangsstation, am Mississippi gelegen, ist etwa 30 Jahre alt und zählt gegen 50,000 Einwohner, zum größten Theil Deutsche und Skandinavier. Der Geschäftsverkehr des Städtchens ist ein sehr bedeutender, wird aber schon von der Schwesterstadt Minneapolis überflügelt, da die Fälle des Mississippi eine so bedeutende Wasserkraft bieten, daß daselbst Getreidemühlen von großer Leistungsfähigkeit entstanden sind. Im Durchschnitt liefert eine solche Mühle täglich 5000 Fässer Mehl der vorzüglichsten Qualität, das in den letzten Jahren mit 8—9 M. bezahlt wurde. Wer die Reise nach Westen vom Superiorsee aus antritt, der beginnt die Fahrt in der Stadt Superior, resp. Dulukh. Superior ist durch die zügellose Spekulation, welche dort ihr Wesen mit dem Ankauf von Grundstücken getrieben, etwas in seinem Wohlstand zurückgegangen. Ungeachtet der günstigen Lage und des vorzüglichen Naturhafens, mit welchen! sie ausgestaltet, fehlt es an kapitalbesitzenden Bauunternehmern, und so erwuchs ihr in dem benachbarten Dulukh ein gefährlicher Rivale. Dulukh ist in Folge des zunehmenden Schifffahrtverkehrs, den ihm die Verödung Superior's zuführte, an die Nord-Pacificbahn angeschlossen worden. Während der ersten hundert Meilen (englisch) durchläuft der Schienenweg eine hügelige Waldregion, die häufig durch Dörfer und Ansiedelungen unterbrochen wird. Dann überschreitet er den Ncdriver und berührt die blühende Ackerstadt Fargo. Hier beginnt eine für das Auge unabsehbare Prairie von großer Fruchtbarkeit, welche außer durch die Hauptbahn durch verschiedene Zweigbahnen dem gewinnbringenden Ackerbau erschlossen ist. Der Boden ist völlig eben, mit kurzem Gras bewachsen, Bäume sieht man nur an den Ufern der kleinen Flüsse; dagegen verleihen die zahlreich in der Landschaft zerstreut liegenden Farmen und Gehöfte den Umgebungen der Bahn ein belebtes Aussehen. Je mehr man sich dem Missouri nähert, desto hügeliger wird die Gegend; bei der etwa 10 Jahre alten Stadt Bismarck (3000 Einwohner), der Hauptstadt von Dakota, welche circa 450 Meilen vom östlichen Anfangspunkt entfernt liegt, wird der Missouri auf einer 1450 Fuß langen Stahlbrücke überschritten. Bis hierher ist die Nord-Pacific-Bahn schon mehrere Jahre im Betrieb, und war die genannte Stadt bisher Endstation. Am westlichen Ufer des Missuori liegt die mit Bismarck wetteifernde Stadt Mandan. Von hier tritt der Charakter der Landschaft in kräftigen Zügen hervor, die Ansiedelungen suchen mit Vorliebe geschützte Thäler auf, die Vegetation wird spärlich und gewinnt erst wieder ein freundlicheres Ansehen bei der Station Glendive, wo sie sich dem Aellowstonefluß nähert, dem sie 400 Meilen weit folgt, bis in der Ferne die schneebedeckten Gipfel des Felsengebirges sichtbar werden. Den ersten Ausläufer desselben durchführt der Zug in einem 3500 Fuß langen Tunnel. Dann folgt der Eisenweg in dem Eallatinthale dem Gallatinflusse bis zu dem Punkte, wo er nach seiner Vereinigung mit Madison und Jefferson den Missouri bildet, der hier zum zweiten Male mit einem kühn aufstrebenden Baue überbrückt ist. Jenseit des Missouri läuft die Bahntrace in grader Linie nach der Stadt Helena, der Hauptstadt Montanas. Hier ist das Gebirge vermittelst einer 3800 Fuß langen. Gallerie untertunnelt, dann folgt 300 englische Meilen weit in westlicher Richtung bis an den Oreillesee eine Gegend von hoher landschaftlicher Schönheit, deren Niederungen mit ertragreichem Kulturboden, deren Berghänge mit Holz bedeckt, in ihrem Schooße Minerallager bergen. Von diesem See an läuft die Bahnlinie 250 englische Meilen in der ackerreichen, gut angebauten Niederung des Kolumbiathales nach dem Staate Oregon und zieht sich an dem linken Ufer des genannten Flusses entlang, durch eine mit den Reizen pittoresker Naturschönheit ausgestattete Gebirgslandschaft bis zur Stadt Portland, der Metropole des Westens. Dann folgt sie dem Columbia 40 Meilen weit, bis auf das Gebiet von Washington, überschreitet den Fluß und läuft 575 über 100 Meilen durch dichten Nadelwald bis zu ihrem Endpunkte, Tacoma, am Paget- funde. Portland am Columbia, diese im kräftigen Aufblühen begriffene Stadt, imponirt durch die Größe und Mannigfaltigkeit des hier konzentrirten Verkehrs zwischen dem westamerikanischen Binnenland und dem Stillen Ozean. Obgleich dieser Platz noch fast 100 Meilen oberhalb der Mündung des Stromes, ist er dennoch den größten Seedampfern zugänglich, welche die Verbindung mit Sän Francisco herstellen, und die nun nach Vollendung der Bahn ohne Zweifel seinem Handel weitere Beziehungen mit Ostafien und Australien eröffnen werden. Auf der ganzen von der Nord-Pacific-Bahn durchlaufenen Strecke sind die Schönheiten der amerikanischen Gebirgslandschaft in so reichem Maße entwickelt, daß ihr Vergnügungsreisende wohl fortan vor allen anderen des »ordamerikanischen Kontinents den Vorzug geben werden. (Nordd. A. Ztg.) Das Schlagwort vorn „denkenden" Schauspieler, das in den heutigen Theaterkritiken nachgerade oft genug vorkommt, um die etwaigen naturwüchsigen Triebe unserer Schauspielkunst vollends auszurotten, wird in einem Feuilleton der „Vohemia" gebührend beleuchtet — durch einige drastische Beispiele. Der Schauspieler Wilhem Kunst war seiner Zeit namentlich als Darsteller Karl Moor's berühmt. Es vereinigten sich in diesem Manne viele äußere und geistige Vorzüge, um ihn zu einem der gefeiertsten Künstler seiner Zeit zu machen — aber auch nur so lange, als Wilhelm Kunst auf den Ruf eines „denkenden" Künstlers verzichtete. Ohne jegliche wissenschaftliche Bildung traf er das Rechte und riß das Publikum zu lautesten Bewunderung hin. Plötzlich fiel es Kunst ein, ein „denkender" Künstler werden zu wollen und — er blamirte sich! — In Augsburg war es, im Jahre 1849, wo ich Wilhelm Kunst wiedersah, als er bereits mit dem „Denken" angefangen hatte. Es war Probe von Kotzebue's „Bayard", und Wilhem Kunst fragte eifrig, ob er zum Abend nicht ein Bärenfell haben könne. „Bayard im Bärenfells" flüsterten die Schauspieler — „das ist noch nicht dagewesen!" „Wenn eines aufzutreiben ist —" stotterte verlegen der Requisiteur— „so" — — „Es muß aufgetrieben werden!" herrschte Wilhelm Kunst, — „ich brauche es nothwendig! Ohne Bärenfell keinen Bayard!" Und das Bärenfell ward aufgetrieben. Triumphirend trat der Requisiteur Abends zu Wilhelm Kunst in die Garderobe, das Bärenfell wie eine theure Reliquie an seinen Busen gedrückt. „Schön!" sagte Wilhelm Kunst, — „heben Sie's auf bls zum zweiten Akt, da werd' ich's brauchen!" Ehe der zweite Akt anging, nahm Wilhelm Kunst das Bärenfell und breitete es eigenhändig vorn an der ersten Koulisse auf den Boden. Noch immer war den Kollegen der eigentliche Zweck des Bärenfells unbekannt und erwartungsvoll standen sie in den Koulissen, aufmerksam lauschend, wie sich das Räthsel mit demselben ^ lösen werde. Endlich naht die Entwicklung: Wilhelm Kunst stellt sich dicht vor das . Bärenfell, deutet mit dem Finger darauf und spricht die Worte seiner Rolle: „Ich mag H nicht länger auf der Bärenhaut liegen!"-Eine weitere Dosis seines „ Denkens" gab er auf der Probe von „Hinko". Nach der ersten Szene des fünften Aktes hat König Wenzel die Tischglocke zu läuten, die den Pagen hereinruft. Wilhelm Kunst läutet, wendet sich aber sogleich zum auftretenden Pagen und spricht: „Kommen Sie nicht gleich auf das erste Läuten; ich mache eine Pause und läute dann zum zweiten Male — es muß dem Publikum doch anschaulich gemacht werden, daß Sie im zweiten Zimmer von hier waren, Sie hätten ja sonst die ganze vorige Szene belauschen können." Und nun ein Gegenstück zu diesem „denkenden" Künstler. Als Ludwig Devrient zum ersten Male nach Hamburg kam, um daselbst den Franz Moor als Gast zu spielen, da hatte er auf der Probe seine liebe Noth mit den» jugendlichen Darsteller des Herr- . mann, der trotz mehrfacher Wiederholung der Scenen mit Devrient Letzerem die Rolle durchaus nicht zu Dank spielen konnte. „Nein, junger Freund!" tadelte Devrient übellaunig — „so gshts nicht, das ist kein Herrmann, wie er mir paßt. Bedenken Sie doch, I der Herrmann — — das-das ist-— ein Edelmann — --ist — ein Bastard — der-der-— der-" und Devrient stotterte hin und her und suchte nach Worten für die Charakterzeichnung des Herrmann und fand sie nicht, bis er endlich ärgerlich über sich selbst und seinen mißlingenden Denkversuch und Gedankenausdruck, die Sache beim rechten Ende anpackte und ausrief: „E was! da kommen Sie 'mal her, ich will Ihnen zeigen, wie ich mir den Herrmann denke" — und nun spielte Devrient mit einer Meisterschaft, mit einer Wahrheit dem jungen Schauspieler vor, so daß derselbe keines weiteren Kommentars bedurfte, um sofort das Richtige nach dem vortrefflichen Original zu kopiren. — Je mächtiger dieses dem Schauspieler angeborene Genie zum Durchbruch kommt, um so eher ist man geneigt, ihn als „denkenden" Künstler zu bezeichne», während wirkliche Denker unter den Schauspielern nur in seltenen Fällen den Namen „Künstler" verdienen. Dem talentvollen, dem genialen Schauspieler strömen unbewußt beim Lernen der Rolle die richtigen Gedanken und Gefühle in die begeisterte Seele, und ist er erst der Worte Herr, die ihm der Dichter vorschreibt, so ist auch der Charakter der darzustellenden Person fertig gebildet, an welchem als abgerundetes Ganzes nicht mehr gerüttelt wird. Mit Sicherheit bleibt er während der Darstellung auf der Höhe der Situation, und die von dem Genie unzertrennliche» durch das schaffende Genie stets gesteigerte Geistesgegenwart läßt ihn nicht aus der Fassung kommen, auch wenn unvorhergesehene, unzuberech« nende Zufälle dem Zauber des flüchtigen Gebildes hemmend oder störend in den Weg zu treten drohen. Jener Schauspieler aber, der durch ermattendes Denken den mehr oder minder fühlbaren Mangel des genialen Schaffens ersetzen muß, der den Spiegel zu Hilfe nehmen muß, um seine Bewegungen und Gebilden dem gesprochenen Worts anzupassen, der bleibt in der Regel während der Darstellung selbst nur der Dolmetsch eines hauspackenen Verständnisses, seine Leistung bietet gewöhnlich nur eine Reihe einzelner erzwungener Aeußerlichkeiten, die den Zuschauer nicht zu erwärmen vermögen. Gol-körner. Des Menschen Gedicht Wird oft zu nicht'; Uns bleckt das Denken, Gott hat das Lenken; Wenn's Menschen greifen aus's Klügste an, Geht Gott doch oft eine andere Bahn! Das Muß ist eine harte Nuß, Sie aufzuknacken macht Aerdrnß; Doch ist's gescheh'n, ichmeckt gut der Kern; D'rum knack auch solche Nüsse gern! Hans Allerlei weiß mancherlei, Darfst ihn um Alles fragen. Aber das Rechte weiß er nicht zu sagen. Gott weiß, was gebricht, Eh' man ein Wörtlcin spricht. Laß dir genügen, Wie es Gott will fügen! Lesen und nicht versteh'» Ist ein halbes Müßiggeh'n. Wer nüt dem Kovf will oben aus, Der bringt viel Schaden und richtet nichts aus. Mancher baut ein Haus, Und muß zuerst hinaus. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.. I Nr. 73. Mittwoch, 12. September 1483. Der Gpalrirrg. Roman aus dem Englischen von E- C. (Fortsetzung.) „Wenn mein Name überhaupt veröffentlicht wird, so bleibt sich das doch wohl gleich, ob es in einem Kataloge oder sonst wo geschieht", sagte nach einer kleinen Pause Eustace lachend. „Und darf man wohl fragen, weshalb Du den Namen St. Lawrence gewählt hast?" frug Douglas, eine neue Cigarre ansteckend. „Weil ich an den Ufern dieses Flusses aufgewachsen bin; als Knabe pflegte ich den Lauf seines Wassers zu beobachten, und schließlich setzte sich eine Art von Aberglaube bei mir fest, daß ich dieser Richtung folgen und sich östlich über das Meer hinüber mein Schicksal erfüllen müsse. Ich kannte meine Familiengeschichte damals noch nicht. Wegen diesen alten Erinnerungen, habe ich den Namen des Flusses angenommen." „Nun, es ist ein wahres Glück, daß der Fluß einen solch christlichen Namen hatte", entgegnete Douglas. — „Eustace Mississippi, Esqu. oder Eustace Polomac Esgu. würde doch komisch gelautet haben. Und Du bist nun, um von etwas Anderem zu sprechen, fest entschlossen, in allem Ernste Dich der Kunst zu widmen? Dein Muth gefällt mir. Ich fürchte, ich würde mich in Deiner Lage nicht zu einer angestrengten Thätigkeit einschließen können." „Das würde zu nichts Gutem führen; zudem ist es mir unmöglich, die Dinge leichthin und oberflächlich zu behandeln. Da ich weiß, welches Unrecht man mir zugefügt hat, und wie schwer es sein wird, den Uebelthäter zu ermitteln, so würde ich den Verstand verlieren, wenn ich nicht eine Beschäftigung hätte, der ich alle Kräfte meiner Seele widmen muß." „Sehr wahr — o Du grundgelehrtester aller Philosophen, Du hast die Tiefe der menschlichen Natur erforscht! Aber wie entdecktest Du, welche Kraft Dir zu Gebote stand? Amerika ist doch nicht das Land der schönen Künste." „Da spricht der Engländer aus Dir", entgegnete lächelnd St. Lawrence. „Du vergissest jedoch, wie viele Jahre ich auf Reisen in Europa zubrachte, und jeden Winter pflegte ich auch noch die eine oder die andere ausländische Schule zu studiren. Dann habe ich in meinen Musestunden viel gezeichnet, da mir dies Freude machte. Wie glaubst Du wohl, daß das werden wird?" frug er, mit der Cigarre nach der Staffelei hindeutend. „Ganz ausgezeichnet." Das Bild stellte eine Lichtung in einem amerikanischen Urwalde dar. DaS hohe Gras und die Stämme der Bäume, welche am Boden lagen, wurden von der Sonne beschienen. Ringsherum standen die Waldriesen, von üppigen Schlinggewächsen umgeben und mit grauem Moos bedeckt. Ein einsamer Waidmann saß auf einem kürzlich gefällten Stamme; neben ihm seine Axt und Büchse. Es war ein großartiges Gebilde. „Glücklicher Sterblicher!" rief Douglas aus, nachdem er schweigend einige Zeit weiter geraucht hatte. „Du darfst doch Deinen eigenen Ideen nach Lust und Geschmack folgen und hast nicht nothwendig, Dich nach vollblütigen, älteren Herren over geistlosen Frauen, alt und jung zu richten, welche alle ihre lieblichen Fratzen einer bewundernden Nachwelt zu hinterlassen wünschen. Auch brauchst Du nicht den dummen Mädchen der Töchterschule Unterricht zu ertheilen. Doch, nebenbei bemerkt, ich habe kürzlich in einer Schule, wo ich unterrichtete, ein- reizende kleine Musiklehrerin angetroffen", fuhr er, seine schwülstige Redeweise unterbrechend, in gewöhnlichem Tone fort. „Wirklich, St. Lawrence, noch nie in meinem Leben verspürte ich solche Neigung, mich ernstlich zu verlieben. Es ist ein so liebes, artiges Mädchen — nicht gerade eine Schönheit, aber ganz wie dazu geschaffen, einen Burschen glücklich zu machen." „Hört, hört!" rief St. Lawrence. „Schließlich werden wir Charles Douglas doch noch als ehrsamen Hausvater antreffen." „Ich glaube wirklich, daß ich vielen häuslichen Sinn besitze", erwiderte dieser. „Wenn sich doch nur irgend eine Berühmtheit oder eine moderne Schöne von mir wollte malen lassen, um meinen Naiven berühmt zn machen. Aber die kommen nicht zu mir, und ich kann doch nicht eine Frau heirathen, mit der Aussicht, daß sie sich zu Tode plagen muß. Ein solcher Unmensch ist Charles Douglas noch nicht." „Welchen Namen führt denn die unvergleichlich Liebreizende?" „Nein, zum Henker, Las ist nicht ehrlich!" rief Douglas, den Nest seiner Cigarre in's Feuer werfend, aus. „Ich werde mich wohl hüten, ihn Dir, o ruhmvoller Apollo, mitzutheilen, Du möchtest mich verdrängen. Zudem weiß ich ihn selbst nicht genau; was liegt auch daran, im Gegentheil, es ist besser so, denn es wäre mir ganz unmöglich, durch meine süßen, Honigfließenden Serenaden eine Miß Smith oder Miß James zu verherrlichen. Wer weiß, ob sie nicht auch noch einen widerwärtigen Vornamen, wie Sara oder Martha u. dergl. besitzt. Offen gestanden hatte ich schon einmal die Absicht, ihr ein Billet, welches eine Antwort erforderte, zu schreibe^ aber wahrscheinlich würde das mich auch nicht darüber aufgeklärt haben, und wenn ich nun vorziehe, sie im Geiste als reizende Amaryllis anzureden, so kümmert das ja Niemanden." „Angenommen, ich mache ausfindig, wer es ist", sagte lachend St. Lawrence. „Ein halbgeschenktes Vertrauen erweckt die Neugisrde. Was das Dich Verdrängen anbelangt, so weißt Du doch wohl, daß ich keine gefährliche Persönlichkeit bin", fügte er ernster hinzu. „Ein Mann ohne Namen darf nicht an's Heirathen denken." „Pah! Du wirst Dir einen Namen schaffen; ich wünschte nur dasselbe mit solcher Gewißheit auch von mir sagen zu können", bemerkte sein Freund. „Aber wie viel Uhr ist es? Sollen wir nicht etwas ausgehen?" „Wie Du willst." „Und dann würde ich mich an Deiner Stelle immer tüchtig umschauen, wenn ich mit anderen Menschen zusammen käme; vielleicht entdeckst Du zufällig einen Leitfaden aus diesem Labyrinth, wo Du ihn am Wenigsten erwartest. Nun komm!" Die beiden jungen Leute zogen ihre Usberröcke an, setzten die Hüte auf uns schritten rüstig in's Freie. Viertes Capitel. Die Vorbereitungen auf den baldigen Ausflug beschäftigten in angenehmster Weise Lena und Bertha Dalton. Endlich nahte der glückliche Tag, der sie den Arbeiten und Sorgen und dem einförmigen Leben in London entführen sollte; voller Jubel und Entzücken nahmen sie ihre Sitze im Eisenbahnwaggon ein; Lena träumte schon von den Eroberungen, die sie machen werde, und Bertha freute sich herzlich, liebe alte Bekannte wiederzusehen und einige Zeit ihrer schweren Pflichten entbunden zu sein. Mrs. Dalton war die Wittwe eines Marineoffiziers; Capitain Dalton hatte sich seiner Zeit durch Tapferkeit ausgezeichnet; im Krimkriege wurde er verwundet und war in Folge davon vor drei Jahren gestorben. Noch in vorgerückten Jahren schloß er diese 579 Heirath; das hübsche Gesicht und anziehende Benehmen seiner nachherigen Frau hatte ihn dazu verleitet; aber zu spät entdeckte er, daß die fesselnde Außenseite nur sehr wenig inneren Werth barg. Man konnte Mrs. Dalton nicht gerade unliebenswürdig nennen; doch war sie oberflächlich, einfältig und sehr von sich eingenommen. Diese Eigenschaften machten es ihr unmöglich, ihrem Gatten eine liebende Gefährtin oder weise Hausfrau zu sein. Jeden Pfennig, dessen sie habhaft werden konnte, benutzte sie zu ihren eigenen, unnöthigen Anschaffungen, und die häufig gemachten Schulden zerstörten manchmal den Frieden des Hauses. Glücklicherweise war Capitain Dalton ein vorsichtiger Man», er dachte an die Zukunft seiner Töchter, und bei seinem Tode besaß Mrs. Dalton eine Einnahme, welche allen ihren Bedürfnissen hätte hinreichend entsprechen müssen. Die älteste der beiden Töchter war aus einem hübschen verzärtelten Kinde zu einer schönen Jungfrau herangewachsen. Mrs. Dalton würde es entschieden in Abrede gestellt haben, daß sie ihre ältere Tochter der jüngeren vorziehe; aber sie war stolz auf Madelina; diese war in ihren Augen dazu berufen, der Familie zu Ansehen und Reichthum zu verhelfen. „Lena wird ganz gewiß eine vortheilhafte Heirath schließen", sagte die närrische Mutter, und das bildete den Endzweck bei der Erziehung Lena's. Diese begriff sehr bald die Aufgabe, welche ihr oblag, und da sie mehr Verstand und Charakterstärke als ihre Mutter besaß, so errang sie leicht die Herrschaft über dieselbe und richtete sich ihre Lebensweise ganz nach ihrem eigenen Geschmack und ohne viele Rücksichten auf andere zu nehmen, ein. Bertha war ihres Vaters Liebling gewesen; er hatte gewünscht, die Erziehung seiner Töchter selbst zu leiten; bei Lena gelang ihm dieses nicht, dagegen fand er in Bertha eine kluge gelehrige Schülerin und in seiner späteren Krankheit eine liebevolle, unermüdliche Pflegerin. Sie fühlte tief den Tod ihres Vaters. Es war ihr erster großer Kummer. Mutter und Schwester hatten ihr nie viel Gutes erwiesen; sie benutzten sie nur zu ihrer eigenen Bequemlichkeit und deshalb war sie ihnen unentbehrlich. Mrs. Dalton's Einkommen hätte ausreichen müssen, aber sie konnte ihren vielen, unnöthigen Ausgaben nicht entsagen, und so entdeckte sie nach Ablauf des ersten Jahres zu ihrem größten Schrecken, daß ihre Auslagen die Einnahme bedeutend überschritten. Aber sie fand nichts, worin sie sich einschränken könne, durchaus nichts, wie sie Lena gegenüber äußerte, und da kam ihr plötzlich eine herrliche Idee. „Bertha ist sehr musikalisch ausgebildet; sie soll Unterricht darin ertheilen", beschloß Mrs. Dalton. „Das wird doch wenigstens hundert Pfund das Jahr einbringen; die Hälfte davon reicht aus, um Lena's Rechnung bei der Kleidermacherin zu bezahlen, und mit der anderen Hälfte können wir während des Sommers einige Wochen ein Seebad besuchen. Es ist so unangenehm, in London zu bleiben, wenn Jedermann verreist, und dann später sagen zu müssen, wir sind gar nicht weg gewesen." So überlegte Mrs. Dalton und theilte Bertha ihre Entscheidung mit. Zuerst er- schrack diese, da sie nicht ganz sicher war, ob ihr Vater diese Lebensweise für sie wünschen würde. Aber gewohnt, nie und nimmer vor einer von ihr geforderten Pflicht zurückzuschrecken, gab sie ihre Einwilligung und hatte bald so viele Schülerinnen, daß ihr kaum Zeit zur nothwendigen Erholung übrig blieb. Räch einigen Monaten, als die Anstrengungen ihre Kräfte beinahe überstiegen, machte sie den Vorschlag, Lena möchte ihr ein paar Stunden abnehmen, aber diese Aeußerung rief einen solchen Sturni heftiger Vorwürfe hervor, daß sie nie mehr eine ähnliche Bemerkung wagte und sich geduldig und ergeben in ihr Schicksal fügte. „Lena muß sich gut verheirathen, und da darf ihre Schönheit nicht jedem Wind und Wetter ausgesetzt werden", erklärte Mrs. Dalton. „Du wirst hingegen auch später darauf angewiesen sein, Dir Dein Brod selbst verdienen zu müssen." Bertha entgegnete nichts auf diese letzte Behauptung, obschon sie nicht einsehen konnte, weshalb dieser Unterschied zwischen ihr und Lena durchaus bestehen solle. Den größten Kummer bereiteten ihr aber diese Heiraths-Speculationen; sie versetzten ihren jungfräulichen Stolz und ihr Zartgefühl. Gleich anderen jungen Mädchen träumte auch sie von ihrer Zukunft, aber die Ehe war in ihren Augen ein heiliger Stand, in den man ohne die stärkste und die wahrhafteste Liebe nicht eintreten dürfe. Sie würde es vorgezogen haben, bis zu ihrem Lebensende angestrengt zu arbeiten, als sich an den Meistbietenden zu verkaufen. Doch hatte sie, um allen Hader zu vermeiden, Schweigen gelernt und machte nur ab und zu eine freundliche oder scherzende Einwendung. Sir Stephan Langley, welcher ein Amt in Plymouth bekleidet hatte, war sehr befreundet mit Capitain Dalton gewesen; er schätzte die ganze Familie und war der Pathe Bertha's. Der ehrenwerthe Herr, jetzt schon ein alter Mann, hatte seine Stelle niedergelegt und eine Villa in der Nähe Lord Alphingtons bezogen. Die verstorbene Gräfin Alphington und Lady Langley waren intime Freundinnen gewesen» und Lord Alphington hatte schon lange den Wunsch geäußert, sie möchten in die dortige Gegend ziehen. Wie gewöhnlich verwandte man die größte Sorgfalt auf Lena's Toilette. „Man kann ja nicht wissen, wen ihr dort antreffen werdet", meinte Mrs. Dalton. „Und aus dem Erlös für Bertha's Stunden erhielt Lena ein neues Seidenkleid, sowie ein elegantes Morgen-Costüm und einen modernen Hut. Für Bertha wurde ein altes grauseidsnes Kleid der Mutter zurecht gemacht. Bertha empfand keinen Verdruß hierüber; sie war nicht putzsüchtig, so lange sie reinlich und nicht auffallend gekleidet war, fühlte sie sich gänzlich zufrieden gestellt. Ueber den Opalring, den Bertha noch immer trug, da der rechtmäßige Eigenthümer nicht aufgefunden worden, fand eine Erörterung statt. „Du nimmst besser den Ring nicht mit auf's Land", sagte Mrs. Dalton, Du möchtest ihn verlieren." „Das denke ich nicht, Mama", erwiderte Bertha, die Gluth des Steines an ihrem Finger beobachtend. „Ich glaube, Bertha ist abergläubisch in Betreff des Ringes", bemerkte Lena. „Nicht gerade abergläubisch", wandte ihre Schwester lächelnd ein; „aber ich muß doch gestehen, daß ich manchmal allerlei romantische Ideen damit in Zusammenhang bringe." „Auf alle Fälle ist es besser, Du nimmst ihn nicht mit. Dort auf dem Land wirst Du nichts Näheres darüber erfahre». Ich will ihn aufheben, dann ist er in Sicherheit." „Wie Du wünschest, Mama", antwortete Bertha. Und so händigte sie ihn zögernd am Morgen der Abreise ihrer Mutter mit den Worten ein: „Nimm ihn nur gut in Acht, Mama." „Natürlich, sei doch nicht so kindisch, Bertha." Die Fahrt mit der Eisenbahn dauerte nur zwei Stunden und dann nahm der Wagen des Sir Langley die beiden Reisenden in Empfang. Nach kurzer Zeit erreichten sie ihren Bestimmungsort, „Larkspur" genannt, und wurden vom Hausherrn: freundlich bewillkommnet. „Nun, Lena", sagte er, ihr beim Aussteigen helfend, „so blühend wie immer, wie >ch sehe. Ich muß unsere jungen Herrchen warnen, ihre Herzen in sicheren Gewahrsam zu nehmen. Und hier ist meine kleine Freundin Bertha! Ich bin glücklich, Dich wiederzusehen, mein Kind. Aber was ist das? Woher stammen diese bleichen Wangen? Das *>arf nicht sein, wir werden Dich so lange hier festhalten, bis Du eben so blühend aussiehst, wie Deine Schwester." Bertha lächelte und versicherte ihrem alten Freunde, daß sie ganz wohl sei. „Erinnern Sie sich nicht mehr, daß Sie mich „Mariablümchen" zu nennen pflegten? Und diese sind ja immer blaß." Sir Stephan schüttelte den Kopf, hatte aber keine Zeit, den Gegenstand weiter zu erörtern, da Lady Langley hinzutrat, um ihre Gäste zu begrüßen. Nach einer herzlichen Umarmung geleitete eine Dienerin die beiden Mädchen zu den hübschen, für sie bereitstehenden Zimmern; gleichzeitig bot sie ihre Dienste an und theilte ihnen mit, daß das Mittagessen nach Ablauf einer halben Stunde stattfinden werde. Nachdem sie die Koffer 531 hinaufbesorgt und losgeschnallt hatte, zog sie sich, da die Schwestern, welche gewohnt waren, sich gegenseitig zu helfen, ihre Dienste abgelehnt hatten, zurück. Fünftes Capitel. „Hah, wie köstlich ist das!" rief Lena aus, indem sie sich in einen Sessel warf und das elegant ausgeschmückte Zimmer betrachtete, „so wäre es gerade nach meinem Geschmacke. Sei so freundlich und packe meine Sachen aus, ich bin etwas müde. Heute Abend wird es wohl nicht nöthig sein, sich besonders zu putzen, da vermuthlich kein Fremder hier ist; mein blauseidener Rock und der weiße Musselin-Ueberivurf mit den blauen Schleifen, werden genügen. Und dann könntest Du mich wohl frisiren, Bertha, Du verstehst das so gut." Ohne jegliche Erwiderung öffnete Bertha das Koffer ihrer Schwester, und nahm die gewünschten Sachen heraus; dann packte sie für sich das bekannte schwarzseidene Kleid, welches sie mit billiger weißer Spitze etwas aufgefrischt hatte, aus. „Wenn Du wünschest, daß ich Dich frisiren soll, Lena, so mußt Du Dich beeilen. Vergiß nicht, daß Stephan strenge auf Ordnung hält. Wehe uns, wenn mir nicht fertig sind, sobald die Tischglocke läutet." „Natürlich sind wir das", entgegnete Lena aufspringend. Der Anblick des hübschen Kleides, in welchem sie gewiß recht vortheilhaft aussehen werde, hatte sie plötzlich zur Thätigkeit ermannt. „Wie langweilig von Dir, Bertha, nun hast Du schon mit Deiner Frisur begonnen, gerade da ich wünschte, daß Du die mcinige machen solltest." „Ich bin in einer Minute fertig", entgegnete diese: „ich that es nur, um Zeit zu sparen." Während sie sprach, legte sie rasch ihr Haar um den Kopf, befestigte eine Rosa- schleife darin und begann dann die üppigen Flechten ihrer Schwester in Ordnung zu bringen; es war prächtiges, seidenes Haar mit goldigem Scheine, und die Krone der reichen Flechten paßte vortrefflich zu dem schönen Antlitz. „Da, nun spute Dich, Lena", sagte Bertha, als die Glocke das erste Zeichen gab. „Ich werde in fünf Minuten fertig sein." Als sie in's Wohnzimmer eintraten, bemerkten sie, daß nur der Rektor des Dorfes und ein junger Seemann, welcher ihnen als Frank Holcroft vorgestellt wurde, zugegen waren. — „Welch dumme Gesellschaft", flüsterte Lena ihrer Schwester zu, bevor sie zu Tische gingen. Beim Diner gewann Bertha das Herz des jungen Seemannes vollständig, indem sie seinen vielen Erlebnissen aus der See mit Interesse zuhörte. Der Nector lenkte dir Unterhaltung auf Lord Alphington. „Es ist recht traurig", sagte er, „daß es sich gar nicht feststellen läßt, ob Mr. Faucourt einen rechtmäßigen Sohn hinterlassen hat; nun da Lord Chalfont und seine beiden Söhne todt sind, wird ja der Titel erlöschen." „Das war eine schmerzliche Begebenheit", bemerkt« Lady Langley „und wie ich glaube, hat Lord Alphington später herausgefunden, daß sein Sohn nicht so sehr zu tadeln war, als er Anfangs vermuthet hatte. Die arme Lady Alphington grämte sich zu Tode — Faucourt war ihr Liebling." „Ist es wahr, daß ein muthmaßlicher Erbe aufgetaucht ist?" „So glaube ich", erwiderte Lady Langley. „Aber Lord Alphington spricht nicht gerne darüber, bis die Beweise, welche der junge Mann beigebracht hat, hinlänglich geprüft sind, er fürchtete' die Enttäuschung. Ich habe großes Mitleid mit ihm; er führt ein solch einsames Leben. Einen Enkel zu haben, den er aus ganzer Seele lieben könne, würde sein Alter versüßen. Es ist eigenthümlich, daß Mr. Faucourt, wenn er überhaupt verheirathet war, nie feinem Vater hiervon Mittheilung machte. Wahrscheinlich.war seine Frau nicht ebenbürtig'. 582 man hat immer einigen Zweifel betreff seiner Verheiratung gehabt. Vermuthlich fürchtete er das Mißfallen seines Vaters noch dadurch zu steigern, und dann starb er ja so plötzlich." „Ja, der arme, junge Mann! Ich erinnere mich seiner noch so gut, solch ein hübscher liebenswürdiger Mensch, aber leider besaß er keinen moralischen Halt. Fragten Sie mich, ob ich Stodgers neulich gesehen habe, Sir Stephan? Ja, er war so eigensinnig wie immer. (Fortsetzung folgt.) «oldkSrner^ Du bist zerstreut, es schwärme» die Gedanken, Rasch sammle sie und halte sie in 'schranken! Bleibst du ihr Herr nicht, wirst du bald ihr Sklave, Und was du thust geschieht wie halb im Schlaft. Was strengen Fleiß erfordert, mache nicht zum Spiel, Und laß durch Hindernisse dich nicht schrecken; G-h' Tag für Tag, bald hast du große Strecken Zurückgelegt und siehst dich endlich froh am Ziel. Unverhofft kommt ost, Nur selten ist's was Gutes. Kommt's oder nicht, Thu' deine Pflicht! So bleibst du srohen Muthes. Scharfe Schwerter schneiden sehr, Scharfe Zungen noch viel mehr. Ist die Last zu schwer, Wird die Kraft dir versagen, Darum prüft vorher. Wie viel die Schultern tragen. Lerne mit Andern dich vergleichen, Den und Den wirst du nicht erreichen, Aber es wird in manchen Stücken Besser als Dem und Dem dir glücken. F. Beck. Das erste Vekcnnerblnt des Missionshauses in Steht. Am 20. Juli empfingen wir, berichtet der „Kleine Herz-Jesu-Bote", Organ des Missionshauses Stegl, folgende wichtige Mittheilungen aus unserer chinesischen Mission von Süd-Schantong, die am 18. Januar 1882 von den beiden ersten Missionaren unseres Hauses, Hrn. Provicar Joh. Baptist Anzer aus Pleistein, Diöcese Regensburg, und Jos. Freinademez aus Äbtey, Diöcese Bripen, betreten wurde. Die ganze Mijsson, an Größe Holland und Belgien zusammengenommen gleich, zählte damals unter 9 Mill. Heiden 158 Katholiken zu Puoli, in der äußersten Nordweststrecke der Miision. Ein gutes Jahr später aber gab es über 800 Katechumenen in allen Regierungsbezirken des großen Distriktes und waren über 1100 Heidsnkindcr in der Todesstunde getauft. Wir irren wohl kaum, wenn wir annehmen, daß diese Fortschritte es waren, welche den haß einiger sanatischer Heiden erregten und die nachstehend mitgetheilten Vorkommnisse veranlaßten Wir theilen dieselben mir nach einem Briefe des Hrn. Subdiacon Riehm, an den zuerst diese Nachrichten kamen. (Hr. Richtn, ein Kölner, langte in Begleitung des Priesters Anton Wewel aus Senden, Diöcese Münster, im Mai 1882 in Puoli an.) „Puoli, den 15. Mai 1883- Hochwürdiger Herr Rector! Geliebter Vater in Christo! Es war am Vorabend des Maimonats, als unser hochw. Herr Provikar, jetzt vielleicht schon Märtyrer, oder doch ganz gewiß Bekenner, in feierlichster Weise in unserer Kirche die Maiandacht eröffnete. Ganz besonders inständig empsahl er seine bevorstehende Abreise der allerseligsten Jnngsran und forderte die Christen auf, speciell für die Bekehrung ZautschaufS') zu beten. Am 1. Mai Morgens 5 Uhr bestieg er seinen Wagen. Als Begleitung harte der Herr Psarrvikar zwei Katechisten und seinen Fuhrmann. i) Die Mission von Süd-Schantong hat drei Fn oder Regierungsbezirke: Jentschaufn, Jtschanfn und Zautschansu; die Hauptstädte derselben heißen ebenso. Der nächste Zweck der Reise des Herrn Provikar war der Schutz und die Stärkung der Katechumncn des dortigen Bezirks, da man diese m t Gewalt hindern wollte, Christen zu werden. 583 Die Nachrichten ans Zautschaufn waren keineswezs tröstlich, sonnt der Abschied recht ernst. Einige Tage »ach der Abreise erhielten wir einen Brief vom Herrn Provikar. Er theilte uns mit, daß es wirklich nicht günstig für unsere Sache stände. Der apostolische Mann jedoch wurde nicht abgeschreckt. Etwas später theilte er uns mit, daß er am 5. Mai zur Stadt kommen würde. Unbehelligt langte Herr Provikar an, stieg in einem Wirthshause ab und besuchte am 6. Mai den Mandarin. Der Empfang war ein kurzer und nicht freundlich. Der Mandarin fragte ihn, ob er Rebellen beschützen wolle. „Durchaus nicht; ich beschütze nur Diejenigen, welche die katholische Religion annehmen wollen und daran gegen das kaiserliche Edikt gehindert werden." Der Mandarin fragte ferner, ob der Mandarin von Jangkn ein Edict zu unsern Gunsten gegeben hätte. Herr Provikar mußte dieß ver« »einen, denn der Mandarin von Jangkn ist unser Feind, wie Sie, Herr Rector, schon wissen. Darauf war die Unterredung zu Ende. Herr Provikar kehrte in sein Wirthshaus zurück und erklärte am folgenden Tage den Neugierigen den Zweck seiner Ankunft; ab und zu schickte er einen Kateehisten in's Mandarinat. Der Mandarin hatte am Schlüsse seiner Unterredung gesagt, er müsse sich zuvor mit seinen Collegen berathen; dann wollte er ihm sagen, was er zu thun hätte. In der Stadt Zaut- schanfn befindet sich nämlich ein Kriegsmandarin und ein Ober- und Unter-Civilmandarin. Am ll.Mai » nun Nachmittags erschienen Soldaten im Wirthshause und forderten den hochw. Provikar auf, schleunigst die Stadt zu verlasse». Herr Provikar besteigt seinen Wagen. Begleitet von einem jüngeren Kateehisten, Fuhrmann, Soldaten und einer ungeheuren Volsmenge fährt er nicht zur Stadt hinaus sondern zum Mandarinat. Aber hier findet er verschlossene Thüren. Nun wußte er Bescheid und schickte sich an unter derselben Begleitung die Stadt zu verlassen. Bor der Stadt beginnt nun eine traurige Katastrophe, menschlich gesprochen; im Lichte des Glaubens betrachtet, beginnt das Martyrium. Die Soldaten fchlagen zuerst den Kateehisten, dieser ergreift die Flucht; dann ziehen sie den Herrn Provikar aus dem Wagen, reißen ihm bis auf die Unterhose die Kleider vom Leibe, binden ihm die Hände auf den Nucken und ziehen ihn an einem Baume in die Höhe. Nun beginnen sie ihre Henkerarbeit und schlagen unmenschlich mit Knütt.ln auf alle Körpertheile. Als sie ihn für todt hielten, ließen sie ihn zur Erde fallen und wollten jetzt den Wagen denwliren. Der Fuhrmann jedoch erhob Einsprache, indem er sagte, es sei sein Wagen. So beschädigten die Unholde nur das Tuch, raubten aber Alles: Gepäck, Geld, Kleider, Meßsächen und gingen ihres Weges. Eine Stunde nach der Abfahrt des Herrn Provikar erscheinen im Wirthshause wieder Soldaten, geben einem Kateehisten einige Ohrfeigen und bedeuten ihm, schleunigst zu fliehen. Der alte Katcchist war eben abwesend. Ersterer nun geht zur Stadt hinaus und findet in einiger Entfernung den Herrn Provikar. Weder Herz- noch Pnlsschlag konnte er bemerken. In dieser traurigen Lage blieb er bei dem Bekenner Christi — meine Augen sülle» sich mit Thränen: — erst nach einiger Zeit überzeugte ihn ein schwacher Pnlsschlag, daß noch Leben vorhanden sei. Ein mitleidiger Heide kam eben des Weges. Beide nein nahmen die theure Bürde und trugen sie 7 Li weit. Dort erhielten sie einen Wagen sür Geld und gute Worte; auf diese Weise gelangten sie in ein 18Li von der Stadt entlegenes Dorf, wo einige Katcchnmeuen die armen Verfolgten aufnahmen. Es war schon Mitternacht. Am andern Morgen gegen 8 Uhr trank Herr Provikar etwas Thee und sprach unverständliche Worte. Um diese Zeit erschienen Leute aus dem Mandarinat mit einem Wagen. Ihr Herr, sagten sie, wüßte nichts von dem Vorgefallenen; er bedanre sehr, und lasse den Provikar bitten, in's Mandarinat zu kommen. Allein der Arme konnte den Wagen nicht besteigen. Vier Männer fasten sein Bett und tragen ihn so, während der Katechet den Wagen besteigt. Der Mandarin, welcher das Tribunal geschlossen hatte, ist derselbe, der ihn jetzt aufgenommen hat. Unser Fuhrmann ist geflohen, ebenso die Katechisten; nur jener alte nicht, welcher vielleicht in dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, bei dem theuren Bekenner im Mandarinat weilt. Dies erzählte ein treuer Katechist, der eben in dem besagten Dorfe predigte. Er hat den Herrn Provikar in seinem Leidensznstande gesehen und sagte, er könnte wohl schon todt sein. Somit ei» Märtyrer sür den Martyrersaal in Steyl. „kercutiam x-eetorem er vvos ckispo, geutur." i „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.") Kommen Sie, hochw. Vater, uns nun in leiblicher und geistiger Weise zu Hilfe und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihren treuen Söhnen in Christo Jesu- G. Nie h m." So Hr. Rieh»!, der damals allein in Puoli, dein Centrum der Mission, sich befand. Wir empfingen diesen Brief am 20. Juli, und sind die vier neuen Missionare am 26. Juli noch unter dem Eindrucke dieser Nachrichten abgereist. Im klebrigen haben wir von einer Veröffentlichung derselben zunächst Abstand genommen und aus eine weitere Bestätigung gewartet. Diese ist unterdessen eingetroffen und zwar durch einen Brief des Herrn Provikar selbst, der zu unserer großen Freude in dieser harten Drangsal von der göttlichen Vorsehung glücklich, wenn auch nicht ohne Verletzung, erhalte» worden ist und nun hoffentlich der Mission seine Kräfte noch lange wird widmen können. Leider hat er über den ganzen Vorfall selber nur kurze und abgebrochene Mittheilungen gemacht, da es ihn zunächst beschäftigte, aus seiner Nothlage, der argen Geldklemme, worin er sich befindet, herauszukommen. Er schreibt: . «Ich »herschicke heute den Jahresbericht. Der Schluß folgt nächstens. In Zautschaufn wurde ich geschlagen iu ockiuin religloms (d. h. aus Haß gegen die Religion.) Davon später. Heute aber etwas Nothwendigeres. Ich habe in Zautschaufn 170 Taöl's verloren, (wurden geraubt). In Zinanfn, Tschifu habe ich L-chnlden, so daß mit genauer Noth die 3000 Alk., die Sie schickten, zu deren Deckung hinreichen. Dazu habe ich täglich 70 bis 80 Personen zu ernähren, die Katechisten zu bezahle»; die Ü84 Reisen für die Besorgung der Katechumencn, dann setzt der Proceß, und — kein Geld. Ich bat N. N. aus den Knieen, mir abermals Geld zu leihen. Aber er konnte nicht. Wenn Gott jetzt nicht ein Wunder wirkt, so geht die Mission zu Grunde. Heute schicke ich ein Telegramm. Ich hoffe nach Empsang dieses Briefes haben Sie bereits die 8000 Mark abgeschickt. Aber schicken Sie sobald als möglich wieder. Erlassen Sie einen Ausruf, schicken Sie Leute zum Sammeln aus. Die 8000 Mark reichen blos sllr die augenblicklichste Noth. Kommt nicht in 1—2 Monaten Geld, so muff ich die Mission auslösen. Ach welche Schwierigkeiten! Dazu bin ich noch voll von Wunde», ganz geschwächt ob des Blutsturzes. Beten Sie, erlassen Sie einen Aufrus und kommen Sie uns doch mehr zu Hilfe. Unter den herzlichsten Grüßen Euer Hochwürden ergebenster, dankbarster I. Auzer. Auf dem Rande bemerkt dann der Herr Provikar noch mit einigen flüchtigen Zeilen: „Ich fragte meine Peiniger, warum sie mich schlügen. Wollten sie mein Geld, so sollten sie es nehmen. Sie schrieen: „Wir wollen nicht deine Habe, wir wollen dein Leben. Du bist ein Haupt der katholischen Kirche. Diese ist schlechter, als die Sekte der „weißen Seerose."") Du mußt sterben!" Ich habe sechs Kopfwunden. Mein Imker Fuß ist gebrochen. Der Rücken von den Schlägen sehr geschwollen. In Folge der Schläge überfiel mich ein Blutsturz. ..." > , , Die in den Briefen mitgetheilten Thatsachen sprechen an und für sich zu laut und eindringlich als daß wir es für nöthig hielten, noch viele Bemerkungen hinzuzufügen. Gewiß werden besonders die angeschlossenen Bitten in allen fühlende» Herzen lauten Wiederhol! finden. Daß das Missionshaus von Steyl für seine Mission in Süd-Schantong gethan hat, was es thun konnte, beweist der Umstand, daß wir in den Jahren 1882 und 1883 bereits mehr als 40,000 Mark für unsere Mission verausgabten. Möge Gott der Herr immer mehr hochherzige Seelen anregen, uns und der fernen Mission mit ihren mitdcn Gaben zu Hilse zu kommen. M i s - s l l e n. * (Ein entrüsteter Professor.) Der rühmlichst bekannte Arzt und Professor Busch (geb. 1788 zu Marburg» Professor und Direktor in Berlin) pflegte durchaus keine besondere Sorgfalt auf seine Kleidung zu verwenden. So kam es, daß man ihm zuweilen, seines schlechten unscheinbaren Rockes wegen, die nöthige Ehrerbietung vorenthielt. Nach einer solchen in Marburg einst gemachten Erfahrung, begab er sich nach Hause, zog seine besseren Kleider an, und ging dann wieder unter die Leute, wo er nun eine ganz anders Aufnahme und Begrüßung fand. Das aber war dem guten Professor, dessen Wissenschaft ein viel besseres Gewand als er selber trug, nun vollends gar nicht recht! Eilends verfügte er sich wiederum in seine vier Pfähle zurück, warf den Sonntagsrock schnell ab, und sprang wüthend mit beiden Füßen darauf umher, indem er tief entrüstet rief: „Bist Du der Professor oder bin ich's?" — (Was ist ein Reporter?) Ein nie verzagendes — nach Neuigkeiten jagendes — überall schnüffelndes — zu Hause büffelndes — wie der Blitz laufendes — sich kaum verschnaufendes — zur Redaktion eilendes — nur kurz verweilendes — Zeilen 'raus- schindendes — wieder verschwindendes — hoffnungsvoll strahlendes — rosig ausmalendes — wundervoll träumendes — Frühstück versäumendes — wenig erbauendes — Dingen nicht trauendes — viel sich erkühnendes — wenig verdienendes — würdevoll tragendes — imnier verzagendes — wieder versuchendes — morgen mehr buchendes — mühsam erwerbendes — dereinstmals sterbendes — volksaufklärendes — unterhaltend-belehrendes — nichts vergessendes — aber selbst bald vergessenes Individuum. (Umgekehrt.) Vater: „Aber Hans, Deine Noten haben sich ja wieder nicht verbessert!" — Hans: „Ja Papa, Du darfst jetzt schon ein ernstes Wort mit dem Lehrer reden, sonst macht er immer so fort." (Umschreibun g.) Angeklagter: ... „Herr Gerichtshof, das muß schon in der Familie lieg'n, denn dem Franz! (dem Erschlagenen) sei Vata is g'rad so g'storb'n word'n." (A u s n a h m s w e i s e.) „Wie siehst Du aus Schmule. — Bist ja gar nicht zu erkennen!" — „Gewaschen hab ich mer heute." H Die Sekte der „weißen Seerose" ist eine weitverzweigte chinesische Geheimverbindung, die staatlich verfolgt wird. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Angslmrg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von l)r. Max Hnttler. jur „Ängsdarger Postzeitimg." Nr. 74. Samstag, 15. September 1883. Der GpKlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Unterhaltung drehte sich nun um Pfarrangelegcnhcitcn, und bald darauf verließen die Damen das Eßzimmer. Bertha war glücklich, sich den Abend mit Lady Langlcy über frühere Zeiten unterhalten zu können und sang dann ihrem alten Freunde, Sir Stephan, zu Liebe eine Ballade nach der anderen; sie hatte eine hübsche Mezzo- sopranstimiiic und einen angenehmen gefühlvollen Vortrug. Lena letzte es ab zu singen; sie gab vor, zu müde zu sein. Sie spielte eine Partie Schach mit dem Rcctor, doch auch hierbei gelang es ihr nicht, ihre Langeweile zu verbergen. „Wenn sich uns hier keine andere Abwechselung bietet, so wünschte ich, wir wären zu Hause geblieben", sagte Lena zu ihrer Schwester, als sie sich zu ihren freundlichen Zimmern begaben. Diese hatten eine hübsche Aussicht auf den Garten und waren durch eine Thüre, welche die beiden Mädchen offen stehen ließen, verbunden." „O, Lena, ich finde es entzückend hier!" rief Bertha. „Aber ich will Dir etwas verrathen; nächsten Dienstag kommt Lcnord Alphington und noch eine Menge anderer Menschen hierher zum Diner; dann wirst Tu Gelegenheit haben, Deine Erobcrnngskünste zu versuchen." „An dem alten Lord Alphington? Danke schön", cntgegncte Lena; „dort ebensowenig, wie an dem jungen Holcrost." „Nein, das darfst Tu auch nicht thun, den habe ich mir auserkoren; er ist ein angenehmer junger Mensch, und ich schmeichele mir durch das Lied „schwarzäugige Snsanna" meine Eroberung besiegelt zu haben", bemerkte Bertha lachend, während sie ihre Haare herunterließ. „Wie es Dir nur einfallen konnte, dieses lächerliche, alte Lied zu singen; übersteigt meine Fassungskraft." „Sir Stephan bat darum und Papa hörte es so gerne." Leise vor sich hin singend, schickte Bertha sich an, sich zur Ruhe zu begeben. War es das Wiedersehen alter lieber Freunde, oder die Aussicht auf eine achttägige Erho- lungszcit, daß ein solch glückliches Gefühl ihr Herz durchströmte? Im Dorfe dort herrschte die Sitte, an den Sonntagmorgm über eine ganze halbe Stunde zu läuten, um alle guten Menschen znr Kirche zu rufen. Bertha, welche schon angekleidet war, öffnete ihr Fenster, um dein schönen Glockengeläute zu lauschen; nachdem sie sich eine Weile der herrlichen Morgenluft erfreut, ging sie hin und weckte ihre Schwester. „Steh' auf, Lena! beeile Dich, es ist so prächtiges Wetter." „Mich soll's nur wundern, ob es sich heute der Blühe lohnen wird, aufzustehen", sagte Lena mit lautem Gähnen. „Geh' nicht fort, Bertha; ich werde unmöglich fertig, wenn Du mir nicht hilfst," 586 Die gutmüthige Bertha willfahrte ihrem Wunsche, obschou sie einen Spaziergang durch den Garten vorgezogen haben würde. Die beiden Schwestern traten nach einiger Zeit zusammen in das Frühstückszimmcr, noch gerade zeitig genug, um dem gemeinschaftlichen Morgcngebete beizuwohnen. Später begab sich die ganze Gesellschaft zu Fuße zur Kirche, da Sir Stephan nur im äußersten Nothfalle an Sonntagen den Wagen benutzte. Der kürzeste Weg führte durch ein Gehölz, welches zum Park von Alphington gehörte. Sir Stephan zog den Arm Bcrtha's durch den seinigen und ging mit ihr voraus; die Anderen folgten in einiger ' Entfernung. „Ich wünschte mit Dir zu sprechen, liebe Bertha, und möchte Dich bitten, mir frei und offen zu erzählen, was Du zu Hause anfängst", sagte er. Bertha hatte keinen Grund dies zu verheimlichen und so beschrieb sie ihrem alten väterlichen Freunde ihre ganze Lebensweise. „Hm! Das gefällt mir nicht sehr. Das Einkommen müßte ausreichen, ohne daß Du nöthig hättest, Stunden zu geben und ich wollte wohl wetten, daß die meisten Hausarbeiten Dir ebenfalls zufallen, Du arbeitest zu angestrengt, das kann ich nicht zugeben; Du sollst Deine Munterkeit und Deine blühende Gesichtsfarbe nicht dadurch einbüßen." Bertha's Augen füllten sich mit Thränen bei der liebevollen Sprache des alten Herren. Das geringste Zeichen von Zärtlichkeit rührte sie tief. „Wirklich Sir Stephan", begann sie, aber dieser ließ sie nicht zu Worte kommen. „Nun höre, was ich Dir sagen will", fuhr er fort. „Ich habe das Recht und die Pflicht mit Dir zu sprechen, da ich Dein Pathc und ältester Freund bin. Lady Langlcy und ich haben die Sache zusammen überlegt. Wir besitzen keine Kinder und deshalb wünschen wir, daß Du als unsere Tochter bei uns bleibest, selbstverständlich nur dann, wenn Du glaubst, bei so zwei alten Leuten glücklich sein zu können." „Glücklich! O, ja, wie unendlich glücklich würde ich sein", erwiderte Bertha. „Es ist zu gütig von Ihnen und Lady Langtet) in dieser Weise meiner zu gedenken!" Tausend Dank dafür, aber ich darf Mama und Lena nicht verlassen." Die Stärke dieses Eiuwandcs kann mir nicht recht einleuchten, jedoch will ich Dir einen Vorschlag machen, Bertha. Ich weiß wohl, daß Du Deinen Schülerinnen nicht so ganz plötzlich kündigen darfst; dies würde auch Deinem Pflichtgefühle zu sehr widerstreben, aber Miß Dalton muß im Herbste mit Euch beiden Mädchen zn einem recht langen Besuche hierher zu uns kommen und dann wollen wir weiter darüber sprechen. Jetzt kein Wort mehr davon", fügte er hinzu, da er bemerkte, daß Bertha im Begriffe war, Einsprache zu erheben. Es bot sich auch in der That keine Gelegenheit mehr, die Unterhaltung fortzusetzen; sie hatten den Kirchhof bereits erreicht. Bertha konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als sie sich im Geiste ausmalte wie angenehm es sein müsse, in dieser reizenden Gegend bei so liebenden Menschen leben zu dürfen; aber sie unterdrückte sofort dieses Verlangen. „Ich darf es nicht wünschen, es wäre nicht recht", sagte sie bei sich. Als sie durch das Thor des Kirchhofes traten, wandte sich ein Herr, welcher bis dahin mit einem Landmanne gesprochen, um, begrüßte Sir Stephan mit herzlichein Händedrnck und Bertha durch Abnahme des Hutes. Er war von großer Statur, doch hatte er eure etwas gebeugte Haltung, welche dem Anscheine nach mehr von großer Sorge als Altersschwäche herrührte. Seine Züge besaßen eine fast weibliche Zartheit mit Ausnahme der breiten Stirne und des kräftig geformten Kinnes. Das knrzgcschnittene Haar war schneeweiß, aber der Schnnrrbart hatte noch eine bräunliche Färbung und die durchdringenden klaren Augen schienen ihr jugendliches Feuer nicht verloren zn haben. Er ging mit Sir Stephan bis zur Kirchthüre; Bertha blieb-mrnck und schloß sich Lady Langlcy, welche eben das Thor erreicht hatte, an. 587 „Das ist Lord Alphington", sagte diese; „er geht immer zu Fuß durch den Park zur Kirche und ist überhaupt iu seinem ganzen Wesen noch einfacher wie ein gewöhnlicher Landedclmann." Auf dem Rückwege begleitete Lord Alphington Lady Langley und Sir Stephan durch den Wald; die beiden Mädchen folgten mit dem jungen Holcroft. Herrlich schien die Sonne und beleuchtete das frische Grün der Bäume. Hier und dort blickten Primeln und Waldanimoncu aus dem weichen Moose hervor. „Wie prachtvoll muß der Wald nach einem Monate aussehen!" rief Bertha entzückt aus. „Der Herbst, das ist die beste Zeit", belehrte sie der Seemann; „es gibt hier eine solche Menge Nüsse, Sie müssen dann herüberkommen." Lena schlenderte einige Schritte voraus und betrachtete das stattliche Schloß, welches ab und zu, wo das Gehölz nicht allzudicht war, dem Auge sichtbar wurde. Plötzlich sprang ein Mann aus dem Gebüsche hervor; er stutzte, als er sich den beiden Damen und ihrem Begleiter gegenübersah, dann lüftete er seinen Hut, bat um Entschuldigung, sie so erschreckt zu haben und verschwand zwischen den Bäumen auf der entgegengesetzten Seite des Weges. „Was für ein unangenehm aussehender Mensch!" sagte Bertha; „ob er hier in's Dorf gehört?" „Dem Acußcrn nach zu urtheilen, schien er nicht von guter Herkunft zu sein", bemerkte Lena, vielleicht war es ein Wilddieb." „Dafür sah er nicht muthig genug aus", entgegnetc Holcroft. „O, Miß Daltou, ich muß Ihnen noch ein Abenteuer erzähle!», welches wir vorigen Winter mit einer Bande Wilddieben gehabt haben. Ich war gerade hier anwesend und in der „Procris" zurückgekehrt", fügte er gegen Bertha gewendet hinzu. So erzählten sie munter weiter auf dein Spaziergaugc, ohne zu ahnen, von welchem bedeutenden Einflüsse die Person, der sie dort begegnet, auf ihr Schicksal sein werde. Der Tag des großen Gastmahles war erschienen und mit ihm die erwarteten Gäste; Lady Langley verstand als ausgezeichnete Wirthin die Kunst, es Jedem behaglich zu machen und die Unterhaltung vor dein Stocken zu bewahren. Als man sich die selbstcrlcbteu Ereignisse und Zufälligkeiten mittheilte, sagte sie: „Meine junge Freundin Bertha Daltou hat kürzlich ein merkwürdiges Abenteuer erlebt", und nun erzählte sie die Geschichte des Ringes, wie sie sie von Bertha erfahren. „Es scheint ein ganz interessanter Ring gewesen zu sein; sagtest Du nicht, Bertha, er habe eine Devise gehabt?" „So schien es mir", erwiderte diese. In der Mitte desselben befindet sich ein schöner Opal und die Anfangsbuchstaben den kleinen Edelsteine, welche diesen einfassen, machen, wenn ich mich nicht sehr irre, den Namen „Fides" aus. Ich kann mir nicht denken, daß die Steine so auf's Geradewohl zusammengestellt seien. „Das ist ja sonderbar", bemerkte Lord Alphington, und während der noch übrigen Zeit bei Tische war er zerstreut und sprach nur dann, wenn man ihn direkt anredete. Als sich später die Herren den Damen im Wohnzimmer wieder zugesellten, nahm Lord Alphington eine Tasse Kaffee, schritt quer durch's Zimmer auf Bertha zu und setzte sich neben sie. „Darf ich fragen, ob Sie den Ring, in dessen Besitz Sie auf so eigenthümliche Weise gekommen sind, bei sich haben? frug er dann. „Ich bedauere sehr, daß dies nicht der Fall ist", erwiderte Bertha. „In London trug ich ihn in der Hoffnung, den Eigenthümer anzutreffen, fortwährend; aber als ich hierher reiste, hat man mich beredet, ihn zu Hause zu lassen." 588 Würden Sie wohl die Güte haben, mir ihn ganz genau zu beschreiben? Meine Bitte rührt nicht von bloßer Neugierde her." Bertha willfahrte gerne diesem Wunsche, doch wunderte sie sich im Stillen über das Interesse, welches der Earl daran zu nehmen schien. „Ich habe allen Grund zu glauben, dieser so merkwürdig verloren gegangene und wiedergefundene Ring ist Eigenthum meiner Familie, da man doch nicht annehmen kann, daß zwei ganz gleiche cxistiren." „Gehört er Ihnen, Lord Alphiugton? O, wie mich das freut!" rief Bertha aus; „ich bin ganz glücklich, ihn zurückerstatten zu können. Wie auffallend, daß ich hier den rechtmäßigen Eigenthümer antreffe, wo ich fast daran verzweifelte, ihn jemals zu entdecken! Dachte ich es mir doch, daß er nicht dem Manne, welcher ihn verloren hat, rechtmäßiger Weise angehören könne." „Was war das für eine Persönlichkeit?" frug Lord Alphiugton mit augenscheinlicher Unruhe. , „Ein äußerst unangenehm und gemein aussehender Mensch", cntgegnete Bertha. „Der Himmel möge mich davor bewahren, daß es derselbe ist, welcher jetzt Anspruch darauf erhebt, als mein Enkel anerkannt zu werden", sagte Lord Alphiugton mit besorgtem Blicke. „Dies werden Sie nicht zu befürchten haben, der Mann, von dem wir sprechen, ist zu alt dazu — er schien mir über vierzig Jahre zu sein." „Ah, das ist auf alle Fälle eine Erleichterung! Mein Enkel, wenn er sich wirklich als solcher herausstellt, kann höchstens scchsundzwanzig Jahre zählen. Vor achtnud- zwanzig Jahren hat mein unglücklicher Sohn England verlassen. Lady Alphiugton trug immer jenen Ring, wie es seit vielen Generationen in unserer Familie Sitte war. Als sie unsern jüngsten Sohn zum letzten Male umarmte, zog sie den Ring von: Finger und steckte denselben ihm an zum Unterpfande, daß er in Zukunft ein, seiner und ihrer würdiges Leben führen solle. Ich begreife nicht, wie er in andere Hände übergegangen sein kann, denn ich bin fest überzeugt, daß mein Sohn eher sein Leben, als den Ring geopfert hätte." Bertha hörte mit tiefem Interesse zu und sagte dann: „Der Ring ist ja von großem Werthe für Sie; ich werde ihn mir sofort schicken lassen." „Sie werden mich sehr dadurch verbinden. Aber noch ein's überrascht mich in Ihrer Erzählung", fuhr Lord Alphiugton fort, „Ihre Vermuthung nämlich, daß die Dame, bei welcher Sie Erkundigungen einzogen, mehr von dem Individuum gewußt habe, als sie sich den Anschein gab." „Ich mag ihr Unrecht thun, aber es kam mir so vor." Lord Alphiugton saß einige Zeit in Gedanken versunken da; dann begann er von Neuem: „Es ist in der That sehr merkwürdig." Plötzlich schien eine andere Erinnerung in ihm aufzutauchen, denn er frug lächelnd: „Sagten Sie nicht, daß Sie den Ring während eines gauzenMonats getragen haben?" „O, gewiß noch länger", antwortete Bertha. „Ich fand ihn ja schon Anfangs März." „Soll ich Ihnen sagen, wärmn ich lächelte; es knüpft sich eine alte Prophezeiung an das Tragen dieses Ringes, sie lautet: Diejenige, welche diesen Ring dreimal nenn Tage trägt, wird Gräfin von Alphiugton werden." „Zum Glück weiß man, daß derartige Prophezeiungen auch zuweilen nicht zutreffen", cntgegnete Bertha lachend, „sonst liefe man vielleicht Gefahr, abergläubisch zu werden." 589 Die übrige Gesellschaft nahm jetzt die Aufmerksamkeit Lord Alphingtoii's in Anspruch, aber vor seinem Weggehen kam er nochmals zu Bertha zurück und unterhielt sich mit ihr über verschiedene Gegenstände; ihr bescheidenes ungekünsteltes Wesen gefiel ihm; er bewunderte ihren Verstand, ihre reiche Begabung und Geistesbildung, welche sie unbewußt an den Tag legte; und Bertha lernte ihrerseits den alten Edelmann achten und lieben. „Sir Stephan und Lady Langley haben ihm gewiß von meinem theuern Vater erzählt und ihm dadurch auch Interesse für mich eingeflößt", dachte sie bei sich. Aber dem war nicht so. Es geschah freilich nicht selten, daß Bertha völlig unbemerkt blieb; auch von Seiten Lord Alphington's würde dies wohl der Fall gewesen sei», wenn sie nicht durch die Geschichte des Ringes zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Doch war man einmal näher mit ihr bekannt geworden, so fühlte man sich unwillkürlich von ihrer Liebenswürdigkeit gefesselt. Lena erwarb sich Bewunderer, Bertha hingegen Freunde. Beim Abschiede trat Lord Alphingtou zn den beiden Schwestern, welche ein Duett gesungen hatten, an's Clavier und sagte freundlich: Lady Langley will mir das Vergnügen machen, mich nächsten Donnerstag zu besuchen; ich hoffe sehr, die beiden Damen werden diese Freude durch Ihre Gegenwart erhöhen." Sein Blick "schloß Lena in die Einladung mit ein, aber an -sertha wandte er sich und ihre Hand ergriff er, so daß Lena ihren Aergcr, nur so nebenbei gebeten worden zu sein, kaum unterdrücken konnte. Ein anderer Trost war ihr den Tag über auch nicht zu Theil gewordcu. Am folgenden Morgen frug Sir Stephan sie beim Frühstück, ob es ihr gelungen sei, Mr. tzartley von Beechwood cinzufangcn, er könne ihr nur dazu rathen, da er ein reicher Junggeselle sei, doch fürchte er, es werde schwer halten, ihm irgend ein Interesse, außer für .Hunde und Pferde, einzuflößen. „Desto größer ist aber auch der Triumph, eine solche Eroberung gemacht zn haben. Gelt, Lena", fuhr er unter herzlichem Lachen fort. Diese erröthete und biß sich auf die Lippen. Es hatte Lena schon oft verdrossen, daß Sir Stephan sich auf ihre Kosten amüsirte. Wenn sie auch mit gewohnter Berechnung ihren Erobernngsplan durchführte, so verletzte es sie doch sehr, ihr Verhalten so unbarmherzig an die Ocffentlichkeit gezogen zn sehen. „Ich werde meinen Zweck doch erreichen", tröstete sie sich heimlich und dann mögen sie lachen, so viel sie wollen. (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Die Demuth fühlt sich arm, fühlt sich gering und schwach, lind hält von Kleinmuts! doch sich fern im Ungemach. Die wahre Demuth trägt den Starkmuth auch in sich, Sie hofft auf Gott allein; Er hilft ihr sicherlich. Wohl fühlt die Demuth arm und schwach sich allezeit, Doch Alles sie vermag in Dem, der Kraft verleiht. Das Schwere mache nicht zum Spiele, Sticht läßt sich'S mühelos bezwingen; Beharrlichkeit nur führt zum Ziele, Versuch' es neu, es wird gelingen! Vollenden und Fertigmachen Sind zwei, meist verschiedene Sachen; Mit dem Letzten gibt sich der Schüler zufrieden, Das Erste ist nur dein Meister beschicdcn. F. Beck. — 590 - Das erste Gedicht. * Es war natürlich, daß die Jubelfeier des 16. Juni 1876 die ganze Welt in Bewegung setzte. An diesem Tage hatte Pins IX., der Große, der allein von zwei- hundertundsechzig Päpsten die Jahre des heil. Petrus sah, durch dreißig Jahre die Last der dreifachen Krone getragen. Ob er auch beraubt, mißhandelt, verleumdet und verhöhnt war, wie man seit den Tagen der Martyrcrpäpste schwerlich einen Nachfolger Petri gesehen, er wurde auch von dem ganzen katholischen Erdkreis gefeiert, vielleicht wie keiner zuvor. Die Katholiken aus fünf Wclttheilcn wallten zu den Schwellen der Apostelfürsten, oder sandten Deputirte nach der ewigen Roma, dem gefangenen Papste ihre Huldigung zu bringen; sie bezeugten, wie Hüls kamp sagt, daß sie im Papste ihr wirkliches geistiges Oberhaupt und den wahrhaftigen Statthalter Christi auf Erden verehren, daß sie die Beraubung des Papstes als eine Beraubung der Kirche, daß sie die Beschränkung ihrer Unabhängigkeit als einen Eingriff in die Freiheit ihrer Gewissen, daß sie seine Verfolgung als ihre persönliche Verfolgung ansehen. Die Secundizfcier des Papstes war ein Weltfest, ein Familienfest der katholischen Kirche. Im Abend- und Morgenlande, in der alten und neuen Welt wurde es gleich festlich vorbereitet und begangen. Keine Kirche war und kein Dom, in denen nicht die Festesfreude wiederhabt hätte, und kein Stüblein und keine Hütte, in denen man nicht gebetet, gedankt und sich gefreut hätte. Die ganze Welt wurde in Bewegung gesetzt! Ja, die Welt im Großen und die Welt im Kleinen, auch die Welt der — Dichter! Kein Fest ohne Dichter. Wo immer ein Fest gefeiert wird, ein Fricdensfest, ein Jubiläum, es rühren sich Dichter und Dichterlinge sogleich. Ein Jeder möchte das Seine zur Fest- feier beitragen, sein Gedicht an der Spitze eines Wcltblattes oder doch des ersten Local- blattes gedruckt sehen, seinen Namen durch aller Leute Mund getragen und von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt wissen, er möchte mit Einem Worte berühmt werden! Darum kein Fest ohne Dichter. Und so träumte und dachte ein Gymnasiast, der, obwohl noch gar nicht in der Poesie, dennoch den Pegasus bestiegen und auch das Seine, und wie er meinte, das Beste zur Secuudiz des großen Papstes Pius IX. beitragen wollte. Er meinte es gut, er war eine treue, gute Seele, er hing mit Liebe und edelster Begeisterung am gefeierten Kirchcuhaupte, und was konnte er dafür, daß es ihn nun einmal mit unwiderstehlichem Dränge zum Dichten trieb? Und wer könnte es ihm verargen, daß auch er wie alle Dichter bereits von seiner einstigen Größe und Berühmtheit träumte, daß es auch i h m vorkam, als werde sein Name einst neben den der „Lieblinge der Nation" genannt werden? So ist's noch allen Dichtern ergangen. Es war ein schöner Juni-Abend. Die Sonne stieg leuchtend über den Horizont hinunter, die Sterne grüßten zur Erde, die Blumen neigten auf Flur und im Wald zum süßen Schlummer ihr Hänptchen. Und über ihnen und unter den herrlichen Eichenriesen, auf denen noch die Vöglein ihr Abendlied sangen, schritt der junge Dichter der Stadt dein engen, hohen Hanse zu, in dem er ein Dachstüblein bewohnte. Bald wird die Avcglocke klingen, das bewußte Zeichen für die Studenten. Doch ehe sie noch klang, saß der Gymnasiast bereits am Pulte und neben ihm lag Koch's griechische Grammatik und die bekannte Geschichte von Pütz und der noch mehr bekannte Virgil. Doch diese lagen ruhig und schweigsam neben Ihm, er aber hatte heute das deutsche Lesebuch aufgeschlagen und blätterte sinnend im zweiten Theile herum. „Eine der schönsten Dich tungs- formen, vielleicht die schönste und erhabenste von allen" — also las der Studio laut aus dem Buche vor sich hin — „ist das Sonett." — „Also nehm ich das Sonett zu einem Hnldigungsgedichte", — „vierzehn Zeilen, — vier Strophe:!, — zwei vielzellige und zwei dreizcilige I alllla, II allda. III ecke, IV ecks u. s. w. Beispiel aus Göthc: „Natur und Knust, sie scheinen sich zu fliehen Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; Der Widerwille ist auch mir verschwunden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen!" Also las der Studio, dann klang die Avcgtockc und er betete heute recht innig und andächtiger als gewöhnlich und bat dringend die Mutter Maria sie möchte ihm heute auch Muse sein. —- Dann setzte er sich wieder an sein Pult, nahm Papier und Bleistift, und fing sogleich zu Denken und zu Dichten an: Schlagen — tragen — klagen — sagen — wagen — fragen. Wahren — fahren — Schaarcn — harren — offenbaren. Der Leser sieht, wie sich das Sonett entwickelt. Als der Thürmcr zum ersten Male den Hammer in Bewegung setzte und die zehnte Stunde gekommen war, da war die Stadt, ohne das; auch nur ein Bewohner von dieser Ehre träumte, um ein schönes Gedicht reicher und barg einen glücklichen Jüngling mehr in seinen alten Mauern. Das Gedicht tvar fertig, der erste Ritt auf dem Dichterroß gelungen, ein inniges Dankgebet sandte der junge Dichter aus der Tiefe seines Herzens zu den Sternen; der Silbermond sah lächelnd in's kleine Dachstüblein, wo vor'm Fenster der Dichter stand mit dem Papier in der Linken und also in seinem Glücke in die schöne Nacht deklamirte: Du hälft das Steuerruder jetzt schon während vielen Jahren; Du halst es fest in bangen, trüben, sorgenvollen Tagen. So sehr mich Meereswogen stürmisch an das Schifflein schlagen, Nicht wird es je zerschellend, berstend an die Klippen fahren. WaS hier Du, Schiffer, duldest: Alles wird einst offenbaren, Der hoch im Himmel höret Deine schmerzcnvollen Klagen. Doch nimmer wollen wir in all' den Leiden je verzagen, Wir wollen feste Liebe Dir und echte Treue wahren. In allen trüben Stunden wollen wir an Dich uns halten, Und immer stehen fest in Deinem fcstgcbauten Schiffe, Und keine Macht soll je uns wankend oder zitternd machen. O daß Du noch recht lange als der Schiffer mögest walten, Das Schifftest! wahren, retten vor dem jähen Felsenriffe Und aus der heimlich List der bösgesinntcn Höllendrachen! Als das letzte Wort verklungen war, da war er müde der Dichter, und so gern noch der alte Birgst ein wenig Unterhaltung gewünscht hätte, er warf sich auf's Lager, doch las er noch dreimal sein erstes Gedicht, ehe er das Lämpchcn erlöschen ließ. Vor Glück und Seligkeit konnte er lange nicht schlafen. Er erwog in seinem Geiste, welches Blatt die Ehre und Auszeichnung haben sollte, seine Spitze mit dem Gedichte zu schmücken. Und der Studio kam mit sich überein, sein Lcibblatt damit zu beehren und gleich morgen früh das Gedicht an die Redaktion dieses Blattes abgehen zu lassen. Dann siel er in Schlummer, und schlief so süß, wie schon lange nimmer. Und er träumte heute nicht wie sonst von Professoren und Scriptioncn und von der lieben Heimath, sondern nur von seinem Ruhme und seiner Dichtergröße. Als die goldene Eos im Osten herausfuhr, saß der Studio bereits wieder an seinem Pulte und schrieb ein Brieflein an die „voreheliche Redaktion" des Leibblattes. Da fuhr ihm ein Gedanke wie ein Blitz durch die Seele. Wenn das Gedicht eine Beleidigung, eine Injurie enthielte? — — Was dann? Dann könnte ich eingesperrt, könnte dimittirt werden. — Der junge Dichter kämpfte einen heißen, einen langen Kampf. Er erinnerte sich der vielen Eonfiseationcn der Blätter und Bestrafungen der Redakteure, wenn nun sein Gedicht so was veranlaßte? Er wußte sich nimmer zu helfen. Nathlos saß er über dem angefangenen Briefe. Da kam ihm seine Muse zu Hülfe und dictirte 592 ihm in die Feder: „Die Verantwortung könnte ich nicht übernehmen", und hicmit war er zufrieden und seine Skrupeln waren beseitigt. Dann schloß er den Brief und trug ihn mit Schnellschrittcn auf die Post. » Am Vorabende des 16. Juni erwartete er das Erstlingskind seiner Muse an der Spitze des Lcibblattcs. Bis dahin waren noch drei Tage, drei lauge, lange Tage. Die Herren Professoren waren nimmer recht zufrieden und eine Mathcmatikscription, die der junge Dichter zu machen hatte, soll gar nicht gut ausgefallen sein. Vor Glück und Freude und seliger Erwartung kannte er sich, wie man zu Lande sagt, nimmer recht aus. Als dann erst der 15. Juni kam, jener Tag, der das Lcibblatt mit dein Gedichte auf sein Zimmer bringen und des Dichters Ruhm in alle Lande verbreiten sollte: wie langsam flössen heute die Stunden hin, noch langsamer als am Tage vor der Vakanz! Der Abend kam. Der Studio sah nichts Anderes mehr vor seinen Augen als sein Huldignngsgcdicht in großen Schwabacher Lettern au der Spitze des Leibblattes. Und lange, lange dauerte es, bis endlich der Bahnzug in die Stadt hcrciupfiff, der in seinem Postwagen das geliebte, mit unaussprechlicher Sehnsucht erwartete Journal bringen sollte. Ja, diese Zeitungen! — Wie ein Liebesbote werden sie oft erwartet und ersehnt! Der Studio war, nachdem um vier Uhr die lästige Classe zu Ende war, längs des Bahndammes spazieren gegangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte den Postwagen mit dem köstlicheil Inhalte an sich vorüberfahreu sehen, nun stürzte er heim und erwartete mit einem unaussprechlich eigenen Gefühle unten in der Stube der Hausfrau den geliebten Postboten. Er blieb länger, viel länger aus als sonst, doch er kam und schon bei der Thüre nahm der Studio die Zeitung in Empfang. — — Am Abende saß traurig, fast weinend der Dichter droben in seinem Dachstüblcin. Das böse Leibblatt hatte seines Gedichtes nicht einmal Erwähnung gethan, ein anderes viel schlechteres — wie der Studio meinte — glänzte an seiner Spitze. Er war namenlos unglücklich. Seine schönste Hoffnung war vernichtet, seinen Glücksstern hielt er für erloschen, kaum ein Todesfall hätte ihn mehr bcstürzcn können. Der arme Dichter! Doch er sollte entschädigt werden. Nach sieben Jahren schrieb er die Geschichte seines ersten Gedichtes nieder, und bei der Gelegenheit kam dieses selbst in die Zeitung. — N. II. M i s e e L l e u. (Probate Mittel gegen verschiedene Uebel.) Gegen den Katzenjammer: Man bleibt drei bis vier Tage, bevor man ihn bekommt, im Bette liegen, vermeidet den Genuß geistiger Getränke, versetzt sich durch einen heißen Thee in einen kräftigen Schweiß und wartet ruhig ab, bis das betreffende Diner oder Zechgelage vorüber ist. Dann steht mau fröhlich auf und geht an die Arbeit. Uroffaknm sst! — Sehr richtig heißt eS „Gegen die Dummheit": — „Hilft Nichts". Item: „Sich eine dauernde Gesundheit zu verschaffen": „Mau wähle ein reiches, aber durchaus gesundes Elternpaar und lasse sich von diesem gut und kräftig nähren und mit dem nöthigen Kleingeld versehen." (Von der „kleinen Excellenz".) Als der Abgeordnete Windthorst vor nicht langer Zeit seine Kur in Eins begann, trat ihm" au einem köstlichen Morgen ein Bekannter mit den Worten entgegen: „Excellenz bringen uns vortreffliches Wetter mit!" — „CentrnmSwetter!" antwortete schmunzclnd Windthorst, indem er vergnügt über die Brillengläser schielte. (Aus Kindermund.) „Taute, wenn Dir die Füße eingeschlafen sind, machst Du da auch Deine Hühneraugen zu?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. - Druck und Verlag des, Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. Unterkaktungsökatt »ur „Äugsbnrger postzeitung." Nr. 75. Mittwoch, 19. September 1883 Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Bertha telegraphirte sofort ihrer Mutter und bat sie, den Ring umgehend zu schicken, da sie ihn Donnerstag Lord Alphington zu überreichen wünschte. Sir Stephan fuhr sie selbst im Jagdwagcn zur nächsten Station, und von dort aus besuchten sie eine interessante in der Nähe liegende Ruine, wo sie, wie verabredet, Lady Langley, Lena und Frank Holcroft, sowie das mitgebrachte Frühstück antreffen sollten. « Auf dem Wege zum Stationsgebäude äußerte Sir Stephan von Neuem den Wunsch, Bertha für immer zu sich zu nehmen. „Wenn Du Deine Mutter und Lena durchaus in Sicht haben mußt, so finden wir vielleicht hier in der Nähe ein hübsches Häuschen, und wer weiß, auch einen Mann für Lena." „Bitte sprechen Sie nicht so!" rief Bertha mit Thränen in den Augen aus. „Nun, wenn es Dich betrübt, Maricnblümchcn, will ich es nicht mehr thun", sagte Sir Stephan, sie mit dem früheren Lieblingsnamcn anredend» „Aber Du weißt ja, daß ich den Sachverhalt kannte, ehe Ihr Plymouth verließet und ich muß Dir sagen, Bertha, obschon es Deine Mutter betrifft, es war sehr unvernünftig von Mrs. Dalton, Lcna's Kopf mit solchen Ideen anzufüllen. Ist das Mädchen entschlossen, zu heirathen, so wird sie schon einen Gatten auftreiben, denn sie ist. schön, das läßt sich nicht leugnen. Aber ich befürchte, sie bleibt an irgend einem Taugenichtse hängen, wenn sie nicht bald zum gewünschten Ziele gelaugt. Deine Pflicht ist es, dies zu verhüten. Du hast Verstand genug, für die andere mit." Bertha seufzte. Sie wußte, wie wenig Einfluß sie auf Lena besaß und daß es ihr unmöglich war, sie von einem einmal gefaßten Vorhaben abzubringen. „Gebe Gott, daß Sie ein falscher Prophet sind", entgegnete sie: „Sie dürfen Lena nicht zu strenge beurtheilen. An Arbeit ist sie ja nie gewöhnt gewesen, dagegen immer verzärtelt und mit der größten Nachsicht behandelt worden." „Und nun betrachtet sie ihr gutes Aussehen als eine Art von Waare, die man an den Meistbietenden losschlägt. Nun, nun, ich würde meine Tochter nicht so erzogen haben, da ich die Ehe von einem anderen Gesichtspunkte betrachte. Eh, kleine Berthal Wie Du siehst, habe ich noch so alte verrottete Ansichten und vielleicht hast Du Recht, daß ich den Verhältnissen nicht genug Rechnung trage. Wir wollen nicht weiter darüber reden, sondern das Beste von der Zukunft hoffen. Darin besteht ja die wahre Weisheit, das Beste hoffen, und sein ganzes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung setzen." Nachdem die kleine Gesellschaft die Ruine besichtigt und auf dein Nasen Platz genommen, theilte Ihnen Lady Langley nach dem Frühstücke die näheren Einzelheiten der 594 Geschichte Lord Alphington's mit. „Lady Alphington und ich besuchten dieselbe Schule und waren sehr gute Freundinnen", begann sie ihre Erzählung. „In späteren Jahren sahen wir uns sehr selten, da ich häufig mit Sir Stephan auf Reisen war; doch blieben wir in regelmäßigem Briefwechsel und so erfuhr ich, welch' großen Kummer ihr das üble Verhalten ihres jüngsten Sohnes bereite. Sie besaß nur zwei Söhne. Wie es schien, war Faucourt in einen unehrenhaften Handel beim Pferderennen verwickelt worden; indessen stellte sich später heraus, daß man seinen Namen ohne sein Wissen mißbraucht hatte. Soviel stand jedoch fest, er war in schlechte Gesellschaft gerathen, und mau hielt es deshalb für das Klügste, wenn er sich eine Zeitlang in's Ausland begebe. Er ging nach Amerika und bald darauf starb Lady Alphington; der große Schmerz hatte ihr Ende ohne Zweifel bescheinigt. Lord Chalfont, der älteste Sohn, welcher schon einige Jahre verheirathct war und zwei Söhne hatte, lebte nach dem Tode seiner Mutter meistens auf Schloß Alphington. Aber noch mehr Mißgeschick sollte folgen. Zuerst kam die Nachricht von dem plötzlichen, durch einen Unglücksfall herbeigeführten Tode Faucourt's am Scharlachfieber; die Mutter, welche sie pflegte, wurde ebenfalls davon ergriffen und in dem kurzen Zeitraume von noch nicht vierzehn Tagen lagen alle drei im Grabe. Später tauchte das Gerücht auf, Faucourt habe in Amerika eine Wittwe und einen Sohn hinterlassen, da jedoch Lord Chalfont noch lebte, so wurden die Nachforschungen wahrscheinlich nicht sehr sorglich angestellt. Noch war das Unglück nicht vollzählig. Lord Chalfont erkältete sich auf einer Reise durch die Schweiz und bekam eine Lungenentzündung. Man telegraphiere seinem Vater; dieser eilte hin, kam aber nur zeitig genug, um seinen Sohn sterben zu sehen. Seit diesem» Augenblicke ist Lord Alphington ein vereinsamter Mann. Nun ist kürzlich ein junger Mensch aus Amerika herübergekommen und gibt sich als den Enkel Lord Alphington's aus; letzterer hat die betreffenden Papiere seinem Geschäftsführer zur Untersuchung übergeben und weigert sich einstweilen noch, den jungen Mann bei sich zu sehen, bis er die feste Gewißheit hat, ihn als Erben begrüßen zu können. Natürlich wünscht er von ganzem Herzen, daß sich die Beweise als gültig herausstellen." „Welch' traurige Geschichte", sagte Bertha, die nist großer Theilnahme zugehört hatte. „Wie sehr wünsche ich dem alten Herrn, daß er seinen Enkel finde." „Ja gewiß, das würde für ihn das größte Glück sein, welches ihm jetzt noch zu Theil werden kaun", bemerkte Lady Langley. „Abgesehen davon, daß er Niemanden hat, dem er seine Zärtlichkeit zuwenden kann, ist es auch noch ein sehr melancholischer Gedanke für ihn, seinen alten, ehrenvollen Namen erlöschen zu sehen. Aber Sir Stephan ruft uns: Kommt, Kinder, wir müssen nach Hause zurückfahren." Siebentes Capitel. Der Mrs. Dalton war es nach der Abreise ihrer Töchter sehr langweilig zu Muthe; viele Abwechselung stand ihr nicht zu Gebote und ihre einzige Nachbarschaft, eine alte, taube Dame, war ganz sicher in ihren besten Jahren keine amüsante Gesellschafterin gewesen. Einsame Spaziergänge gewährten ihr auch kein Vergnügen, die Romane ermüdeten sie und so war ihre Stimmung im Allgemeinen recht verdrießlich. Nachdem der Frühstückstisch eben abgetragen worden, dachte sie darüber nach, was sie den ganzen Morgen anfangen solle, als Sara eintrat und eine Dame anmeldete. „Wer ist es, Sara?" „Das weiß ich nicht", erwiderte diese. „Sie nannte mir ihren Namen nicht; sie sei eine Wittwe." „Führe sie in's Wohnzimmer", befahl Mrs. Dalton. Bald darauf folgte sie ihr dorthin und erblickte vor sich eine ziemlich große elegant aussehende Dame in schwarzer Trauerkleidung. Ihrer Gestalt und dein unteren Theile des Gesichtes nach zu urtheilen, schien sie trotz der gelblichen Hautfarbe noch jung zu sein. 595 Sie hatte schwarze, schön gewölbte Augenbrauen, aber das Haar war schneeweiß und glatt unter die Wittwenhaube zurückgestrichen. Ein Creppschleier verhüllte ihr Gesicht; zudem trug sie eine blaue Brille. Sie verneigte sich anmuthig, als Mrs. Dalton zu ihr eintrat. Ueberrascht durch die vornehme Erscheinung, bot diese ihr einen Stuhl an. Die Fremde setzte sich in die Nähe des Arbeitstischchens mit dem Rücken gegen das Fenster, da sie, wie sie sagte, ein Augenübel habe und das grelle Licht ihr Schmerzen verursache. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie aufzusuchen, um mich bei Ihnen nach einer Dienstmagd Anna Turner zu erkundigen", sagte sie, auf eine Zeitung welche sie in der Hand hielt, hinweisend. „Ich weiß wohl, daß ich verpflichtet gewesen wäre, die festgesetzte Zeit abzuwarten, aber ich bin in großer Eile, da ich im Begriffe stehe, die Stadt zu verlassen und bitte deshalb sehr um Entschuldigung." „Nach einem Mädchen wünschen Sie sich zu erkundigen?" wiederholte Miß Dalton erstaunt. „Ich fürchte sehr, daß hier ein Mißverständniß obwaltet, da ich nicht vorhabe, eine Dienerin zu entlassen." „Mrs. Dalton aus dem Gardenhouse? frug die fremde Dame, in ihr Zeitungsblatt blickend. „Der Name ist richtig, aber dies ist nicht Gardenhouse, sondern Joy-Cottage." „O, dann habe ich mich geirrt!" rief die Fremde, ohne sich jedoch von ihrem Stuhle zu erheben, aus. „Ich bedauere sehr, Sie belästigt zu haben." Seufzend drückte sie ihr Taschentuch gegen die Stirne. „Bitte, erwähnen Sie das nicht und ruhen Sie erst ein wenig aus, Sie scheinen müde zu sein." „Ja, das bin ich", bestätigte die Dame. „Ich habe mich allenthalben nach Garde- house erkundigt und dann frug ich nach Mrs. Dalton und wurde hierher gewiesen. Sie können mir vielleicht sagen, wo Gardenhouse liegt?" „Ich erinnere mich nicht, von einem solchen Wohnsitze hier in der Gegend gehört zu haben", entgegncte Mrs. Dalton. „Auch ist es mir gänzlich unbekannt, daß mein Name in der Nachbarschaft vorkommt." „Dalton oder Galton, der erste Buchstabe ist nicht deutlich zu lesen; ich frug zuerst nach einer Familie Galton, aber der Kaufmann, an den ich mich wandte, nannte mir Ihren Namen und da ich den großen Garten erblickte, so glaube ich sicher, an die richtige Adresse gelangt zu sein." „Ja, der Garten ist sehr groß", sagte die mittheilsame Mrs. Dalton, sich bereitwilligst in eine kleine Plauderei einlassend, „aber sie glauben nicht, wie kostspielig es ist, ihn im gehörigen Stande zu halten. Das Terrain würde sich freilich sehr gut zu Baustellen eignen, doch da es mein persönliches Eigenthum ist, so trenne ich mich nicht gerne davon. Die einzige Unbequemlichkeit besteht darin, daß das Haus so weit vorn Thore entfernt liegt." „Das läßt sich denken, namentlich im Winter oder bei Regenwetter, aber eS macht einen hübschen malerischen Eindruck, weil es so ganz mit Ephcu bewachsen ist." „Mrs. Dalton beschrieb nun umständlich die innere Einrichtung der Wohnung und die Fremde hörte anscheinend mit großem Interesse zu. Den früheren Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, sagte sie dann: „ES ist mir zu leid, daß ich mich geirrt habe, denn aus ihrem Hause würde ich mit dem größten Vertrauen eine Dienerin übernehmen"; indem sie dieses sagte, warf sie eine» bewundernden Blick im Zimmer umher. „Was für eine Plage die Dienstboten im Allgemeinen sind!" „Ja, das ist wahr", stimmte die nicht wenig geschmeichelte Mrs. Dalton bei. „Die. eine meiner Mägde ist jetzt schon über zwanzig Jahre in meinen Diensten; sie ist eine' vorzügliche Köchin und auch sehr zuverlässig, aber dabei so heftig, daß ich gar nicht 596 wage, ihr in irgend einer Weise entgegen zu treten; die jüngeren Mädchen sind heutzutage alle eitel und vergnügungssüchtig; man weiß wirklich nicht, wo das noch enden wird." „Und so nachlässig dazu", klagte die Fremde. „Haben Sie nicht auch schon in dieser Beziehung traurige Erfahrungen an den werthvollen chinesischen Sachen, welche hier stehen, gemacht?" „O, ich erlaube nie, daß eine von den Mägden diese berührt, meine jüngste Tochter staubt sie immer selbst ab." „Da haben Sie wohl recht, ich besitze eine wahre Leidenschaft für Antiquitäten; meine ganz besondere Liebhaberei sind alte Schmucksachen, ich habe einige, von denen ich Mich um keinen Preis trennen möchte." „Das begreife ich recht gut. Augenblicklich haben wir auch einen alten interessanten Ring hier, in dessen Besitz meine Tochter auf sehr merkwürdige Weise gelangt ist." „Einen alten Ring?" rief die Fremde erstaunt aus. „Würde es Ihnen nicht zu viel Mühe verursachen, mir denselben zu zeigen? Sie glauben nicht, wie vernarrt ich in solche Sachen bin und ich schmeichle mir, auch den Werth der Edelsteine richtig beurtheilen zu können." „Es macht durchaus keine Mühe", sagte Mrs. Dalton und schellte. Zur herein- tretenden Sara gewendet, fuhr sie fort: „Hier ist der Schlüssel von meinem Toiletteukasten, Du weist ja, wie er geöffnet wird. Hole mir das kleine Etui aus demselben herunter." Sara kehrte bald zurück und Mrs. Dalton zeigte der Fremden den Opalring, ohne ihn jedoch aus der Hand zu geben. „Er ist wirklich wundervoll", bestätigte die Dame; „ich würde mich fürchten, ihn zu tragen,.wenn er mir gehörte, aus Angst, ihn zu verlieren." „Aus eben diesen! Grunde habe ich auch meine Tochter veranlaßt, ihn nicht mit auf das Land zu nehmen", bemerkte freundlich Mrs. Dalton, während sie den Ring wieder in das Etui steckte und dieses auf dem Tische neben sich stehen ließ. „Ich darf sie wirklich nicht länger belästigen und danke Ihnen bestens für Ihre Gefälligkeit. Könnten Sie mir vielleicht hier in der Nähe ein Dienstboten-Bureau angeben? —" „In Portland-Town befindet sich das nächste." „Ist es nicht zu unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir die Adresse aufzuschreiben? Es ist mir nicht möglich, einen Namen zu behalten." „O, das will ich gerne thun", und Mrs. Dalton begab sich zu ihrem Schreibtische in der anderen Ecke des Zimmers." Die Fremde empfing die geschriebene Adresse und nahm dann unter überschweng-. lichen Dankesreden Abschied. Mrs. Dalton trug das Ningetui, welches sie auf dem kleinen Tische hatte stehen lassen, sogleich wieder hinauf und verschloß es sorgfältig. Einige Stunden später kam Bertha's Telegramm an; Mrs. Dalton holte das Etui von Neuem hervor und fand es leer. Sara hatte die fremde Dame durch den Garten bis an's Thor begleitet; sie schaute ihr kopfschüttelnd einige Augenblicke nach und kehrte dann zurück. Das ganze Haus wurde des Ringes wegen durchsucht. Mrs. Dalton behauptete, er müsse im Wohnzimmer oder auf der Treppe aus dein Etui herausgefallen sein und deshalb von Sara gefunden werden. „Immer ist doch Alles verkehrt, nur um mich zu quälen und aufzuregen. Wenn Bcrtha doch so vernünftig gewesen wäre, zu schweigen und des Ringes gar nicht zu erwähnen, würde mir dieser Verdruß erspart geblieben sein; es ist auch zu lächerlich von Bertha, bei jeder Gelegenheit darüber zu sprechen." Sara hätte beinahe ihre Entlassung aus dem Dienste erhalten, weil sie die Vermuthung anssprach, die fremde Dame habe den Ring vielleicht mitgenommen. „Solchen Unsinn behaupten zu wollen,", sagte Mrs. Dalton voller Entrüstung, „als ob ick nicht 597 im Stande wäre, den Charakter einer Dame auf den ersten Blick zu beurtheilen", und da Sara nochmals ihre feste Ueberzeugung aussprach, befahl sie ihr, den Mund zu halten. Diese gehorchte natürlich, war jedoch entschlossen, ihre Ansicht später Miß Bertha, wenn sie nach Hause zurückkomme, mitzutheilen. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Immer zeige dir die Gnade Deines wahren Glückes Pfade; Alles, was dein Wunsch begehrt, Wird vom Himmel dann gewährt; Denn dein Herz wird fest und still, Wünsche nicht, was Gott nicht will! Kein Ding Ist so gering; Es kann dich quälen, Wird es, wenn du's bedarfst, dir fehlen. Wer das Alter nicht ehrt, Ist dks Alters nicht werth. Was nicht am Anfang ward bedacht, Wird nicht zu gutem End' gebracht. Die Welt ist wie ein Markt, hat Waaren ganze Haufen, Für Arbeit steh'n sie feil und sind um Fleiß zu kaufen. Wer gibt, noch ehe man's begehrt, Deß' Gab' ist zweier Gaben Werth. Halt' aus im Leid, halt' ein im Genuß, So linderst du Schmerz und Verdruß! Cin Tag auf einem deutschen Kriegsschiff. Von v. Henk. Ueber das Leben zur See sind bei den „Landratten" oft sehr seltsame Vorstellungen im Schwung, trotzdem die Theilnahme für Misere junge Seemacht in den letzten Jahren sehr gestiegen ist. Da wird es denn nicht ohne Interesse sein, folgende Mittheilung zu lesen, die wir in einem Aufsatz des Admirals v. Henk in der „Internationalen Revue über die gesammten Armeen und Flotten" entnehmen. Der Dienst ist für jeden Tag der Woche Vormittag und Nachmittag im Hafen und in See vorgeschrieben, jedoch steht es dem Kommandanten frei, wenn dringende Verhältnisse es erheischen, zeitweise hiervon abzuweichen. Ebenso sind für jede Stunde täglich die Exerzitien und Beschäftigungen rc. bestimmt. Wählen wir z. B. zur Schilderung einer Tageseinteilung den Freitag in See an Bord der Panzerfregatte „König Wilhelm", indem wir die Details des Schiffes voranschicken. Die Länge beträgt 109 Meter, die Breite 18 Mtr>, der mittlere Tiefgang 7,75 Mir., die Tragfähigkeit 5939 Tonnen L 1000 Kg. Die Armirung besteht aus 18 Stück 24 Cm. und 5 Stück 21 Cm. Krupp'schen Hinterladern, die Panzerstärke bis zu 26 Cm. Walzeisenplatten. Die Schraubeninaschine hat 8000 indizirte Pfcrdekräfte, welche dem Schiffe eine mittlere Fahrgeschwindigkeit von 14 Knoten (3^ geographischen Meilen pro Stunde) geben. Das Schiff ist außerdem mit einem doppelten Boden versehen, hat zu beiden Seiten bis zum Batteriedeck eine zweite Wand, so daß Armirung, Maschine und Vorräthe sich gleichsam innerhalb eines wasserdichten Einsatzes des Schiffskörpers befinden. Der Höhe nach besteht das Schiff aus drei Etagen (Decks): 1) Das Oberdeck. Aus demselben befindet sich außer den Landungsgeschützeu und Torvedomitraillensen (HotschkißkanoneiO 598 zwei 21 Cm.-Geschütze in zwei gepanzerten Halüthürmen unter der Kommandobrücke und zwei gleiche Geschütze unter der Back hinter einem Panzerschilde. Ueber dem Deck ragt die Bemastung, das Bugspriet und die Schornsteine hervor; vier Decks- resp. Torpedoboote stehen auf demselben, die übrigen hängen an Krähncn außerbords. Eine Ankerwinde, das doppelte Steuerrad, das Kartenhaus und Reservespiercn bemerkt man dort gleichzeitig; den oberen Theil der äußersten Bordwand bilden die sogenannten Finknetzkasten, in welchen die Hängematten der Mannschaft während des Tages aufbewahrt werden. 2) Das Batteriedeck. Dasselbe ist der Länge nach durch zwei gepanzerte Querwände in die Kasematte, die Vor- und Achterbattcrie eingetheilt. Die Kasematte umfaßt das Geschützemplacement, neun 24-Cm.-Stahlgcschütze auf Rahmenlafctten stehen auf jeder Seite; den Hinteren Theil der Kasematte bilden zwei Lazarethe für Friedenszwecke, während sich am Hinteren Panzerschott mitschiffs das Gefechtsrnder nebst Steuer- kompaß befindet. In dem vorderen Theil der Kasematte sind die Küche, ferner eine zweite Ankerwinde sowie Einrichtungen zum Lanzircn von Torpedos aufgestellt. Zwischen und vor den Geschützen befinden sich Tische, Bänke und Spinde für Backntensilien, Eß- geräth der Geschützmannschaften, an den Decksbalken Hängematthakcn, da die Batterie als Schlafraum für einen Theil der Mannschaft dient. Vor dem Panzerschott befinden sich die Verfingen zum Festlegen der Ankerkctten; zu beiden Seiten die Latrinen. Hinter dem Panzcrschött sind eine Anzahl Kabinen für den Stab sowie für Bureau's eingerichtet; am hintersten Ende befindet sich die Admiralkajüte nebst Schlaf- und Speisezimmer, in welchem letzteren ein 21 Cm.-Gcschütz als Heckvertheidigung aufgestellt ist. 3) Das Zwischendeck. Im hintersten Theil desselben befinden sich die Speisekammer der Offiziermesse und Badcräumc, daran schließt sich die Offiziermesse (Speisezimmer), zu deren beiden Seiten Kabinen für die Offiziere eingerichtet sind; dann folgt weiter nach vorne die Kadettenmesse an der Backbordseite, Offizierkabincn an der Steuerbordseite und der Schlaf- und Waschraum für die Kadetten mitschiffs. Unter diesen Räumen liegen die Vorraths-, Chronometer- und Jnstrumentenkammern, sowie Munitions- räumc. Der mittlere Theil des Zwischendecks dient als Schlaf- und Eßraum eines Theils der Mannschaft, sowie zur Unterbringung ihrer Kleider. Hier befinden sich auch die Arrestzellen. Unter diesen Räumen liegen Maschine, Kessel- und Kohlenbunker, welche letztere 8000 Tonnen Kohlen fassen. Im vorderen Zwischendeck sind die Kabinen der Deckoffizicre; unter demselben liegen Munitionskammern, die Wasserlast und andere Vor- rathsräume und Helegats rc. An einem Freitag Morgen dampft Se. Majestät Panzerfrcgatte „König Wilhelm" mit vier Kesseln etwa acht Knoten; das Wetter ist schön, die See ruhig, die Mitter- nachtswachc geht zu Ende. 3 Uhr 50 Minuten. „Wache und Freiwächter wecken!" ertönt das Kommando des wachthabenden Offiziers und „Wache und Freiwächter aufstehen!" repetiren die Bootsmannsmaate in die Schlasräume hinunter, mit einem langen Pfiff aus den Boot- maunspfeifen. Die Gerufenen haben zehn Minuten Zeit sich anzukleiden, ihre Hängematten zu schnüren, dieselben auf das Oberdeck zu bringen, wo sie in die Finknetzkasten verstaut werden. Punkt 4 Uhr (8 Glas) wird die neue Wache, sowie die Freiwächter, die in Musterungs-Divisionen antreten, von den Unteroffizieren namentlich verlesen, während die alte Wache sich in ihre Hängematten begibt. Nach der Musterung beginnt die Wäsche der Kleider; für jede Back (Tisch) sind ein Waschfaß und einige Pützen (Wasser- Eimer) bestimmt, welche hierzu verwendet werden. Nach Beendigung der Wäsche wird dieselbe an die dazu vorbereiteten Wäschejallen (Leinen) aufgehängt und zwar von der Steuerbordwache an der Steuerbordseite, von der Backbordwache an Backbord, das wollene Zeug unten, das leinene darüber. Zum Waschen und Aufhängen des Zeuges wird eine Stunde, und wenn gleichzeitig Hängematten oder Bezüge gewaschen werben, 1^ Stunden Zeit gegeben. Nach dem Aufhängen der Wäsche beginnt die Reinigung des Ober- und Baterie- decks mit Sand und Besen, welche unter gewöhnlichen Verhältnissen bis lU /2 Uhr beendet ist, weil das Schiff bis dahin in Ordnung und für den Tagesdienst vorbereitet sein muß. 6 Uhr 20 Minuten wird die Freiwache geweckt und zehn Minuten später deren Hängematten an Deck gebracht; eine Viertelstunde später die Hängematten der Kadeten von den dazu bestimmten Leuten in die Finknetzen verstaut. Die Zeit bis 7 Uhr wird der Mannschaft zur Selbstreinigung, von 7—7^/., Uhr zum Frühstück gegeben, dann 10 Minuten znm Anziehen der für den Tag befohlenen Kleidung gewährt. 7^/z Uhr werden die Kranken in's Lazarcth geschafft und erfolgt die ärztliche Visite. Darauf schreitet die um lp/z Uhr ausgestandene Mannschaft zum reinigen des Zwischendecks und kleidet sich nach Beendigung derselben gleichfalls vorschriftsmäßig an, resp. hängt die Wäsche auf. Um 8 Uhr wird die Flagge gehißt und von 8 Hz bis 9 Uhr ist allgemeine Reinigung der Waffen resp. Putzen des Messings rc. und nach Beendigung desselben wird das Schiff durch Aufräumen, Fegen rc. in den Zustand der höchsten Sauberkeit gebracht. Es wird Vielen unbegreiflich erscheinen, wie ein auf dem Meere schwimmendes Schiff in 24 Stunden so schmutzig werden kann, daß es täglich einer mehrstündigen Reinigung fast durch die ganze Besatzung bedarf. Um dies zu verstehen, muß man das Erzeugen von Nuß durch das Heizen der Kessel rc. und den Grad der erstrebten Reinlichkeit in's Auge fassen, wie man sich von letzterem in einem Kricgshafen täglich überzeugen kann. Wo außerdem Hunderte von Menschen auf einem so engen Raum zusammengedrängt leben, muß zur Verhütung von Krankheiten vor allen Dingen für Reinlichkeit und gute Luft Sorge getragen werden. Um 9 Uhr ist Musterung mit Handwaffen. Dieselbe ist der Appel der Land- truppen und wird dem ähnlich abgehalten. Das Resultat wird dem ersten Offizier von den betreffenden Abthcilnngs-Ofsizieren rapportirt, und dieser macht die Meldungen an den Kommandanten. Nach der Musterung erfolgt das Signal znm „Klar Schig" (Fertig zum Gefecht, Gcneralmarsch) und nachdem die einzelnen Stationen desselben vom Kommandanten inspizirt sind, wird an den Geschützen exerziert und alle Manöver dnrch- gcnommen, welche znr Einübung der einzelnen Gcfechtsmomente erforderlich sind. — Während des „Klar Schiff" übernimmt der Kommandant selbst den Befehl. Das Exerzieren dauert bis 11 ^ Uhr. Auf das Kommando „Klar Schiff" aufhören! werden die Pulverkammern geschloffen, Geschütze und Handwaffen gereinigt, die Decke gefegt und um 12 Uhr zu Mittag gepfiffen, bei gutem Wetter mit „Alle Mann", ausgenommen die Posten, Rudergänger, Maschinisten und Heizer der Wache. Die Offiziere nehmen das zweite Frühstück ei». Wenn irgend die Umstände es gestatten, erhalten die Leute lst/z Stunden Mittagsruhe und werden die Dienstfreien nicht gestört. Um 12^ Uhr erfolgt die Ablösung der Posten, um 1 Uhr die Reinigung des Eßgeschirrs und das Fegen des Decks; um IV 4 Uhr wird der Proviant und das Master vertheilt; um 1 H'„ Uhr ertönt das Kommando: „Pfeifen und Lunten aus!" Darauf werden die Decke gefegt, die Geschütze abgerieben rc. Von 2—4 Uhr exerziert die Wache mit Handwaffen resp. werden die schwachen, noch ungeübten Mannschaften am Geschütz ausgebildet, während die Freiwache unbeschäftigt bleiben darf. Die Takler bessern Schäden in der Takelage aus, schrapen Stäugcn und Spieren rc. Um 4 Uhr ist wiederum Wachwcchsel, die Mannschaft kleidet sich für die Nacht um, die Wäsche wird abgenommen, die Kleiderjollcn werden geborgen, die Decke gefegt und das Tauwcrk in Ordnung gebracht. Um 5 Uhr ist Gefechts- mnsterung, bet welcher die Geschütze nachgesehen und für die Nacht entsprechend befestigt werden, sodann die event, gewaschenen Hängematten in Bezug auf Reinlichkeit inspiziert. 600 Nach der Gefechtsmusterung wird Feucrlärin geläutet, die Mannschaft nach der Feuer- löschrolle gemustert, sämmtliche Spritzen probirt rc. Nach Beendigung der Uebungen werden Windsäcke, Decks- und andere Bezüge gewaschen, und wenn es die Witterung gestattet, dieselben zwischen den Masten aufgehängt. Zwischen 5 und 7 Uhr ist das Mittagsmahl des Kapitäns und der Offiziere; 6^/g Uhr das Abendbrot der Mannschaft und bis 7^ Uhr freie Zeit (Nauchzeit). Um 7 Uhr Wachewechscl und deren Musterung; 7^ Uhr werden die Kadettcn-Hängemattcn und um 7^ Uhr die Hängematten der Freiwache unter Deck gebracht. Um 8 Uhr ertönt das Kommando; „Pfeifen und Lunten aus, Ruhe im Schiff!" Um 9 Uhr muß das Licht in der Kadetten- und Dcckoffizier-Mcffe, um 10 Uhr das Licht in der Offizier- Messe gelöscht werden. Um 9 Uhr 10 Minuten erfolgte die Hauptronde durch den ersten Offizier, begleitet von den Offizieren und Kadetten der resp. Decks, sämmtlichen Deckoffiziercn, der Stabswache rc. Hauptzweck derselben ist die Gewißheit, daß alle nicht vorgeschriebenen Lichter und Lampen gelöscht sind, um möglichst jeder Fcucrsgesahr während der Nacht vorzubeugen. Der Zimmermann meldet den Wasscrstaud im Schiffe, der Feuerwerker die sichere Befestigung der Geschütze rc. Ist die Nonde abgemacht, so stattet der erste Offizier dem Kommandanten Rapport darüber ab und empfängt von demselben event. Befehle für die Nacht oder für den nächsten Morgen. Während der Nacht erfolgt halbstündlich eine Nonde durch die Kadetten. Bei jedem Wachwechsel während der Nacht um 8 Uhr, 12 Uhr und 4 Uhr Morgens werden auch die Rcttungsbootsmauuschaften gemustert und, die Posten an den Rettungsbojen genau instruirt. Die obige Zeiteintheilung zeigt wohl zur Genüge, daß weder die Offiziere, noch die Mannschaft viel freie Zeit übrig behalten. Die eine Wache war 16^ Stunden im Dienst, hatte 7^ Stunden Ruhe, davon nur 4 Stunden Schlaf in der Hängematte, während die andere 10 Stunden Dienst, 14 Stunden Ruhe hatte und davon 7 Stunden in der Hängematte war. Das ist wahrlich kein leichter Dienst, und er erfordert kräftige Naturen, um so mehr, als bei schlechtem Wetter die so spärlich bemessene Ruhezeit noch mehr gekürzt wird. — , M i s c e l l e n. (Sobieski's Sieg es wagen.) Die Stadt Wien schenkte 1683 dem Polen- könig Johann Sobieski einen „prachtvollen Siegcswagcn", der 3000 Dukaten gekostet haben soll. Etwa 60 Jahre später befand sich dieses Werthstück — so berichtet die Kölnische Zeitung — auf einem dem weiblichen Nachkommen des Königs gehörigen Gute in Oberschlcsien. Dort nahm es der preußische General-Lieutenant Henning Alexander v. Kleist während des ersten schlcsischeu Krieges 1742 als Beute in Beschlag und schickte es mit Erlaubniß des Königs Friedrich II. nach Pommern, wo es zu einer Kanzel für die Dorfkirche von Radsatz bei Ncustettin verarbeitet werden sollte. Das ist denn auch geschehen, und noch heutigen Tages wird aus dem Siegcswagcn Sobieski's gepredigt. Die feine Goldmalerei mit den: in mehrfachen Schildern angebrachten Namcnszuge des Polenkönigs (I. 8. II. 1?.), dem weißen Adler und vielen türkischen Trophäen (Turbanen und Hellebarden) ist noch wohl zu erkennen. In der Decke liest man die Inschrift: Ourrus triumplmim lloiinnnm Lostissiri llöAis ikoloirornna. Auf der Vorderseite ist als Besitztitel das Kleist'sche Familienwappen angeheftet. (Bedenklich.) „Hier, Fräulein Flora, bringe ich Ihnen einen kostbaren Brillantschmuck; als Gegendienst bitte ich, daß Sie öfter an Ihren aufrichtigsten Verehrer denken ..." — „O, gewiß, Herr Baron! Welchen meinen Sie?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrnrischen Instituts von Dr. Max Hnttler. Nr. 76. 1883, zur „Äugstmrgcr Pöjheltimg." Samstag, 22. September Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) AchtesCapitcl. Früh Morgens hatte es geregnet, doch als die Gesellschaft von Larkspur aufbrach, um nach Alphington-Park zu fahren, waren die Wolken verschwunden und Heller Sonnenschein an deren Stelle getreten. Eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich Bcrtha's bemächtigt; der Opalring war verloren gegangen. Die heutige Post hatte ihr diese ärgerliche Nachricht mitgebracht und ihr sonst so heiteres Gemüth wurde von den Gedanken, daß sie nun anstatt dem rechtmäßigen Eigenthümer den kostbaren Ring zurückstellen zu können, sich über den, wie sie sich in ihren: Herzen sagen mußte, durch Leichtfertigkeit herbeigeführten Verlust zu entschuldigen habe, vollständig niedergedrückt. Lena war diese unangenehme Neuigkeit vollständig gleichgültig, sie wurde ja persönlich nicht davon betroffen, denn es war nicht ihre Gewohnheit, sich durch die Sorgen Anderer, in ihren: eigenen Vergnügen stören zu lassen. Mit leuchtenden Augen und blühenden Wangen ruhte sie in der Ecke des luxuriösen Wagens und überließ sich ihren Phantasien. Sie stellte sich vor, wie ihr wohl zu Muthe sein, was sie denken und thun würde, wenn sie jetzt als die verlobte Braut der Erben dieser herrlichen Besitzungen dort ihren Einzug hielt; denn ihr Gedankenflug hatte bereits diese Richtung eingeschlagen und solche Möglichkeit erwogen. Das Schloß war ein stattliches Gebäude; der Grundriß hatte die Form eines D. Zur Zeit der Regierung der Königin Elisabeth pflegten die Architekten aus Courtoisie diese Figur zu wühlen; es war aus rothem Stein gebaut und zum Theil mit Epheu bewachsen. Ueber dem mittleren Portale erhob sich ein Glockenthurm und in den beiden Flügeln, welche die Arme des Buchstabens bildeten, befanden sich an der einen Seite die Salons und an der anderen Seite die große Bibliothek. Durch die Fenster dieser Gemächer blickte man auf eine breite Grasterrasse, welche an den: ganzen Hanse vorbei- lief und nur durch die von einen: mächtigen Greifen bewachte Treppe unterbrochen wurde. In einiger Entfernung lag ein mächtiger Hochwald, an dessen Rande man einen kleinen malerischen See gewahrte. Schon lange hatten die zahlreichen Schwäne und sonstigen Wasservögel dort, ungestört durch Ruderschlüge, unter den üppigen Blattpflanzen ihr Nest gebaut. Das Innere des Gebäudes entsprach vollständig der herrlichen Außenseite. Die große Halle mit den reichgeschuitzten Panelen aus Eichenholz wurde in: Winter durch riesige Kamine erwärmt; an den Wänden befanden sich alte Rüstungen, Waffen, Hirschgeweihe und sonstige Jagdtrophäcn. In den mit Sainmctmöbeln ausgestatteten Salons hingen die ansgewähltesten Gemälde und die Wände waren mit Majolika, Sevres und chinesischen: Porzellan, sowie mit Knnstschätzen aus Marmor und Bronce verziert; eine 602 Menge Spiegel erhöhten den Effekt des Lichtes und der Entfernung. Dies war die Heimath Lord Alphingtons, und hier begrüßte er herzlich die ankommenden Gäste. Für Alle, außer Bertha, ging die Frühstücksstunde in der heitersten Stimmung vorüber. Nach derselben führte Lord Alphington sie in die Gemälde-Galerie. Diese nahm, an der Hinteren Seite des Hauses den ganzen ersten Stock ein; die breiten Fenster waren nur durch schmale Pfeiler, an denen kostbare Vasen und werthvolle Alterthümer .standen, von einander getrennt. Man hatte eine reizende Aussicht auf den hübschen mit Springbrunnen und Statuen versehenen Blumengarten. Die Galerie bestand hauptsächlich aus Familien-Portraits. Hier blickte mit finster zusammengezogenen Brauen ein geharnischter Krieger auf die Besuchenden hernieder, und dort schaute eine ehrsame Dame mit steifem Kopfputz und Reifrock aus der Leinwand heraus. Weiter unten war ein reichgekleideter Hofmann aus der Zeit Karls I., von van Dyk gemalt und neben ihm gewahrte man eine reizende Schäferin mit fliegendem Gewände und offenen Haaren, Lurch den Pinsel Sir Peter Lely's verewigt. Lord Alphington schien in außergewöhnlich heiterer Laune zu fein, er lachte herzlich über die Scherze Sir Stephan's und besprach lebhaft die Veränderungen, welche an Larkspur vorgenommen werden sollten. Auf dem Wege zur Galerie hin nahm er Bertha, deren ernstes Aussehen ihm aufgefallen war, bei Seite. „Fühlen Sie sich nicht wohl?" frug er, sie in eine der Fensternischen führend, in freundlichem Tone. „Sind Sie müde, wollen Sie sich lieber etwas ausruhen?" „O nein, danke sehr, ich bin durchaus nicht müde, aber ich habe unangenehme Nachrichten erhalten. Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß der Ring von Neuem verloren oder, wie mir scheint, gestohlen worden ist." Ihre Lippen bebten, während sie sprach, und es kostete ihr große Anstrengung, die Thränen zu unterdrücken. „Von Neuem verloren?" rief Lord Alphington erstaunt aus. „Wie hat sich das zugetragen?" Bertha zog das Schreiben ihrer Mutter aus der Tasche hervor; dieses war wie alle Briefe der Mrs. Dalton ohne jeden Zusammenhang der Ereignisse und ohne irgend einer Interpunktion von Anfang bis zu Ende geschrieben; dazu in einer sehr unleserlichen Handschrift, und jeder Mittheilung, welche sie machte, folgten eigene Reflexionen, deren Sinn kein Mensch verstehen konnte. Um Lord Alphington die Sache einigermaßen klar zu machen, war Bertha genöthigt, einzelne Sätze herauszusuchen und zusammenzustellen. Danach schien es, daß an demselben Morgen, wo Bertha das Telegramm mit der Bitte, ihr den Ring zu senden, geschickt, eine ältere verwittwete Dame Mrs. Dalton besucht hatte, um sich nach dem Charakter einer Dienerin zu erkundigen. Vermuthlich, wenigstens kam es Bertha so vor, hatte ihre Mutter sich mit der Fremden in eine weitläufige Unterhaltung eingelassen und auch von Ringen gesprochen. Die Folge davon war, daß Mrs. Dalton Bertha's Abenteuer erzählte und den Opalring hervorholte, um ihn der Fremden zu zeigen. Diese habe ihn sehr bewundert, und dann zurückgegeben, davon sei sie fest überzeugt. Als Bertha's Telegramm angekommen, habe sie den Ring aus der Schatulle herausnehmen wollen, aber er sei fort gewesen. „Er kann nicht gestohlen worden sein", schrieb Mrs. Dalton weiter, „denn ich habe das Zimmer keinen Augenblick verlassen und mich nur einmal umgewandt, um eine Adresse zu schreiben. Zudem sah die Fremde so anständig und vornehm aus, daß man unmöglich den Verdacht hegen kann, der Ring sei von ihr genommen worden, selbst wenn sich ihr auch Gelegenheit dazu geboten hätte." Mrs. Dalton drückte tiefes Bedauern aus, versicherte aber nebenbei, daß keine Schuld sie treffe. — Natürlich, sie war ja immer ein Muster von Weisheit und aufopfernder Hcrzensgüte in ihren eigenen Augen. „Und was ist nun zu thun!" rief Benha mit einem leisen Seufzer aus. „O, es ist mir so leid!" Lady Langlcy, welche ihren Kummer bemerkte, trat zu ihnen heran. „Wahrlich hast Du von dem verloren gegangenen Ringe erzählt. Es ist recht ärgerlich, aber bitte, sagen Sie ihr, daß sie es sich nicht zu Herzen nimmt", fügte sie zu Lord Alphington gewendet, hinzu. „Das müssen Sie gewiß nicht thun", bat er freundlich; „dazu ist keine Veranlassung. Der Verlust dieser alten Familien-Reliquie ist mir freilich nicht gleichgültig, jedoch augenblicklich von weniger Bedeutung, als es früher den Anschein hatte. Ich bezweifle nicht im Mindesten, daß die Person, welche bei Mrs. Dalton war, den Ring gestohlen hat und glaube ebenfalls, daß nicht der Gcldwerth desselben die Veranlassung dazu war. Diese Ansicht gibt dem Diebstahle besondere Wichtigkeit in meinen Augen." „Daran habe ich gar nicht gedacht, aber jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, finde auch ich es sehr auffallend", bemerkte Lady Langlcy. „Sie werden doch Schritte thun, um der Sache auf die Spur zu kommen?" „Ja, ich will sofort die Polizei davon in Kenntniß setzen. Irgend ein Geheimniß muß damit verbunden sein." „Das scheint wirklich so." „Was die wichtigere Angelegenheit betrifft, so bin ich äußerst glücklich, Ihnen sagen zu können, daß alle Zweifel gehoben sind. Heute Morgen erhielt ich einen Brief meines Rechtsanwaltes." Bertha blickte fragend aus. „Sie haben genügende Aufklärung erhalten?" sagte Lady Langlcy. „Gott sei Dank, ja", antwortete der Earl. Der junge Mann, welcher sich Scdley nennt, hat seine Papiere bei Thomson und Cratthit vorgezeigt. Diese versichern mir nun, daß sie vollständig in Ordnung seien. Es ist keine Frage mehr. Sedley ist der legitime Sohn meines Sohnes. Das einzig Fehlende ist dieser verloren gegangene Ring. Doch sind glücklicherweise die Beweise derart, daß er nicht unbedingt nöthig ist." „O, wie mich das freut", rief Bertha mit strahlenden Augen und erleichtertem Gemüthe aus. „Von ganzem Herzen gratulire ich Ihnen", sagte Lady Langlcy, ihrem alten Freunde die Hand reichend. „Dank, besten Dank, ich bin in der That zu beglückwünschen", erwiderte Lord Alphington, Bertha freundlich zulächelnd, während er die andere Dame anredete. „Sie sahen ihren Enkel noch nie?" > „Nein, aber ich hoffe und glaube, daß er ein echter Faucourt sein wird. Wie ich höre, hat er einige Jahre das Jale-Collegium besucht und ist seitdem viel auf Reisen gewesen. Das klingt doch Allen recht befriedigend." „Gewiß, außergewöhnlich gut. