Nr. 1. 5. Januar 1868. Der Siege göttlichster ist das Vergebe». Iea» Paul. LLM AM Rache «md Liebe. Nacb dem Französtsckm von B>na S ch. Während der langen Kämpfe zwischen England und Frankreich znr Zeit der Republik und unter dem Kaiserreich war eine Reise nach den Antillen, so häufig und gefahrlos in unsern Tagen, nicht ohne große Schwierigkeit. Aber wenn auch der Seehandel mit Gefahren verbunden war, so führte er doch um so schneller z« Glück und Reichthum. Die Kolonialwaaren standen so hoch im Preis, daß zwei, drei glückliche Fahrten genügten, den Seeleuten ein bescheidenes Auskommen für den Nest ihrer Tage zu sichern, oder — was sie meistens vorzogen — ihnen einige Monate lang ein lustiges Leben zu gestatten. Trotz der Wachsamkeit der Engländer fehlte es daher nicht an kühnen Männern, die ihr Glück versuchten. Im August 1807 schickte sich der Dreimaster Maria-Hilf an, die Nhcde von Basse-Terre, der Hauptstadt von der Insel Quadeloupe, zu verlassen. Das Sprachrohr in der Hand ertheilte der Capitän Borschel die vor der Abfahrt nöthigen Befehle, als ein kleiner Nachen auf sie zukam, der bei den vereinigten Anstrengungen von vier kräftigen Ruderern schnell über das Wasser dahinglitt, und in welchem zwei Frauen und ein Kind saßen. Als der Capitän sie gewahrte, drückte er durch einen energischen Fluch sein lebhaftes Mißfallen über" ihre Ankunft aus: »Hol' der Henker diesen Eigensinn! Sie wird es bitter bereuen, wenn cS zu spät ist; wäre ich doch schon zehn Meilen weit in See!" Indessen trotz seinem Aerger half er doch den neuen Passagieren an Bord. Zuerst stieg eine farbige Frau aus, deren ergrautes Haar mit einem bunten Tuch zusammen- gefaßt war. Sobald sie an Bord gekommen, streckte sie die Hände nach dem kleinen Knaben aus, den ihr einer der Schiffer emporrichte und den die kurze Luftfahrt sehr z» amüsircn schien. Nachdem die Dame, die zuletzt den Kahn verließ, die Schiffer reichlich belohnt hatte, reichte sie Herrn Borschel die Hand zum Aussteigen, und dieser nahm sich so viel als möglich zusammen, seine üble Laune zu verbergen. Ja Frankreich hätte man die junge Reisende für fünfundzwanzig Jahre halten können; wer aber weiß, wie schnell man in diesem südlichen Klima altert, der hätte gefunden, daß sie noch nicht so alt sein konnte. Ihre feinen regelmäßigen Züge und ihre unmuthige Gestalt verriethen, daß sie sehr schön gewesen sein mußte, aber Krankheit oder Kummer hatten ihr den Reiz der ersten Jugend genommen. Obwohk die Bewegungen der jungen Frau von der den Crevlinen eigenen Nachlässigkeit zeugten, bemerkte man doch bald, daß sie in besonderen Fällen großer Energie fähig wäre. Wenn sie ihr wunderbar schönes Auge, das meist halb geschloffen war, einmal aufschlug, verrieth dieser Blick heftige Leidenschaftlichkeit. Der Capitän hatte in diesem Augenblick nicht Zeit, sich viel mit den neuen Ankömmlingen zu beschäftigen, erst nach einer Stunde, nachdem alle Anordnungen getroffen waren, näherte er sich der jungen Frau, die auf dem Verdeck spazieren ging, während die Mulattin das Kind einschläferte. Sie ging sogleich mit einem liebenswürdigen Lächeln ihm entgegen, so daß der Capitän, statt der Vorwürfe, die er ihr nmche« wollte, nur sagte: „Sie haben es also durchaus gewollt, gnädige Frau!* „Ja, Herr Capitän, zweifelten Sie an meinem Entschluß?* „Oh,* brummte dieser zwischen den Zähnen, den alten Volksspruch verkehrend: „Frauenwille — Teufclswille." „Was sagen Sie?" — fragte die junge Crcolin. „Daß Sie sich an das erinnern sollen, was ich Ihnen gesagt habe; Sie kennen die Gefahren, ich will keine Schuld haben.* „Sie scheinen keine große Zuversicht auf die heilige Patronin ihres Schiffes zu haben," sagte die junge Dame lächelnd, „da hab' ich schon mehr Vertrauen. Uebrigcus," fügte sie mit einem Blick auf die Stückpforten bei, „scheint mir, daß es den Herren Engländern nicht so leicht werden soll, uns zu fangen, wenigstens würden wir unsere Freiheit theuer verkaufen." „Wie tapfer Sir sind!* spottete der Capitän. „Die Wahrheit zu sagen, liegt mir nichts daran, Ihnen Beweise davon zu gebe«, aber das verspreche ich Ihnen, daß Sie im Fall eines Unglücks nicht von Klagen und Jammergeschrei belästigt sein sollen. Glauben Sie mir, Herr Borschel, ich habe die Reise nicht leichtsinnig unternommen; ich habe lange überlegt, nicht meinetwegen, sondern meines Kindes wegen; nachdem ich gefunden, daß sein Interesse mehr noch als das meine dieselbe gebietet, war mein Entschluß gefaßt. Ich glaube, Ihnen diese Gründe mittheilen zu sollen, damit Sie mich nicht für unbesonnen halten." „Wenn diese Gründe Ihnen genügen, so muffen sie es mir wohl auch, obwohl ich bezweifle, daß Sie eine solche Reise rechtfertigen?" „Oh, die Männer," sagte die junge Dame mit Bitterkeit, „die kennen keine ander« als materielle Interessen." „Wir ziehen eben den gesunden Verstand zu Rathe." „Und wir das Herz, wollten Sie sagen.* „Eigentlich wollte ich etwas Anderes sagen." „Lassen wir daS," sagte die Dame etwas stolz, „Sie werden mir nie Recht geben, also sprechen wir nicht mehr davon." Mit diesen Worten machte sie eine leichte Verbeugung und ging zur Wärterin, die endlich das Kind in Schlaf gebracht hatte. „Fürchtest Du nicht, gute Mela," sagte die Fremde, die wir künftig Luch nenne« wollen, „daß die Abendluft Georg schaden möchte?" „Ich gehen schon, aber Herrin auch nicht bleiben auf dem Deck." „Nur noch einige Augenblicke, die Kühle ist so angenehm." Als Mela ging, beugte sich die junge Frau über das Kind und drückte einen Kuß auf seine Stirne. Nachdem sie allein war — deun die Paar Matrose« waren keme s lästigen Zeugen — wandte sie den Blick traurig der Heimath zu und ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Brust. Ein unbestimmtes Borgefühl sagte ihr, daß sie ihr schönes Vaterland nicht mehr sehen werde. Und welch' bittere Schmerzen harrten vielleicht ihrer in diesem Frankreich! Aber wenigstens wird sie ihr Schicksal erfahren; ist nicht Alles dieser entsetzlichen Ungewißheit vorzuziehen? Was waren die Gefahren, von denen ihr der Capitän Borschel sprach gegen das, waö sie vielleicht fürchten mußte? Vielleicht eine Gnade von Gott, um nicht viel Schrecklicheres zu erleben. Mit solchen Gedanken beschäftigt, umgeben von dem großartigen Naturschauspiel, faltete sie unwillkürlich die Hände und flüsterte leise: „Mein Gott, steh' mir bei mit Deiner Gnade in der schweren Prüfung, die ich vielleicht zu bestehen habe; gib mir Kraft gegen das Unglück zu kämpfen, und wenn es unabänderlich ist, gib mir Ergebung es zu tragen." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie inne hielt. Der Ausdruck ihrer Züge verrieth, daß die Ergebung keine Tugend sei, deren Ausübung ihr eben leicht würde. Dann ging sie, wie um ihren Gedanken zu entfliehen, mit langen Schritten auf und ab. Einige Augenblicke nachher kam Mela zurück, um ihre Herrin wiederholt zu mahnen, sich zur Ruhe zu begeben. Die alte Mulattin war Lucy's Amme gewesen, und ein wahrer Typus der Hingebung und Anhänglichkeit, die man manchmal bei den Schwarzen findet, es war zugleich die Treue einer Mutter und einer Sclavin, die vor keinem Opfer zurückgcbcbt wäre. Mit derselben Sorgfalt pflegte sie jetzt Georg, wie einst Lucy, deren volles Vertrauen sie besaß; sie kannte die Beweggründe ihrer Reise nach Frankreich und gerne hätte sie diese um den Preis ihres Lebens vereitelt. Aber vergebens hatte sie ihre Gebieterin fußfällig angefleht; sobald sie ihre Anstrengungen erfolglos sah, unterwarf sie sich mit jenem der Sclavcrci eigenen passiven Gehorsam und verlangte die einzige Gnade, von ihren Lieblingen nicht getrennt zu werden. N. Der Widerwille, womit Capitän Borschel Lucy gleichsam gezwungen an Bord aufl genommen hatte, verschwand schon in den ersten Tagen der Reise. Er hatte gefürchtet/ die an allen Conifort gewöhnte reiche Creolin werde sich schlecht in einen längeren Aufenthalt auf einem Handelsschiff finden, wo, wie bekannt, jede Bequemlichkeit der Nothwendigkeit zum Opfer gebracht wird, so viele Waaren als möglich unterzubringen. Es bedurfte auch eines förmlichen Befehls von Seite seines RhedcrS, um ihn zur Aufnahme der Dame zu bewegen; als er aber sah, mit welcher Geduld sie alle Unannehmlichkeiten des Scclebcns ertrug, erklärte er, sie sei würdig, die Frau eines Seemannes zu sein, «in Compliment, das in dem Munde des Capitänö ein non plus ultra von Galanterie war. Lucy brachte fast alle Abende auf dem Verdeck zu und suchte im Gespräch den Capitän öfter über Frankreich auszufragen. Dieser aber konnte nicht begreifen, wie man Interesse für eine andere als eine Hafenstadt haben könne, und nur wenn er von dem schönen, stolzen Bordeaux sprach, da konnte er nicht genug erzählen. Je mehr man sich dem Ziele der Reise näherte, desto unruhiger und erregter wurde Lucy, sie schien die Ankunft gar nicht erwarten zu können. Das Wetter war beständig schön gewesen und alles ließ auf eine glückliche Ankunft hoffen. „Noch acht Tage solchen Wind und wir sind am Ziel," sagte Herr Borschel ganz vergnügt; „dann will ich die ganze Kriegs- daucr über nicht mehr in See gehen, damit meine arme Frau sich nicht mehr so sehr um mich sorgen muß. Doch haben wir noch nicht völlig gewonnenes Spiel, je mehr wir uns der Küste nähern, desto gräßcr wird die Gefahr." Drei Tage später traf Lucy eines Morgens den Capitän mit dem Fernglas in der Hand eifrig nach einem Punkt am Horizont spähend. „Was betrachten Sie so aufmerksam," fragte sie, „gibt es etwa ein Gewitter?" 4 „Wollte Gott!" murmelte der Capitän, dann fügte er laut hinzu: „Nein, wir »erden ganz schönes Wetter bekommen.* Die Crcolin heftete ihre großen schwarzen Augen neugierig auf den Seemann und nahm dann das Fernglas, das er ihr lächelnd überließ. Nach vergeblichen Versuchen sich dessen zu bedienen, legte sie es ärgerlich bei Seite und sagte: „Sie verbergen mir, eine Gefahr; theilen Sie mir dieselbe lieber mit, denn meine Phantasie vergrößert sie nur noch.* „Darf ich denn nicht einmal mehr durch mein Fernglas schauen, ohne daß ich einen Vorwand erfinden müßte?* „Oh, ich laste mich nicht mit leeren Worten abspeisen, da Sie mich aber zum Warten verdammen, gut, so werde ich warten.* Sie setzte sich an ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Steuerruders und der Capitän ging nachdenklich auf und ab. Nach einiger Zeit griff er wieder nach dem Glase, sah scharf auf denselben Punkt hin und trat dann auf Lucy zu mit den Worten: „So hören Sie denn: Ich sehe da unten eine englische Fregatte, von der ich etwas weiter weg sein möchte.* Ein leichtes Zucken glitt über die Züge der Creolin, indessen verrieth ihre Stimme keine Furcht, als sie sagte: „Und glauben Sie, daß man uns auch gesehen hat?* „„Noch nicht, aber das wird nicht ausbleiben und bald werden wir erfahren, was sie vor hat.** „Und wenn sie uns angreift, was gedenken Sie zu thun?* „ „Ich habe keine Wahl, mein Gott — alle Segel aufspannen und mich auf die Fittige von „Maria-Hilf* verlassen. Mein Dreimaster ist ein vortrefflicher Segler und wir können noch entwischen; uns aber in einen Kampf einzulassen — daran ist nicht zu denken.*" Der Capitän rief jetzt alle seine Leute auf's Verdeck und Lucy, die nicht im Wege ein wollte, ging in die Cajütte hinab, der Mulattin ihre tödtliche Angst noch verbergend. Nach einer Stunde kam sie wieder herauf und wandte sich an einen der Matrosen, von dem sie eher die Wahrheit zu erfahren hoffte, als vom Capitän: „Glaubt Ihr, Freund, daß sie uns gesehen haben?" fragte sie. „„Ob sie uns gesehen haben, die Meerschweine! sie glauben uns schon zu packen.** „Und hofft Ihr nicht, daß wir noch entrinnen können?" Der Matrose schüttelte zweifelnd den Kopf. „ „Wie können wir so schnell wie sie fahren, die wir alle Flanken voll Kaffee und Zucker gestopft haben.** „So müssen wir uns also darauf gefaßt machen, gekapert zu werden?" „„Gekapert!"* rief der Matrose, „„ich hoffe wohl, der Capitän wird sich zuerst ein Bischen wehren. Ich für meinen Theil möchte lieber auf dem Meeresgrund liegen, als auf ihren alten Gerippen zu Grunde gehen.*" Bald konnte auch ein ungeübtes Auge gewahr werden, daß die Fregatte immer näher kam. Obwohl man sich noch nicht auf Kanonenschußweite nahe war, merkte Borschcl doch schon die Absicht des Feindes: er wollte die schöne Beute unbeschädigt haben und gedachte sie zu entern. Da griff er zu einem verzweifelten Mittel: er ließ den größten Theil der Ladung in's Meer werfen, theils um schneller zu segeln, theils um im schlimmsten Fall dem Feind die Beute zu schmälern. Mit etwas bewegter Stimme gab er den Befehl, der jedem Matrosen seinen Antheil am Gewinn rauben sollte, aber nicht das leiseste Murren ließ sich vernehmen, mit der größten Schnelligkeit ging Iedec an's Werk; ihre Lage war auch wirklich verzweifelt genug. Jetzt erst segelte der Dreimaster „Maria Hilf* wirklich dahin, als habe er Flügel, wie der Capitän sagte. Bald gewann er einen bedeutenden Vorsprung vor der englische» Fregatte, aber diese hatte bis jetzt ihre ganze Schnelligkeit noch nicht entfaltet. Nach »irrigen Augenblicken ängstlicher Beobachtung wurde es dem Capitän klar, daß sie wieder näher komme. Noch ein Opfer blieb zu bringen übrig, mit schwerem Herzen ging er daran, die Kanonen mußten den Weg der Kaufmanns - Waaren nehmen. „Die Kanonen in's Meer!" rief er mit einer Stentorstimme; „es muß sein, Freunde!" setzte er hinzu, „sie hindern unsere Flucht und nützen unserer Vertheidigung doch nichts." Man gehorchte schweigend. Als Lucy vermuthete, der Capitän könne sich von der Wirkung dieses letzten Mittels überzeugt haben, fragte sie anscheinend ruhig: „Was halten Sie von unserer Lage?" „„Gewiß ist sie nicht glänzend, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf."" „Die Gefahr ist also nicht ganz unvermeidlich? Verstehen Sie mich wohl, ich will die Wahrheit hören, keinen eitlen Trost." „„Auf Ehre, ich habe noch einige Hoffnung."" „Ich glaube Ihnen und danke Ihnen," sagte Lucy sich entfernend. m. Zwei Stunden hatte dieser Wettlauf schon gedauert und noch war die englische Fregatte dem Dreimaster nicht auf Schußweite nahe gekommen, so daß ihre Salven ihn noch immer nicht erreichten. Jede neue Ladung wurde daher nur mit Hohnlachen begrüßt. „Schlecht gezielt, ihr Herren!" — „Nicht so sehr, sie machen ja den Fischen den Krieg." — „Sie wollen sich nur ein wenig einüben." — „Verwünschte Goddcm! Wären unsere Kanonen nur nicht auf dem Meeresgrund — wir wollten euch antworten, wie sich's gehört." — So ging es fort, denn das Seemannslebcn ist ein Leben voller Gefahren und macht gegen dieselben stumpf. Der Tag verging, ohne daß Jemand das Verdeck verließ. Natürlich nahm auch Lucy den lebhaftesten Antheil an dieser entsetzlichen Jagd, aber sie blieb immer ruhig und gefaßt und Capitän Borschel konnte ihr seine Bewunderung nicht versagen. Endlich kam die längst ersehnte Nacht und hüllte Alles in tiefes Dunkel. Die Mannschaft auf Maria-Hilf athmete wieder auf. Alles begab sich zur Ruhe und Lucy schickte noch ein inniges Dankgcbet zum Himmel. Am andern Morgen war keine Spur von der englischen Fregatte mehr zu sehen, und der Capitän rief Lucy schon von Weitem zu: „Morgen laufen wir im Hafen von Bordeaux ein; leider werden wir mit dem Ausladen schnell fertig sein!" Wie immer geschieht nach der Gefahr, bereute jetzt der Capitän die Opfer, die er gebracht, doch tröstete er sich bald bei dem Gedanken, seine Frau und seine Kinder wieder zu sehen. In seiner Herzensfreude gewahrte er es kaum, als die junge Creolin sich von ihm verabschiedete, während er die Seinen in die Arme schloß. „Wie glücklich er ist!" sagte sie zu sich selbst, „seine Ankunft macht die Deinigen glücklich Mich erwartet Niemand; was werde ich in diesem Lande erfahren müssen!" Auf Mela's dringendes Bitten gönnte sich Lucy in Bordeaux einige Tage Ruhe. Nur ein Gedanke beschäftigte sie und von demselben hing ihre ganze Zukunft ab. In dieser Stimmung war es begreiflich, daß sie nicht aufgelegt war» sich durch den Augene schein zu überzeugen, ob Capitän Borschel seine Geburtsstadt allzu sehr gepriesen. Si- vcrließ ihr Hotel nicht, bis sie in den Wagen stieg, der sie mit möglichster Eile nach dem Ziel ihrer Reise führen sollte. Vier Tage nach ihrer Landung war sie in Digne; es war Nachmittag und die Hitze unerträglich. Der Postillon fragte Lucy, wo sie abzusteigen gedenke, im Weißen Hirsch oder im Goldenen Löwen. Ersterer meinte er, sei bei Weitem vorzuziehen wegen seiner vortrefflichen Küche, was gar nicht zu verwundern sei, da die Wirthin lange Zeit Köchin im Schloß Vericourt gewesen war. Er hätte noch beifügen können, daß, so oft er Fremde hinführe, die Wirthin ihm Gelegenheit gebe, ihre Kochkunst zu Prüfen; aber er unterließ cS, vielleicht weil er sein Urtheil nicht für maßgebend hielt. — Wie dem auch sei, die Fremde, die Anfangs ganz gleichgültig über die Wahl war, wollte plötzlich in den „Weißen Hirsch," zur großen Freude unseres Postillons. Frau Goulard, die dicke Wirthin, eilte den Reisenden entgegen, und führte sie in ihr bestes Zimmer; der Postillon rühmte die Freigebigkeit der Fremden und erzählte wir er Mühe gehabt, sie für den „Weißen Hirsch" zu bestimmen. „Schön, schön," sagte Frau Goulard, „geh' nur in die Küche und laste Dir's schmecken. Du weißt schon, ich bin nicht undankbar." Während Mela sich mit dem Ordnen des Gepäckes beschäftigte, und der kleine Georg vor Ermüdung eingeschlafen war, sing Lucy ein Gespräch niit der dienstfertigen Wirthin an; sie befragte sie über die Gegend und welche Gesellschaft sie wohl finden könnte, wenn sie gedächte, sich hier niederzulasten. Jetzt war Frau Goulard im Fahrwasser, sie kannte einige Familien aus der Nachbarschaft, die oft bei Döricourts auf Besuch waren, und sie überlegte schon, wie ein solcher Entschluß den Aufenthalt der Dame bei ihr verlängern müsse. Sie sagte daher: „Gewiß hätte sich die gnädige Frau an Niemand Geeigneteren wenden können; ich weiß mehrere Landhäuser, die für Sie ganz paffend wären." „Ich bin noch nicht fest entschlossen," erwiderte Lucy, „aber ich sehe vorzüglich darauf, eine meinem Geschmack entsprechende Gesellschaft zu finden." „Ganz natürlich, und es läßt sich leicht errathen, welcher Art diese sein müßte. Da ist einmal das Schloß Assas, vor der Revolution waren die Herren reich, aber jetzt sind sie sehr herabgekommen, dann die d'Apremont, sie haben auch viel verloren, machen aber immer noch ein Haus, die werden der gnädigen Frau gewiß zusagen!" Die Fremde hörte mit schlecht verhehlter Ungeduld zu und fragte mit einiger Aufregung: „Und wer ist sonst noch da?" „Weit über alle steht an Ade! und Reichthum die Familie Vtzricourt, meine ehemalige Herrschaft." „Ich glaubte, die Familie sei ausgestorbcn," sagte die Dame mit zitternder Stimme. „AuSgestorben? nein, Gott sei Dank, und hoffentlich wird sie es auch nicht so bald." „Ich hörte doch ..." „Ach ja, ich begreife jetzt, was den Irrthum veranlaßte, und wenn es die gnädige Frau nicht langweilt ..." „Fahren Sie fort," sagte Lucy kurz. „Die Frau Gräfin Vöriconrt hatte einen sehr reichen Onkel in . . . in . . . ich weiß den Namen nicht mehr, das thut nichts zur Sache, aber es war sehr weit und man mußte lauge auf dem Meer fahren. Da kam ein Brief, der Onkel sei todt und sie sei die Erbin seines Vermögens, es solle jemand Vertrauter kommen und die Erbschaft schlichten. Die Frau Gräfin ist aber sehr mißtrauisch und so schickte sie ihren einzigen Sohn Georg, und wenn sie auch beim Abschied weinte, so tröstete sie sich doch bald mit dem Gedanken, es sei für sein Glück. Es verging ein Jahr, zwei Jahre, Herr Georg schrieb immer, seine Geschäfte seien nicht beendigt; seine Mutter ward über sein Ausbleiben ärgerlich und schrieb, er solle trotzdem kommen, da hörte man lange gar nichts mehr. Die Frau Gräfin war von einem Humor — nicht zum Aushalten, so daß ich mich entschloß, den armen Goulard zu hciraihen. Sechs Monate später erfuhr man, daß sich der junge Herr auf dem Schiffe „Heinrich" einschiffen wolle. Wie kann man auch nur den Namen eines Christeumcnscheu so einem schwimmenden Haus geben!" „Und weiter?" sagte Lucy ungeduldig. „Da war nun große Freude eine Zeit lang, aber Herr Georg kam iwmrr nicht, nud die Mutter vermuthete schon, er sei ziicht abgereist, als eines Tages — ich war zufällig auf dem Schloß — die Krau Gräfin, die eben beim Frühstück war, einen Schrei ausstieß und ohnmächtig zu Boden siel, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend. Schnell holte man den Arzt, aber sie konnte nach acht Tagen das Bett noch nicht verlassen. — Bald erfuhren wir die Ursache; die Frau Gräfin hatte in dem Blatt die Nachricht gelesen, daß der „Heinrich," der vor drei Monaten von . . ., ich weiß den verwünschten Namen nicht, abgesegelt war, mit Mann und Maus zu Grunde gegangen sei. Das war ein Jammer, man fürchtete, die Gräfin möchte den Verstand verlieren, denn sie glaubte Schuld an seinem Tode zu sein. Da kam eines Morgens Herr Beaupro, unser , Pfarrer, mit wichtiger Miene und ließ sich melden, obwohl es erst sieben Uhr war. Er theilte der Gräfin behutsam die freudige Nachricht mit, daß der junge Herr nicht gestorben, sondern sich mit einem andern Matrosen gerettet habe, daß es ihnen sehr schlecht gegangen, haß er aber jetzt schon in Marseille sei und bald kommen werde. — Welche Freude, als sie des andern Tags ihren Sohn umarmte! Aber wie sah er aus! Bleich, abgemagert zum Erschrecken, aber wir waren doch Alle glücklich." (Fortsetzung folgt.) Ein Bild des Elendes. (Aus dem Acrlcktssale.) Aus Prag, 30. December, wird geschrieben. Es ist in der That erschreckend, z« welchen Verbrechen die bittere Noth den Menschen mitunter verleitet. Die Schlußverhandlung, welche heute beim hiesigen Landesgericht durchgeführt wurde, zeigte, daß die Noth auch das natürlichste aller Gefühle, das der Mutterliebe, zu ersticken vermag. Antonia Chwatlina ist die 33jährigc Gattin eines Schusters in Kaiserkuchcl, Bezirk Bömisch- Brod. Ihr Mann konnte wegen eines Augenübels sein Gewerbe nicht ausüben und vergriff sich an einigen Federbettstücken seines 'Nachbars. Um sich der gerichtlichen Verfolgung zu entziehen, verließ er die Gegend und versetzte damit seine Familie in eine trostlose Lage. DaS arme Weib, welches gerade damals (um Jacobi d. I.) die Wohnung räumen mußte, war nicht im Stande, im ganzen Dorfe ein neues Quartier zu finden. Die Unglückliche war genöthigt, auf dein Gemcindeplatze unter einer Pappel aus Brettern eine Bude aufzustellen und in dieser fünf volle Wochen mit ihren drei Kindern zuzubringen. Das tägliche Brod erwarb sie, indem sie als Taglohnerin 30 kr. ohne Kost erhielt. Mittlerweile war heftiges Regcnwettcr eingetreten, und die Chwatlina übersiedelte i mit ihren Kindern in eine im Baue begriffene Baeakc, aus welcher sie aber bald vcr- I wiesen wurde, so daß sie abermals unter freiem Himmel ihr Lager aufschlagen mußte. In dieser verzweifelten Lage entschlüpften ihr oft die Worte, sie würde sich oder ihre» ! Kindern, bald der Toni, bald wieder dem Franz und bald dem kleinen Wenzel das Leben nehmen. Manchmal forderte sie auch die Toni auf, den zweijährigen Wenzel ins Wasser zu werfen, ohne daß sie jedoch jetzt bestimmt angibt, ob sie es ernstlich meinte oder nicht- Das unschuldige Kind nahm den Befehl der Mutter nicht für baare Münze; auch war ihm, wie es selbst sagt, um des liebe Brüderchen leid. Als aber die Mutter eines Abends / ihren Auftrag unter Androhung von Schlägen wiederholte, da ergriff das neunjährige . Töchterchen Angst. Am nächsten Morgen, den 15. Qctobcr d. I., bereitete die kleine ^ Toni das aus einigen Erdäpfeln bestehende Frühstück und schickte der Mutter, welche ! schon zeitlich früh aufs Feld mußte, ihren Antheil durch den Franz, ihren 8 Jahre alten ^ Bruder. Darauf nahm sie den kleinen Wenzel auf den Arm, trug ihn zu einem beim Walde befindlichen Wasscrtümpel und warf ihn unter Thränen hinein; sie stand so lange am Ufer, bis das Kind keine Bewegung mehr machte. Als Franz der bedauernswerthcn Mutter die Nachricht von Toni'S That hinterbrachte, wollte die Arme daran nicht glauben. Die Sache wurde selbstverständlich bald ruchbar uud Antonic Chwatlina gefänglich ' eingezogen; der gerichtsärztliche Befund lautete dahin, daß der kleine Wenzel in Folge 8 Ertrinkens starb und bei seiner körperlichen Beschaffenheit nicht im Stande war, sich selbst zu retten. Die gerichtliche Untersuchung hatte theils nach dem Geständniße der Jnhaftir- ten, theils nach den damit übereinstimmenden Zeugenaussagen das voranstchende Ergebniß; Antonie Chwatlina wurde des Verbrechens des bestellten Mordes angeklagt. Der erst neun Jahre zählenden Toni konnte natürlich ihre That nicht angerechnet werden. Am 31. December wurde die Angeklagte C h w a t l i n a des bestellten Meuchelmordes schuldig erklärt und zum Tode verurtheilt. (Der Weinstock. Eine Parabel.) Als Dionysos noch ein Knabe war, machte er durch Hellas eine Reise nach Naxos. Der Weg war lang, der Knabe wurde müde und er setzte sich auf einen Stein, um auszuruhen. Als er seinen Blick zu Boden warf, erblickte er ein kleines Kraut, das er so schön fand, daß er es mitnahm, um es in seiner Heimat anzupflanzen. Da jedoch die Sonue sehr heiß brannte, fürchtete er, daß das Kraut in seiner Hand verderbe. Als er aber auf dem Wege einen hohlen Knochen von einem Vogel fand, steckte er das Kraut hinein und ging weiter. In der Hand des jungen Heros begann nun das Kraut in einer Weise zu wachsen, daß es den Knochen nach allen Richtungen ausdehnte. In der Furcht, daß der Knochen gesprengt würde, nahm Dionysos das Bein von einem Löwen, das größer war, als des Vogels und steckte die Pflanze sammt dem Gehäuse hinein. Die Pflanze wuchs auch da in einer Weise, daß sie das Löwenbein nach der Breite und der Länge ausdehnte. Zum Glücke hatte aber Dionysos ein Eselsbein gefunden, das noch größer war als der Löwenknochcn, und jenes benützte er, um die Pflanze zu verwahren. Sä kam er denn nach Naxos. Hier wollte er die Pflanze in den Boden stecken, als er bemerttc, daß ihre Äeste durch das Bein des Vogels, des Löwen und des Esels durchgedrungen seien, und daß man die Pflanze, ohne sie zu verletzen, nicht aus dem Gehäuse nehmen könne. So pflanzte er denn das Ganze in den Boden. Die Pflanze wuchs überraschend schnell, und Dionysos bemerkte zu seiner Freude, daß sie wunderbare Beeren trug. Diese preßte er aus und so entstand der erste Wein. den er den Menschen zu trinken gab. Aber Dionysos erlebte daran folgendes Zeichen: Wenn die Menschen den Wein zu trinken ansingen, wurden sie lustig und sangen wie die Vögel. — Hatten sie etwas mehr getrunken, wurden sie kühn und muthig wie die Löwen. — Hatten sie aber lauge getrunken, so ließen sie die Köpfe hängen und wurden dumm, wie die Esel. Unser „Sonntagsblatt" ist häufig der Gegenstand diametral entgegengesetzter I Wünsche gewesen. Während die Einen, namentlich Herren auf dem Lande, mit demselben recht zufrieden waren und dies in häufigen Briefen an uns aussprachen, wünscht eine andere Partei, daß man das Sonntagsblatt ganz eingehen lassen und dafür ^ eine wissenschaftlich-belletristische Beilage geben zolle; eine zweite Partei findet den Inhalt als nicht auf der Höhe der Postzeitung stehend; eine dritte wünscht mehr religiösen Stoff, Erbauliches u. s. w. Wo findet Verlag und Redaktion den Leitfaden aus diesen Gewirr sich ' widerstreitender Anschauungen und Wünsche? Indem wir von den uns richtig scheinende« I Erwägungen ausgehen: 1) daß netzendem ernsten, politischen und wissenschaftlichen Stoffe auch der Unterb" .> tungslectüre unbedingt Rechnung getragen werden müsse; > > 2) daß das für die Unterhaltung bestimmte Extrablatt so eingerichtet sein müsse, daß j man es von der Zeitung trennen und am Jahresschlüsse eigens binden lassen könne s 3) daß das Sonntagsblatt als Aunexum einer politischen Zeitung nicht die Aus- t gäbe habe, mit den verschiedenen religiösen Sonntagsblättern in irgend eine Csncuv- j, renz zu treten; i lassen wir es vorderhand und bis auf Weiteres beim Alten, fund werden dem Inhalte alle I erdenkliche Sorgfalt zuwenden s Druck, Lerlai »»d riedaMo» dei lttnartichei! InstMitS 0r. M. HlUUer, Nr. S. 12. Januar 1868, Wenn ein Bück deinen Geist erhebt und dir eine edle und kräftige Gesinnung einflößt, so suche keine andere Regel, um das Werk zu beurtheilen: es ist gut und von geschickter Hand verfaßt. Jean Paul. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) „Also," sagte die Fremde, die mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit der geschwätzigen Wirthin zugehört hatte, „ist er seit achtzehn Monaten hier." ,,yab' ich das gesagt? Ich wußte es gar nicht mehr. Jetzt erfuhren wir erst, warum die Gräfin so sehr auf die Rückkehr gedrungen hatte; sie wollte ihn verheirathen." „Ah!" „Mit Fräulein d'ÄPremont, das merkten wir bald. Die beiden Familien waren immer beisammen, die Gräfin behielt Fräulein Paulinc ganze Wochen im Schloß, und wenn sich zwei junge Leute so oft sehen, da bleibt die Liebe nicht aus. Zudem war Fräulein Pauliue reizend und Jedermann sagte, er könne gar nicht besser wählen." „Aber," rief die junge Crcoliu lebhaft, „er hat sie doch nicht geheirathet!" „Was, nicht geheirathet! Ja freilich, schon vor einem Jahr!" „Geheirathet! sagen Sie," rief Luch von ihrem Stuhl aufspringend und erblassend. „Geheirathet, Angesichts aller Welt," antwortete Frau Goulard ganz betroffen über die Wirkung, die ihre Erzählung hervorbrachte. „Was ist denn daran zu verwundern?" Aber die Fremde ging, ohne etwas zu erwidern, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, Frau Goulard erschrack fast vor ihren heftigen Bewegungen und funkelnden Blicken, sie beeilte sich daher unter dem Vorwand, man habe ihr gerufen, das Zimmer zu verlassen. „Es ist klar am Tag," sagte sie zu sich selbst, „da steckt etwas dahinter, warum hab' ich Närrin auch Plaudern muffen." IV. Luch hatte das Fortgehen ihrer Wirthin gar nicht bemerkt, sie schien in einer ent setzlichcn Aufregung. Manchmal hielt sie die Hände vor die Stirne, als fürchte sie den Verstand zu verlieren, dann legte sie dieselbe auf's Herz, wie wenn sie einen furchtbaren Schmerz empfände. „Vcrhcirathct!" rief sie immer wieder, „vcrhcirathet, welche Niederträchtigkeit! Er ist also weit entfernt, mich zu erwarten, er glaubt, für mich sei er todt, er denkt: „Weine, arme betrogene Frau, weine und traurc dein ganzes Leben hindurch, was liegt ,mir daran, ich bin glücklich! Aber du sollst mich wiedersehen, Graf Vüricourt, und natt der Gewissensbisse soll wenigstens die Züchtigung nicht ausbleiben. O ich Thörin, vic ich noch auf seine Liebe baute! Aber ich will mich rächen, und die Rache soll der Schmach gleich kommen, ich will sie Alle mit Schande bedecken!" Dann sank sie niedergedrückt von Schmerz auf einen Stuhl, ohne nur in Thränen eine Erleichterung zu finden. Mela, die ab- und zugehend, von tzcr Erzählung der Wirthin kein Wort verloren hatte, näherte sich jetzt ihrer Herrin nutz sagte: „Arme Herrin! Sie den Undankbaren vergessen und in unser schönes Land Zurückkehrn, ich Frankreich schon satt haben." — 10 Aber Lucy schien sie nicht zu hören. „Ich habe immer gesagt," fuhr die Mulattin fort, „die Reise nichts Gutes bringen, — wenn Herrin will, ich sogleich einpacken und morgen fort." „Laß mich," sagte die Crcolin in einem Ton, daß Mcla erschreckt zurückwich. — Dann fügte sie sanfter hinzu: „Ich leide furchtbar, gute Mela, quäle mich nicht auch noch." — Die Mulattin entfernte sich und drückte nur noch durch Blicke den Antheil aus, den sie an dem Kummer ihrer Herrin nahm. Gegen Abend brach ein heftiges Gewitter- aus; Lucy, die es in der drückenden Zimmcrluft nicht aushielt, blieb demungeachtet aus dem Balkon. Sie fühlte nicht, wie der Regen ihr in's Gesicht schlug - der Sturm in ihrem Innern machte sie fühllos gegen den Aufruhr in der Natur. Erst als Frau Goulard Licht brachte und sie beschwor, sich doch nicht so der Gefahr auszusetzen, und beim Donnern am offenen Fenster zu bleiben, ließ sie sich willenlos in's Zimmer zurückführen. „Befehlen die gnädige Frau sonst nichts mehr?" fragte die Wirthin. „Nein!" -- Frau Goulard, die gerne noch Manches erfahren hätte, wandte sich jetzt an Mela. „Ach, und der herzige Kleine! Wie alt ist er denn?" „Drei Jahre," sagte das Kind ganz stolz. „Und wie heißt Du denn?" „Georg." Frau Goulard warf einen Blick auf die Fremde und fürchtete schon, ihr Mißfallen erregt zu haben, aber diese war in Gedanken versunken und sagte nur zur Wirthin, die sich zum Gehen anschickte: „Können Sie mir für morgen einen Wagen verschaffen?" „Doch nicht um abzureisen?" „Nein, nur um mich in der Gegend umzusehen." Die Wirthin versprach es und ging. Mela, die ihre Herrin nicht bewegen konnte, zu Bette zu gehen, war endlich auf einem Stuhl eingeschlafen. Nur die arme Lucy wachte, all' ihre Gefühle concentrirten sich in dem einen bittern Gedanken: du bist vergessen von dem, den du so sehr geliebt. Hie und da floß eine brennende heiße Thräne über ihre Wangen, die sie aber sogleich unmuthig abtrocknete. „Mögen Andere weinen," sagte sie, „ich — ich will mich rächen, er soll meine verrathene Liebe, seine gebrochenen Schwüre theuer bezahlen; Leid um Leid, und Gott weiß, wie viel ich gelitten, während er nur seiner neuen Liebe lebte. Aber die Stunde der Vergeltung hat geschlagen; du wirst aus deinen süßen Träumen erwachen müssen, Graf Vtzricourt, und dich des Vergangenen erinnern. Du hast mein Herz zerrissen, mich zur Verzweiflung getrieben, jetzt will auch ich ohne Erbarmen sein." Dann Plötzlich wechselten ihre Empfindungen, vom Zorn ging sie in bitteren Schmerz über, sie weinte über ihr verlorenes Glück, über ihr verlassenes Kind. Sie neigte den Kopf auf den steinernen Rand des Balcons und hoffte, die Kälte werde ihre Fieberhitze etwas lindern. Lange blieb sie so dem Schmerz ganz hingegeben, bis die Mulattin erwachte und sich so trostlos zeigte, sie noch auf zu sehen, daß Lucy eher um sie zu beruhigen, als um selbst Ruhe zu finden, sich zu Bette begab. Am andern Morgen meldete Frau Goulard, daß der Wagen bereit sei. Es entging der neugierigen Wirthin nicht, daß die Fremde, als sie den Knaben beim Abschied küßte, schwere Thränen in den Augen hatte; und als sie ihr beim Einsteigen noch eine vergnügte Promenade wünschte, glaubte sie zu hören, daß die Dame als Ziel derselben das Schloß Vöricourt nannte. Es ist nicht zu beschreiben, welcher Sturm von Empfindung in Lucy während der einstündigen Fahrt tobten. Doch begriff sie die Nothwendigkeit, ruhig zu scheinen. Sie suchte sich also zu beherrschen, nur Gott allein sah, was in ihr vorging, und Ihn flehte 11 sie um Beistand an. Als der Wagen vor dem Schlöffe hielt, fragte sie einen Bedienten, ob der Graf zu Hause sei. „Nein, gnädige Frau," war die Antwort, „es ist nur die Mutter des Herrn Grafen zu Hause." „So melden Sie ihr, daß eine Dame, die ihr sehr Wichtiges mitzutheilen habe, sie zu sprechen wünsche." Der Diener ging und kam bald mit der Antwort zurück, die Dame möchte die Frau Gräfin im Salon erwarten. Er führte die Fremde in ein weites Gemach, dessen Meubel so alt wie das Schloß zu sein schienen und dem Zimmer ein düsteres Ansehen gaben. Eine Stickrahme, eine Farbenschachtel, daneben ein angefangenes Bouquet, verriethen die Anwesenheit einer Frau; Lucy wandte sich weg, der Anblick that ihr wehe. Da bemerkte sie am andern Ende des Zimmers zwei Bilder in Lebensgröße, einen jungen Mann und eine junge Frau. Die Züge des ersteren waren ihr wohl bekannt, es war Graf Väricourt und sein Anblick erweckte die widerstreitendsten Gefühle in ihr. Vielleicht dachte sie einen Augenblick nur an vergangene glückliche Zeiten, doch der Gedanke währte nur kurz, sie wandte den Blick auf das Portrait der schönen Pauline d'Apremont, die ihr jede Hoffnung auf Glück geraubt. Wie frisch und unmuthig sie war im Glanz der ersten Jugend. Diese reine, weiße Stirne hatte noch kein Gedanke des Haffes getrübt, dieser reizende Mund hatte nur Worte der Liebe und des Wohlwollens gesprochen, welch' bezauberndes Ganze von Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit! Und doch mit welch' bitterem Hasse betrachtete Lucy das Bild! — Sie war so in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie die Ankunft der Gräfin gar nicht bemerkte, die sie erstaunt ansah und endlich sagte: „ „Wie man mir gesagt hat, haben Sie mir Wichtiges mitzutheilen, ich bin bereit, zu hören."" Bei diesen Worten schob sie der Dame einen Armstuhl hin. — So groß auch Lucy's innere Bewegung war, so begann sie doch eben so ruhig und kalt, als ihre Fragestellerin: „Vielleicht ist es auch nichts Neues für Sie, Frau Gräfin, doch werde ich Ihre Erinnerungen auffrischen, wenn ich Ihnen sage, Laß es Bezug auf den Aufenthalt Ihres Sohnes in den Antillen hat." — Die Creolin heftete einen durchdringenden Blick auf die Gräfin; doch, sei es Selbstbeherrschung oder Unkenntniß, ihre Züge verriethen nur Erstaunen. Lucy fuhr fort: „Ihr Sohn hat Ihnen gewiß von Herrn Ravieres, einem reichen Colonisten in Basse-Terre gesprochen, der ihm in seinen verwickelten Angelegenheiten vielfach behülflich war." „„In der That, ich erinnere mich dieses Namens." " „Dieser Mann war mein Vormund " Die Gräfin verneigte sich etwas hochmüthig. „Ich sehe mit Bedauern," fuhr Lucy fort, „daß das unerklärliche Schweigen Ihres Herrn Sohnes meine Aufgabe weitläufiger macht, als ich gedacht, und ich muß auf die Einzelnheiten unserer ersten Begegnung zurückkommen. Mein Vormund war der intime Freund feines verstorbenen Onkels und konnte ihm daher in Allem die beste Auskunft geben, und gefällig und gastfrei wie er war, bot er ihm, in Erinnerung seines alten Freundes, sein Haus zum Aufenthalt während seiner Anwesenheit in Basse-Terre an." Lucy hielt einen Augenblick inne, die Züge der Gräfin verriethen keinerlei Bewegung. Tann fuhr Lucy fort: „Ich war damals siebzehn Jahre alt, und ich darf es ohne Eitelkeit sagen: ich war schön. Der Kummer hat diese Vorzüge so völlig zerstört, daß ich deren erwähne, damit Sie um so eher die Liebe begreifen, die ich Ihrem Sohne einflößte." „„Eine Liebe, auf die Ihr dienstfertiger Vormund wahrscheinlich rechnete."" Die blassen Wangen der Creolin färbten sich bei diesen Worten, doch antwortete sie ruhig: „Mein Vormund liebte mich mit der Zärtlichkeit eines Vaters; er bemerkte zu 12 seinem größten Leidwesen meine Neigung für einen Fremden und er verfehlte nicht, Herrn Vöricourt sogleich mitzutheilen, daß er sich dieser Verbindung ernstlich widersetzen werde." „„Wie lächerlich,"" sagte die Gräfin, „„ein Herr Ravieres sollte sich der Verbindung eines Vsricourt mit seiner Mündel widersetzen!"" „Was Sie auch davon halten mögen, Frau Gräfin, Ihr Sohn war in Verzweiflung, als ihm mein Vormund das Haus verbot, und that Alles, ihn pon seinem Entschluß abzubringen." „„Und Ihr Vormund ließ sich erweichen?"" fragte die Gräfin spöttisch. „Er that es," erwiderte die Fremde bitter, „nicht für Ihren Sohn, sondern für mich arme Thörin, die ich seine Schwüre von ewiger Liebe für Ernst nahm." „„Sagte Ihnen mein Sohn denn nicht; Fräulein, daß er eine Mutter habe, die nie in eine solche Verbindung willigen würde?"" „Er sagte mir, seine Mutter liebe ihn zärtlich und wolle ihn gewiß nicht unglücklich sehen." „„Er wußte aber doch, daß ich schon eine andere Hcirath für ihn beschlossen hatte."" „Dann war sein Verfahren nur um so strafbarer." „„Ich läugne nicht, daß er leichtsinnig gehandelt hat, aber leider ist dies in seinem Alter ein gewöhnlicher Fehler, und Ihr Vormund war sehr unklug, Sie der Gefahr auszusetzen. Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein? — Ich kann das Ende Ihrer Geschichte jetzt leicht errathen. Mein Sohn — und glauben Sie mir, ich tadle es strenge — hat Ihre Uncrfahrenheit und Ihre Liebe mißbraucht und Sie verführt; das ist ein Unglück, ein großes Unglück, weil es sich nicht ändern läßt. Aber deßhalb muß ich mich auch wundern, Sie hier zu sehen. Eine Verführungs - Geschichte ist ein abgedroschener Gegenstand; man ist der armen Mädchen müde, die ihre Schande zur Schau stellen, in der Hoffnung, sich dieselbe möglichst gut bezahlen zu lassen oder ihre Verführer zu bewegen, sie zu heirathen. Ich halte Sie einer solchen Berechnung zwar nicht fähig, aber Sie müssen doch gewußt haben, daß mein Sohn vcrheirathet ist."" Luch hatte die Gräfin ausreden lassen, ohne sie zu unterbrechen. Gott weiß, welche Gefühle des Hasses und der Rache in ihr tobten. Als die Gräfin schwieg, erwiderte sie: „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, mein Vormund liebte mich zu sehr, um nicht vorsichtig zu sein; ich hatte nie etwas gemein mit jenen traurigen Heldincn, deren Unglück Niemand rührt. Sie thun auch ihren: Sohne Unrecht, wenn Sie ihm so unedle Absichten unterschieben. Wie auch sein Betragen seitdem gewesen sein mag, ich bin gewiß, daß er es damals ehrlich meinte, als mein Vormund, durch unsere Bitten besiegt, ihm meine Hand gewährte. Er betheuerte, daß seine Mutter sich gewiß mit einer Heirath aussöhnen werde, die ihn so glücklich mache." „ „Aber Ihr mußtet Alle wissen, daß diese Verbindung nicht ohne meine Zustimmung stattfinden konnte." " „Sie irren sich, die Vollmachten, die Ihr Sohn in Händen hatte, um Sie in Bafse-Terre zu vertreten, waren genügend." „„Aber wohin soll das führen?" " fragte die Gräfin niit etwas erregter Stimme. „Ihnen zu sagen, daß ich allein die rechtmäßige Frau des Grafen Bvricourt bin." „„Unmöglich!"" rief die Gräfin, „„daS ist eine infame Lüge."" „Halten Sie ein, Gräfin, keine Beleidigungen mehr, erregen Sie nicht noch mehr meinen Zorn, es ist Ihnen schon zu gut gelungen." „„Die Beweise, die Beweise,"" rief die Gräfin außer sich. „Fragen Sie Ihren Sohn, und Sie werden die ersten in seinem Gewissen finden, was die übrigen betrifft, werde ich sie an geeignetem Ort zur Geltung bringen." „„Was gedenken Sie zu thun,"" fragte die alte Dame in höchster Angst. „Wie, Gräfin, Sie errathen es nicht? Ich werde das Verfahren des Grafen 13 VSricourt aller Welt kund thun — und für mich und mein Kind meine Rechte geltend machen." „„Aber kennen Sie denn die Folgen einer solchen Anklage nicht?"" „Oh," erwiderte die Creolin mit einem vernichtenden Blick, „ich kenne sie, obgleich der Gegenstand nicht so abgedroschen ist." Frau von Väricourt sank erschöpft auf ihren Stuhl zurück; bald aber rief sie zuversichtlich: „„Nein, ich kann es nicht glauben, Sie sind Gattin, Mutter, Sie werden nicht ohne Mitleid sein."" „Mitleid! hatten Sie Mitleid mit mir, als Sie mich für ein betrogenes Mädchen hielten? Hatte Ihr Sohn Mitleid, als er mich zur ewigen Trauer um seinen Tod verurtheilte, als er Frau und Kind feige verließ und ein neues Bündniß einging? — Und ich sollte Mitleid haben! Nein, Ihnen Gräfin, gebührt eine Demüthigung für Ihren Stolz, Ihrem Sohn eine Züchtigung für sein Verbrechen und mir Rache für Alles was ich gelitten. Oh, es soll Jedem sein Recht widerfahren." Frau von Vnricourt blieb sprachlos und regungslos vor der Frau, die sie den Augenblick zuvor so tief gekränkt hatte. Lucy, die ebenfalls in heftigster Erregung war, schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie kalt und ruhig fort: „Wollen Sie diesen meinen Entschluß dem Herrn Grafen Vtzricourt gefälligst mittheilen." Damit stund sie auf, und schickte sich zum Gehen an. — Jetzt erwachte die Gräfin aus ihrer Betäubung, sie hielt sie zurück und rief: „„Sie haben mich nur erschrecken wollen, nicht wahr, Sie können unmöglich gegen den Vater Ihres Kindes Klage stellen."" „Ich bin dazu fest einschlössen." „ „Wollen Sie Gold?" " fuhr die Gräfin fort, „„ich gebe Ihnen Alles, was ich besitze." " Die Fremde sah die Gräfin mit bitterem Unwillen an. „Es soll mir also keinerlei Kränkung erspart bleiben," erwiderte sie. „Behalten Sie Ihr Gold, ich brauche es nicht, ich habe mir keine Schande bezahlen zu lassen, und es soll Sie von der Ihrigen nicht loskaufen." Und ohne länger auf die Gräfin zu hören, eilte Lucy dem Wagen zu. (Fortsetzung folgt.) Rothschild und Dienstmann. Der Baron Rothschild in Paris, welcher gern zu Fuß ausgeht wie ein anderer Sterblicher, hatte kürzlich einen weiten Gang unternommen und gerieth schließlich in daS Stadtviertel hinter dem Pantheon, das ihm gänzlich unbekannt war, so daß er sich bald völlig verirrte. Anfangs sah er sich einigermaßen unruhig um, er erblickte aber weder eine Droschke, noch einen Omnibus, ja kaum einige wenige Fußgänger, sein Mißmuth über diesen Zufall schwand, als er überlegte, welch amüsante Zerstrcung ihm dieses kleine Abenteuer bieten könne, und er begann ganz vergnügt weiter zu schweifen und gleichsam auf Entdeckungsreisen auszugehen, denn dieses Stadtviertel von Paris war für ihn eine ebenso unbekannte Gegend wie Amerika vor der Landung des Columbus für die Europäer. Plötzlich bemerkt er den Laden eines Trödlers, tritt hinzu, beschaut sich das bunte Gewirr von den verschiedenartigsten Gegenständen und entdeckt mitten unter diesem Wust einen alterthümlichen Barometer aus der Zeit Ludwigs des Sechzehnten, der zwar keine Spur mehr von seiner ursprünglichen Vergoldung zeigte, aber trozdem im Schnizwerk noch voll- kommen wohl erhalten war. Der Baron ist ein eifriger Liebhaber und Kenner von dergleichen Kuriositäten, und so beschloß er sofort, den Barometer zu kaufen. Der Preis dafür betrug zehn Francs und ganz erfreut über eine so wohlfeile Aquisition, greift Rothschild in die Tasche um zu bezahlen — aber o weh! in der Eile und Zerstreuung hat er zu Hause seine Börse liegen lasten. „Nun, das schadet nichts, ich nehme auf alle Fälle diesen Barometer," sagte er zu der Trödlerin; „schicken Sie ihn mir zu, ich bin Baron Rothschild, man wird ihnen das Geld in meinem Hotel einhändigen." „Den Namen und die Adresse kenne ich nicht, mein Herr," entgegncte die Trödlerin, „und überdies schicke ich niemals den Leuten Sachen zu, die nicht vorher bezahlt worden sind." Jetzt stand der Baron völlig verblüfft da, denn er hatte sich's nicht träumen lassen, daß Jemand seinen Namen nicht einmal kenne, aber da er einmal bei guter Laune war, so amusirte ihn dies nur um so mehr, und er stand eben im Begriff, der Frau einige. Aufklärungen über seine Stellung zu geben, als er auf der andern Seite der Straße einen Dienstmann vorübergehen sah. Er winkte denselben herbei und frug ihn lächelnd: „Weißt Du vielleicht etwas von dem Baron Rothschild?" „Na das ist aber eine komische Frage, das ist ja unser Geldkönig. Warum fragen Sie aber danach?" setzte der Mensch etwas patzig hinzu, da er glaubte, man wolle ihn vielleicht mystifiziren. „Weil Diadame hier ihm soeben einen Credit von zehn Franks versagt hat," sagte Rothschild aus die Trödlerin zeigend. „Ist das wirklich wahr, Madame DucloS?" rief der Dienstmann im höchsten Grad erstaunt. „Ja, sehen Sie, Monsieur Pierre, man kann doch eben nicht alle Welt kennen," erwiederte die Trödlerin ganz verlegen. „Sie kenne ich aber, und wenn Sie mir dafür garantiren wollen. . .?" Bei diesen Worten unterbrach der Baron die Frau durch ein so herzliches Gelächter, "daß er sich eine ganze Weile kaum beruhigen konnte. „Nun gut, Monsieur Pierre," sagte er dann noch immer lachend, „wenn Sie dann die Bürgschaft für mich übernehmen wollen, so gehen Sie einmal vor allen Dingen mir einen Wagen zu holen, und dann tragen Sie diesen Barometer in meine Wohnung." Der Packträger ließ sich dieß nicht zweimal sagen, er grüßte den Baron sehr respektvoll, schaffte ihm rasch den anständigsten Wagen, den er auftreiben konnte, und eilte dann mit dem Barometer in das Hotel des Geldfürsten, wo er für das „übernommene Risiko," wie Rothschild sagte, reich belohnt wurde. (Das amerikanische Haus.) Dds amerikanische Haus wird in einem Artikel der „Südd. Pr." über New-Vork folgendermaßen geschildert: Das normale amerikanische Haus ist in drei Fensterbreiten abgetheilt; seine Einrichtung ist folgende: Es hat ein Untergeschoß, dessen Sohle 2 — 3 Fuß unter der Straßenflüche liegt, darunter geräumige, unter das Trottoir reichende und dort mit verschließbaren Klappen versehene Keller, darüber ein Erdgeschoß (Hochparterre) und zwei, selten drei Stockwerke. Der Eingang zum Untergeschoß befindet sich in einer kleinen Halle unter der Platte, welche die Aufgangsstiege und den Haupteingang des Hanfes verbindet; in der fünften und den anliegenden Avenues, auch sonst nicht selten, sind die Straßenstiegen und das Portal des Hauses aus weisem Marmor. Ein Durchgang läuft von vorn nach hinten durch das Untergeschoß, vorn liegt zwei Fenster breit der Speisesaal, hinten die Küche, zwischen beiden ein zu mancherlei Zwecken verwandter Raum. Das Erdgeschoß hat eine geräumige Flur, die sich in der Hausmitte in das Treppcngehäuse und einem Durchgang spaltet, hinten sich in die Noth- stiege und den Ausgang zum Hofe theilt. Ueber dem Speisesaal liegt der Parlor, das Empfangs- und Unterhaltungszimmer für alle Bewohner des Hauses; über der Küche das Familienzimmer; der Zwischenraum dient zu Schlafstätten u. s. w. Die obern Geschosse sind ebenso eingerichtet, An großes Zimmer vorn und hinten, und da die Stiege in der Mitte des Gebäudes liegt, so wird über den Eingängen auf Vorder- und Rückseite Raum für zwei kleinere Zimmer gewonnen. In dem Mittelraum des ersten Stockes ist eine 15 V Abtheilung für ein Badezimmer und WaterclosetS eingerichtet. Aus diesem Grunde springt Erdgeschoß und erster Stock in der Regel nach dem Hofe zu um 8 bis 10 Fuß vor und bildet durch die platte Bedachung eine Art Balkon für den zweiten Stock. Jedes Zimmer ist mit Gasbeleuchtung versehen und hat laufendes warmes und kaltes Wasser. Die Wasserleitung ist nämlich so eingerichtet, daß ein Arm derselben iu einen am Herde ange- ^ brachten großen Behälter mündet, wo das Wasser durch das gewöhnliche Küchcnfeuer erhitzt und durch den nachwirkenden Druck der Leitung nach den geöffneten Röhren im obern > Hause getrieben wird. Da die amerikanische Küche drei Mahlzeiten vorschreibt: Morgens Kaffee oder Thee mit warmen Fleisch- und Eierspeisen, Mittags ein Paar Fleisch- oder ähnliche Gerichte, Abends ein Hauptcsscn mit den unerläßlichen Pies (Pasteten, Kuchen u. s. w.) so fehlt es selten an warmem Wasser, um dem Bedürfniß aller Bewohner nach warmen Bädern :c. zu genügen. Der Bodenraum ist zu Kammern und zu einer Oberlicht-Anlage für die Stiegen benutzt. Auf demselben Raume mehr und zweckmäßiger einzurichten, möchte dem erfindungsreichsten Baumeister nicht gelingen. Alle Bauten sind massiv, in vielen Städten rein aus Backstein, anderwärts mit Quader untermischt, hin und wieder, wie in New-Aork und Philadelphia, aus geschliffenem Granit und Marmor. Die Fußböden der Zimmer dürfen in keincni anständigen Hause ohne durchgehende Teppiche sein. Die Heizung geschieht meist durch Kamine. Obgleich der Winter anhaltend und streng ist — der Maimonat Pflegt in New-Aork und dem ganzen Norden noch empfindliche Kälte zu bringen, und in den Wintermonaten bleibt sogar der Hafen von Baltimore nicht ganz frei vom Eis — und obgleich man nur Steinkohlen brennt, zieht man doch die luftigen Kamine den Oefcn vor. Sorge für Luft und Wasser sind die beiden lobenswerthesten Vorzüge der neueren amerikanischen Städte-Anlage. Jede Stadt, und wäre sie noch so jung, denkt vor Allem an Wasserleitung und neben den breiten Straßen an freie Plätze. (Die beiden Geizhälse.) Ein Geizhals, der in Koufa wohnte, erfuhr, daß in Bassora ein größerer Knauser, als er, existire, der ihm in der Oekonomic Unterricht geben könne. Er machte sich daher auf den Weg, um von diesem großen Meister eine Lection im Geize zu nehmen, und erschien als demüthigcr Zögling vor seinem Lehrer. „Sei willkommen," begrüßte ihn der Geizhals von Bassora, „und um gleich mit dem Zcitersparniß anzufangen, wollen wir uns sofort auf den Weg machen, um unsere Einkäufe zu besorgen." Sie begaben sich zum Bäcker. „Hast Du gutes Brod?" frugen sie. „Gewiß, meine Herren, ich habe gutes, frisches Brod, das Euch schmecken wird wie Butter." „Du hörst es," sagte der Geizige von Bassora zu dem von Koufa, „das beste Brod wird mit Butter verglichen. Jedenfalls ist also Butter besser als Brod. Nimm viel oder wenig, deßhalb wird sie nicht weniger schlecht. Es ist daher unter allen Umständen gerathen, Butter zu nehmen." Sie gingen daher zum Butterhändlcr und frugen ihn, ob er gute Butter habe. „Sehr gute," erwiderte er, „meine Butter ist schmackhaft, wie Olivenöl!" „Merke Dir," sagte nun der Lehrer zu seinem Zögling, „die beste Butter wird mit Olivenöl verglichen; Letzteres ist daher vorzuziehen." Und sofort begaben sie sich zum Oelhändler. „Hast Du gutes Oel?" „Von der besten Qualität. Es ist weiß und durchsichtig wie Wasser." „Merke Dir's also," sagte abermals der Lehrer zum Schüler, „nach dem, was wir gehört haben, ist Wasser das Allerbeste. Wohlan denn, ich habe zu Hause einen Bottich voll guten Wassers und ich lade Dich im Namen der Gastfreundschaft zu mir zu Tische." 16 Und als sie nach Hause kamen, bot er seinem Gaste nichts, als Wasser, nachdem *Z7 er ihm bewiesen hatte, daß Butter besser sei als Brod, Oel besser als Butter, usd Wasser besser als Oel. „Allah sei gelobt," sagte der Geizhals von Konfa beim Weggehen, „ich habe in der That gelernt, und meinen Weg nicht umsonst gemacht." (Der Elephant vor der Pflugschaar.) Die Engländer spannen gegenwärtig in Indien den Elephanten vor den Pslug. Sie haben aus dem schonen Thiere einen friedlichen Arbeiter gemacht. Mau fertigt in London uugemcin große und starke Pflüge an, wie sie der Kraft des Thieres angemessen sind, und schafft sie per Dampfboot über das mittelländische Meer durch den Canal Suez, das rothe Meer und den indischen Ocean nach ihren Bestimmungsorten. Jeden Morgen nimmt der Elephant seinen Führer beim Gürtel, setzt ihn sich auf den Rücken und geht auf's Feld. Zwei Arbeiter halten dort die beiden Pflugsterzen. So lauge die Sonne über dem Horizont steht, macht der Elephant seinen Weg und wirft hinter sich einen Haufen Erde oder vielmehr einen langen kleinen Hügel auf; er zieht auf diese Weise eine Furche von beinahe fünf Fuß Breite und drei Fuß Tiefe. Des Vögeleins Bitte Es ist bitterlich kalt, Und der Schnee liegt so hoch, Im Wald, auf der Flur Wo im Sommer ich flog. Wohl hab' ich mein Kleid Von Federn so dicht; Weil der Hunger mich quält, So wärmt es mich nicht, Kommt der Lenz erst zurück So dank' ich es Euch, Sing Lieder der Lust Auf dem sungen Gezweig. Und im Sommer erst gar! Kommt mein ehelich' Glück, So zahl' ich mit Zinsen Die Gabe zurück. Die Raupe am Blatt, Der Käfer am Ast, Jcy sitz' aus vem Zweig', Seh' ins Fenster binein, i?b nicht Jemand kommt Läßt kaum er sich sehen — Und erbarmet sich mein. Bin ein kleiner Gesell Und wenig genügt So ist er gefaßt. Doch noch ist es kalt Und Alles voll Schnee; Ihr Menschen habt Mittleid! Der Hunger thut weh! Wenn Ihr Brosamen gebt, So bin ich vergnügt. Eo. Mithelfen. Ein Gärtner kam zu seiner Herrschaft, welche im Winter in der Stadt wohnte. — „Nun, Heinrich, ist es schon grün bei Euch?" fragte der Herr. — „Ja, Herr," war die Antwort, „und das Vieh muß auch bald heraus." — „So? — Nun, liebe Frau, wird es auch für uns bald Zeit." Charade (Aus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer dem Ersten sich ergibt, Weder Liebcswerke übt, Noch des Zweiten Zierung liebt; D'rum auch muß es lassen gelten, Wenn, um weidlich ihn zn schelte Jedermann dreist ruft ihm zu: „Thor! das Ganze das bist du." weidlich ihn zn schelten, Druck, Dertaa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler. Nr. L. 19. Januar 1868. Augsbnr^er Was das Leben gab, ertrage Und verschmerze, was es nahm. Schulze. Rache und Liebe. V. Georgs Mutter war auf dem Platze geblieben, wo Lucy sie blaß und niedergeschmettert verlassen hatte; sie fragte sich, ob sie wache oder träume? Doch nein, sie hört noch den fortrollenden Wagen, es ist Wirklichkeit, sie kann nicht daran zweifeln. — Sie überdenkt die Folgen der eben gehörten Drohung: dieser Sohn, auf den sie so stolz ist, wird verfolgt, festgenommen werden, ein schmählicher Prozeß wird ihm gemacht, eine entehrende Strafe zuerkannt werden; nach dreihundertjährigcm Glanz soll der Name V6ricourt entehrt, geschändet werden, und ihr Sohn, ihr Georg soll es sein, der den edlen Stamm besudelt. Welche Freude für die Neider! welcher Triumph für die Feinde! Wenn aber Georg nicht schuldig ist? wenn das Ganze ein Gewebe von Lügen wäre? Aber was konnte die Fremde für eine Absicht haben? was konnte ihr die Lüge nützen? Wozu hätte sie ihr Land verlassen und die beschwerliche Reise unternommen, um Rechte geltend zu machen, deren Unächtheit sie kennen mußte? Dann erinnerte sie sich der Veränderung im Wesen Georgs, seiner langen Weigerung, Pauline zu heirathcn, obgleich er sie liebte. Und jetzt noch, woher die tiefe Traurigkeit, die oft der ausgelassensten Freude folgte; warum stieß er oft seine junge Gattin unfreundlich zurück und überhäufte sie dann wieder mit Beweisen von Zärtlichkeit. Umsonst will die Gräfin sich dieser peinlichen Logik entziehen, sie empfindet einen Schmerz, gegen den die Trauer um den todt geglaubten Sohn nichts war; sie muß vielleicht noch beklagen, daß er bei dem Schifsbruch nicht umgekommen ist. Mitten unter diesen schmerzlichen Erwägungen wurde sie von fröhlichem Gelächter unterbrochen, die Thüre ging auf und Pauline trat herein. „Liebe Mama, sehen Sie nur, wie ich aussehe," sagte sie und breitete ihr mit Schmutz bedecktes Rcitkleid aus. — „Sie sind doch nicht böse, daß wir nicht schon gestern gekommen sind? Es war uns bei dem furchtbaren Gewitter wahrhaftig nicht möglich.^ „„Nein doch, nein,"" sagte die Gräfin, die kaum gehört hatte, was ihre Schwiegertochter gesagt, „„seid Ihr zu Pferd gekommen?"" „Ja, ich wollte lieber mit Georg reiten, als mich von meinem Bruder nach Hause fahren lassen, und sehen Sie nur, wie ich zugerichtet bin." „„Wo ist Georg?"" — fragte Frau von Vöricourt. „Er sieht nach den Pferden, denke ich. Wir waren so vergnügt, Georg war so liebenswürdig! Wie er mich zu zerstreuen suchte während des Gewitters, weil er weiß, daß ich mich fürchte. Ich kann aber auch nicht sagen, wie sehr ich ihn liebe, meinen guten, meinen vortrefflichen Georg." „„Wo ist mein Sohn?"" fragte die Gräfin neuerdings. Die junge Frau sah sie erstaunt an. „Sie sind blaß, Mama," sagte sie, „find Sie unwohl?" „„Nein, mein Kind, nur etwas Migräne, aber ich möchte mit Georg sprechen.'" 18 Jetzt trat Georg in's Zimmer und auch er schien ausnahmsweise sehr heiter zu sein. Er küßte seiner Mutter die Hand und fragte, wie es ihr ginge. „Die Mama ist leidend," sagte Pauline. „Wirklich, ich finde Deine Züge etwas angegriffen." „„Ziehe den Vorhang vor, Pauline, die Helle thut mir wehe."" Die junge Frau beeilte sich, dem Wunsche nachzukommen, und die Gräfin benützte den Augenblick ihrem Sohne zu sagen: „Ich muß mit Dir sprechen, folge mir sogleich «s- in mein Zimmer." Sie ging und Pauline fragte ganz betroffen: „Was hat denn die Mama, ich habe sie noch nie so gesehen; sie muß sehr leidend sein." „Ich weiß nicht," sagte Georg, den die bevorstehende Unterredung beschäftigte; „aber kleide Dich doch um, meine Liebe!" „Ach ja, ich hatte ganz darauf vergessen! Ich war so heiter, als ich kam, und jetzt ist mir's ganz schwer um's Herz; ich komme gleich wieder, Georg, laß mich jetzt nicht allein. Aber was hast Du denn, Du antwortest mir nicht." „Das Unwohlsein meiner Mutter beunruhigt mich." „Sie ist so Plötzlich fort." Diese Worte erinnerten Georg, daß die Gräfin ihn erwarte. Er verließ seine Frau und eilte zu seiner Mutter, die ihm ungeduldig entgegen ging. „Endlich!" sagte sie, „das hat lange gewährt. Und doch waren es kaum fünf Minuten;" dann fuhr sie ohne Umschweife fort: „Georg, kannst Du Deines Aufenthaltes in den Antillen ohne Furcht und Reue gedenken?" Bei dieser plötzlichen Frage erblaßte der Graf, er seufzte und verbarg das Gesicht in die Hände. „Georg, so rede doch," drängte die Gräfin in höchster Aufregung. „Ach," sagte er leise, „der gefeuchtete Augenblick ist gekommen, und wenn Gott damit zögerte, so war es nur, um die Strafe desto empfindlicher zu machen." . „Es ist also wahr," schrie die Gräfin laut auf, „mein Sohn ist ein Ehrloser!" „Mutter!" „O warum konnte ich nicht sterben, bevor dieser Tag anbrach." „Mitleid, Mutter, ich bin ohnedieß schon so unglücklich." „Mitleid?" — rief die Gräfin außer sich, „Du findest es weder bei Deiner verlassenen Frau, noch bei Deiner Mutter, die Du mit Schande bedeckt hast, und wolltest Du etwa das des unglücklichen Mädchens anflehen, auf die unsere Schmach theilweise zurückfällt?" „Höre mich, Mutter!" rief Georg. „Du hast den mackellosen Namen Deiner Ahnen befleckt. — Fluch und Schande über Dich!" Mit diesen Worten sank sie ganz erschöpft in ihren Lchnstuhl. Georg, ein wahres Bild der Verzweiflung, kniete vor ihr nieder. „Höre mich," flehte er, „ehe Du mir fluchst. Ich bin strafbar gewesen, sehr strafbar, aber gerade Du, Mutter, solltest am ersten mit Nachsicht urtheilen " Die Gräfin machte eine verneinende Bewegung, während ihr Sohn fortfuhr: „Als ich nach einem einjährigen Aufcnthait in den Antillen eine Verbindung einging, von der ich wußte, daß Sie sie nie billigen würden, war ich von einer Leidenschaft beherrscht, die um so größer war, als man mir Hindernisse in den Weg legte. Ich überredete mich, Ihre Zärtlichkeit werde mir Verzeihung angedcihen lassen und schmeichelte mir, dieselbe ^ um so eher zu erlangen, wenn ich meiner Sache selbst das Wort redete, deßhalb zögerte ' ich immer, Ihnen meine Heirath brieflich mitzutheilen. Zudem muß ich der armen Lucy Gerechtigkeit widerfahren lasten, sie war schön, reich und gebildeter als alle Frauen ihres Landes, und außer ihrer Geburt hätten Sie gewiß keinen Tadel an ihr finden können. 19 Ich liebte sie, liebte sie leidenschaftlich, doch sollte ich nie ein reines Glück genießen, mein > unseliges Geheimniß lastete mir schwer auf dem Herzen, besonders nachdem mir Luch einen Sohn geschenkt, fühlte ich das Gewicht einer verletzten heiligen Pflicht erst recht. Ihre Briefe, die zur Rückkehr mahnten, wurden immer häufiger; Sie sprachen von Ihrer erschütterten Gesundheit, von Ihrer Befürchtung, mich nicht mehr zu sehen. Ich konnte meiner Frau, die erst von einer schweren Krankheit genas, die weite Reise nicht zumuthcn; eben so wenig wagte ich auf dem Vorschlag zu bestehen, allein zu reisen. — Aber als sie sah, in welcher beständigen Angst mich die Nachrichten über Ihre Gesundheit versetzten, als sie meine Verzweiflung sah bei dem Gedanken, daß mir eines Tages die Nachricht von Ihrem Tode zukommen könnte, da gab sie nach. Ich versprach ihr, nicht länger in Frankreich zu bleiben, als bis ich Sie mit unserer Verbindung ausgesöhnt und bewogen Hütte, sie als Tochter aufzunehmen. Gott weiß, kein strafbarer Gedanke kam mir damals in den Sinn. Ich reiste ab; Sie kennen die Geschichte unseres Schiffbruchs, das elende Leben, das ich während sechs Monate führte, Gott täglich, nicht mehr um Errettung bittend, die ich für unmöglich hielt, sondern um den Tod, der meinen Leiden ein Ziel setzen sollte. Endlich auf ein Kauffahrteischiff aufgenommen, sah ich mein Vaterland wieder, ich sah Sie wieder, Mutter!" „Ach ja, das war ein schöner Tag," sagte die Gräfin, „und ich Thörin glaubte jetzt allem Unglück Trotz bieten zu können." Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Georg fort: „Werden Sie begreifen, was mir noch zu sagen übrig bleibt? Ich glaube nicht, denn ich selbst begreife es nicht. Aber es ist nur zu wahr: so sehr hatten meine Leiden mein ganzes Wesen verändert, daß ich all' die Wünsche vergessen hatte, mit denen ich Baffe-Tcrrc verließ. Ich wollte nichts anderes mehr, als ein ruhiges Leben mit Ihnen in meinem Vaterland. Bei meiner Ankunft waren Sie noch leidend durch den Kummer über meinen vcrmeint- . Ucheu Tod; Sie sprachen mir sogleich von dem Heiraths-Project mit Pauline, ich wollte Sie in diesem Augenblick nicht betrüben, indem ich Ihnen das unübersteigliche Hinderniß mittheilte und wollte zuwarten. — Indessen wäre es an der Zeit gewesen, Luch von meiner glücklichen Rettung in Kenntniß zu setzen; ich wollte ihr schreiben, doch da hätte ich beifügen müssen, daß ich noch nichts gethan, Ihre Einwilligung zu unserer Verbindung zu gewinnen. Neun Monate waren seit meiner Abreise von Baffe-Terre verflossen; sie mußte von unserem Schiffbruch gehört haben. Der heftigste Schmerz ist vorüber, dachte ich, wäre es nicht bester, ihr meine wunderbare Rettung ganz zu verschweigen, da sie in mir doch den Mann nicht mehr fände, den sie geliebt. Der Krieg entbrannte aus'S Neue, wie hätte ich sie holen können? — Erlassen Sie mir, Ihnen all' die elenden Scheingründe aufzuführen, welche mich leiteten, und bei denen ich selbst er- röthe. Ich frage mich oft, wie es möglich ist, daß Physische Leiden den Menschen so abstumpfen! Ja, ich fürchtete mich, noch einmal eine Reise zu unternehmen, die mir so unheilvoll geworden war; ich beschönigte meine Feigheit durch die Vorspiegelung, daß ich meine Frau und mein Kind solchen Gefahren nicht aussetzen dürfe. Bald gesellte sich zu dieser Gedanken-Ausgeburt meiner unsäglichen Leiden ein anderer Beweggrund" —Georg hielt inne, es ward ihm schwer, fortzufahren. „Ich weiß, Mutter," begann er wieder, „daß ich sehr gefehit habe, aber gerade Sie sind mir am ehesten Nachsicht schuldig, da Sie, obgleich unfreiwillig, am meisten Schuld an meinem Fehltritt tragen. Jeden Tag rühmten Sie mir Paulinens Schön- ^ hcit, ihre Anmuth, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Sorgfalt, mit der sie mich pflegte, als ' ' ich nur langsam wieder zum Leben zurückkam, bis ich endlich gewahrte, daß mein Herz, das ich für alle zärtlicheren Gefühle schon erstürben glaubte, für Fräulein d'Apremont nicht unempfindlich geblieben sei. Damals hätte ich fliehen sollen, Alles machte es mir zur Pflicht: meine Ehre, mein Verhältniß zu Lucy, wie Paulinens naive Liebe, die ich nur zu leicht durchschaute. Aber ich blieb, ich unglücklicher Thor, ich hielt mich für 20 stärker, als ich war. Erinnern Sie sich, Mutter, wie sehr Sie in mich drangen, Pau- line zu heirathen, die ich schon innig liebte, Sie stellten mir diese Heirath als den höchste» Wunsch Aller vor und mein Herz war nur zu geneigt, Ihnen zu willfahren." „Die Vorwürfe meines Gewissens," fuhr Georg fort, „beschwichtigte ich damit, daß Lucy mich längst für todt halten mußte, was lag daran, daß wir noch weiter getrennt würden? Ich war fest überzeugt, daß sie nie mehr etwas von mir hören würde, da sie sehr zurückgezogen lebte, und auch ich wollte dieses Schloß nie mehr verlassen. — Lucy war auch reich, sie brauchte mein Vermögen nicht, weder für sich noch für ihr Kind. Glauben Sie jedoch nicht, daß ich mein Verbrechen beschönigen will, ich will Ihnen nur darthun, wie ich durch diese Sophismen mein Gewissen einschläferte und der schrecklichen Versuchung erlag. Sie werden wissen, wie ich noch am Vorabend der Vermählung völlig abbrechen wollte. Ich war die ganze Nacht wie unsinnig auf dem Feld herumgeirrt, die Gewissensbisse verfolgten mich, ich war mir selbst zum Abscheu, und faßte endlich den Entschluß, Alles zu gestehen. Bei den ersten Worten unterbrachen Sie mich zornig; Sie thaten daran nicht klug; Ihren Bitten hätte ich vielleicht nachgegeben, Ihre Vorwürfe bestärkten meinen Entschluß. Wir wären so Alle gerettet gewesen, da erschien Pauline. Bei ihrem cngclgleichen Lächeln, bei ihren Liebe und Glück athmenden Worten * wankte mein Vorsatz. Es schien mir grausam, dieses liebende Herz zu brechen. Ich kämpfte nicht weiter, ich schloß die Augen wie Einer, der am Rand eines Abgrundes einschläft, mit der festen Ueberzeugung, bei der ersten Bewegung hinabzustürzen. Aber welche Last ist es, um ein böses Gewissen! Wie viele ruhelose Tage und schlaflose Nächte verbrachte ich, in denen mir Lucy meinen Meineid vorwarf, wie oft hab' ich den Abgrund ermessen, in den die Wahrheit mich einst stürzen müßte! Ich weiß nicht, ob diese Strafe mir noch vorbehalten ist, aber zwanzigmal hab' ich sie schon im Geist erduldet! Doch wie haben Sie mein schreckliches Geheimniß errathen? Mutter, haben Sie die Gewissensqual auf meiner Stirne gelesen?" „Errathen? Unglücklicher! Deine Frau selbst hat mir Alles gesagt, Deine Frau, die nur auf Rache denkt." „Lucy!" rief Georg, mit Blitzesschnelle aufspringend, „Lucy ist in Frankreich, sie war hier?" „Leider, und ich, die ich von ihren Rechten nichts wußte, reizte sie noch, indem ich sie als Aveuturicre behandelte, die eine Liebelei mit Dir ausbeuten wollte. Wie konnte ich auch meinen Sohn für so strafbar halten? Du selbst mußtest es mir sagen, bis ' ich es glaubte." Georg war in einem Zustande völliger Betäubung. Lucy wußte also um seinen Verrath und wollte die Rache niemand Anderem überlassen. Diese Frau, die er einst so zärtlich geliebt, und die mit so viel Liebe an ihm gehangen, war jetzt seine erbittertste Feindin. Was sollte aus der armen Pauline werden, auf die ein Theil der Schande zurückfällt. Er ließ sich alle Einzclnhcitcn der Unterredung noch einmal erzählen, und das Verzweifelte der Lage wurde ihm immer klarer. „Womit könnte man doch diese Frau zum Schweigen bringen?" fragte endlich die Gräfin. Georg senkte den Kopf, er kannte die junge Creolin zu gut; wenn sie auch hingebend und aufopfernd war, so erwachte doch die ihrem Lande eigene Leidenschaftlichkeit, wenn sie sich in ihren Gefühlen verletzt sah, und konnte sie als Gattin und Mutter tiefer gekränkt werden? Nach dem zwischen Lucy und Frau von Vöricourt Vorgefallenen war diese nicht die geeignete Person, eine friedliche Lösung anzubahnen, sie wandte sich daher an eine Mittelsperson, deren Stand und Charakter dazu passend schien. (Fortsetzung folgt.sf Das Weihnachts - Geschenk. In weichen, weißen Flocken siel der Schnee aus schweren, grauen Wolken nieder auf die schweigende Erde, sie liebevoll einhüllend vor der starren Kälte des Winters. — Die Nacht war früh, sehr früh herabgesunken, bereits bedeckte sie mehrere Stunden mit ihrem weiten, sternlosen Mantel Stadt und Land. Neberall waren die Thürmcr beschäftigt, mit kräftigen Armen die Stränge der Glocken in Bewegung zu setzen, damit ihre eherne Stimme verkünde, daß inmitten der öden Winternacht ein reiches Frühlingsleben angebrochen, daß Weihnachten, das beseligende Fest, eingekehrt, der Stern der Liebe aufgegangen über Hütten und Paläste. Auch in der Provinzialstadt A. . . . erklang der volle Accord der Glocken von allen Thürmen, Hütten und Paläste schmückten sich verschieden und doch cinmüthig, denn überall begegnete man sich ja in einem Gefühl. Aus allen Fenstern, sie mochten verhüllt sein durch schwere Scidengardinen, geschlossen durch einfache Läden, stahl sich ein Heller, freundlicher Schimmer, der Kunde gab, daß in den Zimmern Lust und Freude herrsche, daß überall das Gcburtsfcst des Heilandes gefeiert werde, in allen Häusern ein Christbaum entzündet sei. In allen Häusern? Die Unterstube eines stattlichen, in einer der besten Straßen belegenen Hauses war behaglich erwärmt, jedem Luftzug der Einzug verwehrt durch dichte Vorhänge und Portieren. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, elegante Meubles füllten das Zimmer, duftende Blnmen auf Etageren und Blumentischen zauberten, der Winterkälte spottend, den milden Hauch des Frühlings. Die auf dem Tische brennende Lampe beleuchtete silbernes Theegeschirr; es zeugte Alles von Comfort und Wohlhabenheit; nichts aber erinnerte daran, daß heute Weihnachtsfest sei. Keine Bcscheerung war ausgebreitet, kein Tanncnbaum angezündet, denn es, war kein Kind da, das jubelnd die Gaben der Eltern empfangen hätte — das Weihnachtsfest war für die Bewohnerin dieses Zimmers kein Fest der Freude, sondern des Schmerzes. Die Frau, welche allein in jenem Zimmer am Tische saß, war noch jung, vielleicht zu Anfang der dreißiger Jahre. Gott hatte sie in dem ersten Jahre ihrer Ehe des hohen Mutterglückes gewürdigt, sie hatte ein holdes Kind an ihre Brust gedrückt; aber schon nach wenigen Wochen hatte der Herr seinen Engel wieder zu sich gerufen in die himmlische Heimat. Mit unendlichem Schmerze hatte sie das -Kind forttragen sehen, war sie zurückgeblieben in dem Hause, welches fortan still blieb — ein Nest ohne Vogel, ein Garten ohne Blumen! Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Die Gatten, welche sich unter beschränkten Verhältnissen die Hände gereicht zum Bunde für das Leben, sahen ihre irdischen Güter sich mehren, sie wurden wohlhabend, reich; sie liebten einander; aber sie waren nicht glücklich. Es war still um sie, die Räume ihres Hauses widerhallten nicht von der schönsten Musik, dem Tone fröhlicher Kinderstimmen. Er umgab seine Gattin mit allem, was das Leben verschönern kann, und sie war dankbar, machte ihn nicht zum Zeugen ihres tiefen Schmerzes, ließ ihn nicht ahnen, welche Leere sie fühlte, wenn er seinen Bcrussgeschäften nachgehend, sie einsam zurückließ in dem öden, reichgcschmückten Hause. Auch heute war er gegangen, mit dem Versprechen, ihr ein schönes WeihnachtS- Geschenk mitzubringen, und sie hatte dazu gelächelt und ihm scherzend eingeschärft, es ja nicht zu vergessen. „Er ist so gut," hatte sie dann zu sich gesagt, „er soll es nicht wissen, wie wenig Freude ich habe an diesem Luxus, diesen Kostbarkeiten, mit welchen feine Liebe mich so verschwenderisch umgibt. Ich sehne mich, ein warmes Kindcrherz an das meine zu drücken, meine Hand streckt sich aus, die kleine Hand zu erfassen, mein Ohr lauscht, ob es nicht liebliches Kindergeplauder vernehme. Ich möchte beschenken und muß mich beschenken lasten, ich möchte arbeiten und sorgen für Andere und muß für mich sorgen lasten. Ich kann keine Bcscheerung ausbreiten, keine grüne Tanne mit Lich- lern und Näschereien schmücken; es umflattern sie ja keine munteren Vögel; der Baum würde sich wundern, weßhalb man ihn seiner schönen Waldesheimat entrissen und ihn hierhergebracht, wo keine Weihnachtsfrcude." Stundenlang hatte die einsame Frau in ihren Betrachtungen gesessen, die Nacht war gekommen, der Diener hatte die Lampe angezündet, den Theetisch geordnet, sie hatte es kaum bemerkt. Jetzt erzitterte der Festgruß von den Thürmen, weckte sie aus ihrem Hinbrüten, drang in ihr Herz, wie eine Mahnung zu hoffen, daß auch ihr noch Glück beschicken sei. Tritte erschallten vor der Thür, sie öffnete sich und ihr Mann trat herein. Sorgfältig trug er ein Bündel, legte es vorsichtig auf den Tisch nieder und sagte mit seltsam bewegter Stimme: „Da bringe ich Dir ein Wcihnachts-Geschenk, das Gott mir bescheert. Ich wollte Dir einen Schmuck kaufen, den ich gestern am Schaufenster eines Juweliers gesehen; im Begriff, in den Laden zu treten, höre ich ein leises Wimmern, das aus diesem schon halb mit Schnee überdeckten Bündel kam, ich öffne es, sende darin ein fast erstarrtes Kind und eile damit hieher. Ich vergaß darüber den Schmuck zu kaufen, wirst Du mir zürnen?" Er öffnete bei diesen Worten das Bündel und die erstaunte Frau erblickte ein kleines Mädchen, ungefähr von demselben Alter, wie das ihrige war, als der Tod es von ihr gefordert. Erweckt von der Wärme, welche Plötzlich auf das von der Kälte erstarrte Gesicht einströmte, öffnete das mutterlose Kind die Augen und streckte weinend die Arme aus nach der kinderlosen Mutter. Sie nahm es aus den Armen ihres Gatten, betrachtete es lange und innig, ein warmer Quell der Liebe öffnete sich in ihrem Herzen für das hilflose Wesen und mit heißen Thränen sprach sie: „Du bringst mir ein Weihnachtsgeschenk, kostbarer als Diamanten. Du hast es gefunden; aber unser Kind dort oben, Christus, der Kinderfreund, haben es gesandt, damit Las verwaiste Kind Eltern, die verwaisten Eltern ein Kind haben. So sei es denn unser und Gott gebe seinen Segen!" „Amen," sagte der Mann und Amen klangen die Glocken, welche so eben im letzten Pulse verhallten. Obgleich ihr Dienerinnen zu Gebote standen, ließ es sich die hochbeglückte Mutter nicht nehmen, das ihr geschenkte Kleinod selbst aus den umhüllenden Tüchern zu befreien, es zu erwärmen und ihm Milch einzuflößen. In den Tüchern, welche ohne jedes Zeichen, fand sich ein Zettel, auf dem die Worte standen: „Das Kind ist getauft und heißt Marie." Es war dies das einzige sehr schwache Zeichen, welches als Anhaltepunkt für Nachforschungen über des Kindes Herkunft dienen konnte; die Adoptiv-Eltern bedurften desselben nicht; sie wollten nicht forschen und fragen, sie wollten behalten, was ihnen bescheert. Das Kind blieb das ihre. Fortan ging kein Wcihnachtsfcst wieder so still vorüber, Marie, von Jahr zu Jahr sich lieblicher entfaltend, jubelte um den Tannenbaum und erfuhr niemals, daß die, welche ihn für sie schmückten, nicht wirklich ihre Eltern, daß sie selbst ein Weihnachts-Geschenk sei. Das Jahr 1868 als Säkular-Jahr. Dasselbe ist ein solches für eine ungewöhnlich große Anzahl welthistorischer Begebenheiten. Achtzehn Jahrhunderte sind in ihm seit dem Tode des Tyrannen Nero und dem Aussterben des Cäsarischcn Geschlechts verflossen (68 n. Chr. Geb.); sechzehn nach der Stiftung der großen germanischen Völkerbünde an der Ober-Donau, der Weser und dem Ober-Rhein (268); fünfzehn seit dem Erscheinen der Ostgothen unter Her« manrich am Dnieper, und der Westgothen unter Athanarich au der Donau (368). 23 Vicrzehnhundert und fünfzig Jahre sind verflossen, seit die Westgothen (unter Wallia) zuerst in Spanien erschienen (418), und gerade vicrzehnhundert, daß sie, unter ihrem tapferen König Eurich, die Römer aus demselben gänzlich vertrieben (468). Fünzig Jahre weniger, daß Justin 4, den Thron von Konstantinopel besteigend, im Orient eine neue Kaiser-Dynastie begründete (518); und gerade dreizehn Jahrhunderte, daß Alboin, König der Langobarden, in Italien einrückte und dort die Gründung des longobardischen Reiches begann (458). 1150 Jahre sind es her, daß Winfried oder Bonifazius, der Apostel der Deutschen durch englische und irländische Missionarien unter fränkischem Schutz das Christenthum in Deutschland ausbreitete, und Prinz Pelayo zu Gijon das erste kleine christliche Reich in Spanien, Asturien geheißen, stiftete (718). Eilf Säkula verrannen im Zeiten- strome, seit Pipin's des Kurzen großer Sohn Karl der Große den Thron des Frankenreichs bestieg, und eine neue Aera in der Weltgeschichte vorbereitete (768); und gerade ein Jahrtausend, daß von den seefahrenden Normannen die Faröer- und die Shctlands-Jnseln entdeckt und im oströmischen Reiche durch Basilius I. ein neues Kaisergeschlecht, das „makedonische", zum Throne gelagte (868), den es, allerdings mit einigen Unterbrechungen, bis zum Jahre 1056 inne hielt. Achthundertfünfzig Jahre sind es her, daß der Normanne Kanuth der Große die Throne von England und Dänemark vereinigte und daß zu Jerusalem durch Hugo von Pajcns, der später so mächtige Tcmpelhcrrn-Orden gestiftet wurde. Am 30. Mai 1168, also vor sieben hundert Jahren, siegten bei Legnano die verbündeten oberitalienischen Städte über den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, und vor sechshundert Jahren legte eben dieses Kaisers Urenkel (Konradin von Schwaben) zu Neapel sein Haupt auf den Henkerblock (am 29. Oktober 1268), nachdem er zuvor (am 23. August) gegen den Usurpator Karl v. Aujou, Bruder König Ludwigs lX. (des Heiligen), der vorn Papst Klemens IV. die Belehuung mit Sizilien und Neapel erhalten hatte, die Schlacht von Tagliacozzo verloren hatte. Bon diesem blutigen, historisch hochwichtigen Tage datirt der Untergang des ruhmreichen Hauses der Hohenstausen, die Zerstückelung der beiden Herzogthümer Franken und Schwaben und der Anfang der Landeshoheit der deutschen Reichsstünde, der Landstände und des Faustrcchts. Ein halbes Jahrtausend verrann, seit Hongwu, ein Chinese von geringer Herkunft, der mongolischen Zwingherrfchaft über China ein Ende machte und, den Thron besteigend, die Myng-Dynastie begründete (1368). Vierhund ertfünfzig Jahre sind es her, daß das für das abendländische Kirchenregiment so wichtige Konzilium zu Kostniz geschloffen wurde, und daß die ersten Zigeuner in Europa erschienen (1418); vierhunderst Jahre aber, seit Mathias Corvinus den Thron Ungarns bestieg, die Portugiesen die Küste von Ober-Guinea in Afrika entdeckten. 'Gerade dreihundertfünfzig Jahre sind seit dem Auftreten Ulrich Zwingli's in Zürich und dem Reichstage zu Augsburg verflossen (1518); dreihundert aber seit der Hinrichtung der edlen niederländischen Grafen von Egmont und Hoorn und dem Tode des Don Carlos von Spanien (1568). Ein Vicrteljahrtausend verrann, seit zu Breslau der Dichter der zweiten „schlesischen" Dichtcrschulc, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, geboren ward; seit der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg, nach dem Tode des Herzogs Albrecht Friedrich, den erblichen Besitz des Hcrzogthums Preußen für sich und seine Nachkommen von der Krone Polens erhielt und damit die Herrschaft der bran- denburgischcn Hohmzollern Mx Ostpreußen begründete und so die Errichtung des Königreichs Preußen vorbereitete; sowie daß zu Prag jener entsetzliche Krieg seinen Anfang nahm, welcher durch dreißig Jahre hindurch alle Gauen Deutschlands mit Blut und Verheerung erfüllte und die Zerrissenheit des großen Vaterlandes permanent machte (1618). Zweihundert Jahre sind es her, daß Portugal von Spanien als unabhängig anerkannt, zu Aachen zwischen Frankreich (Ludwig XIV.) und den Niederlanden Frieden ge- 24 schloffen und Kanada von den Franzosen kolonisirt und Quebeck durch Champlain ge- ^ gründet wurde; sowie daß der berühmte niederländische Maler Philipp Wouvermann zu Haarlcm starb (1668). Anderthalb Säcula sind verflossen seit dem Frieden von Paffarowitz (am 21. Juli 1718), durch welchen Oesterreich zwar Temcsvar, das nördliche Serbien und die westliche Walachei gewann, Venedig aber Morca an die Türken verlor; seit der ra Stiftung der Quadrupel - Alliancc zwischen England, Frankreich, Oesterreich und Holland, gegen Spanien, am 2. August, und dem großen Seesiege der Engländer über die Spanier am sicilianischen Cap Paffaro, am 22. desselben Monats; endlich seit dem Einfall König Karl's XII. von Schweden in Norwegen und seinem rätselhaften Tode bei Friedrichshall, am 1. Dezember 1718. Gerade hundert Jahre sind verflossen seit dem Tode des Kunsthistorikers Johann Joachim Winkclmann, resp. am 1. und 18. März und 8. Juni 1848. Desgleichen seit folgenden merkwürdigen weltgeschichtlichen Begebenheiten: Seit dem Verkaufe der Insel Korsika an Frankreich (am 5. Jänner 1768); dem Erlaß der parmcsanischcn „pragmatischen Sanktion" zur Beschränkung der Macht des Papstes (16. Jänner); seit der Konföderation des polnischen Adels zu Bar, zum Behufe der Vernichtung der Rechte der polnischen Dissidenten (am 29. Februar); seit der dänischen Anerkennung Hamburgs als freie Reichsstadt (am 27. Mai); seit dem Zusammentritte des ersten nordamcrikanischen Volks-Konvcntcs zu Boston, zum Behufe der Präcisirung und Vertheidigung der Kolonien gegen die Eingriffe des englischen Mutterlandes (am 22. und 23. Juni), und endlich seit dem AuSbruche eines neuen, bis 1774 währenden, russisch-türkischen Krieges (im Oktober 1768). Ein halbes Jahrhundert endlich verrann seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Königreich Württemberg (1. Jänner 1818); seit dem Tode König Karl'S XIII. von Schweden und der Thronbesteigung Bcrnadotte's als „Karl XIV." (am 5. Februar); seit der Begründung der Freiheit Chile's durch den Sieg des chilenischen Generals St. ^ Martin über die Spanier (am 5. April); seit der Eröffnung des ersten polnischen Reichstages durch Alexander I. (am 27. April); seit der Emanation des Königreichs Bayern und des Großhcrzogthums Baden, resp. am 26. Mai und 22. August; seit dem Erlaß einer Synodal-Verfassung in Preußen (am 29. August); seit dem Zusammentritte des wichtigen europäischen Monarchen- und Minister-Kongresses zu Aachen (am 9. Oktober bis 15. November); und endlich seit der Aufhebung der Universitäten Erfurt, Münster, Duisburg und Padcrborn und dagegen Stiftung der Universität zu Bonn (letztere am 18. Oktober 1818); sowie endlich seit der Aussendung der größcrn britischen Expedition zur Erforschung der Nordpol-Regionen und einer nördlichen Durchfahrt von dem Stillen nach dem Eismeer. (Obstraupenvertilgung.) Die Amerikaner binden an eine Stange einen Lappen, tauchen diesen in Erdöl und berühren damit diz Raupcnncstcr, wodurch die Raupen angeblich getödtct werden. Versuche wären zn empfehlen. (Heupressen.) Ein Landwirth mit nur irgend erheblichem Wiesenbesitz sollte eine Heupresse haben, mittelst welcher er sein Heu ein ganzes Jahr hindurch in gleicher Ernährungskraft erhalten, in einem viel kleineren Raume aufbewahren und jede Verschleppung desselben schnell entdecken könnte. _ ^Mein Liebling ist Jelängerjelieber," sagte ein Landgeistlicher zu dem Schulzen, den er im Pfarrgarten herumführte. Der alte Treuherz cntgegnete: „Das spürt man in Ihren Predigten." Druck, »erlua u»d «kdaltio» d«S Uterarilcheu Institut« »ou vr. W. HuMcr. Nr. 4 . 20. Januar 1868. Angsburgee Wer eine große Seele hat, trägt die Sanftmuth auf dem Gesicht. Herder. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VI. Lucy war vom Schlöffe Vöricourt in der äußersten Aufregung zurück gekommen. In ihrer Liebe wie in ihrem Stolz bitter gekränkt, war ihr nichts erspart geblieben, was ihren Zorn nähren konnte. „Er hat nicht einmal mit seiner Mutter von mir gesprochen," sagte sie bei sich selbst; „vielleicht dachte er schon an falschen Verrath, während er mir von seinem Schmerz über die unvermeidliche Trennung redete. Und die, die mich so mit Schmach überhäuften, kann ich jetzt mit einem Wort zu Grunde richten — oh, sie sollen mir meine Thränen theuer bezahlen." Wie bei allen nervösen Frauen, die im Augenblick der Aufregung oft eine ungewöhnliche Kraft zeigen, folgte derselben bald eine völlige Abspannung. Auf die theil- ^ nehmenden Fragen Mela's machte sie eine abwehrende Bewegung, sie fühlte ein unabweisbares Bedürfniß nach Ruhe und sank bald in einen Lehnstuhl, wo man sie hätte schlafend glauben können; ohne die convulsivischen Zuckungen, die ihren Körper von Zeit zu Zeit erschütterten. Der kleine Georg spielte im Nebenzimmer, um die Mutter nicht zu stören, da ertönte die Stimme der Frau Goulard: „Ja wohl, die gnädige Frau ist zu Hause, kommen Sie nur mit mir." In demselben Augenblick öffnete sie die Thüre und ein Greis, dessen Kleidung einen Geistlichen verrieth, trat in's Zimmer. „Herr Bcauprs, unser Pfarrer, möchte gerne mit Ihnen sprechen, gnädige Frau." Lucy verneigte sich kalt. Nachdem die Wirthin, wiewohl ungerne, sich zurückgezogen hatte, begann der Pfarrer: „Wenn ich mich in die unglückliche Geschichte mische, die mich hieher führt, so geschieht dies auf dringendes Bitten der Gräfin V6ricourt, in deren Haus ich seit dreißig Jahren ein - und ausgehe." Die Crcolin machte abermals eine stumme Verbeugung. „Vor Allem," fuhr der Pfarrer fort, „drücke ich Ihnen das aufrichtige Bedauern der Gräfin aus, wenn sie im Verlaufe Ihrer Unterredung einen verletzenden Ausdruck gebraucht hat." „„Ich bin der Frau Gräfin für diese Rücksicht sehr verbunden, obwohl ich vermuthe, welchem Beweggrund sie entspringt."" „Und jetzt wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie zu thun gedenken." „„Das kann Ihnen die Gräfin sagen, sie weiß es von mir selbst."" „O nein, es ist nicht möglich, daß Sie ein solches Vorhaben ausführen, Sie sagten nur so in der ersten Aufwallung eines gerechten Zornes, Ihr Herz mißbilligt es gewiß schon jetzt." O 26 „»Da haben Sie sich von meinem Herzen eine viel zu Vortheilhafte Meinung gemacht. Nein, nein, ich bekenne meine schlimme Natur, ich kann nicht Böses mit Gutem vergelten." " „Der unglückliche Georg hat schwer gegen Sie gefehlt, aber bedenken Sie die Folgen einer solchen Bekanntmachung. Ziehen Sie als Frau und Christin nicht ein großmüthiges Verzeihen vor?" „„Und meine Pflichten als Gattin und Mutter, soll ich die bei Seite setzen? — Soll ein Mann die Existenz einer vordem so glücklichen Fran ohne Gewissensbisse vernichten, soll er der heiligsten Bande spotten können, soll die Verzeihung seines Opfers ihm noch Straflosigkeit zusichern? Das hieße Gesetz und Moral umgehen."" „Glauben Sie ja nicht," fuhr der Pfarrer fort, „daß Georg ohne Gewissensbisse ein so verdammenswerthcs Verbrechen begangen hat." „„Oh,"" sagte Luch bitter, „„nur kommen sie zn spät, wie das Bedauern seiner Mutter."" „Wenn die Strafe den Schuldigen allein träfe", entgegnete Herr BeauprS traurig, „würde ich keine weiteren Vorstellungen wagen, aber die Schande füllt auf eine ganze Familie zurück, deren Namen stets geachtet war." „„Ich kann für diesen Namen keine Rücksichten haben, die Herr VSricourt selbst nicht gehabt hat."" „Aber es ist auch der Name Ihres Sohnes." „„Die Schmach wird nicht auf ihn fallen; sobald meine Heirath bekannt ist, verlasse ich dieses Land für immer."" „Ueberdieß," sagte Herr Beauprtz säst schüchtern, „bereiten Sie einer andern ganz schuldlosen Frau ein elendes Loos." „„Zögen Sie vor, daß sie an die Giltigkeit dieser scandalösen Ehe fortglaubte?"" „Von heute an," erwiderte der Priester ernst, „ist zwischen Herrn Vüricourt und Fräulein d'Apremont eine ewige Scheidewand. Aber nachdem sie die Nothwendigkeit der Trennung erkannt, lassen Sie ihr wenigstens den unwissentlichen Fehler beweinen, ohne daß die Blicke der bösen Welt auf sie gerichtet sind." „„Fräulein dÄpremont,"" sagte die Crcolin bitter, „„mag hierin handeln, wie ihr Gewissen ihr vorschreibt, es steht mir kein Recht zu, sie zu leiten."" „Aber Sie müssen doch zugeben, daß sie kein solches Loos verdient hat." „„Oh sie, sie ist geliebt,"" rief Luch, ihr Gesicht in beide Hände verbergend. Das war jener Seelenschrei, der unsere innersten Gedanken verräth. Aber sogleich über ihre Schwäche erröthend, fügte sie bei: „„Ich bin selbst so unglücklich, mein Herr, daß mir kein Mitgefühl für das Unglück Anderer bleibt. Wenn Sie wüßten, welche Qualen mein Herz gelitten! Seit länger als einem Jahr beweinte ich den Tod meines Gatten, da hörte ich, daß Georg nicht nur am Leben, sondern im Begriff sei, eine neue Ehe einzugehen. Anfangs glaubte ich an eine Verwechslung, als ich aber nicht mehr zweifeln konnte, daß er dem Schiffbruch entkommen, verwarf ich wenigstens den Gedanken an eine Heirath als eine Verläumdung, mein Herz empörte sich, daran zu glauben. — Selbst sein Schweigen suchte ich zu entschuldigen, und hoffte jeden Tag ihn zurückkehren zu sehen. Endlich konnte ich diese Marter nicht länger ertragen, trotz der Bitten meiner Freunde und der Gefahren der Reise während der Kriegszeit, reiste ich ab, ich mußte Gewißheit haben. Vielleicht, dachte ich, komme ich im schlimmsten Falle noch rechtzeitig genug, ein Verbrechen zu verhindern. Aber kaum angekommen, höre ich, daß er verhei- rathel ist, vcrheirathet seit einem Jahr, während ich noch seinen Tod beweinte! Und man wage es jetzt, mir von Mitleid, von Vergessen, von Verzeihen zu sprechen. Nein, Herr, ich habe zu viel gelitten, und leide noch schrecklich."" Mit diesen Worten sank sie in einen Lehnstnhl und brach in Schluchzen aus. — Der würdige Priester war tief erschüttert; er versuchte es, den einzigen Trost zu spenden. 27 den seine Stellung erlaubte: die Hinweisung auf eine bessere Welt. Aber Lucy's Seele war zu sehr von Bitterkeit erfüllt, nur ergebenen Gemüthern kann man von der himmlischen Vergeltung sprechen, sie wollte Rache. Jetzt versuchte er nur noch, Georg weniger strafbar erscheinen zu lassen. „Hören Sie wenigstens, durch welchen Zusammenfluß unseliger Umstände Ihr Gemahl so weit kam: Seit vierzehn Tagen hatte Georg Ihr Land verlassen, als ein furchtbarer Sturm losbrach, das Schiff „Heinrich" konnte bald nicht länger gegen die Elemente kämpfen, und die Mannschaft sah ihrem Untergang uni so gewisser entgegen, als das Schiff anfing, von allen Seiten Wasser zu schöpfen und ein Versinken unvermeidlich war. Einige Unglückliche, darunter auch Ihr Gatte, suchten durch Schwimmen die nahe Küste zu erreichen; von zwölfen gelang es nur zweien, die andern fanden ihr Grab in den Wellen. O gnädige Frau, hätten Sie Georg die Schilderung seiner Leiden machen hören! alle Uebel schienen in dieser Filiale der Hölle vereinigt zu sein, und dort mußte er Wochen, Monate zubringen. Solche Qualen hätten den Stärksten niedergedrückt, wie viel mehr einen Mann, dem Entbehrungen neu waren. Als daher nach sechs Monaten unsäglicher Leiden Herr von Vsricourt zurückkam, erkannte ihn seine eigene Mutter nicht." Luch war bewegt. Der Pfarrer fügte noch Alles bei, was Georg seiner Mutter zu seiner Entschuldigung gesagt hatte; einen Augenblick gab er sich der Hoffnung hin, die Sache seines Clienten gewonnen zu haben, als er aber den Namen Pauline d'Apre- mont ausgesprochen, erwachte all' ihr Haß wieder und er konnte weiter nichts erreichen, als das Versprechen, vor drei Tagen keinen entscheidenden-Schritt zn thun. VII. Trotz der vorgerückten Tageszeit begab sich Herr Beauprö wieder nach Schloß Vsricourt, um seine Freunde von dem freilich nur sehr geringen Erfolg seines Besuches in Kenntniß zu setzen. Es war ihm bei seiner tiefen Mcnschcnkcnntniß leicht gewesen, zu errathen, daß Luch ihren Gemahl noch immer liebe, aber er nahm sich vor, das Geheimniß vor Georg sorgfältig zn bewahren, denn Hoffnungen an diese noch bestehende Neigung zu knüpfen, wäre thöricht gewesen, ihr Entschluß sich zu rächen, stand zu fest, und das bittere Gefühl verschmähter Liebe machte ihn vielleicht um so unerschütterlicher. — Als er auf dem Schlöffe ankam, war es fast Nacht, die erste Person, die ihm entgegen kam, war Pauline. „Ach, lieber Herr Beauprs," sagte sie, „wie froh bin ich, daß Sie kommen, vielleicht können Sie mir erklären, was hier vorgeht; die Mama ist unwohl und will sich nicht von mir pflegen lassen; Georg hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und will mich nicht sehen. Es muß irgend eine unangenehme Nachricht eingetroffen sein, aber warum theilen sie mir dieselbe nicht auch mit, soll ich nicht Theil an ihren Sorgen haben?" Als der Greis in trübem Schweigen verharrte, fuhr Pauline fort: „Georg hat allerdings schon öfter solche Anfälle von Melancholie gehabt, es war dies bis jetzt mein einziger Kummer, aber dann war immer die Mauia um so liebenswürdiger mit mir, während heute auch sie mich zurückstößt. Ich kann mich doch nicht erinnern, Veranlassung dazu gegeben zu haben." „Ich werde ausführlicher mit Ihnen reden müssen, mein Kind," sagte endlich der Pfarrer, „und bitte Sie daher, morgen früh zu mir zu kommen." „So hab' ich also doch gefehlt," fragte sie ängstlich. „Niemand ist ohne Fehler, deßhalb müssen wir lie Prüfungen, die Gott uns schickt, mit Ergebung tragen. Aber fragen sie mich jetzt nicht weiter, ich kann Ihnen im Augenblick nur so viel sagen, daß weder Georg noch seine Mutter Ihnen zürnen." 28 Pauline beruhigte sich bei dieser Versicherung und der Pfarrer begab sich zur Gräfin und ihrem Sohn. „Nun, wie stehts," fragten Beide zugleich in größter Spannung, „was haben Sie ausgerichtet?" „Nichts als einen Aufschub von drei Tagen." „Also keine Hoffnung, dieses unglückliche Weib zu rühren!" rief die Gräfin. Nach einigem Schweigen setzte sie hinzu: „Wäre es nicht möglich, die Ehe für ungültig erklären zu lassen, vielleicht wegen irgend eines Formfehlers?" „Wenn Sie solche Dinge beabsichtigen, so suchen Sie anderswo Rath, gnädige Frau," erwiderte der Pfarrer streng, „ich habe mich wohl zum Anwalt für den Schuldigen aufgeworfen, aber ich werde die Hand nicht dazu bieten, sein Opfer zu unterdrücken. Diese Frau hat heilige Rechte und schon der Versuch, sie ihr zu rauben, wäre eine Infamie." „Meine Heirath mit Luch hat in aller Form Rechtens stattgefunden," sagte Georg, „und was auch kommen mag, ich will mich auf solche Weise demselben nicht entziehen." „Aber was können wir denn anders thun?" „Gott bitten, Gräfin, daß er das Herz der schwergekränkten Frau rühre. Für jetzt bleibt mir noch eine schwere Pflicht zu erfüllen. Fräulein d'Aprcmont von ihrem Unglück zu unterrichten." „Oh, noch nicht, jetzt noch nicht!" rief der Graf schmerzlich. „Warum sollte ich zögern?" erwiderte der Priester, „muß sie nicht die unselige Wahrheit erfahren? Außerdem gebieten mir die Verpflichtungen meines AmteS, dieß ohne Aufschub zu thun, ich kann nicht zugeben, daß diese reine Seele ein von nun »n strafbares Gefühl beflecke. Ueberdieß verlangt sie von mir Aufschluß über das, was hier vorgeht, und so hart auch der Schlag sein mag, so hoffe ich, er soll sein Heilmittel in sich tragen." „O ja," sagte der Graf höchst aufgeregt, „Sie werden Alles thun, ihr Herz von mir abzuwenden." „Ich hoffe, es soll dies keine große Anstrengung kosten, Fräulein d'Aprcmont wird selbst fühlen, daß Sie ihrer Liebe unwürdig sind." „Mein Herr, mißbrauchen Sie meine unselige Lage nicht!" „Nein," entgegnete der Priester mit Würde, „ich habe lange meinen Unwillen niedergehalten, aber endlich fließt er über. Wie, in dem Augenblick, wo Sie mit blutigen Thränen das elende Loos beweinen sollten, das Sie zwei unschuldigen Frauen bereitet haben, wagen Sie es, zu bedauern, daß wenigstens die Eine minder unglücklich ist, indem sie Ihnen ihre Liebe entzieht?" Bei diesem Vorwurf senkte der Gräf beschämt das Haupt. „Ich fühle ja mein Unrecht," sagte er niedergeschlagen, „aber Sie kennen das Gefühl nicht, dessen Einfluß mich so ganz beherrschte." „Wenn es einen so verdammenswürdigen üben kann, so danke ich Gott aus ganzem Herzen dafür," sagte Herr Beauprs. Dann wandte er sich zur Gräfin und fuhr fort: „Ich laste Fräulein d'Aprcmont noch eine Zeit lang unter Ihrem Dach, weil ich die Nothwendigkeit einsehe, alles Aufsehen zu vermeiden; denn trotz meiner geringen Hoffnungen will ich doch noch alles versuchen, ein Aergerniß zu verhindern." Der Pfarrer ging und ließ die Gräfin und ihren Sohn in einer Unruhe zurück, die an Verzweiflung gränzte. (Fortsetzung folgt.) 29 Max kehrt wieder! And'rer Schmuck zur letzten Ehre Sei der Kranz der Lorbecrrciser -- Eine wchmuthstrübc Zähre Weinet um den todten Kaiser! Wo ist Einer, dem nicht schwer Heut' das Herz im Jammer bebte Ob der blut'gen Wiederkehr Dessen, der vergebens strebte? O, des Purpurs schweres Rauschen Lockte wie Sirenensünge; Seinem Kaiscrtraum ru lauschen Mied er gern das Hofgeprängc; Doch die Träume täuschten ihn Und es ward das scgeusbarc Diadem ein Scheingewiun An der Bucht zu Miramarc! Als vom heimathlichen Sterne Er, ein Meteor, geschieden, Fand in transatlant'schcr Ferne Max nur einen blut'gen Frieden, Haschte von des Purpurs Gluth Nur mehr einen matten Funken, Bis an seinem Kaiserblut Sich die Geier satt getrunken. Wien, 18. Jan. 1868. Laßt uns seine Bahre zimmern, Wer wird uns die Thräne wehren, Denn ihr Glänzen uud ihr Schimmern Soll den todten Helden ehren! Eine Thräne, jammerblcich. Legt nun als die schönste Gabe, Tief erschüttert, Oesterreich Nieder auf des Kaisers Grabe! Nur die Asche kehrte wieder, Aus der Mörder Hand gerettet, Und die blut'gen Kaiscrgliedcr Sind in unsrer Gruft gebettet! Laßt zu einer Krone reihen Jene Perlen, jene feuchten, Laßt unS ihm die Thränen weihen. Daß sie bis in's Jenseits leuchten. Daß ihn auf der Todtcnbahrc Dreifach hier die Kroucnspangcn: Martcrkronc, Reichstiarc Und der Thräncnkranz umfangen; Beugte ihn das Diadem, Statt ihn kaiserlich zu schmücken — Wird der Wehmuth Kron-Eblcm Sanft den todten Kaiser drücken! des Kaisers Maximilian.) (Zur Beisetzung Ein Nachtstück, nach der Natur gezeichnet. Am Ende eines Dorfes in Ostpreußen steht ein kleines, niedriges, einsames Haus aus Holz, wie es die Losleutc fast immer bewohnen, wie überhaupt die mchrsten Bauernhäuser wenig anders gebaut sind. Vier Zimmer mit einem kleinen Fenster und je einer fast dunkeln Kammer daran, in der Mitte des Hauses der weite Schornstein mit Durchgang, zwei kleine Hausflure mit Leitern nach dem Boden, das ist der ganze Grundriß des Hauses, mit getrennten Wohnungen für vier und mehr Familien; denn selten bewohnt Eine ein Zimmer mit Kammer allein. Nur besonders Glückliche können die Miethe von 7 bis 10 Thalern für eine solche Wohnung allein erschwingen. Der Stakelzaun vor dem Häuschen, der im Sommer das winzig kleine Gürtchen schützte, ist längst verbrannt. Wir arbeiten uns durch den hohen, losen Schnee. Die eingeklinkte Hausthür öffnet sich schwer, da eingestühmte Schnccmassen ein Hinderniß bieten. Leise treten wir in die Stube rechts, die eine bis zum Herbste gut gestellte Losmannsfamilie allein bewohnt. Ein Schnee- streifen hat noch durch die Ritzen der Stubenthür den Eingang gefunden, und zeichnet auf dem Lehmcstrich einen weißen Strich. Die gcweißtcu Wände sind mit Eiskristallen bedeckt, das Fenster so dicht befroren, daß im Zimmerchen nur ein Halbdunkel herrscht. Der Kamin zum Kochen an der Wand am Schornsteine hat keine Thüren mehr; sie sind verbrannt. Lange nicht benutzt, ist er voll Stroh gestopft, um dem Winde und dem Schnee den Eingang zu wehren. Am Tische rechts in der Ecke sitzt ein junges, eingehülltes Weib, gedankenlos, mit den Händen einen Zipfel ihres Tuches über ein kleines 30 Mädchen deckend, welches die Füßchen auf die Klumpen gestellt, sich in ihren Schooß geworfen. Auf der Ofenbank, am eiskalten Ofen, liegt aus Gewohnheit ein schlafender Knabe, mit einem zerrissenen Sacke bedeckt. Von dem dürftigen Bette links in der Ecke, welches die ganze Familie aufnehmen muß, wollen wir schweigen. Es ist nicht in Ordnung gebracht. Wahrscheinlich hat las kleine Mädchen, die Wärme in demselben suchend, es nur eben verlassen, um von der Mutter Brod zu verlangen. Unter dem Bette gähnt schwarz ein viereckiges tiefes Loch. Zur Aufnahme von Kartoffeln bestimmt, blieb es dieses Jahr leer, und der Holzdeckel desselben ist längst verbrannt. Die kleine Blechlampe auf dem Ofen ist bestäubt und befrorcn, da lange schon kein Oel da war, die Abende zu erhellen. Eine peinliche Stille herrscht in dem Zimmer, nur von dem leisen Weinen des kleinen, hungrigen Mädchens unterbrochen, von dem Knistern der Scheiben, die der Frost sprengt. Unter schweren, langsamen Schritten hört man draußen den Schnee knarren. — Die Frau lauscht. „Marickc, weine nicht, der Vater kommt; er bringt Geld und Brod, er war ja schon acht Tage auf Arbeit aus." Der Vater tritt ein, eine große, kräftige, aber von Elend und Ermüdung gebeugte Gestalt. Die Klumpest, ja die über die Beinkleider gezogenen wollenen Socken voll Schnee, den langen Stock mit der Eiscnspitzc in der Hand, den Reise- oder jetzt besser Bettelsack auf dem Rücken, die Pelzmütze mit einem Tuche gegen den Schncesturm festgebunden. Die Augen der Frau sind fragend auf ihn gerichtet. Stumm nickt er mit dem Kopfe und legt eine Krähe und einige kleine Vogel auf den Tisch. „Sie sind erfroren, koche sie." — „Womit? Ich habe kein Holz, an Salz nicht zu denken." „Borge bei den Nachbarcn." „Hat keiner. Die Nachbaren auf der anderen Seite sind seit Tagen fort betteln; der Nachbar nebenan erkrankte in der Stadt und starb im Lazareth." „Es ist hier so kalt als draußen; holtest Du oder der Junge kein Sprock?" — „Der Schnee ist zu tief; wir kamen seit Tagen nicht mehr durch. Beim letzte« Gange hat sich Karl, dort liegt er, die Füße abgefroren." Eine traurige Pause trat ein, dann fragte die Frau: „Vater, Du warst auf Arbeit an der Eisenbahn; bringst Du kein Geld mit?" „Man schickte mich von der Stadt auf die nächste Station; ein schwerer Marsch mit hungrigem Magen; und von da — nach Hause, da keine Karren da wären." „Und gingst Du nicht zur Narpe-Entwässcrung, Vater?" „Da habe ich gearbeitet, schwer gearbeitet, uud erhielt fünf Silbergroschcn den Tag. Davon wurde ich allein bei den theuren Preisen nicht satt; vielweniger war für Euch beizulegen. Da ging ich fort und -- bettelte mich nach Hause." „Vater, wir — mußten es auch, um nicht zu verhungern; jetzt ist der Schnee zn tief, wir zu schwach. Seit zwei Tagen kommen wir nicht mehr fort. Jetzt — hungern wir. Suchtest Du aber nicht bei Bauern zu dreschen? Die hätten Dir doch das Essen und für uns 1 Sgr und 4 Ps. gegeben?" „Habe versucht, Mutter; aber cS hat beinahe keiner mehr zu dreschen, die Scheunen sind leer." — „Vater, der Exekutor war hier wegen rückständiger Klassensteuer. Er fand nichts zu nehmen. Vater, was thun wir, damit die Kinder und wir nicht verhungern?- Ich hörte einmal von 600,000 Thalern Unterstützungs - Geldern, die bei der Regierung liegen sollen." — „Mutter, ich hörte auch, aber jetzt ist's stille davon. Wenn's das Wetter erlaubt, gehen wir Alle betteln. Die Kraft ist erschöpft; arbeiten kann ich auch nicht mehr, wenn's selbst Arbeit gäbe." 31 „Vater, ehe es dahin kommen nmß, — warst Du bei dem großen benachbarten Grundbesitzer nach Arbeit?" — „Ach Gott ja, aber er hat ja keine; kaum Getreide genug, um seinen eigenen Leuten Deputat geben zu können. Da bekam ich das Brod" er nimmt es aus dem Bettelsack — „es ist gefroren, aber eßt; ich aß dort warme Suppe, ich halte schon eine Weile aus. — Der Bettelstab ist eine schwere Arbeit. - Und nur auf den Gütern gibt's noch Essen und Brod. Die Bauern haben selbst nichts. Sie haben die Höfe geschlossen, um nicht die Notleidenden mit Worten abweisen zu mr ssen." — Die Familie versank in düsteres Schweigen, in Gedanken au den Bettelstab. -s- * Ein trauriges Bild aus dem Leben! Nicht ein bestimmtes Bild, aber 30,000 bis 40,000 solcher oder ähnlicher Scenen spielen jetzt leider ungefähr täglich im Regierungs- Bezirk Gumbinnen allein!!! Helft!!! Napoleon 8. in Orgon. „Da könnt ihr ihn noch sehen Den alten, stolzen Aar, Da seht ihr ihn noch stehen, Der Herr der Erde war. „Sie haben ihn verstoßen. Besiegt von deutscher Macht, Ihn, der so vielen Großen Demüthigung gebracht." So hört man Viele sagen, Die ihn gefangen sah'n Nach solchen Siegestagen, Nach solcher Siegesbahn. Erblaßt sind seine Wangen, Das stolze Haupt gebeugt. Man sieht nicht Sterne prangen, Die einst die Brust gezeigt. Er hört die Weiber höhnen: „Verflucht! du Bluttyran! Du spielst mit unsern Söhnen, Ihr Blut in Strömen rann." Die Faust geballt umdrängen Selbst Greise sein Gefährt: „Du ließest Länder sengen, Die deine Hand verheert. Wir mußten alle darben Am harten Bettelstab. Und uns're Söhne starben: Du grubst ihr frühes Grab." Indem die Menge höhnet. Zu seinem Spott vereint: Vor Schmerz der Kaiser stöhnet —7 Der große Kaiser — weint! - ll. X. «. *) Es ist historisches Faktum, daß Napoleon l. bei seiner Abführung nach Elba, als er das Städtchen Orgon passirte und von der Menge ans's Gröbste insnltirt wurde, Thräne» vergossen hat nnd nur durch die begleitenden Offiziere vor wettern Exzessen des Pöbels bewahrt blieb. (Dichter nnd Schuster.) Zur Zeit des Königs Jakob l. von Mayorka lebte in Perpignan ein berühmter Troubadour, dessen Lieder weit und breit bekannt waren; besonders galt ein Lied, zu dem er auch eine reizende Musik geschrieben hatte, als ein Meisterwerk. Die ganze Stadt kannte es, und wo man hinkam, hörte man nichts, als dieses Liebchen, was natürlich den Dichter mit großer Freude erfüllte. Als er eines Tages durch die Straßen ritt, vernahm er einen gräßlichen Gesang, der sein Ohr malträtirte. Es war ein Schuster, der so gräulich sang, und das Lied, das er so verstümmelte, war das bekannte Meisterwerk des Troubadours. Dieser stieg vom Pferde, setzte sich zu dem Schuster und bemühte sich, ihm einen bessern Ton beizubringen. Doch vergebens! ! 32 Der Schuster kümmerte sich wenig um die guten Lehren des Troubadours und verballhornte das Lied nach wie vor. Der Troubadour wurde hierüber zornig, zerriß wüthend ein Paar Schuhe, die der Schuster zum Verkaufe ausgehängt hatte, setzte sich zu Pferde und ritt eiligst davon. Hierüber entstand ein Prozeß. Der Schuster verklagte den Sänger vor dem Könige, der diesen vor sich citiren ließ Der Sänger war weil entfernt, seine That zu läugnen, sondern meinte, er habe nur Repressalien geübt. „Ist es wahr," sagte er, „daß ich der Verfasser dieses Liedes bin, und daß die ganze Stadt es nachsingt? Gut denn; nun seht, dieser Mensch hier hat sich vorgenommen, mein Lied gräßlich verstümmelt zu Gehör zu bringen; zum Beweise möge er es hier vortragen, und der König mag entscheiden, ob ich Unrecht habe." Der Schuster erhielt Befehl, das Lied zu singen. Das ganze Auditorium, der König mitinbcgriffeu, brach in ein lautes Gelächter aus über die wahrhaft höllischen Töne, die der Schuster ausstieß, und der König entschied, daß der Dichter die mitgenommenen Schuhe zu bezahlen habe, zugleich aber verbot er dem Schuster, je wieder das besagte Lied zu singen, „denn," begründete der König das Urtheil, „das Lied des Troubadours ist die Frucht seiner Wachen, und wollt Ihr nicht, daß er Eure Arbeit beschädige, so dürft Ihr auch nicht die scinige verstümmeln. Lasset ihn in Frieden, und ich verbiete ihm, Euch je wieder zu belästigen." Kläger und Geklagter waren mit diesem Urtheile einverstanden und entfernten sich zufrieden aus dem Saale. (Nur ein Hund!) Die „WienerVorstadt-Ztg." läßt sich aus Mödling vom 4. ds. nachstehende Geschichte schreiben, welche wohl würdig ist, in die nächste Auflage vonBrehm's „Thierleben" aufgenommen zu werden: „Im Dorfe N. lebte seit einiger Zeit ein junger, hübscher und in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen stehender Gutsbesitzer auf seiner eigenen Realität, der hier und in Wien in größter Achtung stand. Schon seit einiger Zeit bemerkte man Tieffinnigkcit an ihm so oft er aus Wien kam, und doch fuhr er am nächsten Tag nach seiner Ankunft von Wien wieder dorthin zurück. Niemand konnte in Erfahrung bringen, was die Ursache seiner Fahrten und seiner Traurigkeit war. Gestern Früh fuhr Hr. W. wieder nach Wien und kehrte Abends nach 11 Uhr mit seinem Viergespann nach Hause zurück. Hier angelangt, warf er dem Kutscher die Zügel und eine Fünfgulden-Note zu und sagte: „Die vier Pferde sind dein Eigenthum, lebe wohl!" — pfiff seinem Hund und ging in sein Zimmer. Der Kutscher, nichts Gutes ahnend, rief den anderen Stallburschen und folgte eiligst seinem Herrn. Als er im Vorzimmer anlangte, hörte er einen Schuß fallen — er trat in das Zimmer seines Herrn. Dieser saß bleich und verwirrt, eine Pistole in der Hand haltend, auf dem Sessel und starrte eine in ganz kleine Theile zerschnittene Photographie an. Der Schuß hatte seinem Kopfe gegolten, allein in eben dem Moment, als Hr. W. die Mündung der Pistole an die Stirne gesetzt hatte, um loszudrücken, war der treue Hund an ihn hinangesprungen, hatte die rechte Hand gefaßt — und der Schuß ging, statt in den Kopf des Unglücklichen, durch's Fenster in's Freie. Als der Diener eintrat, stand der Hund noch neben seinem Herrn und hielt die Hand mit der Pistole fest in seinem Munde, die er auch nicht losließ, bis der Diener diesem die Pistole aus der Hand genommen hatte. Dann sprang er freudig bellend im Zimmer auf und ab. Hr. W. liegt nun schwer erkrankt danieder". Jemand hatte in ein Fremdenbuch geschrieben: „Ich liebe bei allen Sachen den Kern." — Ein Anderer schrieb darunter: „Mit Dir ist gut Kirschen essen!" Auflösung der Charade in Nro. 2: ^ ___„Geizhals." _ Druck, Aerlaa und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. S. 2. Februar ^1863 Angsbnrger Thu nnr das Rechte in deinen Sachen, Das Andre wird sich von selber machen. Göth e. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VIII. Äm andern Tag begab sich Pantine in aller Frühe zu der besprochenen Unter» redung in die Wohnung des Pfarrers. „Mein Kind," sagte dieser ernst, „ich habe Sie hiehcr kommen lassen, um ungestört mit Ihnen sprechen zu können. Ich kenne Ihre Scelenstärke, die nicht in eitler Philosophie, sondern in der Demuth des Herzens ihren Grund hat; so hören Sie denn, welche Prüfung Gott Ihnen auferlegt." „Sie wollten mir von Georg sprechen," unterbrach ihn Pauline angstvoll, „liebt er mich etwa nicht mehr?" „Im Gegentheil, Sie müssen an diese Liebe nicht anders mehr denken, als um für ihn die Verzeihung des Himmels zu erflehen." „Was sagen Sie da! — Wie können Sie einer Frau die Liebe zu ihrem Gatten verbieten!" „Wenn Sie aber erfahren, daß er durch ein Verbrechen sich Ihrer Liebe unwürdig gemacht hat." „Ich würde nicht daran glauben/" „Aber wenn man Ihnen die Beweise lieferte?" „So würde ich," sagte die junge Frau in steigender Aufregung," mit ihm weinen und beten, denn dann bedürfte er meiner Liebe um so mehr." „Wie aber, wenn gerade auf Sie die Folgen des Fehlers zurückfielen, wenn er Ihnen die traurigste Ansnahmsstellung damit bereitet hätte?" „Es ist immer besser, ich bin die Beleidigte, denn nirgends kann er mehr Nachsicht finden." Das war es nicht, was der Pfarrer erreichen wollte, denn in dem Augenblick war eS ihm nicht darum zu thun, Verzeihen von Beleidigungen einzuschärfen. Er erwiderte daher: „Wenn wir auch den Schuldigen nicht hasten sollen, so müssen wir doch die -Schuld verabscheuen und das Mitleid nicht in strafbare Schwäche ausarten lasten." „Um des Himmels willen, so reden Sie doch, ich höre." „Nun, arme Frau, Herr Vericourt hat Sie betrogen." „Er liebt eine Andere?" rief Pauline. „Er war nicht frei, Ihre Hand anzunehmen; während seines Aufenthaltes in den Antillen hat er eine andere Verbindung eingegangen." Pauline begriff den ganzen Ernst der Anklage noch nicht „Oh, das war sehr Unrecht!" sagte sie. „Wie muß das arme Mädchen gcltten haben, sich in ihrer Neigung getäuscht zu sehen. Aber Sie sagten, gegen mich habe Georg gefehlt, ich finde, daß die verlassene Fremde sich am meisten zu beklagen hat." 34 „Armes Kind," entgegnete der Greis ganz ergriffen bei dem letzten Schlag, den er führen mußte, „sie hat freilich das Recht, sich zu beklagen, denn das Band, das Herr von Väricourt geknüpft, ist nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen geheiligt. — Mögen alle himmlischen Mächte Ihnen beistchen: — Der Graf ist ihr Gemahl!" Ein erdrückter Schrei entwand sich Paulinens Brust, sie sank in den Stuhl zurück, und war nahe daran, die Besinnung zu verlieren; ihre Augen erweiterten sich übermäßig und ein convulsivisches Zittern befiel sie. „Muth, Muth, meine Tochter," sagte der Pfarrer, „mit Gottes Hilfe werden Sie diesen Schmerz überwinden, die Wunde wird vernarben." Nach der ersten schmerzlichen Betäubung begann Pauline: „Aber Georg ist ja verloren, wenn die Wahrheit an den Tag kömmt!" Herr Beauprö mußte dieses edle Selbstvergessen bewundern, die dem Opfer vor Allem die Gefahr für den Schuldigen in Erinnerung brachte, ohne an das eigene für immer verlorene Glück zu denken; dann sagte er tief betrübt: „Leider ist es nur zu wahr, der Augenblick der Strafe ist für den Grafen gekommen: seine verlassene Frau ist mit ihrem Kinde hier angekommen und will ihre Rechte geltend machen." „Aber das wäre ja Georgs Verderben, nein, das kann sie unmöglich, oder sie hat ihn nie geliebt." „Hüten Sie sich," unterbrach sie der Pfarrer, „daß Ihr Mitleid für den Strafbaren, denn ein anderes Gefühl darf für ihn nicht mehr in Ihrem Herzen bleiben, Sie nicht ungerecht mache. Bedenken Sie, was die Fremde gelitten!" Und er erzählte ihr seine Unterredung mit Lucy, während Pauline einen Strom von Thränen vergoß. „Mein Kopf ist in Fieber," sagte sie, „ich bin unfähig, zu handeln. Sagen Sie mir, was ich zu thun habe." „Wir sind übereingekommen, die Gräfin und ich, daß Sie vor der Hand noch im Schlosse bleiben, aber Sie werden begreifen, daß der Graf für Sie nicht mehr existirt, sein Verfahren läßt keine Entschuldigung zu, also hören Sie keine an. Was die Zukunft betrifft, so hängt diese ganz von des Grafen Frau ab, sie hat Euer Aller Schicksal in Händen. Ihrer Familie kann man für den Augenblick die traurige Wahrheit noch verschweigen, es würde die entsetzliche Lage des Grafen nur noch verschlimmern und möglicher Weise ein Unglück herbeiführen." Die arme Frau willigte in Alles; sie, die bis jetzt nur dem Glück gelebt, sah sich mit einem Mal in ihrer Liebe wie in ihrer Ehre bedroht, sie war für immer von ihrem Gemahl getrennt und mußte auch noch für ihn zittern. Sie erkannte die Größe seines Fehlers, aber wenn auch Alles ihn verdammte, hatte sie das Recht, ihn zu verdammen, der zu Liebe er seinen Schwur gebrochen? — Und hatte nicht sie ihn zuerst geliebt und so Theil an seiner Pflichtvergessenheit genommen? Es war freilich nur die Liebe, die sie in ihren Augen als mitschuldig erscheinen ließ, denn hätte sie von seiner Heirath gewußt, wäre er ihr niemals gefährlich geworden. Sie folgte dem Pfarrer in die Kirche und betete da lange mit Inbrunst. Als sie endlich ging, gewahrte sie hinter ihr eine junge Frau in tiefer Andacht versunken, neben ihr hatte eine Mulattin einen kleinen Knaben auf dem Schooß. Pauline war wie auf der Stelle gebannt, als sie dem Blick der Fremden begegnete. Diese erkannte ihrerseits in Pauline leicht das Original von dem Portrait auf dem Schlöffe, wenn auch die Züge jetzt statt des süßen Lächelns tiefe Trostlosigkeit verriethen. Wie sollte man die Gefühle schildern, die in dem Blick lagen, den die beiden Frauen wechselten? — Von Seite der Creolin die furchtbarste Eifersucht, fast Haß, obwohl sie sich des Mitleids nicht erwehren konnte, als sie sah, welche Spuren das Unglück bereits aufgedrückt; Pauline dagegen, wenn sie auch die feinen Züge der Creolin bewundern mußte, betrachtete doch mit Abneigung und einer Art Entsetzen die Frau, die sie plötzlich in einen Abgrund von Elend gestürzt und die mit einem Wort Georg in's Verderben bringen konnte. » 35 Der Eindruck war für Dcide unvergeßlich, welche von ihnen war wohl mehr zir bedauern?! Pauline fühlte ihre Sinne schwinden, auf ihre Kammerfrau gestützt, verließ sie die Kirche. IX. Im Schloß angekommen, wollte sich Pauline sogleich auf ihr Zimmer begeben, als ein Diener ihr meldete, daß der Graf wiederholt nach ihr gefragt habe, und hinzusetzte, ob er ihn von ihrer Ankunft benachrichtigen solle. „Nein, es ist nicht nöthig," sagte sie lebhaft. Aber in demselben Augenblick kam Georg und bat sie, ihr in den Salon zu folgen. „Pauline," begann er, indem er sie mit der bittersten Reue betrachtete, „Du weißt Alles?!" — „Ja." „Und hast Du kein Wort der Verzeihung für mich?" „Du hast meine ganze Zukunft vernichtet; dennoch wünsche ich, Gott möge Dir verzeihen, wie ich Dir verzeihe." „Das thust Du als Christin, aber hat sich Dein Herz schon ganz von mir abgewendet?" „Könntest Du wünschen, daß es anders sei, daß ich durch diese strafbare Liebe meine Leiden noch erhöhte?" „Ja, und solltest Du mich der abscheulichsten Selbstsucht anklagen, der Gedanke, daß ich Dir gleichgültig bin, ist mir unerträglich. Pauline, laß Dein Herz mein Richter sein, wenn mein Fehler groß ist, so ist es auch meine Liebe, Du weißt nicht, wie viel ich gekämpft und gelitten habe." „Nein, ich will nichts wissen, laß mir wenigstens die Vergangenheit, daß ich ohne Schuldbewußtsein jener glücklichen Zeit gedenken kann, wo ich Dich lieben durfte." Pauline wußte selbst nicht, wie viel Liebe diese Worte in sich schloßen, erst die Blicke Georg'S verriethen ihr dies. „Geh," sagte er, „es steht nicht in Deiner Macht, mir Deine Liebe zu entziehen; wenn ich nur die eine Gewißheit habe, daß Dein Herz mir noch gehört, so trotze ich dem Schicksal; Pauline, sage mir, daß meine Stimme noch einen Widerhall in Deiner Seele findet!" Jetzt gedachte Pauline der Mahnung des Pfarrers und im Gefühl der eigenen Schwäche sagte sie mit erheuchelter Strenge: „Ist das der geeignete Augenblick, von Liebe zu sprechen, wenn Sie jede Stunde zur Rechenschaft gezogen werden können für ein so großes Vergehen!" „O, nur um Deinetwillen beklage ich es." „Nun denn, wenn es wahr ist, daß Sie wenigstens thcilwcise das an mir verübte Unrecht gut machen möchten, so bitte ich nur um das Eine: daß Sie mich nie mehr allein sprechen, so lange ich noch dieses Haus bewohne; ich müßte sonst sogleich ein anderes Asyl suchen." „Ich werde mich Ihrem Willen fügen," erwiderte der Graf, das Gesicht in die Hände verbergend, „aber gedenken Sie manchmal eines Unglücklichen, dessen Leiden seinem Verbrechen gleich kommen." „Mitgefühl und Gebet sind die einzigen Beziehungen, die fortan zwischen uns bestehen können, sie sollen Ihnen nie fehlen." Damit verließ die junge Frau das Zimmer und Georg wagte es nicht, sie zurück zu halten. Es war schon Abend, als der Pfarrer einen neuen Versuch machte, mit der Fremden zu sprechen. Aber diese hatte so bestimmt erklärt, sogleich das Haus zu verlassen, wenn Frau Goulard uoch einmal einen Besuch ohne Erlaubniß einführe, daß die Wirthin ein solches Wagniß nicht unternehmen wollte, und Herrn Beauprs nur anmeldete, / 36 worauf Lucy ihn bitten ließ, ihr künftig das Bedauern zu ersparen, ihn nicht empfangen zu können. Als Mcla den Auftrag ausgerichtet hatte, sagte die Wirthin zu ihr: „Ihre gnädige Frau thut sehr Unrecht daran, den Herrn Pfarrer so fortzuschicken, er ist ein so braver Mann." „Herrin schon ihre Gründe haben," meinte die Mulattin. „Ich weiß wohl, was sie will, ist schwer zu bekommen," versetzte die Wirthin schlau lächelnd. „Was bekommen?" fragte Mela. „Mein Gott, glauben Sie denn, daß man fünfzig Jahr in der Welt lebt, ohne zu wissen, was darin vorgeht. Ähre Herrschaft ist doch nicht zum Spazierengehen nach Frankreich gekommen, wozu sonst die vielen Fragen über die Familie Vöricourt." „Herrin das nicht leiden können, daß man sich in ihre Sachen mengen." „Ich bin nicht neugierig, aber mau hat doch seine Augen im Kopf. Ihre Herrin ist eine sehr achtungswerthe Dame, daran ist nicht zu zweifeln, aber die Männer sind so schlimm, ich kenne sie, war ich nicht auch jung? Zudem muß man sagen, daß nicht leicht Einer dem Herrn Georg gleich kömmt, was ist zu wundern, wenn Ihre Herrin in ihm einen vollkommenen Cavalicr sah." Die Mulattin war so betroffen, die Wirthin so gut unterrichtet zu sehen, daß sie gar nicht zu antworten vermochte, die geschwätzige Frau Goulard konnte daher fortfahren: „Mein armer Goulard hat es immer gesagt, daß Reisen für junge Leute gefährlich ist; denn gewiß, Hütte Herr Georg die Reise nicht unternommen, so hätte er nicht Schissbruch gelitten und hätte auch Ihrer Herrin keine thörichten Versprechungen gemacht. Unter uns gesagt, bcläuft sich daS Ncucgeld hoch?" — Als sie aber die erstaunte Miene der Mulattin sah, fügte sie erläuternd bei: „Sie kennen vielleicht den Ausdruck nicht, sehen Sie, das ist so: Herr Väricourt wird Ihrer Herrin die Ehe versprochen haben; aber Versprechen und Halten sind zweierlei, besonders in Liebcssachen, Ihre Herrin wird sich aber sicher gestellt und in einem schriftlichen Versprechen eine bedeutende Summe verlangt haben, falls der Herr Graf sich anders besinnt, und obwohl die Vericourts meine ehemalige Herrschaft sind, so muß ich doch sagen, sie haben Unrecht, denn Versprechen macht Halten." Ucbcrraschung und Zorn hatten Anfangs die Mulattin sprachlos gemacht, endlich schrie sie im höchsten Unwillen: „Geld, die Herrin wollen Geld! wer das sagen, der lügen niederträchtig." „Nun, so sind Sie nur nicht böse, man kann sich irren, ich wünsche es für Ihre Dame." Aber die Mulattin ließ sich damit nicht beruhigen. Die Wirthin hatte mit Scharf- sicht das rechte Mittel getroffen, sie zum Reden zu bringen. Die gröbsten persönlichen Schmähungen hätte sie gelassen hingenommen, aber jetzt war sie in ihren theuersten Gefühlen verletzt. „Herr Georg werden jetzt zittern," rief sie außer sich, „aber nicht für Geld, für seine Ehre." Die Wirthin sah sie ungläubig an. — „Herrin den Betrüger schon strafen," fuhr sie fort, vor Zorn erblassend, „und auch seine Frau . . . werden schon sehen." „Seine Frau, was kann denn das unschuldige Kind dafür, wenn ihr Mann sein Wort nicht gehalten hat." „Aber wenn sie nicht die Frau sein?", platzte endlich die Amme heraus. „Ei was Tausend, als ob wir nicht Alle der Trauung beigewohnt hätten!" — lachte die Wirthin. „DaS sein nichts." „Eine Trauung von Herrn Bcauprä, unscreni Pfarrer, daS wäre nichts?" Die Mulattin behauptete es durch Zeichen. „Die Anhänglichkeit an Ihre Herrschaft macht Sie unvernünftig, ich glaube wohl, 37 daß Sie Herrn Georgs Frau nicht leiden können, aber deßhalb ist sie doch seine Frau." „Werden schon sehen, werden schon sehen!" „Es ist ein ernsthaftes Ding um die Ehe bei uns, Niemand lann damit Scherz treiben, vielleicht daß man es bei Ihnen, wo eS noch viele Wilde gibt, nicht so genau nimmt." — Mela preßte die Lippen zusammen, das Schweigen kostete ihr eine große Anstrengung. Aber die neugierige Wirthin wollte durchaus das Geheimniß herauskriegen und fuhr daher fort: „Wir armen Frauen sind immer das Opfer, besonders wenn wir ein zärtliches Herz haben; mir geht das Unglück Ihrer Herrin wirklich nahe, aber was kann man machen, Herr Georg ist nun einmal vcrhcirathct." „Werden schon sehen," murmelte Mela wiederum zornig drohend. „Pah, was soll man denn sehen?" fragte Frau Goulard etwas verächtlich. „Ob ein Mann zwei Frauen heirathcn können," sagte Mela außer sich. Endlich, dachte die Wirthin, ist das große Wort gefallen, dann rief sie mit erkünstelter Ucberraschung: „Was sagen Sie mir! Sollte das wahr sein?" Aber Mela bereute schon die unklugen Worte, die ihr entschlüpft waren. Aergerlich über sich und die listige Wirthin, die ihr Geheimniß entrissen, ging sie fort, ohne mehr ein Wort zu sagen. Frau Goulard dagegen war höchst befriedigt über daS Gelingen ihres Planes. Die schlaue Wirthin hatte bald vermuthet, daß Lucy's Fragen über die Familie Vüricourt einen andern Zweck hätten, als bloße Neugierde; ihr Besuch auf dem Schloß und noch mehr die Unterredung mit dem Pfarrer bestätigten ihr dies. — Wir wollen annehmen, daß häusliche Geschäfte sie in das anstoßende Zimmer führten, wo sie von dem Gespräch wenigstens so viel vernehmen konnte, daß Herr BcauprS immer im Ton der Bitte, die Dame dagegen immer im Ton des Unwillens sprach; einen Augenblick dachte sie an ein Ehevcrsprechen, bald aber kam sie der Wahrheit auf die Spur, denn sie kannte den Stolz ihrer ehemaligen Herrschaft zu gut, als daß sie glauben konnte, sie ließe sich um des Geldes willen zum Bitten herab. Jetzt hatte sie die Gewißheit, daß jeden Augenblick Schmach und Schande über die Vvricourts hereinbrechen konnte; da sie aber im Grunde nicht böse war, so nahm sie sich fest vor, zu schweigen. Wir werden in der Folge sehen, wie sie in ihrem Vorhaben bcharrte. (Fortsetzung folgt.) Das Auge. ES ist oft bemerkt worden, daß das edelste der -menschlichen Sinneswerkzenge, daS Auge, eine gehcimnißvolle und fast Furcht erregende Wirkung auf die übrige lebende Schöpfung äußert. Die giftige Schlange fühlt sich durch den starren und unverwandten Blick des wüthigen Ziegenhirteu gleichsam entwaffnet, und daS grimmige Thier, welches einige Augenblicke vorher mit lechzender Zunge und mit glühenden Blicken sich zum Angriff rüstete, streckt nun seinen Körper auseinander und wagt nicht mehr, von der Stelle zu weichen. Tiger und Löwen, welche in dem engen Raume eines eisernen Käfigs verschlossen und von den sie bedienenden Wärtern vor jeder Mahlzeit durch gewaltsame Entreißung des ihnen dargereichten Futters in grenzenlose Wuth verseht werden, würden in solchen Augenblicken Jedermaun ohne Unterschied anfallen; der mit ihnen vertraute Wärter dringt nur unter lärmenden Vorbereitungen in das Behältniß des hochcrbittcrten Thieres, faßt es aber zugleich mit so durchdringenden Blicken, daß das betrogene Ungcthüm zu Boden fällt und durch die gewöhnlichen Liebkosungen dem Könige der Schöpfung huldigt. Der Muth der amerikanischen Wölfe hört von dem Augenblicke auf, da sie der Mensch starr anblickt. Ich bin nicht nur überzeugt, daß ein unerschrockener Mann, wann er anders nicht der angreifende Theil, in äußerst wenigen Ausnahmen vor den Angriffen der 38 im freien Zustande befindlichen reißenden Thiere vollkommen gesichert ist, sondern auch, daß sie ihm jedesmal ausweichen werden, sobald sie noch Raum genug besitzen, um ihm aus dem Wege zu gehen. Ich nähme mich häufig versuchsweise mit verschlossenem Auge deni Rennthierc, ohne es zu verscheuchen, während es bei dem leisesten Blinzeln von meiner Seite mit Windesschnelle davonjagte. — Im zoologischen Garten in London suchte ich, so oft ich hinkam, die Löwen auf, deren sich über ein Dutzend dort befindet. Mit einem derselben unterhielt ich mich besonders gerne, d. h. nur mit den Augen. Blickte ich ihn freundlich und sehnsüchtig an, so kam er so nahe, als es die Schranken seines KäsigS erlaubten, mit Geberden, als ob er mich liebkosen wolle; warf ich ihm aber durchdringende und finstere Blicke zu, so ging er nach dem Hintergründe, sich unterwegs wiederholt nach mir umschauend ob ich in meinem Trotze verharre. Aendcrte ich den Blick, dann kehrte er wieder zurück; bcharrte ich aber in meinem scheinbaren Grimme, dann suchte er sich im hintersten Winkel seines Lagers zu verbergen und stieß ein dumpfes stöhnendes Brüllen auS der Tiefe seiner Brust hervor, als ob er seinen besten Freund verloren hätte. Rabbi Maier und sein Weib. Un einem Sabbathtage saß der große Gelehrte Rabbi Maier auf seinem Lehrstuhle in der Schule und unterrichtete das Volk. Während dieser Zeit waren seine beiden Söhne, junge hoffnungsvolle und kerngesunde Menschen, eines plötzlichen Todes gestorben. Das Weib des Rabbi trug die beiden Leichen auf die Platform des Hauses, legte sie auf ein Bett und bedeckte sie mit weißen Linnen. Am Abende kam Rabbi Maier nach Hause. „Wo sind meine Söhne?" fragte er, „damit ich ihnen meinen Segen ertheile." „Sie sind in die Schule gegangen," erwiderte sein Weib. „Ich habe sie dort gesucht, ich habe mich nach allen Seiten umgesehen, aber meine Söhne nirgends erblickt." Da es Abend ward und der Sabbath mittlerweile zu Ende ging, verrichtete Rabbi Maier das übliche Gebet, trank einen Schluck Wein und fragte von Neuem: „Wo sind meine Söhne? Ich will, daß sie von dem gesegneten Weine trinken." „Wahrscheinlich sind sie nicht weit von hier," erwiderte die Mutter. Und sie reichte ihrem Manne zu essen. Nachdem er gegessen und das Nachtischgebet verrichtet hatte, sagte sein Weib zu ihm: „Erlaube mir, daß ich an Dich eine Frage richte." „Sprich, Geliebte," erwiderte er. „Vor einigen Tagen hat mir Jemand einen werthvollcn Schmuck anvertraut, den er heute von mir wieder zurückfordert. Muß ich ihm denselben zurückstellen?" „Eine solche Frage," erwiderte der Rabbi, „hätte mein Weib an mich zu richten nicht nöthig gehabt; — willst Du denn von mir ermächtigt werden, den Schmuck zu behalten?" „Weit entfernt," antwortete sie, „aber nur wollte ich es nicht thun, ohne Dich früher davon zu unterrichten." Mit diesen Worten führte sie ihren Mann hinaus auf die Platform zu den beiden Betten und nahm die weißen Decken herab. „Meine Kinder," rief der Vater entsetzt aus, „meine Kinder todt!" Die Mutter wandte sich weinend ab. Dann ergriff sie ihren Mann bei der Hand und sagte: „Rabbi! hast Du mich nicht gelehrt, daß man ohne Murren das zurückgeben soll, was einem anvertraut wurde? Siehst Du, der Herr hat sie uns gegeben, der Herr hat sie uns gcuommcu, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!" „Gebenedeit sei der Name des Herrn!" wiederholte der Rabbi und begab sich beruhigt in sein Zimmex zurück. 