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen." ^ Samstag werde ich zur Stadt reisen, um das neuentdeckte Kind meines Hauses itt die Arme zu schließen. Höchst wahrscheinlich bringe ich ihn mit mir hierher zurück." „Und dann wird ein großes Freudenfest gefeiert; das gemästete Kalb muß geschlachtet werden", setzte Sir Stephan, vergnügt die Hände reibend hinzu. Er war näher getreten und hatte die letzte Aeußerung vernommen. Lord Alphington lächelte. „Ja, das ^ersteht sich, ich werde alle Nutzbaren einladen, Antheil an meinem Glücke zu nehmen." Bertha schlüpfte hinweg; sie dankte Gott im Stillen, daß ihre Nachricht weniger Kummer verursacht, als sie befürchtet hatte. Frank Holcrost war eben im Begriffe, das Takelwerk des im Hintergründe eines Gemäldes befindlichen Schiffes zu kritisircn, 604 worüber Lena so gelangweilt aussah, daß Bertha hinzutrat, um ihre Schwester von dieser Unterhaltung zu erlösen; deshalb frug sie: „Können Sie denn mit Bestimmtheit angeben, in welcher Weise man die Schiffe vor zweihundert Jahren aufzutakeln pflegte?" „Aber sehen Sie doch nur, es ist ja ganz unmöglich, jenes Bramsegel einzureffen", sagte der junge Mann herzlich froh, eine aufmerksame Znhörerin gefunden zu haben. „Ich verstehe gar nichts davon", lachte Bertha; „Sie müssen es mir zu Hause ausführlicher erklären, denn jetzt fehlt die Zeit dazu, da wir in den Garten gehen." Als sich die Gesellschaft am Nachmittage von Lord Alphington verabschiedete, steckte dieser einen Perlenring an Bertha's Finger, indem er sagte: „Wollen Sie ihn zur Erinnerung an Jemanden, der sich glücklich preisen wird, von Ihnen als Freund betrachtet zu werden, tragen?" Bertha dankte dem freundlichen, alten Herrn aus voller Seele und versicherte ihm, wie hoch sie d'as Vorrecht, welches er ihr dadurch einräume, zu schätzen wisse. „Mein sehnlichster Wunsch besteht darin, daß der verloren gegangene Ring, falls er wiedergefunden wird, später die Hand einer so liebenswürdigen, jungen Dame, wie Sie es sind, schmücken möge. Leben Sie Wohl, bis wir uns wiedersehen, hoffentlich bin ich dann im Stande, Ihnen Jemanden vorzustellen, der es besser verstehen wird, den Aufenthalt zu Alphington angenehm zu machen, als ich alter Mann dies vermag." Bertha, durch das Lob des Earls verlegen gemacht, flüsterte einige unverständliche Worte, und so schieden sie. Freitag mußten die Schwestern nach London zurückfahren, da Bertha's Musik- Stunden schon in der kommenden Woche beginnen sollten und sie noch einen freien Tag zu Hause zu haben wünschte. Neuntes Capitel. An demselben Nachmittage, an welchem Lady Langley, unter den Ruinen sitzend, einen Theil der Familiengeschichte Lord Alphington's erzählt hatte, schritt Mrs. Lemont unruhig in ihrem Wohnzimmer zu Westbourne Grove auf und ab. Sie schien in sehr aufgeregter, unbehaglicher Stimmung zu sein; von Zeit zu Zeit blieb sie plötzlich am Fenster stehen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, der von der Straße zu ihr Hinaufdrang. In dem Zimmer herrschte eine große Unordnung, welche auf eine bevorstehende Abreise schließen ließ; ein Koffer stand geöffnet auf dem Boden; er enthielt die verschiedenartigsten Luxusgcgenstände, darunter auch diejenigen, welche Bertha bei ihrem Besuche dort aufgefallen waren. Mrs. Lemont mußte mit Einpacken beschäftigt gewesen sein, denn durch die halb geöffneten Flügelthüren erblickte man schon mehrere, mit dicken Kordeln versehene Kasten. Die Glocke schlug fünf Uhr, dann noch eine Viertelstunde und noch eine, und noch immer setzte Mrs. Lemont ihre ungeduldige Promenade fort. „Weshalb kommt er nicht?" murmelte sie halblaut vor sich hin. „Er versprach mir doch, heute Nachmittag hieher zu kommen und befahl mir, mich bereit zu halten, Mit ihm zu gehen, und ich bin bereit." ' -- Bei diesen Worten preßte sie die Hände gegen ihre Schläfe und seufzte tief: „Ich weiß, daß er sich nichts mehr aus mir macht —, ja, ich glaube sogar, es wäre ihm lieb, wenn er mich aus dem Wege schaffen könnte", fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort. „Und ich — wie ist es nur möglich, daß ich ihn noch liebe, nach all' diesen Jahren der Grausamkeit, der Vernachlässigung-und des Elendes? Ich weiß kaum ob ich ihn liebe oder hasse; er mnthct mir zu viel zu." Eine Weile lehnte sie ihre Stirne an die kalten Fensterscheiben und blickte hinaus in das rege Treiben auf der Straße. Wagen, Omnibusse und Karren rasselten unauf- hörlich vorbei; zahllose Fußgänger eilten vorüber; Alles zeigte Leben und Thätigkeit, ein greller Gegensatz zu der Einsamkeit und traurigen Leere, welche sie empfand. Endlich ward an der Hausthür geschellt. Mrs. Lcmont fuhr zusammen; rasch schritt sie zn einem Seitentische hin, anf welchem sich eine Flasche mit einigen Gläsern befand, schüttete ein Glas Wein ein und stürzte es hastig hinunter; dann ließ sie sich, als eilige Tritte anf der Treppe hörbar wurden, in einen Sessel nieder. Gleich darauf trat ein junger Mann, die Thüre hinter sich zuschlagend, ein. Mrs. Lemont erhob sich, ihn zu begrüßen, doch war von ihrer vorherigen Ungeduld nichts mehr an ihr zu bemerken. — „Du kommst spät, ich habe Dich schon einige Zeit erwartet." Er ging auf sie zu und küßte sie — dem Anscheine nach war ihnen diese Form der Begrüßung geläufig; denn nur wie eine alltägliche Gewohnheit wurde der Kuß gegeben und erwidert. Mrs. Lcmont kehrte zu ihrem Platze zurück und der Besucher setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Ich sagte Dir doch, daß ich kommen würde, aber nicht zu welcher Stunde, da ich dies ja selbst nicht mit Bestimmtheit wissen konnte." Er war ein großer, breitschulteriger Mann, mit aufgedunsenem Gesichte; die stark gcröthetc Nase, sowie die entzündeten Augenlider ließen auf ein lüderlichcs Leben schließen; seine Haare hatten etwas röthliche Färbung, ebenso der lange Schnnrrbart. Von Natur aus waren seine Züge nicht häßlich aber die finster zusammengezogene Stirne, der sinnliche Ausdruck der vollen Lippen und die blutunterlaufenen Augen mit dem frechen bösen Blicke verdarben vollständig den äußeren Eindruck seiner Erscheinung. „Du hast mir nichts zu erzählen, Scdlcy?" frug Mrs. Lcmont. „Bist Du bei Thomson und Catthit gewesen und sind die Beweise in Ordnung?" „Natürlich war ich dort", erwiderte Sedley; „es erfordert einige Zeit, ehe die Papiere gründlich durchgesehen sind, aber man versprach, mir noch heute Abend Antwort zu geben. Ich weiß, daß der Inhalt der Schatulle seine volle Richtigkeit hat, diesen verfluchten Ring ausgenommen. Du weißt das ebenfalls. Ich wollte, Dein theurer Bruder hätte den Ring, als er ihn stahl, verschluckt und wäre daran erstickt." „Pierre ist Dir doch zeitweilig sehr nützlich gewesen. Und der Beweis wird nicht von dem Ringe abhängig gemacht?" „Nein, trotzdem muß ich ihn haben, es mag kosten, was es will. Gib mir die Adresse von dein Mädchen, welches hier war, um sich zu erkundigen, ob nicht Jemand etwas im Omnibusse verloren habe. Wer weiß, das könnte ja der Ring gewesen sein?" Mrs. Lemont nahm aus ihrem Schreibtische Bcrtha's Karte heraus. Ein eigenthümliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, als sie ihrem Gefährten die Karte hinreichte. Sedley steckte sie, nachdem er gelesen, was darauf stand, in die Tasche. „Sobald es mir möglich sein wird, werde ich dort als Mr. Fauconrt meinen Besuch machen", sagte er dann. „Hätte ich damals gewußt, daß ein Ring fehlte, so würde ich Pierre's Besuch hier nicht geleugnet haben", bemerkte Mrs. Lemont. „Das glaube ich, wohl, für so närrisch halte ich Dich auch nicht", entgegnetc er rauh. „Nun wie steht es, bist Du bereit, hier weg zu gehen." „Ja, ich wünsche wahrlich nicht länger hier zn bleiben, dieser Aufenthalt ekelt mich an." „Du hast, doch auch hier Deiner tollen Verschwendungssucht Genüge leisten können; ich hoffe nicht, daß Schulden vorhanden sind", fuhr Sedley in demselben barschen Tone fort. „Nein, ich habe keine Schulden", erwiderte sie, während ihre Stirne sich röthctc; sie preßte die Lippen fest zusammen, um den aufsteigenden Aergcr zn unterdrücken. „Soweit ist denn Alles gut. Darf ich vielleicht fragen, wer das letzte Opfer 606 war", setzte er höhnisch hinzu, indem er einige kleinere Schmucksachcn, welche auf dem Tische umher lagen, in die Hand nahm und betrachtete. „Ich könnte Dir wohl dieselbe Frage vorlegen", entgcgncte sie mit flammenden Blicken. „Aber wozu sollen wir uns gegenseitig beschuldigen, ich habe Dir versprochen, Alles zu thun, was Du von mir verlangst, das genügt." „Ist heute Jemand hier gewesen?" frug Sedlcy mißtrauisch. „Perkin's hatte den Auftrag, Niemanden außer Dir einzulassen; er ist ein alter Narr, dieser Perkin's, aber ich glaube, daß man ihm ziemlich vertrauen kaun. Ah, gibt es überhaupt noch einen rechtschaffenen Menschen in dieser herzlosen Welt!" Sedley lachte sarkastisch. „Die Menschen sind rechtschaffen oder nicht, je nachdem es ihnen am Besten ia den Gram paßt." „Das ist Dein Grundsatz, mein Freund, dies weiß ich zur Genüge", entgegncte Mrs. Lemont verächtlich, „und deshalb darf es Dich nicht wundern, wenn ich Dir nicht unbedingt vertraue. Wie lange soll meine Verbannung dauern?" „Wie kann ich das sagen; zuerst muß ich Sorge tragen, selbst fest im Sattel zu sitzen. —" Mrs. Lemont heftete ihre durchbohrenden, schwarzen Augen so fest auf ihn, als ob sie sein Innerstes durchschauen wolle; er suchte ihrem Blicke auszuweichen. „Du würdest mich betrügen, wenn Du könntest, aber nimm Dich in Acht, bedenke, daß Du in meiner Gewalt bist." (Fortsetzung folgt.) Gok-körner. Die Bürde des Tages sollst du tragen, Und, drückt sie auch schwer, doch nicht verzagen; Auch hättest du wohl nicht gut gethan, Fügtest du, daß sie noch schwerer sei, Ohne Noth ein neues Gewicht ihr bei: Oft hängt sich ja Manches von selbst daran. Kein Tag sei, der dein Gewissen nicht vermehre, Doch jeder rufe dir die große Lehre, Die eine Wahrheit zu, die deinem Geist Den Frieden, den die Welt nicht kennt, verheißt. Für Vieles sei wie blind, wie taub und stumm, Sieh' nicht zur Rechten, nicht zur Linken um; Doch halte offen dir den Geistesblick Für das, was fördert dein und And'rcr Glück; So findest du.den Weg wohl, den geraden, Hin durch die Welt und bleibst auf Gottes Pfaden. Thu' recht! Vertrau' dabei auf Gott allein, Er wird dein Führer, wird dein Helfer sein! Man gab dir einen Rath; — hab' Acht, von wem er kommt, Oft räth' der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Der Wahrheit sei dein Wort und deine That geweiht. Sei was du scheinen willst, der Schein täuscht kurze Zcit I Die Laune macht dich heiter, gesprächig oder stumm, Sie wechselt stets die Farben und weiß doch nicht warum. Was bleibst du auf halbem Wege steh'n? Nicht rückwärts, — vorwärts mußt du sch'n Sei auch im Kleinsten treu! so förderst du dein Glück; Oft gilt, was klein dir dünkt, als groß vor Gottes Blick! F, Beck. 607 Vom alten Dessauer. Wer möchte es wohl ohne Weiteres glauben, daß der Fürst Leopold von Anhalt- Dessau, der unter dem Namen „der alte Dessauer" bekannte preußische Haudegen, in seinen spateren Lebensjahren äußerst schreckhaft, ja furchtsam war! Und doch ist dem so. Die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Zeitgenossen aus des Firsten Umgebung geben uns hierüber wie überhaupt über manches bisher Unbekannte aus dem Privatleben desselben Aufschluß. So alterirte es den alten Gencralfeldmarschall ungemein, wenn sich Abends in seinem Zimmer etwas regte, plötzlich ein Hund anschlug oder Jemand im Zimmer etwas mit Geräusch fallen ließ. Auch war er nicht gern im Finstern, noch weniger in einer finsteren Stube. Wachte er Nachts auf uud vermochte nicht gleich wieder einzuschlafen, so rief er seinen Kammerdiener, mit dem er sich über die gleichgültigsten Sachen unterhielt. In späteren Lebensjahren ließ sich der Fürst sogar, wollte er aus seinem Zimmer in das andere gehen, von zwei Bedienten führen, wiewohl er ganz gut allein zu gehen vermochte. Mit dieser Furcht, die einen eigenthümlichen Widerspruch in dem Charakter dieses Mannes bildet, der in offener Feldschlacht dem Tode so oft und muthig in's Auge geblickt, harmonirte eine eigene Unruhe in seinem Wesen. Zeitig schon ging der Fürst zu Bett. Im Sommer oft gegen Abend. Aber kurz nach Mitternacht war er dann auch schon wieder auf und fuhr um 1 oder 2 Uhr Morgens aus. Er liebte Überraschungen. Bald galt sein plötzlicher Besuch einem säumigen Gutspächter, bald einem bei ihm in Mißkredit gekommenen Forstbeamten oder Mühlenpächter. Und wehe, wo er die Dinge nicht in Ordnung fand! Da regierte der Stock. Im Essen war der Fürst einfach und mäßig. Neckereien verschmähte er und nannte sie „Kinkerlitzchen". Auf einem Küchenzettel finden wir beispielshalbcr gebackene Froschkeulen und fabricirte Kalbsmilch mit Sauce mit Rothstift dick durchstrichen und mit den: genannten Aus-^-. druck bezeichnet. Champagner kam nur an hohen Festtagen oder Ehrentagen auf die fürstliche" Tafel, so am 12. August, dem Siegertagc von Höchstüdt, und dem von Malpaquet, am 12. September. Eine besondere Liebhaberei des Fürsten war, andere Personen zu foppen und zu necken. Namentlich hing er solchen, die er nicht leiden mochte, gern Spitznamen an. So nannte er z. B einen Beamten der Rcntkammer „die große Schatulle", einen seiner Forstbeamten „Noth- schwanz", einen Dessauer Geistlichen „Kapuziner". Hofmarschall von Schlegel war der „Krückstock", ein etwas verwachsenes älteres Hoffräulein die „Kräge" (Krähe). Sparsam wie im Essen war der Fürst auch bezüglich seiner Kleidung. Die ältesten Uniformröcke und das älteste Schuhwerk behagten ihm am besten. Im Dienst führte er in späteren Jahren ein dickes spanisches Rohr mit schwerem silbernen Knopf, außer Dienst nahm er mit einem frisch geschnittenen fingerdicken Haselstock vorlieb. Besonders interessant ist, was wir über des Fürsten Verhältniß zu seiner Gemahlin erfahren. Er nannte sie vertraulich „Wicschen" und „Ihr". Als der Fürst in guter Laune einmal Abends sümmliche Wandleuchte» im Schlosse hatte anzünden lassen, und Anna Liese ihm verdrossen bemerkte: es sei dies nicht wirthschaftlich, entgegnete der'Fürst: „Uebrigens sind das meine Sachen, Wüschen, darum müßt Ihr Euch gar nicht bekümmern." Mochte der Fürst noch so mit Arbeiten überhäuft sein, so lange seine Kinder jung waren, mußten sie sammt der Fürstin jeden Morgen in sein Zimmer kommen. Die an den Fürsten von Bernbnrg verheirathete Prinzessin Luise war seine Lieblingstochter. Als er die Nachricht von deren baldigem Ableben erhielt, marschirte er mit seinem Regiment sofort nach Bcrnburg. Nachdem er das Regiment vor dem Schlosse Aufstellung genommen, ging der Vater in den Schloßgarten, und während er bitterlich weinte, betete er: „Herr Gott, ich habe lange nichts von Dir erbeten, ich will Dir auch sobald nicht wiederkommen, aber laß nur meine geliebte Tochter wieder gesund werden." Wie bereits bemerkt, war Fürst Leopold im Essen sehr mäßig, aber alle Gerichte mußten in erster Linie gut zubereitet sein. War dies zuweilen — nach seiner Meinung und Laune — nicht der Fall, kam der Koch sehr übel an. Einem Koch, der sich bei tadelndem Vorhalt einmal zu verantworten unternahm, warf der Fürst zornentbrannt sein Messer nach. Glücklicherweise ^ verfehlte das Messer rwar sein Ziel, traf aber den gerade eintretenden Flcischermeister Brandt aus Dessau, so daß dieser stark blutete. Dieser Brandt, der selbstverständlich ein fürstliches Schmerzensgeld erhielt, war beim alten Dessauer xsrsona Zratissima, weil er guten Menschenverstand besaß und dreist und gottesfürchtig war. Mit Brandt theilte sich auch der Bäckermeister Riede in des Fürsten besondere Gunst. Das verleitete denselben einst zu einem ungeschickten Streich, den ihm der Fürst bitter entgelten ließ. Riede nämlich hatte vom Fürsten eine Anweisung auf einige Klafter Holz geschenkt erhalten. Als das Holz abgeladen wurde, ging der Fürst zufällig an des Bäckers Hause vorüber und bemerkte, daß das viel mehr sei, als es der Anweisung nach sein konnte. „Kerl!" schrie der Fürst, „wie viel Holz habe ich Dir angewiesen?" — „Ach, das war viel zu wenig", versetzte Riede, vertraulich lächelnd, „da habe ich noch ein Nullechen hinzugethan." Der Fürst schwieg, aber die Revanche blieb nicht aus. Eines Abends fuhr er an des Bäckers Hause vorüber, ließ anhalten und den Meister herausrufen. Dieser er- 608 schien sofort in Hcindsnrmcln, bloßen Füßen nnd Pantoffeln am Wagcnschlage. „Setze Dich mal zn mir", sagte der Fürst leutselig, „ich habe mit Dir ein Weniges zn plaudern." Natürlich konnte der geschmeichelte Meister dieser Einladung nicht widerstehen, und so ging's unter lustigen Reden die Straße hinab, zum Thore hinaus und bei immer rascherem Trabe der Rosse zwei Stunden weit über Land. Plötzlich ließ der Fürst halten. „So", sagte er, „ich danke Dir für Deine angenehme Unterhaltung, nun kannst Du wieder ausstcigcn." Verblüfft schaute der Bäcker drein, aber kein Sperren half. Er mußte in seiner fragwürdigen Bekleidung, im Regen und Dunkeln den weiten Weg langsam zurücktappcn und noch hinter sich herrufen hören: „Schalk, das ist für das zugesetzte Nüllcchen." Ein anderer gewaltsamer Scherz traf den Rath und die Bürgerschaft von Dessau bei Gelegenheit einer Bürgcrmcistcrwahl. Der Fürst wollte den Posten für einen seiner Günstlinge, einen Franzosen Namens Bonnsos, der in Dessau Postbeamter war, reservirt haben. Bonafos aber war höchst unbeliebt und das Resultat somit vorauszusehen. Trotzdem wurde er gewählt und zwar auf die folgende originelle Weise. Beim Wahlaktus übernahm der fürstliche Protektor selbst den Vorsitz und befahl den wählenden Nathsmitglicdern, ihre Stimmen versiegelt abzugeben. Hierauf nahm er, am Kaminfcner sitzend, Zettel für Zettel in Empfang, öffnete einen nach dem andern, las „Bonafos!" und immer wieder „Bonafos!" und konstatirte, nachdem er znm Schluß sämmtliche Stimmzettel verbrannt hatte, daß Bonafos „einstimmig" gewählt sei sich um die starren Gesichter der rcsidcnzstädtischen Nathsherrcn weiter nicht bekümmernd. — Und diesen sclbstherrscherischcn, eigenwilligen Regenten, der gefürchtet war, wagte die Dessauer Straßen- jngend, wenn er ohne Beute von der Jagd heimkehrte, lärmend anzufallen nnd mit dem spöttischen Geschrei: „Etsch, ctsch! er hat Nicht!" bis zum Schlosse zn verfolgen.Kindern war ^bci ihm eben Alles erlaubt. ^ Der Fürst starb bekanntlich am 9. April 1747, nachdem er zwei Tage vorher von einem Schlagfluß heimgesucht worden war. M i s c e l l e n. > (Woher d e r N a m e Sect?) Der Ursprung dieser mißbräuchlichen Bezeichnung sür den Champagner wird von Berliner Blättern auf niemand Geringern als auf den größten nnd genialsten Schauspieler, den Berlin jemals besessen, auf Meister Ludwig Devrient, zurückgeführt. Eines Abends nämlich, in den zwanziger Jahren, als er im Schauspielhause den Fallstaff in Shakespeares „König Heinrich IV.", eine seiner unerreichbaren Meister- schöpfungen, gespielt hatte, trat er, wie immer champagnerdurstig, in seine geliebte Stammkneipe bei Lntter und Wcgucr ein und fuhr, noch immer im Charakter und mit der Stimme Sir John's, den verdutzten Kellner an: „Gib mir ein Glas Scct, Schurke! Ist keine Tugend mehr auf Erden?" — Seit jener Stunde verstand man bei Lntter und Wcgner unter „Scct" nicht mehr den spanischen Wein, der diesen Namen führt (vino Lseco, trockener Wein, weil er aus halbtrockcnen Trauben bereitet wird), sondern Champagner. Bald hatte Berlin diesen Namen adoptirt. (Eine kleine Anekdote,) die der „B.-C." erzählt und dicscsmal den für Anekdoten immerhin seltsamen Vorzug haben soll, wahr zu sein ... Zu dein Direktor einer hiesigen höheren Lehranstalt kommt eine Frau „aus dem Volke" und sagt: Ich bin nämlich die Budikcrin Schulze und habe eine siebzehnjährige Tochter. Die hat nun seit einem halben Jahre ein Verhältniß mit dein Sekundaner Müller von Ihnen, und der Müller ist ein netter junger Btann, und ich würde nichts dagegen haben, wenn ^ er meine Tochter hcirathet. Aber man muß sich als Mutter doch vorsehen, und da komme ich zu Ihnen, um zu fragen: Was hat denn so ein Sekundaner bei Ihnen anf's Jahr? .... („Daß das Rauchen die Sehkraft b c eintr ächtigt",) meint der Hr. Direktor des Ghmnasinms, „habe ich eigentlich bisher noch nicht wahrnehmen können. Wenn ich Abends einmal einen Spaziergang vor das Thor unseres Städtchens mache, so sehen mich meine Herren Primaner, die sich hinter der Blauer eine milde Havanna genehmigen schon auf tausend Schritt." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Dr. Mar Huttlcr. Unteröaktung^ökatt »m „Augsburger Postzeitimg. Nr. 77. Mittwoch, 26 . September 1883. Der OprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Sedlcy entfärbte sich. „Wenn die Veröffentlichung der Vergangenheit für mich gefahrbringend ist, so ist sie es für Dich nicht minder, meine Schöne", sagte er mit unsicherer Stimme. „Doch was nützt es, in diesem Tone miteinander zu sprechen, Julie. Laß mich doch nur erst festen Fuß zu Alphingtou-Park fassen, dann wird sich das Uebrige schon finden. Wie kamst Du auf den Gedanken, daß ich Dich hintergehen wollte? —" „Kenne ich Dich nicht hinlänglich!" rief Julie, ihn noch immer scharf fixircnd aus. Wieder suchte Sedlcy ihren forschenden Augen zu entgehen. „Du redest vernünftig, Julie", sagte er besänftigend. „Früher hast Du doch selbst zugegeben, daß es von großer Wichtigkeit sei, in gutem Einvernehmen mit dem Earl zu stehen und deshalb wäre es ja thöricht von mir, sofort mit alten Bekanntschaften herauszurücken. Du warst ganz mit meinem Plane einverstanden und ebenso mit dem Vorschlage, Du möchtest einstweilen von hier fortgehen und Dich an einem fremden Orte als Wittwe niederlassen; das kannst Du doch nicht leugnen?" „Nein, das thue ich auch nicht; ich bin fest entschlossen, die Rolle, welche mir zufällt, zu spielen. Lord Alphington ist alt und kränklich, wie Du sagst, er wird nicht lange mehr leben, und dann bist Du Dein eigener Herr. Ich kann warten; es wäre von keinem Vortheile für mich, Deine Aussichten zn zerstören. Nur bedenke, wenn Du der Earl bist, will ich die Gräfin von Alphington sein. Geschieht dies nicht, so weiß ich, wie ich, handeln muß. Glaubst Du, ich besäße nicht die Fähigkeit, eine Krone mit Würde und Anstand zu tragen? Bei diesen Worten erhob sie stolz den Kopf, als ob sie schon das Gewicht derselben auf ihrer Stirne fühle. „Du besitzest hinreichend Talent und Schönheit dazu", sagte er schmeichelnd. „Ich habe Dir ein hübsches Versteck unten in Snrrey einrichten lassen. Wenn Du Dich dort eine Weile ruhig verhältst, so wird Alles gut gehen. Beim Jupiter", fuhr er bemüht, die Unterhaltuug auf ein anderes Gebiet zu bringen, fort, „Alphingtou-Park ist eine herrliche Besitzung, ich hatte keine Ahnung, wie prachtvoll es sei, bis ich mich vorigen Sonntag mit eigenen Augen davon überzeugte." Julie nickte zustimmend. „Ich weiß es, ich war selbst dort." „Du?" rief Sedlcy erstaunt aus. „Ja, ich habe so verschiedene Mittel und Wege und erfahre und sehe mehr als Du zu glauben scheinst", fuhr sie mit boshaftem Lächeln über seine verdrießliche Miene fort. „Ich ging eines Tages dorthin und da ich in der Nachbarschaft erfuhr, daß man auf dein Schlosse eine Haushälterin suche, war mir dies eine erwünschte Gelegen- 610 heit; ich bot mich für die Stelle an und habe somit nicht allein daß Aeußere, sondern auch das Innere des Hauses gebührend bewundern können." Sedley stieß einen Fluch aus. „O, Du brauchst Dich nicht zu beunruhigen. Niemand wird Julie Lemont in der grauhaarigen Matrone mit dem altmodischen braunen Kleide und enganschließendem Hute vermuthet haben. Natürlich wurde Nichts aus der Stelle; das sollte es ja auch nicht." Der junge Mann schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. „Das ist die reinste Tollheit; Du wirst noch einmal mit diesen höllischen Streichen anlaufen." „Und wenn mir ein Unglück zustoßen sollte, so wärest Du wohl sehr traurig, nicht wahr?" frug Julie spöttisch. Sedley biß sich mürrisch auf die Lippen; er begann diese Frau zu fürchten, und der Zweifel, ob er ihr doch nicht zu viel zugcmuthct, so daß sich ihre Liebe, in Folge deren er sie früher, wie er sich ausdrückte, um den Finger wickeln konnte, nun in Haß verwandelt habe, stieg in ihm auf. Und daß Julie Lemont ebenso leidenschaftlich in ihrem Hasse wie in ihrer Liebe sein könne, davon war er fest überzeugt. Er drängte sie zur Abreise, und sie, zufrieden, eine Wohnung, deren sie so herzlich müde war, verlassen zu können, packte eiligst die wenigen zerstreut umherliegenden Sachen in ihren Koffer. Der zukünftige Aufenthaltsort, den Sedley für sie gewählt, gefiel ihr. Sie hatte gewünscht in der Nähe von London zu bleiben, um immer ein wachsames Auge über ihn haben zu können. Während sie mit Packen beschäftigt war, saß er, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt da und überlegte, wie er es anfangen müsse, sie für immer los zu werden; jegliches Mittel schien ihm recht. Er stand ja im Begriffe, eine neue Laufbahn zu beginnen und da mußten die Personen, welche sein früheres Leben kannten, unbedingt bei Seite geschafft werden. Dazu kamen noch die immerwährenden Angriffe auf seinen Geldbeutel; er verwünschte das Schicksal, welches ihm diese Last aufgebürdet; aber wie er sich davon befreien könne, war ihm selbst noch nicht klar. Einstweilen beschloß er, es von Julicn's Verhalten abhängig zu machen. Für die nächste Zeit befand er sich vor ihr in Sicherheit und später, so hoffte er, werde wohl ein glücklicher Zufall das herbeiführen, was zu thun er sich einstweilen noch scheute. Solcher Art waren seine Betrachtungen, während Perkin's auf Befehl der Herrin Wein und Kuchen vor ihn hinstellte. Kurze Zeit nachher fuhren sie mit Dienerschaft und Gepäck zur Eisenbahn. Zehntes Capitel. Mrs. Dalton saß in dem hübschen Wohnzimmer zu Joy Cottagc und erwartete voller Ungeduld die Ankunft ihrer Töchter. Draußen in: Garten hatte die warme Frühlingssonne eine Menge Knospen und Blüthen in's Leben gerufen, aber trotzdem zeigte Bertha's Blumenkorb die größte Vernachlässigung; Niemand dachte daran, ihn während der Abwesenheit seiner Eigenthümerin von Neuem zu füllen. Mrs. Dalton selbst war sich auch von Tag zu Tag verlassener vorgekommen, sie fühlte sich vollständig hülflos ohne Bcrtha und beschloß deshalb ganz gemüthlich bei sich, ihre jüngste Tochter, wenn Lena nächstens verreise, zu Hanse zu behalten. Es wurde Abend und noch immer waren die beiden Reisenden nicht angekommen. Mrs. Dalton blickte wohl zum zwanzigsten Male aus ihre Uhr, dann schellte sie. „Sara, wie spät ist es auf der Küchenuhr? Ich glaube, die meinigc geht nach. Ob ihnen wohl ein Unglück zugestoßen ist?" „I bewahre nein!" erwiderte Sara. „Die jungen Damen können erst nach einer Viertelstunde hier sein." 611 „Wirklich? Ist Martha auch zeitig genug gegangen, um an der Station mit Ihnen zusammen zu treffen?" „Sie ist schon seit einer halben Stunde fort, Madame." „Dann ist es gut. Sorge, daß das Wasser am Kochen bleibt, denn sie wünschen gewiß eine Tasse Kaffee zu trinken." Noch eine kurze Zeit banger Erwartung, und dann verkündete die ungestüme, laute Freude des kleinen Hofhundes Pinsch die Ankunft der jungen Damen. Dirs. Dalton eilte zur Bcwillkommnung ihrer Töchter hinaus und überstürzte sie mit unzähligen Fragen, so daß diese kaum Zeit hatten, sich ihrer Reiseeffckten zu entledigen. Wie sie sich amüsirt? Wen sie dort gesehen? Was sie die ganze Zeit hindurch angefangen? Wie ihnen der neue Wohnsitz Sir Stcphan's gefallen? Welcher Art die Nachbarn dort seien? Ob sie auch Lord Alphington gesehen? n. s. s. „Ist das Alles, was Ihr mir zu sagen habt?" frug sie, Lena bedeutungsvoll anblickend. „Ja, Mama, Alles," erwiderte diese leicht crröthend und sich mit dem Rücken gegen das Fenster niederlassend. Mrs. Dalton blickte sichtlich enttäuscht ihre Tochter an. „Es will mir dünken, Lady Langtet) hätte doch besser für Euer Vergnügen sorgen und Jemanden einladen können, dem es der Mühe werth gewesen wäre, zu sehen," sagte sie in beleidigtem Tone. „O Madame, Lady Langlcy war die Güte selbst!" rief Bertha aus. „Du hast auch gar keine Ursache, Dich zu beklagen," entgegnete ihre Schwester. „Sir Stephan und Lady Langlcy haben Dich von jeher verwöhnt, und Lord Alphington scheint dasselbe thun zu wollen." „Lord Alphington? Ihr habt ihn also gesehen?" frug Mrs. Dalton erstaunt. „Bertha sah ihn. Er hatte weder Augen noch Ohren für meine Wenigkeit." „Die Aufmerksamkeit, welche er mir schenkte, verdankte ich allein dein Ringe," erklärte Bertha. „Er gab mir diesen," fügte sie, ihrer Mutter den Perlenring zeigend, hinzu, „weil er vermuthete, den andern von mir zurücknehmen zu müssen." „Der Ring ist ganz hübsch aber meiner Meinung nach hätte er Dir ein werth- volleres Geschenk machen dürfen." „O nein, das wäre mir durchaus nicht lieb gewesen; ich fand es im Gegentheil sehr zartfühlend von ihm, ihn mir nur als Zeichen der Erinnerung zu schenken." „Bertha wird nie ihr Glück machen, wie Du siehst," sagte Lena mit verächtlichem Lachen. „Eine Neuigkeit muß ich Dir aber noch erzählen, Mama. An demselben Tage, wo wir zu Alphington-Park frühstückten, erhielt der Earl von seinem Geschäftsführer die Nachricht, daß ein junger Mann Anspruch darauf erhebe, sein Enkel — mithin Fauconrts Sohn zu sein. Die Beweise und Papiere seien alle gültig und ausreichend. Er ist also unzweifelhaft der Erbe. Sir Stephan und Lady Langlcy haben uns dringend gebeten, sie während dieses Herbstes wieder zu besuchen, und dann werden wir auf alle Fälle diese» Mr. Fauconrt kennen lernen." Mrs. Dalton nickte mit einem Lächeln der Befriedigung, jedoch verschwand dieses bald wieder und sie sagte: „Ich hoffe, daß er noch frei ist, aber wer weiß, ob er nicht schon eine Frau hat." „Das glaube ich nicht," entgegnete Lena. „Er ist mehrere Jahre auf Reisen gewesen und zudem sprach Niemand davon, daß er schon verheirathct sei." „Es wäre gewiß zu wünschen," sagte ihre Mutter, denn eine solche günstige Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage; voraussichtlich wird er auch während dieses Sommers wenig in Gesellschaft gehen, da sie gewiß manches in Betreff der Geschäfte zu ordnen haben werden." Bertha nahm nicht Theil an dieser Unterhaltung, sondern amüsirtc sich mittler- — 612 — weile mit dem kleinen Pinsch, der sich jedes Stückchen Kuchen durch Aufrechtsitzen verdienen mußte. Den Vorschlag Sir Stephan's sie als Tochter zu adoptiren, hatte sie verschwiegen; selbst Lena wußte nichts davon. Wie sehr sie auch die Zuneigung, durch welche dieses herzliche Anerbieten hervorgerufen ward, zu schätzen mußte, so fühlte sie doch nichtsdestoweniger, daß sie es nicht annehmen dürfe und aus diesem Grunde ließ sie die Sache auf sich beruhen. Zudem wußte sie, daß die bloße Erwähnung derselben eine wahre Fluth von Vorwürfen auf sie herabziehen würde. Wenn Sir Stephan Lust hatte, die Angelegenheit von Neuem zur Sprache zu bringen, so konnte er dies ja im Herbste thun. Sie fand es rathsam, nicht darüber zu sprechen. Im Laufe des Abends erfuhr Bertha von ihrer Mutter alle Einzelheiten, wie der Ring verloren gegangen, und sie theilte ihr hingegen mit, daß Lord Alphington beschlossen habe, die Polizei davon in Kenntniß zu setzen, um Nachforschungen anzustellen. „Dann muß das ganze Hans umgekeht werden, denn ich glaube fest, er ist in eine Spalte gefallen. Mich trifft kein Tadel, Du hättest ihn in ein besseres Etui thun sollen, so wäre es nicht vorgekommen, das mußt Du doch zugeben, Bertha." Diese antwortete nichts. Was konnte jetzt alles Reden helfen, da der Ring ja doch verloren war. Der Samstag gehörte noch zu Bertha's Ferienzeit. Nach dem Mittagessen befand sie sich mit ihrer Mutter und Lena in dem geräumigen Wohnzimmer, von wo aus man den Garten sowie den Fußpfad, welcher zum Hanse hinführte, übersehen konnte. Lena hatte ihrer Gewohnheit gemäß auf einem niedrigen Sessel, mit dein Rücken gegen das Fenster gekehrt, Platz genommen, da sie fürchtete, zu viel Licht erzeuge Sommersprossen. Bertha saß mit einem Buche in der Hand da und Mrs. Dalton, wie gewöhnlich an ihrem Arbeitstischchen. Es wurde heftig am Thore geschellt; neugierig blickte Lena hinaus und sah einen jungen Btann langsam über den Pfad dem Hause zuschreiten; Sara eilte ihm, eine Karte in der Hand haltend, voraus. Lena berührte Bertha's Arm und sagte: „Bertha, bitte, sieh einmal!" Vorsichtig, um nicht selbst erblickt zu werden, schaute diese hinaus; dann begegneten ihre Augen denen der Schwester; sie hatten beide den Besucher erkannt. Zu gleicher Zeit trat Sara in's Zimmer und überreichte Lena die Karte. „Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß." Lena nahm die Karte; auf derselben befand sich ein Wappen, welches ihr in letzter Zeit sehr vertraut geworden war und der Name: „Mr. Fancourt." „Wie seltsam", rief sie, diese ihrer Mutter hinreichend, aus. Sara, sagtest Du, der Besuch gelte mir?" „Ja, Miß, er frug nach Miß Dalton, welche er in einer kleinen geschäftlichen Angelegenheit zu sprechen wünsche." „O, jetzt weiß ich es", sagte Bertha, „es wird wegen des Ringes sein." Mrs. Dalton befahl in etwas erregtem Tone: „Führe ihn hier herein, Sara." Obschon ein wenig enttäuscht bei Erwähnung des Ringes, schmeichelte ihr doch der Besuch Mr. Faucourts, in welchem sie den künftigen Carl von Alphington erblickte, in hohem Grade und als Sedley, der schon den Namen Faucourt angenommen hatte, eintrat, erwiderte sie seinen Gruß mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln. „Wie ich höre, haben Sie nach meiner Tochter gefragt, hier sind sie beide — Miß Lena Dalton, Miß Bertha Dalton. Bitte nehmen Sie Platz." (Fortsetzung folgt.) 613 — tzSW v'-LÄ»' ML W ^ ^' v ^ -l'' '^A-- , ^ i » 6 ^ ^MPP ',! ! -m- - !- ' zl ri ^^ , .'.? -ß/ A li! : ^ '-'- ^ s,' ijtA' ' l '-'- - k ! - .' UA,i X-L' ' ^ L i-?i W« XA-M Das Niederwald-Denkmal. Die Enthnllungsfeierlichkeiten des Niederwald-Denkmals finden bekanntlich am 27. und 28. September statt. Es wird unsere Leser intcressiren, des Näheren über dieses Monument zu hören. Wo sich der Rüdesheimer Berg erhebt und weit hinausschant in's Land, des Rhemstromes Wogcngebrans belauschend, dort erhebt sich das Germania-Denkmal. Von hohem, waldnmrauschtein Hügel, an dessen Fuße die Traube reift, schaut jetzt die Germania nach jenen segensreichen Gefilden des Rhein- und Nahethales, zu deren Erhaltung in 614 dem Jahre 1870 Deutschlands Söhne nach der Grenze eilten. Dort steht das Denkmal, wie die Inschrift auf der Vorderseite sagt: „Zum Andenken an die cinmnthige siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und an die Wiederanfrichtnng des deutschen Reiches 1870—71." Betrachten wir die Hauptdarstellungcn des Monuments und beginnen wir mit dem Postamente. Links steht der Genius des Krieges mit Schwert und Panzer und läßt durch die hocherhobene Tuba den Kriegsruf erschallen. Daran schließt sich das Nclicfbild der Mitte, die gesammte Wehrkraft des deutschen Reiches verkörpernd, geschaart um seinen königlichen Feldherrn, bereit, Gut und Blut auf dem Altare des Vaterlandes zu opfern. Rechts steht die Gestalt des Friedens mit dem Füllhorne und dem Palmzweige, so dem Gedanken Ausdruck gebend, daß es dem einmüthigcn Zusammengehen aller deutschen Fürsten und Völker gelungen, die Schrecken des Krieges oom Vatcrlande abzuwehren. Die oberen Seitenflächen des Monumentes, mit einem Lorbeer-, einem Eichen-, einem Fichten- und einem Lindenkranze geschmückt, cnthaltenaußer der eingangs erwähnten Inschrift die Namen der großen Siege und ringsum die Wappen der deutschen Staaten, überragt bon dem eisernen Kreuze und dem Reichsadler, welcher seine Flügel schirmend darüber ausbreitet. Am Fuße des breiten Sockels zeigt sich auf vorspringendem, niedrigem Postamente die sinnig komponirtc Gruppe von Rhein und Mosel. Der alte Vater Rhein überreicht der jugendlich schönen Mosel das so treu bewahrte und bewährte Wachthorn, die erweiterten Grenzmarken unseres Vaterlandes ihrem Schutze und ihrer Wachsamkeit empfehlend. Das ganze krönt das Standbild der Germania. Das Antlitz der Germania, nicht zu jugendlich, sondern dem einer reifen Franenschönhcit entsprechend, umwallt von reichem, welligen Haar, das über den Nacken fluthet, ist, wie es da so frohgemnth und gleichsam von innerer Bewegung durchglüht in der Ferne weithin über den Strom der Ströme schaut, von hinreißender Schönheit. Von dein Kopf schweift der Blick auf die übrige Gestalt. Die kräftige Brust deckt ein Brustpanzcr, auf dem der deutsche Reichsadler slachrelicf erscheint. Unterhalb des Panzers und an den entblößten Armen wird ein Kettenhemd sichtbar. Um die Schultern ist ein schwerer, vorn durch eine Agraffe zusammengehaltener Mantel geschlungen, welcher nach hinten und mehr zur Linken der Gestalt hcrabwallt und sich theilweise über den Sessel legt, rechts hingegen in Höhe der Hüften durch den mit Löwenköpfen besetzten Schwcrtgürtel aufgenommen ist und sich vorn mit dem einen Zipfel um Taille und Leib legt. Unterhalb dieser Draperic wird das zu den Füßen in breiten Falten wuchtig herab fließ ende Untergewand sichtbar. Der Mantel ist mit einer breiten Bordüre umgeben, welche durch eine Borte von kastenförmig gefaßten, zu Rosetten und Sternen vereinigten Edelsteinen nach dein äußeren Rande hin abgeschlossen wird. Das Untergewand ist mit aufsteigenden Rankcn- wcrk aus gewebeartig ziselirtem Grunde prächtig gemustert. Behufs Ausführung dieser Musterung machte Schilling, der Meister des Denkmales, vorzugsweise Studien an dem herrlichen Grabmale Kaiser Maximilians in der Hofkirchc zu Innsbruck. Es war für den Meister eine Niescnaufgabe, das gesammte Werk mit solcher Genauigkeit durchzuarbeiten und ist geradezu erstaunlich, daß dies in der kurzen Zeit von acht Jahren gelungen ist. Die Germania ist allein zehn Nieter hoch und mußte das Gußmodell derselben in fünf oder sechs Stück aufgebaut werden. In Summa wog es etwa 700 Zentner. Die riesigen Gipsmassen zu bewältigen, war ein schweres Stück Arbeit und lösten sich oft einzelne Theile los und fielen herab. So stürzte die mehrere Zentner schwere linke Hand, welche den Griff des achteinhalb Meter hohen Schwertes umfaßt, als sie noch ohne diese Unterstützung war, aus jener bedeutenden Höhe nieder, schlug den Boden des Gerüstes durch und grub sich tief in die Erde ein. Mit unermüdlicher Geduld wurde auch geändert und oft das Werk monatlanger Arbeit wieder zu Gunsten einer besseren Anordnung verworfen. Besondere Blühe verursachte die Bildung der rechten Hand, welche die Krone umfaßt; da aber der Meister unermüdlich und von peinlichster Gewissenhaftigkeit beseelt war, wurden alle Schwierigkeiten überwunden. 615 Erwähnt sei noch, daß die Kolossalfignr der Germania in der Gießerei des Hrn. v. Miller in München gegossen wurde; die vier Kränze, die Wappen, die Schrift, der Adler das eiserne Krenz und zwei Seitenstücke des Reliefs in Lanchhammer; Krieg und Friede bei Professor Lenz in Nürnberg und Rhein und Mosel nebst drei weiteren Reliefs bei Hrn. Bierling in Dresden. Am 16. September 1877 fand die Grundsteinlegung zum Denkmal statt. Kaiser Wilhelm vollzog damals den Weiheakt mit den üblichen drei Hammcrschlägen, indem er sprach: „Mit denselben Worten, mit denen mein hochseligcr Vater das Denkmal aus dem Krcnzbcrge bei Berlin weihte, weihe ich auch dieses Denkmal: den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachciferung!" M i s e e l l e n. (Den hundertsten Geburtstag eines Gedichtes) feierte kürzlich die deutsche Literatur. Am 7. September 1783 übernachtete Goethe in einem einsamen Bretter- häuschcn auf dein Gickelhahn, dem höchsten Berggipfel des anmnthreichen Jlmenancr Forstes, mitten im Rauschen der Tannenwälder, in denen so oft die lustigen Fanfaren der fürstlichen Jägergesellschaft erklungen waren. An die Innenwand der kleinen Hütte, die im Jahre 1870 leider ein Raub der Flammen geworden ist, schrieb der „Wanderer", wie er sich gern zu nennen pflegte, jene innigen Verse, die sein Lebensfrennd Zelter „auf den Fittichen der Musik so lieblich beruhigend in alle Welt getragen hat." Ueber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest Dn Kaum einen Hauch; Die Vögelcin schweigen im Walde. Warte nur, baldc Ruhest Dn auch. Am Vorabend seines dreinndachtzigstcn, letzten Geburtstages sagte der Dichter zu Friedrich Förster: „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit angeregt haben darin Grund und Boden." ... In diesen einfachen schmucklosen Versen, die zu dem Schönsten gehören, das je einen: übervollen Dichterherzen entsprungen ist, empfinden wir die Wahrheit von Gocthe's Aeußerung: die acht Zeilen fassen einen in tiefster Seele voll erlebten sehnsüchtigen Moment in einem künstlerisch vollendeten lyrischen Ausruf zusammen. Die Inschrift, die Goethe selbst wiederholt „rekognoszirte", so im Jahre 1813, und dann später ein HalbesJahr vor seinem Tode, Ende August 1831, ist inzwischen mit dem Häuschen verschwunden. Bei seinen Lebzeiten haben seine Freunde Knebel und Herder diese kopirt, und wie werth die Strophe ihn: selbst war, erhellt daraus, daß er bei seinem letzten Besuch die Blcistiftzüge derselben von dem Oberforstmcister v. Fritsch noch einmal kräftiger nachziehen ließ. Dann setzte er darunter: llsir. (ovatuu:) den 29. August 1831. Rührend ist die Schilderung dieser Wanderung, die Gocthe's Begleiter, der Berginspcktor Mahr von derselben hinterlassen hat: „Goethe überlas diese wenigen Verse", heißt es da, „und Thränen flössen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Augen und sprach in sanftem, wehmüthigen: Tone: „Ja warte nur, bald ruhest Du auch" . . . Unser profanes Seitcnftück zu Paul Gerhard's „Nun rnhcu alle Wälder" wie Friedrich Bischer bemerkt läßt übrigcus den echten Ton des Volksliedes in seiner einfachen Weise erklingen. In Kinderlicdern, die Simrock und Hoffmanu von Fallers- leben in den verschiedensten Gegenden Deutschlands nach mündlicher Ueberlieferung aufzeichneten, finden sich ganz merkwürdige Aehnlichkeiten in Stimmung und Versbau. Interessant ist auch, daß der alte griechische Elegiker Alkman ans Sardes (lebte im 7. Jahrhundert v. Chr.) ein ganz ähnliches, nur weniger jnbjektiv gewendetes Liedchen 616 hinterlassen hat. Anch die literaturgeschichtliche Fälschung hat sich an diesem vielbesprochenen lyrischen Juwel versucht. In einem Hefte „Ilmenau und seine Umgebung," dessen zweite Auflage vor Kurzem erschien, befindet sich eine phothographisch-facsimilirte Nachbildung von Goethes Inschrift (I) Dieselbe war aber bereits im Jahre 1847, wie Herr v. Löper, der gelehrte feinsinnige Goethe-Kenner, berichtet, fast unleserlich. Außerdem war die Photographie einer vom Lichte nicht beschienenen inneren Wand damals gewiß nicht möglich; ganz abgesehen davon, daß, wie neulich in der Kölnischen Zeitung (Düntzer?) darauf aufmerksam gemacht wurde, die Verse ganz anders abgetheilt waren, als sie auf diesem Photographischen Falsum zu sehen sind. Dieses sogenannte Facsimile ist, wie auch die Züge der Handschrift zeigen, ein untergeschobenes Machwerk. „Wandrers Nachtlied" wird, auch ohne daß wir die Urschrift desselben besitzen, leben, so lange Goethes Name in der Literatur genannt wird." („Ohne mich.") Professor Wollhuber schläft über der Lektüre eines interessanten wissenschaftlichen Werkes, das er Abends im Bett mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu studiren pflegt, ein, während das Licht auf dem Nachttischchen fortbrennt. Es ist nämlich sein eigenes neuestes Buch, das er zu benutzen pflegt, um sich einzuschläfern. In Folge einer unglücklichen Bewegung des Schlafenden fängt aber die Ripsgardine des Himmelbetts Feuer und beginnt unter fürchterlichem Qualm zu verkohlen. Der Professor erwacht, springt empor und löscht den Brand durch Uebergießen mit dem Inhalt der Wasserflasche. Dann lüftet er und legt sich mit dem selbstzufriedenen Ausruf wieder zu Bette: „Da sieht man, was Geistesgegenwart und Gewandtheit bedeutet, ohne mich wäre ich jetzt erstickt!" (Ein humoristischer Schriftsteller), der hauptsächlich zu seinem eigenen Amüsement schreibt, besuchte kürzlich das Concert eines ihm befreundeten Musikers, dem nicht entgehen konnte, daß der Litcrat zu verschiedenen Malen zu kichern begann und die Stimmung gefährdete. Nach dein Konzert stellte der Musiker den Humoristen zur Rede: „Es ist wahrlich nicht schön von Dir," schloß er, „daß Du Dir mein Konzert aussuchst, um Deiner Heiterkeit freien Lauf zu lassen: Habe ich etwa jemals über Deine Schriften gelacht?" . . . Und der Humorist schlich beschämt von danuen. (Eine vergnügte Ehrenjungfrau.) Als vor nicht allzu langer Zeit auf der Balkanhalbinsel ein neuer Monarch gekrönt wurde, fragte der Haupteserhöhte leutselig eine der Ehrenjungfrauen, wie ihr denn die Krönungsfeicrlichkeiten gefielen. „Oh, Königliche Hoheit", war die Antwort der unbedachten Siebzehnjährigen, „ich amüsire mich königlich. Ich wünschte, es wäre bald wieder Krönung!" Scheidender Sommer. Der Frühling kam, es blühte der Hain Und die lustigen Vogel sangen, Und es stimmten die Herzen jubelnd ein, Und der Frühling ist weiter gegangen. Und'der Sommer kam mit seiner Pracht: Das war ein Wallen und Wogen Von goldenen Achren — doch über Nacht Ist der Sommer davon geflogen. Dann kommt der Winter mit Schnee und Eis, Der grämliche, kalte Geselle; Er nistet sich ein mit vielem Fleiß, Als wollt' er nicht von der Stelle. Das ist das Leben in raschem Gang, Das flüchtige Erdcnwallen; Der Frühling ist kurz und der Winter lang, Und — das Ende will keinem gefallen! Und der Herbst mag Frucht in Scheunen und Faß Uns mild zusammentbürmen, Er plündert den Wald in argem Spaß Und scheidet in wilden Stürmen. -Der Winter vergeht mit Schnee und Eis, Das Leben mit Thränen und Sünden, Und Lenz, den Keiner zu malen weiß, Erblühet in seligen Gründen!" Getrost, nur getrost in Sterben und Leid! Wir hören es lieblich erklingen: „Du selige, fröhliche Weihnachtszeit Kamst, göttlichen Frühling zu bringen. L. v. Hcemstedc. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. 5 Nr. 78. 1883. »m „Äugslinrger Pojheitimg." Samstag, 29. September Der GprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Nun war die Reihe des Erstaunens an Mrs. Faucourt, denn als Lena sich erhob und ihr Gesicht dem Lichte zuwandte, erkannte er in ihr sofort das schöne Mädchen, welches er durch seine plötzliche Erscheinung im Parke von Alphington so sehr erschreckt hatte. Ihr Antlitz, obschon er es nur zufällig und flüchtig gesehen, war seitdem nicht mehr aus seinen Gedanken gewichen und er betrachtete diese zweite Begegnung als ein glückliches Omen. Mit seinem Anzüge und Benehmen war eine bedeutende Veränderung vor sich gegangen, ob zum Besseren, schien sehr zweifelhaft. Die Kleider waren freilich aus dem feinsten Stoffe, Haare und Schnurrbart hatte die geschickte Hand eines Haarkünstlers zurechtgestutzt und die rothe Farbe derselben gedämpft; aber das helle Halstuch, die Korallcnknöpfe, die Blume im Knopfloch, das Angehänge der Uhrkette, die citronenfarbigcn Handschuhe, alles harmonirte nicht zusammen und war äußerst geschmacklos; sein ungeschicktes prahlerisches Wesen sowie die vergebliche Mühe, welche er sich gab, in seiner neuen Stellung behaglich zu scheinen, machten ihn geradezu widerwärtig, Er warf Lena, während er sich niedersetzte, einen frechen, bewundernden Blick zu. welcher auf Bertha's Wangen eine glühende Röche hervorrief. Lena fühlte sich nicht dadurch verletzt, sondern sank in ihren Sessel zurück; jedoch wandte sie diesmal ihr Gesicht ein wenig mehr dem Licht zu. Lena's Schönheit war weder majestätisch noch unnahbar. Wenn sie den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Arme verschlungen da saß, glaubte man ein Bild der Sanftmut!) und feinen Grazie zu erblicken, sogar ihre Ruhe und scheinbare Gleichgültigkeit hatten etwas Anziehendes. „Ich nahm mir die Freiheit, sie zu besuchen, um mich nach einem Ringe, welcher auf seltsame Weise verloren gegangen ist, zu erkundigen", begann Faucourt. „Es wurde mir gesagt, er sei von Miß Dalton gefunden worden." Er wandte sich an Lena; doch diese entgegnete ihm: „Meine Schwester fand ihn." „O, bitte sehr um Entschuldigung! Ja, ich glaube Miß B. Dalton stand auf der Karte. Würde es Ihnen unangenehm sein, mir die Person, an deren Finger Sie den Ring sahen, näher zu schildern?" fuhr er gegen Bertha gewendet fort. „Durchaus nicht", erwiderte diese und wiederholte die Beschreibung ihres vis-ä-vis im Omnibus. „Ah, genau so, es ist wie ich vermuthete", sagte er, nachdem sie geendet. „Ich kenne den Mann. Er war früher ein — so eine Art Bedienter bei mir", setzte er stotternd hinzu. „Er hat den Ring gestohlen." „Dasselbe dachte auch Lord Alphington", bestätigte Bertha. »Sind Sie mit Lord Alphington bekannt!" rief Faucourt erstaunt aus. 613 „Meine Töchter hatten das Vergnügen, ihn während ihres Besuches bei Sir Stephan Langley kennen zu lernen", schaltete Mrs. Dalton ein. Bertha hatte sich, nachdem sie die gewünschte Auskunft gegeben, in einige Entfernung zurückgezogen; sie wollte nicht mehr sagen, als unbedingt nothwendig war, da dieser Mensch ihr einen großen Abscheu einflößte. „Ich freue mich, Ihnen gratuliren zu können, Mr. Faucourt", fuhr Mrs. Dalton fort. „Lord Alphington hat meinen Töchtern mitgetheilt, daß er seinen Enkel und Erben ausfindig gemacht habe." „Ich sah den Carl noch nicht, hörte aber viel von ihm reden." „Wenn ich recht verstanden habe, so beabsichtigte er, heute zur Stadt zu fahren", bemerkte Lena, an der Unterhaltung theilnehmend. „Das war ursprünglich seine Absicht, ich erhielt jedoch heute Morgen ein Telegramm, worin mir mitgetheilt wurde, daß unsere Zusammenkunft bis nächsten Montag aufgeschoben werden müsse", erklärte Fancourt, indem er näher auf Lena, welche er fortwährend anstarrte, zurückte. „Seine Lordschaft hatte gestern einen kleinen Anfall von Podagra." Lena begegnete seinem Blick nicht, doch wandte sie den Kopf ein wenig mehr zur Seite, damit ihr hübsches Profil zur Geltung komme. - „Es thut mir leid, Sie berauben zu müssen", wandte er sich von Neuem an Bertha, da er doch wohl fühlte, daß es einer Entschuldigung bedürfe, wenn er seinem Besuch noch in die Länge ziehe. „Aber ich fürchte, ich muß Einspruch auf den Ring erheben. Sollten Sie vielleicht vorziehen, ihn den Händen Dirs. Thomson's anzuvertrauen, so gilt mir das gleich." „Wenn es in meiner Macht stände, so würde ich das recht gerne thun", erwiderte Bertha, aber leider ist der Ring, während meine Schwester und ich auf dem Lande waren, von Neuem verloren gegangen oder vielmehr gestohlen worden." Ein Fluch schwebte auf Fauconrts Lippen, als er vernahm, daß der Ring von Neuem fort sei, aber er besann sich bei Zeiten. Die Anstrengung, welche es ihn kostete, seine gewöhnliche Redeweise zu unterdrücken, um dadurch bei seinen Zuhörerinnen keinen Anstoß zu erregen, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes und ging nicht unbemerkt vorüber. „Eine Dame war vorigen Mittwoch hier?" frug er mit geröthetem Antlitz. „War sie groß, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen?" setzte er nnbcdachtsam hinzu. „Ja, sie war groß und besaß einen dunklen Teint; sie trug eine Wittwenspitze und eine blaue Brille, so daß ich die Farbe des Haares und der Augen nicht unterscheiden konnte. Eine recht gebildete, vornehme Dame", sagte Mrs. Dalton. „Zum Henker", murmelte Faucourt zwischen den Zähnen. Nachdem ihm dieser Ausruf entschlüpft, fuhr er in seiner Verlegenheit mit den Fingern durch's Haar. Bertha beobachtete ihn aufmerksam. „Glaubten Sie die betreffende Person zu kennen?" frug sie. Er schrack zusammen und erröthete von Neuem. „Ich? O, nein! Ich rieth nur auf's Geradewohl." „Wie kannst Du solchen Unsinn sprechen, meine Liebe!" redete Mrs. Dalton Bertha im vorwurfsvollen Tone an. „Es ist thöricht von Dir anzunehmen, Dir. Faucourt kenne die Person, noch ehe ich sie ihm beschrieben." „Also der Ring ist wieder verloren? Wie ärgerlich!" bemerkte Mr. Faucourt. Dabei betrachtete er die Spitzen seiner Handschuhe, als ob ihn die Lust anwandle, daran herum zu beißen. „Lord Alphington hat der Polizei davon Anzeige gemacht nnd befohlen, daß Recherchen angestellt werden", sagte Bertha, den jungen Mann scharf anblickend, ohne sich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, warum sie dies eigentlich thue. Er suchte ihren Blicken auszuweichen, und die Hand, welche den Hut hielt, bebte sichtlich. Rasch erhob er sich von seinem Stuhle: „Nun, ich muß gestehen, es ist eine verflucht verdrießliche Geschichte für alle dabei Betheiligten. Ich bin am Wenigsten zu bedauern» da mir dadurch die Gelegenheit wurde, Ihre Bekanntschaft zu machen", fügte er mit einer Verbeugung gegen die ältere Dame und einem bedeutsamen Blicke auf Lena, welche sich ebenfalls erhoben hatte, hinzu. „Darf ich hoffen, daß Sie mir, als dem Enkel Lord Alphington's erlauben, meinen Besuch zu wiederholen?" „Wir werden jederzeit glücklich sein, Sie hier zu sehen", erwiderte Mrs. Dalton. Mr. Faucourt verabschiedete sich mit vielem Danke. „Seltsam!" rief Lena aus, als sich die Thüre hinter ihm geschlossen. „Wie wenig haben wir geahnt, wer er sei, als wir ihn im Parke von Alphington begegneten? Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Du auch, Bertha?" „Ja", war die trockene Antwort. „Erinnerst Du Dich, Du hieltest ihn damals für einen Wilddieb." „Er war so nachlässig gekleidet, und sein plötzliches Erscheinen erschreckte mich, so daß ich wirklich nicht wußte, was ich davon denken sollte." „Daß er hierher kam, um sich wegen des Ringes zu erkundigen, war ein glücklicher Zufall. Ich möchte es fast eine Fügung von Oben nennen", sagte Mrs. Dalton. „Schon jetzt merkt man ihm an, wie sehr Lena ihm gefällt." „Ich mag ihn nicht", bekannte Bertha; „Er ist kein gebildeter Mensch und offen gestanden, traue ich ihm nicht." „Du ärgerst mich wirklich, Bertha, mit Deinen albernen Ideen", entgegnete ihre Mutter. „Er ist ein recht hübscher junger Mann und wird es noch mehr sein, wenn er'all' diese Aufregungen überstanden und in Ruhe ist. Und dann bitte ich Dich, was könnte denn da Verkehrtes sein, da der Rechsanwalt erklärt, daß Alles in Ordnung sei und Lord Alphington im Begriffe steht, ihn als Enkel anzuerkennen." „Bertha ist eifersüchtig", ergänzte Lena lachend. „Gestehe es nur ein, Schwesterchen! Es behagt Dir nicht, daß ich Gräfin von Alphington werden soll. Du albernes Ding, meinst Du ich würde mir diese herrliche Gelegenheit entschlüpfen lassen?" „O, Lena, sei auf Deiner Hut", warnte Bertha. „Es ist mir nicht möglich, zu denken, daß der Mensch, welcher uns soeben verlassen hat, ein angenehmer Gefährte durch's Leben sein könne, und wenn er zwanzigmal der Sohn eines Grafen ist." „Wo Du nur all' diese einfältigen Gedanken her hast", brummte Mrs.-Dalton. „Von mir sicher nicht, — vermuthlich von Deinem armen Vater. Es wäre geradezu undankbar gegen die Vorsehung, sein Glück so muthwillig zu verscherzen. Lena hat Gott sei Dank mehr gesunden Menschenverstand. Du wirst Dich Dein ganzes Leben hindurch abarbeiten und plagen müssen, es sei denn, daß unsere theure Lena, wenn sie sich einmal in der Stellung für die sie geboren scheint, befindet, uns nicht darben läßt, sondern hinreichend mit dem Nothwendigsten unterstützt." Das entworfme Bild war rührend und Mrs. Dalton fuhr pflichtschuldigst mit dem Taschentuche über die Augen. „Um Ein's muß ich aber bitten, Bertha," fuhr sie nach einigen Augenblicken fort; mache uns bei dem nächsten Besuche Mr. Faucourt's nur keine Schande, indem Du davon sprichst, daß Du Unterricht ertheilen mußt."' „Bertha wäre dazu fähig", sagte Leng ärgerlich, „denn ich weiß, daß Sie es Sir Stephan Langley ausführlich erzählt hat." Solche Aeußerungen waren im Stande, Bertha's rebellischen Geist wachzurufen, doch bezwäng sie sich und erwiderte nur: „Mir liegt die Versuchung nicht nahe mit Mr. Faucort zu sprechen, da er mir voll« ständig widerwärtig ist.". Der Entgegnung wurde durch die Ankunft eines neuen Besuches vorgebeugt. (Fortsetzung folgt.) 620 Auf dem hohen Schachern Ein Plätzchen weis; ich so traulich, Wie keines so wnndcrreich! Wie ist's für die Seel' so erbaulich, Und herzerhebend zugleich! Den ewigen Herrn zu loben Ermähnt es die Seele mit Macht; Das Herz erquicket dort oben Der Thäler und Berge Pracht. Und Lippen und Herz und Seele, Sie beten zusammen Ein Wort: Daß nie der Segen dir fehle, Denn gern ist inein König dort! * Ja, ein trauliches Plätzchen mit allen Reizen der Natur ausgestattet, ein Plätzchen, so herzerfrischend und herzerhebend wie wenige mehr, ist der hohe Schachen bei Partenkirchen. Früher nur geübteren Bergsteigern bekannt, hat ihn des Königs hoher, idealer Sinn für alles Natnrschöne auch den zu beschwerlichen Touren weniger fähigen und geneigten Freunden der Alpenwelt aufgeschlossen und zugänglich gemacht. Welch einen Dank sich hiedurch der edle königliche Schirmherr unserer Berge verdient hat, das wissen Diejenigen zu beurtheilen, welche bereits auf dem hohen Schachen gestanden sind und sich das prächtige Panorama beschaut haben, welches sich dort dem Auge erschließt. Es ist ein prächtiger Sommerabend. Wir haben soeben dein aus einer Anhöhe gelegenen lieblichen Kirchlein des heil. Antonius zu Partenkirchen einen Besuch abgestattet und hierauf an einem schattigen Punkte in der Nähe des Kirchleins Platz genommen. So unvergleichlich schön liegt das Partnach- und Loisachthal zu unseren Füßen. Eine feierliche Abendstille ist darüber ausgebreitet. Nur wenige Bewohner des Thales sind noch auf ihren Feldern beschäftigt, die meisten sind zu Hans und Herd heimgeeilt. In der rechten Friedensstimmung erhebt sich unser Auge und entzückt beschaut es die glänzenden Felswände des Wettersteingebirges im Süden mit den weißen Gipfeln der Zugspitze im Südwesten. Bereits hat Schnee die Gipfel der Berge bedeckt und darauf wirft die Abendsonne ihre Strahlen und überzieht wie mit Gold und Silber die Felswände des Gebirgsstockes. Auch der breite Rücken des Kramcr's im Vordergründe des prächtigen Bildes erglänzt wie in magischem Lichte. — Es ist ein schönes Stück der Erde, das unser Auge beschaut, nicht von der Phantasie des Schreibers geformt oder aus der Märchenwelt von „Tausend und Einer Nacht" entnommen, — es ist ein Bild der Wirklichkeit, es ist Wahrheit, und doch liegt wiederum so viel Poesie darin! Vor den weißen, schroffen Wänden des Wettersteingebirges und zu Füßen der mächtigen Dreithorspitzc liegt majestätisch der lange, grüne Bergrücken des Schachen mit dem Königshause vor unseren Augen. Dorthin geht morgen das Ziel unserer Wanderschaft. Die Herrlichkeiten, die uns Freundesmund so prächtig geschildert, sollen wir mit eigenen Augen sehen. So oft hört nran noch von der „guten alten Zeit" reden. Ich weiß nicht, ob Alles zu rühmen und zu preisen ist, was die gute alle Zeit hatte, jedenfalls war sie liederreicher als die heutige. Und ein solches Stück aus der liederreichen alten Zeit hat noch Partenkirchen gerettet: einen singenden Nachtwächter! In früher Morgenstunde hat er uns aus heißen Träumen geweckt, und daß der erste Gedanke beim Erwachen die „Schachenpartie" betraf, ist natürlich. Es war ein herrrlicher Morgen und die Beleuchtung der Berge mit ihren schneeigen Häuptern fast noch wundervoller als am Abende vorher. Nicht lange stand es an und wir waren reisefertig. Der Nncksack war gefüllt, Schinken, Brod und Wein bildeten seine Hanptbelastung; auch der den Bergsteigern so empfehlenswerthe Cognac ward nicht vergessen. > 621 Fröhlich ging's durch die thaufeuchten Wiesen an der Partnach hin, dem tiefen Thalcinschnitte Zu, durch welchen dieses Flüßchcn mehrere Stunden weit in sanftem Gefalle daherkommt. In einer Stunde näherten wir uns der berühmten Partnach- klamm. Schon oft haben wir sie gesehen, heute entdeckten wir wieder neue Reize. Entzückt schauten wir aus der Tiefe des Thales zn den Felswänden empor, durch die sich die Partnach wie ein dünner Wasserfaden durchschlängelt. Denn es hatte wenige Tage zuvor heftig geregnet und so war der Wasserfall, der vom rechten Felsgehänge in die Klamm hereinstürzt, heute stärker wie je zuvor und unvergleichlich schön spiegelten sich die ersten Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens. Du hättest sie sehen sollen, wie die Millionen Wassertropfen — in der Höhe noch glänzende Perlen, in der Tiefe nur mehr feiner Staub — in den sieben Farben glitzerten, ein Bild so prächtig und bezaubernd, wie es eben nur die Natur malen kann. Wir stiegen sodann hinauf zur „Tcnfelsbrücke"; ein großer Stein von starker Hand weit hergcschlcppt, ward 240 Fuß hinab in die Tiefe der Klamm geschleudert, und wie ein Kanonenschuß dröhnten zur Feier des Tages die Felsen in wunderbarem Echo. Nun ging's hinauf zum lieblichen Forsthanse „Graseck", das auf grünem Nasen zanbervoll sich erhebt und verdientermaßen sich des fleißigen Zuspruches fast aller Besucher des Loisachthalcs erfreut. Nicht nur ist es die freundliche Bcwirthung mit guten Speisen und frischem Tränke, nicht nur sind es die herrlichen Geweihe von Hochwild, die uns veranlassen, das Forsthaus zu besuchen, es ist die frische, reine Berglnft, es ist die entzückende Aussicht auf die Berge und besonders den hohen Schachen, was uns dieses Stücklcin Erde so lieb macht, was Grasest solche Reize verleiht. Hier im Forsthause hat Herr Hofphotograp.h Johannes von Partenkirchen eine Station zur electro-photographischen Aufnahme von lebendein Wild (hier zunächst Rehen und Hirschen) eingerichtet. So oft sich Wild am Abhänge des Berges zeigt, kostet es nur einen leichten Druck auf ein Porzellanzäpfchen, daß sich der Apparat in Bewegung setzt und in einem Augenblicke sich öffnet und schließt. So sind in einem Momente, die Thiere photo- graphisch aufgenommen, ohne daß sie nur eine leise Ahnung hatten von den Borgängen wenige Schritte zu ihren Füßen. Bereits besitzen wir prächtige Gruppenbilder von Hirschen, von Schmalthieren, welche im Schnee Aesung suchen u. s. w. Nächstdcm gedenkt Herr Johannes auf dein 6421 Fuß hohen Krottenkopfe einen ähnlichen Apparat zur Aufnahme des Gemswildes aufstellen zn lassen. Die Bedeutung dieser Erfinduna — besonders für die Malerei — läßt sich nicht verkennen. Es hat sich jetzt schon herausgestellt, daß die Thiere, wie sie lebend aufgenommen wurden, sich in mancher Beziehung von denen unterscheiden, welche bisher die Künstler nach deren Leichen, nach der Statur d. i. nach zahmen Exemplaren u. s. f. gezeichnet haben. Doch es ist an der Zeit von Grasest und seinen Sehenswürdigkeiten zu scheiden. Der Weg führt nun ziemlich steil hinunter zur grünen Partnach und an dieser etwa dreiviertel Stunden entlang durch schattigen Wald. Zur linken Hand grüßen von steiler Höhe herab die Gehöfte von Mitter- und Hiutergrascck. Wir kommen zu den sogen, „steilen Fällen." Das sind kleine Wasserfällc, die sich terrassenförmig von schwindelnder Höhe herab in die Tiefe des Waldes stürzen, ein prächtiger Anblick in den Morgenstunden, nur darf man sich die Mühe nicht gereuen lassen, eine Strecke den beschwerlichen Pfad am tosenden Gicßbache hinanznklettern, da beim Uebergange über denselben die Acste der Bäume das großartige Schauspiel verdecken. Nun folgt stellenweise ein beschwerlicher Marsch auf steilen Wegen durch dichten Wald und grünen Wicsenplan. Froh athmeten wir auf, als wir nach zweistündigem Marsche von Grasest den „Königsweg" erreichten. Der „Königsweg" ist ein prächtiger Steig, der auf Kosten Sr. Majestät des Königs gebaut wurde und unterhalten wird und auf welchem er jährlich zweimal — an seinem hohen Geburts- und Namensfeste und wiederum Mitte September — auf 622 einem eigens construirten, zweiräbrigen, niederen Wägelchen, das mit einem Pferde bespannt ist, zum hohen Schlichen hinauffährt. Dieser sogenannte „Königssteig" nimmt zu Elmau seinen Anfang, jenem kleinen hübschen Weiler, der zwischen Partenkirchen nnd Mittenwald (näher an diesem) ein Stündchen abseits von der Poststraße so romantisch im Thale liegt. Von Elmau aus erfolgte im Jahre 1880 jener herzliche Erlaß des Königs an sein Volk aus Anlaß des Jubiläums der 700jährigcn glorreichen Regierung der Wittelsbacher. So gemüthlich geht'Z nunmehr das trefflich unterhaltene Sträßchcn hinauf; man merkt kaum, daß man einen Berg — so hoch wie der Wendelstein — zu besteigen hat. Bald eröffnet sich dem Auge ein entzückendes Panorama. An einer grünen, fast ebenen Fläche liegt malerisch die „Wetterst ein alm." Zwei größere Almhütten zur Aufnahme der Kühe bei Schneegestöber und Ungewitter liegen in Mitte des saftiggrünen Terrains. Dahinter erheben sich die steilen Stcinmassen des Wcttersteingebirges in einer Großartigkeit, die sich kaum schildern läßt. Fast Furcht und Bangen erfüllt unsere Herzen, wenn wir Hinaufschauen auf die weißen Riffe und Klippen, auf die abschüssigen Wände und Spitzen des riesenhaften Gebirgsstockes. Stein- und Sandgerölle ist im Laufe der Zeiten in die Tiefe gefahren und liegt nun in großen Massen am Fuße des Berges. Darüber hin erblicken wir stellenweise alten Schnee in schmutzigen Farben, den nur selten die Strahlen der Sonne erreichen. In mehrfachen Windungen, welche der Kenner des Berges zu vermeiden weiß, geht's nunmehr den Steig hinan. Mit jedem Schritte fast bieten sich Ueberraschungen dar. Unser Auge betrachtet verwundert prächtige Tannen, wie man sie nie in den Wäldern der Ebene findet, oft zu zwei und dreien wie aus einem Fclsgrunde gewachsen mit riescnarmigen unzähligen Aesten, die sich bis zur Erde verneigen. Bald eröffnet sich zur Rechten ein prächtiger Ausblick in's Loisachthal mit dem malerisch gelegenen Partenkirchen und Garmisch. Hier ladet eine frische Quelle zum labenden Trunke, dort hält eine romantische Felscngruppe den Blick gefangen. Es ist ein Bild voll herrlicher Scnerien, so abwechselnd, bald lieblich, bald schauerlich! Und wenn sich erst das Nainthal tief unter uns dem Auge eröffnet, da wissen wir nicht mehr, ob wir zuerst die zerrissenen colossalen Felsblöcke gleich am Abhänge des Schacheus besehen oder das darüber Hinausgelegene saftige Rain mit der herrlichen Besitzung des Herrn Hofpredigers Dr. Stöcker von Berlin in's Auge fassen und bewundern sollen. Dort ist's, als ob die Hölle in den Felsengründen geschaltet, hier als ob Engel des Himmels das friedliche Thal bebaut und bewohnt hätten. Doch alles Beschriebene bleibt hinter dem feenhaften Bilde zurück, das sich vor uns entfaltet, wenn wir den Wald verlassend in der Ferne das Königshaus erblicken. Entzückt wendet sich das Auge auf die sanft ansteigenden Höhen zur Linken, die im Monat Juni und Juli, wenn die Almrosen blühen, einen zaubervollen Anblick bieten. Das ist ein rother Teppich auf grünem Grunde, zuweilen mit weißen Steinen wie mit Perlen durchbrochen; — das ist die gütige, die schöne Natur in ihrer vollsten Prachtentfaltung; — das ist der Herr, der durch seine Blumen wie durch Engel zu uns redet, der unser Herz durch ein solch' farbenprächtiges Schauspiel mit Macht ergreifen und zu ihm erheben will. Noch wenige Schritte, und das Panorama liegt in seiner vollen Größe und Schönheit vor uns. Links, einige hundert Schritte zu unseren Füßen, liegt von Bäumen wie mit einem Kranze eingefaßt der meergrüne, stille Schachensee, an dessen Ufer sich die Stallungen des Königs befinden. Vom Schachensee hinab liegt dunkler schattiger Wald, zu tiefst das prächtige Thal der Partnach und Loisach mit den Vorbergen, in unserem Rücken der Teppich der Alpenflora und darüber hinauf die weißen, schroffen Wände des Wetterstcins. O, was ist das für eine Pracht hier in der Nähe des Königs- 623 Hauses! Hier hat seine volle Berechtigung, was der seelenvolle Dichter Wilhelm Smets singt: Welch' ein Weben, welch ein Streben, Wie durchzuckt es alle Glieder; Düfte, Farben, Töne, Lieder, Mailichfroh die Welt durchschwcben, Himmelan, zur Erde nieder: Und es steht der Mensch inmitten, Möchte Eins sich wählen gerne, Erd' und Himmel kommt geschritten, Seht, es blüht auf seinen Tritten, Seht, es schimmert in der Ferne. Und hier, wo die Natur all' ihre großartigsten Reize auf einem Punkte vereinigt hat, stehen still und einsam zwei verwitterte, winzig kleine Hütten. Der Hirte, ein alter Partenkirchner, steht freundlich grüßend vor dem Eingang der einen; auch der vielleicht fünfzehnjährige „Hirtbub" zieht sein Hütchen, um die Somincrfrischler willkommen zu heißen, die sie soweit droben in ihrer Einsamkeit aufsuchen. O wie glücklich müssen die Beiden sein! Eine Welt vor Augen, deren Schönheit auch sie zu würdigen verstehen, ferne vom Getriebe der Welt mit ihren Sorgen, bringen sie stillvergnügt in Arbeit die Tage des Sommers hin. Und schon gar hohe Besuche hat der Hirte in seiner Hütte auf der Schachenalm empfangen. Erst Heuer wieder hat Se. Majestät der König am Morgen seines hohen Geburts- und Namensfestes an die Thüre des alten Hirten geklopft. Mit freudiger Miene kam er hervor, und wie er seinen geliebten König und Nachbar sieht, der ihn, den armen Alten, zuerst aufsucht an so festlichem Tage, da rollt das Blut wie jugcndfrisch in seinen Adern, der Mund öffnet sich und so schlicht und so herzlich spricht er zum königlichen Herrn: „Herr Kini, i wünsch Eng halt alles Guts zu Engern Tag." Und der junge Hirtbub soll echt partcnkirchnerisch beigesetzt haben: ,,J' o'" (ich auch). Der König freute sich herzlich der beiden guten Leute und ihrer herzlichen Gratulation und beschenkte jeden mit einem Goldstücke. (Schluß folgt.) Goldkörner. Erst besinnen, dann beginnen, Wird erreichen, wird gewinnen. Merk', wenn du willst am Ziele sein: „Eile sehr" brach Hals und Bein, „Komm zu spät" ward ausgelacht, „Komme recht" hat's gut gemacht. In Freud und Scherz, in Leid und Schmerz Nicht' Aug' und Herz stets himmelwärts. Früh nieder und früh auf, Verlängert den Lebenslauf. Glaube nicht Alles, was Du hörst, Daß du nicht dich und And're bethörst- Rcdc wenig, Rede wahr, Zehre wenig, zahle baar, Fürchte Gott und sei verschwiegen, Was nicht dein ist, das laß' liegen! Ein gutes Wort, ein guter Spruch Lehrt mehr oft als ein ganzes Buch. F. B e ck. 624 MLscellen (Einige witzige Grobheiten von Karl Gutzkow) ans der Zeit seines Weimarer Aufenthalts werden der „Tgl. Ndsch." initgcthcilt. Eines Tages besuchte den Dichter die bekannte Schauspielerin Lia vonBulyovsky und erzählte ihm so haarsträubende und unglaubliche Begebenheiten aus ihrem Leben, daß ihn nur die einer Dame schuldige Höflichkeit zum Anhören zwang. Die Schilderung ihrer Erlebnisse wurde aber endlich so grausig, wie sie nur der ärgste Scnsationsroman enthält, und da erschien es Gutzkow doch nöthig, ihre Phantasie zu hemmen. „Verehrte Frau," sagte er lächelnd, „wie harmlos das klingt! So etwas erlebt doch ziemlich Jeder, das ist doch nichts. Ich glaubte, Sie wollten mir erzählen, die Kaiser von Marokko und Brasilien hätten sich scheiden lassen und so lange um Ihre Liebe gefleht, bis Sie Erbarmen gefühlt und Beide zugleich gcheirathet hätten." Mit ihrem schönsten Lächeln nahm die Dame diese Bemerkung auf und ließ das Thema fallen . . . Eine der „drcihundcrtundncunzig Dresdener Schriftstellerinnen," wie er zu sagen pflegte, besuchte ihn in seiner Wohnung in der Bürgerschnlstraße. Die äußerst redselige und neugierige Dame fragte das „Blau vom Himmel herunter", und Gutzkow war höflich genug, ihr jede Frage zu beantworten. Als aber das Fragen nach den gleichgültigsten Dingen gar kein Ende nahm, erhob er sich und eilte ins Nebenzimmer. Mit einer Rolle kam er zurück, überreichte sie der Dame und sagte: „Das viele Fragen, liebes Fräulein, greift Sie entschieden an. Sie werden noch heiser. Hier haben Sie fünfzig Briefbogen und fünfzig Couverts. Gehen Sie nun ins Hotel schonen Sie sich, und was Sie noch zu fragen haben, ich bitte — schriftlich. Sollten fünfzig Bogen nicht ausreichen, so schreiben Sie es nur, ich habe mehr davon." Das Fräulein verstand den Wink, empfahl sich und ließ die sämmtlichen Briefbogen leer. * (Die Herkunft eines Liedes.) Im südlichen Deutschland wird vielfach ein Lied gesungen, das also beginnt: „Und wenn ich stirb', stirb', stirb', Müssen mich zwölf Jungfern trag'n, Und dabei Zither'n schlag'n :c. :c." — Dieses Lied stammt aus Italien, von wo aus es sich — gleich manchen andern welschen Sitten und Gebräuchen — nach dem deutschen Süden Bahn gebrochen. Es war im Jahre 1418, als zu Padua ein Professor der Rechte, mit dem Namen Luigi Cortnsi, das Zeitliche segnete, ein Sonderling, welcher in seinem Testamente die Verfügung traf, daß man ihn mit fröhlicher Musikbegleitung von zwölf jungen Mädchen zu Grabe tragen lasse, und daß Niemand dabei eine Thräne weinen solle. Diesem wunderlichen Einfall entsprang dann das erwähnte Lied im Volksmund, das bis heute sich erhalten hat. — (Ans der Dorfschule.) Pfarrer (zum Schulkunden): „Nun Hans, sage mir einmal, warum dürft ihr Jungcus nicht ins Wirthshaus gehen?" — Baucrnjnnge (nach längerem Besinnen): „Damit wir nicht sehen, wie viel der Herr Lehrer trinkt." Räthsel. Was dir die erste Silbe nennt — halt' fern! Der Gute flieht es, Niemand hört es gern, Dem Funken gleiches, der, starker angefacht, Zur Flamme leicht auflodern kann mit Macht. Trug'st du's im Körbchen heim, die trefflich munden. Die beiden zweiten künden Schön'res dir: Der Garten schmnckl's als hnnderlsält'ge Zier; Du ließest es wohl oft in guten Stunden, Das Ganze ist der Name einer Frucht, »st vr.t. Die ma» umsonst in Wald und Garten sucht; Und doch, wie groß sie fei, wie winzig klein, Sie kann der Grund zu blnt'gem Zwiste fein. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liicrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 79. 1883. / zur „Äugsbilrger Postzeitirng.^ Mittwoch, 3. Oktober Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E. E (Fortsetzung.) Elftes Capitel. Als Mrs. Faucourt durch das Gartenthor hinaustrat, stand er plötzlich Jemanden gegenüber, welcher Einlaß begehrte. Dieses war ein kleiner, gelenkiger Mann mit glatt rasirtem Gesichte, klugen grauen Augen, buschigen Augenbrauen und dünnen Lippen, welche sich an den Ecken etwas in die Höhe zogen, so daß er eine beständig lächelnde Physiognomie hatte. Sein Anzug bestand aus einfachem, schwarzem Tuche, welches weder sehr modern noch sehr neu war. In der Hand trug er ein blaues Taschentuch. Faucourt würde ihn nicht bemerkt haben, wenn er nicht gerade dort mit ihm zusammengetroffen wäre. Er hielt ihn für den Schreiber eines Advokaten und wunderte sich im Stillen, welche Geschäfte dieser wohl in der Villa abzumachen habe. Es entging ihm, daß der Mann mit einem scharfen durchdringenden Blicke sein ganzes Aeußere gleichsam in sich aufnahm. Faucourt hatte keine Zeit seine Aufmerksamkeit einer so unbedeutenden Persönlichkeit zuzuwenden. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Hause, welches er eben verlassen und was er dort gehört und gesehen. Er war keinen Augenblick im Zweifel gewesen, daß Julie Lemont die verwittwete Dame vorgestellt und den Ring gestohlen habe. Bei diesem Gedanken knirschte er mit den Zähnen und der Entschluß, sich dieses gefährlichen Weibes, welches so enge mit seinen Angelegenheiten verknüpft war, zu entledigen, gelangte zur Reife. Er mußte sich von ihr befreien — durch welches Mittel, darüber war er mit sich selbst noch nicht im Reinen. Lena Daltou's Schönheit hatte ihn bei ihrer zufälligen Begegnung im Parke zu Alphington überrascht; nun, wo er sie wiedergesehen, war seine Leidenschaft erwacht, und er beschloß, sie für sich zn gewinnen und zu heirathen. An der Einwilligung der Mutter zweifelte er nicht; doch schien es ihm, als ob die jüngere Schwester ihm feindlich gesinnt sei. Aber was lag daran, gegen seinen entschiedenen Willen würde sie machtlos sein. Er ballte die Faust, ungeachtet der zart citronenfarbigen Handschuhe, da er in seinem Inneren schwur, alle Hindernisse, die sich ihm zur Erlangung seiner Wünsche in den Weg stellten, rücksichtslos zu zermalmen. Sara hatte das Thor noch nicht geschlossen, als der neue Besucher ankam. »Ist Ihre Herrin zn Hause, meine Liebe?" sagte der durch's Thor hinein- schlüpfende kleine Mann. „Was wünschen Sie?" frug Sara, welcher die familiäre Anrede nicht sehr gefallen schien. „Melden Sie gefälligst der Mrs. Dalton, das Mr. Riggs sie zu sprechen wünsche. — 626 — Sie wird mich nicht kennen, deshalb sagen Sie ihr, ein Auftrag Lord Mphington's führe mich hierher. Bei Erwähnung dieses Namens machte Sara einen Knix und bat Mr. Riggs, sich nach dem Hause hin zu verfügen, während sie mit ihrer Botschaft vorauseilte. „Im Auftrage Lord Alphington'ss" wiederholte Mrs. Daltou erstaunt. .„Vermuthlich ist das auch wegen dieses widerwärtigen Ringes. Ich werde den Mann wohl empfangen müssen?" wandte sie sich fragend an Bertha. „Gewiß, Mama, warum auch nicht?" „Führe ihn hier herein, Sara. O Himmel, werden wir oenn me mit dieser Geschichte zu Ende kommen! Bertha, ich wollte, Du schnittest die schweren Fransen von Deinem Shawle ab. Schließlich bringst Du noch einmal eine Börse, oder eine Uhr, oder was weiß ich, darin mit nach Hanse. Bitte treten Sie ein." Mit diesen letzten Worten erwiderte sie die höfliche Begrüßung Riggs: „Ihr Diener, meine Damen!" Und den Hut in der Hand haltend, blieb er an der Thüre stehen. — „Sie kommen im Auftrage Lord Mphington's? Bitte nehmen Sie Platz." Mr. Riggs setzte sich in der Nähe der Thüre, seinen Hut unter den Stuhl schic- Lenv, und warf rasch einen Blick im Zimmer umher, bevor er sagte: „Jawohl, Madame. Ich bin ein Geheimpolizist und hierher gekommen, um mit Ihrer gütigen Erlaubniß Erkundigungen wegen eines verloren gegangenen Ringes anzustellen." „Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden", entgegncte Mrs. Daltou aufgeregt. „Doch kann ich in der That nicht sagen, ob und von wein der Ring gestohlen worden ist; ich halte dies auch gar nicht für wahrscheinlich, glaube vielmehr, daß er in eine Spalte des Bodens hineingefallen und schwerlich wieder zu finden ist, ohne das ganze Hans umzudrehen. Mr. Riggs lächelte — aber dies that er ja immer. „Wir würden wenig in Anspruch genommen werden, wenn alle die Leute, denen chr Eigenthum abhanden gekommen ist, jedesmal genau angeben könnten, wo es sich befindet. Wollen Sie gefälligst die Güte haben, mir alles dasjenige zu erzählen, was sich an dem Morgen, als der Ring verloren ging, zugetragen hat." Mrs. Dalton wurde, so oft sie diese Begebenheiten schildern mußte, immer verwirrter und unfähiger, sich genau zu erinnern, was die Fremde gesagt oder gethan hatte, doch schloß sie auch in diesem Falle mit der Versicherung, daß so eine liebenswürdige, anständige Dame unmöglich den Ring genommen haben könne. „Sah noch sonst Jemand die betreffende Person?" frug Mr. Riggs. „Nur Sara, unser Zweitmädchcn. Die Köchin war ausgegangen und Sara und ich allein zu Hause. Ich war froh, daß es nicht ein fremder Btann war; ich verbiete auch immer der Sara einen Fremden einzulassen, wenn wir allein sind." „Würden Sie mir erlauben, Madame, dem Mädchen einige Fragen vorzulegen?" „Gewiß, fragen Sie nur, so viel Sie wollen. Bertha, willst Du schellen?" > Sara erschien so schnell, daß die Vermuthung nahe lag, sie sei nicht allzuweit von Der Thüre entfernt gewesen. „Dieser gute Mann wünscht Dich Einiges zu fragen, Sara: antworte ihm so gut Du kannst", befahl Mrs. Dalton in hochmüthigem Tone, indem sie sich mit übereinander geschlagenen Armen in ihren Sessel zurücklehnte, vollständig befriedigt über die klare Auskunft, welche sie in der Altgelegenheit gegeben hatte. . Sara erinnerte sich der fremden Dame recht gut, sie sei groß, ungefähr von derselben Größe, wie Miß Lena gewesen und habe eine dunkle Gesichtsfarbe gehabt. „Eins ist mir an ihr aufgefallen; da ich hinter ihr herging, bemerkte ich, daß eine kleine chwarze Locke unter dem Hute hervorkam und vorne war der Scheitel doch ganz weiß. 627 Und da dachte ich oei mir", setzte Sara hinzu, „du hast wohl schon öfters in deinem Leben Damen gesehen, welche einen schwarzen Scheitel auf dem weisen Haare trugen, aber doch noch nie das Umgekehrte." „Du bist ein vernünftiges Mädchen", sagte Mr. Riggs, als er den verlangten Bericht gehört; „dafür wünsche ich Dir auch einen recht braven Mann." „Oho!" rief Sara, sich von Lachen schüttelnd und den Kopf in den Nacken werfend, aus. „Das. ist wieder echt, wie alle Männer sind, immer zu denken, ein Mädchen sei nur darauf aus, einen Mann zu bekommen! Man ist noch besser daran, wenn man keinen hat, es müßte denn ein sehr guter sein; so denke ich." „Entferne Dich jetzt, Sara", sagte ihre Herrin mit strafendem Blicke, und das Mädchen zog sich eiligst in die Küche zurück, um Martha alles, was sich zugetragen, mitzutheilen. „Und wollen Sie mir nun noch eine Frage erlauben? Wer war der junge Mensch, welcher in demselben Augenblicke zum Thore hinausging, als ich eintrat. Ich glaube ihn beim Thomson und Cratschit gesehen zu haben." „Jener Herr", entgegncte Dirs. Dalton, bedeutenden Nachdruck auf das Wort „Herr" legend, war Mr. Faucourt, Enkel und Erbe Lord Alphington's." „So, so, also richtig wie ich vermuthete" sagte Mr. Riggs leise kichernd. „Kennen Sie ihn schon lange? Kannten Sie ihn schon ehe er den Namen „Faucourt" führte?" „Nein", erwiderte Mrs. Dalton zurückhaltend, da ihrer Meinung nach dieser Mensch seine Befugnisse überschritt und aus bloser Neugierde Fragen stellte; „ich habe ihn früher nie gesehen, er kam hierher, um sich ebenfalls nach dem Ringe zu erkundigen." „Hm! So! er kam also deshalb hierher, wirklich, ich finde das schon ganz natürlich von ihm." Bei diesen Worten erhob sich Mr. Riggs, den Hut unter dem Stuhle hervorlangcnd. „Meinen besten Dank, Madame. Ich habe augenblicklich nichts weiter zu fragen. Schönen guten Tag, meine Damen!" und mit leichtem Kopftiickcn empfahl er sich. „Ich werde Sie bis an das Thor begleiten", sagte Bertha, ihm zur Thüre hin ausfolgend. Sie fühlte einen unwiderstehlichen Drang, diesem Mann ihren vorhin gefaßten Verdacht mitzutheilen, aber sie wagte nicht, dies in ihrer Mutter und Lena's Gegenwart zu thun. „Mir ist etwas an Mr. Faucourt aufgefallen, wovon ich Sie in Kenntniß setzen möchte", begann sie, während sie mit dein Geheimpolizisten auf das Thor zuschritt. „Wie mir schien, drückte er sich äußerst vorsichtig aus, als ich ihn frug, ob er den Menschen, welcher mit mir im Omnibus gefahren sei, kenne, und dann gab er zu, daß er früher bei ihm in Diensten gestanden. Ebenso, als meine Mama ihm von der fremden Dame erzählte, frug er augenblicklich, ob sie nicht groß und dunkel gewesen, und später, sagte er, daß er diese Aeußerung nur so auf's Geradcwohl gemacht habe. Es mag sein, daß ich ihm Unrecht thue, aber auf mich macht es den Eindruck, als ob er die Dame kenne, und deshalb hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen dieses mitzutheilen." Vielen Dank, meine werthe junge Dame; auch der leiseste Wink kann von Nutzen sein; gerade dadurch, daß wir die kleineren verschiedenen Umstände zusammen fügen, gelangen wir endlich zur Lösung des Knotens. Empfehle mich Ihnen, Miß." Mr. Riggs entfernte sich, und Bertha kehrte mit langsamen Schritten nach dem Hause zurück. Die schmerzliche Enttäuschung, welche Lord Alphington bevorstand, stimmte sie traurig. War dieser gemeine, verkommen aussehende Mensch wirklich der von ihm so heiß ersehnte Enkel und dazu bestimmt, die Würde und Ehre dieses alten Hauses zu repräsentiren? Wie trügerisch sind die Hoffnungen der Menschen! Ach, dieser arme alte Mann, welcher jetzt noch mit Sehnsucht die Stunden zählte, bis es ihm vergönnt sein würde, dem jüngsten Sprossen der laugen Ahnenrcihe die Hand zu drücke» und ihn mit Freuden in sein Haus einzuführen! Als Mr. Riggs Joy Collage verlassen halle, nahm er sich eine Droschke und fuhr in die Nähe von Fitzroy-Square. Dort stieg er aus, entließ den Wagen und schellte an einem Hause, welches, nach dem großen Fenster auf dem ersten Stocke zu schließen, die Wohnung eines Malers war. Nachdem er auf seine Frage, ob Mr. St. Lawrence zu Hause sei, eine bejahende Antwort erhalten, klopfte er an der Thüre des Ateliers an. (Fortsetzung folgt.) Auf dem hohen Schacher». (Schluß.) Vom Schachensee und der Schachenalm heißt es noch gut eine halbe Stunde steigen bis die Umfriedung des Königshauses erreicht ist. Der Weg hat nichts Einförmiges, manch' Neues bietet sich wieder dem Blicke und ohnehin fesseln die Felswände des Wettersteines mit der Dreithorspitze fast unaufhörlich unser Auge. Den Botaniker interessirt hier besonders der Anblick der Zirbelkiefer. Ihre Wurzeln haben wie mit Armen einen Felsblock umschlungen, auf dein sich der Stamm des Baumes buchstäblich auf einem steinernen Sockel erhebt. Die Zirbelkiefer liefert prächtiges Holz zur Meubelfabrikation. Die durch königliche Gnade begründete Schnitzschnle zu Partenkirchen hat schon manchen Stamm derselben glücklich verarbeitet und wer Gelegenheit hatte, die prächtige in altdeutschem Style erbaute und eingerichtete Villa des Wiesbadener Konditors Schweißgut zu Partenkirchen sich anzusehen, der versteht den Werth der Zirbelkiefer vollends zu schätzen. Wir stehen vor dem Königs Hause, einem prächtigen, im unmuthigen Schweizer- style erbauten Schlößchen mit zierlichen Altanen und Veranden, solid aus Stein gebaut mit hölzerner Umkleidung gegen die Unbilden des Wetters. Die Lage des Hauses ist reizend, die Aussicht, besonders von der südlichen Veranda, muß entzückend sein. Aus guten Gründen ist der Besuch des Königshanscs nicht gestattet. Von den Gemächern wird ein türkischer Saal mit Vorhängen und Teppichen nach maurischen Mustern als besonders prächtig genannt. Einige Schritte vom Königshansc entfernt, am Abhänge des Hügels steht das Forsthaus mit der Wohnung des Försters, der königlichen Küche und den Zimmern für das Dienstpersonal. Eine kleine Strecke von hier erhebt sich auf einem Felsenvorsprnnge in schwindelnder Höhe ein Pavillon des Königs, welcher auch den Touristen zugänglich ist und mit Recht der schönste Punkt am hohen Schachen heißt. Das Panorama, welches sich hier mit einem Male vor dem entzückten Beschauer entfaltet, kann nicht geschildert werden. Verwundert und vor Staunen fast sprachlos weiden wir unser Auge an den nie geahnten Netzen des Rainthals oder schauen hinauf zu den Riffen und Wänden des Wettersteins, der sich hier in großartigster Pracht und fast in seiner ganzen Ausdehnung vor uns erhebt. Hier könnten wir Stunden verweilen und langsam das Nainthal mit all' seinen Schönheiten verfolgen. Wie es senkrecht hinab zu unseren Füßen liegt, von einem reizenden Flüßchen, der Partnach, durchzogen! Weiter entfernt erblicken wir im Thals zwei kleine, bläulich schimmernde Seen, die „blauen Gnmpen" genannt, eines der prächtigsten Bilder der Alpenwelt, welches schon oft photographisch aufgenommen wurde. Vor dem ersten der beiden Seen entdecken wir eine Hütte malerisch gelegen, welche Eigenthum des Münchener Turnvereins sein soll. Am Ende des Nainthales erblicken wir die grünen Matten des „Anger's", des letzten Rnhepunktes vor der Besteigung der Zugspitze. Darüber hin erhebt sich die mächtige Steinwand des Höllenferner mit seinen Schnecmassen, von der Mittagssonne herrlich beleuchtet. Hier ist des Staunens kein Ende, und wer hier zum erstenmale die Wunder der Alpenwelt sich betrachtet, wie fühlt er sein Herz gehoben, wie fühlt er sich glücklich, auf Augenblicke mag er alles Weh und alle Sorgen vergessen, die sein Herz belasten. Die Seele voll Gedanken steigen wir wieder den Schachen hinab. Wir möchten uns das Bild, das wir geschaut, tief in's Herz einprägen, um es nie wieder zu vergessen. Doch dreimal glücklich ist der, dem Gelegenheit gegeben ist, das zaubervolle Bild sich zur Nachtzeit zu beschauen. Es ist der Vorabend des 25. August. Der König ist in der Abenddämmerung zum Schachensee hinabgestiegen. Er hat sie mit Freuden gesehen, die vielen Bergfeuer, die rings auf den Höhen des Loisachthales dem König zu Lieb und Ehren angezündet wurden; er hat sie mit Staunen betrachtet, die weißen Felscolosse des Wettersteingebirges, wie sie fahles Mondlicht wundervoll übergoß. In eigenthümlichem Glänze schimmerten heute die Tannen und Kiefern. Aus dem grünen Teppich der Alpenflora traten die weißen Felssteine reizend hervor. Wie zum Gruße vor ihrem irdischen Herrn und König neigten die Blümchen das Häuptchen, und wie zum Segensgebete flüsterte es aus den Aestchen der Bäume und im Kelche der Blume. Nun steigt er wieder vom See herauf und ein überraschendes Bild ist es, das sich den Augen Sr. Majestät darbietet. Das Königshaus ist prächtig beleuchtet. Rings auf den Altanen und Veranden schimmern Hunderte von Lichtlein. Am Abhänge zu Füßen der Vordcrfronte des Hauses erglänzt des Königs Namenszng in Hellem Lichte. Die hohen Wände des Wettersteins erstrahlen in bengalischer Beleuchtung. Hier und dort flammen Raketen auf und grüne und blaue und rothe Sternlein fallen spielend zur Erde. Das ist ein eigenthümlicher Glanz, in dem nun die Tannen erstrahlen, in dem die grauen vom Blitze geknickten und der Rinde entblößten hohen Kiefern schimmern, der über Berg und Thal so zaubervoll ergossen ist. Das ist eine Sommernacht, wie sie der Tiroler Cölestin Gschwari besingt, jener jugendliche Dichter, der erst 24 Jahre alt in seiner Vaterstadt Meran den kann: geöffneten Liedermund zum Tode schloß. Die Quellen murmeln, rauschen Ein Lied vom Liebesmai, Die Edeltannen lauschen Der tiefen Melodei. Und wie die Bäume schweigen So andachtsvoll umher, Will sich darüber neigen Der Himmel sternenschwer. Als wie mit gold'nen Rosen Ein blauer Baldachin Wölbt er sich ob dem großen Altar der Erde hin. Voll rosig Heller Glnthen Lacht hehr das Himmelszelt, Als wollt' es froh verbluten Aus Liebe zu der Welt. Wir aber auf den Höhen, Umrauscht von Waldcsgrnn Der Abendlüfte Wehen, — Wir lagen auf den Knie'n. Und wie das Ave wieder Ertönt in ernstem Eher, Da schwebt der Himmel nieder, Zu ihm die Erd' empor. Das ist eine Sommernacht, wie sie eben nur auf einem hohen Schachen möglich ist. — Fast waren wir traurig, als die Zeit vorrückte und wir uns entschließen mußten, die Pracht dieser Höhen und dieses Eden wieder zu verlassen. Schnell ging's nun die Tiefe hinab und nach drei Stunden langten wir in Graseck an. Bald nach uns kamen Touristen von der Dreithorspitze und der Frauenalpe oberhalb des Schachens an, etwas später trafen einige kühne Herren ein, welche die Zugspitze besteigen und heute noch die Station Anger erreichen wollten. Oft erinnern wir uns noch mit Freuden der Schachenpartie. Denn solch ein Ausflug auf den hohen Schachen wirkt förderlich auf die Gesundheit, und solch' ein Einblick in die Schönheit und Großartigkeit der Alpenwelt erhebt Herz und Seele, erfüllt mit neuer Begeisterung für die Natur, mit neuer Lust zu Arbeit und regem Schaffen, erhöht unsere Liebe zum .Könige, dem edlen Schirmherr» unserer Berge, dem warmen Freunde des hohen Schachens. Am 19. September 1883. 630 Die Türken vor Wien.*) Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals übersetzt von Hanns Mctzler. 1. Tetschelija schielt — der stolze Banus — Schwere Briefe aus nach allen Winden. Einen sendet er dem Erdcljitscha, Dem Beherrscher der kroat'schen Lande:') 2. „Erdcljitscha, Banus der.Kroaten! Schon ist vollgefüllt ein Jahr mit Tagen, Seit den König wir verloren haben, Aus dem eig'nen Volk den cig'ncn: *) Das vorliegende Gedicht schildert uns die Belagerung, Vertheidigung und Befreiung Wiens im Jahre 1683, deren zweihundert- jühriges Jubiläum am 12. September d. I. gefeiert wurde. Es ist einem bei dem südsla- vischcn Volke sehr beliebten Büchlein entnommen und trägt dort den Titel: „I'iema oä Leos," (Lied von Wien). In „Rar^ovor n^oäni" (Das augcucbme Zwiegespräch) — so heißt das Buch — schildert uns der Dichter die Helden und Heldenthaten seines Volkes, und zwar in der Art, daß Milo- van aus den schwarzen Bergen seinen: ehemaligen Waffenbruder Radovan diese'Thaten erzählt, rcspectivc ins Gedächtniß zurückruft. Der Dichter Andreas Kaoio-Miosio ist im dalmatinischen Dorfe Brist im Jahre 1690 geboren und als siebzigjähriger Greis im Kloster Zoastrog (ebenfalls in DaluiatieiO gestorben; er stndirte in Buda Philosophie und Theologie, trat dann in den Orden des heil. Franciscns ein, ward Lehrer der genannten Fächer, wurde Guardian und stiftete als solcher ein neues Kloster; die auf ihn gefallene Wahl zum Pro- vinzial lehnte er ab. Die Zeit, welche ihm sein Beruf übrig ließ, verwendete er auf literarische Arbesten. Von diesen ist die Abfassung des genannten Buches die wichtigste; als apostolischer Legat machte er nämlich eine Reise durch Dalmaticn, Bosnien und die Herzegowina, sammelte eine große Menge historisches Material und verarbeitete dasselbe in „Rar^ovor uAoävi!" — der süd- slavischen Jliade — durch welches er sich den Namen eines sehr bedeutenden Dichters verdient hat. ') Die Schreibweise des Originals in Bezug auf die Eigennamen ist fast ohne Ausnahine beibehalten worden. — Tetschelija — Tötöly Graf Emcrich; Erdcljitscha — Graf Erdödy. Strophen 2 bis 15 enthalten ein bcwunderungs- wertbcs Charaktergcmäldc des Rebellen Tököly. Wenn Tököly auch uicht der alleinige Anstifter des Türkenrricges war, wie der Dichter und seine Laudslcute aus Unkenntlich der Politik Ludwig's XIV. glaubten, so war er doch der Erste, welcher den Sultan auffordern ließ, auf Wien selbst loszusteuern. (S. Onno Klopp: Das Jahr 1683" p. 137). 3. Seit ein fremder König uns regieret, Dieser Leopold, der deutsche Kaiser. Sag', wohin sind uns'rc alten Rechte!? Sag', wohin der Ruhm der Ungarfürstcn! ? 4. Endlich ist es Zeit, daß wir erwachen, Daß wir unsern cig'ncn König krönen, Der mit Huld und Gnade uns regiere, Uns ein milder, treuer Vater werde. 5. Nun, so hör' den Rath des Tetschelija: Werfet ab das Joch des Wiener Kaisers; Wählet mich zu cu'rcm Herrn und König Und dann krönet mich im Dom zu Prcßburg. 6. Reichthum will ich geben euch und Schätze. Um mich sammeln meine fcur'gcn Ungarn' Will die Städte alle dann erstürmen, Alle bis nach Wien und um dasselbe. 7. Felder will ich geben euch und Wiesen, Schöne Dörfer auch und große Märkte Hohe Burgen dann und reiche Städte, Wie sie eu're Ahnen einst besaßen. 8. Aber sollt ihr mich nicht hören wollen, So ersass' ich Ungarns stolzes Banner, Werfe nieder die kroat'schen Staaten Und verwüste bis nach Laibach Alles. 9. Also, Kinder! Nicht den Kopf verlieren, Werdet Tetschelija's Unterthanen, Wie es kurze Zeit ist's her — die Ungarn- Fürsten und die Ritter all' geworden." 10. Von den Briefen, die er schreibt, den zweiten Sendet er dem Mächt'gen Türkcnkaiser: „L-ultan, Kaiser, Herr der ganzen Erde! Was ich künde ist Dir frohe Kunde. 11. Meine Ritter haben mich erkoren Und zum König mich gemacht von Ungarn. So bin ich der Feind des deutschen Kaisers, Deines größten Feindes Feind geworden. ^) 12. Und nun bitt' ich Dich, mein großer Kaiser, Sammle alle Deine starken Heere; Ich will Krieger sammeln in ganz Ungarn Und im weiten Siebenbürgcrlande. 13. Und dann wir gen Wien marschiren; Nicht gar schwer wird's sein es zu erstürmen. Deutschland, d'rauf Italien soll bezwungen, Selbst das stolze Rom soll unser werden. 14. Jetzo, Zar! ist Deine Zeit gekommen, Jctzo räche Deine Janitscharcn; Deinen Todfeind kannst Du jetzt vernichten Diesen Leopold, den deutschen Kaiser, 15. Welcher Dir so viele Qual geschaffen, Welcher Deine Janitscharcn köpfte. Nun verbeug' ich mich vor Dir zum Schlüsse, Küss' das Knie Dir und den Saum des Kleides." 16. Banus Erdcljitscha, Herr im Lande Der Kroaten, sendet die Antwort: 2 ) Tököly wurde 1676 allerdings zum Haupte der Aufständischen gewählt (O. K. p. 85), doch das türkische Königsdiplom mit Roßschwcif und Fahne erhielt er von Jbrachim Vaicha 1682. 631 Lass' vas Possenreißcn, kecker Jüngling! Noch so jung und schon so roll von Hochmuth ! ^) 17. Wir gehorchen keinem andern König, Als dem alten Leopold, dem Kaiser, Welcher — muß ich's Dir noch erst erzählen? — Uns wie seine eig'ncn Kinder liebet. 18. Nein, wir werden eher kämpfend sterben, Als zu unsrem König Dich erwählen, Fremd ist Dir ja Recht und wahrer Glaube, Ehrst Du doch wie einen Gott den Calvin." 19. Mehmcd^) aber schrieb, der mächt'ge Sultan: „Treuer Diener Tetschelija, Banus! Dreimal wird der Mond nicht wiederkehren, Bis Dir Hisse kommt von allen Seiten." 20. Was der Sultan sprach, das blieb gesprochen. Eilig fing er an sein Heer zu sammeln; Von der hohen Pforte bis gen Bagdad Nies er all' die auserlcs'nen Helden. 21. Palästina ruft er und das weite Asien, dann Rumänien, dann Bulgarien, Dann Albanien und dann Maccdonicu, Boßnicn^) auch und die Herzegowina; 22. D'rnuf die Walachei, die ganze Moldau Und die Tartarei noch bis nach Wender Lika und Slavonien und Korbawa Und zuletzt noch Cattaro und Siga. 23. Als das Heer in langen Schaarcn hinzog Durch die endlos weiten Eb'ncn Ungarns, Hätt' zu zählen es Niemand vermögen, Keiner ihm Widerstand leisten können. 24. Gegen Wien hin drängen all' die Schnaren, Lieder singen sie, die Rosse wiehern. Pascha und Vezire an der Spitze Gleichen alle giftgeschwelltcu Schlangen. 25. Vorne ritt der Großvczir, der mächt'ge Viclbcrühmte Karali Mustnpa; Ihm zunächst der Vezir — Paschn Deli- Jbrniru aus Ofen — dann die Andern. H s) Mit dieser Antwort stimmen die belobenden Anerkennungsschreiben des Kaisers Leopold des 1. an die Kroaten (O. K. p. 281). Daraus erklärt sich auch, warum der Dichter das vorliegende Gedicht in seine Sammlung aufgenommen hat. Mohammed IV. «st Es ist unrichtig „Bosnien" zu schreiben, weil das Land nicht Bozna, sondern BoSna heißt. °) Ueber Kara Mustapha (siehe Näheres O. K. p. 49.) Hier wurden sechs Strophen des Originals weggelassen, in welchen 19 Pascha aus dem Türkcnheere ausgezählt sind. 26. Ich vermag nicht Alle Dir zu nennen, Weil das Lied sein Ende nimmer fände. Jetzo aber hör', mein Kampfgenosse, ?) Hör' den Jammer und das große Elend. 27. Wo ein Türkenschwarm sein Lager aufschlägt; Ueberall ist Tod und Pest und Seuche, Krcisemnord und grnnser Mord von Kindern Doch die Jungfrau schleppen sie znin Harem. 28. Wie sie vor das schöne Wien gekommen, Hatten sie Wohl hunderttausend Sclaven, Hunderttausend and'rc waren Leichen. Also schreiben Männer, die es wissen. 29. Kurz? Zeit nachher bekam der Kaiser Leopold ein wenig freud'ges Schreiben Von dem großen Herzog von Lothringen. In dem Briefe spricht der Herzog also: 30. „Mein erlauchter, großer, mächt'gcr Kaiser! Siehst Du nicht vor Dir das ganze, starke Heer der Türken mit dem großen Feldherrn Karali Mustapa an der Spitze!? 31. Nun, so flieh' doch, edler Greis, und opf're Fruchtlos nicht das uns so theure Leben." Als der Kaiser diesen Brief gelesen, Zwang der bitt're Kummer ihn zu Thränen. 32. Jetzo ruft er Starhcmberg, den Fürsten/) Spricht zu ihm und redet männlich also: „Starhcmberg, mein Fürst, so reich an Ahnen, Doch an Treue gegen mich noch reicher! 33. Dir vertrau' ich Thron und Reich und Krone. Mein geliebtes Wien und seine Bürger Mit dein Heer — Du magst cS selber wählen — Sollst Du, wie Dein Haupt, die Stadt beschützen. 34. Ich will meine Lande all' durchwandern. Will mir alt und Jung zu Hilfe rufen. Lass' den Muth nicht sinken, feur'ger Falke, Denn es wird Dir schnelle Hilfe werden." °) 35. Als die Nacht mit ihrem Schutz gekommen, Floh aus seinem theuren Wien der Kaiser; Nahm mit sich die .Kinder und die Gatiin, Seine Diener und die treue Garde. r) Man sehe die Anmerkung zur Ansschrift. °) Feld-Zengmeistcr, später Fcld-Marschall Ernst Rüdiger Starhcmberg war Gras, nicht Fürst. Ein Kenner slavischer Verhältnisse wird dem Dichter verzeihen, daß er in diesem Punkte auch anderswo nicht ganz genau ist. ") Die Motive der Flucht sind hier und in Strophe 31 wahrhcitc-geiren dargelegt, was für die damalige Zeit sehr ausfälln In Bezug auf Strophe 34 (s. O. K. g. 328). (Fortsetzung folgt.) G o l d k 6 r n e in Vor seiner Thüre kehre Jeder rein, So werden sanver alle Straßen sein. Lieber Nein Unrecht gelitten, Als vor . - ,cht gestritten. F. Vcck. Himmelsschan im Monat Oktober. — X. Merkur L steht in der Jungfrau, kommt am 21. in die größte östliche Entfernung von der Sonne und ist um diese Zeit am Morgenhimmcl gut zu finden. Venus y wird am 27. Abendstern, geht jedoch bald nach der Sorme unter. Mars c? steht im Krebse, geht 11 Uhr Nachts in NO. auf und zeigt sich in den Morgenstunden bei der Sterngruppe der Krippe. Am 19. trifft er mit dem Jupiter, am 23 mit dem Monde zusammen. Jupiter 2 p im Krebse vor 11 Uhr Nachts am nordöstlichen Horizont sichtbar, geht zuletzt um 10 Uhr Abends auf. Am 22. ist er nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 22., 29., 31.; der zweite am 6., 13., 31.; der dritte am 4.; der vierte am 6. und 23. Saturn H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends und steht am 18. nördlich vom Monde. Der Kugeldurchmesser beträgt 18, die Durchmesser seiner Ring- axen 45 und 19 Bogensekunden. Miscellen. (Theater-Toiletten.) Ein Schauspieler schreibt im „Berl. Tagbl.": „Man hat in der Großstadt kaum eine Ahnung davon, wie man sich in kleinen Proviuzial- städtcn zu helfen weiß, und welche Jnszeuirungs- und Kostümfrevel dem Publikum zu- gemuthet werden. Ich z. B. verdankte mein Engagement an eine pommersche Wanderbühne einzig und allein dem Besitz eines zwar einstmals „hochmodern" gewesenen Pfirsich blüthefarbenen" Sommerüberziehcrs, und als beschlossen ward, die „Räuber" aufzuführen, in welchen ich als junger Volontär höchstens einen stummen Räuber geben zu dürfen wähnte, wurde ich nicht iveuig überrascht, als der Direktor sofort erklärte: „Herr S. spielt den Kosinski, er hat einen hellen Paletot!" . . . Kosinski in einem modernen hellen Sommerüberzieher I . . . Den Damen unserer Bühne machte der „Toilleten- luxus" auch nicht viel zu schaffen. Die Direktrice war im Besitz einer „Maria Stuart"- Robe, welche sie auch in den Birch-Pfeifferschen Stücken und als Handschuhmacherin im „Pariser Leben" (!) trug. Aus guten Gründen! Sie besaß nicht viel mehr als noch einen Pelzmantel, an dem der Pelz fehlte. Was aber würden die Franzosen, die ihre Aufmerksamkeit selbst auf Format und Farbe der auf der Bühne verwendeten Briefe ausdehnen, sagen, wenn sie es erleben würden, daß — wie es bei uns in einem Städtchen an der Saale der Fall war — Merced» im „Don Carlos" dem Jnfanten im letzten Akt einen die königlichen Gemächer erschließenden Schlüssel übergibt, an welchem eine Waschklammer hing. DcrSchlüssel gehörte zum — Eiskeller des Wirthes. Man muß sich eben zu helfen wissen!.... (Kindlich.) Mutter: „ Heute, liebe Anna, ist der Geburtstag Deiner Großmutter, da mußt Du ihr Glück wünschen und den lieben Gott bitten, daß er sie noch lange erhält und recht alt werden läßt." — Anna: „Ach, liebe Mutter, ich will lieber zu Gott beten, daß er sie wieder jung werden läßt, denn alt genug ist sie schon." (Was genießt der brave Soldat im Frieden?) — Brod, Fleisch, Kartoffel. — Nun ja, das ist wohl richtig; was genießt er aber außerdem noch? Suppe, Brei. — Schafskopp! Er genießt die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und die Achtung der Civilpersonen. (Zweierlei.) FrauNosi: „Wiegeht's im heiligen Ehestände?" — FrauKathi: „Recht gut. Mein Mann hat g'studirt und was im Kops." — Frau Rosi: „Der meinige auch, aber nur, wenn er am Abend aus dem Wirthshause kommt." Auslösung des Räthsels in Nr. 76: „Zankapsel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 80. 1883. zur „Ängslmrger PostMrmg." Samstag, 6. Oktober Der Opalrrng. Noman aus dem Englischen von E. C (Fortsetzung.) Von Innen wurde laut „Herein" gerufen, aber Mr. Niggs zögerte, dieser Einladung zu folgen, da er beim Oeffncn gewahrte, daß St. Lawrence sich nicht allein befand. Douglas war seiner täglichen Gewohnheit gemäß kurz vorher zu einem Plauderstündchen dorthin gekommen; denn die beiden jungen Künstler waren, trotz oder vielleicht gerade wegen der großen Verschiedenheit ihrer Charaktere sehr intime Freunde. „Treten Sie nur ein, Mr. Niggs", sagte St. Lawrence; „dieser ist mein Freund, Mr. Douglas, vor dem ich gar kein Geheimniß besitze. Sie mögen immerhin alles berichten, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich hatte Dir ja mitgetheilt, Douglas, daß ich meine Angelegenheit der Polizei übergeben habe; Mr. Niggs hat nun die Aufgabe übernommen, mir zu meinem Rechte zu verhelfen, wenn dies überhaupt in der Macht des Menschen liegt. Haben Sie mir etwas Besonderes zu sagen, Niggs?" „Nein, Sir, das kann ich gerade nicht behaupten", erwiderte dieser, sich mit seinen» blauen Taschentuche durch's Gesicht fahrend, „wenigstens möchte ich nicht gerne jetzt schon etwas sagen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Mr. St. Lawrence." „Schon gut, Niggs. Nehmen Sie einen kleinen Cognac?" „Da habe ich nichts dagegen einzuwenden, es ist kalt draußen. Man hat mich Mit einem ähnlichen Falle beauftragt", vertraute Mr. Niggs den beiden jungen Herren an und erzählte ihnen dann die Geschichte des Opalringes. „Dalton? Was für Dalton?" frug Douglas, da Niggs inne hielt, um einen Schluck zu nehmen. „Von Joy Cottage — eine Wittwe mit zwei Töchtern, erklärte er, abermals einen Zug thuend. „Ich bin heute besonders in der Mficht hierher gekommen, Mr. St. Lawrence", fuhr der Geheimpolizist fort, „um Ihnen das Versprechen abzunehmen, daß Sie sich, was sich auch immer ereignen möge, doch in keiner Weise blosstellen wollen und gegen Niemanden ein Wort von dem, was Sie wissen, laut werden lassen. Es ist eine verwickelte Geschichte, und deshalb erheischt sie doppelt vorsichtige Behandlung. Wenn wir uns in die Karten sehen lassen, so haben wir verloren. Das mag Ihnen zu Zeiten schwer fallen, Sir, aber wenn ich Ihr Versprechen habe, so weiß ich, daß Sie es so treu wie einen Eidschwnr halten werden." St. Lawrence dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er: „Ich sehe keinen Grund, weshalb ich mich weigern sollte, auf Ihren Wunsch einzugehen, denn ich vertraue Ihnen vollständig, sowohl wegen dessen, was ich von Ihnen gehört, als auch, was ich persönlich erfahren habe." „Vielen Dank, Sir, entgegnete Niggs, sein Glas leerend. „Wir dürfen durchaus keine Unbesonnenheit begehen. Wenn dieser junge Herr Ihr volles Vertrauen besitzt, so wird er gewiß auch bereitwillig dasselbe Versprechen ablegen." — 634 — „Ich bin taubstumm geboren, meinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen machen", beruhigte Douglas. „Sehr gut, Sir,", antwortete Riggs, seinen lächelnden Mund noch etwas mehr in die Breite ziehend. „Auch gewissen anderen Leuten wäre es von größerem Nutzen gewesen, staubstumm geboren zu sein. Empfehle mich Ihnen meine Herren. In einigen Tagen oder Wochen hoffe ich Ihnen etwas mehr sagen zu können, Mr. St. Lawrence. Nochmals Dank für ihre Versprechen. Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich finde meinen Weg schon." Als sich die Thüre hinter dem Geheimpolizisten geschlossen, schritt St. Lawrence heftig erregt, im Zimmer auf und ab. „Diese Ungewißheit treibt mich noch zur Verzweiflung!« rief er aus, „und ich soll nichts thun." „Ja, es ist hart", bestätigte Douglas, „aber was man nicht kann änderen — Du kennst ja das alte Sprüchwort, Muth gefaßt, Freund! Ich wette ein Dutzend echte Havana's gegen einen alten verbrauchten Pinsel, daß schließlich doch noch Alles gut geht." „Der Himmel gebe es!" St. Lawrence setzte seinen Spaziergang durch's Zimmer noch einige Zeit fort, dann warf er sich in einen Sessel und strich sich das Haer von der Stirne. „Apropos, Douglas?" frug er nach einer Weile, „weshalb hat Dich der Name Dalton so interessirt?" „sstun, weil meine kleine Musiklehrerin so heißt; sie ist eine Miß Dalton." „Sieh da, ich glaubte, Du wolltest mir ihren Namen nicht nennen", neckteSt. Lawrence. „Das ist ja wahr; ich bin jetzt so gedankenlos damit herausgeplatzt. Joy Collage — mich wundcrts, ob das richtig ist; es klingt ganz hübsch und scheint mir ein passendes Nestchen für dieses süße Täubchen zu sein. Joy Collage, mit einem guten Atelier nach Norden, viele reiche Leute zum Portraitiren und ein liebes gutes Weib, um das Leben behaglich und angenehm zu machen. „Und ein halbes Dutzend Schreihälse und des Dokters Wagen beständig vor der Thüre und ellenlange Rechnungen zu Neujahr —" „Halt ein, ich bitte Dich. Gönne nur doch für mein Ideal zu schwärmen. Es wird ja nie etwas daraus; zwischenzeitlich wirst Du wohl hingehen und der schönen Amarillis Deine Liebe erklären und mich verdrängen." „Nein, ich bin keine verliebte Natur, mich brauchst Du in diesem Punkte nicht zu fürchten." „Was ich Dich fragen wollte, Eustace, Du gehst doch Mittwoch mit mir zum botanischen Garten? Es ist wirklich amüsant dort, und man sieht eine Menge hübscher Gesichter", sagte Douglas im Begriffe, sich zu entfernen. „Zum Henker mit dem botanischen Garten." „Nun, nun, weshalb so wüthend sein, wie ein angeschossener Bär,", beschwichtigte Douglas. „So lange Du, Eustace, St. Lawrence bist, genieße auch das Leben als solcher, und das Andere warte ruhig ab." „Wohlan! Ich gehe mit Dir", versprach Eustace. „Ich muß mich auf irgend eine Weise zerstreuen, um nicht verrückt zu werden." „O, das wirst Du nicht, so lange Du Deinen „Fides Achatns" bei Dir hast, Nun, lebe wohl, alter Bursche; wenn Du meiner bedarfst, so weißt Du, wo ich zu finden bin." Mit diesen Worten lief der wohlgcmuthe junge Portraitmaler die Treppe hinunter, St. Lawrence seinen Grübeleien überlassend. Zwölftes Capitel. Ein leichtes Unwohlsein würde Lord Alphington nicht von oer Begrüßung seines ven entdeckten Enkels zurückgehalten haben; er pflegte hänsig durch heftige Anfälle von «35 Podagra belästigt zu werden und um dem völligen Ausbruche dieses Uebels vorzubeugen, mußte er die ersten Symptome der Krankheit sofort im Keime ersticken. Aus diesem Grunde war er gezwungen, das Wiedersehen bis Montag hinauszuschieben. Sein Zustand hatte sich bis dahin gebessert, und so fuhr er nach London, wo er seine Wohnung gegen ein Uhr erreichte und den Rechtsanwalt, ihn dort erwartend, fand. Der Earl begrüßte ihn freundlich und seine Hand drückend sagte er: „Ich bin überzeugt, daß Sie mir von Herzen gratuliren, mein guter Freund. Sie wissen, was ich Alles durchgemacht habe, wie einsam und verlassen mein Leben verflossen ist, und jetzt hat mir der gütige Himmel das Glück bescheert, noch in meinen alten Tagen einen Sohn meines Hauses an's Herz drücken zu können." Mr. Thomson räusperte sich verlegen, als ob er nicht recht wisse, was er antworten solle. „Gewiß gratulire ich Ihnen, Mylotd. Mr. Sedley oder Faucourt, wie wir ihn jetzt nennen müssen, ist noch ein junger Mann, deshalb darf man wohl voraussetzen, er werde sich die Sitten und das Benehmen der Gesellschaft, mit welcher er in der Zukunft verkehren wird, aneignen. Seine mangelhafte Erziehung darf uns nicht in Erstaunen setzen." „Der Ton, mit welchem Mr. Thomson dies sagte, erweckte Lord Alphington's Besorguiß. Mangelhafte Erziehung?" wiederholte er. „Ich meine doch gehört zu haben» daß mein Enkel in dem Jale-Collcgium seine Studien absolvirte und seitdem auf Reisen gewesen ist. Er muß also doch ein gebildeter Mensch sein." Mr. Thomson hustete abermals. „Wie ich glaube, besuchte er die Anstalt und wenn ich von mangelhafter Erziehung sprach, so wollte ich damit nicht sagen, daß er gerade unwissend sei. Er schreibt einen guten Brief, aber was Sie mit Reisen bezeichnen, Mylord, möchte ich schon eher in der Welt herumbummeln nennen." „Sie erschrecken mich; ich muß aus Ihrem Benehmen schließen, daß er Ihr Mißfallen erregt hat. Bitte sprechen Sie sich aus; es ist besser, daß ich es weiß, wie sehr es mich auch betrüben mag." „In der That, Mylord, Sie fassen meine Worte ernster auf, wie ich beabsichtigte; ich weiß durchaus Nichts gegen Mr. Faucourt, kann aber nicht leugnen, daß ich mich, da ich seinen Vater kannte, sehr enttäuscht gefühlt habe. Das ist Alles, ich versichere es Ihnen." „So, ist er seinem Vater nicht ähnlich?" frug Lord Alphington, mit einem Seufzer das Porträt eines schönen, anziehenden jungen Mannes anblickend, welches im Bibliothekzimmer hing, wo sie sich befanden. „Nicht im Mindesten, vielleicht gleicht er seiner Mutter." Der Earl seufzte tief. „Seine äußere Erscheinung darf uns nicht parteiisch machen", sagte er dann. „Ich hatte so gehofft, es würde eine Aehnlichkeit vorhanden sein, aber ich lernte schon lange meinen Hoffnungen entsagen. Lassen Sie uns jetzt unsere Geschäfte abmachen, die Zeit drängt." Mr. Thomson begann nun alle die Beweise, welche ihm übergeben worden, vor Lord Alphington auszubreiten; es waren eine Menge Papiere, trotzdem las der alte Herr sie alle aufmerksam durch. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie echt sind", sagte er, jedoch klang seine Stimme nicht mehr so freudig, wie bei der ersten Begrüßung des Rechtsanwaltes. „Wie sehr wünschte ich, dies alles wäre vor Jahren bekannt geworden, damit ich die Vormundschaft über den Knaben gehabt hätte! Es ist freilich jetzt nutzlos, das Vergangene zu beklagen. Der Opalring ist das einzig Fehlende", fügte er, ein Armband betrachtend, hinzu. „Sagte Ihnen Faucourt, wie er ihn verloren?" „Er sprach davon, daß er von einem Diener bestohlen worden sei", entgcgnete Mr. Thomson. Ich habe Ihrem Auftrage gemäß die Sache einem Geheimpolizisten übergeben — einem sehr gewandten Burschen, welcher schon mehrere derartige Fälle mit großem Geschick verfolgt hat. Wenn etwas herauszubringen ist, so ist Niggs der rechte Mann dazn." Lord Alphington war eben im Begriffe, zu antworten, als die Zimmcrthür geöffnet und Mr. Faucourt angemeldet wurde. Der alte Herr erhob sich hastig; seine Züge verriethen ängstliche Spannung. Eben wollte er dem Manne, welcher eintrat, entgegeneilen, doch plötzlich blieb er stehen; die Lebhaftigkeit seines Benehmens verwandelte sich in stolze Zurückhaltung und Kälte. Faucourt, dessen äußere Erscheinung dieselbe war, wie bei seinem Besuche zu Joh Cottage, näherte sich mit halb knechtischer, halb anmaßender Höflichkeit. Mr. Thomson, welcher glaubte, der Earl befinde sich im Zweifel, erhob sich ebenfalls indem er sagte: „Erlauben Sie mir, Lord Alphington, Ihnen Ihren Enkel vorzustellen." Der Earl winkte abwehrend mit der Hand. „Ich weiß schon; Sie haben mir durch die Papiere bewiesen, daß dies Faucourt's Sohn ist und als solcher werde ich ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Setzen Sie sich, junger Mann", fügte er zum ersten Male diesen anredend, hinzu; er selbst nahm seinen früheren Platz wieder ein. Fancourt fühlte sich eingeschüchtert; es war ihm äußerst unbehaglich zu Muthe, dennoch versuchte er eine sorglose Miene aufzusetzen. (Fortsetzung folgt.) Rechte Blüthe. Soll Dir das Leben recht erblühen. So gieb Dich ganz in Gottes Hand; Vom Morgen- bis zum Abcndglühen Sei ihm anbetend zugewandt. Das Leben hat der Blüthen viele, Wonach die Hand begierig langt, Doch vor der Nacht hängt welk am Stiele, Was in der Frühe hell erprangt. Es liegt der Eine Ton zu Grunde Jedwedem Liede, das man sang^: Für Jeden kommt die schwere Stunde Und aller Blüthen Untergang. Ein Thor, wer au die flücht'gcu Freuden Des Lebens seine Seele hängt, Und wer die Schätze wird vergeuden, Die er im Leiden mild empfängt. Doch wer sich ganz dem Herrn ergeben, Dem gehen aus der Dornen Hanf Für dies und für ein besser Leben Die allerschönstcn Rosen auf. L. v. Heenrstcdc. Peter v. Cornelius. Am 23. September waren es hundert Jahre, daß der größte Meister der neueren deutschen Malerei in dem kunstreichen Düsseldorf das Licht der Welt erblickte. Protestantische, liberale und jüdische Blätter und Zeitschriften haben seiner an diesem Tage mit Lob gedacht; da dürfen auch wir des großen Mannes nicht vergessen, der mit seinem Bekenntniß, seinem Leben und seiner Kunst voll und ganz zu uns gehörte. — Freilich geben die Gegner sich die Mühe, das specifisch Katholische von Cornelius und seinen Werken abzustreifen und ihn, wie z. B. die „Post" es versucht, zu einem der Ihrigen zurechnen. Aber das ist Verlorne Liebesmühe! Es sind so viele kräftige Zeugnisse und auch noch so viele redende Zeugen vorhanden, welche die Katholicität des großen Mannes laut beweisen, daß die gegentheiligen Versuche elend scheitern müssen. Peter Cornelius zeigte schon als Kind große Vorliebe und ein auffallendes Talent für die Kunst. Als einst dem Knaben ein Goldstück und ein Stück Kreide zum Auswählen dargeboten wurde, griff er sogleich zur — Kreide, um damit Figuren zu zeichnen. — 637 Er erinnerte sich später selber noch dieser Scene und meinte: „Der liebe Gott hat nun einmal einen Maler aus mir machen wollen." Seine erste Ausbildung bekam er auf der Düsseldorfer Akademie. Da starb in seinen: sechzehnten Jahre der Bmer, und Peter mußte mit seiner jungen Knust die Mutter und seine Geschwister ernähren. Die Begeisterung für seine liebe Kunst und das Vertrauen auf den gütigen Himmel hielt ihn aufrecht in dieser schlimmen Zeit: „Vater im Himmel", so betete er damals, „erhöre mein Gebet. Ich stehe nicht nur eitel Geld und welkenden Lorbeer, nicht vornber- ranschcnde Freuden der Sinne sind mein Wunsch. Aber im Staube bitte ich Dich, o Herr! Laß nicht siegen den Staub über Deinen Geist! Hemme die große That nicht in ihrem Beginnen. So schufst Du dies Herz, nach himmlischen Thaten sich sehnend." Nach seiner Mutter Tod kam Cornelius nach Frankfurt a. M., von dort führte ihn die Sehnsucht nach dem gelobten Lande der Künstler, nach Italien. In Nom schloß er sich dein Kreise edler Freunde an, an deren Spitze der katholisch gewordene fromme OVerb eck stand, und die vor allem die Pflege der christlichen Kunst sich znr Lebensaufgabe gestellt hatten. Hier !m Centrum der katholischen Welt, in dem befruchtenden Kreise edler gleichgesinntcr Freunde gestaltete sich des jungen Cornelius Kunst zu der echt christlichen, christlich-katholischen, wie wir sie an seinen späteren Schöpfungen bewundern. Die Freundschaft mit dem trefflichen preußischen Gesandten, Niebnhr verschaffte ihn: 1820 die Stelle als Director der Akademie in seiner Vaterstadt. 182-1 siedelte er in gleicher Eigenschaft nach München über, wo er den grandiosen Cyclus von Bildern in Chor und Querschiff der Lndwigskirche schuf, welche den christlichen Jdcenkrcis von der Weltschöpfnng bis zum jüngsten Gericht darstellen. In: Jahre 1811 berief ihn der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Das protestantische Berlin mit den Knnstakadcmikern, deren Treiben ihn: über alles verhaßt war, sagte ihn: wenig zu, um so mehr hielt er sich an einen engeren Kreis trefflicher katholischer Freunde, und lebte im Ucbrigen unbehindert in stets frischer Jugcndbcgeistcrung seiner heiligen Kunst. Im Auftrage des Königs sollte er den Oninzn) oanto, die Fürstcngruft ausmalen; aber nur die Entwürfe zu schaffen war ihn: vergönnt. Diese jedoch sind auch für sich allein vollendete Kunstschöpfnngcn von mächtig ergreifender, erhabener Schönheit. Sie behandele!: das große christliche Epos, die Erlösung der Menschheit von der Sünde durch Christi Leben, Lehre und Tod, die Wirksamkeit seiner Kirche in der fortgesetzte:: Entsündignng der Welt, die letzten Dinge und die Auferstehung zu einen: ewigen Leben. Damit setzte er seiner Thätigkeit die Krone auf. So war von: Anfang bis zum Ende seine Kunst keusch, christlich, heilig; er hat wie ein Prediger der Wahrheit in seinen Kunstwerken seine mächtige Stimme erschalle!: lasse!:, und sie ist nicht unerhört verklungen. Jetzt gilt er als der Altmeister der wieder- erwcckten edlen deutsche!: Knifft, und alle ohne Ausnahme preisen seinen Namen. Wir freuen uns mit Recht, einen solchen Mann zu den Unserigen zählen zu können, der nicht blos in seiner Kunst, sondern in: Leben wie in: Tode christlich, treu- katholisch war. Seii: letzter höchster Trost auf dieser Welt war Christus in der heil. Communion, sein letztes Wort hieß: „Beten!" Was er im Leben gelernt und geübt, das vollführte er nun am Ende seiner Tage, die schwerste Kunst: „Selig zu sterben." Er verschied an: 6. März 1867 im hohen Alter von 81 Jahren, reich an Ruhm und Ehren bei den Menschen, an Verdienst und Gnaden, wie wir hoffen, bei Gott den: Herrn. Konnte er doch in Wahrheit von sich sagen: „Die Kunst hab' ich gcliebet, Die Kunst hab' ich geübet Mein Leben lang. Die Künste hab' ich verachtet, Nach Wahrheit stets gewuchtet — D'ruin wird mir nicht bang." Die Türken vor Wien. Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals übersetzt von Hanns Metzle r. (Fortsetzung.) 36. Doch es fand in Wien sich ein Verräther; Dieser bringt dem Tetschclija Kunde: „Während Du das Morgenroth verschlafen. Ist Dein Feind, der Kaiser, ausgeflogen." 37. Dieser — kaum hat er das Wort vernommen — Schwingt sich auf den starken, feur'gen Renner Und verfolgt in wilder Hast den Kaiser. Jener ist jedoch schon längst geborgen. 39. Ueber grüne Hügel floh der Kaiser, Fand rm treuen Linz dann kurze Ruhe Von der Prüfung, die das Reisen brachte Vom Gebirge stürmt ein Haus' von Strolchen, 39. Nimmt ihm Alles, was von Silber glänzte, Und die gold'nen Trinkpokale alle; Nimmt, mit diesem nicht zufrieden, Selbst des Kaisers hochgeweihte Rüstung. '°) 40. Dort verlebt er cin'ae Ruhetage, Und schon kommt dem reifen Mann die Kunde: „Flieh', o Kaiser, denn es nah'n die Ungarn. Nur die Flucht kann Dir das Leben retten." 41. Als der Kaiser diesen Ruf vernommen, Stand er auf — noch vor der Morgenröthe, Floh durch Deutschland weiter, immer weiter, Wie ein scheues Wild verfolgt, bis Passau. ") 42. Und um Wien lag Sorg' und Weh' und Jammer, Alles war bis Wien dem Feind erlegen, Slädt' und Dörfer waren Ascheuhügel Und in Trümmern lagen alle Burgen. ^) 43. Wie die Wolken stieg der Rauch zum Himmel Auf dem ganzen Weg von Wien bis Ofen. Und es fand die Nacht mit ihren schwarzen Augen Jammer überall und Elend; 44. Sah zum Himmel Feucrsäulcn steigen, Rings umher ein weites Meer von Flammen, Rauch bedeckt die Stadt wie dichter Nebel, Welchen Blitze zuckend oft durchbrechen. 45. Wie die Wiener all' das Elend sehen, Wird ihr erster Muth ein bitt'rcs Klagen. Starhcmberg allein, der edle Feldherr, Bleibt ein Held uud suchet sie zu trösten. 46. „Lasst doch eure Furcht, ihr Wiener Bürger I Dieser Türke wird uns nimmer schaden: Legen wir uns all' in Gottes Hände, Leicht bezwingen wir dann unsre Feinde. ">) Die Sage von dem hier gemeldeten Uebcr- zalle ist wohl nur aus den Berichten über die gefährliche Reise entstanden. ") Der Kaiser wurde allerdings zur Weiterreise nach Passau genöthigt, aber von den Türken, nicht von den Ungarn verfolgt. ") „Asche und Leichen bezeichneten den Wea, den das Heer genommen." (O. 5k. x. 213.) 47. Denn wir kämpfen jetzt für Jesu? Christus, Fließt doch unser Blut für seine Kirche; Auch für unsern guten Herr und Kaiser, Unser Vaterland uud unsre Kinder." 48. So begann der Seinen Muth zu wachsen Daß sie furchtlos all' das Fußvolk sahen, All' die Reiter uud den Wald von Fahnen Rings um ihre theure Vaterstadt. 49. Denn so weit das Auge trägt im Kreise, Konnte es nichts And'rcs mehr erschauen Als Soldaten ohne Zahl uud Rosse, Wilde Reiter, Fahnen, hohe Zelte. 50. Da — am dreizehnten des Monats Juli — Ritten hart au Wien heran die Türke». Trotzig starrt das prächt'gc Zelt des Feldherrn In das Angesicht 0er Burg des Kaisers. 51. Kaffee trinkend schrieb er voll von Hochmuth Einen Brief dem tapf'rcn Generale Starhcmberg und seinen Wiener Bürgern. Türkisch war der Brief, daS Schmähen türkisch. 52. Christenhuud, Du Häuptling dieser Stadt, Falschen Glaubens uud von Gott verlassen! Wo Du stecken magst und Dich verbergen, Wisse, Gottes Zorn hat Dich getroffen. 53. Dich uud Deinen König — falschen Glaubens — Leopold, der Kaiser heißt von Deutschland, Welcher jetzt von Stadt zu Stadt sich flüchtet Und eutrennen will dem Zorn des Mchemed. 54. Aber hör'! Ich schwör' den hcil'gen Eid Dir: Mag er sich verstecken, wo's ihn freuet, In ocr Mphütt' oder in der Felsschlucht, Nimmer wird er meinem Schwert entkommen. 55. Dir, mein Fürst, jedoch und Deinen Bürgern Geb' ich diese väterliche Mahnung: Werfet in den Graben cu're Fahnen Und den Adler mit dem Doppelkopfe; 56. Jene Adler, die euch Unglück bringen, Müßt ihr eilig in die Tiefe senken. Habt ihr das gethan, so straf' ich milde, Wie die Mutter ihre Kinder strafet." 57. Und es las der Starhcmberg das Schreiben, Las es nochmals und begann zu lachen. Eine Antwort ward sofort gegeben: Blei und Pulver ist ihr kurzer Name. 58. Als der Großvezir solch' reden hörte, Ließ er tiefe, weite Minen graben, Pflanzt Kanonen auf mit ries'ger Ocsfnung Rings um Wien im engen Kreise. 59. Jetzt beginnt im gleichen Augenblicke Ueberall der Donner der Geschütze. Was die Höhe liebt, das stürzt zusammen, So die Thürme und die Burg des Kaisers. 60. Doch aus Wien kommt immer kräft'ge Antwort, Denn die blasse Furcht ist fortgezogen. Wien entsendet einen Feuerregen Und es sinkt gar manches Türkcnfähulcin. 61. Ilbcr diese Türken rasten niemals; Eine Mini graben sie, zur' Nachtzeit, Füllen sie mit dreifach starker Ladung In der achten Nacht vor Schluß des Monats. 62. Alle Felder in der Runde zittern Und der Donau Wasser, Baume, Steine, Wien, das starke, und die nahen Berge; Dicker Qualm erhebt sich hoch zum Himmel. 63. Jetzo stürzen wild die Janitscharen, In die Stadt hinein mit blankem Säbel. Dort erwartet sie ein graußcs Grüßen. Denn es strömt wie Regen Feuer nieder. 64. Bomben fliegen und Granaten zahllos; Und mit Blei und Pulver grüßt der Schütze, Mit Pistol und Säbel grüßt der Ritter Und der'Bürger grüßt mit Holz und Steinen. 65. Bald beginnt die Flucht der Janitscharen: Auf das Haupt geschlagen, flicht der Feinde Ordnungsloser Rest verhöhnt von dnnnen. Wien erstarkt im neuen Glück der Freiheit. 66. Doch der zweite Tag war nicht vergangen, Als der Feind drei neue Minen sprengte. Untergang der Stadt und Tod der Helden Hatten sich die Türken zugcschworcn. 67. Von der Morgenröthe bis zum Dunkel Folgte immer einem Sturm der and'rc; Endlich wirft sie General Sercuy lind verfolgt die türk'schen Janitscharen 68. Weit hinab durch Auen und durch Felder: Keiner wird geschont, gefangen Keiner. Abwärts sieht man Turkenköpfe liegen. Ehrenzeichen für die kühnen Sieger. 69. Also ging es durch den ganzen Juli; Minen legt der Feind und immer Minen Und die Janitscharen stürmen immer. In der Stadt erwacht die Noth, das Elend 70. Und mit beiden eint sich bald der Jammer, Als sie im August am vierten Tage Eine mächt'ge Mine donnern ließen; Diese riß gewaltig breite Breschen. 71. Da erst drangen ein die Janitscharen Und die Pascha und die türk'schen Sejmcn, Reiter, Fußvolk so von allen Seiten, Wie aus Bcrgcsklüften dunkle Wölfe. 72. Und ihr Schicksal? Ha! es war ein arges! Denn das deutsche Feuer brannte gräßlich. Rings um Wien da gab es Türkenlcichen! Ihre Zahl? Wer hätt' sie zählen können? 73. Wieder gibt's ein Stürmen und ein Brennen, Angriff folgt auf Angriff bis znm Dunkel. Im August war's, an dein fünften Tage (Kolowos ist unser Monatsname).") ") Es mag erlaubt sein die kroatischen Monatsnamen hier anzuführen, weil, es kaum eine andere so wenig zahlreiche Gruppe zusammengehöriger Wörter gibt, aus denen die Anschauungsweise des Volkes so deutlich erhellt: 1. 8ioeans, Jänner, ist die Zeit des Holzfällens; sieeati, hauen. 2. Veljaea, Februar, ist der sehr rauhe; vel, sehr; jaie, stark. 3. Im März, 639 — 74. Wien ist wie in einem Flammenmeere, Das die ganze Gegend übcrflnthct; Und die Pacht ist wie der Tag so helle, Und der Tag ist wie die Nacht so finster. 75. Auf der Schanze, die er schon genommen, Pflanzt der Türke seine grüne Fahne; Doch es waren schon zu viel gefallen, Und die wilde Flucht beginnt von Neuem. 76. Lcsle, der die Sieger diesmal führte, Alexander war des Fürsten Name, Warf nun bald den starren-Rest der Feinde Und verfolgte sie mit seinen Mannen. 77. Als die Deutschen wieder heimwärts zogen, Stak ein Türkenkopf an jedem Säbel, Doch den Führer hatten sie verloren. Friede deiner Seele, edler Ritter!") 76. Aber jetzt vernimm' noch größere Thaten: Dann, der General, besteigt den Rappen,, Reitet in der Nacht in's Türkenlager, Badet seine Händ' im Blut der Feinde. 79. Das geschah vom siebten auf den achten, Als die Feinde müd' und sorglos schliefen; Unversehrt entkam der Held, oer kühne, Mancher von den Türken schläft noch heute. 80. Aber wer wird solche Macht bezwingen? Wer das arme Wien noch länger schützen? Rings im Kreise stehen Tnrkenheerc Um die Stadt, wie eine große Kette. 81. Endlich rnh'n die Deutschen und die Türken. Einmal nach so langen, bösen Zeiten Müssen sie wohl essen auch und trinken Und durchdcnken all' das.große Elend.") 82 Doch schon wieder dröhnt es in der Runde, Neue Minen hat der Feind gegraben, Und das schöne Wien ist fast verloren, Seinen Fall erhoffen jetzt die Türken. ornrljalc, bekommt man bei Wiederaufnahme der Feldarbeit Schwielen ; Schwiele; (Gj. Danivio gibt in Jvorijvni etc" eine andere, wie mir scheinen will, sehr gesuchte Erklärung.) 4. Travanj, Ihpril, ist der Grasmonat; trava, Gras. 5. Im Mai, svibanj, beginnt das Heckcn- holz, svib' zu treiben. 6. Der Juni, Upanj, ist der Monat der Linde, Ii;,a. 7. Im Juli, srxanj, wird das Getreide geschnitten; srp, Sichel. 8. Im August, kotovor, führt mau das Getreide auf Wagen heim; vorili, führen; Kola, Wagen. 9. Der Name des September, rujan, ist das epitbston ornans des Weines. 10. Im Oktober, liatogcul, fallen, vaclali, die Blätter, list, von den Bäumen. 11. Der November, stu- äsn, ist der kalte Monath 12. Im Dezember, nroslnae, schimmert das Eis; xrosinutä, durchschimmern. ") Lezle — Lcslic ist bei dieser Gelegenheit nicht gefallen. ") Ein Waffenstillstand wurde nicht geschlossen. (Schluß folgt.) — 640 — M i s c e l l e n. * (Königliche Handwerker.) In der preußischen Köuigsfamilic Herrschi bekanntlich die Sitte, daß jeder Prinz irgend ein Handwerk lernt. — Auch in früheren Zeiten besaß mehr als ein Monarch die Liebhaberei, irgend ein Handwerk zn betreiben, und manch' ein hoher Herr brachte es sogar zn einer großen Fertigkeit in dessen Ausübung. Kaiser Karl V. z. B. beschäftigte sich nach seiner freiwilligen Abdankung (1556), im Kloster zu St. Just mit der Uhrmachcrci, im Auschluß an das Interesse, welches er stets schon an mechanischen Arbeiten genommen. — Czar Peter der Große trieb gar alle möglichen Handwerke, zog auch zum Entsetzen seiner Hoflcute Zähne aus, war aber vor allen Dingen Zimmcrmann; als Solcher arbeitete er auch längere Zeit, gerade so wie jeder andere Geselle, auf dem Schiffswerft zu Saardam in Holland zu seiner Ausbildung. — Der berühmte, prachtlicbcnde Kurfürst von Sachsen, August der Starke, drechselte, und der Kurfürst und Erzbischof Hermann von Köln, ebenso Landgraf Philipp tion Hessen, schnitzte allerlei Jagdgerüth für sich und seine Freunde. — Besonders eifrig betrieb auch der unglückliche König Ludwig XVI. von Frankreich ein Handwerk, und zwar das der Schlosserei! Oft arbeitete er im Schweiße seines Angesichts in seiner Schmiede, die mit allem Nöthigen ausgestattet war, wie nur je ein Schlosser von Beruf in seiner Werkstatt. Tort war er zu Hause und ein Meister, während der Thron von Frankreich zusammenbrach, im Sturze auch das Haupt der königlichen Schlosser mit fortreißend." — (Negiments-Befehl.) Bei Besichtigung der Caserneuzimmcr habe ich bemerkt, daß zur Füllung der Strohsäckc für die Mannschaft nicht genug Stroh gefaßt wird und habe ich mit dem Proviant-Amte darüber die nöthige Rücksprache genommen. Die Herren Kompagnie-Chefs werden hiemit ermächtigt, aus eigenem Kopfe so viel Stroh zn entnehmen, als sie für den Bedarf ihrer Leute für nöthig erachten, v. Lencn- mnnd, Oberst. (Unerwartete Antwort.) Feldwebel: „Herr Hanptmann, die Leute klagen in der letzten Zeit wieder häufig über zn kleine Flcischrationcn — es seien gar zn viel Knochen dabei." — Hauptmann: „Hols der Deibel mit den ewigen Klagen: Knochen! — Ich habe Knochen, Sie haben Knochen, die Kerls haben Knochen, überhaupt jeder Ochse hat Knochen." (In der Jnstruktionsstnnde.) Unteroffizier: Der Soldat hat zwei Paar Stiefel, wovon — —? Müller! Einjähriger Müller: Von Nindsleder! Unteroffizier: Ach, was die Herren Einjährigen immer gelehrt sein wollen und können die einfachsten Fragen nicht beantworten — wovon das eine Paar immer gewichst sein muß. (Maß und Stoff.) „Nun, hast schon was Gut's gelernt, mein Sohn?" fragt der Vormund sein 11 jähriges Mündel, das er beim Schneider in die Lehre gegeben hatte. „Das „Maß"-Nehmen und das „Stoff"-Holen habcn's mir beigebracht, Onkel! denn die Gesellen trinken halt nit z' wenig!" (Münchener Humor.) „Aber Du bist jetzt fein beinand! Nur d' Hosen und Stiefel sau sehr schleußig." — „Ja, mein Lieber, d' Hosen und Stiefel kannst in koan Kaffeehaus austauschen." (Ein Naturfreund auf der Pleite.) „Wie Alles so schön ist, in der freien Natur! — Die Lerchen singen, die Käfer summen, das muntere Kälblein hüpft über blumige Matten; Alles freut sich des Lebens — nur meine Gläubiger weinen!" (Bei einem Gewehrappell) hat ein biederer Littaner Rekrut sein Gewehr schlecht geputzt. Während der Lieutenant auf einen Rostflecken zeigt und fragt: „Was ist das?" antwortete er, treuherzig grinsend: „Na, Herr Laitenant, kennst nicht Rost?" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 81. 1883. zur „Äugsimrger PHMimg." Mittwoch, 6. Oktober -- Der Gpalring. Roman aus dein Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington begann in eisigem Tone: „Ich schng Ihnen diese Zusommenknnft vor, weil ich dem Worte meines Nechtsanw altes, daß die Beweise gültig seien, vertraute; ich habe die Papiere nun selbst durchgesehen und finde sie so, wie er gesagt hat. Indessen möchte ich Ihnen noch einige Fragen vorlegen." Der junge Mann machte eine tiefe Verbeugung. „Sie erinnern sich vermuthlich Ihres Vaters nicht mehr?" „Ganz und gar nicht, Mylord; er starb, als ich noch ein Kind war." „So ist es Ihnen wohl auch unbekannt, daß ich gleich nach dem Tode meines Sohnes, als ich erfuhr, er habe eine Frau und einen Sohn hinterlassen, Nachforschungen nach diesen anstellen ließ, aber ohne Erfolg. Können Sie mir hierüber Aufklärung geben? —" „Mr. Fancourt heirathete sehr bald nach seiner Ankunft in Amerika und nahm dann den Namen seiner Frau, welche Sedley hieß, an. Wie Sie in meinem Taufschein gesehen haben werden, bin ich dort unter dem Namen Sedley eingetragen. Nach seinem Tode verließ die Wittwe ihren bisherigen Aufenthaltsort und kehrte zu ihren Verwandten nach dem Norden zurück." „Sie sprechen von Ihrem Vater und Ihrer Mutter?" frug Lord Alphington in demselben kalten Tone. „Ja, gewiß, Mylord", erwiderte Fauconrt mit einem Ausluge von Verlegenheit. Der Carl legte ihm noch mehrere Fragen vor, aber in so vornehmer Zurückhaltung, beinahe Strenge, daß Mr. Thomson fast Mitleid mit dem jungen Menschen empfand. Er hatte vorausgesehen, wie bitter enttäuscht der alte Herr sein werde, aber eine solche Abneigung, wie dieser sie gegen seinen Enkel an den Tag legte, kam ihm doch unerwartet, und er bedauerte es beinahe, die Papiere in Ordnung gefunden zu haben, da er wußte, daß sich dieses Verhältniß auch im Laufe der Zeit nicht günstiger gestalten werde. Fauconrt bemerkte sofort, daß er keinen günstigen Eindruck hervorgerufen habe; dies erschreckte ihn anfangs, da es seine Berechnung zu nichte machte. Er hatte gehört, Lord Alphington sei ein alter, zuweilen recht kränklicher Mann und so glaubte er, einen schwachköpfigen Faselhans, wie er ihn im Geiste zu nennen Pflegte, anzutreffen, mit dem er schon bald fertig werden wolle. Und nun fand er anstatt dessen in ihm diesen edlen vornehmen Lord, dessen klarer Verstand und scharfes, durchdringendes Auge ihn aus der Fassung brachte. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er seine gewöhnliche Frechheit wiedererlangte und sich mit dem Gedanken tröstete, daß es für ihn noch viel an- 642 genehmer wäre, wenn der Earl seine Gesellschaft nicht wünsche. Jedenfalls würde ihm doch eine namhafte Snmine als Jahresrente ausgeworfen werden und diese könne er dann frei und ohne jegliche Aufsicht zu seinem Vergnügen verwenden. Lord Alphington machte mittlerweile einen heißen ,Kampf mit seinem Gewissen ! durch; er war ein streng rechtlicher Mann und würde es darum für Unrecht gehalten haben, seinen Enkel die schmerzliche Enttäuschung, dem Bilde, welches er sich von ihm entworfen, nicht zu gleichen, entgelten zu lassen. Daher beschloß er, diese heftige Abneigung und das Gefühl des Mißtrauens zu überwinden und ihn vorerst persönlich einige Zeit zu prüfen, ehe er ihn verurthcile. In einem milderen Tone sagte er: . „Es wird am Besten sein, wenn Sie heute Abend bei mir speisen, wir können s dann ausführlicher unsere Pläne für die Zukunft entwerfen. Sie finden passende Ge- j mächer hier im Hause in Bereitschaft für Sie. Ich wohne fast nur zu Alphington Park, und so werden wir uns gegenseitig wenig geniren." ^ Fauconrt wollte ihn mit Dank überschütten, aber der Earl unterbrach ihn: - „Der Sohn meines Sohnes und der Erbe meines Titels wird stets dasjenige erhalten, worauf er ein Recht hat. Wenn wir uns näher kennen, wird das persönliche ! Interesse vielleicht folgen; dies hängt jedoch lediglich von Ihnen ab." Nachdem er dieses gesagt, erhob er sich zum Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Fauconrt verstand den Wink und erhob sich ebenfalls. Der Earl nickte herab- ? lassend mit dem Kopfe, ohne die Hand auszustrecken, und der junge Mann zog sich mit einer tiefen Verbeugung, froh, die Zusammenkunft überstanden zu haben, zurück. Laut seufzend sank Lord Alphington in seinen Sessel nieder und rief aus: , „Barmherziger Himmel, kann es möglich sein, daß dieser gemeine Emporkömmling, Fancourt's Sohn ist?" „Ihm hat die Leitung seines Vaters gefehlt", sagte Mr. Thomson entschuldigend. „Aber zählt die edle Abstammung für gar nichts, mein Freund? Ich wünschte, - o ich wünschte — doch das ist jetzt nutzlos", fuhr er sich selbst unterbrechend fort. „Es ist entsetzlich, meine schönsten Erwartungen so zu Grunde gerichtet zu sehen. Einem ^ Leben voller Glück und Zufriedenheit sah ich entgegen, anstatt dessen werde ich nun von beständiger Furcht gequält sein, dieser Mensch habe vielleicht schon, oder werde in Zu- ^ kunft noch meinen fleckenlosen Namen besudeln. Ich kann ihm nicht das Eigenschaftswort „jung" beilegen, denn sein Aeußeres verräth mir, daß er alt und erfahren in allen möglichen Lastern ist." „Sie beurtheilen ihn gewiß zu streuge", versuchte Mr. Thomson zu trösten. „Selbst angenommen, Mr. Fancourt habe früher ein wenig über die Stränge geschlagen, so kann er sich doch jetzt bessern." „Ein wenig über die Stränge geschlagen!" rief der Earl erbittert aus. „Sagen , Sie lieber ein lüderliches Leben geführt, oder ich müßte mich in seiner Physiognomie - sehr täuschen. Nach diesen Worten versank er in tiefes Schweigen und Mr. Thomson , hielt es für angemessen, sich zu entfernen. Er nahm seinen Hut und sagte: I „Sie haben keine weiteren Befehle für mich, Mylord?" ! „Augenblicklich nicht, danke Mr. Thomson", erwiderte Lord Alphington, wie aus s einem Traume erwachend. , „Ich werde Sie rufen lassen, sobald ich Ihrer bedürfen sollte." ^ Sie verabschiedeten sich mit freundlichem Händedrucke. Mr. Thomson fuhr nach Westminster und Lord Alphington blieb mit seinen trüben Gedanken allein zurück. Drcizehntes Capitel. Au einem wundervollen Maitage war große musikalische Unterhaltung im botani- i scheu Garten zu Negent's Park. Schon zeigten die Bäume ihr frisches saftiges Grün und die schönen Frühlingsblumen standen in voller Blüthe. Zwischen den reizenden — 643 — Beeten promcnirten elegante Damen in prachtvoller Toilette; andere saßen in Gruppen beisammen und lauschten der herrlichen Musik. St. Lawrence schlenderte an dem verabredeten Mittwoch Nachmittage mit seinem Freunde Douglas in diesem lebhaften Getriebe umher. Letzterer wollte nicht eingestehen, daß er dies zu seinem Vergnügen thue, sondern behauptete, für ihn sei es nur Mittel zum Zweck. „Es ist durchaus nöthig, daß ich mich bekannt mache", äußerte er gegen St. Lawrence. „Ziehe ich mich ganz von der vornehmen Welt zurück, so wird sie mich sehr rasch vergessen. Für Euch Landschaftsmaler ist das etwas ganz anderes, da gilt das Werk Alles und die Person nichts; aber ein Portraitmaler muß sich durchaus beliebt machen, dann ist das halbe Spiel gewonnen." Unter diesem Vorwande vergeudete Douglas sehr viele Zeit. Er hatte schon öfters versucht, St. Lawrence zu überreden, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, jedoch meistens ! vergebens. In seiner jetzigen Stimmung fühlte dieser sich unfähig zur Arbeit; die Er- ! umerung an das ihm widerfahrene Unrecht wurde durch die Bemühungen, es rückgängig zu machen, immer lebendig erhalten, und diese Ungewißheit versetzte seinen feurigen Geist ! in die größte Aufregung. Ja, hätte er seinem Feinde Aug in Aug gcgcnübertreten ! dürfen, aber nun band ihn auch noch das Versprechen, sich ruhig zu verhalten und so ! konnte er weder Hand noch Fuß zu seiner Vertheidigung erheben. Fast gereute es ihn, d sich so gebunden zu haben, aber er war nicht der Mann dazu, ein gegebenes Wort ß zurückzunehmen; es blieb ihm nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten und zu S hoffen, die Vorsehung werde den Betrüger, dessen Opfer er geworden, entlarven. ' Ueber diese Dinge nachgrübelnd, horchte er kaum auf die muntere Unterhaltung - seines Freundes, bis dieser ihn plötzlich beim Arm faßte und mit seinem Spazierstocke ! auf drei Damen, welche in einiger Entfernung saßen, hinzcigend ausrief: ! „Beim Zeus, da ist ja meine kleine Musiklehrcrin!" i „Welch' hübsches Mädchen!" sagte St. Lawrence, durch den Ausruf seines Freundes j aufmerksam gemacht. „Du gabst mir doch zu verstehen, sie sei nicht hübsch." „Die kleinere von Beide» ist Miß Dalton", entgegnete Douglas ungeduldig. „Komm, wir wollen dort herumgehen, und uns ihnen von der anderen Seite, wie zufällig, nähern; ich werde Dich vorstellen." - „Dieses sagend, drängte sich Douglas durch die Menge; St. Lawrence, überrascht von der Schönheit der einen jungen Dame, folgte ihm willig. Als sie ihrer von Neuem ansichtig wurden, stieß Douglas einen gut geheuchelten Ausruf des Er- , stannens aus, trat näher und zog seinen Hut. , „Ich bin glücklich, Sie hier zu sehen, Miß Dalton. Der Ort, wo wir uns ge- " wohnlich zu treffen pflegen, ist nicht so angenehm, als dieser." „Es freut mich, daß Sie sich auch zuweilen einen freien Tag erlauben", erwiderte Bertha mit freundlichem Lächeln, ihm ihre Hand entgegenstreckend. Der heitere junge Maler gefiel ihr und obgleich sie sehr wenig mit ihm verkehrt hatte, betrachtete sie ihn doch als Freund. Sie machte ihre Mutter und Schwester mit ihm bekannt und Douglas stellte St. Lawrence vor. Die Farbe auf Lena's Wangen vertiefte sich bei Herannahen der jungen Herren. Airs. Dalton empfing sie mit der größten Zuvorkommenheit. „Sie sehen beide recht vornehm aus", flüsterte sie Lena in einem unbewachten Augenblicke zu, „namentlich der größere, dunkle; man sollte gar nicht glauben, daß er nur ein Künstler ist." Die beiden Männer, welche bemerkten, daß ihre Gegenwart der älteren Dame an« genehm war, nahmen dort am Tische Platz. Es fehlte nicht an Stoff zur Unterhaltung. Douglas kritisirte in humoristischer Weise die Vorübergehenden und Bertha verstand es, auf seine Scherze einzugehen, obschon ihre Aeußerungen, wenn auch zutreffend, doch nie boshaft waren. Sogar Lena wurde etwas lebendiger, indem sie die Vergnügungen der 644 schönen Frühlingszeit besprach, aber mehr noch durch die augenscheinliche Bewunderung, welche sie dem jungen Landschaftsmaler einflößte. Bei einem kleinen Spaziergange durch den Garten ging St. Lawrence neben Mrs. Dalton und Lena, während Douglas und Bcrtha folgten; ebenso wurde, als die Damen es an der Zeit fanden, zurückzukehren, dieselbe Reihenfolge beobachtet, denn die beiden Freunde ließen es sich natürlich nicht nehmen, sie bis nach Joy Cottage zu begleiten. Dort am Thore verabschiedeten sie sich auf's Freundschaftlichste, nachdem St. Lawrence zuvor die Erlaubniß erbeten und erhalten hatte, an einem der nächsten Abende vorsprechen zu dürfen, um Miß i Dalton sein Skizzcnbuch aus Amerika zu zeigen. 1 „Es ist also doch dieselbe Familie, von welcher Riggs sprach", sagte Douglas. „Wie sonderbar doch manchmal die Dinge zusammentreffen." „Diese Miß Dalton ist ein wunderhübsches Mädchen. Ich meine noch nie ein Gesicht gesehen zu haben, welches mich durch seine Schönheit so überrascht hat." s „Ja, sie ist schön, das gebe ich zu, aber ich finde das geistvolle Antlitz der ^ Schwester bedeutend anziehender." „Ich bitte Dich, Freund, wo hast Du denn Deine Augen?" rief St. Lawrence aus. „Was Form und Farbe anbelangt, bin ich mit Dir gewiß einverstanden, aber aus den Augen meiner Bertha strahlt Dir der ganze Reichthum ihrer Seele entgegen. . Bertha — beim Zeus, ein reizender Name; er klingt so weich und sanft, wie das j Säuseln des Zephirs, wenn er die Blumen küßt! Ein starkes, großes Frauenzimmer j kaun unmöglich Bertha heißen." ! „Nun, alter Bursche, bist Dir wirklich schon so weit?" frug St. Lawrence, ihn > bei der Schulter fassend. Douglas lachte und seufzte gleichzeitig. „Es ist nutzlos, es kann nie etwas daraus ^ werden", entgegnete er, sich gewaltsam zusammennehmend. „Diese Mutter Dalton macht , mir den Eindruck, als ob sie sich, ehe Sie mir ihre Tochter anvertraute, vorab ganz , genau nach meinen: Einkommen erkundigen werde und was könnte ich dann antworten? ' Daß ich der glückliche Besitzer von zwei Staffeleien, eines schwarzen abgetragenen Sammt- rockes, einer Unmasse leerer Flaschen und eines halben Dutzend Meerschaumpscifen bin. s Ob ihr das hinreichend erscheine!: wird, um einen Hausstand zu gründen, befürchte ich sehr. —" ! „Weshalb gibst Du Dich denn aber auch nicht mit Eifer an die Arbeit? Du bist l ein schrecklicher Zeitverschweuder, Douglas." s „Arbeit! Zeitverschweuder!" rief Douglas aus. „Habe ich nicht diesen ganzen ^ Nachmittag gearbeitet? Trug ich doch meine eigene Persönlichkeit zur Schau, in der Er- f Wartung, daß die Leute unter einander sagen würden: „Sehen Sie dort den schöllen, ^ geistreich aussehenden jungen Mann? Das ist der berühmte Charles Douglas, von dein müssen Sie sich malen lassen." Leider Gottes befolgen die Menschen diesen guten Rath nicht." „Welches ein bedauernswerther Irrthum ihrerseits ist", fügte St. Lawrence, auf den Scherz eingehend, hinzu. „In: Grunde genommen kann ich eigentlich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich verliebt bin oder nicht. Wie man hört, können Verliebte von der Lust leben, dieser Fall trifft bei mir nicht zu; ich bin entsetzlich hungrig." l „Dann geht es Dir wie mir", bekannte St. Lawrence." „So vertraue Dich meiner Führung an, Du wirst es nicht bereuen. Uebrigens ^ freut es mich, daß die schwarz: Melancholie, die Du seit Deiner letzten Unterredung mit H diesem fürchterlichen Riggs an den Tag gelegt hast, Deinen Appetit doch noch nicht ganz verdorben hat; ebensowenig wie „Der Traum von schönen Frauen", welcher in s* diesen letzten Stunden Deine Miene verklärte." k „Wie Du siehst, Douglas, bin ich ein ganz prosaisch Sterblicher. Was meinen : 645 Kummer betrifft, der ist zu tief in mein Herz eingegrabeu, um Einfluß auf die Oberfläche meines gewöhnlichen Lebens auszuüben, und den anderen Punkt anlangend, kann ich Dir versichern, daß ich den Kopf noch nicht ganz verloren habe, Miß Dalton ist gebore», um in Sammt und Seide einher zu wandeln und nicht in einem Kleide von grober Wolle, wie ich es ihr nur bieten könnte." „Aber das Wollenkleid ist voraussichtlich nur für kurze Zeit und eines schönen Tages wirst Du Deine Göttin mit einem „Grand Seigneur" verheirathet finden. Beim Zeus, das ist ja eine ganz romantische Geschichte!" In dieser Weise plaudernd, erreichten sie die Restauration, wo Douglas zu speisen wünschte. Auch die Damen besprachen zwischenzeitlich die Ereignisse des Tages und die neuen Bekanntschaften, welche sie gemacht. Bertha mußte erzählen, wo sie Douglas kennen gelernt, und was sie von ihm wußte. „Wenn Miß Beaumont ihn in ihrer Schule angestellt hat, wo sie doch nicht vorsichtig genug sein kann, dann habe ich nicht nöthig, Einwendungen zu machen, falls er auch ab und zu mit seinem Freunde uns auch besuchen sollte." „Mrs. Dalton glättete und faltete in aller Gemüthsruhe ihren Mantel, während sie diesen weisen Ausspruch von sich gab. „Du scheinst auf Mr. St. Lawrence einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, Lena. Bemerktest Du nicht, wie forschend er Dich anblickte, als er um die Erlaubniß bat, uns seine amerikanischen Zeichnungen zeigen zu dürfen. Aber ich darf Dir vertrauen, mein liebes Kind, als Bekannter ist er sehr angenehm, doch mehr kann er nicht werden." „Auf alle Fülle steht er doch himmelhoch über Mr. Fancourt", warf Bertha dazwischen. „Was liegt daran", entgegnete ihre Schwester. „Diese Ueberlegcnhcit macht ihn nicht zum Enkel Lord Alphington's." Und doch seufzte Lena bei diesen Worten. War ihr Herz wirklich berührt worden, oder warum hatten ihre Pulse bei seinem scelenvollen Blicke und dem Tone der klangvollen Stimme rascher geschlagen? Weshalb erschauderte sie, als sie ihn im Geiste mit jenem Anderen, dessen Weib zu werden sie fest entschlossen war, verglich? Sie wollte Faucourt heirathen, aber nichtsdestoweniger die Verehrung des jungen Landschaftsmalers als einen ihrer Reize schuldigen Tribut annehmen. „Ich freue mich darauf, die Zeichnungen zu sehen", sagte Bertha, „es wird mir ein wahrer Hochgenuß sein." „Nun wohl", erwiderte Lena mit einem schwachen Versuche zulächeln; „da Mama Mr. St. Lawrence doch schon in die Liste meiner Anbeter eingeschrieben hat, so magst Du das Zeichenbuch haben und ich nehme dafür den Künstler selbst." „Einverstanden!" rief Bertha fröhlich aus und mit diesem Scherze endete die Unterhaltung. (Fortsetzung folgt.) Goldkörncr. Es ist kein Hühnchen noch so klein, Es möcht' übcr's Jahr eine Henne sein. Rein und ganz, Gibt dein schlichten Kleide Glanz. Das reichste Kleid Ist oft gefüttert mit Herzeleid. Vergleichen und vertragen, Ist besser als zanken und klagen. F. Beck. 646 Die Türken vor Wie». Gedicht von Kneie; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals überseht von Hanns Mctzler. (Schluß.) 83. Da spricht Starhembcrg, der edle Feldherr: „Wer von euch will dein durchlauchten Herzog Von Lothringen eine Botschaft bringen? Ich verspreche hundert Goldducaten." 84. Still umstanden ihn die Helden alle; Nur der junge Georg Mikalowitsch Mit dem Muth und Herzen eines Helden Sprach zum Fürsten diese kurzen Worte:") 85. „Gib mein theurer Feldherr, mir die Botschaft, Daß ich sie dem großen Herzog bringe; Mitten schreit ich durch das Heer des Srcktan, Türkisch werd' ich reden und arabisch." 86. Als der Fürst das Wort vernommen hatte, Schrieb er — eine Thräne in Sem Auge — Einen Brief dem Herzog von Lothringen. In dem Brief aber stand geschrieben: 87. „General und mein erlauchter Herzog! Hast Du denn die Deinen ganz vergessen? Länger können wir so nimmer leben, Länger nicht die Stadt des Kaisers schützen: 88. Denn schon fünfzig lange Tage drohen Uns'rer Stadt die Türken unaufhörlich, Um von allen Seiten reißen Bomben Thürme nieder, nieder die Paläste. 89. Aus zwei Seiten gräbt der 'Türke Minen, Auf der dritten folgt ein Sturm dem andern. Meine besten Generäle fallen Und von Offizieren mancher Brave. 90. Wüßtest Du nur, mein erlauchter Herzog, Was der Feind für Teufelspferde reitet; Allzu schmal für sie wär' unser Graben, Würden sie nicht so zurückgehalten. Ll. Arg und viel hat uns der Feind geschadet, Untergräbt noch fort und fort die Mauern. Komm, so bald Du kannst mit Deinem Heere, Denn wir sind in einer bösen Lage." 92. Und es schrieb der Herzog von Lothringen: „Lass' mein General den Muth nicht sinken, Denn es geht der Festtag nicht vorüber, Eh' Dir Hülfe kommt von allen Seiten. Es ist merkwürdig, daß der Name des Kolschitzki, der nur einmal den Gang durch's Türkenlagcr machte, viel bekannter ist als der des (Südslavcn?) Mikalowitsch, welcher dieses Wagniß öfter unternahm und namentlich zur Zeit der höchsten Noth. (S. O. K., x. 240.) 93. Denn am zwölften Tage des September Hörest Trommelwirbel Du im Osten; Johann ist's der edle Polcnkönig, Mit ihm kommen drcißigtausend Krieger. 94. Wieder wirst Du Trommelwirbel hören, Wo die Sonne niedersinkt im Westen; Diesmal sind es meine cig'nen Krieger, Drcißigtausend anserles'ne Deutsche. 95. Und zum dritten Male hörst Du trommeln, Denn von Norden kommt der Baycrn- hcrzog. Dieser führt ein Heer von zwamigtausend." Also schrieb dem Starhembcrg der Herzog. 96. Kaum jedoch hat er den Brief gelesen, Als im Kreise Fels und Bäume beben. Heute ist die Türkcn-Minc stärker, Und vom Walle stürzt ein Stück zusammen. 97. Grüße breite Breschen riß sie diesmal; Eine zwanzig Klafter weite Ocffnnng Läßt die Türken ein; mit blankem Säbel Stürmen sie heran und kämpfen wüthend. 98. Tod und Teufel! alter Waffenbruder! Das war Krieg und das ein lust'ges Fechten! Fußsoldat und Reiter hauen wuchtig Und der Lanzenträger schwingt die Lanze. 99. Lange währet so das Kopfabmähen; Als die Türken jetzt ein wenig weichen, Stürzet Groß und Klein herbei zur Hülse: Weiber, Jungfrau'«, Greise, Priester, Mönche. 100. Holz und Steine fliegen auf die Türken. Frisch geschmolz'nes Blei und heißeS Wasser; Handschare schwingt man dort und hier das Messer, Auch die schwere Keule thut das Ihre. 101. Die Studenten werden alle Helden, Denn sie stürmen feurig auf die Türken; Jeder will sich einen Kopf crober'n Und die Faust im Türkcnblutc baden. 102. Diese Schlacht vcrmältc Viele mit dem Schwarzen Tode, Türken viel und Deutsche. Doch es war ihr theures Wien gerettet Und in wilder Flucht die Kchlabschneidcr. 103. Als nach langem Tag die Nacht gekommen, Steigen auf zum Himmel rothe Flammen Aus oem hohen Thurm des Heilgen Stephan. Zeichen sind es von der größten Trübsal, 104. Von der höchsten Noth der Stadt dem Herzog. Und die Bürger warten auf den Dächern Einer bald'gcn Antwort. Endlich! endlich Flammt es auf den deutschen Alpcnhöhen. 105. Bald'gcr Hülfe sind es frohe Zeichen, Und die Mahnung, treu und fest zu stehen, Wcn'ge Tage noch die Stadt zu schützen Gegen Türkcnwuth und Heidengränel. 106. Jetzt, nachdem der zwölfte Tag gekommen, Sieht das kaiserliche Heer mit Jubel Auf dem nahen Lcopoldiberge Eine Kriegerschaar in schwarzen Mänteln. 647 107. Wieder schauen sie ein Heer, ein mächt'ges, Zwanzigtausend junge kräft'ge Helden; Wie der «schüre so weiß sind ihre Mantel Führer ist der wack're Bayernherzog. 108. Und das dritte Heer, das sie erschauen, — Rettung kündend — grün ist seine Farbe, Führt der vielgerühmte Polcnkönig Johann, zubenannt der feur'ge Drache. 109. Sieh, da schimmert es im weiten Kreise Rings auf allen Bergen, allen Höhen Von Kürassen und von Kürassieren, Von den vielen Büchsen, Säbeln, Lanzen. 110. Kriegsrath hielten jetzt die Generäle. Hier der Angriffsplan, den sie beschlossen: Das Kommando auf dem rechten Flügel Soll der große Polcnkönig führen, 111. Und an seine Seite stellt der Kriegsrath Einen jungen Ritter, Sachscu's Herzog, Lawcnburg, den Drachen mit zwei Köpfen, Und den General Rabat, den Banus; 112. Endlich noch zwei vielberühmte Ritter: Einer war ein General aus Ungarn, Palst — Ritter Gunduck war der Zweite, Aus Nagusa, alten Adels Sprosse.") 113. Diese ruhmbedeckten Generäle Kämpften unter König Johann's Banner. Jeder sieht mit Lust die treuen Mannen Unermüdlich Türkenköpfe mähen. 114. Auf dem linken Flügel eommandirte Seine schwarze Schaar der große Herzog. Und es stellten sich an seine Seite Starke Löwen, Adler mit zwei Köpfen: 115. Erstlich Baden's hochbcrühmter Herzog, Dann der Leslc, zubenannt die schlänge, Ljubomirk und Merck, die Barone, Taf, der General und Kroj, der Banus. ") 116. Und die beiden Centren commaudiren Aus dem deutschen Land zwei feur'ge Drachen, Bayerns Fürst und Herzog ist der eine Und der and're ist der Sachsenherzog. 117. Diesen an die Seite stellt der Kriegsrath Eilf der besten jungen Generäle. Doch der Obcrcommandant dcS Centrums Ist der vielerfahr'ne Prinz von Waldeck. ") General der Cavnllerie später Fcldmar- schall Herzog von Sachscn-Lauenburg; Fcld- marschall-Lieutenant Graf Nabatta, General Graf Carl Palffy; General-Major Gondola. Markgraf (nicht Herzog) von Baden; Feldmarschall-Licutenant Fürst von Lubomirski; General-Major Mcrcy; Fcldmarschall-Lieute- nnnt Herzog von Croy und Feldmarschall-Lieute- nant Graf Taaffe. Kurfürst Max Einanuel von Bayern; Kurfürst Johann Georg von Sachsen, Feld- Marschall Georg Friedrich Fürst von Waldeck. 118. Jetzo zieht das Heer, das dreifach starke, Von dem Leopoloiberg zu Thale; Als sie auf das eb'ne Land gekommen, Ordnet jeder Führer seine Truppe. 119. Prinz Parel beginnt das blut'ge Schlachten, Diesem folgt sodann als Zweiter Leslc; Mit dem ganzen Flügel greift der Herzog Nun die Türken an und drängt sie rückwärts. 120. Und der große Polenkönig stürmet Mit dem rechten Flügel auf zwölf Pascha, Auf den Feldherrn Karali Mustapa, Auf die wilde Schaar der Janitscharen. 121. Und vom Centrum stürmt der Bayernherzog Wuchtig auf daS starke Türkencentrum. Heisa! Solch' ein Stürmen! So ein Schlachten! Alter Kriegsgcnoß! das heiß ich kämpfen. 122. Finster wird's vom schwarzen Pulver- dämpfe, Mächtig hallt der Donner der Kanonen, Und die weite Eb'ne schwimmt im Blute .Und es röthcn sich der Donau Wasser. 123. Also kämpft vom Morgen bis zum Mittag Christ und Heide um oes Sieges Palme. Doch zu langsam schcint's zu geh'n dem Herzog, Denn er sticht das eig'ne Pferd zu Boden, 124. Wirft sich mitten in die Rcih'n der Feinde, In oer Rechten seinen scharfen Säbel ; Muthig folget ihm sein ganzer Flügel, Und auf dieser Seite flieh'n die Feinde. 125. Bald darauf sprengt Bayerns Herzog Kühn das Türkencentrum auseinander. Doch der Polenkönig ist in Nöthen, Denn die Janitscharen fechten wüthend. 126. Und schon soll sich schmählich rückwärts zieh'n Dieser Held, der nur das Vorwärts kannte: Sich', da kommt ihm schnelle, kräft'ge Hülfe Von dem Lothringer und von dem Bayer. 127. So gecinet werfen sie die Feinde, Hau'n und morden bis zum tiefen Dunkel. Doch den Großvezir entführt sein Rappe Aus dem dichten.deutschen Lanzeuwalde. 128. Alles läßt der Feind zurück: die Zelte, Die Kanonen, Trommeln und Trompeten, Allen Proviant und selbst die Kasse, Und an den Todten fünszigtansend Krieger. 129. Auf der Flucht von einer Stadt zur andern Kommt der mächt'gc Großvezir nach Belgrad. Dort erfaßt auch ihn das böse Schicksal: Denn da ward der Kopf ihm abgeschlagen. Ende. M i s e e l l e n. („Dramatische Ohrfeigen") nntckr diesem Titel erzählt der Pariser „Radical" anläßlich einer Ohrfeige, welche dieser Tage Derembnrg, der Mitdircktor Sarah Bern- hardt's, dor der Pforte Samt Martin von dem Ex-Communarden Lisbonne erhalten hat, einige amüsante Erinnerungen an andere in der Pariser Knnstwelt ausgetheilte Ohrfeigen. Der bekannte Direktor Nestor Roqucplan erhielt eines Tages, als er sich weigerte, den Tenor Poujade Probe singen zu lassen, von dem heißblütigen Künstler eine schallende Ohrfeige, stürzte sich wüthend auf seinen Angreifer und hätte den Spender des hohen 6 ohne Zweifel erwürgt, wenn man diesen nicht noch rechtzeitig aus seinen Händen be- ' freit hätte. Pöre Billon, der ehemalige Leiter des Amdign, hatte seiner Zeit -das wenig ' beneidenswcrthe Renommee, der am meisten geohrfeigte Theaterdirektor von Paris zu ! sein. Das kam aber so. Im Jahre 1864 hatte Pöre Billion einem dramatischen Autor j die Annahme eines Manuscriptcs verweigert. Aus Rache darüber lauerte Menct häufig ! dem störrischen Direktor aus, und kaum sah Billion den rachedurstigen Schriftsteller vor sich auftauchen — pardauz, hatte er auch schon seine Ohrfeige lveg. Der unglückliche Direktor ivagte schließlich gar nicht mehr auszugehen. Die berühmten Schauspieler > Fröderik Lema'ttre und Jcnneval waren sehr generös im Austheilen von Ohrfeigen an > ihre Direktoren. Einmal maulschellirte Lemaitre Harcl, seinen Direktor an der Porte Samt Martin, und ohne das Dazwischentreten Alexandre Dumas Pore wäre es sicherlich zu einem Duell gekommen. Bei einem Gastspiel in Roucn ohrfeigte Lemaitre, der mit dem Erfolg nicht zufrieden war, am Schluß der Vorstellung den Direktor Mesurier und sandte ihm außerdem am folgenden Tage noch ein höhnisches Schreiben, worin er fünfhundert Francs mit dem Bemerken reelamirte, daß „eine authentische Ohrfeige Frkrdörik ,i Lemaitre's mindestens so viel werth sei." Mesurier strengte einen Proceß gegen den ^ Künstler an und hatte die Genugthuung, ihn zu viernndzwanzig Stunden Arrest ver- urtheilt zu sehen. Was Jcnneval betrifft, so hatte er eine so „leichte Hand," daß sein Director, sobald der Künstler nur die Angenbrannen faltete, ausrief: „Es ist gut — ich : betrachte die Ohrfeige als empfangen!" * (Die Folgen der Fremdwörter - Verfolgung.) Anno 1815 soll es in Deutschland eine Anzahl von Menschen mit so ausgiebigem Fremdwörter-Haß gegeben haben, daß sie sogar gern die fremden Eigennamen vertilgt, d. h>, wo es sich eben thun ließ, in's Deutsche übersetzt hätten. Wäre man damals jener Verdeutschung gefolgt, so würden z.V. jetzt: „Tasso: Dachs, Shakespeare: Speerschwinger, Calderon: Großkessel, Ficsko, Graf von Lavagna: Schicfcrstein, Korneille: Krähe, Racine: Wurzel, Pope: Pabst und 1/Veä§orvooä: Keilholz heißen — jedenfalls war es also doch wohl besser, daß diese Sprach-Wütheriche nicht das Feld behaupteten. (Ein Indianer-Stutzer.) Der Präsident der Vereinigten Staaten, Arthur, welcher kürzlich von seiner ausgedehnten westlichen Tour zurückgekehrt ist, hat unter seiner Korrespondenz auch eine an den „Großen Vater" von Little Chief, einem jungen Cheyenne- Häuptling, vorgefunden. Dieser schreibt ihm: „Um's Essen gebe ich Nichts (wahrscheinlich weil er Fenerwasscr genug hat), aber ich liebe es mich nobel zu kleiden, und kaufen Sie für mich daher den allerbesten weißen Hut, den Sie im Markte finden." (In einer Gerichtsverhandlung.) Dame verschämt: „Die Details, die Sie von mir verlangen, kann ich keinem anständigen Manne sagen." — Richtern „So sagen Sie mir sie ins Ohr." (Räthsel.) Sie winkt ihm — Erhält um sie an — Sie reicht ihm die HMd Er nimmt ihr Geld — und — läßt sie sitzen. mhvguZpoqroM .roq .rnopnquaH .N(Z Für die Redaktion verantwortlich: Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Mnx.Huttler. H» Nr. 82. Samstag, 13. Oktober 1883. Der Gpalrmg. Roman aus dein Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Vierzehntes Capitel. St. Lawrence zögerte nicht lange, sich MrZ. Dolton's Erlaubniß zu Nutze zu machen. In der folgenden Woche schon erschien er, eine wohlgcfüllte Mappe unter dem Arme tragend, zu Joy Cottage. Es war ein warmer Abend; das Bogenfenster des hübschen Wohnzimmers stand offen und der Duft des spanischen Flieder's, des Weißdorn's und anderer Frühlingsblumen strömte in's Zimmer hinein. Lena hatte, eine feine Stickerei in der. Hand haltend, am Fenster Platz genommen; sie sah in ihrem sauberen weißen Kleide wunderhübsch auS und war sich dessen vollkommen bewußt. Bcrtha dagegen schien müde zu sein; blaß und abgespannt saß sie, um ihre Augen etwas auszuruhen, in dem Schatten der Gardinen. Gerade heute hatte sie in deut Pensionate der Airs. Beanmont solchen Schülerinnen Unterricht ertheilt, denen jegliches Gehör nud Verständniß für Musik fehlte, so daß sie die Stunden als Zeitverschwcndung für beide Theile ansah, und dieser Gedanke trug wesentlich zu ihrer Abspannung bei. Mrs. Dalton lag auf dein Ruhebette mit dem Lesen eines Romans beschäftigt. Alle begrüßten, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, St. Lawrence auf's Freundlichste. Mrs. Dalton war über jede kleine Zerstreuung vergnügt, Lena hoffte den günstigen Eindruck, den sie früher gemacht, bei dieser Gelegenheit noch verstärken zu können, und Bcrtha freute sich, das Zeichenbuch durchblättern zu dürfen. Der junge Mann fühlte sich glücklich in Dameugesellschaft, vielleicht um so mehr, da sich ihm Verhältnisse halber selten Gelegenheit hierzu bot. Diese elegante kleine Wohnung, das herzliche Entgegenkommen der älteren Dame nud die Schönheit und Grazie wenigstens einer der Insassen entzückten ihn; er wünschte sich im Stillen Glück, die Bekanntschaft dieser Familie, wo er manche vergnügte Stunde zubringen könne, gemacht zu haben. War ihm Lena's Schönheit auch damals sofort aufgefallen, so erblickte er sie doch jetzt zu Hanse zum ersten Male in ihrer ganzen Vollkommenheit, und ihr widmete er Anfangs ausschließlich seine Aufmerksamkeit. Später, als das Zeichenbuch hervorgeholt wurde, fühlte er sich doch cntnüchtert und enttäuscht. Lena gab -war vor, die Kunst zu lieben, ganz besonders schwärme sie für Zeichnungen nach der Natur, aber St. Lawrence entdeckte sehr bald, daß sie nicht das mindeste Verständniß, und wie er stark vermuthete, auch kein wirkliches Interesse dafür habe. Eine oberflächliche, einfältige Bemerkung, nur deshalb schön zu finden, weil sie von hübschen Lippen war ausgesprochen worden, lag ihm ferne und beinahe unwillkürlich suchten seine Blicke Bertha, während ste das Buch Zusammen betrachteten. Es siel ihm auf, wie der müde Aus- 650 druck von ihrem Antlitze verschwand, ihre Farbe sich erhöhte, die Augen zu leuchten begannen und der Gedanke, das Douglas Recht und dieses Mädchen eine mehr geistige Schönheit besitze, als ihre ältere Schwester, durchkreuzte sein Gehirn. Nachdem die Zeichnungen besichtigt und die Mappe wieder geschlossen war, setzten sie sich an's offene Fenster und benutzten die lange Dämmerstunde zu einer gemüthlichen Plauderei. St. Lawrence war viel gereist und zudem ein scharfer Beobachter und so gerieth die Unterhaltung nicht iu's Stocken, sondern ein Thema nach dem anderen kam zur Sprache. Die klugen Fragen und geistreichen, bald scherzhaften, 'bald ernsten Bemerkungen Bertha's, trugen viel dazu bei, das Gespräch lebendig zu erhalten. Dirs. Dalton war zu träge, um sich an einer Unterhaltung, die für sie wenig Interesse bot, zu betheiligeu, und Lena sah die Nothwendigkeit, sich anzustrengen, nicht ein, sonst hätte sie bei dieser Gelegenheit vielleicht doch einen Versuch gemacht. Jetzt begnügte sie sich damit, liebenswürdig zuzuhören und zu lächeln — und in der That lächelte sie dem jungen Landschaftsmaler häufig und freundlich zu, fest davon überzeugt, daß sie ihn durch ihre Herablassung bis in den siebenten Himmel erhebe. Sie hatten sich in der Nähe des Bogenfensters niedergelassen und blickten hinaus in den Garten. „Wie schön die Sonne untergeht! Welch' prächtiges Farbenspiel!" rief Bertha begeistert aus. „Ich glaube, nur wenige Menschen wissen diesen Anblick gebührend zu schätzen", bemerkte St. Lawrence. „Wie viele gibt es nicht, welche anscheinend Juwelen und Blumen bewundern, sich dagegen mit Gleichgültigkeit von der Pracht des Abendhimmcls wegwenden. Betrachten Sie nur diesen Glanz edler Steine vor uns — Topas, Saphir, Chrisolith und Amcthist." „Und das Ganze zusammen ein großer Opal", ergänzte Bertha. „Du kannst nichts Audre's mehr denken, als Opale", bemerkte Lena. „Alan sprach mir von einem alten Opalringe, der auf merkwürdige Weise in Ihren Besitz gelangt und dann wieder aus ebenso räthselhafte Weise verschwunden sei", wandte sich St. Lawrence an Lena. „Es ist eigenthümlich, wie rasch sich ein Gerücht verbreitet. Ist diescsmal etwas Wahres an der Sache?" „Die Geschichte dieses langweiligen Ringes betrifft Bertha. Wir haben schon übrigens genug davon gehört; aber meine Schwester wird sie Ihnen gewiß gerne erzählen, wenn Sie es wünschen. Ich habe wirklich Nichts damit zu schaffen." St. Lawrence bat Bertha, ihm diese Begebenheit mitzutheilen, sie willfahrte seinem Wunsche und machte ihn mit ihrem Abenteuer im Omnibus, dem Besuche bei Air. Lcmont und dem darauffolgenden Verluste des Ringes während ihrer Abwesenheit, da sie gerade herausgefunden, daß er Lord Alphington gehöre, bekannt. „Die äußere Erscheinung des Mannes, welcher den Ring verloren hat, ließ Sie also vermuthen, daß er nicht der rechtmäßige Besitzer sei?" frug St. Lawrence. „Was brachte Sie auf diesen Gedanken?" Bertha beschrieb ihren Reisegefährten näher und St. Lawrence versank in tiefes Nachdenken; doch ermannte er sich bald und dankte für die Erzählung. „Das ist ein sehr merkwürdiger Vorfall; es würde mich intercssiren, wenn ich erfahren könnte, wie sich die Sache weiter entwickelt." „O, wenn sie das wünschen, so werde ich Ihnen, falls etwas Weiteres bekannt wird, gerne Mittheilung darüber machen", versprach Bertha. „Die Geschichte 'muß doch rinen Schluß erhalten, auch schon wegen der Prophczeihung, die damit verknüpft ist." „Was ist das?" frug St. Lawrence. „Nur Unsinn", wandte Airs. Dalton ein. „Blich wunderts, Bertha, wie Du solches Zeug wiederholen kannst, namentlich da Du weißt, wie unmöglich es in Deinem Falle ist." i » / i 651 t' „Gerade deshalb, weil es so gänzlich unmöglich ist, macht es mir Spaß", ent- gcgnctc sie lächelnd. „Bitte lassen Sie mich diese gänzliche Unmöglichkeit hören", bat der junge Mann. ^ „Lord Alphington ist meine Autorität. Er erzählte mir von einer alten Familien- tradition, wonach diejenige, welche den Ring dreimal sieben Tage — ich glaube, das w-l war die verzauberte Zahl — trüge, Gräfin von Alphington werden würde. Vermuthlich ^ hielt der Erfinder dieser Prophczeihnng den Ring nur für eine Damcnhand passend. , - Wie lange mag Wohl der kleine Mann ihn an seinem krancnartigen Finger getragen ' - , haben? —" Der Mensch hat, wie es scheint, einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht", bemerkte . >' St. Lawrence, Bcrtha mit großem Interesse anblickend, gleichfalls als ob er sie in einem ^ 5 ihm ganz neuen Lichte betrachte. „Würden Sie ihn wohl wiedererkennen?" „O ja, sofort." „Es ist lächerlich, Lertha, wie Du auf die Gesichter der Leute Acht gibst; das thue ich nie. Und doch kann man nicht sagen, daß Du eine feine Beobachtungsgabe ^ hast, denn es war Dir ja nicht einmal aufgefallen, daß Mrs. Marwell vorigen Sonntag ^ ^ in der Kirche einen neuen Hut auf hatte." „Vermuthlich beobachten wir nicht alle in derselben Weise", während Bcrtha dieses sagte, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. l St. Lawrence war einige Augenblicke in seine Gedanken vertieft, dann frug er, > auf jene Prophezeiung zurückkommend und Bcrtha wieder mit dem vorhin erwähnten eigenthümlichen Interesse anschauend: „Trugen Sie jenen Ring die festgesetzte Anzahl j von Tagen?" ', „O, noch viel länger; deshalb wird wohl der Zauber gebrochen sein", cntgegnete sie lachend. 4 „Es scheint wirklich, daß wir immer über diesen Ring sprechen müssen", warf Mrs. Dalton dazwischen. „Der erste Besuch Mr. Fauconrt's war auch dieses Ringes d wegen." „Mr. Fauconrt's!" rief St. Lawrence erstaunt aus. !> „Der Enkel Lord Alphington's", erklärte Mrs. Dalton. „Er ist der junge Herr, welcher jetzt als Erbe des Namens und der Besitzungen anerkannt worden ist. Wir s werden im Herbste Gelegenheit haben, ihn näher kennen zu lernen, da wir dann unsere Freunde Sir Stephan und Lady Lanblcy zu besuchen gedenken." Der Blick des jungen Mannes glitt rasch von Bcrtha zu Lena hinüber. Erstere hatte augenscheinlich Fauconrt's Namen mit der größten Gleichgültigkeit aussprcchcn hören; Lena schlug verwirrt die Augen nieder und beschäftigte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, eifrigst damit, ihre Stickerei in den kleinen Arbcitskorb zurückzulegen. Die Lippe des jungen Mannes kräuselte sich; Lena bemerkte diesen leisen Ausdruck der Verachtung nicht, und selbst wenn sie ihn gesehen, würde sie ihn schwerlich richtig ge- « deutet haben. In ihrer Eitelkeit hielt sie es für selbstverständlich, daß jeder unver- hcirathcte junge Mann die Zahl ihrer Anbeter durch seine Person zu vermehren wünsche. Obschon sie fühlte, welche Macht die vollendete Erziehung und das feine höfliche Wesen, verbunden mit der geraden Treuherzigkeit, die aus den hellen, grauen Augen des jungen Mannes hervorleuchtete, auf sie ausübte, so crwägte sie in ihrem Innern doch nur, ob sie ihm erlauben solle, sich in sie zu verlieben oder nicht. Das Zwielicht war vorüber, und Mrs. Dalton befahl, die Lampe anzuzünden St. Lawrence erhob sich. ' »Ich habe ein großes Bild auf der Staffele! stehen. Sollte es Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern Vergnügen machen, dasselbe zu sehen, so darf ich wohl um die Ehre Ihres Besuches auf meinem Atelier bitten", sagte er, der älteren Dame zürn Abschiede die Hand reichend. S52 Mrs. Dalton interessirte sich nicht sehr für Gemälde, aber jede Abwechselung kam ihr gelegen und so nahm sie die freundliche Einladung bereitwilligst auf, indem sie versprach, ihn mit Lena besuchen zu wollen. „Meine jüngste Tochter wird wohl verhindert sein, da sie zu sehr in Anspruch genommen ist", fugte sie erläuternd hinzu. Bertha's Lebhaftigkeit verschwand plötzlich und der frühere müde Blick kehrte zurück, Dem scharfen Auge des jungen Mannes entging diese Veränderung nicht. Die Ereignisse des Abends gewährten ihm reichlichen Stoff znm Nachdenken. Zu Hanse angekommen, steckte er sich eine Cigarre an, öffnete sein Fenster und blickte noch lange hinauf znm Abendhimmel, als ob er in den Sternen seine Zukunft lesen müsse. Mit den Betrachtungen des eigenen Geschickes vermischten sich die Gedanken an Diejenigen, welche er vor Kurzem verlassen hatte. Eine unerklärliche Verschiedenheit schien dort zn bestehen; Mrs. Dalton und die ältere Tochter waren elegant und modern gekleidet, die letztere führte augenscheinlich das Leben einer trägen, vornehmen Weltdame, sie bczanberte ihn trotz ihrer Schönheit nicht mehr, da er während seines Besuches ihren wahren Charakter durchschaut und dieser ihm keine Achtung einflößte. Wie kam es nun, daß die jüngere Schwester arbeiten, sogar angestrengt arbeiten mußte? Für sie intcressirte er sich seines Freundes Douglas wegen, wie er sich selber vorsagte, und nur seinetwillen verdroß ihn der Unterschied in der Lebensweise der beiden Schwestern. „Sie ist nicht allein sanft und theilnehmend, sondern auch lebhaft und gescheit", setzte er in seinen Gedanken hinzu; „die Andere ist schön, aber wenn ich mich nicht sehr täusche, uninteressant, egoistisch und 'hochmüthig. Douglas kann von Glück sagen, falls es ihm gelingen sollte, Bertha für sich zn gewinnen." Bei diesem Schlüsse angelangt, warf er mit einem halben Seufzer das Fenster zu und suchte sein Lager auf; doch die ersehnte Nahe wollte sich sobald noch nicht einstellen. Bertha hatte sich an dem Abende vortrefflich unterhalten; sie war noch selten nist einem so liebenswürdigen jungen Manne zusammen gewesen und begann zn denken, daß die gelegentlichen Besuche von St. Lawrence sehr viel zn den wenigen Vergnügen, welche ihr einförmiges Leben mit sich brachten, beitragen würden. Lena vergoß in der Einsamkeit ihres Zimmers einige bittere Thauen; sie mußte sich cingestehen, daß sie diesen Mann wahrhaft würde lieben können und wie unendlich verschieden von dem, was sie bisher erwartet, das Leben an seiner Seite sein werde; aber entschlossen wandte sie den Blick von dieser verlockenden Vision ab. Die Zähren von ihren Wimpern abtrocknend, schalt sie sich selbst eine Thörin. Sie zweifelte nicht im Mindesten an ihrer Macht, St. Lawrence zu ihren Füßen bringen zn können. „Er wird unglücklich sein, wenn ich mich mit Fanconrt verlobe", sagt sie leise vor sich hin; „aber er kann doch nicht erwarten, daß ich ernstlich an ihn denke, da er mir gar Nichts zu bieten vermag." Fast hätte sie der Vorsehung zürnen mögen, daß sie dem Manne, welchem sie unter allen den Vorzug gab, Titel und Reichthümer versagt und sie dazu vernrtheilt hatte, die Bewerbungen dieses Fanconrt, welcher ihr einen solchen Widerwillen einflößte, anzunehmen. Und dann stieg auf einmal der Zweifel in ihr auf, ob sie dieser Bewerbung überhaupt so sicher sei, als sie anfangs geglaubt, denn Mr. Fanconrt war nach seinem ersten Besuche nur noch einmal zn Joy Collage gewesen. Bei dieser Gelegenheit hatte er freilich seine Bewunderung aus eine Weise geäußert, die man bei jedem Anderen, nur nicht bei dem Erben solch' großer Besitzungen mit Abscheu zurückgewiesen haben würde; von dieser Zeit an erwartete Lena ihn täglich vergebens. Sein Nichterscheinen fing an, sie zn ärgern und zn kränken, und sie befürchtete, irgend eine hochgeborene Dame habe sie aus seiner Gunst verdrängt und Lord Alphington befürworte die standesgemäße Neigung seine» Enkels. Die Ungewißheit begünstigte Fanconrt's Werbung mehr als feine persönliche Gegenwart dies vermocht hätte. Ueber die Sorge, die schon geträmme Grafenkrone zu ver- lieren, vergaß sie die Abneigung, welche die Person selbst ihr einflößte und so wurde St. Lawrence's Bild durch ihre beliebten Träumereien von zukünftiger Pracht und Größe verdrängt. Fünfzehnte S Capitel. Fancourt's leidenschaftliche Bewunderung für Lena Dalton wurde durch dee gezwungene Trennung eher vergrößert als vermindert — ihre Sorge war daher überflüssig. Ein Brief von Julie Lemont zwang ihn,' für einige Tage die Stadt zu verlassen. Während einer späteren Unterredung mit Lord Alphington waren die Geschäfte zur vollen Zufriedenheit geordnet worden. Schöne Gemächer dienten Fanconrt als Wohnung, eine bedeutende Jahresrente wurde festgesetzt, und der Earl händigte ihm noch eine große Summe für seine augenblicklichen Bedürfnisse ein. Er konnte sein Entzücken hierüber kaum verbergen, und in demselben Maße, wie dieses zunahm, steigerte sich die Kälte in dein Benehmen Lord Alphington's. Hätte Fanconrt bei der Uebernahme des Ranges und Titels seiner Vorfahren die mindeste Erregung an den Tag gelegt, oder nur den Wunsch geäußert, mit dem alten Herrn in gutem Einverständnisse zu leben, so würde dessen Herz ihm gegenüber all- mälig erweicht worden sein, er würde Vieles verziehen haben. Aber bei seinem Enkel bemerkte er nichts als Selbstsucht und schmutzige Gelvgier. Lord Alphington kehrte bekümmert nach seinem Landsitze zurück, in dieses prachtvolle Heini, dessen Leere jioch immer nicht ausgefüllt werden sollte. Fanconrt werde natürlich eines Tages heirathen, aber welche Erwartungen durfte man an diesen Schritt knüpfen, denn ein gebildetes, sein erzogenes Mädchen würde sich schwerlich zu einer Ehe mit diesem gemeinen niedrig gesinnten Menschen entschließen können. Nein, von der Zukunft war nichts mehr zu erhoffen. „Er wird wohl", so dachte Lord Alphington, „eines Tages durch das hübsche Gesicht eines Mädchens aus geringen: Stande gefesselt und von dieser der Stellung und des Reichthums wegen gchcirathet werden." Hätte der tiefbetrnbte alte Herr gewußt, daß Fanconrt schon seine Wahl getroffen, so würde dies sein Gemüth in etwa erleichtert haben. Madeline Dalton war ihn: freilich nicht so sympathisch wie deren Schwester, aber auf alle Fälle eine schöne und elegante Erscheinung. Der Earl wanderte an dem Morgen, welcher seiner Rückkunft folgte, trostlos von einem Zimmer zum anderen; er verweilte bei jedem Andenken früherer, glücklicher Tage. Der Arbeitstisch und Stickrahmen seiner verstorbenen Gemahlin stand noch auf demselben Platze wie bei ihrer Lebzcit; er zog die Schieblade des Tisches heraus, wo ihr Fingerhut und die Scheere, welche sie zuletzt gebraucht, hatte, lagen. Ein Stück Stramin mit einer angefangenen Rosenknospe war noch aus dem Rahmen aufgespannt und ein grüner Faden hing lose daran herunter. In dem Eßzimmer betrachtete er die Portraits seiner beiden Söhne und seiner Schwiegertochter, einer jungen Dame mit einem Kinde auf dem Schooße. Das Schulzimuicr mit seinen kleinen Pickten, abgenutzten Büchern, Bällen und sonstigeil Spielsachen rief in seiner Erinnerung die lieblichen Gesichter, die munteren Stimmen und trippelnden Kinderfützchen, wodurch diese öden Räume einst belebt worden waren, wach. Wie schnell waren sie alle dahingeschwunden und hatten ihn, den alteil Mann allein zurückgelassen. Um von seinen traurigen Empfindungen nicht ganz überwältigt zu werden, befahl er, seiil Pferd vorzuführen, und ritt nach Lakspnr hinüber; bei den thcilnehmendcn Freunden hoffte er sein schweres Herz erleichtern zu können. „Ich bedaure unendlich, dies zu hören", sagte Lady Langleh, nachdem Lord Alphington die einzelnen Umstände seiner Reise ausführlich erzählt hatte, „aber wir wollen hoffen, daß Sie doch etwas zu schwarz darein sehen. Vielleicht ist Ihnen Ihr Enkel bei näherer Bekanntschaft nicht so »nangcnchm, als Sie jetzt zu glauben scheinen." 654 „Sie werden sich selbst davon überzeugen, daß ich nichts übertreibe, wenn er hierher kommt. „Er kann höchstens meine Sorge und meinen Kummer vergrößern, da ich in der beständigen Furcht leben muß, durch ihn meinen Namen geschändet zu sehen." Lady Langlcy versuchte auf alle mögliche Weise ihrem alten Freunde, dessen großen Schmerz sie vollkommen zu würdigen verstand, Trost und Muth einzusprechen. Aber ungeachtet ihrer Bemühungen, die ganze Sache von einem freundlicheren Gesichtspunkte aus darzustellen, bangte es ihr doch heimlich, denn sie kannte Lord Alphington genügend, um zu wissen, daß er sich nicht zn einem vorschnellen, schroffen Urtheile hinreißen lasse und daher hinreichenden Grund zn seiner Abneigung haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Born Anerberg. Nickt lcicht ein Fleckchen Erde unseres gesegneten SchwabcnlandcS bietet so viel deS An- mnthig-Schönc», alS die Hochwarte deS schwäbischen Vorlandes, der sagenmnflosscne Anerbcrg. Seit Herr Hanptmann Hugo Arnold vor einigen Jahren die uralten Befestigungen dortselbst sozusagen neu entdeckt und beschrieben hat, ist das Interesse der GcschichtS- und Allcrihuins- frennde für den Anerbcrg neu belebt worden und man sieht jetzt östcr als sonst, auch weiter hcrgcrcistc Forscher dein lohnenden Ziele zustreben. Fromme Waller besteigen gerne den Berg, um im altehrlvürdigcn St. GcorgS Kirchlcin, dessen Gemäuer weithin in die Lande leuchtet, ihre Andacht zu verrichten, und auch sonst wird der Berg von Naturfreunden gerne besucht. Freilich könnte dieser Besuch ein ganz anderer, weit gröberer sein, wenn man die gebotenen Naturgcnüssc dem nur geringen Aufwand an Zeit und Geld gegenüber stellt nno bedenkt wie weit weniger lohncnoere und dann viel mühsamere Touren von Hunderten gemacht werben. Kurz und gut, der Anerbcrg verdiente ein wenig mehr die Beachtung der größcrn Touristcnwclt, deren Strom an ihm vorbciflnlhet, vielleicht weil ihm das — 4Ipba und Ome^a — der berühmte Name und vielleicht die Gunst der fashionnblen Nciseliteratur fehlt. Ein Sonnenaufgang vom Anerbcrg aus gehört zn den erhabensten Nnturgcnüsscn, nicht weniger die liebliche Rund- und Fernsicht in die majestätische Alpcnwelt, wie nordwärts weit hinab in'S Flachland, wo die Silberfäden des Lech's und der Wcrtach vom Grün der Wiesen und Wälder umsäumt sich hinschlängcln. Die alte Reichsstadt Kanfbcnren mit ihren Mauern und Thürmen liegt vor unS, in'S Thal der Wcrtach gebettet, anmnthig überragt von den stattlichen Gebäuden der Heil- und Pflcgcanstalt. Im Mindclthal desgleichen das freundliche Städtchen Mindelheim mit dem stolzen Stammsitz der Frnndsbcrge, der Mindelbnrg. Nach Hunderten zählen die Dörfer und Ortschaften, die wir mit unserm guten Rohre aus dem mosaikartigen Gewimmel von Wiese, Feld und Wald herauslesen. Den AugSburger Ulrichsthurm bringt uns dnS Fernglas heran aus dem luftigen Hintergrund, desgleichen das Ulmcr-Münstcr, Wenn die Verhältnisse günstig. Im Süden grüßen zwischen den Granitfclscn des Raulings- und Tegclbergs die herrlichen Königsbnrgcn, Neuschwanstcin das märchenhafte Schloß, Hohenschwnngan die vom Zauber geschichtlicher Erinnerungen umsponnene Burg. Weiter rechts grüßt auch noch der Fnlkenstein herüber. Im Osten streift der Blick über die Silbcrschüsseln und Becken bayerischer Seen. Vom ^fernen Watzmann bis tief hinein in'S Algäncrgcbirg blinken die Zacken und Hörner der Berg- riesen, ein herrlicher Anblick früh Morgens oder Abends, wenn die Sonne ihre ersten und letzten Strahlen entsendet und flüssiges Gold über die Bcrghäuptcr ausgicßt. Doch wir wären da bald in'S ideale Fahrwasser gerathen, was wir thunlichst vermeiden ^vollen, denn unser Aufsatz gilt ganz und gar realen Dingen. Wir möchten dein Anerbcrg, dein Kleinod deS schwäbischen Vorlandes, Freunde gewinnen vornehmlich unter der Gattung Neisc- Publikum, das mehr über ein volles HcrZ als über volle Börsen verfügt und dann eine Fußtour von etlichen Stunden eine Erguickung statt eine Last ist. Man kann dem Anerbcrg von verschiedenen Seiten Leikommen. Am Besten thut man, wenn man sich per Dampfroß nach Oberdorf begibt, sich dort in die Postchaisc setzt und sich nach Stillten kutschircn läßt. Das kostet nicht viel und man ist am westlichen Bcrgcshang. In längstens Stunden geht man von da auf den Anerbcrg hinauf spazieren. Da indeff die Gelegenheit die Post zn beuützcn im Tag nur zweimal geboten ist, ziehen es Manche vor, per peäes apostolorum dem Berge zuzustreben, waS von Bicscnhofen oder noch besser von Oberdorf aus geschehen kann. Der Weg ist beiderseits ein hübscher. In Bicscnhofen wie in Oberdorf, namentlich aber in Kanfbcnren, findet sich reichliche und billige Fahrgelegenheit. Die dortigen Lohnkutscher besitzen hübsche Vehikel, gute Pferde und was die Hauptsache, rechnen billig. ' Da es in Kausbenren selbst so manches zn sehen gibt, was dem Fremdling von Interesse 655 — wir ncimcn nur das neue NathhauS mit Lindenschmit's Wandgemälden und einem Lokal- muscnm, St. MartiuSkirche, ein prächtiger gothischer Ban, ^>t. Blasien mit seinen alldeutschen Gemälden — so empfiehlt es sich auch zuvor hier gemüthlich Station ;n machen. Singer dem Anerberg gibt es noch verschiedene Ausflüge in die nächste Umgebung, die sehr lohnen, wie z. B. zu den Römcrthürmen von Kemnath und Hclmishofcn (mit großartiger Nnndsicht) und so fort. Was die Bewirthung nur den Anerberg herum anbelangt, so kaun darüber keine Klage walten. Wie der bayerische College Peissenberg von Jahr zu Jahr mehr besucht wird, sollte auch der schwäbische Auerbcrg, der ebenso Schönes bietet, mehr besucht werden. Waldfriedeu. (Ode.) Sanft auf schwellendem Moos ruh' ich in Waldesnacht. Mächtig ragen empor Eichen und Buchen rings, behalten spendend sie wehren Mir der glühenden Sonne Strahl. Traulich murmelt der Quell. Hin über Fels und Stein Plätschert Büchlein so traut. Still in die Wellen schau Ich in süßem Vergessen, Athmend stärkenden Waldcsduft. Horch! — Waldvögelein singt. Sitzend auf grünem Ast Blickt, es staunend aus mich. Lieblich erschallt sein Lied Laut dem Schöpfer zum Lobe. Stille lausche ich andachtsvoll. Glücklich träume ich dann, kununer- und sorgenlos, steril dem bunten Gewühl, fern dem geschäst'gcn Markt Süßen Frieden im Herzen, Dort in schattiger WaldcSnacht. Fritz ClauS. Das Erdbeben von Krakatau. Das Berliner Tagblatt veröffentlicht einen vorn 30. August datirten Brief eines seit längerer Zeit inBatavia domicilirendcn Herrn. Wir entnehmen dem L-chrcibcn daS Folgende: Wir haben hier ein furchtbares Elementar-Ereigniß erlebt: ein Erdbeben. Etwa 1l2 englische Meilen von Batavia liegt die Insel Krakatau, dio schon seit 300 Jahren wegen ihrer thätigen Vulkane einen bösen Ruf hat. Nachdem die Vulkane indessen mehrere Generationen hindurch geschwiegen, begannen sie sich vor.etwa zwei Jahren wieder zu rühren. Wir suhlten hier wiederholt Erdstöße und Erderschüttcrungen. In der Stacht zum Montag (27. August) begannen die wirklichen Eruptionen. Van vier bis acht Uhr Sonntags Nachmittags hörten wir starke Detonationen, und da der Himmel sich zu gleicher Zeit umwölkte und es regnete, so hielten wir es einfach für ein Gewitter. Ich hatte am Abend Besuch und legte mich dann gegen 1l Uhr zu Bett. Kanin hatte ich eine halbe Stunde geschlafen, als ich durch einen heftigen Knall aufgeweckt wurde; erschreckt fuhr ich aus dem Bett; ich hatte die Empfindung, als ob man dicht vor meinem Fenster eine große Kanone abgefeuert hatte; ich glaubte fest an einen estraßenkampf. Ich zählte neun solcher Schläge und merkte nun erst, daß die Detonationen von einer vulkanischen Eruption herrühren müßten. Entsetzt wollte ich das Fenster aufreißen, aber die Scheiben flogen mir in's Gesicht. Das nun folgende Getöse spottet jeder Beschreibung. Alle Fenster barsten, der Kalk fiel von den Wänden, die Lampen verlöschten, daS ganze Haus Lebte. Ich tröstete die erwachten Kinder und war froh, als meine Hausgenossen heimkehrten. An Schlaf war nicht zu denken. Um 2 Uhr Nachts war daS Getöse am Furchtbarsten. Alan unterschied deutlich das Geräusch der Explosionen und dasjenige des NiederfallenS der Erd- und Lavamassen. Das Geräusch folgte einander wie der Donner dem Blitz. Gegen Morgen ging daS Getöse in ein unaufhörliches Grollen über. Das Wetter war hell und klar, es herrschte eine unerklärliche Kälte. Die gcängstigte Thierwclt geberdete sich wie wahnsinnig. Was fliegen konnte, schwirrte in der Luft umher, so daß der Himmel fast verdüstert war. Milliarden von Insekten, Ameisen, Kröten, Bienen ec. krochen aus dem heißen bebenden Boden hervor. Das Fürchterlichste war uns noch vorbehalten. Ich begab mich mit B. zur Stadt. Um nenn Uhr sing es plötzlich an finster zu werden. Wir mußten die Lampen anzünden. Stach einer halben Siunde war der Himmel pechschwarz. Eine Panik ergriff die ganze Bevölkerung. Mit polterndem Geräusch stürzten plötzlich ungeheure Aschcnmasscn hernieder, die in einem Augenblick den Boden 8 bis 4 Fuß hoch bedeckten. Alles was Beine hatte, floh. An den nach Buitenzarg abgehenden Eisenbahnzug klammerte» sich die Leute vcrzwciflungsvoll au. Die Eiugebornen flohen heulend die Berge hinauf nach dem Innern. ES herrschte schwarze Nacht. Die Lieft war zum Ersticken. Der herabfallende Schwefel entzündete sich in der Luft, blaue Flnmmchen zuckten hin und her, der Schwefel- dampf wahr fürchterlich. Die Kniee wankten uns, wir waren einer Ohmnacht nahe. Der Aschenregen dauerte bis gegen 6 Uhr Abends. Allmählig klärte sich die Liest auf, doch der gelbe Schwefcldampf verpestet noch heute die Atmosphäre. Am Montag Abend herrschte eine furchtbare Kälte, so das; wir unsere dicken Jacken hervorsuchen mußten. Wir hatten das Gefühl, als wenn wir aus dem heißesten Sommer urplötzlich iu den strengsten Winter versetzt worden wären. Batavia glich einer Wintcrlandschaft. Die Bäume, von der Hitze entlaubt und kahl, Waren mit einer grauen Masse bedeckt. Die Gefahr war vorüber, die Verwüstungen aber entsetzlich. Auf dem' Boden des MccrcS hatten sich Vulkane geöffnet und ungeheure Wassermasscn auf Batavia gewälzt. Es regnete Haifische und Krokodile.. Drei furchtbare Wogen setzten den unteren Theil von Batavia auf zwei bis zehn Minuten unter Wasser. Kleinere Dampsbootc und Schaluppen wurden mitten auf die Straße gesetzt. Telegramme melden, daß die ganze Insel Krakatnn, die so groß war wie Irland, untergegangen ist. Das Festland der Insel gegenüber ist total verwüstet. Ganze Städte, Wälder und Felder sind verschwunden. Die Zahl der verunglückten Europäer schätzt man auf 2 bis 300. M i s e e l l e n. (Eine gute Quittung.) Ein Arzt präsentirte dem Testamentsvollstrecker eines seiner verstorbenen Patienten die Rechnung und fragte: „Wünschen Sie, daß ich meine Rechnung beschwöre?" — „Nein," erwiderte der Testamentsvollstrecker, „der Tod des Verstorbenen beweist zur Genüge, daß Sie ihm ärztlichen Beistand haben ange- dcihen lassen." (Bei der Felddienstübnng.) Lieutenant: . . . „Nach welcher Himmelsgegend marschircu wir?" — Markus: „Nach Süden, Herr Lieutenant!" — Lieutenant: „Richtig! Woran erkennen Sie denn das?" — Markus: „Weils immer wärmer wird, Herr Lieutenant!" " (Naiv.) Lehrer: „Was lernen wir aus dem Gleichnisse von den sieben klugen und thörichten Jungfrauen?" — Schülerin: „Daß wir stündlich auf den Bräutigam warten sollen." (Nur praktisch.) A.: „Wie kommt es, daß Sie allein einen Maßkrug haben und alle Anderen nur Halbe?" — B.: „Das ist ganz einfach: Weil i' mi' da blos halb so oft über's schlechte Einschenken ärgern mnaß, wie die dummen Kerl da!" (Trumpf.) Herr (in einen Tramwaywagen tretend): „Ist die Arche Noah schon voll?" — Passagier: „Bis auf den Esel; wollen Sie nur hereinkommen!" Räthsel. Zwei Worte sind's, die Jeder kennt, zwei Worte nur, doch voll Gewicht; Bald ist's ein Hammer, dessen Schlag, was härter als ein Fels, zerbricht; Ein Feuer bald, das flammt und sprüht, und doch kein Haar am Haupt versehrt; Ein Lufthauch bald, gelind und saust, ein Sturmwind bald, der Cedern bricht; Ein Donner setzt, der mächtig dröhnt, und jetzt ein scharf geschliff'ncs Schwert, Das Leib und Seele scheiden kau»; verwundet's auch, es schadet nicht; Ein Regen ist's, er netzet nicht, und labt mir den, der sein begehrt; Ein Spiegel ist's, der alles zeigt, und doch bedarf kein fremdes Licht; Arznei dem Kranken, dient es auch als Speise, die Gesunde nährt; Ein Samen ist's und Frucht zugleich, du trennest Kern und Schale nicht; Ein Ganzes und vom Wechsel frei, Irägts doch ein Doppelangesicht; Dem ist es schrecklich, dcr's verschmäht; den: lieblich, der zu ihm sich kehrt; Zwei Worte nur, du horst sie gern; nun rathe, Kind, und fehle nicht I Für die Redaktion verantwortlich: AlPhonS Planer iu Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Hultlcr., Nr. 83. 1883. tur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 17. Oktober Der OpaLrirrg. Roinair aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Faucourt nahm sofort seine schöne Wohnung zu Magnus Square in Besitz. Den ersten Abend brachte er damit zu, die prächtige Einrichtung, die sein gearbeiteten Möbel, schwerseidcnen Damastvorhänge, großen Spiegel und kunstvollen Bronccstatuen, sowie die herrlichen Gemälde, welche die Wände schmückten, zu beschauen. Damit fertig, träumt er, auf einer Ottomane hingestreckt, von der brillanten Zu kauft, welche seiner harrt. Rechts neben ihm auf einem kleinen Tische steht eine kleine Schelle, er brauchte sie nur zu berühren und sofort eilen Diener herbei, um seinem leisesten Befehle zu gehorchen. Wünscht er zu reiten? Die Pferde im Stalle stehen zu seiner Verfügung. Will er ausführen, so hat er nur den Wagen zu bestimmen. IN der nächsten Londoner Saison wird er als Erbe und Enkel Lord Alphington's allenthalben empfangen werden und die schöne Madcline Dalton, um sein Glück vollständig zu machen, dann die Seinige sein. Stürmisch pochte sein Herz bei diesem Gedanken, alle Furcht war für den Augenblick verschwunden. Solcher Art waren die Reflexionen, mit denen er sich zu Bette begab, um am nächsten Morgen durch einen unerquicklichen Besuch in Gestalt eines Briefes aufgeweckt zu werden. Nachdem er denselben gelesen, sprang er mit einem Fluche in die Höhe, schellte heftig, befahl dem eintretenden Diener, ihm auf der Stelle das Frühstück zu bringen und den kleinen offenen Wagen anspannen zu lassen. Bald darauf fuhr er in raschem Trabe dem Stationsgebäude zu. Seine Abwesenheit von London dauerte ungefähr eine Woche; deshalb war es ihm auch unmöglich gewesen, seinen Besuch in Joy Collage zu wiederholen. Er kehrte Abends zur Stadt zurück. „Wo ist James?" frug Fancourt. „Zum Henker, weshalb ist er nicht hier, da er doch wußte, daß ich zurückkommen wollre"; denn nicht sein Diener, sondern ein Fremder, ein ziemlich kleiner Mann mit klugen, grauen Augen und schwarzem Haare hatte seine Neiseeffekten in Empfang genommen. „James hat plötzlich nach seiner Heiinath abreisen müssen, da sein Vater bedenklich erkrankt ist", erwiderte der neue Diener und Mr. Parker beauftragte mich, seine Stelle zu versehen." Faucourt verwünschte James nebst seinem Vater und den Haushofmeister und schloß mit der Bemerkung, es sei ihm ganz einerlei, wer ihn bediene, wenn nur seine Befehle pünktlich ausgeführt würden. „Wie heißest Du?" frug er endlich. „Mein Name ist John, Sir." „Hast Du schon früher eilten einzelnen Herrn bedient?" . 658 „O ja, Sir", entgeguete lächelnd der Mann, „schon mehrere nnd immer zur größten Zufriedenheit." „Das genügt. Hier nimm' meinen Ncbcrzichcr mit weg, nnd sage Brooks, ich wünschte in einer Stunde zu speisen." Der Diener empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung und eilte, dem Befehle seines neuen Herrn Folge zu leisten. Mit der Zeit machte sich John ganz unentbehrlich; er schien die leisesten Wünsche Fauconrt's errathen zu können. Hatte dieser einen Brief oder sonstigen Auftrag zu besorgen, so war Niemand pünktlicher, als John. Nie vergaß er eine Bestellung, ja, er entwickelte in der Regel mehr Umsicht, als sein Herr selbst. Wenn dieser völlig berauscht und stolpernd in der Nacht nach Hanse kam — was sehr häufig geschah — immer war John znr Hand, um ihm beim Auskleiden behülflich zu sein und am nächsten Morgen erschien er wieder mit seinem gewohnten Lächeln, als ob Nichts vorgefallen sei. John verkehrte nicht viel mit den übrigen Dienstboten nnd diese hielten ihn für verschlossen, doch war er so freundlich und zuvorkommend gegen Alle, daß sie ihm unmöglich böse sein konnten, und diese Zurückhaltung schien ganz besonders Vertrauen zu erweäm, denn er wußte immer Alles, was um ihn her vorging. Sein Herr wünschte sich Glück, einen so umsichtigen Diener zu besitzen und beschloß, diesen gewandten, klugen Burschen für seine Zwecke zu benutzen und nöthigen- falls die Verschwiegenheit desselben zu erkaufen. Daher befahl er, John in Dienst zu nehmen nnd James, wenn er zurückkommen sollte, zu entlassen. Scchszehntes Capitel. Wochen vergingen. Der heiße staubige August war dem schwülen Juli und dem sonnigen Juni gefolgt. Ende Juli hatte Donglas die alte Tante, welche er so sehnlichst zu beerben wünschte, durch den Tod verloren. Seine Erwartungen wurden bedeutend übcrtroffen, da es sich herausstellte, daß die alte Dame aus Geiz so sparsam gelebt hatte. Ein Testament fand sich nicht vor und so erhielt Douglas das ganze Vermögen. Er ging zum Begräbnisse hin, kam aber schon nach zwei Tagen freudestrahlend zurück; es würde auch seinerseits Heuchelei gewesen sein, Trauer zu äußern, da er seine Verwandte kaum gekannt hatte. Zwischen der Familie Dalton und den beiden Künstlern ward ein lebhafter nnd vertrauter Umgang unterhalten. Die jungen Männer, welche herausgefunden, daß die beiden Misse's Talton vor ihrer Ucbersicdclung nach London öfters nach der Natur gezeichnet hatten, benutzten dies als Vorwand und veranlaßten deren Mutter, sie auf ihren Touren nach den hübschen Punkten der Gegend zu begleiten; zu diesen Ausflügen wurden immer die Nachmittage gewählt, an welchen Vertha frei war. Draußen in der schönen Natur verkehrten die jungen Leute ungezwungener nnd offener miteinander, als dies in der Stadt möglich gewesen wäre, und so kam es, daß die herzliche Zuneigung, welche Douglas für Bertha empfand, zu einer innigen Liebe heranwuchs, denn ihr sanfter, unverdorbener, aufrichtiger Charakter offenbarte sich den beiden Freunden von Tag zu Tag mehr. St. Lawrence hielt Lena noch immer für das hübscheste Mädchen, welches er je gesehen, aber sie besaß nebenbei auch die Fehler, welche ihm am widerwärtigsten waren. Sei es nun, daß der ländliche Hintergrund, auf welchem er sie so oft erblickte, nicht zu ihr paßte, oder machte der innere Zwiespalt sie außergewöhnlich unliebenswürdig und launisch; was es auch immerhin sein mochte, St. Lawrence fühlte sich nicht mehr zu ihr hingezogen. Ihr Lächeln hatte allen Reiz für ihn verloren, und ihre angenommene Kälte war ihm gleichgültig. Für Bertha hingegen empfand er die aufrichtigste Verehrung. „Brüderliche Zuneigung", pflegte er dieses Gefühl bei sich zu nennen. Wie 659 hätte er es auch anders bezeichnen dürfen, ohne zum treulosen Vcrräthcr an seinem Freunde zu werden. Fanconrt zählte auch zu den häufigeren Besuchern von Joy Collage,' der Zweck derselben war unverkennbar, doch halte er sich bis jetzt noch nicht erklärt. Zufällig traf er nie mit Douglas und St. Lawrence zusammen; dies mochte wohl daher kommen, das; er seine Besuche meistens bei Tage machte, — die Abende brachte er in weniger anständiger Gesellschaft zu. St. Lawrence dagegen war den ganzen Tag über fleißig an seiner Staffelet beschäftigt und konnte nur über die späteren Stunden des Nachmittags verfügen. Donglas bekannte offen, daß er Bertha's wegen hingehe und die Abends zu Hanse sei. Lord Alphington und St. Lawrence erhielten beide von Zeit zu Zeit Nachrichten von Mr. Niggs; der erstere durch seinen Rechtsanwalt und letzterer vom Geheimpolizisten selbst. Dieser drang noch fortwährend in ihn, sich ruhig zu verhalten. Bis jetzt hatte man nichts Wciter's über den Opalring in Erfahrung gebracht. „Ich hoffe und glaube, Ihre Angelegenheit in's Reine bringen zu können, aber äußerste Vorsicht ist nothwendig", schrieb Mr. Niggs in seinem letzten Briefe. St. Lawrence sah ein, daß er warten und vertrauen müsse, wenn auch gewisse Verhältnisse ihm dieses Warten qualvoll machten und ihn zeitweise die Furcht befiel, seine Pflicht nöthige ihn, die Fesseln zu brechen, die Mr. Niggs ihm angelegt, selbst auf die Gefahr- hin, persönlich Schaden dadurch zu erleiden. Durch das ererbte Vermögen stieg Douglas bedeutend in den Augen der Mrs. Dalton. Bei ihr stand es von jeher fest, daß Lena durch Heirath ihr Glück machen muffe und vermittelst einer kleinen Unterstützung von ihrer Tochter werde es für sie möglich sein, von ihrem geringen Einkommen zu leben. Aber was denn mit Bertha anfangen? Lena werde natürlich einen vornehmen Mann heirathen und dann paffe es doch nicht für die Schwägerin eines Grafen, die Mnsikstnnden weiter fortzusetzen. Diese schwierige Frage ist jetzt glücklich gelöst, da sich Douglas in Bertha verliebt hat; man muß es wirklich eine Fügung der Vorsehung nennen", vertraute Mrs. Dalton Lena an. Für ihre älteste Tochter würde sie eine solche Verbindung verschmäht haben, aber was konnte sie für Bertha mehr erwarten, als ein bescheidenes Einkommen und ein Btann von hübschem, tadellosen Aeußeren und feinem Benehmen, dessen sie sich unter ihren zukünftigen aristokratischen Verwandten nicht zn schämen brauche. Auf diese Weise regelte die kluge Mutter zu ihrer eignen Befriedigung die Zukunft der beiden Töchter. Bertha war wohl die einzige Unwissende in Betreff der Absichten von Charles Douglas. Sie mochte ihn schon früher gut leiden und nun, wo sie bekannter geworden waren, fühlte sie sich ganz behaglich in seiner Gegenwart, vielleicht etwas zu sehr behaglich, wie Douglas zuweilen befürchtete. Er hätte es liebcr gesehen, wenn sie bei seinem Erscheinen die Farbe gewechselt, oder eine leichte Verwirrung gezeigt; jedvch verzweifelte er noch nicht, Bertha fand ja Vergnügen an seiner Gesellschaft und Mrs. Dalton ermnthigte ihn, wenn auch nicht durch Worte, so doch durch mancherlei Andeutungen, welche er nicht mißverstehen konnte und dies würde sie doch nicht thun, dachte er, wenn keine Hoffnung für mich wäre. Deshalb beschloß er sich ein Herz zu fassen und seine Bewerbung zn beschleunigen. Seit Douglas durch die Vergrößerung seines Vermögens ein hcirathsfähiger Mann geworden, besuchte St. Lawrence Joy Collage nur noch bei seltener Gelegenheit. Ernährn freilich noch an den Ausflügen Theil, doch widmete er sich dann ausschließlich Mrs. Dalton und Lena und überließ Bertha feinem Freunde. Lena bemerkte diesen Wechsel mit großem Entzücken und zweifelte nicht, daß ihre Reize endlich den Sieg über dieses gefühllose Herz davongetragen; das ihrige pochte nur zn ungestüm bei dem Gedanken die einzige Liebe, welche hätte sie erwidern können, jetzt wirklich zn besitzen. Während sie glaubte, St. Lawrence sei gleichgültig gegen sie, entspann sich ein heftiger «66 Kampf in ihrer Seele; sie hätte all' ihren Ehrgeiz bet Seite werfen mögen, um aus seinem Munde das Geständniß der Liebe zu vernehmen, aber jetzt, wo sie ihn wieder zu ihren Füßen wähnte, erwachte die frühere Eitelkeit. Die Aussicht auf Rang und Reichthum verlockte sie von Neuem und der Wunsch regte sich in ihr, beide Faucourt sowohl wie St. Lawrence, zu fesseln. Mit Hülfe des ersteren wollte sie sich zu der heiß ersehnten Stellung emporschwingen und der letztere sollte in ihrer Nähe verweilen, damit sie doch wenigstens verhüten könne, daß er seine Neigung einer Anderen schenke. St. Lawrence dachte nicht im Entferntesten an die Möglichkeit, daß Lena Talton ihn liebe, da er ihr nie Veranlassung zu der Annahme gegeben hatte, daß ihn ein wärmeres Gefühl, als das der Freundschaft, beseele; er würde unglücklich gewesen sein, hätte er in ihren: Herzen lesen können. Unwissend wie er war, bestärke er sie noch in diesem Mißverständnisse, indem er ihre Zeichnungen verbesserte, beständig an ihrer Seite blieb und jeden ihrer kleinen Wünsche erfüllte, obgleich seine Gedanken anderweitig in Anspruch genommen waren. Die häufigen Zerstreuungen hätten ein selbstloseres Wesen als Lena Dalton genügend überzeugt, daß sein Herz an diesen Artigkeiten ihr gegenüber keinen Antheil nahm. Es war Douglas ausgefallen, daß sein Freund sich seit einigen Wochen in niedergeschlagener, zuweilen sogar reizbarer Stimmung befinde. Er glaubte, die Ungewißheit und das lange Warten, ehe der Betrüger, dessen Opfer er war, entlarvt sei, habe die Gesundheit von St. Lawrence untergraben und ihn: allen Frohsinn geraubt, deshalb gab er sich Mühe ihn aufzuheitern und gewaltsam zu zerstreuen. „Die ganze Angelegenheit geht mir nicht mehr so zu Herzei: wie früher", entgegnen St. Lawrence eines Tages, da Douglas ihn wieder zur Geduld ermähnt hatte. Wenn ich nicht dächte, die Gerechtigkeit erfordere es, daß der Uebclthäter die verdiente Strafe erhält, so würde ich mich für meine Person schon ganz und gerne zufrieden stellen und nach Italien oder Palestina oder sonst in irgend ein entferntes Land reisen. Selbst angenommen, schon morgen wäre die Geschichte in Ordnung, ich könnte nach wirklich nicht darüber freuen." „Warum in aller Welt, sitzest Du denn hier und schneidest Gesichter, wie eine kranke Katze? Du scheinst mir in der Stimmung Hamlet's und der Menschen überdrüssig zu sein. Weshalb verliebst Du Dich nicht?" Bein: Zeus, Dir bliebe keine Zeit übler Laune zu sein, wenn Du versuchtest, das Herz eines so süßen kleinen Wesens, wie meine Bcrtha ist, zu erringen. He, ich wollte sie wäre mein! Was meinst Du, St. Lawrence, ob ich wohl Aussichten habe?" „Um's Himmels willen, Douglas, verschone mich mit der ewigen Wiederholung desselben Thema's", rief St. Lawrence-fast ärgerlich aus, indem er sich mit dem Ellenbogen auf den Tisch stützte und das Gesicht mit der Hand verdeckte. „Wie kann ich das wissen, weshalb fragst Du sie nicht selbst?" „Weil ich fürchtete, trotz all' meiner Bemühungen ein kurzes klares „Nein" als Antwort zu erhalten", erwiderte Douglas, sich durch sein lockiges Haar fahrend. „Zudem verstehst Du augenscheinlich nicht die Art und die Weise der Kriegsführung. Hat man wohl je von eurer Festung gehört, welche durch des Feindes höfliche Einladung „Bitte, wollen Sie sich nicht ergeben?" erobert worden wäre? Und worin bestände dem: auch das Glück? Denke Dir, welche Aufregungen, welche Welt von Gefühlen man dadurch einbüßen würde. Ich glaube in der That, die Frauen nehmen deshalb eine hervorragende Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein, weil es so äußerst schwer hält, eine von ihnen für sich zu gewinnen. Früher konnte man sich die Frau, welche man wünschte, einfach kaufen oder stehlen, wie jeden anderen Gegenstand. Aber jetzt — der Henker hole es — muß man Monate lang auf den Busch klopfen, um dann vielleicht schließlich doch noch mit einem Korbe beehrt zu werden — und das läßt sich auch in keiner Weise ändern." 661 Douglas, ich kann mir nicht denken, daß Du es ernstlich meinst, Du könntest sonst unmöglich so darüber sprechen", sagte Lawrence aufspringend. Hastig schritt er zu seinem Arbeitstische hin und begann die Farben und Pinsel zu sortiren. „Ah, ob ich es wohl ernstlich meinet" rief Douglas. „Habe ich doch, nachdem die theure alte Dame zu den clysüischen Feldern abgereist war, den Namen „Bertha Douglas" auf mein erstes RechnungSbuch geschrieben, um zu sehen, wie sich das ansnehme." „Pah!" stieß St. Lawrence ungeduldig hervor. „Ich nehme das Leben nicht so ernsthaft wie Du, alter Freund; das steckt nun einmal nicht in mir. Mir ist es geradezu unverständlich, daß Romeo sich tödtcte, selbst wenn auch Julie gestorben war; auch kann ich mir keine Vorstellung von den Gefühlen Othello'S machen, nachdem er sein Weib ermordet hatte, deßuugeachtct werde ich doch ein guter Ehemann sein — passe auf, ob es nicht wahr ist." „Wenn Du es nicht würdest — wenn Du ihr je Ursache zn einem Seufzer oder Thräne gäbest",— begann St. Lawrence heftig, während sich sein Gesicht röthete; aber mit einem tiefen Seufzer, der aus dem Innersten des Herzens emporzusteigen schien, bezwäng er seine Erregung und sagte: „Achte nicht auf meine Worte, ich befinde mich augenblicklich in einer sehr miserablen Stimmung. Wenn es nicht wegen dieses Riggs wäre, so würde ich, wie ich Dir auch schon vorhin sagte, auf Reisen gehen, je weiter, je lieber. Laß uns von etwas anderem sprechen. Was willst Du trinken? Claret ist am erfrischendsten." „Ja, Claret auf alle Fälle. Ich bin ohnehin entschlossen, dem Branntwein, den Pfeifen und allen diesen Geschichten Lebewohl zu sagen und mich anstatt dessen zu Thee und Bntter- brödchcn zu bekehren. Der Club verliert eines seiner hervorragendsten Mitglieder, aber noch größer wird das Bedauern sein, wenn St. Eustac Lawrence Esgu. ihn nicht durch seine Gegenwart beehrt." „Ich habe keinen Geschmack an dergleichen Dingen, das scheint mir nicht angeboren« zu sein; zu dem bin ich ein so trübseliger Geselle, den man am besten sich selbst überläßt. Dich werde ich sehr entbehren, Douglas, wenn Du Dich vcrheirathcst." „Mich entbehren? Aber alter Freund, Du darfst doch überzeugt sein, daß Du mir in meiner Häuslichkeit immer willkommen sein wirst", rief Douglas aus. „Ich weis; nicht, weshalb Bertha in der letzten Zeit Dir gegenüber etwas verlegen war; früher hatte sie Dich doch sehr gerne." St. Lawrence trat an's Fenster und warf es mit einem Ruck so weit auf, als möglich. „Es ist schrecklich heiß heute, wir bekommen sicher ein Gewitter." „Das wurde mich freuen", eutgegncte Douglas, nach den sich sammelnden Wolken hinanfblickend. „Gewitter reinigen die Luft." (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Empfiehl deine Angelegenheiten Gott nno flehe herzlich zu Ihm, Er wolle Alles so leiten wie es für dich am besten sei. Gott hat seit Jahrhunderten und Jahrtausenden laut der Kirchcngeschichtc und der heiligen Schrift Gebete erhört und erhört sie auch heut zu Tage noch, ohne abzuwarten, was die Weisen des Tages dazu sagen würden. Der Mensch weiß nicht um was er bittet. Wir sollten um nichts beten, als Gott wolle das thun, was er als das Beste für uns erkannt. Nur wahre Frömmigkeit und Tugend machen wahrhaft glücklich, ja, sie gewähren auch unter Leiden und Trübsalen, die nie ausbleiben, noch eine Glückseligkeit, eine innere Ruhe und Zufriedenheit, die bei allen Prüfungen unzerstörbar bleibt. SaiIcr. 662 Zur Geschichte des Schachspiels. (Aus der Zeitschrift „Europa.") „Das Spiel aller Spiele" — so wird mit Recht das edle, sinnreiche Schach genannt, „die Lnst aller Denker", der „Kaiser unter den Spielen!" Seit Jahrtausenden die Freude und Erholung intelligenter Köpfe jedes Standes, gespielt von unzähligen Millionen von Pol zu Pol, die, mögen sie noch so begabt sein, dies Spiel nie auszulernen vermögen, wird es voraussichtlich noch lange sich derselben Beliebtheit erfreuen. Mit der Cnltnrgcschichte der Völker theilweise auf's Innigste verwebt, ist das herrliche Schachspiel schon unter den Sassanidcn aus Indien nach Persien verpflanzt worden. Wohl beanspruchen die Perser diese großartige Erfindung, haben auch eine ziemlich läppische Erzählung von der Gelegenheit auszuweisen, wobei der Vezir Nnshir- van's darauf verfallen sein soll. Aber diese Behauptung hat schon der große Geograph Ritter gründlich widerlegt; er weist nach, daß dieses edelste aller Spiele nuwidcrsprech- lich aus Indien stamme und sich von dort auf verschiedenen Wegen in alle Welt verbreitet habe. Sagenhaft, wenngleich sinnig, bleibt die bekannte Erzählung von dem Brahmincn Sissa oder Sissera (400 v. Chr.), der das Spiel erfand, um dem das Volk geringschätzenden König Schechram dadurch die Lehre zu versinnbildlichen, daß ein Herrscher an und für sich machtlos, nur allein durch seine Unterthanen mächtig und geschützt, ja selbst oft durch den Verlust eines einzigen Unterthan's (eines Bauern) verloren sei. Auf die bekannte Gnade, die der Priester sich erbat, ein Korn für das erste, zwei für das zweite, vier für das dritte Feld n. s. w., geh'n wir nur kurz ein und erwähnen dabei, daß das'beanspruchte Getreide einen Raum von 2200 Qnadratmcilen verlangte und zwar mit einer Lagerung des Kornes von 60 Fuß Höhe. Die Araber, welche irrig angeben, daß das Schachspiel erst 226 n. Chr. aus Eifersucht auf den König Artaxerxes erfunden sei, welcher das Brettspiel erdachte, haben ihren Namen dafür Shetrendj von den Persern überkommen. Dies Wort ist eine Entstellung von Chatnr-Anga, welches im Sanscrit ein Kriegsherr, buchstäblich ein Vier- geglicdertes bedeutet. Zu einem vollständigen Heere gehörte nämlich: Infanterie, Elephanten, Reiterei und Streitwagen. So war denn auch das Heer des Königs Porns zusammengesetzt, den Alexander der Große besiegte. In: Schachspiel.stellen nun die Bauern (nach unsrer unpassenden Benennung) das Fußvolk vor; die Läufer repräsentiren die Elephanten, die Springer vertreten die Reiterei und die Thürme die Streitwagen. Der König ist, Ivas sein Name aussagt, die Königin ist der eigentliche Feldherr. Der bei uns eingebürgerte Ausdruck Schachmatt ist dem Persischen entlehnt. Syakmat bedeutet: der König ist gefangen und todt. Der Name der Königin oder Dame ist im Persischen oder ^sr-sin (Vezir — Premierminister). Diesen entstellten lateinische Dichtungen des 12. Jahrhunderts in I^roim, woraus dann Heros, INsr^s und später Visr^s ---- Jungfrau, Dame wurden, wunderliche Umwandlung eines Diplomaten in eine Jungfrau. Unser Thurm führt bei den Orientalen den Namen Rolclr, der sich noch in: Kunst- ausdruck rochiren erhalten hat. Ilolllc ist gleich Kameel, wie denn auch noch unser Thurm bei den das Schachspiel leidenschaftlich liegenden Hindas diese Gestalt trägt und zwar mit einem darauf sitzenden Reiter. Unser Läufer ist bei den Engländern zum Bischof (bislrox), bei den Franzosen zum Narren (Ion) geworden. Wird berichtet, daß Palamedos bei der Belagerung Troja's znr Verkürzung der langen Weile das Schachspiel erfunden, so ist dies eben so unbegründet, als daß die Römer bereits das Spiel in Asien verbreitet fanden und ihr Brettspiel (luäus intronnw. oder latrnnonlorniii) eine Nachahmung desselben gewesen sei. Vielmehr haben erst die Araber dies Spiel von den Persern erlernt und den Rittern des Abendlandes mitge- 663 theilt. Ritter hat gewichtige Gründe für die Annahme, das; nicht erst Kreuzfahrer das Schach aus dem Oriente mitbrachten, vielmehr die Mauren in Spanien die eigentlichen Verbreiter waren. Das edle, königliche Schach, welches mit der Cultnrgeschichte fast aller Völker innig verwebt ist, war auch im hohen Norden früh bekannt, wie wir aus einer uns noch erhaltenen „magischen Figur", einer sogenannten „Zauberrune" schließen dürfen, welche dem Spieler, der sie, die holzgcschnitzte, in der Hand hielt, angeblich den Sieg verlieh. Daß die alten Dünen schon frühzeitig daS Schachspiel schätzten, verbürgt uns ihr Chronikant Snvrre Stnrleson, der uns ein anziehendes Erlebniß aus der Regierung des Königs Konnt vorführt. Dieser Herrscher, ein passionirtcr Vertreter des Schachs, suchte im Jahre 1028, als er mit dem König von Schweden und Norwegen Krieg führte, seinen Schwager den Jarl (Grafen) Ulfo in Roeskilde auf. Dieser bemühte sich, den königlichen Gast, welchen Nmnnth erfüllte, angenehm zu unterhalten, und als jener düster und verstört blieb, trug er ihm eine Schachpartie an, auf die Kannt einging. Eine Zeit lang blieb das Spiel unentschieden, bis der König einen schlechten Zug that und in Folge dessen einen „Springer" (rtäcinra. — Ritter) einbüßen sollte. Aber Kannt wollte den Verlust nicht verschmerzen und begehrte, indem er seinen Offizier wieder ausstellte, Gras Ulfo solle einen andern Zug thun. Der Jarl aber ein ebenso heftiger und leidenschaftlicher Mann als sein Monarch, verweigerte dies zornig, warf das Brett um und entwich aus der Halle. Da folgten ihm die entrüsteten Worte des Königs: „Ufo, Feigling, Tu fliehst?" Der Graf, auf's äußerste erbittert, kehrte nun wieder um und cntgcgncte bitter: „Im Helgaflnssc hättet Ihr Eure Flucht fortgesetzt, hätte ich Euch nicht beigestauden! Wahrlich, als die Schweden Euch auf's Haupt schlugen, wie einen Hund, da schaltet Ihr mich nicht feige!" — Darauf entwich er auf's Neue, mußte aber seine ebenso wahren als kühnen Worte wenige Tage darauf mit dem Tode büßen. Auch England kennt das edle Schachspiel schon seit länger als 700 Jahren und ist es wahrscheinlicher Weise zu Kamits Zeit vom Norden her eingeführt. Der alte Chronikant Gaimar, welcher um die Mitte des 12. Jahrhunderts seine interessanten, ciiltnrhistorisch merkwürdigen Berichte verfaßte, erzählt in seiner naiven Weise: „König Edgar sandte seinen Boten Edelwoth nach dem Schlosse des Grafen Orgar in Dcvonshirc, auf daß er sich überzeuge, ob Elstrucih, dessen Tochter, wirklich ein Wunder der Schönheit sei. Als Edelwoth anlangte, da spielle Orgar Schach, ein Spiel, daS er von den Dänen erlernt hatte. Mit ihm spielte die schöne Elstrueth; „ein schöneres Mädchen sah die Erde nie! Ob nun später der stattliche König, durch den Bericht seines Abgesandten entflammt, mit der schönen Grafentochter zwei Partien spielte, gleich jenen, die zwei moderne, vielverbrcitetc englische Stahlstiche uns schildern („(MessO und .,küntwD —: „Schah" und „Mat"), können wir leider nicht verrathen. Auch in Island blühte die Kunst des Schachspiels schon frühe. Wie uns aus dem 11. Jahrhundert berichtet wird, war es im ganzeil Volke verbreitet, das ja schon damals auf einer hohen Kulturstufe stand. Ein berühmter Skalde (Sänger), Gunlaug genannt — so erzählen die Dichter — spielte Schach mit der schönen Helge, deren Besitz ihn, einst vergönnt sein sollte. Raser, ein Kunstgenüsse, forderte, von Eifersucht entflammt, den vvn der Schönen begünstigten Sänger zum Zweikampf heraus und Beide fanden ihren Tod. M L s e e l l e;r. (Aus dem Berliner Gerichtssaale.) Weinend und händeringend betritt eine alte Matrone mit weißem Haar und durchfurchten, Gesicht die Anklagebank der zweiten Strafkammmcr des Landgerichts I.; sie macht fortwährend tiefe Knixe vor dem Präsidenten und bückt dann wieder verzweifelt den Staatsanwalt an. — Präs.: Sie sind die 73- 664 jährige Wittwe Busse? — Angekl.: Ach Du meiu JE ja, ick bin ja de Busse'n, de arme, dc unglückliche Bussen! — Präs.: Sie haben wie es scheint Ihr Leben nicht in Ehren verbracht, denn Sie sind nicht weniger als 13 Mal bestraft, und haben den größten Theil Ihres Lebens in Gefängnissen und Zuchthäusern zugebracht. Angekl.: Mein gutester Herr, dat is't ja all' eben! Wenn der liebe Gott nich will, denn kommt der Mensch aus de Verschmadderung nich mehr raus, und de Bussen war ccn Unglückskind von ganz kleen an, und se wird als Unglückskmd nu ooch ins Jras beißen! — Präs.: Ihnen scheint aber das Stehlen zur zweiten Natur geworden zu sein, denn kaum sind Sie aus dem Zuchthaus entlassen worden, da haben Sie schon wieder beim Kaufmann Ncumann gestohlen. — Angekl.: Ach bester Herr, et war ja man en Bisken Kaffee. — Präs.: Ihr „Bisken" Kasse war ein volles halbes Pfund. — Angekl.: Mein scheenster Herr Präsident, Sie sind ja so jut, schenken Se's doch ne olle Frau noch mal! So'n Bisken Lorke macht doch den Mann janz und jar nich glücklich, und Sie machen sich doch auch nischt draus, ob so'n armes, altes Huhn ins Loch jeht, aber da is es doch so kalt, und denn 73 Jahre! Nicht wahr, Sie sind so jrundjütig? — Staatsanwalt: Den Kaffee konnten Sie doch am Ende nicht auf einmal verzehren? — Angekl.: Mein schönster, süßester, junger Herr, legen Se doch en gnädiges Wort für so'n altes Reff mit ein! O JE, erbarmen Sie sich doch, ct is ja so düster in das olle Gefängniß. Um so'n Bisken Kaffee. Wenn man erst so in de Siebzig ist, denn schmachtet man ja nach'n Täsken Warmen und de olle Bnsse'n hat den Kaffee immer so jeruc gedrunken, schon wie se noch dc junge Bussen war, und so Tassener sechse, die schnabbert man ja jerne runter.... Ach JE, erbarme Dir! Mein bester Staatsanwalt, sei'n Se doch man so jut, Se sollen ooch Jlück haben for Ihr janzet Leben un de schönste Frau un de liebsten Kinder. Sei'n Se doch man so jut! — Der Staatsanwalt konnte diesen intensiven Bitten nicht widerstehen. Er beantragte wegen Entwendung von Eß- waaren nur vierzehn Tage Haft, auf welche der Gerichtshof auch erkannte. Mutter Busse knixte noch tiefer, warf dem Staatsanwalt einen regelrechten Kußfinger zu und versicherte ein Mal über das andere: „Ich hab's all' immer gesagt: Der Herr Jerichts- hof is jar nich so böse, wie er aussieht!" „Warum willst Du denn eigentlich aus meinen Diensten gehen?" — „Wenn ich es aufrichtig sagen soll, gnädiger Herr, weil ich Ihren Zorn nicht ertragen kann." — „Ach, mein Zorn! Kaum ist er da, so ist er auch schon wieder weg." — „Ja, aber — kaum ist er weg, so ist er auch schon wieder da!" (Arg verändert.) „Hcrjott, mein lieber Schulze, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja so lauge nicht geseh'n .... aber nee, haben Sie sich verändert, man kennt Sie ja kaum wieder." — „Entschuldigen Sie, mein Herr, ich heiße gar nicht Schulze." — „Jroßartig, Schulze 'heeßen Sie..och nich mehr!" (S ch arfbli ck.) „ Johann, wie kauiU,M mir denn, eine Hose mit ganz zerrissenen Taschen bringen?" — „Ich dachte mir:-HM'-mZ schon der 5. und da stecken der Herr Lieutenant doch nichts mehr ein." R ii.t h s el. Einsilbig ist's und eins von den Metallen. Versetz' Buchstaben dann, das Spiet wird dir gefallen; Ein zweites Wort entsteht und wird dein Forschen lohnen; Es nennt die Hatte dir, in der die Seelen wohnen. Ein Drittes finde noch, dann ist's dir ganz gelanget!: Es schneidet scharf und lies, von kräst'ger Hand geschwungen. Auslosung des Räthsels in Nr. 82 : „Wort Gottes." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 84. 1883. »m „Ängslmrger Pojheitnng? Samstag, 20. Oktober Der GpalrLng. Nonian aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Siebe nzehnrcs Capitel. Bertha Dalton litt an einem ähnlichen Gefühle tiefer Niedergeschlagenheit, wie St. Lawrence; sie verlor den Appetit, die zarte Nöthe ihrer Wangen erblaßte; keine einzige Beschäftigung machte ihr mehr Vergnügen und sie war ihrer Mutter aufrichtig dankbar, als diese den Wunsch aussprach, sie möchte nach den Ferien keine Mnsikstunden mehr ertheilen, da ihre Kraft zu erlahmen schien. Anstatt wie sonst fröhlich im Garten zu arbeiten, ging sie jetzt planlos darin umher und die Blätter ihres Buches wandte sie unbewußt und ohne gelesen zu haben um. Nur ihr Licblingsdichter interesfirte sie noch. Wurde sie gebeten zu singen, so wählte sie schwermüthige Lieder und sehr häufig fing ihre Stimme, ehe sie zu Ende war, an zu zittern, und sie brach Plötzlich ab. Ihre Mutter und Schwester waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt um diese Veränderungen wahrzunehmen. Lena, beeinflußt durch die verführerischen Bilder von Luxus und Wohlleben, welche Mrs. Dalton fortwährend vor ihren Augen entrollte, hatte, wie sie wenigstens glaubte, den Kampf mit ihrem Herzen siegreich bestanden und war jetzt entschlossen, Mr. Faucourt ihre Hand zn reichen; sie verlangte darnach, den Schritt zn thun, der sie unwiderruflich fesselte, um endlich den Preis, welcher ihr so viel kostete, davonzutragen. Ach sie fühlte sich unglücklich, denn sie war nicht thöricht und blind genug, die Mängcl des Mannes, den sie zu heirathen vorhatte, zu übersehen. Bertha sprach znm größten Mißvergnügen der Mrs. Dalton offen über die Abneigung, welche sie gegen Mr. Faucourt empfinde, und Lena mußte bei sich eingestehen, daß er, abgesehen von der Grafenkrone, ganz unausstehlich sei; aber diese glitzerte beständig vor ihren Augen. An der Einwilligung Lord Alphington's zweifelte sie nicht, da dessen einfache Lebensweise und sein schlichtes Wesen sie zur Genüge überzeugten, daß er zufrieden gestellt sein werde, wenn nur die Wahl seines Enkels auf eine gebildete Dame falle. Und indem Lena ihr hübsches Gesicht und ihre schlanke Gestalt im Spiegel betrachtete, war sie fest davon durchdrungen, diese Eigenschaft 'zu besitzen. Dem heftigen Gewittersturme der verflossenen Nacht folgte ein schöner klarer Morgen; noch besaß die Sonne nicht Kraft genug, die Regentropfen, welche sich in den Kelchen der Blumen gesammelt hatten, zu trocknen. Süßer Duft erfüllte die Luft und die Vögel zwitscherten so lustig, als ob ein zweiter Frühling angebrochen sei. „Heute wird er gewiß kommen", sagte Lena, als sie in eleganter Morgentoilette ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Fensters einnahm. „Dann, mein Kind, werde ich Euch unter irgend einem Vorwande allein lassen", bemerkte die schlaue Mutter; „aber um Eines möchte ich Dich bitten, Lena. Behandle 666 ihil doch nicht so kühl, wie Dir es öfters zu thun pflegst, er hätte Dir gewiß schon einen Antrag gemacht, wenn Du ihn nicht immer in so respektvoller Ferne hieltest." „Vielen Dank für Deinen guten Rath, Mama", entgcgnete die Tochter mit matter Stimme. „Ich weiß schon, wie ich mich ihm gegenüber zu benehmen habe. Mr. Faii- court ist nicht blöde, das kann ich Dir versicheren und deshalb ist es unbedingt nothwendig,. ihn fühlen zu lassen, daß er ein wohlerzogenes Mädchen vor sich hat." „Da hast Du ganz recht, mein Schatz, doch darfst Du es mir nicht verdenken, wenn ich kaum erwarten kann, Dich diese ausgezeichnete Partie, welche sogar meine Erwartungen übertrifft, machen zu sehen." Auf Lcna's schönem Antlitze lag ein Zug tiefer Verachtung; ihr feines Gefühl sagte ihr, wie vcrabschennngswürdig die ehrgeizigen Pläne der Mutter seien und eben letzt, als sie in den sonnigen Garten hinausblickte, dachte sie bei sich, wie sehr St. Lawrence sie verachten würde, wenn er in ihrem Herzen zu lesen vermöchte. Daß er sie schon so bald durchschaut, ahnte sie nicht. Nach dem Frühstücke vernahm Bertha, welche im Garten umherwanderte, den Schall von Hnftritten und gleich darauf ließ Sara den ehrenwerthen Mr. Fancourt ein. Der Reitknecht nahm das Pferd am Zügel und sein Herr schritt, Bertha erblickend, auf diese zu. Sie empfing ihn mit einem kühlen Gruße, ohne ihren Korb loszulassen; wenn eben möglich, vermied sie es, ihm die Hand zu reichen. „Dirs. und Miß und Dalton sind zu Hause, wie ich höre." Bei sich schwur er, daß nach seiner Verhcirathung mit Lena ihre Schwester dieses ihm gegenüber so kalte, hoch- müthige Wesen büßen solle. „Ja, Sie werden sie, wie ich glaube, im Wohnzimmer antreffen", antwortete Bertha, ihm den Rücken wendend und so deutlich zn verstehen gebend, daß sie eine fernere Unterhaltung nicht wünsche. Fauconrt biß sich auf die' Lippen er schritt dein Hanse zn und hieb während des Gehens zu Bertha's größtem Verdruss« die Blätter und Blumen ab. Ehe er jedoch seine Herzcnsdame erreichte, sollte er noch einem Feinde in der Gestalt des Haushundes Pinch begegnen: dieser empfand einen großen Widerwillen gegen den ehrenwerthen Herrn und sprang bellend und die Zähne fletschend aus ihn zu. „Ruhig, Pinch, kusch dich!" sagte Sara die Hansthüre öffnend. Aber Pinch machte seinen Gefühlen Lust, indem er Mr. Fauconrt beim Treppensteigen in die Stiefel biß. „Ich begreife nicht, wie ihre Herrin ein so unausstehliches Vieh behalten kann." „Wir finden gar nicht, daß er unausstehlich ist", entgcgnete Sara, welche die Abneigung des Hundes theilte und dann rasch, ehe er Zeit znm Antworten fand die Thüre öffnete und Mr. Fauconrt anmeldete. Mrs. Dalton empfing ihn auf's Herzlichste und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Wie freue ich mich, Sie zn sehen; ich glaubte Sie seien znr Jagd und hätten Ihre alten Freunde ganz vergessen." „Es gibt deren, welche man nie vergessen kann", antwortete er auf Lena blickend, Diese verhielt sich ziemlich kühl. Sie verstand es, wie sie auch ihrer Mutter vorhin gesagt, den Thermometer ihres Benehmens genau zu regnliren. Fauconrt nahm neben Mrs. Dalton, Lena gegenüber Platz. Sie unterhielten sich über allerlei, den Schluß der Ausstellung, die Oper und die Reisepläue für die kommenden Monate. „Im Herbste werden wir für einige Wochen Lord Alphington's Nachbaren, da wir unsere Freunde Sir Stephan und Lady Langley zu besuchen gedenken." „Ah so, ja wohl", stammelte Mr. Fauconrt verwirrt. „Es ist entsetzlich langweilig dort, ist es nicht so? Würden Sie nicht vorziehen, nach Searborongh oder Sronville oder sonst wohin zu gehen? Wie ich höre, sind diese französischen Badeorte verflucht amüsant. Ich hatte vor, für einige Wochen mich dorthin zurückzuziehen, aber ohne Ihre Gesellschaft liegt mir, auf Ehre, Nichts an der Tour." 667 „Sie verstehen zu schmeicheln", sagte Mrs. Dalton, lächelnd. „Aber eine solch' alte Frau, wie ich, wird sich hüten, diese Artigkeiten aus sich zu beziehen, wenn noch eine jüngere Dame zugegen ist." „Da haben Sie ganz recht, das wäre auch nicht sehr wahrscheinlich", gab er freimüthig zu. Er fixirte Lena bei diesen Worten so frech, das; diese ihren Abscheu kaum verbergen konnte. „Den Herren der großen Welt darf man jedoch in der Regel nicht so viel trauen", fuhr Mrs. Dalton scherzend fort: „Man weiß schon, wie selten ihnen das, was sie sagen, gemeint ist." „Beim Jupiter! In diesem Falle ist es nicht so. Sie glauben das nicht, Miß Dalton, nicht wahr?" „Woher sollte ich das wissen?" cntgcgnete Lena ausweichend. „Vermuthlich find sie alle sich ziemlich gleich." „So dürfen Sie nicht sprechen, auf Ehre nicht!" rief Fancourt eifrig aus. Wie immer, wenn er mit Lena zusammen war, fühlte er auch heute, daß er sich ihres Besitzes durchaus vergewissern müsse. Die Unterhaltung begann zu stocken. Dies geschah regelmäßig bei Faucourt's Anwesenheit, und er gestand selber ein, daß er mit Damen Nichts zu sprechen wisse. Mrs. Dalton fand endlich, er habe Lena lange genug angestarrt und sagte deshalb, als ob ihr plötzlich ciu guter Einfall gekommen: „Ich möchte wohl, wenn Sie mich gütigst entschuldigen wollen, das schöne Wetter benutzen, um eben Mrs. Barton „Guten Morgen" zu wünschen." „Soll ich Dich begleiten?" frug Lena. Jetzt, wo der vorhin geplante Moment gekommen zu sein schien, befiel sie eine unbeschreibliche Angst. „O, nein, mein Kind; Mrs. Barton ist so taub, daß es in der That zwecklos ist, wenn zwei zu gleicher Zeit bei ihr sind. Bis später", fügte sie, Fanconrt freundlich zunickend, hinzu. „Ich empfehle Lena ihrer Obhut an, bis ich zurückkomme." Sie verließ das Zimmer, und der junge Mann befand sich zum ersten Male allein mit dem Gegenstände seiner leidenschaftlichen Verehrung. Er war nicht mit der Absicht erschienen, schon jetzt einen Antrag zu machen, doch hatte er ein Geschenk in der Tasche, mittels dessen er auskundschaften wollte, welche Hoffnungen er habe. Seinen Stuhl näher zu dem ihrigen heranrückend, holte er ein feines Etui hervor und hielt es ihr geöffnet hin. „O, wie schön!" rief Lena entzückt über das prachtvolle Brillant-Armband aus. „Gefällt es Ihnen?" frug Fanconrt, sie mit kühnem bewundernden Blicke anschauend, indem er sich fo nahe zu ihr hinüberbeugte, daß sie seinen heißen Athem auf ihre Wange verspürte. „Es ist für meine zukünftige Gattin bestimmt." Lena schrack unwillkürlich zurück; aber entschlossen unterdrückte sie ihren Ekel. Mit reizend effektiven; Erstaunen rief sie aus: „Für Ihre zukünftige Gattin? O, Mr. Fancourt, wie schlau haben sie dieses Geheimniß die ganze Zeit vor uns gehütet! Darf man erfahren, wer die Dame ist?" „Wissen Sie es nicht, Madelina?" frug Fancourt, in derselben Stellung verharrend. „Ich? Wie sollte ich das wissen?" antwortete sie mit bezaubernder Einfalt. „Du bist es, Lena!" rief er, ihre Hand ergreifend und an seine Lippen führend, aus. Lena erbebte. Noch konnte sie sich zurüchiehcn. Das Etui mit seinem glitzernden Inhalte lag geöffnet auf ihren; Schooße — sollte sie ihn; sagen, er mochte es zurücknehmen, sie wolle kein Geschenk von ihm. Fanconrt bemerkte, wie sie zauderte und in; Begriffe stand, ihm ihre Hand zu entwinden, deshalb fuhr er eindringlicher fort: „Lena ich liebe Dich leidenschaftlich bis zur Raserei. Du mußt es gewußt haben;, in Deiner Macht steht es, mit mir anzufangen, was Du willst, aber beim Himmel, ich werde Dich nie aufgeben." 