39 (Der Chignon.) Damen, die Chignons tragen, werden mit Vergnügen hören, daß die Angabe, das Haar dazu werde von den Leichen der in Hospitälern und sonstigen öffentlichen Anstalten sterbenden Personen genommen, nicht auf Wahrheit beruht. Sobald der Tod eintritt, wird das Haar spröde und läßt sich nicht mehr locken und flechten. — Marseille ist der Hauptplatz für den Handel mit menschlichen Haaren, und mehr als 40,000 Pfund dieses Artikels werden dort alljährig, hauptsächlich aus Italien, und speciell aus Sicilien, Neapel und dem Kirchenstaate, zum Theil auch, jedoch in gerin» geren Quantitäten, aus Spanien und einzelnen französischen Departements, eingeführt. Von den Provinzen Frankreichs liefern die Bretagne und die Auvergne die stärkste Zufuhr; die Käufer gehen dort an den Markttagen umher und lassen die Mädchen, die ihr Haar verkaufen wollen, auf ein Weinfaß steigen und ihre Frisur lösen, worauf um das Herabwallende Haar ein eifriges Bieten erfolgt. Da ein gewöhnlicher Chignon nicht mehr als 3'/2 Unze wiegt, so würde die Zufuhr für den Markt in Marseille allein für 180,000 Kopfzierden hinreichen. Ein großer Theil des dort importirren Haares wird in der Stadt verarbeitet und dann wieder nach Spanien und Algier cxportirt. Die Friseure von Marseille, die alle mehr oder weniger sich mit der Fabrikation und dem Handel mit Chignons befassen, zählen gegen 400 Mann, und vier große Fabriken bringen jährlich 55,000 Chignons allein für heimische Consumption in den Handel, wovon 30,000 in's Innere geschickt, die übrigen 25,000 in Marseille und dessen Vorstädten verbraucht werden. Ein einziges Pariser HauS in der Passage des Petits Pcres setzt jährlich im Detailverkauf nicht weniger als 15,000 Chignons ab. Die Preise wechseln zwischen 12 — 70 Francs, obwohl es auch einzelne Chignons 250 FrancS per Stück gibt. Am theuersten werden die rothen bezahlt, die meist aus Schottland kommen. Von Frankreich wurden nach England im vorigen Jahre 11,954 Stück und außer diesen noch für 7000 Francs Haare zu Chignons ausgeführt, welche letztere in England zurccht gemacht wurden. Der Gesammtwerth der französischen Ein- und Ausfuhr von Chignons iu Haaren im vorigen Jahre belicf sich aus 1,206,500 Francs. Die besten Kunden waren England und Amerika. (Eine Legende der Neger.) Jedes Volk hat seine Legenden, selbst den Negern am Senegal fehlt es nicht daran. Eine derselben erzählt die Schöpfung des Menschen- Geschlechts in folgender Art: Nach ihrer Angabe nahm Gott, als er die ersten Menschen erschaffen wollte, Thon, knetete denselben, bildete daraus die Form eines Menschen, die er in einen Ofen stellte, um sie dort zu brennen, und ihr dann, wenn der Körper fertig hergestellt sei, eine Seele zu geben. Die irdene Statue, welche den Wirkungen des Feuers zu kurze Zeit ausgesetzt gewesen war, kam blaß aus dem Ofen. Gott hatte den Weißen erschaffen, den Europäer, das unvollendete Geschöpf, welches der göttliche Künstler als seiner ganz unwürdig w fgab. Den zweiten Versuch des menschlichen Wesens ließ er länger im Ofen und zog ihn dann heraus; seine Farbe war dunkler, aber sie war noch nicht die Vollkommenheit; Gott hatte nur den Mauren erschaffen. Gott nahm nun sein Werk zum dritten Male auf, und dann ging auS dem Brenn- Ofen der Neger, d. h. die Vollkommenheit, hervor. Gott ließ dann die drei erschaffenen Wesen — den Mauren und den Neger — einschlafen und während ihres Schlafs stellte er eine Börse und ein Pferd neben sie. — Der Erste, welcher erwachte, war der Weiße; er sah das Pferd und die Börse und nahm das Geld. Der Maure öffnete als der Zweite die Augen; er bemächtigte sich des Pferdes, sprang auf den Rücken desselben und eroberte die Wüste. 40 Was den Neger anbetrifft, welcher schöner als seine Bruder, aber auch fauler war, so erwachte derselbe zuletzt und hatte Nichts. Deßhalb ist der arme Teufel zur Arbeit während der Ewigkeit verurtheilt, weil der erste Vater seiner Race die Dummheit begangen hat, eine Stunde zu lange zu schlafen. (Frauenarbeit.) Frau von Gayette - Georgens sagt in einer Erwiderung auf »in Gedicht Paul HeyscS, gegen die Bestrebungen, die Stellung der Frauen im Arbeits» und Staatsleben zu reformircn: „Nachdem man so viel auf der Erde über die Frauen gesprochen, dürfte es an der Zeit sein, die Emancipation der Männer in's Auge zu fassen; diese Emancipation von süffisanter politischer Freiheitsspielerei, von schleichender Rechlsverdrcherci, von träger Indifferenz bei den wichtigsten Zeitsragen, von schleppender Nonchalance im Geschäfte bei fetter Besoldung, von anmaßender Flegelei und specifischer Grobheit b;i Gelegenheiten, wo auf dem Posten gefällig und hülfreich zu sein Pflicht wäre, vom Wirthshaus-Schlendrianlebeu, vorn gedankenlosen Kartenspiel, vom Schulden» machen und so viel tausend Dingen mehr, von Vorurtheilen, faden Complimenten armseliger Ueberhebung u. s. w. Es fehlt aber an emancipirten Männern, die meisten lassen sich von den Frauen, die sie so gering halten, und denen sie die Fähigkeit deS Denkens absprechen: berücken, beschwatzen, bethören, kurz — regieren." (Zur Statistik der Orden.) Man zählt heute 148 Orden sür Verdienste im Civil und Militär, und zwar in Frankreich, Griechenland, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha, Mecklenburg, Oldenburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sonders- Hausen, in der Republik Sau Marino, Modena, im Fürsteuthum Monaco, in Montenegro, Tunis, in China und auf den Sandwichs-Jnseln je 1; in Dänemark, im Nassauischeu, iu Hessen-Darmstadt, Belgien, Parma und Persien je 2; in Hannover, Württemberg, im Badischen, in Toscana, in der Türkei und Mexico je 3; iu Italien, den päpstlichen Staaten, im König reiche Sachsen, >u Holland und"Kurhesserr je 4; in Schweden und Norwegen, dann in Sicilien »nd in Brasilien je 6; in Portugal und England je 7; iu Rußland 8, in Oesterreich 9, (in ! Spanien 10, in Preußen 11, in Bayern 18, darunter vier Franenorden. Deutschland steht demnach im großen und ganzen hier diesfalls obenan. Zn diesen Decorationen kommen noch zwei kirchliche Orden, die unter den Auspicken des heiligen Stuhles stehen. Die ältesten Orden sind: der militärische Calatrava Orden (1158 durch Sancho ü>. von Castilien gestiftet), St. Jago vom Schwerte (1170), Alcantara-Orden (1156), der dänische Danebrog-Orden (1219), die por- tugiesischenOrden des hl. Beuedict von Aviz (1162) und St. Jago (1167). Zu den jüngsten Orden gehören: der Stern von Indien und der türkische Osmanie-Orden (1861), der mexikanische Adlci'Orden, Kamehameha auf den Sandwichsinseln (1865). Unter den abgedachten Decorationen sind acht nur für Damen bestimmte, nämlich in Oesterreich der Sternkurez-Orden iu Bc' < a der Orden der heiligen Elisabeth, der Theresien-Orden, der St. Aunen-Ordcn des Damenstistes zu München und der gleichnamige Orden des Damenstiftes zu Würzburg; in Portugal der Orden St. Elisabeth; in Mexico der kaiserliche Orden des heiligen Karl; in Preußen der Louisen-Orden. Alle Republiken, mit Ausnahme von Sau Marino, kennen keine durch Ordens-Verleihuug begrüuoete persönliche Auszeichnung. „Wer da?" rief die Schildwache, während in der Nacht ein Dieb an einem Hause vor- beiging. Keine Antwort. — „Wer da, Spitzbube!" rief die Schildwache zum zweiten Male. — „Nun, wenn Ihr mich kennt, warum fragt Ihr denn noch," entgegnete der Dieb. »ad Uttn>ri(che» JustiwtS »oa vr. HxtUv. Nr. 6 . 9. Februar 1868. „Sag nur, warum du in manchem Falle So ganz untröstlich bist?" Die Menschen bemühen sich alle Umzuthun, was gethan ist. Göth e Rache und Liebe. (Fortsetzung.) X. Noch einmal wollte Herr Beauprs versuchen, das Herz der Creolin zu erweichen. Er ging abermals in den „Weißen Hirsch" und schrieb ein Paar Zeilen, worin er dringend um eine Unterredung bat. „Ich will warten, gnädige Frau," schrieb er, „so lange es Ihnen gefällt, aber ich gehe nicht, bis ich Sie gesprochen habe." — Luch willigte ein. Wiewohl höchst ungern. „Mein Herr," begann sie, „Sie mißbrauchen die Achtung, die ich vor Ihrem Stande und Ihrem hohen Alter habe." „Verzeihen Sie den Unglücklichen, wenn sie lästig sind, gnädige Frau." „Aber wenn alles Bitten vergebens ist." „Wissen Sie nicht, wie schwer man eine letzte Hoffnung aufgibt?" „Oh, nur zu gut weiß ich cS," erwiderte Lucy, über ihr eigenes Schicksal nachdenkend. „Man klammert sich daran wie der Schiffbrüchige an das Brett, das seine elende Existenz um einige Stunden fristen soll, dann kommt der schreckliche Augenblick, der auch diese letzte Stütze raubt — man fühlt das Herz im Leibe erstarren! — Ich kenne das, mein Herr, Ihre Schützlinge haben es mich gelehrt." „Ich erkenne, wie gerecht Ihre Entrüstung ist, aber je größer die Beleidigung, desto edler wäre das Verzeihen, Gott selbst hat dies Gebot uns eingeschärft." „Nein, ich habe zu Viel gelitten, ich will Sühne haben. Nur aus Rücksicht für Sie habe ich einen Aufschub von drei Tagen gewährt, will Herr Vericourt dieselben zur Flucht beuützen, so mag er es thun, nach zwei Tagen erkläre ich meine Heirath." „Ach, der Graf mag fliehen oder nicht, die Schande lastet auf ihn und seiner Familie. „Ohne Zweifel." „Aber Sie können das nicht wollen." „Gewiß, ich will es, Gott hat mich zum Werkzeug gemacht, sein Verbrechen zu strafen." „Dieser entschiedene Ton ließ keine Hoffnung mehr aufkommen. Mit betrübtem Herzen kehrte Herr Beauprs in's Schloß zurück. „Sie müssen fliehen, Graf," sagte er, „es ist noch immer besser, wenn Sie während des scandalösen Prozesses nicht hier sind." Auch die Gräfin drang in ihn, aber Georg bestund darauf, zu bleiben. — „Nein," sagte er, „wenn ich weder Pauline noch meine Ehre retten kann, so fliehe ich nicht feige, um mich der Strafe zu entziehen." „Nun, so mag Gott mir gnädig sein und mich sterben lassen," seufzte die Gräfin. Nach einigem Schweigen fügte sie bei: „Wie wäre es, wenn ich selbst zu dieser Frau 42 ginge. Ach, um meinen Sohn zu retten, wollte ich mich demüthigen und sie auf den Knieen um Verzeihung bitten." Herr Beauprs schüttelte traurig den Kopf. Trotz allem guten Willen war sie bei ihrem stolzen, reizbaren Charakter zur Rolle einer Bittenden nicht geeignet, überdieß sah Lucy in ihr die erste Ursache ihres Unglücks. „Mutter," sagte Georg, dessen Züge sich plötzlich belebten, „ich selbst will zu Lucy gehen." „Du, das ist unmöglich, nicht wahr, Herr Beaupre, das kann nicht sein?" Der Pfarrer gedachte der Liebe, die Lucy noch immer für ihren Gemahl empfand, und freute sich innerlich dieses Entschlusses, obwohl er deren Gefühle nicht verrathen wollte. Er sagte daher nur: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, vielleicht hat Gott ihm den Gedanken als letztes Rettungsmittel eingegeben." Bevor wir dieser Unterredung folgen, wollen wir uns umsehen, ob Frau Goulard ihrem Vorsatz, zu schweigen, treu geblieben ist. Gewiß hatte sie den besten Willen dazu gehabt, ein ihrer ehemaligen Herrschaft so fatales Geheimniß zu bewahren, sie that es auch einen ganzen Abend, aber zum Unglück traf sie des andern Morgens ihren Zunft- Genossen, den Wirth zum „Goldenen Löwen." „Sie haben ja jetzt eine vornehme Dame, die von den Antillen kömmt, zu Gast Geben Sie Acht, den Leuten, die so weit her sind, ist nicht zu trauen, solche Gäste seh' ich immer lieber vor meiner Thüre vorüber gehen." Frau Goulard fühlte die Zornesröthe in's Gesicht treten, sie antwortete aber gelassen: „Sie möchten Recht haben, Herr Bvnard, denn Sie können aus Erfahrung sprechen. Die Geschichte mit dem angeblichen Lord, der voriges Jahr bei Ihnen logirte, und sich wie er sagte, vor der Regierung verbarg, war ärgerlich genug, denn eines Tages konnten Sie ihn selbst nicht mehr finden, er war fort und hatte vergessen, die Zeche zu zahlen. Aber sorgen Sie sich nicht, ich weiß um die Angelegenheiten, die die Dame hieher führten." „So, sie hat Sie zur Vertrauten gemacht," spottete der Wirth, von der Anspielung auf den Lord unangenehm berührt. „Wundert Sie das?" „Mich? — nicht im Geringsten, ich bin auch überzeugt, daß Niemand von dem Geheimniß etwas erfährt." „Und warum?" „Eh" lachte der Wirth laut auf, „weil Sie selbst nichts wissen." „So, weil ich nichts sagen will, meint man, ich weiß nichts." „Ich behaupte es sogar." „Das ist zu arg; aber ich merke, Sie wollen mich reden machen, nichts sollen Sie erfahren, nur das Eine sage ich: In kürzester Zeit wird ein Ereigniß eintreten, das die ganze Stadt in Aufregung bringen wird, dann erinnern Sie sich des Gesagten." Und mit ihrer Standhaftigkeit sehr zufrieden, ging Frau Goulard von bannen. — Eine Stunde später erzählte man sich die abenteuerlichsten Gerüchte über die fremde Dame. Frau Goulard wurde förmlich mit Besuchen bestürmt, noch eine Zeit lang hielt sie sich tapfer, aber endlich erlag sie dem erheuchelten Mißtrauen ihrer Fragestellcrincn, und bald war die Nachricht von des Grafen Heirath mit Lucy in der ganzen Stadt bekannt. Die Zeit der Revolution war noch nicht so ferne, daß nicht in der Bevölkerung ein gewisser Haß gegen die Adeligen zurückgeblieben wäre, besonders gegen die Vvricourt's, die der großen Katastrophe so glücklich entgangen waren. Mit wahrem Vergnügen hörte man daher von dem scandalösen Ereigniß, das den Stolz dieser Familie brechen mußte. Das Gerücht kam endlich auch dem Staatsanwalt zu Ohren, einem jungen Beamten, der darin mit Freuden die Möglichkeit zu einem glänzenden Debüt erblickte. Einen ganzen Tag erwartete er die Anzeige, die, wie man ihm sagte, die Fremde zu machen gedenke; als sie nicht kam, sagte er sich, daß die Dame ohne Zweifel eine Scheu habe. 43 ihre Rechte geltend zu machen, und daß es an ihm sei, sie aufzumuntern. Freilich, wenn er wieder bedachte, aus welch' trüber Quelle die Angaben flößen, war er wieder zweifelnd, was er thun solle, ein voreiliger Schritt mußte ihn ja lächerlich machen. Lassen wir den jungen Beamten in seiner Unschlüssigkeit und kehren wir zu Luch zurück. XI. Au dem tiefen Seelenleiden, das an der unglücklichen Luch nagt, hat sich auch ein körperliches Unwohlsein gesellt. Umsonst hat sie den Fauteuil an's Fenster geschoben, aus der engen, schmutzigen Gasse dringt nur eine schwere, unreine Luft herein, es liegt wie eine ungeheure Last auf ihrer Brust und sie möchte rufen: Luft, Luft! Wer gibt ihr ihre schöne Heimath wieder? Wer den Frieden und das Glück ihrer Jugend? Ach, sie sind auf immer entschwunden, wie jene Tage in den Schooß der Zeiten. — In wenigen Stunden ist die Frist um, die sie auf Herrn BeauprL's Bitten gewährt hat, sie wird vor aller Welt die Anerkennung ihrer Ehe verlangen und die Nichtigkeit jener der Fräulein d'Apremont beweisen. Mit einem Schlag werden ihre Feinde vernichtet fein! — Wie kommt es denn, daß sie bei dem Gedanken an Georg's Strafe ein unbestimmtes Entsetzen fühlt? Umsonst will sie gegen diese Schwäche kämpfen, sie wünscht, ihr schuldbeladener Gemahl möge sich durch die Flucht retten. Der Zufall wollte, daß dieser Tag der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung war. Welch furchtbare Veränderung in dieser kurzen Zeit, wer hätte ihr damals eine solche Zukunft prophezeit! Wie glücklich schien Georg, wie feurig schwur er ihr ewige Liebe zu, und mit welcher Hingebung legte sie ihr Geschick in seine Hände. Sie dachte an die Glückwünsche, die sie empfing, an die sanften Vorwürfe, die sie ihrem Vormund machte, daß er die allgemeine Freude nicht theile; nicht als ob Herr Raviercs die Aufrichtigkeit des Grafen bezweifelte, er bedauerte nur, daß er sich von seiner lieben Mündel trennen mußte. Wie viel bittere Thränen sind diesen kurzen Augenblicken der Freude gefolgt! Plötzlich sprang der kleine Georg, der im Nebenzimmer gespielt hatte, in'S Zimmer und rief: „Mama, ein fremder Herr." Lucy erhob die Augen — — ihr Gemahl stand vor ihr. Eine tödtliche Blässe überzog das Gesicht der Crcolin, sie legte die Hand auf's Herz, um dessen Schläge zu hemmen, sie wollte aufstehen, aber ein heftiges Zittern zwang sie, in den Stuhl zurück zu sinken. Umsonst will sie gegen diese Verletzung ihres Asyls Verwahrung einlegen, die Worte ersterben ihr auf den Lippen, ihre Augen nur drücken aus, was in ihrer Seele vorgeht. Fast nicht weniger ergriffen betrachtete sie der Graf mit schmerzlicher Ueberraschung. Auf diesem, jüngst von Schönheit und Jugend strahlendem Gesichte, kann der Unglückliche alle Qualen lesen, die er verursacht, und eS däucht ihm, daß er unmöglich Verzeihung erlangen kann. „Mein Herr," begann sie endlich mit kaum vernehmlicher Stimme, „was wollen Sie hier?" „Ich bin gekommen, für meine Mutter zu bitten ..." „Ihre Mutter ist mir nichts, und auch Sie sind mir nichts mehr, Graf, denn Sie habe» alle Bande zwischen uns zerrissen, also lassen Sie mich!" „Stoße mich nicht zurück, Lucy, ohne mich gehört zu haben, im Namen unseres KindcS bitte ich!" „Des Kindes, das Sie verlassen haben!" sagte Lucy mit vernichtender Verachtung. „Ich will nichts hören, nichts gewähren." „Ich versuche nicht mich zu rechtfertigen," stammelte Georg, „wie sollten Sie die unselige Veränderung begreifen, die meine langen Leiden in mir hervorgebracht. Ohne alle Energie, scheute ich den Kampf gegen meine Mutter, um Sie ihr als Tochter vorführen zu können; ich fühle, wie verächtlich dies war, und erröthe darüber, aber glauben Sie mir, ich war damals nicht mehr ich selbst." 44 „Und als Sie Fräulein d'Aprcmont an den Altar führten, war es auch in diesem Zustand der Entkräftung und Hinfälligkeit," unterbrach ihn Lucy mit bitterem Spott. „Nein," sagte Georg mit gesenktem Blick, „eine strafbare Liebe hatte sich in mein Herz geschlichen, mein Verbrechen ist ohne Entschuldigung." „Warum ohne Entschuldigung? Suchen Sie dieselbe doch in ihrer Schönheit, in ihrer Geburt, die wenigstens sie würdig machte, Ihren Namen zu tragen. Zudem konnten Sie sich ja schmeicheln, daß Ihre verlassene Gattin Ihren Verlust nicht überlebt habe, und Sie sonach frei wären, eine andere Verbindung einzugehen. Leider hat der Kummer nur meine Gesundheit zerstört und diese Schönheit, die Sie einst so zu fesseln schien, aber ich habe nicht sterben können. Glauben Sie mir, Niemand beklagt dies mehr, als ich." „Du bist grausam, Lucy," sagte der Graf, „aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen. Dennoch hab' ich nicht ganz an Deiner Verzeihung verzweifeln können. Du warst immer die beste, hochherzigste Frau, die ich gekannt, ich appellire an dieses Gefühl." „Sie irren sich, wenn es so war, haben Haß und Unwille diese Eigenschaften völlig verdrängt." „Unmöglich, so können Sie sich nicht geändert haben. Doch hören Sie wenigsten- die Vorschläge, die ich Ihnen mache. Ich nehme im Ausland Dienst, vor meiner Abreise vermache ich unserem kleinen Georg rechtsgiltig mein ganzes Vermögen, er soll in Frankreich bleiben und bei meiner Mutter erzogen werden. Sie können seinetwegen gewiß ruhig sein, meine Mutter wird in ihm die einzige Erinnerung an ihren Sohn sehen, denn ich kehre nie mehr zurück." „Das heißt, mein Sohn soll auS Gnaden bekommen, was ihm von Rechtswegen gebührt. Nein, Herr Graf. mein Vermögen genügt ihm; was ich will, ist die Anerkennung des Namens, der ihm zukömmt. Fliehen Sie, ich will so lange noch warten." „Ist das Ihr letztes Wort?" „Ja, und es ist unerschütterlich." „Wohlan, so hören Sie auch das meine: Ich will keinen entehrten Namen tragen, und werde nicht fliehen, aber an dem Tage, an dem meine Schmach offenkundig wird, werde ich ein Leben endigen, das ehrlos geworden, mag Gott mich alsdann in Gnaden aufnehmen." Lucy bebte zusammen. In diesem Augenblick hörte man im Gang eine Männerstimme: „Ich finde mich schon zurecht. Freund, die erste Thüre rechts, nicht wahr?" — Kaum hatte sie noch Zeit, in das anstoßende Zimmer zu treten, als ein Diener die Thüre öffnete und einen fremden Herrn einführte. Es war ein junger Mann, dessen ernste Haltung fast erkünstelt schien, er grüßte mit einer gewissen Beschützermiene, und nahm dann unaufgefordert einen Stuhl. Die Ucbcrraschung ließ Anfangs Lucy nicht zu Wort kommen; sie erwartete auch, der Fremde werde sogleich den Grund seines Hierseins erklären, als dieser aber schwieg, und erst nach Worten zu suchen schien, sagte sie mit kaum verhehlter Ungeduld: „Darf ich fragen, was Sie hicher führt, mein Herr? Ich habe allen Grund zu glauben, daß Ihre Gegenwart auf einem Mißverständlich beruht." „Ich bin hier Staatsanwalt, gnädige Frau." Die junge Frau machte ein Zeichen des Erstaunens: „Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" Jetzt war der Beamte seinerseits überrascht, er hob aber mit einer gewissen Emphase an: „Auf den ehrenvollen Posten, den ich begleite, berufen die Unschuld zu beschützen, das Laster zu entlarven, wie hoch auch der Rang sein mag, hinter welchen es sich verbirgt, mit einem Wort, dem Rechte zum Sieg zu verhelfen, habe ich nicht erst Ihre Aufforderung'abwarten wollen, — um Ihnen den Schutz anzubieten, den Ihre Lage erheischt." 45 Und sehr zufrieden mit seiner Rede, erwartete er nun, die Fremde werde ihre lebhafte Dankbarkeit beweisen, als Lucy etwas stolz antwortete: „Und worin sollte dieser Schutz bestehen?" „Die Absicht, mit welcher Sie in dieses Land kamen, ist kein Geheimniß mehr, gnädige Frau; man weiß, daß Sie heilige Rechte, die unwürdiger Weise verläugnet worden sind, geltend machen wollen. Aber welches auch die sociale Stellung des Schuldigen sein mag, eS soll Ihnen Gerechtigkeit werden." Das Erstaunen der Creolin wuchs bei jedem Wort. Wer konnte diesem Manne ihr Geheimniß verrathen haben, da sie doch so gewissenhaft die Frist des Schweigens beobachtet hatte? Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Wie können Sie mir eine solche Absicht unterbreiten, mein Herr?" „Aber die ganze Stadt spricht ja davon, und Sie werden begreifen, daß ich mir daher die nöthigen Aufklärungen bei Ihnen erholen wollte. Es liegt mir daran, zu bc» «eisen, daß keine Rücksicht auf Rang und Vermögen mich als Beamten abhalten könnten, dem Verbrechen die verdiente Strafe zuzuerkennen, wenn ich gleich als Mensch dasselbe beklage. Nur müßten Sie mir die Beweise vorlegen, auf die sich Ihre Ansprüche stützen." — Der dienstfertige Anwalt hätte noch lange reden können, ohne daß Lucy ihn gehört hätte, so sehr war sie in ihre Gedanken versunken. Der Augenblick war also gekommen, wo sie mit einem Wort bluiige Rache nehmen konnte. Georg, die Gräfin und Pauline, alle drei werden in das Unglück hin-ingczogen, und ist es nicht gerecht? Haben nicht alle drei an dem Verbrechen Theil? Sie denkt an die Lage des Grafen, der jedes WoA der Unterredung mitanhören muß, mit welcher Seclenangst muß er die Antwort erwarten, von der sein Schicksal abhängt. Wie mußte er leiden! Bei diesem Gedanken fühlte sie selbst eine unaussprechliche Beklemmung. Sollte sie diese qualvolle Ungewißheit in noch schrecklichere Gewißheit verwandeln, die ihn, wie er sagte, zum Selbstmord treiben würde? Würde Gott sie nicht zur Rechenschaft ziehen für ein Leben, das sie ihrer Rache geopfert? Doch nein, ihre Sache ist gerecht, Gott will seinen Meineid strafen. Woher denn aber dieser Aufruhr in ihrem Herzen? Sollte sie so feige sein, den schuldigen Gemahl noch zu lieben? Ja! ihr Herz ist zerrissen bei dem Gedanken an die bevorstehende Strafe Georgs, trotz seines Fehlers ist er ihr noch theuer. Einen Augenblick noch kämpfen Haß und Eifersucht gegen diese zärtlicheren Gefühle — da tritt der kleine Georg in's Zimmer und eilt in die Arme seiner Mutter, die er mit schmeichelnden Blicken ansieht, gleich, als wolle er für den unglücklichen Vater bitten, ihöar es Zufall, der den unschuldigen Für» sprecher gesandt, oder hat der Himmel Herrn Väriconrt dieses letzte NettungSmittel eingegeben? Die junge Frau preßte den Knaben an ihr Herz und eine heiße Thräne fiel auf seine Stirne. Einen Augenblick blieb sie unbeweglich mit geschlossenen Augen, dann küßte sie den Knaben abermals und schob ihn sanft bei Seite. — Ein großer Entschluß war zwischen diesen beiden Küssen gefaßt, ein großes Opfer vollbracht worden. (Fortsetzung folgt.) Der Seeteufel In der Besprechung von William Elliotts „Larolinu Sports dz? I,anä snä >Vat6r« sagt das „Athenäum": Leichtgläubige Reisende und lügnerische Schriftsteller haben über diesen monströsen und wunderbaren Bewohner des Meeres an der Küste von Carolina so viele Fabeln erzählt, daß es Leuten, die keine Neigung zur Erforschung der Natur haben, und unter gewöhnlichen Umständen die Tiefe gern im Besitze ihrer Geheimnisse lassen, angenehm sein wird, kennen zu lernen, was ein zuverlässiger Zeuge von diesem sonderbaren Geschöpfe sagt — ein Zeuge, der die technischen Ausdrückt der Wissen» 46 schüft vermeidend, es so schildert, daß seine Iagdbrüder darüber Aufklärung erhalten und zugleich Freude darin finden können. Mit Ausnahme einer wichtigen und zweier vergleichsweise unwichtigen Beziehungen wird der Seeteufel ziemlich genau beschrieben in James E. De Kay's „Xoolo^v ol' und wahrlich das Gemälde Herrn Dc Kay's ist nicht verlockend. Ein ungeheuer breitrückiger, breitköpfiger, langschwänziger Fisch, ist er seines großen Gewichts wegen selbst mehr noch als ob seiner Muskelkraft ein gefährlicher Gegner. Herr De Kay schreibt ihm die folgenden Dimensionen zu: Länge bis zur Basis des Schwanzes 10 Fuß; bis zum Ende des Schwanzes 16 Fuß; Breite über die Lappen der Brusttheile 17 Fuß. Herr Elliott aber tödtete einen, welcher 18 Fuß über dem Rücken maß und 3 bis 4 Fuß dick war. Die Länge und die Dünne des Schwanzes stehen in auffallendem Gegensatz zu der Breite und Dicke seines Leibes und zum Abstand zwischen seinen Augen, die in Herrn De Kay's Exemplar 4 Fuß von einander waren. Zu den anderen hervorragenden und unterscheidenden Eigenthümlichkeiten des Körperbaues dieses Geschöpfes gehören die Klappen oder Flügel, durch die es im Stande ist, sich über das Wasser zu erheben und Luftsprünge auf der Oberfläche zu machen; dann das ungeheure Maul, in welches es einen Schwärm Sccgarnellcn in einem Schluck mit vollkommener Glcichmüthigkeit aufnimmt; ferner seine Hörner oder Fühler, die etwa drei Fuß lang und an den Enden merkwürdig gegliedert sind, so daß sie den Fingern einer geballten menschlichen Hand gleichen Seine Farbe ist gewöhnlich weiß und wechselt unterhalb ab uiit großen dunklen Flecken. — So viel von seinem allgemeinen Aussehen; es dürfte genügen, um zu zeigen, daß. wenn man seinen gewaltigen Rücken gerade unter der Oberfläche des Meeres sieht oder wenn man es entdeckt, wie es die Gräte der Wogen mit seinen vier Fuß auseinander stehenden Augen überschaut, oder wenn es in einem Anfall von Mnthmillen seine Luftsprüngc aus dem Wasser herans macht, ein furchtsamer Fischer, der nichts von den Gewohnheiten des Thiers kennt, keine Neigung verspürt, in seiner Nähe zu verweilen. Auch würde ihn seine Vertrautheit mit den kleinen Kniffen und Pfiffen nicht völlig aussöhnen mit der Nähe der langen gegliederten Fühler, die so liebevoll hartnäckig festhalten, was sie zufälliger Weise einmal gepackt haben. Dem teuflischen Gebrauch, welchen dieses abstoßende Geschöpf von solchen mächtigen Waffen macht, verdankt es hauptsächlich seinen Namen, und um diesem Namen dir volle Bedeutung und noch etwas darüber hinaus zu geben, Pflegt eS öfter ein eigenthümliches Spiel mit den Booten der Matrosen und dem Takclwerk der Fischer zu spielen. Man erzählt sich eben so furchtbare als possierlich; Geschichten von dem Unheil, welches der Seeteufel auf diese Weise angerichtet hat. — Schiffe sind von ihrem Ankerplatz weggeschleppt und meilenweit in das Meer aus den Häfen weggeführt worden, ohne daß man sah, durch welche Kraft. — Herr De Kay, der ein fast wörtlich mit einem von Catesby berichteten Fall übereinstimmendes Beispiel gibt, sagt: „Ein glaubhafter Augenzeuge erzählte mir einen derartigen Fall, welcher sich im Hafen von Charleston zugetragen hat. Man sah, daß ein vor Anker liegender Schooner sich plötzlich mit großer Raschheit quer über den Hafen bewegte, fortgetrieben von irgend einer unbekannten u«d geheimnißvollen Kraft. Bei Annäherung an die gegenüberliegende Küste änderte sich sein Lauf so plötzlich, daß das Schiff sich beinahe auf die Seite legte, dann aber mit seiner früheren Geschwindigkeit über den Hafen fuhr, und diese Scene wiederholte sich, als e- sich der Küste wieder näherte. Diese gehcimnißvollen Flüge über den Hafen wurden mehrmals in Gegenwart von Hunderten von Zuschauern wiederholt und hörten plötzlich auf." Die bewegende Kraft war ein Seeteufel, der den Anker des Schooners ergriffen und dann das Schiff ungefähr in der geschilderten Weise fortgeschleppt hatte. — Sicherlich hat der Fisch, der sich so betragen kann, keinen ungehörigen Namen erhalten. Von dem Schrecken, welchen diese ungeheuren Plagegeister des Meeres den Bootsleuten von Port Royal Sound verursachten, ehe die benachbarten Pflanzer den Seeteufelfang zu ihrem gewöhnlichen Jagdvergnügen machten, gibt Herr Elliott eine amüsante Erzäh- lung, die er in seiner Kindheit von einem alten Neger gehört hatte, welche bei einer gewissen Gelegenheit in der Nähe von Hilton Hcad Brach auf den Haifischfang ausgegangen war. Ein Seeteufel, der entweder die Haifisch-Leine mit seinen Fühlern ergriff, oder dem zufälliger Weise der Haken in den Leib eingedrungen war, schleppte nämlich das Boot dieses Mannes von dem Ankerplatz weg und zog es mit solcher Geschwindigkeit in das Meer hinaus, daß die auf dem Fahrzeug befindlichen Leute sich vor Schrecken auf ihr Gesicht niederwarfen und ihren nahen Tod für unvermeidlich hielten. „Nachdem ich," sagte der Erzähler, welchem die Erinnerung an seine Gefahr einen schreckerfüllten Gesichtsausdruck gab, „lange Zeit in Erwartung des Todes in dieser Stellung gelegen, gewann ich endlich einigen Muth, warf einen verstohlenen Blick über den Dahlbord, und sah Eisen schwimmen — der Anker flog wie die Kieselsteine, die man spielend über und durch das Wasser wirft, auf dem Meeresspiegel dahin, während das Boot, mit dem Hintcrtheil Voraus, der See zulief! Endlich schnitten wir, als das Thier uns beinahe in's Meer hinaus gebracht hatte, den Anker loS." Ein zweites Beispiel einer solchen durch dieselbe Kraft bewirkten Fortbewegung gibt Herr Elliott in folgenden Worten: „Es liegt viel Angenehmes in der Erregung heftiger Bewegung! so dachte Doctor Johnson. Wahrscheinlich aber würde Jones vorsichtiger Weise beigefügt haben: „so lauge wir die Bewegung in unserer Macht haben." Erst nach Bcrfluß einiger Minuten hatte er die Geistesgegenwart, oder vielmehr Kraft, ans^scincr liegenden Stellung langsam sich zu erheben und seinen Sitz am Hintcrtheil des Schiffes einzunehmen, wo er indessen bald sich beruhigte und die ganze Wonne seiner Lage genoß. Der Wind fächelte sein Gesicht, sein Haar floß in rechten Winkeln von seinem Kopf herab, und das Wasser schäumte wüthend um den Schiffsschnabel, da das Boot, fortgetrieben durch die mehr als tritonische Kraft, mit der Geschwindigkeit eines Pfeils durch die Gewässer schoß. Und nun näherte er sich seiner Heimat und freute sich, zu sehen, daß mehrere seiner Freunde am Ufcrrande versammelt waren, um ihn bei seiner Rückkehr zu begrüßen. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie JoneS aufrecht im Hintcrtheil des Boots sitzen sahen, das ohne die Hilfe von. Rudern, Ruderern, Segel oder Dampf, und ohne irgend eine andere sichtbare Triebkraft durch die Gewässer zu fliegen schien. Erstaunen war ihre erste Gemüthsbewegung — Freude ihre zweite, und endlich erhoben sie ein wahres Triumphgcschrei, denn sie glaubten: Jones müsse wirklich das Problem ewiger Bewegung gelöst und das por- potuum mobile; erfunden haben. Er rief sie um Beistand an: „Bemannt mir ein Boot, meine Freunde; eilt und rettet mich!" Seine Stimme, zitternd vor Aufregung, oder durch die Entfernung völlig unhörbar gemacht, erreichte ihre Ohren nie. Er schwenkte seinen Hut und rief abermals; sie schwenkten gleichfalls die Hüte und antworteten mit einem neuen Triumphgcschrei, allein kein Boot stieß ab, keine Rettung kam. Was war zu thun? Es blieb dem armen Mann nichts anderes übrig, als es zu machen, wie es mancher Politiker vor ihm gemacht hatte, still zu liegen und irgend eine günstige Wendung der Dinge abzuwarten. „Diese heftigen Bewegungen," dachte er, „müssen ein Ende nehmen, und selbst der Seeteufel muß müde werden. Die Friction, die mir so oft Mühe und Kummer gemacht, wird nun mein Freund." Endlich machte der Fisch wirklich eine Pause, aber erst als das Boot ganz aus dem Hafen Hinausgetrieben war, und auf den Gewässern des weiten atlantischen Oceans schwamm. Jetzt verließ unser Waidmann seine Stellung im Hiiuerthcil des Schiffs, wo sein Gewicht nothwendig gewesen, um das Gleichgewicht zu erhalten, und schnitt mit seinem Federmesser die Leine ab, welche ihn an seinen furchtbaren Geführten band. Die Ruder waren mittlerweile über Bord gerathen und verloren, das Segel indessen noch vorhanden, um ihn nach Hause fortzubewegen. Erst spät in der Nacht kam er an, erschöpft von Aufregung und körperlicher Anstrengung, und erklärte seinen besorgten Freunden das Geheimniß seiner Fahrt, die zum Glück für ihn nicht auf dem Prinzip einer ewigen Bewegung beruhte." 48 Ein sonderbarer Gast. In einer Bauernhütte des thüringischen Dorfes B. saß vor etwa 10 Jahren ein hochbetagteS Ehepaar in traulichem Gespräche beisammen, als die Thür aufging und ein nicht minder hochbetagtcr fremder Mann hcreintrat. Er sagte „Guten Abend!" zu den Beiden, die einander verwundert ansahen, als der Fremdling ohne alle Umstände in dem Großvaterstuhl am warmen Ofen Platz nahm, den der Eigenthümer so eben verlassen hatte. „Kennst du den Alten?" fragte die Frau ihren Mann. „Nein. Ist er Dir bekannt?" „Mir auch nicht." „Oho, schau' mich nur 'mal recht an!" tönte es vom Großvaterstuhl her. „Ei ja," sagte die Frau, nachdem sie den Graukopf eine Weile gemustert; „das Gesicht glaube ich zu kennen." „Nicht wahr? Freilich istS lange her, daß wir uns zulczt gesehen — seit Anno Achtzehnhundcrtzwölf." Die Frau machte große Augen, als sie die Jahreszahl hörte, und sah dem Alten schärfer in das Gesicht. „Wahrhaftig — der Melchior!" schreit sie Plötzlich auf. „Der Melchior? Dein erster Mann?" rief ihr jetziger Gatte aus. „Ich denke. Der ist lange todt?!" „Was Ihr Euch denkt!" versetzte Jener, indem er seinen weißen Schnurrbart drehte. „Aber ich hab's ja Schwarz auf Weiß vom Gericht!" stammelte die Frau. „Daß ich todt bin?" sagte Melchior ruhig. „Als ob daS Gerichtsich nie geirrt hätte!" „Weil du seit so und so viel Jahr und Tag Nichts von Dir hören ließest, hat eS Dich für todt erklärt." „Hm, soll man wohl von sich hören lassen," brummte der Verschollene, „wenn man da hinten in Sibirien steckt. „In Sibirien? Wie bist Du denn da hingekommen?" „Als K iegsgcfangener, nachdem ich Anno Zwölf mit den Franzosen nach Rußland mußte. Vor zwei Jahren wurde ich, weil ich dazu noch rüstig genug war, als russischer Fuhrknecht nach der Krim geschickt, wo die Franzosen mich wiederum gefangen nahmen und nach Frankreich schickten. Da blieb ich denn bis zur Auswechselung der Gefangenen, nnd sollte nun wieder nach Rußland zurückkehren Jetzt hatte ich aber daS ewige Schicken satt. „Ich bin ein deutsches Landeskind '' sagte ich, „und will nach Hause." Da bin ich denn zu Hause, und will Denjenigen scheu, der mich wieder von hier fortschickt. Auf einen Platz im Großvaterstuhl werde ich wohl in meinen vier Pfählen noch Anspruch machen können." „Na ja," sagte der andere Alte, „wenn Ihr sonst keine Ansprüche macht—" „Ein bischen Essen wird sich wohl auch noch finden." Jener nickte zustimmend. „Und ein Viertelpfund Knaster wöchentlich kostet ja auch nicht den Hals," meinte der Veteran. „Wenn mir dann die Kehle trocken wird, erzähle ich den Bauern im Kruge von meinen Kriegsthaten und Abenteuern; damit denke ich mir einen freien Trunk zu verdienen." DaS Ehepaar war damit einverstanden , und noch im vorigen Jahre behauptete der Heimgekchrte seinen Platz im Großvaterstuhl. Frage: Was ist ein Frauenzimmer, wenn sie bei Regen mit einem aufgcspann- ten Regenschirm und leeren Krug am Arm geht? Antwort: Das ist eine Ucbcrspanntc mit einem geleerten (Gelehrten) am Arm. Druck, Derlaa und Rsdaltion deS ttterarrschen Institut- von vr. M. Huttler. Nr. V. 16. Februar 1868. Augsburger Und wenn was umzuthun wäre, Das würde wobt auch gethan. Ich frage dich bei Wort und Ehre, Wo fangen wir's an? Gvthe Rache und Liebe. XI. (Schluß dieses Kapitels.) Der junge Beamte war den verschiedenen Gemüthsbewegungen der Creolin aufmerksam gefolgt, und sagte dann mit erheuchelter Theilnahme: „Ich begreife, wie peinlich es Ihnen ist, eine solche Angabe zu machen, aber Sie sind es sich und der ganzen Gesellschaft schuldig." „Ich habe Nichts anzugeben, mein Herr." „Wie, — es wäre nicht wahr, daß Sie die Gemahlin des Grafen von Vöri- court sind?" „Nein, mein Herr." „Wissen Sie denn, gnädige Frau, wohin die öffentliche Meinung gehen wird, wenn man erfährt, daß Sie eine gesetzliche Verbindung läugnen?" Die junge Frau zuckte gleichgültig die Achseln. „Man wird sagen, daß dann andere Beziehungen vorhanden gewesen sein müssen!" „Eine solche Voraussetzung ist eine Niederträchtigkeit." „Sie werden damit Niemand überzeugen, wenn Sie jetzt aus übertriebener Groß- muth Ihre Rechte nicht bekennen, opfern Sie Ihren Ruf." Luch schien sichtlich ergriffen. „Was beschließen Sie?" drängte der Beamte. Ein furchtbarer Kampf ging in ihrer Brust vor. Soll sie dem Manne, der sie verrathen, auch noch ihren Ruf zum Opfer bringen!? „Ich erwarte eine Antwort," wiederholte der Beamte. „Ich habe Ihnen keine zu geben; in wenigen Tagen verlasse ich Frankreich." „Da Sie auf Ihrem Schweigen beharren, so muß ich annehmen, daß Sie wirklich keine Rechte haben, und Sie im Interesse der Familie Vericourt bitten, diese Gerüchte förmlich zu widerlegen." „Sie scheinen sich der Ehre der Familie Vsricourt allzusehr anzunehmen," sagte Luch mit bitterem Unwillen, „überlasten Sie es ihr selbst, mich zu belangen." Die Zuversicht, mit der die Fremde sprach, bestärkte den Anwalt in seiner Meinung, daß sie den Grafen nur schonen wolle. Er machte sie daher noch einmal auf das Gefährliche dieser Sophismen aufmerksam, aber Luch cntgcgncte: „Wenn ich des Rathes .bedarf, so suche ich ihn bei solchen, die Alter und Erfahrung haben, aber ich verschmähe aufgedrungene Rathschläge." Mit diesen Worten erhob sie sich und machte eine leichte Verbeugung, so daß der Etaatsanwalt die Unterredung als beendigt ansehen mußte. „Ich sehe, daß ich Sie 50 nicht überzeugen kann," sagte er, „und ich wünsche nur, daß Sie diese übertriebene Groß. muth nie bereuen möchten." Damit verabschiedete er sich kalt, ohne sein Mißvergnügen ganz verbergen z« können. XII. Sobald Luch allein war, sank sie in ihren Stuhl zurück und verbarg ihr Gesicht in die Hände. „Es ist geschehen," sagte sie leise, „mein Schicksal ist erfüllt." So blieb sie einige Zeit in sich versunken, als ein leichtes Geräusch sie aus ihren Träumen schreckte. Georg stand neben ihr. „Oh Luch!" rief er, „wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen!" „Ich verlange keine, mein Herr," sagte sie lebhaft, „nicht um Ihretwillen habe ich mich selbst verläugnet, Gott allein habe ich meine Rache zum Opfer gebracht." „O, wüßten Sie, was mein Herz empfand, als Sie diesem Manne eine so edle, großmüthige Lüge sagten." „Vielleicht," sagte Lucy traurig, „hab' ich mich hierin über meine Pflicht getäuscht, dann mag mir Gott verzeihen." „O fürchten Sie nichts für Ihr Kind, in meiner Liebe zu ihm will ich meinem Dank, meiner Hochachtung für seine Mutter Ausdruck geben. Aber werden Sie ihn mir überlasten?" Nach kurzer Unentschiedenheit sagte sie fest: „Ja, Herr Graf, Georg soll in Frankreich bleiben. Nichts in der Welt könnte mich zu diesem Opfer bewegen, wenn ich nicht fühlte, daß meine Tage gezählt sind; ich bin für solches Leid nicht stark genug. Bald, Herr Graf, soll Ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen." „Oh, reden Sie nicht so, Lucy, der Gedanke, Ihren Tod verschuldet zu haben, ist mir fürchterlich." „Sie haben mein Leben so elend gemacht, daß ich den Tod als eine Wohlthat begrüße. Vor meiner Abreise sende ich Ihnen meinen Sohn, und wenn es wahr ist, daß Sie Ihr Unrecht bereuen, so machen Sie wenigstens mein Kind glücklich." „Ich gehe," sagte der Graf ganz niedergebeugt; „aber bevor wir uns wohl für immer trennen, soll ich nicht ein Wort der Verzeihung hören?" Lucy schüttelte den Kopf. „Ich flehe darum." „Ich bin leidend, Graf, und Sie sind ohne Rücksicht, haben Sie nicht mehr erlangt, als Sie hoffen durften?" „Es ist wahr, aber Ihre Großmuth vermehrt noch meine Reue und meinen Schmerz. O könnte ich mit meinem Blute die Vergangenheit zurück erkaufen!" „Ich will es glauben," erwiderte Lucy bitter lächelnd, „denn ganz taub können Sie gegen Ihre Gewissensbisse doch nicht sein." „Nur ein Wort könnte sie lindern." „Nein, nein," rief Lucy heftig, „ich kann Ihnen nicht verzeihen. Sie haben mich gezwungen, den geheiligten Namen als Gattin zu verläugnen, vor dem Manne zu er- röthen, der mir seinen beleidigenden Argwohn nicht verbarg, Sie haben einer schwachen Frau mit Selbstmord gedroht, wenn sie nicht moralisch sich selbst morde und so Ihr Leben in dieser und jener Welt erkaufe — suchen Sie Verzeihung bei Gott, für solche Verbrechen bedarf es einer göttlichen Barmherzigkeit." Georg stand da, wie ein Bild der Demüthigung und Verzweiflung. „O Lucy," rief er, „Sie sind gerächt!" Die Augen Lucy's glänzten fieberhaft, ihre Wangen waren tief geröthet, sie kämpfte mühsam eine nervöse Krisis nieder. „Sie leiden," rief Georg, sie erschrocken ansehend, „erlauben Sie, daß ich bleibe oder Jemand rufe." 51 „Nein, Mela ist nicht da, ich bedarf nur der Ruhe, gehen Sie." „So sehr bin ich Ihnen verhaßt, — daß Sie meinen Anblick nicht ertragen können, bis ..." „Alles ist zwischen uns zu Ende; der Georg, den ich so sehr geliebt, ist todt. Sie find der Gemahl der Fräulein d'Apremont. So gehen Sie doch," fuhr sie mit neu erwachter Eifersucht fort, „beruhigen Sie Ihre Gemahlin, sagen Sie ihr, wie Sie mich zum Schweigen gebracht, daß es jetzt an mir ist, zu erröthen, daß sie jetzt Gräfin Bsricourt ist und die Fremde nur eines jener verlorenen Geschöpfe, die sich ihre Schande bezahlen lassen wollen. O Herr Graf, Ihr Unwille ist nicht am Platz, es war dies die Anschauung Ihrer eigenen Mutter." „Gnade! Mitleid!" flehte der unglückliche Mann. „Warum sind Sie auch geblieben, ich fühlte, daß meine Seele voll Bitterkeit war, und hieß Sie gehen." „Ich hätte Sie gerne ruhiger verlassen, Luch." „Die Ruhe des Grabes — nicht wahr? Mein Herz kann nur vergessen, wenn es aufhört, zu schlagen." „Nein, ich ertrage diese Qual nicht länger!" rief jetzt Georg. „Lucy, bevor eine Stunde um ist, mache ich unsere Ehe bekannt. Zweifelst Du daran," fuhr er fort, als er die ungläubige Bewegung der Creolin sah. Sie faßte ihn am Arm und sagte ernst: „Auf Ihre Ehre, ist es wahr, daß Sie Ihr Glück Ihren Gewissensbissen opfern wollten." „Auf Ehre, ja." „So ist doch nicht jedes edle Gefühl in Ihnen erstarken," begann sie nach kurzem Schweigen, „und wenn ich auch das Opfer nicht annehme, so danke ich Ihnen doch für die gute Regung, die Sie zu dem Anerbieten bewog. Aber eS ist zu spät, lassen wir es, wie es ist." Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, einen schmerzlichen Blick auf den Grafen zurückwerfend, der nicht wagte, sie aufzuhalten. Georg schloß den Knaben, der erstaun: dem ganzen Auftritt zugesehen, in die Arme und eilte aus dem Gemach. Xlll. Als Herr von Vericourt in's Schloß zurückkam, fand er den Pfarrer, seine Mutter und seine Frau in großer Bangigkeit seiner Rückkehr harrend. Jedes suchte in seinen Augen zu lesen, keines wagte zu fragen; seine Blässe, seine Niedergeschlagenheit ließ sie nichts Gutes ahnen. „Also haben Sie nichts ausgerichtet?" fragte endlich der Pfarrer. „Sie hat mir Schweigen zugesagt." Ein Schrei der Freude entfuhr Pauline, die Gräfin athmete auf und sagte: „Aber warum dann diese Traurigkeit? Du hast mich ganz erschreckt." „Warum, Mutter? Weil ich mich noch nie so elend gefühlt." Dann erzählte er seine Unterredung und wie er zuletzt sich selbst habe angeben wollen. „Ist es möglich, die Thorheit so weit zu treiben!" rief die Gräfin. „Sie hat es abgelehnt, die edle Frau!" sagte der Pfarrer. „Gott sei mein Zeuge, daß ich ihrem Kinde eine Mutter sein will," betheuerte Pauline. „Zwei Engel," murmelte Georg, „und ich!" Es wurde nun berathen, unter welchem Vorwand er in's Ausland reisen sollte, um den Gerüchten, die in Umlauf waren, keine neue Nahrung zu geben. Als der Pfarrer das Schloß verließ, wollte er der unglücklichen Lucy noch Lebewohl sagen. Er fand sie sehr leidend. „Wissen Sie auch," sagte sie unter Anderem, daß ich meinen Sohn hier lasse? Das überrascht Sie vielleicht, aber ich habe die feste Ueberzeugung, nicht lange mehr in meiner Heimath zu leben, vielleicht kehre ich nicht lebend zurück; mein armes Kind wäre somit auf der gefährlichen Reise ganz Fremden überlasten." „Gönnen Sie sich doch vorerst einige Erholung," mahnte der Pfarrer, „und w^nn Sie den Knaben bis zum Augenblick Ihrer Einschiffung noch bei sich behalten wollen, so bin ich mit Freuden crbötig, ihn von der Hafenstadt abzuholen." „O danke," sagte Luch gerührt! „Welches Opfer in Ihrem Alter!" „Sie müssen mir aber auch versprechen, sich zu pflegen." „Ich hoffe, nicht mehr lange zum Leben verurtheilt zu sein. Ach, Sie misten nicht, welche Trauer in meinem Herzen wohnt!" „Aber es bleibt Ihnen doch die Befriedigung, die man bei jeder edlen großmüthigen That empfindet." „Nein, mein Herr, zum Ucbermaaß meines Jammers muß ich noch errathen über den Beweggrund der Handlung, die Sie edel und großmüthig nennen." — Nach einigem Zögern fügte sie bei: „Glauben Sie, Fräulein d'Apremont hätte an meiner Stelle eben so gehandelt." „Ich glaube ja, Pauline ist edel und gut. Auch sie hat ja viel zu verzeihen." „Doch nicht so viel, wie ich." Herr Beauprö verabschiedete sich und wiederholte noch sein Versprechen bezüglich des kleinen Georgs. Am andern Morgen fuhr eine Post-Chaise aus dem „Weißen Hirsch", Frau Goulard und die ganze Dienerschaft begleiteten sie unter vielen Danksagungen, denn die Freigebigkeit der fremden Dame hatte alle Erwartungen übertreffen. Die Nachbarslcute steckten die Köpfe aus den Fenstern und kaum war der Wagen um die Ecke, so ging es an ein Fragen: „Nun, Frau Goulard, die fremde Dame reist fort, wie steht es mit Ihrer Prophezeiung?" — „Frau Goulard hat geträumt." „Es wird eben so eine Aventuriere gewesen sein." „Was, eine Aventuriere!" rief Frau Goulard, „sie zahlte wie eine Prinzessin. — Zudem wäre in diesem Fall der Herr Pfarrer so oft zu ihr gekommen? Noch gestern war er zwei Stunden da." „Vielleicht hat sie eine gewichtige Sünde zu beichten gehabt." „Die Vericourts werden sie gut bezahlt haben, damit sie schweigt." „Unsinn!" rief die Wirthin, „läßt sich eine so ungeheuer reiche Frau zahlen? — Ihre Dienerin erzählte mir, sie hätte in ihrem Lande ein prächtiges Besitzthum und vierhundert Schwarze." „Mir scheint," sagte ein Witzbold, „sie gebe diese Schwarzen alle gerne für Einen Weißen." Dieser Einfall erregte allgemeines Lachen und die Unterhaltung ging in diesem Ton noch eine Zeit lang fort. Acht Tage lieferte das Ereigniß Stoff zu Vermuthungen, dann mußte man wohl davon ablassen. (Fortsetzung folgt.) Die Hörmaschine. Eine wahr? Begebenheit. Ein Bauernsohn von Longhrea in Irland, mit Namen Casey, war vor mehreren Jahren die Geißel der Dubliner Poststraße. Er verdankte seine Ausbildung dem famo- sen Wcglagerer Foeney, und das Beispiel seines Meisters befolgend, nahm er so manchem Landedclmann die Börse ab, bevor dieser noch „was ist das?" herausbringen konnte. In einer schönen, mondhellen Nacht, als Casey und seine Genossen auf die Landkutsche von Galway warteten, sahen sie einen ansehnlichen Familienwagen des Weges kommen. 53 ^ „Nun zieht Euch zurück, meine Burschen," sprach Casey, „und seht zu, wie ich diese Leute traktircn werde." — Und ohne eine andere Waffe, als einen gewöhnlichen Spazicrstock, schritt er vorwärts und hielt die Pferde an. „Wer seid Ihr, Herr?" — schrie der wohlbeleibte Kutscher mit drohender Stimme und Geberde. „Ein gewisser Casey," antwortete der Straßenränder. „Ach, Herr Casey! Sehr erfreut. Eure Bekanntschaft zu machen," — stöhnte der Kutscher, halb todt vor Angst, und hielt nun selbst die Pferde zurück „Alle Wetter, was gibt es?" — rief eine kreischende Stimme aus dem Innern des Wagens. „Ich muß Euer Gnaden höflichst bitten, mir Dero Börse, Ohrringe und sonstigen Kostbarkeiten zu überliefern," sagte Casey und trat mit einer Verbeugung an den Kntschcnschlag. „Was will der Kerl von mir?" — kreischte die alte Dame und fuhr mit einem metallenen Instrumente dicht vor das Antlitz des Räubers. Dieser war durch das uner- wartete Manöver ganz außer Fassung gebracht und fand den ersten Augenblick keine Worte, um seine Bitte zu wiederholen. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, meine Kutsche anzuhalten?" schrie die erzürnte Dame, und zielte beständig nach seinem Gesichte. „Ich bitt Euer Gnaden tausendmal um Vergebung," sagte Casey, „es war nur ein Irrthum — belieben Euer Gnaden wieder fortzufahren." „Ich sollte Euch arretiren lasten," versetzte die alte Dame. „Erbarmen, Erbarmen!" schrie Casey und warf sich auf seine Kniee in den Straßenkoth. „Fahre zu, Jonas!" rief die lebhafte alte Dame. Der Kutscher hieb auf sciue Pferde, und Casey blieb zurück mitten auf der Straße, in knieendcr Stellung. -> „Das hast Du Pfiffig gemacht," — sagte einer der Gesellen zu Casey, als dieser zurückkam. „Wo sind nun die Ringe und die Börsen?" fragte ein Zweiter. „Die Weiber werden verdammt kriegerisch in dieser Gegend," sagte Casey. „Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich dießmal um's Leben gekommen. — Die alte Hexe kriegte ein Terzcrol hervor, mit einer so großen Mündung, daß ich Anfangs glaubre, es sei eine Haubitze." „Und wer sagte Dir, daß das Ding geladen war?" fragte Einer von der Bande. „Geladen oder nicht geladen, es schien mir jedenfalls gefährlich," versetzte Casey. Aber bei diesen Worten brachen die Bursche in ein unmäßiges Gelächter aus, warfen ihre Hüte in die Luft, wälzten sich vor Lust im Grase herum und sagten ihrem eingeschüchterten Führer sodann, daß die Alte Niemand Anderer gewesen sei, als Mistreß Anastia Malony, die taube Ofsiziers-Wittwc, welche sich einer Hörmaschine zu bedienen Pflege. „Hm!" sagte Casey, „sollte dem wirklich so sein, so bleibt mir nichts übrig, als diese Gegend für immer zu verlosten. Meine Reputation ist compromittirt. — Was werden die Leute denken, wenn eS heißt, Casey von Longhrca habe sich vor der „Hörmaschine," eines alten Weibes entsetzt.— Der Teufel hole die Maschinen!" Sonderbare Leute. In einem neuerdings unter obigem Titel erschienenen Werke des Franzosen Loredan Larchey finden wir eine Anzahl neuerer, zum Theil komischer Beiträge für die Absonder- lichkciten gewisser in der Geschichte und Literatur bekannter Persönlichkeiten. Wir wollen einige davon mittheilen. Der Marschall Castellane, vor noch nicht langer Zeit gestorben, war einer der rauhesten Haudegen der französischen Armee und in Lyon, wo er commandirte, mehr gefürchtet, als geliebt. Seine Regimenter galten, als sie aus der Krim zurückkehrten, allgemein für die abgehärtesten und geübtesten. Die Bevölkerung von Lyon und namentlich des Stadttheils Croix-Roufse ist eine sehr leicht erregbare und zu Thätlichkeiten geneigte. Als nun der Marschall verlangte, daß sämmtliche Offiziere stets in Uniform gehen sollten, machte man ihn darauf aufmerksam, wie gefährlich dies sei, falls ein Offizier gerade in jenem Stadttheil etwas zu thun habe. Am andern Tage durchstrich Castellane in voller Marschalls-Uniform ganz allein langsam die übelberufensten Straßen des Quartiers Croix-Roufse. Niemand that ihm etwas zu Leide und der Befehl blieb bestehen. — Ein andermal hinterbrachte man ihm, daß ein Barbier in Lyon zu einem seiner Kunden, den er rasirte, gesagt habe: „Ja, wenn ich Castellane so hätte, wie ich Dich hier habe, so wär's um ihn geschehen!" Der Marschall begab sich sofort in den Laden des Barbiers, der ihn natürlich sehr genau kannte. „Rasircn Sie mich!" sagte er. „Schnell! Ich bin neugierig, zu erfahren, wie Sie mir den Hals abschneiden werden!" — Natürlich passirtc ihm nichts weiter, als daß er ein wenig geschunden wurde, und auch das hatte der Barbier ohne Absicht gethan. Die Bälle, die er gab, waren sehr schön und sehr besucht, aber Punkt 12 Uhr mußten sie beendet sein. Darin war er unerbittlich und die Kronleuchter erloschen vor den Augen der tanzlustigen Herren und Damen. An die letzteren vertheilte er während des Balles kleine Foulards und Stangen fein präparirten Zuckers. Diese Stangen waren verschieden groß, je nach dem Rang, den die Männer der Damen in der ofsiciellen Rangliste einnahmen! Malherbe, einer der bedeutendsten französischen Dichter aus dem sicbenzchnten Jahrhundert, hatte immer kalte Füße und zog so viel wollene Strümpfe an, daß er zuletzt Spielmarken benutzen mußte, um sich nicht zu verzählen. Jedesmal, wenn er auf den linken Fuß einen Strumpf zog, legte er eine Marke in ein Näpfchen, bis der Fuß genug bestrumpft war; wenn er sich dann zum rechten wandte, nahm er nach jedem neuen Strumpf eine Marke heraus. Später ließ er jedes Paar »ach dem Alphabet bezeichnen, ABC u. s. f. Er soll nach seiner eigenen Versicherung bis zu L, also bis zu eilf Paar Strümpfen gekommen sein, und bildete aus diese Weise ein wandelndes Thermometer, als man die quecksilbernen noch nicht kannte. „Es scheint heut kälter zu sein, wie gestern," sagte z. B. ein Cavalier Heinrichs IV. oder der Maria Mcdicis. „Nein," antwortete ihm der Andere. „Malherbe trägt heute F, gestern trug er G." — Mal- herbe besaß keine eigene Wohnung. Mehr aus Absonderlichkeit als aus Geiz, wohnte er in einem meublirten Zimmer. Hatte er viel Besuch, waren die sieben oder acht Stroh- stühle besetzt und klopft es an die Thür, so rief er hinaus: „Warten Sie! Es ist kein Stuhl frei!" Er arbeitete schrecklich langsam. Zwei Tage lang überlegte er, ob ein einziges Wort paffend sei oder nicht. Wenn man hundert Verse oder zwei Seiten „wahre Prosa" geschrieben habe, müsse man sich zehn Jahre ausruhen — das war seine Ansicht. Als dem Präsidenten von Verdun seine Frau gestorben war, richtete Malherbe eine Ode an sie. Er brauchte drei Jahre dazu. Inzwischen hatte der Präsident es eiliger gehabt und sich längst wieder verheiratet; die junge Frau empfing also die Lobrede ihrer Vorgängerin. F o urnier-Vern euil, ein Pariser Journalist, wohnte um's Jahr 1830 in einem ausrangirtcn Omnibus, und in diesem Omnibus befand sich zugleich das RcdactionS- Bureau eines von ihm herausgegebenen Journals. Der General Marey-Monge, erst vor einigen Jahren gestorben, besaß eine Liebhaberei für Hieb- und Stoßwaffen und eine glänzende Sammlung derselben. Auch verfertigte er fortdauernd neue Modelle, um die „blanke Waffe" auf den Gipfel nie geahn-- 55 ter Vollkommenheit zu erheben. Als er in der Bibel gelesen hatte, daß JoaS einem Häuptling, während er ihn verrätherisch küßte, mit seinem Säbel den Bauch aufgeschlitzt, ohne den Arm zu bewegen, ruhte Marey nicht, bis er eine Waffe erfunden, mit der sich dasselbe Kunststück ausführen ließe, ohne daß der Betreffende, dessen Bart man nach orientalischer Weise mit der linken Hand vorher faßte, etwas von einer Bewegung des Verräthers merkte. Der Marquis de St. Erica kam täglich zu Tortoni, um dort sein Eis zu nehmen, aber er that es auf sonderbare Weise. Er setzte sich vor das Cafö und bestellte ein Vanille- und ein Erdbeer-Eis. Dann zog er die Stiesel aus und goß ein wie alle Mal das Vanille-Eis in den rechten, das Erdbeer-Eis in den linken Stiefel. Hatte er sich zufällig daher geirrt, so schüttete er das Eis wieder aus dem Stiefel, bestellte zwei neue Portionen und wiederholte dieselbe Manipulation, aber in der richtigen Weise. Im Uebrigen war er leidlich vernünftig. Der Sohn des großen Conde, des Siegers von Nocroy, gewöhnlich nur „der Prinz" genannt, wurde von der fixen Idee ergriffen, daß er todt sei. In Folge dessen verweigerte er jede Nahrung. Um ihn zu retten, gingen die Aerzte auf diesen Unsinn ein und erklärten ihn für vollkommen todt. Aber, sagten sie, es gäbe gewisse Todte, die dennoch äßen, und zu diesem Zwecke verschrieben sie ihm einige berühmte Todte, die mit ihm speisen sollten, seinen Großvater und den Marschall von Luxembourg. Die erste derartige Mahlzeit fand in einem Souterrain des prinzlichen Schlaffes statt. Zwei Diener des Prinzen, Girard und Richard, stellten den Großvater und den Marschall vor. Ein dritter Diener spielte die Rolle des Marschalls Turenne, der ebenfalls als Schatten anwesend war. Auswärter in Leichentüchern bedienten die Todten und der Doctor Finot, der dieses seltsame Mahl belauscht und beschrieben hat, sagt, daß er beinahe geplatzt sei, denn die Gespräche der Todten seien über alle Maßen spaßhaft gewesen und er habe sich nur mit der allergrößten Mühe des lauten Auflachens erwehren können. (Die angebliche Vergiftung der Erzherzogin Charlotte.) Der Zustand der Geistesstörung der Gemahlin des Erzherzogs Maximilian wurde bekanntlich schon vor Monaten wiederholt einer stattgefundenen Vergiftung zugeschrieben. War die Behauptung von vornherein eine unglaubwürdige, so wird sie dies um so mehr durch die vor ganz kurzer Zeit erfolgte Erklärung des Leibarztes der unglücklichen Fürstin und seiner Gemahlin, Doctor Scmelender, der zwar die Möglichkeit einer Vergiftung nicht absolut verneint, es jedoch ganz überflüssig findet, eine solche anzunehmen, um die Geisteskrankheit der Erzherzogin zu erklären; so lange er im Verkehre mit derselben gewesen, habe er übrigens nie irgend etwas an ihr bemerkt, was im Entferntesten das Eintreten einer Geistesstörung hätte vermuthen lassen. Interessant ist, was derselbe Hiebei (in einem Schreiben an die Wiener Med. Pr.) über das Gift selbst mittheilt, das der Erzherzogin in Mexiko gegeben worden sein soll. Er schreibt: „Man spricht von einem Gifte, das je nach der Menge, die einem Menschen beigebracht wird, schneller oder langsamer den Verlust des Verstandes und später den Tod verursacht. Nach einer mir zur Benützung überlassenen Angabe aus einem handschriftlichen Hefte über Botanik des Frater Francisco de Ochva y Cadena im Franciskanerkloster zu Chiapas wäre dieses Gift das Camotillo. Das Wort Vandoux-Gift ist hier nicht bekannt. Das Camotillo - Gift soll von einem Strauche stammen, der an der Küste des Stillen Meeres wächst, von Chiapas bis Aca- pulco. Die Pflanze hat lorbecrartige Blätter; auS den Zweigen fließt beim Abschneiden ein Milchsaft, der auf Baumwolle gesammelt und getrocknet wird. In die Nase gesteckt, soll diese Baumwolle dann ein gutes Mittel gegen Kopfschmerz und Schnupfen sein. — An den Wurzeln der Pflanze hängen längliche Knollen (Cametes, daher der Name), welche ein sehr heftiges Gift enthalten, das hauptsächlich das Gehirn angreift. Die Be- 56 wohner jener Küste sollen einander oft damit vergiften; namentlich die Weiber von Tehuantepee ihre Liebhaber, wenn ihnen diese Grund zur Eifersucht geben. Ich folge meiner Quelle. „Sie schaben die Knollen, werfen das Geschabsel in eine Taste mit Master und geben diesem die nöthige Stärke. Tiefer Aufguß äußert seine Wirkung Monate, selbst ein Jahr, nachdem er genommen wurde, je nach der Menge des Giftes, die er enthielt. Er verursacht Verrücktheit und langsamen oder plötzlichen Tod. Man sagt, der Bischof von Arigoyen-Oaxaca sei auf diese Art vergiftet worden, denn er verlor den Verstand und starb bald darauf." Ueber nähere Erkenntniß einer stattgehabten Vergiftung wird nichts gesagt. Drei Gegengifte sind angeführt; Cordoncillo, Acrba de la Culebra und Coanenpili. Diese werden auch gegen Hundswuth, Schlangenbiß und eine große Zahl anderer Krankheiten gerühmt. Ueber ihre Anwendung fehlen alle Angaben. Diese Andeutungen sind gewiß sehr allgemein gehalten. Die Wirkungsweise des Giftes wäre höchst merkwürdig, und ehe sichere Angaben vorliegen, ist wohl ein Zweifel erlaubt. Kann ich, wie man mir verspricht, Gift und Gegengift erhalten, so will ich Sorge tra- gen, daß Beides in die rechten Hände gelange, um einer gründlichen Prüfung unterworfen zu werden " (Der Hauslöwe.) Kürzlich fanden wir m einem alten Manuscript unter dem Titel „Historischer Lustgarten Philippi Cammerarii" folgende Notiz, die als Anekdote zu dem in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei veröffentlichten Prachtwerke über die deutschen Reichskleinodien des Canonicus Dr. Fr. Bock hier eine Stelle finden möge. Es heißt daselbst wörtlich: „Es ist noch heutigen Tages bekannt, daß Kaiser Maximilianus der Andere einen trefflichen Hauslöwen gehabt, der wie ein Hund mit sich spielen und um- gehen lasten, auch Niemand kein Leid thät, den man von Jugend auf am kaiserlichen Hof erzogen, auch meistentheils mit Zugemüß und Brei und nicht mit Fleisch gcspeiset. Den hat der Kaiser so lieb gehabt, daß man ihn nach desselben tödtlichcn Abgang kaum von dem Sarg desselben hat hinweg bringe» können. Ich weiß mich aber zu erinnern, daß die Gesandten unserer Stadt Nürnberg oft erzählt haben, daß man Kaiser Karl's Krone, Mantel und andere Kleinodien, so lange Zeit hier in Verwahrung gehabt, nach Regensburg zu Kaiser Maximilians gebracht, damit sein Sohn Kaiser Rudolph gekrönt worden und das gemeltc kaiserliche Kleinodien vor Ihrer kaiserlichen Majestät in seinem Gemach aufgelegt wurden . . . ist der Löw neben dem Kaiser gestanden, umb die Krön, Scepter, Schwert, Reichsapfel und kaiserlichen Mantel herumgegangen und sich gleichsam verwundert. Da man sie aber wicdrum aufgehoben und verwahret, hat sich der Löw auf die Thruhe gelegt und dieselbe fleißig bewacht. Dergleichen zahmen Löwen hat Juan d'Austria, Kaiser Karl's natürlicher Sohn, gehabt, welcher einen unsterblichen vietorirm, wider die Türken erhalten. Dieser Löw ist gemeiniglich als ein Trabant neben ihm gelegen und gestanden." (Amerikanische Zündhölzchen.) Als ein Beispiel deS Umfanges, in welchem die Fabrikation eines scheinbar unbedeutenden Artikels in Amerika betrieben wird, kann die Herstellung der Zündhölzchen dienen, wie sie zu Frankfort, im Staate New-Uork betrieben wird. Einen Begriff von der Mäste der Streichhölzchen, die alljährlich dort erzeugt wird, kann man sich einigermaßen aus der der Thatsache bilden, daß 700,000 Fuß Fichtenholz zur Bereitung derselben, 400,000 Fuß Lindenholz für die Verpackungslisten, in denen man sie versendet, und 400 Fässer Schwefel, sowie 9600 Pfund Phosphor verbraucht werden. Zur Anfertigung der Büchsen braucht man jeden Tag 1900 Pfd. Pappendeckel und Papier, und die TagcSkosten der NegierungS - Stempelgcbühr betragen 1440 Dollars. Die Zahl der Arbeiter beläuft sich auf 300, und die Zahl der täglich gefertigten Strcichholzbüchsen, die natürlich auch täglich gefüllt werden, auf 144,000. Druck, «erlüg und Redaktion de» literarüchc» Institut» «o» »I. W. Huiiler, Nr. 8 . 23. Februar 1868. Arrgsburger Sonntag Das Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche schöne Perle In seiner Diese ruht. Rache «nd Liebe. (Schluß.) XIV. Krank an Geist und Körper kam die Reisende nach Bordeaux. Ihre erste Sorge war eine Schiffsgelegenheit nach den Antillen. Sie hörte zu ihrem Vergnügen, daß Capitän Borschel, trotz des geringen Erfolges seiner letzten Reise, noch einmal sein Glück versuchen wolle. Lucy bat ihn schriftlich zu ihr zu kommen, was er sogleich that. — „Nun, gnädige Frau, Sie wollen Frankreich schon wieder verlassen? — Sind Sie wenigstens mit dem Resultat Ihrer Reise zufrieden?" „Ja, Capitän." „Ihrem Aussehen nach hätte ich's nicht geglaubt. Sie haben sich verändert!" „O, nur Ermüdung von der Reise. Wann gehen wir?" „Sobald die Ladung fertig ist; Sie wissen, das Ausladen war schnell geschehen," fügte er mit einem Seufzer bei. „Wollen Sie unterdessen Bordeaux sehen? Sie wissen vielleicht nicht, daß Bordeaux die schönste Stadt ist. Meine Frau soll Sie begleiten." „Ich danke Ihnen, Herr Borschel, wäre ich nicht unwohl, würde ich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen. Doch wird Bordeaux bei mir stets im guten Andenken sein, da es mich an einen der vortrefflichsten Männer erinnert," fügte sie, seine Empfindlichkeit bemerkend, hinzu. So lange sie noch in Bordeaux war, verließ sie den Gasthof nur, um in die Kirche zu gehen. Als sie Mela mittheilte, sie müsse mit dem Kinde in Frankreich zurückbleiben, war die arme Mulattin trostlos, es war mehr als ihr Leben, was ihre Herrin verlangte. Als aber diese beifügte: „Es muß sein, gute Mela, Georg bedarf Deiner," wagte sie nichts mehr dagegen einzuwenden. Als Herr Beauprs eintraf, den Knaben zu holen, fragte sie anscheinend ruhig, „was sich im Schloß Vsricourt zugetragen." „Es herrscht dort große Traurigkeit," antwortete der Pfarrer. „Herr Vsricourt ist von tiefer Reue erfüllt und erwartet nur meine Rückkehr mit dem Knaben, um seine Abreise festzusetzen." „Er mag sich damit nicht beeilen, bald wird sie nicht mehr nöthig sein. Meine Freunde können mir nichts Besseres wünschen, als das Grab," fuhr sie fort, den traurigen Blick des Pfarrers begegnend. Hierauf theilte sie ihm noch einige Bestimmungen mit für den Fall, daß sie Bafse- Terrc nicht mehr erreiche, und bat ihn, dem Kinde doch von seiner Mutter zu sprechen. „Ach," seufzte sie, „eine Andere wird seine ganze Zärtlichkeit haben, und gerade sie, die mich schon aus dem Herzen mcimk Gemahls verdrängt!" 58 Deim Abschied bewies sie großen Muth. Sie drückte den kleinen Georg lang an's Herz, ohne eine Thräne zu vergießen, während die arme Mulattin in Thränen gebadet vor ihr auf den Knieen lag und ihr Kleid küßte. „Ich empfehle Ihnen mein.Kind und auch diese arme Verlassene, Herr Pfarrer," sagte Luch mit gebrochener Stimme, „jetzt laßt uns gehen." An der Thüre wollte ihr die Kraft versagen, sie wankte und suchte nach einer Stütze, aber mit energischer Willensstärke kämpfte sie diese Schwäche nieder, sie stieg in den Wagen und fuhr an den Hafen, wo das Schiff „Maria-Hilf" nur mehr ihrer harrte, um abzusegeln. Noch im letzten Augenblick wandte sie sich an den Pfarrer und sagte: „Bei unserer Trennung habe ich Herrn Vsricourt meine Verzeihung verweigert; ich war seitdem bemüht, allen Haß aus meinem Herzen zu verdrängen. Bevor ich diese Reise unternehme, deren Ende ich schwerlich erlebe, habe ich meine Seele von jedem Necken reinigen wollen: sagen Sie Herrn Vericourt, daß ich ihm verzeihe." „Sie schreiben mir doch," bat der Pfarrer, der seine Thränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Ja," sagte Luch mit einem Lächeln, das einem in's Herz schnitt, „bald sollen Sie Nachricht von mir haben." Schmcrzcrfüllt machte sich Herr Beauprü eine Stunde später auf die Rückreise. — Als er dem Grafen die versöhnenden Worte hinterbrachte, sagte dieser finster: „Aber ich werde mir nie verzeihen!" Sobald sein Sohn im Schloß untergebracht war, trat er die Reise an. — „Theure Paulinc," sagte er beim Abschied. „Du verläßt meine Mutter nicht, nicht wahr?" „Niemals, ich schwöre es Dir, weder sie noch Dein Kind. Was auch die Zukunft bringen mag, mein Schicksal ist mit dem ihrigen verknüpft." XV. Mehrere Monate waren verflossen, Georg reiste in Deutschland und gab oft Nachricht, aber noch immer hatte Herr BcauprS nichts von der jungen Crcolin gehört. — Endlich erhielt er einen Brief aus Bordeaux; er war vom Capitän Borschel, der Pfarrer durchflog ihn hastig, er lautete: Mein Herr! Nach einer langen, diesmal sehr einträglichen Reise, komme ich nach Frankreich zurück und mein Erstes ist, das Versprechen zu lösen, welches ich der jungen Dame gab, die Sie mir an Bord brachten. Bald nach unserer Abfahrt bemerkte ich, daß ihre Gesundheit sehr angegriffen war, obgleich sie sich nie beklagte; wenn ich sie darum befragte, gab sie mir ausweichende Antworten. Eines Tages, als sie sich besonders unwohl fühlte und nicht auf's Verdeck kommen konnte, ließ sie mich rufen. Capitän, sagte sie, wie weit haben wir noch nach Basse-Terre? Ich antwortete, daß ich hoffte,"in acht Tagen dort zu landen. Dann werde ich, mein Vaterland nicht wieder sehen, entgegnctc sie, und als ich sie von dem Gedanken abbringen wollte, fügte sie bei: Das Leben ist mir so zur Last geworden, daß ich nicht dagegen murre, wenn Gott es abkürzt, für manchen Schmerz ist Sterben eine Wohlthat. Dann gab sie mir noch verschiedene Aufträge für ihren Verwalter in Baffe-Terre und bat mich, ihren Tod Ihnen bei meiner Rückkehr sogleich anzuzeigen. Leider täuschte sich die arme Frau nicht, sie sollte ihr Vaterland nicht wieder sehen. Ich wollte es gar nicht glauben, daß sie ihrem Ende schon so nahe sei, solche Ruhe und Freiheit des Geistes zeigte sie. Ihre letzten Augenblicke waren die einer Heiligen, sie betete beständig, oft hörte ich sie den Namvn Georg aussprechen, was mich nicht wunderte, da ihr Söhnchen so heißt. Wenn Sie in ihrer Familie eine Pauline kennen, so können Sie ihr sagen, daß sie auch von 59 ihr oft gesprochen hat. Ich schreibe Ihnen dies, weit ich weiß, daß solche Einzeln-- f heilen den Angehörigen wohl thun. Am Borabend ihres Todes stellte ste an mich noch die Bitte, ihre Leiche nach Basse-Terre zu bringen. „Ich möchte in meiner Heimath ruhen/ sagte sie. Ich versprach es feierlich und habe auch Wort gehalten. Bei meiner Ankunft ließ ich die Freunde der jungen Dame kommen, und übergab ihnen die Leiche. Ich bin fest überzeugt, daß die arme Frau an einem großen Kummer gestorben ^ ist; doch Sie kennen ohne Zweifel ihre Verhältnisse näher und ich bedarf dessen, . um gewiß zu sein, daß sie ein besseres Loos verdient hätte. — Empfangen Sie, mein Herr, bei dieser Gelegenheit die Versicherung wahrer Hochachtung, womit ich bin Ihr ergebenster Borschel, Capitän. Sobald Herr Beauprö den Brief gelesen, eilte er damit auf's Schloß. Er traf da Pauline und den kleinen Georg, dem sie ein Mährchen erzählte. Eine Zeit lang betrachtete er Beide schweigend, als Pauline seine ungewöhnliche Blässe bemerkend, ihn um die Ursache fragte. „Schenken Sie dem Kinde Ihre ganze Liebe, denn seine rechte Mutter ist todt/ sagte Herr Beaupre bewegt. Die junge Frau stieß einen Schrei schmerzlicher Ueberraschung aus, bald aber nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. „Also kann Georg wieder kommen,* — rief sie. „Pauline," sagte der Greis strenge, „ist es möglich, daß Ihr erster Gedanke ber dem Tod des Opfers die Rückkehr seines Mörders ist?" Pauline erröthete und verbarg ihre Beschämung und ihre Thränen, indem sie das Gesicht an den Kopf des Kindes lehnte. „Warum machen Sie die gute Mama weinen," sagte der Knabe zornig, „sie soll nicht weinen." Dann suchte er sie mit seinen Liebkosungen zu trösten. Dieser Auftritt erinnerte ^ Herrn Beauprv an die Worte der Creolin: „Sie wird die Liebe meines Kindes besitzen, wie sie mich schon aus dem Herzen meines Gemahls verdrängt hat." Ein Jahr später war große Freude im Schloß Vericourt, der Graf wurde noch für den Abend erwartet; sein letzter Brief, von einem Grenzstädtchen datirt, schloß also: „Am 17ten bin ich bei Euch, kaum fasse ich mein Glück und begreife nicht, wie Gott eS mir gewähren konnte." Der Tag schien Paulinen und der Gräfin endlos. Ihr ungeduldiges Warten verwandelte sich in schmerzliche Besorgniß, als sie den Pfarrer allein kommen sahen. So sehr sie sich sonst seiner Ankunft freuten, dießmal erfüllte bange Ahnung ihr Herz, und blaß und angstvoll riefen Beide zugleich. „Mein Sohn?" „Wo ist Georg?" Herr Beauprs sah mit Thränen im Auge zum Himmel und indem er die Hand des Knaben ergriff, sagte er: „Er nur wird ferner auf diese» Namen hören." Nur mehr wenige Stunden von Vericourt wurden die Pferde scheu, und der Postwagen stürzte über einen Abhang. Tödtlich verwundet, wollte der Graf noch zu seiner Mutter gebracht werden, aber er starb in Digne in den Armen des greifen Pfarrers, der seine Seele der himmlischen Barmherzigkeit empfahl. Wir versuchen es nicht, den Schmerz der beiden Frauen über Georg's plötzlichen Tod zu schildern. Wenn Gott ihn den irdischen Freuden, die er jetzt erhoffte, entrückt hat, so war es wohl, weil sein Verbrechen nicht hinlänglich gesühnt war. 60 Die Noth i« Ostpreußen. Den Hilfs - Comites in Deutschland, welche zusammengetreten sind, um die Noth in Ostpreußen zu lindern, hat das Provinzial-Comits in Königsberg seinen ersten Rechenschaftsbericht über seine Wirksamkeit zugehen lasten. Wir finden darin, daß sich die mildthätige Hand in allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes aufgethan hat und zur großen Freude gereicht es, daß gerade aus unserem Bayern eine große Anzahl von Gaben verzeichnet ist. Aus dem Berichte ergibt sich die beruhigende Versicherung, daß diese Gaben auch die ganz zweckentsprechende Verwendung sinken. Man sucht durch Verschaffung von Arbeit für Arbeitsfähige und Hingabe von Speisen und Lebensmitteln an Arbeitsunfähige der Noth vorzubeugen oder zu steuern. Die aus den verschiedenen Vereinen Deutschlands zugehenden Beiträge werden möglichst dorthin dirigirt, wo es am meisten Noth thut. Darunter steht in erster Reihe das Dorf Rudau. Dieses an und für sich arme Dorf bildet ausnahmsweise ein Ablagerungs-Depot für die von den umliegenden Gütern nach der Erndtezeit entlassenen, größtentheils halb- invaliden Jnstleute, Taglöhner, die sich dortselbst eine Wohnung, und nach Möglichkeit als gewöhnliche Arbeiter Beschäftigung suchen. Bei diesen herrscht schon seit Beginn des Winters ein totaler Mangel an Brennmaterial und Lebensrnitteln, die Leute, besonders die Frauen, sind gezwungen, mit den Kindern von Haus zu Haus betteln zu gehen, um nicht Hungers zu sterben, sie sind gezwungen. Holz zu stehlen, um nicht zu erfrieren. — Der arbeitsfähige Arbeiter kann bei der hohen Schncelage und der kurzen Tageszeit kaum so viel verdienen, daß er sich selbst arbeitsfähig erhalte, für die Existenz von Frau und Kind kann er schon gar nicht sorgen. Auf's Schwerste ist von dem allgemeinen Nothstände auch die Stadt Wehlau betroffen. Vierhundert Familien mit fast tausend Köpfen sind dort von den nothwendigsten Lebensmitteln entblößt. Die wohlhabenderen Einwohner der Stadt suchen zwar nach Kräften der Noth zu steuern, allein alles das reicht nicht anS, um den Hunger der Armen zu stillen, es ist nur ein Tropfen, der auf einen heißen Stein fällt. Man braucht Arbeits-Material, namentlich Flachs, Wolle rc., ». um selbe den Hunderten von Frauen, die solche begehren, zu schaffen und eine feste geheizte Arbeitsstätte einzurichten, man braucht Viktualien und Geld zur Errichtung einer Suppenanstalt. Ebenso hilfebedürftig ist die Gemeinde Ruß. Sie erlitt im Juni vorigen Jahres eine vierfache Ucberschwcmmung; die Leute dort, meist kleine Grundbesitzer, Schiffer und Losleute sind ganz erbärmlich daran, den ersteren ist das Heu fortgeschwemmt, aus dessen Verkauf sie das nöthige Getreide hätten kaufen können, den Schiffern mangelte es in dem verflossenen Jahre an den nöthigen Frachten, um das Erforderliche zum Unterhalte ihrer Familien während des Winters zu erwerben. Der Fischfang ist überhaupt in den letzten Jahren nicht lohnend gewesen und die Losleute, denen sonst der Holzhandel reichlichen Verdienst gab, haben für den Winter nichts ersparen können, da der Holzhandel im letzten Jahre ein sehr beschränkter war, der größere Theil derselben ist brodlos und wenn sich einer bei den Chausseebautcn wirklich etwas verdient, so kann er sich damit wohl selbst ernähren, aber bei der herrschenden Theuerung für Weib und Kind nur sehr wenig erübrigen. Dazu kommt noch, daß eine Menge von Knechten und Mägden brodlos geworden. Ueberall die schreiendste Noth und Mittellosigkeit der Gemeinden, derselben zu steuern. Schaaren von Kindern ziehen in dem kläglichsten Zustande hungernd und bettelnd müher. Die übermittelten Gaben werden dort zunächst zur Einrichtung von Suppenanstalten verwendet, damit die dürftigen Kinder dort zu essen bekommen und nicht mehr vom Hunger zum Bettel gezwungen sind. Mit diesem gras- sirenden Nothstände steht die herrschende Typhus-Epidemie im Zusammenhang. Viele ^ Arbeiter, die im Herbste an der Südbahn gearbeitet haben und jetzt brodlos herumirren, sind von dieser Krankheit heimgesucht und tritt dieselbe bei diesen kümmerlich genährten und entkräftigten Leuten intensiver auf. Es ist dringend geboten, daß für Aufnahme und Verpflegung solcher unglücklicher Arbeiter, welche Verdienst suchend, auf der Reise am 61 ^ Typhus erkrankten und nach einer größeren Krankenanstalt nicht mehr übergesiedelt werde« können, Sorge getragen werde! Im Städtchen Darkehmen steigerte sich die Noth schon im November dermaßen, daß die Aerzte dem Hungertyphus entgegen zu arbeiten mahnten, dem auch wirklich zwei Opfer unbestreitbar erlegen sind. Die dortige Gegend gehört sonst zu den fruchtbaren, aber die Kartoffeln sind meist ertränkt und verfault, daS Getreide ist bei fortwährendem Regen nicht gereift und die meisten Einwohner sind ^ Handwerker, meist mit großen Familien. Es wurden dort von 430 Unterstützungs- Bedürftigen die 60 Aermsten herausgegriffen, von denen aber nur täglich die Hälfte mit 30 an einem Tage gespeist werden konnte und die andere Hälfte auf Ueberhungern bis zum nächsten Tage gewiesen werden mußte. Eine schreckliche Noth herrscht im Kreise Labian, es sind zur Zeit 16,000 Menschen dort, die der Hilfe bedürfen! Um das Maß des Unglücks zum Ucberströmen zu bringen, hat der grimmigste Feind des Vorjahres, das Hochwaffer, sich wieder eingestellt. Der Winter mit seiuer beispiellosen Strenge, seiner Kälte von 25 Grad, hatte wenigstens noch das Gute, die Communi- kation auf dem Eise der Gräben, Kanäle und überstauten Wiesen zu ermöglichen, so daß auch noch die entferntesten Niederlagen mit Lebensmetteln versorgt werden konnten, denn es muß Jedes und Alles hingeschafft werden, gebaut ist absolut Nichts in jenen Gegenden. Da trat plötzlich Thauwetter ein und daS Wasser stieg in einer Nacht um 6 bis 7 Fuß. Mitten im Januar mußte abermals der schlechtverwahrte, unheizbare, zugige Boden die Zufluchtsstätte der Menschen werden >— und zugleich bedeckte sich bei dem sofort wieder eintretenden Frost die unabsehbare Waffermaffe mit einer dünnen Eiskruste, nicht stark genug, um die Fortbewegung auf ihr zu gestatten, zu stark, um das Fahren mit Booten zu ermöglichen, so daß alle Communikation vollständig unterbrochen war. — „Von Labian aus übersieht man ein unendliches Eismeer, mit den daraus hervorragenden Häusern: aber hinten, in der meilenweitcn Ferne, wohin das Auge nicht reicht und . leider auch nicht die helfende Hand, sondern nur der schaudernde Gedanke, da harren Tausende von Menschen, hungernd, frierend im hoffnungslosen Kampfe mit den Elementen. ..." So berichtet ein vom Provinzial-ComitS nach jenem Kreise gesandter Vertrauensmann und aus einem Briefe eines jungen Geistlichen in Lithauen entnehmen wir folgende entsetzliche Schilderung: Der Hungertyphus ist bereits da, am Sonntag habe ich Typhuskranke besucht, um ihnen das heilige Abendmahl zu geben. Solche Jammergestalten habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Schon die Stube war entsetzlich, — der Fußboden aufgeweicht — Du kennst es — die Wände naß und schwarz wie ein Schornstein, im ganzen Raum ein Tisch, ein Schaff voll Schmutz und Staub, em Rocken, eine Ofenbank und ein Bett in einer Ecke. Auf dem letzteren krümmte sich eine Jammergestalt, das leibhaftige Bild des Todes. Das einzige Stück Bett war das Kopf- kiffen, sonst nur Stroh und Lumpen, durch welche die spitzen Knochen durchschienen; das Auge halb gebrochen, die Lippen vermochten die Zähne nicht zu bedecken. — „Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir," wimmerte der Kranke mit Geisterstimme nach. Es war eine grauenhafte Scene, dazu angethan, Zeitlebens einem im Gedächtniß zu bleiben. Ich fragte die schmierige Mutter nach ihren Kindern, „da sind sie" antwortete sie, auf den Ofen zeigend, ich konnte jedoch nichts entdecken und fragte noch einmal. Da fing's sich auf das Rufen der Mutter hinter dem Ofen und in der zum Kochen eingerichteten Röhre an zu regen; zwei Jungen krochen hervor, einer uothdürftig mit einem Hemde bedeckt, halb lebendig, der andere halb bekleidet, zerlumpt und beide schwarz wie die Neger. . . . Solchen Thatsachen gegenüber wird sich die menschenfreundliche Gesinnung, die sich bisher in Bayern für unsere unglücklichen Brüder im Norden bekundet hat, auch fernerhin gewiß nicht verschließen und wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Summe des bisher Gegebenen in kurzer Zeit sich verdoppeln möge. Wir sagen: „in kurzer Zeit!" denn wer schnell hilft, hilft zwei Mal. 62 Die hungernde» Ostpreußen. Ihr habt die .Bruder' angerufen. Und bei dem Gotte, der uns schuf, Es hallt bis an der Berge Stufen, Ihr habt die Bruder angerufen. Nicht sei vergeblich euer Ruf! Uns faßt «in göttliches Erbarmen; Voll Liebe drücken wir und Schmerz Die frost- und hungerkranken Armen, Daß sie sich sättigen und erwärmen. An unser deutsches Christenhcrz. Wo bang die Noth zum Himmel kreischet, Wär's auch beim Feind, wir säumen nicht Doch seid denn ihr's, die uns zerfleischet? Ihr thatet ja nur, was erheischet Des heiligen Gehorsams Pflicht. Nur ihr, des Preußensiaates Wächter, Nehmt nicht in euren sünd'gen Mund Das hcil'ge Wort! Ihr Brüderschlächter, Des Rechtes und der Treu Berückter, Jhrmitdemwälschen Feind im Bund. — Im Bund, nicht um euch zu verthrid'gen. Rein, um den Bruder selbst, o Schmach, Mit schnödem Angriff zu belcid'gen. Ihn zu vernichten! Jbr Meineid'gen, Da jeder Odem Lüge sprach! Roch dampft von eurer Brudertreue Der böhmische Grund, die Frankenflur, kustozzr dampft . . . dock sonder Reue St>bt ihr nock da, — vielleicht auf neue Berbrüdcrungsthatcn sinnt ihr nur! Nehmt die Millionen, uns entrissen. Dazu so leicht sich hat bequemt Das faule modrige Gewissen, — (Ihr möchtet einst nock Freunde missen). Den ungerechten Mammon nehmt. *) Gebt ihn an sie, die, nothvcrnichtet, Noch schmachten in der Steuer Joch! So wird die Schuld — zwar nicht geschlichtet — Doch minder streng dereinst gerichtet, Und w.ir — verzeihen leichter doch! Xuim» kovaric». ») ruka» 18, S. (Wie man Nattern und Wilddiebe fängt.) Ich ging einmal mit einem Kameraden, der auf Alles was kriecht, eine besondere Passion hat, über die Felder spazieren. Plötzlich sahen wir eine große Natter, welche wie eine Rolle Kübeltabak geringelt im Grase lag, nach verfassungsmäßiger Entwickelung von vier Fuß Länge sich in ein Loch verkriechen. Flugs eilte mein Kamerad ihr zu und erwischte sie noch glücklich beim Schwänze, an dem er sie festhielt. Gib mir ein Messer, rief er mir zu, und als ich ihm mein Sackmesser gereicht hatte, schaute ich aus gehöriger Entfernung zu, was er denn mit der ecklen Natter anfangen werde. Da zog er denn mit der einen Hand die Natter langsam aus dem Loche, während er mit der andern Hand das Messer zum Schnitte bereit über dem Loche hielt, in welches das Thier sich verkriechen wollte. Endlich als er merkte, daß „das Trum" zu Ende gehe und der Kopf nicht mehr lange warten lasten würde, schnitt er den wurmigen Faden ab, so daß der Kopf noch in der Höhle stecken blieb. 63 Diese Geschichte gehört zwar weder in die hohe noch in die niedere Jagd, aber ein« Jagd bleibt's doch, eine Jagd, wozu mehr Muth gehört, als einem Hasen den Lauf abzuschießen. Ungefähr wie dieser Natter erging es nun im letzten Jahre einem Wilddiebe in H. Dieser Wilddieb war ohne Gewehr gerade so gefährlich, als mit demselben. Ging er ohne Gewehr in's Revier, so konnte man sicher annehmen, daß er ausgehe, einen Auer- Hahn zu „verhören," oder Fallen und Drahtschlingen zu legen, oder ein in die Fallt gerathenes Stück auszuiiehmen. Das Letztere war nun einmal der Fall. — In eine ehemalige, nunmehr fast ganz verschüttete Knappenhöhle, vulgo Stollen, hatte er einem Marder eine Falle gelegt und wollte nun nachsehen, ob der Marder auch wirklich darinnen stecke. Nichtig lag er in eingeklemmter Vcrendung in der engen Höhle. In dem Augenblicke, als der Wilddieb seine Beute herauszuziehen sich anschicken wollte, bemerkte er aber den Jagdeigenthümer und noch einen Jäger in der Ferne, glaubte jedoch von ihnen noch nicht bemerkt worden zu sein, und um den Augen der Unberufenen sich ganz zu entziehen, kroch er auf dem Bauche 4'/? Fuß weit (weiter ging's nicht) in die Höhle hinein, in welcher er neben dem glücklich gefangenen Marder die Gefahr vorüber gehen lasten wollte. So lag er dann bis an die Knöchel lebendig vergraben. Was er in dieser kritischen Lage sich dachte, ist nicht bekannt, gewiß ist, daß er sich von dem nichts träumen ließ, was bald nachher geschah. Die beiden Jäger hatten nämlich den Wilddieb „einfahren" gesehen und nach kurzem lkriegsrath ward das Manöver mit dem Wilddieb beschlossen, wozu übrigens keine weiteren Vorbereitungen getroffen wurden, als daß der eine der Jäger eine dicke, zähe Ruthe sich abschnitt. Sie pirschten nun den eingefahrenen Wilddieb, und als sie ihm nahe genug waren, packte der eine Jäger den Wilddieb bei den noch etwas vorstehenden Füße» und begann ihn sachte, sachte aus dem Loche zu ziehen, während der andere Jäger mit der geschwungenen Ruthe in der Hand einen gewissen Abschnitt im Längenmaße des Wilddiebs abwartete. Als nun so viel von demselben an's Tageslicht gezogen war, als zur Applikation von Prügeln gemeinhin nöthig ist, begann die Execu- tiou. — Der Eine hielt die Füße fest, damit der Wilddieb weder vor- noch rückwärts konnte und der Andere prügelte darauf los; der Wilddieb aber, der sich in dem engen Loch nicht rühren konnte, brüllte und fluchte in die Höhle hinein, daß der verendete Marder in der Falle sich hätte seiner erbarmen mögen. (Für Gärtner und Blumenzüchter.) Aus wahrem Zufall wurde im vergangenen Jahre gefunden, daß die Schale der gewöhnlichen rothen arabischen Bohne die Blüthen weißer Blumen in rothe, die der schwarzen arabischen Bohne in ganz dunkelbraune, und die der blauen arabischen Bohne in blaue verwandelt. Das Verfahren ist folgendes: man schält die Schalen ab, welches mit einem Messer, obgleich etwas mühsam, zu bewirken ist. Die Schalen werden getrocknet, zu Pulver gerieben und mit zwei Drittel Erde vermischt, in welche Mischung der Same der zu verwandelnden Blumen gesäct wird. Die Pflanzen werden nochmal in eine gleiche Mischung Erde gesetzt. Ob die fernere Generation ohne diese Erdmischung die neue Farbe constant bewahrt, kann ich in Folge der jungen Entdeckung nicht behaupten; dabei ist mir aber eingefallen, ob nicht auf diesem Wege die längst gesuchte blaue Georgine erzielt werden dürfte. Daß übrigens vor mehreren hundert Jahren ein ähnlicher Gedanke auftauchte, ist daraus erweislich: In einer der ältesten Gartenschriften, gewiß 200 Jahre alt, die mir vor langen Jahren zu Händen kam, las ich wie folgt: Man nehme eine arabische Bohne, schneide den Keim heraus, quelle die Bohne, stecke das Samenkorn von einer weißblüheudcn Nelke hinein, lege sie in Erde und die hervorwachsende Pflanze werde brennend rothe Blumen tragen. 64 (Das Bauchaufschlitzen in Japan.) Das „Harakiru"— Bauchaufschlitzen — der Japaner ist so einzig in seiner Art, daß wir nach dem preußischen Werke über Ost- Asien, welches seine Mittheilungen aus bester Quelle geschöpft hat, hierüber Einiges berichten müssen. Das Harakiru wird für alle Adeligen zur Nothwendigkeit, wenn ihnen Schande droht. Der Krieger entleibt sich, um nicht in Gefangenschaft zu gerathen, der Beamte, wenn sich unter seiner Verwaltung Ungehöriges zugetragen hat, gleichviel, ob mit oder ohne sein Verschulden; er rettet dadurch seinen Nachkommen Ehre, Vermögen und die erbliche Würde. Nur in zweifelhaften Fällen scheinen Männer von Rang das Urtheil des Taikun abzuwarten, und dann gilt es als Gnade, wenn das Harakiru befohlen wird. Es ist die Zuflucht des japanischen Edeln in jeder Calamität; die Knaben werden Jahre lang in der Kunst unterrichtet, sich mit Würde und Grazie den Leib aufzuschlitzen, wie man bei uns tanzen lernt. Vor Zeiten war es noch ungleich beliebter als jetzt Das vom Kaiser gebotene Harakiru wird mit großer Feierlichkeit vollzogen. Männer von Stande führen das für solchen Fall vorgeschriebene weiße Sterbeklcid auf allen Reisen mit sich, ebenso die weißen Zeltvorhänge, mit denen die Wohnung des Aufzuschlitzenden während der That von Außen bekleidet sein muß. Alle Verwandten und Freunde sind zu der Feierlichkeit geladen: man reicht Speisen und Getränke, und bringt einige Stunden in traulichem Gespräche zu. Dann trinkt das Schlachtopfer mit den Seinen die Abschiedsschaale, sagt feierlich Lebewohl, hört in ehrerbietiger Stellung noch einmal den Erlaß des Siogun vorlesen und ergreift dann das zum Harakiru bestimmte kleine Schwert bei der Klinge. Er umwickelt diese, um sie zu halten, in der Mitte mit seinem Gewände, und bringt sich, geneigten Hauptes auf der Matte sitzend, mit der Spitze einen Querschnitt in den Leib bei. Sein vertrautester Diener ist indeß hinter ihn getreten und schlägt mit einem Hiebe seinen Kopf herunter. Die Herzhaftesten sollen sich den Leib kreuzweise aufschlitzen und dann noch mit eigener Hand die Hals-Arterie durch- haucn. Das Kopfabschlagen durch Andere gilt als eine Neuerung unseres verweichlichten Jahrhunderts. Der lange Friede hat übrigens diese Sitte sehr gemildert; auch ist die Gesetzgebung eingeschritten. Denn früher mußten sich auch die Diener beim Tode ihres Herrn entleiben; jetzt ist dies durch kaiserliche Edicle verboten. (Ueberraschende Wirkung der tropischen Sonne.) Livingstone erzählt in seinem neuesten Riesenwerke, daß er am Wcstufer des Nhassa-Sees in Afrika beobachtete, wie die Steine am Tage so erhitzt wurden, daß selbst nach Sonnenuntergang Niemand darauf sich niedersetzen konnte. In Folge der raschen nächtlichen Abkühlung und Zusammenziehung der äußeren Schichten des Gesteins springen diese ab. Der Reisende hört dann deutlich im Lager den Donner der abgesprengten Felsen, wie in einem Steinbruche und wenn er sich die Mühe gibt, die einzelnen Stücke wieder zusammenzusetzen, so sieht er, daß ihre Bruchstücke genau an einander passen. Charade. Zweisilbig ist das erste Wort, Und dieses nennt die Millionen, Die frei nud gleich, die immerfort Bevölkern jene Regionen, Die finster, wie nicht leicht ein Ort, Und so uns nennt das zweite Wort. Sind beide Wörter ungetrennt, So zählen sie der Silben vier, Und bilden sie ein Wort, das nennt Bald einen Menschen, bald ein Thier. Druck, Derlag und Redaktion des Uteaarischeu Instituts von vk. M. Huttler. Nr. S 1. März 1868. Augsburger Wie die immer wieder angeblasene Kohle endlich zur Asche verglüht, also verglüht auch das Gefühl der Zucht in der zu lang oder zu oft ausgehaltenen Gluth deS SchamrölhenS. Maria Mnioch. Nacht und Nebel (Aus dem Leben eines Schiffskapitäns.) Von Heinrich v. Litirow. Die See ging hohl. Die Brigg Aretusa, ein starker Kauffahrer unter österreichischer Flagge, kämpfte in einer Dezembernacht mit wenigen Segeln gegen die Wuth der erzürnten Elemente. Der Wachhabende stand auf der Commandotreppe am Hintertheil, in seinen Mantel gehüllt und starrte in die dunkle Nacht, deren tiefe Finsterniß nur zuweilen von einem Blitze der phosphoreszirenden Wellen erleuchtet war. Ein feuchter kalter Wind aus Südost, der schon zwei Tage gewüthet hatte, heulte in ungleichen Stößen durch's Takelwerk und peitschte den Schaum der am Schiffe zerschellenden Wogen hoch über Deck. Todtenstille herrschte an Bord und nur das Gekrach der Masten und des Steuerruders unterbrach zuweilen das eintönige Gemurmcl des tosenden Meeres. — Ein dichter Nebel hatte seinen Schleier über die Masten gelegt, so daß man kaum das Licht wahrnehmen konnte, das die Laterne am Bugsprit spärlich verbreitete. Der Steuer- mann in seiner Jacke mit Kapuze lehnte an den Specken des Steuerruders; sein Auge blickte unverrückt auf die Compaßscheibe am Wachhause, dessen Fenster von der inneren Wärme angelaufen, er zuweilen mit dem Acrmel seiner Jacke wieder klarer zu machen suchte. „Wie viel Uhr ist's?" fragte endlich der Wachhabende auf der Treppe, ohne sein Antlitz auch nur für einen Moment einwärts zu biegen. „Fünf Minuten fehlen auf vier Uhr, Herr Wullicr," antwortete der Steuermann, nachdem er sich gebückt und auf die Sanduhr gesehen hatte, die unter der Welle des Rades vor Wind und Wetter gesichert stand. „Noch drei Stunden Nacht," seufzte der Offizier, „und gar kein Anschein, daß sich das Wetter ändern will, bevor es Tag wird. Wenn wir nur schon aus diesem langweiligen Gewässer wären, im Kanal von Nhodus finden wir sicher guten Wind." „Ich habe es gestern dem Herrn Kapitän prophezeit," meinte der Steuermann, — „als wir an der Rhede von Kos so gleichgültig vorübersegclten, und er zuversichtlich auf guten Wind hoffte. Wären wir dort nicht besser und ruhiger vor Anker als hier unter Segel, ohne einen Faden zu gewinnen? Und noch dazu mit der Angst, auf so einen griechischen Kammerdiener zu stoßen, der uns von Kopf bis zu Fuß entkleidet. Mich wundert's, daß wir noch keinen zu Gesicht bekommen haben, sonst sind sie hier zu Hause — aber wahrscheinlich war das Wetter auch ihnen zu scharf, um aus ihren Höhlen zu kriechen. Zu meiner Zeit —" „Ist Jedermann wach am Verdeck?" rief jetzt der Wachhabende, ohne weiter dem Geplauder des Steuermanns Aufmerksamkeit zu schenken. — „Jedermann wach," ertönte es zurück von drei verschiedenen Stimmen der drei Posten, die an den beiden Bordseiten und am Bug aufgestellt waren, um Alles zu beobachten, was in der See bemerkt werden konnte. 66 Und tiefe Stille folgte wieder für geraume Zeit; der Wind ließ allmählig nach, die Nebelhülle lichtete sich und eben war man im Begriffe, die Neffen loszubinden, die man Abends vorher genommen hatte, und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier auf seiner Treppe sich plötzlich bewegte, starr seine Augen gegen den Vordertheil richtete, endlich seinen Mantel abwarf und von der Treppe hinab gegen vorwärts im Schiffe eilte. „Augen aufgemacht und nicht geschlafen!" rief er dem wachhabenden Matrosen am Steucrborde zu, indem er ihn zugleich so derb auf die Schulter schlug, daß dieser unwillkürlich mit der Hand nach der so unsanft berührten Stelle fuhr. „Ich schlafe nicht, Herr, aber luvwärts gibt's nichts Neues " „So?" — fragte Wullier ironisch, indem er ihn am Ohre nahm. „Was ist denn das dort? Vielleicht ein Wirthshaus, von dem Du träumst! Nun, kommt's Dir noch nicht vor, wie ein Schiff?" — Und indem er ihn wieder am Ohre zerrte, „siehst Du noch nicht klarer, blinde Nekrutenseele? Und der andere Schurke am Vordertheile hat auch nichts gesehen! Ich muß für Euch auch gucken, nicht wahr? Und Ihr steckt Eure Augen in die Taschen, damit sie Euch vor Schlaf nicht in's Wasser fallen?" Bei den letzten Worten dieser Anrede war er schon am Vorderkastcll und gab seinen Worten noch mehr Nachdruck durch die Faust, die bald da, bald dort niederfiel, und die, wie er oft selbst in seiner Gutmüthigkcit zu sagen pflegte, die Unterscheidungszeichen seiner Ncde schreibe, um dadurch den Matrosen den tiefen Sinn derselben klarer zu machen. „Ich will Euch schon dem Kapitän empfehlen," fuhr er fort, „wenn er aufs Verdeck kommt; einstweilen marsch hinauf Beide in den Maslkorb, und wenn Ihr dort auch schlaft, so bleibt mir wenigstens der Trost, daß Ihr über Bord stürzt und ich Euch auf eine gute Art los werde." Die Brigg „Aretusa" war ein wohlbemanntes, auf dalmatinischer Wcrfte gebautes Schiff, aber immer ein Kauffahrcr. Diese mögen noch so gut bemannt sein, so verläßt sie, wenn sie allein segeln, ohne daß ein Kriegsschiff sie begleitet, dennoch nie die Furcht vor den Piraten. Die Mündung im Norden des Kanals von Nhodus, bekannt wegen seiner Ungcwitter, war zugleich wegen Sccräuberei eine der gefährlichsten Stellen des insclrcichen Archipel, und bildete vor wenigen Jahren noch ganz die Scylla und CharybdiS der armen Kauffahrcr, die kaum der mühevollen Fahrt zwischen den zahlreichen Inseln der Cykladen und Sporaden entgangen, hier wieder neue Beweggründe finden, besorgt zu sein, und mit Sehnsucht nach der offenen See jenseits Nhodus blickten, wo ihre Schifffahrt weniger gefahrvoll war und in jeder Beziehung ruhig sich bis an die Küste von Alcxandrien erstreckte. In solchen Momenten der begründeten Angst vor den stark bemannten unternehmenden Piratcnschisfen war für die Seeleute eine Inselgruppe und Windstille das, was zu Land in unsicheren Gegenden dem Reisenden ein Wald und eine sternlose finstere Nacht ist. Die Windstille gab den Seeräubern die Sicherheit, daß ihre Beute nicht entfliehen konnte; die Fclfengruppe war ihr Versteck, hinter dem sie, aller Buchten und Höfen kundig, lauerten, angriffen und verschwanden, ohne eine Spur der Richtung ihrer Flucht zurückzulassen. In den gefährlichsten Zeiten, die — dem Hunmel sei es gedankt — nun längst vorüber, aber noch nicht vergessen sind, passirtcn also Kauffahrcr beinahe nie jene Gegenden, ohne Bedeckung eines Kriegsschiffes, und wenn dennoch ein kühner Kapitän es wagte, sie allein zn durchsegeln, so wählte er hiezu immer günstigen, frischen Wind, oder vertraute der Kraft seines Schiffes im Kampf mit Wind und Wetter, denen lange zu widerstehen die leichten Ruderbänke nicht geeignet waren. Kapitän S . . ., der die „Aretusa" kommandirte, war keineswegs ein Mann ohne Muth und ohne Kenntnisse zur See. Er hatte ersteren zu öftermalen schon lobcnswerth bewiesen, letztere sich auf seinen häufigen Reisen in fast allen Theilen der Welt erworben. Aber wie dann der Matrose mit seiner reifsten Erfahrung dennoch Lehrling blieb bis an'S Ende seines Lebens, so hatte er sich auch diesmal geirrt und in der sicherm Ueberzeugung eines Wetterwechsels eine Fahrt unternommen, die nur unter den günstig, stcn Umständen hätte gewagt werden sollen. Nun war man aber in Mitte der Unter- nehmung, der Weg zurück zu lang und so gefährlich, als jener vorwärts; das einzige Mittel war also das im Leben so oft wirksame Rezept: perlor 6t obelura — der große Wahlspruch des Seefahrers, der ohne Vergleich mehr als jeder andere Erdenpilger Gelegenheit hat, die tiefe Wahrheit und die praktische Gediegenheit dieser sinnreichen Worte zu prüfen, die auf eines jeden Schiffes Wimpel in goldenen Lettern als Wahlspruch des Handwerkes glänzen sollten. llerlsr ot obäuru — ertrage und halte aus! Kapitän S . . . kannte diese Worte auch, tröstete sich aber immer bei deren Anwendung auf's Leben mit Wullier'S guter Gesellschaft, der, seit Jahren sein guter Reisegefährte, ihm oft mit seiner Seelenruhe und seinen guten Einfällen an die Hand gegangen war, gut und anspruchlos sein Scherflein beitrug, und damit oft zum besten AuS- gang führte. Die Lage, in der man sich befand, war aber schon am Abende vorher nicht dir angenehmste gewesen: der Betrug des Wetters, auf das man sich verlosten hatte, war deutlich ausgesprochen, die Unsicherheit der Gegend bekannt und große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß mit diesem Südostwinde die Piratenschiffe gegen Norden ziehen würden, und somit ein Begegnen fast unvermeidlich sein dürfte, aber nichts desto weniger ging der Kapitän ruhig zu Bette. Er wußte ja, daß Wullier die Nachtwache habe und da war sein Schlummer ungestört. Wullier hatte Vollmacht zu thun, was er für gut hielt. Wullier wechselte Stcuercours, so oft es ihm beliebte. Wullier setzte Segel aus, ließ Segel reffen oder bergen, ohne es zu melden, mit einem Worte: Wullier that, waS er wollte, weil Kapitän S . . . die Erfahrung gemacht hatte, daß Alles, WaS Jener thun wollte, zum gesellschaftlichen Besten geschah. Diese hohe, gegründete Meinung dcS Kapitän war natürlich bald auf die Mannschaft übergegangen. Das sämmtliche Schiffs» Volk wußte bald, wen es an Wullier besaß; der Name Wullier, sein abgekürzter Zuname mit dem ihn der Kapitän freundschaftlich zu tituliren Pflegte, war bald vorn Steuermann bis zum Schiffsjungen bekannt und Alles hieß ihn Herrn Wullier. Niemand beurtheilt den Seemann oder Marine-Offizier besser, als der Matrose, der unter seinen Befehlen arbeiten muß. Wie die Pferde in der Regel gleich beim ersten Druck des Schenkels, bei der leisesten Bewegung des Zügels ihren Reiter kennen, sich füge» und gehorchen, oder eigensinnig und stutzig werden, so kennt der gemeine Matrose in den ersten Wochen seinen Offizier, und beurtheilt seinen Herrn am richtigsten aus der Art und Weise, mit der er von ihm geleitet wird. Zweckloses, ängstliches Manövriren, das den armen Matrosen ermüdet, ohne irgend einen Vortheil zu gewähren, erzeugt Kleingeisterei, die endlich aus Mangel an Geistesgegenwart in entscheidenden Momenten doch wieder der Erfahrung der Mannschaft, ihrer Uebung vertraut und so den Zügel schießen lasten muß, wo der Führer am unentbehrlichsten, am nothwendigsten wäre. Die Stunden, in denen Wullier die Wache hatte, waren Stunden der Lust für die Mannschaft, und oft schon hatte es sich ereignet, daß kleine Streitigkeiten zwischen den beiden Wachabtheilungen entstanden, weil jede mit ihm die Stunden seiner Wache zubringen wollte. Wullier war nachsichtig und mild, dort wo Nachsicht und Milde von den Umständen gestattet werden durfte; dafür verlangte er den strengsten Dienst, die größte Wachsamkeit in Augenblicken der Gefahr und ließ sich bei entdeckter Nachlässigkeit, wie eben in der heutigen Nacht, nicht selten verleiten, mit den Schuldigen derb, ja handgreiflich zu verfahren. So unerlaubt diese Handlungsweise war, so wurde sie meistens nur den Anfängern im Dienst zu Theil, und die persönliche Kränkung, die das Individuum dadurch erlitt, war durch das Andenken an so manche andere Beweise von Hcv- zensgüte, die Wullier ihnen zukommen ließ, wieder gemildert und vergessen. (Fortsetzung folgt.) 68 Der blinde Fönia. Ein Sängergruß aus Altbahern am 18. Februar 1868. Ein Wunder ist geschehen, So selten Wunder sind; Die blinden Könige sehen, Die sehenden sind blind. In Deutschlands Gartenbeeten Manch' edle Blume blüht: Was Sehende zertreten, Der blinde König sieht. Er sieht in diesen Tagen Klar seines Volks Gemüth, Sieht tausend Herzen schlagen. Die ganz für ihn erglüht — In dieser Zeiten Jammer, Wo Alles wankt und bricht, Die schönste „Silberkammer" Wohl unter'm Sonnenlicht. Er sieht des Volkes Liebe, Die Sehende nicht sehn; Wenn ihm sonst nichts verbliebe, Die wird ihm nie vergeh'«. Er sieht die deutsche Treue, Die Sehenden nichts werth, An seinem Volk aufs Neue, Aufs Glänzendste bewährt. Er sieht, erprobt im Werke, Ein jetzt gar selt'nes Kraut: Er sieht Charakterstärke, Auf die man Throne baut. Nicht feile Seelen schleichen Hinab jetzt gegen Wien, Nein, Männer fest wie Eichen Zum blinden König zieh'u. Zwar solche Eichen ständen In Deutschland viel umher: Wenn sich nur Blinde fänden, Die sähen so, wie er! Er sah sein Land zwar rauben Im ungerechten Krieg: Er sieht im festen Glauben Auch seiner Sache Sieg. Sein Recht ist ja verflochten Mit Gottes ewigem Recht: Wird dieses ausgesochten, Wird seines auch gerächt. Mag jetzt Gewalt sich brüsten Als Herrscherin der Welt: Nicht ewig darf verwüsten Sie Deutschlands Gartenfeld. Der Herr wird auf sich richten Und dieses Regiment Zerschmettern und vernichten. Das nur Gewaltthat kennt. — Du blinder König im Osten! Jetzt triumphirt Gewalt; Doch Liebe wird nicht rosten, Die ein Jahrtausend alt. Die Liebe weiß zu tragen Still und mit Mannesmuth, Bis sie empor darf schlagen In Heller Flammengluth. Sie hat in alten Zeiten Sich treu bewährt und groß, Sie wird auch Dich geleiten Zurück zum Ahnenschloß. Die Liebe weiß zu warten Mit ungebroch'ner Kraft, Bis Gott erscheint im Garten Und wieder Ordnung schafft. Dann blüht Deutschland aufs Neu« Zum Segen wird der Fluch, Und von der deutschen Treue Gilt neu der alte Spruch. — Im Osten ist erklungen Des Hochrufs voller Schall' Im Westen ward gesungen Dieß Lied als Wiederhol!. Nimm aus dem treuefesten Liebwertben Bayerland, Fürst! diesen Gruß, den besten. Den ich im Herzen fand! -rr-r. 69 Timm Thode Die Schauerthat in Groß-Campen, die dem Namen Timm Thode in der Criminal- Geschichte zu einer entsetzlichen Berühmtheit verholfen hat, kam am 31. vor. Mts. vor dem Schwurgericht in Jtzehoe zum gerichtlichen Abschluß. Timm Thode, der im Jahre 1866 an einem Tag seinen Vater, seine Mutter, seine vier Brüder, seine Schwester und ein Dienstmädchen erschlagen und dann — um das Verbrechen zu verhüllen — das elterliche Haus angezündet hatte, ist erst 23 Jahre alt, und macht den Eindruck eines Bauers, wie man sie in den holsteinischen Marschen häufiger antrifft. Er sieht sehr wohl aus. Der untere Theil des Gesichts springt etwas hervor, die Lippen sind wülstig aufgeworfen, die Augen spotten in ihrem glitzernden Leuchten, wenn er sich einmal dem Znschauerraum zuwendet, der classischen äußern Unbefangenheit, welche er an den Tag legt. Den Hergang des Verbrechens erzählt Timm Thode selbst, ohne dabei die geringste Erregtheit zu verrathen, folgendermaßen: Er habe mit seinen Brüdern Johann, Martin und Cornils auf unfreundlichem Fuße gestanden; auch das Verhältniß mit seinem Vater sei nicht günstig gewesen. Mit den Uebrigen, meinte er, wär' eS „gegangen." Im Frühjahr 1866 faßte er den Entschluß, seine Familie zu todten, um dem fortwährenden Streit ein Ende zu machen; dann den Hof, welcher ihm nach dem Tode seiner Angehörigen zufallen würde, zu verkaufen, und somit in alleinigen Besitz eines bedeutenden Vermögens zu gelangen. Am 6. August hatte er schon eine fünf Fuß lange Handspeiche bereit gelegt, um die Brüder zu erschlagen. „Een bi een woll ick se in dc Schün locken, um se denn en na enander dodtslagen!" sagte er. Diese Absicht wurde nicht ausgeführt, da es ihm nicht gelingt, den Plan in gedachter Weise zu vollbringen. Am Dienstag den 7. August fuhren die Eltern aus dem Hause, um einen Besuch bei Bekannten abzustatten. Timm Thode weiß es zu veranlassen, seinen mit der Arbeit beschäftigten Brüdern Martin, Cornils und Reimers einzeln nachzugehen, und erschlägt dann hinterrücks mit der fünf Fuß langen, am untern Ende dicken „Handspake" die Brüder nach einander. Martin fällt zuerst unter des Bruders mörderischer Hand, dann Reimer und Cornils. Den Johann schlägt er über den Kopf. Dieser taumelt hin und her, und ruft den Bruder an. Der Mörder schwingt auf's Neue die Handspeiche, und schlägt ihn dann todt. Nun mußte der Vater, welcher inzwischen mit der Mutter heimgekommen war, beseitigt werden. Timm weiß ihn durch die Aussage, die Ochsen seien ausgebrochen, zu veranlassen, vor die Hausthür zu treten, und „links" vor der Hofstelle erschlägt er ihn. In einer Karre bringt er den Leichnam des Vaters nach Hause, und vertilgt die etwaigen Blutspurcn durch Ausgrabung der Erde, welche er mit auf die Karre wirft. Zwei wachsame Hunde sind auf dem Hofe des Joh. Thode. Diese könnten dem Mörder gefährlich werden; deßhalb muß er dieselben beseitigen. Die Hunde sind ihm zugethan. Er lockt sie an sich heran, schlingt einen Strick um den Hals des ersten und hängt diesen auf. Darauf ruft er den andern Hund. Das Thier folgt dem Rufe. Mit seinem Rasiermesser sucht er demselben den Hals abzuschneiden. Es gelingt ihm nicht ganz, und heulend enteilt der Hund den Händen des Mörders. Die Mutter erscheint mit brennendem Licht an der Thür, und fragt nach der Ursache des Lärmens. „Es ist nichts," behauptete Timm. Nun erfolgt die Erzählung des entsetzlichen Kampfes in der kleinen Stube zwischen Schwester und Bruder. Von einem Schlag der Axt betäubt, liegt die Mutter auf dem Boden. Die Schwester springt aus dem Bett, um die Mutter zu retten. Mit einem Messer sticht er auf die Schwester los, und schlägt sie dann mit der Axt todt. Die Mutter „günste" noch; er erschlägt auch diese. Endlich eilt er in die Mädchenkammer, fühlt im Finstern nach dem Kopfende des Bettes, schlägt mit der Axt zweimal zu, ünd der letzte Mord ist geschehen. Lautlos stirbt das Mädchen. „Da har ick se all todt!" sind seine eigenen Worte. Dann steckt er die Scheune in Brand, um die That zu verdecken, und legt die Leichname sb, daß dieselben beim Aus- bruch der Feuersbrunst zerstört werden mußten. Hierauf legt er sich so lang abwartend 70 auf das Bett, bis das Feuer den gewünschten Umfang genommen hatte. Die ErzSh- ^ lung der Schauerthat aus des Mörders eigenem Munde macht auf die Zuhörer den entsetzlichsten Eindruck. Der Vertheidiger weiß nichts zu sagen, als sein innerstes Bedauern über die That auszusprechen. Der Gerichtshof beschloß darauf, ohne Hinzuziehung der Geschworenen, das Urtheil zu fällen. Nach demselben wird Timm Thode wegen des Verbrechens wiederholter Brandstiftung und achtfachen Mords zum Tode ver- ^ urtheilt. Der Angeklagte hört mit unerschütterlicher Ruhe sein Urtheil an, und auf die letzte Frage des Präsidenten: ob er noch irgend etwas zu bemerken habe, antwortete er in seinem Plattdeutsch: „Ne — nix." Ein Dampfmeusch. Die Welt schreitet mit Sicbcnmeilenstiefeln fort. Nachdem die Alchymisten sich Jahrhunderte lang vergebens abgemüht, auf chemischem Wege einen Homunkulus herzustellen, ist es jetzt einem einfachen Mechaniker in Ncwark, N. I. Zaddock Deddrick, gelungen, einen Dampfmenschen zu erfinden, der abermals eine „Revolution" in dem Verkehrs- und Transportations - Wesen hervorbringen wird, sofern er so construirt ist, daß er nicht nur in jeder gewünschten Richtung und mit beliebiger Schnelligkeit läuft, sondern auch noch als Locomotive für eine Last dient, zu deren Fortbewegung sonst drei starke Zugpferde erforderlich wären. Der „Newark Advertiser" gibt uns über dieses jüngste Erzeugniß des nimmer rastenden Menschengeistes folgende Einzelnheiten: Der Dampfmensch steht sieben Fuß und neun Zoll „in seinen Schuhen" und sämmtliche Dimensionen seines Körpers sind vollkommen proportiouirt, so daß er an den bekannten Riesen Daniel Lambert erinnert, wie denn auch Deddricks Arbeiter die Figur blos den langen Daniel nennen. Der Rumpf ist nichts Anderes als eine Dampfmaschine von drei Pferdekraft, nach Art der bei den Dampfspritzen gebräuchlichen, mit einem Gewicht von 500 Pfund. Die Beine, auf denen der Rumpf ruht, sind wunderbar komplicirt; >> mittelst ihrer macht die Figur Schritte mit der größten Natürlichkeit und überraschender Leichtigkeit; sobald der Körper auf dem vorgesetzten Fuße weiter rückt, hebt sich der andere mittelst einer Feder vom Boden, und wird durch den Dampf vorwärts bewegt. Bei jedem Schritt rückt die Figur zwei Fuß vor und jede Umdrehung der Maschine gibt vier Schritte; da nun die Maschine in einer Minute mehr als 1000 Umdrehungen machen kann, so würde der Dampfmensch nach diesem Verhältniß in einer Minute etwas über eine Meile zurücklegen; um aber ganz sicher zu gehen, namentlich auf unebenem Boden, will Herr Deddrick die Maschine bloß 500 Umdrehungen in der Minute machen lassen, so daß sein „Mann" eine halbe Meile in der Minute macht — immer noch eine ganz anständige Geschwindigkeit. Sofort wird der Bursche vor eine gewöhnliche Kutsche gespannt, deren Laune dazu dient, ihn in seiner vertikalen Stellung zu unterstützen; diese Laune besteht aus zwei eisernen Stangen, die in der gewöhnlichen Weise an der Kutsche befestigt und in einen eisernen Reif eingehängt sind, der die Figur wie ein Gürtel umschließt. Die nöthigen Kohlen werden unter dem Rücksitze der Kutsche, das erforderliche Wasser in einem Kessel unter dem Vorsitz untergebracht; der Vorrath von beiden ist auf einen halben bis ganzen Tag berechnet. Natürlich würde das Daher- sausen eines solchen Riesen eine Verwirrung unter dem Vieh, namentlich den Pferden, verursachen, allein Herr Deddrick hilft diesem Ucbelstande dadurch möglichst ab, daß er der Figur ein ganz menschliches Aussehen gibt, und sie wird stets Rock, Hose und Weste nach der neuesten Facon tragen. So oft das Feuer geschärt werden muß, hält der Kutscher, steigt ab, knöpft dem „Daniel" die Weste auf, öffnet eine an der Stelle des Herzens befindliche Thür, schaufelt die nöthige Quantität Kohlen hinein, knöpft die Weste wieder zu und fährt weiter. Für alle Vorkommnisse, plötzliches Anhalten, Sperren, Bergauffahren re. ist vollkommen gesorgt; alle diese Manöver werden durch einen ein- 71 fachen Druck an einer Feder regulirt. Zur Verdeckung der verschiedenen Schrauben trägt die Figur einen Tornister mit gerolltem Mantel; das schwarze Haar und der schwarze Schnurrbart kontrastiren unmuthig mit dem Gesicht „wie Milch und Blut;" der au- Blechplatten zusammengesetzte „Kalabreser" dient zugleich — wie ja bei vielen anderen Menschen auch — als Rauchfang. Der Dampfmensch kostet bis 2000 Dollars. — Herr Deddrick hofft aber in nicht ferner Zeit ein brauchbares Exemplar, für das auf ein Jahr garantirt wird, für 300 Dollars herstellen zu können. Fällt dieser erste Versuch befriedigend aus, so wird der erfindungsreiche Meister sich an die Construktion eines wirklichen, nicht blos figürlichen „Dampfrosses" machen, das die Arbeiten von zwölf gewöhnlichen Pferden verrichten wird. Ueber die Spinne« Ein aufmerksamer Blick in das Treiben der mannigfaltigen Kerbthierwelt lehrt sogleich, daß die Spinne den nützlichsten Geschöpfen angehört. Hier hat eine solche ihr Netz ausgearbeitet—und bestrickt soeben ein gefangenes, zappelndes Wesen, dort stürzt sich eine andere mörderisch auf ein anderes Thier, und wohin wir die Spinnen verfolgen—überall tödten und verzehren sie lebende Geschöpfe. Keineswegs aber dürfen wir sie deshalb hasten und verfolgen — denn alle diese vielen, ganz kleinen nnd kleinsten Wesen, die den Spinnen zur Beute fallen, sie sind fast sämmtlich für den Haushalt der Natur, oder auch für den Menschen unmittelbar schädlich. Während wir, in diese Betrachtungen versunken, dem künstlichen Weben einer großen Spinne zuschauen-langt plötzlich der alte Nachbar aus dem Nebcnhause um die Ecke, ergreift das dicke Thier, streicht es auf das Butterbrot» und verzehrt es — wohl bekomm'- ihm! Es gibt recht viele Menschen, die Spinnen zum Butterbrod für sehr schmackhaft halten. Andere suchen auf frische Wunden reine Spinnennetze und wollen danach augenblickliche Linderung des Schmerzes fühlen. Und noch andere sammeln die Spinnen als leckeres Futter ihrer Lieblinge, der Stubenvögcl auch wohl zur Heilung derselben,wenn sie erkrankt sind, sowie auch für kranke Hühner. Ein Franzose, Le Blond, hat die großen Kreuzspinnen sogar noch in umfassender Weise in den menschlichen Nutzen zu ziehen versucht, indem er in einem besonderen Zimmer deren viele Hunderte hielt, fütterte und aus ihren Gcspinn- sten sogar ein Paar Strümpfe und ein Paar Handschuhe für Ludwig XIV. machen ließ. Dergleichen Versuche sind später noch unzählige angestellt worden, haben indeß zu keinem bcachtcnswchrtcn Ergebniß geführt. Wie wir gesehen, sind die Spinnen ja aber auch außerdem, durch ihre mittelbare Thätigkeit, für uns von großer Wichtigkeit. Es gibt bei uns in Deutschland eine große Anzahl verschiedener Arten, deren nähere Betrachtung uns zu weit führen würde; wir müssen sie daher im Allgemeinen überblicken. Die meisten von ihnen bewohnen selbstgewcbte Netze, deren Fäden aus sechs bis neun, am Hintcrleibe befindlichen Oeffnungcn flüssig hervortreten, und von dem Thiere zu einem Ganzen vereinigt werden. Dies ist indessen noch nicht wunderbar genug, denn jeder dieser neun Fäden ist aus tausend Fädchen zusammengesetzt und doch erreichen erst Neunzig dieser neunmal tausendfachen Fädchen die Dicke eines Fadens der Seidenraupe und ihrer Achtzchntausend erst die eines Mcnschenhaarcs. Andere Spinnen haben keine Netze, sondern erhäschen ihre Beute im Sprunge. Alle Arten aber spinnen ihre Eier in kugelförmige Behälter und einige von ihnen tragen dieselben stets mit sich herum. Die Jungen kriechen oft im Herbst, meistens aber im Frühjahr auS und sorgen sogleich für sich selber. Den Winter bringen die Spinnen in Löchern und Verstecken zu und können mehrere Jahre alt werden. Die größte und schönste unserer deutschen Spinnen ist die bereits erwähnte Kreuzspinne, die in den Wäldern gewaltige Netze von einem Baum zum andern zieht. Am merkwürdigsten muß uns jedoch die Wasserspinne erscheinen. Sie läuft nämlich für gewöhnlich auf dem 72 Wasserspiegel umher, taucht aber auch hinab in die Fluth, und webt sich hier an den Wasser- pflanzen ein Häuschen von der Größe einer starken Haselnuß. In dasselbe trägt sie sodann von der Oberfläche herab, ein Luftbläschen nach dein andern, bis sie das g anze Gewölbe mit Luft gefüllt hat und nun mit ihrer Brüt behaglich im Trocknen sitzt, wo sie dann auch überwintert. Einige Leute halten die Spinnen für giftig, dies ist jedoch keineswegs der Fall, und ebenso hat der Biß aller unserer einheimischen auch durchaus keine nachteiligen Folgen. Der Biß der in Italien einheimischen über einen Zoll lang werdenden Tarantel bringt dagegen eine Geschwulst hervor. Der sonderbare Glaube des „Tarantelstichs, " dessen schrekliche Folgen nur durch einen Tanz (die Tarantella) geheilt werden können- ist nichts als müssige Erfindung. Die größte und .furchtbarste von allen ist.die Vogclspinne, welche über drei Zoll lang wird, in Erdlöchcrn und Baumritzcn lebt und von Kerbthieren aller Art und selbst kleinen Vögeln sich ernährt. Eine solche Spinne war einst mit einer Ladung Kampecheholz aus ihrem Vaterland Brasilien in einem Schiffe nach Stettin gekommen, wo sie einige Zeit mit jungen Vögeln gefüttert und am Leben erhalten wurde. Alle Spinnen können ungemcin lange hungern, worauf sie bei ihrer wartenden Lebensart auch angewiesen sind. So nützlich sie dem Naturfreunde auch im Freien erscheinen müssen, so widerwärtig sind sie der Hausfrau, die mit dem Staubbesen einen unablässigen Krieg gegen sie und ihre Gespinnste führt. Liebhaber dagegen wissen sich viel mit ihnen zu beschäftigen, sie so zu zähmen, daß sie auf ihren Ruf herbeikommen, und Andere locken sie sogar durch Musik heran, von der die Spinnen große Freunde sein sollen. Daß Napoleon I. einst durch eine Spinne vom Tode gerettet wurde, indem dieselbe in seine vergiftete Chokolade siel, ist den Lesern wohl bekannt. (Pferdefleisch.) In eines der besuchtesten Bierlokale am Alexanderplatz in Berlin kam am Dienstag ein alter Herr und verlangte ein Beefsteak. Als ihm dasselbe gebracht wurde, besah und beroch er es erst von allen Seiten, wobei er gar bedenkliche Miene machte. Ein zweiter Herr an demselben Tische, der eine Zeitlang dem „Alten" zugesehen, sagte jetzt: „Da sind Sie schön hineingefallen. Das ist ja Pferdefleisch." Mit Abscheu schob der alte Herr den Teller von sich und verlangte Butter und Käse. — „Bin wirklich neugierig, wie das Pferdefleisch schmecken mag", sagte der zweite Herr nach einer kleinen Pause, „Siejerlauben wohl." — „Sehr gern." — Hierauf band sich jener die Serviette um, griff nach Meffer und Gabel, nach Mostrich und vertilgte das ganze Beefsteak. Mit halbem Entsetzen sah der alte Herr dem Esser zu und fragte dann endlich: „Aber wiedersieht Ihnen das nicht?" — „Nein", sagte Nummer Zwei, sich den Mund abwischend, „ich habe mich nämlich geirrt, es war doch Rinder-Filet und zwar vom allerfeinsten. Es hak mir vortrefflich geschmeckt." — „Wie kommen Sie aber dazu, mir den Appetit zu verderben? Wer sind Sie denn? — „Ich bin Jemand, der es nicht verschmäht, ein gutes Beefsteak von Rinder-Filet zu essen, dessen Kasse aber dagegen Einspruch thut." -- Das verblüffte Gesicht des alten Herrn entzieht sich llcr Beschreibung. _ (Amerikanische Diebe.) Ein Mitglied der Firma A. und C. Kaufmann in New- Pork begab sich nach dem Zollhause. Während sich Herr Kaufmann daselbst besand, ward ihm ein Portemonnaie aus der Tasche gestohlen, welches jedoch nur zwei Postmarken enthielt. Zu seiner nicht geringen lleberrajchung erhielt nun der Bestohlcne vorgestern das leere Portemonnaie zurück, und zwar mit einem Schreiben begleitet, wovon das Folgende eine wörtliche Uebersetzung ist: „Mein Herr! Es^hat mir viel Mühe gemacht, Ihren Namen und Ihre Adresse auszumitteln. Ich möchte esie ersuchen, künftig etwas mehr Geld in der Tasche zu tragen als gestern, weil sonst mein Geschäft rninirt wäre. Für einen Gentleman von Ihrer Stellung und Ihren Mitteln ist's doch wahrhaftig eine Schande, mit einem nur zwei Post- Marken enthaltenden Portemonnaie in der Tasche auszugehen. Wenn ich wieder Gelegenheit habe, Ihre Tasche zu leeren, hoffe ich wenigstens einige größere Bills zu finden; andernfalls müßte ich Sie einem gewandten Einbrecher zur Berücksichtigung empfehlen. Ihr nicht sehr dankbarer Taschendieb. l>. 8. Die zwei Post-Marken habe ich dem Jungen für Ueber- Mittelung dieses Briefes gegeben." Druck, »«lau und Redaktion der lit»»ritchrn Instituts von vi. M. Hunln. Des Todes Schmerz liegt in der Vorstellung. Der arme Käfer, den dein Fuß zertritt, Fühlt körperlich ein Leiden, ganz so groß, Als wenn ein Riese stirbt. Shakespeare, Maaß sür Maaß A. !N. 1. König Ludwig I. 'i' Wie hätten wir dich, schöner Tag, begrüßt Mit tausend Freuden, tausend Dankesthränen, Der uns der Botschaft frohen Inhalt brachte Daß Er uns wiederum erhalten ist. An dessen fernes Siechbett unser Sehnen Die heißen Wünsche der Genesung trug Und Der dem Land noch Seine Grüße sandte, Als für Ihn schon die Scheidestunde schlug Und Ihm kein Stern des süßen Hosfens lachte. Der Königsgreis am fernen Meeresstrande. Ludwig todt! Es ist das Loos gefallen. „Ludwig todt!" so schallts von Mund zu Munde. Und ach — in tiefes Leid versunken — In schlichter Hütte, in Palasteshalleu Fühlt jedes Herz den Schlag der Trauerkunde. „Ludwig todt" — so tönt's durch's ganze Land, Ja durch die Hemisphäre eilt der Ruf „Ein Königsherz gebrochen, todt die Hand, Die, bis verglomm des Lebens letzter Funken, Hier Gutes that und dort Erhabnes schuf." Uns grüßet schon des Frühlings holder Bote, Weckt die Natur aus ihrem Winterschlaf Und neues Leben keimt im Weltenall; Ihm ward sein Gruß der finst're Tvdesbote Der Ihn begrüßend, unsre Herzen traf; Doch zog Er auch nach jenen lichten Höh'n, Ludwig lebt doch ewig bei den Seinen. Ich seh' die Kunst am Sarkophage steh'n Und, ob des Schlages, der sie beide traf, Sie mit der Armuth, schmerzlich Ihn beweinen. 