668 Sem Antlitz glühte, seine Stimme klang heiser vor heftiger Erregung. In diesen! Augenblicke hätte er sie eher tödten als einem Anderen überlassen können. „Was wünschest Du, das ich Dir nicht zu geben im Stande wäre?" fuhr er undeutlich und schnell fort. „Verlangst Du Reichthum? unzählige Schätze lege ich Dir zu Füßen. Sehnst Du Dich nach hoher Stellung? — auch dieser Wunsch geht in Erfüllung, denn Du wirst den Ersten des Landes zugezählt werden — sie alle durch Deine Schönheit überstrahlend." Von Neuem versuchte er sie au sich zu ziehen und diesmal widerstand sie nicht, obgleich ihr Herz stille zu stehen schien. Bis vor Kurzem hatte sie in ihren Znknnfts- träumen nie an Liebe gedacht, ja nicht einmal darnach verlangt; woher entstand denn jetzt plötzlich dieser heftige Schmerz, für immer darauf verzichten zu müssen. Es war ein reeller Tauschhandel, den dieser Mann einzugehen wünschte, sie gab ihre Schönheit und erhielt von ihm Rang und Reichthum. Als er sie nachgeben fühlte, schlang er triumphtrend seine Arme um sie und drückte leidenschaftliche Küsse auf ihre Wangen und ihren Mund. Sie ließ sich, obgleich blaß und kalt wie Eis, einen Augenblick seine stürmische Zärtlichkeit gefallen, dann entwand sie sich schaudernd seinen Liebkosungen. Ihre Lippen bebten und das Gesicht mit beiden .Händen verhüllend rief sie aus: „Sie sind zu rauh und zu dreist." „So laß mich meinen Fehler wieder gut machen", bat er das Armband aufhebend, welches zur Erde gefallen war. „Erlaube mir dieses an Deinen hübschen Arnr zu befestigen; auf Ehre, es war nicht meine Absicht, Dich zu beleidigen. Du willst doch Nicht sagen, daß ein Bursche das Mädchen, welches er liebt, nicht küssen dürfe. Und ich liebe Dich, Lena — beim Jupiter, ich liebe Dich." Wahrend er dieses sagte, sank er vor ihr auf's Knie und befestigte den kostbaren Goldreif an ihrem Arme. „Nun bist Du mein!" rief er mit flammendem Blicke aus, „mein, was immer auch kommen Möge! Lena schrack zusammen, als habe eine kalte Geisterhand sie berührt. Sollte das wohl eine Warnung gewesen sein? Wenn dem so war, so ging sie unbeachtet vorüber. „Ja", erwiderte sie leise mit stockendem Athem. Er wollte sie wieder umarmen, aber sie sprang von ihrem Sitze in die Höhe, länger konnte sie es nicht ertragen; helle Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Bitte, gehen Sie! Sie haben mich so aufgeregt, ich möchte gerne allein sein!" rief sie abwehrend aus. „Ich soll gehen? Nun, wo Du das beglückende Wort ausgesprochen hast? Du willst mich wohl wahnsinnig machen; auf Ehre, Du brächtest das fertig." „Unsinn", entgegnete sie trocken. „Ich fühle mich nicht wohl — mein Kopf schmerzt. Sehen Sie denn nicht, daß ich unwohl bin?" „Nein, ich sehe nichts, als daß Du die schönste unter den Frauen und mein bist", sagte Faucourt, um sich dieses Umstandes von Neuem zu vergewissern. „Ja", wiederholte Lena, ermattet in ihren Stuhl zurücksinkend. „Und nun gehen Sie — Sie quälen mich." Seine Stirne zog sich finster zusammen und ein böswilliger Ausdruck erschien in seinen Augen. Er bemerkte, daß dieses Mädchen, obschon sie ihm ihr Jawort gegeben, ihn nicht liebe; aber dessen ungeachtet sollte sie die Seinigc werden. „Du führest eine seltsame Sprache, schöne Lena", sagte er bitter, seinen Platz au ihrer Seite wieder einnehmend und den Arm um ihre Taille legend. „Es ist gelinde ausgedrückt, sehr merkwürdig Jemanden, mit dem man sich eben erst verlobt hat, in dieser Weise zu behandeln — beim Henker, sehr merkwürdig." Lena's Herz klopfte stürmisch, sie vermochte kaum die Thränen zurückzudrängen. „Ich fühle mich wirklich elend, morgen wird es anders sein." 66tz - „Wünschest Du in der That, daß ich Dich verlasse und ich soll Dich dann erst morgen wiedersehen?" frug Fancourt, einigermaßen besänftigt. „Es ist eine sehr lange Verbannung", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. „Du bist grausam, ich verstehe Dich nicht, auf Ehre nicht." „Ich meine, es sei doch nicht schwer zu begreifen, daß ich gerne über das Geschehene nachdenken möchte", entgegnete sie freundlicher. „Worüber nachdenken? Es ist zu spät, zurückzutreten, wenn Du dies vielleicht damit hast sagen wollen. Dein Wort ist verpfändet und glaube nur nicht, daß ich Dich je wieder frei geben werde." „Das wünsche ich auch nicht", erwiderte Lena mit festerer Stimme, als es bis jetzt der Fall gewesen. „Aber wenn Sie wollen, daß ich es nicht bereuen soll, so verlassen Sie mich jetzt." „Bis morgen denn", sagte Fanconrt, sie wiederholt umarmend. Lena duldete seine Zärtlichkeit, da sie nicht wagte, ihn noch ferner zu kränken. „Gedenke meiner, schöne Lena, so wie ich Deiner, und dann sei freundlicher gegen mich, wenn wir uns wiedersehen!" Mit diesen Worten, welcher einer Drohung ähnlich klangen entfernte er sich. (Fortsetzung folgt.) Quer durch Europa. Herbstreise eines Ermüdeten. Ko nstantinopel, 10. Oktober. Die Dircctoren der internationalen Schlafwagen-Gesellschaft, die sich das Verdienst und den Ruhm erworben hat, in Europa Bahn gebrochen zn haben, in der Vervollkommnung der Annehmlichkeiten auf langen Eiscnbahnfahrtcn, wie sie außerdem allerdings auch schon länger uns noch Nordamerika ausweist, hatten zur Eröffnung der Exprcßfahrten von Paris nach Konstantinopel mit dem neuen Wagenpark eine Anzahl von Personen zu Gast geladen, ähnlich wie es die Erbauer der Northern Pacific-Eisen- bahn in America gethan. Der mit ganz neuem Material und neuer Einrichtung ausgestattete Expreßzug ist ein rollender Gasthof größten Stils mit allen Annehmlichkeiten, die man sich nnr ausdeuten kann. Selbst Paris, das verwöhnte, hatte die Nengierde denn auch nicht bezwingen können und war am Abend des 4. Oktober zahlreich nach dein Ostbahnhofe geeilt, um den ersten wahrhaft modernen „Orient-Expreß" zu bewundern und seine erste Fahrt beginnen zn sehen. Die Reisegesellschaft bestand aus etwa 40 Personen, die sämmtlich Gäste der Schlafwagen-Gesellschaft waren. Wie die Wirthe (Oompaxnis Iritsrimbioimls äos IV NAONS-Iitzs) so war die Gesellschaft im besten Sinne international, da sie sich aus allen Nationen zusammensetzte; dein Berufe nach bestand sie aus Ministern, Diplomaten, Vorstehern von Eisenbahn-Gesellschaften, Bankinstituten, endlich Schriftstellern und zwei Damen, welch' letztere sich übrigens erst in Wien der bis dahin ausschließlich männlichen Reisegesellschaft anschlössen. Unser Zug bestand aus drei Nicseuwagen von je annähernd 14 m Länge; dazu kamen ein Gepäckwagen als erster, ein Küchcnwagen als letzter des Zuges. Von den drei großen Wagen enthielten zwei die reizend eingerichteten Wohnzimmercheu, theils für vier, theils für zwei Personen, die durch wesentlich vervollkommnete Einrichtungen in Schlafzimmer zn eben so viel Betten umgewandelt werden können; der dritte Wagen bildet einen prunkvollen Unterhaltnngs- und Speisesaal. Alle Säle, Gänge und Räume bis zu den naturgemäß kleinsten herab werden die ganze Nacht hindurch mit Gas hell erleuchtet. Die Hauptannehmlichkeit nun besteht darin, daß die Wohn- und Schlafwagen, abgesehen vor ihrer behaglichen Einrichtung, an der einen Langseite einen Gang haben, 670 auf welchem sich zwei Personen bequem ausweichen können und auf welchen von jedem der kleinen Zimmerchen eine besondere Thüre fuhrt. Ist man des Sitzcns auf den: Sopha vor seinem Schreib- und Lesctischcheu müde, so kaun man aus dem Ganqc auf und ab spazieren, seine etwa mitreisenden Bekannten besuchen, von Wagen zu Wagen wandeln, und da die Wagen alle miteinander durch gesicherte Brücken verbunden sind, in den Restaurationswagcn gehen und mit einem Bekannten ein Glas Wein trinken. Daß es in jedem Wagen ein Wasch- und Toilettczimmcr für Herren und cin's für Damen gibt, versteht sich. Durch die Einrichtung des Ganges in jedem Wagen erhalten die Wohn- und Schlaftänme, deren Thüren durchaus dicht schließen, nach einer Seite hin zweifachen Abschluß gegen außen und somit festen Schutz gegen Luftzug; ein Vorzug, der nicht hoch genug angeschlagen werden kaun. Daß jeder Zoll des Fußbodens mit warmen orientalischen Teppichen belegt ist, braucht auch eigentlich nicht erst gesagt zu werden. Unter solchen Umständen ist das Reisen ohne Aufenthalt in der That keine Anstrengung mehr, sondern eine fortgesetzte angenehme Zerstreuung, und Leute mit „Nerven", denen selbst der Schlaf nicht mehr Erholung bringen wollte, können hier wohl Heilung finden, wenn sie die wechselnden Landschaften von ganz Europa einmal von Ost nach West an ihrem Blick vorüberglcitcn lassen. Wir speisten nun allerdings nicht in Paris zu Abend, sondern in unserm Speisewagen; in ganz Paris aber hätte man uns ein feineres und reicheres Mahl nicht bereiten können. Als wir den Lärm der Boulevards etwa eine Stunde hinter uns hatten, in den traulichen bequemen Wohnzimmern uns zurecht gerichtet und gegenseitig uns einander bekannt gemacht hatten, setzten wir uns in den prachtvoll erleuchteten, mit riesigen Rosensträußen geschmückten Speiscsaal zu Tisch. Der Saal ist so eingetheilt, daß die Mitte als Gang frei bleibt, daß auf der einen Seite Tische zu je vier, auf der andern zu je zwei Gedecken aufgestellt sind. Es können ' bequem 34 Personen zugleich hier speisen. Wir waren glaube ich am ersten Tage 32. Der größte Theil der französischen Bahnstrecke war zurückgelegt, bevor die festlich.gestimmte Tischgesellschaft sich treunte und zu Bette ging, und als wir bei Straßburg über den Rhein fuhren, hatte wohl nur eiu ganz geringer Theil der Gesellschaft sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Die meisten erwachten Wohl erst zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Und da hatte man knapp Zeit, sich die veränderte Welt ein wenig anzusehen, sich anzukleiden, vielleicht einen Brief zu schreiben, wenn man zwischen Augsburg und München nicht zu spät kommen wollte zum gemeinsamen Frühstück. Das bayerische Land bis über die österreichische Grenze wurde meist bei Karten- und Dominospiel vertändelt, zum Gaffen blieb immer ja Gelegenheit zwischendurch, so wenn einer Karten gab oder Dominosteine kaufen mußte. Das ztvcite Abendessen täuschte uns über die Entfernung zwischen Wels und Wien hinweg; auf ungarischer Erde rollten die Wagen bereits, als wir zum zweiten Male seit Paris schlafen gingen. Zigeuner-Musik, die unterwegs in den Zug genommen worden war, weckte uns in der Gegend von Szcgedin aus dem Schlummer und spielte uns znm Frühstück bis nach Tcmesvar ihre Weisen auf. Der Nachmittag führte uns durch die malerischen Züge der südlichen Karpathenhünge hindurch, wo eine immer wieder neue landschaftliche Schönheit die vorhin gesehene überbot. Auf rumänischem Boden speisten wir Zu Abend und in Bukarest war der Zug viel zu früh morgeus schon eingelaufen, als daß die Gesellschaft hätte aus den Federn sein können. Ursprünglich war in Bukarest ein Aufenthalt von 24 Stunden geplant und darum war unser Zug statt Freitags schon Donnersstag abends von Paris abgefahren. Nun wollte es der Zufall, daß an demselben Sonntag, an welchem wir in Bukarest ankamen, das Schloß des Königs Karl in den Karpathen, Sinaja, feierlich eingeweiht wurde. Schon um die frühe Morgenstunde fuhren die Minister, die Präsidenten beider Kammern und sonstige Würdenträger hinaus und auch der „Orient Expreß" entschloß sich kurz, den Abstecher in die Karpathen an Stelle einer Besichtigung der Stadt Bukarest zu setzen. 671 Nach einer kurzen Wagenfahrt durch die rumänische Königsstadt dampften wir gemächlich durch die rumänische Ebene bis hinauf in den neuesten Karpathcnlnftcurart Sinaja. Gegen Mittag besichtigten wir das herrliche Schloß, welches uns aufs freundlichste gestattet wurde. Ja, zu unserer großen Ucberraschung und Freude ließ das Königspaar sagen, daß es uns persönlich sehen wolle. Und so verbrachten wir denn zwei Stunden als Gäste des rumänischen Königspaares in Sinaja. Es ist kaum zu schildern, mit welch vollendeter Vornehmheit und Freundlichkeit zugleich König Karl mit jedem einzelnen seiner Gäste sich zu unterhalten verstand, wie er unpassende Versuche, sich journalistisch' ausbeuten zu lassen, abwies und gegen den formlosen Zudringling selber und dessen Absichten kehrte sein interessirtcr Franzosenfreuud wollte die Skandale gegen König Alfons als harmlos und unbedeutend hinstellen und König Karls Zustimmung zu dieser Darstellung erprcsseuj, wie er stets leutselig, liebenswürdig verbindlich war und auf allen Gebieten zu Hause. Wurde ihm eilt Deutscher vorgestellt, so sprach er sofort Deutsch mit ihm. Das that auch die Königin, und dabei ereignete es sich, daß ein geborener Dentschböhiue die Frage der Königin: Sie sind ein geborener Deutscher? angesichts so vieler Franzosen nicht recht beantworten wollte. Die Königin löste ihm die Zunge sehr- geschickt mit den Worten: „Nun, Sie brauchen sich dessen nicht zu schämen!" Die Königin unterhielt sich mit allen Gästen und ganz besonders lebhaft und eingehend mit einem rheinischen Landsmanuc, dem es eine Herzensfreude ist, sagen zu dürfen, daß die deutsche Frau auf dem rumänischen Königsthrone bei aller Liebe für ihr Volk das Herz für die deutsche und rheinische Hcimath nicht verloren hat, wo ihre Wiege stand, wo sie einen Theil ihrer Erziehung genoß. Carmeu Silva, „der Wald ist ein Gedicht". Die königliche Frau hat sich ein richtiges Wort zu ihrem Dichternamcn gewählt. Diese herrlichen Wälder um Sinaja herum sind ein prächtiges Gedicht, und das Schloß, das jetzt mitten drimc vollendet steht, ist wie eine Art Musik zu diesem Gedicht. Es spiegelt den Geist der ganzen Umgebung in sich wieder. In altdeutschem Burgstil gebaut, ist es mit einem ebenso vollendeten Geschmack ausgestattet, wie es in „allen Einzelnheiten bequem und praktisch eingerichtet ist. Reich und'prächtig, aber nicht prunkvoll-aufdringlich sind die großen Em- pfangsränmc, behaglich und gemüthlich die Wohnräume. Es war eine Art Ehrgeiz unter den Zugehörigen der verschiedenen Nationen ansgebrochen, wo die Einrichtung, insbesondere die Holzarbciten angefertigt seien. Deutsche Industrie hat hier einen neuen Beweis ihres Könnens geliefert. Es ist ein Mainzer Haus, das die Einrichtung geliefert hat. In Bukarest kamen wir spät wieder an und suchten alsbald die Betten auf. Der Tag war doch etwas ermüdend gewesen, da die Wälder um Sinaja zu allzu langen Spaziergängen verleitet hatten. Zeitig morgens setzten wir über die Donau und betraten in Rustschnk das jüngste Fürstcuthum Bulgarien. Nach schneller Rundfahrt durch die recht malerische Stadt stiegen wir noch einmal in die Eisenbahn, um zuerst die öden Acker- und Wcidcflächcn, dann die äußerst formen- und farbenprächtigen Ausläufer des Balkangcbirges in Bulgarien zu durchstiegen. Welch ein Abstand gegen die reichen Gefilde Frankreichs und des Elsaß! Ein wundervoller Sonnenuntergang verklärte die Berge, als wir in Bnrna an Bord des Llohddampfers gingen, der uns in ruhiger Fahrt morgens bei Sonnenaufgang in den Bosporus einfuhr. Auf europäischer wie asiatischer Seite schlummern glänzende Villen zwischen dunklen Pinien und Cyprcssen, und eben bricht die Sonne warm durch die drohenden Wolken. Da liegt es vor uns, das ersehnte Konstautinopet. Die schimmernden Sultanspaläste, die riesigen Moscheen, das unentwirrbare und unübersehbare Gewirr der Häuser. Dazwischen auf dem Bosporus wie auf dem Goldenen Horn die Menge von Masten, Segeln und kleinen Booten, die uns förmlich umlagern, um uns an Land zu bringen: dieser Schlußeffect unserer Fahrt lahmt uns zeitweilig Bewegung, Sprechen und Denken. Paris, Konstantinopcl und was dazwischen liegt in fünf Tagen — Hans Dampf 672 ist doch der entschiedenste Fortschrittlcr unseres Jahrhunderts. Konstantinopel kann ich nicht schildern, noch die Herrlichkeiten, die uns der Sultan heute durch einen Adjutanten in seinen Palästen in Dolmabagdsche und dem alten Serail zeigen ließ. Auch die Sovhienkirche und das Janitscharenmuseum, die tanzenden und die heulenden Derwische, Skutari und die Prinzeninsel — all das, was wir theils gesehen haben, theils noch sehen sollen, gehört nicht hierher. Eins aber wollte ich: das Zwischendeck des Lloyd- dampfers, der uns von Varna hierher brachte, welches mit türkischen Auswanderern aller Classen, Altersstufen und Geschlechter vollgepfropft war — möchte ich so schildern können, wie es Andreas Achenbach malen würde, wenn er es in seinem Leben je gesehen hätte» Farbenprächtigen Schmutz gibt es doch nur im Orient. Wenn wir nun heute alle so frisch sind wie vor acht Tagen und ohne eine Spur von „Nerven" unermüdlich in Konstantinopel auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten sind, so danken wir das einzig den vollendeten Einrichtungen der neuen Wagen, der über alle Beschreibung vortrefflichen Verpflegung in Speise und Trank (alles eigene Regie der Gesellschaft) und, was schließlich noch mehr und dnukeswerther, der ausgezeichneten Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit unserer Wirthe, die sich ein ewiges Denkmal in der Erinnerung aller Mitreisenden gesetzt haben, dein von Paris an bei uns gewesenen Director Nagelmakers und Generalsekretär Le Chat, wie sämmtlichen Vertretern der Lompa-Auie Internationale cles JVa^ons-lits. (Köln. Ztg.) Miseellen. (Uebertrumpft.) Zwei polnische Juden sind von einem Kaufmanne gelegentlich der Leipziger Messe znm Essen eingeladen. Dem einen Juden entfällt beim Dessert der silberne Löffel; er hebt ihn auf steckt ihn aber — da es nicht bemerkt wurde — in seinen Stiefelschaft. Der andere Jude hatte dieß aber bemerkt und hätte auch gern einen silbernen Löffel. Beim Abschiede dankte er dem Gastgeber für freundliche Aufnahme und gute Bewirthung und sagte demselben, er wolle ihm noch einen kleinen Spaß machen, er sei ein Taschenspieler. Er nimmt den silbernen Löffel, steckt ihn in die Tasche seines Kaftans, klatscht in die Hände, „eins, zwei, drei" und sagt: „Jetzt ist der Löffel im Stiefel meines Kollegen." Jedermann lacht, denn der Löffel wird natürlich am bezeichneten Orte gefunden. Schmunzelnd entfernt sich der Jude mit seinem verdutzten Kollegen. (Eine Ente.) Ein Journalist trat an einen Bach und begann sich zu entkleiden. „Schwimmt bei Seite," rief eine alte Ente ihren jüngeren Schwestern zu: „Papa will haben." — (Die fünf Sinne eines Engländers) heißen: Gold, Spleen, Dampf, Beefsteak, Kontinent. (Das Stutzschwanzerl.) A.: „Entschuldigen Sie, das nette Stutzschwanzerk gehört gewiß Ihnen?" — B: „Bitte, das g'hört dem Huuderl." Fürst: „Ich habe schon sehr viele Virtuosen gesehen, sehr viele; aber Virtuos: „O, Hoheit!" — Fürst: „Aber so geschwitzt hat noch keiner, wie Sie." Räthsel» Du hörst's getrennt J»> Parlament Ton Rednern groß nnd klein' Doch uiigetrennt, Da ist's vergönnt Dem Richter nur allein. Auslosung des Räthsels in Nr. 83: „Blei. Leib. Beil." __ Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr. / Nr. 85. 1883. jur „Äugsdnrger Postzeitung." Mittwoch, 24. Oktober Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) i Achtzehntes Capitel. Als sich die Thüre hinter Faucourt geschlossen hatte, stürzten die Thränen aus Lena's Augen hervor; mit zusammengepreßten Lippen, die Hände fest ineinander geschlungen, schritt sie hastig im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit in lautes Stöhnen ansprechend. Das höchste Ziel ihres Lebens hatte sie erreicht, und welches waren ihre ! Gefühle in diesem Augenblicke? Sie glaubte verzweifeln zu müssen. !> Erst seit kurzer Zeit drängte sich der schwärmerische, wenig einträgliche Gedanke ! an eine Heirath aus Neigung ihrem Herzen auf, um rasch wieder erstickt zu werden. § Es war nicht auffallend, daß sie ihrer Erziehung gemäß handelte. Sie wußte wie ihr Vater ein reicher Mann hätte werden können, wenn er nicht Ehre und Reinheit der Gesinnung allem Anderen vorgezogen hätte; schon von der frühesten Jugend an hörte sie ihre Mutter beständig über diese Thorheit ihres Mannes lamentiren und die Vortheile aufzählen, deren sie sich zu erfreuen haben würden, Nenn der Vater vernünftiger und mehr wie andere Menschen gehandelt hätte. Was Wunder, daß die Tochter ihren besseren Gefühlen mißtrauen lernte in der Furcht, diese möchten ihr auf dem Wege zum Glücke hinderlich sein! In dieser qualvollen Stunde, welche für sie die beglückendste hätte sein müssen, wandte sich ihr Herz mit stürmischem Verlangen St. Lawrence zu, und doch, wenn er jetzt vor sie hingetreten, um ihre Liebe gefleht und sie gebeten hätte, sein Weib, das p Weib eines armseligen, mit Noth und Sorgen kämpfenden Künstlers zu werden, würde I sie die Kraft besessen haben, um ihre glänzenden Aussichten zum Opfer zu bringen? Sie stellte sich diese Frage, und „nein, tausendmal nein", antwortete es in ihrem Innern. / Es ist so am Besten oder doch wenigstens unnütz, jetzt noch weiter darüber nachzugrübeln. / Entschlossen trocknete sie die Thränen von ihren Wangen ab. In Zukunft wollte sie nur die verführerischen Bilder des Lebens, welches sie als Gräfin von Alphington zu führen gedachte, vor ihren Blicken dulden. Getreu diesen: Vorsätze begann sie schon jetzt, sich in: Geiste mit den kostbarsten Gewändern und Juwelen geschmückt, bewundert, vergöttert und beneidet zu sehen, bis allmälig die Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte, ihr anfangs so eiliger Schritt langsamer wurde und sie Bertha, welche aus den: Garten hereinkam, schon mit einen: Lächeln des Triumphes empfangen konnte. Als Mrs. Dalton das Hans verließ, hatte sie dieser in: Vorbeigehen eingeschärft, nicht das tsto-st-tsta zu unterbrechen, und wie wenig Gefallen Bertha auch an einen: solchen Manöver fand, so wagte sie doch nicht, den Befehl ihrer Mutter zu übertreten. Bertha war ja gewohnt, Vieles und Schmerzliches stillschweigend zu tragen, und was hätte es auch genützt, eine entgegengesetzte Ansicht zu äußern, da sie nicht die geringste Macht besaß, das zu ändern, was sie nicht billigen konnte. 674 Wie sie Fancourt raschen Schrittes, ohne sie aufzusuchen, den Garten verlassen sah und ihn mit barscher Stimme seinen Reitknecht herbei rufen hörte, tauchte die Hoffnung bei ihr auf, Lena's cdlere Gefühle hätten den Sieg davongetragen und der ehren- werthe Mr. Fanconrt sei abgewiesen worden. Sie verweilte noch einige Zeit zwischen den Blumenbeeten, um der Schwester Ruhe zu gönnen, sich nach der jedenfalls aufregenden Scene wieder zu sammeln, dann ging sie, gespannt, wie die Unterredung abgelaufen, dem Hause zu. Als Bcrtha eintrat, stand Lena in der Mitte des Zimmers mit einem stolzen, kalten Ausdrucke im Antlitze, der jede Zurechtweisung oder Theilnahme von vorn herein abzuweisen schien. Der Diamantreif funkelte an ihrem Arme. Bcrtha's erster Blick fiel darauf und ihr Muth sank. Die Annahme eines solch' wcrthvollcu Geschenkes ließ nur eine Deutung zu. Mit spöttischem Lächeln, die ernste Haltung ihrer Schu-ester beobachtend sagte Lena: „Nun, Bertha, weshalb wünschest Du mir nicht Glück?" „Ist es denn wirklich entschieden?" frug diese in besorgtem Tone. „Ja, es ist entschieden." Lena unterdrückte einen leisen Seufzer. „Ist das nicht ein prachtvolles Verlobungsgeschenk?" Sie hielt Bertha mit diesen Aorten das Armband hin. „Ja, es ist wunderschön aber, Lena, wenn ich nur auch die Gewißheit hätte, daß Du wahre Liebe für Air. Fanconrt empfindest!" „Liebe!" wiederholte ihre Schwester mit bitterem Lachen. „Man könnte fast glauben, Du seiest eine Schäferin des goldenen Mittclalters. Meinetwegen magst Du, holde Amarylli's, Deine Liebe für Dämon preisen, so viel Du immer willst, aber ich bitte Dich, versuche doch nicht, diese Idyllen in das prosaische neunzehnte Jahrhundert hinüber zu verpflanzen." Bertha blickte sie traurig an; diese leichtfertige Aeußerung verrieth ihr mehr noch als ein offenes Geständniß, welcher Schmerz das Herz Lena's erfüllte. Sie legte ihre Arme um den Hals der Schwester und küßte sie herzlich, indem sie frug: »Ist es zu spät?" „Ja, es ist zu spät, Du thörichtes Gänschen", entgegnclc diese, die Liebkosungen Bertha's abwehrend, da sie fürchtete von der eignen Rührung überwältigt zu werden. „Sieh mich doch nicht so bedauernd an; die zukünftige Gräfin von Alphington ist wahrlich kein Gegenstand des Mitleids. Dort kommt Mama, sie wird mir mit Freuden gratuliren." Mrs. Dalton schritt rasch, nicht ohne einige Besorgnis; über den Verlauf der Unterredung, den Garten Pfad entlang; sie erwartete Fanconrt noch anzutreffen und war bereit, ihm ihren mütterlichen Segen zu ertheilen. Als sie das Wohnzimmer erreichte, und die beiden Mädchen dort allein erblickte, erschrack sie heftig, aber ein Blick auf Lena's Arm machte ihrer Furcht ein Ende. „Meine liebe, theure Lena!" rief sie, auf diese zueilend und in ihre Arme schließend, aus. „Ich brauche nichts zu fragen, ich sehe schon, daß alles so ist, wie es sein sollte. Von ganzem Herzen wünsche ich Dir tausendmal Glück, mein liebes Kind." „So ist es recht, Mama", antwortete Lena mit demselben halbvcrächtlichen Lächeln, mit welchem sie auch der Schwester ihre Verlobung angezeigt hatte. „Bertha konnte es nicht über sich gewinnen, mir etwas Artiges darüber zu sagen." „Hoffentlich wird der Erfolg Deiner Schwester Dir zum Vorbilde dienen und Dich etwas Vernunft lehren", wandte sich Mrs. Dalton an ihre jüngere Tochter. Und Lena von Neuem umarmend, fuhr sie fort: „Wie glücklich hast Du mich gemacht, mein Herz! Aber weshalb ging Mr. Fan- court schon weg?" Warum hat er mich nicht abgewartet?" „Weil ich ihn fortschickte. Sei unbesorgt, er wird schon morgen wiederkommen", sagte Lena, das schwere Armband ablegend. «75 „Es soll mich einmal wundem, wann er die Hochzeit zu feiern wünscht", begann Mrs. Dalton, mit ihren eignen Gedanken beschäftigt. „Natürlich müssen Heirathsverträge und dergleichen gemacht werden, aber das wird uns doch vermuthlich nicht an dem Besuche zu Larkspur hindern. Der ehrenwcrthe Mr. Faucourt kann ja nicht wie ein gewöhnlicher Mensch schon nach einigen Wochen hcirathen. Und Dein Trousseau muß besorgt werden. Bertha, Du mußt mir das Geld geben, welches Du für das letzte Halbjahr eingenommen hast; es ist freilich nicht viel, aber etwas hilft es doch. Siehst Du jetzt l ein, wie gerechtfertigt mein Wunsch war. Du möchtest keinen Unterricht mehr ertheilen, das wäre ja höchst unpassend, wo Deine Schwester im Begriffe steht, eine so vornehme Dame zu werden, und dann noch cin's, Bertha, ich muß Dich dringend ersuchen, gegen Niemanden mehr erwähnen, daß Du je Musikstunden gegeben hast, es darf nicht bekannt werden, daß Mrs. Faucourt's Schwester genöthigt war, Unterricht zu ertheilen. Mrs. Dalton, welche während des Sprechens die Hutbänder gelöst, und den Mantel abgelegt hatte, war vollständig athcmlos. „Soll ich Deinen Hut hinauftragen, Mama?" frug Bertha, die Bemerkungen ihrer Mutter unerwidert lassend. „Bitte, sei so freundlich. Ich muß gestehen, daß ich vor lauter Entzücken ganz außer mir bin. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, Lena, so würde ich den Wunsch äußern, die Gemächer in Magnus Squire für den Fall, daß ihr dort wohnen werdet, neu einzurichten. Wenn sie seit dem Tode der Lady Alphington vor fünf- oder sechs- > undzwanzig Jahren nicht mehr gebraucht worden sind, so müssen sie ganz verblichen und »umodern sein. Und der Familienschmuck wird doch auch neu gefaßt. Sagte Mr Faueonrt nichts darüber?" „Doch schwerlich jetzt schon, Mama", erwiderte Lena; „zudem bezweifle ich, ob , Mr. Fancourt selbst etwas darüber weiß. Der alte Lord Alphington scheint ihn in respektvoller Entfernung zu halten. Kannst Du das begreifen? diesen entzückenden Enkel?" i „Nun entzückt finde ich ihn gerade nicht", sagte Mrs. Dalton, welche Lena's ! ironische Bemerkung nicht verstand. „Man kann freilich nicht Alles zusammen haben, und es ist gut, wenn Du so denkst oder doch wenigstens so sprichst", setzte sie sich ver- t bessernd hinzu. „Ist Dir Lord Alphington damals in Lackspur nicht sehr stolz vorgekommen? —" „O nein", antwortete Bertha, welche mit einer kleinen Spitzenhaube für ihre Mutter zurückkehrte. „Er war durchaus nicht hochmüthig; bitte setze Dich, Mama, ich will sie Dir feststellen." > Mrs. Dalton, die noch fortwährend gestanden hatte, ließ sich ganz erschöpft auf s einen Stuhl nieder. l „Es überrascht mich nicht, Bertha, dieses Urtheil von Dir über Lord Alphington zu hören", entgegnete ihre Schwester. „Er schien Dich in sein Herz eingeschlossen zu haben. Der Opalring umgab Dich mit einem magischen Zauber. Aber ich werde ihn zwingen, auch mich gerne zu haben, ich weiß, daß ich es kann, wenn ich es nur will." „Natürlich wird Dir das gelingen, mein liebes Kind", stimmte Mrs. Dalton bei. Lena warf sich ermüdet anf's Sopha nieder; es war ihr zu Muthe, als ob sie nie mehr mit leichtem Herzen ihr Lieblingsplätzchen am Fenster einnehmen könne. „Mama", sagte sie nach einer Weile, den Kopf wieder erhebend, „ich will Mr. Fancourt bitten, mir gerade einen solchen Ring, wie der verloren gegangene, machen zu lassen. Es wäre nicht schwer, dem Juwelier eine genaue Zeichnung davon zu geben. Erinnerst Du Dich noch, wie ich damals, als ich ihn zuerst sah, sofort wünschte, er wäre mein. Und jetzt hätte ich das Recht ihn zu tragen." „Du kannst wohl einen ähnlichen Ring anfertigen lassen, aber es wird doch nimmer der echte sein", bemerkte Bertha, zum Fenster hinausblickend. Mir würde ein solch' nachgemachtes Ding keine Freude machen." 676 „Weshalb nicht? Die Steine sind doch jedenfalls echt." „Und der Opal bedeutet: „Treue Liebe", fügte Bertha, ohne umzuschauen, hinzu. „Hüte ihn wohl, damit er seinen feurigen Glanz nie verliert." „Man sollte wirklich glauben, Du seiest abergläubisch wegen des Ringes", erwiderte Lena errathend. „Dazu habe ich doch gewiß keine Veranlassung", antwortete ihre Schwester lächelnd. „Die Prophezeiung hat sich ja als falsch erwiesen — sonst müßte ich die zukünftige Gräfin von Alphington sein." „Du? Wie unwahrscheinlich!" rief Mrs. Daltou wegwerfend aus. „Allerdings sehr unwahrscheinlich, Mama", bestätigte Bertha ernst, und für sich setzte sie hinzu, daß Mr. Fancourt vergebens um sie würde geworben haben, wenn er auch der Erbe von zwanzig Grafschaften und der Besitzer aller Reichthümer Indiens wäre. Neunzehntes Capitel. Als Fauconrt nach seiner Verlobung mit Lena Dalton Joy Totlage verließ, hätte er dein Anscheine nach ein glücklicher Mann sein müssen; Alles, wonach er gestrebt, gehörte ihm, seine Bewerbung war mit Erfolg gekrönt worden, er hatte die Braut errungen, welche er, seinen eigenen Worten gemäß, verzweifelt liebte und zwar so verzweifelt liebte, daß er bereit war, eher Alles zu wagen, als sie zu verlieren, und doch fürchtete er sich. Die günstige Gelegenheit und seine Leidenschaft hatten ihn zu der That, deren Folgen nun auf ihm lasteten, fortgerissen. Diese Erwägungen gönnten ihm, seit er Lena verlassen, weder Ruhe noch Rast; die Anwesenheit des Reitknechtes wurde ihm unerträglich, er schickte ihn nach Hause und sprengte in wildem Trabe davon. In den alten Märchen wird erzählt, daß die bösen Geister dem Auge zuerst als unbestimmte Nebel erscheinen, woraus sich dann allmülig die Schreckensgestalt entwickelt — ganz so erging es Fauconrt. Seine düsteren verworrenen Gedanken schlugen nach und nach eine bestimmtere Richtung ein, und wie es klarer in seinem Geiste wurde, entsank ihm der Muth. Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er sich vorspiegelte, die Umstände hätten ihn ja dazu veranlaßt; wie gerne würde er den geraden Weg des Rechtes gewandelt sein, wenn der ihn nur zu dem gewünschten Ziele geführt! Trug er die Schuld, daß dies nicht der Fall war? Eine Tücke des Schicksals warf ihn grausamer Weise dem Laster in die Arme. Er finde ja kein Vergnügen daran, Böses zu thun, — im Gegentheil es verursachte ihm geradezu Schmerz, Jemanden etwas Ucbles zuzufügen. Aber was bleibe ihm anders übrig, da man ihm im Wege stehe. Jetzt könne er in keinem Falle mehr zurücktreten. Auch das hielt er für ein böses Verhängnis;, daß er mit Lena allein geblieben und deshalb zu weit gegangen war. Er hatte sich ja nur vergewissern wollen, welche Aussichten er habe, und dann abwarten wollen, ob ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe komme. Aber nun zwangen ihn die Verhältnisse zur dunkelen That und er konnte nicht anders, er mußte sie vollbringen. Sein Aeußeres verrieth nicht diesen inneren Sturm, als er am anderen Morgen zu Joy Cottage erschien. Er hatte eine lange zufriedenstellende Unterredung mit Mrs. Dalton, welche, obgleich er keine Versprechungen betreff des Ehekontractes machen konnte, gewillt war, dem Edelsinne Lord Alphington's in diesem Punkte zu vertrauen; später wurde Mr. Fauconrt von Lena mit holdem Lächeln empfangen. Mrs. Dalton's Schilderungen des außerordentlichen Vortheils, den diese Eroberung ihr gewähren würde, hatten Lena dermaßen beeinflußt, daß sie wenigstens äußerlich gleichmüthig erscheinen konnte. Es macht ihr Freude, verzärtelt und vergöttert zu werden; dem kleinen Umstände, daß sie den Mann, welcher im Begriffe stand, sie auf den Gipfel ihres getränintcu Glückes zu heben, nicht lieben könne, mußte sie sich fügen; es wäre ja unbescheiden gewesen, alle Wünsche befriedigen zu wollen. (Fortsetzung folgt.) Die Katastrophe auf den Sunda-Jnselu. Amsterdam, 11. Oktober. Wiewohl Sie bereits mehrfach über das furchtbare Unglück, von welchem die Bewohner der Sunda-Jnseln heimgesucht wurden, berichtet haben, mag Ihren Lesern noch einiges aus den Berichten der dieser Tage hier eingetrvffeneu indischen Blätter willkommen sein. Neben Bekanntem enthalten dieselben auch noch manche neue Einzelheiten. Zuerst möge ein aus Batavia 1. September datirter Bericht des „Javaboten" folgen. Derselbe lautet: Die Woche, welche heute zu Ende geht, ist eine der denkwürdigsten und schrecklichsten, die West-Java und Sumatra je erlebt haben. Das Hanptthor unseres Archipels, die Snndastraßc, ist durch eine heftige Eruption des Vnlcans auf der kleinen Insel Krakatoa ganz von Gestalt verändert. Verschiedene Inseln sind versunken, andere aus der Tiefe emporgestiegen, noch andere in Stücke gerissen, und die Küsten rechts und links sind durch die wilderregte See so fürchterlich heimgesucht, daß alle Städtchen und Dörfer mit ihren Einwohnern fortgeschwemmt wurden. Wo der Reisende, welcher von Südwesten aus Niedcrländisch-Judieu erreichte, früher durch die lieblichen Naturschöuhcitcn überrascht wurde, ist jetzt alles ein Bild des Todes und der Verwüstung. Alle Lencht- thürmc und sonstigen Erkennungszeichen an einem der ersten Handclswege der Welt sind vernichtet. Anjcr besteht nicht mehr, Tjiringin ist verschwunden, ebenso Telok Betoug, Merak, Karang Antoe und andere Orte, längs der Küste. Die Einwohner, Europäer und Inländer, welche sich am Sonntag Abend und in der Nacht nicht in die Berge retten konnten, wurden von den mit Blitzesschnelle hereinbrechenden Wogen erfaßt und verschlungen. Bis ganz in der Nähe von Batavia sind Menschen von der Futh hinweg- gerafft worden. Kurz, am Montag den 27. August 1883 haben West-Java und Süd- Sumatra ihre Herculaunm und Pompeji erlebt. Wir wollen hier die Ereignisse, wie sie aufeinander folgten, kurz zusammenfassen. Am Sonntag den 26. August vernahm man hier in Batavia plötzlich ein lautes Getöse, von heftigen Schüssen unterbrochen, aus Westen kommend. Jeder ahnte sofort, daß der Vulean aus Krakatoa, der nach 200jährigcm Schlafe seit den: 20 Mai d. I. fortwährend Flammen und Asche von sich gegeben hatte, hier im Spiele sei. Die Luft war bedeckt und außergewöhnlich schwül. Niemand dachte aber noch an ein Unheil, selbst nicht zu Bantong, ivo man einen ziemlich heftigen Erdstoß empfand, und die hier in Indien so seltsame Erscheinung eines Hagelschauers hatte. Als gegen 2 Uhr von hier nach Anjer um Aufschluß wegen des Getöses telcgraphirt wurde, kam die Antwort: „Hier so dunkel, daß man keine -Hand vor Augen sehen kann; Krakatoa ist ganz in Rauch gehüllt." Das war leider der letzte Bericht, den Anjcr in die Welt sandte! Am Nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr wurde der Lärm immer stärker die Schlüge verdoppelten ihre Kraft, so daß ein inzwischen sich entladendes Gewitter ganz von dem fürchterlichen Knallen und Toben des Vnlcans übertönt wurde. Mit begreiflicher Spannung und Sorge sah man der Nacht entgegen, und kurz nach Mitternacht wurden diejenigen, die sich zur Ruhe begeben hatten, durch einen fürchterlichen Schlag geweckt, der Fenster und Thüren aufspringen und die Häuser dröhnen ließ; das Gas erlosch an vielen Stellen, und viele kleinere Gegenstände wurden durcheinander geworfen. Die Erscheinungen wiederholten sich während der ganzen Nacht, die von den Meisten durchwacht wurde. Endlich kam der Montag, und Jeder begrüßte mit Freuden das Morgenlicht. Wenige dachten wohl, daß dieser Tag eigentlich kein Tag sein würde, und daß er den Untergang von Tausenden herbeiführen würde. Die Luft war dunstig, kein Blatt, kein Halm bewegte sich, es lag eine unheilverkündende Schwüle über der Stadt; doch das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang, Alles eilte zur Arbeit. Plötzlich um 0 Uhr etwa verfinsterte sich die Luft, eine gleichmäßig wachsende unerklärliche Finsterniß verbreitete sich ringsumher, und gegen 11 Uhr war es so dunkel, daß man nichts mehr sehen konnte und überall das Licht anzünden mußte. Die meisten Comptoire, Bureaux, Schulen rc. wurden geschlossen, und alles begab sich nach Hause. Das Getöse der Eruption dauerte immer fort, und die Dunkelheit hielt an; es fiel ein Aschenregen, und die Luft ließ am östlichen Horizont einen seltsamen mattgelbcn Rand wahrnehmen. Bald trafen auch Telegramme aus Scrang in Bantam ein, welche meldeten, daß das chinesische Lager zu Poelve Mcrak von der Hochfluth fortgerissen sei. Wie sich später herausstellte, war das ganze Etablissement zu Mcrak (große Steingrubcu) auf Bautams Nordküste vernichtet. Westlicher als Serang befand sich keine telegraphische Verbindung. Der Draht nach Auser war zerstört, ebenso der nach Tclok Betong. Was ging dort vor in der Umgebung der Sundastraßc? Niemand wußte es; aber Jeder befürchtete das Schlimmste. Um 1 Uhr wurden diejenigen, die noch in der untern Stadt geblieben waren, durch die Hochfluth überrascht. Alles ergriff die Flucht, und glücklicherweise hatten wir hier kein Menschenleben zu beklagen. Die Fluth stieg eine Elle hoch und setzte viele Kähne, ja selbst ein kleines Dampfschiff auf den Damm des Hafencanals; die Erscheinung wiederholte sich noch öfters im Laufe des Tages. Dazwischen war es empfindlich kalt geworden; das Thermometer war um fünf Grad gefallen; das Barometer schwankte den ganzen Tag. So ging der Mittag vorbei, und gegen Abend langte in rascher Folge die Hiobs- posten an, die uns die greuliche Verwüstung, durch das Erdbeben und die Hochfluth angerichtet, schilderten. Aus der ganzen Umgegend trafen Berichte ein, daß Brücken fortgerissen, Häuser eingestürzt und viele Menschen umgekommen seien. Die Nacht verging ruhig; am Dienstag vernahmen wir die gänzliche Zerstörung Unsers und der übrigen bereits genannten Ortschaften. Ganz Bantam hat den Gnadenstoß erhalten. Alles liegt unter der vulkanischen Asche begraben. Die Thiere haben kein Futter mehr. Die Eingeborenen aber sind von Fanatismus besessen, und schreiben die Ursache der Katastrophe der Behandlung ihrer Glaubensgenossen in Atchin zu. Die Europäer sind dort kaum ihres Lebens sicher. Außer diesem allgemeinen Bericht, der sich hauptsächlich auf das in Batavia Erlebte und Empfundene beschränkt, enthalten die indischen Blätter ganze Spalten voll interessanter und ergreifender Episoden über die Schicksale einzelner Personen und Familien. Einiges davon wollen wir noch wiedergeben. Von Tclok Betong kam ein Schiff mit der Nachricht, daß der Ort nicht von der Landseite zu erreichen sei. Der Controleur Bayerinck mit Frau und Kindern sind mitgekommen, mit schweren Brandwunden bedeckt. Die Bevölkerung ist sehr aufgeregt; der Controleur mußte, um nicht ermordet zu werden, versprechen, Reis zu senden. In dem Campong'schen Districte herrscht Anarchie. Die noch lebenden Europäer sind in großer Gefahr. Drei Meilen landeinwärts ist alles verwüstet; von dem herrschenden Elend kann man sich keinen Begriff machen. Man fand Tausende von Leichen ini Wasser treibend. Eine andere Nachricht lautet: „Nach Berichten von Schissen, die aus der Sundastraßc angekommen sind, trieben am Eingang der Straße so viele Leichen umher, daß ein Schiff dadurch in der Weiterfahrt behindert wurde. In Anjer waren zu wenig Hände, uin die Leichen zu begraben, so daß unerträgliche Miasmen sich verbreiteten." Officicll wird berichtet von dem Residenten von Batavia unterm 31. August: „Vorgestern Abend zu Mauk angekommen. In vielen Orten große Verwüstungen gefunden. Täglich werden die Trümmerrcste der Häuser untersucht; schon ca. 900 Leichen gefunden und begraben. Leute unwillig zur Arbeit, ohne Aufsicht aus Raub bedacht. Gänzlicher Mangel au Nahrungsmitteln." Aus Kramat wird dein „Allgm. Dagbl." geschrieben: „Einer der Ersten, welcher dem Residenten Bericht über das Unglück brachte, war- der Herr Jacob Deurwaarder. Als das Wasser stieg, sprang er in einen Wagen und fuhr im Galopp davon. Von der Flnth überholt, wurde er gegen einen Baum geschleudert, der widerstand und den: er seine Rettung zu verdanken hat." Ebenso erging es Andern. Ein vr. Dilliö von Unser lag bei dem Hereinbrechen der ersten Flnthwelle am Morgen 67S des 27. August noch zu Bett und wurde hinausgeworfen. Er fand seine Frau und sein Kind in der Küche oben auf dem Herd und flüchtete mit ihneu in die Berge. Dort wurden die Fliehenden mit glühender Äsche überschüttet. Lange irrten sie umher, und als sie endlich ein Dorf erreichten, wurden sie von den Eingeborenen vertrieben, und wollte Niemand ihnen etwas Nets oder Wasser geben. So die glaubhaften Berichte; daß auch viele Uebertreibungen mit unterlaufen, ist erklärlich. Das Tollste leistet wohl ein Korrespondent, der „Haifische und Krokodile durch die Luft fliegen" läßt. Das erinnert an Münchhäusen, wird aber sogar von großen Blättern (auch das „Berliner Tageblatt" gehört dazu) ohne Kommentar mitgetheilt. Außer dem entsetzlichen Unglück, das immerhin 20,000 Menschen das Leben gekostet haben mag, ist am meisten die bedenkliche Gesinnung der Eingeborenen zu beklagen, welche zeigen, daß es nur eines geringen Anlasses bedarf, um den Vnlcau des fanatischen Islam zu einer allgemeinen Eruption zu fuhren. Alirndglockett. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie meine Gedanken locken Weit fort, so weit Zu der Jugendzeit. In des Walddorfs friedliche Einsamkeit. Noch blüht am Kirchlein der Weiße Flieder Die düst'ren Linden, sie grünen wieder, Und die Kindcrschaar Im blonden Haar Spielt aus den Gräbern immerdar. Sie singen stets noch die alten Sänge Die Hcimatlante, die süßen Klänge, Und seh'n den Mann Verwundert an, Den Fremdling, wie er nur weinen kann. Hier unteren Steine, dort nntcr'm Rasen Rnh'n theure Herzen, die laugst genasen Nach Sturm und Streit Von allem Leid In des Grabes stiller Vergessenheit. Mir ist's, als winkten mir liebe Hände, Als hört' ich Stimme», die ich verstände; „Kehr' ein, kehr' ein Nach Harm und Pein; Nun komm' doch, komm' doch, wir harren dein!" Die Welt, die Wüste durchirrt' ich lange, Und müde bin ich vom schweren Gange; Ein Pilger, der matt Sich gewandert hat, Grüßt sroh die Thürme der heil'gen Stadt. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie laden, o wie sie locken! Der Tag vergeht, Die Nachtluft weht; Bald werd' ich schlafen! es ist schon spät. F. Weber. M i s c e l l e n. (Ueber die häuslichen Beschäft-igungen des himmlischen Kaisers") bringt der „North China Herald" folgende Mittheilung. Seine „Majestät" ist jetzt elf, Jahre alt und wird erst nach fünf Jahren für volljährig erklärt werden. Jetzt heißt' man ihn noch „Fo-Ieh", den Buddha-Bater, und diejenigen, die in seiner Nähe erscheinen dürfen, beten ihn als einen Gott an. Er war nicht im Purpur geboren — und das war ein Glück für ihn, denn jetzt getraut sich ihn Niemand anzurühren. Als er ein unbedeutendes Prinzchcn war, wurde er geimpft. Seine Mutter besucht ihn einmal jeden Monat und kniet vor ihm nieder, jedoch um sich unverzüglich wieder zu erheben; auch sein Batcr thut dasselbe. Acht Eunuchen bedienen ihn bei Tag und bei Nacht, während die Zahl der Diener bei besonderen festlichen Gelegenheiten zahllos ist. Der „göttliche" Knabe ist ganz allein, und die Eunuchen intcrveniren sofort, wenn er,, zu großen Appetit entwickeln sollte. Er lernt Chinesisch und Mandschn jeden Tag und zwar jede der beiden Sprachen während anderthalb Stunden. Zwei Stunden bringt er mit Ncitübungen und Bogenschießen zu und im Winter fährt er im Schlitten aus. Seine Lehrer fallen, sobald sie zu ihm treten, aus die Knie nieder, dann aber sitzen sie.. (Zas das arme Kind mit der übrigen Tageszeit anfängt, wird Niemanden mitgetheilt. 680 Er wohnt in den Gemächern seines Vorgängers und schläft in dem ungeheuren Bette, das mehrere Kaiser als Dioan benutzt haben. Die Minister machen ihm täglich ihre Aufwartung um die vierte, fünfte und sechste Stunde des Vormittags, während er in der großen Nathshalle auf seinem Throne sitzt. (Belohnte Unverschämtheit.) Ein Pariser Spezialarzt hatte — so erzählt das „Journal des Debats" — einen reichen Pastetenfabrikantcn aus Straßbnrg von einem hartnäckigen Uebel geheilt. Eines Tages meldete sich der glücklich Genesene, um dem Doktor zu danken und eine Gänselebcr-Pastete anzubieten. Der Arzt fürchtete, die Annahme des Geschenkes könnte ihn verhindern, ein hohes Honorar zu fordern, und entgegnete, er habe den Grundsatz, niemals Geschenke anzunehmen; er begnüge sich mit dem Honorar. Nun erkundigte sich der Elsässer nach dein Betrage seiner Schuld. „1200 Franken", war die Antwort. Der Besucher zog sein Messer aus der Tasche, zerschnitt die Pastete, nahm zwesi Tauseudfrankscheine heraus, die in einer silbernen Kapsel sorgfältig verschlossen waren, und bat den beschämten und ärgerlichen Mann der Wissenschaft, ihn: achthundert Franken zurückzugeben. (Das idloir xln8 nitra. der Findigkeit) hat ein Berliner fertig gebracht, welcher die „Tgl. Ndsch." um Gratis-Aufnahme folgenden Inserates angeht: „Für Raritätensammler". Bekanntlich hing der Sieg der Schlacht bei Kuncrs- dorf au einem Haar. Dieses Haar habe ich nun nach langen mühevollen Ausgrabungen auf dem genannten Schlachtfelde gefunden. Gegen Einsendung von 2000 Lstr. bin ich gern bereit, es reichen Engländern oder sonstigen Kuriositätensammlern portofrei zu überlassen. Näheres in der Exped. d. Blattes. (Eine stete, sinnige Erinnerung an den 12. September 1683) den Sieg scher den Halbmond des Islam, sind unsere „Hörnchen", die Wiener Kipfelu. — Die lautere Freude über die glückliche Bcsiegnng des Kara Mustapha gab Wiener Bäckern den Gedanken ein, den Halbmond essen zu lassen, deshalb bücken sie vom Jahre 1683 ab halbmondförmige Brode, die ihre zeitgemäße Bedeutung durch 200 Jahre noch lebendig erhalten haben. (Buchstäblich befolgt.) Herr (zu seinem Diener): „Johann, geh'zum Bahnhof, und schau', wann der letzte Zug abgeht." — (Nach zwei Stunden kehrt der Diener schweißtriefend zurück.) — Herr: „Ja, um Gottes Willen! Wo warst Du so langes" — Diener: „Ich hab' müssen höllisch lang' warten, aber jetzt ist er gerade abgefahren." (Alle Tage jünger.) „Gott, was sch'u Se aber gut aus, Herr Inspektor! Se werden wahrhaftig jeden Tag jünger!" — „„Ja! wenn das so fortgeht, werde ich mir auch nächstens meine Windeln wieder hersuchcn lassen."" (Die Wahrheit.) Unteroffizier: „Was versteht man unter Heuchelei?" — Nekrut: „Heuchelei ist-ist-wenn irgend Jemand sagen that: — er hätt'- seinen Vorgesetzten gern." _ ck! ii t h s c l. Zwei Silben zählt das Wort; mag prunkvoll sein, Was eS dir nennt, dich täusche nicht der Schein; Das Innere prüfe, ob es Tand und Spreu, Ob echtes Gold und Geistesnahrung sei. Nun aber trenne rasch das Silbcnpaar, Den Tonfall ändere; neuer Sinn ist klar; Ob» steht im Bücherschrein, ob's schmückt den Hut, Gleichviel; nur wähle stets, was schön und gut! Auflösung deZ Räthsels in Nr. 84: „Frei sprechen, Freisprechen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 86. 1883 . »ur „Äugstmrger postzeituug." Samstag, 27. Oktober Der GpnlrLng. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Das Troussean wurde schon bald in Angriff genommen. Lena hatte ihren Verlobten gebeten, den antiken Opalring noch machen zn lassen, nnd dieser ging bereitwillig anf ihre Laune ein. Der folgende Nachmittag wurde zur Excursion festgesetzt, wo Fan- court mit dem Wagen kommen und Mrs. Dalton und Lena zum Goldarbeiter abholen solle. Bertha sehnte sich darnach, endlich einmal zu Hause zu sein. Je näher sie Fau- court kennen lernte, um so größeren Abscheu empfand sie gegen ihn. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, die Zukunft der Schwester, welche sie so aufrichtig liebte, seinen Händen anvertraut zu sehen, und dann ermüdete sie auch dieses unaufhörliche Sprechen über Kleider, Juwelen und Möbel, als ob außer diesem Ereignisse nichts Anderes auf der Welt mehr von Interesse sei. Die beiden Mädchen, deren Zimmer aneinander stießen, pflegten früher beim Zubettgehen über die Erlebnisse des Tages zu plaudern; aber jetzt schloß Lena unter dem Vorwande, zu schläfrig für jegliche Unterhaltung zn sein die Thüre, so daß Bertha, ausgeschlossen von dem Vertrauen ihrer Schwester, sich doppelt einsam fühlte. Allerdings wurde ihr guter Geschmack und die geschickten fleißigen Hände nichtsdestoweniger fortwährend in Anspruch genommen. Sie war herzlich froh,- einige freie Stunden zn ihrer Verfügung zu haben und setzte sich an's Klavier. Aber kaum hatte sie die ersten Akkorde angeschlagen, als Douglas eintrat. — Sie sprang auf und begrüßte ihn mit freudigem Lächeln; die Anwesenheit des Freundes war ihr in der gegenwärtigen Stimmung doppelt erwünscht. „Störe ich?" frug er, die Hand, die sie ihm entgegen streckte, ergreifend. „O nein, nicht im mindesten. Es macht mir Vergnügen, daß Sie gerade jetzt gekommen sind; ich habe hier einige neue Lieder und möchte, wenn es Ihnen recht ist, Ihre Meinung darüber hören." Es war Douglas recht, er liebte es, Bertha singen zu hören. Als sie geendet, wandte sie sich auf dem Klavierstuhlc um und unterhielt sich mit ihm über Musik. Nach einiger Zeit sagte Douglas: „Werden Sie es mir verdenken, wenn ich Sie um etwas frage, was mich dem Anscheine nach nichts angeht? " „Glauben Sie, daß ich Ihnen so leicht böse sein kann? Was ist es?" „Auf dem Wege hierher sah ich Ihre Mutter und Schwester mit Mr. Faucourt im Wagen sitzen. Hat das etwas zn bedeuten?" Douglas stellte diese Frage mit außergewöhnlichem Ernste. „Ja, sogar sehr viel. Ihnen darf ich wohl mittheilen, daß meine Schwester mit Mr. Faucourt verlobt ist." 682 „Wirklich? Also ist es so weit gekommen?" rief er in solchem Schrecken aus, daß Bertha überrascht sagte: „Sie ängstigen mich, Mr. Douglas. Was haben Sie gegen Mr. Fancourt?" „Ich kenne ihn persönlich nicht; vor einigen Wochen traf ich ihn zum ersten Male - hier und seit der Zeit traf ich ihn nicht wieder. Von Herzen wünschte ich, daß dieses sich nicht ereignet habe." Die Worte selbst beunruhigten Bertha weniger, als der Ton, in welchen: er sprach: „Sie wissen mehr, als Sie mir sagen wollen; bitte verhehlen Sie mir nichts." „Douglas erhob sich und trat an's Fenster; er schien seine Gedanken sammeln zu wollen." Seinen Platz wieder einnehmend sagte er: „Ich hätte schweigen sollen, es war thöricht von mir, denn ich darf Ihnen keine nähere Aufklärung geben, da es ein Geheimniß betrifft, welches nicht das meinige ist. Und nun habe ich Ihnen diesen Schrecken eingejagt, und Sie werden mich für einen nasenweisen Burschen halten, der sich in Sachen mischt, die ihn nichts angehen und dabei nicht mehr Verstand im Kopfe hat, als Pinch hier", fügte er, diesen bei den Ohren ziehend, hinzu. „So werde ich nicht denken, obschon ich nicht leugnen kann, daß ich sehr in Sorge bin, namentlich, weil meine Gefühle, wie ich Ihnen nur offen gestehen will, vollständig mit den Ihrigen übereinstimmen. Meine Mama und Lena darf ich ohne einen gewichtigen Grund angeben zu können, nicht warnen, Sie würden es nur als Vorurtheil meinerseits ansehen." „Nennen Sie es lieber das Erkennen Ihres reinen Herzens", erwiderte Douglas. Nach einer Pause hub er wieder an: „Wollen Sie mir versprechen, mich den Tag, an welchem diese Hochzeit stattfinden soll, frühzeitig wissen zu lassen?" „Gewiß, denn ich bin überzeugt, daß sie mich ohne wichtige Gründe nicht darum ersucht hätten. O Mr. Douglas, wie unglücklich haben Sie mich gemacht!" rief sie erregt aus, während sich ihre Augen mit Thränen füllten. „Unglücklich! Wo ich mein Leben hingeben möchte, um Sie glücklich zu machen!" betheuerte ungestüm der junge Btann. Bertha, welche, den Kopf in die Hand gestützt, sich auf's Pianino gelehnt hatte, blickte überrascht auf. „Schenken Sie meinen Worten keinen Glauben?" rief er mit einer Stimme, in welcher die ganze Zärtlichkeit seines Herzens lag, aus. „Sie bedürfen eines Beschützers; lassen Sie mich Ihr Beschützer — Ihr Gatte sein! O, Bertha, ich liebe Sie so unaussprechlich, ohne Sie gibt es für mich kein Glück auf der Welt!" „Sie lieben mich?" frug Bertha erstaunt in das lebhafte schöne Antlitz vor ihr schauend, gleichsam ob sie sich vergewissern müsse, daß sie recht gehört habe. „O wie Mich das betrübt!" „Betrübt?" wiederholte der junge Mann, indem alle Farbe von seinen Wangen wich. „Können Sie mich denn nicht ein klein wenig lieben, Bertha?" „O ja, ich babe Sie sehr gerne", betheuerte diese eifrig, da sie den Schmerz gewahrte, der ihre Worte hervorgerufen hatte, „nur nicht in dieser Weise, — nur nicht in der Weise, in der Sie meinen." „War ich zu voreilig? Würden Sie mir eine andere Antwort gegeben haben, wenn ich länger gewartet hätte? Theuerste Bertha, ich liebe Sie so innig — gibt es denn gar keine Hoffnung für mich?" „Sie schüttelte traurig den Kopf. „Es thut mir unendlich leid", sagte sie unter strömenden Thränen; „aber die Zeit kann keinen Unterschied hervorbringen. Vielleicht hätte ich dies wissen müssen, ich dachte jedoch nie daran, da ich glaubte, wir seien nur Freunde." 683 Seine Stimme zitterte: „Freunde! Könnte es wohl möglich sein, kein wärmeres Gefühl als das der Freundschaft für Sie zu empfinden, nachdem man so genau mit Ihnen bekannt geworden ist wie ich? Gönnen Sie mir Zeit —, lassen Sie mich versuchen, Ihre Liebe zu erringen, oder, verzeihen Sie mir meine Frage", fuhr er, ihre plötzliche Nöthe und bebenden Lippen bemerkend, mit bleichen Wangen fort, „ist vielleicht Jemand anders —Er beendete den Satz nicht. Ein lautes schmerzliches Stöhnen unterbrach ihn; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. „Vergeben Sie mir — o! vergeben Sie mir mein ungeschliffenes Benehmen!" flehte Douglas in größter Aufregung. „Um Ihnen ein Leid zu ersparen, würde ich gerne mein bestes Herzblut zum Opfer bringen und nun bereite ich Ihnen selbst noch solchen Schmerz." Aus seinen redlichen blauen Augen stürzten Thränen hervor, er verhüllte das Gesicht mit der Hand; sie sollte nicht sehen, wie sehr er litt.^ So bald er wieder Herr seiner Stimme war, fuhr er fort: „Ich hatte ein hübsches Luftschloß gebaut, aber wie bald ist es in Nichts zerronnen — doch ich will Sie nicht länger quälen, ich sehe ein, daß ich mich geirrt hatte." Bertha streckte ihm ihre Hand entgegen. „Es ist wirklich nicht aus Mangel an Achtung vor Ihnen, aber —" sie verstummte plötzlich. Eine brennende Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Sagen Sie kein Wort weiter", bat Douglas, ihre Hand an seine Lippen führend. „Nur ich bin zu tadeln; ich hätte es wissen können. Wie bitter mich auch die Enttäuschung treffen mag, denn ich hoffte —" der Schmerz übermannte ihn von Neuem; nach einer Weile sagte er: „Bitte, betrüben Sie sich nicht meinetwegen. Darf ich hoffen, daß Sie mir das Vorrecht, ihr Bruder sein zu dürfen gewähren wollen? Des einen oder anderen Tages, wenn diese Stelle in Ihrem Herzen mir genügen kann, werde ich zurückkehren. Nie will ich wieder so vermessen sein; vertrauen Sie mir. Ich könnte es nicht ertragen von Ihnen als Fremder behandelt zu werden." „Ich vertraue Ihnen unbedingt", entgegnete Bertha, sich Mühe gebend, ihre Fassung wieder zu erlangen. „Wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten, so würden Sie sich überzeugen, daß ich Ihnen in Allem, ohne Rückhalt vertraue. Ich bedauere so blind und mit meinen eignen Gedanken beschäftigt gewesen zu sein. Diesen Kummer hätte ich Ihnen ersparen müssen." „Beunruhigen Sie sich deshalb nicht. Es ist besser, wenigstens für mich, daß wir einander ganz verstehen. Denn sehen Sie, ich bin so ein träger, unsteter Kamerad gewesen, nicht halb gut genug für Sie, das weiß ich — doch wenn Sie mich Hütten lieben können — nun erwähnen wir es nicht weiter", brach er plötzlich mit der Hand über die Augen fahrend, ab. „Meine Liebe zu Ihnen wird mir helfen, ein besserer Mensch zu werden. Um keinen Preis in der Welt möchte ich wünschen, Sie nicht gekannt zu haben, Bertha — Sie erlauben mir doch, Sie so zu nennen. Gott segne Sie! —" Bei diesen Worten erhob er sich. Bertha weinte still vor sich hin. Noch ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer, ein herzlicher Händedrvck — ein innig zögernder Blick und er ging fort — ein Held in diesem Augenblicke. Zwanzigstes Capitel. Sobald Douglas sie verlassen hatte, stürzte Bertha die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer, dort sank sie vor dein Bette äuf die Knie und brach in lautes Schluchzen aus. Sie war unglücklich im Innersten betroffen, in mehr als einer Hinsicht. Jetzt erinnerte sie sich der vielen kleinen Aufmerksamkeiten, welche ihr wohl die Augen in Betreff der Gefühle voir Douglas hätten öffnen müssen. Und sie mochte ihn ja so gerne leiden — wie oft hatte sie sich namentlich in letzterer Zeit ausgemalt, ivelches Glück es sein würde, 684 ihn als Bruder zu besitzen. Anstatt dessen war sie jetzt unbewußt die Ursache seines Kummers geworden, sie trieb ihn fort von hier — einen ihrer besten und theuersten Freunde. Was wird er von mir denken", stöhnte sie leise, „ob er wohl errieth, daß ich tJemauden liebe, der sich nichts aus mir macht? Und doch, er ist so gut, so edel, so alentvoll, wie könnte ich anders, als ihn lieben!" Eines tröstete sie; selbst wenn auch Douglas ihre Gefühle für seinen Freund vermuthete, er würde sie doch nicht verrathen. St. Lawrence werde nie erfahren, wie sehr sie ihn liebe, nie sie ihrer Zuneigung willen, welche sie ihm ungesucht geschenkt, verachten können; dessen war sie gewiß. Als sie etwas ruhiger wurde, stellte sie sich die Frage, ob sie wohl Douglas, wenn sie St. Lawrence nicht kennen gelernt, hinreichend geliebt haben würde, um seine Frau werden zu können. Ihr Herz antwortete: „Nein!" Zum Beschützer und Geführten durch's Leben genügte ihr der lebhafte, sorglose junge Künstler nicht, wenngleich sie sein gutmüthiges, theilnehmeudes und edles Herz vollkommen zu schätzen wußte. In Gedanken durchging sie die verflossenen Sommermonate, wo sie ganz sicher geglaubt, St. Lawrence habe ihre Gesellschaft geliebt. Wie oft hatte nicht ihr Herz bei dem beredten Blicke seiner Augen und dem zärtlichen Tone seiner Stimme heftiger ge- geschlagen! Woher war später die plötzliche Veränderung entstanden? Was hatte sie gethan? Welches war die Ursache, daß sie aus dem schönen Traume, in den sie sich fast unbewußt eingewiegt, seit einigen Wochen so schmerzlich aufgeweckt worden war? Und wenn er sich geändert hatte, sie konnte und durfte nicht versuchen, ihn zu sich zurückzuführen. Der helle Sonnenschein ihres Lebens war erloschen, ihr blieb nichts übrig, als sich zu unterwerfen und stillschweigend ihr Kreuz zu tragen. Douglas litt ja ihretwegen denselben Schmerz. Im Laufe der Zeit würden sie beide, so hoffte sie, ihren Gram überwinden, so bitter auch dieser Gedanke augenblicklich sein mochte. Die muthig entschlossene Bertha überließ sich nicht länger dieser großen Trostlosigkeit, sondern kühlte ihre brennenden Wangen und ging dann hinunter, um emsig an der Aussteuer ihrer Schwester zu arbeiten. Nachdem sie eine Zeit lang mit Nadel und Schecre beschäftigt gewesen, kehrte die äußere Ruhe zurück, doch ihr Kopf schmerzte noch sehr, und so suchte sie ihren gewohnten Zufluchtsort, den Garten auf. Es war liebliches Wetter, der Regen am Morgen hatte die Lust erfrischt und abgekühlt, zarte weiße Wölkchen schwebten am blauen Himmel, die Bäume wogten und rauschten, als ob sie Leben besäßen. Schon früher hatte Bertha ihr geheimes Leid den Rosen zugeflüstert und die Lilien in ihr Vertrauen gezogen; sie alle schienen ihr jetzt lächelnd zuzuwinken, als ob sie sagen wollten: „Komme zu uns, wir wollen Dich trösten." Pinch, welcher seinen Platz an der Hausthüre inne hatte, erhob sich, als seine junge Herrin hinaustrat und streckte die Pfoten an ihr in die Höhe, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Armer, alter Pinch!" sagte sie, sich zu ihm niederbeugend und ihre Wange auf den glänzend schwarzen Kopf des Hundes legend. „Du mochtest ihn auch gerne leiden. Aber er macht sich nicht's aus uns, Pinch — er kommt nie mehr hierher." Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich zu dem Seitenwege. Hier fanden ihre Mutter nnd Lena sie, als sie nach Hause zurückkehrten. Sie waren allein, da Mr. Faucourt sie Geschäfte halber, wie sie sagten, verlassen mußte. Lena erzählte ihrer Schwester, daß sie beim Goldarbeiter gewesen, den Opal ausgesucht und dann den Ring nach ihrer Angabe bestellt hätten. Ihr Bräutigam habe ihr durchaus ein Geschenk machen wollen, ehe sie den Laden verließen, und so sei ein Schmuck von Türkisen gewählt worden. „Blau ist ja meine Lieblingsfarbe", fuhr sie fort. „Die Brautfnhrerinnen müssen auch hellblaue seidene Unterkleider und im Haare Vergißmeinnicht tragen. Glaubst Du nicht auch, daß das hübsch sein wird?" „Ja, sehr hübsch", erwiderte Bertha zerstreut, während sie dein Hause zugingen. (Fortsetzung folgt.) 685 —> Von der Eröffnung der Northern Pacisie-Bahn. (Von der Köln. Ztg. Special-Verichterstatter.) Portland, l8. September. Jegliches Ding hat ein Ende, sagt man, und eine Wnrst hat deren zwei. Die Northern Pacific-Bahn aber unterscheidet sich dadurch vou jeglichem Ding und von einer Wnrst, daß sie gar kein Ende hat, oder vielmehr bereit viele. Da ist zunächst Portland an einer breiten, 160Rm weiter unten in den Ocean führenden Wasserstraße: den: in den Columbia fallenden Willamette, der sich als das richtige Thor der neuen Wcltstraße nach dem Meere zu betrachtet. Aber der Schienenweg hat sich schon weiter den Colnmbiaflnß überspringend, bis zur Südspitze des Puget-Snnds vorgeschoben, wo Tacoma an der Commencemcnt-Bai zwischen brennenden Baumstümpfen von zukünftiger Größe und Ueberflügeluug Sau Franciscos träumt. Diese Städte aber haben alle beide vorgeschobene Posten und Mitbewerber um das, was sie den „tormiirus" nennen. Mit Portland ringt Astoria, die Pfahlstadt, 160üm tiefer, nahe bei der See liegend, um die Palme, und in Taeomas Zukunftsmusik klingt mißtönend des weiter nördlich gelegenen Seattles Bestreben hinein, zugleich das Neapel und das New-Zsork des Westens zu werden. Jetzt, ivo die Sonne des Weltverkehrs ihre ersten Strahlen über diese Gefilde von unerschöpflicher Fruchtbarkeit wirft, vermag keine Phantasie zu ermessen, bis zu welchem Grade und in welchen Ncrhälinisseu diese Ausiedlungeu sich entwickeln werden und wo die Bäume am höchsten in den Himmel hineinwachsen sotten. Wir haben in allen diesen Städten bei rauschenden Banketten sehr ernsthaft alle Gründe für die Bevorzugung einer jeden erwogen, haben mit vielem Interesse die in den Festreden aufgeführten langen statistischen Darlegungen der Quellen und Mittel des Reichthums jeder Stadt vernommen und zum Danke für die freundliche Aufnahme einer jeden versprochen, daß sie und keine andere den „törmiurm" haben sollte. Nach der langen Reise durch die eben zur Gesittung erwachenden Gefilde von Dakota und Montana trat Portland uns sehr vornehm und großstädtisch entgegen. Auf der weiten Fläche des Willamette wiegten sich stattliche Vvllschiffe, weiße, hochgethürmte Flußdampfer der Northern Pacific-Gesellschaft durchfurchten die Gewässer nach allen Richtungen, stattliche Gebäude begrenzten den Quai und aus den Nebelschleiern um die Höhen blickten herrschaftliche Villen unter dunkeln Fichtengruppen hervor.. Unmittelbar von deut Dampfboot, das uns vom Bähnzuge nach dem südlichen Ufer hinübergeführt hatte, betraten wir, teppichbelegte Treppen hinaufsteigend, prachtvoll ausgestattete Räume, die zugleich als Amtsstuben und für die Bequemlichkeit der Reisenden eingerichtet waren: das Wharf mit Toilette, Lesezimmer, bequemen Sesseln, Bedienten in Livröe und sonstigen, bei uns unbekannten Annehmlichkeiten. Vor dem Wharf hielten Tag und Nacht herrschaftliche Wagen, die uns die ganze Zeit unseres Aufenthaltes hindurch zu beliebigster Verfügung standen. Das Ansehen der Stadt war so, wie es das von Chicago und New-Iork in deren jüugern Jahren gewesen sein soll. Die Straßen im Naturzustände mit Trottoirs aus Brettern, die Hüuserflnchten schnnrgrade mit rechtwinklig einfallenden Seitenstraßen, sämmtliche Gebäude aus Holz, Trinkbudcn, Kramläden, Engrosgeschäfte, Gasthöfe und Kirchen; überall weite Thüren, große Schaufenster, Verschwendung von Gasflammen bis spät in die Nacht hinein. Im Gasthofe die übliche weite Vorhalle mit den großen Spucknäpfen und den müßig nmhcrstehcndcn Speihähncn, den: Office zur Linken und dem Lese- und Schreibtische zur Rechten, anstoßend an den Billard- und Bar-Noom einerseits und au den Restaurant gegenüber. Oben das Sprechzimmer, das Heiligthum der Ladies, den ganzen lieben langen Tag hindurch nur von wisperndem Geräusch regungsloser Gruppen erfüllt wie ein Gotteshaus, und sodann endlose Fluchten vou Gastzimmern, die außer deut stattlichen Nachtlager nur sehr dürftige Ausstattung haben. Die breiten, langen Straßen der Stadt aber laufen in Viertel von Villen und Brctterhütten aus, und schließlich in den einsamen Fichtenwald, wo sie zu Pfaden eilt- 686 schrumpfen und sich zwischen Gestrüpp und schwarzen Bauinstümpfeu verlieren. Da ist keine Promenade, die mit regelmäßigen Linien ein architektonisches Element und etwas Rahmen in die Landschaft brächte, keine Kunststraße, die zu gemüthlichem Schlendern einlüde. Kuhpfad und Eisenbahn, auf diesen beiden Gegensätzen bewegt sich der amerikanische Verkehr, und in ähnlichem Kontraste spielt das gcsammte Leben sich ab. Bei einer amerikanischen Stadt sieht man sich nicht nach alten Bauwerken interessanten Häusern, in Museen oder bei Antiquitätenhändlern um, sondern man fragt vor Allem: „was ist sie werth?" Portland hat voriges Jahr im eu c-ros-Geschäft allein 40 Millionen Dollars umgesetzt. Die ganze Stadt ist, ähnlich wie Ncw-Iork, Chicago, St. Paul, ein einziges großes Packhaus; Kisten, Säcke und Körbe häufen sich auf allen Straßen und Plätzen; man sieht im festländischen Europa gar nichts Aehnliches. lind da nur ein Lump mehr gibt als er hat, so legte Portland in seinen Empfangsfeierlichkeiten zur Eröffnung der Northern Parcisic-Bahn das Hauptgewicht auf eine Vorführung seiner natürlichen und crwcrblicheu Reichthümer. In einem laugen und lustig geschmückten Aufzuge zogen Pyramiden von Säcken duftigen Weizenmehls, „Oregons Stolz", viereckig gehauene Fichtenstämme von 50 Meter Länge, Holzblöcke von Meter Durchmesser, Salme in großen, halbdurchsichtigen Tafeln Eis eingefroren, Pelz- werk, Flachs von unglaublicher Länge, Hopfen mit fingerlangen Zäpfchen, Blöcke von Steinkohlen und was sonst die üppige Erde hier mit vollen Händen spendet, einher; dazu die verschiedenen Gewerbe, in ähnlicher Weise dargestellt wie in St. Paul — die Cigarrenarbeiter drehten ihre Stengel und warfen sie unter das Volk, die Zeitungen druckten Extrablätter, die Schmiede hämmerten einen riesengroßen Dampfkessel fertig. Eine besondere Erscheinung war eine Schaar junger Indianer, die hier zur Schule gehen und säuberlich in blaue Wolle gekleidet waren, meist kleine Kerle mit sehr kümmerlichen Untergestellen. Auch König Gambriuus, der Patron der dentsch-amcricanischen Millionäre, zog in voller Herrlichkeit einher, und ein deutscher Turnverein rief uns aus teutonischen Kehlen ein „Gut Heil" zu. Die Buchdrucker führten ein Schild mit der Inschrift: „Dcutschttmd gab uns die Buchdrnckcrkunst, Deutschland gab uns H. Billard, Billard gab uns die Eisenbahn; die Eisenbahn verbürgt uns die Zukunft." Portland hatte viel in künstlerischer und symbolischer Zier gethan; junge Mädchen stellten Karyatiden und Standbilder- dar oder symbolisirten in griechischer Gewandung irgend welche Eigenschaft, Tugend oder nützliche Idee. Und die Standbilder nickten dankbar, wenn man ihnen Beifall klatschte, und die symbolischen Eigenschaften, Tugenden oder nützlichen Ideen aßen und tranken in aller Gemüthlichkeit, wenn ihnen die Zeit lang wurde. Die zur Ehre der Theilnahme am Festzuge zugelassenen Hunde trugen das americanische National- banncr, und das dünkte Niemand eine Profanatioü, wie es vielleicht in andern Ländern der Fall gewesen sein würde, wo größere Ungleichheit der Stände vorherrscht und Hunde und Pferde eine minder bevorzugte gesellschaftliche Stellung einnehme». Nebenbei beinerkt, scheinen aber auch diese Thiere, namentlich die Pferde, infolge der ihnen zugewendeten Aufmerksamkeit viel gelehriger und aufgeweckter zu sein, als ihre gedrückten Verwandten in der alten Welt. Ein sehr interessanter Theil des Zuges endlich war die Schaar der Pioniere, Leute, die in den Vierzigern Jahren und früher diese Flußläufe hinauf in den Urwald vorgedrungen sind, als Nothhaut und Bär noch die Herren des Landes waren. Das waren Leute mit tiefgefurchteu, gebräunten Gesichtern, mit laugen weißen Haaren und Bärten, gebeugt von harter Arbeit, und Entbehrung, aber nicht gebrochen, wie ein dreifaches donnerndes Hurrah bewies, mit dem sie, beim Vorüberziehen vor uns Halt machend, den Vollender der Bahn und seine Gäste begrüßten. Uebrigcns war Portland mit mehr Geschmack und künstlerischem Sinn geschmückt und beleuchtet, als irgend eine der vorher von uns besuchten Städte, und es schien das wiederum ein Anzeichen davon zu sein, daß der Sinn für Schönheit und Reiz der äußern Form im Westen günstigere Vorbedingungen vor sich hat, als in dem ganz von nur englischem Wesen beherrschten 687 Osten. Die Flaggen, mit denen die Straßen geschmückt waren, trugen in naiver Weis in riesigen Buchstaben den Namen je eines der eingeladenen Gäste, und mancher der lehtern, dessen Licht in Europa zur Zeit nach unter dein Scheffel steht, sah mit Erstaunen und Befriedigung, zu welch' berühmtem Manne er an der Westküste America's geworden war. Vor allen Dingen aber fehlte es auch in Portland an dem großen Nedeturniere nicht, in dem alle großen Leute der Gesellschaft vor dem Publicnm eine Lanze brechen mußten. Man bewundert bei solcher Gelegenheit immer wieder in gleichem Maße die Gewandtheit und den guten Humor der Redner wie die Theilnahme und den offenen Sinn des Publicnms, das gewohnt ist, Tag für Tag öffentlichen Dingen seine Aufmerksamkeit Zu widmen. Das in einer riesigen Halle abgehaltene Nedcfcst wurde durch einen Chorgesang kleiner Mädchen und Knaben eingeleitet, die sehr sinnig in eine in die Farben des Firmaments gesetzte Nische grnppirt waren, wo die schwarzgekleideten Knaben im Hintergrund die iu verschiedene lichte Farben gekleidete Mädchenschaar wirksam hervorhoben, also daß man einen Chor seliger Geister zu sehen glaubte. In Portland's dunkeln Wäldern Bären und Elche zu schießen, hatten wir keine Zeit, Portland's schönen Damen den Hof zu machen, erlaubten uns Verhältnisse, Berufspflichten und znm Theil auch der eigene Charakter nicht. Wenn es somit dennoch einmal galt, in den zlvei Tagen unseres dortigen Aufenthalts einige Zeit nützlich todtzuschlagen, so bot sich dazu eine Gelegenheit ganz neuer Art in dem Besuche des chinesischen Viertels dar. Die Söhne des Reiches der Mitte haben sich in allen Küsten- städtcn des Westens eine Art von Klein-China eingerichtet und wohnen in Portland wie in Victoria am Puget-Sund und anderwärts meist für sich in besondern Stadtbezirken. Paläste, Villen, Gärten, Kirchen gibt es hier nicht. Gleich Muscheln, die sich dicht an Felsen oder Pfähle angesetzt haben, drängen hier kleine graue Bretterhütten mit seltsam verschrobenen und verzwickten Eingängen sich labyrinthisch aneinander. Keine Regung des Schönhcitsgefühls gibt den engen Verkaufsbuden, Barbicrstuben, Werkstätten irgend welche Zier; Armuth oder graues Nützlichkeitsprincip wehren allem, was nicht der nackten Nothdurft dient. Und um diese Wespenzclleu summen dicke, kleine, langgczopfte Kerle, ohne Bedürfnisse, ohne Weiber und ohne Humor, Tag und Nacht sich plackend und zusammenscharrend in Fabriken, in Küchen, als Holzhacker und Wäscherinnen, als Hausknechte und als Mädchen für alles. Ihre Sparpfennige schicken sie nach Hause zurück, gleich wie ihre Gebeine, wenn sie todt sind, und Raub mag es ihnen sogar scheinen, daß sie das Land, das sie nährt, düngen müssen. In Portland wohnen an 6000 dieser hinterasiatischen Brüdcr, nicht weniger als ein Viertel der ganzen Bevölkerung. Unbekannt mit der Sprache und den Gebräuchen dieser Zopfmänner, konnte ich ihnen bei der Besichtigung ihres Viertels nicht viel mehr als Aeußerlichkeiten abgucken, die nur znm größten Theil unverständlich blieben. Wir wurden zu einer Extravorstellung im chinesischen Theater geladen, wo der Lärm von Cymbeln, Castagnetten und sonstigen Marterwerkzeugen ganz ohrenzerrcißend war und ohne Unterlaß und Unterschied alle Reden und Pantomimen begleitete. Der Dialog wurde nicht gesprochen, sondern in der Fistel gekreischt, und sämmtliche Darsteller, auch die der Weiberrollen, waren männlichen Geschlechts, ein von den wenigsten meiner Genossen bemerkter Umstand, der einige in aller Heimlichkeit angebandelte Herzensgcschichtcn in grausamer Weise abschnitt. Den Vorwnrf der Aufführung bildete einer jener geschichtlichen Vorfälle aus älterer chinesischer Zeit, deren Darstellung oft mehrere Monate lang währt. Von der Darstellungswcise unserer Bühne ist die der chinesischen himmelweit verschieden; Vorhang und Coulissen haben sie nicht, und der Dialog wird durch Gesänge, durch mimische und gymnastische Einschiebsel iu mannigfacher Art unterbrochen. Uebrigens war die Pracht der mit farbiger Seide und goldgestickten Costüme selbst bei dieser armen Truppe fabelhaft. Im Ganzen fühle ich mich durchaus mit der americanischen Gesetzgebung darin einverstanden, daß man dieser chinesischen Einwanderung nach Kräften wehren soll. Wo es einen Kampf 688 mit gleichen Waffen gilt, da mag allgemeine Duldsamkeit das wirthschaftliche Gedeihen der Völker am meisten fördern. Aber hier handelt es sich um einen Wettbewerb mit Wesen von durchaus verschiedener körperlicher und geistiger Beschaffenheit und Hervor- briugungsfähigkeit. Wespen gehören, meiner Ansicht nach, nicht in einen Bienenkorb, denn die Bienen sind nebenbei Pveten, Architekten und Musiker, die Wespen aber nicht. Und so würde ich die Chinesen nicht eher zum freien Mitbewerb mit Weißen zulassen, als bis sie einen Kölner Don: gebaut, eine Shakespeare'sche Tragödie geschrieben und eine fünfte Sinfonie componirt hätten. Und damit könnte der Chronist dieses langen Zuges seine Feder in Ruhe setzen. In Portland ging die Reisegesellschaft in drei Stücke auseinander; ein Theil schlug sich seitwärts nach S. Francisco, eine andere Abtheilung blieb bei Herrn Billard zur raschen Rückfahrt nach New-Iork, und Schreiber dieses hielt sich zu einigen Dutzend americanischer Kollegen, um sich Land und Leute im Westen und längs der neuen Bahnlinie genauer anzusehen, ganz ungestört und ohne jegliche Führung und Beeinflussung. Die alte, durch Gewohnheit und gemeinsame Abenteuer eng zusammengewachsene Gesellschaft aber war zuletzt zusammen auf einer Fahrt den Columbiafluß hinunter zum Thore, das sich bei Cap Disappointment zum Stillen Ocean hin öffnet. Von dortigen Landslcuten freundlich empfangen, von einer riesigen, im Hintergründe einer Bierwirthschaft aufgebauten Schwarzwälder Orgel mit deutschen Klängen begrüßt, verbrachte die Gesellschaft den letzten Lag in gleich fröhlicher wie belehrender Unterhaltung, und° als am Abend der Dampfer mit dem mächtigen Rad am Hinterthcile ruft uns stromaufwärts rauschte, sank die Sonne genau in der Mittelachse der Flußmündung unter den Ocean und wandelte das Wasser in flüssiges Gold und die Nebel der Luft in rothe Sprühfeuer, ein großartiger, herz- befaugender Abschiedskuß der neu dem Völkervcrkehr gewonnenen Gewässer. M i s e e l l e n. (Das böse Beispiel.) In einer Gesellschaft wurde die Frage diskutirt, ob gutes oder böses Beispiel, ob Ermunterungs- oder Abschrecknngsthcorie bei der Erziehung größeren Erfolg verspreche. Eine sehr lebhafte junge Frau stimmte mit allem Nachdruck für das böse Beispiel und rief: „Alle guten Eigenschaften, die ich habe, verdanke ich nur dem Widerwillen, den mir die Fehler und üblen Gewohnheiten meiner Umgebung eingeflößt haben. Ihr Gatte, eine etwas malitiöse Natur, bemerkte hierzu: „Dann mußt Du unter Engeln aufgewachsen sein." (Washington's einziger Witz.) Der Vater des Vaterlandes war ein sehr ernster Mann, der in seinem Leben nur einen einzigen Witz gemacht haben soll. Während der Debatte nämlich im Kontinentalkongreß über die Frage der Errichtung einer Bnndes- armee, reichte ein Mitglied den Antrag ein, daß die Armee nie mehr als 3000 Mann stark sein dürfte. Daraufhin beantragte Washington, mau möge beschließen, daß keine feindliche Armee über 2000 Mann das Land betreten dürfe. Das Gelächter, welches sich darob erhob, erstickte den ersten Antrag. (Der ökonomische Johann.) „Was soll denn das bedeuten, Johann," donnert es aus der Thür, „bei dem abscheulichen Regcuwetter meine ältesten und ganz durchlöcherten Stieseln!" — „Ja, ich dachte, gnäd'gcr Herr, die guten seien für das schlechter Wetter zu schade!" (Ein kleiner Unterschied.) Wer eine glückliche Ehe führt, der hat geheirathet; wer eine unglückliche Ehe führt, der hat sich verheirathct. Auslösung des Räthsels in Nr. 85: „Einband." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler- UnterkaktungMutt »« „Äugsbnrger Postzeitung." Nr« 87. Mittwoch, 31. Oktober 1883, Allerheiligen und Allerseelen. Lursum Ooräa! Hebt die Herzen, Christen, heut' zum Himmel auf! Seht die Tausende von Brudern, Die vollbracht den Siegeslauf, Wie im weißen Lichtgewande, Rein gemacht in Christi Blut, Sie auf Himmelsblumen wallend, Singen Preis dem höchsten Gut. Seht die diamant'nen Kronen Schmücken ihr verklärtes Haupt, Und die Palmen, die sich neigen Dem, an den sie fest geglaubt. Ihrer Seele Wonuclieder Schallen voll im Himmelsraum, Denn vorüber sind die Leiden Und der Erde bitt'rer Traum. Selig ihr, ihr Freunde Gottes, Die erkämpft den höchsten Lohn, Leget eurer Liebe Bitten Auch für uns an Gottes Thron. Ach, ihr kennt der Sünde Stachel, Kennt das schwache Meuschenherz, Und habt siegend euch erschwungen Aus dein Staube himmelwärts. Strecket liebreich uns entgegen Eure treue Bruderhand, Unser Lcbensschiff lenkt vorwärts, Hin zu Sions hcil'genr Strand; Daß auch wir mit euch einst singen „Halleluja" selig dort, Wo als clv'ger König herrschet Er, das Fleisch geword'ne Wort. Aber hört auch jene Klänge, Die aus sehnsuchtsschwerer Brust Klagend aus der Tiefe dringen Fern dem Orte sel'gcr Lust. Hört der Seelen Trauerlicder, Die verbannt vom höchsten Gut Seufzend bitten um Erlösung Aus der heißen Sehnsuchtsglut. Tretet hin zum Thron des Höchsten, Er, der seine Heil'gen ehrt, Gern auf ihrer Liebe Flehen Den Verbannten Trost gewährt. Habt ja auf der armen Erde Oft gehemmt der Thränen Lauf. O, so schließt den armen Seelen Liebend bald den Himmel auf! I. K. Der OMlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. ' (Fortsetzung.) »Noch ein's wird Dich interessiren, Bertha", sagte Mrs. Dalton, ihrer Gewohnheit gemäß den Hut abwerfend, sobald sie das Wohnzimmer erreichten; Lena nahm ihn und trug ihn mit ihren eigenen Sachen hinauf. „Nachdem wir den Juwelier verlassen, fuhren wir, da das Wetter so herrlich war, in den Park. Ich zog es vor, zu Fuß zu gehen; deshalb verließen wir den Wagen und machten einen Spaziergang an dem Wasser entlang. Und wen glaubst Du wohl, daß wir dort in einiger Entfernung erblickten? St. Lawrence. Ich machte Mr. Fauconrt auf ihn aufmerksam, indem sie sagte: 690 „Dort ist auch Mr. St. Lawrence, der geschickte junge Künstler, von welchem wir Ihnen erzählten." Noch nie in Deinem Leben hast Du Jemand so zusammen schrecken sehen, als Mr. Fauconrt, in diesem Augenblicke. Er wurde leichenblaß und zog Lena, welche sich aus seinen Arm lehnte, förmlich rauh zur Seite. Ich glaubte zuerst, er habe aus einen Stein getreten und sich am Fuße erheblich verletzt. Dann sah ich, wie er sich scheu umblickte und St. Lawrence mit den Augen folgte. Dieser ging langsam in Gedanken verloren einher, ohne uns zu bemerken. Ich frug Mr. Fauconrt, ob er ihn schon früher gesehen. Er bejahte es; vor mehreren Jahren habe er ihn unter einem anderen Namen gekannt, und deshalb rieth er mir an, nur ja vorsichtig ihm gegenüber zu sein, auch hofft er sehr, daß dieser Mensch nicht die Gewohnheit besitze, uns zu besuchen, da es ihm widerwärtig sein würde, mit ihm zusammen zu treffen. Es thut mir leid,", fuhr Mrs. Dalton fort, „denn ich mochte St. Lawrence sehr gut leiden, aber wie Du siehst, weiß Fauconrt etwas sehr Gravirendes gegen ihn, und wo es sich nun herausstellt, daß er eine so zweifelhafte Persönlichkeit ist, kann ich ihn doch unmöglich noch ferner hier empfangen." „Ich glaube kein Wort davon, Mama!" rief Bertha entrüstet ans. „Noch nie bemerkten wir das Geringste an Mr. St. Lawrence, welches einen solchen Gedanken rechtfertigen könnte, im Gegentheil; und dann ich bitte Dich, tvas wissen wir denn eigentlich über Mr. Fancourt?" „Kind!" stieß Mrs. Dalton entsetzt über Bertha's kühne Sprache, hervor. „Natürlich wissen wir, wer er ist, das meine ich nicht", fuhr diese fort. Aber erst seit einigen Monaten wurde er als Enkel Lord Alphington's anerkannt. Und was war er früher? Welches Leben hat er geführt? Mir macht es immer den Eindruck, als ob er es nicht allzusehr liebe, über diesen Punkt zu sprechen." „Du setzest mich in Erstaunen, Bertha", erwiderte ärgerlich Mrs. Dalton, einen Fächer zur Hand nehmend, um ihren Unwillen abzukühlen. „Es ist uns bekannt, wer Mr. Fauconrt jetzt ist; sein früheres Leben geht uns nichts an. Ich begreife nicht, wie Du so rücksichtslos sein kannst, darauf anzuspielen; wäre er nicht der Enkel Lord Alphington's, so stände seine Heirath mit Lena außer aller Frage. Mr. St. Lawrence besitzt gar keine gesicherte Stellung, das ist etwas ganz anders. Man sollte wirklich glauben, Dir fehle es zuweilen an der nöthigen Vernunft. Du mußt doch einsehen, daß ich seine Besuche hier nicht länger dulden darf, da Mr. Fancourt ihm nicht zu begegnen wünscht." „Mr. St. Lawrence wird Dich wahrscheinlich nicht länger belästigen, Mama", sagte Bertha mit einem leisen Ansinge von Bitterkeit. „Er ist ja schon seit drei Wochen nicht mehr hier gewesen." „Gewiß befürchtet er, Mr. Fauconrt hier zu treffen und durch ihn bloßgestellt zu werden. So wird es sein, Bertha, das ist ja sonnenklar. Ich muß daraus bestehen, daß Du ihn, wenn Du ihm zufällig begegnen solltest, sehr kühl behandelst; ich meines- theils werde ihm bei der nächsten Gelegenheit zu verstehen geben, wie wenig wir seine ferneren Besuche wünschen." „Mama, das kann ich Dir nicht versprechen", sagte Bertha peinlich erröthend. „Es ist mir nicht möglich, etwas böses von ihm zu denken. Mr. Douglas weiß Näheres darüber." „Nun, mein Kind, ich finde es ganz vernünftig von Dir, die Ansichten von Mr. Douglas zu schätzen", gab die vorsichtige Mutter zur Antwort, „und wenn Ihr später Eure eigene Häuslichkeit besitzet, so mögt Ihr meinetwegen einladen, wen Ihr wollt. Weißt Du, was ich mir schon gedacht hatte? Daß es ganz hübsch wäre, wenn Mr. Douglas mir Joy Collage abkaufte", fuhr sie ganz aufgeheitert fort. „Ich habe ohnehin vor, mir in der Nähe von Lena's neuer Hcimath, Magnus Square, einige Zimmer zu miethen. Das Einkommen von Mr. Douglas ist so sehr bedeutend nicht, und deshalb wäre es unklug von ihm, sich gleich von vornherein in so große Ausgaben zu stürzen; dieses Haus wäre recht passend." „Ich glaube nicht, daß Mr. Douglas sich überhaupt nach einem Hause umsieht", cntgcgnetc Bertha verlegen, „da er im Begriffe steht, auf längere Zeit zn verreisen." „Zu verreisen? Ohne Dir einen Antrag gemacht zu haben!" rief Mrs. Dalton mit vor Acrger geröthetem Antlitze aus. „Ju meinem Leben habe ich nichts so unehrenhaftes gehört; er machte Dir ja auffallend den Hof. Jedoch fürchte ich, es ist Deine eigene Schuld, Bertha, Du hast Deine Schlingen schlecht gestellt." „Es fiel mir nicht ein, Schlingen zu stellen", antwortete Bertha empört. Sie wollte ihrer Mutter den Antrag, welchen Douglas ihr gemacht, sowie dessen Warnung in Bezug auf Faucourt verschweigen; letztere wäre auch ganz nutzlos gewesen. „Er darf so nicht weggehen, entschied Mrs. Dalton, nachdem sie sich in Gedanken die Sache zurccht gelegt hatte. „Ich werde ihm schreiben und ihn zum Diner einladen." „Bitte, thue das nicht, Mama", bat Bertha. Mr. Douglas und ich verstehen einander vollständig, mache Dir deshalb keine Sorgen. Wir werden nie mehr als gute Freunde sein." Wurde wohl je eine Mutter so behandelt wie ich", klagte Mrs. Dalton, ihr Battisttuch an die Augen drückend. „Da habe ich nun Tag und Nacht Pläne entworfen, ivie Ihr Euch am Behaglichsten einrichten könntet, und nun redest Du von bloßer Freundschaft. Soll mau da nicht böse werden. Ich bin überzeugt, daß es nur eine kleine Ermuthigung Deinerseits bedurft hätte, ihn zum Sprechen zu veranlassen. Und was könntest Du auch Besseres erwarten? Es ist nicht anzunehmen, daß Du gleich Deiner Schwester eine glasende Partie machen wirst, und Unterricht darfst Du unserer neuen Verwandten wegen nicht mehr ertheilen. Ich weiß in der That nicht, was ich mit Dir anfangen soll, und alles hätte sich so glücklich gestalten können!" Sie brach in Thränen aus; es war ihr schrecklich, den einen Theil ihres Planes gescheitert zu sehen. Bertha stand blaß und schweigend neben ihrer Mutter, sie kam sich fast schuldig vor, war aber fest entschlossen, nicht nachzugeben. „Acngstlge Dich nicht meiner Zukunft wegen", sagte sie endlich; „ich bedaure, nicht Deinen Wünschen gemäß handeln zu können, aber Dir zur Last fallen werde ich dennoch nicht. Sir Stephan und Lady Laugley boten mir, als wir im Frühjahre dort waren, au, als Tochter bei ihnen zn bleiben; damals lehnte ich das freundliche Anerbieten ab, weil ich glaubte, Dir unentbehrlich zn sein. Ich weiß, sie wünschen es noch immer. Sir Stephan sagte mir, er werde im Herbste mit Dir darüber sprechen." Mrs. Dalton putzte die Augen ab — ihre Stirne erheiterte sich. „Mir wäre es lieber gewesen, Dich jetzt schon in Deiner eigenen Häuslichkeit zu sehe», aber Sir Stephan und Lady Langley bewegen sich in den feinsten Gesellschaftskreisen, vielleicht bietet sich Dir dort eine günstige Gelegenheit; nur mußt Du Deine lächerlichen romantischen Ideen bei Seite lassen." Bertha gab keine Antwort, sie war froh, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Um ferneren Erörterungen vorzubeugen, lenkte sie, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf die Arbeiten, welche sie im Laufe des Nachmittags für Lena gemacht, und Airs. Dalton, in ihr Liebliugsthema, Lena's Trousfeau vertieft, vergaß für den Augenblick Mr. Douglas und ihre Enttäuschung, sowie St. Lawrence und den, in Bezug auf ihn gefaßten Vorsatz. Einundzwanzig st es Capitel. Der junge Landschaftsmaler saß an seiner Staffele!, aber obgleich er anhaltender als in den Sommermonaten zn arbeiten pflegte, war der „amerikanische Urwald" doch nicht wesentlich borangeschritten. Von Zeit zu Zeit verfiel St. Lawrence, den Pinsel in der Hand haltend, in tiefes Sinnen; dann ermannte er sich plötzlich wieder und malte emsig weiter. Doch gefiel ihm in der Regel seine Arbeit nicht und so putzte er mit 692 einer gewissen Verachtung der eigenen Unfruchtbarkeit sehr oft das, was er des Morgens gemalt hatte, wieder weg. „Es taugt nichts; mein Talent scheint mich im Stiche zu lassen", sagte er zu sich selbst, nachdem er vergeblich versucht, einen Theil des Vordergrundes zu seiner Zufriedenheit hervorzubringen. Ich muß fort von hier, ich muß aus der ganzen Geschichte heraus. Wenn etwas entdeckt worden ist, so werde ich es erfahren. Und was liegt mir überhaupt auch jetzt daran. Thor, der ich war; in ihrer Nähe zu verweilen, da ich doch wußte, daß Douglas sie liebe! O Bertha, meine Liebe, mein Alles! Keine Andere auf der ganzen Welt kann je Deine Stelle in meinem Herzen ersetzen. — Werde ich es ertragen können, wenn Deine süßen Augen mit liebendem Blicke auf einem Anderen ruhen, Deine theure Stimme einen Anderen mit dem Worte „Gatte" bezeichnet? O, ich war ein Narr! Ich vertraute meiner Kraft und wie schwach habe ich mich erwiesen. Welche öde Wüste wird mir die Welt ohne sie sein doch darf ich sie nie mehr wiedersehen!" Mit lautem Aechzen legte er seinen Arm um die Lehne des Stuhles und stützte den Kopf darauf. Er war nicht eine von jenen Naturen, deren Liebe einer Blume zu vergleichen ist, welche am Morgen blüht und in der darauf folgenden Nacht wieder verwelket; die seinige hatte mit Achtung und Theilnahme begonnen und ehe er sich dessen selbst bewußt, sein ganzes Herz in Besitz genommen. Nie, keinen einzigen Augenblick war es ihm eingefallen, als Nebenbuhler seines Freundes aufzutreten. Eher Hütte er sich das Herz aus dem Busen reisen lassen, als daß er zum Verräther an Douglas, der ihn in sein Vertrauen gezogen, geworden wäre, indem er nach dem Preis gestrebt, welchen dieser zu erringen hoffte. Als er vor einiger Zeit verlassen und trostlos in London ankam, da hatte Douglas seinem Worte geglaubt und ihm seine Freundschaft geschenkt. Er mochte leiden — tief und schmerzlich leiden, dennoch sollte keine unehrenhafte Aeußerung oder That ihn je erniedrigen. Nachdem er geraume Zeit so gesessen, erhob er sich und legte Palette und Pinsel weg. „Ich will mir ein Pferd miethen und versuchen, ob ein Spazierritt diese vergeblichen Wünsche und Sorgen zu verbannen mag. Eben hatte er seinen Rock gewechselt, als angeklopft wurde. Douglas trat in's Zimmer, warf seinen Hnt auf den Tisch und ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, in den nächsten Sessel fallen. Er sah blaß und müde aus, als habe er die Nacht durchwacht. „Sinn, Douglas, alter Junge, was fehlt Dir?" frug St. Lawrence, die Niedergeschlagenheit des Freundes bemerkend. „Was mir fehlt! O weiter nichts, als daß ich ein Thor gewesen bin." „Wie so, was hast Du angefangen?" „Ich bin ein vollständiger Schwachkopf gewesen! Wie konnte ich mir nur einbilden, daß Bertha einem solchen wie mich lieben könne. Gestern wagte ich die verhängnisvolle Frage und erhielt einen sehr artigen — der Himmel segne sie — aber ganz entschie- derren Korb. Nun weißt Du, was mir fehlt; ich reise nach Rom oder auf die Spitze des Montblanc oder über die „dunkelblauen Gewässer" oder sonst wohin, bis ich als geheilter Mensch zurückkehren kann." „Sie wies Deinen Antrag zurück?" rief St. Lawrence, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. Daß die Bewerbung seines Freundes einen solchen Ausgang haben könne, war ihm nie in den Sinn gekommen. Ein Strahl der reinsten Freude durchströmte plötzlich sein Herz. Jetzt war die Wolke, welche sein Leben verfinsterte, auf einmal von ihm gewichen. Und doch hätte er sich des inneren Jubels wegen zürnen mögen. „War es auch wirklich Ihr völliger Ernst, Douglas", frug er, sobald er über seine Stimme gebieten konnte. „Ja, nur zu sehr; sie ließ mir nicht den leisesten Zweifel 693 in diesem Punkte. Es ist mir etwas Ungewöhnliches, die Nacht schlaflos zuzubringen", begann er nach einer Pause, während welcher beide sich in einem wahren Tumult von Gefühlen befanden, „aber ich habe kaum ein Auge geschlossen, und wie ich so da lag und nachgrübelte, ist mir, wie ich glaube, ein Licht aufgegangen. Mir kam nämlich die Idee, — Du mußt aber nicht glauben, als ob sie etwas Derartiges gesagt habe — daß, wenn Du dieselbe Frage gestellt hättest, die Antwort verschieden gelautet haben würde." „Ich, Du träumst wohl, Freund!" rief St. Lawrence erstaunt aus, während sich eine stammende Nöthe über sein Antlitz verbreitete und das heftige Pochen des .Herzens ihm fast Schmerzen verursachte. Als Douglas am vorhergehenden Abende Bcrtha Dalton verließ, ahnte er, wie sie auch befürchtet hatte, ihr Geheimniß und der hochherzige Entschluß, diese Beiden, welche er so innig verehrte, zusammen zu führen, erwachte in ihm. Allerdings bereitete ihm das Scheitern seiner schönsten Hoffnungen tiefen Kummer und ebenso kostete es ihn große Anstrengung, die bitteren Qualen der Eifersucht zn überwinden, aber sein edleres Gefühl trug den Sieg davon. Hatte er nicht Bertha versprochen, daß er ihr, da sie ihn nicht als Gatte wünschte, ein treuer Bruder sein wolle? Und wenn St. Lawrence und Bertha sich gegenseitig liebten, so stand es ja doch nicht in seiner Macht, sie zu trennen, selbst wenn er den Willen hierzu gehabt hätte. Deshalb zog er es vor, lieber helfend als hindernd aufzutreten und sich so eine bleibende Stelle in ihrem Herzen zu sicheren. Nachdem er sich mit diesen aufregenden Gedanken die ganze Nacht hindurch abgequält hatte, eilte er, um nicht wankend in seinem Vorsätze zu werden, schon in aller Frühe zn dem Freunde hin. „Nein, ich träumte nicht", cntgegncte er auf die Frage desselben, „und tvill Dir reinen Wein einschenken. Mir scheint, daß ich mich, wenn wir mit Bertha zusammen waren, in einem außerordentlichen Irrthume befand, indem ich mir schmeichelte, meine Gegenwart rufe ihr liebliches Erröthcn und den strahlenden Blick des Auges hervor. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich täuschte. Nun vielleicht hast Du Recht und ich tauge nicht zu einem Ehemann, aber wenn Bertha mich gewollt hätte, so würde ich, der Himmel ist mein Zeuge, versucht haben, sie glücklich zu machen. Schluchzend legte er den Kopf auf seine verschlungenen Arme nieder. „Niemand ist fester davon überzeugt, als ich, mein lieber Junge, und ich kann mir gut vorstellen, was es Dich gekostet haben muß, in dieser Weise mit mir zn sprechen. Laß uns nicht weiter darüber reden, es sei denn, daß es Dir Erleichterung verschafft. Ich war in einer verzweifelt trügen Stimmung heute und wollte deshalb einen Spazierritt machen. Komm, begleite mich; gehe nicht nach Hanse, Deinen trüben Gedanken nachhängen." „Es wird sich nicht der Mühe lohnend erwiderte Douglas den Kopf erhebend. „Nein, so mußt Du nicht sprechen. Komin mit, mir zu Liebe, wenn Du es nicht Deiner selbst wegen thun willst." „Wohlan denn", entgegnete Douglas, sich langsam erhebend, „ich kann Dich auch begleiten, mir ist Alles einerlei. Zürn Kuckuck mit der ganzen Geschichte; sie hat mir einen gehörigen Stoß versetzt, so bald werde ich ihn nicht verschmerzen." St. Lawrence legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte: „Da hast Du Recht; wenn ich mich in Deine Lage denke, ich glaube ich würde es nie überwinden; aber Du besitzest mehr Elasticität in Deinem Charakter, Douglas, für Dich habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben." „Was wohl so viel heißen soll, als, ich sei ein mehr oberflächlicher Sterblicher", entgegnete Douglas mit dem Ausluge eines Lächelns. „Leider muß ich annehmen, daß auch sie so denkt." (Fortsetzung folgt.) - .s 694 Ein Besuch bei nordanrerikattischen Jesuiten. Der liberalen Münchener „Allg. Ztg." wird in einem Reiscbricfe über die Eröffnung der Northern Pacific-Eisenbahn aus der St. Jgnatins-Mission (Montana) 20. September u. a. geschrieben: „Ein herrlicher Hcrbstmorgen brach an über Feld und Wiesen, als die Professoren Zittel nnd Bryce, Dr. v. Schmiß, Herr von Bunscn, Senator Grocning, Gesandter von Eisendecher, Geheimer Rath Hofmann, Sir James Hanncn, Karl Schurz und Lieutenant Pertz auf einem großeil vierspännigen Wagen Platz nahmen, um nach dem 8—10 engl. Meilen entfernten Berg Mac Donald zu fahren, den sie zuerst zu Pferde, dann zu Fuß zu erklimmen beabsichtigten. Wir gaben ihnen zu Pferde das Geleite, bis die eigentliche Kletter- nnd Rutschpartie anfing, winkten dann unseren Freunden ein fröhliches Lebewohl zu nnd ritten nun, eine kleine Gesellschaft, nach der iin Mittelpunkte der Reservation gelegenen St. Lgnatius-Missiou, wo uns die frommen Jesnitenväter freundlich empfingen und gastlich aufnahmen. Im Vater-Superior, van Gorp, einem Belgier von Geburt, der schon seit 17 Jahren auf dieser im Jahre 1856 gegründeten Mission thätig wirkt, fanden wir einen Weltmann im vollsteil Sinne des Wortes, der es versteht, den Umständen Rechnung zu tragen. Er führte uns sofort in das MissionSkirchlein, und als er sah, daß wir beim Einkitte uns nicht mit Weihwasser besprengten, auch vor dem Altar, über dem ein großes Bild des heiligen Jgnatius hing, uns nicht bekreuzten, sondern nur durch eine Verbeugung unsere Ehrfurcht bezeigten, wußte er, was er mit scharfem Auge schon vorher erkannt hatte, daß wir Protestanten seien, und vermied mit richtigem Tacte jedes Thema, welches Veranlassung zu unliebsamen Discusionen hätte bieten können. Ein Besuch der Knabenschule, in der 50 junge Indianer in der englischen und Flathead-Sprachc, im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet wurden, war für uns vom allergrößten Interesse, und lieferte den Beweis, daß hier nicht von einer mechanischen Ablichtung die Rede war, man sich vielmehr aufrichtig bemühte, das Samenkorn des Wissens in fruchtbaren Boden zu streuen. Sämmtliche Knaben lasen gut, wenn auch mit etwas fremdartig singendem, ich möchte sagen, italienischem Accent und entwickelten besonders im Rechnen eine stauuens- werthe Fertigkeit, wobei sich allerdings die Mischlinge vor allen anderen auszeichneten. Demnächst begaben wir uns zum Essen, bei dem die beiden andern Priester, zwei Brüder Bandini, erschienen, die nnr ein furchtbares Englisch radebrechtcn, während der Vater-Superior vorzüglich deutsch, englisch und französisch sprach. Nach einem kurzen Gebete, bei dein die frommen Bäter sich bekreuzigten, wir nur die Hände falteten, wurde das Essen aufgetragen: eine Reissuppe, so dick, daß der Löffel darin stecken blieb, vorzügliches Roastbeef mit verschiedenen Gemüsen, Dessert und Thee. Die Küche und Haushaltung wird von vier Laienbrüdern besorgt, von denen zwei Deutsche sind und einer, Bruder Joseph aus Paderborn in Westfalen, schon 42 Jahre unter den „Flachköpfcn" wohnt. Während er uns nach dem Essen im Garten nmherführte, dessen Sorge ihm speciell übertragen ist, und uns mit großem Stolze die festen Kohlköpfe, den herrlichsten Blumenkohl und hoch aufgeschossenen Mais zeigte, erzählte er uns von seinen Freunden, den Indianern. Vor langen, langen Jahren hätten sie die Gewohnheit gehabt, ihren Kindern die Köpfe oben stach einzudrücken, seien aber von diesem barbarischen Gebrauche längst zurückgekommen, so daß sie ihren Namen jetzt nur mit Unrecht führten. Sie seien sanft, freundlich und harmlos und dachten nie daran, Streit mit den Weißen anzufangen. Jeder Knabe lerne jetzt auf der Mission ein Handwerk, sei es als Zimmermann, Schmied oder Müller, daneben unterrichte man alle im Gebrauche des Pfluges und bestrebe sich, sie vom Herumwandcrn zu heilen nnd zu Ackerbauern zu machen. Letzteres sei besonders schwierig, da der Boden künstlicher Bewässerung bedürfe, aber das von den Jesniten- vätern gesetzte Beispiel finde doch immer mehr Nachahmung, und mit der Zeit werde das ganze Indianer-Gebiet eines der schönsten in der Union sein. 695 In der That hatte man die Bergwasser bestens benutzt, um eine Oase in der Wüste zu schassen. Der Bach, welcher die Mission durchschneidet, setzte mehrere Mühlräder iil Bewegung, die zu einer Mahl-, Hobel- und Sägemühle gehören, und wurde sogar dienstbar gemacht, um das Geschäft des Butterns zu »errichten und die Wäsche zu besorgen. Diese praktische Art, sich die Naturkräste dienstbar zu machen, hat ihren Eindruck auf das Gemüth der Indianer nicht verfehlt und den Jesuiten das Werk der Erziehung bedeutend erleichtert. Am Nachmittage besuchten wir die von 45 Indianerinnen frequcntirte Mädchenschule, an der sieben Schwestern vom Orden der heiligeil Vorsehung, meistens Cana- dierinncn, Unterricht ertheilten, und die hier erzielten Resultate waren noch befriedigender, als bei den Knaben. Auch hier zeichneten sich die Mischlinge wieder vor den reinen Indianerinnen aus. Als wir dem Vater-Superior mittheilten, daß Karl Schurz in unserer Gesellschaft am Morgen durch die Mission gekommen sei, bedauerte er es lebhaft, daß Schurz nicht mit uns gekommen sei, damit er hier sehe, welche Früchte seine Bemühungen für die Civilisirung des Indianers getragen haben. Karl Schurz hat es als Minister Innern durchgesetzt, daß man den Vätern Jesu 6000 Dollars im Jahre (d. h. 1^0 Dollars pro Kind bis zur Zahl von 60) zu Schulzwecken unter den Flathead's bewillige, und sicherlich hat der Kongreß niemals eine bessere Geldbewilligung gemacht. Gegen Abend ritten wir nach dem Zuge Zurück, an mancher Indianer-Farm vorbei, auf der solide Blockhäuser die Stelle des (Wigwams) vertraten und die Felder wohl eingezäunt waren. Alle Indianer, denen wir begegneten, grüßten freundlich, gaben sich auch Mühe, uns Rede und Antwort zu stehen und machten einen guten Eindruck. Besonders amüsirte uns eine Familie, aus Vater, Mutter und vier Kindern bestehend, auf vier Pferden. Der Vater und die beiden Acltcstcn hatten jeder ihr Pferd, die Mutter aber trug ihr vorletztes „Pagnse" auf dem Rücken, während das letzte, ein Würmchen von kaum drei Monaten, fest in einen Tragkorb eingeschnürt am Sattelkopfe hing. — So schieden wir voll den Indianern. Wir alle gestanden uns, oaß wir auf der Flathead Reservation ein schönes Werk echt christlicher Mission gesehen hätten, und hofften, daß die Bemühungen um die Civilisirung der Indianer, wie sie hier von den Jesuiten betrieben wird, vom schönsten Erfolg begleitet sein mögen." Himmelsschan im Monat November. —Mars F ist am 1. mit der Sonne in Quadratur und verweilt von 10 Uhr Nachts bis 2 Uhr Nachmittags über dem Horizont; gegen 6 Uhr Morgens kommt Mars in den Meridian, am 20. in die Nähe des Mondes. Jupiter sz geht auf zwischen 10 Uhr und 8 Uhr Abends und bewegt sich nach dem Sternbilde des Krebses. Am 19 steht Jupiter 6° nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 5., 7., 14., 21., 23., 30.; der zweite am 7., 14., 24.; der dritte am 2., 9., 16. Saturn H hat am 29. seine geringste Entfernung von der Erde, weil er an diesem Tage in Sonnenopposition tritt, und bleibt die ganze Nacht ain Himmel sichtbar. Am 2. früh 5 Uhr steht Saturn nur 3° südlich von « Rauri (Aldebaran); am 15. Abends 6 Uhr wird er vom Blonde bedeckt, ungefähr eine Stunde nach seinem Aufgange in NO. Vom 13. bis 17. findet ein Sternschuppenfall statt. (Martinistrom.) Merkur und Venus sind in diesem Monate unsichtbar. — 696 Miseellei«. * (Woher der Name „Blaustrumpf" kommt.) Lang', lang', ist's her — es war zu Ende des vorigen Jahrhunderts — als in England zuerst das jetzt so mißliebig gewordene Wort: „Blaustrumpf" auftauchte, und zwar in einer durchaus anderen Bedeutung, als die gegenwärtige, wenn der Ursprung freilich auch ein literarischer ist. Im Jahre 1781. veranstalteten mehrere englische Damen Abendgesellschaften, in denen nicht Karten gespielt, sondern durch Hinzuziehung geistreicher, litcrarisch gebildeter Männer ein anregender Kreis gebildet wurde. Besonders zeichnete sich dabei durch seine Unter- haltungsgabe ein Gelehrter aus, dessen Anwesenheit an diesen Abenden so nothwendig erschien, daß man sehr froh war, die blauen Kniestrümpfc, die er stets zu tragen pflegte, auftauchen zu sehen, während man in Folge dessen sein Ausbleiben mit den Worten bedauerte: „Wir können ohne die blauen Strumpfe Nichts anfangen!" — Diese Bemerkung führte zu dem Spitznamen: „Blaustrumpf-Klub" für die betreffende Gesellschaft, was einst Veranlassung gab, daß ein vornehmer Ausländer den Scherz für Ernst und die Benennung: „Blaustrumpf" für den rechten Namen der Gesellschaft hielt. — Von damals her ist dann die Bezeichnung „Blaustrumpf" für schöngeistige Bestrebungen, in Kraft geblieben, nur daß im Laufe der Zeit der ursprüngliche Sinn sich endlich ganz verwischte, um dem ominösen, carricirten zu weichen, namentlich wenn es gilt, über weibliche Schriftstcllerei den Stab zu brechen. — * (Leb er reime.) Die sogenannten „Leberreime" — diese bekannten zweizeiligen, deutschen Scherzgedichte — sollen ihren Ursprung iin Jahre 1750 durch Heinrich Schävius, Rector zu Thorn, gefunden haben, und waren früher bei Gastereien, namentlich nach Austragung des Hechtes, oft auch beim Kreisen des Pokals zum Gesuttdheitstrinken, sehr beliebt und gebräuchlich. Sie begannen: „Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem . . .", worauf der Name des Thieres folgt, auf welches der Reim gemacht werden muß. Jedes der Anwesenden mußte dann der Reihe nach einen Vers aus dem Stegreif in dieser Weise machen — zuweilen wurde auch statt des Hechts ein anderes Thier gesagt. Ein solcher alter „Lcberrcim" lautete z. B.: „Die Leber ist vom Hecht, und nicht von einer Gans; Die Magd heißt Ursula, der .Hausknecht aber Hauns!" (Das schweinerne Andenken.) Ein alter, schon pcnsionirtcr Postbote, wenn er bei seinem Landgange in einen Bauernhof kam, wo er ein geschlachtetes Schwein hängen sah, fing zn weinen und jammern an mit den Worten: „Mei liaber Herrgott, jetzt Hains mir dös Fackerl a umbracht und hab's so gern g'habt wia's no kloa war, geht, bitt' enk recht schö, gcbt's ma do no a Andenken davo'." (Der Gipfel des Geizes») Ein Redakteur in Arkansas erzählt von einem Manne, der so geizig ist, daß er durch die Nase spricht, um seine falschen Zähne zu schonen. (Vor der Parade.) .Hauptmann (einen Soldaten bemerkend, dem der zweite Knopf an seinem Waffenrocke fehlt): „Feldwebel, schreiben Sie den Mann auf! Kommt dieser verfluchte Kerl halbnackt auf die Parade!" Räthsel. Das Erste fliegt dahin geschwinder als ein Pfeil, Du hältst es nimmer auf, es kehrt zurück nicht mehr. Des Zweiten Griffe wirst du staunend bald erkennen, Betrachtest du bei Nacht der Sterne zahllos Heer; Das Ganze, sei's auch groß, vom ersten ist's ein Theil; Wenn du Geschichte lernst, hörst du gewiß es nennen. Nun rathe schnell, was ist's; die Antwort ist nicht schwer. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr- Nr. 88. 1883 . »ur „Äugslmrger postzeituug." Samstag, 3. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Das habe ich nicht damit sagen wollen, Douglas, Du weißt, daß dies meine Ansicht nicht ist. Lieber Freund, wer kennte besser wie ich Dein warmes Herz. Hast Du nicht treu zu mir gehalten in guten wie in bösen Tagen? Ich bin kein gefühlloser Grobian, Douglas! „Ich glaubte und vertraute Dir, weil ich nicht anders konnte. Wenn wir gehen sollen, so komm; hier ist es zum Ersticken heiß. Was hast Du vor?" Wahrend sie die Treppe hinuntergingen, s^te ihm St. Lawrence seinen Plan auseinander; wir wollen den Zug bis Epsom benutzen, dort die Pferde zu miethen suchen, welche wir neulich hatten und dann einen tüchtigen Ritt landeinwärts machen. Wahrend die Thiere ausruhen, können wir irgendwo zu Mittag speisen, und gegen Abend kehren wir hierher zurück." „Der Henker hole das Mittagessen!" rief Douglas verächtlich aus. „Das war früher nicht Dein Grundsatz, alter Freund. Erinnerst Du Dich des Vages, wo wir zusammen im botanischen Garten waren und Du mich später mit zum Diner schlepptest, damals sagte auch ich: „Der Henker hole das Mittagessen", gerade wie Du jetzt." „Ah, das war an dem Tage, an welchen: wir Bertha antrafen und wo Du so entzückt von Lena warst!" „Weil mich die Außenseite blendete. Dieser Schwärn: war rasch verflogen." Douglas blickte den Freund forschend an; eine Frage schwebte auf seinen Lippen, doch besann er sich eines Besseren und schritt, einen Seufzer ausdrückend, schweigend weiter. Die belebten Straßen, sowie das Eisenbahn-Conpö eigneten sich nicht zu vertraulicher Unterhaltung; daher langten die jungen Leute zu Epson: an, ohne die Angelegenheit, welche sie beide so sehr beschäftigte, weiter erörtert zu haben. Die gewünschten Pferde standen zu ihrer Verfügung, und kurze Zeit nachher führte ihr Weg sie südwärts den lieblichen Hügeln von Surrey zu. Welch' angenehmen Gegensatz bildeten die schönen Bäume und üppigen Wiesen zu der Hitze und dem Staube Londons. Alles athmete Ruhe und Frieden hier. Die Reiter, von denen jeder seine Sorge mit sich trug, empfanden schon bald, welche wunderbare Heilkraft der freien Natur inne wohnt; sie fühlten sich erleichtert und neu gestärkt. In der Nähe eines Dorfes bemerkten sie ein hübsches, von einen: kleinen Garten umgebenes und von hohen Bäumen fast ganz verborgenes Landhaus. „Das ist ein reizendes Versteck!" rief St. Lawrence ganz entzückt aus. „Ich hätte nicht übel Lust, wenn das Schlimmste eintreffen sollte, mich in eine solche unmuthige Einsiedelei zu vergraben." 698 „Doch wohl nicht allein?" frug Douglas, in welchem sich von Neuem die Eifer- sucht zu regen begann. „O, das weiß ich nicht, darüber läßt sich jetzt noch nichts bestimmen", lautete die ausweichende Antwort, um dem Freunde den Kummer zu ersparen. Während St. Lawrence noch redete, traten zwei Personen aus dem Hause heraus und schritten über den Gartenpsad dem Thore zu, eine schöne brünette, auffallend gekleidete Frau und ein ziemlich kleiner Mann mit schwarzem Haare. Letzterer machte den Eindruck eines Bedienten ohne Livr«. „Bestellen Sie ihm, er möchte sofort hierher kommen", sagte die Frau in dem Augenblicke, als die Freunde im Schritt vorüberritten. Der kleine Mann antwortete bejahend, griff an seinen Hut und schlug dann die Richtung nach dem Stationsgebäude ein. Die Dame schritt langsam dem Hanse zu. St. Lawrence und Douglas blickten sich gegenseitig überrascht an. „War das eine Täuschung?" frug ersterer. „Auch ich war anfangs erstaunt, aber wir haben uns gewiß geirrt." „So würde auch ich denken, wenn ich nicht die Vermuthung hätte, diese Frau schon früher gesehen zu haben. Ihr Gesicht ruft mir unangenehme Jngenderinnerungen u's Gedächtniß zurück. Aber es muß ein Spiel der Phantasie sein, denn die Person, auf welche ich anspielte, ist jedenfalls Tausende von Meilen von hier entfernt. „Man kann heut zu Tage nie sagen, wo sich Jemand aufhält. In wie seltsamer Weise trifft man nicht öfters mit alten Bekannten zusammen." Nach kurzem Besinnen sagte St. Lawrence: „Es würde mich nicht allzu sehr in Erstaunen setzen." „Du sollst sehen, schon in nächster Zeit wenden sich die Dinge zu Deinem Vortheil. Ein prophetischer Geist scheint über mich gekommen zu sein", setzte Douglas mit seiner früheren Lebhaftigkeit hinzu. Dann prophezeihe uns doch auch ein Cotelette und ein gutes Glas Ale", scherzte St Lawrence. „In der -Nähe jenes Kirchthurmes befindet sich ein Wirthshaus, in welchem sich die Herren, welche hier in der Gegend anlangen, zu versammeln pflegen. Dort werden wir jedenfalls eine gute Bcwirthnng antreffen." Z w ei u n d z w a uz i g st c s Capitel. Die beabsichtigte Reise nach Larkspur mußte auf unbestimmte Zeit hinaus verschoben werden. Lord Alphington schickte einen sehr liebenswürdigen Brief, worin er seiner Freude, Miß Dalton als Angehörige begrüßen zu können, Ausdruck gab und gleichzeitig die Absicht anssprach, sie so bald als möglich persönlich aufsuchen, zu wollen. Auch Sir Stephan und Lady Langley hatten sehr freundlich geschrieben, doch vermied letztere es so viel als thnnlich zu gratuliern, und verweilte dagegen länger bei den Wünschen für die Zukunft. Sir Stephan nahm sich als alter Freund der Familie die Freiheit, fünfzig Pfund Sterling, eine kleine Beisteuer zu Lena's Trousseau, einzulegen, was sehr beifällig aufgenommen wurde. Faucourt drängte daraus, den Tag der Hochzeit festzusetzen und Mrs. Dalton, äußerst zufrieden mit ihrer Umsicht, die Aussteuer so bald begonnen zu haben, erklärte sich mit seinen Wünschen einverstanden. Anfangs Oktober sollte bei einer befreundeten Familie, deren Sohn großjährig wurde, ein Ball stattfinden. Lena bestand darauf, aus Gründen, die sie geheim zu halten wünschte, diesen Ball noch vor der Hochzeit mitzumachen. Weiter hatte sie gegen die Bestimmungen ihrer Mutter nichts einzuwenden. Der glückliche Bräutigam kam täglich nach Joy Collage. Doch mußte er vor seiner Hochzeit einige gewichtige Geschäfte abmachen. „Ich werde nach Surrey fahren und dort bis zu meiner Verheirathung bleiben", theilte er seinem vertrauten Diener John während des Frühstücks mit. Nnhe ist mir unbedingt nothwendig, da ich vollständig herunter bin. „Mrs. Lemont wird erfreut sein, Sie Zu sehen, Sir", bemerkte John, „Ohne Zweifel", sagte Faucourt, nach einer Straßbnrger Pastete langend. „Es ist nicht meine Absicht, in dem Landhanse zu, wohnen, sondern ich werde mein Quartier in dem Wirthshansc Angler's Rast aufschlagen, Du begleitest mich natürlich — vielleicht bedarf ich Deiner dort. Sorge, daß meine Sachen morgen gepackt sind. Ich will im Dog-cart hinfahren, wer weiß, wozu ich ihn nöthig habe." „Zu befehlen, Sir", entgcguete der allzeit bereitwillige John. „Und noch eins. Ich nehme die Juno mit; es wäre ja möglich, daß ich Sir Trcvor Sutton's Jagd benutzen könnte." Die Juno war ein weiß und braun gesteckter Jagdhund, den Faucourt von dem Förster zu Alphington Park erhalten hatte. Sie war sehr scheu in der Gegenwart ihres neuen Herrn, da Fußtritte und Verwünschungen ihr bis dahin unbekannte Dinge gewesen. Für John zeigte sie dagegen eine große Anhänglichkeit. So oft Faucourt sich nicht bei seiner schönen Braut befand, ward er aus irgend einem geheimen Grunde von der entsetzlichsten Unruhe und Angst gepeinigt. Durch unmäßiges Trinken und Schwelgen suchte er sich dann in der Regel zu betäuben und die nervöse Abspannung, welche sich in Folge dessen einstellte, war schrecklich anzusehen. — John beobachtete seinen Herrn aufmerksam und zog seine eigenen Schlüsse. Das Verhältniß zwischen Lord Alphington und seinem Enkel wurde mit der Zeit nicht besser. Der junge Mann war einige Tage zur Hühnerjagd in Alphington Park gewesen und diese kurze Zeit hatte hingereicht, um die frühere Abneigung des Carl zu vollständigem Widerwillen heranzureifen. Schon nach Ablauf einer Woche gab er seinem Enkel ziemlich deutlich zu verstehen, daß es besser sei und einen vollständigen Bruch vcr- ! hüten werde, wenn sie beide sich so wenig wie möglich sähen. Faucourt fand ebenfalls kein Vergnügen an der Gesellschaft seines Großvaters, dessen edle Gesinnung und vornehmes Wesen ganz und gar nicht zu seiner Anschauungsweise paßten. Die ländlichen Vergnügungen sowie die Freunde des Carls sagten ihm ebenfalls nicht zu und er scheute sich nicht, offen zu erklären, daß er das dortige Leben fürchterlich langweilig finde. Wenn er später der Earl sei, so werde er einen Verwalter zu Alphington Park wohnen lassen und nur zur Jagdzeit mit seinen Freunden dorthin gehen. Diesen alten, lästigen Kerl, Sir Stephan, sammt der übrigen Sippschaft, wollte er sich dann auch schon vom Halse ! schaffen. Nach diesen Aeußerungen zu urtheilen, rief seine Verbannung von dem Laud- I sitze und dem alten Herrn nicht diese innere Unruhe hervor. Auch spielte er nicht, das ' war eins von den wenigen Lastern, welches er nicht besaß, mithin belästigten ihn weder Gläubiger noch Mahnbriefe. Die Ursache der ruhelosen Nächte und Tage mußte also anderswo zu suchen sein. Es war ein schöner Herbstabend, als Mr. Faucourt sich auf dein Wege zu einem der reizendsten Flecken in ganz Surrey befand. Die Fahrt schien jedoch wenig zu einer Erheiterung beizutragen; der herrlichen Gegend schenkte er nicht einen einzigen bewundernden Blick, sondern fuhr immer rastlos weiter wie Jemand, dessen alleiniger Zweck es ist, sein Ziel so bald als möglich zu erreichen. Mit John wechselte er kein Wort; dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, Juno mit der für sie neuen Art der Fortbewegung auszusöhnen. Zu Angler's Rast angekommen, miethete sich Faucourt die besten Zimmer, bestellte das Mittagessen und ging dann allein zur Villa hinüber. Mit zusammengepreßten Lippen und finsterer Stirne öffnete er das Thor und schritt dem Hause zu. Mrs. Lemont schien ihn bemerkt zu haben, denn sie empfing ihn selbst an der Hausthüre. Zu ihrer größten Ueberraschung begrüßte er sie weit zärtlicher, als seit langer Zeit. 700 „Ich wußte nicht, was ich aus Deinem Briefe machen sollte", sagte sie, ihm zum Wohnzimmer voranschreitend. „Nicht? Nun jetzt bin ich selbst hier, um Dich darüber aufzuklären." Er ließ sich auf das Ruhebett in der Nähe des Fensters niederfallen. „Ich habe mich für einige Zeit drüben im Wirthshausc einguartirt, da ich total herunter bin und gepflegt zn werden wünsche." „Und deshalb kommst zn mir?" frug Julie. „Zn wein könnte ich wohl mit größerem Rechte gehen", erwiderte er mit erheuchelter Artigkeit. „Zu' Niemanden, das ist wahr. Wenn Du mich entbehrtest, so ist das nicht meine Schuld. Du hieltest es ja der Verhältnisse halber für besser, daß ich hier wohnen solle —; ich fügte mich nur Deinem Wunsche. Durch mein stilles Ausharren habe ich Opfer gebracht, zn denen nur wenige Frauen die Kraft besessen hätten. Wie lange soll es noch dauern? Wann wirst Du voraussichtlich Dein eigener Herr sein?" Sie hatte ihm gegenüber Platz genommen, um den Ausdruck seines Gesichtes beobachten zu können. Er zog sich in den Schatten der Gardine zurück, indem er sagte: „Wie kann ich das wissen. Lord Alphington ist ein kerngesunder Mann, er kann — der Henker hole es — noch lange Jahre leben. Auch will ich Dir kein Hehl daraus machen, daß er mich nicht ausstehen kann und ich in Folge dessen weit entfernt davon bin, thun zn können, was mir beliebt." „Weshalb mag er Dich nicht leiden?" frug sie ungeduldig. „Was hast Du angefangen? Wie kommt es, daß er Dich schon so bald durchschaut hat?" „Das ist nicht schön von Dir, Julie, auf Ehre nicht", cntgcgncte Fauconrt, ihren Blick vermeidend. „Du weißt ja, daß ich alles aufbiete, um unser beiderseitiges Wohl, eine glückliche Zukunft herbeizuführen. Wenn mir auch der Titel mit dem dazu gehörigen Grundbesitz gesichert ist, so hat Lord Alphington doch die Gewalt, jeden Schilling, welchen er sonst besitzt, anderweitig zu vererben und beim Jupiter, ich glaube, er thäte es, wenn ich mich gegen ihn auflehnte. Willst Du mir jetzt geduldig zuhören, ich werde Dir meinen Plan auseinandersetzen." „Habe ich Dir nicht hinlängliche Beweise von Geduld gegeben?" rief Julie, mit dem Fuße auf den Boden stampfend. „Ich bin es nachgerade müde — todtmüde, hier eingesperrt zu sein. Bis zu dieser Zeit hättest Du den Carl für Dich gewinnen müssen, ich würde es an Deiner Stelle fertig gebracht haben." „Wenn Du so todtmüde bist hier eingesperrt zu sein, wirst Du um so lieber auf meinen Vorschlag eingehen", erwiderte er, den letzten Theil ihrer Rede unbeachtet lassend. „Du kannst nicht, ohne Gefahr entdeckt zu werden, in England bleiben, und das wäre mein Ruin. Beim Henker, der Gedanke an diese Möglichkeit könnte mich schon rasend machen. Willst Du nun zu Deinen: Bruder nach Frankreich oder nach Amerika gehen? Du versprachst mir ja, Dich bis zum Tode Lord Alphington's ruhig zu verhalten." „Nein!" schrie Julie mit blitzenden Augen, während ihre ganze Gestalt vor Zorn bebte; „ich will nicht fortgehen I Ich weiß wohl, was Du vorhast. Du möchtest mich von Dir befreien, wenn Du könntest, aber das soll Dir so leicht nicht gelingen! Wie wäre es, wenn ich selbst zu Lord Alphington hinginge?" „Um als Verrückte in ein Irrenhaus gebracht zu werden?" frug Fauconrt höhnisch. „Bildest Du Dir etwa ein, er werde Deinen Worten Glauben schenken?" „Ja, das würde er", antwortete sie mit leiserer Stimme, ihren Gefährten unverwandt anblickend. „Er müßte anerkennen, daß ich die Wahrheit spräche, denn ich besitze den Ring." „Welchen Du gestohlen hast", bemerkte Fauconrt kühl und ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen. „Weißt Du schon, daß diese Angelegenheit einem 701 Polizeiagenten übergeben worden ist? Wenn Dn den Ring vorzeigst, wirst Dn Dich darüber zn verantworten haben, wie er in Deine Hände gekommen ist." „Und das werde ich thun!" rief sie in größter Anfregnng aus. „Meinst Du, es läge mir etwas daran, was aus mir wird! Ich werde ihnen sagen, wer ich bin; an Dir wäre es, dies zn leugnen!" „Was ich unzweifelhaft thun würde", cntgcgnete er mürrisch. „Julie, ich bitte Dich, sei doch vernünftig, Du kannst ja nichts dadurch gewinnen, daß Du mir Schaden zufügst durchaus nichts; denn wer könnte mich zwingen, Dir Deine Jahresrente auszuzahlen. Ich will sie Dir nicht vorenthalten, obschon, beim Henker, mein Beutel gründlich von Dir und Deinem verdammten Bruder ausgequetscht wird." „Wer Dich zwingen könnte, mir die Jahresrente auszuzahlen? Dn weißt, daß Dn nicht wagen darfst, dies zu unterlassen, da Du in meiner Gewalt bist. Ich werde nicht gehen, obschon Dn es willst; ich bin des Wartens müde. Soll ich hier mein Leben vertrauern, während Du Deine Tage in Saus und Braus zubringst; o nein, glaube das nur nicht, Du hast mir vorgeschwindelt, Lord Alphington sei alt und schwach." Faucourt war kreideweiß geworden, der Kampf in seinem Innern trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirne. „Ist es Dein fester Entschluß, nicht fort zu gehen?" frug er mit gepreßter Stimme. „Man wird noch sicherern Gewahrsam für Widersetzlichkeit zn finden wissen, als Frankreich und Amerika." „Willst Du mir drohen? Nimm Dich in Acht!" „Das werde ich thuu'ff zischte er zwischen den Zähnen durch, als er sich von seinem Sitze erhob. Ich bleibe noch einige Tage hier im Orte, vielleicht haft Du vor meiner Abreise einen anderen Ton angeschlagen." „Nein, nein — tausendmal nein!" schrie Julie, sich ebenfalls erhebend. „Ich habe Dich gewarnt, einmal — zweimal. Nur noch kurze Zeit und ich werde handeln." „Ja, Du hast mich gewarnt", wiederholte er, seinen.Hut ergreifend. „Ich wünschte nicht mit Dir zn streiten, Julie, auf Ehre nicht; in der besten Absicht kam ich hierher." Er wich ihrem Blicke aus, während er dieses sagte und glättete mit dem Handschuhe seinen Hut. Du kamst hierher, um das zn erlangen, was Dn wünschest", cntgcgnete sie bitter. „Auch ich liebe den Zank nicht, nur wollte ich Dir zu verstehen geben, daß ich nicht bei Seite geschafft sein will. Du hast Deine Rolle zu spielen und ich die meinige. Wir haben Vieles zusammen durchgemacht, Sedley", fuhr sie im weicheren Tone fort, „weshalb sollten wir uns jetzt feindlich gegenüber stehen?" „Das hängt von Dir ab", antwonete er verdrießlich. „Ueberlege Dir meinen Vorschlag." Julie schaute ihm mit erhitzten Wangen und zusammengezogenen Augenbrauen nach. „Er sucht mir etwas zn verheimlichen", sprach sie bei sich. Plötzlich stieg ein Verdacht in ihr auf, bei dein sich ihr Herz krampfhaft zusammen zog. „Sein Diener wird wissen, wen er kennen gelernt hat und wo er zn verkehren pflegt. Ich will ihn ausfragen." „Juno scheint krank zu sein, Sir", sagte John am folgenden Tage zn seinem Herrn, „sie verschmäht ihr Fressen und läßt den Kopf so merkwürdig hängen." „Es wird nicht so schlimm sein", cntgcgnete Fanconrt sorglos. „Laß sie nur in Ruhe, ich werde selbst nach ihr sehen." John erwiderte nichts, sondern fuhr fort, die Kleider seines Herrn zurecht zu legen. Als seine Dienste nicht länger erforderlich waren, begab er sich hinunter zur Küche, steckte sich seine Pfeife an und überdachte das Erlebte. (Fortsetzung folgt.) 702 Najuvaren in Nngarn. Haben Sie schon einmal etwas von den „Heanzen" gehört? Vielleicht ja, aber auch dann nicht recht Ausführliches. Die Heanzcrei erstreckt sich durch's Oedenburgcr und Eisenburger Comitat längs der niedcrösterreichisch-steicrmärkischen Grenze von Saner- brnnn (Secseuyäd) bis Limbach (Lendoa) und hinein bis an die Gestade des Neu- siedlersces. Die Bevölkerung dieses Landstriches ist nur wenig mit Ungarn und Croatcn untermischt und besteht zum allergrößten Theil aus deutscher, unzweifelhaft bayerischer Abstammung, was sich im Dialekt, in vielen Gebräuchen und Sitten kundgibt. Merkwürdiger Weise laufen da zwei Dialekte neben einander — selbst in einem und demselben Orte — her. Der eine ist das uuverfälschcste Oberbaycrisch, fragt man einen, ob er ein Kind habe, so antwortet er: „Oan's und dös a kloan's." Der andere ist das eigentlich „Heanzisch", welches in der häufigen Anwendung das „i" als Auslaut erkennen läßt, z. B.: „Der Bni hat scho gnntt" und das „an" bei Namen: „Sanndel" Susanna, „Naundcl" Anna. Doch will ich nicht vorgreifen, sondern in geographischer Reihenfolge meinen Gegenstand behandeln. Sobald wir bei Sauerbrunn hinter Wiener Neustadt die ungarische Grenze überschritten, folgt die Station Retfalu-Siklüs der Sndbahn, die hier genannten Orte heißen auf deutsch Wicscn-Sicgleß und da wohnen die „Repetirheauzcn", so oenannt nach deren Redeweise. Die Wiesener pflanzen viel Obst, mit dem sie nach Wien oder Ocdenburg Handel treiben, auf allfallsige Fragen antworten sie: „Vo da Wiesen sama und sama, weil ma von da Wiesen sau" oder: „Auf Ocdenburg fahr i" und so gibt es noch reiche Dia- lektvarianken. Im Ganzen zählen die Deutschen der genannten beiden Comitaie eine Viertelmillion Seelen und zählen beide zusammen im Ganzen überhaupt 562,452 Einwohner, gehören also der Ausdehnung nach zu den dichtbevölkertsten Gespanschaften des Landes. Ein tüchtiges und fleißiges Volk ist dieser bajuvarischc Zweig auf fernem Boden, dem sie die edelsten Trauben und den besten Wein, den Coucurrcuten des Tokayer, den „Ruszter", und das beste Obst abgewinnen. Von ausgezeichneten Männern, welche aus „Heanzischem Boden" erwuchsen, haben wir in erster Reihe den großen Anatomen Joseph Hyrtl und den Pianokönig Franz Liszt hervorzuheben, außerdem aber nehmen Deutsche der beiden Comitate im Lande in den hervorragendsten Lebensstellungen ihren Platz ein. Einst gehörte der ganze Landstrich zur karoliugischcu Ostmark und Eisendstadt (Kis-Morton) verdankt seinen Ursprung den deutschen Rittern jener Zeit. Heute sind diese Deutschen trotz der Nähe der österreichisch-steierischen Grenze die trcuesten Söhne des Vaterlandes. Diese Erscheinung, daß der Deutsche seinem Adoptivvaterlande ein treuer Sohn ist, steht nicht vereinzelt da, wir brauchen nur auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika hinzuweisen, deren Staaten bildendes und erhaltendes Element die Deutschen sind, welche während des Secessionskrieges der Union die größten Opfer brachten. So war es auch 1848 — 49 hier der Fall, diesseits der Donau theilten Zipscr dem Schliek'schen'Corps und jenseits der Donau Bajuvaren den Croaten „deutsche Hiebe" aus und der Günzer Honväd meinte auf Befragen „a Schwab bin i, aber an ungarischer." Wie gesagt, fleißig und genügsam ist das Volk hier, dabei aber viel beweglicher und aufgeweckter, als die steierisch-uiederösterreichischeu Nachbarn vom gleichen Stamme; das liegt aber zum großen Theil in den politischen Verhältnissen, welche in Ungarn ein unbegrenzt freies Sprechen und Schreiben gestatten, dann aber darin, daß die Leute hier, in altem Municipium seit Jahrhunderten ansässig, kleine Patricier-Republiken bilden. Eine derselben ist Ruszt mit nur 1396 Einwohnern, aber schon seit zwei Jahrhunderten 703 königliche Frcistadt und vorher bis zurück in's 14. Jahrhundert „privilegirter Markt". Hier gab es noch alten «»getheilten Familienbesitz und weist z. B. die Wählerliste für die Repräsentanz nur 97 Personen aus, dagegen aber nur etwa 60 Namen, da u. A. 10 „Schreiner", 7 „Wasch" rc. zu den Höchstbesteuerten gehören. Vermögen von 80 bis 100,000 Mark Besitz gehören nicht zu den Seltenheiten, und stehen die Leute auch nicht darauf au, ihre Producte rasch zu veräußern, sondern heben gute Jahrgänge auf. Unlängst wurden hier 1878er Weiß- und 1876er Nothwein mit 60—100 Gulden 120—200 Mark) pro Hektoliter nach Qualität bezahlt, ein altes Faß Ausbruch aber mit 240 Gulden der Hektoliter. Vorn Nothwein vorn Neusieiuerfee werden Sie auch noch nicyt viel gehört haben, aber der von Rnszt, Mörbisch, Margarethen ?c. wandert in's Ausland, wird auf Flaschen gezogen und hübsch vignettirt als theuerer Bordeaux verkauft und kann selbst vorn Kenner nur schwer unterschieden werden. Nach dieser vinologischcu Abschweifung — die aber mit zur Sache gehört — wollen wir wieder zur Charakteristik des Volkes übergehen. Da es hier unendlich reiche und leicht zugängliche Säuerlingsquellen gibt, so trinken die Leute selbst zur Arbeitszeit im Sommer Sauerwasser. Bon Montag früh bis Samstag Abend wird tüchtig gearbeitet und dann ein fröhlicher Sonntag gemacht, ohne aber dabei auszuarten. Leichte Anhei- terungen „a Dampf" und „a kloans Schwammerl", das gibt es dabei, aber ein Stockbesoffener gehört zu den Seltenheiten. Die Mädchen sitzen im Sonntagsstaat und singen im Chor Lieder, deren Text aber nicht immer harmlos ist, wie z. B. jenes „Von der Kellnerin auf der Wiener Straßen". Etwa 80,000 der Deutschen dieser beiden Comitate (Ocdenbnrg-Eisenberg) sind Protestanten Augsburger Konfession, aber Katholiken und Lutheraner, Deutsche, Magyaren und Croaten leben hier in Frieden zusammen. Raufereien kommen au Sonntagen und Kirchwcihcu nur selten vor, dagegen bilden sie in den Grenzorten an Markttagen beinahe eine Regel und zwar zwischen „Oester- rcichern" und „Ungarn", wobei aber merkwürdiger Weise beide Parteien eigentlich durch Deutsche des bayerisch-östcrrischen Stammes vertreten sind, was einen überaus komischen Eindruck.macht. In der Wirthsstubc geht es au solchen Tagen recht lustig her, „Ländler" und „Jodler" werden gesungen und geduldet, „aGstrampftes" getanzt, dann aber verirrt sich auch eine Zigeuner-Musikbaude dahin und da beginnt dann auch ein „Csördüs" in Pautalon und blauen „Janker" (Spenzer) und der anwesende Notar, Beamte oder auch Pfarrer muntert seine „Kinder" auf, ja nur den „Ungarn" hervorzukehren, da und bei den Deputirtenwahlcn gibt es zum Schluß auch Prügel. Während der Tauzpausen trennten sich beide Geschlechter, die Männer und Burschen gehen an den Schank und zur „Kcgelbudel", die Frauen und Mädchen aber thun das, was in aller Herren Länder: plaudern und „ausrichten". Die Tracht des weiblichen Geschlechtes ist hier überall dunkel, einfarbig, oft vorn .Kopf bis zur Zehe schwarz, selbst der Baudaufsatz. Wenn man an die bunte Kleidung und den Bündcraufsatz anderer Gegenden gewohnt ist, füllt dies auf. „Ich könnte noch Manches erzählen, will aber nist einer köstlichen Anecdote schließen. Wie der Leser ersah, gibt es verschiedene Gattungen „Heanzen", so heißen die Fischer am Neusicdlersec „Hechtcnheanzen", wie aber bei Forchtenstein dir „Wällischen Heanzen" entstanden sind, das sei hier erzählt. Als im Jahr? 1809 der Nicekönig von Italien Engen Beauharnais mit seinem Arinmeecorps gegen Naab zog, hatte er auch bayerische Hülfstruppcn bei sich. Dein „italienischen" Heere aber ging der Ruf vorauf, daß dasselbe selbst das Kind im Mutter- leibe nicht schone. Weiber und Kinder, Vieh und Habscligkeiten wurden geflüchtet und verborgen, Mäner und alte Frauen aber blieben zurück, um die Einguartirung zu empfangen. Nach Forchtenstein und Umgebung kamen bayerische Chevauxlegers; zwei Bauern 704 begaben sich, nachdem sie deren Pferde versorgt, auf den Boden, wo sie ein Loch in die Diele gebohrt hatten, nm zn hören und zu sehen, was da unten vorgeht. Nachdem die Chevanxleger abgepackt hatten, setzten sie sich an den Tisch in der Erwartung des Imbisses, der da kommen sollte, aber es kam eben nichts. Da warf der Eine seinen Pallasch zornig auf den Tisch und rief aus: „H ... H ......., S... kommt denn von dem Mischen Gesinde! kancr!" da stieß der eine Heanz den anderen an und meinte: „Du, Hans, das hätt i mci Lcbtag nit glaubt, daß i a wällisch versteh." Die beiden Chcvanxlegers wurden reichlich bewirthet und seither blicb's bei den „Wällischcn Hcanzen". Miscellen. (Ein salomonischer Erblasser.) Ein alter amerikanischer Farmer diktirte sein Testament. „Ich vermache meiner Frau 500 Dollars Jahreseinkommen. Haben Sie das niedergeschrieben?" — „Ja," sagte der Notar, „aber sie ist noch nicht alt und könnte sich wieder verheirathen. Was sollte dann geschehen?" , „Gut, schreiben Sie, im Falle ihrer Wiederocrhcirathung erhält sie 1000 Dollars Jahreseinkommen." — „Was, zweimal so viel?" — „Jawohl, denn wer sie heirathet, hat das viele Geld ehrlich verdient. Er wird ohnehin seine Noth mit ihr haben ..." (Die Frau des Dichters Friedrich von Schlegel,) eine Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn, wurde einst in Berlin von einem Schöngeist beim Leinwandnähen betroffen. Er glaubte ihr vorstellen zu müssen, daß sie eine ihren: Geiste entsprechendere Beschäftigung wählen möchte. „Meinen Sie?" sagte sie lächelnd. „Ich habe immer gehört, daß zn viele Bücher in der Welt vorhanden sind, aber nie, daß es zn viele Hemden gibt." (Was ist ein musikalischer Dilettant?) In einer kleinen Gesellschaft versuchte man, die prägnanteste Erklärung für den Ausdruck „Dilettant" in: obigen Sinne zu finden. „Einer, der zu seinem Vergnügen spielt!" meinte Jemand. „Einer, der zn seinem Vergnügen spielt!" bemerkte ein Anderer mit Betonung. Er hatte das Nichtigere getroffen. (Amerikanisches.) Ein westliches Blatt in Amerika meldete dieser Tage, daß ein Knabe ohne Gehirn zur Welt gekommen sei und sich dem Umständen nach dabei ganz wohl befinde. „Es sollte uns durchaus nicht wundern," bemerkt dazu ein gegnerisches Blatt malitiös, „wenn diese Mißgeburt der jüngste Sprößling — unseres „geschätzte» Kollegen" sein würde." (Neue Todesursache.) „An welcher Krankheit ist Ihre Frau gestorben?" fragte Jemand einen Wittwer, der in der Ehe nicht glücklich war. — „Genau weiß man's nicht, vielleicht weil sie zn rasch gelebt hat." — „Wieso?" — „Bei unserer Vcr- heirathung war sie nach ihrer Aussage drei Jahre jünger, in ihren: letzte:: Stündlen: aber laut Tauf- und Todtenschein neun Jahre älter, als ich." (Höchst musikalisch.) „So, so, Sie sind auch in die Soiree zu Herrn Klinge- mann eingeladen? Versäumen Sie dieselbe ja nicht!" — „Und warum, Herr Feierte?" — „Darum, weil die Töchter des Hauses höchst musikalisch sind. Die jüngste spielt Piano, die andere singt famos und die älteste ist eine sehr reiche Wittwe." (Aus der Schule.) Lehrer: „Wie nennt man betn: Hasen die Haare, die zu beiden Seiten der Schmutze sitzen!" — Fritz: „Spürhaarc." — Lehrer: „Warum nennt man sie so?" — Fritz: „Wenn man ihn daran zieht, dann spürt er's." Auflösung des Räthsels in Nr. 87: „Zeitraum." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 89. 1883. zur Mittwoch, 7. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Dr einn d z w anzi g st es Capitel. Aus Pflichtgefühl und der eigenen Ehre und Ruhe wegen hatte St. Lawrence seine Besuche zu Joy Cottage eingestellt. Jetzt unterließ er sie einstweilen noch aus Rücksicht für den Freund. Wie glücklich ihn auch der Gedanke machte, daß ihn keine Schranke mehr von Derjenigen, welche er so innigst liebte, trenne, so durfte er doch dieser Freude äußerlich keinen Ausdruck geben. Während Douglas noch unter der kärglichen Enttäuschung schmerzlich litt, hätte er doch nicht seine eigne Bewerbung beschleunigen dürfen. Douglas hatte sich entschlossen, den Winter in Rom zuzubringen und wollte sofort abreisen, um die nördlichen Städte Italiens auf dem Heimwege zu besuchen. Aber trotz seines Ungestüms, welches ihn nie ruhen ließ, bis er einen einmal gefaßten Plan auch wirklich ausgeführt, fand er es doch unmöglich, England schon so bald zu verlassen. Ein unvollendetes Portrait schickte er freilich, ohne die geringste Bezahlung für die unfertige Arbeit annehmen zu wollen, zurück und St. Lawrence hatte es übernommen, das Atelier zu vcrmicthen, und die verschiedenen Sachen, deren er nicht länger bedurfte, unterzubringen. Aber noch mancherlei erforderte seine persönliche Gegenwart, und so gingen trotz seiner Ungeduld mehrere Wochen vorüber. Dann endlich sagte er Mrs. Dalton, durch eine Karte Lebewohl, packte seine Farben und Pinsel ein, nahm zärtlichen Abschied von dem Freunde, welcher ihn bis zur Bahn begleitete und fuhr ab. Erst jetzt glaubte St. Lawrence frei handeln zu dürfen. Er legte wenig Gewicht auf die Andeutung, welche ihm Douglas in Betreff der Gefühle Bertha's gemacht hatte; jedoch, wenn wahre Liebe sie gewinnen konnte, dann mußte er siegen und wenn auch nur ein Schatten von Hoffnung für ihn vorhanden war; er wollte warten und ausharren, nichts schien ihm unmöglich, da Bertha's Liebe der Lohn sein werde. Sie würde sein kostbarster Schatz bleiben, auch dann, wenn Fortuna ihm zulächelte und sollte die Glücksgöttin zürnen, so war er bereit mit ihr vereint allen Stürmen Trotz zu bieten. Die plötzliche Abreise von Douglas versetzte Mrs. Dalton in ein Gemisch von Bedauern und Aerger; es überraschte sie, daß er England verlassen, ohne persönlichen Abschied zu nehmen, da sie doch immer in so freundschaftlichen Beziehungen gestanden und seine Karte gab ebenfalls keinen Aufschluß über dieses unverantwortliche Benehmen; dort stand nur, er beabsichtige, den Winter auf dem Festlande zuzubringen; das war alles. — „Hätte er uns nur besucht, so würde ich schon die ganze Sache in's Reine gebracht Haben", sagte sie zu Bertha. Mrs. Dalton setzte großes Vertrauen in ihre diplomatischen Kunstgriffe. 706 Bertha schwieg. Auch sie hatte gehofft, Douglas wiederzusehen, um ihn nochmals ihrer Freundschaft und des innigsten Interesses an seinem Wohlergehen zu versichern; aber da er es für besser hielt, nicht zu kommen, so konnte sie ihm nur zustimmen. Es war beschlossen worden, daß Bertha mit ihrer Mutter nach Lcna's Hochzeit den längst versprochenen Besuch zu Larkspur machen und dann voraussichtlich dort bleiben solle. Der Gedanke, London verlassen zu müssen, war wenig erfreulich für Bertha. Wäre ihr die Wahb überlassen worden, so würde sie viel lieber die frühere angestrengte Thätigkeit wieder aufgenommen haben. Ihr ständiger Aufenthalt bei Sir Stephan bedeutete so viel, als ob auf die Hoffnung, St. Lawrence je wieder zu sehen, für immer verzichten zu müssen. Dann durfte sie höchstens noch erwarten, ihn später als berühmten Künstler preisen zu hören; allerdings ein schwacher Ersatz, aber ihre Liebe machte sie nicht unglücklich, denn sie war stolz aus den Gegenstand derselben. Ihn noch einmal zu Joy Collage zu erblicken, hoffte sie schon längst nicht mehr und als er doch endlich kam, war sie mit Lena ausgegangen und ihre Mutter allein zu Hanse. St. Lawrence bemerkte sofort das veränderte Benehmen der Ptrs. Dalton und vermuthete zuerst, ihre Zurückhaltung rühre daher, daß er so lange nicht mehr dort gewesen sei. Er machte indessen keine Entschuldigung, denn welchen Grund hätte er anführen können. Mrs. Dalton's fester Entschluß, dem jungen Manne bei nächster Gelegenheit nahe zu legen, daß sie seine Besuche nicht länger dulden werde, da böse Gerüchte gegen ihn ini Umlauf seien, war schwieriger auszuführen, als sie selbst geglaubt hatte. Es lag eine gewisse Würde, fast hätte man es Hoheit nennen können, in seinem Wesen, welche sie unwillkürlich verstummen machte. Und als sie in sein schönes vornehmes Gesicht mit den ehrlichen, klarblickenden Augen schaute, wurde ihr Glaube, er habe sich je einer unehrenhaften Handlung schuldig machen können, wesentlich erschüttert. Aber Fauconrt wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen, das mußte maßgebend für sie sein, wie sie auch Bertha erklärt hatte. Dieser Zwiespalt war die Ursache ihrer Verlegenheit. Anfangs unterhielten sie sich über Douglas und sie konnte nicht umhin, ihr Befremden über dessen schleunige Abreise auszudrücken. St. Lawrence schloß hieraus, daß Bertha den Antrag seines Freundes geheim gehalten habe und obgleich er dies von ihr erwartete, so schätzte er sie deshalb noch höher. Auf seine Frage nach dem Befinden der jungen Damen ward ihm die Antwort sie seien zusammen ausgegangen. „Erfuhren sie schon, welches freudige Ereigniß unserer Familie bevorsteht?" frug Mrs. Dalton, eine Gelegenheit suchend, um wenigstens Faucourt's Namen in die Unterhaltung mit Anflechten zu können. .. „Ja, ich hörte es", erwiderte er ernst. „Darf ich fragen, ob der Tag der Hochzeit schon festgesetzt ist?" „Noch nicht ganz bestimmt. Sie können wohl denken, daß die Vermählung mit einem Manne von der Stellung Faucourt's außergewöhnliche Vorbereitungen erfordert." „Lord Alphington hat kürzlich einen Anfall von Podagra gehabt, und konnte uns deshalb noch nicht besuchen. Aber ich muß sagen, daß er sich sehr großmüthig benommen hat." Ueber das Gesicht des jungen Mannes flog ein Ausdruck des Mitleid's als er den Hochmuth und Triumph gewahrte, mit welchem Mrs. Dalton die Verlobung ihrer Tochter und den Namen des Carls erwähnt. Er schwieg jedoch; sie schöpfte neuen Muth und frug scheinbar unbefangen: „Sahen Sie je Air. Fauconrt?" „Mr. Fauconrt? Nie!" „O, wie mich das freut! Er muß sich also geirrt haben", rief sie erleichtert aus. „Geirrt? In wiefern?" „Eines Tages, als wir in Kensington Gardar's waren, sahen wir Sie in einiger Entfenmug. Ich machte Fauconrt aus Sie aufmerksam und er glaubte Sie schon, früher gesehen zu haben, aber unter anderm Namen und er behauptete, daß — daß —" 707 „Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Mrs. Dalton, nie mehr in meinem Leben vorgestellt zu haben, als wozu ich ein Recht hatte", erwiderte St. Lawrence lächelnd. Da — nun war es heraus! Aber der junge Mann, von welchen! sie angenommen, er werde vor Scham und Verlegenheit, ertappt worden zu sein, in die Erde sinken, stand ruhig, sogar lächelnd vor ihr und blickte sie mit seinen klaren, durchdringenden Augen forschend an. Mrs. Dalton erröthctc verlegen. „Das habe ich auch nicht gerade sagen wollen", stotterte sie verwirrt. „Jedoch werden Sie begreifen, Mr. St. Lawrence, daß ich unter den jetzigen Verhältnissen nicht vorsichtig genug sein kann und da Mr. Faucourt glaubt —" „Ein Wort, Mrs. Dalton", unterbrach er sie. „Hat Mr. Faucourt dieses Urtheil über mich bei Ihnen hervorgerufen, oder haben Sie selbst irgend etwas in meinem Betragen bemerkt, was Sie zu dieser ungünstigen Meinung über mich veranlaßte?" „O nein, durchaus nicht!" rief die arme Dame in größter Aufregung aus. „Im Gegentheil; ich kann Ihnen versichern, nur —" „Nur Mr. Faucourt wünscht, nicht mit mir zusammen zu treffen. Ich verstehe das und seien Sie versichert, daß ich meinerseits für jetzt alles vermeiden werde, was Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Die Zeit wird hoffentlich nicht allzu ferne sein, wo ich Ihnen in günstigerem Lichte erscheinen werde." „Ich bedanre es unendlich —" stammelte Bkrs. Dalton. „Und dann möchte ich Ihnen noch eins sagen. „Meine Lena hat, wie ich befürchte, großen Eindruck auf Sie gemacht, aber Ihr gesundes Urtheil wird sie wohl schon darüber aufgeklärt haben, daß nie, auch wenn sie nicht verlobt wäre, etwas daraus hätte Iverden können." „In dieser Beziehung dürfen Sie ganz beruhigt sein, verehrte Mrs. Dalton", erwiderte St. Lawrence, sich erhebend, um der Unterredung ein Ende zu machen. „Ich bewundere Ihre Fräulein Tochter, mache aber keine Ansprüche auf deren besondere Gunst. Von ganzem Herzen wünschte ich, ihr zu Glück und Ansehen verhelfen zu können." Ein tiefer Ernst begleitete diese letzten Worte. Dann streckte er lächelnd Mrs. Dalton seine Hand entgegen und sagte: „Sie werden sich doch nicht weigern, mir die Hand zu drücken? —" „Seien Sie überzeugt, daß ich das Beste für Sie hoffe, Mr. St. Lawrence." Nicht allein das, was sie mitzutheilen für nöthig erachtet hatte, sondern mehr noch, die Zweifel und Befürchtungen, welche das Benehmen und die Andeutungen des jungen Mannes in ihr wachgerufen, versetzten sie in die größte Aufregung. „Sie dürfen mir nicht zürnen — ich konnte nicht anders handeln." „Gewiß nicht und wenn Sie in der Zukunft geneigt sein sollten, mir Mangel an Offenheit vorzuwerfen, so lassen Sie mich Ihnen schon jetzt die Versicherung geben, daß die Verhältnisse mich zum Schweigen nöthigrcn. Ich kann nicht handeln, wie ich gerne möchte. Sie und die Ihrigen vor allen Anderen würde ich mit Freuden in mein Vertrauen ziehen." Nachdem er dieses gesagt, schritt er, sich tief verbeugend, zur Thüre hinaus. Obgleich St. Lawrence sich scheinbar so gelassen von Mrs. Dalton verabschiedete, erfüllte doch tiefe Traurigkeit sein Herz. Eine neue Scheidewand erhob sich zwischen ihm und Bertha und wenn diese auch, wie er zuversichtlich koffte, bald wieder zusammen-, stürzen werde, so empfand er es doch schmerzlich, wieder von ihr getrennt zu sein. Der Gedanke, sie lasse sich vielleicht ebenfalls verleiten, Schlimmes von ihm zu vermachen, guälte ihn. „Nein, ich kann nicht denken, daß sie dies thun wird", tröstete er sich innerlich; »sie ist keine von denen, die vorschnell urtheilen, oder sich durch Scheiugründe beirren lassen. Auch glaube ich nicht, daß dieser saubere Wicht, den die arme thörichte Mutter mit Stolz ihren zukünftigen Schwiegersohn nennt, vielen Einfluß auf Bertha haben wird." Dann fiel ihm Lena ein. Sie mochte eitel, weltlich gesinnt und egoistisch sein, dennoch 708 entsetzte es ihn, sie geopfert zu sehen. Er hoffte frühzeitig genug sprechen und Manches, was jetzt geheimuißvoll war, aufklären zu können. Niggs schickte ihm noch immer Nachrichten, und diese schloffen meistens mit den Worten: „Halten Sie sich ruhig, sonst verderben Sie Alles." In dem letzten Briefe hatte er noch hinzugefügt: „Endlich bin ich auf der richtigen Fährte, haben Sie ein wenig länger Geduld." Es war eine schwere Aufgabe für St. Lawrence, aber er mußte sich fügen. i (Fortsetzung folgt.) ^ G o l d k ö r n e r. Träume den Traum der Jugend so schön, daß wenn du erwachest, Selbst die'Erinnerung noch liebliche Bilder dir malt! Jugend streuet die Saat, das Alter sammelt die Garben; Möge das Erntefest dir auch ein fröhliches sein! Bilde vor Allem-das Herz; in's Reich deS Wahren und Schönen Dringt dann lebendiger ein bildsam der strebende Geist! Vieles zu wissen, es kann dir nützen, doch kann cS auch schaden, Wenn du daS Viele nicht recht, oder das Rechte nicht weißt. Bitter Wohl schmecket die Wurzel des Wissens, doch glaube, die Frucht ist Süß und erquickt dich dereinst nach den bestandenen Müh'n! Nicht für die Schule allein, für'S Leben lerne; ja weiter Ueber die Erde hinaus dau're, was hier du erwarbst. Nimmst du das Schwere zu leicht, wird nimmer es gründlich dein eigen; Nimmst du das Leichte zu schwer, schaff'st die dir nutzlose Müh'». Gleiche dem Schmetterling nicht, der müßig flattert: der Biene Gleiche, die rastlos sich müht, bis sie die Zellen gefüllt. Gib und vergib! Der Arme bedarf dein, du lind'rc die Noth ihm; That man dir ttcülcs, vergib; ist es dir möglich, vergiß! Sinken lasse dich nie, und sänkest du, raffe dich neu auf! Strebst du zum Ewigen hin, wächst mit dem Muthe die Kraft. F. Beck. Weltkinder im Kloster. Vor den Kunstmuseen in Berlin steht geschrieben: ^.rtsra non oäit nisi iximrus, b. h. auf Deutsch: Die schöne Kunst hat Aller Gunst, . ' ! Wer gegen sie spricht, der kennt sie nicht. t So geht es auch mit den Orden der katholischen Kirche. Die meisten von den ^ Menschen, welche dieselben verlästern, thun es mehr aus Unverstand, als aus Bosheit, weil sie die Mönche und Nonnen nicht kennen. Wie soll auch ein Mensch, der mitten in einem protestantischen Lande geboren und erzogen ist, ein Kloster kennen lernen? In der protestantischen Schule, insbesondere im Religionsunterricht, hört er nur schimpfen auf die Papistischen Klöster, welche ihm als Brutstätten der Trägheit, Dummheit und Unsittlichkcit hingestellt werden- In seinen liberalen Zeitungen liest er die Bestätigung dieses Urtheils. Und nun erst in den Romanen — da sind ja die Klöster sammt und sonders wahre Schandhöhlcn und Mördergruben. Da der also bearbeitete Mensch nun mit seinen eigenen Augen nie ein » Kloster sehen kann, wenn ihn nicht ein sonderbarer Zufall hinführt, so stirbt er in dem » Wahne, daß die Klöster schreckliche Institute seien. Falls der Mann in den Himmel ^ kommt, so wird er höchlich die Augen aufreißen, wenn er dort die frommen Patres > trifft, welche auf ihrem Strohsack in der Mönchskutte selig entschlafen sind und nun von « Gottes Hand den Preis ihres bußfertigen Klostcrlebens empfangen. N 709 Es kommt nun aber gelegentlich doch einmal vor, daß sich ein Protestant oder ein" Nenhcide in ein Kloster verirrt, und sonderbarer oder vielmehr natürlicher Weise ändert sich dann sofort sein Urtheil, und er muß dann anerkennen, daß die Mönche, welche er getroffen hat, doch recht gute Menschen sind, ja sogar besser, als er selbst. So z. B. erzählt uns ein Hauptmann aus Straßburg, wie er mit mehreren andern Offizieren als Einquartierung in das Trappistenklostqr bei Oelenberg (Elsaß) gerathen ist. Die Schilderung des Klosters und seiner Insassen nimmt sich im Munde des Soldaten sehr niedlich aus. Ueber den Einzug ims Kloster schreibt er: Lächelnd versicherte der guartiermachende Offizier seinen jüngeren Kameraden, es bekomme Jeder eine besondere Zelle mit einem Todtcnkopf; tröstlicher klang schon die Nachricht, die Mönche hätten in: ersten Schrecken über unsere Ankunft gleich einen fetten Ochsen geschlachtet, und die besorgten berittenen Herren wurden dahin beruhigt, daß die Stallungen vorzüglich seien. Etwa eine Viertelstunde vom Orte entfernt, steigen aus dem Wiescnland die nördlichen Hänge des Dollerthalcs auf, anf deren sanftem Abfall das Kloster in fruchtbaren Banmgärten versteckt liegt. Es ist kein malerischer alterthümlicher Ban, sondern hohe langgestreckte Gebäude, im nüchternsten Stil gehalten, vereinigen sich zu einem unregelmäßigen geschlossenen Ganzen, dessen Mittelpunkt die eben so einfache Kirche bildet. Unten an der mit Kreuz und Marterwerkzeug geschmückten Mühle, die schon zum Klosterbesitz gehört, tauchen jetzt auch einige Klostcrbewohner auf, ernste Greise in braunen Kutten, die, gefeit gegen alle Zerstreuung, sich um die ihnen gewiß fremdartige militärische Erscheinung nicht kümmern, sondern eifrig weiter arbeiten. Einige Jüngere verfolgen neugierig den Zug, geben auf die Frage nach dem Eingang keine Antwort, sondern deuten nur unter freundlichen Geberden den Weg au. Mit dem ewigen Schweigen hat es also, wie es scheint, seine Nichtigkeit. Jetzt wird das hohe Eingangsthor sichtbar, über welchem anf schmuckloser Holztafel den Eintretenden die Worte des heiligen Lanrentins Justinianns grüßen: „Lolitmcko eoeli jauuo,." (Einsamkeit ist die Pforte des Himmels.) Hier werden die reisigen Gäste vom Prior, der den hochbetagicn Abt vertritt, empfangen. Die mittelhohe, etwas vorgebeugte Gestalt ist mit einem schweren, weißwollenen Gewand bekleidet, von dem eine große Kapuze auf den Rücken fällt, um den Leib windet sich ein Strick, die Füße stecken in groben Holzschnhen. Das intelligente scharf geschnittene Gesicht berührt sympathisch, in freundlichen Worten wird der Willkomm gesprochen und der Bruder Gastwart, ein überaus dienstwilliger jüngerer Mönch in braunem Gewand, übernimmt das Geleite in den Gastbau. Das ist ein langer einstöckiger Flügel, den ein Corridor durchzieht, von welchem aus rechts und links zahlreiche Thüren in die einzelnen Gaststübchen führen. Alle sind weiß getüncht, gerade groß genug für einen Mann, und enthalten außer dem bescheidenen Bett das nöthige Mobiliar. Ein einfaches Crucifix oder Marienbild schmückt die Wand, darunter hängt die Hausordnung mit der Bitte an den Fremden, die Insassen des Klosters darin nicht ohne Noth zu stören. Im Schweiße seines Angesichts rennt unser guter Mönch von Gelaß zu Gelaß, um nach den verschiedenen Bedürfnissen zu fragen; er ist für die Dauer unserer Angelegenheit von: Schweigen entbunden, nützt diese Freiheit aber nicht zu müßigem Geschwätze aus, sondern freut sich nur innig, wenn er die verschiedenen Fragen nach Einrichtungen oder Persönlichkeiten seines Klosters beantworten kann. Eine Hauptforderung des Ordens ist die Demuth und freundliche Dienstwilligkeit Anderen gegenüber, und wahrlich, dieser wenig gebildete Laienbruder ist das Ideal eines allzeit dienstwilligen Menschen. Alan spürt es ihm ordentlich an, wie er unser Dasein als eine willkommene Gelegenheit benutzt, seine Pflichten in größerem Umfang ausüben zu dürfen; mit den gleich freundlichen Geberden dient er im wahren Sinne des Wortes vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. 710 — Die Glücke ruft und bald treffen sich die Klostergästc im freundlichen Speiscsaal, um gegenseitig ihre ersten Eindrücke auszutauschen. Unter der Leitung des munteren Pater Schaffner's, dessen blühende Wangen und rundliche Körperfülle selbst der harten Klosterzucht trotzen, wird das einfache aber schmackhafte Essen aufgetragen, dem die hungerigen Gäste alle Ehre anthun. An Brot, Fisch und Fleisch war kein Mangel; auch für den Durst zierten kristallhelle Wasserstaschen den Tisch. Aber eine andere Gottesgabc fehlte — der Wein. Wohl mochte Mancher Anfangs den zaghaften Trost hegen, daß dies edle Getränk etwas später, vielleicht erst zum Nachtisch, in seine Rechte treten werde; doch mußte beim Erscheinen der Aepfel und Nüsse die Täuschung weichen. Der eine oder andere besser in die Regel Eingeweihte aber behauptete, Wein dürfe eigentlich gar nicht im Kloster sein, höchstens in der Hausapotheke für die Kranken. Etliche höhere Herren endlich machten in gestrengen Worten den glücklicher Weise abwesenden qnartiermachenden Offizier dafür verantwortlich, daß er einen solch wichtigen Punkt nicht zum Voraus geregelt habe, kurz, in Scherz und Ernst wurde die leidige Situation erwogen. Am Tiefsten ging wohl die Sache einem alten Hauptmann zu Herzen, den — mit den blühenden Worten eines verstorbenen hohen Generals zu reden — die langjährige Compagniechefschaft nahe an den Rand des Stabsoffiziers gebracht hatte. Zwar glänzte das Gesicht noch im Schimmer der rosigen Jugend; aber sorgenvoll war momentan das ergraute Haupt in die Hand gestützt. Plötzlich fiel diese tapfere Rechte schwer auf den Tisch, und der gequälten Brust entquoll der Seufzer: „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Das erlösende Wort war gesprochen, allseitiger heiterer Beifall lohnte die That, und sofort wurde beschlossen, durch den Diplomaten des Stabes Verhandlungen einzuleiten, welche auch ohne Schwierigkeit besten Erfolg für die künftigen Tage hatten. — „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Wie sticht gegen diesen Spruch des Weltmannes die bedürfnißlose Lebensart der Mönche ab, über welche der Soldat schreibt: Bewachten wir als Gegensatz zu den Bedürfnissen der üppigen Wcltkindcr die Lebensweise unserer Klostcrbrüder, so müssen wir schon früh, nämlich um 2 Uhr Morgens, beginnen. Uni diese Zeit läutet der Pförtner das Hora-Glöckchen, und sofort wird's in dem gemeinsamen Schlafsaal lebendig, der vom Abt ablvärts sämmtliche 100 bis 120 Kloster-Insassen beherbergt, so weit sie nicht hohen Alters oder Krankheit halber dis- pensirt sind. Jeder hat einen besonderen Holzverschlag, worin die schmale sargartige Bcttstadt steht, welche einen hart durchstochenen, vier Finger dicken Strohsack nebst ähnlichem Kopfpolster cickhäll. Auf diesem ärmlichen Lager ruht im Ordenskleid, das er nicht ablegt, ohne Decke, Sommer und Winter, von acht Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens der Trappist. Mit dem ersten Glockenstreich, der an Sonn- und Feiertagen schon um ein Uhr, an hohen Festtagen sogar um Mitteraacht ertönt, eilt Alles in die gänzlich schmucklose Kirche zum gemeinsamen Gebet und stiller Betrachtung. Von drei bis vier wird die Mette gesungen, worauf man sich in das Capitelzimmer begiebt. Neben der Thür steht gleichsam als Schildwache, ein aus schwarze Schieferplatte in natürlicher Größe cmgegrabenes menschliches Gerippe, und darüber die Worte: „oeckr« nuit ^sut- tztrsE (Diese Nacht vielleicht!) Einem französischen General, der nach bewegtem Leben und von ihm wissenschaftlich beschriebenen Pilgerreise» gen Rom und Jerusalem hier im Kloster Ruhe gesucht, verdankt dies ineuumtc, morl seine Entstehung. Endlang der Wände des schmucklosen Saales ziehen sich niedere Bänke, davor ärmliche Tischchen oder Pulte, die Bücher und Handschriften der Brüder enthaltend. Hier wird über eine Stunde in stiller geistlicher Lesung und Betrachtung zugebracht, und darauf von halb sechs bis sechs Uhr wieder in der Kirche die Priin gesungen. Dein folgt im Capitel die Vorlesung der heiligen Regel, wobei Jeder seine Fehler wider dieselbe offenbaren und da- 711 rüber Buße und Ermahnung annehmen muß. Jetzt wird im Schlafzimmer gereinigt, die Chorkntte ausgezogen, und um halb sieben steht alles in Holzschuhen zur Arbeit geschürzt bereit. Verwundert wird wohl mancher Leser dieser viereinhalbstündigen Morgeneintheilung gefolgt sein und sich gefragt haben: ja, wann kommt denn das Frühstück? Wortlos, nur mit Kopfschütteln würde dcxTrappist ihm diese Frage beantworten; denn ein solches kennt er nicht. Die Arbeit erfolgt entweder im Felde, wozu die ausgedehnte Landwirthschaft und der große Grundbesitz des Klosters hinreichend Gelegenheit geben, oder in den verschiedenen Werkstätten, da nach einer Hauptregel des Ordens alle Lebensbedürfnisse durch eigener Hände Arbeit beschafft werden sollen. So wird auch für alle Jahreszeiten gleiche, rein wollene Bekleidung dort selbst gewoben und die mit diesem Stoff von den Mönchen seit Wohl tausend Jahren gemachte praktische Erfahrung bestätigt vollkommen die Theorie, welche dem modernen Wollregime Proffessor Jägcr's zu Grunde liegt. Erkältungskrankheiten kommen fast gar nicht vor. Vielerlei Handwerk ist im Kloster vertreten. Mancher erlernt ein solches erst in späteren Jahren durch reinen Anschauungsunterricht bei möglichster Vermeidung aller Worte. Diese pädagogisch gewiß interessante Methode wird im Mutterkloster La Trappe besonders gepflegt. Während der Arbeitszeit, die mindestens zwei Stunden je Vor- und Nachmittags zu dauern hat, muß bei steter innerlicher Sammlung hart und streng gearbeitet werden. Alles Nöthige giebt man sich durch Zeichen, eine Art Fingersprache, zu verstehen; zuweilen klatscht der Aelteste in die Hände, was sofort die Arbeit auf eine bis zwei Minuten unterbricht, welche der stillen Unterhaltung mit Gott gewidmet sein sollen. Um nenn Uhr ruft die Glocke wieder zum Gottesdienst, dem um halb elf Uhr endlich das Mittagessen folgt. Im Küchenzettel kommt der Vcgetarianer zu seinem Recht, denn Fleisch, Butter und Eier sind ausgeschlossen. Nur Wasser und Brod, Gemüse oder Früchte, Wurzeln und Kräuter mit Salz dürfen auf den Tisch kommen, wozu in der Zeit von Ostern bis Advent etwas Milch tritt. So lange diese Mahlzeit mit sichtlichem Behagen eingenommen wird liest einer der Chorgeistlichcn oder Patres auf einer Art Kanzel sitzend aus den Kirchenvätcrn vor, zuweilen wird sie auch ähnlich wie die Arbeit durch Klingeln unterbrochen, um über den Genuß nicht die geistige Sammlung zu vergessen. Alles, was man im Speisesaal sieht, macht den Eindruck der Dürftigkeit, hölzerne Teller und Löffel nebst kleinen blechernen Näpfen. An den kahlen Wänden hängen neben wenigen kunstlosen Bildern geschriebene Sprüche, deren einige als Probe folgen mögen: „Lauter und rein sich halten, giebt mehr Kunst denn stndiren.' „Du mußt zuvor zu einen: Esel werden willst du göttliche Weisheit besitzen." „Es muß ein Mensch große Vcrschmähnng erleiden soll ihm je geistig Wohl werden." Wir könnten noch mehrere schöne Stellen aus dieser Schilderung mittheilen. Zum Beispiel sehr hübsch ist die Schilderung, wie mit Erlaubniß des Abtes die Militärmusik im Klosterhofe aufspielt und wie dem hochbetagtcn greisen Abte die Thränen über die Wangen laufen, als er ein Stück aus der Oper hört, die er als jugendlicher Musikus im Theater mitgespielt. Die Offiziere schieden voll Bewunderung für die Seelen- größc und das — Glück dieser Mönche, welche,in der Einsamkeit und Entbehrung im reichsten Maße gefunden, was die Weltkinder rHstlos erjagen, um schließlich nichts als ein Todtenhemd zu finden. 712 M i s c e l l e n. (Ein Universalgenie.) Unter allen begabten Menschen war wohl John Erichton, geboren 1551 in der Grafschaft Perth in Schottland, gestorben im Jahre 1583, der merkwürdigste. Kaum zwanzig Jahre alt, schrieb und konvcrsirtc er in Zehn verschiedenen Sprachen und zeichnete sich dabei noch in allen körperlichen Uebungen aus. Als er damals nach Paris kam, meldete ein zeitgenössischer Schriftsteller: „Hier ist ein junger Mensch angelangt, etwa Zwanzig Jahre alt, dem selbst die ersten Professoren der Akademie das Zeugniß geben, daß er in allen Wissenschaften vollkommen sei. Niemand übertrifft ihn in der Vokal- und Instrumental-Musik, und weder im Malen noch Zeichnen, im Tanzen noch Reiten hat man seines gleichen gesehen. Er weiß mit beiden .Händen zu fechten, daß ihm keiner etwas anhaben kann; in einer Entfernung von Zwanzig Fuß stürzt er auf seinen Gegner los und schlägt ihn aus dem Felde. Seine Geistesgegenwart ist unerschütterlich; er disputirtc neulich vor einem Auditorium von dreitausend Zuhörern und setzte alle durch die Richtigkeit, Gelehrsamkeit und Schärfe seiner Antworten in Erstaunen. Sein Dasein erfüllt jedermann mit panischem Schrecken, man fürchtet, daß er mit höllischen Mächten ein Bündnis abgeschlossen." — Crichton verließ nach zehnjährigem Aufenthalt Frankreichs Hauptstadt, um einer Berufung nach Mantna zu folgen, wo er der Lehrer des Sohnes des Herzogs von Gonzaga wurde. Während einer Karnevalbclustignng wurde er hier von einigen vermummten Personen mit gezücktem Degen angefallen; er schlug ihnen sämmtlich die Waffen aus der Hand und riß einem die Larve ab, worauf er zu seinem unbegrenzten Erstaunen in demselben seinen Zögling erkannte. Ehrerbietig hob er dessen Degen auf; jener aber, den Eifersucht zu dem Anfalle bewogen, war nicht im stände, Crichtons Großmuth zu würdigen und stieß ihm tückischer Weise den Degen in die Brust. So starb der seltene Mann im zweiunddreißigsten Jahre seines Lebens. (O wie entzückend!) Ja, wir leben in einer Zeit, die herrliche Früchte zeitigt. Was sagen unsre Leser und Leserinnen zu folgender Stelle aus einem modernen Roman: „Nur, wer sich bewußt geworden, daß die wirkliche Welt nicht die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht bringt, in dessen Seele wächst der herrlichste Erfüllung in ihrem Schoße tragenden Verheißung des Frühlings gegenüber diese Sehnsucht zur schmcrzenreichsten Wehmuth. Erika war die Flnth des unausgesprochenen und vielleicht auch unaussprechlichen Empfindens bis hoch zum Halse hinaufgestiegen, sie hatte die Augen geschlossen vor all der Wonne athmenden, überströmenden Schönheit da draußen, die ihr fast zur Oual wurde." Es geht doch nichts über einen vollen und gedankenreichen Stil! (Herzog August von Sachse n-Got ha) — gestorben 1822 — bekannt dnrch seine witzigen Bemerkungen und beißenden Sathren, hatte einen neuen Rath ernannt. Als derselbe sich in seiner neuen Charge bei Hofe vorstellte, dankte ihm der Herzog recht freundlich, fügte jedoch lächelnd hinzu: „ Zum Rath habe ich Sie freilich ernannt, doch — auf Gott und nicht auf meinen Rath will ich in Zukunft bauen! (Gründlich.) Dienstmagd: „Gnä' Frau, ich bitt um ein Stück Brod, ich bin noch hungrig." — Gerichtsräthin: „Das müssen Sie mir erst beweisen." Räthsel. Laß, lieber Leser, Dir empfehlen: Mit W ein Mittel gegen Stehlen, Mit N ein Mittel znm Verkehren, Mit R ein Mittel zum Verzehren, Mit A ein Mittel für Gelähmte, Mit L ein Mittel für Vergrämte. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 90. 1883. zur „Ailgslmcger postMmg." Samstag, 10. November Der Gpalrrrig. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) V i er un d z w a n z i g st e s Capitel. „Der Hund scheint recht elend zn sein", sagte Mr. Perkins, das Factotuin der Mrs. Leinont, zn seinem vertrauten Freunde John, als sie bei einer Bowle Punsch in der Schenkstube des Wirthshauses zusammen saßen. „Sehr elend, mich wnndcrt's, daß Air. Faucourt keinen Thierarzt kommen läßt, denn es ist ein werthvollcs Vieh." „Sie ist viel schlimmer heute", bestätigte John, den Kopf der Juno, welche zu seinen Füßen lag und ihm matt die Hand leckte, streichelnd. „Vor einigen Tagen ivar sie etwas besser. Ich sagte meinem Herrn diesen Morgen: „Wenn ich Sie wäre, Sir, so würde ich einen Thierarzt für Juno holen lassen." Gerade so waren meine Worte, Mr. Perkin's, aber er antwortete mir dasselbe, ivic eben: „Laß sie nur in Ruhe, ich glaube nickst, daß ihr etwas besonderes fehlt. Mein Herr scheint nicht viel Gefühl für ein solch' armes Thier zn besitzen. Meinen Sie das nicht auch? Sie kennen ihn ja schon viel länger als ich. Noch ein Glas Punsch, Mr. Perkin's?" „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", erwiderte dieser, sein Glas hinhaltend. „Man bekommt hier gute, unverfälschte Waare", setzte er mit den Lippen schnalzend, hinzu. „O ja, davon kann man wohl überzeugt sein, denn die Herren, welche zum Angeln in die hiesige Gegend kommen, wissen sehr genau, was gut schmeckt und ivo es zu haben ist. Aber was ich eben sagen wollte, Air. Perkin's, kennen Sie Mr. Faucourt schon lange?" „So ziemlich; nicht viel früher als Sie. Ich kam mit Mrs. Lemont von Amerika herüber. Vor einigen Jahren war ich mit einer Herrschaft dorthin gereist, aber das Land gefiel mir nicht. „Altengland für immer", ist mein Wahlsprnch und deshalb freute ich mich, zurückreisen zn können. Wir sahen den nunmehrigen Mr. Fancourt damals nicht häufig, unsere Wohnung lag über einem Porzellanladen zn Westbourne Grove — ein bedeutend lebhafterer Aufenthaltsort als dies hier ist, für meinen Geschmack." „Das mag wohl sein, Mr. Perkin's, aber auf dem Lande ist eine sehr gesunde Luft", wandte John, einen kleinen Schluck nehmend, ein. Ein aufmerksamer Beobachter Hütte bemerken können, daß er das Glas seines Gefährten stets von Neuem füllte, seines dagegen fast unberührt ließ. „Natürlich muß es dort amüsanter gewesen sein", nahm John das vorige Gespräch wieder auf, „namentlich für Jemanden, der solchen Scharfsinn besitzt, wie Sie, Mr. Perkin's. Hatte Mrs. Lemont vielen Umgang dort? Hier scheint sie nur wenig Menschen zu sehen." 714 „Nun, ich kann nicht gerade sagen, daß wir viel Gesellschaft gehabt haben", erwiderte Perkin's, der die Gewohnheit besaß, bei einem Glase Punsch besonders zutraulich zu werden. „Ihnen kann ich es wohl sagen, Sie gehören ja eigentlich mit zur Familie, aber weiter darf es nicht gehen, hören Sie, — schweigen!" Und Perkin's legte seinen Finger mit wichtiger Miene an die Nase. John nickte zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe. „Wir sahen nicht viele Menschen dort, aber meine Herrin ging öfters aus und wurde auch zuweilen von auffallend geputzten Leuten abgeholt. Einen Herrn schien sie gerne los zu sein; ich hielt ihn für einen Verwandten von ihr." „Ah", erwiderte John gleichgültig. „Weshalb meinten Sie das?" „Er kani gewöhnlich, um Geld von ihr zu erpressen und Keiner, auch meine Herrin nicht, liebt es, wie eine Citrone ausgequetscht zu werden." „Nein, sicherlich nicht. Trinken .Sie einmal aus, Mr. Perkin's. Wollen Sie auch ein Pfeifchen dazu rauchen?" « „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", lautete die gewohnte Antwort. John bestellte frische Pfeifen und holte einen Tabakbeutel hervor. „Bedienen Sie sich, Sie werden ihn gut finden." Mit diesen Worten schob er ihn dem Freunde hin. „Was Sie für ein schlauer Beobachter sind", leitete John die Unterhaltung wieder ein, nachdem die Pfeifen angesteckt und der Rauch des duftenden Krautes in die Höhe stieg. „Sie hätten es weit bringen müssen in der Welt. So Kerls wie ich sind gut genug dazu um Kleider zu bürsten nnd Aufträge zu besorgen; aber ihre Geschicklichkeit fehlt mir vollständig. Ich möchte Sie wohl diesen Herrn beschreiben hören, das ist gewiß, als ob man ihn leibhaftig vor sich sähe." John legte den Kopf zur Seite, wie Jemand, der bereit ist, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuzuhören. „Nun, es war ein ziemlich kleiner Kunde", begann Perkin's, welcher sich durch das Lob des Freundes nicht wenig geschmeichelt fühlte; „noch kleiner wie Sie und Sie sind schon nicht sehr groß, er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe und schwarze Augen, die fortwährend unstät umherirrten, dazu eine Adlernase und ganz schmale Lippen; er trug keinen Bart und sah immer zerrissen nnd schäbig aus, trotzdem er all' das Geld von meiner Herrin erhielt." „Ha, Ha!" lachte John, Ihre Beschreibungen sind köstlich. Wie heißt der Herr? Ich interessire mich außerordentlich für Namen. Finden Sie nicht auch, daß der Name oft so bezeichnend für die Person ist?" „Ich weiß es nicht; den seinigcn höre ich nie. Meine Herrin nannte ihn nur Pierre und daraus schloß ich, daß er zu ihr verwandt sei. Ucbrigens scheue ich mich nicht, Ihnen noch ein merkwürdiges Ereigniß zu erzählen. Ich weiß ja, daß Sie es nicht weiter sagen werden. Eines Tages besuchte uns eine junge Dame und erkundigte sich nach diesem Pierre; sie habe etwas im Omnibus gefunden, was wahrscheinlich von ihm verloren worden sei. Meine Herrin hatte mir schon früher befohlen, für den Fall, daß Jemand nach diesem Herren fragen sollte, nie eiuzngestehen, daß er bei uns verkehre. Als sie mich nun an dem betreffenden Tage kommen ließ und frug, ob ein Herr gestern Abend bei uns gewesen sei, hielt sie den.Finger in die Höhe und blickte mich scharf an. Natürlich verneinte ich nun ausdrücklich diese Frage." „Versteht sich, Mr. Perkins, das war ganz recht! Haha, ich kann nicht umhin darüber zu staunen, wie schlau sie alles ausfindig machen. Wo mag dieser Mr. Pierre jetzt sein? Noch ein Schlückcheu, alter Freund?" „Nun, danke nichts mehr", erwiderte dieser, sein Glas ein wenig näher zur Bowle hinschiebend. „Nur noch etwas; dieser Punsch ist ja so unschuldig wie Milch." 715 „Nun meinetwegen, aber mir noch einen Tropfen!" „Wo mag er jetzt sein", hub John wieder an. „Es ist mir beinahe, als müßte ich ihn, wenn er mir begegnete, erkennen." „Das wird so leicht nicht vorkommen, denn er ist in Frankreich, wie ich sicher weiß." „So in Frankreich! Dann ist er wohl ein geborener Franzose; auch der Name läßt schon darauf schließen. Ich kenne eine Unzahl Pierre's in dem südlichen Theile Frankreichs. Sicher stammt er aus dortiger Gegend. Schreibt er häufig an Ihre Herrin?" „Ja, so oft er Geld nöthig hat. Mrs. Lemont ist jedesmal ärgerlich, wenn sie einen Brief von ihm erhält." „Sie können mir einen Gefallen erzeigen, Mr. Perkins. Bitte, stopfen Sie die Pfeife noch einmal. Wenn nächstens ein Brief von ihm ankommt, wollen Sie dann die Freundlichkeit haben, mir den ausländischen Poststempel zu notiren? Wie ich eben sagte, kenne ich eine Menge Pierre's in Frankreich und bin wirklich neugierig, ob es ein Bekannter von mir ist." „O, das will ich recht gerne thun. Für einen guten Freund, wie Sie, ist mir nichts zu viel!" rief Perkins, welcher anfing zärtlich zu werden, aus, indem er John seine Hand hinhielt, die dieser kräftig schüttelte. „Ihr Herr ist zur Stadt gefahren, nicht wahr? Wo geht er doch immer hin? Weshalb fährt er so oft heraus? Ich glaube, meine Herrin ist ein wenig eifersüchtig." „Eifersüchtig?" wiederholte John mit dem Ausdrucke höchsten Erstaunens. „Welch' sonderbarer Einfall. Wissen Sie nicht, daß Mr. Faucourt Mitglied der Anthropologie- Gesellschaft ist? Er fährt zur Stadt, um den Sitzungen beizuwohnen." „Ei, was Sie sagen. Wer hätte das denken sollen. Ich sah ihn freilich nur selten, doch hätte ich das nicht hinter ihm gesucht." „Ja, sehen Sie, jetzt ist das ganz anders, wo er zu seinem Rechte gelangte und nächstens Parlamentsmitglied werden wird", erklärte John. „Die müssen ja alle grundgelehrt sein." „Versteht sich; aber es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe. Mrs. Lemont war heute unwohl." „So, was fehlt ihr denn?" „Nun, sie schien mir sehr matt und vollständig herunter zu sein. Mr. Faucourt besuchte sie, ehe er zur Stadt fuhr und holte dann selbst eine Flasche Arznei aus der Apotheke; bis jetzt hat es ihr noch nichts genutzt." „Es thut mir leid zu hören, daß sie unwohl ist. Wenn mein Herr morgen wieder ausfahren sollte, so werde ich zum Landhause hinkommen, und mich nach ihrem Befinden erkundigen." „Thun Sie das, alter Bursche", stotterte Perkins ziemlich unverständlich, indem er sein Glas ausschlürfte. Als er sich erhob, fand er es indessen mühsam, auf den eigenen Füßen gerade zu stehen. Auch erforderte es große Anstrengung, den Hut aufzusetzen. John kam ihm zu Hülfe; er nahm den Freund unter den Arm und verließ ihn nicht eher, bis er ihn glücklich in seinem Bette oberhalb des Stalles, welcher znr Villa gehörte, untergebracht hatte. — Beim Nachhausegehen warf er einen Blick zu den Fenstern des Hauses hinauf; in Mrs. Lemont's Zimmern brannte noch ein Licht. „Arme Frau!" seufzte John leise. Dann eilte er dem Wirthshanse zu, um bet der Ankunft seines Herrn auf dem Posten zu sein. Faucourt konnte die Trennung von Lena Dalton kaum mehr ertragen; seine Leidenschaft für sie grenzte an Wahnsinn und die Gleichgültigkeit gegen ihn, welche sie 716 so offen zur Schau trug, goß Oel in's Feuer. Es war beschlossen worden, daß sie die Hochzeitsreise nach Paris und dein südlichen Frankreich machen sollten. Während der dreimonatlichen Abwesenheit würde Magnns Sguare zu ihrem Empfange in Stand gesetzt sein. Fancourt zählte die Stunden, bis Lena die Seiuige und er fort aus England sei. Welche Gefahren bedrohten ihn noch bis dahin! Aber wenn er diese alle glücklich beseitigt und seine Plane durchgeführt habe, so wolle er, wie er sich selber vorredete, eilt anderer, besserer Mensch werden. Er fluchte dem Schicksale, welches ihn in diese Enge getrieben und dadurch zu der schändlichen That zwang. Fünfundzwanzig st es Capitel. Der Brief Faucourt's, worin er Lord Alphington seine Verlobung mit Madeline Dalton anzeigte und um dessen Einwilligung bat, rief bei seinem allen Herrn großes Erstaunen, aber auch gleichzeitig Vergnügen hervor. Eiligst ritt er zu Lady Langley hinüber, um ihr diese Neuigkeit mitzutheilen. „Vielleicht haben Sie doch noch Recht, meine liebe Lady, Langley und ich beurtheilen den jungen Mann zu scharf. Er muß doch noch etwas Gutes au sich haben, da er die Zuneigung einer Ihrer reizenden jungen Freundinnen gewonnen hat. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, mir wäre die jüngere von Beiden lieber gewesen, freilich wird Miß Lena Dalton eher die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich ziehen." „Es freut mich, daß Sie mit der Wahl Ihres Enkel einverstanden sind", erwiderte Lady Langley, welche durch Mrs. Dalton schon das wichtige Ereignis; erfahren hatte. „Die Dalton's sind, wenn auch nicht reich, so doch von guter Familie. Bcrtha äst eiu sehr angenehmes Mädchen, aber auch Lena nicht unliebenswürdig und meiner Ueberzeugung nach wird sie eine gute Frau für Mr. Fauconrt werden." Lady Langley konnte sich nicht entschließen, die Freude Lord Alphi'ngtou's zu trüben, indem sie ihm ihre Ansicht über Lena's Eigennutz und wie es wohl mit ihrer Liebe beschaffen sein werde, mittheilte. Der Earl blieb lauge zu Larkspur; er verehrte Lady Langley aufrichtig und fand vielen Trost in ihrer stets bereiten Theilnahme. „Das Mißfallen, welches Fauconrt mir einflößt, werde ich seiner Gattin nicht entgelten lassen, dessen kann ich Sie versichern. Sie wird alles dasjenige erhalten, was der zukünftigen Gräfin von Alphington mit Recht gebührt. Das Haus in Magnns Sguare soll dem jungeil Paare «ungereimt und ganz nach dem Geschmacke der Miß Dalton eingerichtet werden. Ich will sofort nach London reisen und ihr meine Freude Aber die Verlobung ausdrücken und dann gleichzeitig mit Thomson den Ehekontrakt besprechen. Wie mir scheint, ist es nicht nöthig, die Hochzeit noch lange hinauszuschieben." „Sie glauben nicht, wie glücklich es mich macht, Sir, die Sache in diesem Lichte auffassen zu sehen", bemerkte Lady Langley. „Ich befürchtete, Sie würden eine vornehmere Verbindung für Mr. Faucourt in Aussicht genommen haben. „Meine liebe Lady Langley, glauben Sie mir, diese Verlobung ist eine unaussprechliche Erleichterung für mich." „Wußten Sie, daß Mrs. Dalton uns mit ihren beiden Töchtern im Herbste besuchen wollte? Diese Pläne werden Wohl jetzt zu Wasser geworden sein, jedoch hoffe ich, Bcrtha später mit ihrer Mutter hier zu sehen." „So wird es wohl sein", cutgeguete lächelnd Lord Alphington. Fauconrt ist ohne Zweifel ungeduldig und ich kaun ihn deshalb nicht tadeln und werde ihm keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Während der Hochzeitsreise des jungen Paares wird die Mutter gewiß gerne mit der jüngeren Tochter von ihrer Einladung Gebrauch machen. Ich freue mich wirklich darauf, das saufte, liebe Mädchen wieder zu sehen." Lady Langley erzählte ihm nun, wie es ihre Absicht gewesen, Bertha au Kindcs- statt anzunehmen; leider werde Mrs. Dalton sie nun nicht gerne entbehren. „Wie ist 717 es?" fuhr sie, als der Carl nach dem Hute griff, fort. „Haben Sie nichts mehr über den gestohlenen Ring in Erfahrung gebracht." „Nein, er ist noch immer nicht ermittelt worden. Wie gerne würde ich ihn der schönen Braut an den Finger stecken. Er kommt ihr ja von Rechtswegen zu. Leben Sie wohl! Ich darf Sie und Sir Stephan doch mit zu den Hochzeitsgästen rechnen." „Ganz sicher, denn da die Dalton's keine näheren Verwandten besitzen, wird wohl Sir Stephan Vaterstelle bet der Braut vertreten. Bleiben sie lange fort?" „O nein, höchstens eine Woche; länger halte ich es in der Stadt nicht aus." Er bestieg sein Pferd und ritt in heiterer Stimmung, als er sich seit der ersten Unterredung mit seinem Enkel befunden, dem Schlosse zu. Dort angekommen, schrieb er mehrere Briefe, unter anderen auch denjenigen, welcher Lena und Mrs. Dalton so sehr erfreut hatte. Sein fester Wille war es gewesen schon am folgenden Morgen nach London abzureisen, aber sein alter Feind, das Podagra, überfiel ihn während der Nacht und wollte sich diesmal nicht aus dem Felde schlagen lassen, so daß die Reise mehrere Wochen hinaus geschoben werden mußte. Mr. Thomson kam jeden Sonntag zu ihm herüber und die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden eifrigst fortgesetzt. Als Lord Alphington endlich im Stande war, nach London zu fahren, sollte die Vermählung schon in einigen Tagen stattfinden, und er beschloß bis nach derselben in Magnns Sqnare zu verweilen. Mrs. Dalton's Glückseligkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht, ihre sehnlichsten Wünsche gingen in Erfüllung. Schon war das Hochzeitsfrühstück bestellt, die Gäste wurden erwartet und die Koffer, welche einen Theil der Aussteuer Lcna's enthielten, standen gepackt und bereit da, nach der neuen Heimath transportirt zu werden. Lord Alphington begab sich nach seiner Ankunft in London alsbald nach Joy Collage, um der schönen Braut seinen Besuch zu machen. Als sein Wagen am Thore Vorfahr, gerieth Mrs. Dalton in die größte Verwirrung; auch Lena fühlte etwas, wie nervöse Aufregung, aber die herzliche Freundlichkeit des Carl stellte bald ihre frühere Ruhe und Fassung wieder her. Er drückte einen väterlichen Kuß auf Lena's Stirne und sie, gerührt durch seine Liebenswürdigkeit, erwiderte die Begrüßung mit so scheuer Zurückhaltung und augenblicklichem überwallendem Gefühle, daß ihrer Lieblichkeil dadurch die Krone aufgesetzt wurde. Gegen Bertha war er äußerst zuvorkommend und Mrs. Dalton schwelgte in höchster Wonne. Nachdem der Earl sich über eine Stunde vertraulich mit den Damen unterhalten hatte, sagte er zu Mrs. Dalton gewendet: „Darf ich Sie bitten mir die Zeit zu bestimmen, wann Sie mit ihren Töchtern nach Magnns Sqnare zu kommen gedenken. Madeline muß ihre zukünftige Heimath kennen lernen und an Ort und Stelle ihre Wünsche über die Veränderungen, welche dort vorgenommen werden sollen, anssprechen. Bertha wird uns mit ihrem guten Geschmacke dabei zur Seite stehen," setzte er, die jüngere Schwester freundlich anlächelnd, hinzu: „Kann ich das Vergnügen haben, Sie morgen zum Frühstück bei mir zu sehen, Mrs. Dalton?" „Es wird nur eine große Freude sein. Mr. Fancourt war heute Morgen hier, aber leider ist es mir nicht möglich, zu sagen, ob er uns dann begleiten kann." „Wenn Sie erlauben, lassen wir Fanconrt außer Frage", erwiderte der Earl. „Eine mehrstündige Trennung von Ihrem Verlobten wird Ihnen wohl nicht allzu schmerzlich sein, Miß Dalton?" Lena erröthete heftig; doch hatte ihre Verlegenheit nicht den Grund, welchen Lord Alphington anzunehmen schien. Sie fühlte sich diesem guten alten Herrn gegenüber schuldbewußt und dachte, wie sehr er sie verachten, ja sich mit Abscheu von ihr wegwenden würde, könnte er in ihrem Herzen lesen. Lena war sich, ungleich ihrer Mutter, völlig klar darüber, daß es ein höheres edleres Ziel, wonach zu trachten sie verschmäht 718 hatte, gebe und in solchen Augenblicken nannte sie sich innerlich falsch und niederträchtig. Indessen überwand sie diese geheimen Vorwürfe rasch. Der Würfel sei gefallen; sie könne nicht mehr zurücktreten, selbst wenn sie es wünsche, spiegelte sie sich vor, und Lord Alphington dürfe um keinen Preis erfahren, welch' schmähliche Rolle sie gespielt. Als der Earl sich verabschiedete, hatte sie den gewohnten Gleichmnth wieder gewonnen und konnte ihrem zukünftigen Verwandten in der liebenswürdigsten Weise Lebewohl sagen. Dieser kehrte im höchsten Grade mit der Wahl seines Enkels zufrieden, nach Magnus Square zurück. (Fortsetzung folgt.) Eine Fahrt in Acgyptcn. (Aus einem Reiseberichte.) Am 18. Januar, 11 Uhr Vormittags, landeten wir vor der Stadt Kcnnch, wohin uns eine Fülle lieblichster Bilder geleitete. — Da schaute der Flamingo herüber zur kleinen Wachtel, die lustig auf Deck spazierte, da dufteten großblattige, kastanienblüthige Ricinnshccken, da wölbten sich stolze Sykomoren über grünen Durrafeldern, da flogen im Bogen die Eimer der ununterbrochen Wasserschöpfenden, da erhoben sich malerisch die Lehmburgen der Tauben aus dem Wald des Reisigs, da flatterte und schwebte es aus Scherben und Töpfen. Zwischen breitastigen Daupalmen glänzten weiße Schechgräber, dunkle Tamariskcnschleier schwankten über glühendem Gebirgsrahmen, und Alles das wurde überspannt von des wolkenlosesten Azurs freudigster Majestät. Außerhalb Kcnneh's, umblüht von üppigstem Garten, liegt der Palast des Mudir und gleich daneben die Wappen- und fahnengcschmücktcn verschiedenen Consnlate, nmcr denen wir dasjenige mit den „wilden Männern" des deutschen Reiches stolz jubelnd begrüßten; ihm statteten wir auch einen kurzen Besuch ab, zu angenehmster Bekanntschaft. Die Stadt selbst, wichtig durch ihre Verbindung mit dem rothen Meere über Konseir, ist, obwohl eng und winklig und meist aus Lehne gebaut, vielfach interessant. An Moscheen und größeren Gebäuden fanden wir schöne Nclieffragmcntc, Architekturstücke und arabische Holzschnitzereien. Das Hauptinteresse aber erweckt die aus freier Hand reizvoll graziöse, gewandte und schnelle Herstellung der weltbekannten Filtrirkrüge. Der hier gefundene Thon ist der beste Aegyptcns. Ein einziger Acker liefert den feinen, grüngelben Stoff. Das Entnommene ersetzt die Nilanschwemmung im nächsten Jahre. An einem der nächsten Tage führte uns ein großer arabischer Kahn mit lateinischem Segel munter über den Nil, wo vorausgcsandte Esel unser warteten und uns auf schmalem Damm am linken Ufer entlang trugen, während die prächtig leuchtenden, scharf geschnittenen Berge der arabischen Wüste reichste Augenweide boten. Als wir plötzlich schwenkten, trateu die reichen Formen der libyschen Gebirge vor, und lachende, dichtbestandene Getreidefelder dämpften anf's Lieblichste die grelle Sonne. Nach einer halben Stunde ragte plötzlich mitten aus enormen Schutthaufen das mächtige, vorn Kaiser Domitian errichtete Eingangsthor zum Tempel von Dendera einsam und stolz empor. Gleich dem Obelisken von Heliopolis ist es von Wespen zu breiten und volkreichen Ansiedelungen benutzt. Ist auch der Durchgang nicht in allen Theilen erhalten, so bleibt doch leicht erkennbar, daß mehr kaiserlicher Luxus, als eigentlicher Schönheitssinn hier gewaltet hat: so sehr ist jede Handbreit Raum zu Bilderwcrkcn und Hieroglyphen in Relief benutzt worden. Der ganze Bau nämlich ist zwar nach ägyptischem Plan und Muster (es heißt sogar nach Angaben aus Cheop's Zeit) erbaut und durchgeführt, nachweislich aber erst von Tiberius und Nero vollendet worden, ja diese haben ihn sogar den Aphroditentempcl genannt. Aegyptisch würde er der Hathortempcl heißen. Der Kopf dieser Göttin nämlich schaut vom Capitäl jeder Sänke und jedes Pfeilers an jeder Seite ernst herab und ist von einem Tuche umwallt, das graziös vom 719 Obertheil der Säulen herabhängt: da aber von letzteren 24 vorhanden sind nnd an jeder Sänke vier solcher Köpfe prangen, so ist die gefeierte Göttin schon in der Borhalle, die in den Inschriften „Der große Himmelssaal" genannt wird, 96mal in großer Büste dargestellt. Diese Vorhalle aber wirkt nin so mächtiger, als man von außen, wo man anf hohem Schatte steht, auch nicht das Mindeste von solcher Höhe ahnt, als man sie, auf vielstnfiger Treppe hinabgehend, nachher innerhalb gewahrt. Ueberrascht und stumm sahen wir uns plötzlich inmitten dieser Riesensäulen, die sieben Fuß Durchmesser nnd dreinndzwanzig Fuß Umfang haben. Natürlich sind es keine Monolithen, aber die Trommclstückc sind anf das Geschickteste in Verbindung gebracht. An diese Vorhalle schließt sich der eigentliche Tempel, eiw langes Viereck mit neun verschiedenen großen Kammern an jeder Langseite und fünf an der Hinteren Schlußseite. Die mittelste von letzteren war einst das eigentliche Heiligthnm der Hathor, nnd hier hat ihr großes Bild gestanden. Vor diesem Sanctnarium ist eine noch größere, hinten geschlossene Cclla eingebaut, welche die heiligen Boote zu bergen bestimmt war. Alle diese Räume sind weit und hoch, auch ziehen sich Kryptengänge darunter hin, nnd aus zwei Seitenkammern führen Treppen auf das Dach. Das herrliche mitgenommene farbige Licht erhellte uns magisch auch den kleinsten Raum, bis zur erhabenen Decke hinan erstand jedes Bild, jedes Relief aus den: Todesschlnmmer, .Alles lebte, regte sich für uns, ja selbst in die tiefen, geheimen Gänge, in die wir uns liegend durch kleine Qeffnungcn mußten in das Dunkel ziehen lassen, begleitete uns die erleuchtende und beseelende Flamme. Alles kündet hier das Lob der Göttin Hathor, „der Königin von Teutyra", und nennen sie „Auge der Sonne", die „Herrin des Himmels", die „große Königin des goldenen Kranzes" u. s. f. Auch die pyramidalisch schräg ansteigenden Außenwände sind bis zur Krönung mit Bildwerk bedeckt. * Auf der Rückwand draußen ist Königin Kleopatra als Isis mit ihrem Sohne Cäsarion als Horns in mehr als Lebensgröße dargestellt. Im ägyptischen Museum zu Berlin findet sich ein trefflicher Abguß dieses merkwürdigen Bildes. — Drei Löwenköpfe an jeder Seite leiten den aufprasselnden Regen ab. In die Capcllcn auf dem Dache hat sich schon viel Griechisches eingeschlichcn. — Von hier erschließt sich der Betrachtung ein herrliches Feld: „die lybische Wüste in ihrer warmen, grellen Farbe tritt bis unmittelbar an Teutyra heran; dahinter steigt das rosige libysche Gebirge, im Süden scharf gezackt, auf, um sich in langer, wagerechtcr Linie gegen Nordwcst zu verlieren; im Osten und Norden grüne Felder und schlanke Palmen, bald einzeln, bald in Hainen vereinigt, dann ein Stückchen blauer Nil, rechts davon Kenneh mit seinen Windmühlen und im Hintergründe das weite Amphitheater des arabischen Gebirges. Fassen wir den Eindruck des Ganzen zusammen, so ist zu gestehen, daß wir selten in solchem Grade von der Macht und Gewalt eines Baues ergriffen waren, daß die Fremdartigkeit die Schönheit übertraf, der Schmuck aber fast übersättigte. Wir können uns des Gedankens nicht entschlagen, daß die ersten römischen Kaiser, die diesen Tempel ohne allen Glauben und jedenfalls ohne Glauben an die ägyptischen Götter, bauten, nur haben zeigen wollen, daß sie im Stande seien, mit dem Erbauer des Tempels von Karnak zu wetteifern und sie in Einzelheiten vielleicht zu übertreffen. Der Tempel von Dendera erscheint nicht als ein Heiligthnm, sondern mehr als ein Denkmal kolossaler Mittel und kolossaler Ruhmredigkeit. Ob jemals glanbeusvoller Hathordienst in ihm gefeiert worden ist? Wir zweifeln stärk daran. Wenn wir ihn gleichwohl mit dem Gefühle stummen Staunens verließen und immer wieder anschauten, den beiden kleineren, auch viel verschütteten Tempeln der „Isis" nnd der „kleinen Kindern" (.Inno nu ra? und Inuo Immun) aber nur halbe Aufmerksamkeit zuwenden konnten, so haben wir uns dessen nicht zu schämen. Das Große hat sie nicht so gut wie das Anmuthigc, und hier kam zu dem Großen noch das Hohe, llebcrraschende, Eigenartige. 720 M i s e e l l e n. (Erblichkeit des Genies.) Die Theorie, daß das Genie erblich ist, oder durch Erziehung erblich gemacht werden kann, wird von vielen Seiten behauptet, von andern wieder lebhaft bekämpft, und nach allem möchte es scheinen als ob das Bekämpfen leichter als das Behaupten wäre. Wenn Genialität überhaupt erblich wäre, wie könnten sie überhaupt Individuen besitzen, in deren Familien sich nie und in gar keiner Richtung besondere Begabung verrieth, und wie würden sie Söhne nicht haben, deren Väter reich begabt waren. Der Vater des berühmten Naturforschers Michael Faraday war ein ganz gewöhnlicher Schmied, der des Dichters Kcats ein Pfcrdchaltcr. Walter Scott, der allbclicbtc Romanschriftsteller, hatte einen Sohn, der Major in der englischen Armee war und sich rühmte seines Vaters Romane nie gelesen zu haben, und Ada, Lord Byrons Tochter, intercssirte sich viel mehr für Mathematik als für ihres Vaters Verse. — Des großen Arstronomcn Galilei Vater war ein berühmter Geigenvirtuose, der sich gar nicht darüber trösten konnte, daß sein Sohn nur ein Gelehrter geworden. Von den vielen Beispielen, die sich anführen ließen, wollen wir nur noch die Söhne des großen Earl of Chatam anführen, von denen der eine — William Pitt, mit dreiundzwanzig Jahren Premierminister von England war, während der älteste es nie zu etwas bringen konnte, und wollen nur noch fragen, wer hat Shakespeares, wer Goethes Genie geerbt? (Eine Schwalb «Urgeschichte.) In einem längere Zeit unbenutzt stehenden Güterwagen eines westprenßischen Bahnhofes hatte sich ein Schwalbenpärchcn angesiedelt und war auch lange ungestört geblieben. Eines Tages jedoch — die jungen Schwälbchen waren längst ausgekommen, doch noch nicht flügge geworden — trat eine plötzliche Störung des häuslichen Stilllebens bei der glücklichen Schwalbcnfamilie ein. Wahrscheinlich wegen vermehrten Güterverkehrs war der besagte Wagen wieder in einen Bahn- zug eingestellt und benutzt. Verschiedene Personen, Passagieren sowohl, wie dem Bahn- personal, fiel es auf, daß zwei Schwalben unermüdlich Meile auf Meile neben dein Zuge Herflügen, denselben auf den Haltstationen zirpend umkreisten, und sobald er sich wieder in Bewegung setzte, ihn abermals begleiteten. Auf der Endstation wurde der Sachvcrhalt entdeckt, die Thicrchcn wurden soviel als möglich unbehelligt gelassen, und die treuen Eltern waren mit den reiselustigen Kindern wieder vereint!" (Eine Galanterie Gellerts.) Im Jahre 1752 wurde in Leipzig von der Koch'schen Gesellschaft „Kranke Frau" zum erstenmal aufgeführt. Die Titelrolle wurde von Frau Koch so vortrefflich gegeben, daß Gellert am nächsten Morgen an Koch folgenden Brief richtete, dem ein Korb mit allerlei Erfrischungen beigegebcn war. „Hochzuver- chrendster Herr! Ich habe es gestern nicht ohne Mitleiden ansehen können, wie krank ihre Frau Liebste auf dem Theater war; und weil ich vielleicht eine Ursache ihrer Krankheit war, so halte ich's auch für meine Schuldigkeit, für ihre Wiederherstellung zu sorgen. Seyn Sie also so gütig und nöthigen Sie Ihre Frau Liebste, die Arzney einnehmen, die ich Ihr schicke, mit der ich mich selbst kurire und die gewiß besser wirken muß, als des Herrn Richards X. Medikamentum. — — Im Ernste, danken Sie ihr in meinem Namen crgebenst. Sie hat ihre Rolle vortrefflichst gemacht. — Ich bin mit einer wahren Hochachtung Ihr ergebenster Gellert." (Zur Trinkgcldcrfragc.) Gast: Ich habe drei Glas Hofbräu. — Kellner: Macht 90 Pfennige. — Gast: Geben Sie mir auf 20 Mark heraus! — Kellner: Bitte, ich kann nicht wechseln, haben Sie nicht so viel kleines Geld? — Gast: Ich habe da gerade noch 90 Pfennige. — Kellner: Dann werde ich doch lieber wechseln. Auflösung des Räthsels in Nr. 89: „Wachen. Nachen. Nachen. Aachen. Lachen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. jm „Äugslmrger Kost^citung." 91. Mittwoch, 14 . November 1883. Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Am folgenden Tage holte die Equipage Lord Alphington's die Damen gegen ein Uhr ab. Mrs. Dalton war außer sich vor Entzücken, Lena und Bcrtha hingegen, wenn auch aus verschiedenen Ursachen, ziemlich schweigsam und ernst. »Ha, wie köstlich das ist!" rief sie, sich in dem eleganten offenen Landauer zurücklehnend, aus. „Meine liebe Lena, habe ich Dir nicht immer gesagt, Du würdest noch einmal in Deinem eigenen Wagen fahren; that ich das nicht, Schatz?" „Und ich behauptete Bertha gegenüber, daß ich geboren sei, um zu Ehren und Reichthum zu gelangen, aber sie wollte mir nicht glauben." „Daß Du Deine Wünsche erreichen werdest, daran habe ich nicht gezweifelt", antwortete Bertha. „Ich äußerte nur damals, es gebe Höheres und Besseres, wonach man strebcn müsse." „Wie einfältig Du bist, Bertha — gerade wie Dein armer Vater! Glücklicherweise besitze ich wenigstens eine Tochter, die gesunden Menschenverstand hat." „Mama wir wollen uns heute nicht so über alle Maßen erfreut zeigen, bemerkte Lena ungeduldig. „Lord Alphington wird das gewiß nicht nobel finden. Bertha's Philosophie kommt ihr in dieser Beziehung gut zu Statten. Alle Herrlichkeit der Welt ist nicht im Stande, sie zu überwältigen." „Zu überwältigen wohl nicht", entgegnete Bertha lachend. „Doch mußt Du nicht glauben, daß ich es weniger liebte als Du, von Eleganz und Luxus umgeben zu sein; es gibt nur Einzelnes, welches ich noch höher schätze." Lena konnte trotz ihres Vorsatzes nicht umhin, bei der Pracht, welche sich ihren Blicken in Magnns Sqnare darbot, in laute Bewunderung auszubrcchen. Der Kontrast mit ihrer bescheidenen Wohnung in Joy Collage war freilich sehr groß und ein edleres Gemüth, als das Lena Dalton's wäre vielleicht der Versuchung unterlegen." Gepuderte Lakaien in reichen Livreen glitten geräuschlos einher gleich Maschinen, die sich mir auf Befehl ihres Herrn in Bewegung setzen. Den mit großem Anfwande gedeckten Frühstücktisch schmückten die seltensten Treibhausblnmen. Mrs. Dalton wurde mit ihren Töchtern durch eine Reihe der schönsten Gemächer geführt; die Spiegel und Vergoldungen, schwerseidencn Vorhänge und Gemälde, a, In Watteau enthüllten einen solch' außergewöhnlichen Reichthum, daß es Lena beinahe schwindelte. Wie oft hatte sie sich dieses im Geiste ausgemalt und nun, wo es in Erfn/ung gehen und sie wirklich als Herrin hier weilen, und alle diese Schätze ihr zugehören sollten, konnte sie es nicht begreifen. Wie träumend ging sie einher. „Bitte, bestimmen Sie die Farbe, welche Ihnen am liebsten ist", sagte Lord Alphington, als sie im geräumigen Wohnzimmer beisammen standen. Wie ich sehe, müssen 722 diese Gemächer von Neuem eingerichtet werden,' mau soll sofort damit beginnen. Dieses Noth paßt nicht zu ihrer hübschen Erscheinung." Das neue Interesse schien den alten Herrn um mehrere Jahre verjüngt zu haben. „Wir nannten immer „blau" die Farbe Leua's", erklärte Mrs. Dalton. „Für ein Haus in der Stadt gefällt sie mir nicht; ich würde grün, ein mattes seegrün vorziehen. Das harmonirt besser mit der reichen Vergoldung und hebt alle Gegenstände", entgegnete Lena. Sie fühlte sich bei der Besprechung dieser Einzelheiten mehr zu Hause. Bertha betheiligte sich nicht an der Unterhaltung, sondern folgte schweigend den Uebrigen und betrachtete mit Vergnügen die reichen Kunstschätzc, die allenthalben ninhcrstanden. „Diese Räume habe ich immer benutzt, wenn ich in der Stadt anwesend war und ich gedenke sie auch ferner für mich zu reserviren", sagte Lord Alphington, eine Thür öffnend, welche zu verschiedenen Zimmern an der Hinterseite des Hauses führte. Das erste derselben schien die Bibliothek zu sein. Kaum hatten sie es betreten, als Lena plötzlich errathend ausrief: „O Bertha, sieh einmal hier!" Diese blickte nach der Richtung hin, welche ihre Schwester bezeichnete und fuhr überrascht zurück. Auch sie erröthete heftig, dann wurde sie leichenblaß und ihre Augen füllten sich mit Thränen. „Was gibt's, meine Damen?" frug Lord Alphington erstaunt. „Weshalb erregt das Portrait meines unglücklichen Sohnes dieses außergewöhnliche Interesse bei Ihnen?" Lena erlangte zuerst ihre Fassung /wieder; Bertha's Herz schlug stürmisch, sie durfte es nicht wagen, zu sprechen. „O, eigentlich ist es nichts", entgegnete erstere", „aber das Portrait gleicht Jemanden, den wir kennen, so auffallend, daß wir beide darüber bestürzt waren." „Wirklich, wer könnte das sein?" frug der Earl. „Vermuthlich meint Ihr St. Lawrence", schaltete Mrs. Dalton em. „Ja, jetzt, wo ich das Bild näher anblicke, muß ich auch gestehen, daß große Aehnlichkeit vorhanden ist, namentlich in den Augen; auch der Mund und das Kinn, sogar die Farbe des Haares ist ähnlich. Aber ich fürchte, Lord Alphington wird sich nicht sehr dadurch geschmeichelt fühlen", setzte sie mit etwas verlegenem Lachen hinzu. Es ist ein junger Künstler, ein Landschaftsmaler, den wir zufällig kennen lernten. Ich war genöthigt, mir seine Besuche zu verbitten; es muß irgend ein Geheimniß über ihm schweben und Mr. Faucourt sagte mir, er wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen." „Ha!" stieß Lord Alphington hervor. Als er sich von der würdigen Matrone wegwandte, erblickte er im gegenüberliegenden Spiegel Bertha's Antlitz. Sie hatte sich etwas zurückgezogen. Ihre Wangen glühten und Thränen zitterten ihr in ihren Augenwimpern. Der Carl bemerkte, daß irgend etwas seinen kleinen Liebling, Bertha, traurig gestimmt habe und brachte selbst- verständnch den eben erwähnten Rainen damit in Verbindung. Gutherzig, wie er immer war, betrübte es ihn, sie unglücklich zu wissen; auch hatte er sie magerer und blasser gefunden, als da er sie zum ersten Male zu Larkspur gesehen. Er setzte kein großes Vertrauen in die Ansichten seines Enkels und daß der junge Maler dem Portrait seines Sohnes so ähnlich sei, interessirtc ihn lebhaft. Er wünschte ihn, dessen Name eine so heftige Erregung in der sanften Bertha hervorgerufen hatte, kennen zn lernen. „Ist der junge Künstler sehr talentvoll?" frug er Mrs. Dalton. „O sehr, wie ich glaube, obschon ich keine große Künstkenuerin bin." „Wollten Sie wohl die Güte haben, nur seine Adresse anzugeben? Ich wünsche, eine Landschaft für das Frühstückszimmer zu Alphington Park zu kaufen." Die gutmüthige Mrs. Dalton gab die gewünschte Auskunft mit großem Vergnügen; der Earl uotirte sie und sprach nicht weiter darüber. Bald nachher nahmen die Damen Abschied; sie bedurften einiger Stunden Ruhe, 723 UM sich auf den langersehnten Ball, welcher an demselben Abende zn Highgate stattfinden sollte, vorzubereiten. S e ch s u ndzw a u zi gstc s Capitel. Mrs. Dalton hatte sehr gehofft, auch für Mr. Faucourt eine Einladung zu dem Feste zu erhalten. „Ich bin überzeugt, Mrs. Newcoinbe wird es sich zur Ehre anrechnen, ihn bei sich zu sehen." Aber Lena wollte nichts davon hören; sie wünschte nicht mit diesem Bräutigam öffentlich zu erscheinen und war herzlich froh, ihn für die Zeit los zn sein. Der Gedanke, seine Artigkeiten vor aller Welt ertragen zu müssen, war ihr geradezu widerwärtig. „Er ist zu sehr Lebemann, um mir, wenn ich einmal seine Frau bin, mit seinen Aufmerksamkeiten lästig zu werden", vertraute sie ihrer Schwester an. „Auf alle Fälle werde ich sie dann nicht dulden und ich will die Langeweile, ihn jetzt immer um mich zu haben, nicht ausstehen, wenn ich es vermeiden kann. „O Lena, wie kannst Du so sprechen", war die vorwurfsvolle Antwort. Aber so bald Bcrtha weiter in sie drang, und ihre Befürchtungen in Betreff der Zukunft ans- sprach, wollte sie den Warnungen kein Gehör schenken. Die beiden Schwestern waren wie gewöhnlich in sehr verschiedener Toilette. Lena trug ein weißes Seidenkleid mit schönen echten Spitzen, welche noch von der Urgroßmutter Capitän Dalton's herstammten; sie hatte sich mit den Türkisen dem Geschenke Fauconrt's geschmückt und sich ebenfalls nicht geweigert, ein wundervolles Bonqnct von ihm anzunehmen. Den Kuß, mit dem er es ihr überreichte, hätte sie ihm freilich gerne erlassen. Bertha's Kleid war von weißem Mull, ihr einziger Schmuck bestand in einer dünnen goldenen Kette und einem Medaillon, welches Sir Stephan ihr zum Geburtstage geschenkt hatte. In der Hand trug sie einige hübsche eben im Garten gepflückte Nosenknospcn. Ihr liebes Gesichtchen, verklärt durch die zu erwartende Freude, bedurfte keiner wesentlichen Hülfe, um reizend auszusehen — zum wenigsten dachte so einer der dort Anwesenden, welcher mit Sehnsucht ihrer Ankunft entgegen gesehen. Während der Zeit, in welcher St. Lawrence und Donglas häufig zu Joy Collage verkehrten, waren sie auch mit den Freunden der Familie Dalton bekannt geworden und so hatten beide, da hübsche,, lebenslustige junge Leute bei solchen Gelegenheiten immer eine angenehme Zugabe sind,' eine Einladung zu dem Feste erhalten. Die Abwesenheit von Douglas wurde sehr bedauert, aber St. Lawrence stellte sich frühzeitig ein. Mrs. Newcoinbe bat ihn, ihrem Sohne beim Ordnen des Balles bchülflich zu sein und befestigte deshalb ein rothes Band in scineni Knopfloche; dies veranlaßte mehrere der Gäste, untereinander zn fragen, wer wohl jener vornehm aussehende Herr mit dem Bande der Ehrenlegion sei. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Dunkel sind Gottes Fügungen oft, d'rum dank' es ihm freudig, Wenn dir zuweilen ein Strahl himmlischen Lichtes sie zeigt. Paart sich mit klarem Verstand die Reinheit und Güte des Herzens, Spiegelt die Seele das Bild dessen zurück, der sie schuf. Wichtiger noch als was wir erlebten, ist, wie wir's erlebten, Ob es zum Rückschritt geführt, ob es uns weiter gebracht. Kannst du nicht reisen, nicht schau'u entlegene Lander und Meere, Tröste dich: Wo du auch weilst, bist du von Wundern umringt. F. Beck. 724 Ein Spaziergang in's Höllenthal bei Partenkirchen. Zu den von Fremden meistfrequentirtcn Gebirgsorten unseres bayerischen Vaterlandes gehört unstreitig auch Partenkirchen im schönen Wcrdcnfclserlande. In der abgelaufenen Saison war der Besuch des prächtig gelegenen Marktfleckens starker als je in den Vorjahren und ein Leben und Treiben herrschte in dem sonst so einsamen und ruhigen Plätzchen, wie wir es nur in den Hauptstraßen volkreicher Städte zu beobachten gewohnt sind. Auch früher schon und lauge bevor das heutige Partenkirchen in Folge seiner unvergleichlichen Umgebung wie ein Magnet auf die Sommerfrischler und Passanten des Nordens und Südens wirkte, herrschte ein reges Leben im Thale der Partnach. Hier hatten die Römer ein befestigtes Lager, I>artainrra geheißen, und noch heute bewundert der Freund des Alterthums und alterthümlicher Neste die letzten Spuren ihres Weges in's deutsche Land. In mittelalterlichen Tagen zog eine bedcutsnde Handelsstraße an Partenkirchen vorüber. Hier hielten, wenn mit reichen Schätzen beladen die Fuggcr und Weiser aus dem Welschlande heimkehrten, sie Einkehr und Nachtlager. Jetzt sind es nicht mehr die römischen Soldaten und nicht mehr die Handelscarawancn, welche den Markt bevölkern; und nicht die Interessen der Eroberung oder des Handels und Gewinnes führen in Partenkirchen jährlich so viele Menschen zusammen, sondern die Pracht der Berge, die frische Bergcsluft, das fröhliche Bergesleben, der Reichthum an Ausflügen ist es, der uns anzieht und fast mit unwiderstehlicher Gewalt verführt dein freundlichen Gebirgsorte unseren Besuch zu machen. Wir laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns einen Spazicrgang in's Höllenthal bei Partenkirchen zu machen. Nur wenige Fremde sind es, welche dasselbe besuchen. Wir wissen nicht, ist es schon die Furcht vor dem wilden Namen oder ein gelinder Schauder vor der Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit des Weges, der die Touristen veranlaßt, dem Großartigsten, was die Natur im Loisachthale bietet, keine Aufmerksamkeit zu schenken und ohne Beachtung an demselben vorüber zu gehen. Indeß haben selbst schon einzelne Damen das Höllenthal besucht und sie werden bezeugen, daß sie für die Mühen und Beschwerden des Weges, die gerade nicht übermäßig groß sind, reichlich belohnt worden sind. Es war ein schöner Augustmorgen, da wir in fröhlicher Stimmung durch grünen Wiesenplan dem uralten Dorfe Hammersbach zuwanderten. Das Auge entzückte der Anblick der schneebedeckten Zugspitze, der Königin der bayerischen Alpen, immer gleich großartig und unvergleichlich schön. Unmittelbar vor uns erhob der „Daniel" sein stolzes Haupt und erweckte süße Erinnerungen an den stillen, einsamen Eibsee. Und wie die Berge in ihrer riesenhaften Gestalt und Pracht fromme Gedanken an den großen, mächtigen Schöpfer wach riefen, so waren es die wogenden Aehrcn auf den goldenen Feldern und die bunten Blümchen auf den Wiesen, war es der reiche Gottessegen rings um uns, der an einen gütigen, barmherzigen Gott der Liebe uns erinnerte. Wir erreichen das Dorf Hammersbach, benannt nach einem frischen Gießbache, an dem es gelegen ist, mit einer Kapelle und den letzten Uebcrrestcn der Grundmauern der Herren von Hammersbach. Der Weg führt nun etwa eine halbe Stunde am Wasser hin und hat bei allen Naturschönheiten, die er bietet, seine kleinen Schwierigkeiten. — Zuerst heißt es mit Blühe und Schweiß einen steilen Berg hinanklimmen, um sodann wieder bis zur Tiefe des Hammersbaches hinabsteigen zu müsse». Hier schreitet der zarte Fuß über harte spitzige Steine und über Felsgerölle dahin und dort muß er fast in Schmutz und Lehmgrnnd versinken. Und jetzt, nachdem eine gute Strecke Weges hinter uns liegt, warnt eine Tafel wegen der Gefahren der Holztrift den Weg überhaupt zu betreten! Wer diese Gefahren nicht kennt oder in frevelndem Sinne, vielleicht auf den Spruch bauend, daß „kein Unkraut verderbe", den Weg zur Triftzcit betritt, er mag sehen, wie er zurecht kommt, wenn plötzlich aufgerichtetes Scheitholz den Weg versperrt und von der Höhe deZ Berges meterlange Banmstücke in unregelmäßigen hohen Sprüngen znr Tiefe und glücklicher Weise ihm nur vor die Füße stürzen. Das ist eine Gefahr des Lebens, die man nicht gering schätzen soll. Wir passirtcn znr Mittagsstunde, als eben die Triftkncchtc am Feuer sich ihre Kartoffel brieten und ihr Muß kochten, den gefährlichen Weg. Bewunderung und Staunen erregte die wilde Schönheit des Hannnersbaches an unserer Seite. Durch mächtige Felsblöcke, welche die Unwetter von den Höhen herabgetragen, hat er sich sein Rinnsal gebahnt. Dunkle Tannen und frische Lanbholzbäume beschatten den Weg. Viele Jahre sind über sie hinwcggezogen und wilden Stürmen und tosenden Winden haben sie Stand gehalten; nicht lange mehr und auch sie müssen der Axt der Menschen des eisernen Jahrhunderts weichen. Das sind prächtige Baumgruppcn hier und dort am Abhänge des Hochwaldes, alle werth, von dem Pinsel des Males verewigt zu werden. Wir meinen öfters in einem englischen Park zu wandern. Der Weg theilt sich und links führt ein Pfad znr Maxklamm, während znr rechten Hand ein nur mit Mühe zu findender Weg in vielen Krümmungen den steilen Hochwald hinanführt. Dies ist der Weg zum Höllcuthal, schön und reizend wegen der hohen schattigen Tannen und der tiefen Stille, ringsherum, aber auch beschwerlich, eilt echter „Bcrgsteig" mit all den Reizen und Unannehmlichkeiten eines solchen. Nachdem wir eine Viertelstunde den Waldweg hinangestiegen, lichtet sich mit einem Btal das Tanuengczwcig und der Wanderer sieht die riesighohe Felswand des Wachsensteins aus dem Thalgrund zum Himmel streben. In der Btitte der senkrecht abfallenden wild-romantischen Wand führt ein grüner Streifen mäßig empor. „Meine verehrte Gesellschaft, das ist der Weg, den wir passiren müssen." — Entsetzlich, schrecklich, um Gottes willen!" Solche Aufschreie des Schreckens aus Frauenmnnd unterbrachen die einsame Stille des Waldes. Selbst die Herren schauten verwundert und ängstlich hinauf zur steilen Wand und zum erschrecklichen Wege, der an derselben hinführt. Es kostete viele gute Worte und wir bedurften fast der Beredsamkeit eines alten Feldherrn um den allseits erlöschenden Muth wieder anzufachen. Nach wenigen Minuten standen wir vor der Wand selbst. „Dieser Weg ist eigentlich kein Weg", soll irgendwo in Sachsen geschrieben stehen. Auch hier wäre eine ähnlich lautende Warnungstafel am Platze. Denn dieser Felswcg ist kein Weg für all' Diejenigen, welche fürchten müssen, vom Schwindel befallen zu werden, ist kein Weg für angeheiterte, lustige Gesellen, kein Weg für Kinder und schwache kränkliche Personen. Diesen empfiehlt es sich, den Fclspfad nicht zu versuchen, sondern von hier den fast ungefährlichen Weg in's Thal von Grainau hinabzusteigen — denn der eben zurückgelegte Waldweg läßt sich wohl aufwärts, aber schwerlich abwärts machen — wenn sie es nicht vorziehen, sich hier auf's Sandgerölle zu setzen und auf demselben geradewcgs zum Hammersbache hinabzuführen, wie es schon Bergführer und andere kühne Touristen probirt haben. Daß sie hiebet Schuhe und Hose eingebüßt haben, brauchen wir nicht zn bemerken. Wir öffnen ein Weidengitter, das znr Abschlicßnng der Herden angebracht ist, und betreten den gefurchteren Felsenpfad an der Wachsensteinwand. Er ist eine Viertelstunde lang und '/z bis gut 1 in breit, ziemlich gut erhallen — das Wasser hat nur an einzelnen Stellen den Boden am Rande gelockert und führt gleichmäßig steigend den Berg hinan. Mit jedem Schritte wird die Wand unter uns höher. Ein prächtiges Panorama erschließt sich unserem Auge. Wir genießen einen herrlichen Einblick in'S Loisachthal. Tief zu unseren Füßen wälzt sich der Hammersbach schäumend und zischend durch sein enges Felsenbett, darüber hinweg erblicken wir saftiggrünc Wiefentriftcn, umrahmt von grünem Lanbholz. An den Abhängen hinauf liegen die dunklen Wälder. Hoch oben schauen die Bergriesen mit zackigen Felskronen geschmückt in die prächtige Landschaft, iv.lche Loisach und Parrnach gleich Silberfäden durchströmen. Partenkirchcn 72 , 6 , mit seiner gothischen Pfarrkirche und seinem lieblichen St. Anton liegt herrlich an dem föhrengrünen Eckenberg (Roßwank) gelehnt vor Miseren Augen. Darüber hinaus erhebt sich der gemsenreiche Krottenkopf aus dem Kranze der ihn umgebenden Berge majestätisch zum blauen Himmel. Wenn jetzt ein Wanderer den Weg am Hammersbache bis zur Maxklamm pasfirte und in der Nähe dieser auf erhabenem Punkte seinen Blick auf die Felswand richtete, auf welcher wir in schwindelnder Höhe langsam hinziehen, er wurde staunen und erschrecken ob unseres Wagnisses. In der That ist der Anblick der Wachscnsteinwand von der Tiefe aus schrecklich. Senkrecht abstürzende Felsen von entsetzlicher Höhe unterhalb des Weges, ohne jeden Halt für den gleitenden Fuß, ohne Ranken und Gesträuch für die blutende Hand, senkrecht aufsteigende, nackte Felsen oberhalb des Weges: das ist die Wachsensteinwand von der Tiefe betrachtet! Da wäre Niemand, der bei einem Unglücksfalle zu Hülfe kommen könnte, aber tiefe Klüfte und Höhlen hat das Wasser hier und dort in den Fuß der Felsen cingegraben — schauerliche Gräber für den stürzenden Menschen! Doch ist es droben nicht gar so schrecklich und nicht an Gräber und Moderluft denkt unser Sinn, wo rings Blnmcndüfic und Lcbcnsfrische und Lebenslust. Wo ist es denn noch so schön wie hier? Dann nur mag das Herz, auch des Kühnsten, Furcht und Beklommenheit befallen, wenn ein Gewitter in's Thal zieht und er vom Höllen- thal zurückkehrend an der Wnchsensteinwand vorüber muß. Furchtbarer und schrecklicher ist ein Gewitter nirgends wie hier an der Felswand. Erschütternd rollen die Donner, leuchtend fährt der Blitz zur Tiefe, mit grimmer Faust bricht der wilde Wettersturm die Föhren und Tannen im Thalgrnndc, wie Gießbäche sausen die Wasser von den Höhen nieder, Geröll und Fclsblöcke in ihrem Sturze mitfortrcißend. Wehe dem Armen, der nun an der Wand hinschreiten soll und es sich von den Felsen herab wie ein Wasserfall über sein Haupt ergießt. Zitternd und bebend schmiegt sich der Wanderer an die Steinwand und läßt die Wasser über sich hinweg in die Tiefe stürzen. Heute war ein herrlicher Tag und wie ein großer Baldachin wölbte sich der blaue wolkenlose Himmel über den Bergen. Muthig schritten die Herren auf dem trockenen Felspfade hin — eine einzige Stangentreppe war durch tropfendes Wasser schlüpfrig — und selbst die Damen schienen nicht mehr sehr ängstlich zu sein, wenn sie auch mit großer Behutsamkeit auf den Treppenstufen, welche an steilen Hängen in den Stein gehauen sind und die ihnen der kundige Führer zeigte, ihr Füßchen sehten. Viele Jahre ist's her, da soll auch eine Königin voll Liebreiz und Anmuth im schönsten Frühling des Lebens den gefährlichen Felspfad gewandelt sein: Ihre Majestät Königin M arie von Bayern. Furchtlos schritt sie den Weg dahin, nur an zwei oder drei besonders beschwerlichen Stellen, vertraute sie sich dein Rücken eines alten Waidmann's an, der ihr Führer war und sie sicher aus der Gefahr brachte. Wie glücklich der Mann war, und wie die Berge von seinen Jodlern wiederhallten! Der gefahrvolle Pfad ist glücklich überwunden. Auf sicherem Boden schreiten wir wie über grünen Wicsenplan. Graue Felsblöcke hat der Sturm an den Weg gesetzt. Brombecrstanden halten sie mit ihren Ranken dicht umschlungen. Aus den grünen Weideplätzen zwischen den alten Steinen und dem abgestürzten Gerölle suchen sich die Lämmer ihr Futter. Den ganzen Sommer bringen die Heerden auf der Alm unter freiem Himmel zu, auch beim ärgsten Unwetter eröffnet sich ihnen kein schützendes Obdach. Selbst noch höher droben, bei der Knorrhütte, triffst du die abgehärteten Thiere. Man erzählt sich sogar von einem Touristen, der in den fünfziger Jahren beim Besteigen der Zugspitze den Schafen Salz streute und bald von einer so grüßen Menge umringt wurde, daß er sich nicht mehr vor den Thieren wehren konnte, seinen Bergstock an ihren Kopsen zerschlug und sich nur mit Mühe und Noth auf einen hohen Felsblock flüchtete; die Schafe hätten ihn förmlich zerdrückt! 727 Nach einer halben Stunde waren wir im Höllenthal. Der Weg dorthin fährte an einer frischen Quelle vorüber, die einen ersehnten Labetrunk bot, dann steil hinab Zur Brücke der Höllenthalklamm. Wer vermag das Schauspiel zu beschreiben, das sich nun vor den Augen entfaltete? Man hat schon oft zwischen den landschaftlichen Schönheiten unseres Vaterlandes Bayern und der Schweiz einen Vergleich angestellt. Die Taminaschlncht in der Ostschwciz und die Schlucht des Tricnt im Canton Wallis bieten etwas Ueberraschendes und Großartiges, wie man es kaum zu ahnen wagt. Mit beiden jedoch kann sich die Schlucht des Hammerbaches, im Höllcnthal bei Partenkirchcn messen. Nur ist letztere noch zu unbekannt, noch zu weit vom Schienenweg entfernt, noch zu schwer und zu gefahrvoll zu besuchen. Das sind vergangene Zeiten, da täglich mehrere Dutzend Bergknappen den gefahrvollen Pfad am Wachsenstcin und die Brücke der Höllenthalklamm passirten, um hoch über derselben auf Silber- und Eisenerze zu innthen. Der Bergbau im Höllcnthal rentirte sich nicht, verlassen starren die Gruben von schwindelnder .Höhe nieder, verfallen sind die Schachte, verfallen und schlecht die Wege. Es mögen nur wenige Menschen sein, welche das aufgelassene Bergwerk besucht haben. Wird doch selbst das vordere Höllcnthal so selten besehen und noch nie hat unseres Wissens die Presse darauf aufmerksam gemacht. Und doch überragt die Höllenthalklamm an Schönheit und Großartigkeit, aber auch an Fülle von wilden und schaurigen Scenerien jede andere im bayerischen Gebirge. Wir stehen auf der breiten Brücke, welche hoch über dem Hammersbach die beiden Berge verbindet. Fast erschrecken wir, da wir einen Blick in die Tiefe werfen. Wie ein dünner Silbersaden schlangelt sich der Hammersbach fast 300 Fuß unter uns zwischen dem engen Felsbctte fort. Stellenweise verschwindet er ganz unseren Blicken. Der Leser wird sich denken: „Das ist nicht anders wie bei jeder Klamm!" Aber so tiefe, schauerliche Gründe und so riesig hohe Felsmasscn, wie sie hier zu den beiden Seiten der Höllenthalklamm senkrecht zum .Himmel starren, findest du nicht leicht mehr auf der Erde. Der Name „Höllenthal" ist so passend wie kein anderer. Besonders haftet das Auge an den größeren und kleineren Wasserfallen, welche sich von verschiedenen Höhen in die Klamm stürzen. Einer von ihnen, der größte, ragt durch besondere Schönheit hervor. Wie ein starker, fnßdicker Silberstrom quillt er aus dunklem Fels- grund und schickt in raschem Sturze dem Hammersbache sein Wasser zu. Dort ragt, wie von einer überirdischen Macht hercingcsetzt, ein colossaler FclSblock aus der Klamm empor, um den sich der tosende Gießbach wie im Halbkreise wälzt und an dem er sein Zerstörnngswerk seit langer Zeit mnthwillig ausübt. (Anita, onvni lagnäsrn. Bereits hat sich eine größere Höhle im Felsgrnnde gebildet. Wenden wir unseren Blick aufwärts und staunen wir die Schncemassen des „Hölle ufern er" an, welche die Mittagssonne mit prächtigem Glänze übergießt. Seit langen Jahren liegen sie droben, die Schncemassen, im Thale zwischen den hohen Bergen, und noch niemals hat sie der Sonne erwärmender Strahl gänzlich fließen gemacht. Vielleicht, daß unermeßliche Gründe unter dem weiß schimmernden Schnee sich ausdehnen. Das Panorama auf der Brücke der Höllenthalklamm ist großartig und schaurig zugleich. Wer es liebt, die Alpcnwelt in ihrer größten Schanerlichkcit sich anzusehen und Scenerien zu erblicken, welche selbst das Herz des kühnsten Touristen erzittern und fast das Blut in seinen Adern erstarren machen, der versuche es, den schlechten und gefährlichen Weg über die Brücke (bis zum Ende des Höllenthalcs ist es eine Stunde und darüber) weiter zu verfolgen. Was sind das für Pfade, die wir von der Brücke aus hoch oben an den Fels- i hängen erblicken? Sind jemals Menschen auf ihnen gewandelt? Das sind Wege, welche ! die Jäger begehen und auf welchen die Wildschützen mit Gefahr des Lebens den Gemsen ^ nachjagen und sich Beute suchen. Du siehst, daß zur echten Gemsjagd im Hochgebirge, bei welcher nicht die Thiere von den Treibern einige Schritte vor der Büchse vorbei- 728 gejagt werden, kernfeste und geistesgegenwärtige Männer gehören — »Jäger voll Schneid" — aber nicht in Pelz eingehüllte Sonntagsjäger. So treffend lautet ein „Schnadahüpfl": „Hcrunten leicht Inga d' erfrngst Auf Henna und Hasen und Fuchs: Wo drob'n aber 's Edelweis! wachst Da taugen die Mchrcrn halt nix." Todtenstille herrscht rings im Thalc. Kein Geier steigt znm Himmel, kein Flüe- vogel setzt über den Thalgrnnd. Erstarken scheint jede Vegetation zwischen den grauen Felswänden und mit den Thieren „schweigt der Menschen laute Lust." Es regt sich hier in uns „Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust." — So singt Eichendorff und er kennzeichnet treffend die Stimmung des Wanderers auf der Brücke der Höllenthalklamm. Der Rückweg von der Hölleuthalklamm bot keine besonderen Schwierigkeiten, auch der Felspfad an der Wachsensteinwand ward selbst von den Damen mit überraschender Courage genommen. Am Ende dieses gefährlichen Fclssteiges angelangt folgten wir dem Wege, der znr linken Hand in's Thal von G rainan führt und erreichten dieses in einer guten Stunde. Es ist ein prächtiger Spaziergang, meist durch dunklen, schattigen Wald führend, nur stellenweise etwas schmutzig und schlüpfrig. Die einzige schwierige Passage ist der sogenannte „Stangensteig", das sind 24 Treppenstufen, welche über einen Abhang steil hinabführen. Grainau ist ein anmnthigcs Dorf, prächtig im Thäte gelegen mit einer kleinen, armseligen und sehr der Restauration bedürftigen Kirche. Im Forsthause oder in der Behausung des Herrn Bcnefiziaten mag sich der Wanderer mit kühlendem Trunke stärken und sein Herz am Anblicke der Zugspitze erfreuen, die sich hier prächtiger wie anderswo vor dem Beschauer erhebt. Im Jahre 1820 wurde sie zum ersten Male bestiegen; jetzt stehen jährlich mehrere Hundert Personen — darunter auch einzelne Damen — neben dem eisernen Kreuze auf ihrem Gipfel. Ein Bergführer, Namens Koser, kann vielleicht schon im nächsten Jahre die drcihnndertste Besteigung der Zugspitze mit einen! Jubiläum begehen; Heuer war er 25 mal droben. Im milden Winter des vorigen Jahres soll sie öfters bestiegen worden sein. Die A nssicht von der Zugspitze ist großartig. Der Blick reicht von Kärnthen bis in die Schweiz, von der Donau bis an Italiens Grenze. Selbst den Einschnitt des Brennerpasses vermag das Auge Zu entdecken. In langen Reihen liegen die Tanren- kettc, das Stnbaigcbirge und die Ortlerkctte vor uns ausgebreitet. In der nächsten Umgebung liegt weißer Schnee, weiter hinab grüne Almen, dann Wiesentriften, durch welche sich die Flüßchen wie Silbcrfädeu schlangeln, sodann die weitausgedehnte oberbayerische Ebene, in welcher die blauen Seen wie große Gcnlianen erglänzen, rings um uns ein reicher Kranz von Bergen mit unzähligen Gipfeln und Zacken, über uns so nahe der wolkenlose, blaue Himmel! Bereits war es Abend geworden, da wir den Weg von Grainau nach Parten- kirchen zurücklegten. Wiederum lag ein unvergleichlicher Reiz über der Landschaft. Es ist ein Thal des Friedens und himmlischer Ruhe, durch das wir schreiten. Hier tönt noch das Posthorn, hier ist noch idyllisches Leben und Treiben zu finden, — wie lange noch? Vielleicht, daß auch hier bald der schrille Pfiff der Lokomotive anstatt des Jodlers des Alpensohnes ertönt! Aber dann ist's mit der halben Schönheit des Thales und mit der ganzen Poesie vorbei. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr- »ur „Ängslmrger PostMnng." 