1 ! 74 Ludwig todt — das Löwenherz gebrochen! Fern von der theuren Heimath goldnem Heerd, Ludwig todt — o welch ein herbes Wort! Stumm ist der Mund, der hehres oft gesprochen Es ruht die Hand — die Leier und das Schwert. Nur Eines lebt und wird auch nie veralten Und dieses Eine ist Sein groß' Vermächtniß: Des Dankes Thräne und Sein Herrscherwalten, Die Ihm, der Armuth Freund, der Künste Hort, Ein Monument sind und ein groß' Gedächtniß! So riß auch Ihm des Lebens morschen Faden Die Hand entzwei, vor der Geburt nicht schützt, Die, wie den Bettler — so den König findet Und sich nicht kümmert um Verdienst und Thaten; Wohl Ihm, Der nun bei Seinen Vätern sitzt, Der nach des Lebens vielbewegten Tagen Jn's Reich des Friedens zog, ein ird'scher Allah, Den wir beweinen, Den wir tief beklagen, Und Dem die Nachwelt dankbar Kränze windet. Dem Königsgreis der ewigen Walhalla. D. Uödcl. Nacht und Nebel. (Fortsetzung.) Eben war man im Begriffe, das große Segel beizusetzen und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier mit dem Fernrohr in der Hand die Richtung des entdeckten Schiffes zu ermitteln suchte, das noch ziemlich entfernt, seine unsicheren Conturcn in Nebel hüllte und durch die hohe See auf- und abbewcgt, immer wieder aus dem Feld des Fernglases entschlüpfte. Endlich hatte er es erhäscht und sein geübtes Auge erkannte den schwarzen Piraten, den berüchtigsten aller Seeräuber jener Zeit und jenes Meeres. „Die große Schebeke (ein langes, schmales und sehr scharf gebautes Fahrzeug, welches fast von allen am Mittelmeere wohnenden Nationen vorzüglich zum leichten Kriegsdienst und zum Kreuzen gebraucht wurde) ist es," sagte er endlich mit seiner gewöhnlichen Ruhe, „und steuert auf uns los." Diese Worte, so ruhig sie gesprochen waren, goßen Eis in die Adern der umhcr- stchendcn Schiffsmannschaft; die sämmtliche Bemannung d^r Brigg bestand, den Kapitän mitgerechnet, in 21 Köpfen. Die Schebeke hatte deren wenigstens 100 an Bord, somit war an einen siegreichen Widerstand von Seite der „Arctusa" nicht zu denken. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Schreckensnachricht vom Back bis auf's Hintertheil des Schiffes verbreitet und der Steuermann streckte den Hals, um seitwärts über Bord zu sehen, und sich selbst von der Nähe des gcfürchteten Unthicrs zu überzeugen. Während dessen war Wullier wieder auf's Hinterdeck gekommen, daS Licht in der Laterne am Bugsprit war erstürben, die Bramsegel, bis zu deren Höhe ebenfalls die Neuigkeit gelangt war, sanken wieder herab auf's Haupt der großen und Vorstange, der Wind flüsterte in den ungehißten Segeln, und brausten die Raaen bald vor, bald zurück. Alles halte die Fallen und Treppen verlosten, und war an den Steuerbord geeilt, um nach der Schebeke Hinauszulugen. 75 „Soll ich um einige Striche abfallen vom Steucrcnrs?" fragte ängstlich der Steuermann, „damit wir Zeit gewinnen und den Herrn Kapitän wecken können?" Und schon griff seine Hand nach der andern Spaten, um die Ruderpinne luvwärts zu stellen und so den Segeln volleren Wind zu geben. „Was füllt Dir denn ein, Hasenfuß!" rief Wullier erzürnt, „knapp am Wind und keinen Vicrtclsstrich geändert! Die Schcbcke hat uns in jedem Falle gesehen, dort am Bord schlafen die Ausluger nicht, wie bei uns, und wenn wir abfallen, zeigen wir Furcht und die Schcbcke nimmt dann auch viel Wind und ist uns auf dem Leibe." „Sollen wir den Kapitän wecken?" fragte ein Anderer aus dem Schiffevolk. „Laßt ihn schlafen," antwortete Wullier, „er ist müde und hat die halbe Nacht gewacht. Wir werden schon fertig werden; der Mond ist schwach und bevor es Tag wird, kann uns die Schcbcke nicht nahe kommen. Ruft mir einstweilen, ohne viel zu schreien, alle Mann von den Masten herab, hißt die Bramsegel nicht, auch das große Segel laßt wie es ist und paßt auf jede Bewegung der Schcbcke, ob man uns gesehen hat und wie man dort steuert. Hier hcißt's schlau sein und den Kopf zwischen die Fäuste nehmen, denn mit offener Gewalt richten wir nichts aus." Schnell eilte er wieder an's Vordcrkastcll, nahm das Fernrohr zur Hand und richtete es auf die Schcbcke. „Noch scheint man uns nicht bemerkt zu haben, aber schon fängt der Morgen an zu dämmern," fuhr er fort, „der Nebel wird sich lüften. Gebt also Acht auf meine Befehle! Sind alle Mann von den Masten herab?" Man bejahte die Frage und er überzählte seine Mannschaft. „Ihr begebt Euch nun Alle unter Deck, verhaltet Euch rubig und weckt mir den Schlafenden nicht." Erstaunt blickte einer den andern und Alle zusammen den Sprechenden an. Jetzt, wo die Gefahr von Augenblick zu Augenblick wuchs, wo in der nächsten Viertelstunde ein Entern von Seite des Piraten zu fürchten war, jetzt sollte Alles thatenlos bleiben, den Bord-Offizier und den Steuermann allein an Bord lassen. „Thut, was ich Euch sage," unterbrach Wullier das Stillschweigen der Erstaunten, „sorgt Euch um Nichts, morgen sind wir am Pistupi vorüber und in Nhodus wehen österreichische Flaggen, die uns Schutz für die weitere Reise geben werden." „Und was soll denn mit mir geschehen, Herr," fragte der Steuermann besorgt um sein Schicksal. „Du steure knapp am Wind und sei unbesorgt. Du bekommst die leichteste Rolle in der Comvdic, die ich der griechischen Rüuberscele spielen will. Und nun marsch unter Deck, das Schiff ist nahe und der Wind springt immer zurück, noch einmal sag' ich Euch, daß mir Keiner raufkriecht, ohne daß ich Euch rufe." Ein leichtes Gcmurmcl ließ sich unter der Mannschaft hören, man gehorchte ohne zu begreifen warum, die Ruhe, mit der Wullier alles behandelte, das unbeschränkte Vertrauen, das er sich bei so manchen Gelegenheiten durch sein besonnenes, kaltblütiges Entschließen und Ausführen zu verdienen gewußt, hatten auch dießmal blinden Gehorsam zur Folge, obwohl die Gefahr zu groß, zu augenscheinlich war, als daß auch nur Etner von Allen den Rettungsplan zu ahnen im Stande gewesen wäre, den Wullier dennoch rein und unfehlbar vor Augen zu haben schien. Der Letzte war durch die große Lücke kopfschüttelnd hinabgekrochen und brachte in die unter Deck versammelte Mannschaft noch die Nachricht, daß Wullier vom Steuermann noch das große Svrachrohr verlangte; aber auch diese Nachricht verbreitete noch kein Licht über die mystische Handlungsweise Wulliers. „Was will er mit dem Sprachrohr?" meinte einer, der durch's Hinabkricchcn der Ucbrigen in seinem Schlummer gestört, über der Nachricht von der schwarzen Schcbcke aus seiner Hängematte gesprungen war. „Will er die „ Aretusa" für ein „Kriegsschiff" ausgeben, und mit dem Piraten parlamentiren?" „Gott weiß es," sagte ein Anderer, „wenn ich nicht schon seit neun Jahren mit ihm eingeschifft wäre, so würde ich vielleicht an seiner Ehrlichkeit zweifeln und einen Vcr- 76 rath wittern; aber Wullier uns verrathen, und noch dazu den Griechen, die er schon seit seiner Jugend haßt, weit sein Vater in ihren Händen umgekommen ist!" Alles wurde still und horchte, um zu vernehmen, was sich auf dem Verdecke zutrug. Uutcrdcß hatte sich Wullier selbst an's Steuerruder gestellt und dem Steuermann den Auftrag ertheilt, sich wie todt luvwärts auf s Verdeck zu legen. Der Tag brach allmählig an, das Näubcrschiff war deutlich zu sehen und Wullier steuerte knapp am Winde ihm gerade entgegen. Die Unordnung im Tackclwcrk der Brigg, die flatternden, halb aufgehißten, halb niedergeholten Segel fielen jenem beim ersten Blick auf und der erste Schuß vom Pnateuschiff, dessen Kugel, obschon matt wegen der allzugroßen Entfernung in die Küche neben dem Fockmast fiel, streute alle Gattungen von Hausgeräthschaftcn auf dem Verdeck umher, und gab dem Ganzen einen noch größeren Anstrich von Verwirrung und Nachlässigkeit. Wullier steuerte nach dem Schusse unmittelbar, soweit es seine Segeln, die nicht gebraßt werden konnten, erlaubten, auf die Schcbcke los, an deren Vordcrkastcll sich eine Menge Volk mit rothen Mützen und schnurrbärtigen Gesichtern versammelt hatte, das, über die Art des Manövers verwundert, neugierig diesem Näherkommen entgegensah. So standen endlich die beiden Schiffe auf Flintenschuß Entfernung neben einander, da verließ Wullier las Steuerruder und eilte anf's Hintcrkastcll der Brigg, ergriff das Sprachrohr und schrie mit zitternder Stimme auf's Verdeck der Schcbeke herüber: „Gott segne Eure Ankunft, Ihr kommt, um mich zu retten, der Himmel hat Euch gesendet, seht Euch mein Schiff an und erbarmet Euch. Neunzehn Tage schon irre ich in der See herum und bin der einzige Lebendige auf der ganzen Brigg; von vierundzwanzig Mann, die wir in Allem waren, bin ich der Letzte, der vor einer Stunde Jenen dort — indem er auf den Steuermann zeigte — sterben sah. Alle Uebrigen hat die Pest dahingerafft, in fünf Tagen dreiundzwanzig Mann; die Cadaver liegen theilweise noch an Bord. — Ich konnte in den letzten stürmischen Tagen das Steuer nicht verlassen und verlebte mit dieser Verwirrung im Scgelwerk zwei schreckliche Nächte. Erbarmt Euch, gute Leute, werft ein Tau aus und nehmt mich zu Euch an Bord, wir können die Brigg dann iu's Schlepptau nehmen, nur rettet mich, denn ich fühle es, daß ich auch dem Tode nahe bin und hier allein elendig verschmachten werde." Unterdessen war man sich vollkommen nahe gekommen und so weit es die Umgebung erlaubte, betrachteten Alle von der Schebeke die menschenleere Brigg, die mit ihrem verwirrten Manöver wirklich das getreue Bild einer Pestverwirrung vorstellte. Wullier hatte sich bei den letzten Worten seiner Erzählung auf die Knie geworfen, das Sprachrohr war seinen Händen entfallen und seine Kniee zitterten vor Kälte. Noch war keine Antwort von Seite der Schcbeke erfolgt. Wullier sah die Menschenmasse unter sich reden, bald auf die Segel der Brigg, bald auf den vermeintlichen Kadaver deutend, den Einige auf dem Verdeck bemerkt hatten; der Piratenhauptling, ein langer, hagerer Mann mit martialischem von der Sonne verbranntem Gesichte und kleinen, fcuersprühenden Augen, stieg selbst die ersten Wcbelslinien der Wanten seiner Schcbeke hinauf, um sich von dem Zustande des Kauffahrers und der Wahrscheinlichkeit der Erzählung zu überzeugen, blickt eine Weile hinüber, kroch endlich kopfschüttelnd wieder herab und besprach sich mit den Uebrigen. Wullier stöhnte einstweilen wieder durch's Sprachrohr seine Beschwörung um Barmherzigkeit und Rettung aus dem verpesteten Schiff und der Sicuermann, der die Rolle des Todten übernommen hatte, fühlte trotz der kühlen Morgenluft große Schweißtropfen über seine Stirne rollen, so daß ihm der Gedanke, er sei wirklich pestkrank, nicht mehr ganz fremd war. Das Schiff gegen die Planken des Verdeckes gekehrt, wagte er es kaum, Athem zu holen, und seine Glieder blieben steif und unbeweglich, als ob wirklich der kalte Tod sie schon versteinert hätte. Endlich schien man auf der Schcbcke zu einem Beschluß gekommen zu sein. „Setze Deine großen Segel in Gci und beschlage die Marscgel so gut Du kannst," ertönte des Piraten-HäuptlingS Stimme, „fang das Schlepptau, das wir Dir hinüberschicken, nimm es doppelt, berühre aber Niemand im Boote, bleibe auf Deinem Schiffe, und thue, waS Dir besohlen wird?' Da hat man keine Lust, Fuß an Bord zu seyen, dachte Wullier, dankte für die Gyade, die Brigg in's Schlepptau zu nehmen, sprach im Vorübergehen seinen Leuten unter Deck Muth und Ruhe zu, schloß den Luckdeckcl, und schickte sich an, die Befehle des Piraten zu erfüllen. Der Wind war schwach, dennoch frisch genug für die Schcbeke, die sich trotz ihrer eingehöhltcn und zum Theile gestrichenen Segel immer, etwas weiter entfernte, und cS dadurch möglich machte, daß Wullier Zeit und Gelegenheit fand, dem Steuermann Muth einzusprechen, den Kapitän der Brigg durch die Mannschaft von Allem in Kenntniß zu setzen und so mit Sorgfalt und Klugheit seinen Plan ausführen zu können; das große Segel war thcilwcisc aufgcgcit, die Marscgel ebenfalls, die Bramsegel nur flatterten unordentlich um die Tope der Stangen, wurden aber durch die Brassen in die Richtung des Windes gebracht. Ein Boot wurde ausgeworfen, nm das Schlepptau unter die Brigg zu bringen, woselbst angelangt, es mit der größten Vorsicht an die eisernen Treppenklammcrn befestigt und von Wullier mühsam bis an's Vvrdcrtheil gebracht wurde. Dort angebunden, wurde es bald von der Schcbeke straff angespannt. Da sie nun wieder alle ihre Segel dem Winde ausgesetzt hatten, wandle die Brigg und brachte sie schnell in ihr Fahrwasser. (Fortsetzung folgt.) König Ludwig S. und der Jude Ephraim. Ein Jude, Namens Ephraim, erschien eines Tages bei König Ludwig I., um ihm einen geschnittenen kostbaren Stein von seltenem Werthe zu verkaufen, er hatte das Kleinod ererbt, und konnte für denselben keinen Käufer finden, denn derselbe hatte den Werth von einigen tausend Gulden. Dem Könige gefiel das Kleinod sehr, er zahlte die verlangte Summe und der Jude verließ ganz glücklich den Palast. Eines Tages erschien ein berühmter englischer Archäolog am Hofe des Königs, dieser ließ den geschnittenen Stein demselben zur Ansicht vorlegen. Der König nannte den Preis, um welchen er den Schatz an sich gebracht. — „Ich hätte," sagte der Kenner, „den zehnfachen Werth namhaft gemacht." Der König war hierüber erstaunt, und als von anderer Seite ihm das bestätigt wurde, ließ der König den Juden herbeirufen, um ihm den vollen Werth auszahlen zu lasten. Ephraim weigerte sich, das Geld anzunehmen. „Der Handel ist geschlossen, das geht nichr," sagte er, „im entgegengesetzten Falle hätte ich Euercr Majestät auch kein Geld zurückgezahlt." „So Hütte ich Sie geklagt und dazu gezwungen," sagte der König. „Majestät hätten den Prozeß sicher verloren, denn der Handel ist geschloffen." „Ich kann mir von keinem meiner Unterthanen etwas schenken lasten," sagte stolz der König. „Und ich nehme auch von Niemanden ein Geschenk an, selbst wenn es mein König wäre," sagte der Jude. „Und wenn ich Ihnen einen Orden gäbe," versetzte Ludwig. „Majestät, ich würde ihn nicht annehmen, denn ich habe ihn durch nichts verdient." „Sie sind der ehrlichste nnd uneigennützigste Mensch, der mir je vorgekommen ist." „Das verdient keine Auszeichnung, das ist nur meine Pflicht." Der König reichte dem ehrlichen Ephraim die Hand und sprach: „Seien Sie mein Freund, ich bitte Sie um Ihre Freundschaft," und schloß den alten Mann gerührt in seine Arme. Ephraim ward der Freund des Fürsten, obgleich er nur wenig besaß, erbat er sich doch nie eine Gunstbczeugung. Der König war bestrebt, sich seinem Freunde 78 als GöNttcr zu bezeugen, er erfuhr, daß Ephraim ein bigotter Jude sei, und ließ bei dem Oberrabbi in Fürth die Anfrage stellen, welches die höchste Auszeichnung und Würde sei, welche einem frommen Juden, als solchen, zu Theil werden kann. Die Antwort lautete ganz kurz: „Das Oberrabbinat." In Folge dieses Gutachtens ernannte der König Herrn Ephraim zum Honorar-Obcr-Rabbi. Das Diplom ward dem Juden zugestellt. Mit Angst und Entsetzen las Ephraim seine Ernennung, denn er war ein im Talmud gänzlich unbewanderter Mann, und die Auszeichnung würde ihn nur dem Höhne Preis gegeben haben. In später Nacht eilte Ephraim zum König, um diesen zu bestimmen, die Ernennung rückgängig zu machen, ehe dieselbe offiziell bekannt gemacht würde. Mit schwerem Herzen mußte der König nachgeben. „Das ist," sagte der König, „der erste Mensch, der mir auf meinem Lebenswege begegnet ist, dem selbst ein König nichts zu gewähren vermag. Ephraim ist ein antiker Charakter." (König Ludwig und der Trunkenbold.) Eines Tages schritt König Ludwig I. durch die Straßen Münchens, da begegnete ihm ein Mädchen, dessen traurige Miene ihm auffiel. Das Mädchen war von wundervoller Schönheit und der Ausdruck des Kummers verschönerte dessen Antlitz. Der König redete das Kind an und fragte nach der Ursache seiner Traurigkeit. Das Kind blickte in die großen hellen Augen des ihm unbekannten Mannes und faßte sogleich Vertrauen Es erzählte, daß der Vater, ein Trunkenbold, die Mutter mißhandelt habe, die Mutter sei in Folge dessen krank, zudem fehle es an Allem im Hause. Der König ließ sich von dem Kinde in das HauS seiner Eltern geleiten, er sah mit eigenen Augen, daß das Kind nur zu wahr gesprochen; er ließ den Vater herbeirufen. Dieser, ein trotziger Mann, kam mit störrischer Miene herbei, sah und erkannte den König und sank zerknirscht vor Reue auf die Knie. Der König machte dem Manne Vorstellungen, und um seiner Besserung gewiß zu sein, nahm er ihn in seine Dienste. Der Mann ward ein treuer, verläßlicher Diener, dem der König blindlings vertrauen konnte. Mit Stolz stellte er nach Jahren einmal diesen Menschen dem Czaren vor, mit den Worten: „Diese Seele habe ich vor dem Verfalle gerettet." Noch vor wenigen Jahren lebte der treue Georg, dessen Tochter gegenwärtig in München unter glücklichen Verhältnissen verheirathet ist. (Eine große Seele.) Ein Greis an Jahren, besaß König Ludwig I. die Rüstigkeit und frische Kraft eines Jünglings, seine Lebensweise war eine höchst einfache und regelmäßige. Wohl trafen sein Haupt manche schwere Schicksalsschläge, hoffnungsreiche Kinder und Enkel sah er vor sich in's Grab wanken, sein Herz blutete, doch seine Seele blieb von den Stürmen ungebrochen. Als er den Tod des Königs Max II. erfuhr, trat er an das offene Fenster und blickte zu dem wolkcnbedeckten Himmel empor, den ein Blitz durchzuckte und während der Donner rollte, murmelte er mit Thränen in den Augen: „Mein Sohn! wie dieser Blitz, so schwand Dein Leben." Währ.nd der Regen in Strömen sich ergoß, wandelte er sodann in seinen Gedanken versunken unter den Trümmern des alten Rom, und als er in seine Villa zurückkehrte, war sein Gemüth beruhigter und er schlief ruhig ein. Als König Ludwig den Tod seiner heißgeliebten Tochter, der Erzherzogin Hildegarde erfuhr, rief er, des eigenen Wehes vergessend: „Barmherziger Gott! tröste die verwaisten, armen Kinder." Mit thränenden Augen brach er die Blumen, die den Sarg der früh Heimgegangenen zu schmücken bestimmt waren. Ueber die Beschaffenheit der Sonne haben sich die Ansichten bedeutend geändert, wenn. man die Jetztzeit mit einer nun längst vergangenen Zeit vergleicht. — Früher dachte man sich den Sonnenkörper von einer Lichtsphäre umgeben, während er 79 selbst dunkel, von fester Form und mäßiger Temperatur sei, so daß etwa tropische Pflanzen und den Erdgeschöpfen ähnliche Wesen darauf gedeihen könnten. Jetzt weiß man, daß das Sonnenlicht nicht von einer einen dunkeln Himmelskörper unigcbcndcn Lichtfülle herrührt, sondern daß der Sonncnkörper selbst dieses Licht ausstrahlt und eine enorm kohe Temperatur hat, so daß seine Masse sich in hellster Glut befindet, ohne daß aber ein eigentlicher Verbrennungs-Prozeß besteht. Bielmehr wird wahrscheinlich daS Glühen des Sonnenballs durch den Anprall zahlloser großer Mcteormafscn bewirkt, welche sich zwischen dem Merkur und der Sonne befinden. Diese Ansicht wird durch die Annahme plausibel gemacht, daß durch Stoß eine 4000mal stärkere Hitze als durch den Verbrennungs-Prozeß erzeugt werden kann. Nach der Berechnung der Astronomen soll aber die Anzahl der den Sonncnkörper stoßenden und sich dabei mit demselben vereinigenden Mcteormassen so groß sein, daß sie noch 10,000 Jahre hindurch genügen, um die Sonne auf derselben Temperatur zu erhalten. Nach diesem sollen die Planeten (also auch die Erde) zum Stoßen kommen, wodurch dann nach und nach das ganze Sonnensystem von der Sonne verschlungen würde. — Wir wissen nicht, wer diese Theorie ausgeklügelt hat — doch wohl nicht der alte Schäfer Thomas? „Es ist keine Frcundschafts-Cigarre!" sagte jüngst ein riesiger Cigarren- Fabrikant in Leipzig, sein Cigarrcu-Etui präsentirend, zu einem Geschäftsfreunde, als ihn dieser um eine Cigarre bat. „In der That," schmunzelte der Geschäftsfreund, „dieses Kraut ist nicht übel! Eine gediegene Cigarre! Alle Hochachtung!" — »Daß Ihnen mein Upmännchen schmeckt," erwiderte der Fabrikant, „kann ich mir lebhaft vorstellen, aber wo bleib' ich? Thun Sie auch was, offeriern Sie mir auch irgend etwas Gediegenes!" — Die beiden Herrrn befanden sich bei diesem Cigarrcn-Geschäfte auf dem Hofe des cigarrenbeschenkten Geschäfts - Freundes und unfern von ihnen lagerte, seiner industriellen Bestimmung gewärtig, ein drei Centner schwerer Mahagoniblock. „Na," lächelte der Geschüfts-Freund schlau, „warum denn dieses nicht? Stecken Sie sich dieses Maha- goniblöckchen bei! S'ist auch eine sehr gediegene Pflanze!" Doch „Dem war kaum das Wort entfahren, möcht' cr's gern ini Busen bewahren," denn mit dem Rieseninaß seines Leibes trat unser Cigarrenfabrikant sofort heran an den Block, packte ihn mit den Klammern seiner eisernen Fäuste, legte ihn sanft auf seine Schultern und schritt mit einem freundlichen „Empfchl' mich Ihnen!" zum Hofe hinaus. Der Andere stand, den Ernst der Lage en dloc nicht gleich erfassend, erst sprachlos da, dann aber murmelte er: „Schweres Brct! Er wird doch Spaß verstehen?" Der Riese aber verstand keinen Spaß mit gediegenen Sachen, und da das Mahagoniblöckchcn einen Werth von circa 30 Thalern hatte, so kann man „die vcrhängnißvolle Cigarre" allerdings keine Freund- schaftScigarrc, aber doch eine 30-Thalcr-Cigarre nennen. (Guttenberg.) Am 24. Februar, dem 400jährigen Todestage des Erfinders der Buchdruckerkunst, war die „Gastwirthschaft zum Guttenberg" von Franz Emmermann in Elbcrfeld geschmückt durch die mit Blumen und Guirlanden bekränzte Statue des großen Meisters und durch folgendes Transparent: Umstrahlt von Glorie stehst dll lauscndfach baut dir die heutige Well lempel des Ruhmes für Zeit und Ewigkeil Einzig ist dein Werk, und schwinden kann'S niL liimm den Scgenskranz nach Jahrhunderten hiN bautest dir selbst das Denkmal auf's GraÖ kngel — aus — himmlischer — Höhk Kufen stets segnend herniedek 80 (Ein fataler Mißgriff.) Bärcnschinken sind zjvar ein beliebter und wirklich vortrefflicher Bissen, dennoch dürfte es selten vorgekommen sein, daß Jemand, der sich in den Besitz eines Schweines und dessen Schinken zu setzen bemüht ist, dafür einen Bären — nicht etwa anbindet — sondern wirklich antrifft und erfaßt. Doch selbst in unserer Zeit ist die Romantik nicht erstürben, das zeigt folgende, ergötzliche und wirkliche wahre Geschichte. Ende Januar d. I. wurde in Schwebt a. O. bei Berlin zwei große, starke Tanz-Bären herumgeführt, die auf der Tour nach Angcrmündc ihre Gcschicklichkeit im Tanzen auf der Straße zeigten. Gegen Abend zog die Truppe weiter, um in dem Dorfe Flehmsdorf an der Chaussee nach Angermünde zu übernachten. Der dortige Gastwirth verweigerte jedoch den fremden Gästen mit ihrer unheimlichen Begleitung ein Unterkommen, unter dem Vorgeben, daß er nur einen Schweinstall habe, der von einem Mastschwein besetzt sei und deßhalb die Bären nicht placiren könne. Auf Requisition der Ortspolizei mußte der Gastwirth jedoch wider Willen Unterkommen schaffen, und es blieb ihm deßhalb nichts Anderes übrig, als das fette Schwein auf die eine Nacht auS dem Stalle zu entfernen und denselben den Bären einzuräumen An dem Vormittage desselben Tages war beim Gastwirthe ein Händler gewesen, welcher um das fette Schwein gehandelt hatte; der Handel war indeß nicht zum Abschlüsse gediehen. Dieser Händler fand es nun bequemer, sich das Schwein in der Nacht, und zwar ohne Geld zu holen. Zu dem Zwecke kam er mit einem Wagen, den er von der Seite des Weges an das Gehöft des Gastwirthes gebracht hatte, und erbrach in Gemeinschaft mit einem Gehilfen den Stall, um das fette Schwein schnell und in aller Stille fortzuschaffen. In der nächtlichen Finsterniß tappte der Schwcincdieb im Stalle umher, aber, Iwiribils ciiotu, er erfaßte die rauhen Füße des einen Bären, ehe er jedoch seinen Irrthum einsah, hatte ihn dieser, über diese nächtliche Störung erbittert, bereits mit seinen Tatzen erfaßt und fing an, ihn auf das Schrecklichste zu zerfleischen. Auf des Ertappten und seines Gefährten Geschrei gelang es dem herbeieilenden Gastwirthe, noch ehe Schlimmeres geschehen war, die Besitzer des Bären zu rufen und den Dieb aus den Klauen desselben zu retten. Derselbe ist namentlich an Gesicht und Brust schrecklich zerkratzt, so daß er, wenn er auch das Augenlicht behalten sollte, jedenfalls sein Lebenlang gekennzeichnet bleibt. Jemandem, der nicht einmal seinen Namen schreiben konnte, wurde einst ein Schriftstück zur Unterschrift vorgelegt. Als er zu seiner Beschämung seine Unkenntniß einge- stand, sagte ein Spaßvogel: „Das können Sie bald lernen; machen Sie nur eine Null und ein Kreuz (OX)!" Charade (Viersilbig.) Ist das Erste stark und breit. Wird mit großer Leichtigkeit Odne viel und lang zu rasten, Uns auch zentnerschwere Lasten Jener bringe» stundenweit, Der, wenn ihm das Zweite gilt, Kaum sich sehr geschmeichelt fühlt. — Läßt sich dieser darauf ein, Rechts uud jinks sich so zu drehen, Wie's die Leute gerne sehen, Wird er bald das Ganze sein. Auflösung der Charade in Nro. 8: „ Todtenczräber ." Druck, B-rla» und Reduktion d«s lileratischrn Instituts von vr. M. Huttlii. Nr. 1L 15. März 1868 Augsbnrger 4 - Ohne Seelenruhe wird nichts Großes. Wo kleine Leidenschaften an den Menschen zerren, kann er nur abgebrochene kleine Dinge thun. Selbst wo starke Leidenschaft große Dinge bewirkt, ist eine Art von Stille in der Seele. F H. Jacobi. Dem Gedächtnis; König Max SL. von Bayern. -j- 10. März 1864. In dumpfen- Schlägen dröhnt es noch vom Thurm Dem Volke kündend, was es jüngst verlor Und noch umhüllt der schwarze Trauerflor Des Baycrnlandes ruhmbedeckt' Panier- Da hebt schon wieder sich, inmitten Blumenzier' Ein Katafalk, und von dem hohen Chor Des Doms erbraust der Orgel Feierton Zum ke-guii-m für König Max, den Sohn Des greisen Vaters, Den des Schicksals Sturm Zur Gruft der großen Ahnen jüngst berief Und Der, wie Max, für uns zu früh entschlief. Zwei Särge mehr in diesem dunklen Raum Und von zwei rühm- und thatenreichm Leben, Von Gott zur Wohlfahrt uns'res Land's gegeben. Zwei todte Herzen und — ein Hcrrschertraum! Der Sarkophag umschließt die theure Hülle, In Der ein Baterhcrz dem Volk' geschlagen Das, bis man Es zu Grabe hat getragen Bemüht war, Seine Sendung zu erfüllen Und Das wir stets in tiefem Schmerz beklagen. Ja — um zwei Fürsten weint Bavaria heute Und um zwei Herzen, nun des Todes Beute! Nach Maxens Gruft, der Stadt am Isarstrande Worin der König schläft den Todesschlummer In der Er ausruht von der Krone Kummer, Wallfahrtet heut' im Geist das Bayernland. Die Thräne fließt — ein schuldiger Tribut — Ihm, Der so viel des Großen that hienicden Dem Seiner Kinder Wohl Sein höchstes Glück, Und Der mit Seinem Volke hielt den Frieden. Nun ruht sie aus die todte Königshand, Die voll des Segens, durch ein großes Leben Dem Land sein Glück, dem Volk sein Recht gegeben. 82 Doch, khrcn wir auch hoch Sein groß' Vermächtnis Und so, wie Er's verdient hat und gewollt. In Bruderliebe, fester Eintracht Gold, Des theuren Herrschers rühmliches Gedächtniß?! — Ach — blickt um euch und klagt euch reuig an. Daß ihr nicht würd'gcr Seines Worts geworden; Er schuf dem Volke eine Segensbahn Ihr säet Zwietracht in der That — in Worten; Er wollte stets mit Seinem Volke Frieden Und ihr Pflegt feindlich euch die Stirn' zu bieten, Unwürdig euch zu schmähen aller Orten! Schon Pocht Verrath an eures Hauses Thor Und was in ihm Jahrhunderte gehalten, Will blindlings er in Neues umgestalten. Er schielt sogar zu eurem Thron empor Und webt zum eig'nen Sterbkleid' sich den Flor. Anstatt daß Ihr euch fest in Ein's gestaltet, Seid ihr bemüht, euch frevelnd zu entzweien, Statt daß ihr hoch der Eintracht Banner haltet, Versucht ihr euch im Kampfe der Parteien Und hoffet Segen, wenn die Feindschaft waltet. Die Liebe stirbt, weil nie der Haß veraltet! Blickt auf den Sarg der stillen Königsgruft Wo euer Max bei eurem Ludwig ruht Verschließt das Ohr nicht, wenn Er zu euch ruft: „Bewahrt den Frieden als das höchste Gut! Seid Brüder, selbst wenn sich die Meinung theilt Verschmäht den Unrath aller gift'gcn Reden, In dieser Zeit ist Einigkeit von Nöthen, Sie ist gar ernst und das Verhängniß eilt!" O hört dieß' Wort, verschließt das Herz ihm nicht, Geht, Hand in Hand, nur auf des Friedens Wegen Versöhnt, vereint, dem schönen Ziel entgegen! So zeigt ihr euch des besten Lohnes werth, So haltet ihr Ihm, Der uns Allen theuer, Dem König Max die würd'ge Todtenfcicr Und Segen ruht auf eurem Heimathhcerd; Im Bürgerglück beruht des Landes Kraft, In ihm nur keimt des großen Zicl's Gedeihen Und Bürgcrunglück bringt die Leidenschaft. O laßt zu Maxens Sarg den Schwur uns senden: „Wir steh'n zum Thron in aller Zeiten Lauf!" Des Schicksals Gang halt zwar der Mensch mcht auf Doch kann er ihn, vereint, zum Bessern wenden! B. Nödel. 83 Nacht und Nebel (Schluß.) Die Brise war schwach, das Meer noch immer etwas bewegt, aber die heiter aufgehende Sonne versprach einen heiteren Muttertag. Wullier hatte indeß mit dem Kapitän durch die Kajütenluckc gesprochen. AnS de« Steucrkurs der Schebeke war zu entnehmen, daß sie nach Kap Cato zu segeln im Sinne habe, welches auch bei günstigem Winde vor Nacht zu erreichen nicht möglich war. „Ich danke Euch, lieber Wullier, für den guten Gedanken, den Euch der Himmel eingegeben hat," flüsterte der Kapitän aus seiner Kajüte, „nur stehe er uns noch ferner mit seinem Schutze bei, um ihn zu Ende zu führen, obwohl ich nicht recht begreife» kann, wie das Ganze ausgehen wird." „Sorgt Euch nicht," cntgcgncte Wullier, „in Nordwest steigen Wolken auf, die Nacht wird finster werden und uns günstigen Wind bringen, dann kappen wir da< Schlepptau und vor dem Wind mit hoher See segelt die „Aretusa" wie ein Delfin. — Aber horch! man brüllt schon wieder etwas durch's Sprachrohr, bleibt ruhig, ich will hören, was es gibt." Wullier eilte an den Bugsprit, um die Befehle des Piraten zu vernehmen. „Wirf den Cadaver, den Du noch auf dem Schisse hast, über Bord, wie auch alle Betten, Hängematten und Effekten der übrigen Verstorbenen!" ertönte es aus dem Sprachrohr des Piraten. Die Pantomime der Bejahung von Seite Wullier's war mit einigen Zuckungen deS armen Steuermannes verbunden, der den SchrcckenSbefchl vernommen hatte und sich schon eine Beute des Todes glaubte. Ich soll also in's Meer, dachte er bei sich, bloß ui» meine Todtcnrolle recht natürlich zu spielen? Schon war er im Begriffe, sich auf die Beine zu machen und durch sein Aufstehen Alles zu verrathen, als Wullier zu ihm hin- trat, sich in seiner Nähe etwas zu thun machte und ihn beschwor, sich ruhig zu verhalten. „Ruhig/ murmelte Jener in die Planken des Verdeckes hinein, „ruhig? wenn Sie mich über Bord werfen wollen? Sagen Sie dem Piraten, daß ich sterbend, aber noch nicht todt sei — da Sie keinen Mord begehen wollen — oder werfen Sie einen Ander» über Bord, einen der wenigstens unpäßlich ist, aber mich nicht, so frisch und gesund." „Sei unbesorgt," erwiderte Wullier, der trotz seiner kritischen Lage sich des Lachens nicht enthalten konnte. „Das Schicksal Aller ist nun in Deiner Hand, Du kannst Alle- durch Deinen Mangel an Muth verderben. Ich gebe Dir ein Tau um den Leib, binde ein Ende an die Gallerie des HinterverdeckeS und kaum bist Du in die See geworfen, so ziehst Du Dich unter den Spiegel, klammerst Dich unter dem Heckbalkcn fest und kriechst bei der Hinteren Lugpforte wieder herein. Von der Schebeke aus kann Dich Niemand sehen, da Du durch das Schiff gedeckt bist. Wir segeln kaum zwei Knoten, und somit hast Du auch von der Schnelligkeit des Schiffes nichts zu fürchten. Bist Du nun einverstanden?" „Nun, wenn es sein muß, so will ich mich in des Himmels Namen darein fügen," seufzte der Steuermann, „nur sorgen Sie für ein gesundes Tau und halten Sie e- kurz, sonst gehe ich zu tief beim Wurf." Wullier kitte unter Deck, um einige Gcräthschaften, Kleider u. s. w. herauszubringen, und sie im Angesicht des Piraten, der mit seinem Fernrohr beständig am Hintcr- thcil der Schebeke stand und auf die Brigg lugte, über Bord zu werfen. Die sämmtlichen Effekten wurden neben und auf den Schcintodten geworfen und zugleich ein Strick gereicht, dessen Ende er sich, unter den aufgcthürmten Gcräthschaften verborgen, um de» Leib band. Wullier flößte seinen Leuten unter Deck noch Muth und Vertrauen ein durch die in Eile mitgetheilte Erzählung seines neuen Schnippchens, das er dem Piraten schlug und durch das er sich um so sicherer irre zu führen hoffte, als er damit seine 4 84 früheren Aussagen bestätigte, ließ die Hintere Lugpfortc öffnen, und eilte wieder geschäftig mit einigen Effekten beladen auf's Verdeck. Nun wurde das andere Ende des Strickes, den der Steuermann um den Leib hatte, am Hintcrtheil des Schiffes festgemacht, ein Stück nach dem andern über Bord geworfen und endlich der Leichnam des lebendigen Todten auf die Schultern geladen und gegen das Hintervcrdeck geschleppt. „Werfen Sie mich nicht an's Steuerruder oder an den Spiegel," flüsterte der Pseudotodte, „sonst schlag ich mir ein Loch in den Kopf, und wäre dann wirklich todt oder gezwungen, zu schreien —" nun plump, fiel der wohlbeleibte Mann über Bord, tauchte eine Weile unter Wasser, kam aber bald wieder auf die Oberfläche, kroch an seinem Tau bis an's Schiff und schwang sich hier bei der Lugpforte wieder hinein. Im unteren Schiffsraum empfing man ihn mit herzlichem Händedruck, reichte ihm ein Glas Rum als niederschlagendes Getränk nach überstandener Todesangst und ließ ihn nun von seiner tragi-komischen Lage erzählen. Indeß war es Mittag geworden — trotz der allgemeinen Gemüthsbewegung stellte sich der gewöhnliche Seeappctit ein, der heute mit Zwieback allein gestillt werden mußte, da Niemand die Küche auf dem Verdeck besorgen durfte. Wullier zählte die Stunden bis zu Sonnenuntergang, und freute sich über die immer heraufziehenden Gewitterwolken in Nordwcst, auf denen er den Regenbogen der Rettung zu sehen glaubte. Die ohnehin schwache Brise, die unter Tags geweht hatte, ließ gänzlich nach, um zwei Uhr Nachmittags war schon die Sonne hinter dichte Wolken getreten und über die See hatte sich eine vollkommene Windstille gelagert. Gänzliche Windstille in den Wintcrmonatcu ist in der See gewöhnlich der sichere Vorbote eines Sturmes. Diese unnatürliche Ruhe der Luft, dazu die meist von vorhergegangenen Stürmen noch bewegte hohle See, die am Horizont sich meist zu gleicher Zeit erhebenden Wolken, die von verschiedenen Winden getrieben, sich nach und nach zusammenziehen, um dann vereint alle unter den Befehlen eines ausgesprochenen Orkans zu mar- schiren — Alles das gibt einer Windstille den widerlichen Anschein von Hinterlist und Tücke, die auf den alten Matrosen selbst einen unangenehmen Eindruck hervorbringt. — Die Elemente lauern gleichsam und sammeln Kräfte, um dann mit verdoppelter Wuth zu rasen und zu stürmen. Die Piratcn-Schebeke bemannte die Ruder; durch die schwere Brigg im Schlepptau und durch die aus Nordwest fluthcnde See verhindert, bewegten sich aber beide Schiffe kaum vorwärts. Wullier saß am Hintcrtheil seines Schiffes und blickte bald auf die sich immer und immer thürmendcn Wolken, bald auf die Sanduhr, bald auf die in langen Wogen rollende See, die ihm so ganz den Anschein bot, als wolle sie den Piraten auf seiner Schebeke einwiegen, um während seines Schlafes die armen Seefahrer zu befreien. Kein Segel war an dem bereits im Dämmerlicht eingehüllten Horizont zu erspähen und die Todtenstille, die überall herrschte, schien Wullier geschaffen, um die Nettungspläne für die bevorstehende Nacht zu überdenken und alle möglichen Fälle zu erwägen. „Wie geht's über Deck?" flüsterte jetzt aus der Kapitänlucke eine Stimme, die Wullier für jene des Kapitäns erkannte. „Windstille und hohle See aus Nordwest," antwortete Wullier, in seinen Rettungsplänen gestört. „Was macht die Schebeke?" lispelte der Stcucrmcister. „Der geht's schlechter als uns," erwiderte Wullier, „sie rudern sich zu Tode, um morgen früh — nichts zu sehen — nicht einmal ein verpestetes Schiff. Haben Sie unsern Punkt genau auf der Karte?" „Sehr genau," antwortete der Kapitän, — „wir stehen fast in der Mitte zwischen Nekro und Kap Korio." „Dann kommt Nordwest sehr erwünscht," meinte Wullier, „und er wird uns sicher nicht fehlen, verlassen Sie sich darauf; und haben wir einmal Sejenii uud Kap Aluopi. 85 passirt, so springt der Wind am Kanal von Rhodus nach West und wir sind geborgen. Sorgen Sie nur dafür, daß Jedermann wach bleibt heute Nacht, um bei der Hand zu sein. wann's nöthig wird." „Das immer und immer zunehmende Dunkel der hereinbrechenden Nacht gestattete auch mehr Freiheit am Bord des Kauffahrers, man kroch nach und nach auf'S Verdeck, theilte sich die verschiedenen Pläne mit, fügte gute Gedanken hinzu und freute sich über den Nebel der allmählig immer dichter und dichter sich niedersenkte, so daß man die Schebeke nur etwa noch im Schattenriß erspähen konnte. „Höhe von der Brigg," tönte es wieder aus dem Sprachrohr des Priraten herüber. Wullier eilte vor, um das Zeichen der Aufmerksamkeit zu erwidern. „Zünde Deine Laterne am Bugsprit an und sorge, daß sie helle brenne," lautete der Befehl. „Soll sogleich geschehen," lautete die Antwort Wulliers, ließ eine Laterne bringe» und befestigte sie unter dem Klüverbaum. „Das ist unangenehm," meinte der Kapitän, „daß der Grieche auch daran gedacht hat, nun wird er uns, wenn der Nebel nicht sehr dicht wird, nicht außer Auge laste» und jedes unser Manövers bemerken können." „Macht gar nichts," antwortete Wullier, „lasten Sie eine zweite große Laterne am Hinterdeck bereiten, wenn wir das Schlepptau abgekappt haben, so lasten wir eine Weile hindurch das Vordere recht licht brennen; wenn wir dann so weit genug zurückgeblieben sein werden, wenden wir das Schiff, löschen die Laterne am Klüverbaum aus und hissen die andere auf der Gaffel beiläufig iu dieselbe Höhe, wie die erste, so wird er im Nebel unsern Spiegel für den Gallion halten, unser Licht auf der Gaffel für jenes am Bugsprit und glauben, daß wir noch im Schlepptau wären, wenn wir mit allen Segeln vor dem Winde nicht mehr eingeholt werden können." Indeß war es Nacht geworden, die See aus Nordwest ging schon bedeutend hoch und der Wind aus derselben Himmelsgegend wuchs von Stunde zu Stunde an Kraft. Die Schebeke hatte Anfangs alle Segel ausgesetzt, um so knapp als möglich am Wind zu steuern und sich luvwärts vom Kap Korio zu erhalten, aber der zunehmende frische Wind, die bewegte See und die Brigg im Schlepptau zwangen die Piraten, ein Segel nach dem andern zu streichen, so daß sie gegen neun Uhr Abends nur mit ganz gerafftem Marsegel und einem Nef im Topsegel mühsam vorwärts steuerten, — dabei noch stark im Abtrift verloren. „Ich wette, die Schebeke wird jetzt durch den Wind wenden," sagte Wullier, der in der letzten Zeit das Vorderkastell der Brigg nicht mehr Verlusten hatte, „warten wir noch das Manöver ab und in der nächsten Stunde sind wir flott. Wirklich wand die Schebeke, um nicht zu weit luvwärts getrieben zu werden. Während dieses Manövers kam die Brigg wieder mehr in die Nähe und der Pirat konnte sich überzeugen von der Genauigkeit, mit der man folgte. Als die Schebeke umgelegt und nun weiter segelte, wurde an's Schlepptau an Bord der Brigg ein anderes Tau angeknüpft, um sich so etwas entfernter vom Piraten zu halten und mit mehr Freiheit manövriren zu können. Wullier stellte seine Mannschaft an die Brassen, Fallen und Toppcnanz, die Ruderpinne wurde luvwärts gelegt und bei der ersten Seitenbewegnng der Brigg der Klüver still aufgehißt. Nacht und Nebel begünstigten das Unternehmen, das, ohne eine Silbe zu sprechen, zu Ende geführt wurde; die Brigg — von den Wellen in die Flanken getrieben — fiel schnell ab, und als sie das Hintertheil gegen die Schebeke gestellt hatten, wurden die Segel alle in Kreuz aufgehißt, in die Shottcn gehöhlt, die Laterne auf die Gaffel gehißt und die Ruderpinne in die Mitte gestellt; der Wind stand in allen Segeln und die „Arebusa" theilte mit verjüngter Kraft die schäumenden Wogen. In wenigen Augenblicken waren die Letscgclsparren an Steuer und Backbord hinausgestoßen, und Flügeln ähnlich, blähten sich die Segel zu beiden Seiten und setzten die Brigg in eine 86 Fährt von neun Knoten. Der zunehmende Wind, der mit seinen ersten Stößen Fuß faßte, hatte auf der Schebeke viel zu thun gegeben und Niemand hatte in den ersten Momenten seine Aufmerksamkeit auf die Prise gerichtet. Neues Leben war dagegen auf der Brigg in die Mannschaft gekommen; jeder arbeitete nach Leibeskräften, begeistert durch die Idee der unfehlbaren Rettung. Wullier stand am Hullertheil und lugte nach der Schebeke aus, von der kein Schatten mehr zu sehen war, als plötzlich ein Blitz die Gegend beleuchtete, in der sie stehen mußte und gleich darauf der Donner eines Kanonenschusses ertönte. „Man salutirt," sagte Wullier lächelnd, „sollen wir danken, Kapitän?" — und ein allgemeines Gelächter bemeistertc sich der umstehenden Mannschaft. „Spottet nicht," meinte dieser, „noch sind wir nicht im Hafen. Glaubt Ihr wirklich, Wullier, daß nichts mehr zu fürchten sei?" „Wenn sich die Schebeke in eine Seemöve verwandelte," erwiderte Wullier, „so holt sie dennoch die Aretusa nicht mehr ein/' Die Laterne war herabgenommcn, der Steuermann wieder an sein Ruder getreten, obwohl zuweilen seine Blicke von der Wiederkehr abschweiften und er sich auf die Fußspitzen stellte, um rückwärts zu schauen. Wullier bestieg in seinen Mantel gehüllt wieder ruhig die Treppe des Hinterdeckes. „Wollen Sie schlafen gehen, Kapitän?" fragte Wullier endlich, — „es muß bald Mitternacht sein und hier gibl's nichts mehr zu thun." „Ich danke Euch, lieber Wullier, ich bin zu bewegt, als daß ich schlafetz könnte, ich bleibe bei Euch über Deck, um noch eiii wenig zu plaudern." „Nun, so schicken wir wenigstens die Mannschaft in die Hängematten, damit sie ein wenig ausruhen nach all' der Arbeit." Der halben Mannschaft wurde gestattet, unter Deck zur Ruhe zu gehen; allein Keiner benutzte die Erlaubniß. Alles wollre Wullier nahe bleiben, der seiner stillen Gemüthsart zufolge schwieg und sich wenig um die Aufmerksamkeit und Liebe der Mannschaft bekümmerte. So graute der nächste Morgen; alle aufgeregten pochenden Herzen waren ruhig geworden; nur der Steuermann traute dem Glück noch immer nicht, und wandte sich oft zurück, um sich zu überzeugen, ob der Pirate verschwunden sei. Der Nebel zertheilte sich mit dem dämmernden Tage, der Mont Lavola von Rhvdus schimmerte am Horizonte als Vorbote des nahen Hafens. Wenige Stunden darauf lag die Brigg nächst dem Thore de Cavalieri vor Anker und der Kapitän stieg in sein Boot, um die Meldung des Vorfalles am Bord des österreichischen Kriegsschiffes zu machen, dessen Flagge ihm zugleich Schutz zur weiteren Reise gewähren konnte. „Nun," sagte der Steuermann, als der Anker geworfen war, und er seinen Posten verlosten durfte, zu den umstehenden Matrosen, „es ist doch ein angenehmes Gefühl, durch Muth und Geistesgegenwart der Netter eines Schiffes zu sein. Wenn ich nicht an Bvrd gewesen wäre," fügte er hinzu und schlug mit der flachen Hand auf seine Brust, „wie stünde es jetzt mit Tuch, Ihr armen Schlucker!" (Der Mohr der Königin.) Einst fuhr die Königin Thcrese mit großem Gefolge nach Starnbcrg und nahm auf der „Post" Quartier. Der Posthalterin machte es Sorgen, die vielen Leute nach Rang und Klaffe zu beherbergen, und kaum glaubte sie fertig zu sein, siel ihr ein, dem Mohr noch kein Zimmer angewiesen zu haben, und in Ermanglung dieses sollte die HauSmagd ihr Bett und Zimmer für diesen Abend dem Mohren überlasten. Kaum wurde Letzterer dieß bedeutet, rief sie empört über dieses Ansinnen: „Vor drei Tagen habe ich erst frisch überzogen, und jetzt soll ich den rußigen Kerl hinein legen lasten?!" — Diese naive Weigerung kam zu Ohren der Königin, die herzlich lachen mußte, die Magd rufen ließ und sie mit einem Ducaten beschenkte. 2. 87 Zwei Heimfahrten. (An den große» Todten von E. F. Sturm, Professor in Nizza. AnS der A. Z.) I. Ins schöne Land, wo die Orangen glühen, Zog Dich. den Jüngling, einst ein hehreS Streben. Wo Goethe durchdrang zu dem vollren Leben, Entflohn der engen Heimalh Sorg' und Mühen, Da sollt' auch Dir ein schönres Sein erblühen, Da lerntest Du der Kunst geheimes Weben < Und schwurst: „Ich will das heil'ge Banner beben, Zum Schönen will auch ich mein Volk erziehen I" Und heimgekehrt hast Du den Schwur gehalten! Der Maler schafft unsterbliche Gestalten, Es heben sich die stolzen Tempelhallen, Darin der Schönheit Jünger jubelnd wallen; Es fließt der Dichtkunst ewig klarer Bronnen: Ein ganzes Volk hast Du der Kunst gewonnen! II. Und wieder kehrst Du heim vom wälschen Lande, Wo hoch die Lorbeer» und Cypresscn ragen, i Doch, ach! das Herz das einst so hoch geschlagen, Es brach, es fiel dem grimmen Tod zum Pfande; Und Dir entgegen von dem Jsarstraude Vernimmt man Weinen uur und dumpfes Klagen, Der Künste Banner, einst so hoch getragen, Es geht gesenkt, mit schwarzem Trauerbande. Doch sürchte nicht! Die Saat die Du gestreuet, Sie keimet mächtig fort durch alle Zeiten: Die Musen, denen Du Dein Volk geweihet, Sie werden es zum hohen Ziel geleiten. Solange deutsche Kunst und Ehre glänzet, Wird auch Dein Bild, o Wittelsbach, bekränzet! (Von König Ludwigs Leutseligkeit.) Vor ungefähr 20 Jahren reiste König Ludwig l. in Begleitung des königlichen Prinzen Adalbert von München nach Bcrchtesgaden über Wasserburg, wo während des Pferdcwechsels der Stadtmagistrat seine Begrüßung machte. König Ludwig war sehr guter Laune, sprach aus dem Wagen mit jedem Einzelnen auf die herablassendste Weise. Als er aber den wohlbeleibten Brauer Andre Ponschab bemerkte, richtete er sogleich die Frage an ihn: „Wie viel Mäßl — 10 bis 12, 10 bis 12!" — Als Ponschab antwortete: „Majestät, ich halte mehr auf das Essen," rcplicirte König Ludwig: „Ja, ja, 12 Mäßl!" Nahe am Wagen- schlag stand Chirurg Hvlzner in Landwehr-Uniform als Hauptmann; diesen frug der König: „Waren Sie schon bei'm Militär, weil Sie so eine gerade Haltung haben?" — „Nein, Majestät!" — „Was führen Sie für ein Gewerb?" — „Ich bin Chirurg." — „Ah, das ist gut, da können Sie die Wunden, die Sie mit Ihrem Schwert hauen, sogleich wieder heilen!" Inzwischen war die Umspannung vollendet und der König harrte etwas ungeduldig aus seinen Gefährten, den Prinzen Adalbert, der sich im Gastzimmer gut zu unterhalten schien. Endlich kam dieser und entschuldigte sich bei seinem Barer über sein zu langes Verbleiben, worauf ihn der König frug: »Hast Du Wein getrunken?" — „Nein, Bier, Papa!" 2. 88 Ludwig I. von Bayern. Durch Bayerns Gau'n tönt dumpfes Grabgeläute; Der alte König steigt in seine Gruft. Er sah noch Deutschlands blut'gc, wilde Kluft, Er, den des Friedens Glück so lang erfreute. Sein Name, traun, wird nicht des Todes Beute: Die Tempel ragend in des Himmelsluft, Der Künste Gärten voller Glanz und Duft Verkünden spät noch seinen Ruhm wie heute. O deutsches Volk, bespritzt mit Bruderblut! Wohl magst du Ludwig eine Thräne weinen; Sein Kömgsherz war dentschgesinnt und gut. Auf, zähle deine Fürsten! Hast du keinen, Den Gottes Geist gesalbt mit Königsmuth? Wann wird der große Retter uns erscheinen? Joseph Baicr. König Ludwig von Bayern trat eines Tages Unerwartet in das Atelier Kaulbach's. Der Meister hielt in diesem Augenblick die Hand eines reizenden Mädchens, welches ihm als Modell diente, in seinen beiden Händen.- Als die Schöne den König sah, entzog sie ihre Hand rasch den Händen Kaulbach's. — „Ei, Meister," sprach der König lächelnd, — „das ist doch das schönste Werk, — das jemals aus Ähren Händen gekommen ist!" (Treue Herzcnseinfalt.) Die ehemalige englische Schauspielerin Miß Mellon, nachhcrige Herzogin von St. AlbanS, erzählt in ihren sashionablen Gesellschaften gern folgende rührende Geschichte aus ihrer Jugend: Als ich noch ein armes kleines Mädchen war und für dreißig Schillinge die Woche sehr hart arbeiten mußte, ging ich während der Feiertage nach Liverpool, um in einem neuen Schauspiele mitzuwirken. Ich stellte ein Waiscnmädchen vor, das auf den äußersten Grad der Armuth reducirt war. Ein herzloser Geschäftsmann verfolgt das arme Kind wegen einer für seine Verhältnisse bedeutenden Schuld und beharrt darauf, es in's Gefängniß zu setzen, wenn nicht Einer für dasselbe Bürgschaft leiste. Das Mädchen erwidert: „Tann bin ich ohne Hoffnung, denn ich habe keinen Freund in der Welt." — „Was, es will Niemand für Dich bürgen, um Dich vom Gefängniß zu erretten?" ruft der strenge Gläubiger. — „Ich habe Ihnen gesagt, daß ich keinen einzigen Freund auf Erden besitze," erwiderte ich. Doch kaum hatte ich in weinendem Tone diese Worte hervorgebracht, als ich einen Matrosen von den hintersten Plätzen her über Bänke und Barrieren klettern, über das Orchester und dip Rampe wegsetzen und auf der Bühne neben mir erscheinen sah „Äa," rief dieser, „Sie sollen wenigstens einen Freund haben, armes Mädchen, der bis zu jedem Betrage für Sie Bürge werden will." Und dabei sprach sich in seinem rauhen, sonnverbrannten Gesicht die tiefste Bewegung aus. „Sie aber," fügte er, gegen den harten Gläubiger gewendet, drohend hinzu, „Sie werden meine Bürgschaft annehmen und das arme Ding gehen lassen, oder ich breche Ihnen, wenn Sie hinauskommen, alle Knochen im Leibe entzwei." Man kann sich die Aufregung denken, welche diese Scene im ganzen Hause hervorrief. Frage: Was für ein Unterschied ist zwischen einem Eisbär und einem Nettig? Antwort: -uouui b-mzß asq dzzä mßnv ssi aygsiZ LZ(§ Druck, Berlaa und Redaktion deS literarischen Instituts von Dr. Nc. HutUer. Nr. 1S. 22. März 1868. Der Schöpfung ew'ger Mittelpunkt Ist in des Menschen Herzen, Aus welchem durch die Welten funkt Ein Strahl von Lust und Schmerzen. ^ . Rückcrt. Eine Mntterthräne. Der Mutter Bedürfniß ist es, ihre Kinder durch's ganze Leben so recht fest mit dem Mutterherzcn verbunden zu halten. Selbst wenn der Sohn an Lcibcsgröße der Mutter über den Kopf gewachsen, für's Herzgefühl und die Zuthunlichkcit ist s gleich viel; «uch im spätern Leben sucht die Mutter ihr erwachsenes Kind zu besitzen, wie an seinem ersten Lebenstag, wo sein Augenstern zum ersten Mal sich ihr erschlossen und Liebe zündend in ihr Herz geschienen. Die Mutter nämlich behält ihr Recht auf das Herz des Kindes; „es gehört mir," sagt sie und sie weist ein Document auf, woran kein Advokat Etwas umwerfen kann: das Muttcrherz und drinnen die ticfgegrabcnc Flammenschrift der Mutterliebe. Nun kommt aber für den Jüngling eine Zeit, wo sein Pflichtgefühl, der Mutter zu gehören, nicht so stark ist, als der Mutter Rechtsanspruch, ihren Sohn zu besitzen. Es ist halt die Zeit, wo der Flaumbart sprießt, der Blick in die verlockende Welt sich erweitert, wo es dem Menschen am elterlichen Herd zu enge und zu dumpfig wird und wo seine Füße unter den Tisch der Wohnstube so recht nicht mehr passen wollen. Da gibt's denn ein Hin- und Herncigen zwischen Sohnes- und Mutterherzcn, ein Anziehen und ein Abstoßen, Verstockung und Rcugefühl. Viel Harm wird gesät, manche Thräne geweint, mancher Vorsatz gemacht und gebrochen, mancher Ansatz zu scharfer Predigt von der Mutter probirt und doch vor überfließendem Wchgefühl auf halbem Wege inne gehalten. Zuweilen auch sammelt und ballt sich der gesteigerte Anmuth zu Hagelschauern zusammen und es prasselt nieder auf den Sohn — in kalten spitzen Worten; aber genutzt hat es Nichts, dagegen viel geschadet; denn aus falscher Scham verstack sich der Sohn, weil er tief gekränkt worden. Da bedarj's denn mitten im Schmerze darüber, daß der Sohn sich vom Mutterherzcn losgerissen, der Klugheit, um den Riß nicht weiter zu machen; da bcdarf's aller Milde, und doch aller Gemessenheit, alles Ernstes und doch aller Innigkeit im Muttergesühl, im Mutterblick und im Mutterwort, um des Sohnes Herz, das in gefährlicher Schwankung sich bewegt, zu ergreifen und wieder in seinem alten Schwerpunkt, der Gottes- und Mutterliebe, zu befestigen. Ein ungeschickter Griff, ein mißlungener Plan, wodurch des Sohnes Widerspruch gereizt wird, kann die Heilung für immer verderben, so daß die Flegelei sich einnistet, die Entfernung vom Vaterhausc zunimmt und die theure Menschensecle in fremder Leute Händen zu Grunde geht. Wie eine Mutter in so kritischem Zeitpunkte das Rechte gesunden, das will ich Dir in Kürze berichten. Es ist sicher passirt und noch nicht lange her, und ich erzähle es Dir, Mutter, nicht damit Du es gerade so nachmachst, denn das würde vielleicht fehlschlagen, zumal wenn Dein Sohn auch die Zeitung läse, sondern damit Du Dich darnach richtest, d. h. nach der Geschichte Sinn und Gehalt. In einer großen Stadt am Niederrhcin ist ein großes Fabrikgeschäft. Der Eigenthümer desselben, Rüdger Rasfgut, wäscht sich in Gold die Hände und erwirbt besten 90 jeden Tag mehr. Nur einen einzigen Sohn hal er, der einst Geschäft und Fabrik erben wird. Der heißt Emil. Der Vater ist nicht ungläubig, auch nicht unkirchlich; aber er weiß, daß er Geld hat und hält was d'rauf, fast mehr, als gut ist. Er ist halt wie mancher Mann vom Geschäft, der denkt: Haben ist besser, als Kriegen, und Kriegen ist auch gut, wenn das Haben dadurch vermehrt wird. Seine Frau dagegen ist tief religiös und fromm; auch sie freut sich über'S Haben, denn sie weiß gut, wo sie ihre Ersparnisse als Kapitalien für den Himmel anlegt; auf's Mehrkricgen ist sie gerate nicht sehr erpicht, weil sie genug hat. Der Emil mußt' mit dem fünfzehnten Jahre in's Geschäft und Fabrikwcsen hinein. Der Alte Pflegte oft zu sagen: „Erstens muß cS von Natur d'rin sitzen und zweitens muß es frühzeitig hineingebracht werden — der Handel, die Spekulation und das Geschäft, sonst gcht's heut zu Tage nicht." So wurde der Emil denn gleich mit jungen Jahren in die Bücher, in die Kaste, in die Robstoffc, in die Ballen, in die Aktien hineingesteckt, und der Alte sagte nach kurzer Zeit, indem er sich froh die Hände rieb: „Gott sei Dank, — der Junge ist nicht aus der Art geschlagen". Emil war auf bestem Wege, ein junger perfekter und feiner Kaufmann zu werden. Die Mutter hatte nur halben Spaß daran, sie hätte lieber was ganz Anderes aus ihrem Kinde gemacht, zumal da es der Erst- und Einziggcborene war. Aber weil er das Letztere gerade war, darum sagte der Vater: „Mein Name soll nicht ausstcrben, und mein Geschäft auch nicht." Und der Emil ward, was er wurde. Die Mutter hatte in jungen Jahren einen großen Einfluß auf Emil's Gemüth gehabt. Emil hatte auf ihrem Schooßc recht kindlich beten gelernt, an ihrer Hand war er fromin geworden, an ihres Gesichtes Ja- und Neinwinken war ihm der Unterschied von Gut und Böse klar geworden. Aus der Kinderstube war er jetzt in's Comptoir verpflanzt — natürlich, ganz verschiedenes Erdreich. Die Umgebung war eine andere, — seine Gedanken stacken zwischen dem Papier und den Maschinen; seine Gefühle gingen in Ebbe und Fluch, je nachdem die Aktien stiegen oder sielen. Kein halbes Jahr verging, da war das Kind vollständig abgestreift, und nach zwei Jahren gcrirt er sich schon wie ein großer Mann. Der KaufmannSgcist war über ihn gekommen. Da wird das Herz leicht trocken und zum Blcchkastcn, und wenn dann noch Etwas darin tickt und pocht, dann ist es doch wie das Geräusch knöcherner Würfel, die in einem blccherncn Becken gerüttelt. Das stieg dem jungen Kaufmann auch in den Kopf, daß er von aller Welt stark rcspektirt wurde, und wenn ein von der Fabrik und dem Geschäft Abhängiger an Zahltagen mit tiefem Bückling ihn anredete: „Guten Morgen" oder „guten Tag, Herr Nasfgut," dann schmeichelte ihm das ungeheuer, und der sechzehnjährige Herr Naffgut jun. machte dann ein Gesicht, als ob er das schon feit Jahr und Tag gewohnt gewesen. In einer großen Stadt gibt es aber der Kaufleute und Kaufleutchcn gar viele; es sind meist feine Herren und Herrchen, wenigstens mit äußcrm Firniß, und wenn die Schreibstube und das Gcschäftslokal zugemacht ist, dann gcbährdcn sich Manche, als ob das Pläsir und der Jubel die Hauptsache im Menschenleben wäre. An den jungen lebens- frischcn, gutmüthigen Emil hängten sich allmälig wie Kletten auf der Straße und dem Spaziergangc andere Bcrufsgenosscn, meistens „kleinere Leute," di: fremdes Brod aßen, auch einige Ladenjünger, deren ganzes Verdienst in feiner Leinwand und einer künstlich verknoteten Halsbinde bestand. Diese hofirtcn dem Emil als jungen, gescheidtcn Kaufmann und — aber das sagten sie nicht ausdrücklich dabei — als dcreinstigcn Erben eines ansehnlichen Geschäfts und Vermögens, dessen Börse auch jetzt schon vom Vater mit reichlichem Taschengeld gespickt war. Emil labte sich und andere gern, wcnn's ihm Lobsprüche eintrug; darum war's nicht außergewöhnlich, daß er, wenn der Spaziergang schwül und die Zunge trocken wurde, mit seinen Freunden in einem Kaffeehaus oder einem Conditorladcn einsprach. Die leisen Wünsche und Winke der Kameraden waren häufig der Grund; aber Emil'S Börse blieb fast jedesmal für dergleichen gemeinschaftliche Unternehmungen die finanzielle Grundlage. Entschädigt wurde er jedoch durch 91 Schmeichelnden und unterhaltendes Gespräch, worin er im Scherze Mancherlei erfuhr, was er — die Sache ernstlich genommen — noch nicht sobald hätte zu erfahren gebraucht. Seine Neigung für's Theater wurde geweckt und genährt. Man lobce mit stürmischem Beifall sein Urtheil über die Künstler, noch mehr aber über die Künstlerinnen, und wenn er obendrein noch eine oder zwei Flaschen ponirte, dann sagte man entzückt, der Umgang mit Emil sei doch so bildend und unterhaltend, daß man unter keinen Umständen auf diesen geistigen Genuß verzichten möchte. Durch solche Schmeicheleien verblendet, warf sich Emil denn auch als Kenner und Liebhaber des Theaters auf; er war schon so weit, daß er für den Fuß einer Tänzerin schwärmen konnte. Er that wenigstens so. Die Hauptsache, im Mindesten für seine Genossen, blieb das Zechgelage, wo Emils Freigebigkeit aus purer Eitelkeit keine Grenze fand. Der Vater mochte vielleicht von den großen Verschwendungen Nichts wissen; daß der Sohn bis zum späten Abend, ja bis auf die Schwelle der Nacht ausblieb, und zuweilen mit übermäßiger Heiterkeit wiederkehrte, dagegen hatte er so viel nicht einzuwenden; nur wenn's zu arg war, z. B. wenn Emil nicht ganz mehr das Gleichgewicht halten konnte, dann schüttelte er höchstens den Kopf, und sprach ein ungesalzenes Wort, welches der Emil überhörte, traten aber der Mutter bei solchen Gelegenheiten die Thränen in die Augen, dann beschwichtigte der Vater sie mit den Ausdrücken: „Nun, Lenchcn, ehe ich zur Vernunft kam, bin ich auch einmal jung gewesen; junger Wein muß brausen, sonst klärt er sich nimmer und bleibt Spülwasser nach wie vor." Wollte aber die Mutter noch hingegen eine Einrede thun, dann wurde der Vater selbst ärgerlich und sagt wohl knapp: „Ihr Fraulcut' kreischt auch um jede Kleinigkeit." Damit war der Mutter für den Augenblick wohl der Mund geschlossen, aber des Herzens Wunde nicht. Es war ihr, als ob ihr der Emil von Tag zu Tag mehr abhanden käme, und sie wollte ihn doch einmal so ganz gut und christlich haben. Am meisten stach es ihr in'S Herz, daß Emil im Hause nicht mehr so zutraulich, heiter und freundlich war, als sonst; vergeblich spähte sie nach jenem zuthunlichen kindlichen Blick, in dem für die Mutter die Liebessprache des Herzens liegt. Draußen bei den Genossen konnte er doch lustig und heiter sein, und während die Pfropfen flogen, auch seinen an- gcborneu Witz in zählendem Sprudel schäumen lassen. Warum zu Haus die Mißmuthsfalten auf der Stirn, warum die Fältchcn an den Mundwinkeln, die bekannten kleinen tückischen Schlangen? Das Alles schnitt der Mutter in'S Herz, denn sie meinte, und sie hatte Recht, des Kindes beste Stimmung gehöre ihr. Der Mutter ist es am allcrhärtesten, wenn ihr Kind frühzeitig alt und selbstständig werden will; dann hört das Kind fast auf, ihr Kind zu sein! Sie möchte am liebsten, daß ihr Sohn kindlich bliebe, und auch darin hat sie Recht, denn der Muttcrschooß bleibt der beste Hafenplatz, wo das Kindeshcr; sich vor Anker legen kann. Aber der Unmuth und der Harm und das Herzeleid rinnt zuletzt im Muttcrherzen so dick zusammen, daß es sich ausschütten muß. Anfangs hatte sie möglichst sanft aus der Ferne gewinkt, dann zugeredet, zuletzt in allem Ernste gesprochen; Emil aber hatte geschwiegen oder abgewehrt, zuweilen auch störrisch gesagt: „Ein Haushuhn wolle er nicht werden, und Ausspannung komme einem jungen Manne zu." Als sie aber einmal spitz gefragt, ob er ihr denn absolut wehe thun wolle, da hat der zwanzigjährige Sohn spitz geantwortet, ob sie ihm denn absolut kein Vergnügen gönne. Es blieb, wie es war, oder vielmehr, es ward allmählich schlimmer. Zudem merkte sie mit Schrecken, daß sein Herz für die Religion erkaltete. Natürlich, unter all' seinen Freunden war kein Einziger, der, wenn er überhaupt noch zuweilen in die Kirche ging, ein Gebetbuch mitnahm. In frühern Jahren war er oft und gern mit ihr in die Himmclfahrts-Kirche gegangen, aus eigenem Dränge trat er häufig zum Tische des Herrn! Jetzt war er schon zufrieden, wenn er blos an Sonntagen spät eine Schnappmcffe bekam; aus Gewohnheit that er's vielleicht, oder auch aus letzter Rücksicht auf die Mutter. — 92 Kaum aber beugte er noch bei der Wandlung das Knie, um so weniger das Herz, mit den Fingern strich er den schwarzen Gedankenstrich über der Lippe, musterte die enge« karrirtcn Hosen oder steckte die Hände nachlässig vornehm zwischen die Knüpfe des Pale- tot's. Diese religiöse Gleichgültigkeit war der Mutter am allerhältesten; jugendlicher Ucbcrmuth hätte viel leichter bei ihr Gnade gefunden, wenn des Herzens Kern wäre unberührt geblieben. Die Wurzel dieser verkehrten Lebensstimmuug sah sie im Umgänge mit dem Schwärme seiner Kameraden. (Fortsetzung folgt.) Eine Pariser Dame über die Civil Ehe. Den Unterschied des Eindrucks, welchen die Civiltrauung macht, von jenem der kirchlichen Trauung, beschreibt nach eigener Erfahrung eine Pariser Dame, wie folgt: Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Heirath auf dem Stadthaus ziemlich wichtig ist, aber ist eS für ein feines Gefühl möglich, diese Wichtigkeit ernst zu nehmen? Ich habe die Sache kennen gelernt, ich habe, wie Jedermann, diese mühsame Förmlichkeit erfüllt, und ich kann nicht ohne eine Art Demüthigung daran denken. Kaum aus dem Wage» gestiegen, bemerkte ich rechts eine schmutzige Treppe; die Mauern waren mit Anschläge« in allen Farben beklebt, und davor stand ein Mann mit braunen Beinkleidern, ohne Hut, eine Feder hinter dem Ohr, und rollte eine Cigarette zwischen seinen mit Tinte befleckten Fingern. Links öffnete sich eine Thür, und ich bemerkte einen niedrigen und finsteren Saal, in welchem ein Dutzend Tambours von der Nationalgarde schwarze Pfeifen rauchten. Mein erster Gedanke, als ich in die Kaserne eintrat, war, daß ich wohl daran gethan hatte, kein weißes Kleid anzuziehen. Wir stiegen die Treppe hinaus und ich sah nun einen langen, schwach erleuchteten, unreinlichen Korridor mit einer Menge Glasthüren, auf welchen geschrieben stand: Beerdigungen — Expropriationen — Todesfälle — Reklamationen — Geburten u. s.-w. und endlich: Heirathen. — Dort nu» traten wir ein.mit einem Knaben, welcher eine Tintcnflasche trug; es herrschte hier eine dicke, schwere, unangenehm warme Luft, welche Einem übel machte. Ein Man» in blauer Livrse, welcher ungefähr so aussah, wie die Tambours, die ich unten gesehen hatte, kam auf uns zu, um sich zu entschuldigen, daß er uns nicht gleich in den Salon des Herr» Bürgermeisters (das ist der Wartcsaal für die erste Klaffe) geführt habe. Ich lief so schnell, wie nach einem Wagen, wenn es anfängt zu regnen, dahin. Dieser Salon Ketzern: Bürgermeisters hatte aber einen Anstrich von Provinzialismus und Spießbürgertum, der mich sehr heiter stimmte. Ich betrachtete zunächst die Uhr, sodann ein Barometer und eine Bibliothek, welche da hingestellt zu sein schien, um eine Thür zu verbergen; und über der Bibliothek stand das Bildniß des Kaisers in Gyps. — In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit einer grünen Decke, worauf mehrere Tintenflecke waren. Zwei Individuen brachten endlich zwei Register, und als sie sie aufgcschlagc» hatten, schrieben sie etwas hinein. Sie fragten uns nach unseren Namen, Alter, Vornamen, und fuhren dann fort zu schreiben, und i^' hörte, wie der Eine zum Ander» leise sagte: Scmicolou — zwischen den beiden Ehegait n. Eine neue Zeile u. s. w. — Als sie fertig waren, sing der Eine, welcher durch die Nase sprach, an, mit lauter Stimme etwas vorzulesen, wovon ich aber gar nichts weiter verstand, als unsere Name«. Er reichte uns eine Feder, und wir unterzeichneten. — Die Uhr des Herrn Bürgermeisters schlug gerade zwei, und ich hatte eben um zwei meine Näherin zu mir bestellt, um eine Aenderung an meinem Schnürleib vornehmen zu lassen. „Sind wir fertig?" fragte ich Georg, welcher zu meinem großen Erstaunen ganz bleich war. „Noch nicht, liebe Freundin,- antwortete er; „wir werden jetzt in den Heirathssaal eintreten:" — Wir kamen nun in einen großen leeren Saal mit nackten Mauern; i« -V) 93 Hintergründe stand die Büste des Kaisers; hinter einigen Fauteuils standen mehrere staubige Bänke. Ich war sehr schlecht gelaunt bei diesem Anblick; Mama und meine Tanten waren aber sehr heiter gestimmt, die Herren dagegen erschienen mir Alle sehr ernst, und ich bemerkte deutlich, wie Georg neben mir zitterte. Endlich trat der Bürgermeister mit seinem langen schwarzen Talare und der Schärpe durch eine kleine Thür ein. -- Dieser Mann machte einen ganz ansehnlichen Eindruck, und man sagt, er habe sich bereitem bedeutendes Vermögen erworben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieser kleine Herr durch eine Handlung, die er in größter Hast vollzog, mich für ewig binden könne. Außerdem hatte dieser Bürgermeister eine fatale Aehnlichkeit mit meinem Klavierstimmer. Ich biß mir auf die Lippen, um nicht laut aufzulachen. Nachdem der Herr Bürgermeister uns gegrüßt hatte, schnob er sich aus und begann würdig die kleine Ceremonie. Er sagte in Eile mehrere Stellen des Kodex her, indem er jedesmal die Nummern der Paragraphe nannte, und ich verstand so viel, daß man mich mit Gendarmen bedrohte, wenn ich nicht den Befehlen meines Ehegatten gehorchen, wenn ich ihm nicht überall folgen würde, wohin er mich führt. Zwanzig Mal war ich auf dem Punkt, den Herrn Bürgermeister zu unterbrechen und ihm zu sagen: „Erlauben Sie, mein Herr, Ihre Worte sind keineswegs höflich, auch kann das Gesetz nicht so lauten," aber ich hielt mich zurück aus Furcht, den Magistrat zu beleidigen. Er fügte noch einige Worte über die Pflichten der Ehegatten bei, über die Unterschrift rc. „Herr Georg ***, Sie schwören, Fräulein *** zur Gattin zu nehmen?" sagte der Bürgermeister endlich, sich verneigend. Mein Mann verbeugte sich und antwortete: ..Ja."- „Fräulein Bertha * * fuhr die hohe Behörde sich gegen mich wendend, fort, „Sie schwören zum Gatten zu nehmen rc. :c." — Ich verbeugte mich und sagte: „Ja," natürlich, darum bin ich ja hicher gekommen. Das war Alles; ich war vcrheiralhet, wie es schien. Mein Vater und mein Mann > drückten sich die Hände, wie Leute, welche sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben, ihre Augen waren feucht. Mir dagegen war es unmöglich, ihre Bewegung zu theilen. Am nächsten Morgen brach der große Tag an. Als ich eben erwacht war, öffnete ich die Thür, welche in den Salon führt, und sah meine Kleider auf dem Sopha ausgebreitet, der Schleier lag daneben, meine Schuhe, mein Haarputz in einer weißen Schachtel — nichts fehlte. Ich stürzte ein großes Glas Wasser hinunter. Ich war unruhig und glücklich, ich zitterte. Mir war, wie dem Soldaten, der am Morgen der Schlacht das Vorgefühl hat, dekorirt zu werden. — Ich dachte weder an meine Vergangenheit, noch an meine Zukunft; ich war ausschließlich in Anspruch genommen von -- der Idee dieser Feierlichkeit, dieses Sakramentes, des feierlichsten von allen, deS Gelöbnisses, das ich vor Gott mache» wollte, und dabei dachte ich daran, welche große Menschenmenge in die Kirche kommen würde, blos um mich zu sehen. Wir frühstückten sehr zeitig. Es schien mir, als ob die Domestiken mich mit mehr Sorgfalt bedienten und - mit größerem Respekt umgabcü; ich erinnere mich noch, daß Marie zu mir sagte: „Madame, der Friseur ist da." siKadame!? Ausgezeichnetes Mädchen! Ich habe eS - ihr nie wieder vergessen. Es war mir unmöglich zn essen. Ich hatte eine trockene Kehle und fühlte im ganzen Körper ein Zittern vor Ungeduld, wie wenn man sehr durstig ist und wartet bis der Zucker im Wasser geschmolzen ist. Ich hörte schon den Ton der Orgel, und die Trauung meiner Freundin Emma ging mir durch den Kopf. Ich kleidete mich an. ^ Als ich damit fertig war, ging ich in den Salon, um mich freier bewegen z« - können. Mein Vater und Georg standen da, schon in lebhaftem Gespräch. „Sind die Wagen schon da?" „Ja, gewiß . . ." „Und das Heiraths-Document — ich habe den Trauring. — „Oh, mein Gott, wo ist mein Beichtschein? — Ah, ich habe ihn i» z Wagen gelassen u. s. w." Wir stiegen in den Wagen; ich merkte, daß alle Welt mich anblickte, und sah um den Wagenschlaz Gruppen von Neugierigen. Was ich empfand, kann ich nicht beschreiben, es war köstlich. ^ Der Eintritt in die Kirche, wird mir unvergeßlich bleiben. Wir verweilten einen Augenblick unter dem rothen Teppich. Die große Orgel spielte einen Triumphmarsch, tausend lächelnde Gesichter sahen sich nach mir um und im Hintergründe des Schiffes standen zwei vergoldete Fautcuils, auf die wir uns vor Gott niedersetzen sollten. Meine Freunde, meine Eltern, meine Feinde und meine Bekannten, Alle grüßten uns mit freundlichem Nicken und ich sah — denn man sieht Alles in diesen feierlichen Tagen — daß man mich nicht übel fand. Angekommen an meinem Fautcuil, verbeugte ich mich und machte mein Kreuz. — Die Orgel verstummte mit ihren Triumph-Gesängen und ich hörte zur Seite meine arme Mutter Thränen vergießen. O, ich verstehe, was das Herz einer Mutter bei einer solchen Feierlichkeit empfinden muß! Die Geistlichkeit erschien in pomphaftem Aufzuge; ich blickte auf Georg, er schien verwirrt. Die Rede des Priesters war ein Meisterstück. Er sprach von unseren beiden Familien, „wo Glaube und Frömmigkeit erblich sind, wie die Ehre." Man hätte eine Fliege könne» summen hören, so horchte Alles mit Spannung auf die Stimme des Geistlichen. Einen Augenblick darauf wendete er sich gegen mich, und gab mir mit großer Zartheit zu verstehen, daß ich einen der ersten Offiziere der Armee hcirathe. — „Der Himmel," sagte er, „lächelt dem Krieger, welcher dem Dienste des Vaterlandes einen von Gott gesegneten Degen weihet, und welcher, sich in's Handgemenge stürzcud> sich die Hand auf's Herz legen und dem Feinde das Kriegsgeschrei entgcgenrufen kann: Zch glaube!" Welche Größe lag in dieser heiligen Beredsamkeit! Ein leiser Schauer durchrieselte die Versammlung. Aber das war noch nicht Alles. Der fromme Pfarrer wendete sich darauf an Georg und sagte mit einer ebenso sanften als begeisterten Stimme: „MVin Herr, Sie nehmen znr Lebensgefährtin ein junges Fräulein, fromm anfcr- zogen durch eine christliche Mutter, welche alle Tugenden des Herzens, alle Vorzüge des Geistes mit ihr getheilt hat." — Mama schluchzte. „Sie wird ihren Gatten zu lieben wissen, wie sie ihren Vater geliebt hat, diesen zärtlichen Vater, welcher von der Wiege an ihr die Gefühle des Edelsinns und der Selbstoerläugnung keimen ließ, welcher —" Papa lächelte unwillkürlich. — „Dieser Vater, besten Namen die Armen kennen, und welcher im Hause des Herrn seinen Platz auf der Bank der Auserwählten hat" — Papa ist Kirchenvorstcher — „und Sie, mein Herr, Sie werden, o ich weiß es gewiß! mit aller Reinheit, aller Aufrichtigkeit" — ich fühlte meine Augen feucht werden — „und ohne die vergänglichen Reize zu vergessen, werden Sie dem Himmel tausendmal für die viel kostbareren und dauerhafteren Eigenschaften danken, welche der Engel, den Gott Ihnen gibt, im Herzen und im Geiste birgt." Die hellen Thränen rollten mir über die Wangen; niemals hatte mir unsere heilige Religion größer, erhabener, überzeugender geschienen. Als der geistliche Herr diese letzten Worte aussprach, leuchtete ein Sonnenstrahl auf seinem ehrwürdigen Haupte: das war kein Mensch mehr, es schien mir, als wäre es Gott selbst, welcher durch seinen Mund sprach. O ihr Narren, die ihr euch von den Altären entfernt und nicht die Entzückung eines Herzens kennt, welches sich in Gott vertieft. Wir erhoben uns und standen einer vor dem andern wie das göttliche Ehepaar iu dem Gemälde Raphaels. Wir wechselten die Ringe und der geistliche Herr sprach mit gewichtiger Stimme lateinische Worte, deren Sinn ich nicht verstand, — die mich aber unendlich rührten, denn die weiße, feine, durchsichtige Hand des Prälaten schien mich zu segnen. Während dessen verbreitete das bläuliche Naüchgefäß in der Hand der Chor- Knaben einen frommen Wohlgcruch. Welch' ein Tag, großer Gott! Alles was nachher geschah, verwirrte sich in meinem Gedächtniß. Ich war geblendet, entzückt! Bald naheten sich mir eine Menge Leute, um mich zu beglückwünschen. Die Sa- 95 kristei war voll, man drängte sich um mich herum und ich antwortete auf alle Komplimente mit einem freundlichen Gruß. Ach, — ich hatte das Bewußtsein, daß sich etwas Feierliches vor Gott und Menschen vollzogen hatte, ich hatte das Bewußtsein, einen ewigen Bund geschlossen zu haben ... ich war verheirathct. Mir fiel der gestrige Akt auf dem Nathhausc ein. Ich verglich den Bürgermeister mit dem Herrn Pfarrer, die banalen Worte des ersteren mit der feurigen Beredsamkeit des verehrten Geistlichen. Welcher Unterschied. Hier der Himmel — dort die Erde, dort die platte Prosa eines Geschäftsmannes, hier die himmlische Poesie! (Der Phil Hellene Ludwig I.) Von Nom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu seinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellencnthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" Das „Kemptcner Tag- und Anzeigeblatt" brachte vor Kurzem folgendes originelle Inserat: „Zur Notiz! Ich Joseph Mayer, Seifenhändler anS Haldewang, stelle au die Herren Gastgeber im Bezirke Kempten das Ersuchen, mir, da ich mich vor starkem Trinken nicht zu > schützen weiß, ein volles Jahr, die Speisen ausgenommen, nicht mehr als eine Maaß, jedoch bei einer Uebernachthaltung IV- Maaß Bier zu verab eichen. Hiemit warne »ch zugleich, mir bei diesem eigenen Gebote bei Vermeidung gerichtlicher Belangung nicht üble Reden zu sagen, indem mir außer meinem starken Trinken nichts unrechtes nachgewiesen werden kann und ich übrigens den besten Leumund besitze. Nur um meine Haushaltung von diesem bösen Uebel zn befreien, habe ich mir selbst Vorstehendes zur Aufgabe gemacht, um niir Wege der Besserung zu suchen. Bemerke schließlich noch, daß ich Gegenwärtiges jederzeit ändern kann und werde es in diesem Falle durch das Tagblatt wieder veröffentlichen." (Ein Tiroler Faschingsschcrz.) Aus dem Oberland erzählt die „Volks- und Schützen-Ztg." nachstehendes Faschingsstückchen: Ein Wirth in** besitzt nicht blos einige Häuser nebst dazu gehörigen Grundstücken, oder wie man zu sagen pflegt, mehrere „Heimathe", sondern auch ein Paar staatlicher Waden, die er höher schätzt, als Haus und Hof. Geld und Gut, denkt sich vielleicht der Mann, kann jeder Narr besitzen, aber ein so prachtvolles Wirthsgcstell kau» selbst der Pfarrer von Cincinnati nicht ausweisen. Da gab es denn in dem Hause des erwähnten Wirthes schon manch' kühnes Messen der zwischen Knöchel und Knie gelegenen Gegenden, und manche Wette ging zu Gunsten des Wadenköuigs verloren. Vor Kurzem kehrte nun wieder ein wohlbestellter Mann unter jenem Wirthsschilde ein; das geistreiche Gespräch drehte sich bald uin die beiden Säulen des Herkules, und eine Wette, bei welcher der Wirth cjue Heimath aus's Spiel setzte, ward in Gegenwart zweier Zeugen eingegangen. Mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit wurden die in Frage stehenden Waden gemessen, das Urtheil fiel zn Ungunsten des Wirthes aus; die Heimath war verloren. Die verlorene Heimath wäre jedoch noch leicht zu verschmerzen, da der geschlagene Mann noch mehrere „Heimatheu" besitzt; aber die Person des Siegers macht das Unglück viel größer, als es erscheinen mag, denn der Ge- ^ winner der Wette ist ein — Schneider. 96 (Wer einem Andern eine Grube gräbt -c.) In einem deutschen Garnisonsstädtchen tzat sich vor einigen Tagen ein Vorfall zugetragen, welcher die Wahrheit des alten Sprüch- «ortes: „Wer Andern eine Grube trägt, fällt selbst hinein", wieder einmal und zwar in höchst ergötzlicher Weise bestätigt. Einem erst kürzlich in das betreffende Städtchen, dessen Name nichts zur Sache thut, versetzten Ossicier fiel es bei Jnspicirung des Festuugsrayons höchst mißliebig auf, daß die in demselben belegenen Rasenplätze vom Publikum zum Bleichen der Wäsche benutzt wurden. Er gab daher gemessene Ordre, daß hinfüro alle zu diesemBehufe ausgetheilten Erlaubnißscbeine zurückzuziehen seien. Nichtsdestoweniger fand der besagte Ossi- rier, als er einige Tage später mit seinen Mannschaften zum Exerciren ausrückte, den betreffenden Platz vollständig mit Wäsche aller Art bedeckt. Aufgebracht über diese der Disciplin Hohn sprechende s>>eo,e-i 1»>arontis. Gr kam und trat seinem verzweifelten Pater das Dach ein. (Kindliche Logik.) „Karlchen, weißt Du nicht, daß, wenn ein Kind immer garstige Gesichter schneidet, der liebe Gott sie ihm einmal stehen läßt." — „Nicht wahr, Tante, wie Du klein warst, ist Dir auch einmal das Gesicht stehen geblieben." Charade (?lus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer das Erste stets zu sein, Reich das Zweite zn besitzen. Hat des Glückes sich zu sreu'n, , Kann und wird auch vielfach nützen. — Sonderbar, daß allermeist . Jener, so das Ganze heißt, Nicht entfernt das Erste ist, Noch vom Zweiten überfließt. Auflösung der Charade in Nr. 10 „Achselträgcr." Drnck, Verlag und Redaktion deS literarischen Instituts von 0». M. Hnttler. Nr. L4. 5. April 1868, Sonntllll Gedenkt man, wie viele Menschen man gesehen, gekannt, nnd gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zu Muthe! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne nns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen. Goethe. Jer Hlocken Hrauersang über dem Grabe König Ludwig k. von Bayern. Ein Trancrlicd der Glocken Mund Singt um des Mittags zwölfte Stund', Ein Trauerlicd so ernst und bang, Wie's selten durch die Lüfte klang. Im ganzen weiten Bayerland, Vom Rhein bis an den Donaustrand, Auf Bcrgeshöh'n, im Thales Grund Ertönet laut die Traucrkund. Sagt an ihr Glocken all von Erz, Was euch so rührt das kalte Herz, Daß klagend laut der eh'rne Mund Euch überquillt zur zwölften Stund'? — Seht ihr nicht, wie der Lenz erwacht. Der Winter weicht nach langer Nacht? Fühlt ihr nicht lau die Lüfte weh'n In Thales Grund, auf Berges Höh'n? >— »Des Lenzes Lüfte lind und lau, „Wohl säuseln sie durch Feld nnd Au; „Wohl zieht der Lenz von Süden her „Mit seinen Vögeln über's Meer: — „Doch Bayerns Frühling ist vorbei, „Dahin, dahin sein schönster Mai: „Dahin ist ja der Sonne Glanz, „Die ihn erweckt' im Blüthcnkranz. „Zwar weilt der Frühling ewig nicht „Bei uns mit seinem Sonnenlicht; „Doch wie er geht, so kommt er auch „Gar bald zurück nach altem Brauch: — „Dein Ludwig aber, Bayerland! „Vom Himmel dir zum Heil gesandt, — „Er war! — Er kommt nicht mehr zurück! „Nicht labt dich huldreich .mehr Sein Blick! „Doch halt! — noch lebt ja für und für „Des Baycrlandcs schönste Zier „In tausend Herzen liebentflammt, „Die, Wiltclsbach sind angestammt; „In tausend Herzen brennt die Gluth, „Aus tausenh Wunden fließt das Blnt, „Die tief und klaffend schlug der Schmerz „Um ein gebroch'ncs Vatcrherz. — „Die Sterne droben ziehen auf „Am Himmel hoch nach ihrem Lauf, „Ein Pcrlcnschmuck der dunklen Nacht „Voll Herrlichkeit, voll Wnndcrpracht. „Und wie sie droben glänzend zieh'», „Im Meeresgrund sie wicdcrglüh'n: „Ein Schimmer dort, ein Schimmer hier, „Ein zwiefach funkelnd Stcrnrevicr. 106 „Doch kommt der Morgen hell und klar „Dann schwindet fort der Sterne Schaar; „Man weiß dann nicht, wer wohl zuvor „Zu sich beschick der Brüder-Chor: „Wie droben cin's erbleicht, zur Stund' „Ein Licht erlischt im Meeresgrund: — „Zuletzt ist nirgends eine Spur „Im Meer von ihnen, im Azur. Nicht also, Ludwig, zog Dein Glanz „Vorbei am Aug' des Bayerlands. „Nein, nein! Der Sonne glich Dein Licht, „Die, fern auch, durch das Dunkel bricht: „Denn wenn sie Abends geht zur Ruh', „Und Nacht nun deckt die Erde zu, „Dann sendet Licht sie vom Azur „In Mond und Sternen auf die Flur. „Dein Sonnenglanz hat's Land erfreut, „Hat es beglückt, hat es erneut. „Gebettet still in Grabes Grund „Du ruhest nun zur letzten Stund: — „Die Werke doch, die Deine Hand „Schuf überall im Bayerland, „Die Segenspenden, die sie trug „Allübcrallhin mild und klug. „Die Augen, die getrocknet hat „Die Rechte Dein durch Schutz und That, „Die Herzen denen Deine Mild' „Gleich Balsam stillt' die Schmerzen wild: — „Das, freu Dich! sind die Sterne traut, „Die zeugen von der Sonne laut, „Die ihnen in der tiefsten Nacht „Ein leuchtend Licht hat überbracht. „Drum wie aus Tempeln nah' und fern, „Bon Dir erbaut dem höchsten Herrn, „Sich schwinget, Weihrauchwolken gleich, „Gebet empor an Liebe reich; „So auch aus tausend Herzen schlicht „Der Bitte heißes Flehen bricht, „Zum Vaterhcrzeu, Vatcrsthron, „Daß herrlich werde Dir Dein Lohn. — „Wenn Morgens auf der grünen Au „Ein Blümchen steht benetzt von Thau: „„Ein Sternlein wohl, man weiß sich Rath, „„Die Thräne hier vergossen hat". „Du Sonnenblume voller Glanz, „Du Sonne Selbst des Vaterlands! „Aus wie viel Sternen mag der Quell „Der DankeS-Thränen brechen hell, „Aus wie viel Augen licht und klar „Sich schleichen still ein Thränenpaar, — „Als schönster Schmuck, als schönste Zier „Das stille Grab benetzen Dir? „Wie zahllos sind, die Du beglückt, „Die Du beschirmt, die Du erquickt, „So mögen's auch die Thränen sein, „Die Dir befeuchten Deinen Schrein. „Kein Wunder, traun! wenn schmerzerfüllt, „Von tiefstem Leid das Herz durchwühlt, „Ein ganzes Volk umsteht das Grab, „In das Du, Ludwig! stiegst hinab: — „Ein Vaterherz in Dir ja schlug, „Voll Liebe brach's im letzten Zug; „Ein Vat eräug' so mild, so klar „Ward Dir im letzten Blicke starr. „Doch, Heil dir! treues Bayerland, „Daß dieser Fürst die Ruhe fand „In deiner Mitte, deinem Schooß': „Dem Himmel Dank für dieses Loos! „Heil Dir auch, edles Königsherz I „Kein treuer Volk mit ticf'rem Schmerz' „Könnt' Deines Grabes haben Acht, „An Deinem Sarge halten Wacht. „Vergessen Dein, das kann es nicht, „Du hcimgegang'nes Sonnenlicht! „Die Wunde brennt, der Schmerz ist wild, „Zu tief gedrückt in's Herz Dein Bild. „Wenn längst verstummt ist unser Mund, „Dein treues Volk Dein Lob macht kund: — „So lange Sterne droben zich'n, „Die Herzen Dir in Lieb' erglüh'n." —> „Du aber, edler Königsgeist, „Des Volk's, das Du geliebt zumeist, „Gedenke betend; bet' für's Land „Am Rhein- und Main- und Donaustrand»! „Bet' innig warm, in Liebe fest: „Viel Wetter dräu'n von Ost und West, „Vom rauhen Nord, vom warmen Süd „Ein Wetterleuchten flammend glüht." >» 107 Pfeffer s Leiden. Aus dem Lagebuche eines jungen Arztes. Pfeffer hatte seine Studienjahre in angestrengter Thätigkeit verlebt; er war der Atzneikunde mit vollster Liebe ergeben und so eben aus dem Staats - Examen glänzend hervorgegangen. Somit hätte er also glücklich und zufrieden sein sollen. Aber ei» junger praktischer Arzt ist eines der unglückseligsten Wesen. Warum? Die Menschen wollen nur von erprobten Aerzten geheilt oder auch nicht geheilt werden, und bedenken selten, daß zur Erprobung auch Gelegenheit gehört. Mancher junge Arzt ist am Krankenbette weit aufmerksamer, bedachter, sorgsamer, als ein alter, der hin und wieder einen schlaffen Schlendrian für Gewandtheit der Erfahrung, und ein rasches Urtheil für Scharfblick gelten läßt. Da legt sich denn oft solch' ein junger Arzt, wenn er sich an alten und neuen medizinischen Zeitschriften müde gelesen hat — wobei er ängstlich auf jedes Geräusch aufhorcht, ob nicht etwa ein Hülfesuchendcr sich an seine Thür verirrt — endlich, nach langem, vergeblichem Harren in's Fenster, und unglücklicher Weise rennt ein Arzt nach dem andern geschäftig an demselben vorbei, fährt ein Wagen nach dem andern, i» welchem ehrwürdige Gebieter über Leben und Tod gravitätisch sitzen, eilig vorüber. Der arme Mann am Fenster denkt in dem Momente nicht an die glänzenden Einkünfte seiner Collegen, nicht an ihre bedeutende Stellung, als Leibärzte vornehmer Herren und Damen — er beneidet sie eigentlich nur um den kranken Taglöhner, zu dem sie eben miß» muthig die vier Treppen hinaufklettern, und denkt: Wie freudig würde ich zehn Mal des Tages zu dem Manne hinaufspringen, wenn er mich zu seinem Arzt auser- wählt hätte! So ging es unserem Pfeffer. Seit vier Wochen war er approbirt und vereidct, vier Wochen schon prangte an seiner Hausthür das weiße Porzellan - Schild mit den großen goldenen Worten: „Doctor Pfeffer, praktischer Arzt, Operateur und Geburtshelfer," daneben der glänzend polirte Klingelzug — und noch immer hatte kein Mensch von diesen einladenden Worten Notiz genommen, noch war dieser Klingelzug von keiner ängstlichen Hand zur Nachtzeit ergriffen und hastig gezogen worden. Die zehnte Abendstunde des neunundzwanzigsten Tages seiner ärztlichen Laufbahn, bei der er leider nichts zu laufen hatte, war vorüber, verdrießlich ging Pfeffer zu Bett und versuchte einzuschlafen. Es wollte ihm bei seiner aufgeregten Stimmung schwer gelingen. Endlich versank er in einen Halbschlummer — da — war's Wahrheit oder Täuschung? — Pfeffer dachte nicht so lange nach, als es Zeit braucht, diese Worte niederzuschreiben — er hatte klingeln gehört und war mit einem Sprunge aus dem B^tt und am Fenster. Aber er sah nichts und hörte nur aus der Ferne das höhnische Gelächter einiger Buben, die sich ein Späßchen daraus gemacht hatten, an der Klingel zu ziehen. Das Fenster ward wieder zugeschlagen, wobei eine Scheibe zersprang, die Luft zog frei durch die Lücke ein. Pfeffer ging, wie ein Philosoph, mit gemessenen Schritten zu Bette und stellte Betrachtungen an über getäuschte Hoffnungen. Wieder begann Morpheus einige Mohnkörner über ihn auszustreuen da — zog eS von Neuem an der Klingel. Diesmal erhob sich der junge Doctor langsam, wie es der Würde eines Arztes geziemte. Werde ich abermals gefoppt? dachte er stirnrunzelnd. Doch er stand auf. — Da klingelte es schon wieder. — Halt! ich will mich doch wenigstens nicht auslachen lassen! — Er drängte sich an den Fensterpfciler und schaute von der Seite, ohne von unten bemerkt werden zu können, durch die zerbrochene Scheibe. Da erblickte er einen Strohhut, der sich vvm Monde romantisch beleuchtet vor der Hausthür hin und her bewegte. Nun war das Fenster auch bald geöffnet. — „Bcrchrtester Herr Doctor!" — klang eine bittende Mädchenstimme von der Straße herauf — „nch- 108 men Sie es nur nicht übel, daß ich Sie so spät incommodire!" — „Keineswegs, mein ^ Fräulein! Soll ich mitkommen? Ich bin den Augenblick bei Ihnen!"-„Ach nein, vcrehrtester Herr Doctor, ich bin ja nur das Kammermädchen von der Frau Gräfin , hier aus dem Hause; ich habe mit meinem Geliebten, dem Kammerhusaren des Grafen Olszewski eine kleine Promenade im Mondscheine gemacht, und da haben wir uns etwas verspätet. Nun bin ich so frei gewesen, bei Ihnen zu klingeln, und wollte Sie bitten, ^ es ja nicht übel zu nehmen und mir den Hausschlüssel herunterzuwerfen, und ich werde Ihnen denselben morgen in aller Frühe mit dem schönsten Danke wieder zustellen. — Aber Sie sind doch nicht böse, verchrtcstcr Herr Doctor!" Der verehrteste Herr Doctor konnte vor Aerger kein Wort antworten, holte den Hausschlüssel herbei, warf ihn zum Fenster hinunter, daß er auf den Strohhut der nachtwandelnden Kammerzofe siel, schlug das Fenster wieder klirrend zu und sprang in's Bett. Jetzt schien es mit seinem Schlaf vorbei zu sein, er warf sich hin und her, dachte an alle seine lustigen Bekannten, dachte an die längsten Krankengeschichten in den neuesten medicinischen Journalen, doch nichts wollte wirken; endlich las er sogar den „Bayerischen Staatsbürger," der inzwischen für immerdar entschlafen ist, und schließlich noch die „Schwäbische Eilpost," welche dem Staatsbürger nacheilt, doch auch dies fruchtete nichts. Nun löschte er das Licht wieder aus und legte sich rcsignircnd auf sein Kopfkissen. Da — o ihr neckischen Geister der Nacht! — klingelte es wieder, aber ganz leise, wie von einer schüchternen, furchtsamen Hand. Gibt es noch mehr in Liebe und Mondschein schwärmende Kammerzofen hier im Hause? — war sein erster Gedanke. Sein zweiter: es läge doch wohl in der Möglichkeit, daß sich endlich das Geschick und ein Kranker seiner erbarmt hätten. Bevor er Zeit gewonnen, einen dritten zu fassen, war er aus dem Bette und am Fenster. „Was wünschen Sie?" — Wohnt nicht hier ein Doctor?" — „Zu dienen!" — „Erbarmen Sie sich und kommen Sie mit mir! Meine Mutter liegt in den heftigste« » Krämpfcn!" — Mitkommen — heftigste Krämpfe — diese Worte elektrisirten unsern Doctor. — „Bald, bald!" rief er, und wäre in einer Minute angekleidet gewesen, wenn das Sprichwort: „Eile mit Weile" nicht gar zu wahr und nicht die Hastigkeit die Mutter der Verwirrung wäre. So kam es, daß er erst den einen Stiefel, dann die Weste verkehrt anzog, und außerdem noch einige Kleinigkeiten an die unrechte Stelle brachte und endlich, als er nach dem Hut griff, in der Hast einen Todtenschädcl erfaßte, der ihn im fahle« Mondlicht grinsend anstierte. Aergerlich schleuderte er das Knochenhaupt von sich und lief ohne Bedeckung davon. Die Treppe flog er hinab, schon stand er an der Hausthür, schon hatte er die Klinge ergriffen und drückte, da fiel ihm erst ein, daß die Thür verschlossen und sein Schlüssel in den Händen der in Liebe und Mondschein schwärmenden Kammerzofe sei. Jetzt war es mit seiner Geduld Matthäi am letzten! O Schicksal! O Glücksund Unglücksnacht! — rief er und er hätte heulen mögen vor Wuth. Wie Simson au dem Pfosten des Philister-Gebäudes, rüttelte er an dem Schlosse der Thür, doch das eiserne Schloß knarrte nur und rührte sich nicht. „Kommen Sie bald, Herr Doctor? Haben Sie Erbarmen, eilen Sie!" jammerte draußen eine zarte Stimme, daß dem Doctor das Herz aufging in Mitgefühl, und immer knarrte und rasselte die Thüre und wollte nicht aufgehen. Nach langen vergeblichen Versuchen sah er endlich ein, daß mau nicht mit dem Kopf durch die Thür rennen kann, und entschloß sich, — da ihm nichts Anderes übrig blieb, — das Schlafgemach des von Liebe und Mondschein träumenden Kammermädchens aufzusuchen, um seinen Hausschlüssel wieder zu fordern. Das Haus, in welchem er wohnte, hatte drei Stockwerke, die sämmtlich bewohnt waren; in jedem Stockwerke befand sich eine Reihe von Thüren, von diesen sollte er nun 109 ^ die Einzelne herausfinden, hinter welcher die verwünschte Kammerzofe schlief, die er als eine böse Fee, als die Quelle all' seines Unheils betrachtete. Er stieg die Treppe hin- , auf; ging an der Wand herum, wie betäubt vor Aerger, und sing nun an der ersten Thür, auf die er stieß, erst leise, dann immer nachdrücklicher zu pochen an. Niemand ließ sich vernehmen. Er legte sein Ohr an's Schlüsselloch, Alles war still darin. End- ^ lich legte er die Hand auf die Klinge, sie gab nach, die Thür sprang auf, er blickte in'S Zimmer, da grinste ihn vom Fußboden, vom fahlen Mondschein beleuchtet, ein Todten- köpf entgegen! Alle! --Nein, das ist zu toll! Er Hatte in der Verwirrung fünf Minuten lang an seine eigene Stubenthür gepocht! Er ließ die Thür offen und tappte weiter. Endlich gelangte er an eine Thür, durch die ein vernehmbares Husten drang. Krankhafte Zustände haben für jeden Arzt eine besondere Anziehungskraft. So klopfte denn Pfeffer leise an die Thür. Ein Mops fing an zu bellen, ein Paar auS dem Schlummer aufgeschreckter Katzen zu miauen und ein gewaltiges Husten tönte grell dazwischen. „Wer klopft?", rief eine weibliche Stimme. Der Toctor stotterte in der größten Angst und Verlegenheit: „Schläft vielleicht i« diesem Zimmer das Kammermädchen der Frau Gräfin?" Von Neuem donnerte ein gewaltiges Husten durch das Zimmer und dazwischen ertönten die Worte: „Welche Unverschämtheit! Um diese Zeit nach der Dirne zu fragen! Zch werde sogleich meinen Kutscher wecken, damit er Ihm den Weg weise." Vergebens versuchte der Doctor dieses traurige Mißverständniß aufzuklären; er konnte den reißenden Strom der gräflichen Rede nicht hemmen. Da klapperten ein Paar Pantoffeln in der Nähe, und von der oberen Trepp« herunter stieg die von Liebe und Mondschein angehauchte Kammerzofe. Sie hatte dcu Lärm gehört und geglaubt, die gnädige Frau rufe nach ihr. „Ein Dieb! ein Dieb!" schrie das Mädchen, als sie den Doctor an der Thür ihrer ^ Herrin erblickte, und wollte fliehen. Der Doctor eilte ihr nach, aber das Mädchen schrie Zeter Mordio. Da ertönte vom Hofe empor eine derbe Baßstimme: „Was geht denn dort oben vor? — was ist das für ein Spektakel?" „Johann, kommt herauf!" schrie die Gnädige aus der Stube. — „Er packt mich!" jammerte das Kammermädchen. — Der Doctor rang mit Angst und Wuth. „So hören Sie mich doch an!" rief er zähneknirschend; doch das Mädchen schrie nur und wollte nicht hören. Jetzt ertönten feste Männertritte auf der Treppe, und um nicht schließlich noch unter die Fäuste eines Kutschers zu gerathen, ließ er die Zofe los und eilte nach seinem Zimmer. Der Kutscher kam herauf. „Was ist denn hier los?" ,;Ach!" schrie das Kammermädchen, „er hat mich gepackt!" — „Er wollte ja aber zu Dir, freche Dirne!" schrie die Gnädige hinaus. „Aber wer denn?" fragte der Kutscher, „es ist ja Niemand hier." „Wie? Er ist fort? — Mein Gott, am Ende war's ein Geist!" — Ach, der Geist des selige» Tapezicrs-Gesellen, der vor Gram gestorben sein soll, weil ich ihm einen Korb gab. Ach! nun verfolgt er mich." Jetzt trat der Doctor mit Licht aus seiner Thüre. Da er wohl einsah, daß es bei der tragi-komischen Wendung der Dinge das Beste wäre, den Schein anzunehmen, als wüßte er nichts von dem Vorgänge, so stellte er sich selbst verwundert, forderte aber sogleich den Schlüssel von dem Gespenster sehenden Kammermädchen, indem er den Zufall pries, der sie ihm enlgegenführtcj da er zu einer Kranken aus dem Hause müßte. „Den Schlüssel," sagte das Mädchen, „habe ich Ihnen, Herr Doctor, mit Dank auf Ihre Thürschwelle gelegt, weit ich mir wohl dachte, daß Sie ihn in der Nacht noch brauchen könnten." Der Doctor griff nach der Schwelle, hob von da den Hausschlüssel ohne Dank auf. 110 Hiß die Zähne zusammen, warf einen seltsamen Blick auf die Zofe und — flog die Treppe hinunter. Hastig schloß und riß er die Hausthür auf; — es stand Niemand mehr da. Er blickte um sich und sah eben einen in seiner Nähe wohnenden Collegen mit einem Mädchen rasch vorübcreilen und hört dabei noch die Worte des Mädchens: „Ich habe mich da drüben an der Thüre des Doctors, der mich hartherzig warten ließ und endlich gar nicht kam, so lange aufgehalten —'was wird meine arme Mutter machen?" Sehr, sehr langsam stieg der Doctor die Treppe hinauf und Wochen vergingen, ehe er den Gruß der Zofe erwiederte, die niemals ahnte, wie schweres Leid sie ihm angethan! — Cardillae, der Goldschmied von Paris. Nach dem Französischen. Im Herbste des Jahres 1680 ereigneten sich in Paris sonderbare Thatsachen. Im Quartier de l'Arsenal, in der Gegend des Hotels St. Paul und der Nur Petit-Musc, wurden wiederholt junge Männer, Söhne reicher Bürger, ermordet aufgefunden. Die Wunden, die man an ihnen vorfand, waren immer derselben Art; eS mußte gut gezielt worden sein, denn jede war töbtlich und mit einem Dolche in der Nähe des Herzens beigebracht. Die gesummte Polizei von Paris wurde aufgeboten. Man suchte und lauerte, konnte aber nicht dem ersten Buchstaben dieses gchcimnißvollen Räthsels auf die Spur kommen. Ein bizarrer Umstand begleitete jeden dieser Morde, die in dem abgelegenen Theile von Paris stattfanden. Es hatte den Anschein, daß die Mörder nur Jene auf's Korn nahmen, welche Schmuck trugen. Und daß die Pariser zu allen Zeiten Liebhaber von Schmuckgegenständen waren, beweist Mercier in seinem „Tableau de Paris" durch folgende Anspielung: „Man hat Tabatieren für jede Jahreszeit, die für den Wintergebrauch ist schwer, die für den Sommer ist leicht. Man hat die Passion so weit getrieben, daß man die Dosen alle Tage wechselte, und daß man nach der Tabatiere den Geschmack des Mannes beurtheilte. Man brauchte, um als Mann von Geschmack und Geist zu gelten, weder eine Bibliothek, noch eine Gemälde-Sammlung zu besitzen, wenn man nur 300 Dosen und eben so viel Ringe hatte. Der Handel mit Bijouterien war ein enormer, denn es war damals Modesache, -recht viel Geschmeide einzukaufen. Bei manchen Privaten fand man ein förmliches Magazin von Juwelen, so daß man sich in ein Goldschmiedgewölbe versetzt glaubte. — Darin lag der Stolz und die Eitelkeit der Reichen. Männer von diesem Kaliber waren es nun, welche im Quartier de l'Arscnal ermordet vorgefunden wurden. Und da diese von den Mördern immer ausgeraubt wurden, so kann man wohl denken, daß es damals eine große Gefahr war, Schmuck öffentlich zur Schau zu tragen. Zu jener Zeit lebte in dem genannten Quartier ein Juwelier, Namens Cardillae, der einen weitverbreiteten Ruf besaß. Niemand wußte mit mehr Geschmack einen Diamanten, einen Smaragd, oder einen Rubin zu fasten. Rens Cardillae, der für sein Handwerk fanatisch schwärmte, war ein Mann von strenger, ernster Erscheinung. Er war breitschulterig und außerordentlich muskulös gebaut, und besaß in seinem fünfzigsten Lebensjahre noch die volle Frische der Jugend. Sein volles, rothes und gelocktes Haar, sein ausdrucksvolles, markiges Gesicht, charakterisierten den Mann vollends. Er war von seinem Metier so eingenommen, daß er zu sterben glaubte, wenn er -sich von einem Edelsteine trennen mußte. N1 Wir sagten, daß seine Schmucksachen in Paris ein großes Rennomse besaßen, und daß man ein Geschenk nur dann als vollendet und besonders wcrthvoll betrachtete, wenn rS von Cardillac gekauft war. Und sonderbarer Weise wurden bloß jene Leute von den Mördern angegriffen, welche seine Schmuckwaaren trugen. Der Polizei-Lieutenant von Paris, d'Argenson, war über diese nächtlichen Attentate außer sich. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, um auf die Spur zu kommen, und beorderte schließlich einen der geschicktesten Agenten jener Zeit, Namen Degrais, auf die Lauer. Aber Degrais stattete einen merkwürdigen Bericht ab. — Er hatte gelauert und den Mörder in dem Augenblicke überrascht, als er über das ermordete Opfer herfiel, um ihn zu berauben. Schon glaubte der Polizist den Mörder erfaßt zu haben, aber dieser entwand sich wie ein Aal den Händen des Agenten und verschwand rasch wie ein Blitz zwischen den Mauern einer Ruine, die sich in jener öden Gegend befand. Degrais galt für den wüthigsten und listigsten Agenten, gleichwohl wagte er nicht, dem Mörder zu folgen, er meinte, der Teufel in Person habe sich zum Chef jener Brigantenbande gemacht. Und seitdem wagten selbst die Häscher nicht die Nachtrondc zu machen, bevor sie sich nicht mit Weihwasser besprengt hatten, obschon sie überdies sämmtlich geweihte Amulette trugen. Wer war aber wirklich der Urheber aller dieser Morde? — Es war, wie man nachträglich erfuhr, keine Bande — sondern eine einzige Person. ES war Rens Cardillac, der Juwelier, der seine Käufer ermordete, um zu den Juwelen wieder zu gelangen, die er ihnen früher verkauft hatte. Ich weiß nicht, wer einmal den Spruch gethan, daß Edelsteine auf gewisse Naturen einen so dämonischen Zauber ausüben, wie Faust's Schmuckkästchen auf Gretchcn. Es schien dies wenigstens bei Cardillac der Fall gewesen zu sein. Cardillac hatte in seiner Wohnung eine antike Statue des heiligen Paul. Mittelst eines eigenen Mechanismus drehte sich diese Statue von selbst und eröffnete hiedurch eine Passage in einen unterirdischen Gang, der in einem verfallenen Gemäuer endete. Hier zwischen den Ruinen wartete Cardillac auf die Opfer, die er überfiel,' ermordete und beraubte. Sobald nun die Wache in Sicht kam, die den Mörder schon erwischt zu haben glaubte, verschwand dieser im Gemäuer durch eine, geheime Oeffnung und kehrte auf diese Weise durch den unterirdischen Gang wieder in seine Wohnung zurück, ohne daß auch nur die Nachbarn eine Ahnung von der Abwesenheit Cardillac's gehabt hätten. Ob vorstehende Erzählung wahr sei, kann freilich nicht verbürgt werden, da sie in den Annalen von Paris nirgends zu lesen ist. Aber die hundert Vorstellungen im Ambigu-Theater, in welchem Lemaitre die Rolle des Mörders Cardillac's spielt, haben diesem Manne eine solche Popularität in Paris verschafft, daß es Leute gibt, die noch gegenwärtig an der Ecke der Nue dc la Cerisaie den Punkt bezeichnen zu können glauben, durch welchen der Mörder in den geheimen Schlupfwinkel entschlüpft war. (Glück im Spiele -— und Verderben im Leben.) Der Bahnwächter auf einer kleinen Eisenbahnstation im Vcnetianischen hatte das „Glück," in der ersten heurigen Ziehung der Zahlcnlotteric in Venedig einen Tcrno mit 1500 Lire (zu 40 Saldi) zu gewinnen. Freudig erhob der stets gutmüthige, in den bescheidensten Verhältnissen lebende Mann den Gewinnst, diese unverhoffte Neujahrsbeschcerung, und kehrte, nach einem Schluck guten Weines, am Abende heim. In seinem Wächtcrhause zündete er zu allererst ein tüchtiges Kaminfeuer an und breitete dann die Banknoten auf dem Tische aus, um sie nochmals zu zählen. Sein dreijähriges Söhnchen guckte ihm dabei neugierig zu. Plötzlich ertönt das Signal eines herannahenden LastenzugcS, der pflichttreue Wächter vegab 112 sich allsogleich auf seinen Posten, von dem er erst nach Vorüberfahrcn des Trains zurückkehrte. Welcher Schreck aber ergriff ihn bei dem Anblicke, der sich ihm nun bot! Sein Söhnchen stand am Kamine und unterhielt sich damit, die Banknoten in's Feuer zu werfen, so daß die Flamme hoch aufloderte. Das Kind wußte ja nicht, was eS that. Das bedachte jedoch in der ersten Zornes- und Schmerzesaufwallung der unglückliche Vater nicht — einem Rasenden gleich faßte er das schreiende Knäblein und schleuderte es mit solcher Wucht gegen den Boden, daß es sofort mit zerschmetterter Hirnschale den Geist aushauchte. Auf das Schreien und den Lärm eilte die Mutter, ihr jüngstes Kind im Arme, herein, sah die Schauderscene und sank wie leblos zur Erde nieder — hiebet entsank ihr der Säugling, fiel und verschied sofort in Folge einer heftigen Gehirn- Erschütterung. Verzweifelnd rannte der Mann in die Nacht hinaus zur nächsten Stadt und stellte sich selbst, als dreifachen Mörder, dem Gerichte, denn er hielt auch seine Gattin für todt. Ohne Zögern verfügte sich eine Commission nach dem Bahnwärterhäuschen — ihr schloß sich ein zufällig auf der Durchreise befindlicher deutscher Arzt an. Man fand das Weib des Bahnwächtcrs ohnmächtig, doch den Bemühungen des menschenfreundlichen Arztes gelang es, sie wieder in's Leben zu rufen. Ob der Aermsten damit eine Wohlthat geschehen, das weiß nur Gott — sie steht jetzt allein in der weiten Welt, ihre Kinder sind todt und ihr Mann, deren unzurechnungsfähiger Mörder, ist wahnsinnig geworden. Der Bahnwächter befindet sich nun in der Irrenanstalt, die verlassene Frau aber hat durch die humane Fürsorge des obenerwähnten Doctors wenigstens in einem benachbarten Orte zeitweilig Unterkunft und Pflege gefunden. — Der Italiener pflegt einem Feinde zu sagen: „Ich wallte, daß Du einen Ambo gewännest" — nämlich, dann würde die gesteigerte Spiclwnth Dich verleiten. Dein Geld zu verlieren — dem unglückseligen Bahnwächtcr aber hat selbst das seltene Glück eines Tcrno zum Verderben gereicht. Bleibt darum nicht immer der beste Wahlsprnch: „Bete und arbeite!?" (Der samintenc Oberpalier.) In den dreißiger Jahren herrschte in München das regste Leben in der Kunstwelt. Wohin man auch kam, überall wurde gehämmert, gepinselt, gebaut; jener Franzose hatte so Unrecht nicht mir der Aeußerung: „München habe zweierlei Einwohner, solche, die bauen, und solche, die zusehen." König Ludwig war früh und spät auf den Bauplätzen, um sich von dem Fortgange der Arbeiten zu überzeugen; er trug mit Vorliebe einen schwarzen Sammtrock. Die Maurer, deren es Tausende in der Hauptstadt gab, nannten ihn unter sich nur den „snmmtcncn Oberpalier." Die Pläne von allen Neubauten in München, auch die von Privaten, mußten ihm vorgelegt werden; mitunter corrigirtc er auch hinein, wie er denn ein Mal eine schöne Zeichnung von Gärtner, die Fatzade des Staatsbibliothek-Gebäudes, mit Bleististstrichen total ruinirtc, und dcni Architekten, als der König ihm seine Ausstellungen daran andeutete, bei dem Anblick seiner Arbeit Thränen in die Augen kamen. Der König, der keinen Widerspruch duldete und seines Obcrbanraths Aergcr gar wohl bemerkte, schnitt diesem, als er seine Motive vertreten wollte, gleich das Wore ab: „Lieber Gärtner, Sie haben den Katarrh, da ist das viele Reden beschwerlich." Was der König angab, mußte nach seinen Intentionen ausgeführt werden, selbst, als Professor Wiedemann die Neitcrstatuc, welche auf dem OdconSplatze steht, modcllirte, nahm er dessen Geduld durch Aenderungen nicht wenig in Anspruch König Ludwig war ein schlechter Reiter, daher der Volkswitz sagte: die beiden Pagen vorn am Pferde seien gemacht worden, damit der König sicher sei vor dem Fallen. Eine dankbare Schülerin schrieb in das Stammbuch ihrers Lehrers, der Schade hieß: „durch Schade'» wird man klug!" Druck, Derloa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler. Nr. 15 . 12. April 1868. Augsburgee Hoffen ist in Rücksicht der Standhaftigkeit gefährlicher, als man wohl denkt. Nicht nur nimmt sich die Hoffnung den weitesten Spielraum heraus, und will das Oceau-Beckcn der Zeit gern als Triukschale der Stunde an die Lippsn setzen; sondern auch durch ihre Süßlichkeit entkräftet sie zu scharfem Widerstände, und erschwert das entscheidende Verzicht- leisten. Wollt ihr doch Hoffnungen haben: gut, so haltet sie für frohe Träume! Jean Paul. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. I. Das Kreuz am See. Ein lang gezogener kräftiger Ruf hallte durch den heißen Sommcrnachmittag, dessecr tiefblauer sonniger Himmel sich in dem dunklen See so tief und vertieft abspiegelte, als wäre es ihm selbst ein wohliges Gefühl, mit seiner Schwüle unterzutauchen in dem kühlen regungslosen Gewässer. Der See — damals noch namenlos — ist jetzt der Königssee geheißen und mit Recht, denn er ist das Kronjuwcl in dem Fclscndiademe der Alpen. Der Ruf kam in der Richtung vom Tcufelshorn her, wo jetzt durch Tannenwald und Steingctrümmer der Landthalerbach sich herunterstürzt zu der einsamen Fischunkel- Alm: die rothgraue riesige Sagcrcckerwand gegenüber gab »niederhaltend den Ruf zurück — sonst war es still und. lautlos: nur ein Seeadler, vielleicht in seinem Horst aufgestört, strich mit langsam mächtigen Flügelschlägen über die Schrofen und Berggrate hin, der Watzmannschartc zu. Der den Ruf ausgestoßen, mochte aber eine Antwort erwartet haben und wiederholte ihn deßhalb, stärker und nachyallendcr als zuvor; zugleich ward am Saume der Waldregion ein Mann sichtbar, der unter den Bäumen hervortrat, dann auf dem schmalen Rasenstreifen über der Felswand stehen blieb, und einen scharf prüfenden Blick über die Höhen hin und in die Thaltiefen hinunter streifen ließ, als gelte es, die verlorene Spur einer entflohenen Beute »nieder zu entdecken. Daß er eben vom Waidwerke kam, war an dem Wurfspieß zu erkennen, dessen eingerifsene Eisenspitze hoch über die ansehnliche Gestalt des Mannes hinausragte, nicht minder an dem starken Bogen, der gurr über den Rücken geworfen war, während voin Gürtel des grobfaltigen Lodenwammses ein hölzerner Köcher niederhing, mit einem Stück rauher Thicrhaut überspannt und mit kurzen Fcderpfeilen besteckt. Dennoch schien es wieder nicht eine Jagdbeute zu sein, wornach der Mann ausblickte, denn über die Schulter lag ihm ein noch blutender, also frisch erlegter Stein- bock, dessen mächtiges Gehörne hoch über der Ledcrkappe dcS Jägers emporsah, daß eS schier dazu zu gehören schien, als Wehr und sonderbare Zier. Unter der von einem Eisenrande eingefaßten Haube fielen lange Strahlen schlichten Haares über Nacken und 114 Schultern herab, aber gebleicht und stark von den Jahren gelichtet. Dem hicnach mutmaßlichen hohen Alter des Mannes widersprach aber wieder die rasche Behendigkeit, mit welcher er nach kurzer vergeblicher Umschau, trotz der beträchtlichen Last auf seinen Schultern den steilen Felsweg hcrniedcrsticg, der eher einem durch Bcrgwasser und Gewittergüsse eingerissencn und ausgespülten Rinnsale glich als einem wirklichen gebahnten Pfade. Mit hoch gehaltenem Nacken und straffen Kniekehlen kam er von Absatz zu Absatz herunter und schien es weder zu fühlen noch zu beachten, wenn sein Fuß auf dem lockern Gerölle ausglitt oder das scharfe Gestein die groben Schuhe schürfte, welche aus starkem Leder kunstlos geschnitten und mit groben Riemen um Sohlen, Fcrscu und Knöchel festgebunden waren. Es war nicht, als ob er von seinem Tagwerke heinikchrc, sondern als hätte er, dasselbe rüstig zu beginnen, eben den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt. Die Schnelligkeit deS Steigens hinderte aber nicht, daß er manchmal einen Blick in die Thalenge und auf den Secspiegcl hinunter schickte, ob nicht auf demselben, da sonst alles ruhig blieb, ein Fahrzeug sichtbar werden wollte. Die Wasserfläche war weit hinaus zu übersehen, denn damals hatte noch kein Felsdamm den jetzigen Oberste von dem Hauptgcwässtr getrennt und das Auge glitt ungehindert auf der Flut dahin bis an das anmuthige grünberaste Fleckchen Ebene, welches am Fuße des Watzmann sich wie ein freundliches Eiland ausbreitet, während ihm gegenüber die Seewand sich als Bollwerk vordrängt, als wolle sie dem Ankommenden wehren, in das untere langgestreckte Seebecken zu gelangen, das dahinter in seiner ganzen.furchtbaren Herrlichkeit sich auflhut. Einigemale hielt der Waidmann in seiner Näherung an, denn ohne durch seinen Ruf veranlaßt zu sein, zog manchmal ein eigenthümliches Getöse durch die Luft, das sich bald wie das dumpfe Rollen sich reibender Massen anhörte, bald wie das tropfenartige Gericsel abbröckelnden Gesteins. Der Jäger blickte staunend über sich im Luflkrcise herum ^ dann sah er zum Boden nieder und prüfte, ob allenfalls sein Tritt das Geröll gelockert habe und in die Tiefe poltern machte. Dann richtete sich sein Auge wieder nach oben und blieb an dem gegenüberliegenden Berge hangen, dessen riesige Spitze so hoch über alle andern Zacken und Höhen'um ihn her emporragte, daß selbst das Fclscnhaupt des furchtbaren Watzmann davor wie gebeugt und niedrig erschien. Die Spitze war wunderlich gestaltet und lief zuletzt aus allerlei Zacken in ein ungeheures Horn zusammen, dessen Schneide, nach vorne übcrgebeugt, weit in die Luft hinein ragte und so, getragen von der einwärts gekrümmten, fast höhlenartigen Wand, einen grauenhaften Ueber- hang bildete. „Der Kaunstcin," sagte der Jäger vor sich hin, „hat wieder einmal seinen bösen Tag! Die Kobolde und Schwarz-Elfen mögen wieder ihr Wesen treiben!" Dabei hob rr die rechte Hand in die Höhe, daß sie geschlossen erschien und nur der Zeigefinger und der kleine Finger ausgestreckt waren. So hielt er die Hand gegen die unheimliche Bergwand hin und murmelte: „Zurück von mir ... ich weise den Zauber ab — alles Neidingswerk falle auf Euch selber zurück!" Gelassen und wie beruhigt setzte er dann seinen Weg fort. Sein Herannahen wie sein Rufen waren indessen nicht so unbeachtet geblieben, als es den Anschein hatte. In der Ebene, wo der Landthalerbach sich in den See ergießt, war das Gestade nicht felsig und fest, wie jetzt, sondern zog sich in langen Streifen von Schilf und Geröhricht bis gegen den ansteigenden Rasen und den Tanncnforst der Fischunkel hin. Das Wasser stand seicht und in sehr langsam zunehmender Tiefe über dem weichen schlammigen Grunde, aus welchem dichte Rohrstcngel mit ihren schwarzbraunen Rohrkolben sich erhoben und im Winde schaukelnd die starren Blätter an einander rauschen ließen. Dazwischen stieg die schmucke Scefeder empor und schwenkte träumerisch den grauen Bart. In dem Geröhricht lag ein großer Nachen, der in seiner roh bchaucnen Gestalt noch voll- 115 kommen erkennen ließ, daß er vor nicht langer Zeit nichts Anderes gewesen, als ein riesiger Eichbaum, dessen Stamm nur etwas zugerundet, unten abgeplattet und oben ausgehöhlt worden war, um als unscheinbares aber tüchtiges Fahrzeug zu dienen. An dem Nachen war ein junger Mann in voller Thätigkeit und bemühte sich, denselben vom Gestade, auf das er theilweise herausgezogen war, loszumachen und in's Wasser zu bringen. Er war in einfaches grob Harnes Wamms gekleidet, an dessen Gürtel ein starkes Messer steckte, dem ein GemShorn zum Griffe diente. Die Beinkleider, wie das Gewand, von Haften und Fibeln zusammen gehalten, reichten nur wenig über die Kniee herab; die Füße waren bloß aus festgebundenen Sandalen bedeckt, auf dem Scheitel saß ein breitrandiger Hut aus Wcidengeflccht, auf den kräftigen sonnenbraunen Nacken siel daraus das reiche dunkle Haar in kunstlosen Locken herab. Bogen, Köcher und Wurfspieß, welche im Kahne lagen, ließen erkennen, daß der Jüngling ebenfalls aus's Waidwerk ausgezogen war und die Aehnlichkcit der Gcsichtszüge wie der ganzen Haltung verrieth, daß er m dem alten Jäger gehörte und daß er es war, dem dessen suchender Zuruf gegolten. Trotz allen Eifers und aller Mühe, womit der Jüngling die kräftigen Arme an das Fahrzeug stemmte, wollte dasselbe nicht von der Stelle weichen: es schien wie verwachsen mit dem lehmigen Boden, und erst als er in den nahen Wald gesprungen, und dort ein dürres Tannenstämmchen abgebrochen hatte, um es als Hcbelstange unter den Nachen zu setzen, gelang eS ihm mit angestemmtem Rücken ihn in die Flut zu schieben, daß die Wellen aufschwankten und das Geröhricht rauschte. Darüber war viele Zeit verloren gegangen und ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm, daß es unmöglich war, noch vor der Ankunft des Alten den hohen See zu erreichen, denn das Stcinbock- Gehörne ward schon in nächster Nähe über dem letzten Felscnvorsprung des Bergpfades sichtbar. Mit einer Bewegung, in welcher die Hast des Unmuths nicht zu verkennen war, ergriff er Bogen und Köcher, die schon im Nachen gelegen, und warf sie in das Ufer- graS zurück; dann setzte er sich auf den Rand des Schiffs und zog ein aus groben Bastfüden geflochtenes Fischernetz daraus hervor, dessen hie und da losgegangene Enden er so sorgfältig zusammenknüpfte, als habe er seit geraumer Zeit nichts Anderes gethan, und sei fo vertieft darin, daß er den Alten nicht gewahr geworden, auch als derselbe schon beinahe hinter ihm gestanden. „Bist Du auf eine Taubwurzel getreten," rief ihn dieser jetzt rauhen Tones an, „oder ist meine Stimme so matt geworden, daß man sie nicht mehr vernimmt? Was lässest Du mich rufen, Markulf, und antwortest nicht?" Der Jüngling hatte sich zu ihm gewendet als sei er von seiner Ankunft überrascht, aber er kam mit der Verstellung so schlecht zu Stande, daß sie auch einem minder scharfen Blicke durchdringbar gewesen wäre, als den der alte Jäger unter den grauen Augenbraucnbnscheln hervor auf ihn richtete. Er kehrte sich ab, um auszuweichen und breitete das Netz auf dem Schiffboden zurecht. „Ich habe mancherlei Laut gehört, Vater," sagte er, „aber ich habe Deinen Ruf d'runter nicht erkannt ... es regt sich allerlei, wenn man in der Einsamkeit sitzt zwischen Berg und See und im Kaunstein hat es auch wieder gerollt und gedröhnt, als wenn im Winter das Eis und die Kälte einen Eichstamm sprengen, daß er krachend auseinander berstet!" „Was schwatzest Du mir für Mährlein vor?" rief der Alte, indem er den Steinbock von den Schultern schwang und in den Nachen warf, daß derselbe tiefer tauchend schwankte, und ringsum das Wasser emporspritzte. „Siehst Du nicht, wie hoch der Schatten schon am Watzmann hinauf kriecht? Es geht gegen Abend und Du mußtest wissen, daß ich nun bald heimkehren würde . . . Was hattest Du's dann so eilig, den Kahn in den See zu bringen und fortzurudern, eh' ich eingetroffen? Meintest wohl, ich würde zum erstenmal im Lebcu von der Jagd mit leeren Händen heimkommen oder meine Schultern seien stark genug, einen Steinbock noch über ein paar Jöcher mehr zu tragen? — Steig' iu den Nachen," fuhr er fort, als Markulf nichts cutgegncte, „und 116 rudere nach Hause. Sorge, daß das Thier noch ausgeweidet wird, und spanne das Wildfcll über die Querhölzer, es ist dicht und soll eine gute Decke abgeben, denk' ich... Zuvor aber halte im untern See an, wirf das Netz aus und siehe, daß Du eine Anzahl schöner Salmlinge sängst. Wo der Bach durch die Kesselschlucht herunter kommt, haben die größten und schönsten ihren Stand, sie geh'n dem frischen Quellwasser zu und die Leber des Stcinbocks ist ein Köder, der ihnen weidlich gefällt ..." „Wozu, Vater?" sagte Markulf. „Der Fischkasten daheim ist gefüllt auf lange Zeit — ich habe erst vor wenigen Tagen nachgesch'n ..." „Falle mir nicht in's Wort, Knabe," unterbrach ihn der Alte streng, „die Fische sind zum Gastgeschenk bestimmt für einen gar edlen und vornehmen Mann, dem ich das Beste vermeine; darum thue ohne Widerrede, was ich Dir sage — ich will den Berg- weg einschlagen, über den Watzmann hin und einem Bären nachstreben, den ich vor ein paar Tagen aufgespürt habe — „Der Weg übcr's Joch ist mühselig und weit," entgegnete der Sohn, „Du wirst müde sein, Vater. . . Das Fischen ist leichtere Arbeit, nimm Du sie Vater, und laß' den Bären mir ..." „Den Bären?" antwortete lachend der Alte. „Als ob ich nicht wüßte, um was rs Dir bei diesem Tausche zu thun wäre! Die Seefahrt ist es, die Dir nicht behagt... trotz seiner Weite und Mühseligkeit zögest Du den Landweg vor, weil er über die grüne Weide führt — dort drüben am Fuße d^s Watzmann, wo die Almend-Hütte steht und die schwarze Walchendirne als Sennin haust! Die ist es, die Dich auf den Landweg lockt, aber eben darum sollst Du nicht hin, sondern sollst daran vorüber fahren und auf meine Salmen denken!" „Es soll geschehen, wie Du es willst, Vater . . sagte der Sohn, um Vieles gefaßter. „Wär' es aber auch, wie Du sagst, ich fände kein Unrecht darin ... die Maid ist wacker und wohl berufen ..." „Aber eine Fremde." eiferte der Alte, „eine Tochter der weibischen Nomslinge, die im Lande zurückgeblieben sind und sich drüben in der Roms-Au eingenistet haben! Der alte Chricmbert ist ein freier Barschalk, der als eigener Herr auf seinem Gehöft in der Schönau haust und Niemand über sich hat als den Herzog! Ich will nichts wissen von diesem Walchenvolk! Mein Sohn soll nicht verkehren mit den balbfrcicn Leuten, die nur aus Gunst und Gnade auf ihren verliehenen Hufen sitzen ..." Ueber Markulf's Angesicht flog dunkle Nöthe, aber er war in den Kahn gestiegen und beugte sich, sie zu verbergen, auf die weidcngeflochtcncn Ringe nieder, in welche die Nudcr eingesteckt waren . . . Plötzlich aber sprang er auf, griff nach seinem Geschoß, und hatte im Augenblick den Bogen gespannt und den Pfeil aufgelegt — in geringer Entfernung war es aus dem Gcröhricht emporgerauscht, und ein Paar wilde Schwäne zogen mit wciß-schimmerndem Gefieder über den See gegen die grüne Weide hin: allein so schnell Markulf sich zum Zielen und Losschnellen der Sehne erhoben, ebenso rasch war der Alte hinzuspringend ihm in den Arm gefallen und hatte ihn znrückgcrisscn, daß der abgeschossene Pfeil in ganz anderer Richtung in die Höhe stieg und dann gerade abfallend im Wasser des Sees versank. „Hat Dich der Tollwnrm gestochen?" rief der Alte unwillig, „daß Du nach einem Schwane zielst? Weißt Du nicht, daß er ein heiliges Thier ist? Daß es die Walkhren sind und die Wind- und Wasser-Frauen, die in dieser Gestalt an den See kommen, um sich zu baden?" „Ich weiß wohl, Vater," sagte Markulf, „aber Du vergißest, daß die alten Götter nicht mehr sind. Es gibt keine Walkhren mehr Und keine Schwanen-Jungfrauen . . . der Christcnbischof draußen in der alten Nömcrstadt hat sie alle zu Teufeln gemacht und hat sie gebannt, daß sie uns nichts mehr zu Leide thun können!" „Waö kümmert mich der Bischof und sein Bann?" erwiderte Marknlf. „Er ist nicht bei mir, wenn ich einsam mich herumschlage mit dem Gcbirg und den Geistern, 117 die in seinen Schrecken Hansen! Er sollte einmal mitgehen und einen Sturm ansehen auf dem Funtensee oder ein Gewitter über dem steinernen Meer, und er sollte wohl lernen, an die Walkyren glauben!" „Aber es ist auch des Herzogs Gebot, daß wir Christen sein sollen und sollen nicht mehr an die alten Götzen glauben! Du bist ja auch getauft worden, Vater!" „So haben sie mir gesagt!" cntgegncte mit fast spöttischem Lächeln der alte Waidmann und schüttelte das graue Haar. „Ich weiß aber nicht, was das bedeuten soll und begehre nicht, es zu wissen! Der Herzog Diet hat befohlen, ich soll mich vor dem Manne im weißen Gewände beugen, und mir Wasser aus's Haupt gießen lassen . . . ich hab' es gethan, weil es Befehl des Herzogs war — aber die paar Tropfen haben, des alten Chricmbcrts starren Sinn nicht wcggewaschen oder geschmeidig gemacht! In unserer Bergwildniß fragt Niemand, was ich glaube . . . Wie es damit einmal nach. mir werden wird — das weiß und sorg' ich nicht, aber so lang ich lebe, will ich bei den alten Göttern aushalten, die bei mir ausgehalten haben, mein ganzes langes Leben durch — ich will mit ihnen heimfahren und auch zu ihnen!" Der Jüngling erwiderte nichts; er hatte den Schwänen nachgesehen, die Plötzlich von der erst genommenen Richtung abweichend, im Fluge umkehrten und nun hoch über den Köpfen der Männer wieder nach der Wand des Kaunstcins hin schwirrten. Eine Feder flatterte herab und siel wie hingcstrcut zu den Füßen des Jünglings nieder. — Dieser bückte sich, sie aufzuheben. „So will ich wenigstens ein Denkzcichcn haben," sagte er, „und mir den Flaum auf den Hut stecken ..." Ehe er sein Vorhaben auszuführen vermochte, hatte der Alte den Fuß darauf gesetzt und daS zarte Gefieder in Wasser und Schlamm untergetreten. „Du sollst nicht!" rief er entrüstet. „Lächle nicht und schüttle den Kopf nicht, — spring in den Kahn, stoße ab und danke mir lieber, daß ich Dich warne und vor der Gefahr bewahre! In dem Schwanenkleid und seinem Gefieder sitzt der Zauber . . . hat die Walkyre es abgelegt und ein Mann findet das Gewand und nimmt es zu sich, so muß sie ihm Unterthan sein und gehorchen, bis es ihr gelingt, das Schwancnhcmd wieder zu gewinnen und mit ihm zu entfliehen ... Ist aber ein Mensch thöricht oder unvorsichtig genug, auch. nur ein Fedcrchcn aus dem Gefieder am eigenen Leib zu tragen, so ist er dafür ihr verfallen auf ewig . . . Stoß' ab, sag' ich Dir und folge meinem Wort ... ich habe Dich gelehrt, wie man die Waffen braucht zu Kampf und Waidwerk: Du wirst auch da. Wohl fahren, wenn Du thust, was ich begehre und wenn Dir ein solch' gespenstig Weib in Weg kommt ... sie sind leicht zu erkennen, denn wenn sie auch Menschengestalt haben, sind sie doch gebannt, daß sie immer etwas voin Schwan an sich tragen müssen und wär' es nur ein einziges Fcderchcn . . . Kommt eine Solche Dir in den Weg, so schaue nicht nach ihr, Markulf, mein Sohn: geh' fürbaß und weise den Zauber ab, sonst bist Du verloren ..." Der Jüngling hatte schweigend mit ungläubigem Lächeln zugehört und indessen die Ruder am Kahne völlig zu recht gemacht. „Es wird mir Keine in den Weg kommen," sagte er halblaut und machte den ersten Rudcrzug. „Das walte Dein gutes Glück," rief der Alte, „Du bist ein ungläubiger Thor» der über die Gefahr lacht, weil er sie nicht kennt! Wolle' ich Dir erzählen, was ich noch in diesen Tagen geschaut, Du würdest wohl anders reden... So fahre denn zu und bringe mir ein tüchtig Netz voll Salmen heim! Und wenn Du um die Secwand herum fährst in den untern See, so sich' zu, daß Du Dich rechts haltst, nicht zu weit links, gegen die Atmend hin... es gibt Untiefen dort, an denen Du stranden könntest... Markulf hörte die letzten Worte nicht mehr: einige kräftige Züge hatten genügt, ihn aus dem Bereich der Rede des Alten zu bringen; dieser aber blieb stehen und folgte mit demÄikgen', bis der Nachen die vorspringende Secwand erreicht hatte, und um dieselbe vorbeugend verschwunden war. Glossen lnpsie- er dann das im Gürtel steckende breite 118 Beil, wie um zu erproben, daß es leicht und handlich zu haben sei, wenn eS dem erwarteten Bären belieben sollte, den Kampf in nächster Nähe aufzunehmen; dann legte er den Spieß gemächlich über die Schultern, und schritt links am Felshange des Gestades hin, auf schmalem Steinpfad, in allerlei Windungen, oft hoch über dem Wasser schwebend, gleich einem an's Gestein sich anklammernden Vogel, bald hernieder steigend bis an dessen Rand, wo derselbe thurmtief und senkrecht abstürzt in die unheimlich grün darüber wallende Flut. — (Fortsetzung folgt.) (Aus der alten Zeit.) In deutschen Blättern kursirt jetzt folgende Anekdote: Das erste Ruhekissen des verstorbenen Königs Ludwig I. war sonderbarer Natur. Der selige König wurde bekanntlich am 25. August 1766 in Straßburg im „Zweibrücker- Hos" geboren. Sein Vater war der Prinz Maximilian von Zweibrückcn, und der König Ludwig XVl. von Frankreich wollte selbst einer der Pathen des Sohnes des Prinzen Maximilians sein. Die überlebenden Zeitgenossen dieser Taufe erzählten in dieser Beziehung eine originelle Anekdote, welche Herr Piton in seinem Werke „8tra8bour§ illustre^ erwähnt. Als Prinz Maximilian einige Tage nach der Geburt seines Sohnes sein Regiment musterte, war er sehr erstaunt, die Grenadiere des Infanterie-Regiments Elsaß ohne Backen- und Schnurrbärte zu sehen, welche die Zierde ihrer Gesichter gewesen waren. Wer hatte denn, ohne Einwilligung des Prinzcn-Obcrsten, eine solche Licenz zu ertheilen gewagt? Der Prinz gericth in Aufregung wegen dieser Insubordination, als zwei Unteroffiziere des Regiments vortraten und ihrem Oberst ein kleines Kiffen überreichten, welches, anstatt mit Federn oder Roßhaaren, mit den Schnurr- und Backenbärten der Grenadiere des Corps gepolstert war. Der Prinz lachte sehr über diese Huldigung, sichtlich einzig in ihrer Art. So jasticf denn Ludwig I. in seiner Kindheit auf einem mit militärischen Schnurr- und Backenbärten gefüllten Kopfkissen. Trotzdem hat er nie eine rechte Neigung für das Militär bekommen. (Ludwig I. als Philhellene.) Von Rom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu feinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellenenthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" * (Wer hat den schlechtesten Hut?) Zur Eröffnungs - Feier des internationalen Casino's in Nizza hatte sich auch König Ludwig I. eingesunken. Er war bekanntlich gewohnt, frühzeitig zu Bette zu gehen, und als er sich deßhalb um zehn Uhr entfernen wollte, konnte man seinen Hut, der im Trouble des Empfanges verlegt worden war, lange nicht finden. Der König ging ungeduldig hin und her und rief: „Meinen Hut, meine» Hut!" Alles suchte bestürzt nach dem Hute des KönigS und in der komischen Verwirrung, die hiedurch entstand, erblickte König Ludwig seinen Flügcladjutan- U9 ten: „Laroche!" rief er, „Laroche, sucheu Sie doch auch meinen Hut! er ist ja leicht finden, eS ist der schlechteste, der allerschlechteste!" (Ein verkannter Dichter.) Von dem verstorbenen König Ludwig I. von Bayern wird eine noch wenig bekannte Anekdote mitgetheilt. Einige Tage, nachdem König Max II 1853 den Maximilians-Orden für Kunst und Wissenschaft gestiftet, begegnete der alte Herr dem Ministerial-Rath Daxenbergcr, der unter dem Namen Karl Fcrnau einige Poesieen veröffentlicht hatte und Privat-Secretär des Königs gewesen war. „Ah, gratulire," redet er ihn an, „gratulire! Mein Sohn hat Ihnen den neuen Orden verliehen. Aber ich habe ihn nicht bekommen, und doch sind Ihre Gedichte um kein Haar bester, als die mcinigen — lauter Bavel!" Sprach's und ließ den verdutzten Kunstordcnsritter erbarmungslos stehen. (König Ludwig I. und ein vergessener Gelehrter.) Als im Jahre 1855 Dr. Ludwig Arndts, damals Professor und Rector an der Ludwig-Maximilians-Univer- sität in München, zur Stiftungsfeier die Rcctorsrede zu halten hatte, erwähnte er unter den Berühmtheiten der Universität in einer Note auch des im 17tcn Jahrhundert lebenden großen Mathematikers und Astronomen Chr. Scheiner, der unter Anderem zuerst die Sonnenflecken beobachtet hat, und sprach seine Verwunderung aus, daß derselbe in der von König Ludwig gegründeten bayerischen Ruhmeshalle keinen Platz gefunden habe. — Der König, der solche Publikationen immer aufmerksam las, war über diese Stelle sehr erregt; es griff ihm an's Herz, einen bayerischen Gelehrten von Verdienst und Namen in der That vergessen, ja gar nicht gekannt zu haben. Schon in den nächsten Tagen ließ er den Rector Arndts zu sich rufen und fragte ihn umständlichst nach den Werken und der Bedeutung Scheiner's. Glücklicherweise fand sich auch in einem alten Schweinslcder- Bandc nach der Sitte jener Zeit das Bild des berühmten Mannes in Kupfer gestochen, und nun trug König Ludwig Sorge, das Vcrsäumniß gut zu machen. Da Professor Arndts inzwischen einer Berufung nach Wien gefolgt war, so richtete er an diesen einen Brief, der sowohl dem hohen Briefsteller als dem Empfänger gleich sehr zur Ehre gereicht. Wir können ihn im Wortlaute mittheilen: » Herr Professor Arndts, die Feder ergreife ich, Sie in Kenntniß zu setzen, daß, was Ihre hier gehaltene letzte (leider letzte) Rede, Scheiner betreffend enthält, mied bestimmte, dessen marmornes Brustbild für Bayerns Rubmcshalle anzuordnen, und daß sie bereits da aufgestellt ist. Ein empfindlicher Verlust für Münchens Hochschule bleibt es, daß Sie nicht mehr an ihr lehren. Männer von Arndts Wissen und Gesinnung, solcher bedarf es. Sie nicht mehr ein Mitglied derselben nennen zu können, bedauert sehr Jbr wohlgeneigter München, 16. Mai 1856. Ludwig. (Wie man in China Tauben vor Raubvögeln bewahrt.) In der Nähe von Pecking werden große Mengen von Tauben gehalten. Wenn diese in großen Masten sich erbeben und herumschwärmen, so erschallen verschiedenartige ganz eigenthümliche Töne; auch sieht man sonderbarer Weise dieselben von keinem Raubvogel angegriffen, obschon deren viele sie verfolgen. Um nämlich die letzteren für die Tauben unschädlich zu machen, haben die Chinesen eine eigenthümliche Vorrichtung au diesen angebracht. Es werden ihnen kleine, aus Bambusrohr oder kleinen Kürbissen construirte Pfeifchen von verschiedener Größe angehängt, welche dann in Folge des Eindringens des Windes die verschiedenen Töne verursachen und die Raubvögel verscheuchen. Diese kleinen Pfeifchen, die kaum '/< Quentchen wiegen, werden mittelst starken Fäden an den Schwanzfedern angebunden, hauptsächlich jenen Tauben, die gewöhnlich an der Spitze des Schwarmes fliegen. Die Pfeifchen sind gefirnißt, um den Einflüssen der Feuchtigkeit und Trockenheit widerstehen zu können. Außer dem Nutzen, den diese Einrichtung bringt, haben die Chinesen auch große Freude an diesen oberirdischen Concerten. 