92. Samstag, 17 . November 1883. Der Opalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Als Mrs. Daltoil St. Lawrence erblickte, fiel ihr ihre letzte Unterredung mit ihm ein, und befangen ging sie mit einer stummen Verbeugung an ihm vorüber. Er erwiderte ihren Gruß mit demselben mitleidigen Lächeln, dessen Sinn sie sich nicht zu deuten wußte. Lena blieb stehen und reichte ihm die Hand. Sie glaubte kein Wort von den Andeutungen ihres Verlobten und um St. Lawrence zu treffen, hatte sie darauf bestanden, diesem Balle beizuwohnen. Er werde sie selbstverständlich sofort um den nächsten Tanz bitten und sie erwartete, ihn in 'völliger Verzweiflung über ihre bevorstehende Vermählung zu finden und deshalb wollte sie ihm ein Andenken, vielleicht eine Rosenknospe aus ihrem Bongnct schenken; diese werde er gewiß als seinen größten Schatz aufheben und im Stillen darüber weinen. Aber zu ihrer größten Ueberraschung geschah nichts dergleichen. St. Lawrence drückte ihr freundlich die Hand ohne sie jedoch zum Tanze aufzufordern; er machte einige gleichgültige Bemerkungen, aus denen Lena sogar schließen mußte, daß ihr Erscheinen nicht die leiseste Gemüthsbewegung hervorgerufen habe, und dann wandte er sich an Bertha mit der Bitte um die nächste Quadrille. Lena fehlte es nie an Tänzern, sie war wie immer die gefeierte Schönheit der Abende und die Huldigungen, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden, befriedigten für den Augenblick ihre Eitelkeit und machten die herbe Enttäuschung schneller' vergessen. Mrs. Daltoil war nicht ungehalten, als sie Mr. St. Lawrence und Bertha zusammen erblickte; letztere konnte gewöhnlich nicht so viele Tänzer aufzählen als ihre Schwester, und so war nach Ansicht der Mutter dieser doch besser als gar keiner. Unter solchen Erwägungen breitete sie ihre Moire-Autikrobe aus, warf die Spitzenbärben der Haube zurück, nahm den Fächer zur Hand und saß nun in Bereitschaft, um die Gratulationen wegen der glänzenden Versorgung ihrer ältesten Tochter in Empfang zu nehmen. St. Lawrence und Bertha sprachen wenig während des ersten Tanzes; das Glück endlich wieder einmal zusammen zu sein, genügte ihnen. Wie sie dort neben ihm stand, den leisen Druck seiner Hand verspürte, und seine Augen mit zärtlichem Blicke auf ihrem Antlitze ruhen fühlte, da drängte sich ihr das beseligende Bewußtsein auf, daß sie geliebt werde, und in ihrem sanften Erröthen, den niedergeschlagenen Augen, dem leisen Beben der kleinen Hand, glaubte St. Lawrence untrügliche Zeichen zu gewahren, daß er hoffen dürfe. — „Sie geben mir auch den folgenden Walzer?" sagte er, sich zu ihr neigend, nachdem er ihre Bitte erfüllt und sie zu einem Stuhle geführt hatte. „Den nächsten wohl nicht", erwiderte Bertha lächelnd; zu gleicher Zeit schaute sie zu ihrer Mutter hinüber und. bemerkte, daß diese sie beobachte. „Glauben Sie, die „verfassungsmäßige Behörde" werde Einspruch erheben?" frug 736 er, der Richtung ihrer Augen folgend. „Dann sagen Sie mir für später einen Rund- tanz zu, Sie dürfen mir das nicht verweigern." Mit diesen bittenden Worten nahm er ihre Ballkarte und schrieb seinen Rainen hin. Bertha nickte zustimmend. Jetzt müssen Sie aber gehen", kündigte sie ihm an, die Pflicht ruft Sie." „Vorerst sagen Sie mir noch eins. Wird Fanconrt diesen Abend hierher kommen?" „Nein." Die Bemerkung, daß Lena seine Begleitung nicht gewünscht habe, schwebte ihr auf den Lippen, doch unterdrückte sie dieselbe. St. Lawrence schien ihre Gedanken errathen zu können, denn er fuhr in leisem Tone fort: „Es wird Ihnen räthselhaft erscheinen, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr es mich freut, daß das Herz Ihrer Schwester bei dieser Verbindung nicht bethcittgt ist." „Sie erschrecken mich", erwiderte Bertha ebenso leise. „Leider kann ich dies nicht verhindern und ich darf mich augenblicklich nicht deutlicher aussprechcn. Würde es Sie persönlich betrüben, wenn sich irgend etwas ereignete, wodurch diese Verlobung abgebrochen werden müßte." „Persönlich nicht", entgegnete Bertha, noch mehr beunruhigt. „Meine frühere Abneigung gegen Mr. Fanconrt, und Sie wissen, wie heftig diese war, habe ich, wie ich Ihnen wohl eingestehen darf, bis jetzt noch nicht überwunden. Doch Sie müssen wirklich gehen. Mrs. Newcombe schaut nach Ihnen aus." „Gott sei Dank, daß Sie doch in keinem Falle darunter leiden werden", flüsterte er ihr erleichtert zu und eilte dann zur Thüre, um die angekommenen Gäste in Empfang zunehmen und ihnen ihre Plätze beim Tanze anzuweisen. Berthablieb im höchsten Grade bestürzt allein zurück. Später bat St. Lawrence auch Lena um einen Tanz, aber ihre Karte war vollständig besetzt — er empfing diese Nachricht mit Aerger erregender Gleichgültigkeit. — Bertha tanzte mehrere Male; doch noch öfter zog sie es vor, während des Tanzes plaudernd sitzen zu bleiben. Es war ihr nicht möglich, gleich Lena ohne Aufhören zu tanzen. Endlich erschien St. Lawrence und bat um den, versprochenen Walzer. In ihr besorgtes Antlitz blickend, sagte er ihr, während er den Arm um ihre Taille legte, leise: „Fassen Sie Muth-— ich hoffe, daß Alles zum Besten gereichen wird." Verschiedene deutsche Walzer, welche eigens für Liebende componirt zu sein schienen, wurden an diesem Abende gespielt. St. Lawrence und Bertha schwebten bei den herrlichen Klängen einher, Alles, außer dem Glücke des Augenblickes vergessend. „Wenn es Ihnen angenehm ist, machen wir einen kleinen Spaziergang; der Garten ist wirklich reizend im Mondenscheine. Oder fürchten Sie sich?" frug St. Lawrence. , „O nein, ich neige nicht zu Erkältungen." Als sie durch eines der großen Bogenfenster auf die Terrasse hinaustraten, nahm er einen Shawl, welcher über der Brüstung hing, ohne sich weiter zu erkundigen, wem er zugehöre, hüllte seine Tänzerin hinein und führte sie die Stiege hinunter in den Garten. Dort standen mehrere Gruppen scherzend und lachend beisammen. St. Lawrence geleitete Bertha zu dem hübschen Laubengange; hier befanden sie sich allein. Der Mond ergoß sein silbernes Licht durch die Bäume; das Murmeln der Stimmen und der Klang der Musik drang gedämpft zu ihnen hinüber. Während des Gehens unterhielten sie sich über verschiedene Gegenstände, Bertha sprach in einem fort, als ob sie befürchte, baS Gestänbntß, nach welchem sie doch so sehnlichst verlangte, zu hören. „Ich muß Ihnen noch einen merkwürdigen Zufall erzählen. Wir waren heute Morgen zu Magnus Square, Lord Alphington wünschte Lena's Ansichten in Betreff der neuen Einrichtung zu erfahren. Als wir in's Bibliothekzimmer eintraten, fuhren meine Schwester und ich überrascht zurück. Neben dem Kamine befand sich ein lebensgroßes Portrait; ich hätte es für das Ihrige gehalten, so auffallend ist die Ähnlichkeit." Bcrtha fühlte, wie der Arm, auf welchen sie sich lehnte, zusammen zuckte und mit befangener Stimme frug St. Lawrence: „So, wessen Portrait war es?" «Dasjenige seines unglücklichen Sohnes, sagte uns der Carl. Vermuthlich des jüngeren, welcher nach Amerika ging." „Wahrscheinlich", bestätigte St. Lawrence, und dann schwiegen beide eine Zeit lang. Diese Stille kam Bertha bedeutsam vor und sie suchte nach einem neuen Thema zur Unterhaltung. Jedoch war es St. Lawrence, welcher zuerst das Wort ergriff. „Sie haben gewiß gehört, welcher Art die Unterredung war, die ich mit Mrs. Dalton bei meinem letzten Besuche zu Joy Collage hatte?" „Etwas hörte ich davon, aber Mr. St. Lawrence, bitte, denken Sie nur nicht, ich habe das Mindeste von dem, was gesagt wurde, geglaubt!" . Der Ton, mit welchem sie, sich selbst unbewußt, dieses versicherte, traf das Herz ihres Zuhörers. Er blieb stehen, ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr fragend in's Gesicht; sie bebte vor Erregung. Der Ausdruck dieser scheuen, flehenden Augen war nicht mißzuverstehen. „Bertha!" rief er, ihre Hände festhaltend und sie an seine Brust drückend aus: „Willst Du mein sein? Ist es wirklich so, soll ich glücklich werden?" „Ja", sagte sie weich — „für immer die Deinige, wenn Du willst." „O mein holdes, süßes Lieb", jubelte er voller Entzücken, als er ihre geflüsterten Worte vernahm und zog Bertha sanft zu sich heran. „Aber bedenke wohl, was Du thust", setzte er nach einem kurzen Augenblicke hinzu. „Weißt Du auch, daß es mir vielleicht nie möglich sein wird, den Namen, welcher mir rechtmäßig zukommt, anzunehmen und ich dann nicht im Stande sein werde, mich von dem bösen Verdacht zu reinigen? Und wenn ich genöthigt wäre, von hier fortzugehen, ein entmuthigtcr Mann, obschon nicht durch eigene Schuld?" „O Eustace", lispelte Bertha, den Kopf an seine Schulter lehnend, „was liegt mir daran!" „Nun, dann mag es kommen wie es will, mir gilt es gleich." Er beugte sich zu ihr nieder nnd drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen. Wie lange sie dort draußen verweilten, wußte Keines von Beiden; Bertha wurde sich zuerst bewußt, daß die Zeit rasch verflogen sein müsse und mahnte zum Aufbruch. Mrs. Dalton hatte ihre jüngere Tochter vermißt; das Souper war zu Ende und noch immer erschien sie nicht. „Wo in aller Welt hast Du gesteckt?" frug sie, als Bertha endlich zu ihr hintrat „nnd wie erhitzt Du bist — Du siehst ja ganz erregt aus." „Findest Du, Mama? Ist es nicht bald Zeit, nach Hause zu fahren?" „Das hängt von Lena ab, ob die damit einverstanden ist. Wenn Du auch keine Tänzer hast, so halte ich es doch nicht für nöthig, deshalb ihr Vergnügen abzukürzen. Du glaubst nicht, wie viele Glückwünsche ich heute Abend wegen ihrer baldigen Ver- heirathung in Empfang genommen habe. Es war ein wahrer Triumph." Bertha erinnerte sich der geheimnißvollen Worte ihres Bräutigams nnd ein Vorgefühl kommenden Unglücks tauchte in ihr auf. Schweigend nahm sie neben ihrer Mutter Platz und obgleich sie nicht mehr tanzte, bemerkte Mrs. Dalton doch nichts Außergewöhnliches an ihr nnd ehe Lena sich zum Fortgehen bereit erklärte, hatte sie ihre äußere Fassung ivieder erlangt. Beim Abschiede fand St. Lawrence eine passende Gelegenheit, nochmals Bcrtha's Hand zu drücken; doch begleitete er sie nicht bis zum Wagen, aus Furcht, ihr einen Tadel zuzuziehen. Er wollte selbst den ersten heftigen Vorwürfen der Mrs. Dalton 732 entgegentreten, sein Geständnis; ablegen nnd sie gleichzeitig bitten, ihr Urtheil über ihn zu ändern. Sieben unbzwan zig st es Capitel. Der Tag so voller Aufregung für Lena, voll unaussprechlichen Glückes für Bcrtha, erwies sich für John, den Vertrauensmann Faucourt's, als ein Tag größter Geschäftigkeit. Er hatte Perkin's versprochen, sich nach dem Befinden der Mrs. Lemont zu erkundigen und so bald sein Herr weggeeilten war, machte er sich auf den Weg zum Landhause hin. „Ich werde sehr spät zurückkommen", sagte Fancourt, nachdem er 4>as Pferd bestiegen. „Zu befehlen, Sir. Dann haben Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich in eigener Angelegenheit zur Stadt begebe." „Lauf meinetwegen zum Henker, nur mußt Du bei meiner Rückkunft wieder hier sein", lautete die freundliche Erwiderung. „Danke schön, Sir", sagte John mit gewohntem Lächeln. Die Hände in der Tasche schlenderte er zur Villa hin. Eliza, das Kammermädchen öffnete ihm die Thüre. „Wie geht es Ihnen, meine Liebe?" frug John. „Doch das ist wohl eine überflüssige Frage; Sie sehen so blühend und rosig aus wie das Band Ihres hübschen Morgcnhäubchens." „Ha, Mr. John, welchen Unsinn Sie reden", schmunzelte Eliza. „Wollen Sie nicht eintreten?" „Nein, jetzt nicht, ich rief nur eben an, um mich nach dlnn Befinden Ihrer Herrin zu erkundigen, Mr. Perkin's sagte gestern sie sei unwohl." „Heute geht es ihr noch viel schlechter; nach dem Frühstücke wurde sie sehr elend und bis jetzt ist es noch nicht besser mit ihr." „War der Arzt nicht hier?" „Mr. Faucourt meinte, ihr Unwohlsein sei nicht von Bedeutung." „Ah so. scann ich Ihnen etwas in London besorgen? Vielleicht einen Auftrag an den Hcrzensschatz?" „Haha, was Sie für ein Mann sind'." kicherte Eliza. Ob sie aber eine derartige Bestellung zu machen habe, blieb ungewiß, da das Zwiegespräch durch Mr. Perkin's Hinzutreten unterbrochen wurde. Eliza zog sich in's Haus zurück. Perkin's sah sehr gcheimnißvoll aus; er nahte auf den Fußspitzen und blintzelte fürchterlich mit dem linken Auge. „Ich habe ihn", flüsterte er, „er kam diesen Morgen." „Wer denn?" frug John mit vortrefflich geheucheltem Erstaunen. „Nun, ein Brief von jenem Mr. Pierre", antwortete er, vorsichtig um sich schauend. „Hier ist, was Sie gerne haben wollten." Er zog ein zerknittertes Stückchen Papier, auf welches ein Name gekritzelt war, aus der Tasche. John nahm es gleichgültig in die Hand und sagte, den Streifen einsteckend: „Ah so, der Poststempel, wie ich sehe, jetzt erinnere ich mich. Ich habe mit Bedauern gehört, daß es Ihrer Herrin heute Morgen noch nicht besser geht." „Ganz und gar nicht", entgeguete Perkin's trocken. Daß seine Mittheilung scheinbar mit so wenig Interesse aufgenommen wurde, hatte ihn verletzt. > Auf die Uhr blickend sagte John: „Ich muß mich aus den; Staube machen, ich habe mir Urlaub genommen, um zur Stadt zu fahren. Morgen gedenke ich mich wieder nach dem Befinden hier zu erkundigen." „Thun Sie das. Mr. Faucourt wollte noch heute Abend anrufen. Er müsse durchaus zur Stadt, betheuerte er meiner Herrin." „Jawohl, diese Versammlungen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Leben Sie wohl und pflegen Sie sich gut; brave Leute sind selten geworden auf der Welt." „Verlassen Sie sich darauf", lachte Perkin's aus vollem Halse. „Ich werde es 733 mir an nichts fehlen lassen." Seine breite Gestalt füllte ungefähr den Thorweg aus. „Nein, nein, da sind Sie viel zn schlan zu — eh, Mr. Perkin's, guten Morgen!" John ging eiligst von danncn und sein Freund blickte ihm, vergnügt ein Liebchen pfeifend, nach. John hatte schon am frühen Morgen nach dein kranken Hunde gesehen, jetzt kehrte er znm Wirthshanse zurück und wartete eine günstige Gelegenheit, wo sich Niemand in der Nähe befand, ab; dann nahm er Jnno auf seine Arme, trug sie nach dem Stationsgebäude und fuhr mit dem ersten Zug nach London. Dort angekommen, bestieg er eine Droschke und hielt mit dem armen kranken Thiere an einem Hanse, auf welchem der Name: „Cornelius Fergns, Thierarzt" in goldenen Buchstaben zu lesen war. (Fortsetzung folgt.) Das Münchener Faust-Drama von 177», ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sceber.) I. Es werden bald dreihundert Jahre, seitdem das erste Faust-Buch die einzelnen Sagcnzüge von Doctor Faust zu einem Ganzen vereinte. Der Frankfurter Buchdrucker Spieß veranstaltete 1587 die erste Ausgabe. Mit reißender Schnelligkeit verbreitete es sich über Deutschland und in Nachdrucken und Uebcrsctzungen über ganz Europa. Die krankhaften Ideen der Zeit fanden darin ihren Ausdruck; der Titanentrotz des Alterthums, der neuen Zeit überströmender Drang nach Erkenntniß und Genuß kamen zum Worte. Die erste Dramatisirnng der Sage ging von England aus. Der kaum 25jährige Marlowe war es, der sein Genie an dem riesenhaften Stoffe versuchte, sowohl weil er fühlte, wie viele fruchtbare dramatische Ideen darin keimten, als weil er — wie später Goethe — sich selbst, seine eigene innere Zerrissenheit in Fünftens Bilde spiegeln konnte. Marlowe's Dichtung hatte ungeheuren Erfolg; schon 1588 erschien eine englische Faust- Ballade, das Drama selbst erlebte Auflage auf Auflage, und jede neue Ausgabe erhielt mannigfache Zusätze. Durch die englischen Komödianten scheint Marlowe's Faust auf die deutsche Bühne gebracht und so der Grund znm Volksschauspiele gelegt worden zn sein. Beliebt wie kaum ein zweites Stück, ging „Faust" über alle deutschen Bühnen. Zwar wechselten im Laufe der Jahrhunderte Hülle, Ton und Farbe des Drama's; locale Beziehungen, Zusätze, Umgestaltungen nahmen überhand, aber der Kern blieb derselbe. Am tiefgreifendsten waren wohl die Veränderungen, welche der italienische Einfluß durch die Wiener Komödie in der Dramatisirnng der Faustsage hervorrief: ich meine die enge Verbindung der komischen und tragischen Scenen. „Hierdurch wurde in die alte Fanst-Komödie ein ganz neues Moment hineingetragen: der lustige in seiner Beschränktheit behagliche Hanswurst trat in einen parodiftischen Gegensatz zn dem hiinmel- anstrebendcn Faust. ... Es entstand eine Fülle von neuen Situationen, in denen Hanswurst bald seine eigene hausbackene Weisheit dem kühnen Fluge der Gedanken Fanst's entgegenstellt, bald auch auf seine Art sich mit unheimlichen Höllenmächten auseinandersetzt, mit denen er bei all' seiner Beschränktheit besser fertig wird, als der gelehrte Professor." °) So verändert fand Goethe den Sagcmtofs, den er zn seine»: großartigsten Gedichte gestaltete, und manche räthselhafte Züge seines Faust werden klar durch die Begleichung des Volksschanspieles. Diese Beziehung rechtfertigt das Interesse, das man seither der Erforschung der Pnppenspiele zugewandt hat, welche aus dein alten Volks- i) Vergleiche W. Crcizcnach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspicles vom Doctor Faust. Holle o. d. S. 1878. L>. 44 fg. H l b. S. 108 fg. 734 schauspiele vom Doctor Faust hervorgegangen sind. Unter diesen sind wohl das Ulmer, Augsburger und Straßburgcr Puppenspiel die wichtigsten. In seinen „Schildereien aus Tirol" erwähnt Jgnaz Ziugerle ein Tiroler Faust-Drama, dessen Handschrift ans den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt. Weicht schon dieses Stück von dem alten Volksschauspiele bedeutend ab und zeigt es den Einfluß des Kunstdrama's, so ist dies noch mehr der Fall mit der Faust-Tragödie, mit der wir uns zu befassen haben. Auf einer Ferienreise durch das Pnsterthal kam ich in den Besitz mehrerer handschriftlichen Volksschauspiele, worunter sich neben dem Faust-Drama eine „Genovefa", ein „Samson", ein „Aegyptischer Joseph", eine „Maria Stuart", ein „Otto von Wittels- bach", eine „Nothburga" und dergleichen vorfand. Das specifisch tirolischc Interesse fand seine Rechnung in dem „Allgemeinen Landsturm in Tirol, oder: Die Flucht der Franzosen"; und damit die Würze nicht fehle, hatte sich ein Kotzebue in das Repertoire verirrt. Die Bretter, welche sonst die Welt bedeuten, waren diesmal nur von Wichtigkeit für die Bewohner eines Dörfchens, Namens St. Georgen, das nördlich von Bruncck am Eingänge des Taufererthales liegt. Der „Kachlerwirth" daselbst hatte seine Scheune als Muscutempel adaptirt, die Bauen: theilten sich in die Rollen, und die Weiber und Kinder bildeten das kritische Publikum. Noch jetzt wissen alte Leute wunderbare Mären zu erzählen von all' dem verschwundenen Zauber an Costnmen und Dekorationen, die zur Verwendung kamen. Es war die schöne Zeit, wo das Volk in Folge der feindlichen Invasionen die höchste Lebenskraft nach Außen und Innen entwickelte. Während die blutigen Schauspiele am Berg Jscl und im Her-zcn des Landes gespielt wurden, erhob und ergötzte man sich am Bühnenspiele. Wann dieses „Theater" einging, ist mir unbekannt; .sicher ist, daß 1823 hier noch gespielt wurde. Die meiste Anziehung scheint unter den „Schauspielen" die Faust-Tragödie geübt zu haben. Auf dem Umschlage des mir vorliegenden Manuskriptes' hat eine Bauernhand es nicht versäumt, die Bemerkung zu machen: „Dises ist ein schenes spihl." Das Interessanteste an diesem Faust-Drama ist aber der Umstand, daß es bis auf geringfügige Abweichungen wortwörtlich übereinstimmt mit dem sogenannten Münchener Drama des Jahres 1775, das K. Engel 1877 neu herausgab und das nun in zweiter Auflage erschienen ist. Der Autor des Münchener Drama's ist bis zum heutigen Tage unbekannt; ich hoffe aus dem mir vorliegenden Manuskripte nachweisen zu können, daß der Verfasser wahrscheinlich ein Tiroler ist. Bevor wir jedoch an die Beweisführung gehen, wird es die Leser dieses Blattes interessiren, den Inhalt unseres „Faust" kennen zu lernen. Zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem Faust den Bund mit dem Bösen geschlossen. Er ist geehrt als mächtiger Zauberer, alle Genüsse der Welt stehen zu seiner Verfügung; er hat sie durchgekostet, aber unbefriedigt wendet er sich ab. Indessen der Teufel besteht auf seinem Schein, heute noch will die Hölle ihr Opfer haben. Faust sieht mit Entsetzen das Schreckliche seiner Lage. Noch einmal klammert er sich mit der ganzen Energie seiner Natur an's Leben an, er hofft auf Rettung und er kann gerettet werden; denn der Himmel hat ihm einen guten Engel gesandt, Jthnriel, der als treuer Diener sein Vertrauen sich erworben. Vor unseren Augen entspinnt sich der heiße Kampf um Fansten's besseren Theil, den Mephistophcles kämpft, indem er sich mit den Leidenschaften des Unglücklichen verbindet; Jthnriel, indem er sich auf die wenigen schwachen Keime des Guten stützt, die F§nst noch geblieben. Wer wird siegen? Im ersten „Auszuge" werden wir in den Palast des Zauberers geführt. Es ist °) Innsbruck, Wagner, 1877. S. 48. fg. „Johannes Faust". Ein allegorisches Drama, gedruckt 1775, ohne Angabe des Verfassers, und ein württembergischcs Textbuch desselben Drama's rc., herausgegeben von K. Engel. Zweite Auflage. Oldenburg (Schulze'sche Hosbuchhandlnng). Morgen. Faust befindet sich noch in seinen-! Schlafgemache in Unterredung mit Jthnriel, der rasch sein Vertrauter geworden. Im Vorzimmer stehen und spielen Musikanten. Faust's Kammerdiener, Wagner, geht ungeduldig auf und ab und pcrwünscht Jthuricl, „den jungen Lasten", der ihn um seines Herrn Gunst gebracht — doch sei „das Lustspiel" ohnedem zu Ende. — Während er noch raisouuirt, kommen Faust's Eltern, Theodor und Elisabeth. Die einfachen Leute haben von ihrem Sohne gehört, daß er ein großer Herr geworden, und wollen ihn noch einmal sehen. Wagner weist sie ab, hier wohne ihr Sohn nicht. — Nun wird der Komik ihr Recht. Es treten ziemlich rasch nacheinander drei prächtige Charakterfiguren auf: Dounerschlag, Spürans und Emilie, die alle Drei die Hülfe des Zauberers in Anspruch nehmen wollen. Der Erste ist ein alter Offizier, ein wahrer Eisenfresser, den die Gicht quält. Er glaubt jedoch, sein Mädchen habe ihn aus Eifersucht verhext. Wagner, der sich dem barschen Soldaten gegenüber nicht aufzublähen wagt, wie sonst, möchte auch hier seine „Wiukelhexemneisterei" treiben und windet sich nicht übel aus der Affaire, indem er unter Anderem dein Gicht- lcidenden räth, einen Monat lang kein Wort zu reden, sein Lebcnlang nie mehr zornig zu sein und so fort. Ergötzlicher wird die Scene, so bald auch Spürans auftritt. Der ist Poet und nebenbei zum so und so Welten Male Bräutigam; doch hat er einen „Natur- fehler", den der Eifersucht. Er wünschte daher von Faust die Kunst zu lernen, sich unsichtbar zu machen, um so seine Braut überall beobachten zu können. Wagner vertröstet ihn auf die nächste Woche: „Wir haben jetzt einige Regimenter Soldaten über den Hals, die sich alle an der Grenze unsichtbar machen wollen. Sobald dies geschehen, wird man an Sie denken." Spürans will sich damit zufrieden geben; da begegnete er in der Thüre seiner Braut Emilie — „einer alten Jungfer". Gegenseitige Verlegenheit!" Endlich rückt auch diese mit ihrem Anliegen heraus: „Es hat mir eine Zigeunerin in meiner Jugend die Nativität gestellt, daß ich einst die Liebste eines gekrönten Hauptes sein soll." Hierüber wünscht sie Aufklärung. Wagner weiß sich zu helfen: Spürans ist xoeta. lanroatns, somit — wenn auch „in »snsn latmonno" — ein gekröntes Haupt, die Prophezcihnng ist erfüllt. Die Beiden ergeben sich in ihr Schicksal und Wagner erhält seine „Sporteln". » Faust erscheint mit Jthnriel und weist den „Vicezanbcrer" mit den Mnükanten weg. Im folgenden Gespräche weiß der gute Engel Faust, dem an Allem ekelt, durch den Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit mit neuer Hoffnung zu erfüllen. Schon ist er halb bereit, Jthuricl zu folgen und durch ein bußfertiges Leben seine Sünden zu sühnen, da tritt seine Geliebte, Helene, mit seinem und ihrem Sohne Eduard hemmend dazwischen. Durch ihre Thränen weiß sie ihn hinzuhalten, der gute Engel weicht für eine Zeit und der böse macht sich an Faust. Ein echter Satan, erschüttert Mephistophelcs Faust's schwache Hoffnung auf die Gnade des Himmels. Wäre Gott barmherzig, dann könnte es nicht so viel Uebel auf Erden geben. Wie er also den Menschen während des Lebens zum Narren habe, thue er es auch nach dein Tode. „Folge mir, bei uns trittst du in die feierlichen Rechte erhabener Geister: du sollst frei denken!" Unterdessen möge er noch in vollen Zügen aus dem Strome der Luft trinken und so hier und dort seinen Willen haben. — Das alte Zauberwort der Schlange von der Freiheit und dem Genusse thut wieder seine Wirkung. Der ohnedem schwankende Faust schließt sich auf's Neue dem Geiste der Finsterniß an: die erste Gnadenfrist ist verstrichen. (Schluß folgt.) Goldkörncr. Größer als die der Natur und Kaust sind die Wunder der Gnade; Fühlbar umgeben sie dich, öffnest du ihnen dein Herz. Flüchtig entschwinden der äußeren Welt buntfarbige Bilder, Aber die innere bleibt, hältst du im Geiste sie fest. F. Beck. 736 Miscelleit. (Am Hofe König Friedrich Wilhelm I.) war Schmalhans bekanntlich Küchenmeister. Der Königliche Tisch — so theilt man uns niit — kostete monatlich 1000 Thaler, eben so viel die Kellerei, die Bekleidung der Hofbcdientcn und der Mar- stall. Wenn der König Gelder auslieh, so überzeugte er sich genau, ob sie auch sicher standen und ließ sich 4 Prozent Zinsen zahlen. Auch seine Umgebung hielt der König außerordentlich zur Wirthschastlichkeit an. Die Königin erhielt jährlich nur 80,000 Thaler, wofür sie ihren Hofstaat bestreitcn, die Prinzcssincn unterhalten und selbst ihren Gemahl, sowie alle Kinder mit Kleidern und Wäsche versorgen mußte. Charakteristisch für die Sparsamkeit des Königs ist die folgende Anekdote: Am letzten Tage seines Lebens ließ sich der Monarch an ein Fenster bringen, von wo aus er seinen Marstall übersehen konnte, befahl alle seine Pferde herauszuführen und bat den anwesenden Fürsten von Dessau und Herrn v. Hacke, daß Jeder sich ein Pferd auswähle. Nachdem Beide das gethan, befahl er, daß die Bedienten den Pferden auch Reitzeug auflegten. Als aber eines der Pferde auf einer gelben Schabracke mit einem blauen Sammetsattel versehen wurde, ärgerte diese Verschwendung den König derartig, daß er empört ausrief: „Ach, wenn ich nur gesund wäre, ich wollte die Kerle derb abprügeln. Geh er doch hinunter, Herr v. Hacke, und prügle er die Schurken!" Dagegen überwies der König vor seinem Ableben 100,000 Thaler an die Berliner Armen. (Immer gerecht.) Als der berühmte Komponist Händel die Hauptprobe seines trefflichen, aber in einzelnen Theilen äußerst schwierigen Tedenms. zur Feier des Utrechter Friedens veranstaltete, rief er vor deren Beginn in dem ihn charakterisirenden Eifer: „Ein Schuft, meine Herren, wer einen Fehler macht!" Das eigene Werk aber, das er bis jetzt noch nicht so vollständig besetzt und in so vorzüglicher Durchführung gehört begeisterte ihn so, daß er am Schlüsse eines Satzes, sich selbst und die ganze Umgebung vergessend, versäumte, das Zeichen zum Beginn des folgenden Satzes zn geben. Der Vorspielcr erlaubte sich endlich, ihn daran zn erinnern. Händel fuhr aus seiner Verzückung empor und rief strahlenden Blickes: „Meine Herren, der Schuft war ich!" (Ein Stammbuchvers.) Während der WeMarschen Glanzperiode erschien ein fader livländischcr Edelmann, Namens von Goren, daselbst, um sich von den literarischen Heroen Denksprüche auszukitten. Er besuchte nacheinander Wicland, Schiller und Goethe, und der Erstere schrieb ihm auf sein dringendes Verlangen um einen Beitrag endlich die Worte ins Stammbuch: ' Die Erde ist ein Jammerthal Wieland. Schiller schrieb darunter: Von Gauklern und von Thoren Schiller. Worauf Goethe vollendete: Worunter Sie der größte sind, Mein lieber Herr von Goren. Goethe. (Bettlerlogik.) „Ach bitte, schönster Herr, schenken Sie mir etwas" — flehte jüngst eine'alte Bettlerin in kläglichem Ton — ich hatte ein blindes Kind, — das war meine einzige Stütze, --- und nun hat der arme Kleine sein Augenlicht wiederbekommen." Räthsel. Ein Wort — es zählt der Silben zwei — Gehört zur hohen Polizei; Weh' Denen, welche sich erfrechen, Wegwerfend laut von ihn: zu sprechen. Doch welche Aend'rnng tritt sofort ein, Schiebt a und e man in das Wort ein! . „Wegwerfend" es die Frau betrachtet, Wenn sie Geflügel hat geschlachtet. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr- Nr. 93. 1883. „Äugslmrger PostMimg." Mittwoch, 21. November Festruf am Morgen des 21« Novembers zum 25jährigen Aischofs-Inbikäum unseres Hochwnrdigsten Oberhirten Vankratrus von Dinkel. Auf! erwacht, der August« Geschlechter! Schon begrüßen mit ehernem Klänge Hell den Tag, den ersehnet wir lange, Die geweiheten Glocken vom Dom. Ihn, der Heerde getreulicheu Wächter, Preiset! Reichet Ihm grünende Palmen! Gott doch danket mit heiligen Psalmen, Der auf Pankraz ergoßen den Strom Seiner reichen unendlichen Güte! Und vereint auf Begeisterungs Schwingen Soll das Beten zum Himmel andringen: Schütz' den Hirten vor jeglicher Noth, Daß lang noch Ulrich's Erbe er hüte! Also wollen zum Dome wir wallen, Und es sollen erklingen die Hallen Von dem Danke zum ewigen Gott. Heil Pankratius! Heil! A. Plann. — 738 Der Opalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Zeit während der Fahrt benutzte John dazu, einige Veränderungen an seiner äußeren Erscheinung vorzunehmen, so daß der Lohnkutscher ihn beim Anssteigen verdutzt anstarrte und kopfschüttelnd von bannen fuhr. Kaum hatte er die Schelle gezogen, so wurde auch schon die Thüre durch den Sohn des Arztes geöffnet. Dieser begrüßte John als alten Bekannten und führte ihn zum Studierzimmer. Mr. Fergus untersuchte den Hund sorgfältig und schüttelte ernst den Kopf. „Sie scheint etwas Schädliches gefressen zu haben, meinen Sie nicht auch? —" frug John. „Die Hündin ist vergiftet worden." John nickte. „Was hat man ihr Ihrer Meinung nach eingegeben?" Mr. Fergus untersuchte den Hund von Neuem. „Mit Bestimmtheit läßt sich das nicht feststellen, jedenfalls war es kein Arsenik." „Ich möchte das Thier hier lassen. Haben Sie Hoffnung, daß es wieder gut wirb? — „Möglich ist das allerdings, aber äußerst fraglich." „Sollte Juno nicht besser werden", sagte John mit einem bedeutsamen Blicke, „so wäre es interessant, sie zu öffnen. Verstehen Sie mich?" „Gewiß, recht gut", erwiderte Fergus, die Hand über dem von John empfangenen Trinkgelde schließend. „Ist etwas besonderes los?" „Nichts Wichtiges. Sie wissen, wo ich zu finden bin; meine Zeit ist kurz bemessen. Empfehle mich Ihnen." „Immer in voller Thätigkeit, das ist der Welt Lauf. Sie werden von mir hören. Adieu." John hatte die Straßenecke noch nicht erreicht, als ein Schuß fiel. „Arme Juno! Es ist jammerschade, sie war ein so hübsches Thier", sprach er, während er rüstig weiter ging, vor sich hin. Erst spät am Abende erreichte er Angler's Rast, aber noch viel später kehrte Mr. Faucourt von seinem Ausfluge zurück. Er schien stark getrunken zu haben und kaum auf seinem Zimmer angelangt, befahl er, ihm sofort Branntwein zu bringen. Gegen Morgen half ihm sein Diener zu Bette und bald darauf versank er in tiefen Schlaf. John wartete im Zimmer, bis das laute Schnarchen seines Herrn ihm deutlich verrieth, daß von diesem keine Störung zu befürchten sei. Dann löste er von der Uhrkette Fauconrt's einen kleinen Schlüssel vorsichtig ab und nahm diesen nebst dem kleinen Kasten aus Rosenholz, welcher auf dem Waschtische stand, mit sich auf sein Zimmer. Unterwegs murmelte er zwischen den Zähnen: „Wenn es überhaupt zu finden ist, so muß es in dieser Schatulle sein." Er öffnete das Kästchen. Dieses war im Innern in verschiedene Behälter eingetheilt; in dem einen lag eine bedeutende Summe in Silber und Gold, andere enthielten Schmucksachen von größerem und geringerem Werthe, sowie Papiere. John dnrchlas letztere. Endlich fand er jedoch, was er suchte — ein mit änem Zettel versehenes Packetchen. Der Name und Wohnort eines Apothekers, welcher darauf gestanden, war mit Tinte durchstrichen worden. Behutsam schlich er zur Küche. Dort stand eine Büchse mit Arrowroot; er schüttete einen kleinen Theil desselben in ein Glas und nahin es mit hinauf. Den Inhalt des Packetchens leerte er dann in ein Papier, faltete und siegelte dieses sorgfältig zu. Nun befeuchtete er sein Taschentuch und begann die frischere Tinte von dem Zettel abzureiben; thetlweise gelang es ihm. Er vermochte ein No . . . zu entziffern und entdeckte, daß der Name fünf oder sechs Buchstaben hatte; in der Mitte desselben glaubte er ein l, h 739 oder b zu bemerken. Mehr wagte er, aus Furcht, das Papier zu zerstören, nicht wegzuputzen. Hierauf füllte er das leer geschüttete Packetchcn mit Arrowroot und legte eS an die vorige Stelle. Dann verschloß er das Kästchen, trug es zu dem Zinimer seines Herrn zurück und befestigte den Schlüssel wieder an der Uhrkette. Jedoch war seine nächtliche Arbeit noch nicht beendet; er stieg von Neuem die Treppe hinunter, und begab sich dieses Mal zum Kaffeezimmer, wo ein Londoner Adreß- kalendcr lag. Das Verzeichniß der Apotheker aufschlagend, verfolgte er mit dem Finger den Buchstaben N. „Nolan", das muß der richtige Mann sein", sprach er leise vor sich hin, während er den Namen und Wohnort notirte. „Wir machen ja jetzt Riesenfortschritte! Sich vor Vergnügen die Hände reibend, suchte er sein Lager auf. Achtunbzwanzigstcs Capitel. Die Heimfahrt vom Balle verlief ziemlich schweigsam. Mrs. Dalton war müde und schläfrig; Lena, trotz der geernteten Schmeicheleien mürrisch und eifersüchtig und Bertha glücklich, ihren Gedanken nachhängen zu können. Obgleich Lena sich klar bewußt war, daß die Neigung, welche sie für St. Lawrence hegte, unter den jetzigen Verhältnissen Unrecht sei, traten ihr doch bei der Erinnerung an seine völlige Gleichgültigkeit Thränen in die Augen. Der Wahn, er liebe sie, war zerronnen und seine Artigkeiten gegen Bertha hatte sie mit eifersüchtiger Qual beobachtet. Noch nie in ihrem Leben stand ihr die Wahrheit, daß Stolz und Eitelkeit sowie das übermäßige Verlangen nach den irdischen Gütern keine wahre Zufriedenheit gewähren, sondern nur Falschheit und Ueberdruß im Gefolge haben, so deutlich vor der Seele. Bertha, welche nie viele Theilnahme von den Ihrigen erfahren hatte, besaß nicht die Gewohnheit, zu ihrer Mutter hinzueilen, um Freude und Leid an ihrem Herzen auszuweinen und so war es ihr — wenigstens während des ersten freudigen Erröthens über ihr neu gefundenes Glück — unmöglich, ein freiwilliges Geständniß abzulegen. Hätte Mrs. Dalton sie darum gefragt, so würde sie offen das gegebene Versprechen bekannt haben; sie war ja entschlossen fest daran zu halten und sich durch kein Hinderniß oder irgend welche Einrede beirren zu lassen. Sie hatte ihren Bräutigam gebeten, lieber einstweilen noch nichts von ihrer Verlobung zu sagen. „Nicht, als ob Mama Dir nicht gewogen wäre, Sie liebte Dich immer und wenn Mr. Fanconrt nicht länger im Wege ist, so wird schon Alles gut werden." „Das ist auch mein festes Vertrauen, liebes Herz", war seine bedeutsame Antwort gewesen. St. Lawrence kehrte zu Fuß nach Hause zurück; es war ihm so leicht zu Muthe, als ob er Flügel habe. In seiner glücklichen Stinmmng dünkte ihm Schlafen eine Unmöglichkeit zu sein. Deshalb vertauschte er seine Balltoilctte mit einem Promenaden- Anzugc, machte sich eine Tasse Kaffee znrecht, steckte seine Cigarre an und ging ungeachtet des Regens von Neuem aus, um einen längeren Spaziergang zu machen. Obschon der „amerikanische Urwald" nicht so rasch fortgeschritten, wie der Künstler Wohl wünschen mochte, so nahte er doch allmählig seiner Vollendung. Das Bild wurde wahrhaft schön, denn der junge Mann hatte als gewissenhafter Arbeiter alles, bis auf die kleinsten Einzelheiten, sorgfältig durchgeführt. Aber heute konnte er nicht malen, er versuchte es nicht einmal, sondern setzte sich an seinen Schreibtisch und theilte Bertha die Geschichte seiner Liebe vom Anfange bis zum Ende mit; er erzählte ihr, wie ihn zuerst Lena's Schönheit gefesselt, aber wie bald schon während des ersten Abends ihrer Bekanntschaft ihre edlere Natur ihn angezogen; ferner sagte er, daß er Douglas wegen versucht habe, seine Liebe in die Grenzen der 740 Freundschaft einzuzwängen und wie dieser Versuch so gänzlich mißlungen sei. Aus diesem Grunde habe er sich, um nicht Gefahr zu laufen, seine Gefühle zu verrathen, verpflichtet gefunden, sie zu meiden. Alles dieses und noch viel mehr schrieb er ihr und schloß dann mit der Bitte, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken selbst dann noch, wenn der Schein gegen ihn und sein Verhalten unerklärlich sei. Gegen drei Uhr hielt ein Wagen an der Thüre und die Schelle tonte durch das stille Haus. St. Lawrence achtete nicht darauf; es wohnten noch mehrere Familien dort und er empfing nur selten, Besucher. Schritte näherten sich und nachdem angeklopft worden, warf ein Diener die Thüre auf und meldete: „Lord MphingtoM" Wenn eine Bombe im Zimmer geplatzt wäre, hätte St. Lawrence nicht mehr zusammenfahren können. Die Zeichnung, welche er eben in die Mappe zurücklegen wollte, entfiel seiner zitternden Hand und einen Augenblick stand er sprachlos da. Doch bald gewann er seine Selbstbeherrschung wieder und näherte sich mit natürlichem, edlem Anstaube, um den Eintretenden zu begrüßen. „Mr. St. Lawrence, wie ich vermuthe", sagte Lord Alphington, welcher den jungen Mann aufmerksam beobachtet hatte. Dieser verbeugte sich zustimmend. „Ich hörte von ihrem Talente als Landschaftsmaler und da ich ein Gemälde für Alphington Park wünschte, nahm ich mir die Freiheit, Sie aufzusuchen." Er wandte sich dem Bilde auf der Staffelei zu, aber ein feuchter Schleier legte sich über seine Augen und verhüllten den Gegenstand, welchen er betrachten wollte. „Darf ich fragen, ob dieses schon eine Bestimmung hat?" „Einstweilen noch nicht, Mylord. Da das Bild noch nicht vollendet ist, konnte ich es nicht zur Ausstellung schicken." Der Earl nahm vor der Staffelet Platz,. Lange saß er dort in Betrachtung versunken, aber während seine Augen auf die Leinwand hinblickten, schwebten andere mannich- faltigere Bilder an seinem Geiste vorüber. Die Hand auf die Lehne eines Stuhles, gestützt, stand St. Lawrence in seiner Nähe. Unbewußt hatte er die Stellung des Portraits in der Bibliothek zu Magnns Square angenommen. Das helle Licht fiel auf sein männliches Gesicht, dessen Schönheit durch das sorglose Btalerkostüm noch hervorgehoben wurde. Als Lord Alphington von dem Gemälde aufblickte, seufzte er tief, seine Wangen rötheten sich und mit zitternder Stimme frug er: „Welche Summe verlangen Sie dafür?" „Das Bild ist zu zweihundert Pfund geschätzt, Mylord", erwiderte der junge Mann, mühsam seine Rührung unterdrückend. „Das ist gut — recht gut. Ich wünsche es zu kaufen, natürlich steht Ihnen dann Noch immer frei, es vorher auszustellen. Ich würde Ihnen ein Unrecht zufügen, wenn ich dies verhindern wollte. Jedoch Sie unterschätzen das Bild meiner Ansicht nach." Er nahm sein Notizbuch heraus, ging zum Tische hin wo das Tintenfaß stand Mtd schrieb eine Anweisung auf dreihundert Pfund, welche er St. Lawrence überreichte. „Sie sind zu gütig, Mylord", entgegnete dieser und wieder glitt derselbe unerklärliche Ausdruck tiefer Rührung über sein Antlitz. Lord Alphington winkte mit der Hand, als ob er sagen wollte: Lassen Sie es gut sein — und nahm dann in einem Sessel an der Seite des Tisches Platz. (Fortsetzung folgt.) 741 Das Münchener Faust-Drama von ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sccber.) (Schluß.)*) II. Den zweiten Aufzug eröffnet ein Gespräch des guten und bösen Geistes. Mephistopheles erkennt seinen Feind und verräth dessen Absichten. „Wir werden aus allen Kräften gegen einander kämpfen; laß' sehen, wer siegen wird!" Damit gibt er das Signal zum bevorstehenden Kampfe um Faust's Seele. Jthuricl befiehlt ihm aber, sein Jncognito nicht zu verrathen. Mephistopheles gehorcht zwar, doch kann er sich's nicht versagen Faust vor dem neuen Diener zu warnen, er habe „ältere Rechte auf seine Freundschaft". Faust weist ihn zurück, da ergrimmt der Teufel und droht ihm. Faust sieht seinen „Freund" entlarvt als seinen größten Feind und ist nun bereit, die Gnade, welche der Himmel ihm anbietet, zu benutzen. Er dürfe auf diese hoffen, denn er habe seine Macht meistens dazu benützt, Wohlthaten zu spenden. „Wohlthaten?" spottet der Teufel. „Du — Wohlthaten? Wisse, Thörichter, daß Du lauter Unglückliche gemacht hast." Faust: „So hab' ich denn Keinen glücklich gemacht?" Mephistopheles: „Nur Einen, nämlich Deinen Feind, dem Du aus Haß Glück, Ehre, Vermögen und Alles geraubt hast." Der Teufel muß ihm die Wahrheit seiner Worte beweisen. Nacheinander führt er seine Zeugen herbei: einen Bettler, den Faust gehaßt; einen Wucherer, einen Soldaten und einen Anwalt, die durch Faust's Zauberkunst geworden, was sie sind. Mephistopheles gibt seinem Herrn bald die Gestalt eines vertrauten Dieners, bald die eines Edelmannes : und so schaut er in einen Abgrund von Verworfenheit, in ein Meer von Leidenschaften, die seine „Wohlthaten" entfesselt haben. Nur der Alte, den er zum Bettler gemacht, dankt ihm, weil er erst durch ihn zum Glücke, zur Zufriedenheit gelangt sei. Faust verzweifelt an den Menschen und an sich selbst, er wagt kaum mehr zu hoffen, weder für dieses noch für's andere Leben. Jthuriel ist unterdessen nicht unthätig gewesen. Der dritte Aufzug bringt uns zunächst wieder Faust's Eltern. Der Engel beruhigt sie, klärt sie über Faust's Zustand auf und verspricht seinen Beistand zur Rettung. Sie sollten sich jetzt zurückziehen, zur rechten Zeit werde er sie zu ihrem Sohne führen, den die Sprache des Herzens, wie er hoffe, rühren werde. Mephistopheles seinerseits sucht Faust von jedem Neucgedanken abzuhalten. Eine prächtige Tafel und schöne Mägdlein sollen Faust bethörcn. Triumphircnd spottet er des gntcn Engels, der so wenig ausgerichtet wie Gott selbst durch die Erlösung. Wagner führt die Schönen in den Saal und ist so entzückt von den „artigen Gesichtern", daß er „Monsieur Mephistopheles" ersucht, „eines unter diesen allerliebsten Kindern" auswählen zu dürfen. Faust gefällt keine; für Helena allein fühlt er Freundschaft, und Liebe für seinen Sohn, obwohl auch Hiebei sein „Herz seufzt." Wagner sorgt für Gesang, die Würze des Mahles. In diesem Momente erscheinen Faust's Eltern, geführt von Jthuricl. Mephistopheles räumt mit seinem Anhange das Feld, Faust ist allein mit seinen Eltern. Die Vorwürfe der Mutter, der Fluch des Vaters, wirken auf ihn, er stürzt zu ihren Füßen. Das Mnttcrherz wird gerührt; auch der Vater ist zur Verzeihung bereit, wenn sein Sohn Alles verläßt und ihm folgt. Faust ist dazu bereit — da führt der Unstern Mephistopheles Helena mit ihrem Sohne herbei. In rasender Leidenschaftlichkeit bestürmt sie ihn, bei ihr zu bleiben; Faust schwankt. Da zückt sie den Dolch gegen Faust's Sohn, die Drohung erschreckt ihn. Sein Vater fordert seine *) Siehe Nr. 92. Entfernung, Helena sein Bleiben: Faust ringt, Mcphistophcles siegt, Jthuricl und die beiden Alten weichen. Den vierten Aufzug eröffnet im gedruckten Stücke ein Ballet, genannt der „Zaubcrpalast der Liebe." Im Manuscript ist dies entfallen. Die Scene beginnt sogleich mit dein Erscheinen der feurigen Schrift auf dem dunklen Hintergründe: „Faust es wird Abend". Faust bebt. Jthuricl warnt ihn. „Morgen" will Faust anders werden, der Engel mahnt ihn an's Heute. Da er das harte Herz nicht erweichen kann, holt er anf's Neue die Eltern Faust's.**) Sanft und eindringlich reden die Beiden zu ihm, der Sohn wird gerührt und will ihnen folgen; auch Helena, die nun erscheint, soll mit ihm in sein väterliches Haus ziehen. Da macht anf's Neue Mcphistophcles einen Strich durch die Rechnung: er erscheint, Faust's Knaben an der Hand, und erklärt, daß die Zeit des Bundes nahezu abgelaufen, Faust könne sich ihm nicht entreißen, sein Knabe bleibe als Geisel bei ihm. Helena und Faust flehen den Teufel um Gnade an. Er bleibt unbeweglich. Die Eltern Faust's entfernen sich hoffnungslos, Faust eilt ihnen nach, sie zum Bleiben zu bewegen. Unterdessen weiß Mephistopheles Helena zu beschwatzen. Es liegt ihm daran, Faust's Vater zu beseitigen, weil er seinen Einfluß noch in letzter Stunde fürchtet. Helena soll, um dadurch, wie ihr der Teufel vormacht, Faust und sich zu retten, den Alten ermorden. Nach langein Sträuben nimmt sie den Dolch und verspricht Faust die Rettung. Im fünften Auszuge drängen sich die Ereignisse. Zwar bedarf es noch einmal der Schlangenklugheit des Mcphistophcles, um Helena zur Ausführung des Verbrechens zu bewegen. Das Hohngelächter der Hölle folgt ihrem Entschlüsse. Auch Faust gegenüber legt der Teufel die Maske ab. Offen sagt er ihm: „Wisset, Menschen, wir sind eure geschwornen Feinde; wir arbeiten nur, euch zu stürzen und euch zu Mitver- brcchern und Gefährten unserer Pein zu machen." Faust solle sich selber tödten, er solle den Giftbecher trinken, zum ersten Male den „Nektar der Hölle" kosten — sonst „reiße er ihn durch die Gemächer" gewaltsam fort. Faust verliert die Hoffnung, er hört nicht mehr auf die leise Stimme iu seinem Innern, er trinkt das Gift. -Helena vollbringt unterdessen die blutige That; sie verwundet den Alten schwer, sein Schrei dringt an Fausten's Ohr. — Helena stürzt sinnverwirrt herein, sie glanbt Faust gerettet zu haben und hört nun, daß er Gift getrunken. Da stößt auch sie sich den Dolch in die Brust. Faust's todtwundcr Vater schleppt sich, oder kriecht vielmehr herein; die Worte des Sterbenden, der seinem Sohne und seiner Mörderin vergibt und Beide auf die Gnade des Himmels verweist, dringen tief in die Herzen Beider. Die Feindesliebe des Vaters zieht Gottes Erbarmung nieder. Faust und Helena bitten reumüthig um Gnade. Der Alte stirbt, die Uhr schlägt zwölf, Faust ruft: „Gnade! Gnade!" und: „Sie fallen einander in die Arme und Alles ist unbeweglich." Mcphistophcles erscheint in fürchterlicher Gestalt, von Furien begleitet. Schon glaubt er triumphiren zu können, da tritt ihm Jthuriel's lichte Gestalt, umgeben von einer Schaar Engel, entgegen, und der Engel verkündet, daß die Barmherzigkeit Gottes die Unglücklichen gerettet habe. „Er nimmt die Reuigen in seinen väterlichen Schooß auf und stürzt euch, verfluchte Verführer, in die ewige Hölle." Mit dem Sturze des Teufels endet das Stück. Man sieht aus dieser Inhaltsangabe, daß man dem Verfasser des Drama's ein gewisses dramatisches Geschick nicht absprechen kann. Die Charaktere sind gut umschrieben, die einzelnen Scenen werden innerlich begründet und der sichtbar-unsichtbare Kampf zwischen dem guten und dem bösen Engel, läßt die Handlung nie stille stehen. Einzelne **) Im gedruckten Texte fehlt diese Andeutung. Faust's Eltern erscheinen ohne das Eingreifen des Engels. 743 Partiell — wie Fanst's Seelenkainpf, ob er seinen Eltern folgen oder bei seiner Geliebten bleiben soll — sind sogar von höchster dramatischer Kraft. Liegen die Elemente hiezn auch schon im Volksschanspiele vor, so hat hier der Dichter doch seinen besonderen Antheil. Wer ist nun der Verfasser der Münchener Drama's? o Auf dem Titelblatte des mir vorliegenden Manuscriptes steht unten: „Holt llo- i sexstus Haas, Ost/ruiAus (oio!) a. Taut'srg." Nach den gütigeil Mittheilungen des Herrn Fauster, Dechant's in Täufers (Pnsterthal), wurde unser Joseph Haas, der Sohn des Chirurgen Michael Haas in Sand, geboren am 7. Februar 1755 und starb als Chirurg von Täufers am 29. März 1815. Somit wäre Haas „in den Faust- Jahren", im zwanzigsten Jahre gewesen, als er das allegorische Faust-Drama schrieb und zu München edirte. Allein die Sache ist nicht ganz so Plan, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Einmal ist das Manuscript nicht Original, sondern Abschrift, wahrscheinlich der Münchener Vorlage. Besonders deutlich geht das aus einem sofort corrigirten Schreib- verschen im vierten Aufzuge, dritten Auftritte hervor, wo man merkt, lote der Schreiber zu früh aus der einen in die andere Zeile der Vorlage gekommen. Sodann erscheint das Manuskript gegenüber dem Drucke an ein paar Stellen gekürzt. Es wurde schon bemerkt, das; das Ballet, genannt „Der Zanberpalast der Liebe", am Beginne des vierten Auszuges (S. 48 und 49 des Druckes) in der Handschrift entfallen ist. Demgemäß entfielen auch im Pcrsouenverzeichnisse die „Tänzer und Tänzerinnen". Ebenso kennt das Manuscript nur sieben „Charaktere"; „Gräfin Schönheit- lieb, eine Kokette", und Graf Sorgenvoll, ein Günstling", fehlen, somit auch der fünfte und siebente Auftritt des zweiten Actes im Drucke. Folgt nun daraus, daß Haas nur der Abschreiber lind Vcrkürzer des Münchener Druckes war? Ich glaube nicht. — Was die Kürzungen anlangt, erklären sich dieselben ganz leicht daraus, daß das Stück zur Aufführung auf einer primitiven und beschränkten Banernbühne bestimmt war. So mußte vor Allen; das „Ballet" entfallen, dessen Darstellung scenische Apparate und geübtere Leute forderte, als die Bauernbühne zur Verfügung hatte. Das Auslässen der zwei genannten Charakterfiguren hat noch weniger aus sich. Die betreffenden Scenen find alle von; nämlichen Schlage; je nachdem sich eine Anzahl von brauchbaren Darstellern fand, konnten diese „Charaktere" vermehrt oder ! vermindert werden, ohne daß der Zusammenhang oder der Gang des Stückes in; Geringsten alterirt wurde. Darum scheint mir unsere Handschrift speciell für die Bühne in St. ! Georgen geschrieben worden zu sein. Darauf deuten auch mehrere Randbemerkungen für , die Actcurs hin, die den; Drucke fehlen, lind zwar datirt das Btannskript aus einer ! Zeit, wo das Drama bereits im Drucke erschienen war; dem; Haas wird „Chirnrgus" f genannt, was er mit zwanzig Jahren noch nicht war. Die Abschrift weist sodann auf Taufer's hin, denn der Umschlag enthält Notizen über Bewohner von Achornach (bei ^ Täufers) und Sand (in Täufers). Ebenso scheint die Orthographie, namentlich die Schreibung der Vocale, in das Taufererthal zu führen. Leider hat der Herausgeber des Münchener Druckes die Schreibweise modernisirt, so daß ein Vergleich hier nicht möglich ist. Nur ein Ausdruck ist stehen geblieben: „Schaubhütte" (zwei Mal in; dritten Aufzngc, fünfter Auftritt). Das Wort gehört in dieser Form wohl speciell Tirol au, bei Schmeller findet es sich nicht. Ein anderer.Umstand endlich scheint mir direct darauf hinzuweisen, daß mffere Handschrift nicht von; Münchener Drucke, sondern von der Originalhandschrift des Stückes abgeschrieben wurde. Es ist dies die eigenthümliche Nummerirung. Nicht die Seiten oder Blätter werden gezählt, sondern je zwölf Seiten haben ihre fortlaufende Nummer. Daß diese Zählung nicht mit den Bogen des Druckes stimmt, ist selbstverständlich; zudem wurden in Drucken bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zu dieser Zahlung Buchstaben verwendet. Ich glaube nun, daß der Verfasser des Stückes jene Zahlen i" seinem Maunscripte verwendete, um beiläufig die Bogenzahl des Druckes voranszube- stimmen, und daß der Abschreiber diese Methode beibehalten. Wie dem auch sein mag, scheint mir die Bemerkung: ckogsptins Haas" nicht in dem Sinne eines „8vrip8ib" zu stehen, sondern den Verfasser des eigentlichen Drama's zu bezeichnen. Hätte demnach das Münchener Drama tirolischen Ursprung, dann wäre auch die Einwirkung desselben aus Zingerle's Tiroler Faust-Komödie, die schön Creizenach hervorhebt,***) selbstverständlich. *«) I. «. S. 174, 1. Goldkörncr. Pflege die Gaben, die Gott dir verliehen! Zur Ehre des Gebers Dir und Andern zum Heil nütze den köstlichen Schatz. Kannst du nicht wie die Tulpe in glänzendem Kleide dich zeigen, Spende dem Veilchen gleich still den balsamischen Duft. Was du auch unternimmst, rein sei und edel die Absicht! Irrst du im Wege vielleicht, irrst du gewiß nicht im Ziel. F. Beck. M i s e e ll e ii. (Kanzelhöflichkeit.) König Jakob I. von England verließ einst seinen gewohnten Spazierweg, um einen berühmten Prediger zu hören. Als dieser den König eintreten sah, ließ er seinen Text fallen und begann gegen das lasterhafte Fluchen loszuziehen. Der König, der wegen seines steten Fluchens berüchtigt war, fragte nach beendigter Predigt den Geistlichen, weshalb er nicht bei seinem ursprünglichen Texte geblieben sei? Der Prediger antwortete: „Da Eucre Majestät Ihren Weg der Predigt wegen verlassen haben, so konnte ich nicht weniger thun, als den meinigen verlassen, um Euer Majestät entgegenzukommen." (Der Kritiker.) Ein Violionvirtnose hatte sich erlaubt, die etwas unherbe Kritik eines Mnstkrcferentcn einer öffentlichen Antikritik zu unterziehen, — welche nicht ganz ohne Berechtigung — auf das geringe musikalische Verständniß des Kritikers hinwies. Letzterer fühlte sich dadurch tief verletzt und suchte den Violinvirtonsen auf, um ihm mitzutheilen, daß diese persönliche Beleidigung nur mit Blut abzuwaschen sei. — „Ich soll mich mit Ihnen schlagen?" rief der Geiger. „Wenn Sie mir den kleinen Finger beschädigen, bin ich rninirt, weil ich nicht mehr spielen kann. Sie können aber noch Kritiken schreiben, wenn ich Ihnen den Kopf wegschieße. (Wen sieht man als Tischgäste gern?) Mathematiker, weil sie mit Wurzeln vorlieb nehmen; ebenso Optiker, weil sie mit Linsen und einem Speck- Trumm (Spectrum) zufrieden sind. Aber Ingenieure und Jungverhetrathete hat man nicht gern, da die ersteren gleich sechs Tanten (Sextanten) mitbringen und die Letzteren iiolono vo1an8, wenigstens in den „Flitterwochen", die Schwiegermutter in's Schlepptau zu nehmen haben. (Ein kleiner Irrthum.) Ein bekannter Musiker kommt zu einer erst kürzlich vom Lande zurückgekehrten, ihm befreundeten Wiener Familie. Mit der ihn« geläufigen ausdrucksvollen Geberde überreicht er der neuen Magd seine Karte. Zu seinem Entsetzen hört er die Meldung derselben: „Bitt' Euer Gnaden, ein Stummer!" Auslösung des Räthsels in Nr. 92: „GenSdnrin-Gänscdarm." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarischcN Instituts von Dr. Max Huttler Nr. 94. 1883. »m „Äugslmrger postzeitnug." Samstag, 24. November Der OpairLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Wenn ich nicht befürchten müßte, Sie Ihrer kostbaren Zeit zu berauben, so würde ich Sie bitten, sich zu mir zu setzen und für eine halbe Stunde Geduld mit einem alten Manne, der sich mit Ihnen unterhalten möchte, zu haben." „Meine Zeit steht ganz zu Ihrer Verfügung", erwiderte St. Lawrence und ließ sich etwas zögernd und verlegen Lord Alphington gegenüber nieder. »Ihre Freundinnen, die Misses Dalton, welche mich gestern in meinem Hause besuchten, waren äußerst erstaunt über die auffallende Aehnlichkeit, die Sie mit dem Portrait meines Sohnes haben, den ich das Unglück hatte, vor längeren Jahren, als er nicht viel älter war, wie Sie jetzt sind, zu verlieren", begann der Earl. „Ich wünschte mich persönlich davon zu überzeugen und finde nun, daß diese wirklich besteht und zwar nicht allein in den Gesichtszügen, sondern auch in der Stimme und dein ganzen Wesen. Deshalb drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß Sie mit unserer Familie verwandt sein müssen, obgleich ich mir nicht erklären kann, von welchem Zweige derselben Sie abstammen könnten. Sie sehen nicht allein meinem Sohne so außerordentlich ähnlich, sondern haben auch das echte Faucourt's Gesicht, wie die alten Portrait's zu Alphington Park bezeugen. Ich schicke dies voraus, damit Sie nicht denken, bloße Neugierde habe mich hierher getrieben." „Das würde ich in keinem Falle gethan haben", entgegnete St. Lawrence mit einem Lächeln, welches das Herz des alten Mannes entzückte. „Miß Bertha Dalton erzählte mir gestern Abend von der aufgefundenen Aehnlichkeit." Weder das Aufleuchten der Augen, noch der weiche Ton der Stimme bei Nennung dieses Namens entging der scharfen Beobachtung des Earls. „Es ist, wie ich vermuthete — zwischen den Beiden besteht ein intimeres Verhältniß", und laut sagte er: „Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?" „Ich bin Amerikaner von Geburt." „So, also in Amerika geboren?" Und in Gedanken setzte der Earl hinzu: „Das ist ebenfalls sehr seltsam." Der Junge Mann beeilte sich fortzufahren. „Leider muß ich befürchten, Athlord, daß Sie mich, nach der großen Liebenswürdigkeit, welche Sie mir erwiesen, sehr undankbar finden werden. Aus ganzer Seele bedauere ich, genöthigt zu sein, mich Ihnen gegenüber in so ungünstigein Lichte zeigen zu müssen. Aber gewisse Verhältnisse zwingen mich, eine Zurückhaltung zu beobachten, welche um so peinlicher für mich ist, da sie sehr leicht ein mißfälliges Urtheil von Seiten Derer, bei welchen ich vor allen Anderen in Achtung stehen möchte, herbeiführen könnte." „Werden diese Verhältnisse je eine Aenderung erfahren?" frug Lord Alphington 746 nach einer Pause. Nach seiner äußeren Haltung zu schließen, hatten die verschiedenartigsten Gefühle seinen Geist durchkreuzt. „Es ist mein sehnlichster Wunsch und heißestes Gebet, daß es so sein möge." Während der junge Mann dieses mit Nachdruck aussprach, faltete er seine Hände, stützte die Ellenbogen auf die Kniee und erhob seine Augen mit einem Blicke tiefster Verehrung, fast Zärtlichkeit zu dem Antlitze des alten Herrn empor. „Seltsam — sehr seltsam", murmelte dieser und fügte dann laut hinzu: „Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, dazu habe ich kein Recht. Aber darf ich Sie bitten, falls Sie eines Freundes oder einer hülfreichen Hand bedürfen sollten, uin die Verschlingnngen Ihres Schicksals lösen zu helfen, nie zu vergessen, daß Sie diesen Freund immer und alle Zeit in mir finden werden, sowohl um deffentwillen, der nicht mehr ist, als auch einer Anderen wegen, für die ich die innigste Zuneigung hege?" „Ihre Güte rührt mich tief, Mylord", erwiderte St. Lawrence, ohne jedoch die letzte Andeutung des Earls verstanden zu haben. „Eins fühle ich mich jedoch meiner selbst wegen verpflichtet, Ihnen zu sagen, obgleich ich nur mein Ehrenwort als Bürge der Wahrheit anführen kann. Wenn mein vergangenes Leben vor Ihren Blicken enthüllt würde, so dürfte ich dies ohne erröthen zu müssen, geschehen lassen. Daß ich mich jetzt in dieser zweifelhaften Lage befinde, ist die Schuld Anderer, nicht meine eigene." Bet diesen Worten richtete er sich stolz in die Höhe, und aus seinen Augen brach jener ehrliche feste Blick hervor, dem gegenüber Mrs. Dalton sich öfters so kleinlich und unbedeutend vorgekommen war. „Ich glaube Ihnen unbedingt", sagte Lord Alphington, ihm die Hand reichend und mit Bewunderung den schönen, edel aussehenden jungen Mann betrachtend. „Sie müssen mich zu Alphington Park besuchen, unsere Bekanntschaft darf hiermit nicht enden." Der Earl begab sich zu seinem Wagen, erstaunt, verwirrt und im höchsten Grade tnteressirt. „Ah, wenn die Vorsehung mir diesen jungen Künstler als Enkel zugeführt hätte, wie stolz und glücklich würde ich sein." N e u uun d z w n n z t g st e S Capitel. Nach seiner Schwelgerei erwachte Fancourt in einem Zustande größter Verzagtheit und schlechtester Laune. Er verwünschte den immer gleichmüthigcn John und vergoß, noch immer nicht nüchtern einige Thränen über sein Elend. Das Frühstück schickte er unberührt hinweg und verlangte anstatt dessen Branntwein mit Sodawasser. Dann sprach er die Absicht aus, nach London zu fahren. Er konnte ohne Lena nicht mehr leben. Noch ein Tag und sie war die Seinige; in ihrer Gesellschaft glaubte er vor den Furien, welche ihn verfolgten, sicher zu sein. John war schon am frühen Morgen aufgestanden und hatte bereits einige Ausflüge in die Nachbarschaft gemacht. „Werden Sie nicht in dem Landhausc anrufen, Sir?" frug er, seinem Herrn Hut und Handschuhe hinreichend. „Wie ich höre ist Mrs. Lemont nicht wohl." Mit einem vnlkanartigen Ansbruch von Flüchen verwünschte Faucourt das Landhaus, Mrs. Lemont und John. Dann schritt er eiligst dein Stationsgebäude zu. Als sie auf dem Perron standen, befahl er seinem Diener, Alles zur Abreise bereit zu machen, da sie Morgen früh nach Magnus Sqnare zurückkehren wurden. „Es ist eine verflucht langweilige Geschichte — Lord Alphington und diese Langley's sind schon dort. Noch ein Tag und ich bin diese lästige Gesellschaft doch einstweilen los. Wo ist die Juno?" frug er, da John auf die letzte Aeußerung keine Antwort gab. „Sie war sehr schlecht, Sir, und so hielt ich es für am Besten, sie während Ihrer Abwesenheit bet Seite zu schaffen", erwiderte dieser ohne Zögern. Faucourt schimpfte ihn einen naseweisen Burschen, schien aber doch mit der Nachricht zufrieden zu sein. - 747 — Der Zug brauste heran und Fauconrt sprang in ein Coupö. Während er sich niedersetzte, stieg noch ein.Herr in denselben Wagen ein; dieser hätte, seinem Acußern nach zn urtheilen ein Minister, vielleicht auch ein Schullehrer sein können. Ohne Fau- court die geringste Aufmerksamkeit zn schenken, nahm er ein Zeitungsblatt zur Hand und begann zu lesen. Als jedoch der Zug an der Victoriastation anlangte und Fauconrt eine Droschke nahm, um nach Joy Cottage zu fahren, miethete sich der Herr ebenfalls einen Wagen und folgte ihm in einiger Entfernung. Und am Abende befand sich der Fremde auf demselben Zuge, mit welchem Fauconrt zurückkehrte. Doch dieses Mal in einem anderen Coupö. John verfolgte den Zug eine Zeit lang mit den Augen, dann schritt er auf ein in kurzer Entfernung gelegenes Haus zn. Seine Geschäfte dort nahmen ihn nur wenige Augenblicke in Anspruch, denn schon bald nachher schlug er den Weg zum Landhanse ein. Perkin's öffnete die Thüre und gleichzeitig steckte Eliza den Kopf zum Wohnzimmer hinaus. Beide sahen blaß und furchtsam aus. „O, Mr. John, ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie gekommen sind", sagte Pcr- kin's. „Meine Herrin ist sehr krank, es muß durchaus Jemand den Doctor rufen, aber das thörichte Mädchen da ist zu bange, allein hier zu bleiben. Wollen Sie nicht hingehen, Mr. John?" „Gewiß, recht gerne, doch bin ich selbst, so eine Art von Doctor. Darf ich Ihre Herrin einmal besuchen?" „O bitte, kommen Sie herein, Mr. John!" rief Eliza, die Augen mit der Schürze abtrocknend aus. „Sie stirbt, — ich bin sicher, daß sie stirbt. Was sollen wir nun anfangen?" Stl — Machen Sie kein Geräusch, mein gutes Mädchen." Mrs. Lemont lag angekleidet auf dem Sopha; sie war mit Ausnahme eines brennend rothen Fleckens auf jeder Wange leichenblaß, der Mund verzerrt und große Schweißtropfen standen auf ihrer Stirne. „Seit dem Frühstück ist sie schon zweimal ohnmächtig geworden; sie konnte vor Uebelkeit nichts genießen." „Holen Sie sofort den Arzt, Mr. Perkin's. Ich werde bei Ihrer Herrin bleiben." Perkin's froh, der Verantwortung überhoben zn sein, schlüpfte in seinen Rock. „Geben Sie mir vorerst etwas Branntwein", bat John. Wir gaben ihr davon, da er versicherte, das würde ihr gut thun." „Haben Sie keinen anderen im Hause?" „Doch, in jenem Schranke befindet sich vermuthlich noch etwas", erwiderte Perkin's, sich im Stillen wundernd, weshalb John eine andere Flasche wünschte. Das Büffet stand offen und er nahm eine kleine Caraffe, in welcher sich noch ein kleiner Niest Branntwein vorfand, heraus. „Mr. Fauconrt sagte, dieser tauge nichts", bemerkte Perkin's, sie zögernd hinreichend. „Es ist schon gut, beeilen Sie sich nur." John begann nun die Schläfe und Hände der unglücklichen Frau mit der Flüssigkeit einzureiben. Nach und nach kehrte etwas Farbe in ihr Gesicht zurück, langsam öffnete sie die Augen und da sie John erblickte, verminderte sich der leidende Ausdruck ihres Gesichtes und sie murmelte schwach: „Verlassen Sie mich nicht, Ihnen kann ich vertrauen! Ich habe sonst Niemanden!" „Bis der Arzt kommt, werde ich bei Ihnen bleiben, Madame; versuchen Sie etwas hiervon zu nehmen." John putzte nun sorgfältig das Glas aus, welches auf dem Tische stand und schüttete den Brantwein aus der Caraffe hinein; dann hob er ihren Kopf in die Höhe und hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie schlürfte ein wenig davon, es schien ihr gut zu thun. 748 „O, wie bin ich so krank", stöhnte sie. „Leider befürchte ich das, Madame. Können Sie sich erinnern, wie es kam, baß Sie so unwohl wurden?" „Nein. Gestern fühlte ich mich schwach und übel. Mr. Fauconrt versprach mir, ein Linderungsmittel aus der Apotheke mitzubringen. Ich habe zweimal davon genommen, befinde mich aber viel schlechter danach." Mrs. Leinont sprach wie Jemand, der in den letzten Zügen liegt. „Bitte, heben sie mich etwas mehr in die Höhe." Er willfahrte ihrem Wunsche, und Eliza schob ihr mehrere Kissen unter den Rücken, so daß sie sich in sitzender Stellung befand. „Eliza, ich würde an Ihrer Stelle eine Tasse Suppe von Arrowroot zurecht machen,' aber Sie müssen sie mit Milch kochen", setzte er mit leiserer Stimme hinzu: „Milch ist ein Gegenmittel in einigen Fällen." „Das will ich sofort thun, Mr. John", erwiderte das Mädchen. „Meine Herrin hat seit gestern Morgen nichts mehr zu sich genommen." Ueberwältigt von diesem Gedanken drückte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht und eilte weinend zum Zimmer hinaus. John blickte um sich und bemerkte auf dem Kamingesims eine Flasche. „Ist dieses die Arznei, welche Mr. Fancourt Ihnen besorgte?" frug er, sie gegen das Licht haltend. „Ja, bitte geben Sie mir nichts mehr davon — sie macht mich schlimmer." „Ah, das wundert mich nicht! Wenn Sie erlauben, nehme ich sie mit und lasse sie umändern; diese taugt wirklich nicht für ihren Zustand. Und dann möchte ich Ihnen einen guten Rath geben", fuhr er, nahe an sie herantretend mit flüsternder Stimme fort: „Nehmen Sie nichts von dem, was Mr. Fauconrt Ihnen gibt oder anräth." Airs. Lcmont riß in wilder Angst die Augen auf; ihr leichenfarbencs Antlitz war von Furcht entstellt und sie versuchte aufzuspringen, indem sie schrie: „Barmherziger Himmel, er hat mich vergiftet!" „Weshalb glauben Sie das? Hatte er irgend einen Grund dazu?" frug John, sich Mühe gebend, seine äußere Ruhe beizubehalten, obgleich das Leiden der unglücklichen Frau ihn schmerzlich berührte. „O, ich weiß es nicht! Er befahl mir, England zu verlassen und ich wollte nicht. Ach, retten Sie mich, und Alles, was ich besitze soll Ihnen gehören!" Der Schrecken schien ihr außergewöhnliche Kraft zu verleihen. Sie umklammerte, zitternd am ganzen Körper, John's Arm, als ob sein Wille über Leben und Tod zu entscheiden habe. „Fassen Sie Muth", tröstete er, „Sie werden wieder besser. Der Arzt muß bald hier sein." Und zornig fuhr er fort: „Ich hoffe,' daß Sie es noch erleben werden, jenen Bösewicht bestraft zu sehen." „Ja, er ist ein Bösewicht! Niemand weiß das besser als ich", schluchzte die Unglückliche. „Was ist er Ihnen?" John heftete während dieser Frage seine klugen Augen forschend auf ihr Gesicht und langte mit der freien Hand nach dem Glase. Sie ließ seinen Arm fahren, bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und wiegte sich hin und her. Körperlicher Schmerz und Seelenqual stritten mit dem gewaltig hervorbrechenden Willen, um die Herrschaft, sich an dein Manne, welcher sie vernichten wollte, zu rächen. „Nehmen Sie noch einen Schluck und beruhigen Sie sich." Unfähig das Glas zu halten, erhob sie den Kopf und duldete, daß John es an ihre Lippen brachte. Mit Gewalt sträubte sie sich gegen die Schwäche, welche sie von Neuem zu übermannen drohte. Eliza kehrte mit der Suppe zurück. John nahm sie an der Thüre in Empfang und sagte: „Ich habe etwas mit Ihrer Herrin zu sprechen und werde schellen, falls ich Ihrer bedürfen sollte." 749 Seine Stimme klang befehlend und Eliza, ohne selbst recht zu wissen, warum, gehorchte ihm schweigend und zog sich in die Küche zurück. Er versuchte nun die Suppe vor den Augen der Kranken, um ihr Muth zu machen und hielt ihr die Tasse hin; sie nahm einige Löffel voll zu sich. „Das wird Ihnen gut thun." (Fortsetzung folgt.) Bei den Gemsen auf dem Krottenkopf. Nicht bloß an landschaftlichen Schönheiten, von denen einige näher zu schildern wir bisher in zwei Artikeln versucht haben, an aussichtsreichen Bergen und wildromantischeil Thalgründen besitzt das Werdenfelser Land einen großen, fast unermeßlichen Reichthum, auch die Thiere der Alpcnwelt finden sich hier in zahlreichen Arten und großen Mengen vor. Beim Spaziergange iin lieblichen Thal gegen Grainau stehst Du das flüchtige Reh am Waldsanm weide». Da kannst Du beim Morgcudämmern auf dem Wege vom Kainzeubad nach Wamberg, dein höchstgelcgenen Dorfe deutscher Erde, prächtige Zehnender unter den Buchen treffen. Wer jedoch das eigentliche Hochwild der Alpen- region, die Gemsen, oder um mit den Jägern zu sprechen, die „Thiere" sehen und in ihrem ganzen Leben und Treiben beobachten will, der hat hiezu die beste Gelegenheit aus dem fünf Stunden von Parteukirchen entfernten Krottenkopf, einem imposanten Berg- kegel, der majestätisch über die ihn umgebenden Höhen 7000 Fuß hoch zum Himmel ragt. — Auf einen unfreundlichen Regentag, an dem selbst das Getriebe eines ländlichen Jahrmarktes das Herz des Sommerfrischlers nicht aufzuheitern im Stande war, folgte ein herrlicher Hcrbstmorgen. Der Entschluß, bei so prächtiger Witterung und in so wundervoller Gegend, einen Berg zu besteigen, braucht nicht erst nach langen Ueber- legnngen gefaßt zu werden, wie von selber rührt und regt sich's in den Füßen und die Hände greifen unwillkürlich nach dem Bergstöcke in der Ecke der Stube. Und so wanderten der Freund und ich um die neunte Morgenstunde an St. Anton und der eben in Restauration begriffenen Taxkapelle vorüber, den Krottenkopf zu besteigen. Wenn auch der Ausblick in's Loisachthal von der Höhe der steil hinanzichendcn Straße ein immerhin wundervoller und bezaubernder war, so ließen doch verschiedene Umstände, besonders einzelne über den Spitzen des Wetterstein's und des Kramcr's liegende Ncbelgrnppen mit ziemlicher Bestimmtheit vermuthen, daß die Fernsicht vom Krottenkopfe heute zu wünschen übrig lasse, und dies um so mehr, da es eben Tags zuvor in Strömen gegossen hatte und die Grde bis tief hinein durchfeuchtet worden war. Trotzdem ließen wir uns nicht abschrecken, weiter zu steigen, um wenigstens den Gemsen des Krottenkopfes unseren Besuch abzustatten. So erreichten wir die Esterb er galpe mit dein höchstgelegcnen Gehöfte der Gegend, reizend zwischen waldigen Bergen auf saftiggrünem Wiesenplaue erbaut, den ein forellenrciches Büchlein anmnthig durchströmt. Der Weg führt zur Rechten am Eckenberg, zur Linken an einer hohen Gecöllwand vorbei, zu deren Füßen ein mächtiger Felsblock wie von überirdischer Macht hierhergesetzt und von den Leuten die „Kanzel" genannt, den Steig begrenzt. Weiterhin kamen wir am Bette eines ausgetrockneten See's vorüber. — Hier reizte unseren Geruchsiun der betäubende Duft von nppig- wucherndem Alpenschnirtlauch. Noch einige Schritte, und wir standen vor dem sauberen, freundlichen Gehöfte selbst, das Oekonomiegut, Wirthshaus und Schule zugleich darstellt. Die beiden ersten mag der Leser vereinbar finden, doch auch das Dritte reimt sich hier zum Ganzen. Denn am Esterberg besteht eine sogenannte „Nothschule", d. h. die Kinder des Hauses eignen sich die nothwendigen Kenntnisse am heimathlichen Herde an, Liebmütterlein ist ihre Lehrerin, zur Schale ist der Weg zu wett und für junge Füßchen zu beschwerlich. Es waren recht fröhliche Kinder, die uns entgegensprangen, reinlich 750 gekleidet und mit einem Aussehen wie rothwangige Aepfel, und weil weit entfernt von den Kindern der Tiefe und des Thales, unverdorben an Leib und Seele. Man darf aber nicht glauben, es fehle den guten Leuten droben an Wissensdurst und Wissensdrang; nur der Schule und des Kirchgangs wegen hat der Esterbergcr jüngst ein Gehöfte zu Farchant, einem freundlichen Dorfe an der Loisach, erstanden, das er mit anbrechendem Winter beziehen wird und wo er seine Kinder in die Schule schicken kann. Der Weg führt nun durch grüne Wiesen an dem Trümmerhaufen eines zweiten Gehöftes, des „Hinterestcrbergs" vorüber, dann durch schattigen Wald, zuletzt eine lange Strecke an einem Berghange hin, bis er sich endlich zur linken Hand in ein liebliches Thal biegt. Die frischbeschncite Kuppe des Krottenkopfs, die wir an der Esterbergalm zum ersten Male in ihrer großartigen Majestät betrachteten, ist nun wieder sammt der Unterstandshütte auf ihrem Gipfel vor unseren Augen verschwunden. Zur Rechten des Thales streckt der „Bischof" sein kahles, felsiges Haupt in die Lüfte. Welch ejn Trümmerfeld liegt zu Füßen des mächtigen Berges, der wie ein colossales Monument, die Größe des Schöpfers zu verkünden, gen Himmel ragt! Der riesenhafte Berg bietet einen überwältigenden Anblick. Ohne jegliches grüne Gehänge, eine graue Felswand an der anderen, starrt er in die Höhe. Hier siehst Du abhängende Geröllfclder ohne jegliche Spur einer befeuchtenden Quelle oder eines grünen Gewächses. Nur die Alpen- Dohle und der Flüevogel läuft an der Steinrinnc hinan, sich seine spärliche Nahrung in den Feisrippcn zn suchen. Zur linken Hand passiren wir den Saum des mehr lieblichen Krottenkopses. Die letzten Wcttertannen, die letzten Fichten stehen am Wege, dann beginnt das Krummholz, durch das ein ziemlich beschwerlicher Weg, durch Wild und Almvieh beschädigt, den Berg hinanführt. Wir stiegen eine halbe Stunde, ohne Rast zu halten, dann aber wurde das Fläschchen mit Cognac zur Stärkung hervorgezogen und zum ersten Male Spähe nach Gemsen gehalten. In einer tiefen Thalmulde in der Gegend nach Norden sahen wir in halber Höhe des Berges die ersten Thiere. Mit freiem Auge konnten wir nicht sicher unterscheiden, ob Hirschwild oder Gemsen zwischen den Felsblöcken weiden. Vorsichtig suchten wir einen großen Fels zu erreichen, hinter den wir uns verschanzten. Hier wurde nun das scharfe Fernrohr aufgelegt und wenige Augenblicke später hatte ich einen herrlichen Bock im Glase. Es war der Wächter einer größeren Heerde, der sich mit seinen vier Füßen auf einen winzig kleinen Felsvorsprung postirt hatte und sorgfältige Umschau im Gebirge hielt. Mit Muse betrachtete ich mir das Rudel, -vielleicht zwölf oder vierzehn Stück, ohne Ausnahme erwachsene prächtige Thiere, die vorsichtig auf grünem Plane zwischen den Felsen weideten oder mehr gegen den Bischof zu im Gerölle sich Gräser und Almrausch suchten. Der Rücken der Thiere schien gedeckt zn sein, doch wäre es immerhin möglich gewesen, sie von Eschenloh her zn überraschen, ihnen auf Schußweite nahe zu kommen und das eine oder andere Thier niederzustrecken. Auch die Seiten der Thiere waren gesichert, und nach vornhin hatten sie einen ungehinderten Ausblick und Ucbcrblick über die ganze Gegend. Sicher hatten sie uns schon erspäht, ehe wir uns hinter dem Felsen postirten; doch hielten uns die Thiere wohl selbst bei unserer weiten Entfernung noch für ungefährlich, und ziemlich furchtlos, wie es schien, suchten sie sich ihre Nahrung. Indessen war doch keine Ruhe auf dem Abhänge, wo sie grasten; Alles lebte,'Alles regte sich, jeden Augenblick wären die Thiere zur Flucht bereit gewesen, wie sie sich überhaupt auch bciin Ruhen nur selten auf den Boden ausstrecken. Es hätte nur eines Pfiffes bedurft, eines lautes Schreies, und in wilder Flucht wären die Gemsen in's Gerölle und die Felsen verschwunden. Das war ein prächtiger, schwarzer Bock, der droben bei den Thieren die Wache hielt. Einzelne Minuten stand er unbeweglich auf seinem Felsen und so konnten wir prächtig die Gestalt des Thieres- beobachten. Die Gemse ist ein Wunder de r> Schöpfung. Alles an ihr ist für das Leben in den höchsten Regionen des Gebirges 751 geschaffen: Dieser kurze gedrungene und elastische Körperbau, die laugen, starke» Füßen — „Läufe" genannt —, der gestreckte Hals, das scharfe Auge, die langen, spitzen nach vorwärts gerichteten Ohren, die angelförmigcn, nach rückwärts gekrümmten Hörner. Ja, es ist etwas Wunderbares, etwas Großartiges um die Füße der Gemse. Sie sind lang und dick und Mit stahlhartcu Sehnen durchzogen. Die Hufe siud gespalten und am Rande mit einer harten Einfassung umgeben, so daß sich das Thier beim Abspringen auf einen Felsen oder beim Hinanklettern und Anfasse» von Wänden durch das Auseinanderspringen der zwei Hustheile wie mit den Spitzen zweier Bergstöcke einhacken und festklammern kann. In Folge dieser Beschaffenheit der Füße und ihres elastischen Körperbaues setzt die Gemse, ohne einen Anlauf zu nehmen, über Klüfte von 3 bis 4 m Breite, ja es sind Fälle bekannt, daß sie im Augenblicke der Gefahr selbst Breite» von 6 m sicher genommen hat. Nicht leicht ist ihr eine Tiefe zu groß; sie springt über Wände von 5 bis 6 m Höhe hinab, um sofort mit ihren dicken und festen Läufen aus einem kaun: tellergroßcu Felsvorspruugc Posten zu fassen. Und wie sind Auge und Ohr der Gemse so wundervoll construirt! Das Auge vermag die heißesten Sonnenstrahlen so gut wie das unruhige Glitzern weitgcdehnter Schneefelder zu ertragen. Und wie das Gesicht so sind auch Gehör und Geruchsinn gleich vortrefflich ausgebildet. Das Geräusch, welches ein in ziemlicher Ferne vom Felsen herabrollendes Stcinchen verursacht, läßt die Gemse nicht unbeachtet. Sie wittert den Menschen oft auf 1 und 1^ Stunden, oft ja sogar noch weiter, besonders wenn ein leiser Luftzug von ihm herzieht. Dann spitzt das Thier die Ohren, wird ängstlich und unruhig, macht sich sprungbereit. Die Gemsen merken sich jeden Weg, den sie nur einmal gegangen, keimen jeden Felsen, der ihnen sichere Deckung bietet, ja scheinen sich selbst vor einzelnen Personen, wie Hirten, weniger zu fürchten, ohne sich deshalb denselben bis auf Schußweite zu nähern, vielleicht weil sie auch unter den Hirten Männer mit der Büchse wittern. Selbst im Schlafe thun die Sinneswerkzcuge dieser Thiere ihre Schuldigkeit und auch zur Nachtzeit haben sie einen Wächter ausgestellt. Mit Recht ist deshalb die Gemse das Sinnbild der Wachsamkeit. Lange beschauten wir uns die schönen, friedlich nebeneinander weidenden Thiere. Sie waren nicht gleichfarbig, das eine nicht so dunkel gefärbt wie ein anderes. Weiße Gcmsböckc sind eine große Seltenheit und hat Schreiber dieses erst einen einzigen gesehen, der, wenn wir nicht irren, anfangs der siebsiger Jahre auf dein Miesing erlegt wurde. Nun ging's im Zickzack den Berg hinauf, an murmelnden, frischen Quellen vorbei, durch Büscheln von Almrausch, welchen der erste Schnee gebleicht, an Fclsstciner vorüber, die wie Uebcrreste einer verfallenen Burg aufeinandcrgeschichtet lagen. So gemüthlich und ungefährlich führt der Weg dahin. Doch wie ganz anders mag's nach einem Gewitter sein, wenn aus dem sanft säuselnden Büchlein ein tosender Wildbach geworden, oder im Frühjahre, wenn sich droben am Buge des Krotteukopf's, dort wo die neue Untcrkunftshntte steht, ein Schneekügclchen ablöst und hinabzurollen anfängt, allmählich größer wird, bald das ganze Schneefeld in Bewegung setzt und endlich mit donnerndem Gepolter als mächtige Lawine zu Thal fährt, daß die Bäume krachen und die Felsen beben! Fast hatten wir den Bergrücken erreicht und bogen gerade um eine Ecke, welche der Schlangenweg bildet, da tauchte in nächster Nähe von uns und noch innerhalb Schußweite ein ganzes Nudel Gemsen aus. Gemessen und langsam, ohne eine Gefahr zu ahnen — es herrschte völlige Windstille, und wir hielten uns sehr ruhig — zogen sie an uns vorüber, an der Spitze das Leitthier oder die „Vorgeis", dann folgte ein Thier dem anderen in regelrechtem Gänsemarsch. Es waren ungefähr 40 Stücke, die am Saume hinzogen. Zwei Thiere hätten wir mit Leichtigkeit erlegt, doch das dritte stand im Nu um 20 Schritte höher und nach einigen Sekunden war der ganze Zug außer Schußweite. Nur einen Moment stritten uns die Thiere, dann ging's pfeilschnell 752 in sausendem Galopp auf dem steilen Berghauge hin, bis sie endlich vielleicht 1000 Schritte von uns entfernt zwischen den Felsblöcken auf dem höchsten Grate Halt machten, nochmals in die Gegend lugten und dann eines nach dem andern hinter den Steinen verschwanden. Oben auf dem Bergrücken und eine kleine Viertelstunde vom Gipfel des Krotten- kopf's entfernt, steht die im heurigen Sommer auf Kosten des bayerischen Alpeuvereins erbaute und am 8. Juli eröffnete Unterkunftshütte. Rings um dieselbe ist Holz aufgeschichtet, mit dem sich der Tourist die Hütte erwärmen und mit Hülle des bereitliegenden Küchengeschirres Kaffee und duftende Speisen kochen kaun. Die Hütte ist mit allem Nothwendigen ausgestattet; im ersten Cabinete befinden sich Tisch und Bänke sowie ein prächtiger Kochherd; im zweiten mehrere Matratzen, auf welche er am Abend seinen müde» Körper hinstrecken mag, bis der Morgen graut und ihn einladet, vielleicht in eine wollene Schlafdecke gegen die Kälte gehüllt den Gipfel selbst zu besteigen und sich den Sonnenaufgang in seiner niegeahnten Pracht anzusehen. Im Zickzack führt der Weg von der .Hütte steil znm Gipfel des Berges empor. Endlich ist er erklommen, — welch' ein wundervoller, entzückender Anblick ist das! Dn hättest es nie geglaubt, solche Aussicht zu finden diese unzähligen prächtig beleuchteten Bergspitzen rings um Dich, diese vielen tiefblauen Seen, diese großartige Trümmerwclt zu Deinen Füßen! Was die Aussicht betrifft, steht der Krottenkopf selbst der Zugspitze wenig nach, und doch kostet derselbe nicht halb so viel Schweiß, Zeit und Aufwand wie letztere. Dein Auge sucht zu entdecken die funkelnden Kreuze des Karweudelgebirges, die lveiße Schueepyramide des Vcuediger, den colossalen Gebirgsstock des Großglockncr, die prächtige Kuppe des Wendelstein. Reizend liegt der Herzogstaud mit dein königlichen Jagdschlösse und den mächtigen Stallungen vor Deinen Augen. Aus den tiefschattigcn, ihn umgebenden Waldungen grüßt der Barmsee herauf. Du stehst den Staffclscc, den Riegsee, den Kochelscc, ja selbst den Ammer- und Würmsee vor Dir ausgebreitet. Bei reinster Luft sollen selbst die ehrwürdigen Domthürme von Freising in den Gesichtskreis treten. — (Schluß folgt.) M i s c e l l e ir. (Gutes Herz.) Mutter mehrcr unversorgter Töchter: „Ach, Herr Hanwitz, Sie glauben gar nicht, welch' gutes Herz meine Tochter Laura hat. Denken Sie, neulich bekommt unsere Hauskatze sieben allerliebste kleine Kätzchen; das eine war leider sehr schwach und krank, und da hat das gute Mädchen es mit der Flasche großgezogen!" — „Ach gnädige Frau, das ist noch gar nichts; wenn Sie wüßten, wie viele Kater ich schon mit der Flasche großgezogen habe!" (Wie, was, wo?) Junge und schöne Damen, denen ein Heirathscandidat präseutirt wird, stellen sogleich die Frage: „Wie ist er?" In den Jahren der Ueber- legung fragen sie bereits: „Was ist er?" Reif gewordene Jungfrauen aber stürzen sogleich mit der Frage vor: „Wo ist er?" (Selbstgefühl.) „Hören Sie, Schnüffler, in dieser Kriminalsache müssen Sie mit großer Umsicht rechcrchiren." — „Seien Sie unbesorgt, Herr Polizeirath. Wenn ich die Wahrheit nicht herausbekomme — nun so existirt die Wahrheit eben nicht!" (Im Erzgebirge.) Wirthin: Was wollen Sie denn essen? Tourist: Geben Sie mir das Pikanteste, was Sie haben. Wirthin: Ja 's Bekannteste bei uns sind d' Erdäpfcl. (Gesprungen.) Hausfrau: „Wo ist denn das Salzfaß?" — Köchin: „O, das ist kaput; es ist vom Knchentisch herunter gesprungen!" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von vr. Max Huttlcr. „Äugslmrger Postzeitung." Nr. 95. Mittwoch, 28. November 1883. Der Gpalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Etwas Farbe kehrte allmälig in das Gesicht der Kranken zurück, sie erhob ihre Hand und putzte sich die Schweißtropfen von der Stirne. „Sie frugen mich, was Mr. Faucourt mir ist", begann sie klarer, als sie bis jetzt gesprochen. „Er ist mein Tyrann, mein Verfolger — und ich bin seine Frau!" „Seine Frau? Um's Himmels Willen!" rief John aus, welcher vor Erstaunen beinahe die Tasse hatte fallen lassen. „Seine Frau! Dann hatte er allerdings einen Grund." „Welchen denn?" stieß sie mühsam und seinen Arm ergreifend hervor. „Sagen Sie es mir, ich will es wissen." „Sie werden es nur schon zu bald erfahren müssen und daher darf ich es Ihnen auch wohl mittheilen." Und nun erzählte John der armen Kranken mit mehr Milde, als man ihm zugetraut haben würde die Untreue ihres Gatten und wie schon nach zwei Tagen seine Vermählung mit Madcliue Dalton stattfinden solle. „Der Schurke! Ich vermuthete es; der gemeine, grausame, niederträchtige Schurke!" kreischte sie außer sich vor Wuth. „Sie hassen ihn auch, helfen Sie mir, mich zu rächen!" Mit eisernem Griffe umklammerte sie seinen Arm. „Gerade deshalb bin ich hier, um allen Denen, welchen Unrecht zugefügt worden ist, zu ihrem Rechte zu verhelfen." „Sie?" rief Mrs. Lemont, erschreckt seinen Arm fahren lassend, aus; sie wußte sich seinen veränderten Ton nicht zu erklären. „Wer sind Sie denn? Was sind Sie?" „Ich bin ein Geheimpolizist", erwiderte er ernst, seine schwarze Perrncke abnehmend. „Mein Name ist John Riggs." Mrs. Lemont stieß einen Schrei aus und warf sich ihm zu Füßen. „Gnade! Gnade! — Ich will Alles bekennen." „Es ist durchaus nicht meine Absicht, Ihnen irgend einen Schaden zuzufügen", sagte Riggs, sie vom Boden erhebend und auf's Sopha legend, „obgleich ich Ihnen zu meinem Bedauern mittheilen muß, daß Sie sich als verhaftet zu betrachten haben, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß alles, was Sie bekennen, als Zeugniß gegen Sie verwandt werden wird." „O, daran liegt mir nichts! Was frage ich darnach, was aus mir wird, wenn er nur die verdiente Strafe erhält! Ich will auch den Ring geben, ich habe ihn. Er sollte mir im Nothfalle als Beweis gegen ihn dienen und ich will Alles sagen, — Alles — Alles." In Ihrer fürchterlichen Aufregung hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Mit bleichen 754 Lippen sank sie ohnmächtig in die Kissen zurück. Glücklicher Weise trat in diesem Augenblicke Perkin's mit dem Arzte in's Zimmer. „Gott sei uns gnädig!" platzte ersterer, die Veränderung an seinem Freunde John gewahrend, heraus. Dieser nahm jedoch keine Notiz von ihm, sondern wandte sich an den Arzt mit den Worten: „Darf ich Sie, ehe ich diese Dame Ihren Händen anvertraue, um eine kurze Unterredung bitten, Sir?" Hierauf öffnete Riggs das Fenster, ließ einen schrillen Pfiff ertönen und ein Polizist erschien am Garteuthor: Er winkte ihn heran, sprach leise einige Worte zu dem Manne und bat dann den Arzt, welcher mittlerweile Mrs. Lemont theilweise wieder zum Leben erweckt hatte, ihm in's Eßzimmer an der anderen Seite des Hauses zu folgen. „Ich empfehle diese unglückliche Frau Ihrer ganz besonderen Sorge. Sie haben Wohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen, ob sie sich erholt und wann sie ohne Gefahr transportirt werden kann." „Nun, Eliza, Kind", redete er das erschreckte Mädchen an, welches in der Flur stand, „halten Sie mir den Kopf oben und Pflegen Sie Ihre Herrin gut. Sie sollen sehen, mein Freund hier", fügte er auf den Polizisten deutend, hinzu, „macht Ihnen keine große Mühe. Eh', Perkin's, ich hoffe, Sie nehmen nicht zu viel von jenem feinen Franzbranntwein. Bitten Sie den Doctor auf alle Fälle um ein Gegenmittel." Perkin's lehnte blaß und mit herabhängender Unterlippe an der Mauer. Er versuchte keine Erwiderung; alle diese Ereignisse auf einmal konnte sein verwirrtes Gehirn so rasch nicht fassen. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete sich Riggs und begab sich zu dem Hause des Ortsvorstehers, wo er auch schon am selben Morgen die Anzeige gemacht hatte. „Sie ist in Gefahr und wenn sie darauf besteht, ein Bekenntniß abzulegen, so muß ich den Beamten bitten, mich dorthin zu begleiten", sagte er, rasch weiter schreitend, vor sich hin. Dreißigstes Capitel. An dem Tage nach dem Ball. wurde das Frühstück ziemlich spät zu Joy Collage eingenommen. Bcrtha kam es beim Erwachen vor, als ob Alles nur ein Traum gewesen; sie konnte sich die Wirklichkeit kaum vorstellen, wie viel weniger klar begreifen. Nur die zärtlichen Worte ihres Bräutigams klangen noch in ihren Ohren wieder und erfüllten ihr Herz mit unaussprechlicher Wonne, und die waren doch, wie sie sich selber sagte, jedenfalls kein Traum. Allmählich fielen ihr seine dunkelen Andeutungen in Bezug auf Lena, und daß die Hochzeit wahrscheinlich nicht zu Stande kommen werde, ein und verursachten ihr entsetzliche Angst. Sie wußte nicht, was sie zu fürchten habe, noch von welcher Seit: der Schlag erfolgen würde. Sollte sie sich darüber freuen oder betrüben? Selbst auf diese Frage konnte sie sich keine genügende Antwort geben und Niemanden dnrfte sie ihren Zweifel offenbaren. Zn ihrer größten Freude erhielt sie am Nachmittage einen Brief von St. Law- ' rence und alle ihre Angst und Sorge war für den Augenblick verschwunden. Wie süß und angenehm war es, immer und immer wieder die Versicherungen seiner innigsten trcucsten Liebe, welchen er in den zärtlichsten Worten Ausdruck gab, lesen zu können. Die Seinige zn werden, Hand in Hand mit ihm dnrch's Leben zu gehen, mehr verlangte sie nicht. Selbst wenn er genöthigt sein sollte, England zu verlassen, welche Möglichkeit er ihr ja vorgestellt hatte, so gab es ja doch allerwärts noch Raum genug auf der Welt, um, vereint mit ihm, glücklich zu sein. Ihre Phantasie malle sich schon ein hübsches mit Neben bewachsenes Häuschen an den Ufern eines italienischen Sec's aus, wo er als Künstler hinreichenden Stoff für seinen Pinsel finden werde. Wie wollte sie sich bemühen, ihm die kleinlichen Sorge» des Lebens zu ersparen, damit er seine schöne Kunst ohne jegliche Störung fortsetzen könne! lind dieser Triumph, wenn er sich einen Ruhm erworben, was ja ganz gewiß geschehen würde! Welches Glück, ihn auch von Anderen so geehrt zu sehen, wie es ihm gebühre nnd wie sie es immer thun werde! Mit diesen Gedanken schlief sie, seinen Brief in der Hand haltend, ein. Aber im Nebenzimmer lag Eine, welche keine Ruhe finden konnte. Oefters während des verflossenen Tqges war Lena im Begriff gewesen, ihre Schwester zu fragen, was sich zwischen ihr nnd St. Lawrence zugetragen habe und immer hatte sich keine passende Gelegenheit dazu geboten. Bertha mußte ihrer Mutter während des ganzen Tages hülfrciche Hand leisten und Unruhe und Verwirrung herrschten zu Joy Cottage. Leute kamen und gingen, Befehle wurden gegeben und erhalten, die Zimmer befanden sich durch die Vorbereitungen zur Hochzeit in der größten Unordnung. Die verschiedenartigsten Commissionen mußten geschrieben, tausenderlei Kleinigkeiten besorgt werden. Sie war den Tag über sehr mißstimmt und verdrießlich gewesen und Faucourt hatte seinen vollen Antheil ihrer schlechten Laune erhalten. Noch nie war er ihr so widerwärtig erschienen und sie gab sich kaum die Mühe, ihren Abscheu zu verbergen. Ihn kümmerte Las nicht, zudem blieb er nicht lange dort, da er noch verschiedene Anordnungen treffen mußte. — Lena brütete, nachdem Ke sich zu Bette begeben, so lange über ihr wirkliches und eingebildetes Unglück nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Rasch erhob sie sich, zog ihr Morgenkleid an, nahm die Lampe und schlich leise in Bertha's Zimmer. Das Licht mit der Hand verhüllend, blieb sie stehen und betrachtete die Schlafende. Bertha's Wangen waren zart gerörhet und ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Gewohnt, ihre Schwester als ein ihr untergeordnetes Wesen anzusehen, war es Lena nie eingefallen, daß diese ihre Rivalin werden könne. Doch als sie jetzt das verklärte Gesicht des schlafenden Mädchens näher beschaute, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen; sie mußte sich gestehen, Bertha besitze wohl die Macht, das Herz eines Mannes zu gewinnen und ihn für immer an sich zu fesseln. Leise zog sie den Brief zwischen den halbgeöffneten Fingern weg nnd las ihn — las, wie gänzlich sie sich getäuscht, wie vergeblich die Liebe gewesen, welcher sie sündhafter Weise nachgegeben, — las auch die Verurtheilung ihres falschen, ehrzeizigen Handelns. Von Gewissensbissen, nnd den widersprechendsten Leidenschaften gefoltert, stand sie da, nicht wissend, ob sie gehen oder bleiben solle, bis Bertha durch den Schein des Lichtes, oder eine Bewegung der Schwester geweckt, die Augen öffnete und entsetzt in die Höhe fnhr. „Was ist Dir, Lena? Bist Du krank?" „Krank?" erwiderte diese mit bitterem Lachen. „Nein, wie könnte ich trank sein da übermorgen der glücklichste Tag meines Lebens ist. Aber ich tonnte nicht schlafen nnd kam hierher, um Dich einiges zu fragen." „Was wünschest Du zu wissen?" frug Bertha, durch die eigenthümliche Art ihrer Schwester noch mehr beunruhigt. Erst jetzt bemerkte sie den Brief in Lena's Hand. Hastig griff sie darnach. „Tu hättest ihu nicht lesen dürfen. Er ist nicht in der Absicht geschrieben, daß Du ihn lesen solltest." „Weshalb nicht?" entgegnete Lena in demselben bitteren Tone. „Er laut« so äußerst schmeichelhaft für mich und man liebt ja Schmeicheleien, wie Du, weißt. Also Dich hat St. Lawrence diese ganze Zeit über geliebt »nd Dn wußtest es?" fuhr sie heftig fon; aller Hohn hatte sich in Zorn verwandelt. „Nein, erst gestern Abend erfuhr ich eö", sagte Bertha crröthcnd. „Schon früher gab es eine Zeit, wo ich diese Hoffnung hegte, doch als er später nicht mehr zu uns kam, glaubte ich mich getäuscht zu haben." „Und um Douglas willen blieb er fort, auch dieser liebte Dich?" O Bertha, weshalb konntest Du ihn nicht wieder liebe», warm» wolltest Dir ihn nicht heirathen?" stieß sie in wilder Erregung hervor. „Mußtest Du auch noch St. Lawrence für Dich gewinnen! Vielleicht hätte er mir doch noch dereinst seine Liebe zugewandt." 756 „Lena, bist Du wahnsinnig?" rief Bertha, mit Entsetzen die aufgeregte Schwester anstarrend, aus. „Was kann St. Lawrence und seine Liebe zu Dir sein? Nur noch wenige Stunden und Du bist das Weib eines Andern." Lena preßte ihre Hände gegen die Schläfe und fiel neben dem Bette auf die Kniee nieder. „Ja, das Weib eines Andern! Ich habe meine Wahl getroffen, nicht wahr? Uitd ich würde immer wieder von Neuem so handeln und doch liebte ich ihn die ganze Zeit hindurch. Bertha, Du darfst St. Lawrence nicht heirathen", fuhr sie stürmisch fort, „Du sollst ihn nicht heirathen. Er ist ein entehrter Mann, der sich eines angenommenen Namens bedient. Unsere Mutter wird nie ihre Einwilligung dazu geben." „Du redest über Dinge, welche Du nicht verstehst", erwiderte Bertha mit mühsam erkämpfter Ruhe. „Niemand wird das Wort Unehre auf Eustace St. Lawrence in Anwendung bringen können. Ich weiß, daß der Name, den er fuhrt, nicht sein eigner ist, aber selbst, wenn auch das Geheimniß, welches über ihm schwebt, nie aufgeklärt werden kann, so zweifle ich nicht an ihm und sollte er mich morgen auffordern, seine Frau zu werden, ich würde ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen bis an die Grenzen der Erde folgen; aber wir denken noch nicht daran, zu heirathen", unterbrach sie sich, gewaltsam den Erguß ihres Gefühles unterdrückend. „Es ist unnöthig, Mama schon jetzt damit zu bermruhtgen." „Und ich sage Dir, Du sollst ihn nicht heirathen!" rief Lena mit immer heftigerem Ungestüm auf. „Weshalb solltest Du glücklich kmd ich so uamenlos unglücklich werden." „Lena, meine liebe Lena, Du weißt nicht, was Du sprichst", beschwichtigte Bertha, welche durch das Benehmen ihrer Schwester in immer größere Furcht gerieth. „Warum solltest Du unglücklich werden? Dn liebst Mr. Fauconrt nicht, sage es ihm, löse noch jetzt in der eilften Stunde diese verhaßte Verbindung auf. Was liegt daran, was die Welt davon denken mag! Wir verreisen dann für einige Zeit — alles wollen wir thun, was Du nur wünschest, o Lena! höre auf mich, Deines eigenen Glückes, des Friedens Deiner Seele wegen!" Während Bertha dieses sagte, nahm sie die kalten Hände der Schwester in die ihrigen, aber Lena schleuderte sie von sich. „Was willst Du für mich thun? Willst Du St. Lawrence für mich aufgeben?" „Nein", entgegnete Bertha fest, „das darfst Du nicht einmal verlangen. Ich habe ihm Treue gelobt und wenn ich mein Versprechen nicht hielte, wäre ich treulos gegen ihn und mich." „Gut denn, auch ich werde mein Wort nicht zurücknehmen." Lena's Züge verriethen hartnäckigen Stolz und tiefe Verachtung, indem sie sich von den Knieen erhob. „Glaube nicht, daß ich Dich beneide. Wenn St. Lawrence mich geliebt hätte, wie bald schon würde ich seiner überdrüssig geworden sein — ein armer Landschaftsmaler ohne Namen! Das Leben, welches ich mir erwählt, sagt mir mehr zu; es ist besser so, wie es ist. Ich glaube, ich war nicht recht bei Sinnen. Vergiß meine Reden und schlafe." Sie nahm die Lampe, stellte sie sofort wieder hin und faßte mit der Hand an die Stirne. „Mir schwindelt, ich kann nicht allein sein, laß mich hier in Deinem Zimmer bleiben." Bertha machte ihr ein Lager zurecht; sie hielt Lena für ernstlich krank und meinte, sie habe im Fieber gesprochen; deshalb machte sie sich Vorwürfe, ihr so heftig geantwortet zu haben. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachtete sie, wie ihre Schwester sich unruhig hin und her wandte und erst gegen Morgen einschlief. Für Bertha war aller Schlaf dahin, denn obschon sie annahm, daß Manches von dem, was Lena gesagt, nur eine Fieberphantasie der überreizten Nerven gewesen, so zeugte es doch von dem inneren Seeleukampfe ihrer Schwester, und der Tag, an welchem deren Schicksal für immer besiegelt werden sollte, war jetzt schon so nahe gerückt. — „Würde es nicht besser sein, Lena wäre wirklich leidend, und die Hochzeit müßte hin- 757 ausgeschoben werden?" frug sie sich selbst. War es Unrecht, dies fast zu wünschen? Gestern Abend halten die Gedanken an ihr eigenes Glück sie ganz in Anspruch genommen, jetzt kehrten die Sorgen und Befürchtungen, hervorgerufen durch das auffallende Benehmen Lena's und die dunklen Andeutungen ihres Bräutigams, in verstärktem Maße zurück. Sobald die Dämmerung begann, stand sie sachte auf, kleidete sich, ohne die Schwester zu wecken, an und setzte sich an's Fenster. Es schien trübes, unfreundliches Wetter zu sein, dichter Nebel bedeckte den Garten und verhüllte die umliegenden Gebäude. Sie wollte ihrer Mutter nichts von Lena's Zustand sagen, bis sie sich überzeugt, welche Wirkung der Schlaf auf diese ausgeübt habe. Jetzt hörte sie Sara den Frühstückstisch zurecht machen und kurze Zeit nachher vernahm sie auch schon die Schritte ihrer Mutter unten im Hause. Da öffnete Lena die Augen. Sich auf den Ellenbogen stützend, blickte sie befremdet, sich in Bertha's Zimmer zu befinden, umher. Dann erinnerte sie sich plötzlich und sagte: „Bist Du hier, Bertha; ich hatte einen bösen Traum in vergangener Nacht. Habe ich nicht schrecklichen Unsinn gesprochen?" „Wie fühlst Du Dich heute Morgen?" frug Bertha, zu ihr hintretcnd. „Geht's Dir besser? Du willst wohl hier oben frühstücken?" Lena griff diese Idee bereitwilligst auf. „Ja, sei so gut und bringe mir den Kaffee herauf. Ich bin aber wieder ganz wohl. Bitte, denke nicht mehr an das, was ich Dir sagte und sprich auch nicht mit Mama darüber. Entschuldige mich bei ihr, daß ich nicht herunterkomme, ich habe Kopfschmerzen und möchte deshalb noch etwas ruhen." „Wenn Du wirklich besser bist, so ist ja kein Grund vorhanden, Mama zu ängstigen. O Lena, wie hast Du mich erschreckt!" „Stille, wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Sehe ich sehr krank aus?" Die dunkeln Linien unter den Augen, sowie ihre außergewöhnliche Bläffe, verriethen deutlich die stattgehabte Aufregung. „Du stehst allerdings nicht sehr blühend aus. Ich will Dir Dein Frühstück holen, Bleibe nur ruhig zu Bette, Niemand soll Dich stören." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wahrheit, o suche sie! Bewahre sie Auch dir! Die Lüge trübt der Seele Glanz, Wie schon ein leiser Hauch den Spiegel trübt. Der Schein, und wär' er auch des Guten selbst, Raubt mehr dir, als er gibt, verdunkelt dich; Indem du blendest, wird dein Auge blind. Ungeduld ist nicht Stärke, Geduld nicht Schwäche; vergiß nie: Größeres als die Gewalt hat die Geduld oft erreicht. Kennst du die Acolsharfe? Sie tönt beim leisesten Windhauch; So auch, leise berührt, braust die Empfindlichkeit auf. Suche den Frieden in dir, kein Sturm dann wird dich berühren, Und du stehst wie ein Fels mitten im brandenden Meer. Leihe Gehalt und Werth der kurzen Spanne des Lebens; Jeder verlor'ne Moment klagt der Verschwendung dich an. Senke dein Wollen stets in die Quelle des Guten, du machst dann All' dein Thun zum Gebet, und dein Gebet wird zur That. F. Beck. Bei den Gemsen auf der« Krottenkovf. (Schluß.) Lange haftete unser Blick auch an dem tiefen Felsenthale, das sich unmittelbar zu unseren Füßen gegen Osten ausbreitet und an Schauerlichkeit und wildromantischem Aussehen nichts zu wünschen übrig läßt. Eine öde Stille herrschte im Theile, nur zuweilen unterbrochen durch das Krächzen der Raubvogel oder durch rollende Steinchen, die unter den Füßen der flüchtigen Gemsen in Bewegung kommen und in die Tiefe stürzen. Tannen- und Laubwälder umkränzen dasselbe. Der Herbst treibt bereits sein Spiel mit den Blättern, und wie in rothem Kleide erglänzten die Zivergbuchen zwischen den dunklen, pyramidenförmigen Wettertannen, von denen ellenlange Bartflechten herabhängen, die letzte Zuflucht der Gemse-in Wintersnoth. Dort ragt ein abgestorbener, granschimmernder Gipfel aus seiner lebensfrischcn Umgebung empor; der Sturm hat ihn abgebrochen und den Stamm zerrissen, aber die munteren Aeste haben sich als selbst- ständige Bäume um den morschen Mutterstamm aufgerichtet. Es ist eigenthümlich schön auf dem Gipfel des Krottenkopf's. Wie eine große Kirche liegt die Welt, die schöne, weite Welt vor uns ausgebreitet. Die Berge bilden die mächtigen Pfeiler, auf denen das colossale Gewölbe des blauen Himmels ruht. Die Wolken sind der Weihrauch, der dem Ewigen zu Ehren aufsteigt; Stnrmgeheul ist das Orgelspiel, Donner und Winde geben das Glockengeläute, das Brausen der Wasserfälle und das Lispeln der Bäume, es ist ein ewiges Psalmcngcbct, das wiederhallt durch die Thäler, so daß, wie der Psalmist sagt, ein Abgrund dem andern zuruft. Zum Schutze gegen Frost und Winde ist auf dem Gipfel eine kleine Unterstands Hütte errichtet, in welcher prächtige, von einem Mitglied des Alpcnvercins geschenkte Karten zur Orientirnng des Touristen bereit liegen. Jn's Fremdenbuch haben sich seit Anfang Juli etwas über 200 Personen aus aller Herren Länder eingezeichnet. Die meisten derselben haben den prächtigen Bergkcgcl von Eschenloh aus bestiegen; doch auch von Partcnkirchen aus erfordert die Besteigung des Krottenkopf's nur einen einzigen Tag, selbst wenn mau den Weg durch die im heurigen Sommer eröffnete ^aukensck'lucht und den Eckcnberg nehmen wollte. Man wird nicht leicht den Berg besteigen, ohne auf Gemsen zu stoßen. Denn mit großer Sorgfalt werden die Thiere, welche in früherer Zeit durch die Vertilgnngs- sucht des Wildschützen und wohl auch durch die schwierige Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gemsen an Zahl sehr vermindert wurden, sowohl von den bayerischen wie herzoglich nassauischen Forstleuten gehegt und geschont. So sind sie im Laufe der letzten zehn Jahre wieder ziemlich zahlreich geworden, und während man selbst in Tirol mit Ausnahme des Zillerthalcs, wo sie Fürst Aucrsperg besonders pflegte, nur selten einem Rudel von 12 Stück begegnet, sind im Eschenloher, Partenkirchner und Mitten- walder Gebiet selbst Heerden von 20 und mehr Thieren keine Seltenheit mehr. Besonders zahlreich sind die Gemsen auf herzoglich nassauischem Jagdgebiete, auf der in der Nähe des Werner und der Soicnspitze gelegenen Vereinsalpe, einer vielbekannten prächtigen Berghöhe, auf welcher vor mehreren Jahren ein herzogliches Jagdschloß mit mehreren hiuzngehörigen Gebänlichkeiten durch eine Lawine verschüttet und zerstört wurde. Begreiflicher Weise läßt sich, nicht mehr wie früher von einem eigentlichen „Gemsen- jägcr" reden. Rudolf Bläst und Manuel Walcher, zwei Gemsenjäger, von denen ersterer während seines Lebens 675, letzterer 458 Gemsen schoß, gehören der Vergangenheit und dem Schweizergebirge an. Nur selten trifft es sich, daß der Jäger vom Aufsichtshaus auf dem Esterbcrg zur Lcibesnnterhaltnng sich einen Gemsbock vom Krotten- kopf herunterholt. Dann bricht er bei der ersten Morgendämmerung auf, um noch vor dem hellen Tage in's Gemsenrevier zu kommen. Genau bekannt mit den Weideplätzen und den Sulzen, (d. h. den Salzleckplätzen) der Thiere, sucht er ihnen je nach der Wndrichtnng von oben oder von der Seite beizukommcn. Ist er denselben nahe gerückt, — 759 — so postiri er sich hinter einem Felsen, um von hier Ausschau zu halten. Hat er dann Thiere erspäht, so versucht er sich ihnen auf etwa 100 Schritte zu nähern, indem er vorsichtig vorwärts geht und jedes Geräusch vermeidet. Jetzt hat er ein Thier iu Schußweite, das Gewehr wird angelegt, dann einen Moment gezielt, ein leises Knacken des Hahnes, eine secundeulange Pause, und donnernd wiederhallt der Schuß in den Bergen. Die Gemsen jagen in wilder Flucht davon, daß die Steine und Kiesel iu die Tiefe rollen, das getroffene Thier springt hoch empor. Ein kräftiger Jodler erschallt, es ist der Jäger, der freudig seiner Beute zueilt, sie ausweidet und dann zu Thal trägt. Zur Genisenjagd gehört also ein sicheres Auge und eine ruhige Hand, denn ein angeschossenes Thier ist für den Jäger so viel wie verloren, da es noch Stellen zu erreichen sucht, die dem Menschen unzugänglich sind, wo es dann verendet und eine Beute der Adler wird. ----- Mit sinkendem Tage verließen wir das Gcmsrevier wieder. Noch weideten scheulos in der Thalmulde zwischen dem Krottenkopf und dem Bischof die Gemsen, die wir beim Hinaufsteigen zuerst zu Gesicht bekommen hatten, lind selber rannten wir der flüchtigen Gemse vergleichbar den Berg hinab und nach guten zwei Stunden schon saßen wir traulich in Partenkirchen beisammen. Später einmal hatten wir in fröhlicher Gesellschaft unsere Beobachtungen iu der Welt der Gemsen mitzutheilen. Manch Abenteuer, auf der Gemsen- jagd erlebt, wurde nun am Tische erzählt, manch Jägerschwank zum Besten gegeben. Und wißt ihr auch, sprach ein alter, liebenswürdiger Herr, die Geschichte von jenem Wildschützen, der am heiligen Charfreitag auf der Gemscnjagd von einem Förster überrascht wurde. Es war droben am Karwendel. Da saß er hinter einem Felsen auf der Passe, und bekam keine Gemse, aber einen Förster z» sehen, der ihn rücklings überraschte und aufforderte, sein Gewehr abzulegen. Gemüthlich erhob sich der Wilderer, und indem er seine Waffe auslieferte, sprach er mit mahnender Stimme zum Jäger: „Aber Jaga, net amal hcunt gehst in d' Kirch'!" Es ist eiu eigenes Volk, das Volk der Berge! So nehmen wir denn hicmit Abschied von den Gemsen des Krottenkopf's und voui schönen Loisachthal überhaupt. Es ist eiu prächtiges Stück Erde, das wir mit heranrückendem Winter verlassen mußten. Geb's Gott, daß wir mit den Lerchen des Frühlings wiederkehren und einige Zeit im reizenden Partenkirchen und unter seinen lieben Bewohnern zubringen dürfen! So prächtig und wahr sang ein Verehrer der schönen Landschaft im Februar 1883: Partenkirchen! Welch Reiz liegt doch in den wenigen Silben, Immer zog's mich zu dir, du Perle der bayrischen Alpen. War es zur Zeit, wo der Lenz die ersten Knospen getrieben, War es, wenn tropische Gluth schmolz von den Bergen den Schnee, Oder wenn herbstlich gefärbt das Laub sich an Ahorn und Buchen, Oder wie jetzt, wo die Flur decket ein winterlich Kleid. Ewig bleibst du schön! Am 21. Oktober 1883. Der rechte Glaube. Wollt ihr Gutes, habt ihr auch den Frieden! Glanbenszwiste wären längst entschieden, Faßt man nur stets das Ziel in's Auge: Gottes Reich zu gründen schon hienicden. Was uuS trennt, ist sicher nicht das Wahre, Doch man kramt mit Silben, spaltet Haare, Setzet Mücken und verschluckt Kamcelc, Macht Gerades schief und trübt das Klare. Willst du prüfen, wo der rechte Glaube Sich dir nahe gleich der Friedenstaube, Hör' den Meister! Forsche nach den Früchten; Denn von Dornen liest man nicht die Träubel F. Beck. 760 Himrnelsscha» im Monat Dezember. — >. Venus 9 zeigt sich gegen Ende einige Zeit als Abendstern im SW. Mars F läuft im Löwen vorwärts, kommt 9 Uhr Abends über den nordwestlichen Horizont, erreicht schon nach 4 Uhr früh den Meridian und steht am 18. nördlich vom Monde. Jupiter H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends im Krebse und steht am 16. nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 7., 8., 14., 16., 21., 23., 24., 30., 31.; der zweite am 2., 9., 16., 23., 26.; der dritte am 7., 14., 22., 29.; der vierte am 12., am 28. Saturn H geht auf zwischen 4 Uhr und 2 Uhr Nachmittags, kommt zuletzt schon 10 Uhr Abends zur Culmination und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 13. früh 2 Uhr wird Saturn vom Monde bedeckt. Der Durchmesser der Saturn-Kugel beträgt 18, die Durchmesser der Ringaxen 46 und 20 Bogenscknnden. Mise eilen. (Heiteres Erwachen.) Ein Gymnasiallehrer, dessen Vortrage sehr gründlich, aber etwas weitläufig waren, pflegte, vielleicht im dunkeln Bewußtsein, letzterer Eigenschaft, dieselben ab und zu durch einen Witz eigener Fabrik zu würzen, und die Schüler hatten ihm bald abgemerkt, daß er es übelnahm, wenn über solche Witze nicht gelacht wurde. Eines Tages, als er eben wieder begonnen hatte vorzutragen, sagte ein Schüler leise zu seinem Nebenmann: „Du, ich schlafe ein bißchen! wenn er einen Witz macht, so gieb mir einen Stups." Und somit ergab er sich dem Schlaf eines Gerechten. Zufälligerweise würzte der Herr Professor aber heute seine Rede nicht, sondern unterbrach sie nur, um Fragen zu stellen. Als er zur Beantwortung einer solchen den Namen des selig Schlammerden anrief, gab dessen Nebenmann ihm einen heftigen Stups in die Seite. Er wurde jählings wach und brüllte los: „Ha! Ha! Ha! Ha!" (Im Lande der Mormonen), in Ütah, wollte ein Engländer einen Vorirag halten und einen dazu passenden Saal miethen. Man wies ihn an einen Mann, der im Besitz eines solchen war und sich dazu bereit erklärte. „Wie viele Familien", fragte der Reisende, „faßt der Saal?" — „Hm!" war die Antwort, „ungefähr nenn Familien." — „Was? Nicht mehr? Das wird nicht genügen. Wie viel Personen rechnet Ihr denn auf die Familie?" — „Nun, vierzig bis fünfzig natürlich." — „Ja, dann!" (Zu anspruchsvoll.) Ein Heirathsvermittler bietet einem Ehestandskandidaten eine Partie an, welche dieser ansschlägt. „Sagen Se mer doch, was machen Se für Ansprüche an e' Frau?" fragt Ersterer. „Ich will haben eine Frau," entgegnete der Andere, „erstens mit viel Geld, zweitens muß sie schön sein, drittens gebildet und viertens aus guter Familie." — „Haißt e'Geschäft," sagt der Heirathsvermittler, „wissen Se, daraus mach' ich mindestens vier Particen!" (Aus der Dorfschule.) Es ist erschrecklich, wie realistisch in dieser Zeit des Dampfes selbst die Kinder sind. Diktirt da neulich ein ehrsamer Dorfschnlmeister seinen Buben unter Anderem den Satz: „Lconidas kämvfte mit den Seinen bis zum letzten Athemzug." Und wie er die Sache nachsieht, bemerkt er zu seinem Erstaunen, daß sich Peter, des Bahnwärters Sohn, die Sache ganz anders vorgestellt hat. Der Junge hatte geschrieben: „Lconidas kämpfte mit den Seinen bis zum letzten Nbendzug." (Amtsstiel.) Auf einer Bastei war bis vor Kurzem noch folgende Weisheit zu lesen: „Den Gästen wird das Einschneiden ihrer Namen in Tische und Bänke gehorsamst untersagt; zu diesem Zwecke ist das Fremdenbuch vorhanden." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr. Nr. 96. 1883. »m „Äugstzurger KojiMung." Samstag, 1. Dezember Der GpatrLng. Roman aus dem Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Erst gegen ein Uhr, die Zeit, wo Faucourt in der Regel seinen Besuch machte, begab sich Lena hinunter. Aber es schlug eins und er erschien nicht. Stunde auf Stunde verging und er kam nicht. Weder Mrs. Dalton noch Lena fiel seine Abwesenheit, die sie dein Uebermaß der Geschäfte zuschrieben, airf. Bertha allein fand es beunruhigend. Bei jedem Geräusch fuhr sie erschreckt, von bösen Ahnungen ergriffen, zusammen. Es war ihr kaum möglich, den Befehlen ihrer Mutter die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Gegen halb zwei Uhr trat Sara in's Zimmer, wo die Damen, von dem Brautstaat umgeben, beisammen saßen und meldete, eine junge Person sei in der Küche und wünsche Miß Lena zu sprechen. „Sie ist ganz außer Fassung, will aber ihren Auftrag nur au Miß Lena selbst ausrichten." „Mich wünscht sie zu sprechen? Wie sonderbar!" Aber schon bald kehrte Lena hastig zurück und sagte: „Das ist eine seltsame Geschichte, Mama, ich verstehe sie nicht. Ihre Herrin sä sterbend und schicke deshalb nach mir, da sie mich in wichtiger Angelegenheit zu sprechen wünsche. Sie könne eher keine Ruhe finden, da sie die Dame sei, welche den Opalring besitze." „Den Opalring? Mein Himmel!" rief Mrs. Dalton aus. „Habe ich nicht immer gesagt, er würde noch einmal zum Vorschein kommen? Die arme Frau! Vermuthlich hat sie Gewissensbisse und nun, wo sie erfahren, daß der Ring Dir von Rechtsweg« zukommt, will sie ihn Dir lvahrscheinlich übergeben. Geh' zu ihr hin, mein Schatz. Wohnt sie weit von hier?" „Ja, in der Nähe von Box-Hill in Surrey." „Du lieber Himmel, wie unbequem! Ich kann unmöglich mit Dir gehen", fuhr sie verdrießlich fort. Den Hock^eitSkuchen sowie den Brautkranz und die weißen Handschuhe muß ich heute noch bestellen und gewiß kommen Sir Stephan und Lady Langley im Lause des Tages hierher; sie sind ja schon seit gestern Abend in der Stadt." „Eigentlich weiß ich nicht recht, ob ich hingehen soll oder nicht", sagte Lena; «es ist kein großes Vergnügen, eine Sterbende auszusuchen." Bertha, welche sich bis dahin schweigend verhalten hatte, kam es vor, als ob das, was fie den ganzen Tag über erwartet, hierdurch in Erfüllung gehe. „Oh, ich bitte Dich, gehe hin, — wer weiß, wieviel davon abhängt! Mama, dürfte ich Lena nicht begleiten? Ich kenne den Weg hinlänglich, da ich ja früher in bvrtiger Gegend Unterricht ertheilte. Wir wollen zusammen hinfahren, Schwester." In ihrer Erregung war sie v'on ihrem Stuhle in die Höhe gesprungen. 762 „Weshalb regst Du Dich so darüber auf? Dazu ist doch kein Grund vorhanden", eutgegnetc Lena, noch immer unentschlossen. Doch der Wunsch, in den Besitz des echten Ringes zu gelangen, trug den Sieg davon. „Nun, wenn Bertha mit Dir geht, so habe ich nichts dagegen einzuwenden: es wäre freilich jammerschade, wenn Du den Ring nicht erhieltest. Ich hoffe nur, Du nimmst ihn besser in Acht, als Bertha dies that. Was soll ich aber dein armen Mr. Fancourt sagen, wenn er hierher kommt." „Der arme Mr. Faucourt wird sich trösten müssen", erwiederte Lena mit verächtlicher Miene. „Ja, ich will hingehen, komm Bertha!" „Auf der Stelle werde ich Dir folgen; ich bin doch noch gleichzeitig mit Dir fertig", antwortete diese und begab sich zur Küche, um das Mädchen, welches noch immer weinte, näher auszufragen. Außer der bestimmteil Angabe des Wohnortes erfuhr sie auch, nichts Näheres von ihr. Mau habe ihr befohlen, Miß Dalton zu ersuchen, sie zu begleiten, gab sie an; mehr konnte oder wollte sie nicht sagen. Nachdem Bertha die alte Martha beauftragt hatte, dem Mädchen eine kleine Stärkung vorzusetzen und Sara befohlen, eine Droschke zu holen, ging sie zu Lena hiirauf. Als der Wagen an der Thüre hielt, waren die Schwestern reisefertig; sie stiegen mit der Fremden ein und fuhren eiligst zum Bahnhofsgebäude. E i n u n d d r e i ß i g st e s Capitel. Lord Alphington stand im Begriffe, nachdem er für seine Gäste Sir Stephan und Lady Langley die Equipage geordnet hatte, sich in sein Bibliothekzimmer zurückzuziehen. „Ich habe keine Lust, mich den ganzen Morgen, von meiner alten Frau, am Gängelbande herumführen zu lassen", sagte Sir Stephan, „und werde bald wieder zurück sein. Den Dalton's können wir nach dem zweiten Frühstück unseren Besuch machen. Wo steckt ihr Juwel von Enkel? Es ist doch auffallend, daß er gar nicht zum Vorschein kommt." „Ja, sehr auffallend; ich erwarte ihn schon gestern Abend. Wahrscheinlich hat er sich direct nach Joy Cottage begeben." Sir Stephan schritt, seine Gattin erwartend und ein Seemannsliedchen vor sich hiu summend, im Frühstückszimmer aus und ab. Lord Alphington schloß die Thüre. Fast beneidete er den alten Herrn seines guten Humors wegen. „Er hat aber auch nicht alles verloren gleich mir", rief der Earl schmcrzerfüllt aus, als seine Augen auf dem Portrait des Sohnes haften blieben. Der Aufenthalt in der Stadt sagte ihm nur wenig zu. Um politische Angelegen Heiken kümmerte er sich nicht mehr und die Klatschgeschichten der Clubs hatten für ihn kein Interesse. Die ländliche Ruhe stand mehr im Einklang mit seinem traurigen, durch Unglücksfälle unterjochten Geiste und der arme alte Mann fand seinen einzigen Trost darin, das Wohl seiner Untergebenen zu fördern und den Armen nach Kräften bei- zustehcn. Seiner gewohnten Ordnung gemäß, setzte er sich an den Schreibtisch, um seine Correspondenzcn zu erledigen. Hiermit fertig nahm er die „Times" zur Hand. ES war kalt draußen. Grauer Nebel lag auf der Stadt: er schauderte zusammen und rückte Näher an's Feuer. Nachdem er die Zeitung dnrchgelesen, blickte er auf die Uhr, da er Sir Stephan zurückerwartete. Anstatt seiner trat der Kellermeister ein und meldete, Mr. Thomson bitte seine Lordschaft um eine geheime Unterredung. Ueberrascht befahl Lord Alphington den Rcchtsanwalt sofort zu ihm zu führen. Dieser stürzte in solch verwirrtem Zustande in's Zimmer, als ob er eben einen derben Schlag erhalten habe. 763 „Um des Himmels willen, Thomson, was ist passirt?" rief der Carl erschreckt über das Ansschcn seines Geschäftsführers aus. „Mylord, ich weiß keine Worte zu finden, um mich Ihnen verständlich zn machen", begann Mr. Thomson, dankend den Stuhl einnehmend, welchen der Earl ihm anbot. Zu meinem größten Bedauern und meiner Schande muß ich bekennen, daß wir auf großartige Weise hintergangcn und überlistet worden sind und zwar von dem vollendetsten Böscwicht, den die Erde trägt! So etwas hat sich noch nicht ereignet seit Thomson und Cratchit eine Firma bilden — und das war zur Zeit, meines Großvaters und Mr. Cratchit Großonkels." Er hielt einen Augenblick inne, um Athem zu schöpfen. Bitte erklären Sie sich, Sie haben mir etwas Unangenehmes mitzutheilen. Reden Sie nur, ich bin auf schlimme Nachrichten gefaßt." Ja, es ist so, Mylord. Der junge Mann, welchen wir als Mr. Fauconrt empfingen, hat kein Recht auf diesen Namen; er ist ein Betrüger, ein — dem Willen nach, ein Mörder! Dem Himmel sei Dank, daß Sie nicht als Opfer seiner geheimen Ränke gefallen sind", rief Mr. Thomson, von seinen Gefühlen überwältigt, aus. Einige Augenblicke starrte ihn der Earl unverwandt an, als ob er befürchte, der gute Mann habe den Verstand verloren. „Was sagen Sie da? Höre ich recht? Wie kann das sein? Haben Sie nicht die Beweise geprüft? Sie schienen doch alle richtig zu sein, als Sie mir dieselben vorlegten." „Mylord, ich hatte sie genau untersucht; die Papiere sind alle gültig, nur wurden sie uns durch den unrechten Mann zugestellt. Es ist jetzt klar erwiesen, daß sie gestohlen waren." „Barmherziger Himmel! Wann ist dies entdeckt worden?" „Der rechtmäßige Mr. Fauconrt, welcher unter dem Namen St. Lawrence —G „St. Lawrence?" unterbrach ihn Lord Alphington. „Ist es ein Maler? Sahen Sie ihn?" „Er ist derselbe", bcstättigte Mr. Thomson, erstaunt über das ungestüme Benehmen des Earl. — Ich habe ihn noch nicht gesehen." „Aber ich; erst gestern sah ich ihn. Er ist das Bild meines verlorenen Sohnes. O Gott, was gäbe ich darum, daß dies wahr sei. Jedoch war er noch zu verwirrt, um alle die Veränderungen welche diese Entdeckung mit sich brachte, vollständig begreifen zu können. „Erzählen Sie mir die einzelnen Umstände", sagte er nach einem kurzen Schweigen, welches Mr. Thomson nicht zu unterbrechen wagte. „Erzählen Sie mir Alles, was Sie wissen." „Wie es scheint, war St. Lawrence, ich darf ihn wohl einstweilen noch mit dem Rainen, welchen er sich selbst beigelegt hat, bezeichnen — in der Absicht von Amerika hierher gereist, um Ihnen die Beweise seines Gcburtsrechtes vorzulegen. Unterwegs wurde ihm die Schatulle, welche dieselben enthielt, durch einen kleinen Franzosen, Pierre Lemout, auf Anstiften Scdlcy's gestohlen. St. Lawrence setzte gleich nach seiner Ankunft sofort die Polizei .in Kenntniß und ein gewandter Geheimpolizist verfolgte die Sache. Als Sie die Anzeige von dem verloren gegangenen Ringe machten, glaubte man, dieser geringere Dicbstahl werde zur Aufdeckung des größeren beitragen und vertraute die beiden Fälle demselben Manne an. Diese Vermuthung hat sich als richtig herausgestellt — die ganze Geschichte ist vermittelst des Ringes an's Tageslicht gekommen." „Aber als Sedleh Ihnen die Beweise überbrachte und öffentlich den Namen Fan- court annahm, mußte St. Lawrence doch wissen, wer der Dieb sei", wandte Lord Alp- hington ei». „Gewiß wußte er das, Mylord, aber wie hätte er beweisen können, daß er bc- stohlcn worden sei, daß er überhaupt je diese Papiere besessen habe? Die beiden junge» Leute sind Vettern im gleichen Alter und auf denselben Namen „Eustace Sedley" getauft. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß Mr. Faucourt in Amerika nach seiner Berheirathnng den Namen seiner Frau führte; aus welchem Grunde er dies that, wird man wohl jetzt nicht mehr in Erfahrung bringen können." „Ich errathe ihn", sagte der Earl seufzend. „Bitte, fahren Sie fort." „In Folge dessen hieß also auch der Sohn Eustace Sedley. Der Mensch, welcher uus diesen schändlichen Streich gespielt hat, ist der Sohn eines Bruders von Mr. Fau- court's Gattin." „Woher wissen Sie dies Alles?" frug der alte Herr, sich noch immer fürchtend, dem Gehörten Glauben zu schenken." Riggs, der Geheimpolizist, welchem, wie ich eben erwähne, beide Sachen übergeben worden waren, verkleidete sich und bestach den Diener Sedlcy's, dessen Stelle er übernahm", fuhr Mr. Thomson in seinem Berichte weiter fort. „Wie Sie sehen, Mylord, wußte Riggs ziemlich genau, mit welchem Manne er beginnen müsse und er hatte ebenfalls den schlauen Verdacht, daß der Bursche, welchen Miß Bertha Dalton als den Eigenthümer des Ringes beschrieben, auch den größeren Dicbstahl verübt haben müsse. Deshalb versuchte er, Näheres über ihn in Erfahrung zu bringen und hierzu benutzte er den Diener der Mrs. Sedley. „Mrs. Sedley? Von wem sprechen Sie nun?" „Von der Frau dieses Sedley, Mylord; er heirathete eine hübsche Französin, Julie Lemont, Schwester dieses Pierre, welcher zur besseren Aufklärung des Falles viel beitrug, indem er zuerst den Opnlring stahl und denselben dann wieder verlor." „Verheirathet?" stieß Lord Alphington entsetzt hervor. „Und das hübsche Mädchen Hjiß Dalton sollte geopfert werden!" „St. Lawrence und Riggs waren übereingekommen, wenn die Verhaftung nicht frühzeitig genug erfolgen könnte, gemeinsam aufzutreten und wenigstens das Aufschieben der Hochzeit zu veranlassen. Mr. St. Lawrence wußte nicht, daß sein Vetter verheirathet sei, sonst würde er die Verlobung mit Miß Dalton sofort rückgängig gemacht haben; aber wie ich Ihnen sagte, Mylord, hörte Riggs durch den Diener der MrS. Sedley, wo jener Pierre sich aufhalte. Die Polizeibehörde telegraphirte nach Frankreich, Lemont wurde verhaftet und hat schon seinen Antheil an dem Diebstahlc eingestanden. Nun kommt noch der schlimmste Theil meines Berichtes. — Diese Mrs. Sedley ist eine leichtfertige Person ohne alle Grundsätze; jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daß sie bei diesem Bösewicht von Gatten ein jammervolles Leben geführt haben muß. Als Sedley Miß Dalton zuerst erblickte, verliebte er sich, wie es scheint, in sie, und beschloß daher, fein Weib bei Seite zu schaffen, um sie heirathen zu können. Zuerst versuchte er es, sie zu überreden, das Land zu verlassen, und da sie sich entschieden weigerte dies zu thun, vergiftete er sie." „Er vergiftete sie?" wiederholte Lord Alphington, auf's Tiefste erschüttert. „Darüber herrscht gar kein Zweifel mehr. Riggs verhütete das Gelingen dieses Berbrechens. Sedley hatte die Wirkung des Giftes an seinem Jagdhunde versucht und da Riggs etwas Derartiges vermuthete, brachte er den Hund zu einem Thierarzte; dort wurde er getödtet, untersucht und das Gift constatirt. Die Flasche Medizin sowie der Branntwein, welchen Sedley seiner Frau gab, enthielten dasselbe Gift. Es gibt für den Elenden keine Ausflucht und Rettung inehr. Gestern Abend wurde er wegen Betruges und Vergiftungsversuches auf der Eisenbahnstation verhaftet und befindet sich nun in sicherem Gewahrsam." (Fortsetzung folgt.) 765 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. * Bor vierzig Jahren, als ich schon daran war, zmn Gymnasium meiner bischöflichen Vaterstadt „aufzusteigen", dachte man noch kaum an Gymnastik selber. Niemand hat uns auch gesagt, daß Gymnasium eigentlich ein Institut sei, in welchem nach dem Muster der alten Griechen, von denen wir doch den Namen entlehnten, eigentlich die Pflege des Körpers znr Bildung, Schönheit und Stärkung des Leibes gepflegt werden sollte. Wir hätten auch kaum Etwas von der Kalokagathta der Athener d. i. der körperlichen und geistigen Schönheit der Gricchenjnnglinge gewußt, wenn nicht Halm's griechisches Ucbersctzungsbuch einen ähnlichen Sah gebracht hätte. — „Die Quelle und Wurzel der Kalokagathic ist die Erziehung", lautete der erste Satz in genanntem Buche. Uns war das Gymnasium nicht der lichtvolle Spielplatz zur Körperübuug, sondern ein massiv viereckiges, dreistöckiges, dunkles Quaderstein-Gebäude, in dem uns die Herren Professoren das -r nrc» ^ rc. eintrichterten oder uns mit den Dietrichen der mathematischen Wissenschaften d. i. den Ziffern » b a rc. die pythagoräischen uud andern Euclid'schen Lehrsätze in's jugendliche Gehirn einzubohren sich bemühten. Und die Reden des Demosthcnes und des alten Homers Jlias, wie schwer wurden sie unter Seufzern verdolmetscht in harkgcbrochencin Deutsch, wenn wir von dem lichtblauen, hellenischen Himmel träumend in unserer finsteren Schnl- stube den dumpfen Odem der nachbarlichen „Fcuergasse" ciuschlürfteu. — OI hätte ein Lucian oder Solon unser „Gymnasium" sehen können! — Welch' ein Pcnthatloul — Als wir noch jünger waren und noch die Elementarschule besuchten, thaten wir uns mit der wirklichen Gymnastik schon leichter, ohne das Wort noch gekannt oder verstanden zu haben. Die mit Kastanienbäumcn besetzten Hügel hinter unserer Schule am I.. berge waren unser Lieblingstummelplatz und ohne noch etwas von der Gesundheitslehre des Apostels und Natnrarztes Rikli zu wissen, der im Barfußgchcn mit Recht viel Gutes findet und ohne den Fechtlchrer und Poeten Peter Henrik Ltugg auch nur dem Namen nach zu kennen, übten wir uns viermal des Tages inr Springen, Klettern, Wcttlauf, Ringen und dergleichen Künsten. Nicht selten freilich aus Kosten der Kleider! Wohl war dies keine regelrechte Gymnastik, — doch war sie wohlthuend und gesund zugleich. Und heimlicherweise, wenn Eltern und Verwandte ferne waren, übten wir uns auch im Barfnßlanfen und trugen die mit einer Schnur zusammengebundene Stiefel um den Hals, über beide Achseln geschlungen. In der Nähe unserer heimathlichen Herbergen zogen wir heimlich dies Schuhwerk wieder an den Leib, damit die durchaus mit solchem Gangwerke nicht einverstandenen Herrn und Frauen Eltern unser vorheriges Thun nicht entdeckten. An den Abenden führten wir um einen freistehenden Häufcrstock, dessen vier Ecken von einem Strumpfwirker, Schreiner, Feilcnhauer und Schiffer bewohnt waren, das Nachlauf- und Ver- stcckenspiel auf, wobei es vieler Gewandtheit der Füße bedurfte, um nicht ertappt zu werden. Wir aber liefen und schrieen und rannten jubelnd ohne Unterlaß. — Der alte Strumpfer schimpfte über den Lärm, wie ein invalider Profose und der schwindsüchtige, bucklige Schreiner verfolgte uns manchmal mit dein Maßstabe. — Hätten wir damals schon gewußt, daß der Hellene seine Götter die Freunde des Spieles nannte, wir hätten diesen griesgrämigen Spielfeindcn gewaltig die Meinung gesagt. - - Wir waren damals gesunde, frische, wenn auch mitunter noch kleine Knirpse, jedoch sind auch manche der damals laufenden und springenden Jnngcns geistig und körperlich große Männer, manche helle Lichter in Kirche und Staat geworden. Wir waren stolze, lateinische Geier. Da klopfte es eines Nachmittags an der Thüre unseres Schulzimmers. Der Pedell mit seinem grauen Schnurrbarte, — ein gewesener Wachtmeister — trat herein und rief: „Heute Abend um 5 Uhr wird geturnt!" — „Geturnt!" — welch' neues, welch' ein vielsagendes Wort, das uns seine 766 Bewegung auf der Wiese ii» Eichenwäldchen neben dem schönen Flnßnfcr in Aussicht stellte! - Es war ein schöner Iunitag! Das „Turnen" der Studenten war für die Bewohner meiner Vaterstadt damals eine neue Erfindung gewesen. — Ich ließ mir aber, noch bevor ich den Marsch nach dem eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernten, mit allen Reizen der jugendlichen Phantasie reichlich ausgestatteten, Turnplatz antrat, noch etwas an meinen Stiefeln ausbessern. — „Mein alter Schuster sagte: „Aha! heute geht's ja zum ersten Male zum „Turniere!"? Ja zum „Turniere", sagte ich, harrend der in Reparatur befindlichen Stiefel und der Turnicrkünste, die da kommen sollten. — Mir war fast ein wenig bange! Und unsere Bürgerschaft, wenigstens ein guter Theil derselben, hielt Turnier und Turnen für gleichbedeutend. Meine selige Großmutter aber behauptete, dies wäre wieder so eine neue Erfindung, um die Beinkleider unter besseren Ausreden, — gleichsam officiell würde man heut sagen, — zerreißen zu können. Der Turnplatz war erreicht, blank und nackt und ohne jedwelchc Vorrichtung. Die schon früher Angekommenen lagen singend und johlend im Grase. Wir wurden nun klassenwcise in Reih' und Glied auf dem schönen Plane aufgestellt und wie angehende Soldaten hin und her gejagt; rechtsum, linksnm! u. s. w. — Den Herrn Turnmeister spielte unser Pedell — von der schlimmen Jugend „Pudel" genannt. Dann brach ein Donnerwetter los. Durchnäßt bis auf die Haut kamen wir nach Hause. Dennoch war es da draußen recht schön gewesen, wenn auch die besorgten Mütter zankten ob der „dummen Prinzipien", die man jetzt auf den Schulen einführe, — die durchnäßten Kleider beklagten und H ollerth ec kochten, damit der junge Student von seinem ersten Turniere keinen Katarrh davon trüge. — Es war 20 bis 22 Jahre später. — In München hatten insbesondere viele meiner Bekannten aus den Künstler-, Studenten- und dergleichen Kreisen sich vielfach mit der Jahn'schen Turukunst beschäftigt und gingen daran, Vereine zu gründen. Die Debatten spielten im grünen Hofe! Als ich im Jahre 1861 für das Abendblatt der „Neuen Münchner" Zeitung unter der verantwortlichen Redaktion meines Landmauncs I. N. Vogel eine Studie über das „Ideal der körp erlichen Bew egun gen oder der Gymnastik der Hellen en" geschrieben hatte, da glaubte man der leibhaftige „Gottseibeiuns" wäre los. Man witterte manches Aufwieglischc, Feindliche in der Turncrei und der Wahlspruch „frisch, froh, fromm und frei" und die Erziclung körperlicher Jugendkraft war Vielen ein Dorn im Auge. Man hätte fast meinen können, ein hinterm Ofen hockender Krüppel wäre mehr werth wie zwei thatkräftige, muskelgeübtc Turner. Wieder sind mehr als 20 Jahre verstrichen. Wer heute die Zeitungsberichte über Tnruerfahrten, Turnerfeste, Tnrnerwettspiele, Turnerbälle u. s. w. liest, wird in dem Glänze der Turnerei von heute sich kaum mehr ein Bild von ehedem zu machen im Stande sein. Vor 40 Jahren hieß es: Vorwärts, rechtsum 1, 2, 3! — kehrt euch! rückwärts 4, 5, 6 bis 21, 22! — Vor 20 Jahren galten schon die für gymnastische Künstler, welche ein paar Arm- ober Kniewellen nach einander am Recke oder ein paar breite Sprünge am Barren ordentlich zu Stande brachten. Heute glaubt man bei den Turnproduktionen ein Steinschleudern, Wettsprünge, Klettern und dergleichen oft eine Abtheilung der indianischen Drachentruppe vor sich zu haben, die auf freistehenden und frcibalancircnden Leitern Serenaden, Flöten und Walzer geigen u. s. w. — Manche um des lieben Geldes oder Brodes halber sich produzirenden Acquilibristen müssen hinter vielen unserer Turnerhelden von heute zurückstehen. — Und auch ein 767 Herzog Christoph würde jetzt seines Gleichen iin Steinwcrfcn finden. — Das müßte gerade nicht sein und die Hellenen führten auch keine halsbrecherischen Kunststücke anf in ihrem Pentathlon. Aber Schaden bringen solche Leibesübungen für Den, der dazu gewüthet und geeignet ist, sicher nicht. Bedenken wir nur welch' hohen Segen und Nutzen der gliedergewandte, kühne und unerschrockene Steiger der Feuerwehr bringen kann und in Nothfällen wirklich bringt! Kühnheit und geistige Fassung müssen die Begleiterinnen derlei Turncr-Knnststücke sein, das Vertrauen auf diese gelenke Kraft ist zu gar Vielem und in manchen Gefahren gut und nütze. „Der junge Mann soll und mutz sich körperlich üben, er muß turnen'', — ist ein heute Gottlob! allerwärts anerkannter pädagogischer Grundsatz, damit „in der schönen Form die schöne Seele" die Kalogathia d. i. die Güte und Schönheit der klassischen Alten sich voll und ganz zu entwickeln im Stande sei. Darum betete auch der Spartaner znm Zeus: „Gib uns zum Guten das Schöne d. i> znr geistigen, idealen Schönheit das körperliche Wohlbefinden!" — und der Bittende ward erhört vom mächtigen Gotte. — Man glaube aber ja nicht, daß die Tnrnerei oder Gymnastik erst eine Erfindung der klassischen Völker gewesen. Die Gymnastik d. i. die Nebnngcn des Körpers und zwar sowohl die, welche dazu bestimmt sind, den Körper abzuhärten und vor Krankheiten zu schützen, wie auch die, wodurch man körperliche Leiden zu heben suchte, sind so aIt, als das Menschengeschlecht mit all seinen Gebrechen des Körpers selber. Die Hauptbchandlnng der Krankheiten, welche bei den früheren, noch im Naturzustände lebenden Menschen nicht so complizirt und intensiv wie heute waren, bestand in einer mehr äußerlichen wie dies heute noch bei den Negern an der Goldküste und anderer Nationen der Fall ist. Hat man ja auch bei uns in der jüngsten Zeit wieder znr sogenannten Massage d. i. der alten Muskelknctnng, Klopfung und dergleichen gegriffen und hicdnrch vielfach die schönsten Heilungen erzielt. So bedienten sich schon die Inder und Aegypter, die vorzugsweise ersten Kulturvölker des Alterthums der mechanischen Einwirkungen — einer Art Massage bei Krankheiten. Von den Acgyptcrn empfingen die Griechen ihre Cultur und bei diesen erreichte die Gymnastik ihren Glanzpunkt. Die griechischen Gymnasien waren genaue.Kenner des menschlichen Körperbaues. Von diesen „Gymnasiasten" ließ man sich ebensowohl von Krankheiten heilen, wie sich körperlich ausbilden und vor Kranksein bewahren. Schon Hippocrates, der Altvater der rationellen .Heilkunde, sgwie G a l c n u s (im zweiten Jahrhundert nach Christus) schrieb sogar eine Abhandlung über den diätetischen Nutzen der Körperbewegungen. Bei den Römern war es Aselcpiades, 100 vor Christus, welcher der gymnastischen Heilkunde eine bestimmte Grundlage gab, anf welcher Arown, Lingg und Andere weiterbantcn. Später war es Celsus, der mit Feuereifer die Gymnastik vom diätetisch heilenden Standpunkte aus empfahl. Mercnrialis Sydcn- ham im 17., Füller, Fissot im 18. Jahrhunderte, waren es, welche der Gymnastik wieder ihr volles Recht in der Heilkunde einräumten. — Die Gymnastik in ihrer Blüthezeit war nicht nur die wahrste Erzieherin, sondern anch der beste Arzt und die sicherste Bcwahrerin vor Krankheiten, ebenso das einzige und einfachste Mittel, Körper und G e i st gleichmä ß i g gesund zu erhalten. Die Vorbeugung vor Krankheiten d. h. deren Verhütung, die zehnmal einfacher und leichter ist als die Heilung wirklich vorhandener Leiden — bildet aber nicht nur den Hanptbcstandtheil der modernen Heilkunde in der sogenannten Hygieine, sondern 'wird auch vorzugsweise die Heilkunde der Zukunft sein. Schon Hnfeland 768 sagt in seiner Macrobiotik d. h. in der Kunst lange zu leben: „Wenn ich daS Natürliche (Physische) am Menschen beobachte, so behauptet Friedrich der Große, so kömmt es mir vor, als hätte uns die Natur mehr Zu Postillon' s als Ansitzenden Gelehrten geschaffen." — Dieser Ausspruch ist vollkommen wahr. Mechanische Arbeit ist aber eine der besten Körperbewegungen. Allzu oft aber findet der Mensch in der körperlichen Arbeit viel zu wenig Genuß und im Genusse allzn- tvcnig Arbeit. (Schluß folgt.) M i s e e H e 11. (Von der verschwenderischen Pracht,) welche am Hofe König Friedrich des Ersten herrschte, erhält man einen ungefähren Begriff, wenn man dem Bericht folgt über die Feierlichkeiten, welche am Berliner Hofe stattfanden, als der König im Mai 1700 seine Tochter mit dem Erbprinzen von Hessen verheiratete. Einen Mvuat fast dauerten die Hoffestc. Alle Kleider, welche dazu getragen wurden, waren aus Frankreich, die Tonkünstler, Sänger und Schauspieler aus Wien, Paris und Dresden verschrieben. Der Anzug der Braut kostete vier Millionen Thaler und wog einen Zentner, weßhalb sechs Kammerfränlein, die noch voll zwei Endelknaben unterstützt wurden, die Schleppe tragen mußten. Die Tafel, an welcher der Hof speiste, ward mit 500 Gerichten besetzt, und diese Besetzung geschah in einer halben Stunde, während welcher Zeit der Küchenmeister noch 86 andere Tafeln zn versorgen hatte, denn an so vieleil Tischen speisten die Gäste. Bei solcher Wirthschaft waren Steuern auf Steuern unvermeidlich. Blau besteuerte schließlich sogar die Perücken. Jeder Perückenträger mußte je nach Beschaffenheit der Perücke 6— 25 pCt. Steinpel zahlen. Ein Franzose hatte diese Abgabe gepachtet, und nicht selten kam es vor, daß Jemand auf der Straße angehalten und erst die Perücke, welche er trug, auf den Stempel geprüft wurde. Damals standen die Grafen Wartenberg, Wartenslebcn und Wittgcnstein an der Spitze des Staatswesens und im Stillen sagten die Brandenburger, mit Bezug auf die gleichen Allfangsbuchstaben dieser drei Namen: „Uns drückt ein dreifaches Weh!" (Ein Dokument fürstlicher Zechkunst.) Der Kurfürst Christian II. von Sachsen, ein gewaltiger Zecher, hatte den Herzog Heinrich von Braunschweig nach Gommern zum Trinkkampf eingeladen, war aber von diesem überwunden worden. Darüber berichtete ein Zettel, den man noch bis zum Anfang dieses Jahrhunderts an der Wand der kurfürstlichen Trinkstube in Gommern über den zum Gelage benutzten Tisch sah, in folgender Weise: „Anno 1605, den 6. Septem., haben allhier zu Gommern die Meißner zum Beschluß den Braunschweigischen entlaufen müssen und ihnen Keines mehr Bescheid thun können. Zur Wahrheit bezeuge ich Untengesctztcr mit meiner eignen Hand suff dato wie oben stehet. Henricns Julius, Hertzog zn Brannschweig und Lüneburg." („Endlich.") B. hatte seine Frau durch den Tod verloren, und sah dadurch einen buchstäblichen dreißigjährigen Krieg beendet. Am Tage nach der Beerdigung begegnet er einem lieben Freund, der außer anderen guten Eigenschaften auch die besaß, daß er bisweilen Verse machte. „Höre, guter Freund, du könntest mir irgend einen hübschen Vers, ein Epigramm, eine Strophe machen, um sie aus das Denkmal zu schreiben, welches ich meiner Frau setzen will." — „Nichts leichter als dies," sagte der Freund. „In solchem Fall, wie im vorliegenden, ist die kürzeste Inschrift stets die beste. Das Denkmal erhalte die Inschrift: ,Eudlickst." (Der sparsame Patriot.) Rentier A: Hatten Sie anläßlich des National- festes Ihr Hans auch beflaggt, Herr Doktor? Doktor B: Ei natürlich — ich ließ aus diesem Grunde meine — Wetterfahne neu lackircn. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag t«K Liternrischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr. Nr. 97. 1883. tur „Augsliirrger PostMnng." Mittwoch, 5. Dezeiuber Der Gpalring. Roman aus dnn Englischen von C. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington erhob sich aus seinem Sessel und trat an's Fenster; er war erregter, als er dem Rechtsanwalte zu zeigen wünschte; einestheils war es das Gefühl der Freude, diesen Menschen, der ihm so widerwärtig gewesen, von seinem Lebenspfad entfernt zu wissen und an dessen Stelle jenen Anderen, für welchen er schon jetzt ein so warmes Interesse fühlte, als Enkel begrüßen zu dürfen, aber auf der anderen Seite flößten ihm die schändlichen Verbrechen, welche dieser Mann, der für kurze Zeit seinen Nacken geführt, begangen hatte, ein unbeschreibliches Entsetzen ein und mit tiefem Mitleide gedachte er des unglücklichen Mädchens und ihrer so übel angebrachten Zuneigung für diesen Elenden. „Es wird ihr das Herz brechen, wie wird sie es ertragen können", und daun- wandten sich seine Gedanken der jüngeren Schwester zu und die Vermuthung, daß eine zärtliche Neigung zwischen ihr und St. Lawrence bestehe, tauchte wieder in ihm auf. „Wie wunderbar sich zuweilen die Ereignisse gestalten", setzte er seine Betrachtungen fort. — „Hätte nicht dieser Bursche zufällig den Ring in Bertha's Shawl verwickelt, so wäre das abscheuliche Complot nicht entdeckt worden und mein nobler Junge nie im Stande gewesen, sein Eigenthum zu beanspruchen. Gott segne ihn!" Er kehrte an's Fenster zurück und nahm seinen Sitz Mr. Thomson gegenüber wieder ein. „Ist Hoffnung für die Wiederherstellung dieser armen Person, Sedlcy's Frau, vorhanden?" „Wie ich glaube, ist sie noch nicht ganz aufgegeben." „Und der Opalring? Weiß man, wo er hingekommen ist? — Wer hatte ihn das zweite Mal gestohlen?" „Mrs. Scdley ahnte, da Miß Bertha Dalton sie besuchte, wo er zu finden sei, und bemächtigte sich seiner, um ihn nöthigenfalls als Beweis gegen ihren Gatten verwenden zu können. Dem Anscheine nach drohte sie ihm hiermit. Sie hat ein aufrichtiges Geständniß abgelegt. Der Ring befindet sich in den Händen der Polizei und wird Ihnen jedenfalls zurückerstattet werden." „Es freut mich, daß er wieder in den Besitz der Familie kommt. Aber noch eins ist mir unklar. Ich erhielt nie befriedigende Aufklärung von diesem Menschen Sedley, weshalb die Beweise nicht viel früher eingebracht wurden und warum man mir nicht vor Jahren mitgetheilt hat, daß mein Sohn einen legitimen Erben hinterlassen habe. Jetzt wundert es mich nicht, daß er mir diese Frage nicht genügend beantworten konnte. Können Sie es vielleicht?" „Nein, Mylord; ich habe Mr. St. Lawrence —^Mr. Faucourt, wie wir ihn wohl nennen müssen, weder gesehen noch schriftlich mit ihm verkehrt. Niggs kam heute 780 Morgen mit der Nachricht der Entlarvung und Verhaftung zu mir und so eilte ich auf der Stelle hierher." „Ich bin Ihnen sehr verbunden", sagte der Earl, dann frug er weiter: „So wissen Sie auch wahrscheinlich nicht, weshalb mein Enkel sich St. Lawrence nannte?" „Mylord, ich weiß durchaus nichts über ihn", lautete die vorsichtige Antwort des Nechtsanwaltes. Dieser schien zu befürchten, er könne von Neuem hintergangen werden. Darf ich bitten, mich jetzt für den Fall, daß Sie keine weiteren Befehle haben, zu entlassen, da ich Jemanden in einer wichtigen Sache sprechen muß." „Lassen Sie sich nicht stören; augenblicklich ist ja weiter nichts zu besorgen. Ich werde meinen Enkel aufsuchen und Ihnen dann fernere Mittheilung machen." „Es ist mir unendlich leid, Mylord, Sie so unbedachtsamer Weise zu diesem groben Irrthum verleitet zu haben. Von Herzen hoffe ich, daß Sie mir verzeihen werden." „Gewiß — gewiß", entgegnete Lord Alphington ihm die Hand reichend. „Ich bin äußerst dankbar, daß dieses ruchlose Complot aufgedeckt worden ist, ehe neue Verwickelungen stattfinden. Guten Morgen!" Sobald der Nechtsanwalt sich empfohlen, ließ der Earl Sir Stephan zu sich bitten. Die beiden alten Herren blieben über eine Stunde im Bibliothekzimmer zusammen, -dann wurde der Brougham angespannt und Sir Stephan fuhr nach Joy Collage. Ihm war der Auftrag geworden, die peinliche Nachricht in der schonendsten Weise dort mitzutheilen. Zweiunddreißigstes Capitel. Mrs. Dalton hatte den Besuch Sir Stephan's und Lady Langley's erwartet; dennoch wunderte es sie nicht, ersteren allein cmssteigen zu sehen. Sie wußte, daß Lady Langley die seltene Gelegenheit, wo sie in der Stadt verweilte zu ihren vielen Einkäufen benutzte und war im Grunde genommen nicht ungehalten, das Wiedersehen mit dieser Dame bis nach der Hochzeit, wenn alle Erörterungen nutzlos seien, aufgeschoben zu wissen. Auch das ernste Gesicht des alten Herrn verursachte ihr keinen Schrecken. Sie war davon überzeugt, daß ihr zukünftiger Schwiegersohn weder ein Liebling der Langley's, noch Lord Alphington's sei und so vermuthete sie, Sir Stephan werde nur höchst ungern die Vaterrolle übernehmen und Lena diesem Bräutigam übergeben. Mrs. Dalton saß auf ihrem gewohnten Platze und Sir Stephan ihr gegenüber. Nun, wo sie ihn näher betrachtete, fand sie etwas Fremdes in dem Wesen des ritterlichen alten Herrn, welches sie stutzig machte. Sollte er vielleicht gekommen sein, nm ihr, wie auch schon bei früheren Gelegenheiten, eine Strafpredigt zu halten. Es wurde ihr schwer, eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, denn jedes Thema kam ihr ver- hängnißvoll vor. Auch Sir Stephan befand sich wohl zum ersten Male- in seinen: Leben in großer Verlegenheit. Endlich begann er: „Leider bin ich genöthigt, eine Mittheilung zu machen, welche Ihnen großen Kummer bereiten wird, und doch muß es geschehen. Meine liebe Mrs. Dalton, von Herzen wünsche ich, daß Madelina's Gefühle keinen Antheil an dieser Verbindung haben. Noch gestern, als wir zur Stadt kamen, hätte ich viel darum gegeben, das Gegentheil annehmen zu dürfen." „Was gibt es, Sir Stephan? Was wollen Sie damit sagen?" rief die arme Dame in größter Angst aus. „Hat Lord Alphington seine Einwilligung zurückgezogen, oder ist Mr. Faucourt — nein, er denkt nicht daran, wortbrüchig zu werden, — er liebt Lena zu sehr." Ihre Stimme zitterte und Sir Stephan bemitleidete sie aufrichtig, obschon er nie große Achtung für die Wittwe seines Freundes empfunden hatte. „Wenn die Verlobung abgebrochen werden muß, so ist dies nicht die Schuld Lord Alphington's; das kann ich Ihnen versichern. Ich stellte die Frage in Betreff der Gefühle Lena's nur deshalb, weil wir hoffen müssen, daß die Trennung von ihrem 781 Verlobten, welche unbedingt nothwendig geworden ist, ihr nicht allzu großen Schmerz bereiten möge." „Trennung — nothwendig?" stieß Mrs. Dalton mühsam hervor. „Was soll das Alles bedeuten, Sir Stephan?" „Der Mensch, welcher sich Faucourt nannte, ist als gemeiner Betrüger entlarvt worden und gar nicht der Enkel Lord Alphington's." Ein leiser Schrei entfuhr Mrs. Dalton. „Wie? Mr. Faucourt wäre nicht Mr. Faucourt? O, der Bösewicht, hierher zu kommen und meiner armen Lena einen Antrag zu machen. Was sollen wir nun anfangen, und das Hochzeits-Frühstück ist schon bestellt." Sie rang fassungslos die Hände. Auf eine solche Nachricht war sie nicht vorbereitet und einem Anderen als Sir Stephan würde sie nicht geglaubt haben; aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß nur ein wichtiger Grund ihn zu dieser Mittheilung veraillaßt habe'. „Es ist Ihnen nicht unbekannt, wie wenig Lady Langley und ich mit dieser Verlobung einverstanden waren. Die arme Lena ist wirklich in eine äußerst unangenehme Lage gerathen, doch hoffe ich, daß sie, wenn sie ruhiger geworden, froh sein wird, noch frühzeitig genug den Sachverhalt erfahren zu haben, denn dieser Schurke heißt Scdley und ist ein vcrheirathcter Mann." Entsetzt fuhr Mrs. Dalton in die Höhe. „O wie schrecklich, schrecklich! Mein armes, theures Kind — das genügt, um sie zu tödten! Mir konnte es schon den Verstand rauben." Nur der heilsame Respekt, den sie vor Sir Stephan hatte, bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Gewaltsam das laute Stöhnen unterdrückend, preßte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht. Sir Stephan blickte sie theilnahmsvoll an; aber was hätte er ihr zu ihrem Troste sagen oder thun können? In seinem innersten Herzen bedauerte er es nicht, daß die Verbindung aufgelöst wurde, so peinlich auch die Ursache sein mochte. „Aber Lord Alphington glaubte, Mr. Faucourt — oder wer er immer sein mag — sei sein Enkel", sagte Mrs. Dalton, endlich ihr Taschentuch sinken lassend. „Ja gewiß, und es hat ihn Ueberwindung genug gekostet, dies zu thun; erst heute Morgen erfuhr er, daß der Taugenichts dem wirklichen Erben die Papiere gestohlen hatte! —" Je mehr Mrs. Dalton die ganze Angelegenheit begriff um so trauriger wurde sie. Ihre Thränen flössen unaufhörlich; die ganze herrliche Zukunft löste sich also in Nichts auf. Was würden ihre Bekannten dazu sagen? Was aus Lena werden? Sie konnte es nicht ertragen, es war zu hart. Sir Stephan suchte sie von der Betrachtung ihres übergroßen Kummers abzulenken, indem er sagte: „Sie kennen den echten Mr. Faucourt ebenfalls." Mrs. Dalton antwortete nichts; nun wo ihre Hoffnungen auf so grausame Weise vernichtet worden waren, interessirte sie nichts mehr auf der Welt. „Bisher führte er den Namen St. Lawrence", erzählte Sir Stephan weiter. „St. Lawrence!" rief Mrs. Dalton mit erneuerter Lebhaftigkeit und gerötheten Wangen aus. „Wird denn Jeder etwas anders? Woher weiß man das? Ist es auch ganz gewiß wahr, Sir Stephan?" „Ja, dieses Mal kann kein Irrthum obwalten." Der alte Herr konnte sich den plötzlichen Wechsel in ihrem Benehmen nicht erklären. „Nun, St. Lawrence hat mir gleich gut gefallen. Ich sagte ja immer, daß er etwas Vornehmes an sich habe. Vielleicht ist es trotz alledem nicht so sehr schlimm", fuhr sie, ihre Thränen trocknend, fort, als sei ihr plötzlich ein guter Einfall gekommen. Ueber das Gesicht Sir Stephan's glitt ein spöttisches Lächeln. „Die Frau ist verrückt". 782 dachte er bei sich. Mrs. Dalton, welche dieses Lächeln als eine Zustimmung zu ihren eigenen Gedanken ansah, wurde zutraulich und sagte, die Falten ihres Kleides in Ordnung bringend: „Ihnen, Sir Stephan, als alten Freund der Familie darf ich wohl verrathen, daß meiner festen Ueberzeugung nach Mr. St. Lawrence in Lena verliebt ist. Er wollte es freilich nicht eingestehen, als ich mit ihm darüber sprach — ich hielt es für nothwendig, ihn in dieser Beziehung zu warnen — aber damals konnte er ja selbstverständlich nicht daran denken, ihr einen Antrag zu machen. Jetzt ist das etwas ganz anderes und das Troussean ist schon fertig und Alles ist bereit/' Sir Stephan frug sich im Stillen, ob er wohl während seines ganzen Lebens eine so einfältige Person wie Mrs. Dalton angetroffen habe. Ihre grenzenlose Thorheit entwaffnete ihn beinahe. Obschon er es eigentlich überflüssig hielt, ernstlich auf diesen Gegenstand einzugehen^ konnte er ihre Aeußerung doch nicht stillschweigend vorübergehen lassen. „Die Empfindungen von St. Lawrence sind mir vollständig fremd. Ich begreife, daß die zukünftige Stellung eine größere Anziehungskraft für Lena besaß als dieser Sedley; in diesen: Falle ist es ja schon gut, sie wird dann um so weniger Kummer haben aber es würde mir doch leid thun, von einem Mädchen glauben zu müssen, daß man sie einen: Federballe gleich von den: Einen zum Andern Hinüberwerfen könne." Obschon Mrs. Dalton fühlte, daß seine Worte eine Zurechtweisung enthielten, war es ihr doch unverständlich, wodurch sie diese hervorgerufen habe. Wieder vergoß sie einige Thränen und sagte dann: „Lena liebte ihn ja gar nicht, deshalb kann davon keine Rede sein. Können Sie denn nicht einsehen, welch' gutes Arrangement das wäre — alles könnte so vorangehen, als ob nichts vorgefallen sei." „Machen Sie denn meinetwegen ein solches Arrangement", fuhr Sir Stephan, sich zornig von seinen: Stuhle erhebend, heraus. „Wenn dies das Ende der Geschichte sein soll, so ist meine Theilnahme total überflüssig. Verhcirathen Sie Lena nur an den jetzigen Mr. Faucourt, aber das versichere ich Ihnen, ich will nichts damit zu schaffen haben und verzichte auf die Ehre, Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Schonen guten Morgen! Der kleinen Bertha meinen besten Gruß: je eher sie unter diese«: Verhältnissen nach Larkspur übersiedelt, um so besser für sie." Mit diese:: Worten schritt der alte Seemann grimmig von bannen und ließ Mrs. Dalton in voller Verzweiflung zurück. Lena's glänzende Zukunft war vernichtet. Sir- Stephan in: Aerger fortgegangen, warum, wußte sie selbst nicht, viellcich: war auch Lord Alphington ungehalten, gerade als ob sie sich etwas habe zu Schulden kommen lassen. Sir Stephan hatte den Menschen, welcher sich Faucourt nannte, einen Betrüger und Taugenichts gescholten und auch gesagt, er sei von vornherein gegen diese Verbindung gewesen und jetzt war er zornig, daß Lena ihn nicht liebte. „Das ist doch zu unvernünftig", überlegte Mrs. Dalton bei sich „Lena sollte ja den Enkel Lord Alphington's heirathen, und wo es sich nun herausgestellt hat, daß der wirkliche Enkel eine viel angenehmere Persönlichkeit ist, so ist das nur um so besser für Lena. Sie vermochte nicht einzusehen, was man dagegen einwenden könne. Ihr Kopf schwindelte; es kam ihr vor, als ob Alles in größter Verwirrung und sie dazu berufen fei, Ordnung zu schaffen. Dreiunddreißigstes Capitel. Auf dem Bahnhöfe in Surreh angekommen, führte Eliza die beiden jungen Damen verborgene Seitcnpfade entlang dem Landhause zu. Trüber Nebel verhüllte die Landschaft; von Wald und Wiesen war die sommerliche Pracht gewichen. 78ö „Ich wollte, wir wären nicht hierher gegangen; sagte Lena schaudernd, „es ist zu unangenehm." Bertha antwortete nichts, sie war zn sehr mit ihren Vermuthungen über das Resultat dieser Reise beschäftigt. Bald erreichten sie die Villa. Durch die Fenster des Speisezimmers erblickten sie einen Polizisten, welcher behaglich seine Pfeife rauchte. Wie es schien, hatte Perkin's nach ihnen ausgespäht, denn noch ehe sie anklopfen konnten, wurde schon die Thüre geöffnet. Er führte die beide» Damen in's Ansprnchziinmer, während Eliza hinaufging, um Mrs. Lcmont von ihrer Ankunft zn benachrichtigen. Schon bald kehrte das Mädchen zurück und meldete, ihre Herrin wünsche die Misses Dalton bei sich zn sehen. Lena ging vorauf und Bertha folgte ihr mit bebenden Knieen. Sie wurden in ein Schlafzimmer geführt; neben dem Bette, auf welchem die Kranke lag, stand eine gutmüthig aussehende Matrone mit sauberer weißer Haube und Schurze. Die vicrnnd- zwanzigstündigc Krankheit sowie die marternde Scclcngual hatten eine traurige Verwüstung bei Julie Lcmont angerichtet. Ihre bleichen Wangen waren eingefallen, die Augen sahen ungewöhnlich groß und geisterhaft und der Mund verzerrt und trocken aus. AIs Bertha eintrat, leuchtete der Ausdruck des Wiedcrerkennens in ihrem Gesichte auf und sie sagte mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme: „Ab, wir haben uns schon früher gesehen. Erinnern Sie sich?" Bertha würde in dem fahlen Leichengcsichte vor ihr nicht die schöne glänzende Erscheinung von Westbourne Grove wiedererkannt haben, hätte sie nicht deren Namen gehört und gewußt, in welch' naher Beziehung sie zu dein Ringe stehe. „Ja, ich erinnere mich. Es thut mir leid, Sie so krank zn sehen", setzte sie thcil- nchmend hinzu. Mrs. Lcmont wandte sich zu der Wärterin: „Verlassen Sie uns! — Es ist keine Gefahr vorhanden, daß ich entfliehen werde." Ein gespcnstcrhaftes Lächeln begleitete diese Worte. „Ich wünsche mit den jungen Damen allein zu sprechen." „Sie leidet an plötzlichen Ohnmachten", sagte die Frau zögernd. Der Doktor befahl mir, sie keinen Augenblick zu verlassen." „Wenn Sie sich in das Nebenzimmer begeben wollen, so werde ich Sie rufen, falls es nöthig sein sollte", bemerkte Bertha, und die Wärterin, welcher der Blick und das Wesen Bertha's Vertrauen einflößte, erwiderte: „Jawohl, Miß; ich werde in das gegenüberliegende Cabinet gehen; dort kann ich nicht hören, was gesprochen wird. Wenn Sie meiner bedürfen, so bitte ich nur die Schelle zu ziehen." Zufrieden mit dieser Einrichtung zog sie sich zurück. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Jugend ist die Zeit der Saat, Merk' cS dir bei Zeiten! Bald heran das Alter naht, Rasch die Jahre gleiten. Lass' nicht öde, dürr und brach Ruhen deinen Acker, Geh' der Arbeit emsig nach, Schaff' und pflüge wacker! Jugend ist die Zeit der Saat, Alter sammelt Garben; Höre d'rnm auf guten Rath, Willst du einst nicht darben! Fr. Beck. 784 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. (Schluß.) Wer mit dcn Muskeln gearbeitet hat d. h. gymnastisch thätig war, der setze sich ruhig hin und gebe mit einem angenehmen Lesestoffe seinem Gehirne eine milde Bewegung. Wer nur. mit einzelnen Muskeln arbeitete z. B. schreibend, der übe mit Sorgfalt die müssig gewesenen. Wer mit dem Gehirne thätig gewesen, der rege seine Muskeln an, turne oder marschire im Freien. Alle Körpertheilc, welche gymnastisch geübt werden, erstarken dabei, so der fechtende Arm, der gehende Fuß (des Postboten). Auch selbst die Haare werden durch das häufige Kämmen gymnastisch geübt und ihr Wuchs gekräftigt, ebenso die Zähne durch das Kauen. Das Gehen ist eine der einfachsten und in der Regel am wenigsten beschwerliche gymnastische Uebung. „Vieles ginge besser, wenn mau mehr ginge", sagt Seume mit vollem Rechte. Darum ist auch die Wanderschaft sehr gesund. Nicht aber das Wandern beim Wagcnsitzeu und Fahren von Wirthshaus zu Wirthshaus, sondern das wirkliche Marschiren. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, dcn schickt er in die weite Welt." — Der Schwächling, der im Freien sich bewegt wird älter als der Kraftmensch in der Gefangenschaft und wäre diese sogar fürstlich. Thatsache ist, daß Landpostboten und Briefträger viel länger gesund bleiben und viel später Pension brauchen wie die im Büreau arbeitenden höheren Postbeamten. Abgesehen von den militärischen, politischen und ökonomischen Vortheilen, welche es hat, über ein paar geübte Beine zu verfügen, ist richtige Gymnastik die körperliche Ergänzung zu jedem einzelnen Berufe, gleichsam die Versöhnung zwischen Leib und Seele, die fröhliche Erzieherin zur sittlichen Freiheit, zum raschen festen Willeusimpulse, der uns über dcn Büchern und dem Papiere, — uns Kriechern auf der Brust so oft verloren geht. Tausend schiefe Gedanken und krumme Gefühle verschwinden, wenn die Nerven eine reelle Aufgabe in der Bewegungsmaschine übernehmen und die giftigen Auswurfsstoffe des Körpers an die freie Luft hinausgearbeitet werden. Ja! Die Gymnastik ist auch ein gutes Vorbcngungsmittel gegen seelische Krankheiten und Gebrechen, Laster und Verbrechen. In dieser Beziehung sagt Martin Luther so schön: „Es ist von den Alten sehr wohl bedacht und geordnet, daß sich die Leute üben und was Ehrliches und Nützliches vorhaben. Die Bewegungen, Nittcrspicle,- das Fechten, Ringen, Laufen u. s. w., dazu noch die Musika vertreiben die Sorge des Herzens und melancholische Gedanken und des Teufels Anfechtung, machen die Leute gelinder und sanftmüthigcr, sittsamer und vernünftiger, zu Allein geschickt und allcwcil fröhlich. Aber auch feine Gliedmasscn erzeugt das Körperspicl und erhält gesund im Springen und Laufen rc. Die endliche Ursache ist auch, daß man bei solcher Leibesübung nicht auf Schwelgen, Unzucht, Spielen, Saufen und anderen Unfug gerathet!" So der ehemalige Augustinermönch von Wittenberg. Hier gilt auch des Dichters Satz: „Von der Stirne heiß, — rinnen muß der Scbweiß, — soll das Werk den Meister loben!" — Die Gymnastik oder das Turnen beschleunigt den Stoffwechsel nach allen Seiten und setzt durch Ableitung nach Außen den inneren Gehirnreiz herab, klärt so den Verstand, beruhigt das Gemüth und befördert oft den gesunden Schlaf. Besonders wird der Schweiß der Arbeit — und Körper- arbeit ist ja auch Gymnastik — zum wirklichen Bade der Wiedergeburt und Erneuerung des Menschen, aus welchem auch Jeder sittlich besser emporsteigt. Ein Mensch ohne Körperbewegung ist ein Leib ohne Arm und Beine, ein Held vielleicht, aber stellenweise verwundet und verstümmelt. Alan kann besonders in unserer Zeit der Bequemlichkeit Männer nicht genug unterstützen, welche die Gymnastik oder Turnerci Pflegen und *o die Unbill des Culturlebcus und der Stubcnarbeit kühnen. — 785 „Doch der Segen kommt von Oben" d. h. der Kopf muß dabei sein, denn man leistet weder den Turnern, noch der übrigen Menschheit einen Dienst, wenn man alles über einen Leisten schlägt, Jeglichem jede Turnübung zumuthct, den Lungen- und Herzkranken mit Dauerlänfen zu Tode hetzt, bei Vielen den Geschmack für einfache, gesunde Uebungen vernachlässigt und dafür das Wohlgefallen an Schaustücken großzieht, die von jeher weder sehr dauerhafte noch sehr große Männer gebildet haben. Mein berühmter Lehrer Op pölzer in Wien machte uns oft aufmerksam, daß Leute mit beginnenden Herz- und Lungenleideu durch Turnerei wesentlich beschädigt und oft unheilbar werden. — Wie es aber eine Gymnastik unserer Glieder gibt, so gibt es auch eine Gymnastik der Lungen. Singen und Trompetenblasen sind solche gymnastische Büttel für Erweiterung unserer Brust. Auch bei der musischen Bildung der Griechen spielte neben der Gymnastik die Musik bei dem Turnspiel eine bedeutende Rolle. Wo des Jünglings Kraft und deS Liedes Freude erglühte im V o l k s g e s a n g e, da konnte sich auch die Seele frei entfalten. Der Gesang hat schon Millionen Menschen erfreut und den Sänger selbst gekräftigt. Aber gesund müssen die Organe sein, sonst ist eine allzu energische Gymnastik der Lungen vom Uebel. Gar mancher Jüngling ging schon an mißverstandener Lungen- gymnastik mittelst Blasinstrumente zu Grunde. — Für Lnngenschwache bleibt immer noch das unschädlichste Blasiustrumeut die — Violine oder das Clavier. Die deutsche Tnrnknnst unserer Tage ist sich ihrer Ziele bewußt, sie ist einfacher, planmäßiger, dadurch schöner und was die Hauptsache ist, viel zugänglicher geworden. Gebe Gott! daß es ihr gelinge, aus schulpflichtigen und aus alten ausgekehrten und ungelehrten Maschilienrädcrn wieder ganze Menschen zu erziehen mit Augen znm Sehen, Köpfen zum Denken und Gliedern für den eigenen Gebrauch. Die Gymnastik ist unstreitig ein Mittel zur Lebcnsverlängerung, weil sie ja gesund erhält. Scrofulose, Hypochondrie und Hysterie, Fcttleibtgkc-it und beginnende Muskclschwäche finden in den Turnübungen bessere Heilmittel als in den „lateinischen .Küchen", wie Paracelsus die Apotheken nennt. Unzuträglich aber ist die Gymnastik für Kinder unter 6 Jahren und Greise über 60 Jahren. In Land- und Dorfschulen sollten Hirtenknaben und Kinder, welche Stunden weit nach Hanse zu gehen haben oder neben magerer Kost und schlechter Ernährung daheim noch mit Feldarbeit geplagt sind, nicht noch mit dem Turnen belästiget werden. Sie turnen ohnedies genug. Durch das richtige Turnen wird aber auch eine heilsame Abhärtung erzielt, so daß gar viele Katarrhe, Nheumen verhindert und Rüstigkeit und Jngcndkcaft bis in's späte Alter bewahrt bleiben. Einfache und lebensfrische Gymnastik liegt aber in gar vielen, wahrhaft guten Kinderspielen, so im Ball-, Lauf-, Hupf-, Ring-, Fang-, Reigenspiel. Das Spiel ist aber -die Welt des Kindes. Und im naturgemäßen Spiele liegt ebensoviel Gesundheit wie Freude. Die wahre Turnerci ist also nicht nur eine Arbeit für die Glieder und Muskeln, sondern auch Kopf und Geist sollen dabei nicht leer ausgehen. Zu der körperlichen Frische kommt dann auch die Heiterkeit des Gemüthes, das Fröhlichsein, — zur Fröhlichkeit des Herzens und zur gesunden Frische des Körpers gesellt sich dann ein gegen den Schöpfer dankbares Frommscin. — Echte Frische, Fröhlichkeit und Frommheit macht sich aber immer frei in allen Gefahren und Nöthen und erringt die goldene, wahre Freiheit durch Sclbsterkenntniß, Selbstbeherrschung und Selbst- kraft. „Selbst ist der Mann!" — Darum sei es gesegnet das vierfache I', wo es mit Muth, Kraft und Verstand das Schiboleth der Thatkraft bildet. — Offen bleibe aber stets der deutschen kernigen Jugend der Weg und die Gelegenheit zur wahren und rechten Gymnastik d. h. zur Mark und Herz stärkenden Turnerei. Fort mit dem dagegen zeternden Philisterthum! — 766 „Bahnsrei! für Uebung der Kraft zur Stärkung des Blutes uud der Nerven! — Möchte Jeder bedenken, daß nur in der Bewegung das volle, frische Leben liegt. Ruhe ist Tod. Darum ein dreifach „Gut Heil" der Bewegung schaffenden Turn er ei! — M i s e e l l e n. (Die gefeierte Sängerin Marietta Alboni) war auch wegen ihrer Kaltblütigkeit und ihres Muthes berühmt. Gelegentlich eines ersten Gastspiels in Trieft kam ihr, wie Schorer's „Familienb." erzählt, zu Ohren, daß mau sie auspfeifen wolle. Sie ermittelte bald die Anstifter und wo sie zu finden waren, legte Mänucrklcidung an, wobei ihre kräftige hohe Gestalt und ihre kurzen Locken eine Entdeckung des eigentlichen Geschlechtes so ziemlich ausschlössen, und begab sich in das Kaffeehaus, wo die Verschworenen ihren Sitz hatten. Dieselben waren gerade in voller Berathung. Die Sängerin hörte eine Weile zu und wandte sich dann mit den Worten an den Rädelsführer: „Mir scheint, daß Sie Jemand einen Streich zu spielen beabsichtigen. Dergleichen ist auch meine Passion; es würde mich daher freuen, wenn Sie mir gestatten wollten, mich an dem Unternehmen zu bctheiligen." — „Mit Vergnügen," lautete die Antwort. „Es soll heute Abend eine Sängerin ansgepsiffcn werden." — „So so. Was hat sie denn verbrochen?" --- „O nichts weiter, als daß sie in Wien und München gesungen und sich — eine Italienerin — von den Deutschen hat fetiren lassen; dafür wollen wir sie jetzt ein wenig strafen." — „Das finde ich vollkommen in Ordnung und bin daher durchaus der'Jhrige; bestimmen Sie nur, was mir zu thun obliegt." — „Nehmen Sie hier dieses Pfeifchen. Auf ein Zeichen, welches nach der Arie der „Rosine" gegeben werden wird, geht der Lärm an, in den Sie blos einzustimmen brauchen." — „Was bestens geschehen soll," versicherte die Alboni und versenkte das kleine Instrument in die Tasche.' Am Abend war das Theater bis zur Decke hinauf gefüllt. „Der Barbier von Sevilla" wurde gegeben. Die Antrittsgesänge Almaviva's und Figaro's, beides Lieblinge des Publikums, fanden großen Beifall. Dann erschien Rosine, die Alboni, auf der Szene. In dem Moment, wo sie den Vormund anredete, begann schon, ohne das Signal abzuwarten, ein Theil der Verschworenen mit dem Skandal. Die Sängerin verzog keine Miene, sie trat nur hart vor die Lampen und sagte, das Pfeifchen, welches mit einem Bande an ihrem Hals befestigt war, zeigend, schelmisch: „Meine Herren, ich glaube, Sie waren etwas voreilig: wir wollen ja erst, nachdem ich meine Arie gesungen, mit dem Anspseifen beginnen." Eine Todtenstillc entstand, dann durchbrauste plötzlich donnernder Applaus, von den Verschworenen selbst ausgehend, den Saal. Die Alboni hatte gesiegt, sie wurde au dem Abend clfmal gerufen und mit Stränßchen und Kränzen überschüttet. (Eine gute Vorbereitung.) ^Denken Sie nur, Herr Spitzig, jetzt lernt mein Sohn auf der Hochschule auch noch das Fechten!" — „So, so, das ist vielleicht eine sehr gute Vorbereitung für später!" Räthsel. Mit e ist es das Königshnus In einem Lande, das durchaus Das Element vor allen nennt Sein eigentliches Element, Drin mancher schon das Wort mit a In dessen Elemente sah. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler- Unter^aktlmgsökatt ,ur „Ängsluirger Postzeitnug.- 93. Samstag, 8. December 1383. Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Sie sind Madeline Dalton?" frug Mrs. Lemont, ihre hohlen Augen von Bertha auf Leim richtend. „Treten Sie näher, damit ich Sie besser sehen kann." Lena gehorchte, nicht wenig beunruhigt über den seltsamen Ton der Frau, von welcher sie nur Entschuldigungen und demüthige Bitten erwartet hatte. Die Kranke erhob sich mit der größten Anstrengung und Lena's Handgelenk umfassend, schaute sie ihr ernst und prüfend in's Gesicht. „So! Dieses ist also die hübsche Larve, welche mir meines Gatten Liebe geraubt und ihn zum Verbrecher gemacht hat!" Lena erblaßte, sie entwand sich Juliens Griff und stürzte zu ihrer Schwester hin. „Sie ist wahnsinnig! Hilf mir, Bertha!" flehte sie. Diese war ebenfalls bei dem Gehörten bleich geworden." „Nein, ich bin nicht wahnsinnig, legen Sie nur Ihre Hand auf meine Stirne — sie ist kalt, mein Puls schlägt langsam — sehr langsam. Ich bin nicht wahnsinnig. Meine flLorte sind Wahrheit. Der Mann, welchen Sie morgen zu heirathen gedachten, ist mein Gatte. Um Ihnen dieses zu sagen, ließ ich Sie hierher kommen." Sie sprach auffallend ruhig; ihr Zorn war verraucht und jetzt schlug ihr Puls, wie sie auch sagte, sehr langsam. Lena wankte und sank neben dein Bette in einen Stuhl. „Barmherziger Himmel, soll ich das glauben?" „Ja, Sie müssen das glauben und noch mehr", fuhr Mrs. Lemont fort. „Blicken Sie her und betrachten Sie diese bleichen, eingefallenen Wangen, diese abgemagerten Hände. Noch vor wenigen Tagen war ich so gesund und kräftig wie Sie. Er wollte, ich solle morgen todt sein und ohne die Dazwischenkunft des Geheimpolizisten wäre ich es gewesen." Mit weit geöffneten Augen starrte Lena die Sprechende, deren Worte sie nicht fassen konnte, an. „Meinen Sie Mr. Faucourt?" frug Bertha näher tretend. ?,Jch spreche von Eustace Sedley — von ihm, den Sie als Mr. Faucourt kennen. Er hat mich vergiftet — mich — seine Frau, um Sie zu heirathen!" Dabei deutete sie auf Lena hin. Endlich schien diese die ganze schreckliche Wahrheit zu begreifen. Mit einem lauten Schrei verhüllte sie ihr Gesicht mit den Händen und karierte in dem Stuhle nieder. Die Wärterin, welche den Aufschrei vernommen halte, erschien an der Thüre. „Gehen Sie!" befahl Mrs. Lemont, mit der Hand winkend. „Wir bedürfen Ihrer nicht." „Was wollte Sie bannt sagen: ihn, den Sie als Mr. Fancourt kennen", frug Bertha, an allen Gliedern zitternd. Mrs. Lemont rang nach Luft. „O Himmel gib mir Kraft — nur noch etwas Kraft, um Alles sagen zu können! Geben Sie nur einen Löffel Arznei", bat sie, auf die Flasche zeigend, welche auf dem Tische stand. Bertha schüttete einen Löffel voll in ein Glas und hielt es ihr hin, dann befeuchtete sie das Taschentuch mit Ean de Cologne und kühlte die Schläfe der unglücklichen Frau. Diese blickte sie dankbar an und sagte mit Thränen in den Augen: „Sie sind gut und liebenswürdig, aber ich bin eine gottlose Person und nicht Werth, von Ihnen berührt zu werden." „Davon weiß ich nichts", entgcgncte Bertha freundlich. „Sollten Sie gottlos gewesen sein, so bedaure ich Sie um so mehr." Mrs. Lemont seufzte tief. Vielleicht stieg mit diesem Seufzer der Rette ein FleheU um Barmherzigkeit gegen Himmel empor. Sie blickte Lena an und frug: „Liebte sie ihn sehr?" Bertha zögerte diese Frage zu beantworten, aber Lena, welche sie vernommen, fuhr mit sprühenden Blicken und vor Aufregung zitternd, in die Höhe. All' die Abneigung und der Widerwille, welchen der Mann, den sie zu hcirathen versprochen, ihr einflößte, brach sich gewaltsam Bahn in den Worten: „Ich ihn lieben? Nie — nie liebte ich ihn, ich hasse ihn, den Bösewicht — dieses Scheusal!" Mrs. Lemont blickte sie an und ein Ausdruck der Verachtung oder vielmehr befriedigter Rache entstellte ihr bleiches Gesicht. „Dann sind Sie eine noch erbärmlichere Person als ich. Sie würden Sedley geheirathet haben, weil Sie ihn für den Erben eines Grafentitcls hielten. Als ich mich mit ihm vermählte, liebte ich ihn und blieb seitdem trotz Armuth und Laster an seiner Seite. O Himmel, was habe ich nicht Alles erduldet! Und jetzt muß ich sterben — sterben durch seine Hand!" Krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme, wild griff sie in der Luft umher und fiel dann todtenblaß in die Kissen zurück. Bertha sprang zur Schelle und Lena stürzte, während die Wärterin eintrat, zur Thüre hinaus. „Ist sie todt?" frug Bertha ängstlich. „Nein, Miß, nur ohnmächtig. Aber es ist besser, wenn auch Sie sich entfernen, damit Mrs. Lemont, wenn sie zu sich kommt, Niemand außer mir um sich sieht." „Kann ich Ihnen helfen?" „Danke sehr, Miß, ich werde schon allein fertig." . Da ihr Beistand abgelehnt wurde, verließ Bertha ebenfalls das Zimmer und suchte ihre Schwester auf. Sie fand diese auf dem Boden liegend und den Kopf in die Kissen des Ruhebettes verborgen. Heftiges Stöhnen erschütterte ihre ganze Gestalt. Bertha ließ sich neben Lena nieder, umschlang sie mit den Armen und versuchte sie aufzuheben. Allmälig gab diese den zärtlichen Bemühungen ihrer Schwester nach. Ihr leidenschaftliches Weinen verlor sich langsam und die Bitten und Ueberredungskünstc Bertha's stellten einigermaßen ihre Ruhe wieder her. „Glaubst Du, daß es wahr ist", sagte sie, ihr feuchtes Antlitz erhebend und Bertha mit flehender Gebcrde anblickend, als ob sie in ihrem Antlitze die Widerlegung der schrecklichen Mittheilung lesen müsse. „O ich sehe Dir an, Du glaubst es. Der Gatte einer Anderen — ein Mörder — und seine Lippen haben die meinigen berührt!" Schaudernd verbarg sie ihr Gesicht an der Schulter der Schwester. Diese versuchte sie zu trösten. „Ja, es ist fürchterlich. Aber meine liebe Lena, Du mußt doch dankbar sein, daß diese Entdeckung noch vor dem morgigen Tage gemacht wurde." „Morgen!" wiederholte Lena erbebend, „ja morgen glaubte ich mein Verlangen nach Reichthum und Vornehmheit stillen zu können; anstatt dessen bin ich nun die Zielscheibe des Spottes, man wird mit Fingern auf mich zeigen. O Bertha, ich kann eS nicht ertragen! Ich kann nicht nach Hause zurückkehren! Ich kann Niemanden mehr in's Gesicht schauen!" „Theure Lena, fasse Muth. Was liegt an den Bemerkungen einiger thörichten Menschen? Alle Diejenigen, welche es gut mit Dir meinen, werden sich über Deine Errettung von diesem Böscwichte freuen. Wenn Du Mr. Faucourt geliebt hättest, so würden wir Dein zerstörtes Lebensglück zu beklagen haben, aber Du liebtest ihn ja nie — dem Himmel sei Dank dafür jetzt!" . „lind Du glaubst, ich habe diese Strafe verdient", rief Lena, den stützenden Arm ' ihrer Schwester von sich werfend und aufspringend. „Das habe ich nicht gesagt", entgegnete Bertha besänftigend. „Hättest Du es gethan, so würdest Du nur die Wahrheit geredet haben", bekannte Lena, ihr Haar, welches in Unordnung war, zurückstreichend. „Nannte mich nicht jenes Geschöpf da oben eine noch erbärmlichere Person, als sie es sei? Bin ich denn die Einzige, welche Reichthum und Rang der Wahrheit vorzog, daß ich jetzt an den Schandpfahl gestellt und mit Steinen geworfen werden soll — ich, der von Jugend auf beigebracht wurde, nur Bewunderung und Verehrung zu erwarten Eine schöne Lehre — findest Du nicht auch? — Und wie herrlich ist sie in Erfüllung gegangen!" Wieder brach sie in Thränen aus, umklammerte ihren Hals und blickte wild umher, als ob sie ein Mittel suche, dieser schrecklichen Lage zu entrinnen. Bertha's Herz blutete für die Schwester, doch nahm sie sich mit Gewalt zusammen und sagte mit fester Stimme: „Gib Dir Mühe, Dich zu beruhigen, wir müssen nach Hause zurückkehren; je eher je lieber. Unser verlängertes Hierbleiben kaun zu nichts führen." „Zu nichts!" schluchzte Lena. „Zu nichts, ob wir bleiben oder gehen! Zu nichts mehr für mich auf der ganzen weiten Welt." „Stille", flüsterte Bertha, „ich höre Schritte." Es war die Krankenpflegerin; sie öffnete leise die Thüre und Bertha ging zu ihr hin. Eliza ist oben und so wollte ich Ihnen eben mittheilen, daß Mrs. Lemont wieder zu sich gekommen ist." „Besten Dank, ich würde, ehe ich das Haus verlassen hätte, mich vorher nach ihrem Befinden erkundigt haben. Hofft der Arzt, sie völlig wieder herstellen zu können?" „Er glaubt es, doch dürfe sie sich nicht aufregen. Es ist aber keine Kleinigkeit, eine Kranke, die so viel auf dem Herzen hat, ruhig zu halten. Sie tobte so schrecklich und wünschte, durchaus Miß Dalton zu sprechen, daß wir ihr nachgeben und zu Ihnen hinschicken mußten. „Die arme, liebe junge Dame scheint sehr angegriffen zu sein", fuhr sie zu Lena hinübcrblickend fort. „Wünschen Sie ein Brausepulver oder sonst etwas?" Nein, danke sehr. Die Unterredung hat meine Schwester aufgeregt, aber wir kehren jetzt gleich nach Hause zurück." „Ja, laßt uns gehen", sagte Lena, sich Mühe gebend, durch kein äußeres Zeichen den inneren Sturm zu verrathen. „Komm, Bertha!" Mit Freuden benutzte diese die Gelegenheit, Lena von dort wegzubringen. Sie wünschte der Wärterin guten Abend, und athmete freier, als sich das Thor hinter ihnen geschlossen. Es war ein trauriger Weg bis zum Bahnhöfe hin. Der Nebel hatte sich verdichtet und die Dunkelheit begann. Bertha wagte nicht, ihre Schwester anzureden, aus Furcht, deren erzwungene Ruhe von Neuem zu erschüttern und Lena schritt mit zu- 7S0 sammengepreßten Lippen und dick geschwollenen Augenlidern an Bertha's Seite. Glücklicherweise brauchten sie nicht lange auf die Ankunft des Zuges zu warten und die Unruhe und das Mcnschengetümmel halfen Lena besser als alles andere, ihre Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. „Ich werde Dir durch Sara Feuer anmachen lassen, Schatz", sagte Bertha, als der Wagen am Thore hielt. „Gehe Du nur ruhig auf Dein Zimmer ich will inzwischen mit Mama darüber sprechen." Obgleich Lena dankbar die liebende Fürsorge der Schwester anerkannte, antwortete sie nichts, sondern begab sich sofort hinauf und Bertha bereitete sich auf eine peinliche Scene mit ihrer Mutter vor, da sie nicht ahnen konnte, was sich während ihrer Abwesenheit dort zugetragen hatte. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Eile mit Weile! Geschäftige Hast Mehret dir selber und Andern die Last! Frommt es zuweilen, so hemme den Tritt, Gilt es zu eilen, beflüg'lc den Schritt! Hast du gepflogen verständigen Rath, Sei nicht verdrossen, nicht säumig zur That! Irrlicht täuschet, sieh' dich vor! Lockt mit falschem Blinken, Führt dich hin zu Sumpf und Moor, Wo du Wirst versinken! Irrlicht schweifet hin und her, Kommt zum Ziele nimmer; Folg' nicht jedes Flattergeist's Trügerischem Schimmer! Kauf nicht zu theuer auf dem Markt der Welt! Gar Vieles ist zur Lockung hingestellt; Hier winkt der Sinne Lust, ihr flüchtig Glück, Dort reizt ein gold'ner Flittertand den Blick; Bald bietet man Wohlleben und Genuß, Bald Ruhm und Ehre, Reichthun?, Ueberfluß. Kennst Du den Preis? Es ist dein froher Muth, Für den die Welt dir reicht ein nichtig Gut; Für Freuden ohne Dauer, eitlen Schein Sollst du der Seele Frieden tauschen ein? O hüte dich! Noch steht bei dir die Wahl; Hast du gekauft, bleibt dir der Reue Qual. Betrog'ncr Thor, du hast's zu spät bedachte Der theure Preis, er hat dich arm gemacht! F. Beck. Der Niagara. Das ebenso verwegene als zwecklose Unternehmen, dem Capitän Webb jüngst zum Opfer gefallen, hat unwillkürlich die Blicke der neuen und der alten Welt auf jenen Riesenstrom mit seinen Alles vernichtenden Wassermassen und mit seinen Alles verschlingenden Wasserfallen gelenkt. In Webb tritt jener- schrankenlose, herausfordernde Unternehmungssinn hervor, wie man ihn bei den Anglo-Amerikanern häufig als etwas Großes und Nachahmungswerthes gepiesen hat. Wir entnehmen einem interessanten Werke von Benedict Henri Nevoil: „l-'^-Mviiguo äu Uorä", Einiges über den Niagara, seine Fälle, die Kraft seiner Strudel, wie die Angaben der Schicksale der Vorgänger des Capitäns Webb. Gewöhnlich wählen die Reisenden, die den Riesenstrom sehen wollen, den Abendzug, der gegen 11 Uhr Abends von New-Iork abgeht; es geschieht das im 791 Einverständnis; der Eisenbahnverwaltung und der Hotelbesitzer, welche die Gäste erwarten, damit sich dieselbe» bei ihnen von den Anstrengungen der weiten Reite erholen. Blau speist zur Nacht und schläft unter dem Lärm eines dumpfen Geräusches, das einer fernen aber ununterbrochenen Kanonade gleicht, ein. Wer nicht zu den absoluten Langschläfern gehört, erwacht schon mit Tagesanbruch und läßt sich den Weg weisen, der zu den Wasserfallen führt. Der Leser kann trocknen Fußes dem Führer folgen, der ihn sicher wie kein Anderer zu jenem berühmten Weltwunder führt. Die Niagarafülle sind in ihrer Weise das, was der Himalaya unter den Gebirgsketten ist. Auch können weder die Katarakte des Zambese, noch der Anfsprung von Wagogo im Centrum Afrika's mit den Fällen des Niagara verglichen werden; die ein Wundergebilde pittoresker Schönheit jener großartigen Natur sind. Unbestreitbar haben andere Wasserfalle eine größere Höhe und verlieren sich in tiefere Abgründe, aber in keinem Lande der Welt kann man ein so weites Wasserbecken finden, das sich in ein so weit ausgedehntes Bett hinabstürzt. Es sind das in der That vier innere Meere, die in Folge eines steilen Abhanges sich im Vorübereilen in einen ebenso weiten Abgrund stürzen. Das Territorium, auf welchem diese Wasserstuthcn Hansen, welche diese Seen ernähren, ist so groß, wie ein Contincnt, und man weiß, daß fast alle Ströme, welche den ersten See anfülle», ihr Bett über 2000 Meter Entfernung von diesem inneren Meere haben. Dieser Riesen-Wasserfall, der sich wie ein weißes Tuch ausbreitet, füllt iin Halbkreis in ein tiefes Bassin, und würde nichts gewinnen, wenn er auch von einer größeren Hohe herabstürzte. Dieselbe beträgt übrigens 1654 Fuß auf der amerikanischen und 1095 Fuß auf der canadischen Seite, was den Fall zu einem der allergrößten macht. Den einzigen Vorwarf, den man gegen den Niagara erhebt, ist der, daß seine Umgebungen in keinem Verhältniß zu der majestätischen Größe des Falles selber stehen. Seinen ganz eigenthümlichen Charakter erhält der Fall dadurch, daß das Wasser im Sturze selbst nicht weiter gebrochen wird, so daß es unterhalb des Falles aus hinlänglicher Entfernung den wunderbaren Anblick zweier ungeheuerer senkrechter Wasserwände darbietet. Unmittelbar am Abstürze des Falles liegt eine schmale Insel, Goats-Jsland (Ziegcninsel), die in einer Länge von beinahe 1000 englischen Fuß den Strom und zugleich den Wasscrfall in zwei ungleiche Theile scheidet, deren größerer auf der linken Seite gegen Canada hin eine Breite von mehr als 600 Meter in gerader Linie hat, während der Sturz des Wassers selbst in einem gegen diese Linie sehr concaven Bogen erfolgt, wovon dieser Theil des Falles der Hnfeisenfall (Ilorssssios) genannt wird. Der dem rechten Ufer ungehörige Theil hat eine Breite von 370 Meter. Die Fallhöhe betrügt bei diesem 44 Bieter, bei dem anderen 52 Meter, eine Differenz, die sich daher erklärt, daß der Zug des Stromes oberhalb des Falles auf den schmaleren Theil gerichtet ist und so das Niveau des Wassers auf dieser Seite erhöht wird. Der Sturz der beiden mächtigen Wasscrmassen (man schätzt sie auf 15 Millionen Knbiksnß in der Minute), aus solcher Höhe bietet ein Schauspiel dar, dem durchaus kein anderes zu vergleichen ist, und das durch keine Schilderung würdig darzustellen ist. Der Donner des Sturzes wird bei günstigem Winde über 9 deutsche Meilen weit in Toronto am Ontariosec gehört. Da, wo die Ufer näher zusammentreten, hat man eine Hängebrücke mit einer Spannung von 266 Bieter und 77 Meter über den; Wasserspiegel erbaut; es ist dies eins der kühnsten Bauwerke aller Zeiten. Sie wird von vier Drahttauen getragen, die zwei je über zwei steinerne Thürme gespannt und 8 bis 10 Meter in massives Mauerwcrk eingelassen sind. Jedes der vier großen Taue hat 10 Zoll Durchmesser und besteht aus 3640 Drähten. Neben diesen ungeheuerlichen Dingen sieht man hin und wieder weiß gestrichene Pachthänser mit grünen Jalousien, und Kirchen mit Glockenthürmen, die nicht für den Baumeister sprechen. Geschmacklose Manufactoreien und Mühlen ohne allen künstlerischen Werth. Nur ganz vereinzelt steht man Bäume; und die wenigen, die an den Ufern des Katarakts stehen, wurden von Menschenhänden aus Liebe zur Natur oder aus Speenlation, die 792 Scenerie zu heben, gepflanzt. So gleicht der Niagara einem Prachtjuwcl, das in Eisen gefaßt ist; das Juwel ist leuchtend und prachtvoll, aber die Fassung hat nichts Reizvolles. Der Eindruck der Besucher des Niagara ist von verschiedener Art; der Eine wundert sich über die imposante Wasserinasse, der Andere über seine grünlich silberartige Färbung, ein Dritter exstasirt sich über den Nebel, oder vielmehr über den Wasserstaub, der das Ganze umgibt, ein Vierter verstopft sich die Ohren, um den tobenden Lärm des Katarakts nicht zu hören. Die Thatsache ist, daß Alle gegenüber einem solchen, vollständig unerwarteten Anblick erstarrt sind. Man kann stundenlang dort verweilen, angenommen, daß die Vermicthcr der Plätze, die Photographen und die Spcculanten es gestatten, selbst wenn man den Platz sehr theuer bezahlt; indeß ist es schwer, sich selbst eine vollständige Rechenschaft über die Aufregung, die man empfindet, abzulegen. Auch wenn man Alles auf's Genaueste in Augenschein genommen und untersucht hat, was am Niagara zu sehen ist, hat man doch keine Vorstellung von dieser wunderbaren Natur. Das gewagteste und kühnste Unternehmen des Touristen ist das Hinabsteigen auf der Treppe von Bamcll, um unter die Tafclplatte des Felsens zu kommen und sich bis unter das Hufeisen, soweit als es gestattet ist, zu wagen. Um diese Promenade zu unternehmen, verleiht man an die Reisenden Kantschukmäntcl, oder geölte Leiuwandröcke, und fügt diesen Kostümen eine Art eiserner Pantoffel hinzu, die so gearbeitet sind, daß man auf dem Felsen, oder dem Eise nicht ausgleiteu kaun; alsdann kann man, in Begleitung von Führern, sich bis unter den Fall hinabwagen. Kaum hat mau den Punkt erreicht, o rieselt das Wasser von allen Seiten, mau fühlt sich vollständig wie unter einer Douche. Das Costüm, obwohl man es sozusagen „undurchdringlich" nennt, schützt durchaus nicht. Zu dieser naßkalten Empfindung tritt noch eine Art mhsteriöser Nebel hinzu, der den Besucher umfängt, und fernerhin die völlige Betäubung seines Gehörs durch das Brausen der Katarakte. In dem Maße, als mau nun unter dem kalksteinartigen Gewölbe, über das- sich die Fluthen des Niagara stürzen, vorkragt, begreift und erfaßt man die Erhabenheit dieses Anblicks. Sehr bald aber muß man sich, schon auf der Hälfte des Weges, zurückziehen; denn die Gewalt des Windes ist so groß, daß man unfehlbar von ihm mit fortgerissen würde; man sagt, daß man hier oft die Empfindung hat, als erhielte man einen Fanstschlag, der einen schwanken macht. Das Alles verhindert aber nicht, daß man doch immer noch vorwärts dringt — denn um des armseligen Ruhmes willen setzt Mancher sein Leben daran, nur später von seinen halsbrecherischen Erlebnissen zu erzählen. Kehrt man zurück zum Hufeisen, so kann man die Art des Felsens untersuchen, der aus weißem Schwefel und Kalkstein gemischt ist. Gleichzeitig findet man inmitten dieser chaotischen Schmelzung weiße Quarzmasscu, die wie Zucker aussehen, und Sclenit, oder krystallisirten Gips, welcher dem Asbest sehr ähnlich sieht, nur viel grauer ist. Einzelne Farrcnkräuter wachsen zwischen den Spalten des Felsens; der Tourist pflückt hier und da auch einige Stengclchcu Kresse; es würde aber einige Monate dauern, ehe er eine ausreichende Quantität gefunden, um ein Salatgericht daraus zu bereiten. Das Moos bedeckt alle Wände des Felsens; es ist so fein und so zart, daß die Damen sich für diesen, von der Natur so sorgfältig gewebten Sammet ganz besonders intercssircn. Kaum ist man aus dem Abgrund, in welchem man sein Leben riskirt hat, herausgetreten und die Treppe emporgestiegen, sich dadurch bedeutend ruhiger fühlend, so lenkt sich der Blick noch einmal nach dem berauschenden Katarakte zurück; aber die zwingende Nothwendigkeit, so schnell als möglich die Kleider zu wechseln, aus Furcht vor einem schlimmen Katarrh, überwiegt die Neugierde; man eilt vorwärts. Bei dem Heraustreten aus der Hütte, ftvo die Metamorphose der Herren und Damen stattgefunden, ist man von zahlreichen Handelsleuten umringt, welche ihre geschmacklosen indischen Raritäten zum Kauf anbieten: Mocassins, Arbeitstaschen nnd andere Dinge, die mit Glasperlen verziert sind; gewöhnlich werden diese wenig reizvollen Gegenstände verschmäht, die nicht einmal den Vorzug haben, von echten Rothhäuten fabricirt 793 zu sein. Man überschreitet jene schon erwähnte Brücke, die über den Fluß geschlagen ist, von dem man nicht weiß, von wo er herkommt, und erklettert die Treppe des Thurmes „Prinz von Wales", welcher erst vor Kurzem constrnirt, und von dein znkünftigen Erben der Krone Englands, dem zu Ehren er erbaut, eingewciht wurde. Auf der Plattform dieses kühnen Holzgebäudes angekommen, begreift der fremde Besucher, daß der amerikanische Gentleman keine schlechte Speculatton damit ausführte, daß er sie nach dem königlichen Prinzen benannte. In der That ist die Aussicht, die man von diesem Punkte aus hat, einzig in ihrer Art, wenn auch betäubcud im vollsten Sinne des Wortes. Unten fließt der Strom des Niagara, der einem Meere im wildesten Aufruhr gleicht; links erhebt sich die Ziegeuinscl mit den drei Schwestern; iu der Mitte ein wenig weiter sieht man die grünen Ufer der Roseninsel, „Groß-Jsland"; fern am Horizont die bewaldete .Hügelkette von „Nasq-Jsland". Die Stromschnellen breiten sich unterhalb des Katarakts, eine Strecke aufwärts gegen den Strom aus, und ihrc'Strömnng ist so übermächtig, so voll schäumender Bewegung, daß man glaubt, eine ganze Heerde von Lachsen zu sehen, die sich dort ergötzen und in diesem weiten Strom herumbalgen. Die Wasser flimmern in metallischem Glänze und fallen in Tausenden von Funken zurück. Von Zeit zu Zeit sieht man Alles von der Gewalt der Wellen fortgeschleudert, die auch ganze Bäume entwurzeln, sie aus den: Boden, der sie aufkeimen sah, Herausreißend; sie gleichen niedergeworfenen Niesen, die mit der Macht des Todes kämpfen, oder den Schlangen, deren Windungen nicht mächtig genug sind, der Gewalt des Stromes zu widerstehen und der sie dennoch mit sich fortreißt. Je näher die entwurzelten Bäume dem Katarakte kommen, desto schneller wird ihr Lauf; endlich hat der Baumstamm das letzte Hinderniß der Stromschnellen besiegt und wird von der unwiderstehlichen Gewalt des Wasserfalls fortgerissen; er muß sich dieser gigantischen Masse ergeben und verschwindet in dem Wasserwirbcl, der ihn in Atome zermalmt hat, um nie mehr auf der Oberfläche zu erscheinen, oder er wird im Abgrunde durch die Getvalt des Wassers zurückgehalten. Ein absonderliches Experiment wurde vor ungefähr 30 Jahren mit den Stromschnellen des Niagara gemacht. Man brachte den Stumpf eines alten ausgedienten Seeschiffes dahin und besetzte es mit zwei vom Notz befallenen Kühen einem schwindsüchtigen Pferde und 20 Enten. Es handelte sich darum, zu wissen, ob der Abgrund einige Trümmerstncke des Schiffbruchs an's Licht bringen würde. Sobald man die Schiffstauc, welche das Wrack festhielten, durchschnitten hatte, sah man dasselbe, durch die Wasscrwirbel bald rechts, bald links fortgerissen, dann znr Ruhe kommend, seinen Weg fortsetzen. So gelangte es in das Niveau des Katarakts, fiel, fortgezogen von den Wellen, und verschwand im Augenblick. Alle diejenigen, welche diesen Kampf der Elemente mit der Beute, die man ihnen dargeboten, verfolgten, suchten mit den Augen über den Wasserwirbeln des Falls die Planken des Schiffes oder die armen Opfer, die man an seinem Bord eingeschifft hatte. Nichts zeigte sich: Alles war in diesem unergründlichen Trichter verschwunden. Die Journale der Vereinigten Staaten beschäftigten sich lange mit diesem Ereigniß, das über 5000 Zuschauer aus allen Winkeln des Landes herbeigezogen hatte. Vor einigen Jahren ereignete es sich, daß man in der Nähe von Wirlpool den Leichnam von Franz Abott, einem Eremiten der Insel Linie, fand. Es war ein Amalgam von znsainmcugeknetetem Fleisch; man hatte Mühe, ihn zu erkennen, als man ihn mit der Harpune erfaßte, um ihn an's Ufer zu ziehen. Den treuen Hund dieses armen Teufels, der seit dem Tode seines. Herrn winselnd einher lief, hatte man mitgenommen; als derselbe die unförmlichen Ueberreste sah, warf er sich über sie und bedeckte sie, denn er erkannte trotzdem in denselben seinen ehemaligen Herrn. 794 M i s e e H e n« (Einige kleine Malicen aus der Musikhistorie.) Einst schickte der Komponist Adam zu Ander, sich von ihm die Partitur seiner ersten Oper „Losonr wiiitrriis" ausbittend, die zu ihrer Zeit ein fürchterliches Fiasko gemacht hatte. Ander überreicht das Buch persönlich und entschuldigt sich wegen seiner verschiedenen Mangel. „Maöstro, gerade deßwegen wünsche ich ja Ihr Werk", erwiderte Adam. „Meine Schüler überkommt oft eine Stunde der Entmuthigung und Verzweiflung, wenn ich ihnen dann Ihre Partitur vorlege, empfinden sie deutlich, „was selbst ein Ander für schlechtes Zeug geschrieben," nnd getrost blicken sie wieder in ihre eigene Zukunft." — „Kennen Sie mich denn gar nicht mehr? Ich bin ja . . ." rief ein reifender Komponist einem schon gereiften in einer Versammlung zu. „Sie haben sich seit unserer letzten Begegnung dermaßen mit Ruhm bedeckt, daß ein Wiedererkennen schwer möglich", erwiderte der Jnterpcllirte, der bei derselben Gelegenheit einem anderen Genossen, den er besser fand, als Fama von ihm berichtete, zum Abschied sagte: „Es war mir eine angenehme Enttäuschung, Sie persönlich kennen gelernt zu haben." — Als Goldniark, der Komponist der „Königin von Saba" durch eine Suite zuerst sich bekannt machte, reiste er nach allen Städten, wo sie aufgeführt wurde, um feinen jungen Ruhm in vollen Zügen einznathmen. Der Cellist Popper kehrte einst nach ihm in demselben Hotel ein und fügte dein „Karl Goldmark aus Wien" ironisch die Worte bei „nebst Suite". — Borton, mtter Chcrubini's Direktorial Professor am Konservatorium und bekannt als etwas saumselig, war gestorben. Als sich sein Leichenkondukt etwas verspätete, sagte der griesgrämige Cherubim zu seinem Nachbar: „Der Mann kommt doch immer zu spät." * (Ein fataler Irrthum) passirte einmal bei dem Besitzer eines großen Weinbergs, welcher zum Fest der Weinlese eine große Anzahl von Gästen geladen hatte. Er war nämlich auf die Idee gekommen, acht Schilder mit Buchstaben anfertigen zu lassen, die von 4 Mädchen und 4 Knaben getragen wurden; nachdem die acht Kinder einen wohleinstndirtcn Tanz aufgeführt hatten, mußten sie eine malerische Gruppe um den würdigen Weinbcrgbcsitzcr bilden, während ihre acht Schilder mit den Buchstaben: „W, E, I, N" und: „L, E, S, E" versehen, das Wort: „Weinlese" zusammenstellten. Alles war sorgfältig geprobt worden, nnd der große Augenblick, wo das feierliche Tableau stattfinden sollte, nahte. Freudestrahlend steht der Festgeber da, während die jugendlichen Tänzer mit ihren großen Schildern sich um ihn schaaren. Aber — o weh — was erblickten die belustigten Gäste? — Statt: Wein-Lese — das Wort: „Wein-Esel!" — Einsetzt gewahrt er auch den Mittelpunkt der verunglückten Gruppe, nnd mit rascher Geistesgegenwart ertheilte er pianmLiino den Tänzern, welche nicht am rechten Platz gewesen waren, einen Rüffel; darauf erfolgt eine neue Gruppe, die kleinen Tänzer hielten ihre mit Wein gefüllten Becher hoch, und präseniirtcn abermals ihre Schilder dem nicht minder ergötzten Publikum, denn — v Unglück — was zeigen dieselben dies Mal? — „Esel-Wein!" — (Die Macht der Gewohnheit.) Die junge gnädige Fran hat in liebenswürdiger Laune ihrer Jungfer, der das Schreiben nicht gut von der Hand geht, einen Brief an ihren Kvnsin aufgesetzt und liest ihr denselben vor. Fehlt noch irgend etwas, Minna?" — „Nur die Entschuldigung wegen schlechten Schreibens nnd orthographischer Fehler." (Gastfreundlich.) Wirth (vor der Hausthür stehend, erblickt einen anfahrenden Wagen) : Wenn der nur nicht bei mir einkehrt — sonst b'stellt er mir am End' das Ganscl vor der Nasen weg, das ich mir gerade hab' braten lassen! Auslösung des Räthsels iu Nr. 97: „Walfisch, welsisch." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von 4>r. Max Huttlcr. Nr. SS. „Äugslmrger Postzeitung." Mittwoch, 12. December 1883. Der OpalrLng. Nomnn aus dein Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Vierunddrcitzigstes Capitel. An den» vorhergehenden Tage, da Lena und Bertha Mrs. Lemont besuchten, erhielt St. Lawrence einen Brief von dein Geheimpolizisten. Eine große Last wurde da- durch von seiner Seele genommen, denn dieser theilte ihm mit, daß Alles zeitig genug enthüllt sein werde, um die Heirath zu hintertreiben. Wie aber die Zeit verstrich Stunde auf Stunde vorüber eilte, kehrte seine Besorgniß in vergrößertem Maße zurück. Wenn er heute Abend keine bestimmte Nachricht von Niggs erhielt, so wollte er, selbst auf die Gefahr hin als Betrüger gebraudmarkt zu werden morgen in aller Frühe Lord Alphiugton aufsuchen um eine Blosstcllung an" Altare selbst zu verhüten. Er fand weder Ruhe noch Rast und schrit im Zimmer aus und ab, auf jeden Laut horchend, er versuchte zu lesen, konnte aber unmöglich seine Gedanken sammeln. Endlich zwischen zehn und eilf Uhr ward hastig an der Hausglocke gezogen und Mr. Riggs stürzte die Treppe hinauf iu's Zimmer. „Alles in Ordnung, Sir! Wir haben ihn erwischt!" „Also wirklich?" frug St. Lawrence aufspringend. „Ist es ganz bestimmt wahr; ich könnte eine fernere Ungewißheit nicht mehr ertragen", fügte er nach Athem ringend hinzu. — Mr. Niggs nährn seinen Hut ab und putzte sich mit dem Taschentuchs über den kahlen Schädel, indem er sagte: „Freilich es ist eine wahre Wohlthat, diese verfluchte Perrücke los zu sein. Sie frugen, ob es ganz bestimmt wahr sei. Ich sage Ihnen, wir haben ihn festgenagelt! Der Fang ging herrlich von Statten! Den Verhaftungsbefehl in der Tasche empfingen wir ihn, als er das Coupö verließ. Einer von unseren Leuten war ihm den ganzen Tag über gefolgt, ich fürchtete, er würde den Braten riechen und sich aus dem Staube machen. Aber er dachte nicht daran. Beim Henker, Sir, es war das schönste Stück Arbeit, welches ich seit langer Zeit unternommen habe! Lassen Sie mich auf Ihre Gesundheit trinken, Mr. Faucourt und dann mache ich mich schleunigst weg." St. Lawrence, den die endliche Befreiung von seiner Sorge und Ungewißheit ganz betäubte, holte eine Flasche Cognac und schenkte Mr. Niggs ein Glas ein. „Auf Ihre Gesundheit, Sir, wünsche noch viele und glückliche Tage!" und ehe St. Lawrence antworten konnte, war der Geheimpolizist wieder verschwunden. „Dem Himmel sei Dank!" rief jetzt der junge Mann aus tiefsten: Herzen aus. Das Zimmer wurde ihm zu klein, dieser beschränkte Raum konnte seine Seligkeit nicht fassen; deshalb ergriff er seinen Hut, warf den Mantel über die Schulter und schlug mechanisch den Weg nach Joh Cottage ein. Er hatte nicht vor, dort einzutreten, da er es Andern überlassen durfte, geeignete Maßregeln zu treffen, um Lena zu retten, 796 und ehe er sich um Bertha unter seinem rechtmäßigen Namen bewerben konnte, mußte noch mancherlei geordnet werden. Aber sein verliebtes Herz drängte ihn doch wenigstens, ihre Nähe aufzusuchen und jene neidischen Mauern zu betrachten, die sie seinen Blicken verbargen. Ob sie wohl jetzt in diesem Augenblicke auch liebend seiner gedachtet Er pflückte eine Epheuranke, welche am Thorpfeilcr hing und drückte sie an seine Lippen. — Vielleicht hatte beim Vorübergehen ihre Wange oder ihr Kleid sie gestreift: „Meine Bertha, mein süßes Kleinod!" flüsterte er halblaut vor sich hin. „Du liebtest mich, Du schenktest Dich mir, als ich noch arm und unbekannt war — nun kann ich Dich mit Glück und Reichthum umgeben — Dein ganzes Leben soll gleich einem schönen Sommertage dahinfließen!" Noch eine Weile überließ er sich den beseligenden Schwärmereien eines Verliebten, dann setzte er seinen Spaziergang fort, stundenlang, bis endlich die Ruhe des Geistes durch Müdigkeit wieder hergestellt wurde. Als er am andern Morgen erwachte und zu dem Bewußtsein gelangte, daß es kein Traum, sondern Wirklichkeit sei, drang ein Strom von Freude in seine Seele ein; er hätte laut aufjauchzen und Jedem sein Glück mittheilen mögen. Es wurde ihm schwer, sich ruhig zu verhalten, obgleich er fühlte, daß es nicht an ihm sei, den ersten Schritt zu thun; er mußte, so gut es ging, geduldig abwarten, welchen Lauf die Dinge jetzt nehmen würden. Gegen drei Uhr erhielt er ein Billet von Lord Alphington, worin dieser ihn bat, zu ihm nach Magnus Square zu kommen. Nun endlich fühlte er sich in völliger Sicherheit. Der Earl empfing ihn in dem Bibliothekzimmer, wo das Portrait von Enstace Faucourt, seinem Vater, hing. Kaum hatte sich die Thüre hinter ihm geschlossen, so eilte der alte Herr, keines Wortes fähig, auf ihn zu, legte den Arm um den Hals seines Enkels und schluchzte laut. Auch Enstace war auf das Tiefste ergriffen und küßte zärtlich die Hand seines Großvaters. „Gott segne Dich, mein lieber Junge!" brachte dieser endlich mühsam hervor, dann legte er die Hand auf die Schulter des jungen Mannes und hielt ihn auf Armeslänge von sich. „Ja die Aehnlichkeit ist sogar noch größer, als ich Anfangs glaubte: jedoch ist mehr Kraft, mehr Selbstvertrauen in Deinen: Gesichte. Ich hoffe zu Gott, daß Dir eine glücklichere Zukunft bevorstehen wird. Und nun setze Dich, Enstace, wir haben viel miteinander zu sprechen." Es folgte ein langes Zwiegespräch, welches beide gleichmäßig interessirte. Als Antwort auf die Frage Lord Alphington's, weshalb die Beweise nicht früher eingebracht worden seien, entgegnete Eustace, daß er keine bestimmte Auskunft geben könne, da seine Mutter ihn nicht darüber aufgeklärt habe. In Folge einiger Andeutungen, welche freilich von seinem Vetter Sedley ausgegangen seien, habe er sich gescheut, die Frage der Legitimität in Anregung zu bringen. „Wahrscheinlich verletzte es meine Mutter, wie ich jetzt glaube, die keine Ahnung davon hatte, daß mein Vater seine Heirath geheim gehalten habe, von den Verwandten ihres Gatten nicht anerkannt zu werden. Sie hielt strenge an einem einmal gefaßten Vorurtheile fest; zudem war sie durch und durch Republikanerin. Vermuthlich befürchtete sie, meine englischen Verwandten würden mich ihr entreißen und in einer von der ihrigen verschiedenen Sphäre erziehen lassen. Jedoch verwandte sie die größte Sorgfalt auf meine Erziehung, jedenfalls in dein Gedanken an die Zukunft. Nachdem ich meine Studien beendet, schickte sie mich mehrere Jahre auf Reisen. Ich kehrte nach Amerika zurück, als ich erfuhr, daß sie leidend sei und einige Tage später starb sie in meinen Armen. Als meine Mutter ihr Ende nahen fühlte, sprach sie zum ersten Male mit mir über die Familie meines Vaters und händigte mir die Schatulle mit den Beweisen ein; jedoch verpflichtete sie »sich, diese nicht eher zu öffnen, bis ich in England angekommen, und dann Ihnen den Inhalt sofort zu übergeben. Wie ich während 797 einer Krankheit beraubt wurde, ist Ihnen schon bekannt. Leniont pflegte mich unverdrossen; damals hielt ich es für Humanität seinerseits und belohnte ihn nach bestem Vermögen. Jetzt hat es sich allerdings herausgestellt, daß er ein anderes Motiv hatte." „Kanntest Du diesen Lemont schon früher?" frug Lord Alphington. „Nein, ich sah ihn zuerst an Bord -— seinen Namen hörte ich auch dort nicht, da er auf dem Schiffe nur Pierre genannt wurde. Aber als Bertha Dalton ihn nur beschrieb, erkannte ich den Menschen sofort wieder." „Sagtest Du nicht, Du habest erst durch Riggs erfahren, daß Dein Vetter ver- heirathet sei?" „Ja, ich wußte nichts davon. Der Julie Lemont erinnere ich mich — sie war Gouvernante bei einer Familie, welche in derselben Stadt wohnte wie wir. Damals hielt ich sie für ein dreistes, leichtfertiges Mädchen. Mein Taugenichts von Vetter versuchte es, um seine eigenen Intriguen zu verdecken, meinen Namen mit dem ihrigen in Verbindung zu bringen. Dies war die erste Veranlassung unseres Zerwürfnisses. Erst kürzlich erfuhr ich, daß er sie geheirathet habe." Von der Vergangenheit ging das Gespräch allmählich auf die Gegenwart und Zukunft über und Eustace, welcher vor seinem Großvater kein Geheimniß zu haben wünschte, setzte ihn von seiner Verlobung mit Bertha Dalton in Kenntniß. Lächelnd sagte der alte Herr: „Ja, ja, ich hatte schon so etwas errathen. Du darfst meiner völligen Einwilligung und meines eingetheilten Beifalles versichert sein. Sie ist ein reizendes Mädchen und mein besonderer Liebling, trotzdem ihre Schwester so schön ist. Arme Madcline", fuhr er mitleidig fort. „Jetzt wird sie schon die Vereitelung ihrer Hoffnungen erfahren haben. Sir Stephan Langley ist hingefahren, um Airs. Dalton die unangenehme Nachricht zu überbringen. Es wird sie tief erschüttern." „Ha, das arme Mädchen!" St. Lawrence war im Begriffe hinzuzufügen, es sei eine gerechte Strafe für sie; doch unterließ er diese Bemerkung. Wie wenig Achtung er auch für Lena haben mochte, so wollte er sie doch nicht in den Augen Lord Alp- hington's heruntersetzen. Es wurde Abend, ehe dieser seinen«, neu entdeckten Enkel erlaubte, ihn zu verlassen, und dann auch nur aus dem Grunde, weil er sich denken konnte, mit welcher Sehnsucht der junge Mann darnach verlangte, seine Verlobte wiederzusehen. „Ich will Dich nicht länger von Bertha zurüaHalten, denn obschon alt und grau, habe ich doch noch nicht ganz vergessen, wie es der Jugend zu Muthe ist. Aber morgen zum Frühstücke erwarte ich Dich hier und dann können wir unsere Pläne für die Zukunft entwerfen." So schieden Großvater und Enkel, gegenseitig entzückt von einander. Lord Alphington kam es vor, als ob ihm sein längst verstorbener Sohn wiedergcschenkt sei und St. Lawrence pries sich glücklich, in Demjenigen, welcher von nun an Vaterstelle bei ihm vertrat, Jemanden gefunden zu haben, der seiner Achtung und Liebe so vollkommen würdig war. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Neid ist häßlich, abschcu werth. Neid am eig'ncn Glücke zehrt; Während er nach fremdem schielt, Das er nimmermehr erzielt, Wird das seine schwinden. Liebcleer ist Neid und arm, Schafft sich selber Qual und Harm, Neid verbittert jede Lust; Lass' ihn nie in deiner Brust Eine Stelle finden! I. B iUk. 798 Fahnen und Wappen der Handwerker, Künstler und einiger anderen Stände, nebst deren Schutzheiligen nnd Fahnenfarben. Jedes einzelne Handwerk verehrt bekanntlich einen Heiligen als seinen Patron und Fürbitter bei dem großen Meister aller Handwerke. In früheren Zeiten, als das Handwerk in seinen Zünften und Gilden starke Verbände auswies, hochaiigcsehen war und in der Gemeinde wie selbst im politischen Leben eine große Rolle spielte, — man denke mir an die Kämpfe der flandrischen Städte mit den französischen Bedrückern — da waren auch die Patrone des Handwerks ebenso bekannt wie seine Embleme, Wappen und Fahnen, kurz wie seine ganze Organisation, Gliederung u. s. w. Und was vom Handwerk galt, das galt auch von vielen anderen Ständen, die uns in corporativer, fester Gliederung entgegentreten und Respect einstoßen. Dann kam eine Zeit, in der Alles, was nach dem Mittelalter „roch", verspottet, bekämpft, verworfen wurde. Es war das die Zeit, die in Deutschland mit der „großen Reformation" einzog, und die mit dem 30jährigen Kriege über Deutschland die Zerstörung alles Bestehenden, den Gräucl der Verwüstung brachte. Was die „Reformation" in ihren religiösen, socialen, staatlichen wie communalen Nachwirkungen etwa noch bestehen ließ, damit räumte dann die „Aufklärung" auf, die mit dem Zeitalter Lndwig's XIV. aus Frankreich herüberkam, Alles zersetzte, nnd die dann in der mit allen Schrecken nnd Verbrechen auftretenden großen französischen Revolution von 1784 geradezu das Princip formulirte: „mit allem Ucberliefcrten muß gebrochen und aufgeräumt werden!" So wurden die corporativen Verbände des Handwerks wie auch anderer Stände in den letzten drei bis vier Jahrhunderten mehr und mehr geschwächt und endlich zu Grabe getragen. Endlich erkannte man, daß es nicht mehr so weiter gehe, und so hat man denn die Reform des Handwerks wie den Wiederaufbau der Staat und Gesellschaft überhaupt erhaltenden Stände in die Hand genommen, und man wird hoffentlich trotz allem Spotten nnd Widerstreben des regierenden Zeitgeistes nicht ruhen, bis dieser Wiederaufbau vollendet ist. So sehr aber wurde die Kenntniß von den großen Schöpfungen des „Mittelalters" in den Köpfen ausgetilgt, daß die Meisten auch nicht einmal mehr die äußeren Zeichen des Handwerks nnd anderer Stände zn nennen wissen, geschweige daß sie Etwas von der Geschichte jener Schöpfungen kennen. Als eine Anregung zu Weiterem, insbesondere zu Vortrügen in Handwerker- und anderen Vereinen, möchten wir deshalb, nach dem „Echo d. G.", eine kurze Zusammenstellung der Fahnen und Wappen rc. wie der Schutzpatrone der Handwerke und einiger anderen Stände hier folgen lassen. Aerzte und Apotheker. Patrone: St. Cosmas und Damian (zwei Brüder, Aerzte, tragen Arzneigläser, starben zu Anfang des 4. Jahrhunderts als Märtyrer). Im Felde eine goldene Salbenbüchse. Fahne blau und gold. Bäcker. Im blauen Felde eine silberne Brctzel. Patronin: St. Elisabeth von Thüringen, die Brodspenderin; sie trägt Brod in einem Korbe und einen Krug mit Wein. Fahne blau und silber. Brauer. Im goldenen Felde einen umgekehrten goldenen Kübel und darunter gesteckt drei goldene Schöpfstötze. Patron: St. Florian, der Abwcnder von Feuersgefahr; er schüttet aus einem Gefäße Wasser in's Feuer, weil er sich erboten, freiwillig durch's Wasser zn gehen. Fahne roth und gelb. Buchbinder. Im grünen Felde eine goldene Buchbinderpresse, ein Buch und eine Brieftasche. Patron: St. Ludwig IX. von Frankreich, der Bücherfreund; hält Lilien- scepter und Dornenkrone, starb 1270. Fahne grau nnd gold. Buchdrucker. Im silbernen Felde ein schwarzer, goldgekrönter, springender Löwe, der in seinen beiden Vorderpranken zwei aufeinander reibende Buchdrnckerballen hält. Patronin: Katharina von Alexandrien, die Schriftgelehrte. Fahne schwarz und silber. Buchhändler. Im silber- und goldgetheilten Felde einen rothen Krebs. Patron: 799 St. Bonifatins, Erzbischof, mit einem von einem Schwerte durchstochenen Buche. Fahne silber, roth und gold. Dachdecker. Im rothen Felde silberne Werkzeuge. Patron: St. Naphael der schützende Erzengel. Fahne roth und silber. Drechsler. Im blauen Felde silberne KMnstdrchcreien und zwei gekreuzte Drch- mcisicl. Patron: St. Erasmus, Bischof unter Diocletian; er halt eine Winde in der Hand, um anzudeuten, daß ihm die Eingeweide aus dein Leibe gewunden wurden. Fahne blau und silber. Färber. Im blau und pupurgctheiltcn Schilde eine goldene Mange. Patron: der 'Apostel St. Simon, eines Purpnrfärbers Sohn. Fahne getheilt, oben blau und Purpur, unten pnrpnr und blau. Feilen Hauer. Im grünen Felde drei eiserne Feilen. Patron: St. Thcodo- sius, der in Eisen Geschlagene. Fahne grün und schwarz. Fischer. Im silbernen Felde drei naturfarbene, ineinander geschlungene Fische, darunter ein Krebs. Patrone: St. Bcnno und Mauritius, denen Fische verlorene Kirchen- schlnssel wiederbrachten. Fahne grün und silber. Flaschner. (Spengler und Plättner.) Im grünen Felde eine silberne Ritterrüstung, oder auch ein goldener oder silberner Helm, ihr Meisterstück. Patron: St. Wilhelm der Große, der die Rüstung nie ablegte. Fahne grün und silber. Fuhrleute und Kutscher. Im blauen Felde auf grünem Boden ein goldener Wagen. Patron: St. Laüo, der einen Todtgcsahrcnen wieder belebte, oder, da dieser Heilige minder bekannt ist, Patronin: St. Katharina von Alcxandric», mit einem zerbrochenen, mit Messern besetzten Rade, welches der Blitz zerschmetterte, als sie gerädert werden sollte. Fahne blau und grün. Gärtner. Im silbernen Felde ein grüner Baum mit entblößten Wurzeln. Patronin: St. Dorothea, sie trügt Blumen, Rosen und Früchte, weil Engel vor ihrem Tode, den sie als Heimgang zu ihrem Bräutigam bezeichnet hatte, mit Blumenkränzen erschienen. Fahne grün und silber. Gastwirthe. Im rothen Felde ein silberner Pokal, daneben silberne Brode; darüber in Silber Sonne, Mond und Sterne. Patron: St. Goar, der die Reisenden umsonst beherbergte (worin die Gastwirthc freilich ihrem Patron nicht nachfolgen können). Fahne roth und silber, weil sie rothen und weißen Wein schlucken. Gerber. Im rothen Felde zwei silberne Schabeisen. Patron: St. Bartholomäus mit dem Messer und seiner abgeschundenen .Haut. Fahne roth und silber. Glaser. Im silbernen Felde ein gothisches Doppelfenster mit blauen Rund- scheiben, darunter Lineal und Diamant. Patron: St. Scrapion, der aus einem Fenster Gestürzte. Fahne blau und silber. Gold- und Silb er schmiede. Im blauen Felde einen silbernen Ehrenpokal, zu beiden Seiten goldene Ringe. Patron: St. Eligius, der Goldschmied. Fahne gold, blau und silber. Gürtler. Im blauen Felde eine goldene Gürtelspange. Patronin: St. Agatha, deren Gürtel die Henker nicht von ihrem Leibe zu entfernen vermochten. Fahne blau und gold. Hafner (Töpfer). Im goldenen Felde ein rother Hafen. Patron: St. Goar, Priester und Eremit zu Trier um 580. Drei Hündinnen gaben ihm ihre Milch, womit er die ihn Gefangennehmenden tränkte; ein Teufel sitzt auf seiner Schulter; er hält einen Topf in seiner Hand. Fahne roth und gold. H orndrehe r. Im grünen Felde ein silbernes Büffelhorn. Patron: St. Hnbertus, der Jagdfreund, zwei Pfeile haltend; neben ihm steht ein Hirsch, welcher zwischen dem Geweih ein Crucifix trägt, durch dessen Anblick er auf der Jagd bekanntlich bekehrt wurde. Fahne grün und silber. 800 Huf- und Waffenschmiede. Im schwarzen Felde ein silbernes Hufeisen. Patron: St. Eligins der Schmied. Fahne schwarz und weiß. Hutmacher. Im blauen Felde ein schwarzer Hut. Patron: St. Jakob, der Pilger im Pilgcrkleidc, die Pilgermuschcl auf der Brust oder am Hute, mit Schwert oder Pilgerstab. Fahne blau und schwarz. Kammmacher. Im rothen Felde ein verzierter goldener Kamm alter Form. Patronin: St. Magdalena, die Erfinderin des Kammes, mit einer Salbbüchse, zuweilen in ihr langes Haupthaar gehüllt, kniet unter dem Kreuze Jesu. Fahne roth und gold. Kupferschmiede. Im blauen Felde ein purpurfarbiges Gefäß, von zwei goldenen Greifen bewacht. Patron: St. Eulogius, der mit kupferner Lanze Gctödtetc. Fahne blau, gold, Purpur. Kürschner. Im purpurrothen Felde ein schräglicgendcr Hcrmelinstrcifcn. Patron: St. Johannes der Täufer im Gewände aus Thicrfcllcn, oft mit struppigem Haupthaar (als Zeichen der Bußübung), trägt das Lamm Gottes und ein Krcuzpanicr. Fahne purpur mit aufgestreuten Hermelinflockcn. Lebküchner. Im blauen Felde einen Naturfarben gemalten weißen und einen braunen Lebkuchen. Patronin: die allersüßcste Jungfrau Maria mit dein allersüßcstcn Kindlcin. Fahne purpur und silber. Maler. Im silbernen Felde das Bild der hl. Jungfrau. Patron: St. Lucas, der erste Maler; er malt vor einer Staffele!. Fahne regenbogenfarbig gestreift. Maurer. (Siehe Steinmetzen.) Messerschmiede. Im rothen Felde drei silberne Dolche über Kreuz durch eine goldene Krone gesteckt. Patron: St. Moritz, der ritterliche Held, ein Thcbancr. Fahne roth und gelb. Metzger. Im purpurnen Felde ein goldener Ochse und ein naturfarbencs Beil. Patron: St. Mathias, der mit dem Beil Ermordete, und St. Lucas neben dem apokalyptischen Thiere, dem Ochsen. Fahne purpur und gold. Müller. Im blauen Felde ein silbernes Mühlrad. Patronin: St. Christinn, die mit einem Mühlstein als Kragen um den Hals in's Wasser Gestürzte und von einen: Engel Gerettete. Fahne blau und silber. Radier und Nagelschmiede. Im silbernen Felde ein purpurnes Herz, in welches drei Nägcl gesteckt sind. Patronin: St. Helena, welche Christi Kreuz sammt den Nägcln auffand, mit denen der Heiland gekreuzigt wurde; sie trägt das Kreuz Christi und die Nägcl. Fahne silber, purpur, silber. Optiker. Im silbernen Felde ein grünes Brcnuglas und eine blaue Brille. Patron: St. Fridolin, der erste Brillenträger. Fahne grün und silber. Perrückenmacher und Friseure. Im silbernen Felde ein weiblicher Kopf nut Locken. Patronin: St. Magdalena, welche lange Haare hatte. Fahne purpur und silber. Porzellanmaler. Im silbernen Felde ein halb roth, halb blaues Wappen- schildchen. Patron: St. Lucas. Fahne roth, silber, blau. Nothgießer. In: rothen Felde eine goldene Glocke. Patronin: St. Agatha, die auf den Gießhütten um Abwendung der Fencrsgcfahr angerufen wird. Fahne roth nnd gold. Sattler. Im silbernen Felde ein purpurner Sattel mit Goldeinfassnng. Patron: St. Georg, der tapfere Ritter, der fest !m Sattel Sitzende. Fahne silber, purpur, gold. Schauspieler. Im silbernen Felde eine tragische und eine komische Maske oder zwei gekreuzte Dolche. Patron: St. Genesius, der früher Histrione war, aber unter dem Völklein der Theater wenig Verehrer finden dürfte. Fahne purpur und silber. Seiler. Im grünen Felde drei goldene Seidcwinden oder Spindeln. Patronin: St. Anna, welche die Bußstricke und Geißeln einführte. Fahne grün und gold. Schlosser. Im silbernen Felde zwei gekreuzte Schlüssel, darüber und darunter Vorlegeschlösse!. Patron: St. Petrus, der die Himinelsschlüssel hält, bejahrt, mit starker Tonsur oder ganz kahlen: Scheitel, einige Schlüssel in der Hand, zuweilen mit zwei Schlüsseln. Fahne schwarz und silber. Schornsteinfeger, Essenkehrer. Im silbernen Felde zwei gekreuzte Besen, darüber eine Rußscharre. Patron: St. Florian, der Feuerlöscher. Fahne ganz schwarz. Schmiede. (Siehe Gold-, Huf-, Waffen- und Nagclschmiede.) Schneider. Im grünen Felde ein Schneider-Fingerhnt und eine Schncidcr- Schcere, stahlfarben. Patron: St. Johannes der Täufer, weil er wahrscheinlich seinen Rock aus Kameelgarn selbst gemacht hat. Fahne grün und blau. Schreiner oder Tischler. Im silbernen Felde eine Säge und ein Hobel. Patron: St. Rochus, der Kunsttischler und Pilger, am linken Schenkel eine Pestbeule, einen Hund neben sich, Pestkranke heilend. Fahne blau und silber. Schü tzen, Armbrnst- und Büchsensch üHeu. Im goldenen Felde ein schwarzer Reichsadler. Patron: St. Sebastian; er leidet, nackt an einen Baum oder Pfahl gebunden, von vielen Pfeilen durchbohrt, den Märtyrertod. Fahne schwarz und gold. Schuh- und Stiefelmacher. Im goldenen Felde einen schwarzen Schuh und einen Stiefel. Patrone: St. Krispin und St. Krispiniauns, mit Schnhmachcr-Gcräth, weil sie als Missionäre in Gallien ihren Unterhalt durch Schnhemachen verdienen mußten. Fahne schwarz und gold. Seifensieder und Licht zieh er. In: blauen Felde ein Pfund silberner Kerzen. Patronin: St. Maria di Monte, welche strenge ihren Rittern und Dienstlcntcn Waschungen anbefahl, während heute „die Ritter von: Geiste" oft recht ungewaschene Männer sind. Steinn: eben und Maurer. Im blauen Felde goldene Manrcrwerkzcngc, Zirkel, Kelle, Richtschnur und Winkelmaß. Patron: St. Stephanns, der mit unbehauenen Steinen gesteinigt wurde. Auch St. Rcinhold, ein Mönch in Köln, mit einen: Hammer in der Hand. Fahne blau und gold. Teppichweber. Im goldenen Felde ein farbiggcstrcifter Teppich. Patron: St. Paulus, der auch ein Teppichweber war, mit den: Schwert, auch zwei Schwerter vor sich haltend, wo das zweite dann als das Schwert des Geistes zu deuten ist. Fahne gold und buntfarbig. Tuchmacher, Wollen web er. Im rothen Felde zwei goldene Tuchweber- schiffe in's Andreaskreuz gelegt. Patron: St. Martin, der seinen Tnchmautcl mit dem Schwerte theilte und die Hälfte einen: nackten Bettler gab, und St. Severns von Ra- vcnna, der ein Wollcnwebcr war. Fahne roth und gold. Tuch fürber, Tuchwalker. (Siehe Walkmüller.) Tünch er. In: blauen Felde zwei goldene in's Andreaskreuz gelegte Borstenpinsel. Patron: St. Antonins, dessen Attribut die Borsten liefert, mit dem ägyptischen Kreuz (1Y und der Bcttlcrglocke, von Teufeln versucht, ein Schwein neben sich. Fahw blau und gold. Uhrmacher. Im rothen Felde ein großes silbernes Zifferblatt mit goldener' Zeigern. Patron: St. Petrus mit dem Hahne, dem Uhrweckcr. Fahne roth und silber Wagner, Stellmacher, Radmachcr. Im blauen Felde ein goldenes Rad Patronin: St. Katharina, mit den: Rade gemartert. Fahne blau und gold. Wachsbleicher, Wa ch s st o ck- u n d W a ch s l i ch t in ache r. Im blauen Feld ein goldener Bienenstock. Patron: St. .Ambrosins, Erzbischof von Mailand, Kirchen lehrer, auf dessen Gesicht, als er noch Knabe war, einmal ein Bienenschwarm sich nieder ließ; er hat einen Bienenkorb znr Seite und eine Geißel in der Hand, weil er den» Kaiser Theodosius den Eintritt in die Kirche verwehrte. Fahne blau mit goldene' Biegen bestreut. 802 Walk müllcr und Tuchfärber. Im silbernen Felde eine aufwärts blaue Hand. Patron: St. Jakob der Kleine, der mit einer Tuchwalkcrstange Erschlagene; er hat znr Seite den einem großen Geigenbogen ähnlichen Walkerbanm. Fahne blau und silber. Weber. Im grünen Felde ein goldenes Weberschiffchen. Patronin: St. Atha- nasia, die Weberin mit dein Stern aus der Brust; auch galten Krispinus und Kris- pinianns als Patrone. Fahne grün und gold. Wein Händler und Weinschänken. Im purpurnen Felde ein Faß, worauf ein silberner Pokal steht oder ein Bacchus reitet. Patron: St. Urbanns, an dessen Todestag es Wein regnete. Fahne Purpur und sicher. Zimmerleute. Im goldenen Felde stahlblaue Handwcrksgeräthe. Patron: St. Joseph, der Zimmermann, bei dem der Heiland in die Lehre ging. Er hält einen Lilienstab, zuweilen auch eine Säge. Fahne blau und gold. Zinn gieß er. Im silbernen Felde eine blaue Kanne. Patron: St. Karolus Magnns, der den Dom zu Aachen mit Zinn (?) decken ließ. Fahne blau und filber. M i s c e ll e n. (Die schönste Hand.) Kürzlich unterhielten sich zwei junge, liebenswürdige Damen über das, was die Schönheit einer Hand ausmache. In ihren Ansichten darüber ebenso verschieden wie in der Form des schönen Gliedes, von dcßen Vorzügen sie sprachen, beschlossen sie, einem Greise, der zufällig dazu kam, die Frage zur Entscheidung vorzulegen. Jede der Damen Zeigte ihm ihre Hand. Beide erfassend, blickte er eine Zeit lang auf sie, als ob er sie genau betrachte. Endlich sagte er: „Ich gebe es auf; die Frage ist zu schwer für mich; doch fragen Sie die Armen, und sie werden Ihnen sagen, daß die schönste Hand in der Welt jene sei, die Almosen spendet." (Der andere Mensch.) Ein Herr, der die schlimme Gewohnheit hatte, nicht nur einen, sondern sogar zwei Schnäpse auf einmal zu bestellen, befragt, warum er solches thäte, meinte: „Ja, das hat seine ganz eigenthümliche Bcwandtniß: Sehen Sie, meine Herren, wenn ich einen Schnaps trinke, so werde ich ein ganz anderer Mensch, und meine Herren, ich sehe nicht ein, warum der andere Mensch nicht auch einen Schnaps haben soll, was ich zu beachten bitte." (Ein schlechter Witz.) Prinz Ludwig von Baden kam in diesem Sommer auf einer Fußwanderung durch den Schwarzwald auch nach Sommerau. Obgleich es im Juli war, pfiff doch ein schneidend kalter Wind über die Höhen, so daß der Prinz sich im Zimmer behaglich fühlte. „Wie kommt denn dieser Ort zu dem Namen Sommerau?" fragte der im strengsten Inkognito reisende Fürstcnsohn. — „Nun sehen Sie," antwortete der gemüthliche Oberländer, „weil es hier im Winter kalt ist und im Sommer an" (auch). — (Aerztliches Zeugniß.) Ein gutes Seitenstück zu dem von Fritz Reuter erwähnten Zeugniß: „Ich bescheinige, daß P. X Prügel erhalten hat, und sie haben ihm nichts geschadet" — bildet das unlängst von einem Wiener Arzt ausgestellte, das wie folgt lautete: „Die Kopfverletzung ist eigentlich eine schwere: da aber .der Verletzte fleißig kalte Umschlüge gemacht hat, kann ich sie nur als eine leichte klassifizieren. (Aus der Schule.) Lehrer (der eine Aufgabe an die Tafel geschrieben): „Wer von Euch trifft mir diese Ausgabe?" Martin (indem er seine Mütze gegen die Tafel wirft): „Ich, Herr Lehrer." (Bettlerpraxis.) „Vcrgclt's Gott, Ew. Gnaden für die schöne Hosen, aber ragen kann ich se nct, die verderbet' mir mein Geschäft; kein Mensch thät mir was gebenl" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Dr. Max Huttler. UnterkaktimgMntt »ur ^Ängsliiirger Postzeilmig." Nr. 100. Samstag, 15. December 1883. Der Gpalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Fünfunddreitz igstes Eapiret. Bertha raffte all' ihren Muth zusammen, um der armen Mutter die schreckliche Nachricht mitzutheilen. Sie war daher nicht wenig erstaunt, Mrs. Dalton ganz vergnügt anzmreffen, obgleich sie bereits von Allem in Kenntniß gesetzt war. Die Zeit, welche ihr nach dem Besuche Sir Stephan's bis zur Zurückkauft ihrer Töchter blieb, hatte sie zu reiflichem Nachdenken benutzt und sich die ganze Angelegenheit gemüthlich nach ihrem Geschmacke zurccht gelegt. „Die Hochzeit brauchte nur einige Wochen hinausgeschoben zu werden", meinte sie. „Es ist wirklich eine Fügung der Vorsehung, das; Alles so gekommen. Bei dem ersten Mr. Faucourt wäre Lena als vernünftiges Mädchen genöthigt gewesen, die Mängel ihres Gatten zu übersehen, aber jetzt ist an dem Manne selbst ebenso wenig auszusetzen wie an seiner Stellung und beides vereinigt ist natürlich vorzuziehen." Und dann besann sie sich auf die Entschnldignngsgrnnde, w^he sie ihren Bekannten über die Verzögerung der Hochzeit und den Wechsel des Bräutigams anführen könne. Freilich war es ein wenig beschämend, eingcstehcn zu müssen, daß der frühere Schwiegersohn, mit dem sie so paradirt, ein Betrüger sei, aber ihren intimsten Freunden konnte sie ja anvertrauen, wie sie im letzten Momente entdeckt, daß ihre theure Lena St. Lawrence liebe — dadurch wäre ja Alles entschuldigt. Schade, daß sie es nicht schon erfahren, ehe sie das Frühstück bestellt und nun fing sie an auszurechnen, wie lange sich wohl der Hochzeitsknchcn aufheben lasse und ob er nicht schließlich doch noch demselben Zwecke dienen könne. Von diesen Entschließungen sagte sie jedoch Bertha nichts, da es fraglich erschien, wie die sie aufnehmen werde. „Bertha hat so sonderbare Ideen", sagte sie bei sich und deshalb gab sie ihrer Tochter nur durch Andeutungen zu verstehen, daß sie eine wunderbare Entdeckung gemacht und Alles in Nichtigkeit sei. „Du wirst nie errathen, wer der richtige Erbe ist; ich will rasch hinaufgehen und es Lena sagen. Wie glücklich wird sie darüber sein!" Sie eilte aus dem Zimmer, ohne Bertha's Warnung zu beachten, daß Lena sehr angegriffen sei. „Ich weiß schon, mein Kind", erwiderte sie vergnügt nickend, „das wird schon bald vorübergehen." Und fort war sie. Bertha, welche nicht im mindesten verstand, worauf ihre Mutter anspielte, blieb bestürzt allein. Nach nicht allzu langer Zeit kam Mrs. Dalton fassungslos und ganz verwirrt die Treppe herunter und rief: „Was fehlt nur der Lena? Ich glaubte, meine Neuigkeit werde sie vollständig wiederherstellen nud glücklich machen; anstatt dessen sitzt sie wie eine Statue vor dem Feuer und sagt kein Wort. Ich weis; nicht einmal, ob sie mich wirklich verstanden hat. Willst Du nicht zu ihr hingehen, Bertha; vielleicht spricht sie mit Dir." Bertha stürzte hinauf und fand ihre Schwester, einem Marmorbilde ähnlich, am Kamin sitzen. Sie kniete vor ihr nieder und ihr in's Gesicht blickend, gewahrte sie den Ausdruck solch' grenzenloser Verzweiflung, daß sie entsetzt zurückfuhr. Sie ergriff die kalte Hand der Schwester und sagte: „Meine liebe Lena, ich weiß, wie hart der Schlag ist, der Dich getroffen, aber ich bitte Dich, suche Dich zu beruhigen, der Mensch ist nicht werth, daß Du Dich so härmst." Noch immer sprach Lena nicht; Bertha's Liebkosungen und Bitten waren vergeblich, sie erhielt keine Antwort. Die alte Martha erschien mit einer Tasse Thee und einem Kuchen, den sie eigens für ihre jungen Damen gebacken. Da sie kein Mittagessen gehabt, gab sich Bertha alle erdenkliche Mühe, Lena zu bereden, etwas zu sich zu nehmen. — Diese schüttelte den Kopf, sie konnte nicht schlucken. Nur eine Tasse Thee trank sie und ließ sich dann von ihrer Schwester und Martha zu Bette bringen. Tiefsenfzend legte sie ihren Kopf auf's Kissen und wandte das Gesicht der Wand zu. Bertha setzte sich an den Kamin; sie wollte Lena nicht allein lassen, ogleich noch Vieles zu besorgen war. Die geladenen Gäste mußten znrückbestellt und die Vorbereitungen Zur Hochzeit gänzlich beseitigt werden, damit morgen nichts mehr dem Auge der Schwester begegne. Ungefähr eine Stunde saß sie dort, als sie das Herannahen eines Besuchers zu vernehmen glaubte. Ihre Gedanken hatten sich natürlich mit St. Lawrence beschäftigt, sie sehnte sich nach ihm, sie verlangte darnach, ihm Alles anzuvertrauen, sie bedurfte seines Rathes, seiner kräftigen Stütze. Die feste Zuversicht tröstete sie, daß ihre Mutter jetzt St. Lawrence, den sie ja immer gern gehabt, willig aufnehmen werde, da der angebliche Mr. Fanconrt entlarvt war. Sie wird nichts mehr von dem glauben, was dieser Schurke gegen ihn geäußert hat, und später können wir noch alle miteinander glücklich werden, wenn die arme Lena den ersten Schrecken überwunden und eingesehen hat, welchem Unglück sie entronnen. Auf Reichthum braucht wohl keiner von uns zu rechnen, aber was liegt daran?" Diese Träumereien wurden durch Martha unterbrochen, welche ihr mit geheimnißvoller Miene zuflüsterte: „In dem Eßzimmer ist Jemand, der Sie zu sprechen wünscht, liebe Miß Bertha. Bitte, gehen Sie, ich bleibe so lang bei Miß Lena." Bertha eilte mit klopfendem Herzen die Stiegen hinunter. Um das Eßzimmer zu erreichen, mußte sie dnrch's Frühstückzimmcr gehen — dort blieb sie stehen, sie ward verlegen und schämte sich, St. Lawrence ihre Freude über sein Erscheinen zu zeigen. Hatte sie ihn doch seit dem Tage, wo sie ihm ihre Treue gelobt, nicht mehr wieder gesehen. Sie zögerte noch einige Augenblicke, um ihr stürmisches Herz znr Ruhe zu bringen. Aber das Ohr eines liebenden ist scharf. St. Lawrence hatte ihren leichten Schritt, vielleicht sogar den leisen Seufzer vernommen und ehe sie selbst recht wußte, wie es geschehen, fand sie sich in seinen Armen wieder. „Mein liebes, süßes Herzt" sagte er zärtlich. „Ist es nicht traurig, daß ich Dich nicht auffordern darf, Theil an meinem Glücke zu nehmen, tvcil ich weiß, welcher Art Deine Gefühle in Betreff der armen Lena sind?" „So hast Du schon gehört, was sich ereignet hat?" frug Bertha sich sanft von ihm losmachend. ^Gehört?" lautete seine erstaunte Frage. „Ja, ich meine, ob Du schon weißt, daß der Mensch, welcher sich Fanconrt 805 nannte, ein Schwindler oder noch etwas Schlimmeres ist. Sir Stephan Langlcy war hier und theilte es der Mama mit." „Ist das Alles, Bertha? Sagte Sir Stephan nichts weiter?" frug er lächelnd in ihr besorgtes Antlitz blickend. „Noch mehr?" rief sie erschreckt aus. „Gibt es noch mehr zu hören?" „Schaue mich an, Gcliebtestc! Schau mich an! Sehe ich wohl aus, als ob das „Mehr" so sehr schrecklich und erregend sei." Bei diesen Worten zog er sie von Neuem in seine Arme. Bertha erhob die Augen zum Gesichte ihres Bräutigams. Lebhaftes Noth verbreitete sich über ihre Wangen, indem sie eifrigst sagte: „Es ist etwas, was Dich persönlich betrifft. Das Geheimniß, wovon Du mir sagtest, ist es zu Ende?" „Ja, mein holdes Lieb, für immer und ewig zu Ende. Erzählte Sir Stephan Deiner Mutter nicht, daß Lord Alphington den wirklichen Erben aufgefunden habe?" „Ich weiß es nicht, Mama sagte mir nichts davon; wahrscheinlich hat sie es nicht verstanden." „Und doch ist es nicht schwer zu begreifen. Eustace Sedley ist mein Vetter. Den Zufall, daß er meinen Namen trägt, in gleichem Alter mit mir ist, und' meine Vergangenheit kennt, benutzte er dazu, sich unrechtmäßiger Weise meine Rechte anzueignen. Dein alter Bekannter aus dem Omnibusse stahl mir aus seine Veranlassung die Beweise meiner Geburt, welche ich mit nach England gebracht hatte. Und nun ist es Eustace Fanconrt, der Dich bittet, das Versprechen zu erneuern, welches Du Eustace St. Lawrence gegeben hast; er ist zu Dir gekommen, um den Schwur de^Treue zu wiederholen, den Du von dein armen Landschaftsmaler in Empfang genommen." Bertha schaute ihren Verlobten groß an und erbleichte. Er führte sie zu einem Stuhle, kniete vor ihr nieder und ergriff ihre beiden Hände: „Meine theuerste Bertha, was ist Dir? Was befürchtest Du?" Aber statt aller Antwort lehnte sie den Kopf an seine Schulter und brach in Thränen aus. Die vielen und heftigen Gemüthsbewegungen der letzten vierundzwanzig Stunden, waren zu viel für sie gewesen und nun verließ sie die Kraft, bei diesem plötzlichen unerwarteten Glück. Ihres Geliebten wegen freute sie sich, dem Einflüsse, den diese Veränderung auf sie ausüben werde, schenkte sie keinen Gedanken. St. Lawrence suchte sie mit den zärtlichsten Worten zu beruhigen und stellte ihr vor, wie freudig Lord Alphington sie in seinen: Hause willkommen heiße. Dann malte er ihr aus, wie sie beide vereint Alles aufbieten wollten, ihm sein Alter zu versüßen, bis Bertha aufblickte und ihn durch die Thränen anlächelte. Allmählich tauchte eine Erinnerung nach der anderen in ihrem Geiste auf. Purpurröthe stieg bis zu ihrer Stirn hinauf und ihr Antlitz an seine Brust verbergend, rief sie aus: „Und ich erzählte Dir die Prophczeihnng über den Ring! Aber ich ahnte dies wirklich nicht!" „Nein, das thatest Du nicht; aber ich wußte es", erwiderte er lächelnd. „Damals hatte ich freilich nicht die leiseste Hoffnung, daß sie je in Erfüllung gehen werde, denn ich wähnte, Du würdest Douglas glücklich machen und nicht mich." Sie waren so sehr mit sich beschäftigt, daß sie die sich nahenden Fußtritte überhörten, und ehe Bertha antworten konnte, wurde die Thüre geöffnet und Mrs. Dalton erschien in derselben. Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihr, als sie St. Lawrence Hand in Hand mit Bertha da sitzen sah, Ersterer erhob sich und ging ihr entgegen, da sie wie versteinert stehen blieb. „Darf ich hoffen, daß das strenge Verbot aufgehoben ist, Dirs. Dalton? Wollen Sie mir zur Versöhnung die Hand reichen und eine Bitte, die ich an Sie richten werde, günstig aufnehmen?" „O, Mr. St. Lawrence — Mr. Faucourt meine ich — wie freue ich mich für Sie", antwortete die verwirrte Dame, endlich ihrer Sprache wieder mächtig. „Ich habe Sie immer gern gehabt und Mr. Fancourt — d. h. Mr. Scdley nie. Die arme, theure Lena, es ist eine wahre Erlösung für sie. Vermuthlich theilten Sie es eben Bertha mit." „Ja, sie wußte noch nicht, wie schmählich Sedlcy mich hintcrgangen. Habe ich Sie recht verstanden? Sieht Miß Dalton die Auflösung ihrer Verlobung von diesem Gesichtspunkte an? Diese Nachricht freut mich von Herzen." „Das glaube ich Ihnen gern", bestätigte Mrs. Dalton und ließ sich auf den Stuhl, von welchem Bertha sich erhoben, nieder. „Sie werden Lena leider für heute Abend entschuldigen müssen, da sie sehr angegriffen ist und sich zur Ruhe begeben hat." „Eustace bat, Miß Dalton seinetwegen nicht stören zu wollen — es befremdete ihn, wie man annehmen könne, er wünsche sie zu sprechen. Bertha benutzte diese Gelegenheit und schlüpfte aus dem Zimmer. Ihre Mutter fühlte sich durch den kühlen Ton des jungen Mannes einigermaßen entnüchtcrt. Sie hatte erwartet, ihn bei dem Gedanken, Lena sei wieder frei, außer sich vor Entzücken zu finden. Unbehaglich und nicht recht wissend, was sie sagen solle, begann sie ihrer Gewohnheit gemäß die Falten des Kleides glatt zu streichen. „Es war meine Absicht, Sie heute um eine Unterredung zu bitten, Mrs. Dalton", hub St. Lawrence, vor ihr stehen bleibend, an. „Jetzt kommt es", dachte sie, ihre Hände auf dem Schooße faltend und sich räuspernd, um mit geziemender Würde zuhören zu können. „Ich liebe Ihre Tochter schon lange", fuhr er fort, für den Augenblick vollständig vergessend, daß außer Bertha noch sonst Jemand auf der Welt sei, „und ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß ich die Versicherung ihrer Gegenliebe erhalten habe. Ihrer Zustimmung bedarf es noch, um mich zum glücklichsten der Menschen zu machen. Lord Alphington kennt und billigt meine Wahl." „Diese Mittheilung, Mr. St. Lawrence — Mr. Fancourt meine ich, macht mich äußerst glücklich, doch bin ich erstaunt zu hören, daß Sie von meiner Tochter das Geständniß der Gegenliebe schon in Empfang genommen haben und — und — wäre es nicht besser, noch einige Tage zu warten? Sie ist vielleicht kaum darauf vorbereitet — so plötzlich, wissen Sie." Erröthcnd hielt sie inne. Die Nachricht, St. Lawrence sei zu Titel und Reichthum gelangt, war von Lena nicht so freudig aufgenommen worden, wie ihre Mutter es erwartet — vielmehr hatte sie wie ein Bild der Verzweiflung ausgesehen und da St. Lawrence schon heute auf eine Antwort drängte, so war es fraglich, wie Lena seine Werbung aufnehmen werde. „Sie müssen es der Ungeduld eines Liebenden verzeihen, verehrte Frau", erwiderte er lächelnd. „Wie hätte ich von Bertha fern bleiben können und zugeben, daß sie von Andern erfuhr, was sich ereignete." Mrs. Dalton blickte ihn abermals verwirrt an. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, an Bertha zu denken. Sie ist ein liebes, gutes Mädchen, obschon sie ihrer Schwester nicht gleicht." „Nein, Gott sei Dank nicht", war das heimliche Stoßgebet und laut fuhr er fort: „So habe ich also Ihre Einwilligung. Sie wollen mich zu Ihrem Sohne annehmen und alle Zweifel sind gehoben?" „Zweifel? O, deren gibt es keine mehr. Meiner Ueberzeugung nach hätte es gar nicht besser kommen können. Nicht wahr, Sie finden doch auch, daß die Hochzeit nicht lange aufgeschoben zu werden braucht!" „Gewiß, weshalb sollte es nöthig sein. Nehmen Sie meinen besten Dank, verehrte Mrs. Dalton. Lord Alphington bat mich, Ihnen zu sagen, er werde Sie noch 807 Vor seiner Abreise besuchen. Ich soll ihn nach Alphington Park begleiten, hoffe jedoch, daß unser Aufenthalt in London noch um einige Tage verlängert wird." Er reichte Mrs. Dalton die Hand und da Bertha nicht mehr erschien, empfahl er sich mit dein Bemerken, daß er Morgen früh wieder vorsprechen werde. (Schluß folgt.) Der deutsche Wandertrieb. An der Hand der Geschichte und ihrer geistigen Erzeugnisse läßt sich der Nachweis führen, daß fast alle Nationen eine Wanderperiode hinter sich haben, bevor sie sich auf der Scholle niederlassen, auf welcher sie ihrer geschichtlichen Entwickelung ent- gegengereift. So hat die griechische Geschichte ihre dorische Wanderung, so beginnt die römische Geschichte mit den Irrfahrten des Acueas, dem Gegenstück der Abenteuer des Odhsscus; so stehen an der Schwelle der Geschichte des heiligen Volkes die vierzig Jahre der Wanderung in der Wüste und selbst in den Geschichten der ostasiatischcn Völker kommen in den Jngcndepochcn Jahre der Wanderung, wie bei den einzelnen Menschen, beispielsweise Arndt, Iahn, Senme Stein, Herder n> A. —; aber ein derartiges Jahrhunderte langes Wandern, wie bei den germanischen Völkcrstämmcn, so daß die halbe Welt dadurch erschüttert wird, treffen wir nirgends mehr an. Es hängt dies zusammen mit dem innerlichen Wanderzngc, der das tiefiuuerste Wesen unseres Volkes ausmacht. Er wird bei Vielen zur Flucht in die Stille und aus der Dampswolken-Atmo- sphäre heraus, um reine Lnfr zu athmen und an dem grünen Kleide der Natur das Auge bei ungetrübterem Sonnenlichte zu weiden. Er regt sich bei den fröhlichen Tnrnfahrtcn der Jugend; er regt sich bei dem poetischen Zngastcgehen des Studenten von Familie zu Familie, von Onkel zu Onkel; er thut sich kund in den frohen Liedern des Wanderburschen mit dem Stäbe in der Hand und in dem Jubel der heimziehenden Scholaren, wenn die großen Ferien beginnen. Das innerlich Treibende bei all' diesen Erscheinungen ist, wenn auch oft unbewußt, die deutsche Wanderlust und die Romantik deutscher Naturliebe. Wer hat sich nicht gefreut an der Verherrlichung dieser großartigen Wanderzügc in der Frilhjofssage, die der Schwede Tcgner so wunderschön poetisch bearbeitet und der deutsche Mohnickc so schön in unsere Muttersprache übertragen hat! Das Meer ist des Witingcr's wahre, dauernde Hcimath, das Meerschiff sein fortbranscnder Drache. Es schwimmt in angeborener germanischer Wanderlust des Wikinger auf dem blauen, schäumenden Meere hahiu, von Küste zu Küste. Immer muß es von ihm heißen: „Hin zu den blauen Meercswogcn, aia, auf, mein Drache gut! Bade Dir die Brust, die schwarze, wieder in der salz'gen Flulh! Schwing' die Flügel in den Wolken, zischend reiß die Wellen auf! Flieg', so weit die Dlerne leiten, als Dich trägt der Wogen Lauf! Laß' mich hören Sturmesbransen, Donncrschall sei meine Lust; Wenn Getöse mich umlärmet, bann ist's still in meiner Brust!" Diese Wanderlust ist auch zum Theile mit der Schlüssel, welcher uns so manche der seltsamen und folgenreichen Ereignisse und Institutionen des mittelalterlichen Lebens erschließt. Die immer neuen Nömerznge der deutschen Kaiser in's Land, wo die Citronen blühen; die Wanderfahrten der Hansa bis zu Tieflands fernen Küsten; die wunderbaren, Jahrhunderte lang andauernden Pilgcrzüge der Kreuzfahrer in das heilige Land mit seinen denkwürdigen Stätten, und als Kehrseite dieser großartigen Gcrmanenzüge alle die „fahrenden" Leute des Mittelaltcrs: fahrende Ritter, fahrende Mönche, fahrende Sänger, Schüler, Gauner, die das Land vagabundirend durchschwärmten, bis herab zum Till Enlcnspiegcl und all' den Handwerksbnrscheu, die ordnungsmäßig nach den Regeln der Zunft eine Zeit laug wandern mußten: es hat das im tiefsten Grunde alles seine Entstehung und findet seine Erklärung in dem Wandertriebe des deutschen Geistes, der auch dem Repräsentanten deuischcu Volksthums, dem hehrcu Siegfried, iunewohnte, und von dem der Dichter sagt: „Wollt rosten nicht in VatcrS Hn»S, Wollt wandern in alle Welt hinaus!" Wer aber die Poesie des Reifens und Wandcrns genießen will, der darf sich nicht dein Dampfroß anvertrauen, der muß im eigentlichsten Sinne des Wortes wandern, und zwar womöglich allein. Nicht dem Touristen modernen Zuschnitts, nur dem schlichten Wanderer nach altdeutschem Branche erschließt sich die Wnnderwclt draußen; nur ihm pochen Andacht und Liebe bei seinem Wandern an's Herz, in ihrer stillen Weise, bis sich's erschließt und bis die Liebe überfließt von lautem, jubelndem Preise. Man kann nur von Herzen wünschen, daß alles Wandern ein deutsches Wandern seilt möge, ein Wandern, verklärt durch deutsche Gemüthsticsc, die in aller Naturschönheit nur den Saum des Kleides des Schöpfers bewundert, des Schöpfers, aus dessen Odem hcrströmt die reinste und ursprünglichste Fülle aller Poesie. Möge allen, Jungen und Alten, auch Denen, die mit vollen Masten in den Ocean schifften und auf mühsam gerettetem Boot dem Hafen zusteuern, der Quellpnnkt deutschen Gemüthslebcns im Innern frisch und gesund bleiben, aus dem der beseligende Schnsuchtstrieb in die Ferne immer neue Nahrung zieht. Und welches Wandern ist wohl das schönste und beliebteste? — Offenbar das Wandern zur lieben Heimath, wenn man wiederkehrt aus der Fremde, „das Haar bestäubt und das Antlitz verbrannt." „Es ist so schön, wenn vom fernen Strande Die Bahnen fuhren znni Hcimathlnndc, Wo der Rauch aufsteigt am cig'ncn Herd, lind die Kindheitswclt Dir ist ewig Werth." l)r. D. Ueber die Himmclserschcimmgcii am 27., 28. und 29. November läßt sich der Göttingcr Professor Klinkerfueß im „Hannovcr'schcn Kurier" folgendermaßen aus: Die wahrscheinlichste Erklärung schien mir die durch ein Zodiakallicht, das heißt durch eine im Welträume schwebende Wolke von Meteorsteinen, gleichsam von Weltcnstanb zu sein, der, von der Sonne erleuchtet, durch einen gewissen Gesammteffckt uns sichtbar wird, ganz so, wie es bei dem Zimmcrstaube der Fall ist. Verschiedene Wahrnehmungen, die auf der hiesigen Sternwarte gemacht worden sind, haben mich noch in meiner Ansicht bestärkt. Zwar ist das Zodiakallicht oder Thierkreislicht (so genannt, weil es im Zodiakus oder Thicrkrcis erscheint) im November gewöhnlich nur am Morgcnhimmcl sichtbar, aber im December auch schon am Abcndhimmcl und erscheint nicht selten um diese Jahreszeit, nachdem es am Abendhimmcl sich gezeigt hat, in der Frühe auch am Morgenhimmcl, wie auch dies mal; der Monat December stand ja schon vor der Thür. In der Regel ist das Zodiakal- licht bei uns weißlich, aber der vor etwa zwei Jahren verstorbene Professor Heiß, der die darauf bezügliche Literatur gründlich kannte, bemerkte schon, es solle zuweilen auch gelblich und bei sehr klarer Luft sogar röthlich sein. Westphal, der in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts das Thierkrcislicht in Aegypten oft beobachtet hat, sagt davon, es habe dort immer das Aussehen eines entfernten Brandes. Das in Rede stehende Phänomen war diesmal von anderen merkwürdigen Erscheinungen begleitet, welche ganz geeignet sind, der vorhergehenden Erklärung einen festen Halt zu geben. Auffallend war da zunächst, daß während eines großen Theils der Nacht über den Himmel sich ein matter Lichtschimmer ausbreitete, von der Art, wie er schon im Kosmos erwähnt, am häufigsten aber in Verbindung mit Stcrnschnnppenfällen bemerkt wird, wie beispielsweise bei dem großen Sternschnuppenfall in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1866, ebenso bei dem vom 27. November 1872, der bekanntlich durch den 809 Kometen von Biela veranlaßt wurde. Bei der ersteren Gelegenheit war es Professor Borgen, welcher anf die sonderbare Helligkeit des ganzen Himinelsgrnndes bei völliger Abwesenheit von Mondschein nnd Dämmcrnng anfmerksam machte. In der Beziehung war mir aber die größte Ueberraschung für die Nenjahrsnacht von 1872/73 aufbewahrt. Auch in dieser war ein solches Dämmerlicht über den ganzen Himmel verbreitet, und ich sah mich deshalb zu der Bemerkung veranlaßt: „Da sollte man ja wohl einen Sternschnnppcnfall erwarten", aber ein solcher schien nicht kommen zu wollen; weiteres Warten wurde als hoffnungslos aufgegeben. Man kann sich also meine Ucber- raschung denken, als mir ein Herr, dem ich noch gar keine Mittheilung von meiner Wahrnehmung gemacht hatte, erzählte, er sei des Morgens mit seiner Gattin von einer Feier zurückgekehrt und aus dem Wagen heraus sei um 6 Uhr ein Sternschnnppenfall zu beobachten gewesen, der an Glanz nnd Fülle dem vom 27. November 1872 kaum nachgegeben habe, aber von kürzerer Dauer gewesen sei. Aus den Antworten anf meine Fragen ging noch unzweideutig hervor, daß der sogenannte Radiant oder Ansstrahlungs- punkt im Sternbilde des großen Hundes gelegen haben müsse. In der That ist zwischen den Stenuen ä nnd - Oauis inagoris ein solcher Punkt bekannt. Das eben erwähnte Zusammentreffen von Hellem Himmclshintcrgrnnde mit Stcrn- schnuppenfällen kann aber gar nicht befremden. Denn nicht jedes Theilchcn Wcltenstaub (denen man ein durchschnittliches Gewicht von 8 § zuzuschreiben geneigt ist) gcräth in die Atmosphäre der Erde, wird glühend nnd also sclbstlenchtend, d. h. zur Sternschnuppe. Die weit größere Mehrzahl kommt der Erde nur nahe, aber nicht mit ihr in Berührung und verursacht, von der Sonne beschienen, einen Lichtschein, vergleichbar, wie gesagt, den Stanbthcilchcn, die in einem Zimmer schweben. So ist wahrscheinlich auch das Zodiakallicht, wenigstens in seinen Grnndzügen, wie ich demnächst ausführlicher nachzuweisen gedenke. Daß unser Phänomen gerade in die Tage fiel, in denen die Erde durch die Bahn des Kometen von Biela hindurchgeht oder ihr sehr nahe ist, erregte gleich anfangs meine Aufmerksamkeit. Damit dies Aehnliches verursacht, wie die beobachtete Erscheinung ist durchaus nicht erforderlich, daß der Komet selbst in der Nähe sei, es genügt vielmehr vollständig eine dichte Staubwolke in dem von dem Kometen bekanntlich gebildeten Sternschnnppen-Ning. Auch diesmal ist hier wieder das erwähnte diffuse Licht des Himmelshintergrnndcs aufgefallen. Sowie die Erde nnd die Stanbmasse sich von einander entfernen, mnß die erleuchtete Fläche kleiner werden, zugleich aber auch schärfer begrenzt, nnd sie muß in den ersten Tagen einem Punkte zustreben, der, eine Beziehung zum Kometen von Biela vorausgesetzt, wiederum l> Osntauri an der südlichen Halbkugel sein müßte. Es ist nun anf der Göttingcr Sternwarte folgende wcrkwürdige, vollkommen zu verbürgende Wahrnehmung gemacht worden. In der Nacht vom 29. anf den 30. November gegen 11^ Uhr bemerkte der Kalkulator Hcidorn nnd anf dessen absichtlich allgemein gehaltene Frage, ob nichts Auffallendes am Himmel zu sehen sei, auch die Praktikanten der Astronomie, die Herren Wickmann und von Glünicr, im Süd- westen ein etwa 20" hohes matt leuchtendes Segment, durch welches Sterne hindurch zu sehen waren nnd das nach der Versicherung der Beobachter eine gewöhnliche Wolke oder Trübung nicht gewesen ist. In der Nähe stehen die Sterne st nnd g Osti. Daß dieses Segment eine schon weit nach Süden fortgeschrittene Metcorwolkc gewesen sei, ist leider nicht festzustellen. Erst am 2. d. M. erfuhr ich, daß das sogenannte Abend- und Morgenroth auch in England, in der Schweiz nnd sogar in Rom aufgefallen ist. Unter solchen Umständen ist es kaum noch möglich, die kosmische Natur des Phänomens in Abrede stellen zu wollen. 810 M i s e e l l e n. (Als eine der größten Jagdmerkwürdigkeitcn) wird erzählt, daß der Oberförster Wallot zu Meschede ein ti» Frühjahr dieses Jahres gefangenes junges Wildschwein (Frischling) aufgezogen und gezähmt hat, so daß es seinen Herrn bei den Spazier- gängen jetzt wie ein Hund begleitet. Mit dem Hühnerhunde seines Herrn hat es ganz intime Freundschaft geschlossen, da derselbe es bei den Ansgängcn, als es noch ganz klein war, sorgfältig hütete und gegen jeden Angriff zu schützen pflegte. Beide weichen einander auf den Wegen nicht von der Seite. (Ein unerwartetes Impromptu.) Professor der Magic: „Meine Herrschaften, Sie sehen, der Thaler ist fort. Nun werde ich ihn sogleich wieder herbeischaffen. Heda, Sie biederer Landbewohner, greifen Sie doch einmal in Ihre Rocktasche! Ich wette, daß sie den Thaler haben." — Bauer: „Nein, ich hab' nur 27^ Neugroschen l Da sind sie!" — Professor: „Das ist nicht möglich! Einen Thaler müssen Sie haben!" — Bauer: „Freilich war's ein Thaler, was mir vorhin der Herr heimlich in die Tasche gesteckt hat. Aber ich hab' mir unterdessen ein Glas Bier davon gekauft." (Anzüglich.) Der Graf von Girardin „stotterte etwas bedenklich mit den Augen", oder nms gradeheraus zu sagen: er schielte entsetzlich. In einer Hofgesellschaft näherte er sich einst dem Fürsten Talleyrand und fragte mit zutraulicher Aufdringlichkeit: „Nun, mein Fürst, wie gehen die Geschäfte?" „Wie Sie sehen, Herr Graf — schief!" entgcgnete mit „penetranter" Höflichkeit der berühmte Diplomat. (In einer Gesellschaft) überkommt den kleinen Fritz der Schlaf, er reißt sein Mänlchcn auf, so weit er kann, und gähnt den Anwesenden ins Gesicht. Seine junge Mama ist ganz entsetzt über diese Ungezogenheit ihres Erstlings und ruft in verweisendem Tone: „Aber Fritz, so gähnt man doch nicht vor allen Leuten!" Worauf Fritz wißbegierig erwidert: „Und wie gähnt man denn, Mama?" (Kinder und Narren.) Man fragt den kleinen Oscar nach dem Bräutigam seiner reizenden — neunzehnjährigen Schwester. „Wie alt ist er?" — „Ich weiß es nicht." — „Aber doch! Ist er jung?" -- „Ich glaube wohl — er hat noch keine Haare." (Etwas Nettes!) In einer Berl. Ztg. findet sich eine Anzeige, welche lautet: „Ein netter Wirth mit nettem Geschäft und nettem Vermögen sucht eine nette Frau, die entweder Fi,- Bab-, Jean- oder Nannctte heißen muß." (Zureichender Grund.) „Wie, Nachbarin, am hellen Tage in den Federn? Sind Sie krank?" — „Ach nein, aber ich muß das Bett hüten." — „Mein Gott, warum denn?" — „Weil es mein Mann sonst in's Pfandhans trägt." N ii t Das Erste seht man oft dem Haupt Und auch dem Fuße vor, Wenn uus der Sturm die Mühe raubt, Wenn sich der Strumpf verlor. DaS Zweite seht Dir oft als Gast Des Abends vor der Wirth, Doch halte Maß, damit zur Last Dir nicht der Maßkrug wird. Zumal die Juge Mit Hals und l Nothwendig Doch Damen — s e l. Das Ganze eilt schon früh am Tag Einher mit schnellem Schritt, Es führt zu Stich und Schnitt und Schlag Die schärfsten Waffen mit. Auch lenkt es au der Nase Dich, Wohin cS ihm beliebt, Indeß es Dir ein säuberlich, Gefällig Ausseh'u gibt. ! hält ihm gern >pen Stich, ist's den alten Herrn, fürchterlich. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von l)r. Max Huttler. Nr. 101. 1883 . tunnsökttl »ur „Ältgsl!arger Postzeitnng." Mittwoch, 19. December Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Schluß.) Sechsunddrcißigstes Capitel. Mrs. Dalton begab sich zu Lena's Zimmer; Bertha war dort. Als sie ihre Mutter erblickte, sprang sie von dem niedrigen Stuhl, auf welchem sie an dem Kamin gesessen, in die Höhe und fiel ihr um den Hals. „Eustace hat Dir alles gesagt, Mama, nicht wahr?" flüsterte sie. „Bitte, verzeihe mir, daß ich Dir unsere Verlobung verheimlichte, es sollte ja nur für einige Tage sein! —" „Deine Verlobung? Kind, wovon sprichst Du eigentlich? Hast Du den Verstand verloren?" „So hat er es Dir nicht mitgetheilt?" frug Bertha, indem sie ihre Arme loslöste und die Mutter forschend anblickte. Das glücklich erröthende Gesicht ihrer Tochter, sowie der Gedanke an die trauliche Stellung, in welcher sie diese mit St. Lawrence angetroffen, machte sie stutzig. Sie rief sich ihre Unterredung mit dem jungen Manne in's Gedächtniß zurück und da fiel ihr ein, daß er Lena's Namen gar nicht genannt habe. Aber noch immer sträubte sie sich dagegen. „Du, Bertha?" sagte sie mit bebender Stimme und auf einen Stuhl sinkend — „Du Gräfin von Alphington? Das ist unmöglich!" „O stille, Mama", warnte Bertha, nach dem Bette hindeutend, wo ihre Schwester lag. „Lies diesen Bries — er wird Dir Alles erklären." Sie zog das Schreiben ihres Bräutigams aus der Tasche und reichte es der Mutter. Lena wandte den Kopf unruhig zur Seite und stöhnte leise. — Bertha eilte zu ihr hin. „Mein Kopf", hauchte sie, ihre Hand gegen die Stirne pressend. Diese glühte fieberhaft und das Athmen schien ihr Mühe zu verursachen. Mrs. Dalton hatte endlich eingesehen, in welch' großem Irrthum sie befangen gewesen war, obgleich sie den Brief noch nicht zu Ende gelesen. Ihrer Meinung nach waren Beide, Eustace sowohl wie Bertha zu tadeln, da es viel besser gewesen, wenn die ganze Sache den von ihr geplanten Verlauf genommen hätte. „Nun muß wieder eine neue Aussteuer angefertigt werden", klagte sie. Aber Bertha, die zukünftige Gräfin, wurde sofort eine ganz andere Persönlichkeit in den Augen der Mrs. Dalton als die Musiklehrerin Bertha, die folgsame Tochter, welcher sie die Hauptsorge des Haushalts aufgebürdet. Und obschon sie ihrem Aerger Luft machte, daß die Menschen nie die Dinge von der vernünftigen Seite, d. h. von der Seite auffaßten wie sie, würde sie sich doch mit der größten Bereitwilligkeit in ein 812 weitläufiges Gespräch über die Aussichten Bertha's eingelassen haben, hätte diese sie nicht der Schwester wegen unterbrochen. Lena war wirklich krank. Am folgenden Morgen mußte der Arzt gerufen werden. Man befürchtete eine Gehirnentzündung und die äußerste Ruhe wurde angeordnet. Anstatt der Hochzcitsfestlichkeiten sah man ein stilles Haus und ernstlich besorgte Gesichter. Lord Alphington, Sir Stephan und Lady Langtet) schoben ihre Abreise auf, bis Lena außer Gefahr war. Jedwede Aufmerksamkeit, welche Theilnahme und Freundschaft nur ersinnen konnte, wurde der unglücklichen Patientin zu Theil. Krank zu werden war das Vernünftigste, was Lena thun konnte; denn dadurch wurde alles Mißfallen in Bedauern umgewandelt. Bertha wachte beständig an dem Bette der Schwester. Die täglichen Besuche des Geliebten waren ihr einziger Trost. Vor der Genesung Lena's wollte sie kein Wort über die Hochzeit hören und Eustace achtete ihr Zartgefühl und drang nicht weiter in sie. Während des folgenden Monates fand die gerichtliche Untersuchung gegen Sedlcy und die beiden Lemont's statt — denn Mrs. Leinont starb nicht, blieb aber für immer kränklich. Es war eine unangenehme Zeit für Alle. Eustace konnte die Verwandtschaft nicht vergessen und besuchte seinen Vetter mehrere Male im Gefängnisse. Lord Alphington berührte es peinlich, seinen Namen mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht zu sehen; allein der Gerechtigkeit mußte freier Lauf gelassen werden. Sedley wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurthcilt; er vernahm diesen Spruch mit derselben finstern Miene, welche er seit seiner Verhaftung beständig zeigte. Mrs. Sedley, die auf Veranlassung ihres Mannes gehandelt, ward freigesprochen und Mr. Pierre Lemont erhielt sieben Jahre Zuchthaus. Er flehte laut um Gnade; wie es schien, hatte er geglaubt, durch ein offenes Geständnis; der Strafe entgehen zu können. Er habe den Opalring nur deshalb, aus der Schatulle genommen, um ein Mittel ii; Händen zu haben, wodurch er Sedlcy zwingen könne, ihm die versprochene Jahresrente auszuzahlen. Er würde noch Manches aus dessen früherem Leben an's Licht gezogen haben, wenn der Gerichtshof dieses geduldet hätte. Sein hartes Schicksal laut beweinend, wurde er hinweggeführt, nachdem er zuvor seiner Schwester versichert, daß er sich ihrer nach Ablauf der sieben Jahre erinnern werde. Als Mrs. Sedley aus der Haft entlassen war, suchte St. Lawrence sie auf, um ihr seine Hülfe anzubieten. Sie hatte viel gesündigt, aber auch schwer gebüßt und die Leiden schienen sie auf einen besseren Weg geführt zu haben. Sie drückte den Wunsch aus, in ihr Vaterland zurückzukehren, um dort ein zurückgezogenes Leben zu führen. Damit ihr dieses möglich sei, setzte St. Lawrence mit Genehmigung Lord Alphington's eine kleine jährliche Rente für sie fest und schon bald nach der Gerichtsverhandlung reiste sie ab. Lena Daltou erholte sich langsam, aber ihre Schönheit war dahin. Sie hatte ihre frischen Farben verloren und dunkle Linien zogen sich unter den Augen hin. Das kurz abgeschnittene Haar kleidete ihr schlecht und es war sehr zweifelhaft, ob sie je wieder im Stande sein werde, sich mit einer Krone goldener Flechten zu schmücken. Bleich und muthlos schlich sie umher, ein Schatten ihres fcühreren Ichs. Der Arzt rieth Luftveränderung und für den Winter ein südlicheres Klima an. Mrs. Daltou war herzlich froh, den vielen Fragen und Beileidsbezeugungen ihrer sogenannten „Freunde" entrinnen zu können. Deshalb wurde bestimmt, Joy Cottage zu schließen und nebst der alten Martha nach Italien überzusiedeln. Bertha bot sich au, sie zu begleiten, denn sie sah zoraus, daß Lena sich, allein mit der Mutter, unmöglich kräftigen und beruhigen werde, da diese sie fortwährend mit ihren Klagen, um nicht Vorwürfen zu sagen, plagte. Aber nicht allein Eustace, sondern auch Lord Alphington und die Langley's legten entschiedenen Protest dagegen ein, so daß Bertha genöthigt war, nachzugeben. Zufällig suchte die Tochter eines benachbarten Geistlichen eine Stelle als Gesell- 813 schafterin. Cate Medhurst war ein Liebling der Laby Langley und diese wünschte schon lange für das junge Mädchen eine passende Gelegenheit, um sich weiter auszubilden. Deshalb kam sie auf die vorzügliche Idee, Cate Medhurst könne Mrs. Daltou und Lena nach Rom begleiten. Sie war ein durchaus verständiges und gebildetes Mädchen, dazu sehr lebhaft und entschieden, so daß sie unfehlbar von wohlthuendem Einflüsse auf Lena sein werde. Dieser Vorschlag gefiel allen Bctheiligten. Cate Medhurst willigte unter der Bedingung ein, daß sie keinerlei Auslagen habe und mit zur Familie rechne und Mrs. Dalton freute sich, wieder Jemanden um sich zu haben, dem sie alle Arbeiten und Beschwerden aufbürden könne. Bcrtha's Hochzeit fand an dem Tage vor der Abreise ihrer Mutter und Schwester statt. Man hatte ihrem ganz besonderen Wunsche willfahrt, in aller Stille zu heirathen und keine großartigen Festlichkeiten zu begehen, welche die Vergangenheit zu sehr in's Gedächtniß rufen würden. Als sie nach der Trauung nach Hause zurückkehrten, steckte Lord Alphingtou den Opalring an den Finger der Braut und sagte: „Die Prophczeihung ist in Erfüllung gegangen und nie kann der Ring die Hand einer Frau zieren, die würdiger wäre, Gräfin von Alphington zu werden." »Ich hoffe zu Gott, daß mir dieser Titel für viele, viele Jahre noch nicht zukommt", erwiderte Bertha, seine Hand ehrfurchtsvoll mit ihren Lippen berührend. „Alles zu seiner Zeit, mein liebes Kind. Wenn es der Wille der Vorsehung ist, mich noch für einige Jahre am Leben zu erhalten, so wird mich dies um so mehr freuen, da ich dann Zeuge Eures Glückes sein darf." Bei diesen Worten nahm er die Hand seines Enkels und vereinigte sie mit der Bertha's. Dann segnete er beide aus vollem Herzen. Sir Stephan Langley räusperte sich und schien eine Minute lang etwas im Auge zu haben. Er liebte Bertha Fancourt, wie wir sie jetzt nennen müssen, als ob sie seine eigene Tochter wäre. Air. und Mrs. Faucourt begaben sich nach der kurzen Hochzeitsreise zu ihrem Großvater nach Alphington Park, um die Weihnachtszeit bei ihm zuzubringen. Später nahmen sie ihren Wohnsitz auf einem andern Gute des Earls, bis Magnus Sguare zu ihrem Empfange eingerichtet war. Wenn Jemand dort Einlaß wünschte, so begegnete er einem alten Bekannten. Pcrkin's war auf Veranlassung Riggs als Portier dort angestellt worden; es ist nn- nöthig hinzuzufügen, daß er diesen Posten mit großen: Selbstgefühl versah. In seinen Augen war Riggs ein ganz außergewöhnlicher Mensch, dem er keinen Groll nachtragen durfte; aber er hatte durch ihn eine gute Lehre erhalten und war in Zukunft vorsichtig und vermied es, bei einen: Glase Punsch offenherzig zu werde». Der ehrenwerthe Mr. Faucourt war noch nicht mit seiner Gemahlin in der Stadt angekommen, als interessante Neuigkeiten aus Rom anlangten. Douglas hatte beiden, Eustace sowohl wie Bertha, seine herzlichste,: Glückwünsche übersandt und aus den folgenden Briefen ersahen sie, daß sein früherer frischer Humor wiedergekehrt war. Nun, so schrieb er, wolle er sie mit einer Nachricht überraschen. Er werde sich nächstens verheiraten. Zuerst habe ihn Cate Medhurst durch ihre scheinbare Aehnlichkeit mit Bertha angezogen, aber schon bald sei sie ihn: ihrer selbst wegen lieb und theuer geworden. Während des Winters habe er sehr fleißig gearbeitet und viel Geld verdient. Daß seine Braut kein Vermögen besitze, mache also kein Hinderniß aus. „Sie ist ihr eigenes Gewicht in Gold werth", .betheuerte der begeisterte Bäutigam. Miß Medhurst werde mit Mrs. Dalton uud Lena nach England zurückreisen und er dorthin folgen, wo sie Alle hoffentlich ein freudiges Wiedersehen erwarte. 814 „O wie schön!" rief Bertha aus. „Das allein fehlte noch, um mein Glück vollkommen zu machen." „Wie eifersüchtig ich damals war", sagte Eustace, seine Frau zärtlich umarmend, „als ich fürchtete, die Prophezeihuug werde sich nicht bewahrheiten. Doch nun hat sich Alles zum Besten gewendet. Douglas scheint die rechte Frau gefunden zu haben und meine Bertha trägt den Opalring!" Goldkörner. Aller Anfang sei mit Gott! Fleh' um seinen Segen! Schon auf halbem Wege dann Kommt er dir entgegen. Doch er thut dies, merk' es wohl! Nur bei guten Dingen; Nur dem guten Vorsatz schenkt Gott auch das Gelingen. Fühlst du dich auf rechter Bahn, Lcg's in Gottes Hände! Frisch gewagt ist halb gethan, Und er führt's zu Ende! Beherrsche deine Zunge! Sei bereit Zum Reden wie zum Schweigen, wenn es Zeit; Gar Manchen hat in großes Leid gebracht, Was er zur Unzeit sprach und unbedacht. Denk' nicht beim Sprechen erst; es bringt dir Schmach, Hinkt der Gedanke deinem Worte nach. Du gleichst dem Schützen sonst, der Pfeile viel Abschießt, bevor er noch gewahrt das Ziel. Blick in dein Jun'res, ob es hell und klar, Dann sprich, was löblich, heilsam, gut und wahr! Christ zu sein, o freue dich! Solltest nie vergessen, Welche hohe Würde Dir Gott hat zugemessen! Darfst als Kind im Vaterhaus Dich getrost bekennen Und der Auscrwähltcn Schaar Mitgenoß dich nennen! Darfst es, wenn in Wahrheit du Zeigest durch dein Leben, Daß du grünst als frischer Zweig An dein Stock der Reben. Große Rechte wurden dir, Doch auch schwere Pflichten; Und ob du sie treu erfüllt, Wird der Herr einst richten! F. Bcck. Das Wiener Kaffeehaus. Es ist für Geist und Seele des Menschen vom Heil, wenn er sich zuweilen — den alltäglichen Sorgm und Angelegenheiten entfliehend — mit einem jener ewigen Probleme beschäftigt, deren Lösung schon die besten Köpfe, wenn auch bisher vergebens, angestrengt hat. Mit diesein alten Erfahrnngssatze mag es entschuldigt sein, daß ich in weihevollen Stunden darüber nachdenke, schreibt Ferd. Groß im „Deutschen .Heim", worin Reiz und Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses liegen. O, der Gegenstand ist ein üefernster, er gehört mit zur Cultnrgeschichte der Gegenwart, und nur oberflächliche Betrachter können ihn, wie es landläufig heißt, auf die leichte Achsel nehmen. Wer den 815 Dingen nicht auf den Grund geht, wird in seiner Urtheilslosigkcit Gast- und Kaffeehaus in einen Topf werfen mid letzteres hinwieder, ob es nun in Wien oder in Potsdam liegt, für ein und dieselbe Sache erklären. Leute, die so wenig Einsicht zeigen, verdienen gar nicht, das; man sich mit ihnen in eine Discnssion einläßt. Ja freilich — ein Local, in dem man Bockbier, eines, in dem man Rheinwein, und eines, in dem man schwarzen Kaffee einschänkt, ist dasselbe — der Unternehmer will seine Waare verkaufen, seine Kunden finden sich ein, das ist immer das Gleiche! Wer solche Schlußfolgerungen zieht, ist ein Barbar, den ich bitte, diese Zeilen nicht zu lesen. Ihn zu bekehren, wäre ein wenig schwer. Machen Sie einem taub Geborenen die Gewalt einer Bcethov'schen Sonate begreiflich! Zeigen Sie einem Blinden eine Rafael'sche Madonna! Also wer selbst die eingehendste Monographie des Wiener Kaffeehauses schriebe, der durfte sich, wenn er nicht ein mehrbändiges Werk pnbliciren wollte, gar nicht darauf einlassen, die inneren Unterschiede zwischen dem Kaffeehause und allen anderen Verkaufsstellen von Speisen und Getränken zu erörtern. Jn's Gasthaus geht man, um zu essen oder zu trinken, in's Kaffeehaus dagegen — ja, du lieber Himmel, wie soll Einer auf eng zugemessenem Raume sagen, wozu man in's Kaffeehaus geht? Wozu man nicht hingeht, ist leichter zu erklären: um Kaffee zu trinken, um Hunger oder Durst zu löschen, Wie sehr ich mit dieser Behauptung Recht habe, geht schon daraus hervor, daß in einzelnen Wiener Kaffeehäusern fast gar nichts „genommen" wird. Es gibt mindestens ein Dutzend, in denen man die Gäste selten etwas verzehren sieht: dabei halten die Leute sich halbe Tage lang daselbst auf, thun, als ob sie zu Hause wären, und mit besonderer Verehrung werden die Stammgäste behandelt, die sich nur zum Mittagessen entfernen, denen es aber nicht im Traum einfällt, eine Zeche zu machen. Nun sollte man glauben, daß die Eigenthümer solcher Localc endlich der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen müssen; in Wirklichkeit werden sie in der Regel sehr reich und ziehen sich noch bei voller Rüstigkeit in ein wohlbestalltes Privatleben zurück. Das ist eines der Räthsel des Wicnerthums. . . . Also, der Kaffee lockt wahrlich nicht in's Kaffeehaus. Man könnte ihn zu Hause, im Kreise der Familie oder im Restaurant trinken. Aber nein, zu Hanse behagt dem richtigen Wiener der leibhaftige Mokka nicht. Auch in den Conditorcicn bekommt mau Kaffee — es soll einmal Jemand ernstlich einem Wiener den Antrag stellen, seine „Melange" beim Zuckerbäcker zu trinken, er würde sich die größten Unannehmlichkeiten zuziehen! Nebenbei bemerkt, ist das, was in einzelnen Kaffeehäusern als Mokka verabreicht wird, ein Höllcngebräu, aber das thut nichts; der gewohnte Gast kommt doch täglich um dieselbe Stunde, setzt sich auf denselben Stuhl, raisonnirt über den Inhalt seiner Tasse oder seines Glases, und wenn er im Sommer in die Berge geht, denkt er manchmal mit tiefen Seufzern an die geliebte Stätte, wo der Tabakqualm emporsieht zur Decke und man Stunden lang warten muß, bis die Zeitung, die man verlangt hat, „frei" ist. . . . In München geht eine Sage um, daß manche Säuglinge nicht bei Milch, sondern bei „Hosbräu" aufgezogen werden. In Wien sollen Kinder bald nach der Geburt in's Kaffeehans gebracht werden, um sich frühzeitig an die Atmosphäre desselben zu gewöhnen. Nur so ist es erklärlich, daß in Wien immer neues Kaffeehans-Pnblicnm in geradezu verblüffender Weise aus der Erde wächst. In dem Momente, als ein Kaffeehaus eröffnet wird. hat es auch schon Besucher; woher diese kommen, hat noch Niemand ergründet. Es ist eben, wie gesagt, bei dem Wiener Kaffeehanswcsen viel Mystisches in; Spiele. Man bedenke nur, welcher geheimnißvolle Zug darin liegt, daß man ein Kaffeehans blos zweimal zu besuchen braucht, um von den Marqueurs erkannt zu sein. Der Marqueur ist eine ganz andere Menschcngaitung als sein Verwandter, der Gasthaus-Kellner. Dieser sieht Jemanden wochenlang, ohne zu wissen, wer er ist. Aber Du frühstückst Sonntag und Montag in einem Kaffeehause, und am Dienstag ist das Jncognito schon gelüftet, der Zahlmarqucur nennt Dich beim Namen, und zum Beweise, daß er noch mehr über Dich weiß, gibt er Dir den ent- — 81 b sprechenden Titel: „Herr von*, wenn Du Kaufmann, Banquier, Borscnbesucher, Schauspieler, Photograph, — „Herr Doctor", wenn Du Journalist, Advokat, Arzt, Privat- gelehrter bist. Wenn er sich im Unklaren über Deine Beschäftigung befindet, dann zieht er den „Herrn Doctor" vor, namentlich wenn Du Augengläser trägst. Dabei ist zu bemerken, daß es specielle Kaffcchaus-Doctoren gibt, welche den Marqueurs imponiren, und von denen man in dem ganzen Local nur im Flüstertöne scheuer Verehrung spricht. Dieser Doctor gehört ebenfalls zu den gchcimnißvollen Seiten des Wiener Kaffeehauses. Man denkt da manchmal geradezu an die „vierte Tinicnsion". ... Er schreibt im Kaffeehause, empfängt dort Besuche und zeigt den Marqueurs in verschiedenen großen Blättern anonyme Artikel, die er verfaßt hat. Leider zahlt namentlich die „Times" so unpünktlich, daß er die verschiedenen „Schwarzen", „Capucincr" und „mehr" weiß, die er tagsüber zu sich nimmt — er muß sich für die geistige Arbeit anregen — längere Perioden hindurch unbezahlt läßt. In der Regel macht er der Kaffeehaus-Cassiererin achtungsvoll den Hof. Diese, die, Inaus a, non Inaeoäo, ihren Titel führt, weil sie nichts eincassirt, ist meistens schwärmerisch angelegt und interessirt sich für den „Doctor", dem man die besondere Begabung schon an den langen Haaren ansieht. Ist die Kassiererin eines der Elemente, welche die Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses erklären? Vielleicht und vielleicht auch nicht. Die meisten Gäste werfen der Kassiererin wohl einen flüchtigen Gruß oder Blick zu, aber nur vereinzelte Besucher fassen längere Zeit Posto vor der „Credenz". Man behauptet — aber es ist durch nichts erwiesen —, daß Kaffeehaus-Cassicrerinncn von der „Credenz" weg „ihr Glück" gemacht haben. Aus meiner Praxis kenne ich eine Mutter, die ein Kaffeehaus führte und ihre sechs Töchtern abwcchseud den Casscdicust versehen ließ. Da saßen sie nun, die Früchte einer liebevollen Ehe und producirten sich in weiblichen Handarbeiten, abwechselnd etwas strickend, häkelnd und eine „Melange", einen „Kümmel mit Rum" oder Aehnliches verbuchend. Die jüngste Tochter hatte die Strickwuth; sie strickte unerschütterlich, aber immer einen Strumpf, der zur Farbe ihrer Toilette paßte, im Frühling in der Regel einen blauen — es war zu poetisch! Leider blieben sie Alle unvcrheirathet und sind deshalb später nach Graz übersiedelt. . . . Also, die Eiumengnng holder Weiblichkeit gibt keine genügende Motivirnng für die Beliebtheit des Wiener Kaffeehauses. Jst's die treffliche Bedienung? Allerdings darf der Wiener Marqueur als ein Muster gelten; der norddeutsche ist indolent, er thut gewissenhaft seine Pflicht, aber nicht um ein Jota mehr; der Pariser ist anmaßend, voll frecher Witze, er macht über den Gast, der ihm nicht gefüllt, mit lauter Stimme Bemerkungen. Der Wiener Marqueur tritt zu dem Gaste in ein Herzensverhältniß. Er lauscht ihm ab, wie er den Kaffee gern trinkt: mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Thcctasse. Man sagt ihm das ein einziges Mal, und er behält es im Gedächtniß für die Dauer eines Menschenlebens; man bleibt ein halbes Jahr lang aus, man kommt wieder, und er weiß es noch immer; mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Theetasse. . . . Man bestellt eine Zeitung, und er bringt die übrigen, die mit der bestellten irgendwie harmo- niren. Der eine Gast ist konservativ, der andere liberal, der eine lacht gern, der andere will sich belehren — das Alles hat der Marqueur sehr bald weg, und der Demokrat darf darüber beruhigt sein, daß ihm nicht die Lcctüre einer feudalen Zeitung wird zn- gcmuthet werden. Gewisse Plätze werden für gewisse Gäste reservirt, und zwar mit Anwendung aller erdenklichen Kuusttitclchen, um Unberufene von dem Heiligthume fern zu halten. Ein bekannter Cafvtier in der Leopoldstadt ließ es sich, als er schon ein sehr reicher Mann war, nicht nehmen, mit seiner Serviette den eintretenden Gästen den Staub von den Schuhen zu wischen. Jeder hat eben seine Passion. . . . Aus einem Wiener Gasthanse wird man unter Umständen hinausgeworfen; aus einem Kaffeehause nie. Da herrscht sogar gegen Diejenigen Höflichkeit, die dem Unternehmer nie etwas zu verdienen geben. Stört ein Marqncnr einen der Gratisclientcn in seiner Gemächlichkeit, 817 so wird dieser unangenehm; er gibt hier und da seinen Ueberrock oder seinen Regenschirm in Aufbewahrung, und wehe dem Kaffeehause, wenn irgend ein Verstoß vorkommt. So macht die Bedienung den Kaffeehauszauber aus? Nur zum Theile, denn diese herrscht auch dort, wo — keine Regel ohne Ausnahme — der Dienst Manches zu wünschen übrig läßt. Ein Königreich für einen zureichenden Grund! Wie kommt es, daß man in Wien ein lustiges nächtliches Beisammensein erst dann für etwas Vollkommenes hält, wenn mau zur Krönung des Gebäudes in einem Kaffeehause war? daß sogar die Wienerinnen solche Kaffeehausabschlüsse über Alles lieben? daß man nach Soireen und Bällen noch ein Viertelstündchcu im Kaffeehause verbringt? Fragen, Fragen und keine Antwort. Wo ist der Oedipus, um deffen Willen die Kaffeehaussphiux sieb in den Abgrund stürzt? Leute, die in ihrem bequemen Heim mit aller Behaglichkeit Karten spielen könnten, thun das principiell nur im Kaffeehause. „Der Henker weiß: wärmn?" wie es in „Blaubart" heißt. Dieselben Franc», die ihren Männern sonst nicht die geringste Freiheit gewähren, finden es natürlich, daß Letztere etliche Stunden in einem Kaffeehause verbringen. Vor der Allmacht dieses Wortes beugen sie ihr Knie. Der Mann muß thun, was die Frau will, aber der Kaffechausbesuch ist sein geheiligtes Recht. Dagegen kommt nicht einmal weibliche Autorität auf. Man kann auch im Gasthause spielen, aber das schmeckt lange nicht so gut. Auch herrscht im Gasthause nicht so bedingungslos wie in dem Kaffeehause der Gebrauch, in Hemdsärmelu zu tarockeu. Was aber ein „Jud", in Hemdsärmelu gemacht, au intimem Reiz in sich hat — das läßt sich ahnen, fühlen, jedoch nimmermehr beschreiben. Sogar das „Kibitzen" ist nur in: Kaffeehause angenehm. Im Cafö W. sah ich Jahre lang einen beliebten Sänger mit seinen ständigen Partnern Piguet spielen. Auch ein ständiger „Kibitz" war da. In der Regel — wir Alle wissen ein Lied davon zu singen — ist der „Kibitz" eines der schrecklichsten Geschöpfe auf Erden. Speciell der hier in Rede stehende Vertreter dieser Mcnscheugattung benahm sich so bescheiden und gesittet, daß er gern gesehen war. Er mengte sich nie in das Spiel, verfolgte aber dessen Verlauf mit gespanntester Aufmerksamkeit. Eines Tages wollte der Säuger ihn für seine bewiesene Discrction auszeichnen und fragte ihn um Rath: „Was soll ich jetzt ausspielen?" — „Entschuldigen Sie", antwortete Jener verschämt, „ich kaun nicht Piguet spielen." . . . Vielleicht hat das Wiener Kaffeehaus seine Zaubcrmacht den: Unistande zu verdanken, daß es au Lesestoff geradezu Unglaubliches bietet. Alan kann Tage lang Zeitungen verschlingen, und der Marqueur schleppt noch immer neue herbei. In den kleinsten Vorstadt-Kaffeehäusern verlangen Gäste wie etwas Selbstverständliches die „Revue de deux Mondes" oder das Meycr'schc Eonversationslexicon — es wird noch so weit kommen, daß man bestellen wird: „Einen Thee mit Ruhm und „Schopenhauer's Welt als Wille und Vorstellung." Es ist erstaunlich, wie viel Lcctüre einzelne Menschen vertragen. Ich habe schwächliche Leute dreißig Zeitungen nacheinander lesen gesehen. . . . Also die Menge des angehäuften Lesestoffes wäre eine Erklärung. Oder ist diese in den Bequemlichkeiten zu suchen, welche das Wiener Kaffeehaus bietet? Man kaun dort Briefe schreiben und sich welche dahin adressiren lassen; man kann dort ungestört sein Nach- mittagschläfchcn machen und sich, im Falle besonderer Protection, zum Abendessen etwas zubereiten lassen. Club und häuslicher Herd, Rendezvousplatz und Kauzlei, das Alles und noch mehr ist im Wiener Kaffeehause zu finden, natürlich nur für den Stammgast, der nebenbei im Zahlmarquenr auch eine immer disponible Quelle für Darlehen findet. Zahlmarqncurs und Schneider borgen immer. . . . Also Erklärungen genug, und doch keine erschöpfende. Die Wiener Kaffeehäuser sind in Deutschland imitirt worden. Ich habe diese Imitationen in Berlin, Köln, Frankfurt, Mainz u. s. w. stndirt mit heißem Bemühen und bin zur Erkenntniß gelangt, daß das Wiener Kaffeehaus am Wiener Erdboden haftet. Exportirt, gemahnt es an die norddeutschen Komiker, die wienerisch 818 zu reden glauben, wenn sie möglichst oft „holtcr" sagen. . . . Wir nähern uns dem Osten, und vielleicht documentirt unsere Verwandtschaft mit dem Orient sich in der Art unserer Kaffeehäuser. Wir machen es wie die Araber und Türken, die beim schwarzen Kaffee, den Tschibnk im Munde, sitzen und träumen oder einem Märchenerzähler lauschen. Der Märchenerzähler ist für uns der Stammgastcollege, der das Neueste berichtet, was sich in der Welt begeben hat. Nirgends lassen die Zeitereignisse sich bequemer erörtern, als im Kaffeehause. Man gcräth in eine interessante Discnssion, in die sich zuweilen ein Fremder mengt — mit der höfllichcn Bitte, ihn zu entschuldigen — ein uns bisher persönlich Unbekannter, der bis dahin lange Zeit täglich in unserer Nähe saß, ohne den Mund zu öffnen. ... Ich will nicht ausführlich werden, sonst müßte ich die Species aufzählen: das Militär-Kaffeehaus, in welchem jeder Civillist über die Achsel angesehen wird; das Medicincr-Kaffcehaus, bei dessen Zahlmarquenr Dutzende Hyrtl's verpfändet sind u. s. w. Meine Absicht war, zu ergründen, was den unsagbaren Zauber des Wiener Kaffeehauses ausmacht. Vergebliches Vorhaben! Ich fürchte, daß ich in die Grube fahren werde, ohne eine Antwort zu wissen, auk die Frage, die ich hier aufgeworfen. M i s c e l l e i«. (Die Frau Professorin.) Eine junge Engländerin, Miß Alice Gardncr, Verfasserin einer Broschüre: „Die Ansicht des Kaisers Julian über das Christenthum," ist zum Professor der Geschichte am Bedford-Kollcgium in London ernannt worden. Zwanzig Profcssnrs-Kandidatcn die sich um die Stelle beworben, wußten der jungen Dame weichen. (Wiener Hausherrnlogik.) Miether: „Aber einiger Höflichkeit dürften Sie sich schon gegen Ihre Parteien befleißigen." — Hausherr: „Was Höflichkeit? Dös brancht's bei mir nöt; — dös is überhaupt blos au Artigkeit von mir, wenn i mit Jhna höflich bin." (Für Advokaten.) Einer der farbigen Advokaten, die in Brcnham, Texas, praktizieren, machte die Beobachtung, daß viele seiner weißen Kollegen Glatzen haben und ließ sich, um auch seiner Person ein so würdiges Air zu verleihen den Schädel rasiren. (Eine verunglückte Mahnung.) Landrath: „Ihr seid sonderbare Leute, warum sträubt Ihr Euch noch immer hartnäckig gegen die Anordnungen der Regierung? Ihr könnt fest versichert sein, dieselbe will ja doch stets nur Euer Bestes.' — Antwort: „Ei, ja, das ist's grad, Herr Landrath, das wolle mer ja grad nit hergebe." Die Gelehrten und das Wunder. „Wunder geziemt Gott nicht; denn er darf die Natur nicht verändern, Sonst corrigirt er sich selbst, weil die Natur er gemacht!" So der Gelehrte; doch schlagt ihm der Blitz in die Bücher und Schriften, Nnst er: „Es ist kein Gott! weil er kein Wunder hier wirkt!" Zeigst du die Wunder des Herrn, dann bläht er sich auf wie ein Trnthahn; MIeS, was er nicht gesch'n, darf auch geschehen nicht sein. Laß ihn nur schwätzen! . Der Herr regiert doch Himmel und Erde: Aber er sieht mit Geduld, wie sich entwickelt die Saat. Weizen und Distel gedeihen bei Regen und Sonne des Himmels; Aber wenn reif ist die Saat, wirft er die Distel ins Fcn'r. Fragt da wohl an demüthig der Herr bei den hohen Gelehrten, Ob'er bewegen sich darf, ihnen zu sperre» das Maul?! Niedel. Auslösung des Räthsels in Nr. 100: „Barbier." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von vr. Max Huttler. Nr. 102. 1883 , M „Äugslmrger Pojheitimg." Samstag, 22. December M e L h rr n ch 1 s - I L e d. Wcihnachtskerzenschein Glänzt in's Herz hinein — Warme Wcihnachtslnst Pacht an nns're Brust; Dach wer glücklich ist Nnr zu leicht vergißt, Daß nicht alle Welt Dieses Licht erhellt. Und weil's frommer Branch, Daß der Armen anch Liebreich wird gedacht, Jetzt, wo Alles lacht, Drmn vergesset nicht, Daß kein frohes Licht Hin zu Denen scheint, Deren Auge weint! — Auch zu ihnen geht, Die Ihr trauern seht — Wißt auch sie sind arm, Lichtlos ist ihr Harm. Spendet Kcrzcnschein In ihr Herz hinein, Denkt der Armen All', Ihrer Erdenqual, Daß durch jede Brust Ziehe Weihnachtslust. Und im Erdenlauf Blickt hinauf, hinauf, — Daß für Euch und Alle Frieden von dort walle, Daß sich Aller Armen Wolle Gott erbarmen, Und des Christkinds Schwingen Jedem Freude bringen! — Klara Reichner. Der Taimeirbanili. Ein Weihnachtsmärchen von Klara Reichner. Der Tannenbanm stand draußen im Walde, im grünen Walde, der dann gelb i.nd endlich weiß wurde. Das heißt, dort wurzelte der Tannenbanm, dort war er zu Hause, doch die Heimath ist meist erst eine schöne Sache, wenn man keine mehr besitzt, und so ging es auch dem Tannenbanm. „Hier geht man zu Grunde!" murrte er. Alles ist so eng, so klein, gar keine Abwechslung!" „Freue Dich doch Deines Lebens im heimathlichen Boden!" lehrte die goldene Sonne, mahnte der silberne Mond, predigten die schimmernden Sterne, doch der Tannen- baum verstand sie nicht. „Dtan muß doch seine Freiheit haben!" meinte er. „Und die ist nur in der Welt zu finden. Ich bin so anders wie die Andern! Höher hinauf geht mein Ziel!" Was und wo aber eigentlich die Welt und diese Freiheit ivar, das wußte er selber nicht genau, und er vergaß, daß seine schönste, seine beste Welt und Hcimath draußen im stillen Walde sei. So gar still war der Wald freilich auch nicht immer! Manch' zierlich Reh huschte dnrch's Gezweig, wohl manches nmnterc Häslein ließ sich blicken, und die vielen, vielen Vögcl, die dort wohnten! Und zuweilen kamen auch fremde Wandervögcl, kamen auch fröhliche und traurige, lustige und einsame Menschen in den Wald. Aber das war dem Tanncnbanm mit der Zeit Alles nicht genug! Er wollte Wechsel haben — gerade wie die Menschen — der arme Thor! Und glaubte doch, er sei so anders wie die Andern! So versäumte er die schöne, heimathliche Gegenwart und sehnte sich hinaus. — Wohin? „Wohin zieht Ihr?" fragte er die Wolken. Sie aber gaben keine Antwort; sie schwebten viel zu hoch, hoch oben über ihm und Allem. Sie wußten Nichts vom Sehnen, den: thörichten, eines so kleinen Nadelbaums auf Erden. „Wo kommt Ihr her?" fragte er die fremden Vogel und was sich sonst noch blicken ließ. „Kommt Ihr aus der Welt, wo die Freiheit wohnt?" „Ja", sprach ein naseweiser Spatz. „Aber da ist nicht viel zu holen; da hackt man Dich zu Holz!" Dem Bänmlein schandert's, daß es förmlich Nadelweh bekam. Zu Holz gehackt! Das klang nicht vielversprechend, im Grunde aber glaubte doch der Baum, daß dies ihm nicht geschehen könnte. Er wollte ja höher, so hoch hinaus! Und er war so anders, so ganz anders wie die anderen Bäume, meinte er; — und was man wünscht, das glaubt man gern und meint man auch zu können. Und da kam einmal ein Tag, da ward sein Wunsch erfüllt! Das ist nicht immer gut, doch der Tannenbanm meinte, es sei der glücklichste Tag in seinem ganzen Leben, denn nun sollte er ja in die Welt! — Der erste Schmerz geschah ihm freilich jetzt! Ein Schlag, daß er zu Boden stürzte, und nun war er von der heimathlichen Erde abgetrennt — das schmerzt doch ein wenig. — Aber jetzt war's zn spät, und er überwand den Schlag, oder — er glaubte wenigstens, daß er es that. Sein Liebltngs- wunsch war ja erfüllt — er sollte fort — hinaus — fort in die Welt! Was für ein Glück! — Schon die Reise, die er nun zn Wagen mit manchem andern grünen Nadelbaum zn machen hatte, war so lustig! Was sah man Alles, wieviel Neues, Ungeahntes und auch Schönes, und als man endlich in die große Stadt kam, meinte der Baum, nun sei er in der Welt! Und jetzt begann er sich auch wieder mit seiner Zukunft zn beschäftigen. „Was wohl nun mit mir geschieht?" fragte er sich. „Ob ich auch so aufgestellt werde, wie die großen Baume hier in den Straßen, unter denen die Kinder jubeln und spielen, oder ob ich gar hoch hinauf anf'S Dach komme, fast so hoch bis znm Himmel, wie der kleine Tannenbanm dort oben auf dem Hanse, der so hübsch und stattlich mit bunten Bändern aufgeputzt ist? Wie stolz er dasteht, und wie lustig seine bunten Bänder im Winde flattern! Ob wohl der Baum da oben festwächst? —" Armer Tannenbanm! Was wußte er davon, daß der stolze Baum da droben auf dem Dache nicht viel länger auf dem hohen, luft'gen Sitze thronen werde, als der Richtspruch und der Richtschmaus dauern, die er feiern hilft, um dann den Weg alles Irdischen zn wandeln — hin zn Staub und Asche! Wohin überkam nun unser Tannenbaum? Das werden wir gleich sehen! Er kam mit all' den andern Bäumen in einen großen Hofraum, wo sie alle abgeladen und anfgespeichcrr wurden. Mancher erhielt sogar ein hölzernes, künstliches Fußgcstell, statt seiner alten Wnrzelfüße, so daß er wieder auf eigenen Füßen stehen konnte, Andere aber — und darunter auch unser Tannenbaum, lagen am Boden durcheinander, gerade wie sie der Zufall hatte hinfallen lassen. 821 „Ist das mein Schicksal?" fragte sich der Baum etwas bestürzt, dein die Sache viel zu langsam ging. „Ist Alles schon zu Ende? Soll das hier meine Zukunft sein? Bin ich darum so anders wie die Andern? — Da war es ja im Wald noch besser — in der .heimath!" Und der Baum begann nachdenklich zn werden. Warum? Weil er enttäuscht war, und ein unbestimmtes Gefühl empfand, das er sonst noch nie gekannt, — es war daÄ Heimweh nach der wahren Heimath! Ach wo war sie? Ferne! ferne! Verloren! Und er hatte doch so hoch hinauf, so weit hinaus gewollt! Es ist nicht nur der Baum, dem es so geht. Wer lebt, der hofft indessen, und darum hoffte auch der Baum, gerade wie die Menschen, denn noch fühlte er ja das Leben in sich strömen, und darum hoffte er, wenn er auch durchaus nicht wußte, worauf er eigentlich denn hoffte. Und nun kam das Christfest. Auch in den großen Hofranm, wo die Bäume lagen, kam es, und da erst recht, denn dahin kamen ja die vielen Leute, die Christbäume holen wollten für den Weihnachtstisch; doch der Baum verstand das nicht, wie hätte er es sollen? — aber eine Ahnung wie von etwas Wunderbarem, das kommen würde, durchzuckte ihn. Und nun schlug auch seine Stunde! Endlich — endlich kam sie! Er fühlte sich erfaßt und fortgetragen. Wohin kam er wohl jetzt — wohin? Mau trug ihn vorbei an vielen, großen Häusern, wo schon die ersten Kerzen der brennenden Christbäume durch die Fenster schimmerten. War das eine Pracht! Den Tannenbaum durchschanerte es seltsam, wie bange Wonne. War das auch sein Loos? Da sah er drinnen grüne, frische Waldbäume, geschmückt mit Gold und Silber und reich behängt mit buntem, glänzendem Schmuck, wie in eine Fluth von Licht getaucht, zn sich hinansschimmcrn. Gott, war das schön und herrlich! Sie schienen ihm zn winken, ihn zn grüßen! Sie wuchsen wohl da fest, und wurzelten in jenen großen, schönen Häusern, und alle Tage spielten dann die Kinder unter ihren immergrünen, gold- und silbcrbcladencu Zweigen, an denen rothe Aepfel und schimmernde Nüsse hingen, und die Kinder jubelten so hell, wie er es jetzt bis hinaus auf die Straße hören konnte, und Alt und Jung erfreute sich daran! Und er war ja noch ganz anders als die Andern. Was konnte erst mit ihm geschehen? Doch gewiß etwas Besonderes! ganz Besonderes! Vielleicht kam er geschmückt und leuchtend oben, hoch oben auf ein Haus, wie jener kleine Baum, den er gesehen, nur, viel höher und viel schöner noch, und strahlend hell von vielen, vielen Kerzen, wie die Bäume drinnen in den Zimmern? Ach, wie sehnt er sich so hoch hinauf, zum Himmel hoch, bis in die Wolken, die so hoch und stolz über ihm dahinzogen! Ja, er wollte hoch hinaus, der kleine Baum, der gar nicht war wie alle Andern, und doch so thöricht war, so klein, wie all' die Andern! Wo kam er hin? Er kannte nicht den Ort, wo man ihn niederlegte und dann aufstellte. Es war fast wie im Walde dort, so still so weißverschncit, so friedlich. — Halb heimathlich, halb traurig wehte es ihn an. Wo war er denn? Sollte er nun geschmückt werden und Licht ausströmen? War das hier die Welt, die Freiheit, die er suchte?" Armer Baum! Wo wohnt die Freiheit? Doch nicht in der Welt, ivic Du es glaubst? Es war so still und dunkel — es wurde ihm so sonderbar zn Muth! Da — plötzlich — was war das? Es flammte auf, es blitzte, leuchtete um ihn herum von vielen hellen Kerzen, und ringsum schimmerts grün und freundlich aus dem Schnee, und was so leuchtet, war er selber, er allein, doch Niemand freute sich darüber! Nicht einmal er 822 selbst! denn seine Strahlen warfen ja ihr Licht auf einen Grabhügel und auf die dunkle Gestalt, die dicht daneben lehnte. Es war ein Mensch, — ein einsamer Mensch, in dessen Auge es nicht minder glänzte, als in des Baumes Zweigen. „Nimm hin das Licht, das ich im Leben Dir versagte", flüsterte der Mann am Grabe. „Als ich die Welt, die Freiheit wählte, gingst Du von mir, meine Heimath, mein Alles. Und nun bin ich allein und heimathlos — entwurzelt, wie der sonst so immergrüne Baum, der Dir heut' leuchten soll!" Und er sah zur Erde nieder und zum Himmel auf, wo unser Aller Heimath ist. „Gewiß wir sehen uns wieder dort in der ewigen Heimath, wo allein die Freiheit wohnt. Durch Finsterniß und Erdenstaub zum ewigen Licht!" Und sonderbar! Der Baum verstand, was'der Mensch, der einsame, dort sagte, und durch die Kerzen schicn's mit Flammenschrift zu schimmern: „Warum opfert ihr den Todten? Hättet Ihr es ihnen lieber Doch im Leben schon geboten!" «nd er dachte nicht mehr an sich selber, der Tannenbaum, der auch gemeint hatte, anders zu sein, als wie die Andern. Die Kerzen brannten nieder, und der Mann am Grabe denkt darüber nach, daß der Tod wohl nicht die schlimmste Trennung ist — das Leben trennt noch schlimmer. Darüber denkt er nach und vergißt dabei die Gegenwart, und darüber verlöschen nun die Lichter, und es wird finster, ganz finster um ihn her. „Herr bleibe bei mir, denn es will Abend werden!" Doch das Licht des Christbaums auf dem Grabe brannte weiter und leuchtete den Pfad des Einsamen voran, seinem irrenden Fuß die Spur zu weisen, und er fand sie — hin zu den Armen und Elenden, denen kein Licht am Weihnachtsabend leuchten wollte durch die Dunkelheit. — Und der Tannenbanm? — Der wußte jetzt, was Heimath ist, und daß die Freiheit nicht in dieser Welt zu finden ist, und daß man doch ist wie die Andern, wenn man's auch nicht glauben will; — er fühlt, daß auch er bald Frieden finden wird, und daß er hoch gestiegen war, viel höher als der Baum da droben auf dem Hause, und als die dort in den großen Häusern. Er wußte -auch jetzt, daß er sterben mußte und vergehen, ferne von der Heimath, aus der er sich einst fortgesehnt, und die er nun verloren, — er wußte aber jetzt auch, daß der Himmel Aller Heimath ist auf Erden, und das Christkind huschte leise durch die Zweige und segnete den stillen Ort, wo Jene schlummern, die erst das rechte Christfest feiern. — Womit Du sündigst, damit rvirst Du gestraft. Aus dem Englischen der Mrs. Mary Cccil Hay, übersetzt von Alice Salzbrnnn. (Nachdruck dcrdoten.) Das unbewohnte Landhaus war von einer reizenden Landschaft umgeben, aber dennoch hätte ich mir keinen Begriff von einem so verödeten, gespensterhaften unheimlichen Wohnsitz machen können, bevor ich es gesehen. Ich hatte Schloßruinen gesehen, und war durch manchen verwilderten, vernachlässigten und vergessenen Park gegangen, aber hier schien die Vereinsamung und Verödung anderer Art zu sein. Ich sagte das dem Pfarrer, welcher mich um das Haus herum führte und mir die Ueberreste vergangener Schönheit zeigte, die sogar unter dem Mehlthau des langsamen Verfalles noch »sichtbar war. „Ja, Sie müssen dieses Haus nicht mit eigentlichen Ruinen vergleichen," sagte er, „nicht etwa mit der malerischen alten Abtei, welche Sie in unserer Nachbarschaft gesehen haben. Dieses Gebäude bröckelt nicht unter den langsamen Schlägen der Zeit. Das — 823 Haus steht hier eingerichtet und verschönert — das klingt absurd, nicht wahr? — für seinen Bewohner, einen feinen, luxuriösen Bewohner, aber über den schönen, dauerhaften Wohnsitz würde die Vereinsamung und Verlassenheit verhängt, wenn Sie es so nennen wollen. Jetzt fällt die Besitzung als herrenloses Gut der Krone zu." Ich sah hinauf zu den zerbrochenen, mit dickem Staub und Spinncnwcben bedeckten F nstern und dann auf die stillen, nnbctrctcnen Windungen des Parkes. „Ich könnte glauben," sagte ich, „daß möglicherweise ein Fluch auf dieses Hans gefallen ist." „Im westlichen Flügel," sagte der Pfarrer, indem er meine Bemerkung unbeantwortet ließ, „ist eine Thür, welche ich mit einiger Gcschicklichkeit und Kraftanstrengnng öffnen kann. Möchten Sie das Haus von innen sehen? So weit Sie können, meine ich, denn die Thüre führt nur zu drei Zimmern." Ich folgte ihm langsam. Eigentlich wollte ich das Hans nicht betreten; und obgleich meine Ncngierde zu stark war, um mich zu weigern, wünschte ich, daß der gütige alte Pfarrer den Vorschlag nicht gemacht hätte. Ich sah mich vergeblich nach einer Thüre um, als wir den westlichen Flügel erreichten. In der langen Reihe zerbrochener Fenster sah man nur an einer Stelle eine Menge dichter Epheurankcn, ein riesiger Auswuchs auf der Mauer. Der Pfarrer zog die Ranken mit der Krücke seines Spazicr- stockes auseinander. „Der Eschen wuchert so üppig über den Steinstnfen," sagte er, „daß ich fürchte, Sie werden nicht hinaufsteigen können. Sehen Sie, die Thüre ist auf ersten Stock, und wir können sie nur erreichen, wenn wir diese verborgene Treppe hinaufsteigen." „Ich komme hinauf," sagte ich. '„Man kann hier sicher über den Eschen klettern: aber, bitte, reichen Sie mir Ihre Hand." Das Hinaufsteigen war wirklich schwierig, sogar gefährlich, denn die Stufen waren an vielen Stellen zerbröckelt; aber endlich erreichten wir die Thüre; der Pfarrer streckte seinen Arm durch das zerbrochene Holzgctäfcl, zog innen den Riegel zurück und öffnete. „Ich sah nie ein Herrenhaus mit einem so seltsamen Eingang," sagte ich, jedoch der Pfarrer ging weiter und hörte meine Worte vielleicht nicht. Die Thür führte in ein kleines Vorzimmer, so klein, das; ein Schlafsophn, ein Tisch, ein Stuhl mit verblichenen Büchern es ganz ausfüllten. Der Pfarrer öffnete eine zweite Thüre gegenüber derjenigen, durch welche wir eingetreten, und ich folgte ihm in ein großes luftiges Schlafzimmer; die schweren Damastvorhünge des Bettes mochten einst von brillanter Scharlachfarbe gewesen sein, aber sie waren jetzt in ein Gelbbraun verblichen; sie hingen in Fetzen an den Stellen, wo die Hände des Bewohners sie zurückgezogen oder aufgehoben hatten und waren von oben bis nuten von Myriaden Motten durchlöchert. In diesem Zimmer sah ich einen Eßtisch, wcrthvolle, hübsche Zicrathe und Bücher, und die Wände waren von so schönen, gnterhaltenen Gemälden bedeckt, daß dieselben der alten wurmstichigen Möbel zu spotten schienen. „Schönere Gemälde als diese sind sogar nicht in der Gcmäldegalleric," sagte ich zu dem Pfarrer, als er eine andere wieder unserem Eingang gegenüber befindliche Thüre ausschloß. „Nein; es sind die schönsten, welche aus der Gallcrie ausgewählt wurden; in diesem Zimmer sind die ausgezeichnetsten Portraits. Kommen Sie." Er hatte die Thür gcöffntet und schob die schwere, faltenreiche Draperie derselben bei Seite; ich betrat ein Zimmer, dessen Größe und Form diejenige des Schlafzimmers war, dessen Einrichtung jedoch ein Wohnzimmer, eine Bibliothek und einen Mnsiksaal Alles in Einem zeigte. Trotz des Zahns der Zeit sah ich die Schönheit und den Luxus der Einrichtung, sowie eine Seltsamkeit, als ob hundert Geschmacksrich- timgeil thätig gewesen wären, oder vielleicht ein von Jahr zn Jahr ruhelos veränderter Geschmack. „Dies sind die besten Familicnportraits," sagte der Pfarrer, auf die mit Bildern oehangcncn Wände deutend, „eigentlich sollte ich sagen, die Portraits aus der neuesten Zeit. Die Ritter und Damen früherer Jahrhunderte hängen unten in einer langen, modrigen Gallcrie. Diese Portraits stammen aus über hundert Jahren vor dem Tode des letzten Bewohners dieser Räume. Bitte, betrachten Sie dieses Gemälde; es ist der letzte Sgnire." Das Bild, welches der Pfarrer mir zeigte, war kleiner als die anderen und vielleicht noch schöner, obgleich die Schönheit nicht selten unter diesen stolzen, ruhigen Gesichtern war. Es stellte einen jungen Mann von drei- oder viernndzwanzig Jahren in Hofklcidung dar: ein Gesicht von merkwürdiger, obgleich etwas weiblicher Schönheit, aber es war von ausgezeichneter Feinheit und deutete klar auf eine hohe Geburt und Herkunft; sogar als der Pfarrer seine Meinung ausgesprochen, konnte ich keinen Stolz in diesen schönen, furchtlosen Augen und keine Anmaßung in den edlen, kühngcschwnngencn Lippen sehen. „Ich sah nie ein schöneres Gesicht," sagte ich ganz leise, obgleich ich nicht wußte, warum ich flüsterte. „Und er war der letzte Sgnire? Er war also nie vcrheirathct?" „Nein." „Starb er jung?" „N'--ein." „Wollen Sie mir seine Geschichte erzählen?" „Hier nicht," sagte der Pfarrer und ging sogleich zu anderen Portraits, von denen er etwas hastig sprach. Auch in diesem Zimmer befanden sich zwei Thüren einander gegenüber, wie in den beiden ersten Stuben der Reihenfolge, und hier hingen vor beiden Thüren die faltenreichen Sammctgardincn. Der Pfarrer schob dieselben bei Seite und zeigte mir, daß die unserem Eingang gegenüber stehende Thüre verschlossen, und daß der Schlüssel abgezogen war. „Ich sagte Ihnen, wir würden nnr in drei Zimmer gelangen können," sagte er, „und jetzt haben Sie wohl Alles gesehen, was ich Ihnen zeigen kann." „Aber ehe wir zurückgehen," bat ich dringend, indem ich mich auf einen verblichenen Sessel vor dem Portrait des letzten Sguires setzte, „erzählen Sie mir die Geschichte dieses verödeten Ortes." „Ich will Ihnen dieselbe auf dem Heimwege erzählen," antwortete der Pfarrer. Als er jedoch sah, wie müde ich war, und daß wir wirklich ausruhen mußten, nahm er einen Stuhl, schlug den dicken Staub und die Spinnweben etwas ab, setzte sich und begann die Erzählung in einem leisen, unruhigen Ton, welcher mich bald so nervös machte, daß ich fast fürchtete mich umzusehen. „Lndolph Warwick erbte als sehr junger Mann seines Vaters Bcsitzthnm; er war sehr schön, wie Sie hier sehen, und hoch- müthig; sein Stolz war leicht verletzt und trotz seines feinen Wesens unbeugsam. Daß solch' ein Alaun, ein reicher Grundbesitzer von vornehmer Geburt und so gebildet wie wenige Landedellente seiner Zeit, ein Liebling in jedem Londoner Salon wurde, ist sicherlich nicht erstaunlich; und daß solch' ein Mann, geschickt in allen ritterlichen Beschäftigungen und freigicbig bei seinem Reichthum, ein bevorzugter Gast in jedem ländlichen Herrenhaus unserer Grafschaft wurde, ist ebenfalls nicht erstaunlich. In der Frcndc über seine glänzende linterhaltuugsgabe bemerkten Wenige die Abwesenheit einer edclmüthigcn Sympathie oder die kalte Gleichgültigkeit gegen diejenigen, welche dem magischen Kreise der feinsten und ausgezeichnetsten Gesellschaft nicht angehörten. Wenige sahen bei der Bewunderung seiner regelmäßigen schönen Züge, daß der hohe, kühne Ge- sichtsansdruck nnr ein kalter, grausamer Stolz war. Er bewohnte diesen Landsitz jeden 825 Sommer, während ungefähr acht Wochen, hatte dann das Hans voll Gäste und zeigte eine verschwenderische Pracht. Außer diesen Sommerbesuchen genoß er ein angenehmes Leben in seinem schönen Londoner Hanse, in seinem schottischen Jagdschloß, im Anstand oder als Gast anderer Landedcllente. Er war der Zielpunkt der Blicke und Gedanken der Mütter, das Ideal ihrer Töchter und der anerkannte Liebling der Gesellschaft. Eines Tages, als Sir Lndolph sich mit einem Schwärm fröhlicher, vornehmer Gäste hier aufhielt, versuchten ein paar Strolche einen Einbruch in sein Hans. Ich glaube, der Sgnire selbst entdeckte es; jedenfalls wurden sie überrascht, ehe sie noch in das Hans eingedrungen waren, und nur ein kleiner Knabe, welchen die Schurken durch ein erbrochenes Gitterfenster geschoben, damit er ihnen die Thüre öffne, wurde gefangen. Dieser Knabe war das einzige Kind einer Frau, der ruhigen, einsamen Bewohnerin eines kleinen Häuschens, welches ihr, wie mau sagte, von dem verstorbenen Sgnire geschenkt worden war. Sie war eine Spanierin, eine schöne, schwarzäugige Frau, mit dunklem klaren Teint, und obgleich sie so nahe dem reichen Manne lebte, welcher sie aus ihrer fernen Heimath hinweggelockt hatte, hatte man nie gehört, daß sie seinen Namen erwähnte; das stille, zurückgezogene Leben dieser Frau concentrirte sich in demjenigen ihres Kindes. Als sie hörte, daß der Sgnire ihren Knaben eingesperrt habe und die Polizeibeamten holen lasse, kam sie zum ersten Mal in das Landhaus, seitdem des Sguire's Vater sich stolz von ihren Bitten hinwcggewendct. Mit brennenden Thränen sagte sie dem jungen Sgnire, daß er sich ihres Knaben erbarmen solle, weil derselbe sein Bruder, seines Vaters rechtmäßiger Sohn sei. Er lächelte in seiner schönen, kalten Weise und rieth ihr ruhig, wenn sie lüge, so solle sie nicht zu ihrer eigenen Schande lügen. Sie zeigte ihm ihren in Spanien ausgestellten Trauschein und sagte, der katholische Bischof in unserer Nachbarstadt könne die Echtheit desselben bestätigen. Er antwortete ihr lachend, die' katholische Trauung sei ungültig im protestantischen England. Als die Polizisten kamen und den Knaben hinwegführten, welcher seine Arme nach der Mutter ausstreckte, stand sie mit bleichen, festgcschlossencn Lippen im großen Vestibül dieses Hauses und folgte ihrem Kinde nicht einmal mit den Augen, denn sie sah unverwandt in das schöne Gesicht des jungen Sgnire. Ihr Knabe, ein hübsches, schüchternes Kind von kaum zwölf Jahren, wurde vor die Richter gestellt und erzählte sein Erlebnis; i,nter vielen Thränen. Er ging am vorhergehenden Abend ruhig nach Hause, als zivei Männer ihm nach kamen und mit ihm gingen. Sie sprachen viel mit einander, obgleich gar nicht mit ihm; aber als er am Schlagbanm die Landstraße verlassen und den Feldweg nach Hanse einschlagen wollte, baten sie ihn, noch etwas weiter mit ihnen zu gehen nnkl versprachen ihm ein Geschenk für seine Mutter. Er ging weiter — eine lange Strecke, glaubte er, — und dann führten sie ihn in ein leeres Banernhans, schlössen die Thüre und behielten ihn dort, bis es ganz dunkel war. Sie trugen ihn bis zum Herrenhaus, denn er hätte den Weg im Dunkeln nicht finden können; sie schoben ihn durch eine kleine zerbrochene Fensterscheibe und befahlen ihm, eine Thüre, welche er dicht neben dem Fenster finden würde, aufzuriegeln; sonst müsse er dort immer im Dunkeln bleiben. Das war Alles, was der Knabe erzählte; man sah deutlich, wie sehr er durch die Drohungen der beiden Böscwichte geängstigt worden war. Ich glaube, einer der Richter sagte, die entsetzliche Furcht, welche der Knabe ausgestanden habe, sei eine hinreichende Strafe für ihn gewesen; aber man lächelte verächtlich über diese Idee. Das Kind wurde zur Einzelnhaft auf zivei Jahre vernrtheilt — ja, obgleich die schöne Spanierin vor dem Sgnire auf ihren Knieen lag und ihn bei dem Andenken an seine Eltern und bei seiner Hoffnung aus Gottes Gnade um Erbarmen anflehte. Ehe die Strafzeit halb verflossen war, ließ der Arzt den Knaben in das Hospital bringen. „Dieser einsame Kerker ist sehr verderblich für einen schwächlichen, wachsenden Jungen," sagte er mit ernstem Kopfschüttclu, „wenn er nicht stirbt, wird er für den Rest seines Lebens unheilbar blödsinnig sein." Dieses schlimmere Schicksal blieb ihm erspart, er starb; die Nachricht gab seiner Mutter den Todesstoß und ihr Geist wurde nmnachtct; sie schleppte sich mühsam zum Herrenhaus und verlangte den Sgnirc zu sprechen. Als seine Diener es ihm sagten, lächelte er in seiner ruhigen Weise. „Gebt ihr dieses Geld," sagte er, „weiter ist Nichts nöthig für solche Weiber." Sie blickte geistesabwesend auf die angebotene Summe, dann trat sie einige Schritte zurück, erhob die Hände feierlich gen Himmel und rief das Gericht Gottes auf den Herrn des Hauses herab; sie flehte, daß die Strafe, welche er über ihren Sohn verhängt, ihn heimsuchen möge. Und der in seinem Kreise stets geschmeichelte, gefeierte Herr dieses Hauses sah aus dem Fenster und lächelte über diesen Auftritt der armen Verzweifelten. Sie starb einige Monate darauf. Fünf Jahre vergingen, und Ludolph Warwick führte noch sein luxuriöses, glänzendes Leben, geschmeichelt, bewundert und überall gesucht. Er beging keinen der Fehltritte seines leichtfertigen, genußsüchtigen, aber warmherzigen Vaters, sondern lebte nur in stolzer, kalter, mitleidloser Selbstbefriedigung. Aber als diese fünf Jahre vergangen waren, kam er einmal unerwartet und ganz allein in seinem Londoner Hanse an. Er fuhr am Morgen nach seiner Ankunft in einem Miethwagen aus, und sein Gesicht war von einem weißseidenen großen Halstuch Halb bedeckt; nach einer langen geheimen Unterredung mit einem berühmten Arzt, kehrte er zurück und befahl, daß sein Haus wieder abgeschlossen werde, da er auf das Land reise. Er kam sogleich hierher, und ehe er seinen Ucbcrrock und das weiße verhüllende Tuch abgelegt, rief er vier alte Diener zu sich, welche während seiner ganzen Lebenszeit hier gewohnt hatten. Sie kamen in dieses Zimmer, und er stand dort am Kamin und sprach mit halb abgewandtem Gesicht zu ihnen. Sie waren über seine unerwartete, alleinige Ankunft sehr erstaunt gewesen, denn er pflegte stets mit Equipage und Dienern zu kommen, nachdem alle Zimmer des Hauses für ihn und die Gäste, welche mit ihm oder bald nach ihm kamen, bereit standen. Aber welch' eine viel größere Uebcrraschung erwartete sie! (Schluß folgt.) Goldkörner. Flieh' Musst gang! Uuthütigkeit erschlafft lind »nicht dich muthlos; Arbeit stählt die Kraft. Dir wird durch sie, was du vermagst, bewußt; Leicht wird die Bürde, und die Müh' zur Lust! Gehorche willig, Kind! Gehorsam ist Der Keim, aus dem dir jede Tugend sprießt, Der in sich birgt sie alle im Verein! Du bist ein Pslänzlcin noch, gar schwach und klein, Das sich nicht schützen kaun, das treu gehegt, Von seiner Eltern Sorge wird gepflegt, Gleichwie ein Gärtner schirmt vor Frost und Wind Die Lcuzeskindcr, die ihm theuer sind. Begreifst du auch noch nicht, wie und warum Die Hand dich hält und führt, gehorche stumm! Wie hart dir das Gebot auch scheinen mag, O glaube, kommen wird die Zeit, der Tag, Wo du erkennen wirst, daß nie die Liebe ließ Von dir, ob sie dich thun, ob lassen hieß! F. Beck. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Nr. 103. 1883. postMuilg Montag, 24. December Immer — nimmer! Weihnnchts-Erinnerung einer Uhr von Klnra Reichner. „So stand die Uhr in Lust und Leid, Bei Todtenklag und KindstnufSfrcud'; Was dort im Lauf der Zeit geschehen, Die Uhr hat es mit angesehen! In jedem Wechsel fort und fort, Die Gleiche stets mit gleichem Wort: Immer — nimmer! Immer — nimmer!" Longfellow. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten darin, welche Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Die alte Frau saß auf einem großen Sorgenstuhl, aber es war ein weichgepolsterter Sorgenstuhl; die alte Uhr stand in der Ecke, so fest stand sie auf ihren beiden Säulen, als ob sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde nur Stunde, Minute für Minute. In Freud' und Leid Vergeht die Zeit! Die alte Frau wußte das auch recht gut, denn oft nickte sie der alten Freundin in der Ecke zu, als wollte sie sagen: „Ja! du und ich! Wir Zweien haben schon manche Stunde, gute und auch trübe, mitsammen durchgemacht. Wie viele Stunden werden wir wohl noch beisammen bleiben?" „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" tönte es aus der Ecke zurück. Und die alte Frau nickte wieder, weil sie ganz gut verstand, was die Uhr damit sagen wollte. Früher hatte sie es nicht so gut verstanden. Weihnachtsabend war's, und ein Jeder weiß es, was das für ein Abend ist, was für ein gesegneter, ein schöner Abend für die ganze Christenheit auf Erden. Die Dämmerstunde war gekommen — da war's lebendig überall — auch in der stillen Stube bei der alten Frau. Draußen auf den Gassen mehrte sich das Laufen und der Lärm, und wer noch keinen Weihnachtsbaum im Hause hatte, nahm ihn geschwind jetzt mit unterwegs. Es kommt ja nur ein Mal der schönste Tag vom ganzen Jahr! Drinnen bei der alten Frau ward's auch lebendig. Allerlei Gestalten, allerlei Bilder tauchten auf — buntfarbige und auch recht graue. Helle, lichte, — Andere in Nebelschleier eingehüllt, und mancher Weihnachtsbaum verflossener Jahre streckte die stacheligen, lichtstrahlenden Zweige in's dämmernde Zimmer hinein. „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" — 828 — sagte die alte Uhr in der Ecke, und sie hatte auch ganz Recht. Immer — nimmer kamen sie wieder, dieser Tag, diese Bäume! Der erste, allererste Weihnachtsbaum! An den freilich konnte die alte Frau sich gar nicht mehr erinnern, das wird ein Jeder gerne glauben, da war die alte Frau ja noch ein kleines, kleines Kind, wenn man auch kaum meinen sollte, daß so alte Leute auch einmal so klein und jung gewesen, nun man sie so fix und fertig alt sieht. Aber später hat man es ihr oft erzählt, wie sie dem ersten Christbaum zugejauchzt, und so verlangend die kleinen Aermchen nach ihm ausgebreitet — dem Licht entgegen. Und die Jahre kamen und vergingen! Licht und lichter ward es auch in der kleinen Mcnschenseele, und der grüne, lichterglünzende Baum kam Jahr für Jahr in's Haus, und stets mit ininierglcichcni Jubel wurde er begrüßt. „Ich habe dich so schrecklich lieb!" Das war der höchste Ausruf von Wonne, den das kleine Mädchen damals kannte, und darum sagte sie es auch, wie oft, mit dankerfülltem, kleinem Herzen zu der guten Mutter, die damals noch lächelnd neben dem grünen Baume stand. „Ja — wie lieb denn?" -- „O so hoch — so hoch wie unser Christbaum, nein, noch viel höher — so hoch, — bis zum Himmel hinauf!" „Immer — nimmer, immer — nimmer!" tönte es leise aus der dunkeln Ecke, und die alte Frau verstand es wieder, denn sie wußte, daß auch diese Zeit zu Ende ging, und daß sie später — wie oft — in jugendlichem Unbedacht die beste aller Mütter wie sehr gekränkt! Und die Jahre gingen weiter, und das Leben auch, so pfeilgeschwind und doch so hübsch allmählig, daß man es kaum merkte, wenigstens nicht eher, als bis die Gegenwart vorüber und die Zeit entflohen war, die so rasch und treulos davoneilte, wie alles Andere sonst, was irdisch ist. Doch die alte Uhr war desto treuer als die Zeit, welcher sie diente, und treuer als das Glück und als die Menschen! Oftmals war sie auch eine gar treue Warnerin gewesen, wenn ihr Pendel so stillgeschäftig sich hin- und hcrbewegte, und der Zeiger so unerbittlich weiter rückic, von Stunde zu Stunde. Immer neue Minuten folgten ja den abgelaufenen, doch nimmer waren es dieselben — immer andere, und nimmer kamen sie wieder die verflossenen — nimmer. Das predigt die Uhr mit ihrem steten, stetigen: „Immer -- nimmer, immer — nimmer!" nur daß die alte Frau es nicht so gut zu hören verstanden, einst, als sie noch jung gewesen! Die frohe Kinderzeit verflog — es kamen andere Tage, andere Zeiten, doch auch sie waren gut und schön und glücklich, voll von Spnncuschcin und Liebe! — Wohl mahnte die alte Uhr und predigte Vergänglichkeit, doch Niemand achtete auf sie, wenn sie erzählte, daß Lieb' und Jugendzeit und Glück verwehen, wie ein Blatt im Winde! Wer mag an Sturm und trübe Wetterwolken und au graue Nebel glauben, wenn am blauen, heiteren Himmel die helle, goldene Sonne lacht? Und die jugcndfrischc Rose und die bräutlich-grnuc Myrthc wanden sich znm Kranz die Braut zu schmücken, die glückliche, die hoffnungsreiche, überreiche Braut! Freundlich zu nickte sie der alten Uhr, der treuen Freundin ihrer Kinderzeit und Mädcheujahrc, deren rastlosen Pendel- und Stundcnschlag sie — ach so oft gelauscht, voll Lust und Ungeduld und Freude. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte die Uhr, und ihr klang es wie ein Gruß. Ja, das war es auch, doch durch den Gruß klang es wie eine ernste Freundes-Stimme: „Für immer gehst du, und wie es war ivird's nimmer!" Und es ward auch nicht mehr so. Der Schritt aus dem Elternhaus war der in's Leben, und das Leben will gezahlt sein — Jeder muß es zahlen — früher oder später. 829 Wohl schielte noch der Sonnenschein auf grünen Blättern, doch hier und da begann das Laub sich gelb zu färben und dürres Reisig sich zu zeigen, aus dem kein Grün meh7 sprossen wollte. Ist die kurze Blüthcnpracht des Frühlings um, so folgen ihm des Jahres andere Zeiten — so will's Natur und Leben. Engel der Freude und der Trauer zogen ein und aus, und die alte Uhr nahm ihren Theil an Allem. „Immer — nimmer," sagte sie, „immer — nimmer!" und das klang wie ein Gebet. So zogen die Jahre wie die Wolken droben am Himmel, sichtbar, immer nahe, und doch fern und wechselnd, und mit ihnen zog die Jugend, zog gar Manches, das nicht wiederkehrte, zog ein Christfest nach dem andern Jahr für Jahr, als wie ein Zeitmesser für Glück und Leid. Gar treu sind seine grünen Boten, mit ihren immergrünen Blättern, aber diese Blätter sind Nadeln, und Nadeln haben ihren Stachel. Wo sind sie hin, sie Alle, auf die einst der helle Kerzenschein die frohen Weih- nachtsstrahlcn warf — wohin? Erloschen ist ihr Licht, nur das Gedächtniß stirbt nicht. Das lebt immergrün im Herzen. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte traurig die alte Uhr, die immer dieselbe geblieben war, ob auch alles Andere sich geändert hatte. Und nun war's Winter, schuec-weißer, kalter Winter, und wieder war's Weihnachten, und das Haar der Frau, die einst ein frühlingsfrisches Kind gewesen, war auch weiß geworden, doch kalt war's nicht im Herzen drinnen, o nein, recht warm sogar und auch recht Hoffnungsgrün — wie Veilchen unter Schnee. Wohl fühlte sie den Winter und die Einsamkeit, die alte, stille Frau, doch eine treue Freundin war ja bei ihr: die alte Uhr, und jetzt verstand sie ja weit besser, was die Uhr erzählte. Von alter Zeit, von schönen, frohen Stunden sprach sie, so gut wie von den traurigen und ernsten. Sie lächelte mit ihr und weinte, sie klagte, tröstete. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" lehrte sie, und die alte Frau wußte nun, daß Alles ein Ende hat und daß doch die Hoffnung den Menschen von der Wiege bis znm Grab als gute Fee geleitet. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten ja darin, die Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Der alten Frau war's wehmüthig zu Sinn — die alten Zeiten wurden am Christabend so neu, und sie war so allein. Ach! Wo waren sie Alle? Wo? Die Eltern, Geschwister, Kinder, Gatte, Freunde! die einst das Christfest mit gefeiert, mitsammen unter dem grünen, immergrünen Tannen- banm? Wie hatte da der Lichterglauz gestrahlt! Und nun? Zerstreut! Sie Alle, Alle durch das Leben, durch den Tod, verweht die frohen, hellen Weihnachtstage, längst verweht. Und die alte Uhr stand in der Ecke, so fest auf ihren beiden Säulen, als wenn sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde uin Stunde Minute für Minute. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sprach sie unerschütterlich. Und die alte Frau verstand sie gut, und fühlte aus den dürren Reisern frischen Frühling sprossen, der unvergänglich, unverwelklich war, so unvergänglich, wie die Uhr der Ewigkeit, die auch in jeder Spanne Zeit uns mahnt, daß Alle, die das Leben einst zerstreut, ein schöneres Christfest wieder eint, dort oben, wo sie sich alle wiederfinden, znm ewigen Wiedersehen, das kein Tod und keine Trennung stört! — „Immer dort — doch nimmer hier sagt die alte Uhr. — Fröhliche Weihnachten allen Einsamen! Womit Du sündigst, damit wirst Du gestraft. AuS dem Englischen der Mrs. Mary Cecil Hay, übersetzt von Alice Salzbrunn (Schluß.) Er sagte ihnen, daß alle seine Diener entlassen werden sollten, ausgenommen sie selbst; daß Jeder von ihnen, der eine Einwendung dagegen mache oder ihm in seinen Befehlen nicht unbedingt gehorchen wolle sogleich sein Haus verlassen könne, bevor er weiter zu ihnen spreche; aber wenn sie bleiben wollten, müßten sie ihm schwören, seinen Anordnungen strengen Gehorsam zu leisten. Er sagte ihnen, daß nie wieder Gäste im Hanse sein und ihre Dienste erfordern würden; und daß außer ihren eigenen Schlafstuben und der Küche nur diese drei Zimmer des Hauses bewohnt werden würden. Er sagte ihnen, daß er von diesem Tage an keinen Menschen besuchen oder bei sich sehen walle; und indem er ihnen eine geladene Doppelpistolc zeigte, sagte er, die erste Kugel sei für denjenigen, welcher bei ihm einzudringen oder in sein Gesicht zu sehen wage, und die zweite sei dann für ihn selbst. Er sprach seinen Vorsatz aus, in diesen drei Zimmern einsän: zu leben, Thüren, durch welche kein Spüherauge dringen und Schlösser, welche keine Hand außer der seinigeu ausschließen könne, machen zu lassen. Seine übrigen Befehle wolle er schriftlich nach der Entlassung seiner Dienerschaft geben. So begann er sogleich dieses Leben der furchtbaren, leidensvollen Einsamkeit; und obgleich von dem Tage an Niemand zu dem jungen Sqnire drang, und er sein Geheimniß Niemanden erzählt hatte, war es bekannt, — man flüsterte von -Entsetzen durchscheuert davon — daß eine schleichende Krankheit an seinen: Leben nagte und zuerst die Schönheit seines Gesichts zerstörte, auf welche er so empfindsam stolz gewesen. Jahr auf Jahr verging sein Leben in furchtbarer Einöde. In diesen Zimmern sammelte er Alles, was er konnte, um solch ein Leben erträglich zu machen; er ließ sich die aus- crwählt schönsten Gemälde der Londoner Bildergallerie kommen, um sie an seine Wände zu hängen. Wenn er diese Glocke zog, fand der alte Bediente seine geschriebenen Befehle unter dieser verschlossenen Thüre durchgeschoben; wenn er die Glocke in: Schlafzimmer gezogen hatte, schloß er sich in dieses Wohnzimmer ein, und der Bediente konnte das Schlafzimmer aufräumen, die Teller und Tassen wegräumen (der Sqnire hatte während seiner Mahlzeiten nie eine Aufwartung) und das Kaminfener anzünden. Wurde die Glocke in: Vorzimmer gezogen, so beeilte sich der Bediente, welcher dieses Wohnzimmer in Ordnung zu bringen hatte, mit seiner Arbeit, weil er wußte, daß sein Herr unterdessen in: kleinen Vorzimmer eingeschlossen saß. Denn er ging nie aus jener Thüre in den Park hinunter, (obgleich er die Steintreppe zu diesen: Zweck machen ließ) bis sein ganzer Haushalt und das ganze Dorf schon stundenlang in: Bette lag. Nur in: tiefen Dunkel der Nacht wagte er sich hinaus und Niemand hat ihn je auf diesen Gängen gesehen. In dieser schrecklichen Einsamkeit, in welcher er keines Menschen Angesicht sah, keines Menschen Stimme hörte, sich seinen Dienern nie zeigte und kein Wort zu ihnen sprach, verlebte der Sqnire fast zwanzig Jahre. Stellen Sie sich solche Einsamkeit und solches Leiden während einer Woche vor — während eines Jahres, und dann während zwanzig Jahren! Aber um die Schwere der Heimsuchung für ihn zu verstehen, müssen Sie sein bis dahin geführtes Leben bedenken, die an den höchsten Grad der Feinheit gewöhnte, hochmüthigc Natur des Mannes und seine intensive Empfindlichkeit gegen jeden physischen Schmerz und gegen jede Beschwerde. Bedenkt man das und die Last des zu bewahrenden Geheimnisses, während die Welt der Neugierigen, welche ihren Gefeierten vermißte, nach der Ursache seines lebendigen Todes fragte, so kann man sich die gräßlichen, fast unerträglichen Leiden dieser zwanzig Jahre vorstellen. Endlich kau: eine Zeit, in welcher die Mahlzeiten kaun: berührt waren; und dann wurden keine geschriebenen Befehle mehr unter die verhangene Thüre gelegt, bis der alte Diener der nur diese Geschichte erzählte, einen Zettel fand, daß er den Pfarrer rufen sollte. 831 Der Pfarrer war damals ein alter Mann, so alt wie ich jetzt bin; er kam nnd kniete betend in diesem Zimmer neben dem geschlossenen Sammctoorhang. Er wußte, daß die Thüre zum Schlafzimmer des Sgnire offen stand, aber er war gebeten worden, hinter diesem Vorhang zu bleiben, und er wollte ohne Aufforderung keinen Schritt näher treten. Voll heiligem Ernst betete er mit lauter Stimme und brachte dem reuigen Sünder die Botschaft oom Erbarmen des allmächtigen Gottes und vom ewigen Leben. Am nächsten Tage kam der Pfarrer wieder, aber diesmal waren die Thüren vcr- schlossen, weil er nicht gerufen worden war, und kein Zeichen kam von innen, daß seine Bitte um Einlaß gehört wurde. An demselben Abend ließen die angstvollen Diener ihn wieder holen, Sie konnten keinen Laut im Zimmer ihres Herrn hören und hatten nun seit zwei Tagen keine Speise hineinbringen dürfen. „Ihr sollt den Arzt holen lassen," sagte der Pfarrer, „er und ich werden uns Eingang verschaffen nnd ihm Hülfe bringen, wenn wir können. Ihr Alle sollt Euer heiliges Versprechen halten." Das Schloß der ersten Thür» wurde mit großer Schwierigkeit erbrochen; der Arzt und der Geistliche traten leise ein. Die Thüre, welche in das Schlafzimmer führt, war hinter dem Vorhang angelehnt, und als sie hineingingen, sahen sie mit einem Blick die Lösung dieses grauenhaften Geheimnisses. Der Sgnire lag angekleidet auf dem Bett; die steifen Finger seiner abgezehrten rechten Hand hielten das geöffnete Gebetbuch, seine Linke war nach dem Bettvorhang ausgestreckt, als habe er denselben zuziehen wollen, wie sein Ende gekommen war. Auf einem Tischchen neben seinem Bett lag die geladene Pistole; er war vor dem Selbstmord bewahrt geblieben, obgleich die Versuchung in seiner Lage manchmal groß gewesen sein mochte. In Einsamkeit, Schmerz und Leid hatte er seine Befreiung erwartet. Der Arzt bedeckte das einst in seiner Schönheit so stolze Gesicht, damit der grauenvolle Anblick keine anderen Augen verletze, und das geschah auch nicht. Die zuverlässigen alten Diener befolgten sogar jetzt die Befehle ihres Herrn. Seit beinah zwanzig Jahren hatten sie bei ihm gewohnt und nie seine Züge gesehen; und als sie an diesem Tage Zutritt zu seinem Zimmer hatten, hielten sie treulich ihr Versprechen und ließen die weiche, weiße Hülle auf dem Gesicht, welches sie in seiner Zerstörung nicht wieder erkannt haben würden. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher;" Das ist die Geschichte. Ich wünschte sie Ihnen nicht in diesen Räumen zu erzählen. Kein Wunder, daß Sie bleich und erschüttert sind. Kommen Sie, wir wollen weggehen." G o l d k ö r » e r. Demuth lehrt Bescheidenheit, Gleich dem Veilchen, das verborgen Blüht nnd süße Düfte haucht. Demuth wahrt des Herzens Frieden, Macht erträglich jedes Loos, Läßt uns immerdar erkennen, Daß noch Schlimm'rcs wir verdient. Selbsterkenntnis; führt zur Demuth, Ist zu ihr der sich'rc Pfad; Mit vcrbund'nen Augen wandelt Hoffahrt, bis sie strauchelnd fällt. F. Beck. 892 Die vier Cnltnrnationen. In seiner interessanten Schrift „Chrouos oder Lebensbeschreibung der Mutter Erde" London, Trübner) Seite 275 u. ff., gibt der geistvolle Amerikaner Wallace Wood, eine vergleichende Schilderung des Charakters der vier großen, an der Spitze der Zivilisation niarschirenden Knltnrnationen, welche zwar, wie alle solche Schilderungen, nicht von Einscitigkeitcn frei ist, aber dennoch verdienen dürfte, allgemeiner bekannt zu werden. Man werfe, so sagt derselbe, einen Blick auf eine Karte der Erde, und man wird in dem kleinen Winkel im Norden Enropa's den geistigen Mittelpunkt der Welt erblicken. Paris, London und Berlin bilden die dreifache Sonne, von welcher das Licht der Wissenschaft und Kunst ausstrahlt. Die über den Erdboden zerstreute menschliche Race kann als eine Art lebendigen Nicsenleibs betrachtet werden, dessen Gehirn oder Seele gewissermaßen durch jenen dreifachen Mittelpunkt gebildet wird. Bedenke dieses, junger Amerikaner, wenn Du Deine .Hochzeitsreise antrittst. Die Mammuthhühle ist ohne Zweifel das größte Naturwunder der Welt, und das S)o- Samitho-Thal das zweitgrößte. Aber befriedigte Nengier ist kein intelektneller oder moralischer Gewinn; diesen mußt Du an seiner Quelle aufsuchen. — — England, Frankreich und Deutschland stellen in jenem Riesenlcib gewissermaßen die drei Eigenschaften von Muskel, Herz und Gehirn, oder von Wollen, Fühlen und Denken vor. Die englische Nace ist durch eine lange Reihe von Umständen zu einer vorzugsweise» Ausbildung der Kraft oder That geführt worden. Ihre Industrie, ihr Handel, ihr Colonialwesen, ihr Maschinenbau bezeugen dieses ebenso, wie ihre leidenschaftliche Liebe zu Jagd und zu körperlichen Uebungen oder ihre Achtung vor dem Starken und ihre Verachtung des Schwachen — die Nahrung des Engländers besteht hauptsächlich in Rostbecf und Käse. — Die Natur des Franzosen ist die Folge einer während Jahrhunderte ungczähmtcn Gcfühls-Erregnng, eine Verehrung des Schönen, des Zarten, des Wahren, allerdings gewürzt durch eine kleine Zuthat niedrigerer Leidenschaften. Es ist eine Nace von Künstlern und Liebhabern, welche von Kaffee, Wein und gewürzten Brühen lebt. — Der Deutsche neigt weder znr Empfindsamkeit (?), noch zur That, um so mehr dagegen znr Nachdenklichkeit. Er hat ein starkes mit Gedanken angefülltes Vordcrhaupt. Er macht Diktionäre, erfindet philosophische Systeme und schreibt dicke Bände voll trockener oder staubiger Wissenschaft. Den Engländer nennt er einen Materialisten, den Franzosen ein verwöhntes Kind. Ihm ist es einerlei, was er ißt. (?) Mit einem Wort: der Deutsche weiß Alles, der Franzose fühlt Alles, der Engländer thut Alles. Gehst Du nach London, so zeige vor allen Dingen im Umgang mit Engländern Männlichkeit und Uncrschrockenheit. — — Jenseits des Kanals betrage Dich, als ob Du immer in Damengesellschaft wärest. Sei artig, höflich, freundlich, füttere die kleinen Vögel in den Parks, lobe die Kinder und spreche mit Achtung von Malerei und Theater. In Deutschland kannst Du Dich betragen, wie Du willst. Es ist das einzige Land der Welt, wo geistige Freiheit herrscht und wo persönliche Eigenthümlichkeit nicht lächerlich oder das Leben gar unmöglich macht. Mail wird nicht als ein Narr oder Pedant angesehen, wenn man sieben lebende Sprachen spricht; und wenn Du in einem Eisenbahnwagen ein griechisches Gedicht oder ein wissenschaftliches Buch in der Hand hast, so brauchst Du Dich nicht zu schämen und läufst mcht Gefahr, ein mitleidiges Lächeln oder ein gegenseitiges Augenzwinkern Deiner Mitreisenden hervorzurufen. Ueber seine eigene Nation oder die Amerikaner spricht sich der Verfasser nicht direkt aus, sondern läßt für sich einen verstorbenen Konservativen aus der alten Schule reden, welcher allerdings zumeist die Schattenseiten des amerikanischen Charakters hervorhebt. Bei aller Anerkennung der Großthaten der amerikanischen Nation als solcher, nennt er den Amerikaner selbst anspruchsvoll, gewissenlos und oberflächlich. Er kennt weder ruhigen Lebensgenuß, noch Liebe, noch Beschaulichkeit, sondern nur ein rastloses Jagen 833 nach seinem Ziele. Der amerikanische Schuljunge ist wie ein Hund an der Koppel. Er hat keinen Begriff davon, daß Lebe», Gesundheit und Verstand ihm für noch etwas Anderes gegeben sein könnten, als um Geld und Ansehen zu erwerben. Er ist der älteste Jüngling, der die Welt kennt und wird nicht selten ein alter Mann, mit bartlosem Gesicht, ehe er noch aus der Jugendzeit heraus ist. Kaum aus der Schule entlassen, beginnt für ihn bereits der wüthende Kampf um das Dasein. Mit den nationalen Stichwörtern: „Drauf los!" und „Scharf ausgesehen!" in seinem Munde strengt er jede Faser seines Leibes und Geistes an, um sein Leben zu machen, bis ihm die beleidigte Natur endlich ein Halt! zuruft. Er gleicht einem Wanderer, welcher, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, den kürzesten Weg wählt, wenn er auch durch gefährliche Abgründe und über steile Berge führt, während ein bequemer Umweg langsam, aber sicher ihn zu demselben Ziele geführt haben würde. Der Eine erreicht das Ziel, wenn auch nicht ohne Schaden für sich selbst, der Andere geht auf dem Wege zu Grunde. Aber das Leben Beider ist arm an Freude und Schönheit. M i s e e l l e n. * (Ein Nosenblatt als Dolmetscher.) Ein hübsche Geschichte, bei der ein Nosenblatt den Ansschlag gab, erzählt man sich von einem berühmten, deutschen Gelehrten. Derselbe wünschte Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu werden, deren Statuten vor Allem als Haupt-Paragraph den Mitgliedern Folgendes geboten: „Viel denken, wenig schreiben, möglichst wenig reden!" Unglücklicherweise aber war die vorgeschriebene Zahl von Mitgliedern bereits erreicht, folglich znr Zeit keine Aussicht auf Beitritt vorhanden. Wie aber dem geachteten Gelehrten dies auf zarte Weise kundgeben? Um den Unannehmlichkeiten einer Auseinandersetzung zu entgehen, außerdem aber auch getreu dem Hauptparagraphen des Vereins: möglichst wenig zu sprechen, ließ der Vorstand während einer Versammlung, welcher der Gelehrte als Gast beiwohnte, vor Letzteren ein Gefäß mit Wasser stellen, so voll, daß ein einziger Tropfen mehr schon genügen konnte, um es überfließen zu machen. Der gelehrte Doctor begriff diesen stummen Wink durch die Blume, und ergab sich bereits in sein Schicksal, auf die Erfüllung seines Lieblingswunsches Verzicht leisten zu müssen, als er plötzlich auf dem Boden zu seinen Füßen ein abgesallencs Nosenblatt gewahrte. Diesen Zufall benutzend, um die Blumcnsprache des Präsidenten in ähnlicher Weise fortzusetzen, nahm er das federleichte Blättchen, und that es mit großer Vorsicht auf das vor ihm stehende Wasser. Er wollte damit ausdrücken, daß trotz der Vollzähligkeit des Vereins vielleicht doch noch für ihn ein Plätzchen sich finden lassen werde, ohne Schaden für denselben, ähnlich wie das Nosenblatt doch auch noch auf dem vollgefüllten Wassergefäß Raum gefunden, ohne daß dies Letztere überfloß. Die Folge dieser Zeichensprache war, daß sämmtliche Mitglieder aus Bewunderung über diesen guten Einfall, einstimmig in den gelehrten Verein ihn nun doch noch aufnahmen, und das Alles wegen eines kleinen Roscnblättchcns, das zufällig am Boden lag! Wie man oft Inserate stylisirt, zeigt anf's Neue folgende Sammlung in der „Germania": „Ein Mädchen von 5 Wochen wünscht eine Mutter an Kindesstatt abzugeben." (Jntelligcnzblatt.) — „Drei doppelte Buchhalter für erste Häuser sucht der Vorstand des Handlungscommis-Vcreins." (Nat.-Ztg.) — „Ich suche solide tüchtige Handschuhmacher und zahle pro Dutzend 1—2 Mark. F. Friede!, Handschuh-Fabrikant." (Schles. Zig.) — „Der Unterzeichnete bringt zur Anzeige, daß unter Heutigem Vormittags 10 Uhr der Hund des Lohnkntschcrs Andres, welcher Rattenfänger nicht nur einmal, sondern mehrere Tage ohne Marke und Manlkorb herumläuft, ohne sich darum zu kümmern und höhnisch dazu lacht, wenn derselbe gewarnt wird. Joseph Hörner, Polizeisoldat." (Bayer. Vztg.) — „Am 7. März, zu meinem Geburtstage, 7^ Uhr entriß nur der Tod zum zweiten Male meine innige, theure und gewiß von Jedermann 834 geliebte Gattin. F. W." (Leipz. Tagbl.) — „Steckbrieflich verfolgt wird Joh. Miller, der seinen Vater erschlug, um ihu zu berauben uud danu heirathcn zu können." (Frank. Kur.) — „Die Dame, welche vorigen Montag den Manschcttcnknopf suchte, ist gefunden worden und ist abzuholen. Grimmastcig 9." (Leipz. T.) — Durch die „Kobl. Ztg." wird für einen „älteren jungen Mann Nachhilfe in der Religion gesucht". — „Ein dreijähriger Esel, wegen seiner Frömmigkeit auch für den Umgang mit Kindern passend, ist zu verkaufen." (Amtsblatt für Rügen.) — „Zu verkaufen sind zwei gut melkende Ziegen, Kaprellgasse Nr. 9 und nur Nachmittags von 3 Uhr an zusprechen." (Leipz. T.) * (Napoleon als Ehcstifter.) Napoleon I. Kaiser der Franzosen, hatte die Liebhaberei, für sein Leben gern Heirathcn zu stiften, das heißt, er, der Nichts ohne Gewalt zu thun pflegte, verband damit die Absicht, seinem durch die vielen Kriege, die er führte, entvölkerten Lande auf diese Weise wieder aufzuhelfen. So ließ er arme Mädchen ausstatten, damit sie einen Gatten fanden, und wenn einer seiner Soldaten heirathcn wollte, unterstützte er ihn durch die Verleihung irgend einer Stellung oder einer Beförderung. Leider aber nahm diese Liebhaberei zugleich den Charakter eines sehr unliebsamen Zwanges an, indem.der Kaiser oft auch Diejenigen nicht unbehelligt ließ, die seine Vermittlung gar nicht wünschten. Auf diese Weise verhcirathete er seinen früheren Adjutanten, späteren Grafen und Generalpostdirektor, Lavalette mit Mademoiselle Beau- harnais, einer Nichte der Kaiserin Zoscphinc, indem er ihn zu einer Spazierfahrt aufforderte, und bei dieser Gelegenheit ihn in das Kloster führte, wo das junge Mädchen erzogen wurde, um den beiden höchst Erstaunten die Neuigkeit mitzutheilen, daß sie sich als Verlobte zu betrachten hätten, die in 8 Tagen getraut werden würden. Auch General Vertier, ein Adjutant des Kaisers, ward auf ähnliche Manier vcrhcirathet, trotzdem er eine Andere liebte. Der Glücksstern Napoleons bewährte sich übrigens auch hierbei, denn in den meisten Fällen gestalteten sich diese erzwungenen Ehen glücklich. (Mißgunst.) Mr. Watson, ein in ganz London bekannter reicher Geizhals, lag im Sterben. Als er das Herannahen des Todes fühlte, bat er einen Freund, der ihn pflegte, ein Schubfach zu öffnen uud ein altes Hemd heraus zu nehmen, damit er es anziehen könne. Auf die Frage, weshalb er jetzt noch die Wäsche wechseln wolle antwortete er: Man hat mir gesagt, daß das Hemd in welchem ich sterbe, der Leichen- wascherin zufällt und dafür ist jenes alte gut genug. (Aus dem Kolleg.) Ein Prinz Casimir Kotschuboni besucht in Leipzig der Neugierde halber anatomische Vorlesungen. Der zerstreute Professor legt ihm eine Frage Betreff eines Nervs vor. Prinz sehr verlegen — endlich bewußt: „Herr Professor, ich bin der Erbprinz Casimir Kotschuboi." — „Ja, dann können Sie es freilich nicht wissen l" Räthsel. In der Hcimath erkennst Dn's, unscheinbar, klein; J>N Vaterland wird es mächtiger sein. In Flammenschrift sah es Dein Auge schon; Dir steckt's in den Adern, Deutschlands Sohn, Und hörst Du den Klang von der Wacht am Rhein, Da zieht es mit Andacht ins Herz hinein. In der Stadt — da findest's in jedem Haus; Auf dem Lande — grüßt's Dich im Blumenstrauß. Es kommt zu Dir in der FrühlingSpracht, Du hörst es in klarer Stcrnennacht. Und selbst Leim Kaiser, der Heldengestalt, Siehst Du es herrschen in Allgewalt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler- Nr. 104. 1883. „Äugsliirrger pojhettimg." Samstag, 29. December Dir Wasserkur. „Ist das Essen bereit, Johann?" „Ja, gnädiger Herr!" „So laß anrichten!" Kanin war der Diener zur Thüre hinaus, da trat der Arzt des Sprechers, Or. Faust, in's Zimmer, und Bankier Goldschmidt rief ihm freundlich entgegen: „Gut, daß Sie kommen, ich hätte sonst allein speisen müssen; jetzt hoffe ich, sind Sie mein Gast." „Bedauere sehr, bin für heute Mittag leider schon versagt!" „Das ist schade — für mich und für Sie! Ich habe etwas Auserlesenes; eine Schnepfe, einen Seekrcbs und fünfzig Stück Austern!" „Ei der Tausend! Leckerbissen, wie bei einem Krösus!" „Nicht wahr, ein seltenes Kleeblatt zusammen! Schade, daß Sie gerade heute versagt sind!" „Ei nun, man könnte — —" „Sobald als möglich eine Wiederholung veranstalten! Nun,sdas soll, lieber Freund, später geschehen, und ich werde Sie dann früh genug benachrichtigen." „Ich könnte wohl auch gleich —" „Hier bleiben? Aber Sie sind ja versagt!" „Bei der Madame Mühler; dieser wäre es vielleicht lieb, wenn ich absagte." „Wenn Sie das thun wollren, so wäre es mir schon angenehm." „O, Ich verliere hoffentlich nichts dabei!" „Bei mir dürften Sie aber wahrscheinlich kaum satt werden, weil nur auf eine Person gerechnet ist." „Satt würde ich auch bei Frau Mühler nicht, so viel weiß ich schon — nur der Nachtisch ist dort reichlich. Abgemacht, ich bleibe hier." „Wie Sie wollen; Sie wissen, mit meinen Freunden theile ich gern." „O, es handelt sich bei mir nicht um das Essen, weit mehr fesselt mich Ihre interessante und geistvolle Unterhaltung — aber können wir nicht gleich beginnen? — Patienten erwarten mich noch." „Gedulden Sie sich nur einen Augenblick. Sie sehen, es wird schon angerichtet." Ueber den geringen Umfang der Schüsseln, die Johann auftrug, erschrack jedoch der Doctor nicht wenig. Er sann nun nach, ob das Mißverhältniß zwischen seinem riesenhaften Appetite und den zwerghafteu Portionen nicht auf irgend eine Weise auszugleichen sei. . . . Ja, so mußte es gehen. Er wandte sich mit besorgter Theilnahme zum Bankier. „Ihnen fehlt doch nichts, lieber Freund? Sie sehen schlecht aus." „Durchaus nicht. Ich habe mich noch nie so wohl befunden." „Der Schein trügt oft! Spüren Sie denn keine Müdigkeit?" „Freilich wohl, aber ich bin auch heute schon -wei Stunden 'eritten!" 836 „Das würde einen gesunden, kräftigen Mann in Ihren Jahren nicht so anstrengen." „Meinen Sie?" „Erlauben Sie doch, Ihren Puls — — hm, hm, — — sehr aufgeregt; Ihre Zunge — — sehr belegt! Ihr Magen scheint nicht in Ordnung zu sein — " „Ich habe Hunger, wie ein Wolf!" „Falscher Appetit! Sie würden nicht zwei Bissen hinunterbringen." „Das wollen wir doch probiren I" „Bei Leibe nicht! nicht einen einzigen Bissen nehmen Sie! Es scheint eine bedeutende .Krankheit im Anzüge vor deren Ausbruch nur die strengste Maßhaltung in Speise und Trank Sie schützen kann." „Glauben Sie wirklich, Doctor?" „Es ist, wie ich sage, der Krankheitsstoff hat sich angesammelt. Wir müssen ihn fortzuschaffen suchen, bevor er sich auf einzelne Theile wirft." „Wodurch aber?" „Auf hydropathischem Wege, den uns schon der alte Pindar angedeutet hat, indem er sagte, das Wasser sei das Beste. . . . Johann, schnell an den Brunnen, die Karaffe dort voll Wasser." „Was soll aber aus der Schnepfe, dem Seekrebs und den Austern werden?" „Gesellschaft angenehme Gesellschaft ist freilich beim Essen die beste Würze, was aucb die alten Griechen und Römer schon anerkannten. Aber Ihre Gesundheit, liebster Freund, Ihre Gesundheit geht mir über Alles. Thut mir sehr leid, daß ich nun allein speisen muß!" Herr Goldschmidt ließ nun geduldig über sich ergehen, was der Doctor anordnete. Auf dem Sopha ward ein Bett gemacht, der „Kranke" mußte sich niederlegen, Johann bekam den Auftrag, seinem Herrn alle zehn Minuten ein großes Glas Wasser einzuschenken und darauf zu achten, daß er es bis zum letzten Tropfen ausklinke. Nachdem dann der Doctor Faust der Madame Mähler hatte sagen lassen, daß er bet einem Patienten aufgehalten werde und sie ihn erst zum Nachtessen erwarten dürfe, setzte der Schalk sich behaglich zum Essen nieder. Die Speisen waren vortrefflich und unser Doctor durfte sich rühmen, ein Kenner zu sein. Er pries den Wohlgeschmack und die Zartheit der Austern. Mit stillem Neide sah der Kranke zu, wie mit lüsternem Munde fein Gast nun , auch den köstlichen Seekrebs verzehrte und als jetzt die Schnepfe an die Reihe kam, stieß der Patient die herzbrechendsten Seufzer aus. „Wie ist es? Was macht der Magen?" fragte Doctor Faust theiluehmend. „Ach, ich bin so hungrig!" seufzte der Kranke. „Einbildung! Wenn Sie essen wollten, würden Sie sogleich der schlimmsten Folgen iuue werden, die Ihr Leben in Gefahr brächten." „Versuchen wir es mit einigen Austern." „Unter keiner Bedingung; den kleinsten Bissen darf ich Ihnen als Arzt nicht gestatten. Wenn Sie gegen meinen Rath handeln, dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt! - " Während dieser Rede bewegten sich die Kinnladen des Doctors mit wachsender Geschwindigkeit: ein Stück Schnepfe nach dem anderen verschwand. Als sie ganz vertilgt war, wischte er sich in aller Ruhe den Mund ab, nahm seinen Hut, empfahl dein Kranken noch einmal, die Wassercur fleißig fortzusetzen und ging, nachdem er sich höflich verabschiedet hatte. „Hat der Doctor gar nichts übrig gelassen? Sieh' einmal nach, Johann!" „Doch, die Schnepfenknocheu und die Schalen des Krebses; die kann man aber nicht essen!" erwiderte dieser trocken. Der Kranke suchte seinen Verdruß durch ein weiteres Glas Wasser hinuuterzu- spülen. Nachdem er noch einige Zeit auf seinem unbequemen Lager in trüben Gedanken LR»; — 837 — zugebracht, ließ sich Assessor Vogelfang zum Besuche anmelden. Dieser wunderte sich, Herrn Goldschmidt krank zu finden. „Du warst ja gestern noch ganz wohl. Wie kommt denn das?" „Es ist erst heute, vor ungefähr einer Stunde, gar plötzlich gekommen." „So gar schlimm wird es doch nicht sein, da Du, wie ich mit großem Vergnügen sehe, eben noch zu Mittag gespeist hast." „Gott bewahre! Nichts als Wasser habe ich geschluckt; wenn ein Beduine in der Wüste Sahara so viel von diesem nassen Stoffe zu sich genommen hätte, als ich, so brauchte er in Bagdad erst wieder zu trinken, wenn ihn sein Weg dorthin führte." „Aber wer hat denn hier gespeist?" „Doctor Faust, welcher, während er mir die Wassercur anordnete, an dem für mich hergerichteten Mahle — fünfzig Austern, einem Seekrcbs und einer Schnepfe, sich gütlich that. —" Bei diesen Worten brach der Assessor in ei« schallendes Gelächter aus, das gar kein Ende zu nehmen schien. Der Bankier sah ihn ganz verblüfft an und fragte nach dem Grunde. „Also Du warst es, der sich voll dem Doktor so anführen ließ? Nun, das ist ein köstlicher Witz. Aber für so dumm, mit Erlaubniß zu reden, hätte ich Dich doch nicht gehalten." „Nicht? Zum Tausend, was habe ich denn gethan?" „Dich nur anführen lassen! Ich war diesen Mittag bei Frau Mähler und da hörte ich kurz vor meinem Weggänge die ganze Geschichte aus dem Munde des Doctor^ selb st." „Meine Kraukheitsgeschichte?" „Deinen Namen nannte er nicht; er sagte nur, es habe ihn Jemand auf Austern, eine Schnepfe und einer Seekrebs zu Gaste geladen, und weil er nun diese drei Sachen gern allein habe verspeisen wollen, so habe er seinem Wirth eingeredet, daß er krank sei, und dieser habe sich wirklich mit einer Menge Brunnenwasser abspeisen lassen. Ist das nicht allerliebst?" „Niederträchtig ist es", rief der Bankier und sprang dann von seinem Krankenlager auf. „Der Doctor Faust ist ein —" „Fuchs!" siel der Assessor rasch ein, „denn er hat Dich auf eine komische, schlaue Weise gelehrt: „Wer sich zum Schaf macht, den fressen dte Wölfe." Goldkörner. Prüfe, ob die Absicht rein Auch bei solchen Thaten, Wo dn Lob nnd Menschengnnst Nimmer wirst entrathcn. Arge Täuschung kann zu leicht Beim Entschlüsse walten, Denn des Herzens Käminerlein Birgt gar viele Falten. Dünn versteckt sich deinem Blick Gern die Eigenliebe, Während du zu folgen meinst. Einen: edlen Triebe. Hast du sie entdeckt, so sei öess'rer That beflissen; Wenig nützt dir Menschenlob, Straft dich dein Gewissen! F. Beck. 838 Hiiiiniclsschinr im Monat Januar. — X. Merkur L nn Stier kommt am 4. in größte östliche Entfernung von - der Sonne, wird jedoch wegen seines tiefen, südlichen Standes schwer zu finden sein. Venus 9 im Wassermann nimmt immer mehr an Glanz zu und nähert sich der Sonne. Sie bleibt nach Sonncnnntcrgang noch ungefähr 2 Stunden in SW. sichtbar. Am 30 steht sie 5 Grad südlich oom Blond. Mars F rückgängig im Löwen geht gegen 7 Uhr Abends in NO. auf und zeigt sich bis Tagesanbruch bei Rcgnlns, am 1-1. gegen 9 Grad nördlich oom Mond. Jupiter ?! in der Wage tritt am 20. znr Sonne in Opposition, geht deßhalb bei ihrem Untergang auf, bei ihrem Anfgaug unter und ist 6 Grad nördlich oom Mond am 15. Saturn H rückgängig im Stier geht unter zwischen 5 Uhr und 8 Uhr Früh. Antangs des Monates kommt er in Erdnähe und erscheint seine Kugel am größten. Der Durchmesser der Kugel betrügt 18, die Durchmesser seiner Ringe 11 und 19 Bogenseknndcn. Der Komet, welcher am 2 Sept. in Amerika entdeckt wurde, erreicht gegen Mitte des Monates seine größte Helligkeit, da sie 180 mal so groß ist als zur Zeit seiner Auffindung. Alan findet den Kometen im Sternbildc der Fische und wird das Auffinden auch dem unbewafsncten Auge um so leichter gelingen, als dieses Sternbild bei Anbrnch der Nacht nicht weit oom Meridian in SSW. steht, also in bedeutender Höhe über dein Horizont sich befindet. In den letzten Tagen des Monates entschwindet er im Sternbilde des Wallfisches unserer Hemisphäre. M i s c e l l e n. (Seltsame Anerkennung.) Auf der jüngsten Berliner Kunstausstellung steht ein Bankier oor dem lebensgroßen Porträt seiner bildhäßlichcn Gattin, welches von einem unserer Meister mst genialem Realismus auf die Leinwand gezaubert worden. Ein Freund des Kunstmäcens bricht, neben diesem stehend, in die bewundernden Worte aus: „Aber wahrhaftig, Ihre Gattin, wie sie leibt und lebt — als ob sie aus dem Nahmen steigen wollte!" — „Um Gottes willen, lassen Sie sie drin — was soll ich mit zweien?!" ruft der Bankier erschreckend; dann aber fügt er mit Resignation hinzu: „Das heißt, Sie haben recht — das Bild ist von einer wahrhaft schmerzlichen Achnlichkeit!" (Schweizer Miliz.) Bei dem letzten Truppenzusammenznge fragte ein Haupt- mann einen Kanonier aus dem Kanton Appcnzell in der Theoricstnnde, aus welchen Bestandtheilen das Pulver zusammengesetzt sei. — Keine Antwort. — „Nun Meier, aus welchen Bestandtheilen besteht das Pulver, ich verlange eine bestimmte Antwort." — Tiefes Schweigen. — „Wenn Ihr nicht auf der Stelle antwortet, so bekommt Ihr Arrest." — „Herr Hauptmä, das mag sie jo nöt Verträge asä z'thohnd, wänn ich das scho nöl wäß; mir zwee machcd z'sämmä doch kä's." (Das lohnt sich nicht der Mühe, böse zu werden, wenn ich das schon nicht weiß, wir zwei zusammen fabrizircn doch keines.) (Ein eigenthümliches Kommando) war noch am Beginn unseres Jahrhunderts in der portugiesischen Armee üblich. Bevor der Befehl zur Attake gegeben wurde, erfolgte das Kommando: „Dem Feinde böse Miene gemacht." Die Soldaten runzelten auf dieses Gebot hin die Stirn. Sodann kommandirte der Offizier: „Sehr böse!" und suchte selbst seinem Gesicht einen möglichst zornigen Ausdruck zu geben. Die Soldaten ahmten das Beispiel ihres Vorgesetzten nach und schnitten gleichfalls schreckliche Grimassen. . _ Auflösung des Räthsels in Nr. 103: Der Buchstabe „A". Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischeu Instituts von Dr. Max Huttlcr.