120 (Wunderbare Rettung.) Die Zeitung für Pommern läßt sich aus Colberg folgende Wunderbare Geschichte schreiben: Am letzten Dienstag Nachmittags spielten mehrere Knaben -sn der beim Mühlenthor befindlichen Brücke iu der Nähe der Mühle des Hrn. W. hieselbst. Einer derselben, der Sohn eines Predigers M. in unserer Nähe, ist so kühn, sich bei diesem Spiele auf ein hölzernes Dach zu wagen, das zum Schutze eines an der dortigen Mühle befindlichen Mühlrades von zwanzig Fuß Durchmesser angebracht worden ist, welches letztere sich iu diesem Augen blicke in voller Thätigkeit befindet. Das Dach ist alt und morsch, und als der Knabe sich gerade über dem Mühlrade befindet, bricht er durch und fällt auf das in vollem Schwünge befindliche Mühlrad, fällt aber auf eine Stelle desselben, an der zufällig mehrere Schaufeln fehlen, stürzt 20 Fuß tief in das Innere des sausenden Rades hinab und kommt gerade in dem Momente auf der anderen Seite an, in welchem dieselbe schadhafte Stelle, durch die er in das Innere des Rades gelangt ist, sich hier von neuem ihm öffnet und er mit furchtbarer Gewalt, durch die Wasserschnelle des sich bewegenden und schäumende Wogen schlagenden Rades befreit,weit fortgeschleudert wird an eine dort befindliche Mauer. Hier sind, durch das Geschrei der Umstehenden aufmerksam gemacht, Personen aus der Mühle herbeigeeilt, welche mit Stangen, die sie dem Versinkenden entgegenreichen, bemüht sind, ihn herauszuziehen. Die Kraft des Knaben ist indessen nicht mehr stark genug, die Stange zu ergreife»; er sinkt und ist nur dadurch dem Tode des Ertrinkens entgangen, daß ein Landmann sich mit Hilfe einer Leiter ins Wasser begab und so den Knaben rettete (Revanche für Pavia.) In England stellte eine Dame bei jedem neuen Dienstboten, den sie bekam, eine Probe der Ehrlichkeit an, indem sie ein Geldstück in einer Weise irgendwo hinlegte, daß es als verloren oder vergessen angesehen werden konnte. Die meisten Dienstmädchen behielten das Geldstück, dann aber machte die Dame Lärm und überlieserte sie dem Gerichte. Manche davon kam nicht mehr aus der Verbrechersphäre, in welche sie dadurch gerieth. Eines dieser Mädchen heirathcte nachher einen Erzgauner und es wurde ein Rache- plan verabredet. Als die Dame wieder ein Mädchen suchte, ward ihr ein schlaues, in die Verschwörung eingeweihtes Geschöpf zugesendet, das sie auch nahm. Dieses Mädchen ließ das hingelegte Geld liegen, aber im Besuchzimmer der Dame, wohin immer Geschäftsleute kamen, eine Fünfzigpfundnote fallen. Die Dame hob sie aus und verwendete das Geld zu ihrem Nutzen; sie glaubte, ein Geschäftsmann habe diese Note verloren. Kaum hatte sie aber dieselbe ausgegeben, ward sie« verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt, denn die Note war gefälscht. Die Gauner konnten aber nicht stille sein und es kam endlich heraus, wie die Sache sich zugetragen. Ein Pariser Theaterblatt erzählt von dem jüngst verstorbenen französischen Dramen- Dichter Marc-Michel nachstehende Anekdote. Im Theater des Palais-Royal wurde ein Stück dieses Autors unbarmherzig ausgepfiffen. Das Unglück wollte, daß Marc-Michel, der der Aufführung beiwohnte, gerade neben einem Menschen stand, der den Hauptscandal machte, indem er auf seinem Hausschlüssel pfiff. Um sich zu rächen, bat er den Pfeifer um diesen Hausschlüssel, indem er ihm weißmachte, er wolle darauf noch einen weit stärkeren Lärm machen. Kaum aber hatte der Verfasser des unglücklichen Stücks den Schlüssel, so drängte er sich durch die Masse und verschwand. „Der Kerl soll wenigstens die Nacht auf der Straße bleiben," rief er triumphirend aus. Frage: Weßhalb sind die Diebe klüger, als die Aerzte. Antwort: -yhzj UMzz m q Kva, ^ussiim spsi ^tuhMsm oarquosiai osi uuoai zuM Auflösung der Charade in Nr. 13 „Freigeist." Druck, Berloa und R-d°lti°n de« Ut-r-rttch-n JustilutS von vr. M. Hutller. Nr. 1«. - 19. April 1868. Arrgsburger Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen Ein arg Gemüth, das heil'ges Zeugniß vorbringt. Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange, Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul. O, wie der Falschheit Außenseite glänzt! Shakespeare, Kaufmann von Venedig A. l. 3. SancL Jarthelmä. ' Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. > (Fortsetzung.) — In dem kleinen Rasen-Eiland, das, wohl allgemach aus dem herabgeschwemmten Geröll der Eisbäche entstanden, in einer Einbuchtung des Watzmanns wie eingebettet liegt, war es indessen nicht minder still; das Bild, das sich dort entrollte, war noch ruhiger und auch anmutiger, als daö am obern Ende die beiden Männer unter dem Uebcrhange des Kaunsteins geboten hatten. In sanfter Senkung stieg das reich begrünte Gelände gegen den See hinab, der mit wohlgefälligem Plätschern um den Kies des seichten Ufers zu spielen schien, in leicht vorspringendem Bogen schweifte es tief in den See hinein, daß die Fahrbahn zwischen ihm und der gerade gegenüber sich aufthürmenden Seewand nur eine unbeträchtliche Breite hatte. Es war unmöglich, daß ein Nachen hindurch oder vorüber konnte, ohne bemerkt zu werden: es bedurfte sogar nicht einmal besonders scharfer Sinne, um die Gesichtszüge der vorüber Fahrenden zu erkennen und jedes Wort zu vernehmen, das sie etwa miteinander sprachen. In dem hohen glänzenden Grase lagen und wanderten Kühe weidend hin und her, kleine nicht eben ansehnliche Thiere mit kurzem stumpfem Gehörn, aber munter und kräftig und von schöner tiefbrauner Farbe, die durch den gleichmäßigen weißen Stern am Kopf und den sich fortsetzenden Rückenstreifen noch mehr hervorgehoben wurde. Dazwischen liefen Lämmer und Schafe herum und in dem Hain von Buchen und Ulmen, der in einiger Entfernung den Weideplatz wie eine Umzäunung abgrenzte, sprangen einige Ziegen zwischen den Stämmen herum, und suchten sich Blatt und Blütendolde der Zaunrübe herabzureißen, die hie und da sich wie zierliches Gewinde und Behäng aus dem untern Buschwerk emporgearbeitet und am Gezweige festgcrankt hatte. Etwa in der Mitte des Platzes, aus einer kleinen Anhöhe, erhob sich eine hölzerne Hütte, geräumig genug, bei einbrechendem Unwetter dem Almvieh ein Obdach zu geben, aber mit einfachster Kunst aus übereinandergelegten Balken erbaut und im Giebel mit ^ solchen gedeckt. Die Ritzen und Fugen waren mit Moos und Rinde verstopft, das Dach ^ durch Steinblöckc festgehalten, welche das Gebälk in die Fugen einschweren mußten. An der vordem Seite ließ die offen stehende Thüre ein kleines abgesondertes Gemach erkennen, worin ein feuergcschwärztcs, oben abgeplattetes Felsstück die Stelle des Herdes, ein Paar Stücke eines Baumstamms jene von Tisch und Bank vertraten: in der Ecke war aus Heu und Blättern ein Lager aufgeschüttet und von einer darüber gebreiteten Wilddecke zusammen- » l 122 gehalten. Aus Lindenholz gehöhlte Schüsseln und anderes Geschirr mit Weidenruthen umflochten hing an den Wanden. Vor der Thüre seitwärts stand hoch aufgerichtet ein schlicht behauenes mächtiges Holzkrcuz, vom Wetter versilbert und von der Luft gebräunt, von der Gewalt der Stürme etwas gebeugt, als wolle es dem hinzu Tretenden sich freundlich entgegen neigen An der Giebelsäule des Hauses, unter einem kleinen Schutzdache aus Binscngeflccht hing eine Glocke der allerältcsten Gestalt, einer umgestürzten ehernen Schale ähnlich, und nur durch den daran hängenden Schwengel von einer solchen unterschieden. Die Bewohnerin des Hauses saß unfern desselben im Grase, an einer Stelle, wo sie nicht nur den ganzen Platz mit der weidenden Heerde mit Einem Blicke zu übersehen vermochte, sondern wo auch das ganze mächtige See-Becken nach beiden Richtungen hin vor ihr ausgebreitet lag. Die Sennin trug ein langes dunkles Gewand, das unter der Brust gegürtet und um den Leib noch einmal aufgeschlagen war, daß es wie ein Doppelrock aussah. Arme und Schultern waren unbedeckt; dunkle Erzhaften hielten zu beiden Seiten das Kleid befestigt, das in ihrer sitzenden Stellung die nackten Füße beinahe völlig verhüllte und kaum entdecken ließ, daß sie mit einer Art Sandalen, an denen ein kleiner pantoffelartiger Vorschuh sich befand, gegen das Ungemach der rauhen Wege geschützt waren. Ein weißes, in's Viereck gebundenes Tuch, das zu beiden Seilen breit hcrnieder- fiel, schützte den Kopf mehr gegen die stark ausfallenden Sonnenstrahlen, als es denselben verbarg: das Gesicht darunter war schmal und fein geformt, von jener tiefen Färbung, wie sie den Südländern eigen ist und von welcher der rosige Anhauch der Wangen, das frische Roth der Lippen, die dunklen Bogen der Augenbrauen und das schimmernd schwarze, in schweren Locken niedcrringelnde Haar sich desto lebhafter und belebender abhoben. Die Gestalt war edel und von anmuthiger Geschmeidigkeit wie die des Rehs im Gehölz oder der Gemse auf den Fclsklippen darüber — der Ausdruck der Züge war sanft und sinnig bescheiden, wie das Edelweiß der Berge. Die ganze Erscheinung stimmte vollkommen heimisch zu der gesummten Umgebung, und doch war etwas Ungewohntes an ihr, als wär' es eine aus einem andern Himmelsstriche eingeführte Pflanze, welche, wenn auch festgewurzelt und eingewöhnt in dem neuen Boden, doch das Gepräge ihrer Abstammung, die Erinnerung an die alte Heimat, nicht verläugnet. Das Mädchen hatte einen Flachs-Nocken an langem Stäbe neben sich in die Erde gesteckt und ließ an dem rasch sich abspinnenden Faden die Spindel munter durch die Grashalme hüpfen: dennoch schienen ihre Gedanken nicht ganz bei ihrer Beschäftigung zu sein — die Spindel bewegte sich allmählig immer langsamer, bis sie mit einem letzten Wirbel in's Gras taumelte; die Hand der Spinnerin folgte herabsinkend nach, und der Blick blieb auf der schimmernden Secfläche haften. Ein Nachen kam vom obern Theile des Sees eilfertig herangcrudert nach der Almende hin und der Seewand gegenüber. „Der wilde Markulf . . ." flüsterte das Mädchen vor sich hin, indeß ein unmuthiges Lächeln den feinen Mund umspielte. „ ... Er kommt von der Waidfahrt zurück. Ich sah ihp schon früh Morgens hineinwärts rudern — da hielt er nicht an und hatt' es so eilig, daß er keinen Ruf, wie er sonst wohl Pflegt, herüber senden konnte zum Gruß . . . Freilich, da war er nicht allein: jetzt wird er wohl nicht vorüberfahren, und wird ein Weilchen anlegen ... Ich will ihm einen Becher Milch bereit setzen," fuhr sie fort, und schien sich erheben zu wollen, hielt aber im nämlichen Augenblick stockend inne, und blickte schärfer nach Fährmann und Fahrzeug hinaus. „Er wendet den Kahn noch nicht — er will mich necken, der Wildfang, weil ich ihm zugehört, wie er jüngst . . . Dort, wo der matte Wasserstellen im See das Fclsenhorn verräth, das darunter lauert, dort muß er wenden, wenn er nicht an dem Gestein festfahren, . . . wenn er hieher lenken will ..." Sie verstummte, ihr Athem ging etwas kürzer und ein leichtes Roth glitt über 123 Nacken und Stirne — der Nachen draußen im See wendete nicht: ohne Ruf, ohne Wink ruderte der Fährmann in das untere große Seebecken hinaus. „Mag er fahren, wie er will!" rief sie und kehrte mit nicht ganz ungekünstelter Ruhe zu ihrer Arbeit zurück. „Kümmert mich's? Ich werde Keinem rufen, der nicht selber gerne als Gast einspricht — das ist nicht Brauch auf der Walchen-Almend! . . . Wird wohl Unglück auf der Jagd gehabt haben, der unwirsche Gesell und grollt im Unmuth jetzt auch mit mir und meinem Milchbecher . . . mag er! Glückliche Fahrt! Er wird warten dürfen, bis er die Thüre zur Sennhütte wieder geöffnet findet!" Beruhigter spann sie weiter, aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, nicht manchmal flüchtig in den See hinaus zu schauen, wo der Nachen schon in verschwindender Kleinheit sich in dem eintönigen Graubraun der Felswände verlor: darüber ward sie gewahr, daß der Himmel sich mit jenem röthlichen Anhauch zu bedecken begann, welcher dem Sinken der Abendsonne vorhergeht. „Schau," sagte sie leise und erhob sich, „der Kaunstein fängt schon zu glühen an — die Dämmerung wird geschwind da sein. Das ist die Zeit, yio die frommen Schwestern drüben an der Salzburg das Zeichen geben zur Bespcr . . . hört es auch Niemand in der Wildniß, ich will auch zum Abendgebet läuten, für Alles, was da lebt in der Einsamkeit und für mich selbst — es wird nur die wirren Gedanken verjagen, die nicht aus dem Sinne wollen ..." Sie trat an die Hütte und zog die Schnur der Glocke, bald begann sie zu schwingen und ihre nicht starken, aber wohl klingenden Schläge hallten feierlich durch das wie athemloS lauschende Fclsthal. Sie war darüber nicht gewahr geworden, daß der alte Chricmbcrt aus dem Gehölz heran gekommen war und eine Weile beobachtend stehen blieb; dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er neben ihr stand und ihr in den Arm siel, der den Glockeustrang zog. Mit einem gellenden Schlage brach das Läuten ab. „Was schaffst Du für Zauber und NeidingSwcrk, verfluchte Walchendirne!" rief er mit funkelnden Blicken, während sie, ruhig aber entschieden sich von seiner Hand losmachend, einen Schritt zurück trat und die befremdeten dunklen Augen fragend zu ihm aufschlug. „Ihr seid's, Vater Chriembert?" sagte sie. „Was habt Ihr im Sinne, daß Ihr mich so anfaßt und im Gebete stört?" „Das überlaste mir, zu fragen!" rief der Alte entgegen. „Du, sage mir, was Du im Sinne hast! Wenn Du gebetet hättest — wenn Du nicht Unrechtes gethan, warum bist Du so erschrocken und starrst mich so an mit den unheimlichen schwarzen Augen?" — „Ich bin nicht erschrocken," erwiderte sie mit lächelnder Anmuth, „aber ich bin verwundert . . . bin ich auch nur eine Walchendirne, wie Ihr gesagt — es ist nicht Sitle in der Roms-An und ich bin es nicht gewohnt, so rauh überfallen zu werden und gescholten, wie man bei uns Walchcn eine Magd nicht schilt!" „Willst Du mich noch Sitte lehren?" brauste der Alte auf. „Ich bin ein Greis geworden nach meinem Sinn und Brauch, und werde beide nimmer ändern — vollends nicht um Deinetwillen! Ich habe Dich belauscht . . . bekenne, was Du für bösen Zauber gewirkt!" „Zauber!" sagte das Mädchen kopfschüttelnd, indem es mit noch schönerem Lächeln nach dem Kreuze deutete, das sich hinter ihr erhob. „Zauberei — in der Nähe dieses Zeichens?" „Weiß ich, wo Deine Macht steckt?" rief der Jäger. „Wohl in dem Klang der wunderlichen Schale, die Du da aufgehangen hast? Was ist das Anderes, als — Alrunenkunst? ..." Das Mädchen lächelte stärker, wie Jemand, der seine Uebcrlcgcnhcit über einen Andern fühlt und doch schonend genug ist, das nicht zu zeigen. „Das ist ein römisch Kllinod," sagte sie, „das sich in unserem Haus fortgeerbt hat von Vater auf Sohn — cs ist eine Glocke und kein Zaubermittcl . . . Darum laßt die Walchendirn , Vater Chricmbert, und geht Eure Wege!" Der Alte stand unschlüssig. „Willst mich fortwcisen?" sagte er dann. „Willst mir gebieten, die Hörige einem Freien?" Ueber das Gesicht der Sennin flog eine augenblickliche Wallung des Unmuths. — „Eine Hörige?" sagte sie dann. „Ja, ich bin's — weil Eure wilden Vorfahren die Meinigcn, die in diesen Bergen seit Jahrhunderten sich angesiedelt und aus der Wildniß ein blühendes Land geschaffen hatten, überfallen, verdrängt und vernichtet haben! — Ja, ich bin eine Hörige — aber nicht die Eure! Ich bin es nicht an diesem Orte! Hier steh' ich auf der Walchen-Atmende, auf Grund und Boden derer von der Roms- Au, die mich zu ihrer Sennin bestellt haben und darum biet' ich's Euch, daß Ihr nicht den Frieden der Gemarkung stört oder ich sorge, daß Ihr der Gemeinde dafür büßt... auch für den freien Barschalken gibt es ein Gesetz!" „Verstelle Dich, wie Du willst!" entgegnctc der Alte nach kleiner Pause in etwas milderem Tone. „Ich weiß doch, was ich von Dir zu denken und zu glauben habe... aber gib meinen Sohn los: laß meinen Markulf frei und ich will nicht weiter fragen noch wissen, was Du treibst!" „Was kümmert mich Euer Sohn?" fragte das Mädchen rasch und erglühend. „Ich will nichts von ihm! Er hat beim Waidgang in der Sennhütte in der Walchcn Almende gastlich eingesprochen, wie mancher anderer Jäger und Bergfahrer . , . Ver- bietet es ihm, so es Euch gefällt, so der Sohn des freien Barschalkcn sich gebieten läßt!" „Er wird und muß!" rief zürnend der Alte. „Noch ist er nicht mündig — ist noch in meinem Haus . . . aber wohl weiß ich, daß Warnung und Gebot nicht nützt, wenn Du ihn nicht frei gibst aus der Gewalt, in die Du ihn gezogen!" Das Mädchen hatte sich wieder gefaßt. „Das thu' ich nicht und hab' ich nie gethan!" sagte sie ernst. „Markulf, Euer Sohn, dünkt mich ein wackerer Gesell, dem ich alles Gute gönne und wünsche — weiter haben wir nichts miteinander zu schaffen, unsere Wege führen nicht zusammen!" „Wer der glatten Rede trauen dürfte!" entgegnete Chricmbert, indem er sie forschend betrachtete. „Das ist es. Deines Stamme Erbtheil, womit Du zu verlocken weißt . . . wenn es Dein Ernst ist, was Du sagst, so schwör' es mir zu in meine Hand . . . Gelobe mir, daß Du ihn fürder nicht an Dich locken willst!" „Ich thue, was ich für Recht halte und hab' cs immer gethan, ..." sagte das Mädchen fest und entschieden. „Wollt' ich Euren Sohn au mich locken, cS wär' ein Unrecht, — das unterlasse ich, auch ohne Gelöbniß und Schwur!" „Du weigerst cs?" rief Chricmbert, Plötzlich wieder in ernstem Zorne aufbrausend, „weil Du Dich nicht binden, weil Du ihn nicht lassen willst! Wohlan, so gelob' ich Dir Hinwider bei Donar und seinem heiligen Hammer — ich will ihn von Dir los machen, gelte cs, was es wolle! Ich will ihn eh' todt zu meinen Füßen sehen, als lebend in Deinen Armen! . . . " „Auch Ihr mögt thun, was Euch recht bedünkt," sagte sie, „ich trotze nicht, aber ich fürchte Euch nicht ... Ich bin eine Christin . . . hier ist mein Schuh ... der Herr wird mit Placida sein ..." „Dein Schutz?" brüllte der Alte und seine Augen rollten und glühten im Abglanze jener besinnungslosen Wuth, die nach der Sage furchtbarem Bericht den Berserker fortgerissen zu grauenvoller That. „Also ist hier Dein Zauber verborgen? Das sollst Du mir nicht umsonst verrathen haben und so wahr dieß Zeichen unter meinen Händen fällt..." Er hatte das Beil vom Gürtel gerissen und drang, es hoch übcr'm Haupte schwingend, auf das Kreuz ein. Placida erwiderte nichts; sie regte sich nicht — in ihrer ganzen Höhe aufgerichtet stand sie vor dem Stamm mit befehlendem Blick und gebieterisch 125 ausgestreckter Hand. Von dem Glctschcrhorn des KaunsteinS siel rother Widerschein auf sie herüber, als wäre es ein Zauberlicht, womit eine höhere Macht sie umgab... Geblendet ließ der Alte das Beil sinken und eilte davon. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der weiblichen Haarmoden. In den frühesten Zeiten trugen die Frauen das Haar schlicht, bis der ihnen angeborene Trieb, sich zu schmücken, sie zu der Fertigkeit brachte, dasselbe auf mannichfaltige Weise zu ordnen nnd zu flechten. Lange Zeit bedeckte man den Kopf nur mit einem Schleier; die Griechinnen und Römerinnen hielten ihr Haar durch goldene und silberne Nadeln zusammen, durchflochtcn es mit goldenen Kettchen oder umwanden dasselbe mit rothen und weißen Binden. Auch puderte man den Kopf mit Goldstaub. Die rothblonden Haare der Alemannen bildeten eine so wesentliche Schönheit des weiblichen Geschlechts, daß Brünetten, welche nicht so glücklich waren, ihrem Haar durch Tinktur eine solche Farbe beizubringen, dasselbe lieber abschnitten und eine blonde Perrücke trugen. Diese Sitte war so allgemein geworden, daß die Dichter voll Begeisterung von den (oft falschen) rothen oder blonden Locken ihrer Herzensköniginnen sangen. Die römischen Schönen wechseln mit diesen erborgten Zöpfen mehrere Male des Tages; sie hatten besondere für die Morgentoilette, andere für die übrige Tageszeit und für hohe Festlichkeiten. Dieser Gebrauch erhielt sich sehr lange unangefochten, bis im Jahre 692 das Konzil in Konstantinopel alle diejenigen mit dem Kirchenbann bedrohte, welche falsche Haare tragen würden. Doch behauptete trotz alledem der falsche Haarschmuck seine Herrschaft. Petrus Lombardus nennt ihn noch im zwölften Jahrhundert eine „gräuliche Entstellung", eine „verdammcnswerthc Unverschämtheit". Alexander Alesius (ft 1215) und Bernhard de Vienne erklärten ihn für eine Todsünde, und der heilige Panlin versicherte, der Herr werde die Frauen, die dergleichen trügen, demüthigen, indem er sie zu Kahlköpfen machen werde. So vielen Anfeindungen gaben die Damen endlich Gehör und adoptirten wieder den Schleier, der bis auf die Schultern reichte und alles Haar verhüllte; Königinnen und Prinzessinnen trugen darüber ein Diadem, Wittwen dagegen eine Kopfbinde, welche die Stirn bedeckte, auch über Wangen und Gesicht herab hing und Hals und Brust verhüllte. Hierauf folgte die Mode der „Schlapphütc", die sehr breit und mit Perlen reich besetzt waren. Unter Ludwig dem Schönen (ft 1314) und seinen Nachfolgern kam bei den Damen ein Kopftuch in Flor, das die Gestalt eines enormen Zuckerhutes hatte, von dessen Kegel ein Gazeschleier niederwalltc, wobei das Haar noch immer sichtbar blieb. Jsabella von Baicrn, Gemahlin Karls VI trug Bonnets, wie die späteren zweistutzigen Hüte der Männer geformt; von den stark aufgebogenen Enden hing ebenfalls ein langer Kreppschleicr mit Franzen bis auf den Gürtel herab. Weil sie ungeachtet der kriegerischen Unfälle diesen Luxus nicht aufgab, ward sie nolvns volens eingesperrt. Diese Kopfgebäudc wurden unter Karl VIII. um einige Stockwerke niedriger, bis sie unter Ludwig dem VIII. gänzlich verschwanden, um einer einfachen „Schwanzkappc" oder Capuchon Platz zu machen. Aus einer Klcidervcrordnung zu schließen, die der Rath zu Brcslau 1453 publicirte, müssen die damals üblichen Hauben den Thürmen ähnlich gewesen sein; denn es heißt: Itvm : Die Frauen sollen ablegen die großen ungewöhnlichen Hauben, und nicht größer als eine halbe Elle lang tragen, welcherlei sie tragen wollen, und sollen keine Pcrlins (Berliner) Hauben tragen; welche dawider handelt, soll eine Mark Strafe erlegen." Unter Franz I. fingen die Damen an sich zu frisiren, und trugen einen spani- 126 schen Toque; unter Heinrich dem IV. kam der Gebrauch des Puders auf. Im Jahre 1784, als die politischen Ideen bereits zu gähren ansingen, mischten sich auch die Damen darein und trugen „Disconto-Kassen-Hüte" bis unter der Republick und dem Kaiserreich wieder die griechischen Moden vorherrschend wurden. Auch die Mode ä In Giraffe, welche hierauf eine Zeit lang die Damcnscheitcl negirte und verunstaltete, ist zu Grabe getragen worden. Möchte ihr noch so manche Ausgeburt der Jetztzeit dahin nachfolgen, und nur das wirklich Schöne Mode werden! Eine Bärengeschichte. Der „Warschauer-Zeitung" hat man über einen gezähmten Bären folgenden Bären aufgebunden: In einem Kloster Podoliens wurde ein in den dortigen Wäldern ganz jung einge- fangener Bär gehalten. Das Bich war sehr zutraulich und gelehrig, und wuchs bei der guten Klosterkost und dem faulen Leben recht hübsch kräftig heran. Die Kost sollte ihm nzm auch ferner gewährt werden, das faule Leben war aber den frommen Vätern ein-Gräuel, und man sann darauf, Petz seiner Individualität angemessen zu beschäftigen und ihm eine Rolle zuzutheilen. Die Gelehrigkeit des Bären versprach guten Erfolg. Nun war das Wafferschlcppen von dem ganz in einem entfernten Winkel befindlichen Brunnen nach der Küche und namentlich nach dem Waschhaus, welches gleichzeitig zum Brauhaus diente, die schwerste Arbeit und dem Bruder Koch und den Brüden, Brau- und Küchengehilfen ein wahrer Gräuel. Petz wurde erkoren, diesen wichtigen Posten von nun an zu versehen. Ihm wurde ein Stock mit zwei Eimern daran auf den Rücken gehängt und die nöthigen Unterweisungen ertheilt. Bald hatte er die Sache kapirt, und Petz schleppte nun regelmäßig Master vom Brunnen in ein großes Faß, bis dieses voll war. Dann legte er sich schlafen. Wurde auch die Thätigkeit des großen Waschkestcls als solcher selten genug in Anspruch genommen, so mußte er zur Bereitung des eigenen, sehr trinkbaren Gebräues, oft genug herhalten und das große Wastcrfaß nahm Petzens Dienste, die von den betreffenden Brudern in vollem Maaße anerkannt und geschätzt wurden, zur Genüge in Anspruch. Der Bär vollführte bald die ihm übertragenen Obliegenheiten mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß jede Aufsicht unnöthig wurde. Er verdiente sich in der That sein Brod sauer genug. So ging die Sache eine ganze Zeit lang sehr schön, bis er sich in Folge besonderer Freiheiten, die sich einige seiner frommen Freunde herausnahmen, mit diesen entzweite. Eines Tages hatte er nach seiner Meinung bereits eine genügende Menge Wasser herangeschleppt. Das Faß wollte und wollte sich indeß nicht füllen. Er schleppte und schleppte, aber immer ohne Erfolg. Das Wasser im Faß wollte nicht steigen; das machte unsern Petz mißtrauisch, und als wiederholte Gänge nichts fruchteten, stellt er sich hinter der Thür auf die Lauer. Sowie Petz zur Thür hinaus ist, springen lachend einige junge Mönche aus ihren, Versteck hervor, öffnen rasch den Hahn, um das Danaidenfaß auf das alte Niveau zu bringen, und so den treuen Wasserträger um den Erfolg seiner sauren Mühe zu betrügen. Hiemit war der Bär aber keineswegs zufrieden, der, Plötzlich seine braune Schnauze zur Thür hineinsteckend, den Schabernack, den man ihm spielte, recht gut begriff. Ein wüthendes Gebrumme ausstoßcnd, schleuderte er den dicken buchenen Knüppel, der ihm als Wasserträger diente, mit furchtbarer Kraft mitten unter die fidele Schaar, die erschreckt Fersengeld gab. 127 Vor Ingrimm schrecklich brummend, verfolgte Petz seine Peiniger, die sich jedoch glücklich retteten und die Thür verrammelten; da ihm die Schuldigen entgangen waren, tobte er durch's Kloster, einen neuen Gegenstand seiner Rache suchend. In wilder Hast suchte sich Alles vor dem wüthenden Thier zu retten und verbarrikadirtc sich förmlich in den Gebäuden. ^ Man versuchte nun mit vieler Mühe und den zärtlichsten Schmeicheluamen, Petz auf friedlichere Gedanken zu bringen. Aber vergebens! Brauchte seine natürliche, lang verhaltene Wildheit einen Ausbiuch, hielt er sammt» liche Mönche für milschuldig an dem Komplott oder fürchtete er endlich eine harte Strafe? — Nichts konnte ihn besänftigen. Endlich, nachdem er lange genug herumgetobt hat, zieht er sich nach dem Zimmer» Hof zurück, klettert auf einen Haufen Holz und setzt sich dort in Vertheidigungs-Zustand. Man hütete sich indeß, ihn anzugreifen und ließ ihn ruhig in seiner Beste sitzen. Was aber alle Schmcichelnamen nicht vermochten, bewirkte der Hunger. Als der Magen gar zu arg knurrte, kroch er zu Kreuz, stieg gemüthlich herunter und ließ sich ruhig ergreifen und an die Kette legen. '(Die Erfindung der Knhp ockenimpfung.) „Ich bin geschützt vor Mcn» schenblattern", sagte eine Bäuerin (1768) zum Chirurgen Ludlow, Jenners Lehrherrn, „denn ich habe die Kuhpocken überstanden; das wissen wir Melkerinnen aus uralten Zeiten". Des Weibes Rede wurde dem Lehrlinge zur «immer schweigenden Mahnung, die Wahrheit dieser Volksbeobachtung zu ergründen und zur praktischen Anwendung zu brngen. Im Jahre 1776 beginnt er seine Untersuchungen in den Maiereicn von Gloucestcrsl-ire. Reichliche naturhistorische und vergleichend-anatomische Kenntnisse befähigten ihn zur Lösung der gestellten Aufgabe. Nach mehr denn zwanzigjähriger Forschung, nach langsam reifendem Entschlüsse -— denn noch 1789 impfte er den eigenen Sohn mit Mcnschenblattern, nach Beseitigung aller immer wieder aufsteigenden Zweifel und Bedenken schreitet er zu der segensreichen That. In seinem Geburtsorte Berkeley, einem Flecken der Grafschaft Gloucefter impfte er am ewig denkwürdigen Ick. Mai 1796 den achtjährigen James Philipps von dem Milchmädchen Sara Rilms, welche sich beim Melken einer pockenkranken Kuh an ihrer von Kornähren geritzten Hand angesteckt hatte. Glücklich war der Erfolg. Die Geschichte nennt den genannten Tag den Geburtstag der Schutzpockenimpfung. Nach zwei Monaten, den 1. Juli, wurde zur Gegenprobe des Experiments der Knabe mit ächtem Blatternstoffe geimpft, die gleiche Impfung später- wiederholt: in keinem Falle kamen die Blattern. Die günstigen Resultate dieser und der im folgenden Jahre fortgesetzten Impfungen veröffentlicht Jcnner in einer eigenen, weltberühmt gewordenen Schrift, im Jahre 1798 bringt er sie nach London. Groß ist das Aufsehen, welches sie erregt. Sein Genius spendet der Menschheit das uralte Volksmittel zur bleibenden Wohlthat für alle Zeiten. Keine Entdeckung fand jemals eine. lebendigere Theilnahme und eifrigere Nachahmung. Nach kaum einem Jahre waren über 19,000 Menschen in London vaccinirt. Unter denselben waren über 5000 an der öffentlichen Impfanstalt (.Iknnviiau 8uc>Ll>^) mit ächten Mcnschenpocken inokulier und — in der That Alle wurden für dieselben unempfänglich gefunden. Mit Blitzesschnelle wuchs das Interesse für Jenners Jmpfmcthode; daß alle Vaccinirten bei den Pockenepidemieen verschont bleiben, alle Nichtvaccinirten von den Blattern befallen werden, bestätigte die tägliche Erfahrung. Dies entsprach selbst dem schlichten Verstände des Volkes. Daher die Impfung der Kuhpockcn sich mit unglaublicher Schnelligkeit überall ausbreitete: nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Erde, wohin dieses Welttheiles Civilisation vorgedrungen war, fanden ihre großen Segnungen baldigsten Eingang. Die erste Impfung in Deutschland vollzog zu Wien am 30. April 1799 de Ferro an seinen Töchtern und 128 bald darauf dc Carro an seinen Kindern. Im Jahre 1801 war daselbst das erste Schutzpockenimpfungsinstitut gegründet. Eine gleiche Anstalt wurde am 5. Dezember 1802 in Berlin unter der Leitung des „alten" Stein eröffnet, nachdem bereits Frankreich, Italien, die Schweiz mit gutem Beispiele vorausgegangen waren. Im Jahre 1800 und 1801 war die Knhpockenimpfung in den meisten Landern Europa's bis Konstantinopel, Bagdad und nach Rußland ausgebreitet. In letzterem Lande war die Kaiserin-Mutter ihr eine besondere Gönnerin. Bald genossen auch die übrigen Wclttheite ihre Früchte: 1800 kam die Vaccination nach Nordamerika, 1802 nach Ostindien, Java, Grönland, 1806 nach Kalifornien u. s. w. Welche drei Schlachten werden als die blutigsten unter allen aus europäischem Boden vorgekommenen bezeichnet? l) Die Schlacht in den Catalannischen Feldern bei Chalons an der Marne (die Marne, ehemals Matrona genannt, ist ein rechter Nebenfluß der Seine) im heutigen Frankreich zwischen dem Hunnen- könige Attila auf der einen und den verbündeten Römern (unter Aätius), Westgothen, Franken, Alanen und Sachsen auf der andern Seite. Sie ward im Jahre 451 n. Chr. geschlagen und fiel für die Hunnen ungünstig aus. 162,000 Todte deckten nach wenig Stunden die Wahlstatt. Vom Blute soll ein kleiner Bach angeschwollen sein. 2) Die Schlacht, welche die Franken unter Karl Martell den Arabern oder Mauren unter dem lhalifischen Statthalter Abdorrahman lieferten. Es geschah dies an einem Sonnabend im Oktober des Jahres 732 zwischen den französischen Städten Poitiers und Tours. Allein von den Arabern blieben 375,000 Mann auf dem Schlachtfelde, unter denen sich der besiegte Held Abdorrahman befand. 3) Die auf dem Lechselde stattgehabte Schlacht der Deutschen unter Kaiser Otto I. mit den Ungarn. Sie wurde am 10. August 955 geschlagen. Von dem aus mehr als 100,000 Mann bestehenden ungarischen Heere sollen, nach der Versicherung des Otto von Freisingen, nur sieben Mann ohne Nasen und Ohren als Hiobsboten nach Hause gekommen sein. Auch die Deutschen erlitten fürchterliche Verluste. Das Blut rann von der Wahlstatt. (Napoleon I>k. ehemals — Pflasterer.) Unmittelbar nach der Julischlacht vou 1848 ging eio junger Mann durch die Vorstadt St. Antvine, wo di^elben Leute, ine wenige Tage vorher das Pflaster zum Barrikadenbau aufgerissen, beschäftigt waren, die Pflastersteine wieder in Ordnung zu bringen und die Straßen von Paris wieder gangbar zu machen. Kaum befand er sich in der Mitte der Leute, als eine alte Frau plötzlich ausrief: „Der junge Herr da mit den gelben Handschuhen thäte auch bester, wenn er uns helfen würde, ldas Pflaster in Ordnung zu bringen." — „Sie haben Recht, meine gute Frau," war seine Antwort, „ich bin gekommen, um die Ordnung wieder herzustellen und das Pflaster an seinen alten Platz zu setzen." Damit übergab er seinem Bedienten seinen Spazicrstock und seine Handschuhe, nahm einen Pflasterstein, fügte denselben gehörig an Ort und Stelle ein und ging hierauf, eine erstaunte Menge hinter sich zurücklassend. Dieser Pflastertreter war Louis Napoleon Bonaparte, heutzutage Kaiser der Franzosen. Charade ( Dreisilbig.) O wie so gerne unterhält, Las Erste schauend stundenlang, Sich überall die Kinderwelt. Wie wird bei Zweitem angst und bang Auch manchem, den sonst Muth beseelt. Wie fand beklagten Untergang Des schönen Viel zu einer Zeit, Da mit der größten Heftigkeit Ach über's Erste, das so fein, So zart, das Zweite brach herein. — Das Ganze? man nun Frage stellt: Ein Faktum, das uns Zeugniß gibt, Was blinder Eifer dann verübt, Weun rohe Macht sich beigesellt. Druck, V-rlao und Ardakiion deS ltt-r.irischcn Instituts von 0r, W Huuier. Nr. ir. 26. April 1865. Angsbnrger Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch für den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins ertrage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage, Und mit erfrischendem Windeswebcn Kräuselnd bewege das stockende Leben. Schiller. SancL Jarihelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) II. Unter den Trümmern. Herrlich verglühte der Abend des nächsten Tages über dem weiten, flachen Grunde, der von Gebirgen umrahmt, sich zwischen Säle und Salzach, den stürmischen Berg- flüssen erstreckt. Weites grünes Weideland wechselte mit braunen Moorstrichen, in denen Bäche blitzten und breite Wassertümpel schimmerten; zwischcnhin zogen Gebüsche und Streifen dunkelgrünen Waldes — darüber im wcitgcschlungenen Kranze trugen der breite Staufen, der hohe Göhl, der wundersame Untersbcrg und der eingebrochene Watzmann die einsamen Häupter stolz empor in den bläulich rothen Abendduft. Wo die Salzach sausend zwischen zwei nahegcrücktcn Hügeln sich hindurch drängt, stieg das rechte Gestade nach kurzer Ebene bald aufwärts, den Abhang hinan, in übereinander aufsteigenden, bald schmäleren, bald breiteren Einschnitten und Abplattungen, deren Regelmäßigkeit allein schon hinreichte, ihre künstliche Entstehung zu bezeugen; es hätte hiezu der Trümmer verfallenen Maucrwcrks nicht bedurft, welche, überall zerstreut, von einem reichen bewegten Leben Künde gaben, das einst hier gehaust, aber vom Strome der Zeit hinweggcspült war, wie auf überschwemmtem Lande, aus dem Stcingcröll emporragend, hie und da nur noch ein karger Strauch oder ein verkümmernder Baum von der Pracht und dem Segen der Fluren erzählt, die einst unter dem Werke der Verwüstung gegrünt. Der Boden war überall mit üppigem Grase, mit Gestrüpp und raiskcndcm Gewächs bedeckt, das an geborstenen, halb eingesunkenen Wänden, über Säulentrümmcrn und Tropfsteinen Halt genug fand, einzuwurzeln und aufzuklimmen. Wo es der Raum gestattete, waren Tannen und Ulmen emporgewachsen, durch Stämme und Kronen beweisend, daß mehr als ein Jahrhundert vorübergegangen, ohne daß eine Menschenhand ihrem Wachsthume gewehrt und ihnen den gewählten Standort streitig gemacht hatte. Ganz oben vom Gipfel des Hügels schauten als krönender Abschluß die Reste halbverfallener viereckiger Thürme und riesenhafter Wehrmauern hernieder, als wäre es noch ihre Pflicht, den Heerwcg zu bewachen, der längs des Stromes dahinzog, eine kümmerlich erhaltene, mühevoll steinige Bahn. Am Wege stand ein einfaches ländliches Gehöft, umgeben von einem Gehege starker oben zugespitzter Pfähle, unter sich durch dichtgeschloffencs Weidengeflccht verbunden. Das Haus, nur aus einem Erdgeschoße bestehend, war schlicht aber fest aus behauenen Balken 130 gezimmert und lehnte sich etwas zurückgestellt an den aufsteigenden Hügel; seitwärts standen kleinere Gebäude, deren Eines der steinerne Unterbau so wie die daraus aufsteigende Rauchsäule als Backofen bezeichnete, während aus dem offenen Dachgiebcl eines andern Vorräthe von Futter und Getreide hcrvorsahen und in ihm Scheune und Stall erkennen ließen. Tauben saßen auf der Firstsäule, Hühner pickten und scharrten am Boden umher, seitwärts auf einem umgestürzten Architrav waren abgesägte und ausgehöhlte Baumstücke gereiht, die einfache Herberge summenden Bienenvolks, nnd gegenüber in einer durch aufgeschichtetes Brennholz gebildeten Lücke schlief auf die mächtigen Pfoten gekauert, ein gelber zottiger Wolfshund. Der Raum vor dem Wohnhausc war umgearbeitetes Land, in Felder und Beete getheilt, in denen Rüben und Kohlhäupter standen unter Salbei, Raute und anderem Gewächs, das in Haushalt und Küche Verwendung und Nutzen hat. Zwei Frauen waren eifrig beschäftigt, ein Stück des Gartens frisch umzugraben, Unkraut auszuziehen und die Pflanzen von Raupen und anderem Ungeziefer zu befreien. Die Eine war eine starke sehnige Gestalt mit grauem Haar und verblühtem Angesicht, die Andere fein und von jugendlich aumuthigen Formen: Beide hatten Arme und Schultern unbedeckt, ein grobes Linncnhemd und ein Rock von dunkler Wolle mit rothem Endbesatz bildete die ganze schlichte Kleidung der Bäuerinnen. Der alte Chriembert kam den Weg heran und blieb, als er die Frauen gewahrte, an der Umzäunung stehen. „Heda," rief er, die Arme auf die Pfähle gestützt, „laßt einen Augenblick die Schaufel rasten, Ihr Weiber, und sagt an, wo ich Eigel, den Barschalken finde, der weiland seßhaft gewesen, draußen im Chiemgau?" „Ihr seid am rechten Ort, Landsmann," sagte die Aeltcre, „hier haust der Mann, den Ihr sucht — weiland Eigcl geheißen, wie wir noch ungläubige Heiden waren — jetzt heißt er Florianus . . . Aber kommt nur herein, Mann: der Herr ist im Hause, und Du, Leutbirg, geh' und sieh' nach, ob Wolf fest an der Kette liegt, daß er den Fremden nicht zu Schanden reißt!" Ein Mann, in ein Wamms aus rauh gegerbtem Leder gekleidet, war während dieser Reden unter der Hausthüre erschienen, eine gedrungene untersetzte Gestalt mit kurzem Nacken und starkknochigen Armen, die er gähnend über dem Kopfe reckte und streckte, wie Einer, der eben aus dem Schlafe wach geworden — es war das Recht des Hausherrn, daß er ruhte, wenn Alles thätig war, und daß er außer Krieg und Jagd, oder allenfalls dem Schmicdehandwerk keine Arbeit verrichtete, oder höchstens draußen im Felde den Pflug führte und die Saat bestellte. „Hoho," rief der Mann mit kräftiger, rauh klingender Stimme, indem er sich das dichte schwarze Haar aus der Stirne strich, „das ist kein Fremder, wie mir schwant! Die Stimme habe ich schon gehört, und wenn ich nicht noch schlaftrunken bin, so ist das Chriembert von der Schönau, mein alter Zehntgenoß und Waffenbruder!" „Der ist eS, Alter," entgegnete Chriembert eintretend, „ich will Dein Gast sein auf ein paar Tage — ich hoffe, Du hast die jungen Zeiten nicht vergessen, wo wir unter Einer Decke am Wachtfeuer lagen und uns Blut-Runen" in die Arme schnitten auf ewige Freundschaft; ich komme zu dem alten Eigel, den Neuen mit dem wunderlichen Namen kenn' ich nicht!" „Tritt herein," sagte Eigel, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, „thu' meinem Hause die Ehre an . . . beim Donner ... bei meinem Namenpatron will ich sagen, ... es ist noch kein besserer Gast über seine Schwelle gegangen! Welch' Abenteuer hat Dich zu mir verschlagen? Komm herein — Ihr Weiber aber rüstet ein tüchtig Lager und sorgt für Imbiß und Willkommentrunk ..." „Du kannst es errathen, Blutbruder," erwiderte Chriembert und trat mit Eigcl in's Haus. „Ist nicht Herzog Dict von Bajoarien, weiland unser Anführer und Fcld- hauptmann auf seiner Rückreise aus dem Lande der Walchen nach Piding gekommen?" 131 „Freilich wohl," sagte Eigel lachend, „aber nicht nach Piding — den Namen gibt es nicht mehr: seit der Herzog den frommen Bischof Chrodbert vom Rhein gerufen und ihm die alte römische Trümmerstadt geschenkt hat, damit er sie und das Land und uns Alle zu guten Christen mache, seitdem ist sie die Salzburg geheißen . . „Mag sein!" brummte Chriembcrt. „Kann mir das Alles nicht mehr merken! Da droben, auf dem Jmberg, steht noch der heilige Hain des Pid, des Kriegsgottes, zu dem wir einst gebetet haben . . . weißt Du es noch, Eigel? Ich wenigstens kann es nicht vergessen, und habe immer die alten Namen und Dinge im Kopf! D'rum will ich auch den Herzog einmal wieder sehen und ihm ein Gastgeschenk bringen . . . Sieh' her," fuhr er fort, indem er ein längliches Fäßchen vom Rücken nahm, „ein weidlich Gericht von Salmlingen aus dem Wildsee, frisch gefangen und so schön, wie selten! — Es ist ein lecker' Esten und ich weiß, daß es dem Herrn vor Zeiten besonders wohl gemundet hat! Die Fische soll er haben und Du mußt mich zu ihm führen!" „Soll geschehen," war Eigel's Antwort, „wirst Dich aber bis spät in den Abend gedulden müssen, der Herzog mit seinen Falknern ist in's Ried hinausgeritten zur Reiher- beize... Hoho," unterbrach er sich, durch niedrige Fenster hinausrufcnd, „Raynhild ... Leutbirg... hört Ihr nicht, Ihr Weiber? Nehmt das Fäßlein da — 'sind seltene Fische drinnen . . . bindet's an ein Seil und laßt es hinab in den Ziehbrunnen, daß sie frisch und munter bleiben!" Die Wohnstube des Eigelhofs bot nicht viel der Gemächlichkeit, noch der Zier. Die Wände oder das Gebälk waren thcilweise von den Jahren angedunkelt, thcilweise vom Rauch geschwärzt, dem von der Feuerstätte in der Ecke, die zugleich als Ofen und als Küche dienen mußte, nach allen Seiten hinzuziehen gestattet war. Ein langer ungeschlachter Tisch mit Querfüßcn und eine Reihe von Bänken und Stühlen von nicht minder kunstlosem Gefüge umgaben denselben - an den Wänden auf einfachen Holzgesimsen standen einige Krüge und Schüsseln, darüber war die Ausrüstung des Mannes für Jagd und Krieg, Schild und Eiscnhaube, Spieß und Schwert, Kolben und Streitaxt sammt Halsbcrge und Kettenhemde aufgehangen. In der Ecke hing ein schlichtes Kreuzbild, zum Zeichen, daß das Haus ein christliches sei und befremdlich genug waren an dem Gebälk über'm Herd allerlei Runen und Zeichen mit Kohle angeschrieben, die, wie das geschlossene Fünfeck, damit nicht wohl zusammenstimmten. Eine Thüre seitwärts führte in's Schlafgcmach, eine andere über einige Stufen hinab in ein unterirdisches kellerartigcs Gelaß, wo Rocken und Webstuhl erkennen ließen, daß es die eigentliche Werkstätte des Fleißes der weiblichen Hausgenossinncn sei. Ein etwas erhöhter, mit schwarzem Bärenfell belegter Sitz am Ende der Tafel bezeichnete den Ehrenplatz des Herrn und Hausvaters. „Nimm den Hochsitz ein," sagte Eigel zu Chricmbert, „dem Gast gebührt die Ehre!" Dieser gehorchte, der Wirth lagerte sich ihm zur Seite und bald trat die Hausfrau ein, eine blendend weiß gescheuerte Platte aus Lindenholz in den Händen, worauf eine kalte gebratene Schwcinskeule lag, zum Theile bereits in bequeme Stücke zerlegt, die gleich mit den Fingern ergriffen und genossen werden konnten. Der Wirth des Hauses nahm einen Bissen, tauchte ihn in das auf dem Tische stehende Salzfaß und reichte ihn dem Gast, indem er zugleich das breite Schnitzmesser vom Gürtel nahm und mit Gewalt in die Tischplatte stieß, zum Zeichen, daß der Gast nun im Schutze des Hauses und seines Herrn stehe. Unmittelbar hinter der Hausfrau erschien die Tochter, schnell in ein reines Helles Obergcwand gekleidet, rasch von Staub und Schweiß der Gartenarbeit gereinigt, mit lichten Armen und klarem Angesicht. Sie trug ein mächtiges Stierhorn, am Rande mit blankem Silber beschlagen, wohl erkennbar als ein Werthstück und Ehrenbesitz des Hauses, der nur bei besonderem Anlaß hervorgeholt wurde. Es war Pflicht und Auszeichnung der Frauen, zumal der Töchter, den Ehrenbecher zu kredenzen, und bei Mahl und Gelag 132 üls anmuthige Schenkinnen zu dienen: ihnen lag es ob, das Trinkhorn mit angemessenem Spruch und Reim zu begleiten. Lentbirg trat zu dem Gaste, reichte ihm das Horn mit sittig niedergeschlagenem Blick und sagte: „Die Schwalb' und em Gast bringt Glück in's Haus. „D'rum tbut Bescheid und trinket daraus!" „Trink', alter Z-Hntgenoß," rief Eigel, „und laß' es Dir munden! Das ist rother Wein vom Schloß Teriol, den ich unlängst selber mit heimgebracht von einer Saumfahrt über den Dauern — es ist ein edel Getränk. Habe auch die Rebe mitgebracht und habe sie angepflanzt zum Versuch, ob die Sonne von Salzburg kräftig genug sei, so köstlichen Most gar zu kochen!" Der Gast hatte sich erhoben; er hielt das Trinkhorn hoch empor und neigte es über, dgß einige Tropfen auf den gedielten Boden nicderträufelten. Er sprach: „Donar sei der erste Trunk gewelkt — „Auf's Glück des Hauses trink' ich Bescheid!" Dann setzte er das Horn an den Mund, leerte es reichlich in Einem kräftigen Zug zur Hälfte und gab es dem Hausherrn hinüber, der es vollends ausschlürfte, dann auf die Hand umstürzte, daß der letzte Tropfen auf dem Nagel des Daumens sitzen blieb. Rasch hatte die Tochter das Horn wieder gefüllt und es auf dem Gestell befestigt, daS, aus den Ständern und Fängen eines Adlers geformt, zu solchem Dienst auf der Tafel bereit stand. Dann zogen die Frauen sich zurück und bald wurden die Laute ihrer Thätigkeit draußen im Garten wieder hörbar, während die Männer sich in's Gespräch vertieften, der gemeinsam verlebten Jugend gedenkend, in der Erinnerung noch einmal sich erfreuend an den in Waid- und Kriegs-Werk überstandenen Führlichkeiten und Abenteuern. Sie erzählten einander, wie sie seither gelebt und gewirthschaftct; Chriembcrt rühmte das Töchterlein des Wirths und sein unmuthig Gebühren und meinte, der Eidam, der sie ihm entführe, werde nicht lange auf sich warten lassen, Eigel dagegen fragte nach des Gastes Sohn und erfuhr, wie er vom Vater zurückgelassen worden, zu Wach' und Wehr für das einsame Gehöft in der noch einsameren Schönau. Zuruf von außen unterbrach das Gespräch; die Frauen hatten inzwischen wieder fort gegraben und die Tochter kam rufend an's Fenster, sie hätten beim Graben einen seltsamen Fund gemacht, der Vater solle heraus kommen mit dem Gast, es sei noch eben hell genug, das sonderbare Gebild zu beschauen. Die Männer folgten und betrachteten verwundert das Gefundene — das Bruchstück einer erzenen Figur, dicht mit Moder und Grünspan bedeckt, Oberkörper und Kopf eines schönen Jünglings vorstellend, welch' Letztem eine hutartige Mütze bedeckte, mit einem Flügelpaar geschmückt. Während das Erzstück von Hand zu Hand wanderte, von manchem Ausruf des Staunens, mancher Frage nach dessen Bedeutung begleitet, tönte feierlich frommer Gesang durch die stärker einbrechende Dämmerung. „Was bedeutet das?" rief Chriembcrt verwundert und horchend. „Das sind die Mönche mit den Knaben," sagte Eigel, „sie haben drüben über der Salzach die Zellen, die im Felsen eingehauen und ausgehöhlt sind, bezogen und den Grundstein gelegt zu einer neuen Kirche. Da wohnen sie nun und haben ein Häuflein Knaben um sich gesammelt, die sie erziehen und unterrichten . . . Vermuthlich ist einer von den Vätern mit den Knaben lustwandeln gegangen. Sie pflegen das öfter so zu halten, und mögen sich heut verspätet haben, den ungewöhnlich schönen Abend zu genießen — ist es doch fast schon dunkel und unter den Sternen ist der Heerwagcn schon hoch herauf gerückt, schier über die Firstsäule meipcs Hauses . . ." Während der Rede waren die Knaben schon herangekommen, alle in lange dunkle, mönchartige Gewänder gehüllt, auö denen die runden vollen Kinderköpfe anmuthig heraussahen; sie schritten munter einher und wie ein Lustgesang, in den sich die Freude der 133 jungen Gemüther ergoß, tönte das feierlich getragene Kyric von ihren Lippen. Ein Mönch in schwarzer Kutte war ihnen als Führer und Begleiter zur Seite. „Was ist das?" fragte Chricmbert flüsternd. „Sie sind geschoren — sind eS hörige Knaben?" „Nicht doch," entgegnctc Eigel ebenso, „es sind die Söhne der frciesten und besten Männer darunter — es drängen sich gar Viele zu der Aufnahme: aber sie sollen einmal christliche Priester und Sendboten werden und darum tragen sie jetzt schon Haar und Gewand wie diese ..." Kopfschüttelnd hörte der Alte zu und gewahrte, wie die ganze Familie beim Herankommen des Mönches näher an die Umzäunung trat und wie der freie Mann und Barschalk, einst sein Blutbruder und Kampfgenoß Kopf und Nacken vor demselben beugte, während die Frauen kniend die gefalteten Hände in demüthiger Verehrung empor hoben. Der Mönch blieb steh'n und überblickte die Gruppe: er mochte mit Verwunderung des alten Jägers gewahr werden, der allein unachtsam und aufrecht stand. Es war ein schlanker hochgewachsener Mann, mit röthlichcm Bottbart, frisch gefärbtem Angesicht und klugen feurigen Augen. „Der Herr segne Euch," sagte er mit fremdklingender Betonung, welche wie die Farbe seines Haares an die irdische Heimat mahnte, der er entstammte, „er schütze Euch diese Nacht und gebe nicht zu, daß der Engel des Verderbens Euch schade. Amen! ... Ihr seid noch so spät fleißig gewesen," fuhr er dann in freundlich ermunterndem Tone fort, „und wie es scheint, zur guten Stunde, denn Ihr habt wohl einen seltenen Fund gemacht?" Er deutete auf die Erzfigur, welche Eigel noch in den Händen gehalten hatte und ihm nun überreichte. (Fortsetzung folgt.) Das Gloria des Teufels. -2) Nicht sehr lange vor dem Auftreten der reichen Fuggcr lebte in der kunstsinnigen Reichsstadt Augsburg ein Meistcrsänger, Namens Peter Umlauf, der neben seinem Liederschätze — eine seltene Beigabe —- auch des Geldes und Gutes im Ueberflussc besaß. Der Alte machte gar kein Hehl von seinen Reichthümern, sondern that sich vielmehr ein Ziemliches darauf zu Gute, indem er mit großer Ruhmredigkeit von seinen Kunstfahrtcn erzählte, und welche Fürsten und Machthaber alle, geistliche wie weltliche, ihn mit Kleinodien beschenkt hätten. Es fanden sich indeß welche, die bezweifelten, daß er seinen ungewöhnlichen Wohlstand allein dem Gesänge danke, zumal nicht unbekannt war, wie er auch mit den tieferen Wissenschaften sich befasse und in der Sterndeuterei, sowie im Gebrauche des Erdspiegels und der Wünschelruthe wohl erfahren sei. Mißgünstige Menschen sprachen sogar von einem Bunde mit den bösen Geistern, ein Verdacht, welcher in jenen Zeiten Manchen traf, der in die Geheimnisse der Natur besser eingeweiht war, als die unwissende Menge. So viel hatte seine Richtigkeit, daß fromme Gesinnung nicht die hervorragende Eigenschaft unseres Künstlers war. Man sah ihn äußerst selten in der Messe und mit Noth des Jahres einmal am Tische des Herrn, Wir haben diese launige Erzählung den gegenwärtig zur Subscription aufliegenden ,gesammelten Schriften" Ädalb. Müller's entnommen, um durch dieses Probestück unsere Leser zetzt schon aus diese demnächst erscheinenden Schriften aufmerksam zu machen. Die einfache und doch fesselnde Darstellung, der natürliche Humor, mit dem diese Erzählung gewürzt ist, ist sicherlich geeignet, einen günstigen Maßstab zur Beurtbeilung aller Erzählungen dieser reichhaltigen Sammlung an die Hand zu geben. Sie enthalten Sagen und Legenden aus Südveutschland, Fromme Lieder, Fliegende Blätter, Miscellen. Bestellungen sind in derM. W äsn er'sehen Buchhandlung zu Regensburg oder auch in jeder beliebigen Buchhandlung Bayerns zu bewerkstelligen. Preis 1 fl. 45 kr. Die Red. 134 «nd eben so wenig zeichnete er sich durch Freigebigkeit an die Klöster und Bruderschaften L aus, weßhalb er bei den Strenggläubigen eben nicht im besten Gerüche stand. ' Meister Peter hatte eine Tochter — das einzige Kind — welche gerade das Widerspiel des Vaters war, und wenn dieser durch Schroffheit und Hochmuth die Herzen abstieß, zog Lisbeth durch mildes und bescheidenes Wesen alle an. Zufolge ihres Liebreizes und ckugendsamen Wandels hätte sie Freier die Menge gefunden, wenn auch im ^ Hintergründe nicht die reiche Mitgäbe gestanden wäre. Der Alte aber erkannte nicht, 5 welch' kostbare Perle er an seiner Tochter besaß, sondern grollte mit dem Himmel, daß er ihm keinen Sohn beschicken, auf welchen er seine Kunst hätte vererben können; denn er war auf seinen Ruhm nicht minder stolz, als auf seinen Mammon? Als nun Lis- beth mehr und mehr heranwuchs, kam er auf den Einfall, durch sie dennoch der Stammvater eines Sängergcschlechtes zu werden, und ließ derohalben kund thun, daß er dem- - jenigen seiner Tochter Hand benebst einer Aussteuer von zwanzigtausend ungarischen Gulden gebe, so das schönste Minnelied dichte und absinge. In öffentlichem Wettkampfe -sollte der Preis nach dem Ausspruche der bestellten Kunstrichter erworben werden. — Ungerührt von den Bitten und Thränen der Tochter und den Vorstellungen seiner Freunde sandte Meister Peter das Ladschreiben im ganzen Reiche herum und fügte, um das Maß voll zu machen, mündlich den frevelhaften Schwur bei: „Er werde sein Wort halten, wenn auch der böse Feind selber unter den Bewerbern sich einsinke." Das Plakat des Augsburger Meisters zündete wie ein Blitzstrahl in der deutschen Iunggcscllenwelt, und wer nur immer „Herz und Schmerz" zusammenreimen und ein Tänzchen auf der Zither klimpern konnte, quälte sich mit dem Versuche, ein Lied auszuhecken und in Noten zu setzen. Sämmtliche Geigenmacher zwischen Rhein und Oder waren nicht im Stande, so viele Harfen, Lauten und Fideln beizuschaffen, als die Nachfrage verlangte. In der Vaterstadt Lisbeth's griff erklärlicher Maßen der poetische Schwindet am Allgemeinsten um sich und verrückte den gesetztesten Männern den Kops. Alles, was noch nicht beweibt war, summte, pfiff und trillerte den lieben langen Tag über vor sich hin, zu Hause und auf der Straße, und ganz Augsburg schien dem Ohre verwandelt in einen von tausenderlei Singvögeln bevölkerten Zauberwald. Solche Macht haben Liebe, Habsucht, Selbstdünkcl und Ehrgeiz über den Menschen. Der Preis war aber auch gar zu anlockend, und manches hungernde Dichterlein sah im Geiste bereits sein ärmliches Dachstübchen von der strahlenden Schöne der Goldbraut erhellt. § Einer nur nahm nicht Theil an dem Jubel und den Hoffnungen, welche die Aus- schreibung hervorgerufen hatte, und das war der ehrsame Geschlechter Herr Dietrich Lang enmantel. Der junge Mann hatte seit geraumer Zeit sein Auge auf Lisbeth geworfen und, von ihr gleichfalls gerne gesehen, war er eben daran, förmlich um ihre Hand anzuhalten, als ihm des Vaters wunderliche Grille einen bösen Strich durch die Rechnung machte. Den starrsinnigen Alten von seinem Vorhaben zurückbringen zu , wollen, wäre verlorene Mühe gewesen, und eben so wenig durfte sich Junker Dietrich irgend Hoffnung machen, den Preis im Wettgesange zu erringen; denn so gut er auch im Rathe das Wort und auf dem Schlachtfelde das Schwert zu führen vermochte, —> in der edlen Musika war er ein erbärmlicher Stümper und kaum vermögend, ein einfaches Trinklicdlein genießbar vorzutragen. Schon war der Vorabend des zum Wettspiele festgesetzten Tages gekommen, und noch wußte der liebessieche Junker nicht, wo aus oder an. Rathlos irrte er in den Straßen der Stadt herum und kam endlich, geleitet von seinem guten Engel, vor Sanct ' Ulrichs Münster. Er trat ein, um bei Gott Tröst zu suchen, wie ein frommer Christ ^ thun soll. Eben verklangen die letzten Glockcnschläge des Angelus im Thurme, und Dietrich fand sich zu dieser späten Stunde allein in den weiten, dunkelnden Hallen. Er fiel an den Stufen des Altares auf die Kniee und betete lange nnd inbrünstig. Als er sich wieder erhob, sah er zu seiner Verwunderung das Grabmal des heiligen Ulrich von einem blendenden Silberscheine übergössen, und ob dem Steine schwebte in wallender Lichtwolke die ehrwürdige Gestalt eines greisen Bischofs. Solch' unaussprechliche Milde- und Güte hatte Dietrich nie zuvor in einem menschlichen Antlitze geschaut, und er fühlte augenblicklich alle Furcht beschwichtiget. „Mein Sohn!" begann die Erscheinung mit sanfter und dennoch klangvoller Stimme, „wisse, nur eine dünne Erdrinde trennt die Wohnungen der Menschen von den Grüften der Hölle, und die da unten hören leise. So hat denn der Satan den vermessenen Eid jenes Rabenvaters vernommen und sich aufgemacht, um den Preis zu ringen. Aber Gott, die ewige Gerechtigkeit, duldet nicht, daß eine schuldlose Seele zu Grunde gehe." Beim Schlüsse dieser Rede erhob sich der Heilige in seiner Wolke gegen den Altar hin, öffnete das auf dem Pulle liegende Meßbuch und riß ein Blatt heraus, welches er zusammenrollte und dem Junker darreichte, mit den Worten: „Morgen erscheint unter den Wettkämpfern auch Derjenige, dessen christgläubige Herzen nur mit Grauen gedenken. Der Herr wird dir die Augen öffnen, daß du ihn trotz seiner gleißenden Vermummung erkennest. Halte dich in seiner Nähe, folge achtsam seinem Gesänge, und wenn du gewahrst, daß er zu Ende kommen will, so lege ihm behende dieses Blatt unter und sei des Erfolges gewärtig." Sprach's und verschwand. Der Junker, welchem neuer Lcbcnsmuth durch die Adern strömte- warf sich noch einmal vor dem Altare nieder und verließ sodann nach kurzem, aber heißem Dankgebete die Kirche. Zu Hause angelangt, fand er, daß die Rolle, welche ihm der Heilige gegeben, den englischen Lobgcsang enthielt, wie ihn der Priester in der Messe mit den Worten: „Oloria in sxoslsis Dno" zu intoniren pflegt. Am folgenden Tage glich die gute Stadt Augsburg einem Bienenstöcke, so wimmelte es auf den Straßen und Plätzen allüberall von Fremden. Die Meister und Pfuscher aus ganz Dculschiand halten sich cingcstclll, und noch ungleich größer war die Zahl der Neugierigen, die das Fest herbeigezogen. — Zur bestimmten Stunde ergoß sich der Schwärm in die geräumige Halle des Umlauf'schen Hauses, welche auf's zweckmäßigste zum Schauplätze hergerichtet war. Weit gegen die Mitte des Saales vorgeschoben, stand der mit schwerem Goldbrokat bchangene Singcstuhl, eine Art Katheder, welchen die vortragenden Sänger zu besteigen hatten. Diesem zur Rechten und Linken, aber tiefer im Hintcrgrnnde, erhoben sich zwei Estraden, die eine bestimmt für Meister Peter und seine Tochter, die andere für die drei Mcrker, welche das Preisgericht bildeten. — Stuhl und Estraden umgaben in weitem Halbkreise die Bänke der Prciswerber. Jeder derselben hatte eine Pergamentrolle in der Hand, auf welcher seine Composition verzeichnet war, und einen Diener hinter sich, der das Instrument seines Herrn im Arme hielt. Eine Schranke, quer durch den Saal gezogen, schloß die eigentlichen Festgästc von dem bloß zuhörenden Publikum ab. Nachdem Alles Platz genommen, überschaute Meister Peter die glänzende Versammlung mit der Miene befriedigten Stolzes, die für einige Augenblicke in den Ausdruck des Spottes überging, als er in der Reihe der Sänger auch Dietrich gewahrte. Die Neigung des Junkers zu seiner Tochter war ihm nicht unbekannt, aber eben so gut wußte er, welch' ein ungeschickter Poet jener sei. — Ganz andere Gefühle durchzuckten Lisbeths Herz, als ihr Blick diesen Mitwerber traf, und sie hielt mit Mühe die Thränen zurück, welche ihr in die vom Kummer getrübten Augen traten. Meister Peter gab jetzt das Zeichen zum Beginne. Man hatte ausgemacht, daß die Künstler nach dem Loose auftreten sollten. Der Erste, welcher den Singstuhl einnahm, ließ sich in der Weise Nosenblüth's hören; Andere folgten in der fröhlichen Lobwcise Hans Berchlcr's von Straßburg, im güld'nen Ton, in der geblümten Paradicswcisc und dergleichen. -Es waren einige gute Sänger darunter, aber begeisterten Beifall wußte keiner hcrvorzulocken. Die Merkcr horchten aufmerksam den Vortrügen und notirten sogleich auf ihren Tafeln, wenn ein Verstoß in der Form gegen die Gesetze der Tabulatur oder im Inhalte gegen die Erzählung der Bibel und der Heiligen-Geschichte vorfiel. 136 Jetzt kam die Reihe an Nummer Siebzehn, und in dem Aufgerufenen, welcher mit langen Schritten dem Singstuhlc zueilte, erkannte Junker Dietrich kraft der ihm verheißenen höheren Eingebung alsogleich seinen Mann, obfchon derselbe äußerlich durchaus nichts Auffallendes zeigte; denn der Teufel ist nicht so dumm, daß er etwa durch eine rothe Hahnenfeder und einen feuerfarbencn Mantel sich selber den Aushängeschild der Hölle ankleben sollte. Der Fremde begann seinen Vortrag mit einem Präludium auf der Laute, die er meisterhaft handhabte. Hierauf ließ er ein Lied folgen, welches die schöne Helena und die Freuden des Venusberges zum Gegenstände hatte. Schon bei den ersten Tönen seiner glockenreinen Tcnorstimme gaben sich alle Mitbewerber verloren, und gleichwohl konnten sie dem Entzücken nicht widerstehen, welches diese zauberischen Weisen in der Versammlung hervorriefen. Besonders hingerissen zeigte sich Junker Dietrich. Er hatte seinen Platz verlassen, und rückte dem Sänger mit jeder Strophe näher und näher, bis er zuletzt dicht hinter ihm stand. Es schien, als wolle er das Liederbuch, welches der Fremde vor sich auf dem Pulte liegen hatte, mit den Augen verschlingen, in solch' gespannter Aufmerksamkeit folgte er dem Gesänge Note für Note und Wort für Wort. Eben wollte jener mit einer glänzenden Schlußstrophe sein Lied beendigen, als Dietrich's flinke Hand ihm das Blatt aus dem Mcßbuchc einschob. Da hätte man sehen sollen — denn beschreiben läßt sich so etwas nicht — welche Veränderung urplötzlich mit dem Fremden vorging. Der Siegesstolz in seinen Zügen wich im Nu der Grimasse des höchsten Entsetzens; seine Gesichtsfarbe, erst die eines Mannes von blühender Gesundheit, wurde giftiges Gelb, sein einschmeichelnder Gesang das Brüllen einer wilden Bestie. Er wollte das Blatt hinwegschleudcrn und vermochte es nicht; er wollte vom Stuhle aufspringen, aber eine unsichtbare Macht hielt ihn stramm darnieder, und dieselbe Gewalt zwang ihn auch, das Gloria anzustimmen. Er that es mit einem Geheule, welches den Zuhörern die Haare zu Berge trieb und das Blut in den Adern starren machte. Keiner hatte Lust, das Ende dieser höllischen Hymne abzuwarten, und kopfüber stürzte Alles dem Ausgange zu. Durch ein ganzes Stadtviertel verfolgten die schauderhaften Laute die Flüchtlinge. Der alte Umlauf war nun innc geworden, welchen Gast er durch seinen Frevel sich in's Haus geladen. Er ging, um den Nest seiner Tage der Buße zu widmen, als Laienbruder in ein Kloster, nachdem er seine Schätze theils seiner Tochter, theils der Kirche, seine Lieder aber insgesammt dem Feuer übergeben. Von daher rührt es, daß von diesem berühmten Meister keine Zeile auf uns gekommen, was die Gelehrten heute noch beklagen. Lisbcth, als sie sich von der Krankheit erholt, welche ihr der Schrecken zugezogen hatte, reichte ihrem Retter die Hand, und das war zweifelsohne das beste Ende vom Liede. (Theurer Wein.) Der älteste Rheinwein in der „Rose" des Rathskellers zu Bremen soll aus dem Jahre 1624 stammen. Eine jüngere Sorte ist vom Jahre 1668. Dieser Rheinwein kostet, wenn nur 6 Oxhoft zu 300 Thaler Gold eingekauft wurden, mit Zins und Zinses^ins, Lekkage und Ersatz mit 10 Procent seit 192 Jahren, das Oxhoft 5752 Millionen Thaler; die Flasche 22 Millionen Thaler; ein Glas (8 auf die Flasche) 2'/-^ Millionen, und jeder Tropfen (1000 Tropfen auf ein Glas gerechnet) 2750 Thaler. Druck, Derlae und Redaktion des lilerarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 18. 3. Mai 1868. Augsburger Sonntags-Blatt. Eine Bresche ist jeder Tag, Die viele Menschen erstürmen, Wer auch in die Lücke fallen mag, Die Todten sich niemals thürmeu. Göthe. Sanct Marthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Siehe da — ein Ueberbleibsel aus der zerstörten Römerstadt, unter deren Trümmern wir stehen! Vermuthlich war es ein römischer Kaufmann, der sich hier Villa und Garten gegründet hatte, sich des erhandelten Reichthums zu erfreuen und die Tage seines Lebens zu vergeuden in flüchtiger Weltlust! Dieses Gebilde ist trotz der Zertrümmerung unschwer an dem geflügelten Hute zu erkennen: es ist Merkurius, welchen die Heiden in ihrer Verblendung als den Gott des Handels verehrten! ... Es ist kunstvolle Arbeit, und auch ohne dieß wohl werth, daß Ihr dem Bilde ein Plätzlein gebt in einer Ecke des Hofs ... es soll Euch ein Denkzeichen sein, eine stete Mahnung an die Vergänglichkeit! Sehet an dieß Gebilde — es ist zertrümmert, ist vergangen! Wo ist der Bildner, der eS geschaffen? Wo sind die Menschen, wo ist die ganze Welt, für die er es geschaffen? Dahin! Vergangen! Verweht wie der Wind, der über die Erde fährt und ist seine Spur nicht zu finden! Und so vergeht Alles, was irdisch ist! So werden verschwinden und vergangen sein alle Bilder und Zeichen bis auf das Eine, das allsiegende Kreuz unseres Heilands und Herrn! — Und wohl dem," fuhr er fort, das Auge fester auf Chriembert gerichtet, der noch trotziger und starrer da stand, als wolle er zeigen, daß es ihm nicht in den Sinn komme, den freien Nacken zu beugen, „wohl ihm, der sich willig unter dasselbe schmiegt und freudig, denn er wird inne werden, daß das Joch süß ist und die Bürde leicht — wer ihm aber zu widerstreben vermeint, dem wird der Herr den Sinn brechen, denn er hat die Gewalt dazu und die aus den Wolken weithin über den Erdball reichende Hand! Sprich, Jukunde, mein Sohn," redete er den ihm zunächst stehenden Knaben an, „sage, wessen Angedenken wir heute feiern im Kreise der christlichen Gemeinschaft?" „Das Andenken von Sanct Bartholomäus, dem Sendboten und Blutzeugen," erwiderte der Knabe. „Und Sanct Bartholomäus," fuhr der Mönch in steigender Betonung fort, „hatte sich auch vom Herrn abgewendet in dem Hochmuth seines Herzens! — Er war es, der im Stolze gesprochen: „Was kann wohl des Guten kommen von Nazareth?!" Aber es kam über ihn die Stunde, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, und wo er es bekennen mußte, daß der Mensch keinen dauernden Stab und kein anderes Heil hat, als den Herrn! Und der erst getrotzt, ward der geschmeidigste Diener des Herrn und der ihn gcläugnet, bekannte ihn unter den Qualen des Todes und unter den Messern seiner Peiniger und Henker, die ihn schunden, rief er mit Frohlocken zu ihm ..." 138 Plötzlich hielt der Eifernde mitten im Fluß der Rede ein und lauschte — von der ^ Höhe des Hügels herab tönte es wie Saitenspiel, Flötenklingen und fröhlicher Gesang, befremdlich stimmend zu der feierlichen Ruhe der Nacht und den ernsten Worten des Predigers. Die Töne zogen von den Trümmern des Castells herab und schienen den schlangelnden Bergweg entlang immer näher zu kommen: ehe der Pater, dessen Blicke sich unwillig und strafend in der Richtung der Töne erhoben, die Frage ausgesprochen, trat Eigel erklärend und wie entschuldigend vor und sagte: „Das sind die longobardischcn Ede- lingc, würdiger Vater, welche Herzog Dict und seinen Söhnen das Geleit gegeben, heraus aus dem Walchenland! Sie haben ein Gelage gehalten droben in der alten Burg und mögen jetzt abziehen, weil sie wahrscheinlich von der Höhe aus den Jagdzug des heimkehrenden Herzogs gewahr geworden ..." Der Mönch erwiderte nichts; seinen Zöglingen winkend, eilte er raschen Schrittes stromaufwärts, wo starke Bäume als Pfeiler in das Bette der Salzach eingerammt waren, und ein schwankendes Balkenlager als Brücke trugen, unter welcher der Fluß, wie des Zwangs unwillig dahin schoß. Sie waren kaum im Dunkel des jenseitigen Ufers verschwunden, als der fröhliche Zug bereits von Fackeln beschienen, auf den Terassen zwischen den Trümmern und Büschen der römischen Siedelungen sichtbar wurde — laut und in ungebändigter Lebenslust: es hatte den Anschein, als wäre ein Theil der Bewohner der alten fröhlichen Römer-Colonic aus Gruft und Asche zurückgekommen, noch einmal eine bacchische Nacht zu feiern, wie sie einst so oft das nächtlich schlafende Echo der Berge geweckt. Die Gesellschaft im Vorgarten des Eigelhofs trat vom Gehege etwas zurück: die Nacht und der noch dichtere Schatten einer Lindcnkrone, die sich in der Ecke erhob und ausbreitete, ließ sie die Vorüberziehenden beobachten, ohne selbst erblickt zu werden. Dem Zuge voran schritten einige halbnackte Gesellen mit Cymbeln und Handpaukcn, die sie in ausgelassenen Sprüngen einher tanzend^ schüttelten, schwangen und schlugen; Musiker folgten, mit Kränzen von Eichenlaub im Haar, auf Flöten oder zweiteiligen Zinken blasend, oder in den Saiten weitgebauchter Lauten spielend, während eine Schaar Sänger, mit Rosen und kostbaren Blumen bekränzt, ein übermüthiges Weiulied sangen, des Inhalts, daß die alten fröhlichen Götter die Erde verlassend in den Olymp zurückgekehrt seien, und daß nur zwei derselben bei den Menschen, ihren verwaisten Lieblingen zurückgeblieben, die Herrin der Liebe und der Gott des Weins. Ein Jüngling, dem beginnenden Mannesalter nahe, eine hohe Gestalt mit schönem, von sinnigem Ernst überflogenen Angesicht schritt hinterher, im Mantel und Leibrock der Bajoaren, auf der Brust ein gesticktes Schildlein von weiß und blauen Rauten, das die fürstliche Abstammung erkennen ließ. Es war Grimwalt, Herzog Theodos ältester Sohn. Die nach ihm kommenden Jünglinge und Männer waren alle in weiße Gewänder gekleidet, weit bis über die Knie herabfallend und mit breitem Purpursaum besetzt; weite weiße Beinkleider mit bunten Streifen umwickelt, reichten bis zu den Knöcheln herab, während im Gürtel ein reich mit Steinen besetzter Dolch blitzte und ein kurzes breites Schwert an zierlichem Kettlein davon nicderhing. Es waren hohe wohlgebaute Gestalten mit kühnen Köpfen und rothwangigen Gesichtern voll lachenden Uebermuths, blauen Augen und rothen Haaren und Bärten Das Haar war ihnen am Hintcrhaupte ganz kurz geschoren, während es von Stirne und Schläfen in langen, langen Locken und Strähnen bis aus den Bart und mit diesem bis auf Brust und Lenden herabfiel — ein glänzender Reif hielt es an der Stirne zusammen, daß es nicht in wirrer Unordnung ,> durcheinander fiel. „Das sind die Fremden, die Langbärte," flüsterte Eigel seinem Gaste zu. „Der Lachende dort mit dem wie ein Stern funkelnden Stirnband ist Prinz AnSbrand, ihr künftiger König, dem Herzog Diet zu Thron und Krön verhelfen gegen seinen widerspenstigen Ohm ..., der männliche Recke hinter ihm ist Aistulf, sein Schwertträger und 139 ^ Bannerführer und der hübsche blasse Jüngling,, den er am Arme führt, ist Dietwalt, I unseres Herzogs jüngster Sohn . . ., der ist weniger besonnen und ernst, wie sein voranschreitender Bruder und es will verlauten, als sei er zu lang verweilt an dem ausgelassenen Langobarden-Hofe zu Pavia . . . Aber komm jetzt hinein in's Haus, Freund. Chriembert: es wird Zeit sein, uns auf den Weg zu machen, wenn Du Dein Gastgeschenk heut' noch übergeben willst. . ." ^ Sie gingen, die Thüre des Gehöftes schloß sich; bald darauf traten die Männer an der Rückseite wieder heraus und schritten zwischen den Trümmern einen etwas beschwerlicheren aber kürzeren Pfad an der Anhöhe dahin und der Brücke zu. Als der Zug der Langobarden an dem Gehöfte vorüber war, hielt Prinz Dietwalt seinen Gefährten, den wälschen Fürsten unmerklich am Arme zurück und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Lachend ließ dieser seinen Arm los und schritt mit allen klebrigen voran: Niemand ward es gewahr, daß Dietwalt mit einem Begleiter allein zurück- blieb. Als Musik und Fackelschein über der Brücke verklungen und erloschen waren, trat der Prinz aus dem Weggebüsche, hinter dem er sich verborgen halte, hervor und näherte sich dem Gehege. Er glaubte allein zu sein: es hätte auch ein scharfes nacht- gewohntes Auge dazu gehört, in der Finsterniß ein paar Gestalten zu unterscheiden, welche ihn offenbar beobachteten und wie an seine Sohlen geheftet, stille standen, sobald er anhielt, und ihm folgten, wie er weiter schritt. „Geh' zur Seite," raunte der Prinz seinem Begleiter zu, „aber bleib' in der Nähe und harre meines Rufs ... als wir heut Morgen an diesem Hofe vorbeizogen, habe ich ein schönes Dirnlein gewahrt; ich will versuchen, ob ich nicht vermag, sie herauszulocken . . . ^ „Ich kenne sie," — lachte der Knecht, „es ist Leutbirg, des Barschalken Florianus Töchterlein — ein holdselig Kind, schlank und helläugig wie ein Falke!" „Und ebenso scheu!" entgegnete Dietwalt. „Ich rief und lachte ihr zu, aber sie ^ huschte in's Haus, wie ein aufgeschreckter Vogel! Das gefällt mir eben, laß sehen, ob ^ sie nicht kirre zu machen ist — es sind schon wildere gezähmt worden, sollt' ich meinen ..." Er versuchte, das Thor im Gehege zu öffnen; es wich nicht und über seinem Rütteln begann der wachende Wolfshund zu knurren. „Ihr werdet Lärmen machen," flüsterte der Knecht. „Das schadet nicht," entgegnete Dietwalt, „vielleicht meldet sie sich doch, um nach dem Störenfried zu sehen: mehr will ich für's Erste nicht erreichen . . ." Inzwischen war die Ejne der spähenden Gestalten unbemerkt völlig herangekommen: wie der Prinz wieder an das Gehege faßte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Erschrocken prallte er zurück, die Hand am Schwertknauf, zur Abwehr eines Angriffs bereit. „Was ist hier?" rief er. „Wer verlegt mir den Weg? ... Ein Weib?" fuhr er dann wieder näher tretend fort, nachdem er die vor ihm stehende Gestalt schärfer in's Auge gefaßt. „Wer seid Ihr?" „Ja — ein Weib . . . " erwiderte eine tief und voll tönende, aber vor leideu- ' schaftlicher Erregung bebende Stimme. „Kennt Prinz Dietwald dieses Weib nicht mehr? Muß es ihm seinen Namen nennen?" „Amalaswiuth ..." stammelte betroffen der Prinz; während die Gestalt den , dunklen Mantel, der sie umhüllt halte, vollends fallen ließ — über dem weißen lango- > bardischen Unterkleide ward ein eng anliegendes Gewand von dunkelrother Farbe sichtbar, am Saume und rings an Hals und Aermeln mit weißem Schwanenflaum besetzt. Rothblonde Locken ringelten um eine finster gesaltene marmorweiße Stirn, die Augen flackerten blau und unheimlich wie Irrlichter. i „Ich bin's," sagte sie bebend. „Hast Du meinen Namen doch nicht vergessen, wie 140 Deine Eide? Dachtest Du, mir heimlich zu entschlüpfen? Dachtest Du, ich würde Dich ziehen lasten? War ich Dir nicht einmal der letzten Rede mehr werth, daß Du vor mich hingetreten wärst, mir Stirn gegen Stirn zu sagen... fahr' wohl, Amalaswinth... ich bin Deiner überdrüssig." „Was suchst Du hier?" erwiderte, sich rasch ermannend, der Prinz. „Ich wollte Dir und mir den unvermeidlichen Abschied ersparen. . ." „So?" höhnte sie grimmig. „Wolltest Du das? Und warum war der Abschied unvermeidlich, Du zärtlich vorsorgendcs Gemüth? Sag' mir Deine Gründe, Mann, wenn Du nicht willst, daß ich unter die Mannen Deines Vaters trete, und ihnen die Mähre verkünde von Dictwalt, dem Bajoaren - Prinzen, der ein Verräther war und zehnfachen Meineid schwur!" „Wahnsinnige!" entgegnete Dictwalt noch kälter. „Mäßige diese Wuth! Sie ist es, die mein Herz von Dir abgewendet ... ich will nicht wie Jener in der alten Heidenfabel an einen Fels geschmiedet sein und dem nimmer satten Geier Deiner Leidenschaft stündlich die Brust zum Zerfleischen bieten! Deine fürchterliche Wildheit ..." „Fürchtest Du mich schon?" rief sie auflachend. „Zu frühe, mein feiner Prinz, zu früh' . . . erst lerne mich kennen und dann beginne, und laß' in Deinem schuldbewußten Gemüth Grauen vor mir erwachen! Wisse denn, Dictwalt, wenn Du es noch nicht gewußt, da wo die Sonne den glühenden Wein reift, sind auch die Herzen der Frauen lautere Glut ... wir können nur lieben oder hassen! Noch — noch lieb' ich Dich! Hüte Dich, daß die Liebe nicht vollends erlischt und über ihrer Asche der Haß frei und festellos auflodert ..." Der Prinz machte eine Bewegung, sich zu entfernen; sie griff nach seiner Hand und hielt ihn gefaßt. (Fortsetzung folgt.) Cine Heldin. Das vor Kurzem erschienene Tagebuch der Königin Victoria ist ohne Zweifel einer der schlagendsten Beweise, wie sehr in unserer Zeit die öffentliche Meinung in ihren gröbsten Verirrungen durch die schlichte, einfache Wahrheit auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. Es ist ein höchst seltsames Buch, aus welchem die Freunde und die Feinde der englischen Königin viel lernen können; — es ist mehr als ein einfaches Tagebuch einer glücklichen Gattin und glücklichen Mutter — es ist ein Stück constitutionell- parlamentarischer Geschichte der Neuzeit; man kann daraus ersehen, was eigentlich ein König von England ist . . . wahrlich kein bcneidenswerthes Loos und ein geistreicher Diplomat hat das rechte Wort für dieses merkwürdige Werk gefunden: O'est I'Iiistoliu en robs cks eliambre. (Es ist die Geschichte im Schlafrocke.) In ihrem Tagebuche schreibt Ihre Majestät am 21. October 1842: „Soeben theilt man mir die mich tief bewegende Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Wer von unseren Lesern hat wohl je von dieser Grace Darling gehört, deren Tod die Königin von England so tief erschütterte? Denkt man nicht gleich an irgend eine hocharistokratische Lady, die vielleicht mit der Königin erzogen worden, oder die sie genau gekannt hat? — Nichts von dem — Grace Darling war ein armes Fischermädchen, und gewiß cine der größten Heldinnen unserer Zeit. Am 6. December 1838 sah man das Dampfboot „Forfarshire" mit verzweifelter Energie gegen die Strömung kämpfen, welche eS gegen die steilen Felsen der Farne- Jnseln zog. Es war ein Schiff von dreihundert Tonnen, welches von Hüll nach Dundee ging und dreiundsechzig Mann an Bord hatte — den Capitän und seine Frau, zwanzig Matrosen und einundvierzig Passagiere. — Im Augenblicke, wo das Schiff sich in Sicht von Flamboroug-Head befunden, hatte man ein Leck neben der Maschine entdeckt, und fast zu gleicher Zeit hatte sich der Wind nach N.-O. gedreht und heulte mit solcher Wuth, daß die Pumpen unfähig wurden, des einströmenden Wassers Herr zu werden. — Wenige Minuten später zeigt eine sich zischend erhebende Dampfsäule an, daß das Wasser in die Kessel gedrungen ist und beinahe augenblicklich nachher beginnt ein peitschender Regen mit solcher Macht das Deck zu bespülen, daß es fast unmöglich ist, sich daraus aufrecht zu erhalten. — Wenige Minuten darnach spülte eine Welle den Steuermann über Bord, das Schiff ist aller Leitung beraubt, das Unwetter nimmt von Sekunde zu Sekunde zu und gegen vier Uhr Morgens stößt es mit einem fürchterlichen Gekrach auf einen der hervorragenden Felsen der Farne-Jnseln. — Mehrere Matrosen stürzen in einen Kahn und zwei Passagiere finden den Tod in den Wellen, indem sie ihnen nachwollen; doch als wenn diese schreckliche Empörung ler Natur noch nicht genügte, um das lecke Schiff zum Untergänge zu bringen, erhebt sich plötzlich ein Windstoß, wie man einen gleichen wohl nie an der englischen Küste beobachtet, ergreift das Schiff, hebt es fußhoch aus dem Wasser und schleudert es mit solcher alles vernichtenden Kraft auf den Felsen, daß es berstet, die eine Hälfie in die Fluth zurückgcspült wird und verschwindet und die andere auf dem Felsen bleibt, den ewig hin- und herwogendcn Wellen ausgesetzt und aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Augenblicken das Loos der anderen Hälfte theilend. Eine Meile von den Felsen entfernt, auf welchem der „Forfarshire" den Untergang gefunden hat, erhebt sich der auf den Seekarten bekannte Felsen Longstone. Dieser Felsen ist für die Schiffsahrt so gefährlich, daß die Regierung einen Leuchtthurm hat errichten lassen, um die Schiffer vor diesen unheilbringenden Gründen zu warnen. Ein Mann, seine Frau und seine Tochter bewohnen diesen Leuchtthurm. Der Mann, William Darling, ist ein alter Steuermann der königl. Marine, — seine Tochter Grace ist zweiundzwanzig Zahre alt. Das Bildniß dieses Mädchens, welches in England wohlbekannt ist, stellt ein reizendes, junges Mädchen dar, groß und von graziösem Wuchs, — ein seltsam regelmäßiges Gesicht, von blonden Haaren eingerahmt und von großen, blauen, träumerischen Augen wie beleuchtet! Beim Anbruch des Tages hat William Darling die Schiffbrüchigen auf dem Felsen bemerkt, hat ihre Lage erkannt . . . und erkannt, daß sie verloren sind. Er ruft sein Weib und sein Kind: „Laßt uns beten Ihr Frauen", sagte er, „dort drüben hält unser Herr ein strenges Gericht!" — „Kann man nicht mit dem Kahne hin", ruft Grace, „und die Armen retten?" — „Das hieße Gott versuchen", erwiderte der Nater, „hier kann kein Mensch helfen, man hätte kaum zehn Ruderschläge gemacht, so wäre unser elender Kahn-Kiel nach oben — horch, welch ein Sturm — welch Wetter — es ist wie am jüngsten Gericht!" — Grace läßt das Haupt sinken, fallet die Hände und bleibt einige Augenblicke in stummes Nachdenken versunken: dann verläßt sie, ohne ein Wort gesprochen zu haben, das Zimmer. — Wenige Augenblicke später stößt die Mutter einen grellen-Schrei aus: „William, das Mädchen bindet den Kahn los . . . sie will hinüber!" — Der Vater stürzt hinunter und kommt gerade zur rechten Zeit an die kleine Bucht, als Grace vom Ufer abstoßen will. Er springt in den Kahn, er will sie an ihrem Vorhaben verhindern, doch sie beugt sich bis an sein Ohr und sagt: „Vater, ich würde keine einzige Nacht mehr schlafen können, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, die Unglücklichen zu retten; . . . und Du auch nicht, Vater." — „Aber es ist ja unmöglich, Mädchen!" — „Wenn Gott helfen will, ist nichts unmöglich, Vater!" Und damit hat sie sich der Stange bemächtigt, und mit einem kräftigen Stoße ist das Boot vom Ufer. Der alte Mann will noch einige Einwendungen machen; doch plötzlich gibt er auch die auf. „Wie Gott will", sagt er, „es ist ein elendes Leben in jenem Thurme,. . . und für die alte Frau muß die Regierung sorgen, wenn wir im Magen der Fische liegen!" Und mit ge- 142 übter Hand ergriff er ein Ruder, während Grace schon mit aller ihrer Kraft das ihre über das Wasser streifen läßt. Und Gott hat das Liebeswerk des armen Mädchens mit gnädigen Augen angesehen. Während die Mutter weinend auf den Knieen liegt und verzweifelt die Hände ringt, kämpfen Vater und Tochter mit den entfesselten Elementen; er starr und düster wie das Fatnm — sie mit Hellem, lichten Gottvertraucn. Und es gelingt ihnen; neun Leben sind von ihnen gerettet — der Rest von dreiundsechzig — und nach unendlichen, übermenschlichen Anstrengungen bringen sie die Geretteten, die sie fast leblos an den Zacken des Felsens angeklammert gefunden hatten, nach dem sicheren Leuchtthurm zurück. — Am nächsten Tage fing Grace an Blut zu speien. Ein einziger Bcwunderungsruf ertönte durch ganz England; der Name Grace Darling bekam eine Popularität, wie ihn wohl nie der eines unbekannten Mädchens gehabt. Man eröffnete eine Subscription, die in wenigen Tagen 750 Pfund Sterling eintrug. — Die Königin ließ sich das Fischermädchen vorstellen und versprach ihr, stets für sie zu sorgen; die Herzogin von Northumberland nahm sie mit sich nach Alnwik und entließ sie mit Geschmeiden überladen. Die Poeten feierten sie in allen Blättern und nach einigen Monaten waren zwei Romane fertig, deren Heldin sie war: Iwroine ol tlio kürns l^Ianck« und maici c>s tlik; Iulss." — Ja sogar ein Riva! Barnums bot ihr bedeutende Summen, damit sie sich auf dem Theater zeige; und einige von jenen tristen Originalen, welche auf der Jagd nach Celebrität sind und deren England so viele zählt, boten ihr mit ächt englischer Delikateste an . . . sie zu heirathen. Doch Grace Darling, von Tag zu Tag mehr leidend, zog sich, von dieser Berühmtheit mehr als unangenehm berührt, täglich mehr in sich selbst zurück, sie schlug alle An- erbietungen aus, um ihre Eltern nicht verlassen zu müssen, sie verließ fast nie mehr ihren Leuchtthurm, außer des Sonntags, um zur Kirche zu gehen . . . bald unterließ sie auch dies — und am 21 October 1842 schrieb die Königin Victoria in ihr Tagebuch: „Soeben theilt man mir die mich tief erschütternde Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Sie starb an der Schwindsucht in ihrem 26. Jahre; sie ist selbst in England längst vergessen, nur in einigen Matrosenschenken an der Küste findet man noch eine schlechte Lithographie, welche das Bildniß der Retterin der Schiffbrüchigen des Forfarshire darstellt. (Anekdoten über König Ludwig 1.) In einer Serie von Artikeln der „A. Allg. Ztg.", die das Andenken des verstorbenen Königs feiern, finden sich auch folgende anekdotische Züge: „Beim Congrcßspiel zu Wien hatte Vater Max, wie es hieß, eine Million in die Schanze geschlagen; seine Minister bezogen bei 30,000 fl., ja der Minister-Präsident durch Binirung der Aemter bis zu 70,000 fl. Kürz nach seinem Regierungsantritt setzte Ludwig l das Maximum eines Miuistergehalts auf 12,000 fl. fest. Wie staunten die Höflinge, als plötzlich aller überflüssige Luxus abgeschafft, ja nicht einmal die reiche Garderobe des vorigen Herrn unter die Kammerdiener vertheilt, sondern versteigert wurde! Sie hatten unter der alten Herrschaft sich Häuser gebaut, als sie aber dem neuen Fürsten ihre Dienste antrugen, dankte dieser mit den Worten: „Anziehen kann ich mich selbst, und ausziehen will ich mich nicht lasten." Er wollte auch nicht von fremder Hand barbirt sein, sondern konnte ähnlich wie Kaiser Joseph II. sagen: „Ich barbire den König!" Dasselbe Rasirmesser hielt vierzig Jahre die Schneide. Er bedurfte keiner ausländischen Tücher, sondern alle Bedürfnisse des Hofes sollten im Jn- lande befriedigt, und die einheimische Industrie gehoben werden. Noch mehr haßte er das Fremde, wenn cS französische Firma trug. Als nämlich einige Hoflieferanten in Deputation bei der neuen Majestät ihr Gesuch um Fortdauer der bisherigen Aufträge mit Klagen über die schwere Zeit im Leichenbitterton vorbrachten, wog der König in der 143 einen Hand das goldene Siegel und Uhrgehänge des einen Bittstellers und sprach mitten- drein: „Schwer! schwer!" Dann Plötzlich den Nebenmann beim Rock fassend: »Wie viel kostet dieses Tuch?" — „Sieben Gulden," stotterte der Verlegene. — „Schön! Meines kostet fünf!" erwiderte der König und ließ sie verblüfft stehen. König Ludwig I. hatte zwar im Allgemeinen ein gutes Gedächtniß für Personen, hielt aber doch einen ein Mal gefaßten Irrthum mit Beharrlichkeit fest. So war es in München allgemein bekannt, wie er stets die beiden Naturforscher, die unter seines königlichen Vaters Regierung Brasilien bereist hatten, Spix und Martius, mit einander verwechselte, und immer Einen für den Andern anredete. Spix starb; der König begegnete Martius, und das erste Wort der Begegnung war: „Ah, Spix! wie freut es mich, daß der . . . Martius todt ist und ich Sie nun doch nicht mehr mit ihm verwechseln kann!" — Als ich, erzählt Förster weiter, in den dreißiger Jahren im neuen Königsbau im Salon der Königin mit Malereien zu Wieland's Dichtungen beschäftigt war, zugleich mit Eugen Neureuther, der den Obcron illustrirte, kam der König eines Mittags herein, die Arbeiten ;n besichtigen. Neureuther war nicht zugegen; ich mußte den Cicerone machen. Bei dem Gastmahl des Chalifcn von Bagdad fiel ihm der reich gekleidete Großvezier als besonders dick anf. „Sagen Sie Neureuther," sprach er zu mir, „der Türke ist zu dick! Ein dicker Türke schickt sich nicht für den Salon der Königin." Neureuther änderte die Gestalt und gab ihr eine feine Taille. Vergebens! Der Türke war noch immer „viel zu dick!" Neureuther schnürte ihn nun zur Unmöglichkeit zusammen — Alles umsonst, er blieb „zu dick!" So löschte ihn Neureuther ganz aus. Aber auch das half noch nichts: der Türke war und blieb zu dick für den Salon der Königin, bis ich mir erlaubte, dem gnädigsten Herrn auf s Gerüst zu helfen und ihn von den: Thatbestand letzter Hand zu überzeuge», womit er sich alsdann vollkommen befriedigt erklärte. * (Der König und die Bcrsctzcrin.) Eines Tages ging ein ältlicher .Herr über den Promcnadeplatz in München und blieb wiederholt, nachdem er eine Strecke mit hastigem Schritt zurückgelegt hatte, stehe«, um sich die Häuser anzuschauen. Eine Vcr< setzerin dachte sich, dieser Herr suche das Versatzhaus und bot ihm, indem sie nach dem Ueberziehcr griff, den er nachlässig am Arme trug, ihre Dienste an. Lächelnd überließ ihr der Herr das Kleidungsstück zur näheren Untersuchung. „Auf dö! alt Schwart'n da kriag'ns frcili weni oder gar nix'n," meinte sie schließlich und gab das Kleidungsstück mit bedauernder Miene dem Herrn zurück, der sich sichtlich erheitert mit der Bemerkung entfernte, daß er daheim schon einen besseren Ueberziehcr habe Tags darauf kam der Herr desselben Wegs mit dem besseren Rock und die Versctzerin fand denselben ohne Bedenken für würdig, in's Versatzhaus zu wandern. Bald kam sie zurück und händigte dem Herrn 10 sl. nebst dem Pfandschein ein. Er nahm de« Pfandschein, schenkte aber die zehn blanken Gulden der dienstfertigen Versctzerin und ging schnellen Schrittes davon. Die Alte wußte nicht, wie ihr geschah, und hielt das Geld bedächtig in der Hand, bis ihr einige Colleginen die Aufklärung gaben, der „noblige Herr" sei der „Kini" gewesen. — Noch bevor König Ludwig I. die Residenz erreichte, sah er unfern dem eben im Neubau begriffenen Hause des Hofconditors den Hofschneidcr, winkte ihn heftig zu sich heran und hielt ihm deu Pfandschein hin: „Seh'n Sie, seh'n Sie selbst, 10 st. habe ich auf Ihren Rock bekommen, mit 80 fl. auf Ihrer Rechnung stehend. Wollen gewiß auch ein Haus bauen, wie der Conditor da; hält aber nicht lang, kann nicht halten, wird von Zucker gebaut, von meinem Zucker." 144 (Eine singende Maus.) Von einer solchen gibt Professor K. Th. Liebe im „zoologischen Garten" Nachricht. „Ich habe jetzt", schreibt er dem Blatte, 8 Tage lang eine „singende Maus" im Käfig auf meinem Zimmer beobachtet. Es ist eine ganz gewöhnliche junge Hausmaus. Ihr Gesang hat mit der gewöhnlichen Stimme der Mäuse nichts gemein, sondern ist theils den hohen Trillern der Lerche, theils den gezogenen Flötentönen der Spros- er, theils den tiefen Trillern (Wassertriller) der Cauarienvögel zu vergleiche», zeichnet sich durch schöne Cadenzen aus und umfaßt zwei Octavcn. Derselbe entsteht einfach dadurch, daß die Luftröhre durch ein Band oder eine Membran verengt ist, Io daß das Thier beim Athmen, und zwar sowohl beim Ein- wie beim Ausathmen, pfeift. Daher fingt es um so schöner und ist der Gesang um so mannigfaltiger, je erregter das Thier ist; in der Todesangst (wenn eine Katze hinter ihm her ist) ertönt es am lautesten. Das Thier singt beim Fressen, beim Putzen rc. Wenn es ruht, hört man nur ein schnüffelndes Athmnngsgeräusch. Uebrigens glaube ich aber, nachdem ich die Maus tagelang beobachtet, daß der Gesang, namentlich die mehr zwitschernde Art des Singens, nicht rein unfreiwillig, sondern freiwillig modulirt und modificirt ist. Die Maus muß singen, aber sie kann, wenn sie sich behaglich fühlt, ihren Gesang ein wenig nach ihrem Geschmack abändern. Sobald sie stirbt, will ich mit dem Messer der Erscheinung nachgehen. Für jetzt-ist freilich die Aussicht auf ein baldiges Ende sehr schwach, denn das Thierchcn ist gesund und munter, obgleich es schon seit einem Vierteljahr in Gefangenschaft gehalten ist". (Eine gräßliche Blutrache.) Jn Dubuque am Mississippi hält sich ein junger Mann Namens Georg Porter auf, dessen Eltern, Brüder, Schwestern und Verwandte, sämmtlich in dem großen Indianer-Gemetzel vom Jahre 1861 im nördlichen Theile des Staates Minnesota ermordet wurden. Er ist also der einzige Ueberlebende, er war allein übrig geblieben, um damals diese schreckliche Nachricht zur nächsten Niederlassung zu tragen- In einer kurzen Stunde hatte er Alle verloren, welche er auf Erden liebte, und fortwährend vor Augen das Bild jenes gräßlichen Blutbades, dem er selbst nur durch ein Wunder entronnen, schwur er feierlich, sich zn rächen. Der Leser mag urtheilen, wie gut er seinen Schwur erfüllt hat, wenn wir heute melden, daß der junge Porter während sechs Jahren, ganz allein, nur unter dem Beistande seiner treuen Büchse, die Seelen von 108 Indianern in die glücklichen Jagd- gründe ihres Jenseits geschickt hat. Erträgt ein 12 Zoll langes Stück Rohr bei sich, in welches er jedesmal einen Kerb hineinschneiden wollte, wenn es ihm gelang, einen Indianer zu tödte». 108 solcher Einschnitte können nun in seinem Rohr nachgezählt werden, der letzte wurde am Weihuachtsfeste des Jahres 1866 geschnitten. Bei Nacht und bei Tag, durch Wald und Dickicht, über Gebirge und Prairien folgte er seinen Opfern; aber aus allen diesen gefährlichen Scenen ist Porter natürlich nicht unverletzt hervorgegangen, denn sein Körper ist mit 11 Streifschüssen und 33 Messerwundeu gekennzeichnet, ohne jedoch all diesen Gefahren erlegen zu sein. Wahrlich seine Eltern und Verwandten sind furchtbar gerächt! Charade (.Dreisilbig. > Den Fragewörtern angehört DaS Wörtlein stehend oben an. Schließt diesem sich das Wort noch an. Das nennt, was rettet, ziert und ehrt, Wenn droh'n Gefahren, einem Mann, Dann sch'n gebildet wir das Ganze, Ein Wort, so Name einer Pflanze, Die allenthalben wohl gedeiht, Doch stets nur würzt mit Bitterkeit. Auflösung der Charade in Nr. 16 „Bildersturm." Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huitler. Nr. 1S 10. Mai 1868. Mrgsburger Willig trägt der Esel jede Last, Treibt ihn nur die Peitsche ohne Rast. Willig weiß von Disteln er zu leben, — Wer wird dann wohl Ananas ihm geben? Ein Nichtaufgebesserter. Sanct Jarthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Zu wild bin ich Dir?" fuhr sie grimmig fort. „Meine Leidenschaft tadelst Du — Elender, die Leidenschaft für Dich? Was suchst Du Dich hinter Ausflüchten zu verbergen? Falscher — tückischer Deutscher, Du bist zu feig, Dein wahres Gesicht zu zeigen, Deine wahre Gesinnung vor Dir selber zu bekennen! So will ich es für Dich thun! Tadle Dich selbst und Deinen Wankelmuth! Dein flatterhaftes Herz weiß nicht, was Liebe ist — im Sinnenrausche taumelt es von einer Blume zur andern . . . nicht wegen meines Ungestüms haft Du mich verlassen, nein, wegen Deines eigenen Unbe- standes! Nur der Augenblick ist es^ der Dich fesselt — was bannte sonst Deinen Fuß in nächtlicher Weile an diese Stelle? — Aber noch bin ich bereit, Alles zu vergessen! Unter dem Vorwande einer Wallfahrt bin ich, von wenigen Dienern geleitet, den Meinen entflohen — ich bin Dir nachgereist und habe Deine Spur bis hieher verfolgt, Dir das zu sagen! Gedenke Deiner Schwüre, Dictwalt, und kehre zu mir zurück! Ich liebe Dich noch — sei wieder mein, tilge die Schmach, die Du auf mich gehäuft — ich bin von edlem Stamme, das Bündniß mit mir entehrt Dich niasi... O kehre zurück! — Laß mich wieder Dein sein, mache, daß ich Dir verzeihen, daß ich die finsteren entsetzlichen Gedanken verscheuchen kann, die meinen Sinn umfloren, wie ein furchtbar heraufsteigendes Ungewitter . . . verschmähe, verstoße dieß Herz nicht von Dir, und ich will es bändigen, minder heiß zu schlagen: ich will es zwingen, bis es die Sanftmuth einer Taube gelernt..." Ferne Männerstimmen wurden hörbar und unterbrachen sie. „Man kommt..." rief Dictwalts Diener herbeistürzend. „Wenn Ihr nicht gesehen sein wollt, mein Prinz..." „Hinweg," rief dieser und schleuderte AmalaswinthcnS Arm von sich, „wir haben nichts mehr miteinander gemein auf Erden..." „Ist das Deine Antwort?" rief sie keuchend vor Ingrimm, während Dietwalt enteilte und im Dunkel verschwand; mit unsicherer zitternder Hand lastete sie am Gürtel herum, als suche sie den dort steckenden Dolch, um mit ihm dem Entflohenen nachzustürzen — dann besann sie sich und stand einen Augenblick schweigend, hochaufgerichtet, die geballte Rechte wie zu Schwur und Drohung erhoben. „Geh' hin," murmelte sie, sich in ihr Gewand hüllend, „meine Antwort auf diese Stunde werd' ich Dir nicht schuldig bleiben!" — Ueber den Fluß her verkündigte das Blasen der Jagdhörner, daß der Bajoaren- 146 Herzog Theodo vom Waidwerk zurückgekehrt sei, und daß Mahl und Herberge für ihn gerüstet werde. Der weite viereckige Platz, einst das Forum der Römerstadt, ließ vielfach gewahren, daß ordnende Hände bereits emsig begonnen hatten, ihn von den Trümmern zu befreien und zum Mittelpunkt eines neuen Lebens und Verkehrs zu machen — dennoch aber waren überall hin noch genug Spuren der Zerstörung und jahrhundertlanger Verödung zu erblicken. Noch lagen rings die Bruchstücke eingestürzter Giebelfelder, zerbrochene Säulen, zerschlagene Capitäle umher, von Strauch und Baum überwachsen und getrennt, und manche Wand, aus dem röthlichen Gestein des nahen Untcrsbergs gefügt, war, mürbe gemacht von Zeit und Wetter, in langen Nissen geborsten und neigte sich dem baldigen Falle entgegen. Im Mittelgrunde des Platzes führten die zerbröckelnden Stufen einer breiten Marmortreppe in eine ebenfalls ruinenhafte Vorhalle hinauf, deren Säulen meist abgebrochen umher lagen, zum Theil aber noch in alter unversehrter Schönheit emporstiegen, geschützt durch das Steingebülk der Gesimse und Architraven, das sie zugleich überdachte und zusammen hielt. Aus dem Portikus führte die Hauptpforte des einstigen Temp-ls in einen großen viereckigen, noch vollkommen wohl erhaltenen Raum, der eben deßwegen, durch aufgestellte Feuerpfanncn erhellt, einen wohlthuenden und in Mitte der allgemeinen Zerstörung selbst unmuthigen Anblick gewährte. Irgend ein Zufall mochte die Decke vor dem Einstürze bewahrt haben und so hatte es nicht vieler Mühe bedurft, den Raum zu reinigen und zum Tafelsaal des Herzogs einzurichten. Die Wände, aus künstlichem grünen Stein getäfelt, waren mit breiten Säumen und Streifen von wechselnder Farbe eingefaßt: in der Mitte waren Bilder angebracht, kunstvoll aus bunten Stcinchcn zusammengesetzt, die Arbeiten des Herkules aus der altrömischcn Götterlehre darstellend: der Bilderschmuck zeigte, daß dieß einst die Cella, das innerste Heiligthum des Tempels gewesen, und daß dieser dem genannten Gölte gewidmet war. Ein halb umgestürztes Fußgcstell bezeichnete noch den Ort, wo einst dessen Bildsäule gestanden; sie selber lag unbeachtet in der Ecke, in Trümmern, zu denen sie im Sturze sich selbst zerschmettert und auch weit um sich her die zierlichen Linien und Zeichnungen des eingelegten bunten Steinbodens vernichtet hatte. Unweit davon stand jetzt eine lange Tafel gerüstet, mit manch' kostbarem und zierlichem Speise- und Trink-Geräthe bestellt, umgeben von Stühlen, Armsesseln und Sitzbänken, deren verschiedene Formen verriethen, daß das Bedürfniß des Abends sie von verschiedenen Orten zusammengeholt hatte. Der Saal war schon ansehnlich gefüllt; die Begleiter und Iagdgefährten des Herzogs, die bajuarischen Vornehmen, die Langobarden- Edelinge standen und schritten plaudernd hin und her; > ährend in der Ecke die wälschen Tonkünstler sich zurecht richteten, mit ihrer Kunst das Mahl zu würzen und den Sinn der Gäste zu erheitern. Verwundert standen die einheimischen Bläser, die sonst mit ihren Hift- und Harst-Hörnern das Vergnügen der Tafelmusik zu besorgen hatten, zur Seite, nicht ohne mißgünstige Geringschätzung die zierlichen Instrumente und deren noch zierlichere Meister betrachtend. Am Eingang, wo einige stämmige Bajoaren mit Bickel- Haube und Halsberg, Schild und Spieß, Wache hielten, standen die Jagdknechte und Falkner beisammen, diese noch mit ihren verkappten Thieren auf der Schulter, jene die Jagdbeute ordnend, die in buntem Gewirr hinter ihnen lag, bereit, sie zu zeigen und das Lob der Vögel und Hunde zu empfangen, wenn es dem einen oder andern Gaste gefiel, stehen bleibend, dies reiche Erträgniß der Jagd oder die waidgerechte Art zu rühmen, wie hier ein Reiher gerade recht am Halse gefaßt oder daß ein Füchslein mit sicherem Bolzen mitten in's Auge getroffen war. Unter ihnen standen auch einige Pfannemneistcr und Salzsicder, die, znr Begrüßung des Landesherrn und zum Empfang seiner Befehle aus den Verbergen hereingekommen waren, wo in der Ebene vor dem Staufen die reichen Salzquellen aus dem Gestein brachen und der neuen Ansiedelung den Namen gaben. 147 Herzog Theodo selbst hatte am obern Ende des Saales auf einem Ruhebette Platz genommen, Pläne und Urkunden prüfend, die neben ihm ausgebreitet lagen. Er war ein Greis mit fast ganz kahlem Haupt und vollständig zu Silber gewordenen Barte, der bis zum Gürtel weich und wellig hcrniederhiug, Wangen und Antlitz aber waren frisch und rosig, wie die eines Jünglings; Haltung, Wort und Gebcrde lebhaft und markig gleich der eines rüstigen Mannes. Er mochte wohl bedacht haben, daß das Ziel seiner irdischen Laufbahn nicht mehr allzu ferne sein konnte: darum war es seinem Gemüthe ein frommes Bedürfen gewesen, nach Rom zu pilgern und am Grabe des heiligen Sendboten Petrus seiner Andacht zu genügen. Von dieser Romfahrt war er eben zurückgekehrt und erzählte davon den vor ihm stehenden und ehrerbietig lauschenden Mönchen, deren ernste Mienen ebenso wie ihre dunklen Gewänder sich feierlich abhoben von der bunten Farbenpracht der sie umgebenden lebensvollen Fröhlichkeit. Er erzählte, wie er die alte herrliche, allgemach aus dem Verfall wieder erstehende Capitolstadt durchwandert und geschaut, wie er Bischof Grcgorius begrüßt, der auf dem päpstlichen Stuhle sitzend, Rom eine zweite Weltherrschaft vorbereitete und schuf. Dann wandte er sich wieder zu den Zeichnungen und Entwürfen zurück und sprach seine Freude aus, wie rasch die neue Stadt aus den Ruinen der römischen Juvavia sich erhebe. Er ermunterte und lobte die Mönche und beklagte, daß Chrodbert, ihr Vorsteher und Bischof eben abwesend und an den Rhein gereist sei, neue Arbeiter zu rufen zu dem schweren, aber so herrlichen Werke. „Saget ihm, würdige Väter," schloß der Herzog, „daß es mir sehr leid thut, daß ich von hinnen muß, ohne seinen Segen empfangen zu haben — mahnet ihn, meiner im Gebete zu denken, wenn mein Stündlcin geschlagen haben wird, und gebt ihm dieß Pergament, das ich ausgefertigt mit meinem herzoglichen Namen und unter Zeugschaft meiner Edelsten als Urkunde, daß ich seinem Kloster und der Kirche, die Ihr erbauen werdet zu Sankt Peters Ehren, die alte Römerstadt Juvavia als Schankung verliehen habe, sammt der Beste und zwei Meilen weit von jedem Ufer der Salzach an» bis zu der großen Hagbuche, die mittagwärts im freien Felde steht..." Dankend schieden die Mönche; am Eingänge waren laute Stimmen, wie im Streite begriffen, vernehmlich geworden. Fragend näherte sich der Herzog; da drängte der alte Cbriembcrt, ihn gewahrend, die Krieger bei Seite, die mit gekreuzten Spießen ihm den Eingang verwehren wollten, und trat freimüthig vor ihn hin. „Mit Gunst, Herr Herzog," sagte er, „ich will zu Euch — sagt es diesen ungeschlachten Wächtern, daß sie einem freien Mann den Zutritt zu seinem Herzog und Fürsten nicht wehren dürfen!" „Das sollen sie auch nicht," erwiderte gütig der Greis, „aber der freie Mann wird dem Herzog nicht grollen, wenn er, der Geschäfte entleidet und heute von der Jagd ermüdet, sich auch ein ruhig Stündlcin heischt!" „Ich komm' auch nicht zu Geschäften," sagte der Alte, „ich komme nur, Euch zu begrüßen und Euch, weil Ihr doch wieder einmal in unsern Gau gekommen, ein Gast- Geschenk zu bringen... Ich Hause und Hofe nicht weit vom Wildsee, Ihr habt die Salmlingc, die drinn' wohnen, weiland immer gern auf Eurer Tafel geseh'n und oft aus weiter Entfernung Boten darum geschickt; darum hab' ich Euch in dem Büchlein hier ein paar Richten dieser Fischlcin mitgebracht, die schönsten und frischesten, die nur zu haben waren!" „Schön, mein wackerer Barschalk," entgcgncte der Herzog lächelnd, „solches Geschenk nehm' ich gerne an — hab' ich doch über andern Dingen fast darauf vergessen, daß wir so nahe an den Fclsschlüudcn sind, in denen der Wildsee liegt und denke wohl, wie trefflich immer die feinen Fischlein gemundet. Der Koch soll sie sogleich noch znrecht machen, daß auch unsere werthen Gäste davon kosten und mir wirst Du gestatten, Alter, daß ich Dir ein Gegengeschenk mache . . . Doch, doch," fuhr er fort, als Chricmbcrt eine abweisende und gekränkte Gebcrde machte, „Du wirst! Mein Gegengeschenk besteht 148 darin, daß Du hier bleibst und als mein Gast Deine Gabe mit mir verzehrst ... Ist mir's doch ohnehin, als wär' eS heute nicht das erstemal, daß wir uns gegenüber steh'n!" „Sicher nicht!" rief Chriembert in hastiger Freude. „Denkt Herzog Diet wirklich noch daran?" „Freilich wohl — je mehr ich Dich betrachte, je bekannter ist mir das männlich trotzige Angesicht . . . Warst Du nicht dabei, als wir gegen die Avarcn ausgezogen, die in die karuntischen Berge eingedrungen? . . ." „Recht, Herzog," unterbrach ihn der Alte, „damals war es! An der Brücke war es über die Drau! Die Avarcn hatten sie abgeworfen, und hatten sich an ihre Katzen von Pferden angehängt und waren durchgeschwommen! Ich sehe sie noch vor mir die kleinen Gesellen mit den schwarzgelbcn Gesichtern und den schiefgeschlitzten Augen! Sie meinten, wir könnten ihnen nicht nach — wir aber waren nicht faul. . . wir sprangen ihnen nach in's Wasser, als wär' das Schwimmen unser Leben wie meinen Salmlingcn im Wildsee: trotz ihrer Pfeile und ihrer Kolbcnschlägc kletterten wir an dem Gestade hinauf, fielen sie an und kamen ihnen in den Rücken, und nun war's an uns! Nun drängten wir sie in den wilden Strom, daß sie übereinander fielen wie die Mücken, und wenn Einer davon gekommen ist vor dem Ersaufen, . . . beim Donar, unsere Schuld ist's nicht gewesen!" „Es war ein heißer Tag, Alter," erwiderte der Herzog und klopfte ihm lächelnd auf die Schulter, „aber wir haben Beide redlich unsere Arbeit dabei gethan — darum dürfen wir uns auch die Ruhe behagen lasten und die Kühle des Abends!" An der Thüre entstand abermals ein Aufenthalt und Gcdräng; ein Diener meldete, ein junger Bajoar sei draußen mit eilfertigem Gesuch an den Herzog, und wolle sich durchaus nicht verzögern lasten. „So wollen wir ihn denn noch hören," sagte Thcodo, „vielleicht ist sein Anliegen für ihn drängender, und kann weniger warten als unsere Schüsseln und Becher..." Der Jüngling ward herbeigeführt — es war Markulf. Dem Vater wie dem Sohne entschlüpfte ein Ausruf der Verwunderung, als sie so unerwartet sich gegenüber standen. „Das fügt sich in besonderer Weise," sagte der Herzog, der es wahrgenommen, nachdem er Alles erfahren hatte, . . . „mag denn der Sohn sein Begehren sagen, ich bin ihm schon im Voraus geneigt, um des Vaters willen!" Markulf, obwohl Anfangs betroffen, hatte sich bald wieder gefaßt. „Mag ich es doch wohl bekennen, was mich hichcr geführt" — sagte er, „es ist nichts Unrühmliches! Ich bin es müde, auf der Bärenhaut zu liegen oder hinterm Pfluge herzugehen, ich will hinaus, will auch erproben, daß ich gelernt habe, Schwert und Schild zu führen . . . und Ihr, Herr Herzog, sollt mich in Euren Bann nehmen und mich dahin schicken, wo Kampf und Fehde ist. . . " „Tollkopf!" unterbrach ihn Chriembert, besten aufwallender Zorn die Anwesenheit des Fürsten nur wenig zu mäßigen vermochte. „Wie erkühnst Du Dich, Haus und Hof, die ich Dir anvertraut, zu verlassen? Meinst Du, ich durchschaue nicht, was Dir so Plötzlich die Kriegslust einflößt und Dich auf Fahrten und Abenteuer hinaus treibt! — Thut ihm den Willen nicht, Herzog — noch ist er nicht mündig und ist in Vaters Gewalt! Weist ihn zum Vater zurück — er ist toll, um einer Dirne willen!" „Ist es das?" sagte der Herzog, und ließ den milden Blick mit thcilnehmendem Wohlgefallen auf dem hübschen Jüngling ruhen. „Warum freist Du ihm dann die Dirne nicht, Alter? Gib ihm Dein Gehöft — auch ich bin eben daran, Krone und Land unter meine drei Söhne zu theilen. . . Zur Ruh', alter Kriegsgenosse... zur Ruh', denn es will Abend werden!" „Er kann sie nicht freien," grollte Chriembert, „sie ist eine Hörige, eine Fremde aus dem Walchendorfe, drüben in der Roms-Au..." „So schlag' sie Dir aus dem Sinne, mein Sohn!" entgegnete der Herzog. „Du 149 wirst nicht freien, wie Dir nicht geziemt, wirst nicht der ärgern Hand folgen, sondern bei Deinem Vater bleiben und auf Deinem Heim..." „Er ist ein Tollkopf, sag' ich," rief Chriembert wieder, „aber ich weiß doch wohl ein Mittel, das ihn heilt! Schlag' sie Dir aus dem Sinne, Markulf. . . willst Du eine Dirne freien, die nichts von Dir wissen will?" Markulf's Augen flammten, er wollte auffahren, aber er schwieg vor dem Herzog und zerkaute sich grimmig die Unterlippe. „Die nichts von Dir wissen will!" wiederholte Chriembert. „Ich sag' es Dir noch einmal, — ich bringe Dir die LiebeSbotschaft: ich habe selbst den Werber für Dich machen wollen . . . aber sie blieb dabei, daß Du ihr nicht mehr bist, als jeder andere Waidmann oder Bergfahrer, der zu der Walchen - Atmende zu Rast und Erholung einspricht..." „Du wirst Dich fügen, mein Sohn," schloß der Herzog, indem er sich der bereits mit den Speisen besetzten Tafel zuwendete. „Lerne Geduld — auch für Dich wird einst, ... ich besorge, nur zu bald! ... die Zeit kommen, die Dich zu den Waffen ruft und Dir Gelegenheit gibt, Herz und Arm zu bewähren, wie sie Dein Vater bewährt hat an der Draubrückc ... bis dahin bleibe bei ihm und übe Sohnes-Pflicht! Du gefällst mir und so lang ich in diesen Bergen weile, sollst Du in meiner Nähe sein. Mein Sohn Diet- walt ist ein leidenschaftlicher Freund des Waidwcrks und möchte gern die Gemse jagen und den Stcinbock, hinten in den Schrofen und Schlünden des Watzmans und der Berge am Wildsee. . . Wer könnte ihm bester den rechten Stand und die Fährten zeigen und lehren? . . . Bleibe hier. Du sollst sein Führer sein!" Der Herzog setzte sich; unter den Gästen, nicht fern von ihm erhielt auch Chriembert seinen Platz. Um den Fürsten waren die älteren Männer gereiht; am Ende der Tafel hatte sich die Jugend um die fröhlichen Longobarden geschaart. Die wälschen Künstler begannen ihre heiteren Künste zu zeigen. Markulf war unbeachtet in's Freie geeilt; und an einer Säule lehnend, starrte er finster und schweigend in die finster schweigende Nacht hinaus, in seinem Herzen rang der Grimm, zum Bleiben und Ausharren gezwungen zu sein, mit dem wüthenden Schmerz, sich von der Geliebten verschmäht zu misten. Eine weiche Hand legte sich ihm sanft auf die Schulter: wie er auffahrend sich umwandte, stand die gehcimnißvolle Longobardin hinter ihm. „Was sinnst Du so und grämst Dich, junger Waidgcscll?" fragte sie, „Dir kann wohl geholfen werden . . ." Verwundert schaute er die Frauengcstalt, schwankend vernahm er ihr Wort, da siel Fackelschein , auf sie und zeigte ihm unter dem Mantel das duukclrothc Gewand, ringsum mit Schwanenflaum besetzt. „Die Walkyre!" rief er schaudernd und entfloh durch die Nacht! (Fortsetzung folgt.) Ueber die Lebensdauer verschiedener Stände. Dr. Escherich ist in seinen „hygienisch-statistischen Studien über die Lebensdauer in verschiedenen Ständen" auf Grund von 15,730 nach den Geburtsjahren registrirten, gleichzeitig lebenden öffentlichen Beamten zu nachstehenden Resultaten gelangt: 1) Greise von 80 Jahren und darüber kommen auf 1085 über 30 Jahre alte protestantische Geistliche: 2,82 Procent. Die protestantische Geistlichkeit zählt die meisten Greise unter allen Ständen, mehr als doppelt so viel, als die katholische Geistlichkeit. 2) Die F o r st b e a m t e n haben die nächstgünstige Verhältnißzahl mit 1,41 Proccnt aller ihrer Standesgenosten, welche das 80. Lebensjahr erreichen. Der regelmäßige Aufenthalt 150 in freier Luft, der Wechsel ihrer Beschäftigung, die geselligen Freuden des Forstlebens, ferner daß die verzehrenden Leidenschaften deS Ehrgeizes, der Selbstsucht, der Verweichlichung weniger veranlaßt sind, erklärt wohl dieses günstige Resultat. Z) Die Schullehrer stehen im Grade ihrer Lebenshoffnungcn den beiden vorhergegangenen Ständen am nächsten. Sie treten ein in das Greisenaltcr von 80 Jahren mit 1,13 Procent ihrer Standesgcnosscn. Bei den Vorbereitungen zum Dienst sind keine besondern Schädlichkeiten, in der Berufsbildung keine Strapazen, keine Gefahren durch Wittcrungscinflüssc, ein Wechsel und freudige Anregungen im Tagesleben, bei spärlicher Besoldung und Faniilicnsorgcn die stete Nöthigung zur Thätigkeit und eine Abhängigkeit und Disciplin, welche die egoistischen Bestrebungen des Wohllebens, des Ehrgeizes und der Habsucht nicdcrhält. 4) Die Justizbcamten erreichen nur mit 0,77 Procent das hohe Alter. Sie haben im mittleren Alter keine ungewöhnliche Sterblichkeit, aber mit dem 60. Lebensjahre vermehrt sich ungewöhnlich ihre Sterblichkeit. Ihr Stand ist ausgezeichnet durch bureaumäßigc Geschäftsübung; sie können meist eine geregelte Tagesordnung einhalten. Dieser Stand entbehrt aber mehr als alle andern der freudigen Momente in der Berufs- übung und ist mehr gedrückt, als andere Stände, durch die fortdauernde Begierde nach höherer Gunst und Stellung. Solche Gemüthsstimmungen lähmen aber bei ihrer Fortdauer Körper- und Geisteskraft. 5) Die katholischen Geistlichen haben eine alle genannten Stände überbietende Sterblichkeit im mittleren Lebensalter vom 45. bis 66. Lebensjahre. Die große Mehrzahl derselben, 95 Proccnt, sind Kuratgcistlichc, welche in der äußern Seelsorge als Pfarrer, Caplänc, Coopcratorcn meist strapaziös beschäftigt sind. 6) Die Aerzte haben die wenigste Hoffnung eines langeu Lebens und die größte Sterblichkeit in allen Altersklassen, unter allen Stünden; die extremste Sterblichkeit ist im frühesten Alter — ^ unterliegen schon vor dem 50. Lebcsjahre und vor dem 60. Lebensjahre. Dem ärztlichen Berufe müssen in seiner Allgemeinheit Gefahren angehören, welche sich bei keinem Stande in solcher Größe wiederfinden. Schon die Vorbereitungen zum Berufe sind länger dauernd, anstrengender und die Gesundheit gefährdend. Der Beruf selbst aber ist von Anfang bis zum Ende ein ruheloses Treiben, ein steter Kampf mit den organischen und socialen Feinden des Wohlseins Anderer, und mit den Gefahren für die eigene Geltung. Körper und Geist werden gleichzeitig und oft bis zur äußersten Grenze angestrengt; viele unterliegen der Ansteckung bei Krankheiten, mehrere noch den Anstrengungen und Witterungseinslüssen im Tagesbcrufe und alle werden in der Sorge niedergehalten um die Gefahren des eigenen Rufes und der ökonomischen Existenz. Es gibt keine Sinecuren, keine äußere Ehre, keine Unabhängigkeit in diesem Berufe, kein Verdienst, keine Sicherung der ökonomischen Existenz als im Gelingen der persönlichen Geltung und Vorzüge. Von 100 in diesen Stand Eingetretenen erreichen nur 26 das 50. Lebensjahr. Gegenüber diesen Erfahrungen gehört wahrlich Muth dazu, in diesen Stand einzutreten, und mehr Anerkennung sollte ihnen in dem kurzen Leben werden. Im Großen und Ganzen werden von keinem Stande größere und unbelohnte Wohlthaten und Dienste der Menschheit täglich geleistet, als von Aerzten. Sie lernen sich den Menschen und Verhältnissen am meisten accommodiren, und sind im Prinzipe und in der Praxis die humansten, erfahrensten und deßhalb nachsichtigsten Beurtheiln aller menschlichen Verhältnisse. 151 Frühling außen, Frühling innen. Viel tausendmal sei mir gegrüßt, Du jugendlicher Held! So rufst du, wenn der Lenz dich küßt, Der Liebling aller Welt! Zerstäubt ist ja das Leichentuch Des Winters, blaß und fahl, Dahin des Sterbens Pestgeruch, Nur Leben überall! Wie stärket sich das Auge jetzt Am neuen frischen Grün, Den Blümlein dann, die sich gesetzt Auf diesen Teppich hin! Aus düstrer Stube treibt's dich fort Hinaus auf Flur und Wald; Denn Lerchen, Amseln wollen dort Nicht singen unbezahlt! Wer sollte auch nicht freudenvoll Sie loben ob der Müh', Mit der sie wcih'n als Ehrenzoll Dem Schöpfer Harmonie! In ihren Sang nun stimme ein O theures Menschenherz, Erschwinge mit den Vögelein Dich munter himmelwärts! Doch ach; wie traurig fällt's mich an So plötzlich — und warum? Wiewohl jetzt alles jubeln kann. Möcht' ich fast werden stumm! Du Menschenherz, du bist's allein, Das mich zur Trauer stimmt! Bei dir will's oft nicht Frühling sein, Wic's auch für dich geziemt! Der Sünde harte Kruste deckt Dich zu, wie festes Eis, Der Reue Thräne nicht erweckt Das kleinste Tugendreis! Den heil'gen Engeln ist's verwehrt, Zu schauen rein und klar Des Herzens Büchlein unbekehrt Ist's frostig und ganz starr! Der Gnade Sonne scheint gar heiß Schon lang anf selbes hin! O laß doch schmelzen dieses Eis Und ändre deinen Sinn! Der Buße blaues- Veilchen blüh' Auf thränenfeuchtem Grund; Denn ohne Buße wirst du nie Vom Herzen aus gesund! Zu diesem Blümchen werden sich Gesellen andre bald, So daß, wenn nur die Sünde wich. Entsteht ein Blümchenwald. Dahin der Herr dann Engel schickt Hinweg von seinem Thron, Damit ein jeder Blumen pflückt Für deine Hiinmelskron! Welch' Freude für die Engel doch Ein solches Herz mag sein, Wo weggeräumt des Winters Joch Erwacht der Frühling rein! Erstanden ist der holde Mai, Er blüht auf Feld und Flur Es ist geworden alles neu Im Kreise der Natur! Doch unser Herz eS fei're mit, Es bleibe nicht zurück! Ja das, was innerlich erblüh't, Es bringt erhabner's Glück! Zum ew'gen Frühling klärt sich ja Der Seele inn'rer Glanz Und leuchtet einst, ob fern, ob nah Als goldner Himmelskranz I s. InLausanne besteht, neben der Lehranstalt für Blinde und dem Hospital für Augen» kranke, seit 1856 auch eine Druckerei von Werken für Blinde. Diese Druckerei hat im letzten Jahre ein großes Unternehmen zu Ende geführt, nämlich den Druck sämmtlicher kanonischen Schriften des alten und neuen Testamcn tes in französischer Sprache. Die Anstalt hat auch Bücher in deutscher Sprache, z. B. das Evangelium nach Johannes und das Sprachbüchlcin von TH.Schcrer in je 300 Exemplaren geliefert. Die Blinden lesen bekanntlich mit den Fingerspitzen, und damit Dieß möglich sei, müssen ihnen die Schriften erhaben und ziemlich groß vorgelegt werden. Daraus folgt, daß man das Papier nur 152 auf einer Seite bedrucken kann, und daß ein Buch für Blinde ungleich voluminöser wird als ein gewöhnliches. So Vernehmen wir aus dem kürzlich von Herrn Direktor H. Hirzel erstatteten Bericht, daß die Blindenbibcl aus 32 Bänden besteht, wovon 24 die alttesta- mentlichcn, 8 die neutestamentüchcn Schriften enthalten. Es sind im Ganzen 4595 Blätter. Eingebunden wiegt ein Exemplar 114 Pfd. hält ungefähr Kubikfuß und kostet Fr. 52. 80, bei welchem Preis überdieß nicht einmal alle Herstellungskosten strikte gerechnet sind. Im Durchschnitt wurden 264 Exemplare von jedem Buch abgezogen, im Ganzen 8441 Bünde, deren Herstellung Fr. 26,745. 70 gekostet hat; 3291 Bünde sind verkauft, 5150 noch auf Lager. Die meisten Exemplare gingen ab vom Evangelium nach Johannes und von der Apostelgeschichte, 176 und 171, die wenigsten von Obadjah und Maleachi, nämlich nur 42. Die erhaben punktirte, aber farblose Blindenschrift ist für das Auge sehr ermüdend, so daß eine Arbeitslehrerin, welche gewöhnlich die Korrektur besorgte, zwei Mai von einer gefährlichen Augenkrankheit (Jritis) heimgesucht wurde; die Blinden lesen aber mit den Fingern bald mit großer Leichtigkeit. Ein blindes Mädchen las z. B. das Evangelium nach Marcus (89 Folio- seiten) in 2 Stunden 20 Minuten, ohne irgend eine Ermüdung zu spüren, ein Knabe dasselbe gar in nur 1 Stunde 45 Minuten, war aber am Ende im Ellenbogen etwas steif geworden. Es ist auch vorgekommen, daß eine Blinde, welche zufällig wegen Frostbeulen baumwollene Handschuhe trug, trozdem ganz geläufig las. (Wie das Wetter gemacht wird.) Vor einigen Jahren gab ein Komorner Buchdrucker einen Kalender heraus, in welchem, wie dies bei Vvlkskalcndern üblich, für jeden Tag des Jahres die Witterung angegeben war. Beim 13. Februar war jedoch im Manuscript die Angabe vergessen worden, und der Setzer schickte daher den Setzer- jungen zum Herrn hinauf, der eben Tarock spielte, um ihn zu fragen, was er hinsetzen solle. Der Herr, welcher Pagat Ultimo angesagt hatte, überhört im Eifer des Spieles die Frage und stößt, da ihm der Pagat abgestochen wird, ein grimmiges „Donnerwetter!" heraus, das vom Setzerjungen als die vermeintliche Antwort in die Druckerei und vom Setzer pflichtschuldigst in den Satz befördert wird. Der Kalender erscheint mit dieser kühnen Wrtterungs - Prophezeiung und der Herausgeber wird weidlich aufgezogen. Aber siehe da, der Zufall will, daß gerade an diesem 13. Februar das seltene Phänomen eines Wintcrgcwitters sich ereignet, und seit jener Zeit schwört der Schüttler Bauer nicht höher, als auf den Komorner Kalender, von dem jedesmal die ganze Auflage vergriffen wird. Der Mensch lehrte die Zeit (durch den Glockenschlag) reden, damit sie nicht ohne Abschied entfliehe; seitdem gab jede Stunde eine Marke bei uns ab. Der Besuch ist gemacht, und wohl dem, der zu Hause war, sie mit Achtung empfing und ihre Gegenwart benutzte: sie eilen unwiederbringlich von uns und erwarten als Zeugen unserer Handlungen uns dort, wo Rechenschaft zu geben unser Aller Loos sein wird. (Wer?) In einem Provinzialblatt ward kürzlich über ein stattgehabtes Duell mit den Worten berichtet: Der eine der beiden Gegner ward tödtlich in die Brust getrostem, der andere schoß in die Luft. — Frage: Wer war sonach der Urheber der Verwundung? „So häßlich Sie sind," versicherte Jemand einer Dame, „ich gehe dennoch mit Ihnen um, als wären Sie die Schönste!" — „Und ich mit Ihnen, so dumm Sie sind, als wären Sie der Verständigste!" gab Jene zur Antwort. Druck, Brrlau und Ridalttoa des Nlirartschrn JnstilUtS von vr. M. HuiUer. Nr. SO. 17. Mai 1868. Augsburger Soniitaas-Blatt. Daß von diesem wilden Sehnen, Dieser reichen Saat von Thränen Himmelslust zu hoffen sei, Mache deine Seele frei! Göthe. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) III. In der Sonne, zieh' weiter! Hier glühst 'du vergebens — Nimmer crgrünen Die Tannen, es trotzen Gwig die Gletscher: Zieh' weiter zum schönsten Winkel der Erde! Roms - Au. Mit dir zieh' ich, Wo in Blüte» reifen Goldene Nepfel Umhegt von Lorbeer Die Tiber flutet Im schönsten, liebsten Winkel der Erde! So klang es nach eintönig lang gezogener schwermüthiger Weise aus einem Hause hernieder, das an der Sonnenseite des langgestreckten Romsaucr - Thales auf sonniger Halde lag, überragt von den schlanken Stämmen und mächtigen Wipfeln einiger Kirsch- bäume. Draußen im wärmeren Flachlande war die Zeit ihrer Blüte längst vorbei, hier aber begannen die weißen Knospen eben aufzubrechen, als hätten sie verschlafen, und müßten sich wie auf einen Traum erst darauf besinnen, was ihr Brauch gewesen im heißen heimatlichen Asien. Unten am Fuße des Hügels auf dem Saumpfade, der sich daran vorüberzog, kam ein Zug von Reitern heran, deren Einer in Wehr und Waffen in beträchtlicher Entfernung voraus trabte, um zu erkunden, wohin der Weg führe und ob er wirklich für ihre Thiere gangbar und für die Herrin des Zuges rathsam sein möge. Es war Amalaswinth, die schöne Langobardin, diesmal nicht in das Gewand einer Edelfrau, sondern in die Ncisctracht gehüllt, in welcher die Kaufleute damaliger Zeit ihr fahrendes Gewerbe zu treiben pflegten. Das Kleid war wie aus Einem Stück, aus dunklem Stoff geschnitten, der die hohe Gestalt mantelhaft umhüllte; nirgends war Zier, Schmuck oder kostbar Gcrüth zu erkennen, nur vorn dunklen Hute nickten ein paar Schwungfedern, aus Schwancnflaum kunstreich gebunden. Die Maulthicre, mit mancherlei Ballen und Gepäck beladen, waren nach Art des Südens mit rothem Trottelwerk und allerlei Glöckchen behängen, die begleitenden Reiter mit ihren stattlichen Rossen sahen sich an wie ein mannhaftes und wehrbcrcites Geleite. Die Schaar zog eilfertig des Weges und doch mit einer gewissen Aufmerksamkeit, welche sich nichts entgehen ließ, was nach irgend einer Seite zu entdecken war und auf den Gedanken bringen mochte, es gelte zu suchen und jeden Augenblick bereit zu sein. 154 die gefundene Spur nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Eben kam der voraus- trabende Reisige zurück, der Herrin zu melden, wie der Weg zwar mühselig und voll Beschwerde, aber völlig gefahrlos sei, wie er nicht vermocht habe, irgendwo die Spur „n Pfcrdehuf oder Mannesfuß zu gewahren und wie eine kleine Strecke aufwärts an der Achc, welche ihnen aus dem Hintern Thale entgcgengesaust komme, eine ansehnliche Mühle zu erblicken sei, in welcher sich wohl eine Herberge für die Herrin und Unterkunft für die Thiere hoffen lasse. Die Reiterin vernahm nur halb die Meldung des Getreuen; sie hatte die Zügel angezogen, daß ihr Saumroß ruhig stand und sie besser den Tönen lauschen konnte, welche eben jetzt noch klarer und bestimmter den Hügel herab vernehmlich wurden. Die singende Stimme war schwach und hörte sich manchmal an, wie das Zittern einer vom Lusthauch schwach berührten Saite: dann aber wuchs sie wieder und erklang voll und mächtig, wie die Stimme des Schwans, welche der Sage nach nie schöner, nie voller ertönen soll, als wenn er sie mit der letzten schwindenden Kraft des Lebens erschallen läßt. „Sonderbarer Gesang," sagte Amalaswinth, „ich verstehe die Worte nicht und doch klingen sie mir nicht unbekannt, — es ist nicht die Sprache, die wir Langobarden reden, oder jene der Bajoaren ... es ist nicht Latein und doch hat es einen Anklang von allem Diesem..." „Kennst Du die Mundart nicht?" erwiderte der Anführer des Zugs. „Ich erinnere mich wohl, sie schon vernommen zu haben — es ist ein Gemisch aus den Sprachen, die Du genannt, o Domino und dort heimisch, wo römische Abkömmlinge Hausen, welche den Gebrauch der neuen Heimat nicht gelernt und den der alten nicht vergessen haben..." „Wer mag hier wohnen?" fragte Amalaswinth. „Höre nur, Alboin, die wunderbare Weise dieses Gesangs! Lautet sie doch beinahe wie feierlicher Kirchengesang im Dome Sankt Zcno zu Verona! Ich will hier bleiben: das Haus scheint räumlich genug, um Platz für mich zu haben — sucht Euch in der Wühle die Unterkunft, von der Du sprichst, dann komm zurück, Alboin, und bleibe in meiner Nähe!" Eben war sie im Begriffe, sich von Ihrem Thiere zu schwingen, als Placida den Höhenpfad herangewandclt kam, mit hochgeschürztem Gewand, eine schwere Korblast auf dem Rücken, einen starken Baumast in der Hand, der mit blanker Eisenspitze beschlagen zur unerläßlichen Stütze diente, bei der langen mühevollen Bergwanderung, von welcher sie eben zurückzukehren schien. „Sei gegrüßt, Herrin. . . hast Du ein Verlangen, weil Du an diesem Hause anhältst?" fragte sie freundlich, indem sie sich mit dem Rücken gegen den Zaun lehnte, daß ihre Last auf denselben zu ruhen kam, und trocknete zugleich Staub und Schweiß des mühseligen Weges von der klaren Stirn und den leicht überröthcten Wangen. Das Auge der Fremden ruhte forschend, aber mit unverkennbarem Ausdruck des Wohlgefallens auf der kräftig schlanken Gestalt und der ganzen anmuthvollen Erscheinung. „Bist Du die Frau des Hauses?" sagte sie dann. „Wer ist es, der hier wohnt?" „Das Haus ist des Herzogs," erwiderte Placida, „mein Vater, Angclus geheißen, ist sein Hausmaicr und wohnet hier." „Und ist darin Herberge und Imbiß zu finden für einen Gast und für eine Nacht?" fragte Amalaswinth. „Ich bin eines fahrenden Kaufmanns Weib, der vorangezogen ist, nach Regensburg, Bernstein einzutauschen, der vom Nordmeer kommt — ich zieh' ihm nach und führe ihm kostbare Geschmeide zu, Korallen und zierliche Kcttlein, woran auch Du wohl Gefallen haben wirst, wenn ich erst den Schatz vor Dir ausgebreitet..." „Laß' das, Herrin," entgegnete Placida bescheiden. „Schmuck und Geschmeide ist nicht für mich und für dies Haus — es ist nicht mein Vaters Eigen, sondern ihm geliehen vom Herzog — wir sind hörige Leute..." „Das will so viel sagen, als Sclaven?" rief Amalaswinth mit etwas befremdetem Bück. „Dein Wort und Wesen, Mädchen, ist nicht von Sclaven-Art... von welchem 155 Geschlechte bist Du? Was für ein fremdartiger Gesang in diesem Hause? Welch' enrr Spraye ist die dieses Gesanges?" „Die unserer Vorfahren," antwortete Placida, indem sie sich aufrichtete und ihre Last wieder auf sich nahm. „Sie haben die Sprache der Römer geredet, aber iu der fremden Umgebung, unter den Fremden, mit denen sie leben mußten, haben die Geschlechter, die seitdem dahin gegangen, die Sprache vergessen — bis auf einige Worte — bis auf einige Lieder, die wir zuweilen noch singen. . . Was Du vernimmst, Herrin, ist ein solches Lied! —- Doch komm' herein, wenn es Dir gefällt, Deinen Fuß über die Schwelle des unfreien Mannes zu setzen! Aufwärts an der Ache ist ein wohnlicher Platz mit Bäumen und einer Mühle — laß Deine Leute dort Unterkunft suchen u«d komm herein..." Amalaswinth rief Albion noch einige Worte zu und folgte der Voranschrcitende« i« das Haus. Es war klein und dürftig, aber es erschien wohl erhalten und bot darum eiue» nicht unfreundlichen Anblick. Merklich abweichend von dem Gebrauch der umwohnende« freien Bajoarcn, welche ihre Gebäude innerhalb des Geheges nach Bedürfniß und Laune stellten, waren hier die verschiedenen Räume zur Wohnung und Wirthschaft aneinander gerückt, daß sie ein nach innen geöffnetes Viereck bildeten, an den Regeneinfall und das Atrium römischer Häuser erinnernd. Die Gebäude selbst waren ebenfalls zum grüßt« Theile aus Holz gezimmert, aber der rings laufende Unterbau bestand ans Feldstein« und Trümmern herabgerollter Feldstücke, durch einen harten Kalkvcrband zusammengehalten, der darauf hindeutete, daß in ihm sich ein Uebcrrest einer einst viel höher entwickelt gewesenen Kunst des Baues erhalten habe. Der Hofrauin war so gestellt, daß d« größten Theil des Tages hindurch ihn die Sonne zu bescheinen vermochte, und zu eine» angenehmen Aufenthalt gestaltete. Rings um die innern Gebäude, durch einen vorspringenden freien Fortsatz des Daches leicht gedeckt, zog sich ein breiter Gang mit festgeschla- genem Lehmboden; ein paar Stufen führten in den Mittelraum, iu dessen Morgenecke einiges Gewächs gezogen war, während die andere zur Aufstellung von allerei Geräth« schaften dienen mußte. Bei entsprechender Witterung war es möglich, sich hier d« ganzen Tag über aufzuhalten und die meisten häuslichen und wirtschaftlichen Arbeit« so zu sagen im Freien zu verrichten — wieder ein Anklang an das Leben des Südens, der die niedrigen dunklen Gemächer scheuend, so lange als möglich unter offenem Himmel weilt und wirkt. Auch hier machten die dumpfen Stuben, welche zu den Seiteu de» lichtlosen, das ganze Gebäude in zwei Hälften scheidenden Ganges sichtbar wurden, eine« keineswegs einladenden Eindruck, aber wenn man aus dem Hglbdunkel rückseits iu de offenen noch sonnenhellen Hofraum trat, ward das Auge von einem freundlichen Bild* behaglicher Ruhe überrascht und gefesselt: nirgends waren Spuren von Reichthum ödere auch nur Wohlhabenheit zu bemerken, aber überall bewährten sich Reinlichkeit und Sauber keit, ein stilles Trachten nach Ordnung, ein feiner Sinn für gefällige Form. „Tritt in den Hof," sagte Placida, „und laß Dir's gefallen, Herrin, zu warteq, bis ich meine Bürde abgelegt: ich habe Butter und Käse abgetragen von der Atmende, wo ich als Sennin wirthschafte . . . Der Vater ist nicht daheim, wie ich merke, uud wohl hinaus in den Wald, Holz zu fällen: es ist Niemand im Hause, als die alte ^ür- — die sitzt, wenn das Wetter es erlaubt, den ganzen Tag auf dem Hofgang. . .^richtet, Amalaswinth blieb auf der Schwelle stehen; gegenüber, in der nach Os-oerschaute Mittag gewendeten Seite, war grüner Eppich emporgezogen uud schlang ^ Großfürst Dach, daß es aussah, als sei eine bewegliche Wand vorgestellt, oder ein,"r grünes Tuch heruntergelassen. Dahinter wie in einer Laube saß oder kam'"- ^ss. Hoheit, thümliche Fraucngestalt, in ein graues, lang hinabwallendes Gewand gekle^"- esthnisch weißem überreichem Haar, das losgelöst und regellos über Kleid und Uhr, Boden herabhing. Das Gesicht war aschfahl und regungslos, die erlös, 156 grauer Decke überzogen, sahen starr vor sich hin in's Leere — die ganze Erscheinung in dem durch die Epheuranken gebrochenen Lichte war anzusehen wie ein lebloses Gebilde, aus grauem Sandstein gemeisselt. Neben der Alten am Boden lagen die Ueberreste eines SaitenspielS, einer römischen Lyra, aber beinahe unkenntlich durch Alter und Zerstörung: nichts war geblieben, als das aus Erz gesormte Gestell, von Steg oder Saiten war nichts mehr zu erblicken —> es war wie ein zerbrochenes Spielzeug, mit dem Kinder erst am meisten zu spielen freut, wenn es nur mehr ein Rest dessen ist, was es vorstellen soll. Für die Acchthcit seiner Abstammung bürgten die unweit davon an der Wand wie Trümmer einer Trophäe aufgehangenen Waffen, eine niedere Bickelhanbc und ein kurzes breites Schwert vom nämlichen Ursprung. Als Amalaswinth eingetreten, hatte die Greisin geschwiegen; jetzt, da Stimmen und Tritte wieder verhallt, hob sich wie horchend das regungslose Antlitz, ihre lichtloscn Augen wandten sich der Gegend zu, von wo Beide gekommen: dann tastete sie wieder neben sich, faßte die zertrümmerte Lyra und begann darauf zu spielen, als habe sie Saiten unter ihren Händen und hörte sie unter deren Berührung erklingen. Dazu sang sie einen Theil des Liedes wieder, das sie zuvor gesungen, aber so leise, als fürchte sie, darüber etwas von dem zu überhören, was sich ihr nahe, oder als wolle sie es sich selbst vorsingen, es vor dem Vergessen zu bewahren. Indessen war Placida wieder gekommen und hatte dem Gaste einen Stuhl gebracht, und vor denselben eine Decke auf den Boden gebreitet: auch hier mahnten das niedrige Gestell mit den übereinander geschwungenen Beinen, Farbe und Dauer des Gewebes a» die verschwundene Kunst und Pracht früherer Jahrhunderte. „Ruhe Dich aus, Herrin," sagte Placida dabei, „das kleine Mahl, das ich Dir bieten kann, wird bald gerüstet sein — laß Dich von der Urahne nicht irren," fuhr sie fort, da sie Amalaswinth's Blicke dahin gerichtet fand, „sie ist ruhig und thut Niemanden Leides..." „Sie scheint sehr alt zu sein," bemerkte die Langobardin, „ich entsinne mich nicht, jemals solche Gestalt gesehen zu haben . . ." „Wir kennen ihr Alter nicht," entgegnete Placida, „sie selber scheint es vergessen zu haben — mein Vater, der selbst schon hoch in Jahren, sagt, wie er noch ein Knabe gewesen und in der allerersten Zeit, an die er sich noch erinnern könne, sei sie schon ebenso alt und regungslos gewesen und sei da gesessen, wie heute, als ob die Zeit und der Tod sie vergessen hätten..." „Sie ist wie ein Steinbild," flüsterte Amalaswinth, „wie Eine der Sibyllen, von denen die Mythe kündet... fast könnte man ein Grauen empfinden bei ihrem Anblick..." „Nicht doch," entgegnete Placida lächelnd, „sie ist gut und sanft — laß Dich durch ihre Gegenwart nicht stören, Herrin — sie sieht Dich nicht, denn sie ist blind, sie wird Dein nicht gewahr, denn sie ist irren Geistes: sie merkt nicht, was um sie her geschieht und lebt nur in ihren Einbildungen oder den Erinnerungen längst vergangener Zeiten..." Ueberrascht hielt sie inne, denn mit feierlicher Würde hob sich die Greisin etwas empor und rief mit lauter voll tönender Stimme: „Meinst Du das. Du Kind der -tten Stunden? Glaubst Du, ich bedürfe der Augen, um zu sehen? Glaube lieber, mehr schaue, als Du mit Deinen jungen Augen von gestern! Ich kenne sie mit Dir gekommen ... es ist Vitcllia, die schöne Muhme aus Ostia ... ich nach un. ^ Stimme ... sie kommt endlich, uns den versprochenen Besuch abzu- "y ^Es ist lange, daß sie das versprochen: ich weiß nicht mehr wie lange — ^ von Ostia bis in die nord'schen Alpen ... Oh, so unendlich weit!" r "st ch trat näher, das Gemurmel der Alten besser zu verstehen, denn so laut. reyen vom Hcr,.^ gesprochen, sanken doch die folgenden immer mehr zum Gestufter und Blick Dein Selbstgespräch herab. ^ ^ unsäglich weit," begann die Alte wieder und nickte mit traurigem 157 Lächeln. . . „aber auch schön... oh, so unsäglich schön! Ich seh' ihn noch, den immer wolkenlosen, tief blauen Himmel — ich fühle sie, die warme weiche wonnige Lust . . . es ist hart, sich von dem Himmel zu trennen und von dieser Luft — und hier ist es so kalt, so schaurig bis in'S tiefste Herz hinein. . ." Wie um ihren verwirrten Gedanken zur Ordnung zu verhelfen, glitt sie mit der Hand über die Stirn und fuhr weiter. „Komm' immer näher, schöne Base Vitellia ... ich bin Lucia. . ., erkennst Du mich nicht wieder? Wundere Dich nicht, daß Du mich hier in der armseligen Hütte findest... das schöne fröhliche Haus in Juvavia ist verbrannt: wir haben uns hier verbergen müssen, bis er kommt, uns zu Holm..." „Wer?" fragte Amalaswinth, die, mit der Alten wieder allein gelassen, den erste» befremdlichen Eindruck rasch überwunden hatte und nichts mehr empfand, als ein fast höhnisches Bedürfniß, sich zu unterhalten. „Frage nicht," erwiderte die Greisin geheimnißvoll, „er will unvermuthet kommen und will uns überraschen — er hat es so oft gethan! Wenn er seinen Namen ausgesprochen hörte, könnte es ihn wieder verscheuchen ... er hat es nie geliebt, bei seinem Namen genannt zu sein... Aber er kommt, er hat es bei der unterirdischen Hekate geschworen! Er muß kommen, muß uns heimführen aus dem eisigen in das schöne warme Land . . . drüben, jenseits dieser schaurigen Berge... O sage, Vitellia, blaut er noch d'rübcn, der Himmel von Italien? Komm näher — noch näher," fuhr sie dann nach kleiner Pause fort, und streckte die lange magere Hand nach der Richtung, wo sie die Fremde vermuthete, „in Deiner Rede klingt etwas wieder von den verklungenen Tönen der Heimat. . . Sie glauben mir nicht, der Mann und das Mädchen, — sie sind hier im Lande des Winters geboren und groß gewachsen: sie halten mich für wahnwitzig, wenn ich vom Süden rede und von dem, was einst gewesen... O es ist so schön . . . und auch in Juvavia war es schön — wenn die Sonne darüber hing, konnte man wohl träumen, in Hespericns Gärten versetzt zu sein. . . Und am Strome, am sausenden Juvavus da stand ein schönes Haus, eines Kaufmanns Haus, der war des Handels wegen dahin gezogen und war reich geworden, und der Garten des Hauses stieß an den Strom ... da schwammen die reich beladenen Flöße und Schiffe heran bis an die Schwelle und leerten ihre Schätze an Oel und Würze und Wein . . . und Abends, wenn es ringsum stille geworden, und die Augen des Tages schliefen, da wandelte unter den Bäumen ein glücklich Paar ... Lucia des Kaufherrn Tochter und ein Jüngling, der sich aus dem Palaste gegenüber in den Garten schwang, weil er es nicht wagen durfte, offen das Haus zu betreten ... es war FlornS, des Präfcctcn Sohn ... ein junger ritterlicher Mann, edel wie Apollo und herrlich..." „Stören wir sie nicht," flüsterte Placida, welche mit dem Abendmahle, in Brod, Eiern und einem Becher Wein bestehend, herantrat, „es ist wunderbar, was sie bewegt — in solchem Zusammenhange hat sie uns nie erzählt!" (Fortsetzung folgt.) (Kvl uk8 — levl kaks.) Als der Großfürst-Thronfolger vor Kurzem nach Nizza reiste, berührte er unter Anderem ein kleines Städtchen in Esthland. Der Bürgermeister des Ortes, von der Ankunft des hohen Reisenden im Voraus unterrichtet, hatte den Eingang zum Städtchen trotz Kälte und Frost dekoriren lasten und überschaute schmunzelnd sein Werk, als die Reisenden ankamen. Ucberrascht blieb der Großfürst stehen und rief aus: „yuol luxe!^- (Welche Pracht!) Der Bürgermeister hielt diese« Ausruf für esthnisch, trat gravitätisch vor und sprach also: „Verzeihen Ew. kais. Hoheit, kel kaks!" Zum Glück befand sich im Gefolge des Prinzen ein Mann, der esthnisch verstand, und dieser konnte das unbezahlbare Wortspiel erklären, nämlich: kol — Uhr, üks — eins und kuki, — zwei. 158 Irühlingskunde ans Jeuische Wtk. Zu Speycr am rauschenden deutschen Strom Verkündet die zwölfte Stunde Der Walpurgsnacht die Glocke vorn Dom Dem trauernden deutschen Bunde. Da thun sich im Dome die Gräber auf Der deutschen Kaiser der alten; Es kommen in ihrem Ornat herauf Sich grüßend die hehren Gestalten. Sie schreiten Paar für Paar heraus Im fahlen Mondenscheine, Durch düstere Straßen zum Strand hinaus Und steigen zu Schiff am Rheine. Ein schwarzer Adler als Herold fleugt, >Das Rcichspanier weht so finster; Vor Köln ans Land ihr Zug entsteigt Und schreitet nach dem Münster. Der Adler weiter nach Aachen zieht Und pochet an Karols Grabe, Der steigt hervor mit Geisterschritt, Mit Krone und Herrscherstabe. Und wandelt nach Köllen, den Aar voran Der setzt sich aus Thurmeszinken, Der Kaiser schreitet zum Dom hinan — Da flimmert gespenstiges Blinken. Der Dom ragt hell wie in Feuerschein, Beleuchtet die Stadt und die Runde; Viel öde Burgen funkeln am Rhein In mitternächtlicher Stunde. Durchs weiland heilige röm'sche Reich In allen Marken und Gauen Unzählige Lichtlein, den Seelen gleich, Erglühen und sprühen zum Grauen. Die Kaiser sich neigen im Dome drin Dem hohen Ahnen zum Gruße, Und beten mit ihm im Chor aus den Knie'n Dem Hochaltare zu Fuße. „Herr Gott, du Schirmer vom deutschen Land, Der Völker und Herrscher lenket! Schwer schlägt das Volk deine starke Hand, Das deiner nimmer gedenket! » Zwietracht zerreißet sein Eingeweid, Seit es mit Listen und Lügen Von deiner Lehre Einigkeit, Von Vätersitte gewichen. So sende doch deinen Kämpen bald Mit deinem geweihten Schwerte, Der wieder in Glauben und Kaisergewalt Dir einigt die deutsche Erde!" Und wie sie geendigt ihr laut Gebet, Die Riescnglocke sich schwinget. Zu künden dem Reich was die Kaiser gefleht. Daß Nord und Süd es durchginget. Und Kaiser Karol der zieht fürbaß. Von allen ernstlich begrüßet. Nach Aachen und steigt ins Gruftgelaß, Das ihm sich wieder umschließet. Die Anderen wollen hinaus zum Strand Und fahren flüchtig von hinnen — Die Lichter erlöschen im deutschen Land, Es dunkeln Burgen und Zinnen. Zu Spener voni Dome die Glocke ruft DcS MaimoudS erste Stunde, Da steigen die Kaiser in ihre Gruft, Sich grüßend mit stummem Munde. — O Deutschland, heiliges römisches Reich, Dein Mai auch nahet sich wieder; Du schläfst wohl lange schon todtengleich. Doch Gott schaut auf dich hernieder! Seit Kaiserhand legte den ersten Stein Zum heiligen Dom von Köllen 2) Hat dich gestürzct in Schmach und Pein Die finstere Macht der Hollen. Drum wallfahren in der Walpurgisnacht Zum Dom die Kaiser und flehen — So hoffe den Lenz, da mit Gottes Macht Ein Netter wird erstehen! Den letzten Stein von des Kaisers Hand Dem deutschen Dome vereinigt, Dann stehst du gewaltig, o Vaterland In Glauben und Liebe geeinigt! kiuäohcki Hoeckvr. ') Diese Glocke wurde »nno 1447 aufgehängt und wiegt 22400 Pfund. -) Am 14. August 1248 wurde der Grundstein zu diesem Wunderbaue gelegt von Erzbischof Konrad von Hochsteden, Kaiser Wilhelm von Holland und dem päpstlichen Legate». Der erste Werkmeister und muthmaßliche Urheber des noch vorhandenen Plans, nach welche« immer fortgebaut wird, hieß Gerhard. 159 Kirchliche «nd Civiltrauung. Lieblich in der Bräute Locke» Spielt der jungfräuliche Kran;, Wenn die hellen Kirchenglocken Laden zu des Festes Glanz. Schiller. Der 30. Mai (1837) war zum Tag der Vermählung (des Herzogs von Orleans -mit Helene Louisc, Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin) bestimmt, welcher Vermählung nach der Sitte des Landes zuerst die Civiltrauung in der Gallerie Heinrich II. (zu Fon- tainebleau) voran ging. Um halb neun Uhr erschien der König (Louis Philipp) mit der Prinzessin Helene am Arme, gefolgt von der ganzen Familie, so wie von ihrer zahlreichen Umgebung. Die Minister, Marschälle, Pairs und Deputirten, die Municipalität, die Generale und viele Eingeladene waren versammelt; das Brautpaar hatte seine bestimmten Zeugen, namentlich die Prinzeß den Herrn von Rantzau, Hofmarschall ihrer Frau Mutter der Erbgroßhcrzogin, Herrn von Brcsson, den französischen Gesandten in Berlin, welcher die Heirathsuntcrhandlungen gepflogen und den Herzog von Broglio, der sie auf deutschem Boden abgeholt hatte. Der Kanzler, Herzog des Caseslas, nahm während einer erwartungsvollen Stille, mit feierlichem Tone den Civilalt vor, worauf er den Herzog von Orleans fragte, ob er gesonnen sei, Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg zur Gemahlin zu nehmen. Der Prinz wandte sich ehrerbietig zu seinem Vater und auf dessen zustimmende Bewegung erwiderte er dem Kanzler mit fester Stimme: „Ja mein Herr." Auf die ähnliche Frage an die Braut wandte auch diese sich zu ihrer Frau Mutter und sprach nach erhaltener Einwilligung von dieser ihr ;,Ja, mein Herr" mit bewegter Stimme. Hierauf wurden die Aktenstücke in gebräuchlicher Form unterschrieben und hicmit war der Civilakt der bürgerlichen Ehcverbindung geschlossen. Nicht ohne Ursache haben wir seinen ganzen Verlauf beschrieben, hier wo er auch durch eine warme Theilnahme der höchst gestellten Persönlichkeiten einen besondern Glanz erhielt, um von den Gefühlen einer Seele zu reden, welche gleichwie hinter den Coulissen ein thcilnchmcndcr Zeuge der ganzen Feierlichkeit dieses Tages war. „Ich bin nie ein Freund jener Theaterstücke gewesen, in denen ein biblicher Gegenstand, ein Heiliges auf die Bühne gebracht wird, vielleicht vor die Augen der Bewohner einer Stadt, welche durch Carncvalsbclustigungcn noch umnebelt sind. — Von den Arien solcher Theaterstücke kenne ich weder den Text noch die Melodie, mein Inneres kann deßhalb nicht in den Gesang einstimmen, so gerne nnd so leicht ich in jeder Dorfkirche in den Ton der Gesänge und lauten Gebete einstimme." Das Gefühl von der Heiligkeit, Unauflöslichkcit des rechten, Gott geweihten Ehebundes kaun in der Seele keiner anderen Braut lebendiger und mächtiger gewesen sein, als in der jungen Fürstin, welche hier auf eine Führung ihres Lebens zurückblickte, die nicht von Mcnschenmacht und -Willen sondern von Gottes Gnade und wunderbarem Rath geleitet war. Ihre Ehe war im Himmel geschlossen und daß sie dieses sei, das sollte Mund und Herz lant und öffentlich vor Gott und Menschen bezeugen. Aus der Galerie Heinrich II., darin der Civilakt der Trauung vollzogen worden, begab sich die hohe Versammlung in die große Kapelle Heinrich IV. Der Bischof von Mcaux in pricstcrlichcr Würde hielt eine sehr ergreifende Rede und verrichtete die heilige Handlung der Weihe des Ehebandes in christlichem Geiste. Die Namen des hohen Paares wurden in das Kirchenregistcr eingetragen. Etwas neues in den Gebräuchen des französischen Königshauses geschah jetzt noch. Die hohe Versammlung wurde in einen Saal geführt, der als Louis Philipps-Saal benannt war. Hier fand sich ein Altar, mit rothen Sammctdecken behängen, ein Crucifix stand zwischen vier brennenden Kerzen nnd vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel; der Vielen 160 Hon uns thcure lutherische Pastor Cuvier stand in seinem einfarbig schwarzen Priesterrock vor dem Altar, bereit auch im Namen seiner lutherischen Kirche, den Ehebund zu weihen. Mit milder, aber fester Stimme sprachen seine ermahnenden Worte, welche als Worte von Gott voll himmlisch-tröstend er Kraft waren. Diese Kraft und der Blick auf das seltene Paar, das hier vor ihm stand und dessen innere wie äußere Führung er kannte, gab seinem Munde die Weihe zu seiner eltcnen Beredsamkeit des Herzens. Nachdem er die nämlichen Fragen wie zuvor der Kanzler an die beiden Liebenden gethan und die bejahenden Antworten vernommen hatte, legte er die Hände segnend auf ihre Häupter und beschloß die Feier mit den Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen." Hierauf folgte noch das eigenhändige Eintragen der Namen der Neuvermählten und ihrer Zeugen in das Kirchenbuch. — Als Napoleon I. im Jahre 1804 den frommen Papst Pius Vll. zu seiner Krönung nach Paris gezogen hatte, da wollte man die Feier des Festes durch eine außerordentliche Kirchenmusik erhöhen. DaS Orchester in der Kirche war mit achtzig Harfen besetzt; die Wirkung der harmonischen Laute eines solchen achtzigfachen davidischen Saitenspiclcs auf die Sinne der Zuhörer mußte, so erwartete man, eine ganz gewaltige seyn. Die Feierlichkeit begann, die achtzig Harfen tönten, mit Winken und zuflüsternden Worten drückte sich die Menge der anwesenden Gebildeten aus der großen Stadt ihr Entzücken aus. Jetzt nahte sich der Papst dem Altar. Statt der Töne der Harfenspieler hörte man die Sänger seiner Kapelle aus Rom, welche das alte Lied der Kirche 'l'u l'etrus anstimmten. Da war Las Gelispel, das Entzücken der Menge in dem Gefühle eines Staunens verstummt, das in vielen Seelen eine Erhebung der Andacht weckte. (Aus den „Erinnerungen aus dem Leben Ihrer kgl. Hoheit Helene Louise, Herzogin von Orleans :c.", von Dr- Gotthilf Heinrich von Schubert. >l>. Aufi.) Nicht überall wird die Lynchjustiz so rücksichtslos geübt, wie in Nordamerika. Die Ungarn scheinen sogar mit einigem Humor dabei zu Werke zu gehen. Äm Pcsthcr- Theatcrgebäudc ist ein Bierhaus, zur „Stadt Alt-Ofen" genannt, das eines der am stärksten besuchten Lokale dieser Art ist. Bei der Nebcrfüllung kommt es leicht vor, daß ein Gast davon schleicht, ohne zu bezahlen. Wird aber ein solcher Ausreißer erwischt, so folgt ihm die Strafe gleich auf dem Fuße. Er wird in den Keller des Hauses eingesperrt und nicht eher freigelassen, als bis er ein bis drei Wurzeln Meerrettig (nach Verhältniß der Seidel, die er unbezahlt getrunken) gerieben hat, wobei es nicht ausbleiben kaun, daß er Thränen seiner Schuld und Strafe vergießt. Charade. l Zweisilbig.) Ob Beide sind auch winzig klein, So können sie doch schädlich sein; Das Ganze ist es immerdar, Wie man am Holze nimmt gewahr Das ganz besonders, wenn es alt, Dem Ersten dient zum Aufenthalt'; Und das von diesem wird verletzt, Obwvhl's das Zweit' ihm nicht versetzt. Auflösung der Charade in Nr. 18: „Wermuth." rzDrock, »erloo »«» RevoMou b«e Ninorisch«» JoftiwIS rc» ve. M. Hoitler. Nr. SL 24. Mai 1863. Augsburgs? Die angebornen Bande knüpfe fest. Ans Vaterland, ans theure, schließ' dich au, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen/ Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Schiller, Dell, II. Aufzug, Scene 1. Sanct JarLhetmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) ' „Aber die Tage der alten Götter und ihre Herrlichkeit gingen dahin!" rief die Greisin in ergreifendem Klageton, „das Volk siel ab von ihnen und wandte sich zu dem neuen gekreuzigten Gatte — da wandten sich auch die alten Götter von ihm und das Verderben kam über das Volk, wie wenn der Sommer den Schnee schmilzt, die wüthenden Bergbäche anS den Schluchten hernieder stürzen in das dem Verderben geweihte Thal!' Wohl hatte Einer der Priester dcS neuen Heilands aus weiter Fern einen Boten und Warner gesendet, cS zogen wilde unzählbare Völker heran, die Alles vor sich niederwerfen und tödten, was lebt und was aufrecht steht — aber der Prüfest der Stadt glaubte der Warnung nicht. Er hatte die römischen Zcichcndcnter gerufen, die hatten aus dem Vogelfluge verkündet, es sei keine Gefahr zu befürchten, und sie jubelten in thörichter Sicherheit, und als die Nacht kam, lagen sie rathlos und betäubt von der Freude des Festes, das sie gefeiert. . . Aber mit der Nacht kamen die Völkerhorden herbei, zahllos wie der Sand, Plötzlich wie der Wind, schrecklich wie der Blitz . . . Ueber die unbewachten Mauern drangen sie in die Stadt, und bald rauchte und dampfte sie vom Blute der erschlagenen Bewohner, von der Glut der über ihren Todten zusammenstürzenden Häuser-. . . Niemand vermochte zu entrinnen . . . aber in des Kaufmanns Haus, wo der Garten an den Juvavus stieß, war noch eine schwache Hoffnung auf Rettung gegeben .. . Lucia und ihr Vater trugen Florus, der schwer verwundet am Hause niedergesunken, in den Nachen und unbeachtet von den plündernden Barbaren glitt das Fahrzeug bald über die sausenden Wellen dahin, in welche das Blut herabsickerte und die Funken niedersprühten... Es gelang den Flüchtigen, die Berge zu erreichen und sich in ein rauhes, darum wenig bekanntes und fast unzugängliches Thal zu verbergen. . . Nach Monaten, als die Hochflut des Völkcrsturms verronnen sein mochte, wagte der Vater sich auf Kundschaft hinaus: trostlos kam er wieder — er hatte von Juvavia nur Schutt und Trümmer gefunden: was einst in ihnen gelebt, war todt oder fortgeschleppt in die Gefangenschaft..." „Und FloruS?" fragte Amalaswinth, da die Erzählerin aufathmend innc hielt. „Florus," begann die Greisin wieder und es ward bemerklich, daß die Erregung und Anspannung, die über sie gekommen war, wieder nachzulassen und der frühern Erstarrung zn weichen begann, „Florus blieb in der Verborgenheit, bis er genesen war... Die Schranken, die ihn von Lucia getrennt, bestanden nicht mehr, sie gehörten einander an und schwuren beim Acheron, daß es ewig so sein sollte! Als es wieder einmal Früh. ling geworden, da faßte ihu das Verlangen, sich durch die Berge nnd Lande hindurch zu 162 schleichen bis nach Rom... zu sehen, ob auch die ewige Stadt vor den Barbaren gefallen und uns die Kunde zu bringen, oder wieder zu kommen um Vater und Tochter, denen er das Leben dankte, mit sich zu führen in die gemeinsame südliche Heimat..." „Und er ist nicht wieder gekommen?" rief Amalaswinth mit kaum verhehltem Spott. „Und Lucia wartet noch?" „Lucia wartet," flüsterte die Alte, und suchte wieder nach der Lyra. „Er wird kommen — er hat es geschworen. . . Ach, es ist so weit von Rom bis in die norischen Alpen. . . ach, so unsäglich weit!" Amalaswinth lachte auf. „Du glaubst nicht an Wort und Schwur, Herrin?" fragte Placida, deren Blick befremdet nnd wie erschreckt auf der kühnen Langobardin ruhte. „Ich glaube — doch nicht an Wort und Schwur eines Mannes, dem Weibe gegenüber.. . Und auch Du, Mädchen, glaube nicht: nimm als erstes Gastgeschenk den Rath von mir — Deiner Ruhe willen, Deinem Glücke zu lieb, glaube nicht! Wer eS thut, wird zur kindischen Thörin und kann mit dieser auf den Retter warten!" „Sie wartet noch," entgegnetc Placida sanft, „weil sie nicht mehr zu denken vermag: es ist ihr entschwunden, daß er längst todt sein muß, daß er wohl den Barbaren in die Hände gefallen und verunglückt ist — daß er nicht mehr kommen kann!" „Und daß er nicht kommen wollte, so lang er es noch gekonnt!" rief Amalaswinth bitter. „Sag' es nur heraus — andere Bande haben ihn dort gefesselt und festgehalten... er hat im glühenden Rom vergessen, was er im eisigen Norden geschworen?" „Ich weiß es nicht," sagte Placida, „die Urahne hat es nie gesagt... sie wird über sein Ausbleiben getrauert haben, bis die Trauer zur Schwermuth geworden und die Schwermuth zum Irrsinn . . . dennoch ist diese Hoffnung ihr einziges Glück . . „DaS nennst Du Glück, Närrin? Du bist wohl auch wie diese gesinnt, und würdest warten, wie Lucia?" „Hätte ich geschworen, ich würde halten, was ich gelobt. .. darum glaube ich auch, daß mir gehalten würde, was mir geschworen wäre. . . Glaubst Du das nicht auch, Herrin? Würdest Du nicht auch handeln, wie Lucia?" „Ich?" rief Amalaswinth mit blitzfunkelnden Augen. „Ich wäre nicht ruhig gesessen und hätte gewartet. . . und wenn ich mich als Magd verdingen müßte, und müßte als Bettlerin durch die Lande fahren, ich wäre auf und hinaus! Ich wäre seiner Spur gefolgt, und hätte nicht gerastet, bis ich ihn gefunden, ihn herausgerissen aus seinem verbrecherischen Glück, und in seiner Verzweiflung, seinem Tode vollauf meine Rache gesättigt ..." „Herrin," rief Placida erbleichend, „ich bin eine Christin... Du nicht auch?" „Zweifelst Du daran?" rief Amalaswinth entgegen. „Weil ich mich rächen will? „Wenn Rache Sünde ist — ich will sie gut machen, will bereuen . . ., ich will sogar verzeihen und für den Verlorenen beten — aber erst muß mein Haß an ihm gekühlt, erst muß das Maß der Vergeltung voll für ihn gerüttelt sein . . . Meine ganze Zukunft, mein Leben, jede Stunde in ihm soll Gott und seinem Dienste gewidmet sein z aber diesen Einen Augenblick muß er mir lasten, diese Sekunde nur muß mir gehören!" Die Greisin hatte inzwischen, ihrer nicht bewußt wie vorher, auf den eingebildeten Saiten der Lyra gespielt: sie war wieder das Kind, das sie zuvor gewesen. Jetzt erhob sie sich und schritt, an der Wand fort tastend, in eine der Kammern des Hauses. „Lucia sucht ihr Lager auf," sagte Placida, welche Amalaswinth mit steigendem Befremden betrachtet hatte, „wäre sie noch ihrer Sinne Herr, sie würde Dir für den Eifer danken, womit Du Ihres Geschickes Dich angenommen. — Es scheint, der Vater will nicht mehr «ach Hause kommen . . . erlaube, daß ich des morgigen Tags und seiner Müheu gedenkend, auch Dir die Ruhestätte anweise..." Sie geleitete die wortlos folgende Fremde in ein kleines, nicht unfreundliches Ge- 163 mach, dessen Lager mit Wilddecken und Tüchern zu angenehmer Ruhe recht wirthlich bereitet war. In einer Wandnische brannte eine kleine Lampe, aus Erz geformt, eine Schale darstellend-, um deren Fuß sich eine Schlange wand, so daß der Schweif den Handgriff bildete, während aus dem vorgestreckten Rachen die kleine Flamme spielte. Die Langobardin ließ den frommen Nachtgruß der Wirthin unerwiedert — auch deren Schritt verhallte bald in der allgemeinen Nachtstille, die groß und feierlich über den riesigen Bergen und dem winzigen Hause zu ihren Füßen sich ausbreitete. Draußen kam groß und voll der Mond durch das blaue Luftmeer geschwommen — nur hie und da von leichtem Aufrauschen der Bäume auf der einsamen Fahrt begrüßt oder angerufen von dem Schrei eines wilden Gethiers in der fernen Bergwildniß. Die Sterne waren noch nicht weit vorgerückt, als ein Mann behutsam und doch eilfertigen Schritts den mühsamen Hochpfad einher kam, welcher, meist zum Viehtrieb benützt, sich längs der Halde in nicht unbeträchtlicher Höhe dahinzog. Oberhalb des Walchenhauses angekommen, lenkte er von dem Pfade und kam vorsichtig quer durch das thauende Gras, das sich geräuschlos unter seinen Tritten beugte. Etwas gebückt schlich er dann an der Wand des Hauses hin, bis unter ein Fenster, das sich thalabwärts gegen die aneinander rückenden Berge öffnete, über deren Einschnitt der hohe Göll wie ein nordischer Eisriese in bleicher Majestät das eisgekrönte Steinhaupt emporhob. Das Fenster war noch nicht geschloffen. Placida hatte ihr Nachtgebet verrichtet, aber der Schlaf, der sie sonst immer gleich mit den letzten Worten und Gedanken desselben zu umarmen Pflegte, wollte trotz der ermüdenden Bergwanderung nicht auf sie her- niedersinken: war es die Begegnung mit der fremden so wildgemuthen Langobardin — war es die Erzählung der Urahne oder die Erinnerung dessen, was sie in den letzten Tagen selbst erlebt — die Ruhe kehrte nicht ein in dem kleinen Kämmcrchen und der Bewohnerin war nichts übrig geblieben, als an's Fenster zu treten und zu versuchen, ob ein Blick in die stille ruhige Klarheit, die draußen waltete — ein Athemzug von ihr den Frieden nicht auch zu ihr herein tragen werde. Sie lehnte an der Fensternische, von außen nicht sichtbar.wohl aber vermögend. Alles zu sehen und zu hören, was dort geschah. Sie vernahm den leisen Tritt, der schleichend näher kam. „Sollte der Vater Hoch noch heim kommen," dachte sie, gab aber den Gedanken eben so schnell auf, denn der Vater würde nicht von der Seite, nicht heimlich, sondern offen zum Eingänge kommen; sie wollte eben vortreten, wollte anrufen und fragen, als ein Seitenblick ihr die Gestalt des neben dem Fenster sich Aufrichtenden zeigte und der Ausruf „Markulf" halblaut den überraschten Lippen entschlüpfte. „Ja — ich bin es, Placida," sagte der Jüngling, indem er unter das Fenster an das Gemäuer trat, „erschrick nicht vor mir und zürne nicht, daß ich mich erdreiste. Deine Nachtruhe zu stören. . . aber ich konnte nicht anders, ich muß mit Dir reden...» „Und darum kommst Du bei Nacht?" fragte Placida scharf entgegen. „Wenn Du mit mir reden mußt, so finde bei Tag den Weg! Wa^Du mir heimlich, bei Nacht, einherschleichend wie ein Räuber, zu sagen denkst, begehr' ich nicht zu erfahren!" „Zürne nicht," flüsterte Markulf, „ich konnte nicht anders — ich vermochte nicht früher zu kommen, ich würde auch morgen bei Tage nicht kommen können — vielleicht auch den folgenden Tag noch nicht ... das hätte ich nicht zu ertragen vermocht; den» ich muß Gewißheit haben, eh' ich einen Fuß weiter setze! Ohne im Laufe anzuhalten, komm' ich von der Salzburg herüber — ich soll des Herzogs Sohn, Prinz Dietwalt, morgen auf den Kaunstein geleiten und sein Führer sein auf der Steinbock - Jagd . . . Du siehst also, ich konnte nicht bei Tage kommen und vorgestern weißt Du wohl, daß es mir unmöglich war, bei der Almende zu landen — der Vater hatt' es mir verboten.. „Was entschuldigst Du Dich?" rief Placida, sich selbst zu künstlichem Unmuth erregend: sie wußte das, denn sie fühlte nur zu wohl, welche Gewalt seine heißen drängenden Worte über sie zu üben begannen. „Hast Du Dich zu verantworten vor mir — 164 der Sohn des freien hochmüthigen Barschalken vor der hörigen Tochter des verachteten RömlingS? Hab' ich begehrt, daß Du bei mir landen sollst? Ich habe nichts mit Dir zu verkehren — darum geh' und komm am hellen Tage wieder, wo Bein Vater cS sehen kann und Deine freien Genossen, daß Du ;u der Leibeigenen kommst..." „Sei nicht so ungestüm mit mir," bat der Jüngling entgegen mit dem einschmeichelndsten Tone, den er der rauhen.Zunge abzugewinnen vermochte, „sei nicht so hart — ich scheue mich ja nicht: ich will zu Dir kommen, offen, bei scheinender Sonne und vor siebenmal sieben Zeugen. . . antworte mir nur auf meine einzige Frage!" „Es gibt keine Frage, auf die ich Dir zu antworten hätte — geh ... " „Verstelle Dich nicht, Placida — mache Herz und Zunge nicht rauher, als sie sind... Du mußt es längst wissen, daß es mich zu Dir zieht, wie den Hirsch zum Walde — daß ich Dich liebe und nicht mehr von Dir lassen kann, nicht mehr als mit dem Leben! Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht und Du wußtest es auch und schienst nicht zu grollen, wenn ich kam, an Deiner Sennhütte zu pochen ... Du schienst mir auch gewogen zu sein..." „Kann ich dafür, wenn Du solche Dinge träumst?" rief Placida erwärmend. „Wie soll ich Dir gewogen sein? Die Hausfrau für den Hof in der Schönau suchst Du nicht in dem unfreien Hause des Walchcn . . . denkst Du, die hörige Dirne soll Dir zur Kurzweil sein?" „Höre mich, Placida," unterbrach sie Markulf mit feurigem Eifer, „ich will meines Vaters Erbe nicht, wenn ich es nicht mit Dir theilen kann! Ich will den Hof in der Schönau eh' mit dem Rücken ansehen und in's Elend ziehen, eh' ich darin Hause niit einem andern Weibe! Ich will fort! Will als Kricgsmann ausziehen auf Fahrten und Abenteuer — dann, wenn ich genug der Schätze erworben, genug an Ruhm und rothem Gold — dann will ich wieder kommen, will Dich frei machen und heimführen von Deinem Vater und Deinen: Herrn als mein liebes Weib, als meine wahre freie Hausfrau!" Das Mädchen schwieg einen Augenblick; mit jedem Augenblicke wurde der Kampf der mühsam zurückgehaltenen Neigung mit dem beherrschenden Verstände heftiger, mit jedem Herzschlage begann die Herrschaft des Lctztern mehr und mehr zu schwanken — die Nachricht von seinem Vorhaben, die dringende Innigkeit seiner Worte ergriffen sie mächtig und ließen den Athem in ihrem Busen stocken. „Du schweigst? Zweifelst Du, weil Du nichts entgegnest?" begann Markulf wieder. „Sieh', ich komme so eben vom Herzog — ich war seit gestern bei ihm und habe ihn gebeten, mich als Kriegsmann in seine Gefolgschaft aufzunehmen: mein Vater, der auch dahin gekommen, hat es hintertrieben. .. Der Herzog will, daß ich bleiben soll! Aber ich bleibe dennoch nicht — ich ertrag' es nicht, hier zu leben, in Deiner Nähe und doch ohne Dich... ich gehe heimlich von dünnen, will ausführen, was ich mir gelobt und will Dich mir erobern . . . noch diese Nacht fahr' ich von hinnen: sage mir nur ein einziges Wort der Ermuthigung, Placida: sage, daß es nicht wahr ist, was mein Vater mir von TÄ berichtet hat!" „Und was hat Dein Vater berichtet?" fragte sie mit beklommenem Tone. „Daß Du mir abgeneigt bist!" erwidcric Markulf fliegenden Athems. „Daß Du keinen Theil habest an mir. . . daß ich Dir nicht mehr bin, als jeder andere Waidmann und Bergfahrer, der als Gast in Deine Hütte tritt. . . Nicht wahr, Placida, das hast Du nicht gesagt?" Placida kämpfte noch immer, noch schmerzlicher mit sich selbst: die volle Schwere des Augenblicks lastete auf ihr, sein Gewicht machte die Schale ihres ganzen Lebens zur Entscheidung sinken oder steigen. . . sie schwankte noch eines Pulses Dauer, dann hatte sie sich zusammengerafft und, sagte mit gelassenem Tone: . . . „Ich hab' es gesagt . . ." „Aber cS war nicht Dein Ernst!" rief Markulf auflodernd. „Es kann Dein Ernst nicht gewesen sein... ich kenne meines Vaters trotzig Gebühren, er wird Dich bedrängt 165 und gescholten haben: Du sprachst nur im gerechten Anmuth, ihn von Dir zu weisen! Sieh, Placida, ich weiß ja, es kann Dein Ernst nicht gewesen sein! Wohl haben wir bis zur Stunde nie von dem geredet, was uns zu einander führte — ick habe Dir niemals gesagt, wie sehr ich Dich liebe und weiß doch, es ist Dir nicht verborgen geblieben ... So weiß auch ich, obwohl Du es nie bekannt. . . mein eigenes Herz sagt mir, daß das Deine mir nicht abgeneigt ist. . . Deine freundliche Stimme, Dein holdes Auge, Dein ganzes liebevolles Wesen hat es mir verrathen ... O sage, es war nicht Dein Ernst, als Du jene bitteren Worte sprachst?" „Warum nicht?" cntgegncte das Mädchen, die aus dem Gefühl der Nothwendigkeit die Kraft zu immer kälterem Trotze gewann. „Ich wüßte nicht, Dir je dergleichen verrathen zu haben... soll ich für das einstehen, was Deine Einbildung zu sehen meint..." „Placida..." stammelte Markulf, wie außer sich. „Warum sollst Du mir mehr sein, als ein anderer Gast?" fuhr sie noch bitterer fort. „Geh' zur Freierei, wo es sich für Dich geziemt — mich laß mein Loos tragen, als hörige Magd... ich gebe Dich los! Dein Vater soll erkennen, ob ich Dich an mich gebunden mit Zauber und Neidingswerk. . . Geh' . . . was ich Deinem Vater auch gesagt... so wahr ich hier vor Dir stehe... es war mir Ernst damit!" „Mädchen. . rief Markulf im Ausbruchc des wildesten Leids, „wiederhole das Wort nicht... es macht mich unglücklich und meinen Vater mit und kann Dir selber nimmermehr Glück bringen! Stoße solch' treues Lieben nicht so feindselig von Dir! Ich will ja nicht, daß Du mir Liebe bekennen oder geloben sollst — sage mir nur, daß ich Dir nicht wie jeder Andere, daß ich Dir nicht glcichgiltig bin: das nur sage mir und ich will nicht ruhen und rasten, bis ich jedes Hinderniß besiegt, bis ich jede Kluft, die zwischen uns liegt, ausgefüllt und Dich darüber hinweg geführt habe in meiner Vorfahren Gehöft, a!s mein freies, gclicbrcS Weib ..." So dringend Wort und Ton des Jünglings waren, sie wären noch dringender geworden, Hütte er vermocht, Placida zu erblicken, welche im Dunkel der Fensternische verborgen, die letzten schwersten Zuckungen des widerstrebenden Herzens niederkämpfte. Wie gern hätte sie der schmeichelnden Lockung des Jünglings nachgegeben, der ihr so theuer war, als sie selbst nie gewußt, als sie erst jetzt im Augenblick des Verlustes erkannte ... Er bat so herzlich und was er bat, war ihr eigenes, ihr crschntestes Glück: sie durfte nur die Hand ausstrecken, so siel ihr die reife Goldfrncht beseligend entgegen — dann aber sah sie wieder den alten trotzigen Barschalken vor sich stehen, hörte sich mit Droh- wortcn und Schmähungen überhäuft und fühlte den Blick der Verachtung, den er im Uebcrmuthe auf ihr ruhen ließ ... Ihr Blut wallte auf, ihr Sinn stemmte sich dagegen! Sie sollte nicht als Lügnerin vor ihm stehen, er sollte sich vor ihr beugen müssen und die verschmähte Walchendirne achten lernen... Mühsam fand sie Athem, noch mühsamer Worte .. . „Dein Vater hat ganz recht gesagt," stieß sie heraus, „cS war mein völliger Ernst!" „Nun denn, so hast Du zu verantworten/ was geschieht," rief hinwcgstürzcnd Markulf mit dumpfem Tone und war im Nn hinter den nächsten Büschen verborgen. Er gelangte aber nicht weit: unter einem der Kirschbäumc zog seines Schmerzes Ucber- gcwicht den Erschöpften nieder in das feuchte, mit abfallenden Blüthcnblättern bestreute Gras. — (Fortsetzung folgt.) Das Schloß von Lndwigsburg. Das Schloß von Ludwigsburg gehört mit zu den größten und — wenn man einmal diesen Zopf- und Nococcostil gelten läßt — auch mit zu den schönsten, jedenfalls mit zu den großartigsten Fürstcnschlössern Deutschlands. Man ist erstaunt über diese große Ausdehnung, nicht minder über die Pracht der Ausstattung im Einzelnen, obwohl 166 »on dieser schon viel zu Grunde gegangen und zu Grunde gerichtet worden. Schön, wirklich schön nach den Regeln eines edlen Geschmackes kann man diese Schöpfung des 18. Jahrhunderts weder im Einzelnen noch im Ganzen nennen, aber Alles zusammengenommen, die Größe und Mannichfaltigkeit des Baues, der ungeheure Reichthum der Ausschmückung macht in ihrer Gesammtheit einen wahrhaft großartigen Eindruck. Obwohl heute unzählige Wandgemälde übertüncht, viele Skulpturen vernichtet und mancher bewegliche Schmuck aus dem Schlöffe entfernt worden, bedürfte es doch vieler Tage, wenn man Alles in Augenschein nehmen wollte. Die zwei Hauptgebäude, die sogenannten Oorps cko 1>o§68, sind durch 16 Nebengebäude zu einer Hauptmasse verbunden, auf diese Weise entstehen mehrere Höfe, und von diesen Höfen ist einer beinahe 600 Fuß lang und über 200 Fuß breit. Und in diesem gewaltigen Gebäude entfaltet sich ein so bunter Reichthum an Gemächern jeder Art, Sälen, Galerien, Gängen, Treppenhäusern, Kabineten, Kapellen :c., daß man nicht einen einzigen, sondern eine ganze Reihe von Palästen zu durchwandern glaubt, eine ganze Welt voll Pracht und Verschwendung. Und das Interessante an dieser Welt ist, daß sie nicht die gewöhnliche Pracht zur Schau trägt, der man immer wieder und wieder in den Königsschlöffern begegnet, und welche den Besuch derselben geradezu langweilig machen — daß sie im Gegentheil ihren eigenen Stempel und Charakter trägt, der unverwischbar scheint. Indessen gibt es auch hier Hauptstationen und einzelne Gegenstände, die sich besonders hervorheben und den Besucher vor Allem interessiren müssen. Nach langer Wanderung durch unendliche Gemächer und an unzähligen mythologischen und historischen Gesichtern vorbei traten wir in eines der reizendsten Schlafgemächer, das die Phantasie nur ersinnen kann. Die Fenster blicken hinab in das tiefe Thal, das hier der Park bildet, und hinaus gegen Marbach zu, auf den malerischesten Theil der Umgebung von Ludwigsburg. Das Schlafgemach selbst ist von unten bis oben und an der Decke mit unzähligen Spiegeln und Spiegelchen ausgelegt, zwischen welchen sich Holzschnitzereien wie Ranken hinschlingen in der malerischesten Unregelmäßigkeit. Der Herzog, wenn er hier im Bette lag, sah seine theure Persönlichkeit sowohl wie die schöne Natur, die zum Fenster hereiublickte, tausendfach vervielfältigt. Nur ein tausendfacher Narcissus seiner Person wie seiner Freuden konnte sich ein solches Schlafgemach erfinden; xs athmet nur Lust und Selbstgenngen. Und gerade dieses reizendste Gemach ist das unheimlichste des ganzen Schlosses. Hier starb Herzog Karl Alexander an einer ähnlichen Halskrankheit, wie Kaiser Paul von Rußland. Es steht in wenigen offiziellen würtcmbergischen Geschichtsbüchern, es ist aber darum nicht minder gewiß, daß die treue Landschaft ihn hat erdrosseln lassen — wenn wir nicht irren, im Jahre 1736 — aus Bcsorgniß für den evangelischen Glauben, da Herzog Karl Alexander katholisch geworden und es hieß, daß er auch sein Land der alleinseligmachenden Kirche zuführen wollte. In den alten Rechnungsbüchern der Landschaft findet sich unter den Ausgaben höchst gewissenhaft der Posten verzeichnet: an dem Henker für dem Staate treulich geleistete Dienste 50 Gulden. Wie billig! Der Henker verließ des Abends Stuttgart, und am folgenden Morgen wußte man zu Ludwigsburg, daß der Herzog plötzlich gestorben. Der Kammerdiener, der neben dem Spiegelgcmache schlafen sollte, war zufällig abwesend; eben so fehlte zufällig die Wache unten an der Treppe, die sonst jede Nacht da zu sein Pflegte. Denkt man sich eine Lampe oder das Morgenlicht in das Schlafgcmach, wird die That um so unheimlicher. Tausendfach mußte der Herzog seinen Mörder sehen, umgekehrt wie jener Vatermörder, von dem man erzählt, daß ihn die Inquisitoren von Venedig mit der Leiche seines Vaters in einen Speiscsaal eingeschlossen. Wie sehr haben sich seit Herzog Karl Alexander die Zeiten geändert! In unsern Tagen gingen zwei würtembergische Prinzen zum Katholizismus über, und es krähte kein Hahn danach, und im Landesausschuß hätte Moriz Mohl gewiß dagegen protestirt, wenn man, auch nur «m diesen Uebertritt zu verhüten, bloß 25 Gulden aus der Tasche des Volkes hätte verschwenden wollen. Einer anderen tragischen Geschichte — jedes echte Königsgeschlecht 167 muß ja mehr oder weniger ein Atridengeschlecht seyn — begegnet man in der Familien» Galerie. In diesem langen Saale rechts und links hängen die Bildnisse der würtember- gischen Regenten von Eberhard im Bart angefangen bis auf den vor 3 Jahren verstorbenen König Wilhelm und diejenigen Fürstinnen, welche dem Lande einen Thronfolger gegeben. Es rst zwar interessant, einem Herzog Ulrich, dem Mörder seines Freundes, einem Herzog Christoph, dem Befestiger der Reformation, und andern iu's Gesicht zu sehen, aber von Schönheit und auffallender Bedeutsamkeit ist weder bei den Regenten noch bei ihren Frauen die Rede. Unter den Ersteren zeichnen sich mehrere sogar durch ausgezeichnete Häßlichkeit aus. Nur am Ende der Galerie fesselt ein weibliches Porträt voll Milde und Anmuth Schritt und Blick des Besuchers — und gerade diese einzige Persönlichkeit, die hier Sympathie einflößt, hatte ein räthselhaft trauriges Schicksal. Es ist das die Mutter des verstorbenen Königs, Maria Karolina von Braunschweig, über deren Lebensende selbst ihr Sohn, der König, wie man sagt, sich niemals Gewißheit zu verschaffen vermochte. An den, brutalen und unnatürlichen Lastern hingegebener» Prinzen Friedrich, den nachmaligen ersten König von Würtcmbcrg, verheirathct, soll sie sich, wie die Sage erzählt, als ihr Gemahl noch Gouverneur von Finnland war, unter den Schutz ihrer mütterlichen Freundin, der Kaiserin von Rußland, gerettet und diese sie dem widerwärtigen Gatten mit Gewalt entzogen haben. Man erzählt ferner, daß sie sich später unter anderem Namen an einen russischen Großen verheirathct und in der Zurückgezogenhcit ein glückliches Leben geführt habe. Wieder andere behaupten, daß sie in einem russischen Kloster endete. In Würtcmbcrg selbst bringt man ihre Geschichte mit jener gcheimnißvollen in Verbindung, nach welcher der Stlaßburger Scharfrichter mit Gewalt aus seinem Hause entführt und nach mehreren Tagereisen in ein unterirdisches Gemach gebracht worden, wo man ihn zwang, einer schönen Frau den Kopf abzuschlagen. Thatsache ist, daß die schöne und liebenswürdige Prinzessin spurlos verschwand und daß ihre Geschichte, wie man versichert, trotz aller Anstrengung, sie aufzuhellen, bis auf den heutigen Tag in tiefstes Dunkel gehüllt ist. Was uns in dieser Fanülien-Galerie ferner auffiel, ist der Umstand, daß nur noch für ein einziges Porträt Raum da ist, was uns nothwendig ominös erscheinen und an den Römer in Frankfurt, wie an den Dogensaal in Venedig erinnern mußte, wo mit dem Raum für die Kaiser und für die Dogen auch die Zeit für die Dogen-und Kaiserherrlichkeit zu Ende ging. Aber auch unsere Zeit spielte noch kleine Stückchen Geschichte in Ludwigsburg ab. Im Jahre 1848 flüchtete sich auch König Wilhelm, um seiner illoyalen Residenz Stuttgart eine. Lektion zn geben in diesen „Schmollwinkel" der wüctembergischen Regenten, und hier war es in dem großen Fcstsaalc, wo er alle seinen hohen Offiziere versammelte und in einer Rede bei ihnen anfragte, was er — es war schon im Jahre 1649 — von ihrer Loyalität dem revolutionären Volk! und der Ncichsverfassung gegenüber zu erwarten hätte? Sie ant- warteten mit dem Rufe: „Es lebe der König und die Reichsverfassung!" Daralif wendete ihnen der König den Rücken und verließ den Saal. Die Folge dieser Scene war die ossicielle Anerkennung der Reichsverfassung. In diesen selben kritischen Tagen soll, wie man erzählt, König Wilhelm den Aspcrg hinauf gestiegen sein, um sich bei dem berüchtigten Journalisten Elsncr, den er gekauft hatte, Raths zu erholen. Ob ihm da, als er das steile Schwitzgäßchen hinaufstieg, nicht schlimmer zu Muthe war, als einige Wochen später den Demokraten, die er nach besiegter Revolution denselben Weg hinauf- transportircn ließ? So sind wir mit großen Sprüngen in unserer Zeit angelangt, die in Ludwigsburg, da es zu einem bloßen Wittwensitz geworden, aufhört, interessant zn sein. Mit einem gleich großen Sprunge begeben wir uns in die Anlagen rings herum, uur um überall Verfall und Ruin zu konstatiren. Der See versumpft, die Treppen verschieben sich, die Geländer sind zerbrochen, die Katarakte träufeln, die Grotte Pansi- lippo ist ein dumpfes, feuchtes Kellerloch, und iu der Emichsburg, der künstlichen Raine, wimmern die Acolsharfen — wir wisse» nicht, ob über diesen Verfall oder als Nachklänge 168 der Seufzer, die einst das Würtemberger Land, damals um die Hälfte kleiner, als jetzt, über diese ganze Schöpfung, über diese ganze Lust und Pracht seiner Herzoge ausgestoßen. Die Ausstellung des Leichentuches Christi in der Domkirchezn Turin hat schon ihrer großen Seltenheit wegen das Herbeiströmen einer nach vielen Tausenden zählenden Volksmenge zur Folge gehabt. Diese heil. Reliquie wird in einem kostbaren Schrein in der der Mctropolitankirche von St. Giovanni angebauten Kapelle des hl. Schwcißtuches aufbewahrt. Scchsundzwanzig Jahre waren verflossen, seitdem dieselbe nicht mehr aus ihrer dreifach verschlossenen Krypta hervorgeholt worden war, nämlich seit dem Jahre 1842, als Viktor Emanuel sich mit der österreichischen Erzherzogin Abelaide vermählte. Bei der am 24. v. M. geschehenen Eröffnung waren zugegen der König, daS kronprinzliche Paar, die Königin von Portugal, die Herzogin von Genua, die Herzogin von Aosta, die Prinzessin Klotildc, Prinz Amadeus, Prinz Thomas und Prinz Carignan. Das Tuch ist ein sehr langes und nicht breites Linnentuch, da die alten Juden den Leichnam nicht in dasselbe einhüllten, sondern nur darauf legten und am Kopfende überschlugen und dasselbe wieder bis zu den Füßen gehen ließen, so daß auf der Reliquie der vordere und der Hintere Theil des Leichnams abgedruckt erscheinen, welche am Scheitel in einander verlaufen. Die Eröffnung scbst geschah durch den Erzbischof von Turin, Grasen Nicardi di Nctr), unter Kontrole des Ministers dcS k. Hauses, Marchcse Gualterio, und des mit der Bewachung der Kapelle beauftragten Domherrn. Nachdem die Reliquie von dem Könige und den andern hohen Herrschaften geküßt worden war, wurde dieselbe am Hochaltar der Mctropolitankirche der Verehrung der Gläubigen ausgesetzt. In Rußland bat in letzter Zeit ein siebenfacher Mord ungeheures Aufsehen gemacht. Der Mörder der Fanutce Shemarin in Tambvm, Gymnasiast Gerski, hat nun feine That eingestanden. Nicht uninteressant auch für weitere Kreise sind die einzelnen Umstände dieses siebenfachen Mordes, welche der Verbrecher schriftlich dargelegt hat. Danach hat der Kaufmann Shemarin sieben Tage vor Verübung des Verbrechens 3000 R. empfangen und dieselben seiner Frau zur Verwahrung übergeben. Diese ließ darauf die Summe durch die Kinder überzählen und bat den im Hause anwesenden Gorski, darauf zu sehen, daß die Kinder richtig zählten. Gorski erfuhr vei dieser Gelegenheit, daß binnen Kurzem noch mehr Gelder eintreffen sollten. Seit der Zeit verfolgte er den Plan des Mordes, zu dessen Verübung er sich einen Revolver kaufte und einen Todsichläger bestellte, den er als ein zu gymnastischen Uebungen zu verwendendes Instrument darstellte. Um die Hausbewohner an plötzliche Detonationen zu gewöhnen und so bei der Verübung der That durch die ersten Schüsse nicht gleich einen uuzeitigen Lärm zu veranlassen, ;choß Gor ki im Laufe von fünf Tagen wieder-« holentlich aus dem Revolver, wozu er natürlich Zündhütchen ohne Kugeln benutzte. Die Kinder interessirten sich lebhaft für diese Belustigung, Shemarin selbst ermuthigte die Spielenden, und die Zimmer des Hauses ertönten nicht selten von diesen Schüssen. Um dieser Belustigung vollends den Anstrich eines reinen Scherzes zu geben, wählte Gorski gewöhnlich den Augenblick, wo eines der Familien-Mitglieder etwas nachdenklich war; er schlich sich dann heran und feuerte vor dem Ohre des Zerstreuten das Zündhütchen ab, was gewöhnlich -ein allgemeines Gelächter und allerlei Scherze über den Erschrockenen hervorrief. Von dieser Seite sichergestellt, erwartete Gorski den günstigen Augenblick zur Verübung der That. Am 13. März schritt GorLki während der Abwesenheit des Herrn und der Frau vorn Hause und des Stubenmädchens zum Morde. Das erste Opfer war der älteste Sohn Shemarins, dann kam die alte Mutter au die Reihe. Den Hausdiener erschoß GorSki, als er gerade mit der Köchin Thee trank. Als diese den Schuß hörte, lachte sie, da sie ihn für einen einfachen Schreckschuß hielt; es war dieß ihr letztes Lachen, denn ein folgender Schuß streckte sie todt zu Boden. Nachdem Gorski die im Hause befindlichen Personen ermordet, wollte er die nach Hause zurückkehrende Frau Shemarin gleich im ersten Zimmer erschießen, der Schuß versagte jedoch. Die unglückliche Frau, welche glaubte, daß Gorski wieder Scherz treibe, bat diesen aufzuhören, da sie diese Schüsse fürchte, aber gleich darauf sank sie von einem neuen Schusse getroffen, todt zu Boden. Dru4, verlas »nd Redaktion de< ttterarijcheu JnstirstS vsa vr. V. Huttler. Nr. ÄS. 31. Mai 1868. Suche nicht »ergebne Heilung! Unsrer Krankheit schwer Geheimniß Schwankt Zwilchen Uebereilung Und zwischen Versäumniß. Göthe. Sanci JarLhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Vom Watzmann kam eine finstere Wolkenwand herangezogen, und drängte sich vor den Mond — ein unheimliches Helldunkel flog durch die Nacht. Placida harrte einen Augenblick, bis sie Markulf's Schritte nicht mehr vernahm: unter Thränen, die sie jetzt nicht mehr zurück zu halten strebte, sank sie dann auf ihr reines Lager — sie nahm von der Wand das dort hängende kleine und unscheinbare Holzkreuz, preßte es in den gefalteten Händen fest an die schmerzlich pochende Brust, ergeben in alle Qual der Entsagung und des mit ihr verheißenen Friedens. So leise das Gespräch der Beiden geführt worden, war es doch nicht unbelauscht geblieben. Das Geflüster hatte Amalaswinthas wachendes Ohr erreicht: auch in ihrem Gemüthe ging der Sturm zu hoch, als daß die Wellen vermocht hätten, sich zum ruhenden Spiegel zu glätten — leise hatte sie das schlaflose Lager verlassen, und war aus dem leicht verschlossenen Hause getreten. Ihre Aufmerksamkeit wurde zur gespannten Neugier, als sie in dem Manne den jungen Jäger erkannte, der bestimmt war, Diet- walt's Waidführer zu sein. Mit immer zufriedenerem Lächeln hörte sie zu und flüsterte mit zustimmendem Nicken in sich hinein: „So bin ich doch nicht umsonst des Weges gefahren. . . hab' ich auch seine Spur nicht entdeckt, jetzt glaube ich zu wissen, wer mir mein Wild sicher in's Garn jagen soll!" Sie folgte Markulf zur kühlen Lagerstätte seines Gram«; er ward ihr Nahen nicht gewahr, bis sie aus dem rauschenden und nickenden Haselgestäude trat und dem überrascht empor Springenden die Hand auf die Schulter legte. Indeß ein flüchtiger Blick des Wohlgefallens die kräftige Schönheit des Jünglings überglitt, grüßte sie ihn mit denselben leise geflüsterten Worten, wie bei der ersten Begegnung des vorigen Tags. „Was sinnest Du so gramvoll, schöner Waidmann? Dir könnte wohl geholfen werden!" — „Du wieder hier?" entgegncte Markulf, sie anstarrend. „Was swillst Du von mir?" „Ich von Dir?" erwiderte Amalaswinth. „Nichts — oder doch so viel als nichts l Deinetwegen komm' ich . . . ich will Dir helfen!" „Mir vermag Niemand zu helfen!" „Doch — wer weiß es! Wenn Du wirklich Leib und Seele verschworen an das bleiche Gesicht mit dem kalten Herzen — wenn Du nicht siehst, wie nahe das Leben seine farbigsten glühendsten Blüthen vor Dir entfaltet..." „Ich bin gebannt," seufzte Markulf, „ich muß vergehm und schwiudeu ohne sie!" 170 „So gilt es, ihre Liebe zu gewinnen und ihr das eisige Herz zu schmelzen," rief Flmalaswinth, „ich vermag es und ich will es, wenn Du meinem Geheiß Dich fügen willst! Diene Du mir — dafür will ich Dir dienen ..." „Rede, was Du verlangst... Um diesen Preis bin ich zu Allem bereit. . ." Amalaswinth neigte sich zu ihm, damit auch die Aeste und Blätter um sie her die Worte nicht vernehmen sollten, die sie sprach. „Bist Du bereit?" fragte sie dann mit Nachdruck. „Ich bin es," erwiderte Markulf in fieberischer Hast . . . „und Du gelobst mir dafür..." „Die spröde Dirne soll Dein sein und in Liebe vor Deinen Füßen vergeh'» ..." „So befiehl' über mich," rief der Jüngling, „erfülle Dein Wort und der Himmel habe keine Stelle für mich, wenn ich das meine nicht halte!" „Welches Feuer!" murmelte die Langobardin halbleise mit eigenthümlichem Blick und Ton. „Und wie thöricht vergeudet! Nun denn, so habe was Du Dein Glück nennst," fuhr sie zu Markulf gewendet, fort. . . „Trage dieß Zeichen an Dir und am dritten Tage ist Deine Liebesglut gestillt..." Sie nahm eine der Schwanfedern vorn Haupt und steckte sie auf Markulf's Hut: eh' er sich besinnen konnte, war sie verschwunden. „Weh' mir — die Walkyre — ich bin in ihrer Gewalt!" rief er schaudernd und wollte, eingedenk der Worte des Vaters, die Feder vom Hute reißen — im nämlichen Augenblick sank ihm die Hand zurück. „Nein," murmelte er grimmig, „ich kehre nicht zurück... ich bin verloren, ich weiß es, aber Placida wird mein!" IV. Das Schwanenhernd. Wie eine zweite luftige Flut lag undurchdringlicher Nebel über dem Gewässer des Wildsee's, und ferne hinaus, so weit das Auge zu dringen vermochte: es war ein graues, hie und da von Silber durchblitztes Meer, in welchem hie und da die höchsten Gipfel des Gebirgs oder Stellen des Flachlandes mit schroffansteigenden Spitzen oder breit hingestreckten Ebenen inselartig schwammen: der Kaunstein allein, von welchem man das Nebclgcwoge übersah, hob sein Alles überragendes Eishorn blau schimmernd und doch goldglänzend scharf und hell in das sonnendurchlodertc Blau hinein, das wolkenlos darüber sich erhöhte und breitete. Die aber auf dem Gebirge standen, gewahrten nicht das wundersame Bild, das in Ferne und Nähe sich glänzend vor ihnen aufthat: sie waren nur mit dem Gestein und den wunderbar gestalteten Felsformen des Kaunstcins beschäftigt, der über der kleinen trümmerbedeckten Hochebene wie eine ungeheure Pyramide furchterregend emporstieg, denn die Felsen ragten und lagen übereinander bis zu einer Höhe, daß das Auge die schwindelnde Spitze kaum zu erreichen vermochte. Das ward fast nur dadurch möglich, daß die Pyramide wie ein riesiges Horn sich krümmend gegen den See zu überhing — zum Falle bereit wie sich zerbröckelndes Thurmgemäuer, dem sie auch darin glich, daß sie das Ansehen hatte, als wäre sie aus riesigen, übereinander gelegten Quadern aufgeschichtet. Jahrtausenden hatte das gewaltige Stcingcbilde trotzig widerstanden, aber es trug die Wunden und Narben des nie rastenden Kampfes überall zur Schau. Der Sonnenbrand hatte Wände und Schrofen angeglüht und gedehnt, der Frost hatte sie wieder zusammengezogen und gekeilt, bis es gelungen war, die vermürbenden Masten zu sprengen und den strömenden Ergüssen der Wolken den Weg zu bahnen, auf daß sie, die Riste auswaschcnd und allmählig zu Klüften und Schluchten erweiternd, das Werk der Zerstörung vollends zu Ende bringen sollten. Kein Pfad führte zu dem Gipfel der regellos übereinander ge- thürmten Blöcke; am Fuße des Kegels lagen deren viele wie angesammelt und aufgestaut, gleichsam ein künstliches Bollwerk, das überstiegen werden mußte, wollte man in die 171 Schlucht eines Bergquells gelangen, der gegen das Landthaler-Thal abstürzte. Wer dr hinüber kletterte, den mochte wohl wider Willen der Gedanke und mit ihm ein stille» Grausen beschleichen, daß es vielleicht nur eines einzigen SteinchenS bedürfe, welches sich lockere, — um dadurch den nächsten Felsen und ihm nach die ganze Steinmasse stürze« zu lassen, der es bis jetzt zur unscheinbaren letzten Stütze gedient. In dem Gellüfte der übereinander geschobenen Blöcke hat sich eine mächtige Höhle gebildet; eine ungeheure, vom Tage nur durch einen Spalt seltsam beleuchtete Halle, die sich ansah, als habe die Natur darauf gesonnen, sich selbst eine Art von Tempel und Heiligthum zu errichten. Nicht geordnet wie Säulen eines künstlich abgemessenen Baues, sondern wie Urbäume eines gigantischen Waldes stiegen Pfeiler in derselben empor, bald massiv wie zum Tragen bestimmt, bald schlank emporspringend, wie zu gefälliger Zier ersonnen. Die Wände waren nicht eben, nicht geglättet, doch war auch hier eine gewisse Ordnung, ein sicheres Ebenmaß zu erkennen, denn der Natur ist eS unmöglich, selbst da, wo sie in ihrer ganzen Furchtbarkeit als Zerstörerin auftritt, anders zu wirken als großartig und schön. Die Decke bestand aus zwei Blöcken, welche, gegeneinander gestemmt, sich gegenseitig in dem sonst unvermeidlichen Sturze aufhielten; davon hingen Zacken hernieder von abenteuerlichen Formen, längere mit kürzeren wechselnd, als ob auch hier eine sinnvoll ordnende Hand gewaltet und sie gefestet habe. Die Pracht der Halle ward aber vollendet durch einen großen Spalt im Gestein, der sich nach der freien in den Wildsee abstürzenden Bergwand hin wie ein Fenster oder eine Art steinernen Balkons öffnete, etwas Licht einließ und auf den obern Theil des Sees und seine Bergwände einen überraschenden Blick gestattete . . . schräg über lag der Watzmann, zu seinen Füßen, wie ein an den greisen Vater sich anschmiegendes Kind, grünte die kleine Walchen- Almend — davor in schwindelnder Abgrundstiefe schlang sich das Wasser des Wildsee's hin. Der Boden der Halle war natürlich rauh; es gab fast keine Stelle, wo der Fuß sich feststellen konnte — nur gegen das Fenster zu waren die Blöcke so günstig gelagert, daß es möglich schien, auf ihnen wie auf Ruhebänken sich niederzulassen und auf einem andern ein vom Augenblick bereitetes flüchtiges Jägermahl einzunehmen. Die den Eingang der Höhle bildende Kluft war im Verhältniß sehr niedrig und eng; sie glich mehr einem von oben durch's Gestein gehenden Riß — das Tageslicht vermochte nur seltsam gebrochen einzudringen und stoß mit dem Hellern Scheine, der durch das Fenster kam, zu einer grüngrauen zauberhaften Dämmerung zusammen, welche die Halle noch mehr als einen Hort des Wunders und des Geheimnisses erscheinen ließ. Jetzt klomm aus der Höhlcnspalte Alboin, Amalaswinthens Begleiter hervor; er reichte die Hand zurück, um der Herrin ebenfalls heraus zu helfen, aber das kühne Weib bedurfte der Stütze nicht: sie schwang sich selbst empor, unbekümmert darum, daß der innen liegende Block, der ihr zum Tritte diente, nicht festlag, sondern bedrohlich hin- und wieder schwankte. Draußen, vor dem Eingänge, auf dem etwas gesenkten Boden, hart neben dem Spalt lag ein großes Felsstück in so sturzdrohender Stellung, daß es unbegreiflich schien, warum dasselbe nicht herunter rollte: wäre es geschehen, so wäre es unmittelbar vor den Spalt zu liegen gekommen und Hütte diesen und mit ihm den Eingang zur Höhle für immer verschlossen. Der Alte schien solche Gedanken zu haben, denn er betrachtete das Felsstück mit genau prüfendem Blick und faßte besonders einen kleinen Stein in's Auge, der wie eine absichtliche Unterlage und Stütze darunter gelegt schien. „Sonderbares Geklüfte das!" rief er und schien die Sonnenstrahlen, welche ihm scharf auf den Leib sielen, mit Behagen zu empfinden. „Es geschieht wohl, daß Einem manchmal in einem bösen Traumgesicht eine rechte Wüste vorkommt, aus der man sich nicht mehr hinaus zu finden weiß . . . aber eine so furchtbare Ocdnei, wie diese, mag wohl keinem Menschen auch nur im Traum erscheinen! Und wie die Luft hier weht! Schneidig kalt, daß sie durch Gewand und Pelz dringt! In der Höhle unten war es schaurig und dumpf, hier außen ist's wohb « l 172 Hell und frisch . . . aber die Luft verräth, daß wir nur wenige Schritte von uns das Eis haben, das niemals schmilzt! Ich will dem Himmel danken, wenn ich die warme Ebene von Pavia wieder vor mir sehe ... ich habe eine ordentliche Sehnsucht, den Ticino wieder rauschen zu hören, und die Oelbäume und Pinien an seinem Ufer!" „Das sollst Du bald," erwiderte Amalaswinth, welche finster und doch in unverkennbarer Erregung sich aus's Gestein niedergelassen hatte. . . „Mir gefällt diese Wild- niß, in ihrer Einsamkeit wie in ihren Schrecken, es ist etwas darinnen, was zu meinem Gemüthe stimmt! Du aber magst nun gehen — warte meiner am bestimmten Ort. . . bin ich am Abend deS dritten Tages noch nicht eingetroffen, so kehre allein zurück nach Pavia — grüße mir den Ticino und seine Pinien..." Alboin zögerte. „Domina," sagte er dann, sie mit festem Blick betrachtend, „laß mich immerhin noch bei Dir bleiben — es ist nicht geheuer in dem Geklüfte.. . Wenn Dir ein Wolf aufstieße oder ein Bär..." „Glaubst Du, daß ich vor Bestien zittere?" erwiderte sie'geringschätzig, während ihr Auge nach der Stelle streifte, wo Bogen, Köcher und Iagdspieß unter Alprosenstauden in den langen zähen Grashalmen lagen, welche mit mattem Grün zwischen dem Gestein hervorgekeimt waren. „Geh' — ich bedarf Deiner nicht!" „Laß mich dennoch bleiben, Domina!" begann der Alte wieder. „Muthe mir nicht zu, Dich hier allein zu lasten und fern von Dir ruhig zuzuwarten, ob und wann Du wieder kommen werdest. . . Laß mich bleiben, denn — um Dir offen die Wahrheit zu sagen, wenn Du auch darauf beharren und mich von Dir weisen wolltest, ich würde Dir nicht gehorchen! Ich bin nicht umsonst Dein Schirr- und Waffenmeister ... wo Du bist, gehör' ich auch hin!" „Wie?" rief Amalaswinth flammenden Blicks. „Du verweigerst mir den Gehorsam?" „Ja, Domina," entgegncte er fest, „denn indem ich das thue, diene ich Dir bester, als wenn ich Dir gehorchen wollte! Laß mich bleiben — Du hast nicht nöthig, etwas vor dem alten Alboin zu verbergen ..." Er trat näher und sprach leiser, als wäre sogar in der Wildniß Verrath zu fürchten . . . „Ich weiß, was Dich hicher geführt, Domina..." „Unmöglich! Du hättest mein Geheimniß errathen?" „Weßhalb unmöglich? Das Auge des treuen Dieners erräth mehr, als es verräth... Zürne nicht, aber Alboin weiß, Westen Nachen allnächtlich den Ticino herabgeglitten und un Cyprestcnschatten des Gartens angelegt ... ich weiß, wer am Geländer der Terasto «uporklctterte. . . " Amalaswinth war aufgesprungen und stand drohend vor dem Alten; in der Hand über seinem Haupte funkelte ihr Dolch. „Schändlicher," rief sie zürnend, „Du hast es gewagt, mich zu belauschen?" „Nein, Domina — aber ich habe Dein Geheimniß bewahrt und bewacht, nachdem der Zufall mich zum Mitwisser gemacht . . . darum weiß ich auch, was das Ziel der Betfahrt war, hinter der Du den Deinen diese Reise verborgen: ich weiß, warum Du als das Weib eines Kaufherrn Dich vor Spähern sichern wolltest . . . und weiß, wen Du hier erwartest..." Die Longobardin ließ die Waffe sinken. „Es ist gleichviel," sagte sie dann, „magst Du es immerhin wissen, verrathen wirst Du mich nicht, dessen bin ich sicher. . . Aber geh' dcmungcachtct und hindere mich nicht!" „Und kennst Du mich so wenig, Domina," rief Alboin näher tretend, daß Du glauben kannst, ich werde Dich hindern in Deinem Werke? . . . Frage Dich selbst, ob Dn bis in Deine Kindertage zurück, Dich auf eine Zeit besinnen kannst, in welcher Alboin nicht bei Dir gewesen? Ich war Dir ergeben, seitdem Du die Augen dem Licht der Welt geöffnet hast — ich hab' es Deinem Vater, der mir einst trotz schwerer Vcrschul- , düng das Leben geschenkt, zugeschworen, ich wollte dieses Leben, das er mir geschenkt. 173 seinem Kinde weihen und ob er auch nie davon erfahren: ob Du es nie geahnt — vor mir selber habe ich meinen Schwur gehalten und werde ihn halten! Ich habe Dich auf den Armen getragen, habe mit dem Kinde gespielt, das Mädchen hab' ich gelehrt, was ich lehren konnte — die Jungfrau hab' ich beschirmt, so weit ich sie zu beschirmen vermocht! Du bist das Einzige, was ich im Leben geliebt — ich lebte nur in der Freude an Dir, in dem Wohlgefallen an Deiner immer herrlicher erblühenden Schönheit: Deine Lust war mein Glück, Dein Leid meine Verzweiflung . . . Glaube mir, Domina . . . hätt' ich ein leiblich Kind und ihm wäre geschehen wie Dir... und es wollte hier stehen wie Du... ich würde es nicht abhalten! Ich würde es begleiten, wie ich Dich begle-i tet habe, und wenn seine Hand erzittern sollte — würde ich sagen, hier ist meine Hand — sie ist stärker!" „. . . So bleibe denn," flüsterte Amalaswinth, und drückte bewegt dem Alten die Hand. „Als mein Genosse magst Du bleiben . . . mein Diener zu sein, hast Du von diesem Augenblicke an aufgehört. . . Horch! Mir ist, als hört' ich Schritte nahen . . . der Augenblick der Erfüllung rückt heran..." (Fortsetzung folgt.) Vater Hermann. Zu Laguercs in Südfrankreich befindet sich ein Karmclitcrkloster, an dessen Gründung sich für uns Deutsche ein ganz besonderes Interesse knüpft. Das Kloster daselbst ist 1856 errichtet worden, und diese Gründung wird als das Werk eines Mönchs angesehen, des Pere Augustin Marie du tres samt Sacrament in dem Sinne, daß das Interesse, welches sich an seine Person knüpfte, das Zustandekommen der bedeutenden, zum Baue erforderlichen Fonds ermöglichte, und daß namhafte Künstler, wie Horacc Vernet, der Bildhauer Bonassteu und die Orgelbauer Cavaille und Coll, aus demselben Grunde mit ihrer Hände Werk die schöne, Klosterkirche geschmückt haben. Dieser Mensch ist kein anderer, als der frühere Pianist Hermann Cohn aus Hamburg, ein geborener Israelit und Schüler Liszts, dessen Bekehrung (1847) und späterer Eintritt in den Orden der Karmeliter seiner Zeit viel Aufsehen erregte. Der Vater Hermann, wie er jetzt noch allgemein genannt wird, ist aber außerdem eine in ganz Frankreich bekannte und volksthümliche Figur geworden, seine Geschichte, sein früherer Lebenswandel, seine spätere Buße, sein glänzendes Orgelspiel, die vielen Kantaten, die er komponirt, und die Glaubeusbegeisterung, die aus allen seinen Worten und Thaten lodert, haben ihn überall eingeführt und mit einem besonders hohen Grade von Verehrung umgeben. Er ist im I. 1821 in Hamburg von reichen jüdischen Eltern geboren und entwickelte frühzeitig ein großes musikalisches Talent. Vcrmögcnsverluste veranlaßten die Mutter, mit dem Knaben zur Ausbildung seiner Anlagen nach Paris (1834) zu gehen, nachdem man ihn als Wunderkind in Deutschland öffentlich hatte auftreten lasten, wo ihm überall, und zumal am Mecklenburg-Schwerin'schen Hofe, eine besondere Aufmerksamkeit zu Theil wurde, worauf er wiederholt in seinen späteren Briefen zurückkommt. In Paris machte er Bekanntschaft mit Liszt, der ihn weiter ausbildete und dem er auf eine Zeit lang nach Genf folgte, als jener sich dorthin zur Gründung eines Conservatoriums begab. — Cohns Talent erregte überall das größte Aufsehen. Er gerieth aber bald auf lasterhafte Wege, die auch seinen Vater von ihm abwandten, wovon er selber sagt: 1'4tui8 lu prois c!ö toutss >68 inl6mp6runee8, -68 «is lu jeun 6880 . Er kam in Verbindung mit allen socialen und religiösen Neuerern, Atheisten, u. s. w., deren eifrigster Zögling er ward. Die Umwandlung ging plötzlich in ihm vor, im Jahre 1846, mitten im Strudel des ausschweifendsten Lebens, in dem er täglich verkehrte. In einer Kirche, wo er die Leitung eines Chores übernommen hatte, und später in Eins während einer Messe, war es, wie 174 er erzählt, wo die Gnade Gottes sich auf ihn herabließ, und es ihm wie Schuppen von den Augen siel. — Schon im nächsten Jahre zog er das Mönchsgewand an. Die Malvivenza. Der französischen Regierung ist es bekanntlich durch konsequente Strenge gelungen, die Pendezza in Corstka fast gänzlich auszurotten. Ein Seitenstück zu dieser korsischen Vendezza bildet die Blutrache und die mit ihr Hand in Hand gehende Malvivenza, welche unter dem zum österreichischen Kaiserstaate gehörigen dalmatischen Gebirgsvolke der Morlakkcn herrscht. Die österreichische Regierung geht gegenwärtig daran, diese barbarische Sitte, welche alle Sicherheit des Landes untergräbt und neben der heillosen schon von den Venezianern ausgeübten Forstverwüstung dieß Land, das sonst ein gesegnetes sein könten, dem Fluche der Unfruchtbarkeit und Verödung überliefert hat, energisch auszurotten. Wir finden deßhalb im Budget des österreichischen Ministeriums des Innern einen beträchtlichen Posten angesetzt für „Ausrottung der Malvivenza." Die Erhebung des von der österreichischen Regierung eigens zu diesem Zwecke nach Dalmatien gesendeten Ministerialsekretärs Or. Loren; setzen uns in den Stand, Näheres hierüber mitzutheilen. Es liegt im Charakter des morlakkischen Volkes, nur den Starken oder Verschlagenen zu ehren. Wer die meisten Gewaltthätigkeiten ungcrächt und ungestraft ausgeübt hat, steht im höchsten Ansehen. Es ist das ein Erbe aus der Türkenzeit; die rohe Thatkraft, die verrätherische List, womit ehedem der osmanische Todfeind bekriegt ward, richtete sich später gegen den Stammesgenofsen und so entstanden und entstehen eine Menge innerer Fehden, welche häufig einen tödtlichen, immer einen verderblichen Ausgang nehmen. Häufig kommt es vor, daß ein Mann ohne starke Familie oder Anhang um eines geringen Grundes willen oder ganz ohne solchen von einem Mächtigern überfallen und von Haus und Hof getrieben wird. Und in den meisten Fällen läßt sich das der Beraubte auch ohne Widerstand gefallen, denn er weiß, daß sein Leben verwirkt ist, wenn er klagt. Trotzt er der Gefahr, wendet er sich an die Gerichte, so ist er ebenso übel berathen, denn er findet keinen Zeugen. Diese alle fürchten die Rache der Mächtigen. ES kommt selbst vor, daß wenn bei cclatanten Fällen die Behörden ohne Anrufen einschreiten, der Beklagte diese um Gotteswillen bittet, alle Schritte zu seinem Rechte zu unterlassen oder erklärt, daß er mit der Besitzergreifung vollkommen einverstanden sei. Mit dieser Blutrache ist die Malvivenza innig verbunden. Es ist eine Art Stegreifthum, Vogelfreihcit, Buschkleppern. Doch gewähren diese Worte nicht den vollen Begriff. Der Rächer oder Held, der einen Gegner erschlagen, eine ganze Familie in ihrem Hause verbrannt oder dergleichen gethan, weiß zwar recht gut, daß ihm vor Gericht nichts bewiesen werden kann, allein er scheut die Untersuchungshaft. Deßhalb und um der nun drohenden Rache der Gegenpartei auszuweichen, nimmt er eines Tages die Flinte über die Schulter, Pistolen und Jatagau in den Gürtel, rafft so viel Munition und Schuhwerk zusammen als er kann, und zieht sich in die wildesten Schluchten des Gebirges zurück. Dort findet er immer zahlreiche Gesellen, mit welchen vereint er nunmehr die Umgegend brandschatzt. Allein diese Malviventi sind keine gewöhnlichen Räuber, wollen es auch nicht sein. Sie nehmen nur, was sie nothwendig brauchen, vorzugsweise Lcbensmittel, seltener Kleider, Geld nur, wenn sie Munition bedürfen und dann am liebsten von Fremden. Höflich gegen Reisende, galant gegen das schöne Geschlecht gleichen sie den britischen Highwaymen und den edeln Räubern der Romane. Dieß umgibt sie in den Augen des Volkes mit einer Glorie und verschafft ihnen stets Hilfe und Schlupfwinkel. So kommt es, daß viele junge Taugenichtse ohne alle weitere Veranlassung in die Berge ziehen und sich den Malviventen anschließen, welche eine wahre Landplage sind. Das ist die sogenannte 175 Malvivenza, eine Erscheinung, welche man im heutigen Europa kaum mehr für möglich halten sollte. (Die Gesellschaft der Verzweifelten.) In der Wochenschrift „Daheim* wird von einem Algier - Reisenden Folgendes erzählt: Als ich zum ersten Male in die Hallucinationen des Haschisch eingeweiht wurde, geschah es durch einen Europäer, welcher zu der anziehenden Klasse der Verzweifelten gehörte. Er ist seitdem an dem Mißbrauch des Kif gestorben. Dieser Verzweifelnde hatte sich ein poetisches Nest mitten in einem afrikanischen Walde gebaut, tief in einer Schlucht. Sein Schlafgemach mit den runden Fensteröffnungen, die nie geschloffen wurden, war mit Schwalbennestern angefüllt, deren Bewohner beständig aus- und Anflogen. In dieser Zelle sah er nur des Himmels Blau, das ferne Meer und.die immergrünen Eichen des Waldes, athmete nur den Dust der Blumen, die er vor seiner Hütte gepflanzt hatte, hörte nur das Summen der Insekten, den Vogelgesang und das Gcmurmel des Baches, der über die Granitfclsen zu seinen Füßen plätscherte. Des Nachts gab es andere Musik: Schakals, Panther und Löwen mischen ihr Geheul in das Rauschen des Waldes. Wenn er durch das Gebrüll unk Miauen im Schlafe gestört wurde, griff er nach seiner Büchse und verfolgte im Mondschein das wilde Gethier. Alle Haschischraucher sind Freunde der Jagd, und Wildschweine und Igel ihr bevorzugtes Wild. Als ich meinen Kifraucher in seiner Wohnung aufsuchte, begriff ich, daß ich es mit einem wahren Poeten zu thun hatte, mit einem besiegten Titanen, einem Manne, übersättigt von der Civilisation, einem Freunde des Lebens in der Wildniß. Er vertraute mir die Ursache seiner Auswanderung an. Nachdem er mir alle seine Andenken an seine Braut vor Augen gelegt hatte, ihren Kranz von Orange- Blüthen, ihren Blumenstrauß, sorgfältig in einem Cedernholzkistchen aufbewahrt, sagte er mir, daß seine junge Frau am Tage nach der Hochzeit gestorben sei. In dem Wahnsinn seiner Verzweiflung war er über's Meer gegangen und hatte sich dem Haschisch ergeben. Dank den Bczaubcrungcn der dadurch hervorgebrachten Träume sah er jedesmal seine Frau so jung, so schön wieder, wie an ihrem Hochzeitstage; ihre Stimme klang an sein Ohr mit Verheißungen des Wiedersehens in einer andern Welt. „Es ist die Stunde unserer Zusammenkunft," rief der Unglückliche, indem er seine seltsame Erzählung beendete. Ich folgte ihm nach dem maurischen Kaffeehause, er führte mich in den Saal der Raucher ein. Diese erwarteten uus auf einem Teppiche, die Pfeife am Munde. Der Clubb nannte sich die „Gesellschaft der Verzweifelten." Und wahrlich, in ihren wilden Blicken, den zerstörten, tief gegrabenen Zügen ihrer Gesichter, offenbarte sich der Entschluß systematischen Selbstmordes. Sie glichen Alle meinem Freunde, es war ein Verein von unglücklich Liebenden, Ehrgeizigen ohne Aussicht und verarmten Krösusscn. Friedrich der Große und seine Hunde. Das Verhältniß dieses Fürsten zu den Hunden ist merkwürdig und seltsam. An seinem Hofe genossen die Hunde Rechte, deren sich der höchste Beamte nicht rühmen durfte. Sie umgaben stets den König im Schloß, auf Reisen, im Krieg. Sie lagen auf kostbaren Kanapees, auf Stühlen uiit Atlas überzogen. In allen Zimmern waren lederne Bälle zum Spielen für die Hunde. Zur Bedienung hatten sie Lakaycn. Auf Reisen fuhren sie in sechsspänniger Kutsche. — Biche, die Favorithüudin des Königs, schlief jede Nacht in seinem Bette. Als der König bei einer Abreise zur Revue in Schlesien einen Hund krank zurückließ, mußte täglich eine Staffelte über sein Befinden nachgeschickt werden. Als eine Depesche den Tod meldete, mußte der Todte in einem Sarge bis zur Rückkehr im Bibliothekzimmer aufgestellt werden. Der hcimgekehrte Monarch betrachtete den Todten stundenlang, weinte bitterlich 3 Tage hindurch und ließ ihn feierlich beim Schloß begraben. Zehn Doktoren waren beschieden worden. 176 Eine komische Vergiftungsgeschichte ereignete sich dieser Tage auf der Mieden in der Paniglgasse (Wien). Eine Frau aus dem mittleren Stande wollte den Namenstag ihres Gatten in festlicher Weise begehen. Sie kaufte zu dem Zwecke unter Anderen einen schönen theuren Fisch und eiue Ente. Den Fisch briet sie heimlich und stellte ihn abseits auf's Marmorpflaster der Küche, indem sie zu den Dienstboten sagte, es wäre der Fisch durch und durch mit Arsenik vergiftet, um die Mäuse zu todten, die ihr Unwesen in der Küche treiben. Am kommende» Tage eilte sie früh Morgens fort, um Verschiedenes zu besorgen und hieß Dienstboten und Amme die Ente braten und Herrichten. Alles ging gut, so lange der Duft der gebratenen Ente nicht in die Nase stach. Da aber zupften und kosteten Dienstbote und Amme so lange, bis die Haut dahin war und mit ihr noch viel Anderes. Dies war nun arg. Der Zorn der Frau war zu befürchten und in ihrer Angst entschlossen sich Beide das Leben zu nehmen. Aber wie! — Jetzt kam ihnen ein lichter Gedanke, der Fisch! das ist die mindest blutige Art. Sie machten sich also darüber und thaten genug, ihres Lebens gewiß ledig zu werden. Dann legten sie sich in eine Ecke und erwarteten ruhig den Tod. Als die Frau nach Hause kam, war in der ganzen Wohnung eine Grabesstille. Sie wollte eben rufen, als sie in einem Winkel stöhnen und klagen hörte. „Was fehlt Euch?" rief sie den Dienstboten zu und dachte an nichts weniger als an einen Raubmord. „Wir sind vergiftet," stöhnten diese. „Wie, was?" „Wir haben die Ente halb aufgegessen und da haben wir uns aus Furcht mit dem Fisch vergiftet." Die Frau schlug die Hände über den Kopf zusammen und die Gesellschaft bekam Abends statt der beiden Braten diese Erzählung zum Besten. Ein eigenthümlicher Vorname und seine Entstehungsgeschichte. Kreuzwendedich ist nicht blos ein männlicher Vorname, namentlich der Familie v. Borne, sondern cxistirt auch als weiblicher Vorname. Es lebt heute noch eine Dame aus altadeliger Familie, die diesen Namen trägt, dessen Beilegung nachstehenden Zusammenhang hat. Die Eltern dieser Dame, denen in ihrer Ehe sieben Kinder geschenkt worden waren, hatten sie sämmtliche bald nach der Geburt verloren. Als das achte Kind, ein Mädchen, geboren wurde, so wurde diesem auf Rath einer alten Frau der Name „Kreuzwendedich" gegeben. Nicht blos diese, sondern eine nachgeborene Tochter blieben am Leben und leben heute beide noch in Brieg, und so hatte sich das Kreuz, das der Familie vom Schicksal aufgelegt worden war, gewendet und keine weiteren Opfer aus dieser Familie verlangt. (Die guten Handlungen.) Lehrer: „Seligsohn! Kannst Du mir nennen eine Reihe „guter" Handlungen — ?" — Seligsohn: „James Rothschild, Abraham Oppenheim und Comp., Carl Heine." Charade. (Zweisilbig.) Das Erste oft fast zentnerschwer Just dem, der's trägt am Herzen liegt. Das Zweite leider häufig sehr Die Menschenkinder täuscht und trügt. Das Ganze schließlich jener kriegt, Der lieh zuvor T Gulden her — Vielleicht au einen, der vergnügt Bald sprach: Nun Herz, was willst du mehr? Auflösung der Charade in Nr. 20: „Wurmstich." Druck, »erl-- »»» »,b-Itt»a litn-rtsche» Jujttwt» »«» vr. M. HuMer. Nr. 23 . 7. Juni 1868. Augsbnrger O blicke, wenn den Sinn dir will die Welt verwirren. Zum ew'geu Himmel auf, wo nie die Sterne irren. Rückert. SancL Jarlhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Das Rollen von kleinerem, durch Auftreten gelockertem Gestein vermischte sich in den Hall nahender Fußtritte; mit heiserem Gekreisch flog ein riesiger Lämmergeier auf und schwang sausend die mächtigen braungesprenkcltcn Fittige — in der Höhe hielt er sich schwebend wie zu Spähe und Abwehr, wenn durch den Kommenden seinem Horste Unbill oder Gefahr drohen sollte. Wenige Augenblicke später tauchte zwischen dem Gestein ein niederer Hut empor, mit der Schwancufeder geziert: unter dem Hute erschien Markulf's Antlitz, bleich und erregt, das Gclock wirr und fliegend von Anstrengung und Hast. Er spähte umher. „Herrin, bist Du bereit?" rief er, als er Amalaswinth gewahrt. Diese hielt beide Hände fest an die Brust gedrückt, die, gepreßt vom Augenblicke der Entscheidung, den Athem zu versagen schien. „Ich bin es..." stieß sie endlich hervor. „Doch wie — Du kommst allein?" „Nein," entgegnete Markulf, der inzwischen vollständig herauf geklettert war, „der Prinz hält weiter unten einen Augenblick Rast — ich bin voraus, als müßt' ich erst Weg und Steg erkunden..." „Und das Gefolge?" „Ist weit weg, auf ganz anderer Spur! Ich habe gesagt, ich wollte den Prinzen über die Eiskapelle hinan in die Scharte des Watzmann führen, . . . dann ließ ich sie einen andern Weg ziehen, als hätten wir sie verloren und beredete den Prinzen, mir hierher zu folgen, wo ich ihm ein seltsam Bergwunder zu zeigen vermeinte." „Gut so!" rief Amalaswinth sich erhebend, und strich das üppige gvldrothe Gelock über Stirne, Schläfen und Schultern zurück. „Führ' es hinaus, wackerer Gesell, wie Du begonnen. . . Aber was ist Dir?" fuhr sie nach kurzem Innehalten fort, während dessen sie den Jüngling genauer beobachtet und die Aufregung gewahrt hatte, in der er sich unverkennbar befand. „Du bist befangen? Du bist bleich? Thor, bist Du bang vor Erfüllung Deines Glücks?" „Nein," erwiderte Markulf, „aber ich weiß selbst nicht, wie mir zu Muthe ist. — Mir glüht es im Gebein und mein Eingeweide brennt sieberisch, als sollt' ich es nicht erleben, bis die dritte Sonne hinunter gegangen ist! Eine mir selbst unbegreifliche Angst quält mich, daß ich nicht Recht gethan, den Prinzen zu Dir zu führen! Nun, da es geschehen ist, dünkt mich Dein Begehren erst befremdlich und wunderbar . . . Sage mir, Herrin, beruhige mich . . . was soll er hier bei Dir?" „Was fragst Du, Gesell?" rief Amalaswinth auflodernd entgegen. „Vergissest Du, daß Du mir blinden Gehorsam gelobt? Nur wenn Du Deine Zusage getreulich erfüllst, vermag der Zauber zu wirken, den ich Dir verhieß!" 178 „Ich frage nicht mehr," sagte Markulf hastig, „ich baue auf Dein Wort, Herrin... aber ich weiß selbst nicht, wie es geschieht ... je näher der Augenblick heran kommt, desto dringender ruft es in mir und will mich warnen, als ob Du Arges im Sinne trügest!" „Schwachmüthiger Thor," entgegnete sie, indem sie näher zu ihm trat und sich so eng zu ihm niederbeugte, daß ihr glühender Athem ihm die Wange streifte. „Du weißt, was in Deinem eigenen Herzen vorgeht und vermagst nicht, ein anderes zu errathen? So wisse denn — was Du für jene Dirne empfindest, fühle ich für diesen Jüngling, der mich verschmäht! Ich kann nicht leben, kann nicht sterben ohne ihn: darum bin ich ihm von Pavia bis hiehcr gefolgt — darum habe ich ihn durch Dich hierher gelockt, in diese Einöde, wo nichts sich mehr eindrängen kann zwischen ihn und mich ... wo er meiner Gewalt nicht mehr widerstehen kaun: wo er mir gehören muß — mir für immer! Glaubst Du, wenn ich nicht am gleichen Siechthum krankte, ich wäre so leicht bereit gewesen, Deinen Schmerz zu heilen? . . . Geh' denn und vollende; die günstige Stunde wiukt für mich und Dich!" Ohne Erwiderung eilte Markulf hinweg und verschwand hinter dem Geklüft, aus dem er aufgetaucht war: Amalaswinth sah ihm mit siegblitzendcn Augen nach. „Verbirg Dich, mein Genosse," rief sie Alboin zu, „halte Dich bereit, zu vollbringen, was Du unausgesprochen weißt— Dein Lohn soll eines Königs würdig sein!" Sie stieg in die Höhle hinab, der Alte war kaum unter die Felsen geschlüpft, als Markulf wieder sichtbar wurde und die Hand zurückreichend, dem Prinzen auf die Höhe half, der, das Angesicht rothglühend von der Hitze und der Mühe des Stcigens, sich auf den letzten Zacken schwang. Dort stehend, lüftete er den Hut von dem wallenden lichtbrauncn Gclick und ließ den frischen Bergwind um die triefende Stirne spielen. „Thut das nicht, Herr," rief Markulf abwehrend, „drückt lieber den Hut noch tiefer in die Stirn — die Luft weht hier wie Eiseshauch, Ihr könnt den Tod davon haben! Kommt hier hinter die Felsen, sie halten den Luftzug ab — verkühlt Euch, eh' ich Euch in die versprochene Wundcrhöhle geleite, wo ich Euch ein Iägcrmahl von Genossen bereiten ließ." „Es wird mir hoch willkommen sein," sagte Dietwalt lachend, „so jung ich bin, hab' ich doch schon Manches ertragen im Waffeuspiel zn Schimpf und Ernst und im edlen Waidwerk — allein der Jägerei, wie sie in diesen Gebirgen heimisch ist, bin ich ungewohnt und muß bekennen, daß mich nach Erquickung verlangt und nach einiger Ruhe. . . Welch' ein Anblick!" fuhr er fort und schaute, sich umwendend in die ungeheure Fernsicht hinaus, die sich eben jetzt in vollster Klarheit ausbreitete: die steigende Sonne hatte die letzten Ncbelgewölke vernichtet und das riesige Gemälde, noch vom Glänze des Mittags nicht verhüllt, lag strahlend da in der hellen duftigen Morgenfrischc. — Das Auge unterschied weithin in verschwimmcnder Ferne das grünende Gelände, von dunklen Waldstreifen durchschallet, mit glänzenden Wasscrbreiten und schimmernden Strom- bändern wie mit kräftigen Lichtern besetzt. Zur Seite waren die Thore der Bcrgwelt weit aufgcthan, Fels'stieg an Fels, Berg an Berg, Eiskoloß an Eiskoloß unabsehbar empor, als wären es gewaltige Stufen, die nacheinander empor führen wollten zu einem Throne — dessen Baldachin der Himmel selber war. „Wie schaurig," rief der Prinz, „und doch wie schön! Das ist ein Anblick, mit dem man erst vertraut werden muß! Ich werde diese Berge öfter besteigen und meinen Vater bitten, daß er mir erlaubt, länger in ihnen zu weilen! . . . Was ist das?" unterbrach er sich selbst und zeigte nach rückwärts gewendet, auf einen sich breit hin ziehenden dunkelgraucn Streifen, der sich auf dem hcrübcrragcudeu Taucrn in wildem ununterscheidbarem Gewirrr dahin streckte. „Das ist das steinerne Meer," erwiderte Markulf, „eine schier unwegsame Felsen- 179 t wildniß! Vor Jahrhunderten ist dort ein Gipfel des Tunern eingestürzt, und hat die Schlucht ausgefüllt und Stunden weit Alles mit Trümmern überdeckt." »Der Name ist gut gewählt," sagte der Prinz und ließ den Blick sinnend auf der Steinwildniß ruhen. „Es sieht sich wirklich an, wie ein Meer ... wie ein im vollen Sturm und Aufruhr begriffenes Meer, das mitten in seinem Toben mit allen Wellen und Wogen erstarrte! Mir ist, als kennte ich ein solches Meer... ein in der Leidenschaft zu Stein gewordenes Herz..." Es mochte eine schmerzliche Anwandlung sein, was durch die Seele des Prinzen ging, denn ein tiefer Athemzug, der fast wie ein Seufzer klang, drängte sich aus seiner jungen Brust: wie um sich selbst von diesen Bildern und Gedanken abzubringen, blickte er unter den naheliegenden Felsen herum und rief lachend: „Doch ich gewahre noch immer den Eingang zu der verheißenen Höhle nicht uud schäme mich nicht, zu sagen, daß es mich wieder dringlich an das Mahl erinnert, das sie bringen soll ... " Markulf trat zu dem Spalt, der in das Innere des Berges führte. „Hier ist der Eingang," sagte er. „Seid Ihr aber auch völlig verkühlt, Herr — es ist dumpf und schaurig in dem Stcingewölbe..." „Wie bist Du doch so sorglich, Gesell!" sagte Dietwalt. „Bist Du mir so zugethan?" „Ja, Herr," rief Markulf mit Wärme, „ich freue mich jetzt, daß der Herzog mich zu Eurem Führer machte! Ihr seid so freundlich, so leutselig — ich möchte wohl immer in Eurem Gefolge sein!" „Dazu kann Rath werden — auch Du gefällst mir und ich will es Dir gedenken» wie sorgsam Du mich geleitet hast und wie treu!" Wie ein Dolchstoß traf das Wort in Markulfs bewegtes Gemüth: er erröthete vor sich selbst, als der Prinz ihn ob seiner Treue rühmte, da er den Arglosen doch nach gehcimnißvoller Absicht einem unbekannten Ziele cntgcgenführtc, das ihm noch nie so unheimlich erschienen war, als gerade jetzt im Augenblicke der Entscheidung. Ohne selbst recht zu wissen, was er that, war er vor den Höhlenspalt getrcren und machte eine Ge- berde, als wollte er den Prinzen von dem Eintritt zurückhalten. Dieser aber drängte ihn mit heiterem Lachen bei Seite. „Was ist Dir doch, wunderlicher Geselle?" rief er. „Gehabst Du Dich doch, als stünde mir da drinnen ein Unheil bevor und nicht ein fröhliches Jägermahl! Oder glaubst Du, ich scheue mich vor dem dunklen Eingang, der in unbekannte Räume führt? Ich weiß nicht, was scheuen und sorgen heißt, mein junger Freund... ich habe immer fröhlich genossen, was mir die Stunde bot und habe nicht gefragt, was wohl die nächste bringt! Rasch hinein — ich kenne keine Sorge!" „Die sollt Ihr auch an meiner Seite nicht befahren!" rief Markulf herzlich. — „Steigt immer hinab in die Höhle, Herr — Euer treuer Führer ist bei Euch..." Prinz Dietwalt war während der letzten Worte bereits in den Fclseneingang hinabgestiegen ; rasch folgte Markulf — wenige Augenblicke später ward hart neben der Spalte, tief an den Boden hingedrückt, das graubärtigc Antlitz des alten Langobarden sichtbar, wie der Kopf eines in sicherem Versteck auf seine Beute lauernden Raubthiers. Staunend blickte der Prinz um sich und maß mit bewundernden Blicken das ungeheure Fclsengcbäude. „Du hast nicht zu viel gesagt, Gesell," rief er, „das ist eine Halle, die eines Königs nicht unwcrth wäre! Es ist kaum glaublich, daß solch' ein Werk entstanden ohne Menschcnhilfe!" „Mein Vater sagt, die Zwerge haben es gebaut," erwiderte Markulf, „der König der Schwarz-Alfcn hatte hier sein Reich, bis ihn die Christenpriester drüben in der Salzburg fortgebannt... Im Verborgenen aber Hausen sie noch immer hier und Mancher, der durch's Gebirge geht, hört es, wie sie hier schalten und rumoren, und mit ihre« .Hämmern an's Gestein schlagen. . ." „Der Ort ist wahrlich angethan, an solch' Heidcn-Mährlein zu gemahnen!" erwiderte Dietwalt, in dem Gewölbe hin und wieder schreitend. „Wäre die Mühsal nicht zu groß, ich würde meinen Vater bereden, mit herauf zu steigen und das Wunderwerk auch zu beschauen! Es ist, als wär' es der Saal in der Burg eines riesigen Nordland» surften aus heiligen Bautasteinen gefügt . . . hier an der Säule könnte der Thron gestanden haben und dort durch die Felsenöffnung sah er wie von einem Söller hinunter in sein fabelhaftes Reich . . . Und hier," fuhr er fort, indem er an einen tischartig geformten Block trat, „hier ist uns noch etwas von seinem Königsmahle übrig geblieben!" Auf dem Steine stand ein Krug nebst Becher, daneben lag Brod und zierlich geschichtet Stücke Wildflcisch. „Oder," rief der Prinz wieder, „ist dieß vielleicht der Palast, in dem eine Wal- kyre haust? Oder eine der Nornen, die den Faden spinnen zu des Menschen Leben und Geschick?" Er hatte den Becher gefüllt und erhob ihn . . . „Diesen Willkomm- Trunk dem Gebieter des Hauses! Traun, ich möchte wohl wissen, wer mein Wirth und Gastfrcund ist. . „Ich!" antwortete es dumpf von dem Eingang der Höhle her, und eine dunkle Gestalt erschien vor demselben. „Amalaswinth..." stammelte Dietwalt erbleichend und unberührt entglitt der Becher seiner bebenden Hand. „Du hast Recht geahnt!" rief die Longobardin. „Du hast Dich bei der Walkhre zu Gaste geladen — bei der Norne, die den Faden spinnt zu des Menschen Leben und Geschick... der Deine ist abgesponnen und reißt entzwei!" „Ha, Schändliche," rief der Prinz und erglühte in Unmuth, wie er zuvor vor Ueberraschuug erblichen war, „so bin ich durch Dich in einen Hinterhalt gelockt? Und Du, Markulf, treuloser Schalk, hast mich hergeführt? Du bist im Bunde mit meiner grimmigsten Feindin?" „Feindin?" stieß Markulf hervor, der mit fliegendem Athem und brennenden Blicken, einem stoßbereitcu Geier gleich, jedes Wort. jede Bewegung belauscht hatte. „Was sagst Du, Herr? Sie, die Dich zu lieben schwur. Deine Feindin?" „Die mich geliebt und doch meine Feindin geworden! Die durch meinen Tod sich rächen will für die verschmähte Liebe!" „Lüge nicht in Deiner letzten Stunde," rief Amalaswinth feierlich — „nicht die verschmähte Liebe will ich rächen, wohl aber die verrathene! Nicht ich bin es, nicht fremde Treulosigkeit — der eigene Verrath ist's, der Dich in's Verderben stürzt!" „Wie?" unterbrach sie Markulf, aus einer Art Betäubung erwachend, „so hast Du Dein Spiel mit mir getrieben, furchtbares Weib? Hast'mich betrogen und zum Werkzeug Deines Haffes und Deiner Rache zu Deinem Mordgesellen gemacht? Fahre hin, Verrätherin, ich zerreiffc die Genossenschaft mit Dir — und ist meine Liebe der Preis, den es mich kostet, mich von Dir zu befreien — nimm das Zeichen meines Gelöbnisses, nimm Deinen Zauber zurück... ich verschmähe ihn! Gib den Weg frei, Mörderin, oder mein Dolch bricht uns die Bahn..." Mit kräftigem Griff hatte er die Schwanenfedcrn vom Hute gerissen und weggeworfen; das breite Gürtelmesser in hoch erhobener Hand stürzte er auf Amalaswinthe zu; diese aber hatte den Vorsprung benützt, sich rasch emporgeschwungen und stand bereits in der Eingangsspakte — der Block, der zum Antritt gedient, kollerte, von ihrem Fußstoß geschleudert, zur Seite... wer nachklettern wollte, mußte Zeit und Mühe aufwenden, bis es möglich war, die Oeffnung zu erreichen. . . „Glaubst Du," rief die Longobardin zurück, „für derlei wäre nicht vorgesorgt? — Versuch' es, mich zu treffen — ich lache Deiner, Du Thor! Ich hatt' es gut mit Dir im Sinn — aber wenn Du Dich von mir lossagst, so habe was Du begehrt und Heile das Geschick Deines Herrn! Du aber, meineidiger Verräther, überlege und bereue. 181 was Du mir gethan... Du hast Zeit dazu, bis Hunger und Verzweiflung Dich zwingen, Dein falsches Gehirn an diesen Felsen zu zerschmettern! Du hast, als ich im größten Schmerze zu Dir gefleht, keine Antwort für mich gehabt: ich habe Dir gelobt, daß ich Dir das vergelten will. . . Wohlan, das ist Amalaswinthcns Antwort!" Sie verschwand vom Eingänge, das nach ihr von Markulf geworfene Dolchmesser prallte am Gestein zurück — mit donnerähnlichem Gepolter wälzte eine finstere Masse sich heran — der Block vor dem Thore legte sich dicht vor dasselbe und versperrte den Weg für immer ... das Licht fand keinen Raum mehr, von dieser Seite einzudringen und das schauervolle Halbdunkcl einer Gruft legte sich wie ein Todtentuch über die lebend Begrabenen.- -Zur selben Zeit, als auf dem Gipfel des Gebirges Wuth, Schrecken und Entsetzen hausten, waltete unten im Thale, auf dem kleinen grünen Seegelände der tiefste, heimlichste Frieden: es war eine kleine schuldlose Welt, ohne Ahnung, wie nahe, wie furchtbar die Schuld bis an ihre Nmgränzung vorgedrungen. Von keinem Hauche geschwellt, spiegelgleich, lag das Wasser da und nahm freudig den Himmel in seinem Busen auf, den es eine lange Nacht entbehrt und der nun in erhabener Ruhe hernieder- schaute, während an den Bergwänden die letzten Trauerstrcifen des Nebelschleiers zcr- flatterten. Auf dem grünen Plan der Walchen-Almendc wanderte das Weidevieh gemächlich durch das Gras, oder lag wiederkäuend in behaglicher Ruhe. Von Zeit zu Zeit ward Placida an der Thüre der Sennhütte sichtbar, eine der Kühe herauszulassen, wenn sie von ihrem Milchreichthum befreit war. Das Mädchen war zur Arbeit rüstig angerichtet; das weiße, hochaufgcbundcne Gewand schürzte sich kaum bis unter's Knie und reichte an den Armen nur wenig über die Schultern herab — um Leib und Brust waren die weitern Theile des Kleides, besonders die Aermcl, übereinander gcncstelr, die freie Bewegung nicht zu stören. In gewohnter Weise ging sie der gewohnten Arbeit nach, ruhig und gleichmäßig, ohne Unruhe, ohne Hast — nur bei schärferer Beobachtung wäre nicht zu verkennen gewesen, daß die feine Blässe ihres Angesichts vielleicht noch um einen Ton tiefer verblichen war, daß die dunklen Augen nicht ganz so frei blickten, wie einst, sondern wie durch einen trüben darüber gebreiteten Flor. Manchmal auch stand sie mitten in ihrem Wege still und führte die Hand an's Herz, als töne darinnen noch ein Nachhall des Gewitters fort, das vor wenig Tagen durch dasselbe getobt und wie Hagelschlag Blüten und Blätter niedergeschlagen, und das junge Bäumchen selbst in seiner Lebenskraft getroffen, vielleicht um sich nie wieder zu erholen. Das waren aber nur Augenblicke; schnell besann sie sich wieder und richtete das schöne, noch eben thränenfeuchte Auge getrocknet und getröstet zum Himmel auf. Am Strande des See's lag noch der Kahn, in dem sie Abends zuvor wieder herein- gerudert — aus der einsamen Romsan zur noch einsamern Walchen-Almend. Es bot einen scharfen Gegensatz, als jetzt Amalaswinth denselben Bergpfad herankam, auf welchem wenige Tage vorher der alte Chriembcrt gewandelt war. An derselben Stelle, wo der Alte die verhaßte Walchendirne belauscht hatte, stand sie jetzt und blickte finsteren Auges auf das arglose Mädchen, das sie so freundlich beherbergt, in dessen Brust sie einen so tiefen geheimen Blick gethan und in dessen Geschick sie so achtlos eingegriffen mit frevelnder Hand. Das lichte Bild vor ihr warf einen düsteren Schatten in ihre Seele; es regte sich leise etwas in ihr, wie das erste fast unmerklich keimende Samenkorn einer spät, aber gewiß reifenden Neue. (Fortsetzung folgt.) 182 Die sterbende Mutter Vou Schaufert. Wenn Du am Bett der Mutter kniest, Ihr in's erlosch'ne Auge siehst, Die Hand, die einst Dich treu gewiegt, Schon kälter in der Deinen liegt; Wenn vor der blaffen Dulderin Dein Herz in Thränen schmilzt dahin, Und Dich's gemahnet wehmuthsvsll An manchen Trotz, an manchen Groll, Und leise fleh'st in bitt'rer Reu': Ach, gute Mutter, ach, verzeih', Und sie, der längst die Rede schwand, Noch spricht mit mattem Druck der Hand. Dann magst Du fühlen tiefbewegt, Daß nichts die weite Erde hegt Dem frommen Mutterherzen gleich, So voll Geduld, so gnadenreich. Ob glücklich, wenn es in Dir spricht, Dies graue Haar verklagt mich nicht. Wenn nicht der Furchen Leidenschrift Dein Herz,mit scharfer Geißel trifft. Wohl Dir, wenn in der letzten Stund Ein Lächeln um den stillen Mund Vou einem guten Herbst erzählt, Dem nicht der Liebe Frucht gefehlt. Wenn es Dir sagt: „Du guter Sohn, Ich künde Dir des Himmels Lohn, Du hast mein Alter froh gemacht. Und fröhlich sag' ich gute Nacht." Oh dreimal selig ist das Kind, Das solchen Segen sich gewinnt. Er baut auf Felsen ihm das Haus, Schmückt es zu Gottes Tempel aus. Er lacht ihn an vom Himmelsblau Und aus des Frühlings goldner Au'. Er schwebt um ihn wie Sternenblick, Scheucht jeden bösen Geist zurück; Weht seinem Schweiße Kühlung zn Und seinem Leiden Himmelsruh': Er steht im Sterben ihm zur Seit', Eiu Eugel licht im lichten Kleid. Er schließt ihm auf des Himmels Thor, Er grüßt ihn aus der Sel'gen Chor: „Geh' ein, geh' ein, du guter Sohn, Geh' ein, die Mutter wartet schon." Er hat «och nicht Truthahn zu mir gesagt Amerikcmisckeö Sprichwort. Besonders in den westlichen Staaten der Union hört der Neueinwandcrude eine Masse englischer, oder vielmehr echt amerikanischer Redensarten und Sprichwörter, die er wohl vergeblich in einem Dictionär suchen möchte, ja über die ihm viele Amerikaner selbst keine Auskunft-geben können. Am räthselhaftcsten war immer die Rede: ^Iio nover suick turkö^ lo mo!^ oder im Deutschen: „er hat zu mir nicht ein einziges Mal Truthahn gesagt," worunter sie etwa verstehen, daß Jemand ihnen irgend etwas nicht angeboten oder gegeben habe, was sie ihrer Meinung nach verdient hätten. In Arkansas jagte ich längere Zeit mit einem alten Backwoodsmann, Namens Meiers. Den fragte ich schon in den ersten Tagen, als ich mit ihm zusammenkam, nach der Bedeutung des Worts und er erzählte: Oben in Missouri jagten auch dann und wann Weiße mit den Eingebornen, und wenn diese sich auch eben nicht viel aus den Bleichgesichtern machten, duldeten sie dieselben doch zwischen sich. Durch diesen Umgang lernten die Rothhäutc aber auch ein wenig englisch, wenn sie es auch gebrochen sprachen, und konnten sich doch wenigstens einem andern Christcumenschen verständlich machen. Dort jagten auch einmal ein Weißer und ein Eingeborncr mit einander, und da die Letzter» den weißen Eindringlingen schon nichts Gutes zutrauen, und die Weißen ebenfalls von deck Indianern behaupten, daß es diebisches nichtsnutziges Gesinde! wäre. 183 so machten sie vorher einen festen Contract miteinander, daß sie, was sie hellte anf der Jagd erlegten, redlich und gleichmäßig mit einander theilen wollten. Als sie am Abend wieder zusammen kamen, hatte der Indianer einen Truthahn, der Weiße aber nur ein Rebhuhn geschossen, und wie sie ihre Beute abgeworfen und sie betrachtend daneben standen, sagte der Eingeborne endlich kopfschüttelnd: „Hm! — böse Sache — schlecht theilen — wie machen?" „„Wie machen/'" sagte der Weiße, ,,„ci, das ist verdammt einfach, mein braver Junge. Die beiden Stücke lasten sich nur auf zwei verschiedene Arten theilen, entweder bekomme ich den Truthahn und Du nimmst das Rebhuhn, oder Du nimmst das Rebhuhn und ich bekomme den Truthahn."" Der Indianer sah den Weißen erst eine Zeit lang an, und überlegte sich vorsichtig, wie Jener gesagt; der sah so ernsthaft dabei aus, daß er selber irre wurde. „Wie war das?" fragte er endlich nach langer Pause — und wollte es noch einmal hören. — „„Wie das war?"" erwiderte der weiße Jäger, die Stirne kraus ziehend, und mit ernsthaftem Gesicht, — „„nun, Du bekommst das Rebhuhn und ich den Truthahn, oder ich nehme den Truthahn und Du bekommst das Rebhuhn."" „Wehe, wehe!" rief da der Wilde schmerzlich aus, „Du hast ja nicht ein einziges Mal Truthahn zu mir gesagt." (Die Entstehung des Mutterkornes.) Ueber die Entstehung des für die Gesundheit so gefährlichen Mutterkornes sind die Ansichten noch sehr getheilt. Darum dürfte folgende Mittheilung, die mir vor einigen Tagen ein mir befreundeter Naturforscher schriftlich machte, für das laudwirthschaftliche Publikum nicht ohne Interesse sein. Derselbe sagt: „Im vorigen Sommer erzog ich mir auf künstlichem Wege sehr viel Mutterkorn. Bei meinem Sammeln kryptogamischer Gewächse war es mir auffallend, daß ich in der Nähe des parasitischen Pilzes Lluvicops purpureu, der sich am Gestein und auch an Wiesenpflanzcn bildet, immer sehr häufig an den angrenzenden Feldern so viel Mutterkorn entdeckte. Dies veranlaßte mich zu dem Versuche, die Keime dieses Pilzes in eben sich öffnende Noggenblüthcn zu bringen. Die Keimfädcn des Pilzes umspannen als ein feines weißliches Gewebe den Fruchtknoten, drangen selbst hinein und zerstörten ihn ganz oder auch nur theilwcisc. Dann begannen sich die Fäden bauchig zu erweitern und bildeten in diesem Zustande einen schmierig - schleimigen, die Spelzen oft überragenden Körper, der von unten auf zum eigentlichen Mutterkorn sich verdichtete und verhärtete. Auf diesem künstlichen Wege erzog ich im vorigen Sommer Mutterkorn vou 1 Zoll Länge und darüber. Es waren oft 5 bis 6 Körner in einer Aehre. Daraus geht nun klar hervor, daß das Mutterkorn nicht durch den Biß eines Insektes oder Wurmes, nicht durch eine besondere Säftekrankheit des Getreides sich erzeugt, sondern lediglich durch die Entwicklung jenes parasitischen Pilzes entstehe. Uebrigcns ist wohl möglich, daß Käfer und Würmer die Veranlassung zur Entstehung des Mutterkornes dadurch geben, daß sie von Blüthe zu Blüthe fliegen oder kriechen, und so die Keime des Pilzes, welche mit ihrer schmierigen Substanz an ihren Beinen haften bleiben, auf die Blüthen des Roggens übertragen." Zwei Knaben spielten miteinander und renommirten dazu. Der Eine sagte: »Mem Vater läßt eine Altane vor das Haus machen, das wird schon, das thut der Deine nicht." Der Zweite setzte sofort einen Trumpf darauf, indem er sagte: „Ja und mein Vater läßt eine Hypothek auf unser Haus machen, das wird noch viel schöner." Frage: Was für ein Baum war der höchste im Paradies? Antwort: -zvh znvh/l.kßnvu, uarguv iig asgn ,u(x 184 Die „Owl" gibt einen interessanten authentischen Bericht über die Hinrichtung eines japanesischen Officiers in Hiogo. Derselbe hatte einen französischen Soldaten, weil er sich geweigert, dem Gefolge des japanesischen Prinzen Bizen aus dem Wege zu gehen, mit seinem Säbel verwundet. Die französischen Behörden forderten Genugthuung und der Officicr wurde zum Tode verurtheilt. Die Hinrichtung fand in imposanter Weise des Abends zehn Uhr in einem zu diesem Behufe prächtig erleuchteten Göttertempel statt. Der Officier war ein Edelmann und bekleidete in der Armee des Prinzen Bizen den Rang eines Obersten. Der japanesischen Etiquette gemäß durften bei der Hinrichtung nur Officiere, die mit dem Verurtheilten in gleichem militärischen Range standen, gegenwärtig sein. Es wurden aber auch Ausländer zugelassen und zwar von jeder fremden Lcgation ein Mitglied. Der Delinquent kniete vor einem kleinen runden Tisch, auf welchem das Familienschwert lag, nieder und hielt eine lange Rede, in welcher er seine Unschuld auf das Lebhafteste betheuerte uud vorgab, nur in Gemäßheit des japanesischen Gesetzes und der Landessilten gehandelt zu haben, als er den fremden Soldaten wegen dessen ungebührlichen Benehmens gegen die Suite des Prinzen bestrafte. Hierauf wendete er sich nach allen Seiten des Tempels und begann ein inbrünstiges Gebet, während welchem die ihn umgebenden Japanesen mit ihrem Gesicht auf den Fußboden lagen. Nur die Ausländer blieben ausrecht stehen. Dann erhob sich der Verurtheilte, ^ ergriff das vor ihm liegende Schwert uud stieß es sich mit einem lebhaften Ausrufe — halb Freuden-, halb Angstruf — iu den Leib, zu gleicher Zeit seinen Hals ausstreckend, um den Tod zu beschleunigen, der auch sofort eintrat. In demselben Augenblick trennte ein hinter ihm stehender Freund, ebenfalls ein japanesischcr Oberst, mit einem Schlage das Haupt vom Rumpfe, welches zu seinen Füßen rollte. Die anwesenden Beamten legten das Haupt auf einen goldenen Teller und prä,entirten es den Ausländern zur Jnspection, gleichsam die Frage au dieselben richtend, „ob sie nunmehr zufrieden gestellt seien." (Der König der Aale.) Der Engländer John Jackson, der einige Jahre unter den Fidschi-Insulanern lebte, befand sich eine Zeit laug auf der Insel Van na Leon. Er sah sich das interessante Land nach allen Richtungen hin an, wobei er keinen Ausflug machte, ohne ein Abenteuer zu erleben. Als er einst Aal aß, fragten ihn die Insulaner, ob in England die Aale auch einen König hätten? Als Jackson dies verneinte, führte mau ibn zu einem kleinen Teich, an dessen Mer ein Tempel erbaut war. In dem Wasser sah er einen ungeheueren Aal mit großem Kopf, wohl so dick wie ein Schenkel und, den Aussagen der Eingeborenen zufolge, zwei Klafter lang. Der Aal war ein „Geist". Um zu sehen, in welcher Verehrung er der den Insulanern stehe, legte Jackson seine Flinte auf ihn an; sie aber baten ihn inständig, von jeder Beleidigung des Thieres abzustehen, und fütterten es mit gekochten Brodfrüchten. Der Aal war sehr alt und bereits verschiedene Male mit den* Kindern Gefangener gefüttert worden. Ans den Hütte«. Der Mond beleuchtet mit bleichem Licht Die rauchgeschwärzten Wände Und über das bleiche verhärmte Gesicht Hält die Mutter die mageren Hände. Und darunter dem matten Aug' entquillt Des Kummers bitt're Zäbrc, — Das Auge der Seele Spiegelbild, Entsiegelt des Jammers Schwere. Des Jammers, der in der Armuth Kleid Umfängt des Raumes Ocde, Wo des Winters düstere Schrcckcnszcit Der Freude Spuren verwehte. Das Weib, es murmelt vor sich hin In unverständlicher Weise, Doch klar wird der Worte geheimer Sinn: Es regt sich im Winkel leise. Dort schlafen die Kleinen, die Kinder der Noth — „Allvater im Himmel, wo bliebe, „Wenn Du nicht hilfst, für Morgen ihr Brot!' So b'etct und weinet die Liebe I. Arend. Dru<1, Berlaa und Redaktion des lituarischen Instituts von v,. W. Huttier. Nr. Ä4. 14. Juni 1868. Arsgsbnrger Der Großen Günstling sei nicht gern; Von Niedrigern sei nicht zu sern! Hoch steige, nicht um groß zu thun, Auf Gipfeln läßt sich schwerlich ruhn. Basedow. SancL Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) In wildester Erregung, beinahe fliegend im Gefühl vollständig befriedigter Rache war Amalaswinth den Kaunstein hernieder gestürmt, kaum wissend und nicht beachtend, wie der 'mühevolle und keineswegs gefahrlose Pfad über ihrer Eile sich zu kürzen und zu ebnen schien: als sie in die ebene tannengrüne Fischunkel herab gekommen und den gegenüber liegenden Bcrgpfad entlang langsamer fortschreiten konnte — als es keine Hindernisse mehr zu beseitigen, keine Schwierigkeiten zu überwinden gab, ward mit ihrem Borschreitcn auch der Lauf ihres Blutes langsamer — dem Bergwafser ähnlich, das in gähem Falle tosend und schäumend über-den Felsen stürzt, und am Fuße desselben durch die minder gesenkte Flur so gelassen und ruhig dahin rinnt, als hätte es nie an Schäumen und Tosen gedacht. Der Augenblick des Vollbringend, auf den sie so lange geharrt, bis zu dessen Eintreten alle ihre Gemüthskräfte sich in fieberischer Anspannung befunden, hatte sie überwältigt: nun war es vollbracht — was sie gewollt, lag als ein Erreichtes hinter ihr und zum Erstenmale gewahrte sie vor sich nichts mehr — nichts, als eine düstere trostlose Leere, nur von einem fernen winzigen Glutkern erhellt, der nur des Hauches harrte, zur Flamme zu werden. Der süße Trank der Rache war ausgekostet, die Betäubung, mit der er sie umfangen, war verflogen, und sie fuhr erwachend aus ihr empor mit nüchternen Augen und verstörtem Sinn. Ohne es sich selbst zu gestehen, fühlte sie eine Ahnung dieses Zustandes in ihr aufdämmern, als sie die Ruhe in Placida's Antlitz, als sie den innern Frieden gewahrte, der über ihr ganzes Gebühren ausgegossen war — die arme Dirne, die ihre Liebe, das Glück ihres Lebens in sehnsüchtigen Schmerzen dahin gegeben, sie hatte Frieden: die glänzende mächtige Herrin, die in wollüstigem Entzücken das höchste Verlangen ihrer Seele an sich gerissen — sie fühlte sich unbefriedigt, verstört und arm. „Thorheit!" murmelte sie, die rothen Locken schüttelnd, in sich hinein, „das ist nicht der armseligen Dirne Werk, nicht ihr Verdienst! Stumpf ist sie, fühllos und kalt — hätte sie sonst vermocht, ihre Liebe dahin zu geben, um einen ungerechten Wahn zu schonen! Mag der Schwache im Staube sich glücklich preisen, daß der Blitz ihn nicht erreicht — der Starke fliegt ihm trotzig in den Himmel entgegen und wär' es der Untergang!" Der frühere Triumph kehrte in Blick und Haltung zurück und mit siegesstolzem Trotze wandte sie das Auge dem Horn und dem Geschröfe des Kaunsteins zu, an dessen steilster Wand in schwindelnder Höhe das Fenster der Felsenhöhle zu erkennen war —- aus solcher Entfernung nicht anders erscheinend, als in Form eines dunklen ununter- scheidbaren Flecks. 186 „Wir zögern, Domina," sagte Alboin, der ihr eine Weile zugesehen, „und wir haben doch keine Zeit zu verlieren . . . Wenn das Gefolge des jungen Fürsten, wenn andere Leute uns begegnen, und Auskunft heischen..." „Glaubst Du, ich würde ihnen ausweichen?" fragte Amalaswinth mit ihrer alten stolzen Kälte. „Glaubst Du, ich würde die Auskunft verweigern? Ich möchte lieber hintreten vor alle Welt und offen sagen, was ich gethan! Es ist mir allzu stumm, allzu todt in diesen Felsthälern — ich möchte mit meinem Worte ihre Stimme, den Wicderhall wach rufen, damit er es von Berg zu Berg schreie und hinaus in die Lande, ich habe mein Herz gesättigt und meine Rache mit! . . . Aber noch will, noch darf ich nicht gesehen sein, damit Niemand zu frühe erfahre, was geschah . . . damit meine Nähe keinen Verdacht errege, wo es geschehen und auf die Spur führe, so lauge noch eine Rettung möglich wäre..." „So laß uns eilen, aus dem Bereiche dieser Schluchten zu kommen," begann Alboin wieder. „Wenn das Gefolge ihn am Watzmann nicht findet, wird es sicher auf allen Wegen suchen und auch hichcr kommen! Dort liegt ein Nachen — die Dirne soll uns über den See hinausführen!" Ein Blitz fuhr aus Amalaswintha's Augen. „Ja, das soll sie!" rief sie aufjubelnd. „So vollend' ich meine Rache noch an dem Elenden, der mich verrathen wollte — sie selbst, die sich für den Geliebten geopfert — sie soll Diejenige rette», die ihn ihr ganz entrissen hat! Sie mag es bewähren, ob diese Entsagung wahrhaft ist . . . ob diese Ruhe Stand hält vor dem letzten, dem gewaltigsten Schlage!" Placida war mit dem Milchgeschirr an's Gestade hinabgegangen; zum Wasser niedergebückt, gewahrte sie Amalaswinth's Herankommen nicht eher, bis selbe mit dem finster blickenden Waffenmeister hart ihr zur Seite stand. Ueberrascht — betroffen sprang sie auf und starrte die unerwartete Erscheinung mit Blicken an, als ahne sie, welch' unheimliche Gewalt ihr genaht. „Du hier, Herrin?" fragte sie halblaut. „Was führt Dich in meine Einsamkeit?" „Was sonst," erwiderte Amalaswinth mit erzwungenem Lachen, „als die Lust am Waidwerk? Das Gefallen an diesen wilden Bergen und Wassern? Ich habe mit meinem Gefährten einen Gang über die Höhen gemacht und will nun zurück. Darum richte Deinen Kahn zurccht und rudere uns hinaus über den See..." „Du hier ..." wiederholte Placida vor sich hin und vermochte den Blick noch immer nicht abzuwenden von dem Antlitz der Longobardin, das trotz künstlicher Freundlichkeit wie mit Wetterwolken bedeckt schien. „Wie Du auch hieher kommst, Herrin, und was Dich hergeführt — ich kann Dich nicht fahren, ich bin allein und muß bei meiner Heerde bleiben. Gedulde Dich bis zum Mittag, bis dahin kommt wohl der Eine oder der Andere von den Holzfällern vorn Gebirg herunter ... ich will Einem den Kahn leihen, daß er Dich hinaus führt. . ." „So lange will die Domina nicht warten," siel aufbrausend Alboin ein, „mache keine Ausflüchte, Dirne — Deinem Vieh wird in den paar Stunden kein Leid gcschch'n! Also rüste Dich oder wenn Du nicht willst, nehm' ich den Nachen und fahre selbst . . . Ich werde wohl im Stande sein, mit diesem Bergsee fertig zu werden - ich habe mehr als einmal mit dem stürmenden Meere gckämpft!" Er sprang dem Nachen zu, aber Placida war noch schneller gewesen — schon stand sie vor dem Fahrzeug, hatte ein in demselben liegendes Beil ergriffen und schwang es zu Drohung und Abwehr über dem Haupte... Laut auf lachte der Alte. „Du willst Dich gegen mich zur Vertheidigung stellen, thörichte Dirne?" rief er, „Du Zärtling, die ich zermalme mit einem Druck meiner Hand? Hinweg, oder..." Er wollte nach ihr fassen, aber im selben Nu war auch der Beilhieb niedergesaust — 191 aus das wildromantische Altmühlthal so ziemlich übersehen konnte. Um das Jahr 767 gründete er die ehemalige Bcncdictincrabtci Solnhofen, von welcher er der erste Abt war. Die umwohnenden Heiden wurden bald auf ihn aufmerksam wegen der Wunder, die er wirkte, und ließen sich von ihm taufen. Nach seinem Tode, 794 am 3. December, wurde die Stiftung beträchtlich erweitert und eine Kirche dazu gebaut, welche Bischof Altuin von Eichstärt 819 feierlich einweihte. Die ersten Schirmvögtc (Advokaten) waren die Grafen von Truhcndingen und nach deren Aussterben 1460 die Burggrafen zu Nürnberg. Um das Kloster sammelten sich immer mehr Menschen und bauten sich ihre Häuser daselbst; so entstand allmählig ein Dorf, welches nach dem Kloster Solnhofen — Solenhofcn genannt wurde, und jetzt über 600 Einwohner hat. Als der letzte Probst Wilibald Zelter im Jahre 1534 die Angsburgcr Confession annahm, wurde die Abtei alsbald säcularifirt und die Kirche für den Protestantismus eingerichtet. Der Ort gehörte schon eine Zeit lang der preußischen Krone, 1797 zu Pappenheim und 1804 kam es an Kurbahern, und ist jetzt dem Landgerichte Pappenheim zugetheilt. Der Entdecker des berühmten Schiefers soll eick Knabe sein, welcher die Gcisen des Dorfes auf den Bergen hütete, und zwar zu der Zeit, als die Dcnedictiner daselbst noch waren. Die Steine sind also bereits 400 Jahre bekannt; das Hauptaugenmerk und den jetzigen Ruf aber erhielten sie erst durch die Erfindung der Lithographie von Alois Scnnefelder in München. Sie wandern in die fernsten Länder der Erde, so, daß der Name Svln- hofen weit und breit bekannt ist und immer mehr wird. Man fertigt auS ihnen: Grabsteine, Fcnstergesimsc, Tischplatten, Ofensteine, Fußboden- und Dachplatten; letztere besonders haben einen unermeßlichen Abgang; nur die feinsten werden zur Lithographie verwendet. Der größte Bruch wurde im Jahre 1738 eröffnet, ist aber jetzt ganz ausgebeutet; dagegen ist die ganze Strecke vom Dorfe Mühlhcim bis unterhalb Eichstätt hinab, eine Länge von 7 bis 8 und einer wechselnden Breite von 1 bis 3 Stunden, mit mehr als hundert neuen, theils größeren, theils kleineren Brüchen besetzt. Die senkrecht abfallenden Schuttwälle gleichen einer großen Festung. Der große Bruch war früher Gemeinde-Eigenthum und die damals Markgräflich Ansbachische Regierung vertheilte den Platz an die 64 Gemeinde-Berechtigten bcS Dorfes so, daß jeder eine Breite von 12 Fuß erhielt, innerhalb deren er in die Tiefe und vorwärts, so weit die Formation sich erstreckte, arbeiten durfte. Eine eigene Bcrgordnnng wurde vorgeschrieben, und ein eigenes Bcrggcricht niedergesetzt. Die Hütten, welche jeder Besitzer auf seinen Antheil baute, um die gehobenen Steine zu schleifen und zu bearbeiten, geben dem Bruche ein dorfähnliches Ansehen. Die Schichten des Schiefers liegen zuerst nach der Höhe des Berges aufsteigend, dann aber vollkommen horizontal; zuletzt fallen sie aber nach der entgegengesetzten Richtung ab und lassen das Ende der Formation erkennen. Der Marmorschiefcr ist entweder blaßgelb, grau, blau oder weiß gefärbt. Er bricht von der Dicke eines Karten- blattes, bis zu der von 6 bis 8 Zollen. Täglich sind in sämmtlichen Brüchen über 3000 Menschen thätig, welche über 1500 Ccutner Steine aller Art formen. Der Absatz wird jetzt ein viel bedeutender werden, da durch die bereits begonnene Eisenbahn der Verkehr ein sicherer und wohlfeilerer wird. Etwas Merkwürdiges sind besonders noch die Versteinerungen. Nach dem Urtheile Sachverständiger sind sie von höchst eigenthümlicher Art und meist verschieden von denen der andern Gebirgsformationcn Europa's. Wenn man eine umfassendere Sammlung so vieler origineller Fossilien, wie sie z B. Herr Gcrichtsarzt Doctor Reden- bacher zu Pappenheim hat, sieht, so läßt sich auf eine höchst auffallende Jsolirtheit dieser jedenfalls zur obersten Juragruppe gehörigen Gebilde, so daß dieselben als der eigenthümliche Niederschlug eines vereinzelten großen Salzwaffcrbeckens zu betrachten sind, schließen. 192 Vor vielen Jahren muß hier die Wasserbedeckung sehr hoch und jede äußere Einwirkung ausgeschlossen gewesen sein, da der Kalk, womit die Flüssigkeit geschwängert war, nur bei vollkommener Ruhe in so reichem Maße sich niederschlagen und so regelmäßig schichten konnte. Die Thiere sanken hinab, wurden von dem schlammigen Kalke umgeben und durchdrungen, und mit ihrer der Verwesung trotzenden Hülle im Laufe von Jahrtausenden zu Stein. Man findet Insekten, Reptilien, Saurier und Schildkröten, vielerlei Arten von Fischen und Krustcnthicrcn; das Pflanzenreich liefert mehrerlei hauptsächlich dem Algacitengeschlechte ungehörige Arten. Von Säugethicren und Vögeln wird Nichts entdeckt, noch weniger Knochen von Menschen. Jedenfalls aber ist noch Manches unter den Schichten verborgen, das erst im Laufe der Zeit ausgegrabcn und bekannt wird. (Ein schuldloser Dieb.) Henry Gibbs ist angeklagt, einem Krämer in Moorgate-Street (London) eine Hose gestohlen zu haben. Der Richter findet die vorgebrachten Zeugenbcweise ungenügend und spricht den Angeschuldigten frei. Es wird ihm dies angekündigt und ihm gesagt, daß er frei fortgehen könne, er aber rührt sich nicht von der Stelle. Sein Advokat wiederholt ihm, daß er frei ist, dennoch bleibt er. Der Zuschauerraum hat sich fast geleert, aber er wartet immer noch, bis endlich der Advokat ihn ungeduldig fragt, weßhalb er denn noch zögere. — Weil ich nicht gern früher gehen will, als bis die Zeugen fort sind. — Und aus welchem Grunde? — „Ich habe die Hosen gerade an, welche ich gestohlen habe!" (In vino vsritss.) Im angetrunkenen Zustande tanzt der Franzose, der Spanier spielt Hazard, der Süddeutsche lacht, der Norddeutsche singt wehmüthige Lieder, der Engländer ißt oder schläft, der Italiener renommirt, der Russe wird zärtlich, der Amerikaner hält eine Rede und der Jrländcr fängt Prügelei an. Ein Advocat machte auf seinem Krankenbette ein Testament, und verschrieb sein ganzes Vermögen lauter Narren, „denn," sagte er, „von solchen habe ich es bekommen, und solchen will ich es auch wiedergeben!" Frage: Welcher Unterschied ist zwischen einer Kruppe'schen Gußstahlkanone und einer rothen Nase? Antwort: 'uszuiaZ moa ZvU ohM sig ^mijZ uaa imuioz zuoiwH Charade (AwcistU'ig.^ Zwei Silben sind es, die uns geben Das Wort, w nennt ein Fabrikat, Das Zwar nichts Bittres an sich hat, Doch leicht verbittert dem das Leben, Der nicht befolgt der Weisen Rath. Nur Einer Silbe sich erfreut Das zweite Wort, mit dem wir nennen Ein Möbel, das wir zchiual und breit, Und hoch und niedrig haben können. Wer sich das Erst' bestellt Im Kauf' das ganze dann erhält. Auflösung der Charade in Nr. 22: „Schuldschein." Druck, Derlaa und Redaktion des »terarischen Instituts von 0r. M. Huttler. Nr. S L. 21. Juni 1868, Arrgsburger Gleich ist Alles versöhnt; Wer redlich ficht, wird gekrönt. Göthe. Sanct Jartheünä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) (Diese Erzählung ist Eigenthum des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttler und der Wiederabdruck nur nach vorausgegangenen! Einvernehmen mit demselben gestattet.) V. Sanct Barthelma. Das Grauen des Todes und der Schatten des Grabes lagerten auf der einsamen Felsenhöhle des Kaunstein. Prinz Dietwalt lehnte am Gestein der Wand regungslos, als wäre er ein Theil derselben: wie ein Todter ausgestreckt, stumm und starr, lag Markulf auf den Felsen des Bodens. In der ersten Zeit, als er die Unmöglichkeit des Entrinncns erkannt, war der junge kräftige Bauer in einen Sturm von Verzweiflung und Jammer ausgebrochcn, der die volle Leidenschaftlichkeit seines Gemüthes verrieth: es war, als hatte gewaltsam aufgestautes Wildwasser endlich alle Dämme und Schleusen zerrissen und ergieße sich nun in schrankenloser Wuth, Alles vor sich niederwerfend und mit sich fortreißend. Er zerraufte sich das Haar im Grimm, daß es einem solchen Weibe mit so leicht durchschau- baren Ränken gelungen, das Geheimniß seines Lebens zu errathen und ihn mit so grober List zu ihrem Zwecke zu mißbrauchen: er rang sich die Hände wund vor Verzweiflung, wenn das Bild des Vaters vor ihm erschien, dessen graues Haar er mit Schande überhäuft, dem er einen Verbrecher und Mordgcscllcii zum Sohne gegeben... seine Augen strömten über von Thränen der Wchmuth und des bittersten Schmerzes, wenn er, dem frühen furchtbaren Tode gegenüber, des eigenen jungen Lebens, seiner freventlich dahin geworfenen Kraft gedachte — wenn die Erinnerung jener Liebe vor ihm aufstieg, die z« erringen er sich in diesen Abgrund gestürzt, und der er dennoch auch jetzt nicht zu entsagen vermochte — unberührt von allem Groll stand Placida's reine Gestalt vor ihm und das verklärende Licht der Entsagung, das sie umgab, diente nur, ihm die Finsterniß noch greller zu zeigen, die über ihm zusammengeschlagen. Die Erschöpfung, das Uebermaß des Leidens hatte ihn zuletzt gebrochen und niedergeworfen. Aus seinen verwirrten Ausrufungen, aus den schmerzlich abgerissenen Selbstanklagen erfuhr der Prinz erst den völligen Zusammenhang und Verlauf der Ereignisse: er begriff jetzt, wie es ein wohl bedachter, lang ausgcsonncncr und mit kalter Ucberlegung ausgeführter Plan war, dem er zum Qpfcr gefallen. Darum erkannte er auch mit aller Bestimmtheit, daß es einem so klug vorbereiteten Ueberfalle gegenüber nutzlos war, auf einen zur Rettung offen gebliebenen Ausweg zu hoffen: daß es männlicher und gerathener war, rasch und bald jeden Gedanken des Entrinncns von sich zu werfen. Fühlte er auch seine Adern bei dieser Gewißheit von eisigen Schauern durchrieselt und sein Herz eingeklemmt wie unter einer zermalmenden Dergeslast, war er doch gelassener und gefaßter. 1V4 als bei seinem sonstigen leicht erregbaren Wesen zu erwarten war, und während Markulf ». gleich einem Rasenden wider die Felsen stieß und gegen den, die Eingangsspalte verschließenden Block tobte, bis er in lebloser Betäubung zusammenstürzte, brach der Prinz schweigend auf ein Felsstück zusammen, die beiden Hände vor's Angesicht schlagend: nur die Tropfen, welche einzeln sich zwischen den Fingern hervorstahlen, waren die ver- räthcrischcn Zeugen der Erregung, von der bei der völligen Ruhe des Aeußern sein ^ Gemüth ergriffen war. Nach einiger Zeit der Ruhe und Sammlung erhob er sich mit entschlossener Haltung und trat zu dem Genossen. „Steh' auf, Markulf," überlaste Dich nicht der Mutlosigkeit! Noch leben wir — laß' uns Männer sein, die ihr Leben zu schätzen und zu wahren wissen! Wir wollen uns nicht selbst aufgeben, ehe nicht das Aeußcrste versucht ist!" „Es ist nichts mehr zu versuchen, Herr," erwiderte Markulf düster, kaum vermögend, sich etwas emporzurichten . . . „Wir sind lebendig begraben!" „Wenn wir mit meinem Gefolge nicht zusammentreffen," entgegnete Dietwalt, „wird man uns suchen..." „Suchen — ja, aber nicht finden!" rief Markulf jammernd. „O, daß ich Euch selbst allen Trost nehmen muß! Daß ich es nicht vermag, auch nur einen Strohhalm zu bieten, an den Eure Hoffnung sich klammern könnte! Wie sollten Eure Leute ahnen, daß wir uns hier befinden? Am Watzmann werden sie Euch suchen und wenn sie Euch dort nicht finden, uns für verunglückt halten und verloren geben... Fluch über meine Leichtgläubigkeit," fuhr er in neu ausbrcchendcm Schmerze empor, „Fluch über mich selbst und über jedes unwahre Wort, das meine Lippe sprach! Ich habe der Lüge die Hand gereicht — sie faßt mich daran und reißt mich unerbittlich mit sich in die Hölle — mich, den Treulosen, den Vcrräthcr zu gerechter Qual und Euch, meinen edlen Herrn... Euch, der mir ohne Arg' vertraut... Euch, den Schuldlosen, mit mir!" „Schuldlos?" erwiderte der Prinz leise und sah niit scheuen Blicken um sich. „Sprich das Wort nicht aus, Geselle... es taugt nicht an diesen Ort! Schweige, die Felsen könnten es hören... ich fürchte, sein Hall könnte sie aus ihrem lockeren Gefüge rütteln, daß sie übereinander stürzend uns erst wirklich in sich begraben! . . . Ich darf mich nicht schuldlos nennen — ich wage nicht, zu verdammen, was Du an mir gethan: Du warst nur das Schwert, das mich trifft, die Hand der rächenden Vergeltung ist'S, die es schwingt und lenkt! Ich habe mit Liebe und Vertrauen, mit Treuen und Glauben an die heiligsten Betheuerungen ein frevelhaftes Spiel gespielt . . . darum sind es das Vertrauen auf Dich, der Glaube an Deine Worte, die rasch gefaßte Zuneigung zu Dir, welche mich verderben und an mir zum Rächer werden! Darum komm, Genosse meiner Sühne, wie meiner Schuld und ermanne Dich! Ich ahne, wie Du, daß wir die Schwelle unseres Grabes überschritten haben — aber wenn die dunkle Pforte sich wieder für uns öffnen sollte, dann will ich dieser Höhle eingedenk sein und der Stunden, die ich in ihr vollbracht! Noch einmal, sammle Dich ... die Bosheit meiner Feindin hat uns mit Nahrungsmitteln versehen — wohlan, was sie gespendet, um tückisch unser Leiden zu verlängern, soll uns die Kraft geben, es zu enden! Du bist erschöpft, Markulf... iß und trink, damit Du wieder Stärke findest und Besonnenheit..." „Ich bedarf dessen noch nicht," rief Markulf aufspringend. . . „nehmt Wein und Brod für Euch, Herr... es ist wenig und ist lange verzehrt, eh' Jemand auf den Gc- j danken kommen wird, uns hier zu suchen!" i „Wir wollen rufen," sagte der Prinz, „durch den Felsenspalt wollen wir den ^ Suchenden, wenn sie in die Nähe kommen, zuwinken und ein Zeichen geben!" „Es ist unmöglich ... die Entfernung ist zu groß, die Höhe, in der wir uns befinden, zu riesig!" erwiderte Markulf, an die Oeffnung tretend. „Von hier dringt kein Ton zu den Lebenden hinunter oder er wird unverständlich, daß er unbeachtet bleibt unter ^ den Thierstimmen der Einöde... Kein Zeichen ist von hier aus zu sehen... es würde U 195 verschwinden, wie der Flügel eines vorbeihuschendcn Vogels... aber es sei, edler Herr! Ihr sollt mich nicht klcinmüthig finden! Ich bin es auch nicht — für mich allein bin ich wohl gefaßt, aber den Gedanken, daß es auch Euch treffen soll, vermag ich nicht zu ertragen! Ich will noch einmal versuchen, ob es nicht gelingt, irgendwo einen Ausweg zu erkunden ..., ich will mich hier über den Felsen-Erker hinausschwingcn und an der Steilwand hinunter klimmen... sie ist viel zerklüftet, daß Hand und Fuß wohl Platz findet, sich anzuhalten und aufzutreten..." Mit gewandtem Sprunge stand er bereits auf der Stcinbrüstung, den gefährlichen Weg auszuspähen, aber der Prinz hielt nnd zog ihn kräftigen Armes zurück. „Vergebens," rief er,, „es geht senkrecht hinab, wie eine Thurmwand: Du müßtest die Krallen des Thurmfalkcn haben, Dich anzuklammern... der erste Schritt stürzt Dich hinunter und zerschmettert Dich-... " „Und macht meinem Elend ein Ende!" stöhnte Markulf aus tiefster Brust: der Prinz aber legte ihm die Hand auf die Schultern und sagte leise: „... Und ließe mich allem in noch größerem Elend zurück!" „Ja, Ihr habt Recht, Herr," rief Markulf feurig. „Euch gehör' ich an — Euch allein! So ist kein anderer Gedanke mehr, als daß wir noch einmal versuchen, deu Block am Eingänge wegzubringen ... wohl hab' ich Schwert und Jagdspicß schon zerbrochen über der Arbeit: ich habe nichts als meinen Arm, aber der Stein soll hinweg oder meine Knochen sollen brechen! Stürmisch drang er wieder auf den Fclsblock ein und stemmte sich, von Dictwalt unterstützt, mit aller Gewalt gegen denselben; die Sehnen der Arme schwollen, daß sie zu reißen drohten und der Schweiß troff ihm von der Stirne — umsonst: unbeweglich lastete das Gestein, nach kurzer Anstrengung mußten sie athemlos und erschöpft innehalten, um wortlos, regungslos in die frühere stumme Trauer und Verzweiflung zurückzusinken. In der Höhle ward es noch düsterer, denn die Sonne hatte draußen die Mittagshöhe des Seethals und des Kaunstein überschritten und der Schatten breitete sich über dessen Gehänge... Stunden waren so dahin gebrochen... da fuhr Dictwalt plötzlich aus der Erstarrung auf . .. „Was ist das?" rief er mit erglühenden Wangen .. . „Horch auf, Markulf! Mir ist, als vernähm' ich in den: Gestein ein Knistern, ein leises Rollen..." Auch Markulf hätte aufgehorcht. „Es ist nichts," sagte er dann, „die Felsen des Kaunstein sind wie lebendig und geben allerlei Ton von sich... ich hab' es hundertmal gehört, wenn ich auf dem Waidgauge war. . . Es sind die Schwarzalfcn, die unsichtbar an dem Gestein hämmern ..." „Nein, nein," rief der Prinz aufspringend wieder, „das ist kein Geisterspnck! Höre nur, Gesell... das wiederhole sich! Es dauert fort... Ist es der nahende Tod, der mich mit Wahnsinn täuscht, oder sind das Schritte? ... Ewiger Gott, es ist, es ist! Es sind Stimmen — Laute aus Menschenbrust, was ich vernehme..." „Wahrlich," flüsterte Markulf, um über dem Laut der eigenen Worte nichts von dem Geräusche zu verlieren, das auch ihm nicht mehr entging, „das sind Mcuschen- stimmcn... Sind es unsere Verfolger, welche zurückkehren oder andere? ... Wer könnte sie hieher geleitet haben...?" Beide schwiegen und lauschten angehaltenen Athems... ferne, durch das Gestein gedämpft, ertönte es wie der langgezogene Ruf eines Jägcrhorns. . . Aufjubelnd riß der Prinz das Hüfthorn von der Seite und blies mit Macht hinein, daß das Gewölbe wiedcrhallend erdröhnte... Dann hielt er innc — einen Augenblick waltete drinnen wie draußen das Schweigen des Todes — dann antwortete von draußen das Jagdhorn immer lauter, immer näher und Markulf stürzte zu des Prinzen Füßen, indem er dessen beide Hände erfaßte 196 und unter wieder strömenden Thränen mit unzähligen Kassen bedeckte. „Sie sinds!" rief er außer sich. „Gott weiß allein, wie sie uns gefunden... aber eS ist Euer Gefolge, Herr, — es sind Eure Retter! Ihr seid befreit — geht denn, Herr, und kehrt zum Licht zurück, mich aber lasset hier, überlaßt mich dem Schicksal, das ich verdiene..." Der Prinz zog den Reuigen an seine Brust empor. „Erhebe — beruhige Dich," sagte er herzlich, „denke nicht mehr an das, was uns zusammengeführt: ich habe eS bereits vergessen und Niemand soll von mir Anderes erfahren, als daß es mein eigenes Verlangen gewesen, diese Höhle zu sehen, von der Du mir erzählt! Ich selbst habe Dir befohlen, mich einen anderen Weg als den auf den Watzmann zu führen: meine Schuld allein ist es, daß ich dadurch in die Fallstricke meiner Feindin gefallen... Erwidere mir nichts — ich habe Deine wahre Gesinnung erkannt und weiß nun, wenn ich einmal in meinem Leben eines treuen Mannes bedarf, wo ich ihn zu suchen habe. . . Komm, gereinigt und geläutert laß uns Beide aus unserem Grabe auferstehen..." Markulf vermochte nichts zu erwidern: das herannahende Stimmengewirr ließ ihm keine Zeit, die rechten Worte zu finden... „Hörst Du," rief der Prinz wieder, „sie sind schon am Eingänge... sie haben unsere Spur... sie arbeiten daran, den Block hinweg- zuwälzen... Er bewegt sich, er beginnt zu weichen..." Eine stumme athemlose Pause der Erwartung ... dann ein krachendes Gepalter — und ein Schrei des Entzückens begrüßte den Sonnenstrahl, der durch den Felsenspalt in die Höhle drang. In wenig Augenblicken waren die Geretteten emporgczogen und der Prinz ruhte in den Armen des greisen Herzogs, die ihn nur losließen, um sie mit denen seines Bruders und der fröhlichen Gefährten aus Pavia zu vertauschen. Markulf taumelte, von Licht und Lust wie betäubt den Versammelten entgegen: er fand keinen Laut zu Gruß oder Dank und sank zu den Füßen einer feinen Mädchengcstalt zusammen, in der seine ver- schwimmenden Augen Placida's unschuldsvolle Züge zu erkennen glaubten. Mit fliegenden Worten erzählte der Prinz was geschehen, und vernahm die wunderbare Weise, wie es geschehen, daß er so bald vermißt worden und der Weg zur Rettung so schnell gefunden war. Der Diener und Begleiter des Prinzen, der am Eigelhvfe das Gespräch mit der Longobardin vernommen, hatte darüber geschwiegen, bis er am andern Tage derselben in Verkleidung wieder begegnete. Dadurch aufmerksam gemacht, spähte er ihrem Treiben nach und gewahrte zu seiner Verwunderung, wie sie mit einem jungen Landmann sprach und flüchtige Zeichen eines Einverständnisses wechselte. Als er vollends am Morgen denselben Landmann in dem für den Prinzen erwählten Jagdführer erkannte, mochte er bei längerem Schweigen Gefahr für sich selber befürchten, und entdeckte dem Herzog, was er erkundet. Dieser beschloß alsbald, dem Prinzen nachzueilen, als wolle er selbst Theil nehmen an dem ungewohnten Waidwerk in den Bergen und sich den einsamen Wildsee wieder einmal beschauen. Auf rasch herbeigeschafften Fahrzeugen ging die Fahrt in das schweigende Gewässer hinein, der Atmende am Fuße des Watzmanns zu, denn auf diesem Berge sollte der Verabredung nach die Jagd auf Steinböcke statt haben... bis der Schwan von der Felswand herniedergcschwungen kam, in die unergründlichen Fluthcn stürzend, um daraus wieder aufzutauchen zu Warnung, Heil und Rettung, wie in den Mähren einer untergegangenen Vorwclt. „Nur durch dieß Mädchen," schloß der Herzog, „nur durch ihren Heldenmut!), der sie im Kampfe mit dem Unrecht selbst den Tod nicht scheuen und den entsetzlichen Sprung wagen hieß — nur durch sie ward es uns möglich. Dich aufzufinden, ehe Du in dem furchtbaren Gefängniß verschmachtet bist oder in der Verzweiflung Hand an Dich selber gelegt hattest. . . Wir hörten ihren Ruf hoch über uns, sahen ihre Verfolger hinter ihr und sahen, von Staunen und Entsetzen beinahe versteinert, wie sie vom Felsen sprang und in die Secfluth niederfchwebte gleich einem Geiste, von den flatternden Enden ihres Gewandes wie von weißen mächtigen Fittigen getragen . . . Wir bargen dies vom 197 Schrecken des Falls, wie vorn Ringen mit dem Waffer fast leblose Mädchen im Kahn und trieben die Kähne zu schneller Landung an der Wiesen-Almende; zu sich kommend, erzählte sie unö dort, was ihr begegnet war und lenkte unsern Weg nach dem Kaunstein, weil sie aus den Reden der Fremden entnommen, daß sie Dich dahin gelockt und einem entsetzlichen langsamen Tode bestimmt habe . . . Mein reichlichster Dank soll ihr dafür werden!" „Aber wo ist die kühne Magd?" fragte umherblickend der Prinz. „Mich drängt eS, sie zu kennen und ihr zu danken!" Alle folgten der Richtung seiner suchenden Blicke; auch Markulf, der zu sich gekommen, mit erglühenden Wangen zugehört und zu seinem Befremden nicht Placidas holdes Antlitz über sich erblickte, sondern die derben gehärteten Züge des Freibauern vom Eigelhofe. „Die Dirn' ist lange fort," sagte Eigel, „wie der Felsen geöffnet ward, ist sie ihres Weges gegangen und gewiß zu ihrer Hcerde und Sennhütte zurückgekehrt ..." „So laßt uns eilen, ihr zu folgen," riefen Dietwalt und der Herzog, „sie soll sich unserem Dank und ihrem Lohne nicht entziehen!" Schnell war der Zug gesammelt und geordnet; begrüßt vom Zuruf der getreuen Waffenleute, vom Klirren der aneinander geschlagenen Wehren schritten die Fürsten den wüsten Bergpfad hinab. Beklommenen Gemüths folgte Markulf: „Sie also war es, die mich gerettet," grollte er, „aber sie ist fort, eh' ich wußte, was sie für mich gethan — sie verwirft meinen Dank, wie sie meine Liebe verschmäht!" Der Wiederhall in der Seeschlacht wachte auf und trug den Jubelruf gebrochen und vervielfacht an den steilen Bergwänden dahin — er dröhnte auch hinüber, wo die Sagereckerwand in den See abfüllt, zu der die riesige Wcttcrtanne, unter deren dichte, wie ein Zelt den Boden streifende Zweige Alboin und Amalaswintha sich geborgen hatten. Knirschend in ohnmächtiger Wuth hatte die Longvbardin gesehen, wie ihre Feindin, die Vcrrätherin ihres Thuns, in das Schiff aufgenommen wurde. „Er triumphirt!" rief sie und streckte die beschwörenden Arme wie herausfordernd gegen Himmel. „Kannst du das sehen, du Himmel, und blauest fort und schwärzest dich nicht mit dem Gewölk deS Donners, seinen Blitz hernieder zu senden? Schaut Ihr das mit an, Ihr Berge, und schüttelt nicht die Fclsenhäupter, sie über ihn herab zu stürzen? Aber er soll nicht! Ich will hinüber! Eh' sie zu ihm gelangen, will ich den alten Weg zurück und renne ihm den Dolch in's meineidige Herz! . . ." (Fortsetzung folgt.) Haifische in der Walfischhay. Die Walvisch- oder Walfischbai liegt an der Westküste von Süd-Afrika, etwa unter 220 57 / sMichxr Breite und hat sich, wie die meisten Buchten jenes Theils von Afrika, hauptsächlich dadurch gebildet, daß die vorherrschenden Südostwinde den lockern Sand deS Binnenlands von den vorspringenden Landzungen hinweggefegt haben, bis er Parallel der Küste Untiefen und Sandbänke gebildet hat und nun Lagunen und Buchten umschließt, welche Fahrzeugen von mäßigem Umfang zu allen Jahreszeiten einen sichern Ankergrund zu bieten vermögen. Verschiedene derartige Buchten und Lagunen sind nur von Schiffern bewohnt, welche von Kaufleuten in der Kapstadt beschäftigt und durch die gelegentlich hier anlegenden Schiffe, welche den Ertrag ihrer Arbeit abholen, mit den erforderlichen Lebensbedürfnissen versehen werden. Andere solche Buchten dagegen dienen als Ausgangspunkte für Händler und Reisende, welche sich in das Innere von Südwest-Afrika wagen wollen, und die Walsischbai insbesondere ist der Hafen, von wo aus die Hauptstraße durch die Länder der Damaras und Namaquas nach der Ovambogegend und den Landstrichen am Ngami- Sre und Zambesi-Strom ausgeht. Der Hauptgegcnstand der Fischerei an der Wallfischbai sind die Steinbrassen, der Snug und Cabaljao (nicht unser Kabeljau, sondern ein sehr großer, grobfaseriger Fisch, dessen Name wahrscheinlich von dem portugiesischen Wort eubullio, Pferd, herrührt) außerdem aber auch das kapische Meerschwein (Llioouenu cupensis), die Seekuh und andere Delphinarien, welche ihre Beute bis beinahe auf den Strand hinausjagen. Die vorzugsweise Aesung dieser großen Delphine besteht aus dem Gallcon und einigen anderen kleineren Fischen, welche, wenn sie von jenen Meeressäugethieren verfolgt werden, drei bis vier Meter hoch aus dem Wasser aufspringen wie der Lachs. Es kommt daher nicht selten vor, daß bei solchen verzweifelten Sprüngen der Fisch und der Delphin mit einander auf dem Sande stranden. Die Seekuh oder der kapische Delphin bildet immer ein verlockendes Ziel für die Büchse irgend eines Jägers oder Reisenden, welcher gezwungen in der Bucht warten muß, bis man ihm seine Zugthiere von den entlegenen Weiden im Innern geholt hat. Zuweilen werden solche Delphine so nahe am Lande tödtlich getroffen, daß die nächste Woge sie vollends auf den Sand hereinträgt und halb stranden macht; gewöhnlich aber wird man ihrer nur habhaft, wenn der Schuß tödtlich war, denn so lange sie noch nach dem tiefern Wasser entkommen, ist ohne eine Harpune mit starker Leine nicht daran zu denken, daß man sie erlange. Die Gewässer der Walsischbai beherbergen verschiedene Arten von Haifischen. Der flache Sandkriccher, auch Geige oder Engelfisch genannt, Lciuatinu an^sius, ein 7—8 Fuß langer, gefräßiger und äußerst häßlicher Hai, schwimmt bis zum Wasserrande heran, huscht aber flink davon und läßt ein trübes Kielwasser hinter sich, wenn man an ihm vorüber kommt. Andere Haie, von 3 — 4 Fuß Länge, kommen so nahe heran, daß Personen, welche bis um die Kniee im Master waten, sie mit einer Harpune spießen können; ja zuweilen zeigen Haie von größeren Dimensionen ihre schausclförmigcn Schnauzen sogar zwischen dem Strande und dem unvorsichtigen, im seichten Master watenden Fischer, der nicht aufmerksam genug oder nur darauf erpicht ist, sich eine genügende Anzahl Schollen oder andere Plattfische für sein Mittagbrod zu harpuniren. Bei ruhiger See an windstillen Tagen sieht man häufig die dreieckige Rückenflosse der größeren Haifischarten über der Wasserfläche erscheinen, gefolgt von einem beinahe ähnlichen dreieckigen Theile des obern Flügels der Schwanzflosse; beide durchschneiden dann behend den ruhigen, blauen Spiegel des Meeres, während der Eigenthümer dieser Flossen unter demselben hingleitet. Die Fischer ziehen dann mit Haken und Leine aus und bald sind die Boote mit einer Anzahl Exemplare des blauen oder plattnasigen Hai, des stachclrückigen oder Alligatorhai, dcS Specrhai oder Menschenfressers, einer gemeinen Art von Hai, welcher viele Aehnlichkcit mit dem Hundc-Hai (Hczstliuin rnoluslomum) der britischen Küsten hat, und mit kleineren Arten von Haien gefüllt. Das Fleisch aller dieser Arten ist zwar eßbar, aber es ist hier nicht üblich, sie zu verspeisen, und man begnügt sich daher damit, ihnen die Lebern herauszuschneiden, welche einen vorzüglichen Thran geben, und etwa auch Stücke von dem weichen Bauch hcrrauszutrennen, deren man sich als Köder beim Fischen bedient. Eines TagcS sah ich ein Fischerboot von einem Ausflug nach der Pelikanspitze zurückkehren, plötzlich aber aus halbem Wege die Segel einziehen und die Mannschaft sich auf einen Kampf mit einem dieser Mcercsungehcucr einlassen, welches mehr als halb so lang war, wie das Boot. Einige zogen die^ Leine der Harpune ein, womit der Hai angespießt war, und das biegsame Eisen derselben schwankte und zitterte wie ein Draht. Der Hai Peitschte in seinen krampfhaften Versuchen, sich zu befreien, das Meer in kar- moisinrothcn Schaum, aber der Bootssührcr wußte ihm bei jeder Gelegenheit durch Stoß und Stich üiit seinem langen Kappmcsscr Wunden beizubringen, welche so tief waren, daß sie den Hai widcrstandSunfähig machten. Nachdem die Fischer den Hai an den Strand gezogen, ruderte das Boot noch einmal hinaus, erlegte noch einen Hai von beinahe derselben Größe und würde wahrscheinlich noch einige weiter gefangen haben. wenn sich nicht der Wind erhoben, den Meeresspiegel gekräuselt und hicdurch die Bedingungen für glückliche Verfolgung erschwert hätte. Diese beiden Haie wurden von den Fischern Knochenhai genannt, weil die Knochen noch so weich und knorpelartig sind, daß man mit einem scharfen Messer die Rückenwirbel rein durchschneiden kann; sie waren auf dem Rücken und an den Seiten dunkelgrau oder schieferfarben, am Bauche aber wie gewöhnlich weiß. Die auffallendste Eigenthümlichkeit aber, welche ich niemals zuvor an einem Hai bemerkt hatte, war, daß der Hintere Theil des Körpers sich nicht wie gewöhnlich rasch verjüngte, sondern sich mehr in die Breite ausdehnte, dagegen an Dicke verhältnißmäßig abnahm. Der Schwanz war einen vollen Fuß breit und nur vier Zoll dick, — eine ganz vortreffliche Anordnung, um dem Schwanz die größtmögliche Kraft zur Austheilung eines Schlages nach der Seite zu geben, ohne daß das Wasser demselben erheblichen Widerstand entgegensetzte. Ich habe nur beim Delphin und Meerschwein eine ähnliche Anordnung bemerkt; aber bei diesen Mecressäugcthicren sind die beiden Flügel der Schwanzflosse horizontal angebracht, der Schlag daher vertikal und die Dicke des Körpers am Schwänze weit größer als die Breite. Die Fischer zeigten mir auch eine merkwürdige Erscheinung beim Hai: wenn man ihn nämlich auf der Seite unter der Bauchflofse berührt, so wird dadurch eine krampfhafte Bewegung derselben hervorgebracht, selbst wenn das Leben in dem Hai schon so weit erloschen ist, daß keine noch so rohe Behandlung an irgend einem andern Theil des Körpers noch das geringste Lebenszeichen hervorruft. Der größte Hai, welcher damals gefangen wurde, maß zwölf Fuß und drei Zoll in der Länge, der andere blieb nur um einige Zolle hinter jenem zurück, und später ward noch ein größerer gctödtet, dessen Maßverhältnisse ich jedoch vergessen habe. Der aus den Haifischlcbern gewonnene Thran wird mit 30 Pfd. Stcrl. per Tonne bezahlt, und die Fischer erklärten, der Fang der Haie verlohne sich weit besser als die regelrechte Fischerei. Die Leber des einen Hai füllte einen großen Korb, und zwei sehr stämmige Namagnas vermochten ihn kaum fortzuschleppen. Der Magen enthielt einen Steinbrasscn von 3 — 4 Fuß Länge, der nur ein einziges Mal in der Mitte entzwei gebissen war. Die Haut desselben war schon theilwcise verdaut; aber der Fisch selbst erschien noch ganz frisch, als ich ihn a ifschnitt. Ich nahm eine Anzahl Schmarotzerthiere vom flachen Theil des Körpers nahe beim Schwänze hinweg, da, wo die eigene breite, abgeplattete Gestalt jener Kruster sie in den Stand setzte, sich fest an den Hai anzusetzen, ohne Gefahr zu laufen, wieder weggespült zu werden. Als ich im November 1864 in dem Barkschiff „Gute Hoffnung" auf der Heimfahrt begriffen war und wir in der felsichten Bucht von Angra Pequena lagen, beobachtete man in geringer Entfernung von nnS einen Hai von derselben Art. Der Maat sprang so gleich mit einigen Freiwilligen in's Boot, sie verfolgten und harpunirten den Hai, waren aber in Ermangelung von andern Waffen außer Stande, denselben umzubringen oder das gewaltig zuckende und um sich schlagende Geschöpf zu sichern, welches bei den gewaltigen, heftigen Anstrengungen, welche es machte, um sich loszureißen, sowohl die Sicherheit des Bootes als das Leben der an Bord desselben Befindlichen in hohem Grade gefährdete. Kapitän Scheel ließ sogleich das Quarterboot aussetzen und ruderte dem andern zu Hisse, und nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es endlich dem Oberfischcr Lodewhk Dante dem Hai eine zweite Harpune in den Unterkiefer zu schleudern, während der Maat der Crcatur gleichzeitig eine Tauschlinge um den Schwanz warf. Das Mecresungcthüm erschien, nun, an drei Stellen seines Körpers festgemacht, ganz hilflos; wir streckten es zwischen den beiden Booten aus und zogen eS im Schlepptau nach dem Schiffe hin, während es mit ohnmächtiger Wuth zu uns heraufglotzte, seine milchweißen Kinnladen aufriß und uns in denselben fünf Reihen kleiner, scharfer, sägcnartig gestellter Zähne wies. Schon beim Anblick des Hai durchrieselte es mich eiskalt, als ich ihn auf kaum anderthalb Fuß Entfernung an dem kurzen Eisen der Harpune hielt, die wir ihm in die Kinnlade geworfen 200 hatten, während die Leine der Harpune gleichzeitig als weiteres Sicherungsmittel einige Male um einen Koveinnagel 0 geschlungen war. Die Brustwehr der Fallreepstrcppc wurde auSgehobcn, ein starkes Tau als Winde- leine von der obersten Mastspitzc herunter gelassen, und ein Dutzend stämmig er Matrosen hißten ihn an Bord. Die Leber ward wie gewöhnlich herausgetrennt und zu Thran ausgcschmolzen. Man hat mich versichert, daß man schon oft 130 Gall onen Thran von einem einzigen Hai gewonnen habe. Wir kosteten das Fleisch, welches wie grobfaseriges Ochsenflcisch aussah, aber ungefähr den Geschmack von Schildkröten fleisch hatte, welches man nach Art der Wilden roh auf der Kohlcnglnth geröstet. Die än ßerste Länge des Hai betrug 18 Fuß und 1 Zoll, der größte Durchmesser 6 Fuß 4 Zoll, die Höhe des obern Flügels der Schwanzflosse 3 Fuß 7 Zoll, die Höhe des untern Flügels 2 Fuß. Weitere Beobachtungen vermochte ich kaum zu machen, weil der Maat in seinem Eifer, das Verdeck frei zu machen, den Cadavcr bald hatte über Bord werfe» lassen. Man hat übrigens noch größere Haisische gefangen; einer, welchen die Mannschaft der „St. Helena" in der Tafelbai erlegte, soll volle 27 Fuß, und ein anderer, welchen Fischer vor einigen Jahren in derselben Bucht harpunirten und am Strande zeigten, soll nahezu 30 Fuß in der Länge gehabl haben. Ich erinnere mich noch, daß eines Tages im Meerbusen von Capcntaria, an der Nordküste von Australien, während einer Nacht einer unserer stärksten Haken, den wir hatten über Bord hängen lassen in der Hoffnung, Gruudhaie zu fangen, gerade gebogen und abgebrochen worden war. An einem windstillen Tage arbeitete ich gerade an einer Zeichnung auf dem Verdeck, als ich durch ein Geschrei aufgeschreckt wurde. Die Leute sprangen in's Takclwerk hinauf und als ich der Richtung ihrer Blicke folgte, erblickte ich ein solch gewaltiges, monströses Geschöpf, daß ich es anfangs für einen echten Walfisch hielt, bis seine vertical stehende Schwanzflosse und sein allgemeines Aussehen mich überzeugten, daß es ein Hai war. Seine breite flache Nase, beinahe derjenigen einer Barbe ähnlich, mußte eine Breite von mindestens 6—7 Fuß, seine ganze Länge weit mehr als 20 Fuß betragen haben, und sein wirklicher gewaltiger Umfang erschien noch größer durch den Umstand, daß um ihn her ganze Schwärme kleinerer Haie, von acht Fuß und mehr, sowie ganze Schaarcn von Rcmoren oder Saugfischcn von mehr als drei Fuß Länge und von unzähligen Lootscnfischcn lustig hcrumtummelten. Alsbald wurden unsere größten und stärksten Haken bcködcrt und über Bord geworfen, unsere Büchsen geladen und schußfcrtig gemacht, um auf die Haie zu feuern, sobald sie angebissen haben würden; allein das riesige Mecresungcthüm schwamm gemächlich von unserm Stern hinweg und wir verloren es binnen Kurzem aus dem Gesichte. An einem kleinern Hai von etwa 10 Fuß Länge, welcher in der Walfischbai gefangen worden war, hatte ich Gelegenheit, das Maul und Gebiß genau zu untersuchen und mir namentlich die fünf Reihen dicht beisammen stehender scharfer und sägenartig angeordneter Zähne zu betrachten, die auf einer knorpeligen, beweglichen Leiste stehen, welche der Hai nach Belieben aufrichten oder umklappen kann, als ob sie in einem Charnier liefe. Diese Zahnrcihcn sind gewöhnlich umgelegt und nach rückwärts gekehrt, richten sich aber in dem Augenblicke auf, wo der Hai seine Beute ergreift. Ich habe das Spiel dieser Zahnleistcn, ihr willkürliches Auf- und Zurückklappcn ganz deutlich an jenem verendenden Hai beobachtet, welchen wir in der Bucht von Angra Pegncna gefangen hatten, wie ich oben erzählt. Es sah förmlich aus, als ob die Zahnleistcn seines Gebisses sich gleichzeitig mit seinem Athem und unter dem Druck seines Schnaubend vorwärts und zurück bewegten, während aus dem starren Fischauge ein düsterer Ingrimm glotzte. 0 Koveinnägel heißen die Zapfen, Waran das laufende Takclwerk befestigt wird. Druck, Aerlaa und Redaktion deS ttierarische« JastnulS von vr. M. Huttler. Nr. SS. 28 . Juni 1868 . » Augsburger Sonntags-BIatt. Mann mit zugeknöpften Taschen! Dir thut Niemand was zu lieb; Sanct Aarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Schluß.) Des alten Waffenmeisters kräftiger Arm hielt die Fortstürmende zurück. „Bist Du von Sinnen, Herrin," sagte er, „daß Du Dich den Feinden selbst überliefern willst? Sie werden jetzt mit den Fahrzeugen an der Ebene landen, wo die tolle Dirne gehaust; sie werden dort eine Weile bleiben müssen, bis das Gefolge des Prinzen sich gesammelt hat, bis das Mädchen im Stande sein wird, ihnen Auskunft und Anschlag zu geben, dann wird es ihr Erstes sein, daß die Einen nach der Berghöhle eilen — Andere werden hichcr kommen, unsere Spur zu verfolgen. . . Dem müssen wir vorbeugen und ausweichen, Herrin ... in ihrem Rücken wollen wir uns auf die Höhen gegenüber zurück- schleichcn — die Höhle selbst soll uns für die ersten Tage zur Zuflucht dienen, denn dort — darauf kannst Du sicher bauen! — dort suchen sie uns sicher nicht und sollten sie es thun, so ist der Zugang dahin so schmal und beschwerlich, daß es ein Leichtes ist, ihn völlig unwegsam zu machen ... es gilt nur, ein paar tüchtige Blöcke loszumachen und hinabzurollen..." „Thu, was Du willst," erwiderte Amalaswinth, bei welcher die erste heftige Aufregung bereits einer nicht minder starken Abspannung und Theilnamlosigkcit zu weichen begann, „sorge für Dich, Alboin — ich bleibe hier, ich weiche nicht! Mögen sie mich fahnden . . . was kann mich Schlimmeres treffen, als der Tod! Ich habe mein Ziel Verfehlt, meine Hoffnung verloren/. . was liegt mir noch am Leben!" „Warum verloren?" fragte hastig der Alte hinwieder. „Was einmal mißglückt ist, kann ein andermal gelingen ... ist Deine Rache Dir wirklich ein so großes und wichtiges Geschäft, so zeig' es, Herrin, und rette Dich für sie!" „Recht," rief Amalaswinth aufathmend, „Du hast das rechte Wort gesprochen — das gibt mir das Leben wieder! Voran, Alboin, ich will Dir folgen... ich will mich für meine Rache erhalten! Mag er mir diesmal entrinnen — meine Hand rastet nicht, sie faßt ihn wieder und hat sie ihn erreicht, dann soll sie ihn desto sicherer, soll ihn unentrinnbar treffen!" Hastigen Schrittes folgte sie dem Alten, der behutsam spähend und mit Vorsicht jedes Geräusch vermeidend, an den unteren Bcrghängen des Watzmann dahin einen kaum für das flüchtige Wild gangbaren Pfad suchte, dann den Eisbach überschritt und sich wieder aufwärts wandte, vom Rücken her ansteigend die Sagercckcrwand zu erreichen. Die Ermüdung, welche bei Amalaswinth nach allem Erlebten zu Tage trat, hatte sie gezwungen, unter der Tanne Halt zu machen; dort erreichte sie der Ruf der mit den Geretteten fröhlich Zurückkehrenden; von dort lauschte Amalaswinth behutsam sich vorbeugend hernieder, und sah tief unter sich den Gehaßten mit seinem Gefolge r. 202 vorüberziehen ... »Geh' hin,- murmelte sie vor sich hin, „wenn nicht diese Berge mich decken, begegnest Du mir wieder..." Indeß sie nun in weitem Bogen dem Kaunstein zuschritten, kam zu demselben Ziele von anderer Seite ein anderer Wanderer gegangen; ses war der alte Chriembcrt, der in voller Waidmannsrüstung den wohlbekannten Pfad so eilend dahin schritt, als es die Beschaffenheit desselben und das tiefe Nachsinnen gestattete, in das er versunken war. Verschiedene widerstreitende Gedanken kreuzten sich unter dem schlichten weißen Haar und der sorgengesurchten Stirne: es wollte ihm nicht klar werden, was er von Allem zu denken habe und was die in solcher Hast befohlene Zagdfahrt zu bedeuten habe. Der Herzog hatte alle seine Mannen zu dem Waidgange aufgeboten, und besten eigentlichen Zweck gegen Jedermann verborgen, dennoch konnte es nicht fehlen, daß Andeutungen zu Gedanken wurden, daß aus verlorenen Worten Vermuthungen entstanden, daß das dunkle Gerücht ging, es gelte den Prinzen zu retten, der von einer großen Gefahr bedroht sei. Wenn das Wahrheit war, welche Gefahr sollte das sein? Drohte sie Beiden, so stand auch für ihn das Werthvollste, das Leben des einzigen Sohnes auf dem Spiel, der ja als Begleiter und Führer mit ausgezogen . . . sollte sie dem Prinzen allein gelten, was war dann mit Markulf geschehen, der ihm zu Schutz und Schirm dienen sollte... wie der dunkle Wolkcnsaum eines am Horizont sich ansammelnden Gewitters stieg eine finstere unheilvolle Ahnung im Hintergründe seines offenen arglosen Gemüthes empor... Wies er auch jeden Gedanken, der eine Beschuldigung Markulf's enthalten konnte, mit ungläubiger Entrüstung schon im Entstehen zurück, weil er ja Sinn und Gemüth des Sohnes zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß er trotz aller auflodernden Raschheit unfähig war zu jedem unedlen Thun — so kehrten ihm doch die Gedanken wie in verzaubertem Zirkel immer wieder zum gleichen Ausgangspunkte zurück, und er wußte selbst nicht, wie es geschah, daß ein unheimliches Frauenbild immer und immer wieder sich unter die ihm unklar vorschwebenden Gedanken drängte. War es die Gestalt der verhaßten Walchendirne, die das Herz des Sohnes an sich gekettet mit geheimnißvoller Macht? Oder war es eine andere unheimliche Erscheinung, ein gewaltiges reckenhaftes Frauenbild, das ihm vor wenigen Tagen auf einsamer Bergwanderung unerwartet, als wäre sie aus dem Boden gestiegen, in der Bergwildniß des Kaunstein in den Weg getreten war, und zuerst wieder die Erinnerung an das Walten und Schalten der Wal- kyren und Schwanenfrauen in ihm hervorgerufen hatte? Ging doch eine dunkle Sage, daß ein Weib den Prinzen bedrohe, ... das Weib war zwar, wie sie gekommen, verschwunden, als hätte sie sich in die Luft geschwungen, doch hatte der flüchtige Anblick genügt, ihn das Schwanengeficdcr um ihr Gewand erkennen zu lasten. . . sollte Markulf trotz seiner Warnung der Unheilvollen verfallen sein?... Also, schwankend zwischen Zweifel und Hoffnung, unstet bewegt von Beruhigung und Sorge, hatte der Alte eine Hochebene des Gotzcnbergs erreicht, welche weithin von wüstem pflanzenloscn Stcingeröll bedeckt, einem Göttcrbilde zum Standorte diente, das aus übereinander geschichteten Trümmern aufgebaut wüst und finster in die unwirthliche Oede empor ragte. Schon damals hatte das Götzenbild zu zerfallen begonnen: jetzt ist es längst bis auf die letzte Spur vernichtet und nur der Name des Bergrückens hat vielleicht eine schwache Erinnerung daran aufbewahrt. Am Kessel, wo der Bergbach sich sein Felsenbett gewählt hatte, war Chriembcrt gelandet; eine dunkle unerklärliche Ahnung trieb ihn, von dort hinan zu steigen, und so den übrigen entgegen zu kommen, welche, wie es hieß, bis zur Walchen-Almende schiffen und dann vom Watzmann an im Ring die Berge durchforschen sollten . . . dort, in jener Umgebung war ihm das Zauberweib begegnet, dort mußte sie Hausen, dort mußte es jedenfalls am Ersten gelingen, ihr nahe zu kommen und ihre Zauber zu vernichten. Wohl bekannt mit jedem Weg und Steg über den Götzen, die er so oft begangen, daß er sich's vermessen wollte, sie bei finsterer Nacht zu finden, hatte er des Pfades, den 203 er beschulten, über seinem Sinnen und Denken nicht mehr geachtet, als er Plötzlich um sich schauend zu seiner Verwunderung gewahrte, daß er dennoch vom rechten Steige abgekommen war: er stand in Mitte eines Felsenrings, der ihn nach allen Seiten umschloß und sogar den Ort nicht mehr erkennen ließ, durch welchen er in die Enge hereingekommen. „So geht es," brummte er in den Bart, „wenn man den Gedanken nicht Zügel anlegt und Zaum — sie kommen auf Abwege und führen die Füße mit! . . . Dort drüben," fuhr er fort, nachdem er zum Himmel empor geblickt und den Sonnenstand betrachtet hatte, „nach dem Morgen hin liegt der See, und hier schräg über, nach dem Untergänge zu muß der Kaunstein sein: wär' ich nicht zu nahe daran, ich müßte sein riesiges Krummhorn vor mir sehen... Ich denke, wenn ich gerade darauf los in die Felsen gehe, wird es wohl durchzukommen sein, und ich muß nicht weit vom Fuße des Hornes stehen. . ." Der Gedanke war so schnell ausgeführt, als gefaßt, aber ohne den erwarteten Erfolg, wenn es auch gelang, zwischen den Felsen, die wie ein Stein- geländer sich aufthürmten, sich hindurch zu zwängen. „Ha, die Aussicht öffnet sich schon," sagte Chriembert, durchschlüpfend — „da liegt der Eisriese schon vor mir und läßt die Zackcnkrone im Sonnenscheine funkeln! Sonderbar — diesen Weg bin ich nie gekommen, von dieser Seite habe ich den Kaunstein noch nie erblickt! Was für ein loses Geklüfte... es sieht sich an, als wär' es ein Haufen lockeren Gesteins, das man übereinander geschüttet... Beim Donner, sehe man unten, wie es mit dem alten Gesellen beschaffen ist, ein Jeder würde Dank-Runen an den Weg legen, der glücklich darunter weggekommen! . . . Aber wie komme ich von hier wieder weg und weiter?" fragte er sich selbst, indem er mit unruhigem Staunen umherblickte. „Ich will mich an diesem Zacken hinunter lassen... die Platte unten ist breit und bequem: dort, an der Schneide, bei dem Vorsprung, muß sich ein Pfad geben... Ich sehe die Spuren, daß hier Steinböcke heimsen... Hoho, wo der Langbart Platz findet, werde ich auch nicht zurück bleiben!" Rasch wurde der Stachelstock in die Tiefe auf die Felsplatte geschleudert; der Rückcnsack folgte nach— Bogen und Köcher, hoch in den Nacken geschoben, hinderten den Gewandten nicht, hinab zu klettern und von der letzten Felsritze aus in mächtigem Sprunge den Boden zu erreichen. Nasch trat er an den Abhang vor, aber so vertraut sein Auge mit dem Anblick von Schluchten und Abgründen war, trat er doch unwillkürlich wie schaudernd und schwindelnd zurück, ... wohl stieg der Kaunstein in seiner ganzen Furchtbarkeit vor ihm empor, aber zwischen demselben und seiner Platte öffnete sich ein Felsen- schlund, dessen Grund für das Auge unerreichbar war und aus dem das DonnergcbrauS eines unten herausstürmenden Wildbachs nur wie leises Rauschen herauf tönte -— die Wände desselben stürzten glatt und senkrecht ab, kein noch so gewagter Sprung trug über die entsetzliche Tiefe: nicht nach vorne, noch zur Seite gab es einen Ausweg, und die Wand, über welche er herabgeklcttcrt war, stieg nun im Rücken so unnahbar steil empor, daß es unbegreiflich war, wie ein Mensch vermocht hatte, sich daran herunter zu lasten, ohne auszugleitcn und zerschmettert zu werden. „So hast du dich auch einmal vollständig verstiegen und verirrt, alter Thor," rief Chriembert, „. . . Du bist in der Felsenwildniß eingeschlossen und abgesperrt von den Menschen und von der Welt..." Er sprach es mit einem Tone, der munter klingen sollte, und um seine bärtigen Lippen zuckte es wie ein Lächeln, aber an das starke Herz pochte doch zum erstenmal im Leben etwas, das nahe mit Besorgniß und Schrecken verwandt war. Der Eindruck steigerte sich und wuchs wie das dem Gewitter voranzichende Lüftchen, das erst zierlich mit den Wipfeln und Laubkronen spielt, schneller und schneller einher- sausend, bis es zum Sturme, zum Orkane geworden, der die Stämme bricht und die Wurzeln aus dem Grunde hebt. Zu dem noch unbestimmten Gefühl der eigenen schweren Gefahr gesellte sich die Sorge, daß einem andern, ihm theuren Leben schweres Unheil bereitet werde... die Sorge wurde zur Unruhe und die Unruhe zur Angst, welche jeden Tropfen im Blute gerinnen, jedes Haar auf dem Scheitel sich erheben macht. 204 Drüben, jenseits der Schlucht, am Fuße des Kaunsteinhornes, wurden Amalaswinth und Alboin sichtbar, und begannen sofort ihr geheimnißvolles Werk: verwundert, bebend vor Erregung sah Chriembert ihnen zu — unbekannt mit dem, was geschehen war, wie mit der bereits gelungenen Befreiung der Gesuchten, fehlte es ihm an jedem Anhalt, das sonderbare Beginnen zu erklären: doch dämmerte eine Ahnung der Wirklichkeit in ihm empor, hinreichend, ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit Entsetzen zu fülleu... es mußte ihm scheinen, als sollte das, was bereits vereitelt war, erst in's Werk gesetzt werden. . . „Ist das nicht das fremde unheimliche Weib, von dem sie erzählen?" . . . rief er. „Es ist dieselbe, der ich in der Oedenei begegnet bin! Was schafft sie für elendes Neidings- werk mit ihrem Zaubergesellcn? . . . Dort, wo sie sich mühen, muß der Eingang in die Awergenhöhle sein... ich sehe den Wildpfad, der daneben vorbei in's Thal führt... Sie rollen Blöcke zusammen, als suchten sie den Weg zu verrammeln! . . . Oder wollen sie die Höhle schließen. Jemand gefangen zu halten für ewig? Gilt es wohl gar, einen Blutenden, einen Todten zu verbergen, daniit der Rächer seine Spur nicht finde? . .. Und ich kann nichts thun zur Rettung... auf diesen Felsen gebannt muß ich ohnmächtig sehen, was geschieht und kann eS nicht wehren! Ich fühle in der Brust den gewohnten Muth, die alte Kraft in der Faust... ich kann sie nicht gebrauchen, um zu helfen. . . hier, auf dem öden Felsen bin ich angeschmiedet, wie der Wolf an der Kette ... ich kann nur heulen, die Zähne fletschen und im Ingrimm in meine eigenen Bande beißen! . . . Aber ich will nicht!" schrie er mit einer Stimme, die oft im Gefecht den Feind schaudern gemacht. „Ich will hier nicht zu Grunde gehen, will nicht müßig zusehen, wie meinem Markulf, meinem Blut Unbill widerfährt... ich breche mir die Bahn hinab..." Sein Angesicht war tvdtenfahl geworden, aber das Blut trat ihm in die Augen und röthcte sie, seine Muskeln spannten sich an wie in willenlosem Krampf und mit der sinnlosen Wuth des Berserkers stürzte er sich auf einen der Felszacken am Rande, faßte ihn und rüttelte daran mit einer Gewalt, der er hätte weichen müssen, wäre er etwas Anderes gewesen, als festgcwachsenes Gestein. Er mußte ablassen, drückte in ohnmächtigem Grimm die Ballen der blutenden Hände an die flammenden Augen, dann drohte er mit der Faust in den Himmel empor. „Wo bist du, Donner, wenn du deinen Alten nicht hörst? Wirf deinen nutzlosen Hammer hinweg, wenn du die Macht nicht hast, ihn auf das Zaubervolk dort hinunter zu schleudern, daß er sie zerschmettert! Ich verlache dich, du ohnmächtiger Gott . . . hier bin ich und höhne dich in's Angesicht, triff mit deinem Blitze mich, wenn ich an dir frevle..." Außer sich stürmte er wieder dem Rande des Abgrundes entgegen — er sah die Beiden drüben noch immer mit dem geheimnißvollen Werke beschäftigt: er erhob sich, um aus voller Brust hinüber zu rufen, aber der Laut erstarb ihm in der Kehle — ein feines fernes Klingen wurde hörbar, feierlich und klar wie ernster in den Lüften ver- schwebcndcr Gesang ... „Die Glocke von der Walchen-Almend" — flüsterte er und horchte höher und höher auf, und die Schwingen des Abendwindes, welche das Läuten herauf trugen bis in die Wolkenheimath, fächelten ihm die glühende, von Angsttropfen überrieselte Stirne . . . Ein Empfinden überkam ihn, das er noch nie geahnt: wie mit einem Zauberschlage war Alles um ihn her verändert; er sah die Felsen nicht mehr und die Steinwusterei, in der er sich befand — das Bild des Abends umgab ihn, wo vor dem Eigelhofe an der brausenden Salzach der Christenpriester vor ihn getreten, die Macht seines Gottes preisend, der ein milder Gott sei denen, die sich ihm willig beugen, den trotzigen Sinn aber zu brechen wisse, der ihm widerstrebe ... wo er aufrecht gegenüber gestanden und den Nacken frei emporgehoben im Gefühle der eigenen Kraft, die des fremden Helfers nicht bedürfe: Es war ihm, als sähe er das ernste Antlitz des Mönches aus der zertrümmerten Römerstadt vor sich, als fühlte er den durchdringenden Blick dieser Feueraugen auf seinem Angesicht hasten, als vernehme er die feierlich mahnenden Worte von der 205 weithin über den Erdball reichenden Hand des Gewaltigen... er fühlte, die Stunde war für ihn gekommen, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, wo er es bekennen mußte, daß er in sich kein Heil mehr habe und keinen Stab. Unwillkürlich, wie dem Drucke eines unsichtbaren Arms gehorchend, sank er langsam in die Kniee und flüsterte mit bewegter Stimme: „.:.Sie nennen Dich gewaltig und doch gnädig, Gott der Christen... fei es auch mir! Zeige auch mir Deine Gnade, wie Deine Gewalt... Sie sagen: ich gehöre schon zu den Deinen: ich will es auch, ich will mich Dir beugen... ich bin nichts mehr vor Dir, als ein zerbrochener Stab ..." Er verstummte, aber durch seine erwachende Seele wehte der Frühliugshauch des .^ersten Gebets: aus der Grabescrde der eigenen Nichtigkeit war die unvergängliche Blüthe gekeimt — er fühlte das Band um sich geschlungen, das liebend alles Endliche anknüpft an den Unendlichen, auf daß es nicht verstäube in trostloser Verlorenheit... . . . Dumpfes Getöse weckte ihn auS seiner frommen Vcrsunkenheit. „Was geht hier vor?" rief er aufspringend und starrte nach dem Kaunstein hinüber... „Die Wahnsinnigen! Sie ruhen nicht, bis sie ihr eigenes Verderben^bereitet ... sie haben den Felsenbau des Berges gelockert und seine letzte Stütze los geschlagen. . . Die Masse des Gebirgs gerüth in's Weichen . . . entsetzliches Schicksal, das Horn des Kaun- steins beginnt sich zu senken ... er stürzt ein... " Dröhnende Schläge, unter denen das Gebirge weithin erbebte, schüllcrten durch die Luft; donnerähnliches Rollen und das Prasseln zerschmetterten sGestcins folgte Schlag aus Schlag — wolkcngleich stieg aufgewühlte Erde und zerriebenes Geröll in die verfinsterte Luft: die unterste Stcinlage war zuerst gewichen — langsam, wuchtig drängten die obern nach, immer höhere, immer größere nach sich ziehend, die erst allmählig sammt Gesträuch und Wald sich fortschoben, bis die Bewegung mit der steigenden Geschwindigkeit des Falls immer schneller ward, bis der Fall zum Sturze wurde und fortgerissen, gcschleu- de t, geschnellt, Felsen, Bäume im Wirbel der Vernichtung durcheinander sausten, stürzten und nach allen Seiten hernieder donnerten. . . Selbst zu einem Steinbild erstarrt, stand der erschütterte Greis dem furchtbaren Schauspiel gegenüber: er fühlte nicht, wie die Platte unter ihm erzitterte, wie die Trümmer um ihn niederschlugen — er sah nur die beiden Menschen am Fuße des einstürzenden Berges. Der Mm,n war in's Knie gesunken und verbarg das Antlitz in den Händen: er vermochte nicht den Schrecken deS Todes in'S Angesicht zu sehen — das Weib sah er hochaufgerichtet steh'n: kühn und wie herausfordernd hielt sie die Arme den stürzenden Trümmern entgegengebreitet, bis sie von ihnen im rasenden Schwünge ereilt und hin» weggerissen war. . . Auch Chriembert kniete wieder, gesenkten Haupts: kurze Zeit nur hatte das entsetzliche Getöse des Einsturzes gewährt. . . Grab und Tod sind nicht stiller, als es dann um ihn her sich lagerte. Lange wagte er nicht mehr, den Blick zu erheben — als er eS that, entrang sich ein Frcudrnruf der geängsteten Brust. . . die Kluft vor ihm war zum Theil von dem eingestürzten Gestein ausgefüllt: ein ungeheurer Fclsblock mit einem Stück Waldes lag darinnen und die Tannen senkten ihm die riesigen Wipfel entgegen, als wollten sie sich selber zur Brücke anbieten, die ihn wieder hinüber trage in das Reich der Lebenden ... Darüber hinaus aber, nicht mehr gehemmt durch den Koloß des Kaunstcins, öffnete sich der weite Ausblick auf die gegenüberliegende Sagcreckcrwand, auf den gewaltigen Watzmann, der unerschüttcrt den Fall des Jugcndgcnossen mit angeschaut und auf den grünen Rasenfleck zu seinen Füßen ... Auf diesem aber drängte sich eine bunte Schaar durcheinander — das Falkcnaugc des Greises unterschied den Herzog und seine Söhne . . . er glaubte auch Markulf darunter zu erblicken, und als sich wieder die Glocke regte, zu Dank und Preis für den, der sie Alle gerettet hatte, vor der Bosheit der Menschen und der Gewalt der Natur ... da brach der letzte starre EiSring seiner Seele und tropfte geschmolzen in schweren Thränen von den greisen, noch nie benetzten Wimpern.- 206 — Nicht lange nachher bot die Walchen-Almende wieder ein Bild der Freude und -es Friedens, wie zuvor, wenn auch nicht so farblos und einfach, als es gewesen. — Nach den Mühen und Schrecken des Tages galt es, für den Herzog Mahl und Nachtlager zu rüsten, denn ergriffen von dm wunderbaren Ereignissen, die an ihm vorübergegangen, wollte er den Schauplatz derselben nicht so bald verlassen, und gedachte, die Heimfahrt über den See bis zum kommenden Morgen zu verschieben. Das Bedürfniß machte erfinderisch, aus Manteln und Decken wurden leichte Zelte über Spießen aufgehangen und ein einfaches Mahl, zu dem Wald und Wasser schnell Beisteuer gegeben, war der Vollendung nahe. Da trat der greise Herzog in die Mitte der Seinen und führte Placida hervor, ihr nochmals Alles zu danken, was sie gethan. Sittsam und bescheiden stand sie da und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen: sie mochte fürchten, dem brennenden Blicke Mar- kglf's zu begegnen, der gegenüber stand, noch immer des Augenblicks harrend, der es ihm möglich machen würde, sie zu sprechen und die letzte Frage an sie zu richten. „Der Herr ist gnädig mit uns gewesen," sagte der Herzog, „er ist in seiner ganzen Furchtbarkeit an uns vorübergezogen, aber wie ein Verderben drohendes Gewitter hat er uns nur Segen zurückgelassen. . . Wir wollen deß eingedenk sein und ihm hier eine Andachtsstätte erbauen, die allen Nachkommen ein Zeuge und Zeichen unseres Dankes sei... Dich aber, wackere Jungfrau, deren reiner, hcldenmüthigcr Sinn uns nächst Gott auS dem Wirrsal geführt, in das wir gerathen waren . . . Dich will ich belohnen, daß der Edelste meines Landes sich geehrt fühlen soll, wenn Du ihm Deine Hand als Gattin reichen willst . . . Kraft meines herzoglichen Amtes nehme ich dm Makel Deiner unfreien Abstammung von Dir und mache Dich und Deine Sippe zu freien Leuten, wie die Freiestcn ini Lande ... Du sollst ein schönes Gut zur Mitgift von mir erhalten ..." „Nicht also, edler Herr," unterbrach ihn Placida mit bescheidener Festigkeit; „ich nehme die Freiheit dankend an für mich und die Mcinigeu. . . der Aussteuer und Mitgift bedarf ich nicht. Ich will eine arme Magd bleiben, die frommen Jungfrauen in der Salzburg werden auf Euer Fürwort eine solche aufnehmen, die ihnen dienen und die Glocke zur Hora läuten kann..." Bewegung entstand im Kreise der Versammlung; Markulf wollte vortreten, der Herzog erwidern; ehe sie dazu kamen, war der alte Chriembcrt, der inzwischen herbeigekommen und Alles erfahren hatte, schon neben Placida getreten und hatte ihre Hand erfaßt: „Ich habe Dir Unrecht gethan, Mädchen," sagte er, „ich habe Dich verkannt und geschmäht, weil ich glaubte, meinen Sohn vor Dir wahren zu müssen ... ich sage es Dir jetzt offen vor Allen nnd bitte Dich, daß Du mir verzeihst ... Ich habe Dich als meine Schwieger verschmäht, jetzt aber komme ich, selber um Dich zu freien, und wenn Du es in Deinem Gemüthe finden kannst, wie ich es geglaubt, so sage Ja und ich will zu Deinem Vater gehen und wie eS Brauch ist, um die Walchendirne für meinen Markuls werben..." Sie schwieg; das glühende Antlitz gesenkt. „Sie schweigt, Vater," rief Markulf, der vorgeeilt war, „sie hat keine Antwort für Dich und mich!" „Welch' eine Antwort begehrst Du noch, Du thörichter Gesell!" entgegnete der Herzog. „Traun, gälte dieß liebliche Erröthen mir, ich wüßte wohl, es zu deuten!" „Ist es wirklich, Placida? rief Markulf, und faßte ihre Hand. „Dürft' ich es glauben? So wäre doch nicht wahr gewesen, was Du meinem Vater gesagt?" Sie hob das Auge etwas empor: ihre Blicke begegneten sich. „Es war," flüsterte sie — „aber es ist nicht mehr! Ich liebe Dich, Markulf, und will die Deine sein!" „Und ich segne Euren Bund," ,rief der Herzog, „mit einer Freude und Zuversicht, wie sie mir selten zu Theil geworden! Ihr werdet einander ganz angehören, denn Ihr habt einander erworben: Ihr werdet glücklich sein, denn Ihr habt in den Stunden der 207 » Prüfung bestanden! Der Bund des freien Bajoarcn mit der Enkelin des Geschlechts, das einst in diesen Gauen geherrscht, soll Euch und dem Gau zum Segen werden — mit ihm schwinde der letzte Rest der Zwietracht, welche die Stämme getrennt: die alte Zeit des Haffes sinke hinunter, und eine neue beginne, eine Zeit der Eintracht und der gläubigen Liebe!" „Gewähret auch mir, dem alten Kriegs-Gefährten, eine Gunst," begann Chricmbert, während der Herzog die Hände des glücklichen Paares vereinigte. „Ich will meinen Hof in der Schönau meinem Markulf abtreten und seinem jungen Weibe, falls Ihr ihn für mündig wollt gelten lassen ... ich selbst will hier bleiben in den Bergen, in denen ich so Viel, so Gewaltiges erlebt: ich will bei dem frommen Vater in der Salzburg lernen, ein Christ zu werden und will der erste Siedler sein an dem Kirchlein, das Ihr hier gründen wollt! ..." Der Herzog gewährte die Bitte, er verhieß sogar, bis zur Hochzeit zu bleiben, und selbe durch seine eigene Gegenwart zu verherrlichen. Auf viele Stunden im Lande war es ein Fest, als der Freihofbauer von der Schönau sich mit dem schimmernden Gefolge von Bauern, Reisigen und Edlen aufmachte nach der einsamen Namsau, um die Walchcnbraut heimzuführen. Von ferne schon erscholl der Gesang und die Musik der longobardischen Künstler, als sie durch die Engadcin heranzogen; im Hause des Romanen saß die alte, blinde Urahnin wie sonst unter den Säulen des Jnncnhofs, und vernahm die Töne, die fern und doch wohl unterscheidbar an den Höhen widerklangen... „Und mein Gedanke „glücktet zum schönsten „Winkel der Erde..." klang es eben in die erträumten Saiten der Lyra von ihren Lippen — da drangen die weichen südlichen Weisen an ihr Ohr . . . sie horchte hoch auf, indeß das Instrument den nachlassenden Fingern entglitt und ein Lächeln des seligsten Glücks schwebte wie ein Lichtstrahl über das seit Menschenaltern verstcinte Gesicht... „Er ist es . . . er kommt! Ich habe es wohl gewußt, wenn sie zweifelten... ich habe gewußt, Florus hat uns nicht vergessen — Florus wird kommen, seine Lucia zu holen... O diese Töne... wie sie mich grüßen! Wie sie so bekannt an meine Seele dringen ... Es ist weit in die schöne südliche Heimath — ach, so unsäglich weit, aber die Liebe findet den Weg. . . Er kommt! Er führt uns Alle dahin... o mein Florus..7" Das lächelnde Angesicht neigte sich zur Brust herab, die entzückten Augen brachen — mit Thränen in den ihrigen drückte Placida, schon mit der Brautkrone geschmückt, sie der Todten zu und eilte dem schönen Leben entgegen, in Markulf's Arme, die sich ihr von der Schwelle entgegen breiteten. Das Leben der Vereinigten war ein freudiges, die Vorhcrsagung des edlen Herzogs ging reichlich an ihm in Erfüllung. Chricmbert wurde der erste Siedler an dem einsamen Bcthause, das bald statt der Sennhütte in der Walchcn-Almende sich erhob; er hatte den Namen Bartholomäus gewählt, des Heiligen, dem auch das kleine Kirchlein geweiht worden. Lange Jahre stiller Beschauung und frommer Betrachtung waren ihm noch vergönnt und die Kunde seines Lebens war unter den Menschen außerhalb der Berge schon verschollen, als vorüberziehende Jäger, durch das Verstummen der Glocke aufmerksam gemacht, den frommen Bruder Bartholomäus dahin geschieden fanden. Von dem Einstürze des Kaunstcins weiß kaum mehr die Sage zu berichten; besser vermag es der Felsendamm, der den See in zwei Theile geschieden hat und den Obersee vom Königssee trennt. Die Glocke war Jahrhunderte lang eine merkwürdige Seltenheit, ein altertümlicher Schatz der kleinen Probst«, die später an der Stelle des ersten Kirchleins entstanden s» war... seit der Umwandlung in ein Jagdschlößchen ist sie nicht mehr aufzufinden gewesen: 208 aber auch ohne ihren Ton fühlt sich Jeder, der die grüne Einsamkeit besucht hat und im Zortrudern darauf zurückblickt, von einem Hauche der Anmuth umweht und von dem Geiste des Friedens begrüßt, der nirgends so heimisch ist, als auf dem grünen Eiland von Sanct Barthclmä! (Ein gelehrter Fähnrich.) Es war bereits im Jahre 1721 an einem Sommernachmittage, da saßen zu London im Buttonschen Kaffeehause drei Gelehrte und deliberirten über den Sinn eines lateinischen Verses. Sie führten das Gespräch so, daß wohl mit Fug und Recht ein Zuhörer beichetden sich hätte einmischen können. Dieß geichah auch von Seiten eines Gardefähnrichs, eines blutjungen Menschen, der erröthend das Wort nahm. — Gentlemen, sagte er, mir scheint, daß der Sinn dieses Verses wohl deutlich sein möchte, wenn man am Schlüsse anstatt des Punctes ein Fragezeichen setzt. Es fand sich, daß der junge Mann Recht hatte. Die drei Gelehrten bissen sich auf die Lippen und schämten sich, aus so unschuldigem Munde Belehrung erhalten zu haben. Aber einer von ihnen, es war der berühmte Dichter und Uebersetzer Pope (die andern Congreve und Parnal), fand sich am empfindlichsten getroffen, denn er war trotz seiner verwachsenen Gestalt, oder vielleicht iu Folge derselben, übertrieben eitel und arrogant. Nun mein geehrter Herr, sagte er verächtlich zu dem jungen Fähnrich, wissen Sie denn überhaupt schon, was ein Fähnrich ist? Nun. ich hoffe wohl, antwortete der junge Krieger und warf einen bedeutsamen Blick auf Pope's Höcker, es ist ein kleines krummes Ding, das Fragen auswirft! (Beefsteaks aus lebenden Ochsen.) Ein Correspondent des ^„Standard" lieferte dem genannten Blatte nachstehende etwas schwer zu glaubende Geschichte: „Drei Officiere des vierten englischen Regiments sahen in Fokado (Abessinien) die Operation des Ausschneidens eines FleischstUckes aus dem Leibe eines lebendigen Ochsen. Sie trafen die Einge- bornen, als diese gerade damit beschäftigt waren. Der unglückliche Ochs ward niedergeworfen und seine vier Beine wurden zusammengebunden. Der Operateur machte hierauf einen Enschnitt in die Haut, nahe dem Rückgrat, gerade hinter dem Hüftengeleuke, blies in denselben hinein, um die Haut vom Fleische zu trennen, machte dann zwei andere Einschnitte in rechten Winkeln nach dem ersten hin und hob hierauf ein Stück Haut von vier oder fünf Geviertzoll in die Höhe Aus diesem schnitt er eincnKlumpeu Fleisch heraus, indem er mit dem Messer unter der Haut hcndurchfubr, so daß die herausgenommene Fleischmasse größer war, als der unbedeckte Theil. Dann füllte der Operateur die offene Stelle mit Kuhdüngcr, legte das Hautstück wieder darüber, bepflasterte es mit Lehm, band die Füße des armen Thieres los, welches während der Operation ein dumpfes Schmerzgefühl geäußert hatte, gab ihm einen Fußtritt, um es zum Aufstehen zu bringen — und Alles war vorbei. Noch muß ich erwähnen, daß der Operateur zwei oder drei Schnitte in der Nähe der Wunde machte, wie es scheint, als ein Zeichen, daß das Thier an diesem Theile operirt worden war. Die Officiere bemerkten, daß mehrere andere Stücke Vieh der nämlichen Hecrdc in ganz ähnlicher Weise bezeichnet waren. Sie kehrten in ungefähr einer halben Stunde zurück und sahen, daß das Thier umherging und ruhig weidete. Ich habe nicht erwähnt, daß es, als man die Operation an ihm vornahm, nur sehr wenig blutete." Charade. (DreisiMo.) I. Geheimnisse mir anvertraut Auch ohne den geringsten Laut Ich schnell an Ort und Stelle bringe. II. Das erste und noch and're Dinge, Die werth man schätzt und hoch anschlägt, In mir man ein- und nieder legt. III. Wer mich Verlorne wieder findet, Erachtet's für ein großes Glück, Wer ehrlich ist, gibt mich zurück, Weil oben Ehrlichkeit ihn bindet, — Die ach mit jedem Augenblick' Vom Erdkreis mehr und mehr verschwindet. Auflösung der Charade in Nr. 24: „Zuckcrhut." Druck, Lerlaa und Reduktion de« Merarischen Instituts von vr. M. Huitter. Nr. S7. 5. Juli 1868. -tz ^ - fZ V » Wer genug hat, ist ein armer Mann, Reich ist, wer Andern geben kann. Paul H eyse. Clementina Eine spanische Dorfgeschichte. (Nach einer Novelle des Don Antonio de Trueba.) 1 . .^ei. Vor einigen Jahren durchstreifte ich die schönen Dörfer, welche zu beiden S Thale des Jbaizäbal auftauchen, und gleichsam mit unschuldiger, ländlicher Neues Landes, der edlen, schönen und reichen Stadt Bilbllo schauen, hin zu den ewig lacheikamcn Miguel und lebensvollen Gefilden von Abando und Deusto. tcn beneideten Es sei mir vergönnt, den Ort zu verschweigen, wo der größte Theil dncr Laufbahn sich zutrug, die ich erzählen will. Der Schmerz soll uns heilig fein, ar Schuld seine Mutter ist. «cfühl glaubten Die Nacht überraschte mich, ehe ich Bilbao erreichen konnte und ich Weisheit und nöthigt, mein Unterkommen in einem Dorfe zu suchen, das ich im unbestimmlldiescs Heiliglicht des Abends auf der Hähe eines mit Kastanien und Wallnußbäumer. Hügels schimmern sah. Am einen Ende eines schattenreichen Nußbaumwäldchens erhob sich der Kll zu ihrer des Dorfes. b wirklich Die Gebetglockc läutete, als ich in das Dorf trat, seine Bewohner beobach feierliches Schweigen, die Männer hielten ihre Mützen,in den Händen, Alles betete uSie segnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes. Es schwiegen sogar die jungen Mädchen, die mit den Wasscreimern auf dem Kops'e von den Quellen im nahen Kastanicnhain kamen. Die Gcbetglocke ist Gottes Stimme, die zu den Gläubigen und Guten spricht, und nur der Gottheit Stimme vermag ein baskisches Mädchen in einem angefangenen Liedchen zu unterbrechen. Ich stand stille, nahm meinen Hut ab und betete mit den Dorfbewohnern. Zwanzig Jahre der Trennung von dem schönen, edlen Lande, das ich als Kind verlassen, schienen in diesem Augenblick spurlos an mir vorüber gegangen . . . Dann schritt ich durch den Nußbaumhain in das Dorf, freundlich begrüßt von Allen, die mir begegneten. 210 Ich fragte nach einer Herberge, wo ich die Nacht zubringen könnte. Es war kein ^ Wirthshaus im Dorf, allein man ließ mir nicht Zeit, mich darob zu grämen, denn es war kaum ein Landmann in dem Dörfchen, der sich nicht beeilt hätte, mir mit herzlicher und achtungsvoller Freundlichkeit einen Platz an seinem Hecrd, ein Lager in seinem Haus anzubieten. Unter denen, welche mich so gastlich einluden, ragte ein schöner Jüngling hervor, ^ welchen seine Lai dslente den Majoratsherrn nannten. Er war weniger dürftig gekleidet, als die Andern, gleichwohl war seine Tracht die eigenthümliche dcS BaSkcn-Landes, nur daß er statt einer blauen, weißen oder rothen Mütze eine dunkle, und um den Hals, atü Zeichen der Trauer, ein schwarzes Florband trug. Ich habe ein Recht darauf, sagte dieser Jüngling, Sie um den Borzug für mein Haus zu bitten, denn ist auch der gute Wille meiner Landsleutc so groß wie der meine, so bin ich doch in der Lage, Ihnen größere Bequemlichkeiten anzubieten. Dieß bestätigten die Andern und traten mit ihren Einladungen zurück. Ich nahm also die Gastfreundschaft Miguels des Majoratshcrrn an. Sein Haus war in der That ohne Vergleich das größte und stattlichste des Dorfes. Es erhob sich an dem der Kirche entgegengesetzten Ende des Nußbaumwäldchcns. Auf drei Seiten stieß es an einen mit Reblauben umzäunten Garten, welchen nach allen Richtungen lange Reihen früchtebeladener Bäume durchkreuzten. Die Hauptseitc des Gebäudes war dem Walde zugekehrt, über der Eingangsthüre befand sich ein geräumiger Balcon, . beschattet von zwei mächtigen Reblauben, und über dem Balcon ein steinernes Wappen, damals mit schwarzem Flor verhüllt, zum Zeichen der Trauer der Familie. Kaum hatte ich das Haus betreten, als sämmtliche Familienmitglicdcr, gleichfalls in Trauer gekleidet, mich zu begrüßen eilten. Es waren außer Miguel, der etwa 25 Jahre ,, zählen mochte, noch ein junger Mann von 22, ein Mädchen von 18, ein Knabe von 15, und ein Töchterchen von 12 Jahren. : waren Alle Geschwister und Alle voll jugendlicher Kraft und Schönheit. Hier ^ Fußtritt,- in feiner vollen Reinheit den edlen und schönen Typus des Baskenstammcs, die s wähnen, r. den sanften und gedankenvollen Blick, die offene Stirn, die ovale Gcsichtsform es scheint, Zurücktretender unterer Hälfte, die Roscnblüthe der Wangen, den hohen stolzen Weise^bezeich'gbdrungene Kraft der Glieder. daß das Thigenthümlicher Zug der Wehmuth schien alle diese jungen Herzen zu beherrschen die Operativngling, der schon Haupt der Familie war, bis hinab zu dem zwölfjährigen Kinde. auer, welche sie Alle um ihre Mutter trugen, erklärte mir wohl theilweise Wesen; allein es war ein Etwas dabei, das meine Aufmerksamkeit in hohem ich zog, das ich aber nicht zu erklären vermochte. Es war dies ein Schmerz sch oder Ungeduld, aber tief, voll Ergebung, ruhig, aber unendlich, der sich nenen, Bewegungen und Worten des achtzehnjährigen Mädchens offenbarte, gleichsam um durch ihren Namen schon zur Sanftmuth im Leiden, zur Milde geben zu ermähnen, sich Clementina nannte. Es konnte kaum Alles, was ich sah, von dem Tode der Mutter herrühren. Es ist .-r, auch das härteste Herz weint um eine Mutter, aber wenn ihr Andenken unaus- jchlich ist, so sind doch die Thränen nicht unversiegbar, welche man um sie vergießt. Ich weiß nicht, ob ich hierin Andere nach mir beurtheilen darf. Aber ich glaube an Gott und weiß, daß meine Mutter in dem Herrn starb, daß sie nur der Natur einen Tribut entrichtete, dessen sich kein Sterblicher entschlagen kann. Darum ist zweierlei für ^ mich gewiß: daß meiner Mutter Blick noch auf mir ruht, und daß ich sie einst wiedersehen werde. Miguel und seine Geschwister lebten ohne allen Zweifel des nämlichen Glaubens.... Nein, nein, ihr Schmerz, und vor Allem jener der armen Clementina, konnte in ^ dem Verlust einer im Herrn entschlafenen Mutter nicht seine einzige Quelle haben. j 211 ii. Als ich die Gastfreundschaft der Bewohner des „großen Hauses", wie man es im Dorf nannte, annahm, gedachte ich, gleich des folgenden Tags meine Reise fortzusetzen. Allein man bat mich so dringend, einige Zeit zu bleiben, alle Bewohner des Dörfchens kamen mir mit solcher Herzlichkeit entgegen, kurz, es gefiel mir in jeder Beziehung so gut, daß ich noch am Ende einer Woche den gastlichen Ehrenplatz am Heerde des Majoratsherrn einnahm. Was mir besonders rührend auffiel, war die hingebendste Liebe, die zärtlichste Rücksichtnahme, deren Gegenstand Clementina für ihre Geschwister war. Es war für mich ein Schauspiel, das mich eben so tief bewegte, als erfreute, wenn ich diese kraftvollen jungen Männer sah, wie sie vor dem tiefen Schmerze ihrer Schwester so sanft wie Kinder wurden. Von Natur schwache und dem Schmerz nicht gewachsene Menschen sieht man der Schwäche und dem Schmerz Rücksicht tragen, ohne daran etwas Besonderes zu finden. Wenn aber ein Mann voll Körper- und Geisteskraft, rauh und unerschütterlich wie die Eichen, die das Thal umwalden, worin ich dieses schreibe, sein ganzes Wesen an die Schwachheit, an den Schmerz dahingibt, bloß um sie zu schützen, ihn zu trösten, so ist dieß ein Anblick, den wohl Niemand mit trockenen Augen zu schauen vermag. Um das Gesagte zu erläutern, will ich nur eines einzigen Vorfalles erwähnen, der sich eines Abends während meiner Anwesenheit in dem „großen Hause" zutrug. Der Tag war wunderschön gewesen. Miguel und seine Brüdcr hatten denselben in strenger ländlicher Arbeit mit ihren Knechten und einigen Taglöhnern zugebracht; ich hatte mit Büchse und Fernglas Wälder und Höhen durchstreift. Nach dem Gebetläuten fanden wir uns Alle in dem „großen Hause" zusammen. Herrschaft, Gesinde, Taglöhner und Gast genossen, wie immer, vereint ihr Abendbrod, und auch dem gewaltigen Krug voll kühlen, sprudelnden Landweins, welchen Miguel aus dem Keller heraufbefördert hatte, ward wacker zugesprochen. Nachdem wir, getreu der ehrwürdigen immer noch unerschüttcrten Sitte des Landes, Gott für die Gaben gedankt hatten, die seine Gnade uns zugewendet, so kamen Miguel und seine Brüder im Lauf des Abends auf Bücher zu sprechen. Die Guten beneideten den Beruf eines Schriftstellers, unbekannt mit den Dornen, die auf seiner Laufbahn wachsen, wenn er mit Ehre und Würde sie wandeln will. Sie verstanden nichts von Büchern, aber in ihrem edlen und zarten Gefühl glaubten sie zu ahnen, Bücher seien das Heiligthum, in welchem die Blüthe der Weisheit und sittlichen Schönheit verwahrt sei, so oft auch Unwissenheit und Leidenschaft dieses Heilig- thuyl entweihen. „Sie müssen gewiß reich an Büchern sein!" sagte Miguel zu mir. Ich erwiderte ihm, daß ich deren nicht viele besitze, weil mir die Mittel zu ihrer Anschaffung fehlen; dagegen glaube ich, daß diejenigen, welche ich besäße, auch wirklich gut seien. „Du lieber Gott! Und wie angenehme Stunden müßten Sie zubringen, indem Sie Ihre Bücher lesen!" „Gewiß," sagte ich, „vielleicht die angenehmsten meines Lebens. Aber pflegen Sie und die Ihrigen nicht zu lesen?" „So gut wie gar nicht," war die Antwort. „Denn die vier Bücher, die wir im Haus haben, wissen wir schon längst Alle auswendig." „Und was für Bücher sind dies?" „Das will ich Ihnen gern sagen: Das Leben des heiligen Ignatius von Lojola, die Abenteuer des Don Quixote, die Vorrechte des Baskenlandes und das befreite Can- tabrien; vielleicht noch zwei oder drei Lebensbeschreibungen von Heiligen. Es sind nur 212 wenige, aber mein Großvater selig Pflegte zu sagen, daß keine besseren in Spanien herausgekommen sind." Aus Achtung für des Baskenlandes Vorrechte, für Cantabriens Befreiung und für den Don Quixote suchte ich mich des Lächelns zu enthalten. „Wir Andern," fuhr Miguel lächelnd fort, „geben uns zwar überhaupt mit dem Lesen nicht ab, dagegen sperren wir Mund und Nase auf, wenn Clementina uns vorliest." Die Schwester erröthete bei diesem Lobe des Bruders. „Seit aber Ihr Großvater," bemerkte ich, „oder Ihr Urgroßvater die Bücher gekauft hat, deren Sie erwähnten, sind viele andere und darunter auch recht gute aus Licht gekommen, und ich bedaurc lebhaft, daß Sie keines derselben besitzen." „Wenn Sie uns einmal ein gutes Buch bringen wollten, so würden Sie wohl erleben, wie gut die Schwester es uns vorzulesen weiß." „Ich habe einige gute bei mir, und bitte Sie, dieselben von mir anzunehmen und an der Seite des Don Quixote aufzubewahren." „Wir nehmen Ihr Geschenk von ganzem Herzen an," rief Miguel aus, indem er mir herzlich die Hand drückte. Ich hatte in meiner Reisetasche eine vollständige Ausgabe von Fernan Caballero's Werken, welche ich dieser vortrefflichen Familie überließ, indem ich schon im Vorgefühle mich der edlen Empfindungen und des reinen Vergnügens erfreute, welche, wie überall, so auch hier, aus den Schöpfungen der großen Sittenmaler in der spanischen Nation erwachsen würden. Miguel bat voll Freude und Zärtlichkeit seine Schwester Clementina, gleich Etwas aus diesen Büchern vorzulesen. Clementina, deren Trauer selbst durch ihr Lächeln sichtbar war, lächelte freundlich und beeilte sich, ihrem Bruder gefällig zu sein, oder vielmehr uns Allen, da wir Alle unsre Bitten mit den seinigcn vereinten. In dem Buche, aus welchem Clementina las, malt Fernan Caballero mit allem Zauber ihres bewunderungswürdigen Pinsels das gute, edle, tugendhafte Weib, als Jungfrau und Mutter, als Tochter und Gattin. Je > eiter Clementina las, desto mehr füllten sich ihre Augen mit Thränen, und eine tödtliche Blässe überzog ihr trauerndes Angesicht. Ihre Bruder bemerkten es und wurden unruhig, ja Miguel machte eine Handbewegung, wie um ihr anzudeuten, sie möge das Lesen unterbrechen. Da aber Clementina gleichwohl weiter las, so näherte Miguel sich ihr, indem er abwechslungsweisc sein Auge bald auf das Gesicht des Mädchens, bald auf die nächstfolgende Seite des Buches heftete. Ich suchte mir dies Alles zu erklären und sagte bei mir: „Dieses Buch, so rein und schön in jeder Hinsicht, bewegt die arme Clementina bis zu Thränen, weil sie, ähnlich meiner geliebten Lebensgefährtin, die mich in der Heimath erwartet, wahrscheinlich eine besondere Neigung hat, in den Büchern, welche sie liest, den Ausdruck ihrer eigenen Schmerzen und Freuden zu erblicken. Ihre Brüder verstehen sie wohl, mögen sie aber nicht unterbrechen, weil sie hoffen, daß der Inhalt des Buches eine andere Wendung nehmen wird; in dieser Hoffnung sucht wohl Miguel immer die nächstfolgende Seite im Voraus zu prüfen. Das Mädchen in Caballero's Schilderung war im Begriff, Gattin zu werden, unschuldig und rein, wie sie von der Mutter Brust gekommen war, vergöttert von den Jünglingen, der Stolz und das Glück ihrer Eltern und Brüder. In diesem Augenblick entsank der armen Clementina das Buch, und sie selbst wäre ihm zum Boden nachgefolgt, Hütte nicht Miguel die von einer todtähnlichen Ohnmacht Ergriffene in seinen Armen festgehalten. Groß war die Bestürzung, welche dieser Vorfall im Hause hervorrief. Während der Arzt des Dorfes gerufen wurde, brachte Miguel in seinen kräftigen Armen die Schwester zu ihrem Lager, und er, wie alle Geschwister, widmeten ihr unter Thränen der zärtlichsten Theilnahme alle Pflege und Tröstung, die nur die liebevollste und besorgteste Mutter au ihr Kind verschwenden kann. Kaum hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet, Clementina sei schwer erkrankt, als die Dorfbewohner zum „großen Hause" herbeieilten, begierig, Trost oder Hilfe bringen zu können. Clementina war nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen, und hatte ihrem Herzen in einem Strom von Thränen Luft gemacht. Ihre Geschwister wachten die ganze Nacht an ihrem Bette. „Wenn der Schmerz, der dieses junge Mädchen ängstigt, — so mußte ich mir sagen — der Schmerz um den Verlust der Mutter ist, so hat er keinen vollen Grund, denn wer bei Allen, die ihn umgeben, Mutterliebe und Muttersorge in solchem Maße findet, sollte die Mutter kaum also vermissen können!" Am folgenden Tag befand Clementina sich besser, die Bestürzung der Geschwister und Nachbarn hatte der Beruhigung Raum gegeben. Ich aber begriff, daß in diesem Hause ein Geheimniß walte, um dessen willen die Anwesenheit eines Fremden, dem man es zu verbergen genöthigt war, nur lästig sein konnte. Ich maaste mich reisefertig und reiste auch wirklich ab, so sehr Miguel und seine Geschwister, Clementina selbst nicht ausgenommen, meinem Vorhaben entgegentraten. Miguel ließ es sich aber nicht nehmen, mir bis an den Fuß der Anhöhe, auf welcher das Dorf liegt, das Geleit zu geben Wir sprachen unterwegs von Clementina, und mehr als einmal bemerkte ich, wie Miguels Auge thränenfeucht wurde, wenn ich von der Theilnahme sprach, die ich für seine trauernde Schwester empfinde. „Ihre Schwester," sagte ich, „welche bei Allen, die sie kennen, so viel Liebe und Theilnahme erweckt, muß gewiß ein herzensgutes. . . ." „O gar so unglücklich ist sie," erwiderte mir Miguel ticfbekümmert. „Sie haben Recht," erwiderte ich, „Unglück und Seelengüte geben gleichen Anspruch auf die Liebe und Theilnahme edler Seelen." Indem Miguel diese Worte hörte, welche nur eine tiefe, auf mein ganzes Leben gegründete Ueberzeugung meiner Seele aussprachen, schien er zu verstehen, daß in meinem Herzen ähnliche Empfindungen wogten, wie in dem seinigen, wenn auch ihm nur ein unvollkommener Ausdruck der seinigen gegeben war. Von Neuem wurden seine Augen feucht, und seine Hand suchte die meinige, um sie zu drücken. „Ich kann mich nicht von Ihnen, vielleicht für immer trennen, mit dem HerzenSvor- wurf, einem Mann, der so mit mir fühlt, etwas verheimlicht zu haben. Hören Sie die Leidensgeschichte an, von der Sie in meinem Haus sicher etwas geahnt haben." „Ja Miguel," sagte ich, „ich habe wohl geahnt, daß tiefe Schmerzen bei Euch wohnen, wenn ich auch ihren Grund nicht zu ahnen vermochte. Möge aber ihre Ursache wie immer sein, ich werde sie achten und mit Euch betrauern, wohin mich auch mein Lebensweg führen mag." Und während wir durch die lachenden Thäler und Hügel hinwandclten, wo nur die unumstößlichste Erfahrung uns überzeugen kann, daß auch hier der Schmerz noch wohnt, erzählte mir Miguel die Geschichte der Seinigen. Es sei mir erlaubt, die Sprache deö ungebildeten, aber edlen Landmanns in die unsrige zu übertragen. Wollte doch Miguel nur, daß ein Mann ihn verstehe, während ich schreibe, auf daß mich nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verstehen, ja selbst das jüngere Geschlecht. (Fortsetzung folgt.) 214 Ueber Berbrechen und deren Entdeckung. Die Leser einer Zeitung können nicht Alle ehrliche Leute sein. Die ungeheure Mehrzahl sind es gewiß, denn sonst würden wir mit einer Grobheit debutiren und wir haben nicht die Absicht, grob zu sein. Diese Zeilen sind berechnet für den voraussichtlich sehr kleinen Leserkreis dieses Blattes, welcher aus Mördern, Räubern und Dieben, oder Solchen, die es werden wollen, besteht, um ihnen mit aller Licenz, die dem Feuilleton!- ^ stcn zu Gebote steht, zu sagen, daß sie- Dummköpfe sind, und daß das schlechteste Geschäft, welches der Mensch ergreifen kann, das einer gesetzlich verbotenen Hallunkenschaft ist. Man thut unter zehn Fällen sicher einmal unseren Kriminalisten Unrecht, wenn man ihrer aparten Schlauheit Weihrauch streut. Zu einem guten Kriminalisten gehört Kenntniß der menschlichen Natur und Verständniß des menschlichen Interesses, und wenn die Herren Verbrecher eine Ahnung davon hätten, daß sie fast immer selber es sind, welche der Gerechtigkeit in's Netz laufen, die Verbrechen würden seltener werden. Der ärgste Feind eines jeden Verbrechers ist der Standpunkt, auf den er sich durch das Verbrechen selbst stellt. Er wird Mitglied einer isolirten, außergewöhnlichen Minorität in der Gesellschaft, und das Auge der Gesellschaft muß auf ihn fallen. Der alte^ Satz: Ist ein Verbrechen begangen, so frage, wer den Nutzen davon hat und du entdeckst den Thäter; dieser alte Satz ist richtig. Aber der „Nutzen" ist es eben, der nicht immer leicht zu entdecken ist. Zum Glück ist der Verbrecher mit Nothwendigkeit gezwungen, der Gerechtigkeit selbst entgegenzulaufen. Der Spitzbube braucht für das gestohlene Gut sehr häufig einen „Hehler". Das gestohlene Gut, welches dem individuellen Besitzer entschwindet, vertauscht den Winkel des Zimmers mit einer Art von Markt. Der Dieb hat einen vielköpfigen Zufallsvcrräthcr gegen sich entfesselt in dem- , selben Augenblick, als er für die gestohlene Uhr das Geld empfängt. Sein gestohlenes A Objekt ist das Werkzeug der Spekulation geworden. Er hört auf, Herr seiner eigenen That, Herr seines eigenen Geheimnisses zu sein. Seine Vorsicht, die er beim Stehlen, beim Einbrechen beobachten konnte, ist schutzlos geworden, sobald er sich von dem entwendeten Objekt trennt, und das, was man den „Zufall" nennt, der zur Entdeckung führt, ist in Wahrheit Nichts als das letzte Glied in der Kette von logischen Nothwendigkeiten. In den Zeiten des Jack Sheppard hat ein excentrischer Engländer einmal eine Belohnung von 1000 Pfd. St. ausgesetzt für Denjenigen, der ihm einen Spitzbuben nachweisen könne, welcher, ohne mit den Behörden in Conflict gekommen zu sein, die Früchte seiner Diebstähle bis an sein Ende, eventuell auch nur 10 Jahre lang genossen hätte. Es hat Niemand diese 1000 Pfund Sterling verdienen können! — Der Dieb, welcher eine Gelegenheit zum Stehlen gefunden hat, schafft selbst hundert, oft tausend Gelegenheiten gegen sich, um entdeckt zu werden, und eine hochlöbliche Polizei müßte dümmer als dumm sein, wenn sie die dicbesfcindlichen Gelegenheiten nicht fest hielte. Der Verbrecher in der Gesellschaft ist ein Ausnahmsmensch derselben, eine Existenz, welche sich selbst isolirt hat, und das Jsolirte zieht die Aufmerksamkeit in einer oder der andern Weise immer an. Doch halten wir uns bei der Kategorie der gewöhnlichen Spitzbuben nicht auf. Betrachten wir die großen Verbrechen, jene Handlungen, zu denen ein gewaltiger Effekt oder eine gewaltige Willenskraft nothwendig ist. Nach entdeckter That schüttelt die Welt so oft den Kopf und fragt erstaunt: „Wie konnte der Mensch nur so dumm handeln? Er » „mußte ja entdeckt werden!" Wir sind überhaupt immer sehr klug, wenn wir „vorn Rathhause kommen." Diese scheinbaren „Dummheiten" sind eben stets mit dem Verbrechen im Zusammenhang stehende, logische Conscquenzen desselben. !- Es ist ein Mord geschehen, gleichviel ob prämeditirt oder mit Affect. Die Spuren der That werden verwischt, oder die That wird so begangen, daß ihre Verdeckung als 215 solche nicht nöthig erachtet wird, daß man sie räthselhaft erscheinen läßt, oder die Spur von dem wirklichen Thäter abzulenken sucht. Nun wohl, und dennoch sind die Jndicien, welche auf den wirklichen Thäter zurückführen, unvermeidlich, sie sind eine nothwendige Consequenz des Verbrechens. Der Mord ist eine That, zu welcher die höchste Anspannung der menschlichen individuellen Natur des Mörders gehört. Seine Gedanken concentrircn sich auf ein Ziel, ihre höchste Kraft findet Ausdruck in einem Moment der That. Das die Gedanken zusammenhaltende Object dcS Mörders hört auf zu existircn und in die verbrecherische Gedanken- sphäre tritt eine Art von „Anarchie" ein. Er ist nach dem Verbrechen ein „anderer Mensch" geworden, als er vor demselben war, die vollkommene Selbstbewußtheit, die er der Absicht, den Mord zu begehen, verdankt, hält nur so lange vor, als ihre Ursache existirte. Mit dem Gemordeten treten andere Ursachen, andere Affccte, andere Wirkungen ein. Die überangespannte Gedankenthätigkcit vor der That verlangt nach derselben einen Moment der Ruhe, die Kraft der Gedanken und mit ihr die nothwendige Vorsicht verläßt den Mörder und er, der vielleicht mit der raffinirtestcn Schlauheit 99 Spuren vernichtet, läßt die Nächstliegende Spur bestehen, die sich so häufig gerade als die aller- handgreiflichste erweist. Denn wenn es z. B. wahr ist, daß Julie v. Ebergenyi die Thür der Gräfin Chorinsky von Außen verschlossen, den Zimmerschlüssel mit genommen und aufbewahrt hat, so wird uns jeder ehrliche Mann und jeder Verbrecher Recht geben, daß dies eine grenzenlose Stupidität war, welche schon von München aus, als man den Schlüssel vermißte, den Gedanken an Selbstmord ausschließen und die Spur auf die Ebergenyi leiten mußte. Der Mörder selbst ist zur geistig und gemüthlich völlig isolirten Existenz in der Gesellschaft geworden! die Selbstcontrole seiner Handlungen, seines Wachens und Schlafens ist ihm ein Vertheidigungsmittel; er lebt von dem Augenblick seiner That in einem permanenten geheimen Krieg gegen die Gesellschaft, er, der Einzelne, gegen Millionen! Er ist buchstäblich der Sclave jedes Zufalls geworden. Die physischen Kräfte eines Menschen halten dies nicht aus; er wird „mürbe" und bekennt vielleicht, ja sehr häufig gerade bei den Jndicien, bei denen er am wenigsten Ursache hätte, zu bekennen. Jahr und Tag hatte jener Holstciner, Timm-Thode, geleugnet, Vater, Mutter und sämmtliche Geschwister erschlagen, und den einsamen Hof in Brand gesteckt zu haben. Keine einzige Jndicie lag gegen den Mörder vor Er ging frei umher, und Diejenigen, welche es wagten, an seiner Unschuld zu zweifeln, wurden gar scheel angesehen. Und was führte zur Entdeckung? Der Mörder äußerte die ganz natürlich scheinender Absicht, den Ort, an welchen sich für ihn so herzzerreißende Erinnerungen knüpften, zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Dieser Moment war in der Presse den Richtern bereits seit Monden prognosticirt. Timm-Thode's Wunsch wurde mit einer plötzlichen abermaligen Verhaftung beantwortet. Der Rückschlag auf seine geistige Jdividualität war momentan so stark, daß er gestand. Der Mörder blieb bis zum Tode der Böscwicht ohne Reue, voller Frechheit, der er stets war. Was bei diesem angegebenen Fall noch räthselhaft erscheint, ist, daß der Verbrecher acht Menschen unter Umständen, die seiner That entschieden ungünstig waren, ohne Mithilfe Anderer tödtcn konnte wie er behauptet. Wir unsererseits sind noch heute überzeugt, daß irgend ein Helfershelfer dabei mitwirkte, der sich bereits nach Amerika geflüchtet haben und seinen Theil an der Beute in irgend einer Weise erhalten haben mag. Dieser Zustand einer Besinnungskraft, welche jeder Mörder nach vollbrachtem Morde nur bis zu einem gewissen, aber nicht in dem Grade besitzt, wie er Unschuldigen eigenthümlich ist, erzeugt also nothwcndigerweise Jndicien. Man darf dreist behaupten, jede verbrecherische That trägt den Keim ihrer Entdeckung in sich. Wie ein fremdes Klima auf den Organismus des Menschen wirkt, so ist das Verbrechen eine plötzliche Versetzung des Individuums in ein anderes sociales Klima; der Verbrecher muß der Natur seinen 216 Zoll entrichten, er mag wollen oder nicht. Er muß bei der That, oder vor oder nach derselben, einen Fehler begehen mit derselben Unvermeidlichkeit, wie er transportiren muß, wenn er den Wendekreis passirt, und hat das Auge des Kriminalisten eine, auch die allerunbedeutendste Spur entdeckt, so ist das solide Glied einer Kette gefunden, die man nur ohne Exaltation und gliedweise zu verfolgen braucht, um den Verbrecher zu erkennen. Die Schlauheit, das Raffinement der Verbrecher kann Andern schaden; ihnen selbst aber nützt sie nicht vor schließlicher Entdeckung. Wir müssen gestehen, wir glauben nicht recht daran, daß — plötzliche Todesfälle oder gelungene Eutweichungen über See abgerechnet — ein Mörder oder ein Dieb bis an sein Lebeusend sich unentdeckt erhalten kann. Führt ein und dasselbe Verbrechen nicht zur Entdeckung, so wird es durch ein folgendes aus Tageslicht gebracht. Äst z. B. Ebcrgcnyi schuldig und der Indicienbeweis nicht ausreichend, wird sie selbst von der Instanz entbunden, so kann das muthmaßlichc Motiv ihrer That, den Grafen Chorinsky zu besitzen, nicht befriedigt werden, ohne beiden Theilen durch das Urtheil der Welt eine Höllenexistenz zu bereiten. In einer solchen Existenz schärft sich jeder eheliche Conflict von selbst; es sind zwei Existenzen durch ein Verbrechen an einander gebunden und dieses Band macht dieZusammenexistirung unerträglich so daß ein neues Verbrechen Luft und Freiheit schaffen muß. Tritt der Fall einer solchen Verbindung nicht ein, so wäre die ganze That eine rcsultatlose und dann ist der Psychische Zustand der Thäterin oder der Thäter noch unerbittlicher der Zersetzung verfallen und das Leben, welches man alsdann führt, ist schlimmer als der Tod, und das zerstörte Ich würde dennoch sich verrathen muffen, weil es — von der Gesellschaft moralisch zurückgestoßen — sich als Feind der Gesellschaft betrachten und als solcher zu irgend einer neuen verbrecherischen That gedrängt werden müßte. Die Feindschaft intelligenter Menschen gegen die Gesellschaft ist unversöhnlich. Das Verbrechen hat ihrer Rückkehr zur Versöhnung dic Brücke abgebrochen. Die Geschichte der La Voisin wiederholt sich häufiger, als man es im Gedächtniß behält. Die Incul- paten vergessen in diesem Kamps und in dem Irrwahn, sich .mr gegen einen Kriminalisten wehren zu müssen, daß sie eine Aufgabe zu lösen haben, welche darin besteht, eine über alle Maßen glänzende Freisprechung zu erlangen. Die geistige und physische Kraft, einen solchen Kampf durchzuführen, kann nur das Selbstbewußtsein völliger Unschuld, welches die tigcnen Nerven calmirt, geben; eine Ruhe, dic im Stande ist, den irrenden Richter zu bemitleiden. Jeder Vereitlungsversuch der Entdeckung eines Verbrechens gleicht einem Kartenhaus, das ein Kranker aufbaut. Es sind nichtnormale Anstrengungen, in einem nichlnormalen Zustand begangen. Der menschliche richterliche Verstand hilft nur noch, wo ein Naturgesetz etwas Gegebenes bereits hingestellt hat. Das Gesetz der Gravitation wirkt bei der Entdeckung so gut mit, wie überall im Leben. Stehle ein Semmel, und du kannst nicht zehn Jahre der einzige Wifscr deines Diebstahls bleiben. Morde einen Menschen und bedenke, wo man Holz haut, fliegen Spähne, und Du mordest nicht mit dem Mikroskop vor den Augen! Die Mikroskopie steht aber der Untersuchung zu Gebote; Du verfällst der Mechanik und dem Organismus der Gesellschaft. Glaubst Du Dich dennoch zu retten, guter Freund, so ist das eine optische Täuschung Deinerseits! Studire den ganzen Pitaval; suche Dir aus allen Bcrbrccherkniffen und Listen die Quintessenz heraus; ein Floh, der Dich sticht im Moment deiner That, kann Dein ganzes Gebäude umstoßen, ein einziger Pulsschlag, der den hundertsten Theil einer Secunde schneller oder langsamer einsetzt, zwingt Dich, ein Indicium zu schaffen und gestehst Du nur ein, daß Du nicht in derselben Stimmung einen Mord begehst, wie Du ein Butterbrod issest, so hast Du uns auch eingestanden, daß Du selbst Dich der verdienten Strafe ausgeliefert hast, noch ehe Du hinter Schloß und Riegel sitzest. Wir haben die Ehre, uns ehrlichen Leuten und Verbrechern bestens zu empfehlen. Druil, Nerlaa und Redaktion des literarilchen Jnstnuls von l)r. M. Huttler. Nr. S8. 12. Juli 1868. Arrgsbirrger So»ntaas-BIat Nicht Alles ist an Eins gebunden, Seid nur nicht mit euch selbst im Streit! Mit Liebe endigt man, was man erfunden; Was mau gelernt, mit Sicherheit. Göth e. Clementina. III. Bor etwa zwölf Jahren war es, als einst die Todtcnglocke des Dorfes ertönte, und wie jetzt ein schwarzer Flor das Wappenschild des „großen Hauses" umhüllte. Während der größte Theil der Dorfbewohner eine Bahre begleiteten, welche sich bereits dem Fricdhof näherte, suchten die im großen Hause Zurückgebliebenen die arme Catalina zu trösten, sie, die Wittwe geworden war mit fünf Kindern, deren ältestes 13 Jahre, das jüngste ein paar Monden zählte. Heilige Mutter Gottes! rief Catalina unter Thränenströmcn aus, habe Erbarmen mit meinen armen Kindern, die auf der weiten Welt keinen Schutz mehr haben außer mir schwachem Weibe! Catalina, sagte eine der Nachbarinnen zu ihr, ängstige Dich um Gottes willen nicht so maßlos. Schutzlos und verlassen wird dein Haus nicht bleiben. Denn hast Du auch noch kleine Kinder, so wird Dein Miguel doch gar bald herangewachsen sein, und wenn er bis jetzt glcichgiltig und muthwillig war- so wird er von nun an arbeitsam und verständig sein, und Vaterstelle an seinen Geschwistern vertreten. Nein, nein, das wird er nicht, klagte Catalina, das war eben der schwerste Kummer, unter dem gestern mein armer Jgnatio seine Seele dem Herrn empfahl. Und Catalina, ihre Kinder und alle Anwesenden verdoppelten ihre Thränen und Klagen. Da erhob sich Plötzlich Miguel, der, in einem Winkel des Zimmers zusammengekauert, geweint hatte, mit der Gebcrde eines Menschen, der einen endgiltigen, festen und unumstößlichen Entschluß gefaßt hat, trocknete seine Thränen mit dem Rücken der Hand, trat vor seine Mutter und rief kraftvoll und feierlich: Mutter! meine Spiele und meine Sireiche sind zu Ende! Heute wird zum Mann, der gestern noch Knabe war. Meine Geschwister haben ihren Vater verloren, aber es ist noch ein Jemand da, so brav und arbeitsam und zärtlich, wie der Geschiedene. Jung bin ich noch, aber Gott wird mich stärken an Leib und Seele, um für Mutter und Geschwister Schutz und Trost zu sein. Mit diesen Worten trat Miguel zu dem Fenster, aus dem man nach der Anhöhe des Friedhvfs sah, über dessen Schwelle vielleicht in diesem Augenblick der Sarg seines Vaters getragen ward. Er breitete die Arme nach der Gegend des Friedhofs aus, und rief: Geliebter Vater, ruhe im Frieden im Schooßc Gottes, denn ich gelobe Dir bei dem Heile meiner Seele, daß ich Mutter und Geschwister lieben und schützen will, wie Du sie gesiedet und gcschützet hast! Catalina drückte ihren Sohn an das mütterliche Herz, und süße Thränen der Rührung mischten sich unter die herben des Schmerzes. Ich segne Dich, Herzcnssohn! rief sie aus. Möge Dir auch Gott seinen Segen 218 Heben und Dein Vater, die Beide vom Himmel Herabschauen, wie rühmlich Du Dich auf- -raffcst, um ein Hort Deiner Familie zu werden, und fleckenlos die Ehre Deines Hauses zu bewahren. Es war ein Bildniß der heiligen Jungfrau im Haus, zu dessen Schmuck Catalina bie schönsten Blumen der Flur zu verwenden Pflegte, und vor welchem beständig das reinste Wachs ihres Bienenstandes brannte. Vor diesem verehrten Bildniß warf sich jetzt Catalina auf ihre Kniee, und rief in Ler unendlichen Glaubensfülle, die sie im Herzen barg, andachtsvoll aus: Heiligste Mutter Gottes! Schenke mir noch zehn Lebensjahre, auf daß ich, ehe meine Augen sich zum letztenmal schließen, alle meine Kinder erzogen sehe. Und nach dieser Gnadenfrist, falls Du mir sie gewährst, gelobe ich mit meinen Kindern zu Deinem wundertätigen Heiligthum in Begona zu wallfahrten, und das Opfer unserer dankbaren Herzen zu Deinen Füßen zu legen. Die älteren ihrer Kinder, welche das Gelübde ihrer Mutter verstanden, knieten mit ihr vor dem heiligen Bildniß nieder, und vereinigten ihre Angelobungen mit denen Catalina's. Es war Sonntag, als Jgnatio zur Erde bestattet wurde. Kaum ließ sich des folgenden Tags das erste Läuten zur Messe hören, als sich die-Dorfbewohner bei der Kirche sammelten. Die Frauen, hier wie überall frommer als die Männer, traten, so wie sie kamen, in die Kirche, um den Rosenkranz nicht zu versäumen, der vor der Messe gebetet wurde. Die Männer dagegen standen beisammen unter den Eschen, welche den Kirchhof beschatteten, um hier auf das letzte Zeichen der Glocken zu warten. Sie schmauchten ihre Pfeifen, und besprachen die Angelegenheiten des Dorfs mit der Wichtigkeit, welche wir gleich sehen werden. „Da kommt der Herr Bürgermeister," hieß es „Es soll mich Wunder nehmen, wenn er nicht gleich eine Frcvelbuße ankündigt. Denn er kommt von den eingezäunten Landbezirken her, und dürfte gar leicht irgend einen Hag offen gefunden haben." In der That kam der Bürgermeister auf seinem Weg zur Kirche durch einen eingezäunten Bezirk von Aeckcrn und Wiesen, dessen schützender Hag nur durchkreuzt war mittelst zweier Bretter, die auf im Boden befestigten Stangen ruhten, so daß sie von innen und von außen eine Art Stiege zur Ucberschreitung des Hags bildeten. Der Bürgermeister war ein bejahrter Mann, der die ländliche Tracht und die harten schwieligen Hände mit allen Dorfbewohnern gemein hatte. Aber sein in der Regel freundlich lächelndes Gesicht sah diesmal ungemein ernst und finster aus. Schlimm genug! sagte ein gewisser Dominik. Der Bürgermeister hat alle Freundlichkeit innerhalb des Hags liegen gelassen. Guten Morgen, Herr Bürgermeister, grüßten nun alle Anwesenden, indem sie die Hand an die Mützen legten. Gott schenke Euch einen guten Morgen, erwiderte der Gegrüßte, ohne aus seiner ernsten Würde zu fallen. Dann aber wendete er sich zu Dominik, und, sagte weiter: Augenblicklich zahlst Du dem Gcrichtsdiener einen Gulden Strafe dafür, daß Du Deinen Hag im Wüstcrungsbezirk offen gelassen hast. Verzeihen Sie mir diesmal, Herr Bürgermeister! bat der niedergeschmetterte Dominik. Nicht die Rede vom Verzeihen, unterbrach der Ortsvorstehcr strenge den geängstigtcn Dominik, indem er seinen Stock gegen die Erde stieß. Nur so lernst Du auf Deinen Hag Obacht geben; und ich will nichr dulden, daß Deine Nachbarn unter Deiner Gleich- giltigkcit leid«r sollen. Wer sein Grundstück abgesondert für sich besitzt, der mag es nach Belieben offen stehen lassen, und kann es dann sich selbst zuschreiben, wenn ihm das Vieh seinen Mais abfrißt. Wer aber mit seinem Eigenthum zu einem der eingezäunten Land- Lezirke gehört, der soll nur seinen Theil am Hag fest und hübsch geschlossen halten, oder 219 Buße zahlen. So lang ich den Stab halte, habe ich noch keinen beigetrieben, aber jetzt ist mir die Geduld ausgegangen, denn ich sehe, daß cS auf andere Art mit Euch nicht besser geht. Aber Herr Bürgermeister, gerade in jenem eingezäunten Bezirk ist außer mir fast ^ Niemand bethciligt. Freilich, die zwei, sagte der Bürgermeister, indem er auf zwei Bürger Namens Cas- carabias und Aranna deutete. Glaubst Du, ihnen wird es auch recht sein, wenn ich dulde, daß Du den Haag offen lässest, und dann die Kühe und Schweine hineinkomme« und ihnen den Mais zerstampfen und auffressen? Nichts, nichts, eine» Gulden Buße, und ich will sehen, ob Du Dir die Lehre merkst. Aber, Herr Bürgermeister, wie kann ich einen Gulden zahlen, wenn ich nicht eine« Groschen baaren Geldes besitze? Du wirst schon noch einen übrigen Kessel haben, den Dir der Gerichtsdiener pfänden kann. Dominik war nahe daran, zu weinen. Kommen Sie, Herr Bürgermeister, sagte der betheiligte CaScarabiaS, schenken Sie dem armen Dominik für diesmal noch Verzeihung. Auch ich bitte darum, fügte Aranna bei. Alles, auch die Nachsicht, zu seiner Zeit; strafe ich ihn einmal, spare ich ihm hundert Bußen. Aber wir zwei sind ja die Einzigen, denen Dominiks Nachlässigkeit Schaden bringe« kann, und wenn nun wir Beide für ihn bitten. Wohlan denn, sagte der endlich Erweichte, für dieses einzige Mal sei eS vergebe«. Aber Euch, die Ihr die Honigsüßen spielt, geschieht es recht, wenn die Mucken an. Euch kommen. Der Bürgermeister wendete sich zu einer andern Gruppe, bei welcher die übrige» » Mitglieder der Gemeindebehörde sich befanden, nachdem er von Dominik und seinen zwei Fürbittern wiederholte Dankcsbezeugungen empfangen hatte. In diesem Augenblick kam Catalina mit ihrem Sohn Miguel, den Schmerz der Trauer im Antlitz wie im Anzug ausgedrückt, auf ihrem Kirchwcge vorüber. Ein paar Buben spielten um Nüsse. Miguel war immer ein so herzhafter Spieler gewesen, daß er das Spiel nicht aufgab, bis er entweder selbst alle seine Nüsse verloren, oder seinen Mitspielern alle abgewonnen hatte. Die Buben meinten wohl, Zerstreuung sei das beste Mittel gegen Betrübniß, und riefen ihrem Kameraden zu: Komm Miguel, mach' auch Eines mit! Spielet nur Ihr, die Ihr noch Knaben seid, sagte Miguel ernst, und verschwand, mit seiner Mutter in der Kirchenthüre. Wenige Augenblicke nachher ertönte das Zusammenläuten, und Alles trat in die Kirche. Das Dorf war wie ausgestorben, denn Alles war in der Kirche mit Ausnahme von höchstens einem Dutzend Frauen, die schon vor Sonnenaufgang zur Frühmesse in ein anderes nahegelegenes Dorf gegangen waren und jetzt in ihren Häusern das Essen bereiteten. Diesen Umstand wollten ein paar Kühe nicht unbenützt lassen, welche bisher aus einer nahen Anhöhe geweidet hatten. Sobald die Leute in der Kirche waren, sagten sie bei sich: „jetzt sind wir Meister", kamen gemüthlich nach der Ebene herab, schlichen durch den von Dominik offen gelassenen Hag in den eingezäunten Raum, und machten sich » hinter den Mais des Cascarabias und Aranna, so daß bald wenig mehr davon z« sehen war. Das Gebühren dieser Thiere hatte Dominik zu verantworten, denn ihm hatte sie ein wohlhabender Nachbar aus halben Gewinn in Verstellung gegeben, und sie dachten wohl, ihr jetziger Besitzer werde den Hag eigens für sie offen gelassen haben. „Fressen j, wir ihm den Mais, so kommt ihm unsere Wohlgenährtheit zu Statten, und wenn erv uns dann zum St. Michaelsmarkte nach Zolla führt, tragen wir ihm schau ein paar. Dublönchcn mehr ein." Wer nicht glaubt,- daß Dominiks Kühe also dachten, der wird mir doch auch nicht beweisen können, daß dies nicht die Logik der Thiere ist. Die Sonne sing an, hübsch warm zu machen, als auf einmal Dominiks Kühe, von Bremsen gequält, sich aufmachten und in vollem Galopp dem Dorfe zueilten, aber bei Leibe nicht durch die Oeffnung, mittelst welcher sie in die Umzäunung hinein gekommen waren, sondern sie suchten nach der entgegengesetzten Richtung am Wege abzuschneiden, und zertrampelten nun, was ihre Zähne vom Mais übrig gelassen hatten. Wer mag auch Umwege gehen, wenn ihn Bremsen stechen! Die Kühe sprangen, um aus dem eingezäunten Bezirk herauszukommen, gerade auf den der Kirche gegenüberliegenden Hag zu, und setzten, wie wenn es der Teufel so haben müßte, just in dem Augenblick lustig hinüber, als die Leute aus der Kirche kamen. Die Thiere mit gefüllten Bäuchen aus der Einzäunung hervorbrechen sehen, und an ihren sicherlich abgeweideten und zertretenen Mais denken, das war für Aranna und CaS- carabias Sache eines Augenblicks. Sich die Haare zerraufend, und Schlangen und Kröten herabfluchend, eilten sie hin, um sich von der vollkommenen Nichtigkeit ihrer Muthmaßung zu überzeugen, während der arme Dominik in einer Gemüthsverfassung zurückblieb, in welcher er alles Mögliche hätte über sich ergehen lassen, und der Herr Bürgermeister eine kleine Rede darüber hielt, wie schädlich es für Alle und Jeden sei, wenn die regierenden Personen zu mild und nachsichtig auftreten. Waren Aranna und Cascarabias schon in Verzweiflung nach ihren Grundstücken geeilt, so kamen sie in noch größerer Verzweiflung zurück, denn Dominik war mit Allem, was er hatte, nicht so viel werth, als der Mais, den feine Kühe gefressen und verdorben hatten. Nicht mit hundert Gulden, riefen sie aus, bezahlt uns Dominik den Schaden, den seine Kühe angerichtet haben. Gerechtigkeit, Herr Bürgermeister, Gerechtigkeit! Wißt Ihr, antwortete der Vorgesetzte, was ich Euch jetzt für einen Spruch geben sollte? Ich sollte sagen, wie es im Liede heißt: „Anders wolltet Jhr's nicht haben, Freut Euch Eures Willens nun." Aber das ist nur so meine Privatmeinung, dagegen die Meinung der Gerechtigkeit läuft darauf hinaus, daß Dominik schuldig ist, den von seinem Vieh angerichteten Schaden bis auf den letzten Heller zu vergüten. Aber Herr Bürgermeister, erwiderte Dominik im größten Entsetzen, ich bin ja so arm, daß ich kaum eine Bahre aufbringe, um mich todt darauf hinzustrecken. Wir werden Dir abpfändeiz, was Du hast, bis aufs Letzte. Und wenn Ihr mich, mein Weib und meine Kinder und alles, was ich im Hause habe, Pfändet, so werdet Ihr nicht die Hälfte von dem erlösen, was meine Kühe an Schaden verursacht haben sollen. Wenn Deine Nachbarn an Dir Verlust leiden, so werden sie künftig den Mund nicht austhun für Leute, die eS nicht verdienen. O ich armer Teufel! fing Dominik an zu weinen, wie wenn der Himmel über ihn einfallen wollte, wie wird es mir in diesem Unglück gehen! O daß auch Gott seinen Jgnatio zu sich nehmen mußte, der mir sonst immer in meinen Verlegenheiten geholfen hat! O, wenn nur Jgnatio noch lebte! Jgnatio lebt noch für die Armen! sagte Miguel, der vom Portal der Kirche aus mit angehört hatte, was vorging; dann trat er zu Dominik heran und sagte: Bitte den Bürgermeister, daß er Sachverständige aufstelle, um den Schaden abzuschätzen, den Deine Kühe angerichtet haben. Dann komm zu mir nach Hause und hole das Geld, das Du zahlen mußt. Kannst Du es uns dereinst heimzahlen, gut; wo nicht, so bist Du selbst am meisten zu beklagen. Trotz des feierlichen Ernstes, mit dem Miguel sprach, wußten alle Anwesenden, selbst Dominik, nicht recht, ob sie des Knaben Rede für Scherz oder Ernst nehmen sollten. Aber ihr Zweifel dauerte nicht lange, denn Catalina schloß ihren Sohn unter Thränen der Rührung und Freude in ihre Arme, indem sie ausrief: Herzenskind, so möge Dich Gottes Segen geleiten, wie Du dem Beispiel Deines Vaters folgst! Und, zu Dominik gewendet, fügte sie hinzu: Ja, Jgnatio ist nicht todt, noch lebt er in seinem Sohne. Betrachte Miguels Anerbieten als von Jgnatio ausgegangen, und zweifle nicht, daß Catalina es erfüllen wird. Thränen des Dankes und der Freude waren es, die Dominik jetzt vergoß. Cascarabias und Aranna hörten schweigend zu. Aranna, rief plötzlich Cascarabias aus, indem seine Augen feucht wurden, eia Knabe wie Miguel, soll mich wahrhaftig nicht an Edelmuth übertreffen. Ich für mein Theil mache keinen Anspruch au Dominik wegen des Schadens, den seine Kühe angerichtet haben. Zum Henker, kleiner Miguel, sagte nun seinerseits Aranna, was Edelmuth betrifft, mag ich weder hinter Dir, noch hinter irgend Einem der da lebt, zurückbleiben. Auch ich verzichte auf jeden Schadcnsanspruch. (Fortsetzung folgt.) Schiller über das Papstthum. Schiller hat sich in einem seiner Aufsätze (Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbcgebcnhciten zu den Zeiten Friedrichs I.) auf eine so denkwürdige Weise über den Geist des Papstthums und die Charakterfestigkeit der Päpste ausgesprochen, daß es von Interesse ist, diese Stelle unsern Lesern vorzuführen. Sie lautet: „Mau sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Drang der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen untreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnete selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhls und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupt. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart und Fähigkeit sein mochten, so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament, ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht cinzuflicßcn; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, verfloß in ihrer Würde und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch gekämpft wurde — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch besetzt und so stürmisch verlassen wurde, so war dieses doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zn verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." In Belgien cxistirt ein Ort Namens Gheel, dessen Einwohner seit den frühesten Zeiten des Mittelaltcrs Geisteskranke in ihre Häuser aufnehmen und Pflegen. Man gewöhnte sich dort nach und nach vollkommen an dieselben; war in ungezwungener Weise gut und sanft gegen sie und öffnete ihnen den Schooß der Familie; sie speisten 222 an demselben Tische und wurden behandelt, als ob sie zum Hause gehörten. Man gebrauchte sie auch gern zu Feldarbeiten. Es setzten sich gewisse Ueberlieferungen fest, dir Gewohnheit, die Alles mildert, milderte auch und verwischte endlich ganz den Schrecken und Widerwillen, welche die Wahnsinnige» immer den Weibern und Kindern, manchmal auch den Männern einflößen. Die besten Methoden, diese Unglücklichen zu leiten, zu pflegen und zu regieren, überlieferten sich von Geschlecht zu Geschlecht und gingen so gewissermaßen in's Blut über. Man versteht es eben, sie zu leiten und zu lenken. Ein Arzt sprach sich eines Tages zu einem Manne aus der Gegend besorgt über die Folgen aus, welche die Wuthanfälle, denen die Wahnsinnigen unterworfen sind, manchmal haben könnten. „Sie wissen nicht," antwortete der Bauer, „wie es sich mit diesen armen Leuten verhält. Ich bin nicht stark, aber mit dem Wildesten werde ich leicht fertig." Wenn die Wahnsinnigen ihre Anfälle haben, überwältigt sie der Hausvater, von den Nachbarn unterstützt, mit Leichtigkeit. Es leben in der Gemeinde Gheel und in den mit ihr zusammenhängenden Weilern, an die Familien vertheilt, nahe an tausend Irrsinnige. Ein Frcnider, dem dies unbekannt wäre, könnte sich selbst lange hin und her ergehen, ohne zu merken, daß er sich in der Hauptstadt deS Wahnsinns befinde. Es geht hier scheinbar Alles so zu, wie in andern Dörfern; durchgehcnds herrscht hier die Einförmigkeit und Ruhe des Dorfes, daß ein Vorübergehender mit Grüßen und Lächeln überaus verschwenderisch wäre, daß ein'Spaziergänger in Gedanken vertieft einherwandclte rc. rc. Aber diese Menschen mit den ungewöhnlichen Manieren haben nichts in ihrer Kleidung, Mas die besondere Aufmerksamkeit auf sich zöge; sie gleichen äußerlich ganz den übrigen Bewohnern des Dorfes. So hat ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen eine Colonie geschaffen, welche ohne eigentliches Bewußtsein seit undenklichen Zeiten die wahren Principien der Heilkunst für Geisteskranke anwendet. Jene Principien sind als bewußte Entdeckung noch neu und machen den Namen Pinel unsterblich, der anf den uns heute so einfach erscheinenden Gedanken kam, daß es, um kranke Phantasieen zu heilen, vielleicht nicht das beste Mittel sei, die Kranken fortwährend an ihre Krankheit zu erinnern, das Gefühl der Krankheit Tag und Nacht durch den Anblick grober Wächter, durch den Lärm der Ketten und Riegel zu verdoppeln; daß eine Behandlung, die einen gesunden und ganz vernünftigen Menschen wahnsinnig machen müßte, offenbar nicht geeignet sei, einen wirklich Wahnsinnigen zu heilen. Er befreite daher die seiner Pflege anvertrauten Geisteskranken von allen Beschränkungen und ging daran, sie von der größern Zwangsjacke von Stein, d. i. von den einschließenden Mauern zu befreien. Der Streit zwischen den Anhängern der geschlossenen Irrenhäuser und des Systems von Gheel steht gerade jetzt in voller Blüthe. (Ein origineller Schwindel.) Folgender interessanter Schwindel wurde vor einigen Tagen in Paris verübt. Bei einem Goldarbeitcr V. in Faubourg St. Germain fuhr eines Tages ein elegant gekleideter junger Mann, in elegantem Wagen und von einem Diener begleitet, vor. Er hätte, sagte er, einige Gcburtstags-Geschenke zu machen. „Bedienen Sie mich gut und gewissenhaft," bemerkte er, „denn ich werde Ihr Nachbar merden. Ich bin erst vor einigen Tagen mit meiner Familie hier angekommen; wir bleiben in Paris; ich verheirathe mich nächstens und werde also ein guter Kunde von Ihnen sein!" Der Juwelier breitete Schmuckgegenstände aller Art aus; der junge Herr prüfte sie, verhandelte den Preis und traf seine Wahl. Auf sein Verlangen wurde die Rechnung geschrieben, die sich auf 3500 Francs belicf, und die ihm mit den Sachen zugeschickt werden sollte. Darauf wollte er sich empfehlen, sich besinnend, bemerkte er jedoch: „Apropos, ich brauche auch noch eine Stutzuhr für meine Mutter!" Er wählte solche aus und sagte dann im Fortgehen: „Ich erwarte Sie in einer Stunde!" — Herr V., von einem Commis begleitet, begibt sich zur bestimmten Zeit nach der bezeichneten Wohnung; sie befindet sich iu der Bel-Etage eines vornehmen Hauses. Beide treten ein und 223 finden den jungen Herrn im Borzimmer, das er zu vermessen scheint. Er schien verlegen, daß man ihn dabei überraschte, schalt über die Nachlässigkeit der Dienerschaft und bat den Goldarbeiter, einen Augenblick zu warten, während er seine Ankunft der Mutter melden werde, der er zuerst die Uhr zeigen wolle. Er nahm letztere und trat in den Salon ein, dessen Thüre er halb offen ließ, wie auch die eines zweiten Zimmers. „Hier ist Deine Uhr, liebe Mutter, einfach, aber geschmackvoll, wie Du sie gewünscht hast!" — „Die ist noch viel zu schön," antwortete eine Frauenstimme, „hast Du nichts für Deine Schwester gekauft?" — „Ja wohl, Mutter, Du magst Dein Urtheil darüber sagen, ich werde es Dir mit der Rechnung zeigen!" — «Sehr schön, ich sehe wohl, Du Schelm, daß ich einen guten Theil derselben zahlen soll." Der junge Mann kam mit der Uhr zum Goldarbcitcr zurück, der das ganze Gespräch angehört hatte. „Meine Mutter ist sehr gut gelaunt, << sagte er, „ich wünsche nur, daß sie meine Wahl genehmigt und besonders, daß sie selber bezahlt." Es werden ihm die Schmucksachcn übergeben, und er geht zur Mutter zurück, die Thür immer halb geöffnet lassend. Die Mutter fand Alles sehr schön. „Indessen," bemerkte sie, „wollen wir doch auch den Geschmack Deiner Schwester hören; rufe sie!" — „Aber, liebe Mama, ich wollte ihr ja eine Uebcrraschung bereiten." — „Nein, nein, rufe sie nur!" verlangte die Frauenstimme. Zum zweite» Male herauskommend, sagte der junge Mann zum Goldarbcitcr: „Das ist die Laune einer alten Frau, ich muß meine Schwester rufen." Darauf ging er zum Vorzimmer hinaus. Eine halbe Stunde vergeht, er kommt nicht zurück; die beiden Goldarbeiter werden ungeduldig und machen Geräusch, um die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu ziehen; Alles bleibt still. Endlich treten sie in den Salon, den sie ohne Möbel finden, sie gehen durch alle Zimmer, sehen aber keinen Menschen; und doch ist kein Ausgang vorhanden, aus dem die Mutter hätte fortgehen können. Vom Portier erfahren sie darauf, daß der junge Herr soeben fortgegangen sei, die Wohnung habe er noch nicht fest gemiethet, weil er sich erst überzeugen wollte, ob er alle seine Möbel nach Wunsch werde placiren können; darum sei er seit zwei Tagen beschäftigt, alle Räume zu vermessen. Die beiden Goldarbcitcr hatte der Portier für Tapezierer gehalten, die der junge Mann angeblich erwartete Der Geniestreich des schlauen Gauners war gelungen, der Goldarbeiter um seine Schmucksachen betrogen. Was aber war aus der Person geworden, welche die Rolle der Mutter gespielt hat? Das Räthsel ist leicht gelöst, der Gauner verstand die Bauchrcdckunst und hatte vortrefflich die Stimme der alten Dame nachgemacht, welche V. und sein Commis gehört hatten. Ueber die eigenthümliche leim- oder vielmehr hornühnliche Masse, aus welcher die eßbaren Nester der indischen S al angan-Schw albe oder Collocalia bestehen, herrschten bisher verschiedene Ansichten. Dr. Bernstein hat nun durch seine anatomischen Untersuchungen nachgewiesen, daß die Speicheldrüsen der Salanganen, besonders die Slimckulnv iuiIiIinKunloü, zur Zeit des Nestbaues eine enorme Entwickelung zeigen, und dargcthan, daß das Sccret dieser Drüsen einzig und allein den Stoff zum Nestbau liefert, wenn auch die verschiedenen Collocalia-Spccies, unter denen 0. nickitivn und sucipka^n die verbreitetstcn sind, in etwas abweichender Weise verfahren. Er sagt hierüber: „Wenn man zur Zeit des Nestbaues den Schnabel des Vogels öffnet, so erscheinen die Speicheldrüsen als zwei große, zur Seite der Zunge liegende Wülste. Sie scheiden in reichlicher Menge einen dicken, zähen Schleim ab, der sich im vorderen Theile des Mundes, in der Nähe der Ausführungs-Gänge der genannten Drüsen, unterhalb der Zunge ansammelt. Dieser Schleim, oder eigentlich Speichel, hat viele Achnlichkcit mit einer concentrirten Lösung von arabischem Gummi und ist, gleich, diesem, so zähe, daß man ihn in ziemlich langen Fäden aus dem Munde herausziehen kann. An der Luft trocknet er bald em und ist dann in nichts von jenem eigenthümlichen Neststoff verschieden. Auch unter dem Mikroskop verhält er sich wie dieser. Wenn nun die Vögel mit der Anlage ihres Nestes beginnen wollen, so fliegen sie wiederholt gegen die hierzu gewählte Stelle an und drücken hierbei mit der Spitze der Zunge ihren Speichel an das Gestein. Dies thuen sie oft 10 — 20 Mal hinter einander, ohne sich inzwischen mehr als einige Ellen zu entfernen. Mithin holen sie den Baustoff nicht jedesmal erst herbei, sondern haben ihn in größerer, sich schnell wieder sammelnder Menge bei sich. Die Anfangs dickflüssige Masse verdunstet und verhärtet bald, und bildet so eine feste Grundlage für das weiter zu bauende Nest. Oollooaliu lueipltassu bedient sich hierzu verschiedener Pflanzentheile, Grashalme, Blattstengel, Flechten (vsncm plicatn), die sie mehr oder weniger mit ihrem Speichel überzieht und verbindet; tolloeslia nickilica dagegen führt mit dem Auftragen des Speichels allein fort. Sie klammert sich dann, je mehr der Nestbau fortschreitet, an dasselbe an, und indem sie unter abwechselnden Seitwärtsbewegungen des Kopfes den Speichel auf den Rand des schon bestehenden und verhärteten Nesttheiles aufträgt, entstehen jene wellenförmigen Querstreifen, die dem Neste das Aussehen geben, als wäre es aus Algenfäden oder Tangstrcifen zusammengesetzt. (Stud entcn-Aug en.) Dr. Kohn, Augenarzt in Breslau, bekannt als Verfasser der Schrift: „Untersucyungen der Augen von 10,060 Schulkindern :c., Leipzig 1867," veröffentlicht nun eine Untersuchung der Augen von 410 Breslauer Univcrsitäts- Studenten, welche höchst werthvolle Beiträge zur statistischen Kenntniß des Gesundhcits- Zustandcs sogenannter gesunder, jugendlicher Augen enthält. — Am zahlreichsten ließen sich die katholischen Theologen, am spärlichsten die Juristen untersuchen; im Ganzen 42,ü Perccnt aller Breslauer Univcrsitäts-Studenten, deren 964 immatriculirt sind. Das Resultat der vorgenommenen Untersuchung zeigt, daß fast zwei Drittel der Untersuchten kurzsichtig und kaum ein Drittel normalsichtig waren. — Kurzsichtigkeit ist also weitaus das häufigste Angcnübcl unter den Studenten. — Eine interessante Tabelle Kohn's lehrt, „wie viele Brillen von den Studenten unrichtig gewählt werden," so daß sie durch dieselben ihren Augen geradezu schaden. Als Mittel, der enormen Verbreitung der Kurzsichtigkeit unter der studirenden Jugend Einhalt zu thun, bringt der Verfasser in Erinnerung: verständige Schulhygiene in den Volks- und Mittelschulen, dann unter den Universitäts - Einrichtungen: große Fenster zur Linken der Studirenden: bequeme und kvrpcrgcrcchte Subsellien und eine gute Gasbeleuchtung für die Abendvorlesungen (Eylin- derbrenner mit Glocken und Schirmen); endlich in jedem Semester populäre Vorlesungen Aber die Diätetik der Augen für alle Studenten. Charade. sAuS zwei einsilbigen Wörtern.) Tief unterm Ersten steht Fast überall das Zweite, Worauf bald früh bald spät, Oft reich' oft arme Lenk, Die wieder unterm Ersten steh'«, In Ruf und Arbeit sind zu seh'n, — Nah' unterm Ersten steht Das Ganze, das ich meine, Das keinen Schritt uns geht, Weil leblos gleich dem Steine; Das wie das Zweite nicht sich regt, lind ricsenstark das Erste trägt. Auflösung der Charade in Nro. 26: Brieftasche. Druck, Derlva und ReLLkticu deö litcrarischen InsiuutS von Vr. M. Hvrtler. Nr. 83 19. Juli 1868. Angsburgee on Versuchs und überlreibs einmal, Gleich ist die Welt von Dir entzückt; Das Grenzenlose beißt genial, WLr's auch nur grenzenlos verrückt. Paul Heyse. Clementi»«. IV. Die Sonne war im Begriff, hinter den das Thal beherrschenden Anhöhen nieder- jagchen. . Es war der Vorabend des St. Antons-Festes, und ein außerordentliches Leben war in dem Dorfe, welchem unaufhörlich neue Fremdlinge zuströmten. Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient ein hübscher junger Mann, der auf einem stattlichen Rappen, die Büchse am Sattelbogen befestigt, vor des Bürgermeisters Wohnung abstieg. Die Glocken läuteten fröhlich zusammen, und nicht minder fröhlich ertönten das Tamburin auf dem Kirchplatze. Tamburin und Glocken verkündeten das Fest des folgenden Tages. Von Dilbäo und Portugaleta kamen die Landmädchcn in Menge mit Körben voller Mundvorräihe auf den Köpfen. > Die Häuser des Dorfes glänzten blankgcschcuert, und fast in einem jeden siel ein Lamm als Festopfer. Die Metzig des Ortes, in welcher sonst nur Sonntags eine Kuh geschlachtet wird, erlebte an diesem Tag den Opfertod von zwei der trefflichsten Mastochsen, die sich iu den fruchtbaren Ebenen des Durango ihrem Sterben zufütteru. Verschiedene Häuser zeigten über der Thür den frischgcpftückten Zweig vom Erdbeer- baum, um den Anstich eines frischen Fasses Landwein anzuzeigen. Eine Koppel von sechs Maulthieren war vor der Schenke des Dorfes angekommen, und hatte ein Dutzend Schläuche voll Schiller abgeladen, während sonst zu ihrer Versorgung ein Paar Schläuche vollauf genügten. Und um endlich den Ton des fröhlichen BildcS, das wir zeichnen, in Etwas hcrab- zustimmen, — auch eine Menge Blinder, Lahmer und Krüppel schleppten sich dem Dorfe zu, in der Hoffnung, deS folgenden Tags eine kleine Erndte zu halten auf Kosten der allgemeinen Mildthätigkeit. Mitten in dem Glücke und der Freude, welche die baskischcn Wallfahrts-Fcsie beleben, betrübt man sich herzlich über das Schauspiel, welches dabei die Hunderte von Bettlern darbieten. Wahrlich, ihr Geschrei bildet einen traurigen Gegensatz zu dem fröhliche» - Geläute der Glocken, den lustigen Klängen des Tamburin und den Jubelrufen der Fcstbesucher. , Und gibt es denn in diesem Land keine Möglichkeit einer Gesetzgebung, die diesem ^ traurigen Schauspiel ein Ende machen könntp? Sie sei, wie sie wolle: in den Herze» dieser edlen Bergbewohner ist die Wohlthätigkeit so tief gewurzelt, daß keine menschliche» Gesetze sie abhalten können, dem Armen, der an ihrer Thüre klopft, den Schutz ihrer ' Gastfreundschaft zu gewähren. Und wenn ihr ihnen sagt: „ihr beobachtet die Gesetze des Landes, indem ihr die Bettler zurückweiset." so antworten sie euch: „Gottes Gesetz. > erfüllen wir, indem wir sie aufnehmen." 226 Das Dorf, in welchem icy dieses schreibe, zählt dreihundert Bürger; unter den Bewohnern sind kaum zwei oder drei Personen — und diese bejahrt, ohne Familie und Verwandte, — welche von der öffentlichen Mildthätigkeit leben. Dcmungeachtct sehe ich von Tag zu Tag Bettler aus Castilien, oder aus den Gebirgen von Santandcr und Asturicn von Thüre zu Thüre gehen. Und der Bürgermeister, welcher verpflichtet ist, das Almosenbitten nur den eigentlichen Lrtsarmcn zu gestatten, ist der Erste, welcher dem fremden Bettler einen Platz an seinem Heerde, und ein Stück Brod von seinem Tische gewährt. Denn er sagt, mit einer Logik, welche ein edles Herz wenigstens nicht mit Unwillen zurückzuweisen vermag: „Wie kann ich den Stab der Gerechtigkeit aufheben gegen das Haupt des armen Greises, der vor der Thüre meines Hauses mein Erbarmen ansteht im Namen Gottes und meiner Ahnen, die vorn Himmel auf mich uiederschauen?" Endlich brach er an, der heißersehnte Festtag des heiligen Antonius, und die Freude, die Unruhe, die Bewegung; das Leben in dem sonst so ruhigen und einsamen Dorfe stiegen von Stunde zu Stunde. Schon mit Tagesanbruch erhob sich von allen Herden in lustigen Ringen der Rauch, welcher das Dörfchen und seine Gemarkung in eine geheimnißvolle kleine Wolke hüllte. Durch die benachbarten Wälder und Fluren nahcte sich noch eine große Anzahl Fremder, und das Tamburin verkündete den Sonnenaufgang vor den Häusern des Bürgermeisters, des Pfarrers und des Majoratshcrrn, während die Kirchcnglockcn fröhlich dazwischen hinein klangen. Catalina und ihre Kinder waren aufgestanden, bevor noch die Bögcl ihren Morgengesang in den Zweigen des Nußbaumwaldcs angestimmt hatten. Clementina unterstützte ihre Mutter bei den häuslichen Arbeiten, die an einem solchen Tage außergewöhnlich groß waren. Sie war jetzt eine Jungfrau von sechszchn Jahren, deren Anmuth und Schönheit die Freude der Mutter, das Eutzücken der Jünglinge im Dorfe bildete. Als es zum ersten Male zur Frühmesse läutete, welche ein Geistlicher von Vilbäo heute las, erhöhte Clementina ihre natürlichen Reize durch ihren schönsten Anzug, und begab sich dann mit der Mutter zur Kirche. Ich glaube, sie nahui die Herzen aller jungen Bursche mit, die unter der Kirchenthürc das dritte und letzte Zeichen erwarteten, um zum Gottesdienst in den Tempel zu treten. Der junge Mann, den wir Abends zuvor auf seinem Rappen und mit seiner Büchse in's Dorf reiten sahen, stand unter dem Portal. Sowie er Clementina erblickte, reichte er ihr das Weihwasser. Das Mädchen nahui die Freundlichkeit an, während die Farbe der Rose ihre braunen Wangen überzog, und ihre großen schwarzen Augen im Glanz der Freude blitzten. Einige Stunden später waren Catalina mit ihren übrigen Kindern, wie die meisten Bewohner des Dorfes, im Hauptgottcsdienst, während Clementina das Haus besorgte. Der junge Mann mit dem Rappen wandelte in der Nähe des „großen Hauses" auf und ab, bis der Zufall es fügte, daß Clementina auf dem Balcon erschien. Kaum hatte er sie erblickt, als er herbeieilte, sie zu begrüßen. Hat man Sie ganz allein zu Hause gelassen? Ja; Mutter und Geschwister sind in der Kirche. Kommen Sie heute Abend zum Tanz? Ich weiß nicht, ob es die Mutter erlauben wird. Es wird mir schmerzlich leid sein, wenn Sie nicht kommen. ' Dank für den freundlichen Wunsch. Keinen Dank, denn mein Wunsch ist so eigennützig. Wie so? Weil ich keine Freude haben werde ohne Sie. Und warum das? Ich werde nicht zum Tanze gehen, wenn Sie nicht kommen. O, wie falsch sind die Männer! Ich bin es nicht. So weit waren Clementina und der Fremde in ihrem Zwiegespräch gekommen, als die Leute anfingen, die Kirche zu verlassen. Der Fremdling beeilte sich, beizufügen: Und wenn Sie zum Tanze kommen, werde ich das Glück haben, mit Ihnen zu tanzen? Das Glück wird auf meiner Seite sein, antwortete Clementina treuherzig, und zog sich vom Balcon zurück. Viele der Fremden waren heute Gäste am Mittagstische des Majoratsherrn. Das Mahl ging zu Ende; Fröhlichkeit strahlte auf allen Gesichtern. Nur Catalina und ihre Kinder gedachten mit Wehmuth früherer Zeiten, wo der Geschiedene, der jetzt auf dem nahen, vom Speisezimmer aus zu erblickenden Friedhof in ewigem Schlummer ruhte, auf dem Platze saß, den jetzt sein Sohn Miguel einnehmen mußte. Unter den Gästen war mehr als Einer, der gesehen hatte, wie der Fremde Clemen- tina das Weihwasser bot. Sie war daher der Gegenstand mancher unschuldigen Scherze, welche sie gleichwohl nicht anhören konnte, ohne verwirrt und voll Beschämung die Augen zu Boden zu senken. Wer ist denn dieser Fremdling? fragte ein Bruder des verstorbenen Ignatio, ein Bürger von Bilbäo, der sich unter den Gästen befand. Ich weiß es nicht, erwiderte Miguel. Er ist im Haus des Bürgermeisters abgestiegen, und man nennt ihn Don Juanito. Ich frage darum, setzte der von Bilbao hinzu, weil ich mich zu erinnern glaube, daß ich ihn in unserer Stadt mehrmals mit einer Dame gesehen habe. Mit einer jungen? fragte Clementina. Jungen und hübschen, antwortete ihr Oheim; und das Gespräch wendete sich einem andern Gegenstände zu, nachdem Clementina's Frage noch einige scherzhafte, wiewohl gutmüthige und wohlwollende Bemerkungen hervorgerufen hatte. Clementina wurde immer nachdenklicher und trauriger. Der Abend kam heran; aus dem Kirchplatz ertönte bereits ohne Unterlaß das Tamburin, man tanzte, was man konnte, Leben und Eifer waren außerordentlich. Auch Clementina tanzte — mit Don Juanito, dem Fremdling. Zwischen den einzelnen Tänzen unterhielten sie sich mit einander. Wir wissen nicht, was der Fremde zu Clementina sagte; gewiß ist nur, daß sie erröthend die Augen niederschlug, in welchen gleichwohl der Strahl der Freude funkelte. Schon dämmerte es; Leben und Lust auf dem Tanzplatze erreichten ihren Gipfel. Da läutete die Glocke zum Gebet. Das Tamburin schwieg, der Tanz hielt inne; die Männer nahmen ihre Mützen ab, und sie wie die Frauen unbeweglich und schweigend, beteten ihr Ave Maria. Die Lustbarkeit des Tages war zu Ende. Die Festbesucher zerstreuten sich nach allen Richtungen, unter frohen Liedern und betäubenden Jauchzern. Die Mutter wird mich wohl schon suchen, sagte Clementina zu Juanito, im Begriff, von ihm Abschied zu nehmen. Werden Sie beständig und treu bleiben? fragte der Fremde. Sie werden es weniger sein, als ich. Ich? bis zum Tode. Ja, bis Sie mir den Rücken gewendet haben. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie das Sprichwort sagt. Clementina, Ihr Zweifel an meinem Wort beleidigt mich. So wie mein Oheim Sie wieder mit der junger, schönen Dame siebt, sagt er mir Alles. 228 Ich habe schon gesagt, daß Ihr Ohrim fic täuscht. Wirklich? Ich schwöre es. O betrügen Sie mich nicht. Himmel und Erde mögen lügen, bevor mein Wort sich als falsch erweist. Gut denn. Kommen Sie bald wieder hicher. Wie kann ich anders, da ich meine Seele hier laste? Gehen Sie, Spötter! Clcmentina, komm, es ist Zeit, sagte in diesem Augenblicke Catalina, welche in der That ihre Tochter suchte, und ihrer gerade eben ansichtig wurde. Dou Juanito drückte Clementina's Hand zum Abschied. Sie gab ihm eine schöne Nelke, die sie zwischen den Lippen hielt, und um welche er sie schon vergeblich gebeten hatte, und eilte davon, um mit ihrer Mutter zu gehen. Don Juanito suchte den Bürgermeister auf, welcher, begleitet von den übrigen Gerichtsleuten, unter den Tamburin- Klängen eines fröhlichen Marsches den Fcstplatz verließ. V. Es war ein Jahr später. Der Tag war ungemein heiß; denn der Juni ging seinem Ende zu. Catalina und ihre Kinder gingen zu Tische in einem schönen und kühlen Speise- Zimmer, welches gegen Norden einen Balcon hatte, der von einer prachtvollen Reblanbt überdacht war. Auf dem Balcon saß Clcmentina und nähte. Nun, Tochter, sagte Catalina, laß das Nähen und komm zum Esten. Mutter, esset Ihr, ich habe keine Lust, erwiderte Clcmentina traurig, ohne ihren Platz zu verlassen. Aber willst Du denn von der Lust leben, wie ein Hamulerc? Was kann ich thun, Mutter, wenn ich keine Eßlust habe? Liebe Mutter, sagte Miguel, so sehr und oft uns auch der Arzt versichern mag, daß die Schwester nicht eigentlich krank ist, ich glaube, daß sie es ist, und daß man einen andern Arzt holen sollte, sie zu besuchen. Wir wollen sie nach Alonsotegui führen. (In diesem Orte lebt ein Arzt, Namen- Arregui, von dessen Leistungen man sich im westlichen Theile Biscaya's Wunder erzählt.) Clcmentina hörte der Mutter und dem Bruder gleichzeitig zu. Nun, Tochter, was sagst Du zu Deines Bruders Plan? Ich mag nicht nach Alonsotegui gehen, denn es würde mich nur furchtsam und traurig machen, durch jene Einöden am Ufer deS Cadagua hinzuziehen. Aber für Dich ist ja Lust und Trauer einerlei. Das St. Antons-Fest letzthin war ja äußerst fröhlich, und dennoch gab es kein Mittel, Dich zum Tanzen oder Lachen zu bringen. Clementina's Augen füllten sich mit Thränen. Sie trocknete dieselben an ihrer Näherei, indem sie sich den Anschein gab, als neige fic das Gesicht, um mit ihren schönen weißen Zähnen den Faden abzubeißen. Nun denn, Mutter, fuhr Miguel fort, wenn sie nicht nach Alonsotegui mag, fv wird es das Beste sein, sie nach Bilbäv zu führen. Clcmentina fuhr zusammen, als ihr Bruder den Namen der „unbesiegten" Basken- Stadt aussprach, und ihre Augen glänzten vor Freude. WaS sagst Du, Kind? Willst Du nach Bilbäo gehen? Ja, Mutter, denn dort werde ich, wenn ich mich auch nicht erhole, wenigstens den Oheim und die Seinigcn sehen, die mich so wohl mögen. Nun, so höre. Als Euer Vater selig starb, gelobte ich der heiligen Jungfran, mit i 229 Euch zu ihrem Altar in Begonna zu wallfahrten, wenn um ihrer Fürbitte willen, mir der Herr noch zehn Lebensjahre schenken würde, um Euch zu erziehen. Die zehn Jahre find nächstens vorüber, und ich will mein Gelübde erfüllen. In 14 Tagen wird das Fest der Mutter GotteS von Begonna sein; auf diesen Tag wollen wir alle miteinander nach BilbLo gehen. Bei der Gelegenheit wollen wir einen vorzüglichen Arzt zu Rathe ziehen, und Du kannst dann noch eine Zeit lang bei unsern Verwandten bleiben, um Dich zu zerstreuen und zu erholen. Wie gefällt Dir mein Plan? O wie sehr, liebe Mutter! erwiderte Clemcntina, die mit einem Male ihre frühere Heiterkeit wieder erlangte. Sie war in der That zu bedauern. Ihr Gesicht, sonst so rosig, freudevoll und blühend, zeigte die Spur tiefer Leiden, deren eigentlichen Grund der bescheidene Dorsarzd vergeblich zu errathen suchte. Aber um Gotteswillen, hatte Caialina oft zu ihm gesagt, können Sie mir denn gar nicht sagen, was meiner Tochter fehlt, daß sie so aus den Kleidern fällt, und immer voll der Traurigkeit des Todes ist? Der Arzt erwiderte, Clemcntina kränkle eben an einem Nervenleiden. Ach, was diese Nervenleiden so heimtückisch sind! Ja, in der That, höchst heimtückisch! Aber gibt es denn gar kein Mittel dagegen? Was kann man da sagen! Lindenblüthenthee, mäßige Bewegung und Zerstreuung, dieß ist Alles, was ich für Clemcntina empfehlen kann. Doch nein, ich irre mich; etwas Anderes wäre noch bester für sie. . . Und was? Heirathen. Ja, da kommen Sie meinem Kinde eben recht. Es ist ja säst kein junger Mann «ehr im Dorfe, den sie nicht mit einem Korbe heimgeschickt hätte. (Fortsetzung folgt.- Das Barometer als Wetterglas. Jeder, dem ein Barometer zur Beobachtung zu Gebote steht, fragt dasselbe um Rath, wenn ihm daran gelegen ist, die bevorstehende Witterung zu erfahren. Es geschieht dirs mit Recht. Denn auf das Fallen des Barouieters folgt durchschnittlich Regen, dagegen auf das Steigen desselben in der Regel schönes Wetter. So wohl dies Jedem bekannt ist, so misten doch Manche nicht., warum es so geschieht. Wir wollen suchen, die Sache zu erklären. In unserem Klima sind zwei Windrichtungen vorherrschend, die Richtung von Nordost nach Südwest und jene von Südwcst nach Nordost. Der von Nordost kommende Luststrom ist kalt, schwer und trocken, der von Südwest wehende dagegen warm, leicht und feucht. Haben wir Nordostwind, so wird darum das Barometer hoch stehen «nd der Himmel klar sein. Denn kalte Luft ist dichter und darum schwerer als warme und in trockner Luft können sich keine Regenwolken bilden. Weht dagegen der Wind aus Südwcst, so steht das Barometer tief und der Himuiel ist trüb; denn warme Luft ist minder dicht und darum leichter als kalte und in feuchter Luft kann sich Regen bilden. Die durch den ganz unregelmäßigen Wechsel dieser Winde bedingten verschiedenen Barometerstände nennt man die unregelmäßigen Schwankungen des Barometers. Bei einiger Aufmerksamkeit auf den Gang des Barometers kann man aber auch leicht r c» gelmäßige Schwankungen untcrsäeidcn und zwar sowohl tägliche als jährliche, die bedingt sind durch das periodische Steigen und Sinken der Temperatur. Da Kälte die Lust verdichtet, also schwerer macht, Wärme dagegen sie ausdehnt und darum leichter macht, so muß nicht nur im Winter daS Barometer im Allgemeinen höher stehen M 230 im Sommer, sondern in der Regel auch am Morgen höher als am Nachmittag. DaS ^ tägliche Fallen und Steigen des Barometers correspondirt genau mit dem täglichen Steigen und Fallen des Thermometers, so zwar, daß während in der Zeit vom Morgen bis zum Mittag das Thermometer wegen der allmähligen Erhöhung der Lufttemperatur steigt, daS Barometer aus demselben Grunde fällt. Während z. B. bei uns im mittleren Deutschland von früh 6 Uhr bis Nachmittags 2 Uhr das Thermometer im » Frühling um 5,940 R, steigt, fällt das Barometer im Mittel um 0,27 par. Linien. Im Sommer beträgt das Steigen des Thermometers etwas mehr und zwar im Mittel 6,130 R. Darum fällt in dieser Jahreszeit das Barometer auch etwas mehr und zwar im Mittel um 0,29 par. Linien. Im Herbste steigt das Thermometer von früh 6 Uhr bis Nachmittag 2 Uhr durchschnittlich nur um 4,6?o R. Darum sehen wir auch das Barometer in dieser Jahreszeit nur um 0,20 par. Linien fallen. Während endlich im Winter das Thermometer von früh bis Mittag nur noch um 2 ,550 R. steigt, fällt das Barometer auch nur um 0,09 par. Linien. Diese Zahlen, welche das Mittel aus zwölfjährigen sehr genauen Beobachtungen sind, zeigen, wie genau der periodische tägliche Gang des Barometers mit dem des Thermometers übereinstimmt. Dieser Zusammenhang zwischen dem täglichen Gange des Barometers und Thermometers gestattet eine sehr schöne und sichere praktische Anwendung. Denn mau kann dadurch mit großer Sicherheit die Beschaffenheit des Wetters während des Nachmittags im Voraus erkennen. Steht nemlich das Barometer Nachmittags um 2 Uhr (oder noch zuverläßiger Nachmittags um 4 Uhr) höher als Morgens um 6 Uhr (oder beziehungsweise als Morgens um 10 Uhr), so ist für den weiteren Umlauf des Nachmittags kein Regen zu befürchten, die Wolken mögen noch so regendrohend aussehen. Diese fast untrügliche Regel gründet sich daraus, daß, wofern das Barometer am Nachmittag höher steht als am Morgen, die Ursache davon nur die sein kann, daß Nordvstwind zu wehen anfängt, wodurch das gegen Mittag gewöhnlich stattfindende Sinken des Barometers in ein Steigen umgewandelt wird. Ist dagegen das Barometer bis zum Nachmittag > mehr gesunken, als obige Zahlen für die einzelnen Jahreszeiten angebeu, so ist dies ein Zeichen, daß Südwest-, also Regen-Wind weht. Doch läßt sich daraus allein noch nicht der sichere Schluß ziehen, daß der Nachmittag noch Regen bringt. Erst wenn man für den Beobachtungsort ermittelt hat, um wie viel der Barometer über jene Zahlen gesunken sein muß, wenn es regnen soll, kaun man auf Regen rechnen. — Die Gefarrgennehmurrg des hl. Vaters Pius H Zwar sind die Urtheile Gottes unergründlich und unerforschlich seine Wege, dcmun- geachtet offenbart uns der barmherzige Gott manchmal seine Gerichte so anschaulich, daß wir den Finger Gottes nothwendig erkennen müssen. Einen klaren Beweis dieser göttlichen Vorsehung finden wir in Napoleons letzten Lebensjahren und sein trauriges Schicksal schärft uns neuerdings ein:,, Berühret meine Gesalbten nicht!" — Napoleon schloß den heiligen Vater im Schloße Fontaineblau ein, um ihn zur Abtretung des Kirchenstaates zu vermögen, und seht die Hand deS Herrn: Im nämlichen Schloße mußte er selbst dem Kaiserthum entsagen: Napoleon hielt das Kirchenhaupt an zwei Orten gefangen, und auch er wurde an zwei Orten, zu Elba und Set. Helena gefangen. Kürzere Zeit hielt Napoleon den hl. Vater zuSavona länger aber in Fontainebleau gefangen. Mit welchem Maß er ausmaß, mit dem nämlichen wurde ihm vergolten, denn auch er wurde auf der Insel Elba mit kürzerer und auf Set Helena mit längerer Gefangenschaft bestraft. Sieben Jahre hatte Napoleon die Säule der Grundfeste der Wahrheit, um sie zu stürzen, der Freiheit beraubt, und auch er brachte sieben Jahre in der Gefangenschaft zu. Endlich damit die himmlische Braut Christi vor der ganzen Welt verherrlichet 231 wkrde, wurde Derjenige, welcher den Ftlsm bezwingen wollte, durch ein gerechtes Urtheil Gottes von dem Felsen Helena zu dem schrecklichen Richter-Stuhle gerufen und zwar: am L. Mai dem Namensfest des Nachfolgers Petrus. (PiuS.) Bei dem Tode Pius Vlk. Als Pius nach errung'ner Martyr-Krone, Die Irdische vertauscht mit ew'ger Ehre, Begrüßter, freudig ihn des Himmels Heere, Und führten ihn bekränzt zu Gottes - Throne. Und als er vor dem Vater stand und Sohne, Sprach Gott zu ihm: Du hast durch That und Lehre Und Dulden mir gedient; darum gewähre Ich jede Deiner Bitten Dir zum Lohne. Und vor dem Thron des Lichts sank Pius nieder, Verhüllt' sein Antlitz und erhob es wieder Und sprach: Willst Du, o Herr, das erste Bitten Des letzen Deiner Knechte jetzt erfüllen, O 10 vergieb dem Mann*) durch besten Willen Auf Erden ich so viel für Dich gelitten. *)Dieser eiserne Mann konnte selbst dem Eindrucke der im obigen Sonett so schön geschil- derten christlichen Milde und Liebe des edelsten PiuS nicht widerstehen, und nannte ihn auf St. Helena „un bon. ,I »xneitu, Ull veriisblo komme zöairz öunnzstKNU rrjirvA rag «L Drrlag und Hkdakrt-n des lit-rrartschün Iasriruts von vi-, M. Hntttre, 26 . Juli 1868 , MrgsbWrger Schuld oder Leid des Herzeus bringt plötzliches Entfärben, Ein tödtlichcs Erschrecken wie Vorgefühl zu sterben. Ein brüderlich Erbarmen muß ein solcher Mensch erwerben. Johannes Schrott. Znm allgemeinen Concil 186 S.N) Herbei ihr Völker vom Erdenrund, Herbei zum heiligen Throne; Es soll euch werden aus heiligem Mund Ein Wort vom ewigen Sohne. Und der es euch kündet, das ist ein Greis Im Hohcnpriestcr-Talarc; Sein würdige? Haupt strahlt silberweiß, Ergraut im Dienst am Altare. Um ihn sich schaaren zum heiligen Krieg Die gesalbten Hirten der Kirche Auf daß ihnen werde der Wahrheit Sieg, Und der Wolf die Herde nicht würge. Des heiligen Geistes ewiges Wort, Das ist ihr theueres Erbe, Womit sie schützen den „Felsenhort" Und das Volk, daß es nimmer vcrd.rbc. Sehet Pins dort der Kirche Haupt, Das Christus nimmer verlassen, Der verlassen nun hat, die ihn beraubt, — Die Räuber — sie müssen erblassen! Sie haben gebrochen den heiligen Eid, Als Christen und christliche Fürsten, Sie wandeln nun auf der Straße breit, — Nach der Tempel Schätze sie dürsten. Doch „gewogen, gctheilet, gezählet" sind Die Tage der Stolzen der Erde, Und wie Balthasar jenem König so blind Ein prophetisches Wort ihnen werde; Das Gold ihres Thrones ist abgenutzt, Und zerschlagen sind bald ihre Wappen; Denn „der Fürst dieser Welt," der hat sie geputzt Mit Hammer und Kelle und Lappen. Doch des Kreuzes himmlische Fürstcnzier, Sie wollen sie fürdcr nicht tragen; Sie folgen dem apokalyptischen Thier, — Sie wollen dem Glauben entsagen. Hinaus aus dem Reiche, rufen sie laut. Umringt von höllischer Bande. Hinweg mit derKirche, der himmlischen Braut! Sie rusen's im eigenen Lande. Doch die „Hirten der Völker" das sind sie nicht mehr; Es verhallet ihr königlich Rufen — Der Hirte der Völker ist C h r i st n s der Herr, Und die Er zu Hirten berufen. Und die Völker, sie hören auf'S himmlische Wort, Wie cS kündet in heiliger Weise Der Hohepriester in Vomn dort In der Brüder geweihtem Kreise. Und er spricht im hohen Gottesrath: „Herbei ihr Völker der Erde! Wir wollen sie schaffen die ewige That — Ein heiliges Volk er reich werde! Die Fürsten, sie wollen die Wahrheit nicht. Nicht schützen die göttlichen Rechte, Gewichen ist ihnen das himmlische Licht; Ihr Völker ihr seid keine Knechte! Ihr Völker, die Freiheit, die biete Ich euch Die Freiheit von Laster und Lüge; Die Freiheit der Bürger für's Himmelreich, Die das Gute führet zum Siege. So kämpfet mit mir und seid mein Volk Und Ich, Ich bin euer Hirte — Und Christus der ewige Gottessohn, Er mache uns leicht seine Bürde!" vr. Lconhard Schneider. *) Zu welchem bekanntlich diesmal die Fürsten nicht eingeladen sind- 234 Clementina,^) (Fortsetzung.) So kam denn der löte August heran. Schon vor Tagesanbruch verließen Catalina «nd ihre Kinder das Dorf, und schlugen die Richtung nach Bilbäo ein. Catalina und Clemcntina saßen in einem doppelten Rcitsefsel auf einem prächtigen starken Maulthier. Miguel und seine Brüder, munter und kräftig wie sie waren, gingen zu Fuß und lenkten das Maulthier, sowie den Esel, der die Gepäcke trug. Schon begann die Sonne ihre Strahlen über die hohen Berge herzusenden, an deren Fuß die heilige Jungfrau von Begonna über der edlen gläubigen Stadt wacht, die voll frommer Verehrung zu ihren Füßen liegt. Schon ließ sich in dem köstlichen, reich bevölkerten Thale, welches der Jbaizabcl befruchtet, ein weithin rauschendes dumpfes Getöse vernehmen, und dort bei jenem Hügel, wo jetzt ein Trümmerhaufen emporsteigt, befeuchtet von dem Blute des Helden Zumla- cärrcgui, eines der edelsten Opfer unserer traurigen Bürgerkriege, da ertönte damals fröhliches Glockengeläute, das Geläute der Glocken der heiligen Mutter Gottes von Begonna Unsere Wanderer zogen längs der Ufer des Jbaizabcl dahin, bis sie bei einer Wendung der Straße Halt machten, an einer Stelle, von welcher aus der Pilger zuerst die Stadt und das berühmte Heiligthum erblickt. Diese Stelle nennt man „Salve", weil die andächtigen Landleute, wenn sie von dort aus auf ihrem Weg zur Stadt das Heiligthum entdecken, innc halten, um die Mutter Gottes mit dem schönsten und rührendsten der christlichen Gebete zu begrüßen. Solche liebliche Morgen im Frühling und Sommer verschlafen die Bewohner von Madrid, weil sie um Mitternacht oder noch später erst zur Ruhe gehen, während die Einwohner von Bilbäo mit der Sonne oder schon früher erwachen, weil sie um 9 Uhr zu Bette gegangen sind. Daher ist es auch eine ganz gewöhnliche Sache, während der schönen Jahreszeit die vornehmsten und hervorragenden Einwohner von Bilbäo bei Sonnenaufgang oder kurz nachher auf den öffentlichen Spaziergängen anzutreffen, den würzigen Duft der Blumen und die liebliche gesunde Morgenluft genießend. Ganz besonders ist dieß der Fall in der schönen Pappelallee und in den reizenden Anlagen des Arenal. Als Catalina mit ihren Kindern in diese Anlagen kam, lustwandelten eine Menge Leute in ihrem köstlichen Schatten. Auf einmal sahen sie sich einem jungen Manne gegenüber, bei dessen Erscheinen Elementina vor Ueberraschung und Freude einen leisen Schrei nicht unterdrücken konnte; -es war Don Juan. Er näherte sich, um die ländlichen Wanderer zu begrüßen. Clementina, deren Wangen bei seinem Anblicke sich mit Karmin gefärbt hatten, senkte die Blicke schüchtern zu Boden und traute sich kaum, seinen Gruß zu erwidern. Catalina fragte ihn gleich, warum er diesmal nicht, wie im vorigen Jahr, zum Sanct Antons-Feste in's Dorf gekommen sei. Ich war während einiger Tage krank, versicherte Don Juan. Und Sie, fragte er, kommen zum Feste der heiligen Jungfrau von Begonna? Ja, mein Herr; wir kommen, ein Gelübde zu erfüllen, und wollen unsere Clemen- Ima eine Zeit lang im Hause ihres Oheims lassen, um zu sehen, ob sie sich da zerstreut und erholt. In der That, Clementina sieht nicht ganz wohl aus. Ach, Sie haben ja voriges Jahr gesehen, wie blühend sie war. Aber schon wenige ') Eigenthum des literarischen Instituts, und ist der Nachdruck ohne eingeholte Genehmigung reicht gestattet. 235 ^ Tage nachher fing sie au, traurig, traurig zu werden, und aus dieser Traurigkeit h»x- die Arme seither ihr Köpfchen nicht mehr in ine Höhe gebracht. Das bedaure ich unendlich. Catalina und ihre Tochter dankten, Letztere mit einem leisen Anflug von Ironie, den Don Juan recht wohl bemerkte. , Miguel hatte unterdessen die Thiere untergebracht und kam wieder zu den Seinige». Catalina verabschiedete sich von Don Juan. Er ging noch einige Schritte neben Clementina her und sagte leise zu ihr: Ich bin Ihnen noch den Beweis schuldig, daß ich Sie nicht vergessen habe, obgleich ich Ihre Heimath nicht wieder besuchte. Jeden Morgen um 6 Uhr höre ich die Messe auf Begonna; dort können wir uns sehen, wenn Sie mich anhören wollen, ehe Sie mich verurtheilcn. Ich werde kommen, wenn ich kann, erwiderte Clementina, und verließ Don Juan, indem sie sich den Ihrigen wieder anschloß. Zwei Stunden später lagen Catalina und ihre Kinder auf den Knieen vor dem Altare der heiligen Jungfrau von Begonna. Reiche Thränenströme benetzten Clementina's Wangen. Mein Gott, wer kann die Gedanken und Hoffnungen des armen Mädchens ermessen, das mit seinem liebeverwun- deten Herzen unter den erbarmenreichen Schutz der Mutter Gottes sich flüchtete! Nachdem sie die Messe gehört und im Gebet ihre Herzen aufgeschlossen hatten, durchwandeltc Catalina mit den Ihrigen die Fluren, welche das Heiligthum umgeben. Eine fröhliche, lärmende, glückliche Menge wogte aller Orten; aber vergeblich suchten Clementina's Augen den Gegenstand, um dessen willen sie so oft thränenheiß geworden waren. Der Abend kam, und der heilige Hügel ward nochmals besucht. Die Menschen-- menge und das allgemeine Lebe« war noch größer, aber auch jetzt war Clementina's » ängstliches Suchen vergeblich. Des folgenden Tages kehrte Catalina vor Sonnenaufgang nach ihrem Dorf zurück, und ließ ihre Tochter in Bilbäo. VI. Das Heiligthum von Begonna steht auf einem die Stadt Bilbäo beherrschenden Hügel. An dem einen Ende der Stadt beginnt bei einem freien Platz, den schöne Gebäude, namentlich das prachtvolle der höheren Lehranstalt von Biscaya zieren, ein weit hinauf sich ziehender Stasfclwcg. Derselbe endigt auf dem Gipfel des Hügels Mallona. Diesen krönt ein Friedhof, wo die Blüthe der baskischen Jugend ruht, hingcopfert in der furchtbaren Belagerung von 1836, welche Stadt und Land mit Trauer, aber auch mit Ruhm bedeckte. Oft bin ich als Kind, wenn ich mit meiner Mutter beten ging, in diesen Gottesacker gekommen, bin mit der Gleichgiltigkeit der Kindheit unter seinen Nosengebüschen umhergestreift, die ich kaum schön zu nennen wage, da sie die Opfer deS bloßen TodeS verhüllen. Mehr als zwanzig Jahre später, als ich überall die Erinnerungen meiner Kindheit aufsuchte, um mit ihnen mein Herz zu erfrischen, das weit vom heimathlichen Thale in den Qualen des Lebens zusammengeschnürt worden war, wollte ich wieder diese düstere * Stätte betreten. Mich begleitete ein Freund, der, glücklicher als ich, die Stätte seiner Geburt, das Ufer des Jbaizabcl nie verlassen hatte. Als er mich jedoch auf den Kirchhof zugehen sah, blieb er stehen, und sagte: Du suchst auf diesem Friedhof nur Erinnerungen an Deine Kindheit; Du magst 236 ihn im Namen Gottes betreten, und tröstende Empfindungen davon mitbringen. Mich aber laß aus der Ferne diese düstere Ruhestätte Derer begrüßen, die ich am Meisten auf der Welt geliebt habe. Von Ferne laß mich Denen, die hier bestattet sind, mein An. denken weihen, und meine Gebete für sie zum Himmel senden. Und mit Thränen in den Augen, mit zärtlich klopfendem Herzen sagte er mir die Namen von mehr als hundert edlen Jünglingen, welche seine Gefährten waren in den Spielen der Kindheit und in den Hoffnungen der Jugend, welche einst der Ruhm und Stolz dieser reichen edlen Stadt hätten sein sollen, und welche nun Alle in jenem blutigen, riesenhaften, aber heldenmüthigcn Bruderkrieg gefallen waren. Wenn Alles schweigt am Ufer des Jbaizabal, fügte mein Freund bei, w^m nur das Geschrei der Eule auf Mallona's Leichenhügel, und das Pfeifen des Windes in den Bäumen am Gestade die Stille der Nacht unterbricht, dann treibt mich oft eine geheim- nißvolle Gewalt hinaus an den Rand des Muffes. Dann gedenke ich Derer, die in ihrer Kindheit dort mit mir spielten, und jetzt in dieser Erde Schooß den Tag drr allgemeinen Auferstehung erwarten. Wenn ich dann das Auge nach Mallona's dunklem und einsamem Hügel wende, so scheint es mir, wie wenn weiße, geflügelte Geister sich dort wiegen, und mit gcheimnißvoller, trauernder Stimme mir zurufen: „Auch Du bist Staub, und wirst wieder zu Staube werden." Die Stimmung meines Freundes hatte sich auch mir mitgetheilt. Ich ging nicht auf den Kirchhof, sondern zum Heiligthum von Bcgonna zurück. Und warum, o Gott, ließest Du die weißen Geister, die sich über Mallona's Hügel wiegen, nicht emportauchen, um die arme Clemcntina an den Tag des Gerichts zu erinnern, damals, als das leichtgläubige Landmädchen jeden Morgen mit Sonnenaufgang bei diesem Hügel vorüberging, Begonna's kühlen Lauben zu, wo sie die Unschuld ihres Herzens lassen sollte? Ja, jeden Morgen, wenn die Sonre über die Anhöhen von Gangurca emporstrahlte, schritt das Mädchen über den Krcuzplatz und erklomm die Anhöhe des Heiligthums. In der Anlage vor der Kirche traf sie den jungen Mann, der zum ersten Mal in ihrer Seele Träume von Glück erweckt hatte, die früher niemals den Frieden ihres Herzens störten. Tag um Tag verging, und diese Zusammenkünfte dauerten fort. Das Mädchen vom Dorfe hörte Betheuerungcn der Liebe an, so süß und glühend, daß ihr schon das Opfer ihres Lebens klein erschien, um der Liebe zu genügen, welche sie eingeflößt zu haben glaubte. So war sie auch eines Morgens bei ihrem Geliebten auf Begonna's Flur. Aber Don Juan schien heute unruhig. Clcmentina fragre nach der Ursache, und er antwortete, daß er ihr heute ein wirkliches Opfer gebracht habe, indem er zu der Zusammenkunft herbeigeeilt sei. Denn um die sechste Stunde des Morgens müsse er sich in der Stadt einsenden, in einer höchst wichtigen Angelegenheit, bei welcher seine Ehre in Frage stehe. Clementina beschwor ihn, augenblicklich zurückzukehren, als Don Juan, das Auge nach dem Mallonahügel gewendet, plötzlich zusammenfuhr. Die Uhr der St. Antons - Abtei schlug eben die Stunde, und diesem Umstand schrieb Elcmcntina das Erschrecken ihres Geliebten zu.- Schon schlägt es sechs Uhr, und ich muß mich von Dir trennen, sagte Don Juan heftig. Morgen muffen wir uns sehen, aber nicht hier. Und wo denn? Auf der Höhe von Miraflorcs, um sechs. Ich werde nicht fehlen. Leb' wohl! Lebe wohl! 237 Juan drückte seiner Geliebten die Hand, und schlug den Weg nach der Stadt ein, ohne in der Eile Clementinen zu erklären, warum er für den folgenden Tag ciuen andern Ort ihrer Zusammenkunft wünsche. Clementina trat in die Kirche und hörte die Messe, während Juan auf seinem Wege einer schönen jungen Dame begegnete, welche er in dem Augenblicke, als die Uhr sechs schlug, von ferne hatte erscheinen sehen. Sie weinte, als Juan ihr begegnete. Wohin, mein Kind? — fragte er sie. Und woher kommst Du? Aus der Messe in der Begonna-Kirche. Und seit 14 Tagen gehst Du jeden Morgen mit Tagesanbruch zur Kirche? Ja. Und seit wann bist Du ein so guter Christ? Das war ich immer. O, Heuchler! Und die Unglückliche sing auf's Neue trostlos zu weinen au. — Aber, Weib, was sollen diese Thränen? Elender, Treuloser, so erfüllst Du Deine Schwüre, mich ewig, und niemals eine Andere zu lieben? Aber wer sagt Dir denn, daß ich eine Andere liebe? Genugsam sagt es mir mein Herz, Deine Gleichgiltigkeit, und das geheimnißvolle Leben, welches Du seit Wochen führest. Ich schwöre Dir, daß meine frühen Gänge kein Geheimniß bergen. Morgen muß ich, wie Du weißt, eine weite Reise unternehmen, für welche ich den Schutz der heiligen Jungfrau angerufen habe. Die Höhe von Miraflores liegt am östlichen Ende der Stadt, nahe bei dieser, an der Heerstraße nach Vitoria; auf ihr befindet sich eine schöne, mit Ruhebänken versehene Anlage. Am folgenden Morgen um sechs Uhr saß Clementina auf einer dieser Bänke. Ungeduldig schaute sie nach der Stadt hin; aber Er, den sie erwartete, kam nicht. Da nahcte sich eine Eilkutsche. Und wie erstaunte das Mädchen, als am Fenster des inneren Wagcnraums Don Juan's Kopf erschien und gleich darauf der Wagen vor der Bank hielt, auf welcher Clementina ruhte. Juan sprang eilends heraus, ergriff das Mädchen am Arm, und zog es nach dem Wagen hin, während der Kutscher rief: Vorwärts, vorwärts, die Thiere sind erhitzt, und können hier nicht länger stehen bleiben! Clementina wollte Widerstand leisten, verlangte Erklärung dieser gewaltsamen Handlungsweise; aber es gebrach ihr an Zeit wie an Kraft. Bevor der Schrecken und die Ueberraschung sie recht zum Worte kommen ließen, sah sie sich bereits im Innern des Wagens an Don Juan's Seite. In eiligster Flucht verfolgte der Wagen die Richtung nach Zareoza. Clementina und ihr Entführer waren allein. Sobald sie ihrer Sprache wieder mächtig ward, verlangte sie von ihm Rechenschaft über sein Benehmen. Das arme Landmädchen wußte wenig von dem, waS unter gebildeten Leuten gesellschaftliche Schicklichkcit heißt; gleichwohl fiel es ihr schwer auf's Herz, daß Jnan's Handlungsweise kaum die eines Ehrenmannes sein könne. Er fing damit an, zu gestehen, daß sein Verhalten leicht zu ungünstiger Auslegung Anlaß bieten könne. Er erzählte, daß er sich gezwungen gesehen habe, in aller Eile nach Begonna zu reisen, wohin ihn Geschäfte riefen, bei denen sein ganzes Vermögen auf dem Spiele sei; da habe er die Kraft nicht gefunden, sich von Ihr zu trennen, ohne deren 238 Gegenwart und Liebe die ganze Welt nur eine furchtbare Wüste für ihn sei. Kommen wir nach Begonna, schloß er, und habe ich erst meine dortigen Interessen sicher gestellt, welche in die größte Gefahr kämen, wenn meine Ankunft auch nur einen einzigen Tag weiter hinausgeschoben würde, so soll die Kirche unsere Liebe heiligen, und nach kurzer Zeit kehren wir glücklich und geehrt nach Deiner Heimath zurück, um den Segen Deiner Mutter zu erbitten. Mit solcher Kunst, mit so blendendem Schein von Aufrichtigkeit und Wahrheit machte Juan diese Erklärungen, daß das arme Mädchen, besten Herz wie alle liebenden Herzen, nach Nichts begieriger verlangte, als nach einem Vorwand, um zu glauben und zu vergeben, seinem Entführer glaubte und vergab. Clementina und Juan stiegen in einem der ersten Gasthöfe in Begonna ab. Zwei Tage nach ihrer Ankunft weinte Clementina trostlos; sie hielt sich des Segen- «nd der Verzeihung ihrer Mutter nicht mehr würdig. Nach zwei weiteren Tagen wartete sie auf Juan Stunde um Stunde, einen ganzen Dag; er kam nicht wieder. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Rose. Welcher Epoche der Weltgeschichte der Geburtstag der Rose angehört, wer vermöchte es zu behaupten?! Schon zweitausend Jahre vor Christi Geburt existirten die berühmten Gärten von Babylon und jedenfalls duftete schon in ihnen die edelste der Blumen, der Liebling der Frauen und Dichter, das Symbol der Liebe und Schönheit; benn Persien, das Nachbarland, war schon im graucsten Alterthum durch seine Rosen bekannt. Auch in China und Cochinchina wurde die Königin der Blumen seit den ältesten Zeiten kultivirt. Confuzius selbst feierte ihre Schönheit in seinen Gedichten und in der Bibliothek des chinesischen Kaisers, welche aus etwa 18,000 Bänden und Handschriften besteht, handeln 1600 über Blumenzucht, von ihnen über 600 speciell von der Rosen- zucht. Trotzdem kennen die Bewohner des himmlischen Reiches nur zweierlei Nosenarten: die weiße und die Moosrosc; und auch diese wachsen auf kaum fußhohen Sträuchern, während die Blume nur den Umfang einer Wallnuß erreicht. Aber diese Rosen werden namentlich in den weitläufigen kaiserlichen Gärten in so ungeheurer Menge kultivirt, daß die daraus gewonnene Essenz einen jährlichen Ertrag von über 30,000 Thalern gewährt. Nur die kaiserliche Familie und die Angesehensten des Reiches dürfen sich indeß dieser Parfumerie bedienen, für jeden Andern ist ihr Gebrauch auf das Strengste untersagt. Nebenbei bilden die mit Rosenblättern gefüllten „Kräutcrsäckchen" bei den Chinesen einen Talismann gegen die bösen Geister, welche in den Häusern ihr Unwesen treiben, Krankheiten und böse Träume erzeugen. Ein ähnlicher Aberglaube herrscht bei den Siamesen, welche den guten Genius unter einem Rosenstrauche entstehen lasten, während der böse Geist unter einer Cypreste zur Welt komme. Wer neben einem von dem Confuzius geliebten Rosenstrauche eine Cypreste pflanzen wollte, würde sich nur Unglück und einen frühzeitigen Tod heraufbeschwören, während Glück und langes Leben Demjenigen zu Theil wird, der Rosen im Ueberfluß hegte. In gleich hoher Weise wurde die Rose von den übrigen Völkern des Alterthum- geehrt. „Lastet uns Kränze tragen von jungen Rosen, ehe sie verwelken," heißt eS im Buche der Weisheit. Und „Gehorchet mir, ihr heiligen Kinder, und wachset wie die Rose, am Büchlein gcpflanzet," sagt Jesus Sirach. Ferner spricht die Bibel von der Rose von Saron und von Dem, „der die Wüste blühen läßt wie eine Rose." Die sogenannte Rose von Jerichow (eine nicht zutreffende Benennung, weil diese Pflanze hauptsächlich in Arabiens Sandwüsten gedeiht) genoß eine abergläubische Verehrung. 239 Sie besitzt nämlich die Eigenschaft, wenn ihr bauchiges mit dem Pistill gekröntes Schötchen^ besten Klappen oben rundliche Ochrchen haben, sich trocken zusammengezogen, mit ihrew holzig gewordenen Zweigen ein kugelförmiges Nest zu bilden. Wirft man dasselbe in's Master, so quillt es wieder auf und dehnt sich aus, welche natürliche Erscheinung von gar Manchen der Wundcrkraft der heiligen Stätten zugeschrieben wurde, auf denen die Pflanze wächst. Die ältesten griechischen Schriftsteller lasten die Rose ursprünglich in Kleinasien, oder selbst auf der Insel Kythere, wo man die Venus besonders verehrte, und ihr die Rose vorzugsweise geweiht war, ursprünglich einheimisch gewesen sein. Erst um die Zeit des trojanischen Krieges wäre sie nach dem Peloponnes und nach Mika verpflanzt worden. Achills Schild war mit Rosen geschmückt, und Rosen waren den Wohlgerüchen beigemischt, mit denen Hektor's Leichnam von Aphrodite einbalsamirt ward. Sappho (600 v. Chr.) nannte die Rose zuerst die „Königin der Blumen." — Anakreon läßt sie mythisch entstehen, als Aphrodite dem Meere entstieg; ein Tropfen des Meeresschaumes, der an ihren Gliedern gehangen, sei zur Erde gefallen, und hier der Keim geworden zu einem Nosenstrauche. Weiß wie der Schnee, aus dem sie er- sprosten, war ihre Farbe — vom Blute der Göttin färbte sie sich roth. Als Adonis vom Zahne des Ebers seinen Tod fand, verletzte sich die Göttin, indem sie ihrem Geliebten zu Hilfe eilte, den Fuß am Dorne eines Rosenstrauches; einige Blutstropfen seien auf die Rosen gespritzt, welche sofort die Purpurfarbe angenommen hätten. Weniger poetisch ist bei den Muhamedanern die Rose aus dem Schweiße ihres Propheten entsprossen, weßhalb die Gläubigen sich auch hüten, auf ein Rosenblati zu treten. Außer der Aphrodite war die Rose in Griechenland dem Dionysos, dem Gotte der Neben und der blühenden Natur geweiht; ferner der Diana von Ephesos, in welcher man die überschwengliche Fruchtbarkeit der Erde verehrte. Hymen, der Gott der Ehe, und Komos, der Gott heiterer Geselligkeit und der Genius des Lebens, trugen Rosenkränze auf dem Haupte. Auch stellte die antike Kunst den Frieden mit einem Rosensträuße, Kornähren und Oelzwcigen dar, und gab der Höre des Frühlings eine Rose in die Hand. Sie war ferner ein Attribut der Musen und der Charitinen. Zur damaligen Zeit kannte man nur vier Hauptartcn dieser Blume, wie sie noch jetzt in Griechenland gedeihen: die Hecken- oder Hundsrose, die Hagebutte, die Pimpernell- Rose und die schöne gefüllte hundertblättrige Rose (kosn oontikolin), welche zuerst durch Alexander den Großen nach Europa eingeführt wurde. Die alten Römer schmückten die Bildsäulen ihrer Götter und berühmten Männer mit Rosenkränzen, entweder allein oder mit Veilchen und Myrthenblüthen gemischt. Die Thore, durch welche triumphirendc Feldherren einzogen, wurden mit Rosengewinden behängen und Rosensträuße warf man ihnen in den Wagen. Die römische Braut trug einen Kranz von Rosen und Myrthenzweigen unter dem Purpurschleier, und auch das Haupt der Verstorbenen wurde mit Rosen bedeckt. Demnächst vermischte man die zu Asche verbrannten Gebeine, vor ihrer Beisetzung in der Gcabesurne, mit Wein und Rosenblättern, und bestreute den Todtenhügel alljährlich mit Rosen, für deren Pflege oft bedeutende Summen testamentarisch ausgesetzt wurden. Ferner beging man den Geburtstag der Verstorbenen durch Anpflanzung dreier Rasenstücke und einer gleichen Anzahl von Myrthen. Als der Luxus und die Schwclgerei bei den Römern mehr und mehr überhand nahmen, erreichte auch der Roscnluxus seinen Höhepunkt. Der Speisesaal Nero's war wegen seiner künstlichen Bauart besonders berühmt; die Decke und ein Theil der Scitenwände drehten sich mittelst eines Maschinenwcrkes um die Tafel her und stellten abwechselnd die verschiedenen Jahreszeiten dar, wobei statt des Hagels und Regens ungeheure Rosenmasscn auf die Gäste herabfielen. Zu diesem Zwecke verwendete der Tyrann für ein einziges seiner schwelgerischen Gelage vier Millionen Sesterzen (etwa 200,000 Thaler) für Rosen! 240 Hcliogabal, der Prasser aller Prasser, dessen Sprichwort war: „Es gibt keine "delikatere Brühe, als die Seltenheit," und der demgemäß nur Pasteten von Hahncn- kämmcn, Pfauenzungcn, Nachtigallen-, Papageien- und Fasancnköpfcn auf seine Tafel kommen ließ, der den Unsinn so weit trieb, daß er für einen Phönix, von dem er gehört, daß er nur einmal in der Welt existire, viele tausend Mark Goldes bot, machte den wahnwitzig ungeheuerlichsten Gebrauch von den Rosen. Er ließ dieselben von der Saaldecke herab in solchen Unmassen niederfallen, daß viele der Schmausenden in den Blumcn- hügeln erstickten! Er badete sich nur in Rosenwein, und ließ sogar die Reservoirs der öffentlichen Schwimmbäder mit Wein füllen, der durch Rosen parfümiri war. (Forts, f.) (Eine Heldenthat der Königsberg er Feuerwehr.) Aus Königsberg vorn 8. Juli wird von der Königsberger Hartung'schcn Zeitung berichtet: Heute, etwa um IV 2 Uhr stand plötzlich das große Gebäude Tragheimcr, Kirchenstraße Nr. 1, in hellen Flammen. Gegen zwanzig Familien, welche in diesem Hause wohnten, eilten unter Jammer und Wehklagen auf die Straße, während die schnell herbeigekoimnene Feuerwehr ihre Thätigkeit zu entwickeln begann. Da erscholl der Ruf, es seien oben in der brennenden Dach-Etage noch mehrere Personen, denen die Rettung durch die brennende Treppe und fürchterlichen Rauch unmöglich gemacht werde, und in der That erblickte man einen Arm aus einem etwa neun Zoll im Durchmesser haltenden Loche in der Mauer, der nach Rettung zu winken schien. Von keiner Seite war ein Zugang möglich, hier war keine Sekunde Zeit zu verlieren; der Branddirector ergreift eine Leiter und will den Rettungsversuch selbst wagen, woran ihn indeß drei seiner hcldcnmüthigen Feuermänner verhindern, während Feuermaun Stcnzel, ohne sich zu besinnen, das kühne Werk beginnt. Mit großer Sicherheit steigt er mit einer Leiter an der Vorderfronte des vierstöckigen Hauses in die Höhe nach der Ocsfnuug zu, wo noch (immer der Menschenarm sich bewegt; er hat den obersten Stock erreicht und ist etwa nur noch eine halbe Leiterlänge von dem Unglücklichen entfernt, als er zu seinem Schrecken gewahrt, daß er die Leiter nicht nochmals anlegen könne, da an dem Dache kein Gegenstand ist. an welchem dieselbe eingehakt werden kann. Ein schnelles Verständigen mit den ihm gefolgten beiden Kameraden ließ ihn nun ein Werk ausführen, das an Kühnheit und Un- erschrockenheit alles bis jetzt Geschehene überstieg. Die Leiter wurde von den beiden Männern gehalten, während Stenzel sie besteigt, und da er immer noch etwa 4 Fuß von der beschriebenen Oeffnung entfernt war, sich auf die beiden spitzen Leiterbäume stellt und so in dieser grauscn- erregenden Stellung mit seiner Axt die Oeffnung in der Mauer zu erweitern beginnt. Doch die leckenden Flammen zischen immer näher, der Unglückliche im Innern brüllt nach Rettung, und Stenzel verdoppelt seine Kräfte. Er reicht seine Axt demselben durch das Loch und rüst ihm zu, mitzuhelfen, während er sich eine andere Axt reichen läßt und rüstig das Loch erweitert. Und alles dies auf den beiden Enden der Leiter stehend, ohne jede ander Haltung oder Stütze. Das Publicum wagt keinen Laut, es hält ein Jeder den Athem inne, während die Aufregung dicke Schweißtropfen von den Gesichtern rinnen läßt. Da erschallt erst ein leiser allgemeiner Ruf, er wird stärker, Alles drängt näher, um eine kaum geahnte Möglichkeit von dem braven Feuermanne möglich gemacht zu sehen; ein Freudenschrei und ein endloser Jubel verkündet, daß der Unglückliche aus dem erweiterten Loche mit hundertfacher Lebensgefahr herausgezogen und von seinen Rettern heruntergetragen wurde. Leider sollte es den unsäglichen Mühen der Feuerwehr nicht gelingen, die noch oben befindlichen beiden anderen Menschen aus den Flammen zu retten. Es gelang der Feuerwehr auch, das im höchsten Grade gefährliche Feuer nur auf dieses Eine brennende Gebäude zu beschränke». Charade. (Aus zwei einsilbigen Wörtern.) Das Erste köstlich ist zu trinken, Doch trinkt man's nur für theures Geld, Das Zweite wird stets untersinken, Auch wenn es in das Erste fällt. Das Ganze zu der Kranken Heil Die Apotheke bietet feil. Auflösung der Charade in Nro. 28: D a ch st u h l. Druck, Merlan und Redaktion de» literarischen Institut» von vr. M. Huttler, Nr. 31. 2. August 1868. Es gibt Menschen, denen das Geschick immer den Rosenkranz der Freude zeigt; und nähern sie sich, so drückt sie ihnen eine Dornenkrone aus das zu sehr schlagende Herz. Aber stark wird die Seele daun und muthig: und Muth ist fast so viel werth, als Glück. A. Lafontaine. Cleurentina. (Fortsetzung.) VII. Catalina war eines Abends mit ihren häuslichen Arbeiten beschäftigt, als Dominiks Frau bei ihr erschien. Guten Abend, Catalina. Gott schenke Dir ihn, Iuana. Sie sind so fleißig, wie immer. Was will man machen, meine Tochter! Mein Mann selig Pflegte zu sagen: wen» ich an der Arbeit schwitze, fehlt mir nicht des Himmels Stütze. Und wie hatte er Recht, der arme Ignatio! Sehen Sie, wie nun wir durch Fleiß und Arbeit vorwärts gekommen sind. Gelobt sei Gott! Es sind jetzt 10 Jahre her, da wußten wir kaum, wohin wir unsere Häupter legen sollten, und jetzt ernten wir für das ganze Jahr, haben ein eigenes Paar Ochsen, und Dominik geht schon damit um, sich eine kleine Heerde Schafe und eine gleiche von Ziegen anzuschaffen. Freilich, Ihnen verdanken wir Alles, denn Sie haben uns die hilfreiche Hand gereicht und . . . Still, still, Frau, und nie mehr in Deinem Leben rede mir davon. Und da ist es nun eben, wie das Sprichwort sagt: „Dem, der Dir die Hand reicht, gib dafür Dein Herz." Laß jetzt Deine Sprichwörter. Wir wollen von etwas Anderem reden. Ist Dein Mann schon zurückgekommen? Wie? — kam er heute Morgen nicht zu Ihnen, um zu fragen, ob Ihnen etwas gefällig sei? Er ist nach BilbLo gegangen. Eben darum frage ich. Er war bei mir und fragte, ob ich ihm einen Auftrag für Clementina mitzugeben hätte. Ja, er mußte eben auf irgend eine Weise einen Vorwand bekommen, um sie zu besuchen. Sie können sich nicht vorstellen, wie anhänglich er an das Mädchen ist. Aber wer im Dorfe ist es denn nicht? Sie können wahrhaftig sagen, daß Ihre Tochter nicht mit Gold kann ausgewogen werden. Mein liebes Kind! Wolle Gott, daß sie mir wieder gesund wird, um bald heim zu kommen. Denn ohne sie komme ich mir vor, wie ohne meinen Schatten, und ebenso geht es ihren Brüdern, namentlich Miguel. Ach, wenn Sie von Miguel sprechen! Es ist doch kaum zu glauben, was für ein arbeitsamer und grundbraver junger Mann er geworden ist! Wahrlich, das ist er, und man kann gar nicht genug davon sagen. Wenn sein Vater, den Gott selig habe, sein Haupt noch einmal erheben könnte, er würde gleich wieder sterben vor Freude, wenn er sehen könnte, wie alle seine Kinder seinem Namen Ehre machen und wie sie ihre Mutter beglücken durch ihre Zärtlichkeit, Tugend und Arbeitsamkeit. Gelobt seien Gott der Herr und die heiligste Jungfrau, die mir solche Gnade erwiesen haben. 242 Und Frcudenthränen füllte» Catalina's Augen. j Doch still, rief Juanna, indem sie auf ein Geräusch von Schritten horchte, welche sich auf der Stiege hören ließen; da muß ja Dominik um den Weg sein; ich kenne ihn au den Schritten, die er macht mit seinen langen Beinen, die ihm Gott gegeben hat. In der That war es Dominik, der so eben ankam. Es mußte ihm irgend etwas Uebles begegnet sein, denn sein Gesicht war verstört, was die beiden Krauen sofort bemerkten. ^ Nun, wie ist es Dir gegangen, Dominik? fragte Catalina hastig. Alles Mögliche hat es gegeben, wie in einer Apotheke, sagte Dominik mit betrübtem Lächeln. Was hat es gegeben? rief Juana ängstlich. Bist Du etwa vom Maulthier Herabgefallen? Wahrhaftig, ich wollte, so Etwas wäre mir begegnet, ehe ich nach Bilbäo kam; dann wäre ich umgekehrt, und müßte jetzt nicht als Ucberbringcr schlimmer Botschaften dastehen. Heilige Jungfrau! sagte Catalina in fürchterlicher Seelenqual. Was ist meiner Tochter zugestoßen? Geht es ihr schlimmer? Ist sie wohl gar gestorben? Gestorben ist sie nicht; aber machen Sie sich gefaßt. . . Dominik, mach' ein Ende! Du bringst mich um mit Deinen Zögerungen. Aber, liebe Frau, antwortete Dominik beinahe weinend; sehen Sie denn nicht, daß «s ist, wie wenn ich einer Mutter die Pistole auf die Brust abdrücke, wenn ich ihr so glatt heraussage... Was? Was? Daß mein Herzenskind todt ist? Sag' es nur heraus. Meine Tochter war das Glück meines Lebens, aber ich werde mich in Gottes Willen ergeben, wie es uns die Religion gebietet. Ist meine Clementina todt? Dominik machte eine größere Anstrengung, um seiner schlimmen Botschaft los zu ^ werden. Nein, sie ist nicht todt; aber wer da weiß, was im „großen Hause" die Ehre gilt, der wird mit mir sagen, es wäre bester, wenn Clementina todt wäre, als daß sie sich von einem Schurken anführen ließ. Meine Tochter verführt, der Ehre beraubt? Das kann nicht sein, das glaube ich nicht! Dominik, Du verläumdest eine Familie, auf deren Ehre niemals der leiseste Schatten siel. 4 Aber ich sage kein Wort mehr, als Ihr eigener Schwager mir mitgetheilt hat. Was hat Dir mein Schwager gesagt? Du tödtest mich noch mit Deinen halben Redensarten. Ihr Schwager, der vor Kummer krank im Bett liegt, hat mir gesagt, die Kleine sei eines Morgens zur Messe nach Begonna gegangen und den ganzen Tag nicht wieder gekommen. Er fragte hier, er fragte dort, am End' aller Ende brachte er heraus, daß man sie in der Eilkutsche nach Vitoria hatte durch Zorcoza fahren sehen. Und mit wem, glauben Sie? Mit Juanito, dem Strolchen, der voriges Jahr beim St. Iacobsfest war. O Elender! Catalina machte eine äußerste Anstrengung, um sich zu beherrschen und ihren Schmerz zu mäßigen. Es gelang ihr; aber wir können ihr darum die Siegcspalme der Heldin noch nicht reichen; denn sie glaubte in der That nicht, was Dominik erzählte. Die Ehre war in ihrem Hause eine so hohe, erhabene, hoch verehrte Gottheit, daß Cata- > lina es nicht zu fasten vermochte, daß ein Glied ihrer Familie sie sollte entweihen können. Mancher denkt vielleicht Hiebei: „Arme Mutter! arme ländliche Frau I Du wußtest nicht, wie sehr bei gewissen Wesen die Naturanlage der Erziehung überlegen ist! Im gewöhnlichen Leben Pflegt man in Tadel oder Spott zu sagen, die oder jene Person sei 243 sehr verliebter Natur. Man bedenkt dabei nicht, daß solcher Spott und Tadel eben so ungerecht sind, wie wenn man einen Blinden tadeln wollte, weil ihm Gott das Augenlicht versagt hat.* Wir aber wollen diese Auffassung nicht theilen. Catalina's Söhne waren schon seit dem frühen Morgen im Walde, ziemlich weit vom Dorf, mit Kastanicnsammeln beschäftigt. Ihre Mutter entschloß sich, in Dominik's Begleitung, ohne allen Verzug nach BilbL» aufzubrechen. Der Juana schärfte.sie ein, hinsichtlich des Unglückes, welches diese plötzliche Reise nöthig machte, das strengste Schweigen zu beobachten. Miguel und seine Geschwister sollten dahin berichtet werden, daß der Oheim, schwer erkrankt, die Mutter habe rufen lasten. In vorgerückter Abendstunde kamen Catalina und Dominik nach Bilbäo. Wer begreift nicht die grausame Todesangst, mit welcher Catalina sich dem Hause ihres Schwagers näherte, wer nicht den endlosen Schmerz, als ihr kein Zweifel mehr blieb an der Schande, an dem Untergang ihres Kindes? Schmerzgefoltert unternahm sie am folgenden Morgen in der Frühe die Heimreise. Sie befürchtete, Clemcntina's Schande möchte bekannt werden, Miguel die Schuldigen aufsuchen, und das Blut der Verführten wie des Verführers vergießen. Sie selbst wollte ihren Söhnen die verhängnißvolle Nachricht mittheilen, um Miguel's Entrüstung und Rachewuth durch den Einfluß zu bändigen, den ihre Liebe und ihr mütterliches Ansehe» stets auf den edelmüthigen Jüngling auszuüben vermochte. Eine Hoffnung hegte die tiefbctrübte Mutter immer noch; sie glaubte, der Verführer ihrer Tochter werde nicht so ruchlos sein, daß er sich weigerte, ihr die geraubte Ehre so weit möglich wieder zu geben. Aber ach! auch dieser letzte schwache Hoffnungsschimmer dauerte nur gar kurze Zeit. Catalina und Dominik kamen auf ihrem Heimweg gerade durch die Ebene von Volantei, nahe bei der „Salve," als ein junges Weib mit von Zorn und Thränen geröthetem Angcsichte ihnen begegnete. Sie überhäufte Catalina mit Beleidigungen, nachdem sie ihr mitgetheilt hatte, daß sie die Ehegattin von Clementina's Entführer sei. Nach dieser Enthüllung hörte Catalina keine beleidigenden Worte mehr, oder gab sich nicht die Mühe, solche zurückzuweisen. Was konnten die Schmähungen eines armen, in seinem Stolz, in seinem Herzen verwundeten Weibes zu ihrer Schande, zu ihrer tödt- lichen Beschimpfung noch hinzufügen! Catalina und Dominik beendigten nun ihren Heimweg; sie mit trockenen Augen, aber tödtlich verwundetem Herzen. Aber Dominik konnte die Thränen nicht bemeistern, die sich immer von Neuem in seinen Augen sammelten. Sobald Catalina ihr Haus wieder gesehen hatte, enthüllte sie ihren zwei ältesten Söhnen den Jammer, der über das Haus gekommen war. Entsetzlich waren der Schmerz und die Entrüstung der beiden jungen Männer beim Empfang dieser Kunde. Aber in feierlichem Ton sagte ihnen die Mutter: Die Rache ist nur erlaubt der Gerechtigkeit Gottes und der Obrigkeit. Vergesset Eure Schwester; wenn sie aber eines Tages verlassen, mit Thränen der Reue, Eurer Thüre oder Eurem Herzen naht, dann umhüllet sie mit dem Mantel des Vergessen» und Vergebens, denn sie wird nicht uur Eure Schwester, sie wird ein gebrochenes, iur-- glückseliges Geschöpf sein. Mutter! antwortete Miguel; wir versprechen es, weil Gott und Du es gebieten; — und er senkte sein in Thränen gebadetes Gesicht zur Erde nieder. Catalina legte sich nieder, anscheinend voll Ruhe und Ergebung. Aber Miguel, der sie genau kannte, sagte zu seinem Bruder: Geh' schnell und rufe den Arzt. 244 Mache Dir darum keine Sorge, sagte der Jüngere; sie scheint gefaßt zu sein. Geh' um Gottes Willeu; ihre Ruhe scheint mir die Ruhe der Todten. Der Arzt kam alsbald und sagte, man möge nur gleich den Priester rufen. Am folgenden Morgen läuteten im Dorf die Sterbeglocken. Niemand war da, der nicht Catalina beweinte, der nicht ihre Seele Gott im Gebet empfohlen hätte. An diesem Tage ward der schwarze Flor angelegt, den ich über dem Wappenschild des „großen Hauses" sah. (Schluß folzt.) Zur Geschichte der Rose. (Schluß.) Bei einem Gastmahle, welches Kleopatra dem Antonius zu Ehren gab, war der Fußboden der Speisezimmer eine Elle hoch mit Rosen bedeckt, über welche man, um sicher gehen zu können, Netze ausgespannt hatte. Der berüchtigte Verres bediente sich einer Sänfte bei seinen Reisen, in welcher er auf einer mit Rosen ausgestopften Matratze lag; Rosenkränze umgaben seinen Kopf und Hals, und ein mit diesen Blumen gefüllter Netzbeutel diente ihm zum fleißigen Riechen. Bei diesem ungeheuren Verbrauch wurden denn auch zahllose Rosengärten in Italien, ja förmliche Plantagen von ungemefscner Ausdehnung unterhalten. Der Rosenduft in den Straßen Roms war betäubend. Mit Bezug auf diese Ueberfülle rief Martial aus: „Sendet uns Korn, ihr Egypter, wir wollen euch Rosen dafür geben!" Eine wichtige Rolle bei den Gastmälern spielte der Rosenpudding, über besten Zubereitung Apicius, dieser Kenner der Kochkunst, Folgendes anführt: „Man nimmt gereinigte Roscnblättcr, schneidet das Weiße am unteren Ende sorgfältig ab und zerstößt dann die Blätter in einem Mörser, unter fortwährendem Zugießen einer pikanten Sauce. Dann läßt man dieselbe durch ein Sieb laufen, nimmt das Gehirn von vier Kalbs» köpfen, dem die Haut abgezogen wird, streut ein Quentchen feingestoßenen Pfeffers darauf, zerstampft dies ebenfalls in einem Mörser und gießt fortwährend von dem oben genannten Safte hinzu. Herauf schlägt man 8 Eier aus, rührt sie mit anderthalb Gläsern Wein und einem Glase Sekt, fügt auch etwas Oel hinzu. Endlich bestreicht man die Form, in welche die Mäste gethan wird, mit Oel und läßt sie backen. Der so bereitete Pudding wird dann heiß aufgetragen." Die Kreuzzüge brachten verschiedene, bis dahin in Europa noch unbekannte Rosen» arten nach Deutschland und Frankreich. So kam unter anderen die Damascencr-Rose um das Jahr 1100 nach der Provence. In des Mittelalters finsterer Zeit aber ging die Roscnkultur gleich der aller anderen Blumen zu Grunde, wenn gleich Karl der Große den Franken die Anpflanzung und Pflege der Rosen durch eine Verordnung an's Herz gelegt. Erst in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts regte sich für die Rose ein lebhafteres Interesse, namentlich waren es die Benediktiner-Mönche, welche sich um die Verbreitung derselben verdient gemacht; wo nur ein Kloster dieses Ordens entstand, da blühte auch sehr bald ein Rosengarten. Und nun nimmt die Rose eine wichtige Stelle in der Kirche wie in der Kunst ein. Es sei hier nur an diejenigen der heiligen Elisabeth von Thüringen und an die Todesrose im Stift zu Altenbcrg erinnert. Wer könnte zählen, wie viele tausend „Rosenkränze" täglich gebetet werden zu Ehren der heiligen Jungfrau! Am Rosensonntage, in der römischen Kirche ein Name für den dritten Sonntag vor Ostern, weihte der Papst eine goldene Rose, mit welcher er eine Kirche oder ein gekröntes Haupt beschenkte; wie beispielsweise noch im Jahre 1856 die Kaiserin Eugenie bei Gelegenheit der Taufe des „Kindes von Frankreich." Bei Taufen trug man früher in diesem Lande große mit Rosenwaster gefüllte 245 Krüge zur Kirche. Bei einer solchen Gelegenheit ließ eine Amme ihren Täufling zur Erde fallen, und die Frau, welche das übliche Rosenwasser trug, goß dasselbe in ihrem Schreck über den Knaben aus. Dieser Unfall wurde als eine glückliche Vorbedeutung für des Kindes Zukunft angesehen; und wirklich wurde dasselbe unter Heinrich II. der damals angesehene Dichter Honsard (-f 1585), dessen Poesien eben deshalb in einen guten Geruch kamen, obwohl er nur ein äußerst mittelmäßiges Talent gewesen. Das Rosenfest ist eine noch jetzt in einigen Gegenden Frankreichs und Deutschlands übliche Feier, deren Ursprung bis in das sechste Jahrhundert hinaufreichen soll. Die Sage nennt den heiligen Medardus von Salency als Stifter des Festes, an welchem in jedem Jahre (8. Juni) dem tugendhaftesten Mädchen des Ortes ein Preis von 25 Livrcs nebst einer Rosenkrone zu Theil wird. Damit diese Stiftung für ewige Zeiten bestehen könne, opferte er eigens dafür zwölf Hufen Landes. Das erste Rosenmädchen soll die Schwester des Heiligen selbst gewesen sein. Ein Gemälde in der Kirche zu Salency behandelt diesen Gegenstand; doch ist es wahrscheinlicher, daß das Fest erst zur Zeit Ludwig's XIH. gestiftet, und nur deßhalb mit dem Heiligen in Verbindung gebracht worden ist, weil die Feier seines Festes in die blumenreichste Zeit des Jahres fällt. — Wenigstens rührt die silberne Schnalle, welche als Befestigung und Schmuck des Rosenkranzes dient, von diesem Könige her. Die Bedeutung der Rose in der mittelalterlichen Kunst, namentlich in der Architektur der germanischen Dome und Gerichtssäle, ist bekannt. In einigen Gegenden der Schweiz durfte der von einem Verbrechen Freigesprochene sich mit der „Unschulds-Rose" schmücken. Ebenso scheint der Gebrauch der Freimaurer, am Johannistage sich mit Rosen zu schmücken, aus den Bauhütten des Mittelalters herzurühren. Merkwürdiger Weise trugen die Bürger von Solothurn ebenfalls am Johannistage, an welchem sie sich zur Wahl ihres ersten Magistrats - Mitgliedes versammelten, einen Rosenstrauß, wovon diese Zusammenkunft den Namen „Rosengarten" erhielt. Als Sinnbild findet die Rose sich ferner in vielen alten Wappen vor; auch Martin Luther führte eine Rose im Siegel. Die blutigen Kämpfe der weißen und rothen Rose (1399 bis 1486), welchen die Häupter Hork und Lancaster um den Thron von England führten, hatten ihren Namen bekanntlich deßhalb, weil jenes eine weiße, dieses eine rothe Rose im Schilde führte. Auch auf den Beilen der Vchme befand sich das Bildniß eines Ritters mit einem Rosensträuße in der Hand, und so oft ein Mitglied dieses furchtbaren Bundes eine Rose erblickte, mußte es sie küssen. Der Ausdruck, Jemanden etwas „sub rosa^ sagen, rührt von dem Gebrauche der alten Griechen und auch unserer Vorfahren her, welche bei ihren Gastmählern, wie bei ernsten Berathungen über das Wohl der Gemeinde oder des Landes mitten über der Tafel an der Zimmerdecke einen Kranz aufhingen, in dessen Mitte eine natürliche oder künstliche Rose schwebte, die als Zeichen der Verschwiegenheit galt. Geheim sollte bleiben, was unter Freunden beim frohen Mahle gesprochen wurde. — „Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein Werk ihrer Einbildungskraft und ihres Herzens an." Wieland. Von den verschiedenen Orden und Geheimbünden, die im sicbenzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden, und ihren Namen, so wie ihre Symbole von der Rose hernahmen, stehen die „Rosenkreuzer" oben an. Dieser von Andrea gestiftete Orden, der sich aus der Freimaurerei entwickelte, strebte angebliche Verbesserungen in Kirche unt> Staat an; er hatte ein Andreaskreuz nebst einer von Dornen umgebenen Rose mit der Inschrift: „Lrux Oliristi oorona oiiristianorum^ zum Zeichen. Der von dem Herzoge von Chartres im Jahre 1780 gestiftete Rosen-Orden war dagegen ein Sammelpunkt aller Pariser Wüstlinge und Courtisanen, wogegen in der Pariser Gesellschaft „Rosati" Niemand Aufnahme fand, der nicht ein Gedicht zum Lobe i- 246 der Rose gemacht hatte. Erwähnung verdient noch der von einem Herrn v. Grosfinger ( im Jahre 1784 gestiftete deutsche, und der von Brasiliens erstem Kaiser Dom Pedro l., gegründete Roscn-Orden, der zu den anmuthigsten der Welt gehört. Ueberhaupt fand man, als Kolumbus Amerika entdeckte, die Rose dort stchon vor. Die Kaiser von Mexiko schmückten ihre Gärten damit, und in Peru erschienen die „Söhne der Sonne" bei gewissen öffentlichen Ceremonien mit einer Krone von Rosen. Die Peruaner nennen den Rosenstrauch den „Strauch der Sonne." Das kostbare Rosenöl, welches echt nur aus dem Morgenlande kommt, wird von den Moschusrosen gewonnen, deren Blätter man in einem Gefäße den Sonnenstrahlen aussetzt. Die öligen Theile, welche oben schwimmen, werden mit einer Baumwolle gesammelt und sogleich wieder in kleine Fläschchen ausgedrückt, die hermetisch verschlossen bleiben. Das beste Oel ist citronengelb, fast durchsichtig und von einem Gehalte, daß, wenn man eine Nadelspitze hincintaucht und ein Taschentuch damit berührt, dasselbe Monate lang den stärksten Wohlgeruch behält. Dieses Oel bildet einen der wichtigsten Handelsartikel an den Küsten Syriens, Persiens und der Berberei, wo es, dem Gewichte nach, theurer als Gold ausgewogen wird. Kaschmir liefert das köstlichste, dann kommt das persische und endlich das syrische Rosenöl. Auch die in der Bibel erwähnte Narde scheint mit diesem Oele verwandt zu sein, denn die Rose heißt auf arabisch Nard. Gegenwärtig kennt die Wissenschaft gegen 3000 Arten und Abarten von Rosen. Unter den vielen prächtigen Rosengärten in Deutschland nehmen die in Witzlcben bei Charlottenburg und das prächtige Rosarium auf der Pfaueninsel bei Potsdam (um welches sich der verstorbene Hofgärtncr Fintelmann so verdient gemacht) eine hervorragende Stelle ein. Als der älteste bekannte wird der an der östlichen Wand des Doms in Hildesheim befindliche Roscnstock bezeichnet. Sein in der Krypte unter der Chornische wurzelnder Stamm mißt beinahe einen Fuß im Durchmesser, während ein halbes Dutzend Zweige sich in einer Höhe von etwa fünfzehn Fuß an der grauen Mauer ausbreiten und Hun- ^ derte von Blumen treiben. Der Bischof Hezilo ließ diesen Strauch, besten Alter auf ein Tausend Jahre angegeben wird, mit seiner jetzigen Ueberdachung versehen. Der größte Roscnstock dagegen, den die Welt kennt, ist die weiße Banksrose im Mariengarten zu Toulon. Diese Rose, zu Ehren der l!ady Banks so genannt, weicht von den gewöhnlichen Rosen ab, denn ihre Blumen gleichen mehr denen der gefüllten Kirsche. Kaum ein halbes Jahrhundert alt, bedecken seine sechs Aeste, unter denen der stärkste 14 Zoll im Umfange mißt, eine Mauer von 75 Fuß Breite und 18 Fuß Höhe; der Stamm hat am unteren Ende 2 Fuß 8 Zoll im Umfange. Die Banksrosc blüht von Mitte April bis Mitte Mai und soll dann mit mehr als 50,000 Blumen auf einmal geschmückt sein. Zauberisch wird der Anblick geschildert, den diese herrliche Pflanze gewährt, und mit Recht gebührt ihr wohl der Preis, die „Rosenkönigin" genannt zu werden! Wenden wir uns schließlich den Dichtern der Rose zu, von Confucius und Anakreo« an, der sie iu seiner 51sten Ode gefeiert: Nebst dem kronzgeschmücktcn Lenze Sing ich dich, o holde Rose rc„ so gebührt der Preis einem deutschen Sänger, Ernst Schulze, der die „Königin der Blumen" in unerreichbarer Weise verherrlicht hat in seiner „bezaubcrten Rose." (Ein Heiliger wider Willen.) Bei den Pescherähs, den Bewohnern der Inseln an der südlichen Spitze Amerika's, herrscht die eigenthümliche Sitte, daß, sobald der Mann stirbt, die Frau ihm in's Grab folgen muß und umgekehrt. Dieses Schicksal traf im vorigen Jahre einen Spanier, der sich von einem gescheiterten Schiff auf die 247 Insel rettete. Er wurde von den Einwohnern gefangen genommen, mußte feine Kleidung mit einem Robbenfelle vertauschen, erhielt eine Keule und wurde „durch Beschluß der Nation" nolens volens als Häuptling proklamier. Als solcher mußte er eines der schönsten Mädchen als seine Frau anerkennen, welches Unglück ihm sein spanisches Blut ziemlich leicht ertragen ließ. Nachdem er sieben Jahre ganz glücklich gelebt hatte, starb seine Pescheräsc, und er mußte das gleiche Loos der Eingeborenen theilen, seine Selige in die allgemeine Begräbnißhöhle begleiten und letztere hinter sich schließen sehen. Bald war das mitgegebene Brod und Wasser verbraucht. Leichenduft verpestete die Luft, und Ratten und anderes Gethier fanden sich ein. Durch den Besuch dieser unliebenswürdigen Gäste hatte der Spanier eine Oeffnung gefunden, die er mit aller Kraft der Verzweiflung erweiterte, und durch sie in's Freie gelangte. Er eilte auf eine Anhöhe, sah ein Schiff, zündete ein Feuer von Reisig an, und wurde auch vom Schiffe aus bemerkt, welches ein Boot aussetzte. Doch auch die Pescherähs hatten das Feuer gesehen, sie eilten herbei und — sielen dem Spanier zu Füßen, der ihnen jetzt als Gottheit erschien, da noch nie ein lebendig Begrabener wieder zum Vorschein gekommen war. Frohen Muthes eilte der Gerettete ungehindert zum gelandeten Boot, während die Wilden zur Ebene zurückkehrten, um den übrigen Glaubensgenossen das „Wunder" mitzutheilen. Bahnwärterloos O Freund, werd' ja kein Wärter An einer Eisenbahn, Denn dieses Loos ist härter Als jeder and're Plan. Ein solcher steht da draußen Und wartet früh und spat Und hört er etwas sausen, So stellt er sich gerat»'. Viel bester geht's dem Schürer, Der wärmt sich doch die Hand, Am besten hat's der Führer Bei seinem hohen Stand. Nun ja, man kann's erwarten! Das Glück kommt nach und nach. Für jetzt blüht mir ein Garten, Kein Fleckchen liegt mir brach. Man kann von ihm wohl sagen Er geh' nur auf den Pfiff, Er salutirt die Wagen Und hat die Hand am Griff. Da pfleg' ich manche Stunde Zu meinem Zeitvertreib Die Blumen der Rotunde, Ich und mein junges Weib. Er muß telegraphiren Und unter Eis und Schnee Im Winter schier erfrieren Beim Schaufeln auf der Höh'. Und ich denk: Mein Wechsel zieht so viel Als einer an der Themse, Wir kommen all' an's Ziel. Da Pflanz' ich meine Rüben, Und Mancher fährt vorbei, Und denkt sich, der da drüben Versteht doch Mancherlei. He Du, bremse! Hermann Lingg. (Witzige Rache.) Von dem unlängst in Warschau verstorbenen praktischen Arzte Dr. Le» weiß man in Krakau folgende Anekdote zu erzählen: I)r. Leo, der trotz ungeheurer Praxis kein Vermögen zusammenbringen konnte, leistete gegen entsprechendes Honorar einem der reichsten Warschauer Bankiers Gesellschaft auf einer Reise in's Aus- land. In jedem Hotel schrieb der auf seinen Reichthum stolze Gcldmann in's Melde- Buch: „Der Bankier T. aus Warschau mit seinem Arzte llr. Leo." Leo merkte dies einige Male, schwieg, kam jedoch bei der nächsten Station dem Banquier zuvor, und schrieb in's Buch: „Dr. Leo aus Warschau mit seinem Bankier T." 248 (Die Strickmaschine.) Die neue Welt, welche uns bereits die Nähmaschine erfand, bereitet ein neues Geschenk für uns vor in Gestalt der Strickmaschine. Bis jetzt hat man nur solche Strickmaschinen gekannt, wclcke ein ganz gleichmäßiges, röhrenförmiges Gewebe zu liefern vermochten. Die neue amerikanische Strickmaschine von Lambs dagegen ist nicht rund, sondern langgestreckt und arbeitet auf beiden Seiten. Bei der vollen Breite enthält sie auf einer Seite 50 Nadeln; aus beiden Seiten zusammen können also durch jede Kurbelumdrehung 100 Schlingen gemacht werden. Rechnet man auf jede Kurbelumdrehung eine Secunde, so ergibtdi es für eine Minute 6000 Scklingen. Dadurch wird es begreiflich, daß man mit dieser Maschine an einem Tag 36 Paar Strümpfe anfertigen kann, während die Haudstrickerin, wenn sie noch so fleißig und noch so geübt ist, täglich nicht zwei Paare fertig bringt. Außerdem kann man je nach Bedarf fest oder locker stricken. Die Maschine nimmt wenig Raum ein und wird an den Tisch angeschraubt. Man kann mit der Maschine ab- und zunehmen, den Keil, die Ferse, das Bein, den Rand des Strumpfes machen. Ebenso lasten sich gerippte, wolkige und durchbrochene Gewebe jeder Art mit der Maschine herstellen und auf diese Weise Shawls, Decken, Besätze, Kinderkleider, Handschuhe und Anderes mit Leichtigkeit anfertigen. Während des letzten Breslauer Maschinenmarktes arbeitete die Maschine eine Menge derartiger Gegenstände zu großer Freude und Bewunderung der Damen, welche in der Regel dicht gedrängt um diese unscheinbare Maschine standen und den reichsten Beifall spendeten. Die L am b s'sche Strickmaschine kostet 160 fl. Silber, bei Baarbezahlung IILV^fl. Die hiesige Unternehmungslust wird sich gewiß die Gelegenheit nicht entgehen lasten, dem Augsburger Publikum diese interessante Maschine bald vorzuführen. (Vielfache Verwendbarkeit des Petroleums.) Das Petroleum, mit dem man Jahrhunderte lang, als es noch unter dem Namen Steinöl oder Naphta in den Haudel kam, nichts Rechtes anzufangen wußte, gewinnt immer größere Wichtigkeit, und zwar schätzt man es nicht nur als Brennmaterial, sondern auch in der übrigen Hauswirthschaft, in der Landwirthschaft und selbst in der Heilkunde spielt es seine Rolle. Den umfassendsten Gebrauch macht man jetzt von seiner eminenten Wirksamkeit gegen alles kleine Ungeziefer, das durch directe Berührung mit der Flüssigkeit immer sofort, durch die bloße Ausdünstung theilweise ebenfalls getödtet, andernfalls doch vertrieben wird. Gärtner, Thier- züchter und Thierärzte verwenden das Patrolenm schon häufig zur Vertilgung pflanzlicher und thierischer Schmarotzer; gegen das häßliche Uebel, das von einer in der menschlichen Haut nistenden Milbe herrührt, die Krätze, steht es allen anderen Mitteln voran. Hierauf fußend, hat die ärztliche Praxis jetzt auch begonnen, den Stoff gegen innere Quälgeister, Eingeweidewürmer nämlich, in Anwendung zu bringen, und zwar ebenfalls mit gutem und raschem Erfolg. Man gibt zu diesem Zweck Klystiere mit einer Evulsion von Petroleum, einen halben Eßlöffel voll, einem Eigelb und warmem Wasser; die Behandlung wird ohne Beschwerde ver- tragen. Wahrscheinlich wird nun das Mittel, um im Verdanuugskanal gründlich, z. B. auch mit dem Bandwurm aufzuräumen, bald auch innerlich gegeben werden. Pariser Aerzte haben sich der Probe unterzogen und gefunden, daß der Stoff für den Körper unschädlich und nur durch seinen Geschmack widerwärtig ist. Dem läßt sich aber abhelfen, indem mau ihu in bekannter Weise in Gelatinekapsel eingeschlossen verordnet. Charade. (Aus einem Paar zwcifilbiger Wörtern.) Ist auch das Erste streng verpönt, So wirds doch unverschämt getrieben Von Solchen, die daran gewöhnt, Gerade dieß am meisten lieben. Ist noch so weise und gerecht Das Zweite, und sohin zu schätzen, So wird es doch erbärmlich schlecht, Sobald wir's hin zum Ersten setzen. Denn seh'n wir's diesem beigesetzt, So kann es Ekel nnr erregen, Weil voll chicmit ein Mensch uns schwätzt, Der sich auf's Erste muß verlegen. Auflösung der Charade in Nro. 30: Weinstein. Druck, Derlaa und Skedaltion drS Ittnartstheu Institut« von vr. M. Huttlrr, Nr. AS. 9. August 1868. Attgsburger Sonntaffs-Blatt. Der Moralist auf seinem Stuhle Verliert beim Wildfang sein Latein! Der Leichtsinn will gezüchtigt sein; Das Unglück ist die beste Schule. Pfesfel. Auch eine Criniinal-Geschichte.^) Von Ernst Pasque. I. Ein Verbrechen. „— Er stieg aus dem Sarge. —" „Hm! das klingt schauerlich, gefährlich, Alte!" sagte Meister Andres zu seiner Hälfte, die einen anscheinend starkgebrauchtcn, zcrlesenen Band vor sich liegen hatte und mit Hülse ihrer horncrnen Eulenbrille sich anschickte, eine der darin enthaltenen Erzählungen vorzulesen. „— Er stieg aus dem Sarge. — " „Ein kurioser Anfang! Was ist denn das eigentlich für eine Geschichte?" unterbrach der Meister, den die bedeutsamen Worte denn doch ein wenig zu unbehaglich berühren mochten, zum zweiten Male seine Vorleserin. „Der Schalten, eine schöne neue Erzählung, gedruckt in diesem Jahre, und von dem Autor, dessen Sachen uns so ausnehmend gut gefallen haben." „Hm! weiß schon! Es ist derselbe, der die „ewige Lampe" gemacht hat." „Das ewige Licht, willst Du wohl sagen!" verbesserte mit sanftem Vorwurf die mehr litcrarisch gebildete Alte ihren Andres. „Licht oder Lampe, das ist ganz einerlei! — das heißt „ewige Lampe" würde noch schöner klingen, heißt doch also unser Stammwirthshaus." Letztere Worte brummte der Meister indessen leiser vor sich hin. „So laß mich doch endlich einmal anfangen. Andres. Es geht auf Neun, und unsere Lampe wird auch nicht lange mehr vorhalten, sie hat schon eine Kohle angesetzt. — Er stieg —" „Dann bekommen wir noch einen Brief oder einen Besuch." „— Er stieg aus —" „Etwas Lustigeres wäre mir just heute und vor dem Schlafengehen lieber gewesen." „So warte es doch nur ab, die Geschichte endigt vielleicht heiter." „Das wäre ein Glück!" „Du hörst doch sonst die spannenden und unheimlichen Erzählungen und Criminal- Geschichten so gerne." „Gewiß, Alte, die sind meine Passion! Aber die heutige fängt mir zu gefährlich an — sie beginnt damit, womit, die anderen aufhören, und dann — dann ist es mir heute Abend so sonderbar um's Herz, ganz so, als ob noch etwas passiren würde — als ob ich noch in die ewige Lampe müßte." „Heute ist aber nicht Dein Wirthshaustag, sondern unser Lesckränzchcn." „Na, so winde Dein Kränzchen weiter und zu Ende, Alte," rief mit frischem Muthe Andres. *) Ein Wiederabdruck kann nur mit Bewilligung des Verfassers erfolgen. ' - 250 „— Er stieg aus dem Sarge. ." „Wie ist er denn eigentlich hineingekommen? - Denn hineingekommen muß er doch sein, sonst könnte er nicht — ganz richtig! — Das möchte ich doch gerne und ;u allererst wissen; daö muß erst interessant sein!" „Hab' doch mir Geduld, Andres! Ich bin seit einer Stunde so gespannt darauf, wie Du. Wir werden's schon und noch rechtzeitig erfahren, also merk' auf." „ — Er stieg —" Doch die gute, lcscbcdürstigc Alle sollte am heutigen Abend in ihrer Lectüre nicht weiter kommen, und ihr Andres, dem die Erzählung vor dem Schlafengehen doch nicht so recht geheuer sein mochte, glücklich davon befreit werden, denn mitten im Sahe öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ziemlich aufgeregt in die kleine bürgerliche Stube. '„Da ist der Besuch, unsere Lampe hat richtig prophezeit!" rief Meister Andres und erhob sich, um den späten Gast zu begrüßen. Die Alte klappte mit einem merklichen Mißvergnügen das Buch zu und schickte sich ebenfalls zu einem Gruß an, als der Andere sie schon mit einer Fluth von Worten anredete. „Guten Abend, Gevatter, guten Abend! Das sind Geschichten, schlimmer, als die, welche Ihr da leset! Wer hätte das gedacht, wer geglaubt, daß unsere ruhige friedliebende Stadt so etwas erleben würde?! Es ist entsetzlich, die Haut schaudert mir immer fürchterlicher, je länger ich daran denke." „Was gibt's, Gevatter Hcubach?" rief die Alte, durch diese wirklich vielversprechenden Worte in etwas mit der unliebsamen Unterbrechung ihres Lcsekränzcheus ausgesöhnt, während Meister Andres murmelte: „Hat mir's doch geahnt, daß heute Abend noch etwas Besonderes passiren würde. Nun komme ich auch noch in die ewige Lampe." „Hört nur, Leutchen, hört! Es ist die merkwürdigste Geschichte, die sich allhier zugetragen, seit Menschcngcdenkcn — und noch dazu in meiner Straße ist sie Passirt. Und ich bin eine Hauptperson - dabei, das heißt, habe sie an den Tag gebracht —.so weit sie nämlich bis jetzt an den Tag zn bringen gewesen; hab' die Orlspolizci daraus aufmerksam gemacht, gleichsam mit der Nase darauf gestoßen. Ja, schaut mich nur groß an, so ist es! Ihr lcs't Criminal - Geschichten, und ich erlebe sie, das ist noch viel interessanter." „Was ist es denn für eine Geschichte? So erzähle doch Hcubach!" Also unter- brach Meister Andres den Redestrom des Gevatters, dabei seine Alte ein wenig zweifelnd anblickend. „Will sie Euch erzählen — so viel ich nämlich davon weiß. Das ist freilich nicht allzuviel, aber doch schon mehr als genug für einen ehrlichen Menschen. Der furchtbare Fäll ist noch in ein, wie man zu sagen pflegt, gcheimnißvolles Dunkel gehüllt, welches das Criminalgericht und gewiß schon morgen am Tage aufklären wird." „Aber so schieß' doch los!" rief Meister Andres, und nunmehr schon mit sichtlicher Ungeduld und Spannung. „Das klingt ja ganz merkwürdig interessant," konnte die Alte, deren Aeuglcin förmlich leuchteten, sich nicht enthalten zu rufen. „Aber so setzt Euch doch, Heubach, trinkt einen Schluck und erzählt!" Und Gevatter Hcubach setzte sich, trank aber keinen Schluck, weil das Bier ihm nur im WirthShause schmecke, wie er bemerkte, dafür aber erzählte er das Folgende und genau in der Manier, kurz und bündig, ohne Umschweife, wie es die nach spannenden, gcheim- nißvollcn und schauerlichen Geschichten so lüsterne Frau des ehrsamen Tischlermeisters Andres liebte. „Der Laibel ist mit seiner ganzen Familie spurlos verschwunden! —" »Ach» — was Ihr sagt?!" machten die beiden Zuhörer mit wcitgeöffneten Schund Sprachwerkzengen. „Am vergangenen Samstag hat man ihn noch und zum letzten Mal gesehen, 251 * Sonntag waren Hans, Thüre» und Fensterläden verschlossen, und heule, Mittwoch, sind sie es noch, und keine Seele ist in dein Gebäude zu spüren." „Ah! — nicht möglich?!" „Anfangs hat man in unserer stillen Straße nicht daraus geachtet, dann aber wurde die Sache mir und meinem Nachbar, dem Gerber Fritze, bedenklich. Ta hab' ich'ö denn ^ heule früh dem Polizciamt mitgetheilt und auch, was ich und der Fritze dachten und vermutheten, wie es eben unsere Bürgerpflicht war. Nach darauf erfolgten langen Debatten zwischen der Polizei und dem Ortsgcricht, an denen sich sogar der Gemcindcrath bethciligte, ist man denn §u dem sehr vernünftigen Resultat gelangt, bis morgen zu warten und dann eine Anzeige beim Criminalgericht. zu machen." „Und davon hab' ich nichts gewußt, bis jetzt nichts erfahren?" schrie Meister Andres förmlich aus. „Das kommt daher, Alter, weil Du die ewige Lampe vernachlässigst, daheim sitzest und Dir schauerliche Geschichten vorlesen läßt, während die allerschönsten und schrecklichsten vor Deiner Nase und in Wirklichkeit passiven." „Hast Recht, Hcnbach," rief wieder der Meister, indem er zugleich mit ziemlicher Energie auf den Tisch schlug. „Wer das hätte denken können!" „So haben wir auch gerufen in unserer Gasse. — ES ist etwa ein halbes Jahr- her, seit der Laibel in unsere Stadt und i» das alte Hans gezogen, das er gekauft. Mit seiner Frau und den zwei Kindern lebte er soweit still und ruhig für sich. Um Niemand kümmerte er sich; die Frau sah man selten, und die Kinder gingen nicht einmal in die Schule. Wenn er sie nicht selbst unterrichtet, so ließ er sie wild heranwachsen. Und warum auch die armen Würmchen mit Schule und Lernen plagen" — platzte der Gevatter endlich heraus — „wenn daS Ungeheuer — sie doch auS der Wett zu schaffen > gedachte!" „A — ah! —" * „Er soll die Kinder — wirklich-?" „Und seine arme Frau dazu! Ich hab's dem Manne gleich angesehen, er machte einem Jeden, der sich ihm nähern wollte, ein so finsteres Gesicht. Es mußte so kommen, es war fast vorauszusehen." „Und am vergangene» Samstag soll es geschehen sein?" fragte Andres mit eigenthümlichem Tone. ' „An jenem Tage hat man die Frau mit den zwei Kindern noch in der Gasse gesehen; sie gingen spazieren, nach der Landstraße hin, die »ach V... führt. Durch den kleinen Pfad, der hinter den Gärten herläuft, werden sie wohl, und wie schon sä oft, heimgekehrt sein. Er — der Laibel, benutzte nur den schmalen Weg, um auszugehen. Die Magd hat er am Morgen fortgejagt — sie wohnt drei Stunden von hier und ist bereits für morgen anhcr und auf das Ortsgcricht citirt worden. Eine Frau unserer Gasse, die ihr begegnet und von der Person erfahren, daß der Laibel sie Knall und Fall und ohne Ursache fortgeschickt, hat dies angezeigt. — Seit der Zeit nun sind Alle, er, die Frau und die Kinder spurlos verschwunden." „Nicht möglich! — Entsetzlich!" hauchte die Alte in kleinen Pansen, während Meister Andres in stummer, doch nicht geringer Spannung dasaß und kein Auge von dem Sprecher abwandte und ihn gleichsam aufzufordern schien, weiter zu berichten. > „Der Fritze, der am selben Abend etwas spät aus der ewigen Lampe heimkehrte und durch unsere ganze Gaffe mußte, hat nun etwas Sonderbares, Verdächtiges in dem alten Hause gesehen, und das hat uns denn — besonders mich, auf den Gedanken gebracht, darin bestärkt, daß etwas Außergewöhnliches, Schlimmes — Schreckliches in der Wohnung passirt sein müsse." „Was hat er gesehen, Heubach? Erzählt! Macht es doch nicht, wie so viele 252 unserer Schriftsteller, die einen förmlich auf die Folter spannen!" So rief die Alte, schier vor Erregung zitternd. „Hört, Kinder! Als der Fritze an Laibels Hause vorbeikam, sah er in einem Zimmer des zweiten Stockwerks Licht. WaS konnte der Mann so spät noch zu thun haben, wo jeder anständige, ordentliche Bürger schon längst zu Bette lag? So dachte Fritze, der sonst ganz und gar nicht neugierig ist, und blieb stehen. Plötzlich bewegte sich das Licht, und zu seinem gelinden Schrecken sah er, daß es aus einem Zimmer in das andere ging, rasch — immer rascher, dann verschwand, endlich wieder zum Vorschein kam, hastig, unruhig und ängstlich. Das dauerte eine ganze Weile, dann verschwand es vollends. Fritze war nicht von der Stelle zu bringen; es war ihm, als muffe er noch etwas erleben in der stillen Gaffe, in der Alles schlief, und in dem düstern Hause. Ungewöhnlich und verdächtig war auf alle Fälle, was er gesehen. Er wartete noch eine ganze Weile, bis die alte Schloßuhr Eilf schlug, dann wurde es ihm wahrhaft unheimlich zu Muthe, wie er sagte, und er eilte heim." In diesem Augenblick ertönte in der kleinen Stube ein wahrhaft furchtbarer Schrei, der dem Erzähler und der mit äußerster Spannung horchenden Alten durch Mark und Bein ging, und als sie erschrocken aufschauten, hätten sie bald ähnliche Schreie ausge- stoßen ob dem, was sie erblickten. Meister Andres hatte sich erhoben — er war es gewesen, der den lauten, so schrecklich klingenden Schrei ausgestoßen. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Augen starrten die Beiden förmlich an. Die eine Faust hatte er aus den Tisch gestemmt, wahrscheinlich um seinem vor Aufregung zitternden Körper einen Halt zu geben. „Du hast die Wahrheit gesprochen, Hcubach!" rief er mit fester Stimme seinen mehr und mehr erschreckenden Zuhörern zn. „Der Laibel hat sie — umgebracht! — Ich hab's gesehen und — gehört!" Nach diesen allerdings merkwürdigen und inhaltreichen Worten war es vorbei mit der künstlichen Energie des ehrlichen Tischlermeisters. Er siel förmlich in seinen Stuhl zurück, während nun die beiden Andern von ihren Sitzen gleichsam emporschnellten, und zu gleicher Zeit und mit begreiflicher Aufregung auf ihn einstürmteu, ihn aufforderten, um Gottcswillen zu erzählen, was er denn von der schrecklichen Geschichte gesehen und gehört. ES dauerte eine geraume Weile, bis Meister Andres sich gefaßt und im Stande war, diesem Verlangen nachzukommen. Und was er nun erzählte, war in der That merkwürdig und mehr als genug, um die allgemeine Aufregung auf's Höchste zu steigern, die düstere Geschichte in etwas, doch in schrecklicher Weise aufzuhellen. „Ich war am vergangenen Samstag Abend auch in der ewigen Lampe, wie Du Dich erinnern wirst, Hcubach," so sagte endlich Meister Andres. ,Es war mein Tag, und da ich nur selten komme, so blieb ich dafür ein wenig länger sitzen, und das war em Glück, wie Ihr gleich sehen werdet. Ein kleines halbes Stündchen nach Fritze brach ich auf, und um schneller nach Hause zu kommen, benutzte ich den kleinen Gartenpsad, der hinter Laibels Hof und Garten hinläuft. Es war mir ein wenig unheimlich zu Muthe, und das hatte seine gerechte Ursache, wie ich jetzt genugsam weiß. Als ich an dem Hofraum des alten Hauses vorbeikam, mußte ich — es ist merkwürdig — gerade wie der Fritze Halt machen und durch die Lattenwand in den Hof und auf das düstere Gebäude schauen. Ihr wißt, daß mitten im Hofe der große Ziehbrunnen steht. Nun, bei diesem glaubte ich etwas Ungewöhnliches zu sehen. Es war eine dunkle Gestalt — ein Mann, und kein Anderer, als der Laibel. Die Arme hatte er hoch erhoben, und hielt er etwas, das ich nicht erkennen konnte, doch ganz sicher und deutlich gesehen habe. Da hörte ich plötzlich einen scharf und schrecklich klingenden Aufschrei, dann sanken die Arme herab, und die Gestalt — der Laibel — warf etwas in den Brunnen, das nicht von geringem Umfang war, denn stark plätscherte es gleich darauf unten in dem Wasser — ich hörte es nur zu gut! Das Alles war mir recht auffallend, doch dachte ich nichts« Arges. Ich sah dann noch, wie die Gestalt sich von dem Brunnen entfernte und in das Haus zurücktrat. — So ist es! — Das habe ich gesehen und gehört, und will es mit allen Eiden beschwören!" Unmöglich ist eS, den Eindruck zu beschreiben, welchen dieser Bericht auf die beiden Zuhörer machte. Auf ihre Sitze sanken sie und starrten einander eine ganze Weile sprachlos an. Endlich flüsterte Gevatter Heubach: „Nun ist kein Zweifel mehr! Er hat — sie ermordet — Alle, Frau und Kinder — dann in den Brunnen geworfen und sich schließlich selbst das Leben genommen, oder durch Flucht dem Gericht entzogen. So ist es! — Es kann nicht anders sein!" „So ist es! — Es kann nicht anders sein!" wiederholte mit tiefem Tone Meister Andres. „Entsetzlich!" hauchte die Alte, am ganzen Körper zusammenschauernd. Dann entstand abermals eine lange Pause, in der man jeden Athemzug der Drei hören konnte, die sich wiederum einander und mit wahrhaft entsetzten Mienen anschauten. Doch nun erhob sich Gevatter Heubach mit gewaltsamer Energie. „In die ewige Lampe," so rief er mit fast befehlender Stimme. „Zieh den Rock an, Andres, mir müssen hin! Ehre, dem Ehre gebührt! Du selbst sollst der Gesellschaft die merkwürdige, entsetzliche Neuigkeit mittheilen." Die Alte sagte kein Wort, als ob der Aussprnch des Gevatters unantastbar wäre. Doch hätte sie es auch gethan, so würde es nichts genutzt haben, denn Meister Andres hatte schon den Rock vom Nagel genommen. „Ich wußte es wohl, daß ich heute Abend noch in die ewige Lampe kommen würde," murmelte er, als er in die weiten Acrmel seines Habits schlüpfte, mit einem gemischten Gefühl von Grausen und Behaglichkeit über die Bedeutung, welche seine Person nunmehr in der schrecklichen, doch so interessanten Sache erlangen würde. Einige Augenblicke später befanden die beiden Männer sich auf dem Wege nach dem oftgenannten Stammwirthshausc, allwo ihr Erscheinen, ihre Berichte, wie vorauszusehen, die größte und gerechteste Aufregung hervorrufen mußten. Die Alte blieb allein in ihrer Stube. Auch sie spürte ein nicht geringes Grausen, doch war es mit einer gewissen Behaglichkeit gepaart Die Lampe brannte noch immer hell, und vor ihr lag das Buch. „Das ist die rechte Stimmung, in der man eine so schöne Geschichte lesen muß," flüsterte sie nach einer Weile mit leuchtenden Aeuglein und von Erregung geröthcten Wangen. Dann stellte sie sich das Licht zurecht, rückte den alten Lcderstuhl wieder näher zum Tische, klappte die dunkle, farblose Decke der geliebten Zeitschrift auf, und nachdem sie noch die Enlenbrille fest und an richtiger Stelle auf die Nase geklemmt, begann sie zu lesen: „— Er stieg aus dem Sarge" — Alles klebrige erstarb in einem Murmeln, dem man die innere Behaglichkeit der Leserin wohl anzuhören vermochte, und das nur hervorgerufen werden konnte durch eine solche Lectürc, bewerkstelligt in ähnlicher Stimmung. (Fortsetzung folgt.) Clementina. (Schluß.) VIII. Ein Monat war vergangen seit dem Tode der armen Catalina. In einem elenden Dachkämmerchen von Bayonne weinte und nähete ein junges, weibliches Wesen, das dem Schatten der frühern Clementina ähnlich sah. 254 Plötzlich schauderte sie zusammen, und fuhr von ihrem Platze auf. Sie hatte die Stimme ihres Bruders Miguel gehört, welcher au der Thüre des Hauses ihren Namen aussprach. Miguel trat ein. Clemeutiua, davon niedergeschmettert, senkte die Stirn zu Boden. Sie wagte nicht, ihn anzublicken; sie glaubte, daß er komme, um mit ihrem Blut den Flecken abznwaschen, der durch sie aus die reine Ehre der Familie gekommen war. Clementina! Hcrzensschwestcr! rief Miguel auS, indem er sie mit thräuennmwölkten, Augen in seine Arme zog. Bei dieser zärtlichen Stimme, in dieser liebevollen Umarmung, und als sie seine warmen Thränen auf ihrem Gesichte suhlte, wagte Clementina erst die Äugen zu ihrem Bruder aufzuschlagen; nnd nun gewahrte sie, daß er Trauer trug. Sie wollte den Bruder fragen, welches neue Unheil die Familie betroffen habe; aber er kam ihrer Frage zuvor mit den Worten: Clementina! Unser Hans hat keine Herrin mehr, die es leite nnd lenke. Komm, komm, und nimm Du den Platz ein, welchen die Mutter leer gelassen hat, als sie zum Himmel ging. Bei dieser Nachricht stürzte Clementina wie todt zu Boden. Ihr Schmerz war so grausam, tief und furchtbar, daß er gewiß genügte, ihre Schuld zu sühnen, wenn sie noch nicht gesühnt war durch Alles das, was das arme Mädchen gelitten, seit ihr Verführer sie verließ. Sie kam, Dank der liebevollen Sorge Miguels, bald wieder zu sich, und am folgenden Tag kehrten die zwei Geschwister nach dem heimathlichen Dorfe zurück. Mit welchem Schmerz, mit welcher tödtlichen Angst, mit welcher unendlichen Beschämung kehrte die beklagenswerthe Clementina zu dem Dorfe wieder, das sie verlassen hatte, geehrt wie ihre Mutter, rein wie die Blumen der heimischen Thäler! Miguel war so zartfühlend, seiner Schwester den Weg über Bilbäo zu ersparen, um ihr die Schande und den Schmerz nicht aufzubürden, welche sie auf dem Schauplatz ihrer Lerirrung Hütte empfinden müssen. Sie machten die Reise quer über die Gebirgskette, welche im Norden die „unbesiegte" Stadt beherrscht, und deren Pfade ihnen Beiden wohl bekannt waren. Der Tag war schön; Leben und Freude herrschten da unten im Thäte des Jbaizabal. Glocken tönten am Fuße des Berges, über dessen Gipfel Miguel und Clementina dahin schritten. Es waren die Glocken vom Heiligthum zu Bcgonna. Was Clementina beim Klang dieser Glocken empfand, das läßt sich vielleicht nachempfinden, aber nicht in Worten ausdrücken. Die Glocken von Begonna klangen nicht traurig für die, welche ein frohes Herz halten oder in ihrem Geläute die Mahnung an den Himmel fanden; aber für Clemcn- tina klangen sie so düster und ernst, wie Sterbeglocken. O wer einen schweren, dunklen Vorwnrf im Busen trügt, für den verwandelt sich der frohe Sanct Johannis-Morgen in den düstern Allerseelenabend Traurig verfolgten die Geschwister ihren Weg, bis sie von der Anhöhe aus, jenseits eines tiefen Thales voll Eichen und Kastanien, auf einer gegenüberliegenden Höhe zwischen üppigen Bäumen, welche dieselbe krönten, einen Kirchthurm emporsteigen sahen, an dessen Fuß einige Häuser durch die Zweige schimmerten. Das war ihr friedliches, schönes, ihr geliebtes Heimathödorf. Clemcntina's Schmerz, der bei der Abreise von Bayonne sich einigermaßen gemildert, seither aber und namentlich seit sie das Thal des Jbaizabal überblickten, sich immer mehr verschärft hatte, erreichte seinen Höhepunkt, als sie den Kirchthurm ihres Geburts- Ortes erschaute, als sie die Baumgrnppen und Hügel wiedersah, wo sie mit ruhiger Seele und freier Stirn mit den Gespielinnen ihrer Kindheit sich getummelt hatte, vor denen sie jetzt in Scham und Schande den Blick zu Boden senken mußte. Ein Strom von 255 Thränen brach aus ihren Augen, und sie mußte sich auf ihren edlen, großmüthigen Bruder stützen, um nicht erdrückt von dem Gewichte ihrer Qual, zu Boden zu stürzen. Langsam setzten sie hierauf ihre Wanderung fort, während Clementina in Thränen zerfloß, Miguel dagegen alle Schätze der Bruderliebe, die sein weiches Herz bewahrte, getreulich anwendete, um die Schwester zu trösten. Es war Sonntag. Der Pfarrer des Dorfes, welcher die Uebung hatte, seinen Beichtkindern vor dem Meßopfer eine Stelle der heiligen Schrift vorzulesen und zu erklären, hatte heute die evangelische Erzählung von der Ehebrecherin gelesen. Wer unter Euch von Sünde rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie! hatte der Priester mit Jesu Worte» gesagt. Tausend edle Sclbstvorwürfc und großmüthige Vorsätze erwachten bei diesen Worten in den Herzen seiner Zuhörer; Vorwürfe, daß man nicht vergeben habe, Vorsätze, daß man vergeben wolle. Miguel und seine Schwester beschleunigten ihre Schritte, als sie sich dem Dorfe näherten, um dieses noch zu durchwandet», so lange es wie ausgestorben war, das heißt, bevor die Leute anS der Kirche kämen. Sie betraten den Kirchplatz; in der That war noch Alles öde und still. Aber da öffnete sich plötzlich die Kirchenthürc, und fast die gesammlc Einwohnerschaft bevölkerte den Platz. War Clemcntina's Schuld groß gewesen, so war auch die Sühne schwer, welche in diesem Augenblick über sie erging. Denn wir würden ob ihrem Scclenschmcrz erschrecken, wenn es uns vergönnt wäre, in die Tiefen ihres zerrissenen Herzens zu schauen. Ein Jubelruf und keine Schmähung empfing den gefallenen und in der Schule des Unglücks wieder aufgerichteten Engel. Nur Mitleiden und Liebe fand Clementina bei den Bewohnern ihres Dorfes. Alles dachte, daß sie sehr unglücklich, Niemand dachte, daß sie schuldig war; und auch dem Gerechtesten fiel es nicht ein, den ersten Stein auf sie zu werfen. Selig sind, die da weinen, selig, die vergeben. P e t r o l e o,n a n i e. Mit Wachslicht, Sonncnkcrzcn, Mit all' dem ist's herum, Es brennen alle Herzen Nur für's Petroleum. Das Kett des Ungeheuers Ist nichts mehr, und dahin Die Poesie des Feuers Am traulichen Kamin. Sie, die auch uns're Glieder Mit ihrer Kohle wärmt, Die Erde hat uns wieder: Für Erdöl wird geschwärmt. In jedem Magazine Sicht Alles sich nur um Nach Lampen für Camphinc Und für Petroleum. Denn aus derselben Grube, Drin sie das Gold bewahrt, Wo sonst, vom Mohn befeuchtet, Die Lampe still gebrannt. Wird jetzt die Nacht erleuchtet Von Pluto's cig'ner Hand. Schenkt sie das Licht der Stube, Wo man den Kreuzer spart. Die groß und kleinen Kinder Erfreut der neue Stern, Nur leider die Cylinder Zerbricht es gar so gern. Hermann Lingg. 256 (Man muß sich zu helfen wissen.) Nach Uebernahme des Commandos eines Infanterie-Regimentes des norddeutschen Bundeshecres durch einen Preußischen Oberst hielt derselbe eine Jnspizirung über das ihm anvertraute Regiment ab. Der Oberst hatte einen Zug als Schützen ausschwärmen lassen, und fragte nun den Führer des Zuges, einen Seconde-Lieutenant, was er wohl anfangen würde, wenn er plötzlich von feindlicher Kavallerie bedroht würde. Der Lieutenant gab die Antwort, er würde durch den Hornisten das Signal zum Carrö-Foriuircn blasen lassen. „Was würden Sie aber thun, wenn Ihnen der Hornist weggeschossen ist?" fragte der Oberst weiter. Der Offizier stutzte. Der Oberst, die Verlegenheit des Lieutenants gewahrend, nahm dem neben ihm stehenden Hornisten das Horn aus der Hand und sagte: „Dann bläst man selbst," und blies nun zur Verwunderung des ganzen Regiments mit großer Fertigkeit alle Signale vor. (Wie das Skalpiren thut). William T h o mp s o n, ein Telegraphist an der Pacific-Eisenbahnlinie, hat ein romantisches Abenteuer gehabt. Er ist von Indianern skalpirt worden und lebt noch, um es erzählen zu können. Er verlor seinen Skalp kurz vor der Wegnahme des Zuges an Plum Creek Station, die neulich gemeldet wurde, und Folgendes ist die Geschichte, die er den staunenden Bürgern von Omaha, wo ersetzt ist, erzählt: „Dienstag Abends ungefähr 9 Uhr verließ ich und fünf Andere Plum Creek Station, und fuhren wir die Strecke hinauf auf einem Handkarren, um nachzusuchen, wo der Bruch im Telegraphen sei. Als wir an der Bruchstelle ankamen, sahe» wir eine Menge Ziegel auf der Strecke aufgeschichtet, aber in demselben Moment sprangen ringsherum Indianer vom Gras auf und feuerten auf uns. Wir feuerten zur Erwiderung zwei bis drei Schüsse ab, aber da wir sahen, daß die Indianer auf uns eindrangen, liefen wir fort. Eiu Indianer auf einem Ponny suchte mich heraus und sprengte an zu mir. In einer Entfernung von 10 Fuß feuerte er auf mich, bei welcher Gelegenheit eine Kugel in meinen rechten Arm drang: da er mich noch laufen sah, drehte er sein Gewehr um und schlug mich mit dem Kolben nieder. Dann nahm er sein Messer heraus, stach mich in den Hals, wickelte das Haar um seinen Finger und begann dann mit Sägen und Hacken meinen Skalp abzuziehen. Obgleich der Schmerz grauenhaft war, und ich Schwindel und Unwohlsein fühlte, so wußte ich doch recht gut, daß ich mich ruhig verhalten mußte. Nach ungefähr einer halben Stunde that er den letzten Schnitt am linkenSchlaf, und da der Skalp noch ein wenig hing, so gab er einen Ruck. Da dachte ich, ich müßte mein Leben aushauchen. Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Ich fühlte gerade, als ob der ganze Kopf weg wäre. Darauf schwang sich der Indianer in den Sattel und galoppirte davon. Aber wie er wegging, ließ er meinen Skalp wenige Fuß von mir entfernt fallen, welchen ich nun glücklich erlangte und verbarg. Die Indianer waren dicht in der Nachbarschaft, sonst hätte ich meine Flucht bewerkstelligen können. Während ich so dalag, konnte ich die Indianer umherlaufen, miteinander flüstern und dann kurz darauf Hindernisse auf die Strecke legen boren. Nachdem ich so ungefähr anderthalb Stunden dagelegen hatte, hörte ich das tiefe Rumpeln des Zuges, wie er dahcrgebraust kam, und ich wäre wohl im Stande gewesen, ein Zeichen zu geben, wenn ich es gewagt hätte." Frage: Was ist ein Beamter, der auf einen Orden wartet? Antwort: -zpvauiizzZ, zuiD Charade. (Zweisilbig.) Mein Erstes birgt der grüne Wald, Wenn froh dein Horn darin erschallt, So wünsch ich dir ein gutes Zweites Doch würdest du bei Groß und Klein Wohl unbeliebt als Ganzes sein. Auflösung der Charade in Nro. 31: Bettel-Sprüche. Druck, »erlaa und Nedaltton bk» »tcrartschen Institut« von vr. M. Huttler. Nr. LL 16. August 1868. Augsburger Muß sich ein Mann in rechtem Worte zeigen Durchsichtig, klar, wie ein Krystall, So lern er auch verstehn das rechte Schweigen, Das ihn umgiebt gleich einem Wall. Johannes Schrott. Auch eine Crirnina!-Geschichte. (Fortsetzung.) II. Die Untersuchung. Die Vorgänge, welche wir im vorigen Kapitel in einer wohl etwas zu leichten Weise erzählt, waren indessen ernst genug, und wohl im Stande, die kleine Stadt L... in große, ungewöhnliche Aufregung zu versetzen. -k... war während vieler Jahrhunderte die Residenz eines Fürsten gewesen, besten Souveränität durch den Neichsdcputations-Hauptschluß vom Jahre 1803 ein Ende gefunden hatte; das war der erste harte Schlag, der T... betroffen. Einige Jahrzehnte später war denn auch noch der letzte Repräsentant der alten Herrscherfamilie gestorben und das stattliche und weitläufige Schloß und anderes Besitzthum an eine Seitenlinie gefallen. Nun verließen auch die letzten Beamten und Hofdicner die Stadt, welche dadurch ihre eigentliche Lebcnsbedingung schwinden sah. Der neue fürstliche Besitzer kümmerte sich wenig um den Ort, und so war denn T... zu einem kleinen, stillen Landstädtchen herab- gcsuuken, das nur durch seine wahrhaft schöne Lage irgend einen Pastanten zu intercssiren und auf kurze Zeit zu fesseln vermochte. Im vergangenen Sommer nun war Herr Laibel zum ersten Mal in T... gesehen worden. Er hatte sich mehrere Tage daselbst aufgehalten, denn der Ort und die Gegend schienen ihm zu gefallen. Eines der alten, großen und öden Häuser war zu verkaufen gewesen — sein letzter und einziger Besitzer und Bewohner, ein ehemaliger fürstlicher Amtmann war gestorben — und zur größten Verwunderung der Einwohner hatte Herr Laibel das Haus mit dem hübschen Garten gekauft. Während des Winters war Mancherlei in der Wohnung ausgebessert und hergestellt worden; nach und nach langten Fuhren mit Möbeln und anderem Hausrath an, und im folgenden Frühling — etwa vor einem halben Jahre — zog denn auch Herr Laibel mit seiner Familie, aus seiner Frau und zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf, und einem Knaben von neun Jahren bestehend, in^sein stilles und hübsches, doch auch etwas düsteres Besitzthum ein. Der neue Einwohner von T... zeigte sich sofort als ein Sonderling. Er verkehrte fast niit keinem seiner Mitbürger, hielt sich meistens in seinem großen Hause auf, und wenn er ausging, so suchte er stille Wege, abgelegene Stellen auf, immer bemüht, den Leuten so viel als möglich auszuweichen. Seine Frau lebte fast eben so still für sich, ihr Hauswesen und ihre Kinder, und eine Magd, aus der Gegend daheim, vermittelte die Einkäufe in der Stadt und die etwaigen Geschäfte mit den Handwerksleutcn. Die Kinder sah man meistens im Hof und im Garten spielen, oder die Mutter führte sie spazieren, doch ohne Scheu vor öffentlichen Orten und den ihr etwa Begegnenden. Den Unterricht der Kinder mußte wohl der Vater besorgen — wenn sie überhaupt welchen erhielten. Die Bewohner von L... erfuhren nichts Näheres darüber, so große Mühe sie sich auch gaben, es in Erfahrung zu bringen. 258 Die Familie lebte in dieser Weise still und eingezogen, doch soll es oftmals heftige Auftritte zwischen Herrn Laibel und seiner Gattin gegeben haben, wie die Magd den Leuten, mit denen sie in Berührung kam, oft, doch ganz im Vertrauen erzählte. Wcß- chalb und worüber diese Zwistigkeiten entstanden, wußte die Dienerin nicht und überließ dadurch den Neugierigen ein weites Feld der Vermuthungen, welches denn auch von den ehrsamen Bürgern und Handwerkern in schönster Weise bebaut wurde — nur nicht zum Vortheil des Herrn Laibel. So viel hatte sich indessen im Laufe des halben Jahres über die Familie festgestellt, daß Herr Laibel ein düsterer, menschenfeindlicher und höchst jähzorniger Mann sei, der seine Frau quäle und tyrannisire, und ferner, daß über den Leuten ein Geheimniß schlucke, das nicht zu durchdringen sei und demnach etwas Unheimliches, Gefährliches bergen müsse. Am vergangenen Samstag nun hatte man die Familie zum letzten Male gesehen. Am Sonntag war das Haus verschlossen geblieben, was indessen keineswegs aufgefallen. Die Thüren und Fenster öffneten sich aber auch an den folgenden Tagen nicht, und nun begann man aufmerksam zu werden — wozu Gevatter Heubach, seines Zeichens ein Schlossermeister, nach seiner eigenen Aussage, nicht wenig beigetragen. Dann wurde leise allerlei gemunkelt und vermuthet, und bald schauten die Bewohner der Gasse mit scheuen Blicken auf das düstere Gebäude, in dem auf alle Fälle irgend etwas Ungewöhnliches passirt war, und das ganz gewiß ein Geheimniß barg. Noch blieb es beim Vermuthen, als aber am Mittwoch der Gerber Fritze seinem Freönde Heubach seine Beobachtungen mittheilte, von dem so verdächtig durch alle Räume des Hauses irrenden Lichte erzählte, so er in der Nacht von: Samstag auf den Sonntag gesehen, da endlich platzte die Bombe. Die ungeheuerlichsten Reden über das sonderbare und vollständige Verschwinden der Familie, von Heubach zuerst angestimmt, wurden Plötzlich laut und lauter, bis sie endlich ber Ortspolizei zu Ohren kamen, die denn auch pflichtschuldigst Notiz davon nehmen mußte. Und sie that dies gerne, sogar mit großem Eifer, denn die Herren der Polizei und des Gcmeinderaths waren ebenfalls Kinder der Stadt und nicht weniger neugierig, als ihre übrigen Mitbürger. Es war indessen auch ernste Pflicht der Behörden, nachzuforschen, denn der Vorfall war wirklich beunruhigend, wenn nicht verdächtig. Der Gerber Fritze wurde auf die Polizei und das Ortsgcricht befohlen, und mußte haarklein berichten, was er in jener Nacht gesehen. Seine Aussage wurde zu Protokoll genommen, und die Vorstände der Polizei und des Ortsgerichts, sowie die Väter der Stadt beschlossen endlich nach langer Debatte, am folgenden Tage ihre Anzeige beim Criminalgcricht der nahen Hauptstadt LU machen. Am Abend dieses Tages nun machte der Tischlermeister Andres die im vorigen Kapitel erzählte wahrhaft gravircnde Deposition, wodurch die Vermuthungen über irgend ein in dem alten Hause begangenes Verbrechen so zu sagen zur Gewißheit erhoben wurden. Welch' ein gewaltiges Aufsehen diese Aussage in der ewigen Lampe sowohl als in der ganzen Stadt erregte, in der sie noch am selben Abend von der hundcrtzüngigen Fania — vertreten durch die Stamm- und andere Gäste des Wirthshauses — verbreitet wurde, bedarf wohl keiner näheren Darlegung. Am folgenden Tage und schon am frühen Morgen wurde der Tischlermeister auf das Ortsgericht citirt und mußte hier, und sogar vor dem Herrn Bürgermeister und den Herren Gemeinderätheu Alles wiederholen, was er sicher schon mehr denn einmal erzählt und berichtet. Mit Ernst und Würde, der Wichtigkeit seiner Aussage vollständig bewußt, gab er das, was er gesehen, so ausführlich als möglich zu Protokoll, und nun wurden ^ die Akten, mit einem passenden Bericht versehen, auch sofort durch den Ortsgcrichtsdiencr an das Criminalamt abgesandt. 259 ^ Noch am selben Abend brachte der Bote in einem großmächtigen Schreiben die Nachricht, daß am andern Tage, am Freitag, einer der Herrn Richter nach -k .. kommen würde, um die Sache zu untersuchen und dann weiter zu thun, was Rechtens sei. Noch war von Seiten der Ortsbehörde nach der Magd Laibcls, die dieser an jenem verhängnißvollen Samstag so Plötzlich entlassen, geforscht worden, doch hatte man die Person nicht in ihrem Heimathsorte gefunden, indessen die Vorsorge getroffen, sie für den ^ nun kommenden wichtigen Tag in L... einzubringen. Somit hatte denn die Ortsbchörde Alles und so gut als nur möglich, vorbereitet, um auf eine baldige Aufklärung des rätselhaften Vorfalls hoffen zu dürfen, sowie irr erfolgreicher Weise den Alp zu bekämpfen und zu bannen, der auf der ganzen Bevölkerung von L .. . nun einmal lastete. So war denn der Freitag herangekommen. i Auf der Ortsgerichtsstube saß der Beamte, welcher vom Criminalamt gesandt worden war, die Untersuchung der eigenthümlichen Angelegenheit zu leiten, und ihm zur Seite standen die Vorstände der Polizei und des örtlichen Gerichts, sowie die Mitglieder des Gcmcindcrathcs nütsammt dem Bürgermeister, so viel ihrer der nicht allzugroße Raum nur fassen konnte. Gerber Fritze hatte seine Aussage von dem wandelnden Lichte noch einmal wiederholt, Meister Andres nochmals berichtet, wie er in der Nacht um eilf Uhr den Laibel bei dem Ziehbrunnen gesehen und wie dieser einen Gegenstand —ganz gewiß eines seiner armen Kinder, in den Brunnen geworfen, wobei zu gleicher Zeit der laute Aufschrei erklungen, den er jetzt noch zu hören vermeine, und der ihm noch immer durch Mark und Bein gehe. Der Untcrsuchungs-Nichter, ein ernster Mann gesetzten Alters, hörte die Deposition der beiden Zeugen ruhig mit an und begann dann noch allerlei Fragen zu stellen, welche indessen kein weiteres Resultat ergaben. Da meldete der Ortsgerichtsdiencr die Ankunft der Magd Laibels. Auf einen Wink des Richters wurde diese sofort vorgeführt. ' ES war eine Bauerndirne, die über die erste Jugend hinaus zu sein schien. Fest und bestimmt trat sie auf, und ihre Züge waren erregt, wie der Blick, mit dem sie die versammelten Herren der Reihe nach anschaute. Die Vorfragen ergaben, daß sie Hanne heiße, in einem Dorfe etwa vier Stunden ^ von T... daheim sei und seit etwa fünf Monaten im Dienste der Laibelfchen Familie gewesen, bis ihr Dienstherr sie am vergangenen Samstag plötzlich entlassen habe, ohne daß sie wisse, warum. Auf dem Wege hierher nach T... habe sie erfahren, was da vorgefallen sein sollte, und wolle sie reden, ohne Scheu, und könne sie auch etwas sagen, das sicher von größter Wichtigkeit sei. . Doch der Beamte, in gegründeter Vorsicht und der Gewißheit, dennoch Alles zu erfahren, was die Person wisse, oder zu wissen vermeine, forderte sie auf, zuerst über ihren früheren Dienstherrn und dessen Verhältniß zu seiner Familie zu berichten, wobei er die Magd noch mit eindringlichen Worten ermähnte, ja bei der Wahrheit zu bleiben, nv»° das zu sagen, was sie zu verantworten, nöthigenfallS mit einem Eide zu bckräsligcn im Stande sei, indem ein allzurasch gesprochenes, oder gar unwahres Wort größtes Unheil anrichten könne, sie selbst schwerster Verantwortung aussetze. Diese Worte schienen auf die Magd keinen Eindruck zu machen, und ohne daß irgend eine merkliche Veränderung in ihr vorging, erzählte sie in rascher, redseliger Weise, daß Herr Laibel ein häßlicher, finsterer und böser Mann sei, mit dem man nicht habe leben können, und es ihr immer unbegreiflich geschienen, daß seine arme Frau ^— die sonst ganz leidlich gewesen — es so lange bei ihm ausgehalten. Oftmals habe es zwischen Mann und Frau schlimme Auftritte gegeben, doch stets hinter verschlossenen Thüren. Dann sei er aufgefahren, habe sogar geschrieen, und das Wort „Geld" habe ^ sie bei solchen Anlässen mehrfach vernommen, doch wenig mehr. Aber am vergangenen 260 Samstag habe sie etwas gehört, was sie damals kaum beachtet, nunmehr aber ganz gut verstehe, und das den schlechten Menschen als — Mörder seiner eigenen Familie entlarve. Die Zeugin, welche immer eifriger gesprochen und den Augenblick kaum erwarten zu können schien, wo sie an den Hauptpunkt ihrer Aussage angelangt, wurde nun von dem Richter unterbrochen und nochmals aufgefordert, der Wichtigkeit ihrer nunmehrigen Depo- sition eingedenk zu sein und nur die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sprechen. „Ihr könnt deßhalb ganz ruhig sein, Herr Richter," cutgegnetc die Magd. „Ich will Euch nur erzählen, was am vergangenen Samstag in dem Hause vorgefallen ist — so viel ich nämlich davon weiß — und was ich gehört und kein Wort weniger, noch mehr. Das ist Alles überflüssig, denn was ich gehört, ist genug, um den — Mörder an den Galgen zu bringen! — Herr, du mein Gott, die arme Frau! — die armen Kinder!" Lautlose Stille herrschte in dem Raume, und der Richter war nicht weniger gespannt -auf die inhaltschweren Aussagen der Magd, wie die übrigen Anwesenden. Doch am gespanntesten von Allen war wohl Meister Andres, dessen Augen förmlich funkelten und -dessen Lippen sichtbar vor Aufregung zitterten. Zum Reden aufgefordert, sprach dann Hanne. „Am Samstag in der Frühe war wieder Spektakel zwischen Mann und Frau, und es drehte sich wieder um Geld, das konnte ich in der Küche hören, und auch daß die arme Frau weinte und schluchzte. Immer wüthender wurde der schlechte Mensch, bis endlich auch die armen Kinder zu weinen anfingen. Ich spürte einen gehörigen Zorn fn mir und war schon entschlossen, den Dienst zu kündigen und heimzugehen, denn das mochte ich nicht mehr mitanhören noch ansehen. Ich rumorte in meinem Aergcr in der Küche mit Töpfen und Kasserolen, bis der Laibcl oben die Thüre aufmachte und mit wüthender Stimme mir zuschrie: ich solle mich aus der Küche und zum Teufel scheeren, worauf der Spektakel in der Stube wieder von Neuem losging. Ich that denn auch, was er mir geheißen, denn ich wollte nicht weiter horchen, ich mochte es nicht; die Händel der Beiden gingen mich nichts an, und ich hätte mich auch noch mehr geärgert, wenn ich gehört, wie der Mann das arme Weib maltraitirte. Ich ging also aus der Küche fort und in die Schlafkammcr, um diese in Ordnung zu bringen. Da hantirte ich denn eine Weile; die Betten hatte ich gemacht, gelüftet und abgestäubt, als ich plötzlich Geräusch in der Stube vernahm. Ich stand in einer Ecke und in der Nähe eines Bettes; wie ich aufschaue, sehe ich den Herrn, der mittlerweile eingetreten, wie er mit feuerrothem Gesicht, glühenden Augen in.der Stube auf- und abgeht, leise vor sich hinspricht und dabei mit den Händen in der Luft hcrumflankirt. Ich ducke mich erschrocken hinter die Bettlade und verhalte mich mäuschenstill, denn er sah gerade aus, als ob er mich hätte umbringen können, wenn ich ihm jetzt in den Weg gekommen wäre. Das dauerte eine kleine Weile, dann wurden seine Reden lauter und er sagte! — Ja, Ihr Herren, was er da gesagt, das habe ich deutlich mit diesen meinen Ohren gehört und kann eS mit hundert und tausend Eiden beschwören." Dabei blickte die Sprecherin mit triumphirender Miene den Richter an, der dem Bericht mit steigendem Interesse gefolgt und sich sagen mußte, daß er hier — abgesehen von dem Widerwillen, den die Person schon längere Zeit gegen ihren Herrn hegen mochte — nur Wahrheit höre. Er war so gespannt auf das, was nun folgen würde, daß er ganz vergaß, die Magd zum Weiterreden aufzufordern, und so fuhr denn diese nach einer kleinen Pause, welche die Erwartung der klebrigen auf's Höchste steigerte, fort: „Laut und mit seiner bösen, wüthenden Stimme — ich hab' die Worte nicht vergessen, und höre sie noch" — sagte er: — „Ich muß ein Ende machen — heute noch — sie ruiniren mich! Ich muß sie mir vom Halse schaffen, auf eine oder die andere Weise. — Der Satan mag sie holen!" — Das klang mir damals schon schrecklich, ohne daß ich wußte, was es eigentlich zu bedeuten habe — heute aber! — O du mein Gott! ich 261 möchte weinen, verzweifeln, daß ich es nicht gleich angezeigt! — Welch' ein Unglück hätte ich verhüten können! Ach, der liebe Gott wird es mir armen Person nicht zu schwer anrechnen; ich hab's ja nicht gewußt, wem es gegolten! — Die armen — armen Kinder!* Die Thränen traten ihr in die Augen und ihre Stimme drohte in einem Schluchzen zu ersticken, und manchen Anwesenden ging es ebenso. Meister Andres, Gevatter Heubach und auch der derbe Gerber Fritze zitterten vor Erregung mit der Hanne förmlich um die Wette, und die übrigen amts- und gcmeindcräthlichen Personen waren nicht bester daran. Nur der UntcrsuchungS-Richter war diesmal kalt geblieben, und mit größter Ruhe, strengem Ernste forderte er die Magd auf, ihre Zeugenaussage zu Ende zu bringen. Hanne sprach dann weiter: „Das hat er gesagt, so wahr mir Gott helfe! — Es wurde mir, wie gesagt, Angst und bange, ohne recht zu wissen, warum, und ich konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken. Das war mein Unglück. Den Schrei hören, sich umwenden, mich sehen und auf mich losstürzen, war Eins. Ich glaubte, nun ginge es mir an's Leben, denn ein Paar geladene Pistolen hingen über seinem Bette, hinter dem ich mich niedergeduckt. Doch er that mir nichts; nur fuhr er mich wie ein Wüthender an. Was ich da mache, was ich wolle? und so weiter. — Er ließ mich gar nicht zur Antwort kommen.* — Ich habe ihn belauschen, verrathen wollen, so schrie er, das solle mir theuer zu stehen kommen und ich mich zuni Teufel scheercn, gleich auf der Stelle. — Lieber heute wie morgen! hätte ich dem Wütherich gerne zugerufen, und noch mehr dazu, aber ich verschluckte, was ich auf dem Herzen und schon auf der Zunge hatte, und machte, daß ich aus der Kammer kam. Am Mittag zahlte mir die Frau mit rorhgewcinten Augen meinen vollen Lohn aus — ein braves Weib war sie, die arme Person, das muß man ihr lasten! Unser Herrgott habe sie selig! — Ich schnürte mein Bündel und nach dem Esten verließ ich das Unglückshans und ging heim. Ihn hab' ich nicht mehr wiedergesehen, und sie auch nicht — und die armen Kinderchen auch nicht! — O, du mein Gott, die arnien Würmchen! So früh haben sie sterben müssen und durch den eigenen Batcr! — Es ist schändlich — himmelschreiend!" — Und in ein bitteres Weinen und Schluchzen brach die arme Person aus, das einen Stein Hütte erweichen können, und in das verschiedene Anwesende mehr oder minder verschämt und ohne es zu wollen — unwiderstehlich mit einstimmen mußten. (Fortsetzung folgt.) Wie ein christlicher Held stirbt. „Die letzte Blume des blutgcdrängten Feldes Mentana ist entblättert, der letzte der schwerverwundeten Helden der päpstlichen Zuavcn hat ausgelittten, der Sergeant Leo Brake aus Laerne, in der Nähe von Gent. Er starb den schönsten, ruhigsten, heiligsten Tod, den ich je gesehen" — sagte die Oberin zum hl. Geist in Rom, die ihn gepflegt hatte. Sein Hingang ist nicht nur äußerst erbaulich, sondern auch von besonderem Interesse für Diejenigen, welche sich, wie ich, oft die Fragen vorlegten, ob nicht die Seelen, die scheinbar sanft hinüber schlummern, doch innerlich immerhin ihren harten Todeskampf durchzukämpfen haben? Nun wie es Leute gibt, die laut denken, so kann man sagen, Leo Brake ist laut gestorben, wir können also von ihm uns erbauen und belehren lasten. Wenn man den Patienten fragte: „Wie geht's Brake?" antwortete er stets: „Nicht allzu schlimm." Am Morgen seines Sterbetages erwiederte er: „Nicht sehr gut." I» der That hatten seine Kräfte plöfflich sehr abgenommen, so daß man den Hospitals - geistlichen, Hcn. Paeps, davon in Kenntniß setzte. „Nun wie gch'ts heute?" fragte dieser. „Nicht sehr gut, Herr Pastor!" „Wollt Ihr nicht die heiligen Sakramente zur Stärkung empfangen, lieber Freund?" „Gewiß, sehr gern, herzlich gern." ES war 7 Uhr Morgens. Brake empfing die Sterbesakramente mit rührender Andacht: er antwortete selbst mit großer Inbrunst auf die Sterbegebete. „Glauben Sie, daß ich heute sterben werde?" fragte er nachher. „Wahrscheinlich, mein Lieber." „Ach wie gut, ach wie gut!" Nach einer kleinen Pause hob er wieder an: „Soll ich wohl noch den ganzen Tag zu leiden haben?" Die barmherzige Schwester antwortete: „Das zählt ja statt des Fcgfeucrs." „Ja, Sie haben Recht." Darauf begann er zu schlummern; man glaubte, es sei für immer, aber er schlug wieder die Augen auf und sagte: „Der liebe Gott will mich noch nicht, meine Seele mag noch nicht fort." Wiederum siel er in sanften Schlaf; ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen, ein Widerschein des ewigen Friedens leuchtete auf seinem Antlitz; wiederholt machte er das hl. Kreuzzeichen. „Was habt Ihr, Bracke, was macht Ihr?" fragte die Schwester. „Ach Schwester, ich meinte, ich sei im Himmel; laßt mich doch, daß ich schneller hinkomme!" Der Geistliche trat nun zu ihm hin: „Bracke, hört mich einmal an. Man sagt, die letzte Stunde sei voll des Schreckens und der Angst im Angesichte der Ewigkeit, empfindet Ihr so etwas?" „O nein, Herr Pastor, ich bin sehr ruhig, sehr glücklich, ich habe gar keine Furcht, ich verlange nach dem Tode." Nun gaben ihm die Umstehenden allerlei Auftrüge für den Himmel. „Ihr vergeht uns nicht beim lieben Gott, nicht?" „Nein, Schwester." „Ihr bittet mir eine Gnade aus bei der hl. Mutter Gottes?" „Ja, Schwester." So hatte der Eine dieses, der Andere jenes, einem Jeden antwortete er mit der größten Freundlichkeit. Gegen 11 Uhr schien der letzte Augenblick gekommen, er gab kein Lebenszeichen mehr. Der Krankenwärter Bechet legte sich über ihn und rief mehrmals: „Bracke, Leo!" Endlich schlug er die Augen auf und sagte: „Bechet, Bechet, was hast Du gethan? Ich war am Sterben, ich war auf dem Weg zum Himmel, und Du hast mich aufgehalten!" Oefters wiederholte er noch die Worte: „Ach, Herr Pastor, macht, daß ich fort komme in den Himmel, meine Seele will nicht fort; und dann wandte er sich wieder zum Krankenwärter und sagte wehmüthig: „Bechet, Bechet, Du hast mich aufgehalten." „Ihr verzeiht ihm?" fragte der Geistliche. „O ja, von ganzem Herzen." Das waren die letzten Worte. Ein Zuavenlieutenant, der am Bette stand, küßte den Sterbenden auf die Stirne; er sah ihn mit einem so leuchtenden Blick und so himmlischen Lächeln an, daß den Augen des Offiziers die Thränen entstürzten. Das waren die letzten Lebenszeichen. Um 1'/^ Uhr schlummerte er Hinübel: ohne die geringste Zuckung. Es war eine Stimme unter den Anwesenden: Bracke ist im Himmel. Die Schwestern, die Krankenwärter, die Umstehenden, Alle weinten Freudenthräncn. Jeder wünschte an seiner Stelle zu sein. So starb der christliche Streiter, der zur Anerkennung für sein echt soldatisches Wesen und zum Lohn für seine Tapferkeit erst jüngst war befördert worden, getroffen von der mörderischen Kugel eines Garibaldianers. Wenn Garibaldi ebenfalls auf dem Schlachtfelde von Mentana den Tod gefunden hätte, mit wem — ohne dem Gerichte Gottes vorgreifen zu wollen — mit wem hättest Du hinübergehen mögen, mit dem frommen Vertheidiger oder dem räuberischen Feinde des heiligen Vaters, mit dem simplen Zuavcnunteroffizier oder dem berühmten Räubcrgencral? Das nationale Frachtgut. (Eine Humoreske aus Czechien.) Pan Jiri Srp, zu deutsch Herr Georg Sichel, zählte sich mit Stolz zur Nation der Czechoslavcn. Klebte ihm auch theilweise der Schandfleck deutscher Abstammung an, denn sein Vater, Kanzleidiener des k. k. Steueramtes zu A. nannte und schrieb sich kurzwcg Sichel — so hatte doch der Sohn den Offenbarungen des czcchischen Dreigestirnes Palacky, Brauner und Rieger gelauscht, trug stolz Czamara und Ziskastock, und nannte 263 sich selbstbewußt Pan Iiri Srp. Von jeher hatte es das Schicksal auf große Männer abgesehen. Auch Pan Srp sollte die Wahrheit dieses Spruches an sich erfahren. Oder war es etwa nicht blutige Ironie des Fatums, daß er, der Vollblutczeche, seine Dienste einem deutschen Handlungshause widmen mußte? Herr Großmichel, so hieß der Chef Pan Srp's, war Besitzer einer Glashütte zu F. Daß ein Mensch, der Großmichel heißt, nur ein Deutscher sein kann , bedarf keiner Erwähnung. Die Wahrheit zu sagen, huldigte indessen Herr Großmichel in nationaler Beziehung dem vollständigsten Utraguismus, d. h. er nahm Geld ohne Unterschied von Deutschen und Czcchcn, fluchte mit seinem Personal bald „Heiligdonnerwetter", bald „/.utrsoen^" und belegte alle nationalen Bestrebungen, gleichviel von welcher Seite sie kamen, kurzweg mit dem Namen „Eseleien". Insoweit hätte Pan Srp also mit seiner Stellung zufrieden sein »können. Was ihn aber wurmte, war, daß alle Briefe des Hauses deutsch geschrieben werden mußten, so daß er, des lieben Brodes wegen, sich gezwungen sah, auch seine Hand zu diesem nationalen Frevel herzugeben. Zu den besonderen Obliegenheiten Pan Srp's gehörte es, die Waarenkisten mit den betreffenden Aufschriften zu versehen. Es gab ihm jedesmal einen Stich ins Herz, wenn er die Worte Micht stürzen", „Vorsicht" u. s. w. auf eine solche Kiste schreiben und damit fremden Nationen das demüthigende Geständniß machen mußte, das Land der heiligen Wenzelskrone befinde sich noch immer in den Händen der „deutschen Henker". * Eines Abends hatte Pan Srp im Wirthshause einen schwungvollen Artikel in seinem Lieblingsblatte, den „Narodni Listy", gelesen, worin jeder echte „viastönöo", d. h. Patriot, beim Andenken Libussa's, Przcmysl's und König Wenzels, durstigen Andenkens, beschworen ward, nur in der „alleräußersten Nothwendigkeit" deutsch zu sprechen, und gerade an diesem Tage hatte Pan Srp wieder ein Dutzend Kisten mit deutschen Aufschriften versehen müssen! Zu schmcrmüthiges Sinnen über das Geschick seines geknechteten Volkes versunken, kehrte er im Mondscheine nach Hause zurück. Im Hofe standen die zur Absenkung bereiteten Collis. Bon jeder Kiste grinste ihm das Wort „Vorsicht" entgegen. Nur die letzte und größte trug noch keine Aufschrift, wahrscheinlich, Weib die Leute sie erst nach Schluß der Komptoir-Stunden herbeigeschafft hatten, aber schon standen Farbentopf und Pinsel, zum schnöden Werke bereit, daneben. Da zuckte die Idee einer großen nationalen That durch Pan Srp's Gehirn. Er war allein; nur der Mond, der Verschwiegene, sah ihm zu. Rasch faßte er den Pinsel, schrieb mit markigen Lettern auf den Deckel der Kiste das Wort „I'oxor!" und stieg dann stolz hinauf nach seinem Schlafgcmache. Niemand hatte die kühne That gesehen und eine Entdeckung brauchte er nicht zu befürchten, denn die Kisten wurden ja früh Morgens unter seiner Aufsicht nach dem Bahnhöfe geschafft. Alles ging nach Wunsch. Pan Srp begleitete am andern Tage die Collis zur Eisenbahn und kehrte hierauf, sich vergnügt die Hände über seinen, den, „deutschen Henkern" gespielten Schabernack reibend, nach dem Komptoir zurück. Die Collis aber traten noch an demselben Abende ihre Wanderung nach Hermannstadt im fernen Siebenbürgen an. Der Zufall wollte es, daß der Bahnbcamtc zu Brüun, welcher die Anmeldung der Collis leitete, ein Gesinnungsgenosse Pan Srp's war. Da auch er sich der nationalen That freute, so ward auf seinen Befehl dem „nationalen Colli" die rücksichtsvollste Behandlung zu Theil. Aber schon in Wien änderte sich die Sache. Der Bodenmeister der Nordbahn, ein Lcrchcnfelder, besah sich eine Weile kopfschüttelnd'den Ankömmling aus Czcchicn. „Kruzitürken!" rief er endlich, „was ist denn das für eine verfluchte Aufschrift! Da kommt's her, Männer! Wißt's Ihr vielleicht, was das verfluchte Wort bedeutet?" Unter den aufgerufenen Packern, die sich gleichfalls kopfschüttelnd um das Colli versammelten, befand sich zum Glücke ein Abkömmling Libussa's. „Pozor" heißt Vorsicht, Pane Bodenmeistcr!" sagte Frantischck, wird sein Glas in Kiste." „Na," rief der. Bodenmeistcr unmuthig, „das 264 fehlt unS gerade noch, daß wir anch noch böhmisch lernen sollen, hier bei der Eisenbahn! Paßt'S auf, Leute, daß Ihr mir Nichts zerbrecht!" In Pest wiederholte sich die Szene des allgemeinen Kopfschüttelnd „^riebbgckls," fluchte der lange Gabor, der Bodciimcistcr, ein Vollblutmagyar vom reinsten Wasser. „Was ist das verfluchtes Wort, was kann der Mensch nit lesen!" Der Zufall wollte, daß auch hier ein Przemyslidc zur Hand war, welcher über die räthselhafte Inschrift Aufschluß gab. Die Entdeckung, daß das Wort böhmisch sei, war aber für den langen Gabor zu viel. Die Zornesader auf seiner Stirne schwoll, kdbnckla böhmisches Schwab!" fluckte er. „Warum schreibt nicht verfluchtes böhmisches Schwab magyarisch, wenn nicht will schreiben deutsch! Da, schwuppi." Bei dem Worte „Schwupp" gab er dem Colli einen Tritt, daß .es Unterst zu obcrst über den Perron hinabkollerte. Ein langgehaltener Klageton aus dem Innern der Kiste war die Antwort auf die schnöde Behandlung. Der lange Gabor und seine Genossen aber brachen in ein lautes Gelächter aus, in welches der entartete Bürger des czechischcn Reiches gleichfalls einstimmte. Davon, wie es dem „nationalen Colli" in Temesvar und weiter hinab bis zum Orte seiner Bestimmung, unter den Wallachen, Szlklern und Sachsen ergangen, schweigt die Geschichte, Herr Großmichel aber erhielt etwa vier Wochen nach Pan Srp'S nationaler That folgenden Bries von seinem Geschäftsfreunde aus Hcrmaunstadt: „Die uns mit Ihrem Werthen vom . . . fakturirten Colli Nr. 1 bis 11 sind uns heute bestens zugegangen. .Wir bedauern indessen, Ihnen die unangenehme Mittheilung machen zu müssen, daß Colli Nr. 12, obwohl äußerlich unbeschädigt, nur gänzlich zerbrochene Waare enthielt. Wie bei der^sonst guten Verpackung dieses Malheur sich ereignen konnte, ist uns unbegreiflich. Wahrscheinlich ist es dem Umstände bcizumcssen, daß die Kiste statt der allgemein gebräuchlichen Aufschrift „Vorsicht" das gänzlich unverständliche Wort „Pozor" zeigt. Da wir keine Schuld an dem Unglücke tragen, so versteht cS sich, daß wir die Kiste zu Ihrer Disposition stellen müssen. Wir bitten Sie also den fakturirten Betrag rc." Welches Gesicht Herr Großmichel beim Lesen dieses Schreibens machte, kann sich der freundliche Leser denken, ohne seiner Phantasie Zwang anzuthun. „Das hat kein anderer Mensch gethan, als der Srp!" schrie er wüthend von seinem Sitze aufspringend und zur Thüre seines Kabinets eilend. „Srp! Srp! Kommen Sie einmal herein!" Nichts Gutes ahnend, näherte sich der Gerufene. „Hier, lesen Sie!" rief Herr Großmichel, indem er seinem Gehilfen den verhängnisvollen Brief unter die Nase hielt. Leichcnblässe überzog Pan Srp's Gesicht. Er versuchte etwas von „nationaler Gleichberechtigung" zu stammeln. „Hören Sie, Herr, oder wenn Sie lieber wollen, Pan Srp!" sagte Herr Großmichel. „Sie wissen, daß ich mich um Euren nationalen Schwindel nicht kümmere. Meinetwegen können Sie zwei Czamaras übereinander anziehen und mit drei Ziskastöckcn herumlaufen! Wenn aber das Geschäft unter Ihren Verrücktheiten leidet, dann geht das Ding. über den Spaß! Ich könnte mich wegen des Schadens an Sie halten; da ich aber weiß, daß. Sie nichts haben, so schenke ich Ihnen den Ersatz. Sie vcrlaßen jedoch von diesem Augenblick an mein Kompioir! Ich empfehle mich Ihnen ! I'oroucimsL!" Pan Iiri Srp wankte stumm hinaus, und Groß-Czcchicn zählte einen nationalen Märtyrer mehr. Frage: Was für Ähnlichkeit hat der 30jährige Krieg mit dem von 1866 ? 'UZU»MM 08 jnv Antwort: oasguH asg 'sahvH 08 jnv suiZ aoE 'snvmh 08 jnv usöuib sqiZA Druck, Verlas »nd Redaktion des literartlcheu Instituts von vr. M. Huttler. Nr. L4 23. August 1868. Augsburger Wenn von Genuß du hörst und von Vergnügen, Wozu die Welt sich festlich putzt, Hab' Acht, die abgenützten Worte lügen Und was sie meinen, ist bejchmutzt. Johannes Schrott. Auch eine Criminal-Geschichte. (Fortsetzung.) Der Richter war, wenn auch etwas ergriffen, doch äußerlich ruhig geblieben. Was er bis jetzt gehört, ließ allerdings an ein begangenes Verbrechen glauben, doch fehlte irgend ein überzeugender Beweis. So viel aber stand fest bei ihm, daß er den Thatbestand an Ort und Stelle untersuchen wolle. Es wurde dies nach dem Gehörten, und wie die Angelegenheit bis jetzt stand, unabweisbare Pflicht. Er wollte sich just in diesem Sinne aussprechcn, als am Eingang des Zimmers ein Geräusch entstand, der Ortsgerichtsdiener die Thüre weit öffnete und einen Mann in Uniform einließ. „Noch ein Zeuge, Herr Richter!" rief er überlaut und von seinem Eifer derart hingerissen, daß er Brauch und Herkommen, die Heiligkeit des Ortes, kurz Alles vergaß. „Es ist der Herr Bahn-Jnspcctor, der hat ihn gesehen, wie er sich davongemacht!" „Ruhe!" gebot der Richter dem Allzueifrigen und wiederholte dann den Ruf noch einmal und mit strengem Tone, da zugleich ein Murmeln neuen Staunens und neuer Erregung laut und immer lauter in dem Gemache ertönte. Doch es wurde ihm nicht leicht, die Aufregung seiner Umgebung zu beschwichtigen, besonders da die meisten der Anwesenden sich als Herren des Ortes dünkten, was sie in der That auch waren. So entstand denn aus dem Murmeln bald ein recht lautes Sprechen und gegenseitiges Austauschen der Meinungen, das den neuen Ankömmling bis zum Tische des Untersuchungs- Richters, auf den er zuschritt, begleitete. Es war ein Bediensteter der bei T... vorbeilaufenden Eisenbahn, der Vorstand der dortigen Station, ein noch junger, und wie er sich auf den ersten Blick darstellte, gewandter und thatkräftiger Mann. Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war und Alles abermals gespannt auf den wettern Verlauf der so interessanten und ergreifenden Untersuchung horchte, erzählte der Bahninspector, von dem Richter nach wenigen Vorfragen dazu aufgefordert, etwa Folgendes: „In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, gegen zwei Uhr Morgens und wenige Minuten bevor der Nacht- und Courierzug bei der hiesigen Station angelangt, sei der Laibel ganz athcmlos dahergelaufen gekommen. In der Hand habe er einen anscheinend schweren Reisesack gehabt und sein Aeußeres sei in auffallender Unordnung, wie er selbst in sichtlicher großer Aufregung gewesen. Laibel habe sich dann ein Billet gelöst und kaum noch Zeit gehabt, in den mittlerweile angelangten und nur wenige Augenblicke sich aufhaltenden Zug einzusteigen, worauf er in der Richtung nach V. . . weitergefahren. Die Erscheinung, das ganze Gebühren des Mannes sei ihm allerdings sehr aufgefallen, doch habe er nichts Arges dabei gedacht, bis ihm gestern das entsetzliche Gerücht zu Ohren gekommen, das sich dahier über sein — Laibels und dessen Familie Verschwinden verbreitet. Da habe er das auffallende Wesen des Mannes sich wohl erklären können, und damit keine Zeit verloren gehe, auch schon alle die Schritte gethan. 266 die nöthig, um die Spur des Mannes, der eines so furchtbaren Verbrechens beschuldigt, zu verfolgen." Beifällig nickte der Herr Untcrsuchungs-Richter dem Herrn Jnspector zu, und die erregten Mienen der übrigen Anwesenden erhielten einen gewissen freudigen Ausdruck, denn es war bereits etwas in der Sache geschehen und durch einen der Ihrigen geschehen. „Ich erkundigte mich sogleich an der Kasse, wohin Laibel ein Billet genommen," so fuhr der Zeuge dann fort, „und da fand sich denn, daß er eines zweiter Classe bis V. . ., dem nächsten Kreuzungspunkte unserer Bahn gelöst. Wissend, daß der Herr Richter heute dahier anlangen würde, bin ich am Vormittag nach V . . . gefahren, um dort Erkundigungen über Laibel einzuziehen. Der Courierzug langte, von N . . . kommend, am vorigen Sonntag Morgen dort um drei Uhr an, um nach zehn Minuten Aufenthalt weiter zu fahren. Der von Süden kommende Zug war wie gewöhnlich eine Viertelstunde früher angekommen und fuhr um halb vier Uhr, genau nach dem Reglement, ab. Laibels Billet lautete nur bis V. . . Hier mußte er also ausgcstiegcn sein, entweder ein anderes Billet gelöst haben, oder zu Wagen oder zu Fuß weitergegangen sein. Mir hierüber Gewißheit zu verschaffen, war nun allerdings nicht leicht. Ich vertraute dem Director der Station die ganze Angelegenheit, und nüt seiner Hülfe wurde denn an der Kasse endlich, und so zu sagen unumstößlich festgestellt, daß damals eine Persönlichkeit auf die meine Beschreibung Laibels paßte, weder zu jener Stunde, noch später am Tage sich am Schalter gezeigt, um ein Billet nach einer der vier Richtungen zu kaufen. Nun wurden die übrigen Bediensteten der Station, die wenigen Fuhrleute und Kutscher ermittelt, welche um die betreffende Stunde sich in der Nähe der Bahn befunden. Das war bald gethan, denn viele Fiaker gibt es in V. . . nicht, und diese wenigen halten stets an der Station. Keiner von ihnen hatte einen Mann von dem Aussehen Laibels gefahren noch gesehen. Kein Schaffner oder Packknecht wollte etwas von ihm wissen. Trotz aller Mühe war keine Spur von dem Flüchtlinge aufzufinden, er schien förmlich in der Erde verschwunden zu sein. Zwar waren mehrere Reisende ausgcsticgen, doch waren dies meistens bekannte Personen, und der Verbleib der Uebrigen konnte sicher nachgewiesen werden. Einer der Leute meinte zwar, bemerkt zu haben, wie ein Mann, der den Zug verlassen, rasch in der Richtung nach den nahen Bergen davongeeilt und in der Dämmerung verschwunden sei. Doch paßte die Beschreibung nicht auf Laibel, und dann war der Zeuge auch zweifelhaft, ob er den Betreffenden nicht bald darauf wiedergesehen, der dann wohl mit demselben Zuge weitergefahren sein konnte. Nichts weiter war herauszubringen. Der Bahndirector aber, dem die Angelegenheit wichtig genug schien, hat sofort den Telegraph in Bewegung gesetzt und das Signalement Laibels, das ich ihni gegeben, nach allen Richtungen hingesandt. Sobald irgend eine Antwort anlangen, überhaupt sich etwas ergeben wird, das Auskunft über den Verbleib Laibels zu ertheilen vermag, will er hierher an mich, oder direct an das Ortsgcricht berichten." Also endete der Bahn-Jnspector seine Dcposition, und wenn sein Handeln auch kein günstigeres Resultat gehabt, so gab seine Mittheilung dem Verdacht doch einen weiteren Halt von nicht geringer Bedeutung. Der Untersuchungsrichter dankte dem Beamten für seine Aussage, seinen Eifer, und erklärte dann mit fester Stimme, daß Alles, was er bisher vernommen, den Verdacht eines begangenen Verbrechens wohl zu rechtfertigen vermöge, es demnach Pflicht der Behörde sei, das Haus, den Ort der That, zu untersuchen. Er fordere also den anwesenden Ortsvorstand auf, dafür zu sorgen, daß heute Nachmittag, nach Tisch, etwa um drei Uhr, ein Schlosser mit den nöthigen Werkzeugen bei dem Laibel'schen Hause zur Hand sei, um die Thüren im Namen des Gesetzes zu öffnen. Ferner lud er verschiedene der anwesenden Herren ein, solcher Untersuchung als Zeugen beizuwohnen, wie er auch sämmtliche Personen, welche bis jetzt etwas über die düstere Angelegenheit ausgesagt, aufforderte, zur angegebenen Stunde sich bei dem betreffenden Hause einzufindcn. 267 Nun hob er die Sitzung auf, um sich nach den gehabten Mühen durch ein gute? Mittagsessen an der Wirthstafel des ersten Gasthofes von X. . ., zum „grünen Baum" geheißen, zu stärken, wohin ihn ein großer Theil der Anwesenden begleitete, und allw» es am selben Mittag laut und erregt genug Erging, wozu übrigens auch hinlängliche Ursache und genügsamer Stoff vorhanden war. Daß in den übrigen Häusern der Stadt der tragische Vorfall und das, was man bis jetzt darüber in Erfahrung gebracht, in jeder möglichen Weise, mit allen nur erdenklichen Vermuthungen und Beurtheilungen nicht weniger aufgeregt besprochen und abgehandelt wurde, wird ein Jeder sich wohl zur Genüge vorstellen können. lll. Neue Aufklärungen. Der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Herr Untersuchungs-Richter, sowie die übrigen Notabilitäten der guten Stadt T. . . saßen im grünen Baum, aßen und tranken gut und unterhielten sich noch bester, nicht anders vermeinend, als solches Vergnügen in aller Behaglichkeit bis drei Uhr, der Stunde der Eröffnung des Laibel'schen Hauses, genießen zu können. Just so, oder ähnlich stand es in den übrigen Bürgerhäusern der Stadt und auch beim Tischlermeister Andres. Doch dieses allgemeine, wenn auch ziemlich erregte Stillleben sollte eine Plötzliche, gewaltsame Unterbrechung erleiden, und zwar durch Meister Andres, der abermals eine Rolle in dem düstern Drama zu spielen berufen war. Das aber kam also. Als der ehrsame Tischlermeister daheim angelangt, von seiner in fieberhafter Aufregung sich befindenden Alten mit wahrer Sehnsucht erwartet, wollte sich der hartgeplagte und wirklich angegriffene Mann an den sauber gedeckten Tisch setzen und einen Löffel Suppe zur Stärknng seines Leibes genießen. Aber die Alte ließ besagten Löffel vorerst, nicht zu seinem,Munde kommen, denn Andres mußte erzählen, was sich auf dem OrtS- gericht begeben. Alles und haarklein. Nachdem er dieser Pflicht so vollständig und ausführlich als möglich genügt und endlich seine Mahlzeit beginnen wollte, da klopfte es ziemlich stark wider das Fenster der Stube, und als Andres erstaunt sich umwandte, erblickte er etwas, das ihm vor Ueberraschung den schon glücklich erhobenen Löffel abermals vorn Munde nahm und sogar aus der Hand gleiten ließ und ihn mit einem RuL von seinem Stuhle cmportrieb. Des Tischlers Haus lag am Ende der Stadt ! . . . und schon an der Landstraße, welche nach der Hauptstadt des Landes führte. Auf der Straße nun sah Andres eine etwas altfränkische Reisebirutsche, welche ziemlich nahe an die Fenster des Hauses hcran- gcfahren war, und in ihr einen alten Herrn mit grauem Kopf und freundlich lächelnder» Zügen, welcher von seinem Sitze aus und mit dem goldenen Knopfe seines langen spanischen Rohres zu wiederholten Malen wider die Scheiben klopfte. „Ist der Andres daheim?" rief nun der Fremde. „Herr Gott, der Baron!" schrie hierauf Meister Andres, von seinem Stuhle auffahrend und wie der Wind zur Hausthüre eilend. Draußen begrüßte der Fremde, der „Herr Baron," den Meister auf das herzlichste, desgleichen auch die Alte, welche ihrem Andres nach und zur Thüre geeilt war. Er stieg sogar aus der alten Birutsche, dem Kutscher die Weisung gebend, voraus in den „grünen Baum" zu fahren und ein Zimmer für ihn Herrichten zu lasten. Dann trat der Fremde, ein Mann von etwa sechzig Jahren, behäbiger Gestalt und mit frischen, vor Freude schier strahlenden Zügen, mit dem alten Ehepaare in die Stube. Der Herr Baron Görg von Freikamp und Meister Andres waren gute Freunde. Der Vater des Ersteren war der letzte Oberjägcrmeistcr des letzten Fürsten von T . . . 268 gewesen und Andres in seinem Hause erzogen worden. Die Freundschaft, welche den adeligen Knaben und den armen bürgerlichen Jungen verbunden, hatte sich nie verläugnet, < und durch sein ganzes Leben hindurch hatte Andres an dem Herrn Baron eine tüchtige Stütze gehabt. Deßhalb wäre er auch für den Görg durch's Feuer gelaufen. Nachdem der letzte Fürst von X. . . gestorben, hatte sich Herr von Freikamst auf eine Besitzung, etwa zehn Stunden von ! . . . gelegen, zurückgezogen und war Oekonom geworden. Selten kam er nach T. . ., geschah es aber, dann wurde zuerst beim Andres vorge- ^ sprachen. Frohe Jugend-Erinnerungen wirkten noch immer mächtig bei dem alten Herrn. „Bin lange nicht bei Dir gewesen, Andres! Komme aber heute in eigenthümlicher Angelegenheit nach X. . . und mit frohem Herzen," so sagte der Herr Baron im Eintreten, und nachdem er dem alten Paare recht herzlich die Hände gedrückt. „Der Herr Baron kommt aber auch zu guter Stunde, denn was X... heute erlebt, hat es noch nicht erlebt und wird es hoffentlich nicht mehr erleben," so sprach Andres. „Hab' auch etwas erlebt. Andres! und will sogar noch mehr erleben, und Frohes dazu, alter Junge! — Euch geht es doch gut?" „Danke! — Es ist eine schreckliche Geschichte, Herr Baron. Ein Vater hat seine Kinder —" „Wiedergefunden?" scherzte der alte Herr, der in bester Laune zu sein schien. —- „Dann ist es ihm gerade gegangen, wie es mir gehen soll. Denn siehe. Andres, ich soll heute und hier am Orte meine Kinder, mein liebes Mädel, die Dore, die ich so lange habe misten müssen, wiederfinden und an's Herz drücken dürfen." „Ach nein, so ist es nicht, Herr Baron! Der Barbar hat seine eigenen Kinder — umgebracht, und sein Weib dazu. Ich hab's gesehen und gehört!" Heraus war's endlich. „Das ist ja entsetzlich!" entgcgnete Herr von Freikamst, den Andres und die Alte ziemlich ungläubig anschauend. „Es ist leider so," rief der ehrliche Tischlermeister mit rechtem Eifer. „Die Magd hat am Morgen gehört, wie er ihnen den Tod geschworen und ich hab' am Abend ge- - sehen, wie er eines der Kinder — es kann nur ein Kind gewesen sein,, die Frau war zu schwer dazu! — hoch empor hob und in — den Ziehbrunnen warf. Auch den entsetzlichen Schrei, den das arme kleine Geschöpf dabei ausgestoßen, hab' ich gehört, und werde ich ihn zeitlebens nicht vergessen." „Das ist ja eine schreckliche Geschichte! Und gerade mir und meiner Freude muß sie in die Quere kommen! — Hat man denn den Kerl gefangen?" „Er ist durchgebrannt, doch ist man auf seiner Spur. Der Telegraph arbeitet nach allen Weltgegenden hin." „Das ist Recht! er darf seinem Richter nicht entfliehen, muß seine Strafe empfangen. Aber lassen wir das. Andres, viel Zeit bleibt mir nicht, denn ich muß in den „grünen Baum" und dann weiter. Ich will dem alten Freunde noch sagen, was mich eigentlich hergeführt, und dann sollst Du mir noch einige Fragen beantworten." „Sprecht, Herr Baron!" „Du wirst wissen, daß ich mein Mädel, die Dore, verheirathct habe. Es war eine gute Partie, der Mann war ordentlich, brav und recht gut situirt, und die beiden Leutchen hatten sich gerne, und das war die Hauptsache. Wir lebten zufrieden und glücklich zusammen, doch nach einigen Jahren überwarf ich mich mit meinem Schwiegersohn und dieser verließ mich mit seiner Frau. Von der Zeit an waren wir Feinde. Ich — ich muß es nur gestehen, war nicht ohne Schuld an dem Zerwürfniß. Als der ^ Aeltere, hätte ich auch der Vernünftigere sein und nachgeben müssen, dann wäre wohl Alles wieder auszugleichen gewesen. — Sie verließen die Gegend, und ich war allein. Nicht wußte ich, wohin sie sich gewendet. Hab' viel Kummer ausgestanden während 269 dieser Zeit, große Sehnsucht nach meiner Dore und dem Kindchen gehabt, und das dauert nun schon über sechs Jahre!" „Weiß es, Herr Baron, habt es mir das letzte Mal gesagt und geklagt, als Ihr hier wäret. Euer Herr Schwiegersohn muß ein böser, harter Mann sein." „Es scheint so. Andres, doch im Grunde ist er so schlimm nicht. Bin auch hart gewesen, und das war ein Fehler, ohne ihn wäre mir Vieles erspart geblieben." Also sprach er stiller vor sich hin, doch gleich wieder mit früherer Heiterkeit: „Aber jetzt ist's vorbei, Alles ist überstanden. Heute werde ich sie wiedersehen, mich mit dem Wallborn aussöhnen, und nie werden wir mehr voneinander gehen." „Er kommt also hiehcr, der Herr von Wallborn?" „Er ist hier, er wohnt ja in T . . ." „Nicht möglich! Ich kenne doch alle Leute, die in unserer Stadt wohnen und habe bis jetzt nichts von einem Herrn von Wallborn gehört." „Und dennoch wohnt er hier, seit etwa einem halben Jahre, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, denn zu dem kleinen Buben, den ich so oft auf meinen Knieen geschaukelt und der jetzt neun Jahre alt sein muß, ist noch ein Mädchen gekommen, das der Jahre fünf zählen soll. O, ich weiß Alles, wenn ich sie auch in Ewigkeit nicht gesehen habe! — Doch jetzt muß ich eine Frage an Dich richten, Andres." Dabei schaute der alte Herr auf und hielt erschrocken inne in seinem frohen Plaudern, denn vor ihm saß Meister Andres bleich wie eine Leiche und starrte ihn mit entsetztem Ausdruck seiner Angen an, und die Alte schien nicht minder erschrocken und erregt. „Was habt Ihr Beide?" konnte Herr von Freikamst sich nicht enthalten zu fragen. „Das ist ja gerade wie bei dem Laibcl," stotterte Andres endlich hervor. „Ganz recht," cntgcgnete der alte Herr unbefangen. „Unter dem Namen Laibel lebt ja mein Schwiegersohn hier in T. . ." Andres stieß einen Schrei aus, der wahrhaft schreckcrregend klang, zugleich begann er derart am ganzen Körper zu zittern, daß er nur einige unartikulirte Laute hervorbringen konnte als Antwort auf die erschrockenen, fragenden Blicke des Herrn von Freikamp. Er wollte, konnte das letzte entscheidende Wort vielleicht auch nicht aussprcchcn, hatte keine Kraft, keinen Muth dazu. Seine Alte aber, obgleich nicht minder entsetzt, mußte reden; sie konnte es nicht länger mehr zurückhalten, und mit wahrer Verzweiflung rief sie aus: „Der ist's ja, Herr Baron, der seine Frau und seine Kinder umgebracht hat!" — Die ganze Gestalt des alten Herrn zuckte zusammen, um im nächsten Augenblick in eine Regungslosigkeit zu verfallen. Auch sein Gesicht war marmorbleich geworden, und fragend starrte er die beiden ihm gegenübersitzenden alten Leute an. „Der Laibel hätte — ?" so hauchte er endlich und fast tonlos. „Ja, er hat's gethan!" sagte nun Andres, der seinerseits auch zu Wort kommen wollte. „Er hat es leider gethan; es ist nicht mehr daran zu zweifeln." Und nun erzählte er, nach und nach all' seine Geisteskräfte, seine Sprachgeläufigkeit wiederfindend, seinem Freunde, dem Herrn Baron, was sich Schreckliches begeben, und wie weit solches durch die bereits vernommenen Zeugen festgestellt worden war. Je lebhafter Meister Andres wurde, je stiller, hinfälliger wurde der alte Herr, und endlich saß er da, geknickt, ein wahres Bild des Jammers. Seine Augen waren naß, schwere Schweißtropfen perlten auf seiner hohen kahlen Stirne und rieselten endlich langsam und im Verein mit seinen Thränen über die bleichen, vor wenigen Augenblicken noch so strahlenden Züge. „Es ist nicht möglich — nicht glaublich! — Der Wallborn hätte das gethan! ? — Meine arme Dore — die armen, armen Kleinen!" so murmelte er mit zitternden Lippeir 270 leise vor sich hin. Doch endlich schien er den letzten Rest von Energie, der ihm geblieben, zusammenzuraffen, und den Kopf hebend, sprach er mit ziemlich fester Stimme: „Komm, Andres, bring mich zu dem Untersuchungs-Richter; ich muß ihn sprechen, auf der Stelle!" Einige Augenblicke später schritten die beiden Männer durch die stillen Gaffen der Stadt, dem „grünen Baum" zu, Meister Andres gewiß auf's Tiefste ergriffen, doch auch wieder in etwas gehoben durch den Gedanken an die Wichtigkeit, die seine Person in dieser traurigen, doch so merkwürdigen Angelegenheit erlangt — und jetzt erst recht erlangt, der alte Herr aber, der so froh und glücklich in T . . . eingefahren, mit schwankendem Gange, wie gebrochen an Körper und Geist. Unangerührt war die Suppe auf dem Tische stehen geblieben — wie hätte Meister Andres auch in solchem Augenblick noch an Essen und Trinken denken können?! Auch seine Alte verspürte keinen Appetit mehr. Allein blieb sie in der Stube und in erregtester Stimmung zurück. Diesmal aber griff sie nicht nach ihren Büchern. Es war nicht nothwendig, denn was sie jetzt erlebt hatte, war noch weit schrecklicher, ergreifender als Alles, was sie bisher gelesen. Stille saß die gute Alte da und weinte bittere Thränen über das traurige Schicksal des armen Kindes und der Enkel des guten Herrn von Freikamp, des alten Freundes ihres Mannes und Hauses. (Fortsetzung folgt.) Pastor Knak und Domherr Copernikus. Kürzlich war unter den Protestanten, hauptsächlich Preußens, ein großer Lärm, weil Pastor Knak einem andern Pastor, Namens Lisko, gegenüber behauptet hatte, die Erde stehe still und die Sonne bewege sich um dieselbe, also das kopcrnikanische System und zwar auf Grund der heiligen Schrift verwarf. Sofort traten Knokianer und Liskojaner auf, und als Dritter mischte sich der politische Fortschritt ein. Die Breslauer Hausblättcr schreiben über diesen Streit: Der Pastor Knak hat durch seine Behauptung der Unbeweglichkeit unserer Erde die protestantische Welt in eine Art Exaltation gesetzt. Unseren Lesern theilen wir zur Orientirung in dem Streit mit, daß im Alterthum und namentlich seit Aristoteles, dem berühmten Philosophen, die Meinung ziemlich allgemein war: die Erde befinde sich in der Mitte des Weltalls in Unbeweglichkeit. Claudius aus Ptolemais (161 n. Chr. Geb. in Alexandrien gestorben) suchte von diesem Standpunkt aus die planctarischen Bewegungen zu erklären. Diese Ansicht blieb auch in der christlichen Zeit die herrschende, zumal man für sie einen Anhalt im alten Testament zu finden glaubte. Es war der katholische Domherr in Fraucnburg (Ostpreußen, Nikolaus Copernikus, geboren in Thorn 1473, der sich früher schon in Rom als Lehrer der Mathematik hervorgethan, welcher die Bewegung der Erde um die Sonne wissenschaftlich dadurch zu erweisen suchte, daß er zeigte, wie bei dieser Annahme die früher unlösbaren Probleme sich lösen ließen. Er ließ sein dem Papst Paul IV. gewidmetes Werk zu Nürnberg 1543 drucken, starb jedoch vor Beendigung des Druckes im Mai desselben Jahres. Nach ihm steht die Sonne im Centrum des Weltalls. Um sie bewegen sich in Kreisbahnen Merkur, Erde, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Erde bewegt sieb in einem Tage um ihre Axe, in einem Jahre um die Sonne. Der Mond bewegt sich um die Erde und mit ihr um die Sonne. Mit Hilfe des Fernrohrs machte Galileo Galilei astronomische Entdeckungen, welche ihn ebenfalls zum Anhänger des kopcrnikanischcn Systems machten. Da er mit weniger Behutsamkeit als Copernikus verfuhr und mit der Schrift im Widerspruch zu lehren schien, wurde er von der Congregation des Index verurtheilt. Daß er bei dem Wider- 271 ruf nach dcr Abschwörung gesagt habe: „Und sie bewegt sich doch," nämlich die Erde, ist eine müßige Erfindung, um die Sache tendenzmäßig auszuputzen. Der erste Lutheraner, welcher entgegen dem Mclanchthon, auf dessen Autorität hin die lutherische Fakultät zu Tübingen sich ebenfalls gegen Copcrnikus und Galilei erklärte, das neue System wissenschaftlich zu begründen und festzustellen suchte, war der Magister Johann Keppler und mit Newton war dasselbe so ziemlich das herrschende. Der Knak'sche Widerspruch dagegen hat übrigens eine Agitation hervorgerufen, die denselben für ganz andere Zwecke auszubeuten sucht, als für den Schutz der gefährdeten astronomischen Wissenschaft. Man will mit Herrn Knak zugleich den kirchlichen Einfluß aus der Schule hinauswerfen. Die tendenzmäßig - absichtliche Verguickung von zwei ganz verschiedenen Dingen und das Bestreben, in dem Pastor Knak zugleich die Kirchcn- Gemeinschaft zu schlagen, verräth zu sehr den Bvcksfuß in dieser Agitation, als daß sie nicht gerade deßwegen sehr bald als Parteimanöver in Verruf kommen sollte. Es ist auch gar zu dumm die Motivirüng: „Weil dcr Pastor Knak besagte astronomische Sonderansicht hegt, so muß man die Kirche aus der Schule werfen." Die Logik ließe man sich allenfalls von einem „dummen Teufel" für „dumme Teufel" gefallen! (Eine Ente, aber nur eine kleine.) Ein in Stettin in Garnison stehender Lieutenant — so erzählt ein Provinzblatt — wollte verreisen; vorher gab er seinem Burschen, einem Polen, genaue Anweisung, wie es mit der Reinigung seiner Zimmer u. s. w. gehalten werden sollte. Besonders band er ihm aber auf die Seele, einen Kanarienvogel, der ihm sehr lieb war, regelmäßig zu füttern. Der Bursche versprach dies auch treuherzig und der Lieutenant reiste beruhigt ab. So lange das vorräthigc Vogelfutter reichte, ging die Sache auch sehr gut, der Vogel erhielt sein Fressen und befand sich behaglich. Das änderte sich aber bald, das Futter ging zu Ende und der Pole, der sich bei seinem Kommisbrod ganz wohl fühlte, glaubte, dem Vogel würde diese kräftige Kost auch ganz gut anschlagen. Es gab also von nun an statt des Vogclsamens Kommis- brod. Zuerst ließ es dcr Vogel liegen, dann trieb ihn der Hunger zum Fressen; doch bekam ihm das Genossene schlecht, er starb an einer Indigestion. Als der Pole den Vogel todt im Käsig liegen sah, schob er die Mütze schief und kratzte sich hinter den Ohren. „Was thun? spricht Zeus." Unser Mann wußte Rath: er verschaffte sich ein Güsselchen (junge Ente), denn — Vogel ist Vogel, und sperrte es in den Käfig. Nun gings zur Noth mit dem Kommisbrod. Der Lieutenant blieb aus und der Vogel wuchs, so daß er bald den ganzen Käfig füllte und d'rin saß, wie der eingewachscue Frosch im Baumstamm. Endlich kam dcr Officier, der Bursche empfing ihn, die Hand an der Hosennath. „Hast Du meinen Vogel besorgt?" — „Zu Befehl, Herr Lieutenant." Der Lieutenant trat au das Bauer. „Aber Mensch, was ist das? was ist das für ein Biest?" — „Gut gefüttert, Herr Lieutenant; gewachsen, sehr gewachsen," versicherte der Bursche. Das Ende kaun man sich denken; Bursche und Vogel wurden hinausgeworfen, letzterer aber nicht ohne Mühe, denn es mußte vorher dcr Käfig zertrümmert werden, da dcr Vogel aus dcr Thür natürlich nicht hinausging. (Die verkehrte Welt) Man schreibt aus London, 23. Juii: Gestern fand im Garten des Buckingham-Palastes, wo eigene prächtige Zelte errichtet waren, das „Frühstück" statt, zu welchem die Königin ungefähr 400 Herren und Damen eingeladen, und wozu Ihre Maj. mit ihrer Familie von Windsor hereingekommen war. Das Gabelfrühstück wurde Nachmittags halb 5 Uhr servirt, und währte bis halb 8 Uhr Abends, und so ist es kein Wunder, daß es in dcr Einladung hieß: die Herren hätten in Abend- Röcken mit Morgen-Pantalons zu erscheinen! Das freie England steht eben noch recht unter der Ruthe des Ceremouicnmcisters, und die Verwechselung dcr Tageszeiten in der Vornehmen Welt gränzt nahe an Tollheit. 272 (Kräh enr ach e.) Vor einigen Tagen, erzählt Pfarrer in L. P., fand ich bei einem Spaziergange im Walde auf einer ungefähr 2Vr Klafter hohen Föhre ein Vogelnest. Eine kindische Neugierdc, welche selbst den reiferen Mann selten verläßt, trieb mich an, nachzusehen, ob und was in diesem Volgelneste enthalten ist. Ich hing meinen neuen, um baare zwei Gulden gekauften Strohhut auf eine nahe Eichcnstaude und kletterte die Föhre hinan. Kaum war ich zur Hälfte auf dem Baum, als mit einem garstigen Gekrächze zwei Krähen angeflogen kamen und so schnell wie der Blitz um die Föhre kreisten. Die Krähen schloffen ihren Kreis immer enger, und als ich bemerkte, daß sie Miene machten, mir an den Kopf zu fliegen, brach ich einen kleinen Ast ab und setzte mich in Vertheidigungszustand. Nun stießen beide Krähen auf meinen Strohhut unten auf der Staude. Nachdem ich nun unangefochten das Vogelnest, in welchem zwei junge Krähen in „Wolle" lagen, besichtigt und meine Neugierde deßhalb gestillt hatte, stieg ich, oder sprang vielmehr mit einem Satze vom Baume herunter auf die Erde, welcher jähe Sprung die alten Krähen von meinem Hute. verscheuchte. Sie flogen hoch auf und kreisten über die Krone der Föhre wieder weiter. Jetzt besah ich meinen Hut und — o Schrecken! Im Deckel waren drei respektable Löcher eingehauen, und auf der Krämpe lag — — doch das Letztere läßt sich nicht leicht beschreiben-es lag etwas Aehn- liches auf der Hutkrämpe, wie es seinerseits dem Tobias in die Augen fiel, nur mehr mag es nach meiner Ansicht gewesen sein. Ich machte — wie soll ich mich nur geschwind ausdrücken? — ich machte ein traurig-dummes oder ein dumm-trauriges Gesicht! Zwei Gulden waren dahin! Moral: Laß' die armen Vögcl in Ruhe. (I n st i n k t oder Klugheit?) Einer meiner Freunde machte folgende Beobachtung: Die Ameisen fraßen ihm die Früchte seines Kirschbaumes weg. Um sie abzuhalten, beschmierte er den Stamm ringsum in der Breite eines Zolles mit dem Tabaksschmirgel, den er zu diesem Behufe gesammelt hatte. Die Ameisen, welche in Schaaren den Baum hinaufzogen, kehrten an dem übelriechenden, klebrigen Dinge um; die, welche von dem Baume zurückkehren wollten, wagten nicht, den Ring zu überschreiten, sondern kletterten wieder hinauf, und ließen sich von den Aesten zur Erde fallen. Der Baum war bafd von den zudringlichen Gästen befreit. Nach kurzer Zeit aber mar- schirten die Ameisen in Schaaren an dem Stamm hinauf. Jede trug in ihren Kiefern ein Stückchen Erde, und mit äußerster Vorsicht wurde ein Bällchen neben das andere auf den Tabaksschmirgel gelegt und so nach und nach eine wahrhaft gepflasterte Straße hergestellt, welche die Thierchen mit großer Emsigkeit befestigten und verbreiteten, bis ihr Durchmesser etwa einen halben Zoll betrug. Nun konnte ihre Colonne auf's Neue mit Sicherheit den Baum besteigen, der bald mit Näschern bevölkert war. Wo ist nun, gegenüber solchen Beobachtungen, die Grenze des Instinktes? Frage: Was ist das Freieste am Menschen? snv hwq Antwort: «zhzh savvH zig "fli pascissbuis hmv uvm uusai uusq "savvH Charade. (Zweisilbig ) Mein Erstes ist Täuschung, o halte es fern Vom Zweiten, das Ganze umfängt es sonst gern. Auflösung der Charade in Nr. 32: „Wildfang." Druck, lSerlau und Rrdatttou LiS literarischeu Instituts von vr. M. Huttlrr. Nr. Iä. 30. August 1868. Mrgsburger Steile Höhen besucht die ernste forschende Weisheit, Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Thal. Göthc. Auch eine Criminal-Geschichte. «Fortsetzung.) IV. AuS dem Leben des Verbrechers. Der Herr Untersuchungs - Richter, sowie die übrigen Herren der Polizei, des Ortsgerichts und des Gemcinderaths, die ihm gefolgt, saßen an der Vobis ck'kütes des grünen BaumS, soweit vergnügt und zufrieden, und waren just bei Salat und Braten, aus ein paar Pracht - Welschen bestehend, angelangt, als plötzlich und recht geräuschvoll Meister Andres in den Saal trat und einige Worte sprach, welche eine wahre zauberhafte Wirkung hervorbrachten. „Ich habe dem Herrn Richter anzuzeigen," so sprach er in erregter Hast, „daß so eben der Herr Baron von Freikamst angekommen ist und den Herrn Richter auf der Stelle zu sprechen verlangt. Der Herr Baron kennt den — Laibel leider nur zu gut. Und der Laibel heißt gar nicht Laibel, sondern von Wallborn, und ist der Schwiegersohn des Herrn Barons!" Wie sielen die schon erhobenen Gabeln auf die Teller nieder — just wie der Löffel des Meisters Andres kurze Zeit vorher! Wie blieben die Eßwerkzcugc — bereit, um den kostbaren Welsch des grünen Baums zu genießen, vor Staunen und Schreck immerfort und weit geöffnet, denn was man da gehört, war zu überraschend, zu seltsam und entsetzlich gewesen. Herr von Freikamp war eine bekannte Persönlichkeit; knüpfte sich doch an seinen Namen die goldene Zeit von L...! Zweimal mußte daher Meister Andres seine Mittheilung wiederholen, ehe die Anwesenden sich und das Gehörte zu fassen, Mund und Augen wieder in etwas zu bewegen und zu schließen vermochten. Dem Herrn Uutersuchungs-Richtcr war die Unterbrechung von wegen des einladenden Welsches, nicht allzu angenehm gewesen, doch mußte er der Aufforderung folgen und den kostbaren Braten mitsammt dem Salat im Stiche lasten, was er denn auch nach kurzem, doch gewiß schwerem Kampfe that. Er erhob sich, und die übrigen Herren auffordernd, sich in ihrem Mittagessen nicht stören zu lassen, hoffend, bald wieder bei ihnen zu sein und den Kaffee in ihrer Gesellschaft genießen zu können, empfahl er sich und schritt hinter Andres drein, der ihn auf ein Zimmer des ersten Stockwerks führte, allwo der Wirth den alten wohlbekannten und so angegriffen ausschauenden Herrn von Freikamst einlogirt. Die Zurückgebliebenen hätten gerne Welsch und Salat, Dessert und Kaffee im Stiche gelassen, um die gewiß höchst interessanten Mittheilungen des Herrn Barons mitanzu- hören, doch mußten sie sich gedulden, und das Beste wäre gewesen, nach Wunsch des Herrn Untersuchungs-Richters der Vsbls ci'IMes des grünen Baumes die ihr gebührende Ehre anzuthun. Doch sonderbar! Der Welsch schien keine Anziehungskraft mehr für sie zu haben. Einer nach dem Andern erhob sich; irgend ein Geschäft, einen nothwendigen Gang vorschützend, verließen sie den Gasthof — natürlich nur aus Mitgefühl für die Schwiegersohn. Seine Eltern waren schon todt, und mit seiner Frau zog er anfänglich in das elterliche Haus nach F. Das that mir in der Seele weh, denn Dore — die arme Dore! — war mein herzliebes Kind, mein Alles auf dieser Erde! Ich vermißte sie sehr und schwer in meinem Hause, in meiner Nähe. Der Zufall kam mir zu Hilfe. „Mein Schwiegersohn hatte durch seinen leichtsinnigen Schwager manche Unannehmlichkeiten in F., wodurch ihm der Aufenthalt daselbst recht verbittert wurde. Er hatte ferner sein Geld in Papieren angelegt, ohne dabei an Geschäfte und Speculationen zu denken, wie solche sein seliger Vater, der Banquier, betrieben und gewagt. Er brauchte es nicht, sein Vermögen war bedeutend genug, um von den Zinsen desselben recht anständig leben zu können. Da traf ihn ein schwerer Verlust. Eine unheilvolle Handelskrisis drückte den Cours der Papiere, die er besaß, in schrcckcnerregendcr Weise, und in wenigen Stunden hatte Wallborn mehr denn sein halbes Vermögen verloren. „Das war ein harter Schlag für meinen Schwiegersohn. Von Natur aus mißtrauisch, ängstlich und zu stillem Brüten geneigt, fühlte er sich unglücklich und sah die Zukunft in schwärzesten Farben, fürchtete für sich und seine Familie, die damals nur aus seinem Weibe und einem Knaben bestand. Doch was für ihn ein Unglück war, wurde mir ein Glück. Wallborn verkaufte sein elterliches Haus, raffte alles zusammen, was er hatte, und kam zu mir. Nun lebten wir wieder froh und zufrieden beieinander; ich hatte mein liebes Kiud wieder um mich, und dazu einen prächtigen Enkel. — Oft und lange überlegten wir, wo und wie wir das baare Geld meines Schwiegersohnes anlegen sollten. In meiner Gegend fing man damals an, den Bergbau stärker zu betreiben. Ein solches Unternehmen schien gewinnbringend zu werden, und ich beredete meinen Schwiegersohn, einen großen Theil seines Vermögens dabei anzulegen. Ich dachte alsa den Wallborn und die Seinen für immer an mein Haus zu fesseln. Ich selbst bethei- ligte mich an dem Geschäft mit einer nicht unbedeutenden Summe. Doch das Unglück verfolgte uns. Das Unternehmen gerieth in's Stocken; die Actionäre wurden ängstlich, wollten keine weitern Zuschüsse mehr machen, und in kurzer Zeit war Alles verloren. „Nun ging mein Leid an. Die bittersten Vorwürfe mußte ich vsn meinem Schwiegersöhne hören und das so oft und in einer Weise, daß ich endlich auch die Geduld verlor. Mit harten Worten verlangte er Ersatz von mir für den gehabten Verlust, den ich verschuldet, wie er mir vorwarf. Ich weigerte mich; hatte ich doch noch ein Kind, meinen Sohn Karl, der noch nicht sclbstständig war, und dem ich ein hinlängliches Vermögen, um leben zu können, hinterlassen mußte. Die Stimmung meines Schwiegersohnes wurde immer gereizter, unerträglicher, und so wurde denn endlich der Bruch vollständig. Er verließ mich, finster, trotzig, ohne Abschied, ohne mir zu sagen, wohin er mit den Seinen ging, wo er sich niederlassen wollte, und ich — ich ließ ihn in meinem Unmuth ziehen. Bald darauf aber hätte ich mit Freuden all' mein Hab und Gut hingegeben, wenn ich dadurch ihn und mein Kind wieder hätte zurückrufen können. Es war aber nicht mehr möglich! Ich wußte nicht, wohin er sich gewandt, nicht, was aus ihm geworden und alle Mühe, die ich mir gab es zu erfahren, war vergebens. Sie waren «ben verschollen und blieben es auch für mich. „Ich fühlte mich tief unglücklich, und, was das Schlimmste war, mußte mir sagen, daß ich mein Unglück mit verschuldet. Da traf mich ein zweiter harter Schlag. Mein hochbegabter Sohn Karl starb fern von mir, und nun stand ich ganz allein in der Welt, gebeugt von Kummer und dem mit Macht herangenahten Alter — unglücklich, einsam und mit einer unendlichen, fast nicht mehr zu bezwingenden Sehnsucht nach meinem Kinde — meiner armen — armen Dore!" — Der alte Herr mußte abbrechen, denn seine Thränen erstickten schier seine Stimme, und auch seine Zuhörer waren tief ergriffen, besonders Meister Andres, der mit seinem Jugendfreunde gleichsam um die Wette weinte. Endlich, nachdem Herr von Freikamst sich in etwas gefaßt, fuhr er fort: 276 „So vergingen sechs lange Jahre, da erhielt ich vor ungefähr vierzehn Tagen einen Brief von meiner Schwester, die da unten auf dem Nußdorfcr Gute wohnt, nicht weit von V . . ., der mich fast überglücklich machte. Wallborn hatte den Bitten seiner Frau nachgegeben, und war wieder in meine Nähe gezogen, doch hatte er seit der Zeit, da er von mir gegangen, seinen Namen abgelegt und einen andern, bürgerlichen angenommen. Wie er nun heiße, wo er eigentlich sich aufhalte, sagte mir die Schwester nicht, wohl aber, daß ich in wenigen Tagen nicht allein Alles erfahren, sondern auch mein Kind, meine Lieben wiedersehen sollte. Das war Balsam für mein altes, krankes Herz, und neu lebte ich wieder auf, wurde wieder der frühere lebensfrohe, zufriedene Mensch. Mit Schmerzen sah ich weiteren Nachrichten entgegen, die denn auch am vergangenen Freitag, just heute vor acht Tagen, eintrafen. „Nun schrieb mir meine Schwester ausführlicher: Wallborn hatte seit Jahren den Namen Laibel angenommen und wohnte in meiner Nähe, in T. . ., und das schon seit mehreren Monaten. — Und ich hatte nichts davon gewußt, es nicht einmal geahnt! — Er lebe still für sich, und mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, wodurch er sein Vermögen, das gerade noch hinreiche zu einem bescheidenen Unterhalt seiner Familie, zu vergrößern trachte. Den Bitten seiner Frau hatte er endlich, doch nach langem Widerstreben, nachgegeben und war wiederum in unser Land gezogen, doch hatte das arme Weib ihm fest geloben müssen, weder mir — dem Vater! ihren jetzigen Aufenthalt mitzutheilen, noch etwa Schritte zu thun, mich wiederzusehen, widrigenfalls er für nichts stehe. Eine solche Drohung habe er mehr denn einmal ausgestoßen, so theilte mir meine Schwester mit. Doch schrieb sie mir auch, daß sie mit Dore correspondire und diese, sowie auch Wallborn zu sehen, und in der ersten Unterredung Alles wieder in's rechte Geleise zu bringen hoffe. Das Nöthige dazu sei bereits zwischen ihr und meinem Kinde verabredet; ich solle mich nur noch kurze Zeit gedulden und in acht Tagen — also heute — nach L. . . fahren und direct zu Laibel in's Hans gehen. Ich würde sie — meine Schwester — dort finden und ganz gewiß mit offenen Armen empfangen werden. „Das schrieb mir die gute, treue Seele, und nun, da ich am bestimmten Tage komme — um mein Kind — mein einziges, armes Kind — an's Herz zu drücken — empfängt mich eine solche entsetzliche Nachricht — die ich kaum fasten — kaum glauben kann — die, wenn wahr — mich alten Mann auch tödten — unter die Erde bringen wird! —" Auf's Neue brach Herr von Freikamp in Thränen aus, und der alte treue Andres eilte auf ihn zu, ergriff seine Hände, wollte versuchen ihn zu trösten, obgleich er selbst des Trostes zu bedürfen schien und in seiner furchtbaren Aufregung kein Wörtchen hervorzubringen vermochte. Stille und in sich gekehrt, saß der Richter da. Was er vernommen, konnte nur den Verdacht, daß ein furchtbares Verbrechen begangen worden war, bestätigen. Der Mann, von Hause aus ein Hypochonder, war durch die vielen Verluste nur finsterer, menschenscheuer geworden. Die hinter seinem Rücken und gegen seinen bestimmten Willen angezettelten Intriguen zwischen seiner Frau und der Schwester des Herrn von Freikamp, um den Vater zu sehen, eine Versöhnung, die der menschenfeindliche, verbissene Mann nicht wollte, herbeizuführen, mußte er entdeckt und, so unschuldig und verzeihlich sie auch waren, als verbrecherisch betrachtet haben. Diese, wie vielleicht auch Nahrungssorgcn, die sich wohl immer stärker fühlbar machten, hatten den Mann in eine Stimmung versetzt, die den Gedanken an ein Verbrechen, um sich aus all' diesen vermeintlichen Sorgen, Lasten und Aergernissen zn befreien, wohl aufkommen lasten konnte. Die That war dann, etwa in einem Augenblicke, wo solches Denken die Aufregung bis zum Wahnsinn gesteigert oder wohl auch im Jähzorn, durch Widerspruch der Frau hervorgerufen und genährt, vollbracht worden, worauf dann die hastige Flucht erfolgt war. So weit war der Herr Untersuchungs-Richter mit seinen Gedanken gekommen, als die Schloßuhr laut und vernehmlich die dritte Stunde des Nachmittags verkündete. „Nach seinem Hause!" rief der Beamte sich erhebend. „Dort allein haben wir die Beweise dcS Verbrechens zu suchen und werden sie finden — woran ich leider nicht mehr zweifle!" Und er verließ das Zimmer. Wankenden Schrittes folgte ihm der arme Herr von Freikamp, von seinem treuen Andres mitleidig gestützt und geführt. (Fortsetzung folgt.) Lagerlied der päpstlichen Zuaven ^) Wem Christenblut durch die Adern sprüht, Von fremder Mackel rein Und wem ein Herz für PiuS glüht, Der stimme mit uns ein: Aus freier Brust mit vollem Klang, Uns gleichen Sinns gesellt. Erheb' er frommen Ehrensang Dem Fricdens-Herrn der Welt! O Gott, der Du vom Himmelsthrou Stark waltest und gerecht. Wir bitten Dich durch Deinen Sohn, Schirm' Unschuld, Treu' und Recht! Uns bangt nicht, wenn die Kngcl droht. Uns schreck: nicht blanker Stahl, Wir gehen freudig in den Tod; Für Pius gilt die Wahl! ES siege Wahrheit, Recht und Treu', Und fällt der letzte Mann; Herrscht Vater Pius wieder frei, Dieß Herz erst ruhen kann! Für ihn verließen wir dich, Strand, Entrungen Meer und Fluth, Für ihn, o süßes Hcimathland, Verspritzet unser Blut! Wir schwören Treu, auf Pctri Grab, Dem großen Pins Treu', Und Treu dem Fels, den Jesus gab Zum Grunde dem Gebäu; Um's Kreuzpanier kniet uns're Wehr, Gott schaut vom Himmel drein, Und Kraft strömt Pius' Segen hehr Den Friesenherzen ein. O Herr, Du Lenker aller Welt, Leih unö auch Deine Hand, Wenn's, guter Gott, Dir so gefällt, Für's liebe Vaterland! Den thcu'rstcn Eid uns wahre doch. Und müssen fallen wir. Laß, brich das Herz, uns rufen noch: Heil PiuS, Vater, Dir! Göthe als Föderalist. Da man sich in der letzten Zeit öfters auf Göthc's politische Meinungen berufen und dieselben besonders mit unseren gegenwärtigen Verhältnissen zusammengestellt hat, so wird es gewiß nicht ohne Interesse sein, auf eine Stelle hinzuweisen, wo man seine Ansichten über Fragen, die die Gegenwart lebhaft bewegen, im Zusammenhang ausgedrückt findet. Dieselbe steht in dem, im Jahre 1848 erschienen dritten Theil der Eckc» mann'schcn Gespräche mit Göthe, Seite 270 unter dem Datum: „Donnerstag, den 28. Oktober 1828." Eckcrmaun erzählt: Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands, und in welchem Sinne sie möglich und wünschenswcrth. „Mir ist nicht bange," sagte Göthe, „daß Deutschland nicht Eins werde; unsere Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige thun. Vor allem aber sei es Eins in Liebe unter einander! und immer sei es Eins gegen den auswärtige« *) Die Zuavenlieder sind aus dem Holländischen selbst uud nach den Nythmen der Originale übersetzt. Als Dichter derselben wird der kürzlich verstorbene Pater Koets genannt- 278 Feind. ES sei Eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen e Werth habe; Eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet Jassiren könne. Es sei Eins. daß der städtische Reisepaß eines weimar'fchen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglicher gehalten werde, als der Paß eines Ausländers. Es sei von Jnnland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland sei ferner Eins in Maß und ^ Gewicht, in Handel und Wandel, und hundert ähnlichen Dingeu, die ich nicht alle nennen taun und mag. Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohl der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volks gereiche, so ist man im Irrthum. Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern verglichen «nd so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aber die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Culturzustand Frankreichs entworfen, und die größere oder geringere Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder dunkleren Farben zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun, besonders im südlichen, einzelne Departements die in ganz schwarzen Farben daliegen, als Zeichen einer dort herrschenden großen Finsterniß. Würde das aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen großen Mittelpunktes, zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben ausginge? Wodurch anders ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volks-Cultur, die alle Theile des Reiches gleichmäßig durchdrungen hat? Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht, und welche ihre Träger und Pfleger sind? » Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Gultur stünde! ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Cultur Hand in Hand geht! Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reiche vertheilte Universitäten, und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Uebcrfluß da. Ja, eS ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebenzig hinausgeht und die doch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung keineswegs zu verachten. Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande so verbreitet, wie in Deutschland, und das ist auch Etwas. Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen LebmS-Elemcnte, die diese Städte in sich selber trugen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das Alles sein würde, wenn * sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen? Frankfurt, Bremen, Hamburg Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber wohl bleiben, rvaS sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränetät verlieren und irgend einem großen -rutschen Reiche als Provinzialstädte einverleibt werden sollten? Ich habe Ursache, dara« zu zweifeln." Vergangen. Versunken in Erinnerung Saß ich im Buchen-Walde; Der lenzesduftig, frisch und jung. Von Liedern rings erschallte. Ich dachte meiner Jugendzeit Mit leicht erglüh'nden Wangen, Da tönt's durch all' die Herrlichkeit: Vergangen! Ein Vöglein-Paar im grünen Raum, Neckt' sich mit süßem Triebe, Und weckte mir den schönen Traum Von längst entschlaf'ner Liebe; Mit neuer Sehnsucht dacht' ich Ihr, Mit innigem Verlangen, Und welche Antwort wurde mir? „Vergangen!" Es schmiegt', der sanften Treue Bild, Sich Buch' an Buche, theilend Die Freude, die dein Lenz entquillt, So rasch vorübereilend. Und einsl'ger Freunde kleiner Kreis Nahm mir den Sinn gefangen. Da wieder tönt' die Stimme leis: Vergangen! Dem Lichte halb erschlossen nickt' Im Wind die Waldesrose, Sie träumt von künft'gcr Pracht entzückt Und neidenswerthem Loosc; Indeß die Schwestern welk, verdorrt, Am Strauche nicderhangen; Gleich mir still lauschend auf das Wort „Vergangen." So, was mein sinnend Aug' erschaut' Inmitten Lcnzesrauschen, Mußt' meine Seele an den Laut „Dahin, dahin," vertauschen. Wonach trotz feindlichem Geschick All' meine Kräfte rangen. Bis auf der Hoffnung letzten Blick — Vergangen! Da überkam mein thöricht Herz Ein tief wehmüthig Sehnen, Dann leise, leise himmelwärts Hob sich mein Blick durch Thräneu; Und schnell war Hoffnung, Trost erwacht, Die himmlisch mich umklangcn: „Geduld, bald ist der Täuschung Nacht Vergangen!" Al. Appel. oo»Der Sultan und die barmherzigen Schwestern. Die Schwestern der Caritas zu Konstantinopcl hatten in Bebeck (Konstantinopcl) den Bau eines Waisenhauses unternommen, allein längst vor der Vollendung desselben, fehlte es schon am hiezu noch nöthigen Gelde. Nach langer Dclibcration unternahmen es zwei Schwestern sich dem Sultane, als er eben zur Moschee ging, vorzustellen, und ihm eine Bittschrift zu überreichen, welche äußerst freundliche Aufnahme fand; es vergingen aber ziemlich viele Tage, ohne daß eine Antwort erfolgte. Die muthigste der Schwestern unternahm es hierauf, sich dem Sultane, als er eben auf seinem Kaik aus dem Bosporus fuhr, in einem Kaik zu nähern, und ihm eine zweite Bittschrift zu überreichen. Dieser zeigte sich verwundert und unzufrieden, indem er, wie er sagte, bereits seine Befehle in diesen Sache gegeben habe, und versprach, sich dieses zweiten Gesuches gewiß bald zu erinnern. In der That kamen auch den folgenden Tag schon den barmherzigen Schwestern 80,000 Piaster (10,000 fl.) zur Vollendung ihres Waisenhauses zugeschickt. So in der Türkei, und im fortschrittlichen Augsburg?! (Zur deutschen Aussprache.) In einem Kränzchen war von Löwen^ Tiger» rc. die Rede. — „Warum nennt man diese nur reißende Thiere?" fragte eine junge Dame. — Schnell antwortete eine andere, die sehr gelehrt sein wollte: „Ei nun^ weil sie in Menagerien ihr ganzes Leben auf Reisen zubringen." 280 (Die Sonne als Feindin.) Ein französischer Militär, der sich in einer Colonie am Senegal in Afrika befindet, schreibt von dort: In diesen heißen Ländern gibt es etwas, das man im Norden zu lieben und zu verehren gelernt hat, gegen das man hier aber bald eine unüberwindliche Abneigung fühlt, — die Sonne. Ach, ihr Dichter, die ihr in Eueren Versen allen Preis über die Sonne der Tropen ausschüttet, während ihr die heimathliche ein bleiches Gestirn nennt, wenn Euch das Schicksal doch vcrurtheilte, nur eine Mittagsstunde unter den Strahlen der Sonne des Senegal zu verbringen! Die Begeisterung würde in Strömen von Schweiß von Euch weichen; Ihr würdet einsehen, welche wahre Poesie in einem wolkengrauen Himmel und in einer Sonne liegt, in deren Strahlen Salat und Blondinen gedeihen. Am Senegal ist die Sonne der allgemeine Feind und die Aerzte erklären sie außerhalb des Gesetzes als den Ursprung und die Quelle aller Krankheiten. Sobald sie erscheint, schließt sich der Weiße in seiner dicht verschlossenen Wohnung ein, um dieselbe erst gegen Abend zu verlassen, und wenn ihn eine dringende Nothwendigkeit zwingt, auszugehen, so entzieht er seine Augen der Helle der Sonnenstrahlen durch dunkle grüne Brillengläser und seinen Rücken ihrer Glut unter dem Schatten eines großen Schirmes. Man muß den Glutofcn des Senegal aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben, um die Bedeutung der Worte würdigen zu können, die auf den meisten Thermometern stehen: Wärme am Senegal. Wenn man durch diese „Wärme" erschöpft auf seinem Lager liegt, jeder Bewegung unfähig, selbst unfähig zu schlafen, dann erscheint Einem das ferne Vaterland wie ein glänzender Traum und man denkt an eine andere Welt, wo man Freunde hat, die so glücklich sind, Schnee- stocken vor ihren Fenstern tanzen zu sehen; wo es Leute gibt, die, um sich nicht zu erkälten, Nenn Ausgehen wattirtc Ucberröckr anziehen müssen. Ach, wie oft habe ich geseufzt, wenn ich doch nur einmal frieren könnte, ich wollte dann gern sterben. (Hartes Obst zu beliebiger Zeit reifen zu lassen.) Es gibt nicht selten kleine Handgriffe, die, obwohl anscheinend unbedeutend oder alltäglich, doch thatsächlich so nützlich und wichtig sind, daß sie eine größere, ja möglichst allgemeine Verbreitung verdienen. Zu diesen darf jedenfalls das Nachstehende gezählt werden. Zu der Monatsschrift für Pomologie theilt Jemand die zufällige Beobachtung mit, daß sehr harte Kolmarbirnen, welche für gewöhnlich „erst nach Neujahr bis Ostern genießbar sind," durch Einwickeln in Papier und Verpacken in Papierschnizel bereits nach 14 Tagen völlig ausgereift, mürbe und wohlschmeckend geworden. Er knüpft hieran den durch fernere Versuche bestätigten Hinweis, daß man durch dies Verfahren jederlei Obst in beliebiger Frist zur wohlschmeckenden Reife bringen könne. Es wurden Pfirsiche und St. Germain- Birnen, die vollkommen ausgewachsen, aber noch sehr hart waren, von je 14 zu 14 Tagen abgenommen, jede einzelne in weiches Papier gewickelt und in eine Commodc gepackt, und in der Frist von 10 —14 Tagen waren sie stets reif, weich und wohlschmeckender, als die später vom Baum genommenen. Durch dies Verfahren kann man vom Beginn der ersten Obstrcife bis zu Ostern hin stets frisches reifes Obst essen und der Vortheil ist um so größer, da das Dauerobst hier nach Belieben allmählig zum Genuß gebracht werden kann, während es sonst doch gewöhnlich im Zeitraum von kaum drei Wochen alles auf einmal reif wird und meistens sehr schnell verzehrt werden muß, vorher aber gewiß gar nicht zugänglich ist. Praktische Hausfrauen werden den Vortheil bald zu schätzen wissen. Ein Schuljunge mußte seinem Vater aus der Zeitung vorlesen. Da kam er an die Worte: Frankfurt a. M. Das letztere Anhängsel machte ihn stutzig; er wußte nicht, was das heiße. Er besann sich aber nicht lange und las: „Frankfurt aus Mitleid." Druck, verlas und Redaktion deS literarijcheu Institut- von Dr. M. Huttler. Nr. 3G 6. Septbr. 1868. Das niedrigste vom Glück zertretne Wesen Stützt sich auf Hoffnung doch, lebt nicht in Furcht. Beweinenswerther Wechsel trifft nur Bestes, Das Schlimmste kehrt zum Lachen. Shakespeare, Lear A. I. 1. König Ludwig. ke^al pruck6N2g 6 liusl Vkcker impsri. Hunts, ?ars— den Umständen Rechnung tragend — gethan. Herr von Wallborn schaute finster, fast ergrimmt darein. Doch dauerte dies glücklicher Weise nur wenige Augenblicke, dann hellten seine Züge sich wieder auf, und sogar ein Lächeln war auf seinem ausdrucksvollen Gesichte zu schauen. Er hörte gelassen die ganze Schauergeschichte mit an, dann sprach er unerwartet ruhig: „Es sind da allerdings manche Umstände zusammengetroffen, welche die Leute zu entschuldigen vermögen, ihnen auch wohl ein Recht gaben — besonders da sie mich nicht im Mindesten kannten — auf ähnliche Vermuthungen zu verfallen. Ich halte es daher für Pflicht, Ihnen die betreffenden Punkte, welche Sie als Vcrdachtsgründe betrachteten, aufzuklären." „Ich bitte darum — in Ihrem eigenen Interesse — Herr von Wallborn," sagte äußerst höflich der Herr Untersuchungs-Richter. „So zieht mich doch hinauf!" jammerte abermals der im Brunnen Gefangene. „Ich muß doch auch sehen und hören, was geschehen und wie das Alles zusammenhängt." Und sie zogen den armen, kühnen Gevatter und Schlosscrmcister Hcubach endlich herauf — und noch dazu mit seinem Funde, der in nichts Wenigerem bestand, als in dem großen Schöpfeimer des Brunnens, den er aus dem Wasser gefischt und nun neben sich auf den Rand des Brunnens stellte. „Sie kennen bereits meinen rechten Namen, wie ich höre, und so werden Sie wohl auch durch meinen Schwiegervater Näheres über meine Verhältnisse erfahren haben," sprach Herr von Wallborn ruhig. '„Ich kann mich daher kurz fassen." „Ein Verwandter von mir, ein Schwager, befand sich in mißlichen Verhältnissen, die er indessen — ich darf dies wähl sagen — selbst verschuldet. Oftmals habe ich ihm, auf Kosten meiner eigenen Existenz und durch meine gute Frau dazu angehalten, geholfen, doch immer von Neuem belästigte er mich. In vergangener Woche traf er hier in der Nähe meines Wohnorts ein, auf dem Gute der Tante meiner Frau. Ich beschloß, seinem Drängen ein für allemal ein Ende zu machen — er hätte mich und die Mcinigcn noch vollständig ruinirt. Nach Amerika wollte ich ihn schaffen. Dies mag Ihnen die von meiner mehr als plauderhaftcn Magd aufgefangenen Worte erklären. „Meine Tante wollte zu gleicher Zeit eine Versöhnung zwischen meinem Schwiegervater und mir bewerkstelligen, ein Augenblick, den ich wohl herbeigewünscht, doch aus mancherlei Ursachen nicht selbst herbeiführen konnte, noch wollte. Am vergangenen Samstag sandte sie ihr Gefährt hierher, um meine Frau und die Kinder abzuholen. Diese gingen dem Wägelchen eine Strecke entgegen. Ich hatte noch Geschäfte unk blieb daheim." „Deßhalb hat man die Frau und die Kinder zum letzten Mal auf der Landstraße gesehen!" rief der noch auf dem Brunnenrand sitzende und noch immer gleich eifrige Gevatter Heubach. „So ist es! — Als ich meine Arbeit beendet, wollte ich mit dem Nachtzuge nach V. Das Gefährt der Tante sollte mich in der Frühe an der dortigen Station abholen. Daselbst angekommen, fand ich den Wagen nicht und ging ihm entgegen. Daher meine scheinbare Flucht, mein Verschwinden." „Doch das wandelnde Licht —?" „Die herausgerissenen Comode-Schubladen — das hcrabgezcrrtc Tischtuch?" So riefen fast zu gleicher Zeit die bisherigen Zeugen. „Auch das sollen Sie erfahren, meine Herren," sagte von Wallborn lächelnd, „denn eS liegt mir daran, jeden aufgetauchten Verdacht so vollständig als möglich zu beseitigen. 29Z „Meine Frau hatte vergessen, mir meine Vatermörder herauszugeben. Ich suchte sie überall, und kurz angebunden, ging ich etwas unsanft mit dem Inhalt der Schubladen um, ließ dann Alles liegen und stehen bis zur Wiederkehr. Bei diesem Thun zerrte ich auch das Tuch vom Tische und zerbrach die Flasche." „Er suchte seine Vatermörder?! —" „Und wir hielten ihn für einen KindeSm — !! — O, wir waren doch rechte —" So sprachen Gepatter Heubach und Gerbermcistcr Fritze leise zu einander, wobei Letzterer jedoch zweimal vergaß, seine Reden zu vollenden. „Dieß zu thun, überlasse ich getrost dem Leser, es dürfte ihm nicht allzuschwer werden." „Doch die Gestalt, die ich hier am Brunnen gesehen — der Schrei — das Blut?" fuhr nun Meister Andres heraus. „Gegen cilf Uhr blickte ich durch das Fenster und sah, daß meine Frau noch Wäsche im Hofe hängen hatte. Ich eilte hinab, nahm die wenigen Stücke fort und löste die Leinen, die ich hier, vor dem Brunnen niederwarf. „Ah! — A —hü" — „Ungeschickt in solchen Dingen, ließ ich dabei den Eimer in den Brunnen fallen — an der Welle war eine der Waschleinen befestigt — und ritzte mir nicht unbedeutend die Hand. Daher der Schrei — das Blut auf dem Brunnenrande. — Das kleine Tüchclchen, welches ich in Ihren Händen sehe, wird wohl auch bei der Gelegenheit in's Wasser gefallen sein." „A —h!-A —- hü!" — „Doch die Eile, die Aufregung bei Ihrer Abfahrt?" konnte der UntersuchungS-- Richter sich nicht enthalten, noch zu fragen. „Ich schlief einige Augenblicke, und als ich erwachte, war es höchste Zeit, zur Eisenbahn zu eilen. — Sind Sie nun genugsam abgeklärt, meine Herren?" „Vollständig!" „So bitte ich — mich entfernen zu dürfen. Meine Frau und meine Kleinen, so wie mein guter Schwiegervater, den ich so lange nicht gesehen, verlangen nach mir, wie Sie sich wohl denken können. Ein andermal wird es mir sehr angenehm sein, Sie zu empfangen und Ihnen alle nur möglichen weiteren Aufschlüsse geben zu dürfen, — wenn Sie deren etwa noch verlangen sollten." Eine bezeichnende Geberde erfolgte, und sämmtliche Anwesenden verließen mit mehr oder minder verlegenen Verbeugungen den Hof und das Haus, dessen Eingangsthor Herr von Wallborn, ein Weniges fluchend, doch auch wieder unwillkührlich lächelnd, schloß. Dann eilte er in die Wohnstube, um die Versöhnung mit seinem alten Schwiegervater zu bewerkstelligen und zu feiern. Meister Andres kam in eigenthümlicher Stimmung daheim an. Es war sechs Uhr. Die Suppe stand noch immer unangerührt auf dem Tische, aber kalt war sie geworden — desto wärmer aber war seine Alte. Er erzählte, wie sich Alles so wunderbar und besonders glücklich für den guten /Herrn Baron gefügt, wie er sich umsonst geängstigt und wahrhaft froh sei, daß Alles überstanden. Die Alte war zwar recht enttäuscht, doch freute sie sich recht herzlich über das gute und glückliche Ende der sonst so überaus traurigen Geschichte. „— Solche Geschichten hab' ich gerne!" sprach sie mit einem Blick auf ihre geliebten Bücher. „Ich will sie auch lieber gedruckt lesen, als noch einmal erleben!" ergänzte Meister Andres. Dem Herrn Untersuchungs-Richter wurde auf der Station und durch den dortigen Herrn Bahuhof-Jnspector eine zweite Depesche überreicht, worinncn der Polizei-Dircctor der bewußten großen Seestadt meldete, daß das verhaftete Individuum nicht.Laibcl, 293 sondern Schrodtmann heiße, auch nicht in T..., sondern hundert Meilen davon, in Z. seßhaft gewesen, auch kein Verbrecher, sondern ein ehrsamer Bäckergeselle sei, wie solches durch die in schönster Ordnung sich befindenden Papiere und glaubwürdigste Zeugen unumstößlich festgestellt, wcßhalb besagter Schrodtmann denn auch augenblicklich auf freien Fuß gesetzt worden wäre, und besagter Laibel anderwärts zu suchen sein dürfte. Recht ärgerlich steckte der Beamte die Epistel in die Tasche zu den nunmehr un- nöthig gewordenen Protokollen und brummte im Abfahren: „Da habe ich mir einmal umsonst Mühe gegeben! Der Teufel soll die Narren von L. . . holen! — Aber es stimmte auch Alles so Prächtig zusammen, daß es eine wahre Lust gewesen wäre, weiter zu inquiriren!" Aehnlich drückten sich die Bewohner von T. . ., besonders die Gäste des Stammwirthshauses zur „ewigen Lampe" aus, und an ihrer Spitze Gevatter Heubach. „Da haben wir uns einmal umsonst aufgeregt und geängstigt!" sagten sie. Die Leser werden hoffentlich dasselbe sagen. — Weiter hatte meine Erzählung keinen Zweck, und somit — Gott befohlen allerseits! Die Wanderungen einer Raupe durch Asien und Europa. Seit Jahrtausenden der Obsorge der Frauen und Mädchen anvertraut, wandert eine zierliche Raupe, als Pionier der feinen Sitte, durch Asien und Europa über den Ocean nach Amerika. In den prunkvollen Gemächern einer chinesischen Kaiserin, 2600 Jahre vor Christi Geburt, finden wir zum erstenmale die Seidenraupe als zahmes Thier von kaiserlichen und adeligen feinen Händen gepflegt. Si-ling-ki hieß die hohe Dame, welche befahl, daß, nach ihrem Beispiele, alle Frauen in China, von ihrer Gescll- schaftsfrau bis zur letzten Magd im Reiche, die Seidenzucht treiben sollen; ihr Name wird als Schutz-Patronin jährlich am Tage des Beginnens der Seidencampagne von Millionen fleißiger Arbeiterinnen angerufen. Kaiserliche zarte Finger waren es, die 255 Jahre später aus dem goldenen Netze der zierlichen Nanpe den ersten goldene» Faden abhaspelten, kaiserliche zarte Finger waren es, die daraus den ersten goldenen Schleier webten. Von China wanderte die Raupe nach Japan uiH Kolchis, ihren Faden und ihren Schleier nachziehend, der nach andern 83 Jahren als ersehnte Beute der Expedition der Argonauten dienen sollte. Diese eroberten, der Sage nach von listiger Wciberliebc unterstützt, den Schleier, hißten ihn auch bei ihrer Rückkehr in's Vaterland auf die Spitze des MastbaumeS ihres Schiffes als erobertes Panier, aber seinen Ursprung kannten sie nicht, denn die Raupe hielt durch lange Zeit Stillstand in ihrer Wanderung, und ihre in Strähnen geflochtenen Fäden, die in Babylon mit so viel Gold, als sie schwer waren, ausgewogen wurden, hielt man für das Produkt einer rätselhaften Pflanze. Erst nachdem der Bcsieger Asiens, der große Alexander, seinem Lehrer Aristoteles zum Studium der Natur die Produkte der eroberten Länder zur Verfügung stellte, ahnte man in Europa, daß die Seide von keiner Pflanze, sondern von einem Insekt erzeugt werde. Dieses Erzeugniß wurde aber bald das Zeichen der höchsten Vervollkommnung des Luxus der Männer, die eleganteste Zierde der Frauen, und zwar so sehr, daß 16 Jahre nach Christi Geburt den Männern in Rom das Tragen seidener Kleider verboten wurde; daß Kaiser Aurelian seiner eigenen Frau ein Seidenkleid verweigerte, weil er es zu theuer zahlen sollte, und Kaiser Markus Aurellus im Jahre 160 eine eigene Commission nach China schickte, um in direkten Verkehr mit diesem Lande zum Behufe des Seidenhandels zu treten. Diese Abgesandten fanden aber, daß die chinesischen Seidenhändlcr stumm und blos durch Zeichen ihre Kontrakte schloffen, daß derjenige mit Todesstrafe bedroht war, der die Seidenraupe oder deren Eier aus dem Lande tragen würde, und daß selbst die Seide nur den nachbarfreundlicheu Völkern zu verkaufen er» laubt war. Diese strengen Gesetze verhinderten bis zmn Jahre 552 die weiteren Wanderungen der Seidenraupe. Im Jahre 533 kehrten aus einer Mission in China zwei Mönche vom Orden des heiligen Basilius nach Konstantinopel zurück, welche dem Kaiser Justinian erzählten, daß sie das scidcspinnende Insekt und die Kunst kennten, aus demselben die Seide zu gewinnen. Nach vielen Jahren erst gelang es dem Kaiser, diese Mönche zu bestimmen, abermals eine Reise nach China zu unternehmen und sowohl die Seidenraupe, als die dieselbe ernährende Pflanze nach Konstantinopcl zu übertragen. Erst im Jahre 552 wanderten sowohl die Seidenraupe als der Maulbeerbaum, in embryonaler Gestalt in den Knöpfen der Wanderstöcke der zwei Mönche eingeschlossen, aus China über Tibet, Persien und Kleinasien über den Bosporus nach Konstantinopel, wo der Saame des Baumes, der Erde anvertraut, Laub erzeugte und die Eier des Seidenspinners, durch die Wärme eines Misthaufens bebrütet, Raupen entwickelten, die nach vier Wochen zum erstenmale auf europäischem Boden zwischen den Besten der wilden Maulbeersträuche ihre goldenen Cocons einspannen. Konstantinopel war also die erste Etappe in der Wanderung unserer Raupe aus Asien nach Europa. In der Burg des byzantinischen Kaisers unter der Leitung der zwei Basiliancr-Mönche gezüchtet, gaben durch zahlreiche Jahre hindurch viele Millionen von Seidenraupen ihre seidenen Galetteu, die, in einer kaiserlichen Fabrik von aus Tyrus und Beirut besonders dazu berufenen Webern abgesponnen, in glänzende Seidenstoffe verwandelt, das Produkt einer Kunst bildeten, die auszuüben uur dem kaiserlichen Hofe erlaubt war. In Konstantinopel blieb die Seidenraupe abermals Jahrhunderte lang stationär, und nur nachdem ihr Borläufer, nämlich der Maulbeerbaum, ihr den Weg gebahnt hatte, konnte sie ihre Wanderung auf dem europäischen Continent fortsetzen. Denn obwohl im Verlaufe der sechs darauffolgenden Jahrhunderte die Scidenzucht in Griechenland derart gang und gäbe wurde, daß dieses Länd von dem Maulbeerbaum (llorus albs) den Namen Morea erhielt, so lehrt uns doch die Geschichte, daß Kaiser Karl der Große bei feierlichen Gelegenheiten höchstens eine Schärpe von Seide um die Hüften trug. In der ersten Hälfte dcS zwölften Jahrhunderts, als Ruggcro II., König von Sizilien, nach Bcsicgung Griechenlands griechische Gefangene in sein Vaterland schleppte, wanderte mit diesen die Seidenraupe nach Sizilikn, um sich daselbst einzubürgern und neue Kolonien in Kalabricn zu gründen. Im übrigen Europa vermochten selbst die großen Privilegien, die Herzog Leopold von Oesterreich im Jahre 1200 der Stadt Wien, als dem Mittelpunkte des europäischen SeidenhandelS, verlieh, die Seidcnzucht nicht zu verbreiten. Denn erst unter dem alten Dandolo (120t) wanderte die Seidenraupe aus Konstantinopel in das Vcnetianische und auf genuesischen Kriegsschiffen (1306) über das tyrrhenische Meer, um sich in Mo- dcna anzusiedeln und von da über den Apennin nach Florenz zu pilgern, wo sie in wenigen Jahren Tausenden von Arbeitern Lebensunterhalt verschaffte. Dennoch blieb die Seide in Europa noch lange eine seltene Waare. Karl VI. von Frankreich trug, um seine königliche Pracht zu entfalten, selbst im Sommer einen Schnür- leib von Seidensammt und Karl VII. bei seinem Einzug in Roucn (1449) einen mit Sammt aufgeputzten Filzhut als den kostbarsten Hut seiner königlichen Garderobe. Die Seidenraupe hielt indessen in ihren Wanderungen durch Europa zum fünften Male Stillstand, während der Scidenbaum ihr die Bahn fortcbuen sollte. Unter Karl XI. pflanzte Tronchet im Jahre 1564 die ersten Maulbeerbäume bei Nimes, und Heinrich IV. ließ durch Olivicr de Serres im Jahre 1600 die Maulbeerbäume von Fontaincblcau pflanzen und aus Italien 14,000 Maulbeerbäume und große Quantitäten von Maulbcersamen kommen, die er unter seine Unterthanen vertheilte. Nun wanderte, trotz der Opposition des allmächtigen Sully, die Seidenraupe über die Alpen nach Frankreich, und dieses 295 Frankreich, das früher um 4,000,000 Franks Seide einführte, führte in wenigen Jahre« eben so viel aus, und besaß schon im Jahre 1806 über 400,000 Maulbecrbäume. Während in Frankreich die Seidenraupe unter dem mächtigen Schutze des Regenten ihren Einzug hielt, sollte sie an der Hand einer edlen Prinzessin nach Deutschland wandern. Magdalena Elisabeth, Tochter Joachiin's II., Kurfürsten von Brandenburg, züchtete im Jahre 1595 die ersten Seidenraupen in Deutschland, und Friedrich Wilhelm I. von Preußen befahl, viele Maulbecrbäume in seinem Staate zu pflanzen; zwei Gesellschaften aber, die in Württemberg die Seidenzucht treiben wollten, gingen in kurzer Zeit zu Grunde. Gleiches Unglück verfolgte die Seidenraupe auf ihrer Wanderung nach England unter Jakob I. (1608—1610), während dagegen ihr Vorläufer, der Maulbcer- Baum, unter Peter dem Großen vom Jahre 1682— 1725 bis zum 54sten, und im Jahre 1739 bis Stockholm, d. h. bis zum 59stcn Grade nördlicher Breite vorgedrungen war, wo er in diesem Jahre der strengsten Kälte des Jahrhunderts widerstand. Jene kleinen ungünstigen Erfolge waren aber nicht im Stande, unsere Raupe auf ihrer Pilgerschaft als Vorbote der feinen Sitte aufzuhalten. Sie wanderte unter Ludwig XV. selbst nach dem Norden Frankreichs; im Jahre 1749 pflanzten zwei Italiener, Cremcri und Locatelli, die ersten Maulbcerbüume zu Prag und führten die Seidenzucht daselbst ein, wo diese über ein Jahrhundert kümmerlich ihr Dasein fristen sollte, um in unserer Zeit sich zu einem lebensfähigen Kulturzwcig in Böhmen emporzuschwingen. Der Maul- becrbaum gedieh unter Alexander I. und Paul I. an den Ufern des Terck und an den Mündungen der Wolga und des Don, und entwickelte sich zu Wäldern in Kankasien; im Jahre 1770 wanderte die Seidenraupe, in der Reisetasche Benjamin Franklin's verwahrt, über den Atlantischen Ocean nach Nordamerika. In Frankreich und Italien aber wurde die Seidenraupe der Liebling des schöneren Geschlechts, dessen zarte Hände so viele Milliarden von Seidenspinnern anferzogen, daß Frankreich im Jahre 1826 an reinem Gewinne von der Seidenzucht 23,560,000 Franks erzielte und Norditalicu im Jahre 1834 für 107,560,000 Franks Cocons erzeugte. Um das letztere Produkt zu erhalten, brauchte man 35,250,000 Kilogramme Cocons und auf jedes Kilogramm 400 Galcttcn im Durchschnitt gerechnet, 13,100,000,000 Raupen, die zum größten Theil von Frauenhäudcn gezüchtet wurden und einen Seidcnfadcn von der Länge von 6,550,000,000 geographischen Meilen herstellen. Wie aber entstand das Wunder? Einige zarte Maulbcerbüume, die kaum fedcrkicldick in der Umgebung von Mailand im Jahre 1761 mehr der Neugierde halber gepflanzt worden waren, gaben neun Jahre darauf 60 Kilogramm Laub, und nach anderen eils Jahren 525 Kilogramm per Baum. Liese Ueppigkeit der Betäubung erregte Erstaunen, die Liebe der Frauen zur netten Raupe steigerte ihre Aufopferungskraft, und die kleine Lombardei züchtete schon im Jahre 1803 Cocons für den Werth von 400,000 Franks. Graf Vinccnz Dandolo aus Varese, Statthalter des ersten Napoleon in Dalmatien, widmete, als er in Folge von politischen Umwälzungen in sein Vaterland sich zurückzog, fein thatenrciches Leben der Zucht der Seidenraupe. Von ihm stammen die ersten wissenschaftlich verfaßten statistischen Tabellen, über Auslagen und Erträgniß der Seidenzucht; er baute die erste kolossale Magnaneric, die als Modell für tausend und abermals tausend andere, welche als Monumente des Reichthums italienischer Großgrundbesitzer später entstanden, dienen sollte. Nie wirkten noch todte Ziffern so zündend auf die Gemüther, als die Zahlen-Kolonnen Dandolo's; nie war die Dankbarkeit eines Volkes so aufrichtig gcge» einen Wohlthäter als diesmal. Im Jahre 1803 erzeugten die Lombarden für vier Millionen Franks Cocons; vom Jahre 1807 bis 1810 producirte das kleine Gebiet des damaligen Königreiches Italien Galetten für den Werth von 327,631,241 Franks, und das Volk widmete dem Dandolo Tausende von Denkmälern, da es jedes zum Zwecke der Seidenzucht errichtete kolossale Gebäude Dandoliera benannte. Was konnte ferner die Wanderung unserer Raupe hindern? In den Fünfziger- L96 Jahren wanderte sie zum Zwcitcnmale über den atlantischen Ocean nach Chile und Quito, wo sie selbst ihre Natur modificiren sollte, indem ihre Eier daselbst anstatt Eines zwei Jahre zu ihrer Entwicklung brauchen. Hat nun die Seidenraupe das Ziel ihrer Wanderungen erreicht? Gott bewahre! In Steicrmark, Oesterreich, Mähren, Schlesien, in Böhmen und in der Bukowina bahnt ihr schon ihr Vorläufer, der Maulbcerbaum, den Weg, und sie wartet nur auf einen Dandolo, der sie in diese Länder einführe und sie der hohen Gunst edler Frauen daselbst anempfehle. _ Professor I)r. Molin. (Tabakspfeifen aus Eis.) Der durch seine Reisen in Asien bekannte Gelehrte Schlaginweit erzählt, daß die Karawanen-Reisenden in Turkhestan sich manchmal den eigenthümlichen Genuß verschaffen, ihren Tabak aus einer „Eispfeife" zu rauchen. Beim Uebcrschreitcn der turkestanischen Gebirge wird der Ruheplatz in der Nähe eines Gletschers gewählt; dorthin begeben sich die Muselmänner, wenn das Lager aufgeschlagen ist, und jeder bohrt sich ein Loch von der Größe eines Pfeifenkopfs in das Eis, qjwas entfernt davon ein kleineres als Mundstück, und beide werden durch einen Kanal verbunden. Jetzt ist die Pfeife fertig; der Türke stopft sie, legt sich auf den Bauch, zündet an und sangt an dem Mundstück, wobei er sich durch ein Tuch gegen unmittelbare Berührung des Eises mit den Lippen schützt. Die Hitze des brennenden Tabaks schmelzt allerdings ein wenig von dem Rande des Loches ab, aber da das Gletschereis außerordentlich hart und fest ist, geht das Schmelzen nur langsani vor sich; die wenigen Tropfen reichen gerade hin, um die dem echt türkischen Tabak nöthige Feuchtigkeit zu liefern. Das Rauchen selbst gewährt einen besondern Genuß, da der Rauch cisigkalt in den Mund gelangt, nachdem er den Kanal passirt hat. Die Asiaten lieben diese Kühlung des Rauches, wie sie dieselbe in schwächerem Maße auch durch die Narghiles (Wasserpfeifen) herstellen, und die Turkhcstanen versäumen es nie, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, eine Eispfeifc zu rauchen. Es gewährt, wie Schlagintweit versichert, einen seltsamen Anblick, ganze Reihen von schweigsamen Gläubigen auf dem Bauche liegen zu sehen, durch Decken und Pelze gegen die Kälte des Eisbodens geschützt, welchem sie mächtig qualmende Rauchwolken entziehen; besonders auf den ersten Blick staunt der europäische Reisende, der die Procedur noch nicht kennt und sich nicht entrüthseln kann, woher der Rauch kommt. _ (Fang- und Achselschnüre.) Unsere Damen lieben es, ihre Roben mit militärischen Achselschnürcn zu verzieren, wahrscheinlich ohne zu ahnen, welche eigenthümliche geschichtliche Bcwandtniß es mit denselben hat. — Der Ursprung der Achsclschnüre aber war folgender: Als im Jahre 1566 der blutdürstige Herzog Alba die Niederlande mit Feuer und Schwert verheerte, ward hierüber ein unter ihm stehendes Wallouen-Regiment so empört, daß es sammt und sonders bis auf den letzten Mann zum Feinde überging. Der Herzog erließ hierauf an den gleichfalls übergegangenen Commandeur dieses Regiments die Drohung, daß er jeden Mann, wenn er gefangen würde, aufhängen lassen werde. Der Commandeur erwiderte hierauf, daß jeder seiner Soldaten, damit das Aufhängen nicht große Umstände mache, von Stund an einen Strick und einen Nagel an der Schulter tragen werde. Die tapferen Wallonen jubelten über diese Antwort und hefteten begeistert Strick und Nagel an die Schulter. So den Henkertod vor Augen verrichteten sie Wunder der Tapferkeit, und nach Beendigung des Krieges war das' Regiment so stolz auf den Strick geworden, daß eS denselben als ehrende Auszeichnung auf der Achsel beibehielt. Frage: WaS für Ähnlichkeit hat London mit Paffa«? Antwort: -uotzss opiq rhrj oai '-nvhazgo m, uogvh Rttl«» »LH »,« Jiftitüt« »»» W. H»UUr> Nr. S8. 20. Septbr. 1868, Augsburger Wer will denn Alles gleich ergründen! Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden! >ier hilft nun weiter kein Bemühn! -iuds Rosen, nun sie werden blühn. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Eine Erzählung in zwei Abtheilungen und neun Capiteln von Herübert Malten. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß des Verfassers nicht gestattet.) Erste Abtheilung. I. Der Neujahrswunsch. Ob Noth, ob Kummer, ich ertrag' es gern, Leucht mir durch's Dunkel nur der Liebe treuer Stern. „Wenn Sie erlauben," sagte der Candidat Olearius höflich und zündete seinen Wachsstock an dem Flämmchen der zinnernen Oellampe an, welche mit ihrem spärlichen Lichte die Wohnstube der Victualienhändlerin Harnapp in Langensalza in Thüringen erhellte. Frau Harnapp im Lehnstuhl neben dem warmen Ofen sitzend und der Nutze pflegend, nickte bejahend mit dem Haupte und der Candidat seinen Wachsstock langsam zurückziehend, wandte sich an zwei junge Mädchen von ungefähr 19 und 14 Jahren, die beflissen waren, einen wahren Berg von Linsen, der vor ihnen auf dem Tische aufgehäuft war, rein zu lesen, mit der Frage: „Noch, immer so fleißig?" Es erfolgte jedoch keine Antwort; ja die fleißigen Leserinnen erhoben nicht einmal das Haupt von ihrer langweiligen Arbeit. Dessen ungeachtet hob Olearius wieder an: „Frau Nachbarin, Sie sollten sich solche Tauben anschaffen, wie die allbekannte Aschenbrödel zu Gehilfinnen hatte. Diese pickten in gar kurzer Zeit die schwarzen und angefressenen Linsen oder Erbsen aus einem großen Haufen heraus und ersparten so ihrer Herrin die Mühe." „Tauben?" versetzte die Alte mürrisch. „Ein Paar Gänse habe ich, die mir aber nicht die bösen, sondern die guten Erbsen und noch viele andere Dinge obendrein aufessen." Der betroffene Candidat sah, wie der schonungslose Vergleich der alten Base eine hohe Nöthe bis in den gebeugten Nacken der älteren Linsenlcscrin gleiten machte. Zugleich wischte diese mit einer Hand voll Linsen einen hellen Wassertropfen vom weiß gescheuerten Tische hinweg, welcher ihrem schönen Auge entfallen war. Olearius, dem es unendlich leid that, daß er durch seine gutgemeinten Worte die arge Kränkung verschuldet hatte, sagte begütigend: „Ei, ei, Frau Nachbarin, wie mögen Sie doch nur immer ihrem Mühmchen so großes Unrecht thun? Fleißige Bienchen sind die, die mit dem Hahnenschrei aufstehen und bis in die Nacht hinein arbeiten. Ich muß mich ordentlich schämen, wenn ich mich mit Jungfer Lischen vergleiche, und eine lernbegierigere Schülerin wie Agathe hatte ich nimmer." „Ja, ja, loben Sie nur immer das dumme Ding in's Gesicht" — eiferte die Alte — „damit sie noch eingebildeter wird, als sie schon ist. Ich wollte auch, daß„D» 298 Lieber das Zinn richtig scheuern lehrten, als Briefe schreiben und andere dergleichen Nichtsnutzige Dinge mehr. Was thun die Mädel damit? Liebesbriefe lesen und schreiben und nichts weiter. Aus diesem Grunde durfte ich bei meiner seligen Mutter blos Gedrucktes lesen lernen und das mit Recht. Wer weiß, ob die beiden Maulaffen da es so weit bringen werden mit ihren neumodischen Künsten, als wie ihre alte Base. Sie, Herr Oehlig, haben auch lauter überspannte Dinge im Kopfe — haben da ihren ehrlichen Familiennamen abgelegt und dafür einen andern angenommen, den der T — l aussprechcn mag, aber ich nicht — Ole — haar Pfui der Tausend noch einmal!" „Olearius!" verbesserte der Candidat und eine leichte Nöthe stieg in sein schmales, bleiches Antlitz. „Sehen Sie, Frau Nachbarin, in der Gelehrtensprache heißt Oehlig so viel, wie Olearius, und ganz andere Männer als ich, haben ihren Namen in's Lateinische oder Griechische übersetzt. Der Name thut oft gar viel zur Sache, und ich denke immer, daß der Magister Olearius eher zu einer Pfarre kommen soll, als der simple Gottfried Oehlig, und was der würdige Melanchton gethan hat, der ja auch eigentlich Schwarzerd hieß, darf wohl von einem niederen Theologen nachgeahmt werden." „Narren sind sie gewesen" — fiel Frau Harnapp ein — „dabei bleibe ich! Und wenn ich einen Sohn hätte, der sich seines ehrlichen Familiennamens schämte und ihn ««drechselte, er sollte nicht einen rothen Heller von der Erbschaft bekommen." Wir wissen nicht, ob der empfangene Ehrentitel oder das Wort „Erbschaft" den Candidatcn auf einen schnellen Rückzug bedacht werden ließ, aber er zündete seinen Wachsstock, den er während des Gesprächs aus Sparsamkeit verlöscht hatte, wieder an «nd entfernte sich unter dem Anwünschen einer guten Nacht, welche jedoch bloß von den beiden Linsenleserinnen dankbar zurückgegeben wurde. Olearius stieg, nachdem er die Thüre im Rücken hatte, auf einer ziemlich steilen Treppe nach seiner Wohnung hinauf, die dem dürftigen Einkommen eines Candidatcn angemessen war. Der große hohle Schlüssel öffnete, oben angekommen, ein umfangreiches deutsches Schloß und der Candidat trat in ein kleines Vorgemach, welches zugleich die Stelle der Küche vertrat. Das daran grenzende Stübchen war gerade geräumig genug, um ein Bett, ein Bücherbrett und einen Arbeitstisch in sich zu fasten. Das erstere stand unter der schrägen Wand, welche das Dach des Hauses bildete; das zweite enthielt in einer einzigen Reihe die ganze Bibliothek «nd der dritte die schriftlichen Werke des Candidatcn. Ein Stuhl mit hoher Rücklchne «nd arg verschossenem Ueberzuge, war der einzige seines Gleichen, hatte des Tags überfeinen Stand vor dem Tische, des Nachts hingegen am Bette des Junggesellen. Dieser zündete mittelst des Wachsstockes ein dünnes Talglicht auf einem Blechleuchtcr an und begann hierauf sich umzukleiden. Der wsllarme, schwarze Frack mit den langen Schößeln wanderte an den Nagel, ein anderer, minder guter herunter und auf den Leib des schmächtigen Candidatcn, welcher die Schößcl desselben als Stoff zum Ausbessern der übrigen Kleidungsstücke verwendet und ihn somit in einen Spencer umgeschastcn hatte. Temungeachtet zeigte das Hintertheil der schwarzen kurzen Beinkleider eine Scheibe von grauem Tuch, welche der Frack bisher verdeckt gehabt hatte. Nachdem Olearius noch eine blauleinene Schürze vorgebunden, begab er sich in das Zimmer zurück, wo er mit prüfendem Blicke die Häupter seiner Lieben — einige Stücke Stockholzes —- überzählte, und dann Feuer in den Ofen zu machen, Anstalt traf. Aus einem kleinen Küchenschranke nahm er ein Bündel schon bereit liegender Hvlzspänc, und in wenigen Secunden später fuhr die Ofengabel mit ihrer in Brand gesetzten Bürde in des Ofenloches schwarz gähnenden Schlund. Als das Feuer lustig prasselte, brachte die Ofengabel einen Topf mit Master in dessen Nähe und der Calfactor ward zur Köchin, welche die Abendmahlzeit bereitete. „Ein Kernmädchen, die Lieschen!" sprach der Candidat, indem er Schwarzbrod in eine Schüssel schnitt, „welch' ein Unterschied gegen die geschmückten, gepuderten und ge- Zierpuppen der höheren Stände!" Er warf Salz auf das Brod. „Wie 299 sittig, keusch und demüthig ist sie! Wie duldsam gegen die Kränkungen des böse« Weibes!" Hier wurde die Halbschied eines Drcierstückchens Butter in die Schüssel versetzt. „Der Mensch will auch einmal eine Abwechslung und der Magen eine Stärkung, haben." Unter diesen Worten langte Olcarius eine kleine Düte mit Kümmel aus der Westentasche, von welchem deutschen Gewürze er eine Prise der Suppe beifügte. „Neunmal glücklich der Mann, dem Lieschen einst als Hausfrau das Essen bereiten darf." Er rückte den Wassertopf aus dem Ofen. „Nun, wie Gott will!" Patsch! glitt der Topf von der Ofcnbrücke und vergoß seinen kochenden Inhalt, so daß das Feuer zischend verlöschte. Die Ofengabel in der Hand schaute Olcarius trübe bald in das verhängnißvolle Ofenloch, bald auf die des Aufgusses harrende Schüssel. Am meisten schmerzte ihn das böse Omen, daß gerade in dem Augenblicke, wo er in frommer Ergebung, aber mit heißer Inbrunst an Lieschens Besitz gedacht, die Flamme im Ofen gewaltsam ausgelöscht worden war. Sollte das Feuer seiner heimlichen Liebe für Lieschen nicht ebenso durch einen Wassersturz des Schicksals erstickt werden? Nach einer Minute stillen Sinnens wiederholten die Lippen des Candidatcn abermals leise: „Wie Gott will!" — Die Schüssel mit ihrem Inhalt wanderte, um am nächsten Morgen benutzt zu werden, in den Küchcnschrank zurück. Olcarius sättigte sich mit Butterbrod und verfügte sich kauend in sein Stübchcn, dessen weiß gefrorene Fensterscheiben von der Lichtstamme wie Diamanten glitzerten. Die Stellung, welche der soupirende Candidat dicht vor dem Ofen einnahm, ließ errathen, auf welche Weise dessen Beinkleider zu der oben gedachten grauen Tuchscheibe gekommen waren. Heute hatten sie von dem nur wenig erhitzten Ofenkastcn ein Versengen nicht zu fürchten. „Warum," — hob der junge Mann an— „doch nur die Erdcngüter so gar ungleich vertheilt sind? Meine arme selige Mutter mußte bitter darben, indeß ihr kinderloser Bruder zum Erösus ward. Und er half der einzigen Schwester nicht, als sie auf einem langen Krankenlager schmachtete. Ja, selbst mein Brief, der ihm der Schwester seliges Ende verkündete, hat er bis jetzt unbeantwortet gelassen. Alle Jahre einen Dukaten für den ihm übcrschickten Neujahrswunsch war das Einzige, dessen wir uns von ihm zu erfreuen hatten. Nun, Gott Lob! weder ich noch meine gute Mutter sind deßwegen hungrig zu Bette gegangen. Der Vater im Himmel oben wird auch weiter für mich sorgen. Weiß ich doch nun einen recht eifrigen Fürsprecher bei ihm: meine Mutter. Diese Worte wurden des Kauens wegen in Unterbrechungen gesprochen. Nachdem Olcarius seine Mahlzeit stehend genossen hatte, setzte er sich an den Arbeitstisch, zog den Entwurf eines Neujahrs-Gedichts und einen Bogen feines Postpapicr hervor, um jenes darauf mit zierlichen Schriftzügcn versetzen. „Bekenn' es nur offen heraus, Gottfried," sprach Olcarius, indem er den goldenen Rand des Papiers betrachtete — „daß Du ein höchst eigennütziger Kerl bist. Dieses Gold — ist es nicht der Köder, um einen Dukaten zu crangeln. Die Wurst, welche Du nach der Speckseite zu werfen gedenkst? Geht Dir's von Herzen, wenn Du einem niegesehenen und daher ungeliebten Oheim alles Gute amvünschest? Die Gottheit um Verlängerung seines theuren Lebens auf dem Papier anflehst. Und doch muß ich es thun, trug es mir doch die Mutter noch auf, als sie schon auf dem Sterbebette lag. Ihr Wille sei mir heilig." Er spitzte die Feder und schrieb — nein, er malte die Buchstaben mit fast eigensinniger Hand auf das Papier hin. Eben hatte er die Schlußzeile fertig, als ein entferntes Geräusch durch die ihn umgebende lautlose Stille daher drang und ihn plötzlich vom Stuhle aufjagte. Auf den Zehen schlich er in das Vorgemach und mit zurückgehaltenem Athem lauschte er durch das Schlüsselloch der Thüre, vor welcher sich bald ei« Lichtschimmer zeigte. Die beiden Mädchen kamen heraufgestiegen, ihre Bodenkammer und das Bett aufzusuchen. „Nicht einmal ein Schürzenband kann ich mir kaufen!" hörte der horchende Can- didat Lieschen klagen, „man muß sich ja vor den Leuten im Hause schämen." — „D» 300 sollst es haben, Engelskind!" gelobte Olearius im Stillen, „sobald der Goldfisch des Oheims eingegangen sein wird." Die Tritte der beiden Linsenlcserinnen waren schon geraume Zeit verklungen, als der Candidat zum Schreibtische zurückkehrte, um den Titel des Jahrwunsches noch zu schreiben. Auch diese Arbeit war endlich vollbracht und zufriedeuen Sinnes überlas Olearius den zierlichen Bogen mit halblauter Stimme: „Meinem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten-" Er stockte — rieb sich die etwas schläfrigen Augen — las nochmals und erstarrte! Nicht dem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten Oheim, sondern dem heißgeliebten Lieschen hatte er den Wunsch zum neuen Jahre gewidmet! Verloren war die verwendete Zeit und Mühe, verloren der Groschen für den theuren Bogen! Er zürnte mit sich selbst und gleichwohl hätte er sich um keinen Preis entschließen können, das verfehlte Machwerk zu vernichten oder wenigstens das Wort „Lieschen" wegzuradiren. Vielmehr hob er das Blatt in dem geheimsten Fache des Arbeitstisches auf. Dann trug er die Claviatur eines ehemaligen Claviers herbei, verpflanzte solche vor sich auf den Tisch und begann mit ziemlich frostverklommcnen Fingern eine stille Musik aufzuspielen, deren Noten er vor dem Klavier-Sierrogate gegen ein dickes lateinisches Lexikon gestützt hatte. Nach Beendigung der Sonate verfiel Olearius in ein kurzes Vorspiel, auf welches er einen Choral folgen ließ. Mit großer Andacht und einer recht reumüthigen Stimme sang er zu den klanglosen Fingergriffen: „Mit meinem Gott geh' ich zur Ruh', und thu' in Fried' meine Augen zu." — Dies war das Abendgebet des frommen Candidaten, welcher nach drei abgesungenen Versen mit dem Lichte zu dem an der Wand Hangenden Schattenriffe seiner Mutter trat, dem er einen langen Blick voll dankbarer Liebe widmete. „llsvo pia rmima!^ sprach er innig, löschte die Kerze und begab sich zur Ruhe, welche, wie bei allen Inhabern eines ruhigen Gewissens, eine sanfte war. (Fortsetzung folgt.) Die Katakomben in Paris. „Wollen Sie mit uns die Katakomben sehen? Ich habe die Eintrittskarten für morgen," so lautete die Einladung eines Freundes, die anzunehmen ich bereit war. Das große geheimnißvolle Wort „Katakomben." In Rom kostet es uns das Hinabsteigen weniger Stufen unter die Erde, und wir versetzen uns, so oft wir wollen, um bald zweitausend Jahre zurück, um immer wieder von diesem ehrwürdigen Ausgangspunkt die Elemente aller Jahrhunderte, wie sie die ewige Stadt nachbarlich birgt, auf die unbe- gränzte Einbildungskraft wirken zu lasten — wer weiß, was Paris da unten zu uns spricht? Um in Paris alle solchen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die zu gewissen Stunden besonders geöffnet werden, wendet man sich brieflich an die Präfectur. Man wird auf die Liste geschrieben, und bekommt per Post zu seiner Zeit die Eintrittskarten zugestellt für das bestimmte Mal. Am Eingang in die Unterwelt war ein buntes Leben. Die flachen Hüte und schwarzen Talare der Priester waren in großer Zahl am Platze. — Frauen verkauften aus großen Körben Lichter und Scbeiben, aus Pappendeckel geschnitten, um das Tröpfeln aufzufangen, und machten in aller Eile ein gutes Geschäft. Ausgerüstet schloß man sich dann der Queue an, deren Spitze sich langsam gegen die Eingangsthür hin zergliederte; denn da saß in voller Würde der kaiserliche Beamte, umgeben von Polizeimannschaft, und musterte die Karten, ganz wie die Pässe an der Gränze — unumgängliches Joch officicllcr Vormundschaft, durch das der Franzose zu allen Freuden schreiten muß. Der Deutsche und der Engländer, schlucken eine Pille des Unmuths, und das beruhigt sie zur Genüge. Der Franzose kommt nicht auf solche Gedanken; er ist 301 ja in gedrängter Gesellschaft, abenteuerlich mit Lichtern bewaffnet — das facht das Feuer seiner Unterhaltung an, und leicht sprühen die Funken umher, um schnell zu verlöschen. Es geht eine steile, hochstufige Wendeltreppe tief hinab. Der Gedanke: wenn einer einen Fehltritt thäte, seine Vorderen mit sich fortrisse, die brennenden Lichter Frauenkleidcr iu Brand steckten, erregt unwillkürlich ein Gruseln; aber das ist nach den Umständen ein wahres Glück, denn es ist die einzige Gelegenheit zu Schaucrgefühlen, die sich bietet, und die einem doch zu solcher Stunde so erwünscht sind. Sagen wir kurz dem, der es noch nicht weiß, was es für eine Bcwandtniß hat mit diesen unterirdischen Räumen. Es sind alte Steinbrüche, in dem Maß umfangreich, als sie Material für eine so große Stadt geliefert haben. Obige Steinbrüche nun waren seit langen Zeiten verlassen und überbaut. In dem Stadtviertel aber, welches sich über sie hin erstreckte, verbreitete sich mit der Zeit ein dumpfes Gefühl von drohender Gefahr des Einsturzes, das endlich gerechtfertigt wurde durch vorkommende Fälle. Gleichzeitig überfüllten sich mehrere große Kirchhöfe, die vermöge der Erweiterung der Stadt, in deren Inneres versetzt waren. Die zu Rathe gezogenen Ingenieure schlugen vor, die Gebeine dieser Kirchhöfe dort hinabzuführen, und zugleich das Ganze durch gehörige Unterbauten zu sichern. Aus der Ausführung dieses Planes sind die Pariser Katakomben hervorgegangen. Uebrigens war die lange Reihe der Besucher der Katakomben selbst das Schönste an der Sache. Man sah oft weit vor sich hin die dunkeln Silhouetten in gemessenem Schritte sich zwischen rohen Säulen längs der Schüdelwände Hinwinden, fliegende Schatten an die feuchte Decke werfend, im röthlichcn Fackelschein. Indessen die Stufen aufwärts wurden einem recht leicht, und das Tageslicht, „weil es noch glüht," war unaussprechlich willkommen. — Wo aber waren wir? Selbst die Pariser hatten keine Ahnung davon. In einer kleinen Gaste standen wir, nirgends ein Merkmal. Um 1 Uhr waren wir angetreten; es war 2>/j Uhr. Aus der Kinderstube eines Prinzen. Pädagogische Skizze. Der Prinz von Wales, der Sohn der Königin von England, war in seiner Knabcnzcit das, was wir „einen schlimmen Buben" zu nennen Pflegen. Wenn der zehnte Theil dessen, was man sich in den Jockey-Clubs Londons von dem dercinstigeu Erben der Krone Großbritanniens erzählt, wahr ist, so trifft das Sprichwort zu: „Was Essig werden soll, das wird bald sauer." Schon als „kleiner Baby" verrieth der Erstgeborene Viktoria's viel Essig. Prinz Albert, der Vater, war ein Mann von großer Intelligenz; er verband einen durchdringenden geistigen Blick mit dem Ernst eines Philosophen, und indem er die Erziehung und intellektuelle Entwicklung seines Sohnes überwachte, war er sich bewußt, daß vor dem Gelingen oder Mißlingen seines Werkes das Wohl und Wehe einer ganzen Generation abhängig sei. Auch in constitutioncll entwickelten Staaten hängt von der Person des Kroncnträgers sehr viel ab, und es ist nicht gleichbedeutend, ob auf dem Thron ein wahnwitziger Georg oder eine weltkluge Viktoria sitzt. Die schlimmen Neigungen und zeitweiligen Unarten feines Sohnes machten dem strengen Vater oftmals schwere Sorgen, und er strengte alle seine Kräfte an, um dieselben zu unterdrücken, was einem Kinde gegenüber, das Prinz von Wales in der Wiege schon heißt, allerdings eine schwere Aufgabe war. Ein Prinz von Wales ist in der Wiege schon ein gewaltiger Machthaber, die Größe seiner Zukunft tritt ihm allüberall entgegen, er ist ein Chics Lord selbst seinen Eltern gegenüber, seine Geschwister sehen in ihm nicht nur den Erstgeborenen, der mit jeder Stunde ihr Lord und Gebieter zu werden bestimmt ist, sondern sie muffen auch daran gewöhnt werden, in ihm den Bevor- 302 zugten der Gottheit zu erblicken. Einem derartig bevorzugten Kinde gegenüber ist, das wird man wohl einräumen müssen, das Erziehungswerk schwer, um so schwerer, da selbst der väterlichen Gewalt diesem gegenüber sehr enge Schranken gezogen worden sind. Viktoria und Albert liebten den Erstgeborenen abgöttisch; wie ihr beiderseitiges eheliches Leben ein reines und musterhaftes war, und kein Mißton dasselbe störte, so waren sie auch im Punkte der Erziehung ihres Kindes einig geworden. Viktoria, die königliche Mutter, so ward bestimmt, sollte den Unterricht des Knaben überwachen und sich Raths einholen bei allen Vorkommnissen bei dem Vater des Kindes, welcher als oberste inappellable Instanz entscheiden sollte. Die Lehrer des Prinzen beklagten sich darüber, daß derselbe gar keinen Sinn für Musik habe. Man versuchte es vergebens mit allen Instrumenten. „Ich bin der Prinz von Wales, und ich mag kein Musikant werden," sagte der Knabe stolz; es war vergebene Mühe. So oft er zur Musiklektion sollte, rief er ungestüm aus: „Bin ich denn ein Musikant?" Prinz Albert übernahm es, den halsstarrigen Knaben zu bekehren. In den Abendstunden, nach vollbrachtem Tagwerke, wenn die weiten, stolzen Prunksäle von Buckingham- Palace geöffnet wurden und die Elite der englischen Gesellschaft durch dieselbe sich bewegte, wenn die edelsten und stolzesten Männer und Frauen Großbritanniens ehrfurchtsvoll vor der angebeteten jugendlichen Königin dcsilirtc, und Jeder sich glücklich schätzte, dem nur ein huldvoller Wink Ihrer most ^raoious Nnjost^ zu Theil wurde, wenn dann die Kinder dieser Königin innig beglückt zu der erhabenen Mutter emporblickten, die eine Gottheit Allen schien, die aus den Wolken hernieder gestiegen, dann erhob sich Viktoria von ihrem goldenen Stuhle, geleitet von ihrem Gatten; sie setzten sich Beide an das Klavier und begannen zu spielen. Die Gäste lauschten und wußten sich das Ereigniß nicht zu erklären. Wie da gewaltig die Töne durch die Hallen brausten, die Bcethoven'chen Symphonien die Herzen durchzittertcn, wie die Königin die Tasten schlug, weich, sanft, milde, wie Mondesschein leuchtete cS nieder, während dazwischen die Donner des jüngsten Gerichtes, der heulende Sturmwind, der Angstschrei des gepeinigten Gewissens heulten, die Albert den Saiten entlockte. Man klatscht keinen Beifall der auf- und niedcrstcigendcn Sonne, nicht dem Regenbogen, der in majestätischen Farben jene Diamantdrücke über Meere wölbt. „Viktoria, mein Leben," sagte nach einer solchen Scene Prinz Albert zu seiner Gattin, während der Prinz von Wales mit seinen lang herabrollenden Kastanienlockcn und großen nußbraunen Augen, tief ergriffen von dem Zauber des Spieles, wie versteinert am Klavier stand, „Niemand klatscht uns Beifall." ävarlinß-," sagte Viktoria, „das kommt daher, weil wir, weder ich noch Sie, bezahlte Musikanten sind." Der Knabe merkte sich diese Lektion, sein Musikmeister hatte sich nicht mehr über ihn zu beklagen. Was die Königin und ihren Gemahl so herrlich kleidet, das kann einem Prinzen von Wales nicht schlecht stehen, ein Wort zur rechten Zeit hat jenen starren Sinn gebrochen. Aber Miß Jeanette, die französische Sprachmeisterin, hatte sich noch fort zu beklagen über die Ungelehrigkeit ihres Schülers. Als der Prinz eines Tages über sein zerstreutes Wesen während der Sprachstunde von der Miß einen Verweis erhielt, sagte er kurz und kategorisch: „Miß, ich bin geboren zum König von England, und ich bin gesonnen, es dereinst mit den Franzosen so zu halten wie Prinz Henry, diese sollen mit mir englisch sprechen, und wenn sie's nicht können, so sollen sie sich zum Teufel schecren. Ich aber werde Ihnen zu Liebe nicht in diesen langweiligen Nasenlauten mich üben. Verstanden?" Sagt's, und schleudert das französische Buch der Miß an den Kopf mit den Worten: „Ich bin der-Prinz von Wales!" „Ja wohl, mein Prinz," sagte gefaßt Miß Jeanette, „Sie werden eS daher nicht 303 Lbel nehmen, wenn ich Eure Hoheit zu bitten wage, mir zu gestatten, daß ich Jhr^ Majestät die Königin von diesem Vorfalle alsogleich in Kenntniß setze." „Ich werde in Gegenwart meiner Mutter die Worte wiederholen, die ich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, Sie können sich darauf verlassen. Aber das sage ich Ihnen ein für allemal, ich mag und werde kein Französisch lernen." „Eure Hoheit haben zu befehlen, doch hier nicht; Ihre erhabene Majestät möge darüber entscheiden." Nachdem die Königin, welche von Miß Jeanette herbcigcbeten worden war. Alles von derselben vernommen hatte, sagte sie mit Würde zu der Lehrerin: „Miß Jeanette, Sie kennen die Wünsche und Befehle Seiner Hoheit! Ich ersuche Sie demnach, sich von hier zu entfernen, und die weiteren Befehle des Prinzen von Wales abzuwarten." Die Worte wurden in einem scharfen, schneidenden Tone von der Königin vorgebracht, der kleine Prinz stand wie versteinert, er zupfte an seiner Hemdkrause, blickte verwirrt zur Erde und vergaß sich so weit, sich niederzubücken, um das Buch, das er zuvor zur Erde geschleudert hatte, aufzuheben. „Lassen Sie das, mein Sohn," sagte die Königin, „dazu sind Ihre Diener da. Sie haben Recht, mein Sohn, keinen Augenblick daran zu vergessen, daß Sie der Prinz von Wales sind, ja ich, Ihre Mutter, ich bitte Sie darum; Sie thun recht daran, auf die große Gnade Gottes stolz zu sein, der Sie auf dem Throne Großbritanniens geboren werden ließ. Also spricht die Königin von England zu Ihrem Sohne, der, so Gottes Vorsehung es zuläßt, einst König von England werden soll." „Doch nunmehr ein Wort zu Dir, mein Sohn, als Deine Mutter, als Mutter- sage ich Dir, Knabe, daß Du ein mißrathener Knabe mit bösem Herzen bist, daß Du, irregeleitet von Deinem Hochmuthe, dem Verfalle nahe bist, einem solchen Kinde gegenüber hat die Mutter keine Macht, keine Gewalt, da ist cS die Pflicht des Vaters, seinen Sohn aus den rechten Pfad zu bringen. Ich habe den Prinzen Albert, Deinen Vater, Herbeibitten lassen, da ist er schon, möge er entscheiden, ich als Mutter verhülle meine Augen und weine." „Sie haben Recht, meine theure Königin und Gemahlin," sagte Prinz Albert, nachdem er angehört hatte, was vorgefallen war, „doch in Einem thaten Sie Unrecht, Miß Jeanette, welche von meinem Sohne beleidigt worden ist, Hütte nicht entfernt werden sollen." „Höre, mein Sohn," sagte der Vater mit sanfter Stimme, welche vor Bewegung zitterte, „Du bist der Prinz von Wales, Du bist die Hoffnung und die Freude der freien Briten. Wir, Deine Eltern, sind vor Gott und der Geschichte dafür verantwortlich, daß diese Hoffnung einer großen Nation dereinst nicht bitter getäuscht werde. Gott, der Herr, hat uns da eine schwere Bürde ausgelastet. Sein Name sei immerdar gelobt. Ich, Dein Vater, theurer Sohn, will nicht, daß kommende Geschlechter unserem Andenken fluchen; meine, des Vaters Pflicht ist es, Dich auf den Pfad der Tugend und des Rechtes zu geleiten. Nehme, mein Sohn, diese Bibel, das heilige Buch zur Hand — so mein Sohn — jetzt nunmehr lese mir mit lauter Stimme in Gegenwart Deiner Mutter, Ihrer erhabenen Majestät, diese Worte Jischa's vor, des Propheten, der da spricht im Namen des Herrn." Die Königin richtete sich hoch auf, sie blickte majestätisch auf ihren Sohn herab, wie eine Königin blickt, die einen Hochverräther entlarvt hat. Der Prinz von Wales blickte scheu nieder auf das Buch, Prinz Albert veränderte seine Miene nicht. „Lese, mein Sohn, was der Prophet spricht." Der Prinz las: „Höret, Ihr Fürstensöhne, so spricht der Herr, in Euere Hand legte ich die Macht über die Völker, damit sie Euch dienen und Unterthan seien, damit sie Euch gehorchen und Euch folgen auf den Wegen, auf denen Ihr sie geleiten werdet. Wehe den Nationen, so da sich nicht beugen vor meinen Auserwählten. Doch, Ihr Söhne der Fürsten, so Ihr nicht wandeln werdet die Pfade, die ich Euch gezeigt habe. 304 so Ihr nicht frühzeitig gehorchen lernt den heiligen Geboten, so Ihr nicht Eueren stolzen Nacken beugen werdet unter meinem Gesetze, so will ich Euch verderben, Euch und Eucre Kinder und Kindeskindcr, daß Ihr sollt werden ein Jammerbild im Thale Dheschurums, es soll das Elend über Euch hereinbrechen, wie die Heuschrecken, und die Plage wie ein Windhauch —" Der Prinz war so tief erschüttert von dem Inhalt dieser Worte, daß er das Buch zur Erde fallen ließ, das in seinen Händen gezittert hatte. „Hast Du das Wort Gottes gehört und verstanden, mein Sohn?" rief tief bewegt der Vater. „Verzeihung, Verzeihung! mein Vater!" „Königin von England!" sagte stolz der Prinz-Gemahl, „geruhen Sie sich zu entfernen. Nicht Ihnen, der angebeteten Mutter dieses großen Reiches geziemt es, diesem unwürdigen Knaben in Ihrer Hoheit gegenüber zu stehen, ich habe eine schwere Pflicht zu erfüllen, meine Vaterflicht gebietet mir, diesen Unwürdigen zu züchtigen." Die Königin entfernte sich rasch mit thränenden Augen. Prinz Albert ließ eine Ruthe herbeiholen — er züchtigte seinen Sohn, doch kein Mensch war Zeuge dieser Schmach. Merkwürdig! Der Prinz von Wales spricht das Französische so schön und geläufig, daß er sogar in französischen Vaudevilles erste Liebhaberrollen mit Erfolg spielt. (Die Verschiebung von Häusern) ist kürzlich in Sän Francisco wiederum in großartigem Maßstabe geübt worden. Die rasch aufblühende Hauptstadt Californicns wird nämlich regulirt, was bei ihrer ersten willkürlichen, fast zufälligen Errichtungswciso sehr nothwendig sein mag. Zur Erweiterung einer Hauptstraße wurden Millionen aufgewendet, um eine ganze Häuserreihe wegzuschaffen, zurückzuschieben oder abzubrechen, welche dann durch sehr stattliche Gebäude ersetzt wurde. Bei einem der größten Häuser wendete man die hydraulische Kraft an, um dasselbe 30 Fuß zurückzuschieben und einige Fuß zum neuen Niveau der Straße zu heben. Bei solchen Riesenarbeiten zeigen sich die Amerikaner in ihrem Element; die Anwendung der hydraulischen Kraft bei solchen Arbeiten ist eine hiesige Erfindung, die denn auch nirgends mehr als hier (in Sän Francisco) und in Chicago ausgebeutet wird. Zwei mäßige Räder werden von vier Männern gedreht, um durch zolldickc eiserne Röhren den dünnen Wasserstrahl gegen die Straßen zu drücken, was so unscheinbar und doch mit solcher Gewalt geschieht, daß die mehrere Millionen Pfund wiegende Stcinmasse einen Fuß per Stunde fortbewegt wird, ohne daß sich die Bewohner des Hauses in ihren Beschäftigungen stören lasten, in welchem Alles an seinem Platze bleibt. (?) Charade. (Viersilbig.) Die erste Silbe nennet dir den Rand Des Baches oder Waldes, nennet dir Die Arbeit, welche die geschäftige Hand Der Frau vollbringt, zum Nutzen und zur Zier. Die andern drei verkünden höbe Lust, Die Wonne, welche jenseits füllt die Brust, Von sterblichen nur selten hier genossen. Das ganze zögert, wenn es Gutes schafft; Die Blume welkt, sie ward zu spät begossen; Der Arme siecht, dahin ist seine Kraft Die wilde Gabe ist zu spät geflossen. Auflösung der Charade in Nr. 34: „Wahnsinn." Druck, Lerl», und Ledaltto» d«s Itterarsichen Instituts »»s vr. W. Huttln. Nr. LS 27. Septbr. 1868. Wie sehr des Lebens rauher Sturmwind wüthe, Sei eichenstark ihm nicht zum Spiel. Doch weh'n die Frühlingsinste reiner Güte, Sei wie der Blume schwanker Stiel. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. (Fortsetzung.) II. Der Tod kehrt ein. „Heute roth, morgen todt." Drei Monate waren seit oben geschildertem Abende verflossen, als Olcarius eines Morgens aus dem Hause des Stadlschreibcrs zu Langensalza trat, wo er so eben den beiden Söhnen desselben eine lateinische Sprachstunde ertheilt hatte. Er war fröhlich und guter Dinge, denn der Vater seiner Schüler hatte diesmal ungewöhnlich pünktlich das Honorar ihm ausgezählt. Er wickelte das Papicrchcu, welches das Geld in sich barg, von einander und, den blanken Gulden liebevoll beäugclnd, sprach er: „Eigentlich habe ich dich mit Sünden verdient, denn nicht für sechszchn Pfennige haben die Jungen in dem Monat gelernt. Ich habe es dem Vater off.u herausgesagt; wenn er nun aber darauf besteht, daß ich die Stunde» noch fortgeben soll, ist's dann meine Schuld? — Zichu Groschen für Hauszins und fünf Groschen für eine Kanne Butter, die ich der Frau. Harnapp schuldig bin, gehen ab, bleibt mir noch ein Groschen übrig. Reicht dieser zu einem Schürzcnbaude hin? Schwerlich! Nein, es ist nichts, wenn mau die Butter gleich im Ganzen anschafft. Man verthut nur mehr davon und besser ist's, blos Dreier- stückchen wieder zu holen. O Oheim! willst Du wirklich nichts von Deinem armen Neffen mehr wissen, nachdem ihm die Mutter gestorben ist? Wenigstens eine Antwort, wenn auch keinen Dukaten, hättest Du auf seinen Jahrwunsch ihm ertheilen können. Ach Gott! wie nöthig brauchte ich einen kleinen Zuschuß, denn wenn auch mein Magen gerne darben will, so sieht man doch auf den Kragen, der, wie der ganze Rock, nicht abgeschabter sein könnte. Weder Bier noch Tinte reicht mehr aus, die weißgewordeucn Nähte und Ränder zu schwärzen und schier als Erbsen sieb könnte ich den Frack gebrauchen, an welchem kein Stich mehr halten will." Unter diesem Selbstgespräch hatte der Caudibat sein Stübchcn erreicht, wo er sich anschickte, Noten für den Siadtmufikus abzuschreiben. Es war eine Partitur, die so unleserlich geschrieben war, daß wirklich eine Candidaten-Gcduld dazu gehörte, die Stimmen herauszuziehen. „Soll das lis oder cis heißen?" fragte er sich nach einer Weile rathlos. „Selbst auf dem Papier wird das Kreuz zum Elende!" Er probirte singend die Melodie. „Beides klingt schlecht!" — klagte er— „ich mag lis oder ois nehmen." „Herr Magister! Herr Magister!" rief es hier ängstlich draußen. Dieser wurde Von dem Rufe electrisirt, denn die Stimme klang wie diejenige Lieschens. „Das hat noch gefehlt!" sprach er aufspringend, indem er gewahrte, wie die ihm entfallende Schrcibfedcr einen ungeheuren Tintcnklex auf das Papier cpmacht hatte. — „Ach, Du bist's, Agathe," sagte er zu dem Mädchen, das ihm hastig entgegenstürzte „Was willst Du, Kind?" 306 „Geschwind, um Gottes willen, Herr Magister!" — keuchte Agathe — „unsere Frau Base will sterben!" „Will?" fragte Olcarius, indem er mit dem Mädchen davon sprang. „Sie bezeigte doch sonst eben keine Neigung zum Sterben, und das Wort Tod war ihr ein Gräuel." „Licscl ist zum Doktor gelaufen," fuhr Agathe fort, „und ich bin ganz allein mit der Base, die gräßliche Gesichter zieht und mit Händen und Füßen strampelt." „Nun, ich dächte, dies wäre eben nichts Neues an ihr," versetzte Olcarius. „O sehen Sie nur selbst, Herr Magister!" rief Agathe und zog den Candidaten in die Unterstube hinein. Derselbe sah und sprach: „Kreuz und Elend in dem Dachstübchen oben, und im Erdgeschosse der Tod!" „Sehen Sie doch, Herr Magister!" rief Agathe etwas erleichtert, „sie ist mit einem Male ruhig geworden." „Ja," — versetzte Olcarius, indem er seine Rechte betroffen von dem berührten Antlitz der Alten zurückzog, dessen Eiskälte ihm Alles gesagt hatte, „sie ist ruhig und stille — für immer! Mit einem Rucke hat die Parze ihr den Lebensfaden durchschnitten." „Die Parze?" fragte Agathe betroffen und erschrocken zugleich. „Welche Parze denn? Ich und Lieschen waren ganz allein bei der Frau Base, die uns wie gewöhnlich auskniff. Und da kam es ihr plötzlich." Olcarius schämte sich seiner Schülerin ein wenig. „Sollte ich Dir wirklich nichts von den Parzen erzählt haben?" fragte er kleinlaut. Lieschens rascher Eintritt verhinderte die Antwort. „Kein Doktor aufzutrcibcn?" klagte sie händeringend. „Hier könnte selbst Acsculap nicht helfen, geschweige einer seiner Schüler," versetzte Olcarius. „Die Base ist todt und wird auch todt bleiben, bis der Engel Posauncn- klänge sie einst zur Auferstehung wecken werden." „Todt?" riefen die Mädchen entsetzt. „So ganz unerwartet? Nicht möglich?" „Nasch tritt der Tod den Menschen an," antwortete Olcarius feierlich und mit hohlem Basse. „Ihrer Base Geist, Lieschen, steht in diesem Augenblicke schon vor dem Richtcrstuhle des Ewigen. Werden Sie ihr zürnen, weil sie Ihnen fast jede Lebensfreude verbitterte? oder ihr mit christlichem Sinne vergeben?" „Ach!" — weinte Lieschen in aufrichtiger Trauer — „meine liebe, herzensgute Base! Sie that mir nur nach Recht! Ich war ein faules, nichtsnutziges Ding, wie sie selbst immer sagte. O Gott, am Ende bin ich gar an ihrem schnellen Tode schuld. Ich hatte auf dem Markte eine Mandel Kuhkäsc eingekauft, welche ich nach ihrer Meinung zu theuer bezahlt hatte. Sie warf mir die Käse noch einzeln an den Kopf, und gleich darauf bekam sie die Verzückungen." „Ihre letzten Worte," schluchzte Agathe, „die sie zu mir sagte, als ich allein mit ihr war, und sie fragte, ob ich den Herrn Magister hcruntcrrufen sollte, waren: Schccr Dich zum Kukuk, Du gottloser Nickel!" „Sie blieb sich treu bis zum Tod, kann man von der Gestorbenen mit Recht sagen" — erwiderte Olcarius. „Doch Lieschen, Sie müssen einen raschen Entschluß fassen." Er überzählte flüchtig den mannigfachen Inhalt des Stübchens. „Werden Sie dir Erbschaft antreten, oder nicht?" fragte er. „Glauben Sie, daß der Werth dieser Bündel Mohnhüupter, Schwefelfadcn, Majorans und Thimians, dieser Zwiebelrcihen, all' jener Kästchen, Säckchcn, Büchsen, Töpfe mit ihren Vorrüthen die Begräbniskosten decken werden? Fast möchte ich dies bezweifeln. Oder glauben Sie, daß die Verblichene baarcs Geld hinterlassen habe?" „Und wer sollte denn die selige Base begraben lasten, wenn wir es nicht thäten?" afagte Lieschen. 307 »Die Obrigkeit," antwortete OleariuS — „welche auch die fehlenden Kosten dann zu tragen hätte."! „Da sei Gott vor!" rief Lieschen eifrig. „Dann würde die Base wie ein Hund eingescharrt — ohne Sang und Klang — in einem Kasten, blos mit gelber .Farbe angestrichen." „Und was schadet dies?" fragte OleariuS. „Nur die schändliche Habsucht derjenigen Leute, welche von den Begräbnissen ihren Gewinn ziehen, hat die Pracht der Leichenbegängnisse zu einer Sache der Pietät und zu einem Wärmegradmesser gemacht, nach welchem man die Liebe zu dem Verblichenen abwägen will." „Und sollten wir nicht einen Schwefelnden im ganzen Hause mehr behalten," ri^ Lieschen, „wir lasten die Base ehrlich begraben." „Auch trauern wir tief um sie," sprach Agathe, „in Krepp und Schneppe." OleariuS schüttelte mit dem Kopfe und ging still vor sich hinlächclnd davon, nachdem er sich erboten hatte, den Verlassenen mit Rath und That zur Hand zu sein, und diese Hilfe mit dem lebhaftesten Danke angenommen worden war Es war am Abend desselben Tages, als er von seinen Berufs - Geschäften wieder heimkehrte. Er fand die beiden Verwüsteten trostlos und in Thränen zerfließend. „Wir haben die Erbschaft angetreten," sprach Lieschen, „aber die Leichenfrau will nicht eher Hand an die selige Base legen, der Tischler keinen Sarg fertigen und der Schneider keine Traucrklcider machen, als bis wir Geld geschafft haben. Nur einige zwanzig Groschen baares Geld haben wir vorgefunden, und nichts weiter." „Das ist denn doch nicht möglich!" meinte der Candidat. „Die Base, die so geizig war, hat das Uebrige gewiß versteckt, Sie haben gewiß noch nicht recht nachgesucht!" — Er selbst begann nun alle Küsten, Säcke und Winkel zu durchstöbern, aber Alles war vergeblich, es fand sich nirgend mehr ein Pfennig vor. Schon war er mißmuthig und wollte seine nutzlosen Nachforschungen einstellen, als «r in einem Winkel einen alten großen Holzkasten erblickte, der zum Aufbewahren der Sägspähne gedient hatte. Als er auch diesen zu durchstöbern begann, konnte sich Lieschen nicht enthalten, vorwurfsvoll auszurufen: „Aber, Herr Magister! was machen Sie denn nur, Sie kehren ja alles oberste zu unterst!" „Lasten Sie mich, Lieschen!" entgegnete eifrig OleariuS, „und helfen Sie mir lieber ein wenig das Ding da aus dem Winkel zu rücken, es ist entsetzlich schwer." Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus, seine Hand, die in den Sägcspähnen herumgewühlt hatte einen harten Gegenstand getroffen. Mühsam zog er ihn heraus, und erstarrt blickt er, wie die nicht minder betroffenen Mädchen, mit weit aufgerissenen Augen auf eine» langen wollenen Strumpf, dessen schweres Gewicht seinen kostbaren Inhalt verrieth. „Hurrah, wir haben sie, wir haben sie!" jubelte der Candidat, in diesem Augenblick ganz vergessend, daß nur drei Schritte von ihm die Todte lag. — „Hurrah! w» Der ist, da sind auch noch Andere." Don Neuem fuhr er nun mit seinen langen Armen in dem Sägespähnkasten herum und brachte richtig nach kurzer Zeit noch fünf Strümpfe zum Vorschein, welche an Gewicht dem erst getroffenen nichts nachgaben. Agathe, deren scharfes Auge den befremdlichen Fund gemustert hatte, bekam zuerst ihre Fassung wieder. „Das ist ja mein Strumpf," — rief sie aus, indem sie einen der letzt sich präsentirenden Fündlinge emporhob — „mein Strumpf, von dem die selige Base immer behauptete, ich hätte ihn anf der Bleiche verloren. Ja, ja, er ist'S, ich kenne ihn hier an dem Zwickel. — Geld!" jauchzte sie dann, denselben emporhebend, „fünfund» stebenzig Thaler, hier stcht's mit Tinte darauf geschrieben." Nun griffen auch Lieschen und der Candidat zu, und unbeschadet der Trauer über 308 die todte Tante, tanzten sie jauchzend und frohlockend in dem Stäbchen herum, je eine» gefüllten Strumpf in den Händen tragend. „Solche Strümpfe," meinte Olcarius lachend, „vermögen einem Menschenkind schon auf die Beine zu helfen. Doch laßt uns einmal nachschauen, wie viel beträgt den» das Ganze?" Es waren in runder Summe 600 Thaler in verschiedenen Münzsorten, die sie zusammen zähllcn. Den Hanptbcslandtheil aber machten alte Sechstel. Eine Abendmahlzeit, so gut sie die Berlassenschaft der seligen Base darbieten konnte, vereinigte später daS frohe Kleeblatt und die dabei getrunkenen zwei Kannen Bier ermuthigten den sonst so zurückhaltenden Candidaten dergestalt, daß er seine heimliche Neigung zu Lieschen uuver- holen an den Tag legte, ja sogar auf die Zeit anzuspielen wagte, wo er sie vcrhoffre, als Frau Pfarrcrin begrüßen zu können. Lieschen errölhete zwar über die verfänglichen Reden, doch widersprach sie nicht. Spät am Abend erst trennten sich die Glücklichen, und Olcarius stieg übcrsclig i» sein Kämmerlcin hinauf, den Schlaf zu suchen, der ihn aber noch lange floh. (Fortsetzung folgt.) Pflanzen Ungeheuer. DaS größte Aufsehen hat in jüngster Zeit eine Wasserpflanze gemacht, die in Nord- Amerika heimisch und dort von Canada bis zu den Südslaatcii der Union, westlich aber bis zu dem Missisippi verbreitet ist. Dieser Fremdling wurde zuerst diesseits dcS Atlantischen Oceans im Jahre 1836 bei Waringlon in der englischen Grafschaft Lan- caster bei den« Auspflanzen ausländischer Wasserpflanzen bemerkt, und hat sich seitdem durch ganz England und bis zu uns verbreitet. Die Llockua cunucknnsis, so heißt die Pflanze, besitzt eine grenzenlose Zähigkeit der Lebenskraft, verbunden mit überreicher Sprosscnbildung, ihre spröden Stengel sind zerbrechlich wie Glas und besitzen die Fähigkeit, auch in ihren kleinsten Bruchstücken Wurzel zu schlagen und sich zu felbstständigen Einzelwesen zu entwickeln. So bildet sie dann wegen des unerhört schnellen Wachsthums, und da die Pflanze eine der geselligsten ist, überall, wo sie einmal Fuß gefaßt hat, in kürzester Zeit dunkelgrüne Dickichte. So ist, wie die neuesten Nachrichten aus Hamburg melden, das dortige Alstcr- Bassin dermaßen von der Elodea durchwandert, daß man dasselbe nur mit der größte» Anstrengung schiffbar erhalten kann. Ascherson erzählt in seiner „Flora", daß die Elodea auch aus einem Teiche deS Berliner botanischen Gartens an zwei Stellen verpflanzt worden, von wo aus sie sich wahrscheinlich in dieser Gegend einbürgern werde; nämlich seit 1859 in Sanssouci und seit 1860 beim alten Wafserfall. — Seine Bermuthung war leider nur zu sehr begründet. Die Havel, der schöne, sceartige Ltrom, in dessen blauem Wasser sich die märkischen Landschaftsbildcr wicdcrspiegeln, dessen oft romantische Ufer schwankende Biusen- und Rohrdickichle umkränzen, gehört jetzt der Elodea an. Ein fremdes Element ist init der abenteuerlichen Pflanze in den Strom gekommen — ein Element, das anschwoll uud sich reckte, als wolle es sich hier völlig heimisch machen. Gegenwärtig ist diese Pflanze in der Havel auf einer Strecke von mindestens 17 deutschen Meilen, vom Tegelcr-See an bis Havelberg als vollständig naiuralisirt anzusehen, und steht nunmehr im Begriff, auch in die Elbe einzutreten. Noch schwimmt sie freilich namenlos in der Havel; der Volksmund hat ihr noch keine populäre Benennung gegeben. Nur einzelne Stimmen haben den schauerlichen Vorwurf „Wasserpest" auf das früher salonfähige Gewächs geschleudert, während in England die triviale Bezeichnung „Wasserthymian" (lVitlartlizmi) für das pflanzengcographische Phänomen gebräuchlich geworden ist. 309 Auch an andern Orten Deutschlands hat man die Elodca bereits argetriffei; so bei Leipzig und in einem Teiche bei Trier; jedoch nicht in der Masteuhaftigkeit, wie in der Havel. Bon der Einführung eines gleichen Pflanzen - Ungeheuers in England gibt der Naturforscher Nr. Otto Uhle in Halle in seiner „Natur" eine treffliche Humor stische Schilderung, die aber leider nicht dazu angethan ist, die Besorgnisse vor jenem andern Pflanzen-Ungeheuer, das sich auch beim sogenannten Katzcngraben in der Spree (bei Köpcnick) angesiedelt haben soll, zu verscheuchen. Ein englischer Vikar und Botaniker, Mr. Topper zu Stickton, hatte ein besonderes Steckenpferd an Wasserpflanzen, die er in den Sümpfen, Canälen und Teichen, an denen die Umgegend seines Wohnortes reich ist, mit Behagen studiren und Pflegen konnte. Er trat mit dem ägyptischen Professor Redschid Fellah in Alcxandrien in Corrcspondenz und erhielt von dort viele Lotosnymphcn des heiligen Nilstromcs. Eines Tages — es war im Jahre 1856 — sandte ihm der Freund, mit einem Begleitschreiben, in einem kleinen, starken und luftdichten Stcingcfäß die Wurzel der damals in Europa noch gänzlich unbekannten Wasserpflanze 6rovv1'ori;vra uguuiUis. Als das versiegelte Gefäß geöffnet wurde, sprang, wie aus einem sogenannten Bexirkästchen, eine üppige Masse von pcitschenstielartigen Stengeln und Blättern heraus, nicht von einer Wurzel, sondern von Hunderten, die sich mit großer Hartnäckigkeit au den inneren Wänden des Stcinkruges festgesogen hatten. Letzterer mußte mit einer Axt zerschlagen werden, um die Pflanze herauszuziehen. Sie ward in den kleinen Fischteich neben die- Lotosnymphe gesetzt, die sich schon nach einigen Minuten fest und zärtlich von der Landsmännin umarmt fand. Nach einer halben Stunde lag sie auf der Wasserfläche —- ein zerdrückter Leichnam. Den übrigen Pflanzen aing es bald nicht bester; die tHroevlorövru nahm nach mehreren Stunden den ganzen großen Teich ein und machte Miene, den grünen Platz im Sturm zu erobern. Am andern Tage erhielt Mr. Topper ein Schreiben von dem Director der botanischen Gesellschaft in London, welcher von der Ankunft der seltsamen Pflanze erfahre» hatte. Er erklärte, daß dieselbe-der größte Fluch in dem Reich: der Vegetation sei. — Ihr fabelhaft schneller Wuchs, ihre unglaubliche Vcrinehrungskraft und ihre Lebens- zähigkeit vereinigen sich, sie überall, wo sie einmal Wurzel gefaßt, unvertilgbar zu machen. Unter - Äegypten sei von ihr auf Hunderte von englischen Meilen verwüstet worden; der Nil werde nur durch die Menge von Krokodilen schiffbar gehalten, weil sie gerade diese Pflanze leidenschaftlich gern fressen und ebenso schnell verzehren, wie sie wächst. „Bergesten Sie nicht," lautete die Warnung an Mr. Topper, vor allen Dingen die Elsenröhre, durch welche Ihr Teich mit Master versorgt wird, fest zu schließen." Doch die Warnung kam zu spät. Gleich nach Empfang der Schreckens - Nachricht meldete sich ein Schiffer, der die seltene Pflanze bereits im Eanale gefunden. Mit der Verzweiflung eines Selbstmörders eilte Mr. Topper an den Fischteich — doch ertränken hätte er sich nicht können — derselbe war von der entsetzlichen Pflanze ganz und gar angefüllt. Er arbeitete mit der Hand hinunter nach der Eisenröhre — sie war von hundert Wurzelsprosten verstopft und ausgefüllt. — „Aber sie kann doch nicht in einer Nacht bis in den Canal selbst geschaffen sein!" dachte er mit noch einiger Hoffnung,, und eilte mit einem tüchtigen Stopfer nach der entgegengesetzten Oeffnung der Röhre im Canal. Entsetzlicher Anblick! Das Ungeheuer war nicht nur durchgeschossen, sondern streckte seine Wurzelarme auch bereits nach allen Seiten aus. Tausende derselben hallen sich schon am Ufer entlang festgesogen. Er schnitt die Hauptwurzel am Eingänge der Röhre zwar ab, aber die Sprößlinge besaßen überall schon selbstständige Lebenskraft, wie sich bald zum allgemeinen Schrecken der ganzen Umgegend erwies. Mit der Zeit wurde der ganze Stickton-Canal von der furchtbaren Pflanze so durchwuchcrt, daß kein Kahn mehr fahren konnte; Wassermühlen und Schifffahrt ständen meilenweit still. 310 Nun erschienen eine Menge gerichtlicher Vorladungen auf Klagen der Mühlen- Associationen, der Canal - Compagnie rc. Mr. Trapper wurde zwar freigesprochen, weil ' für diesen bestimmten Fall kein Gesetz vorhanden war. „Aber," setzte der Richter hinzu, .„Ihr Name, Mr. Topper, wird ewig geschändet bleiben, weil sich daran ein entsetzliches Beispiel knüpft, daß alle Uebel, welche aus Unwissenheit oder Brutalität entstehen, von den Thaten und Bestrebungen eines übertriebenen Dilletantismus übertroffen werde» können. Die entsetzliche Schlange, welche bereits Hunderte von Menschen brodlos gemacht, hat sich binnen acht Wochen über 70 (englische) Meilen durch den Canal und Fluß Stickton ausgedehnt." Jetzt fährt und fließt es zwar wieder in Stickton, aber nur unter fortwährendem Kampfe mächtiger Dampfbagger-Maschinen, die beständig den Kanal und Fluß durchziehen, um mit Riesenkraft die Köpfe und Hälse des Pflauzen-Ungehcucrs abzureißen. — Die Einführung von Krokodilen schlug fehl; eine Sendung fraß sich unterwegs selbst auf, eine zweite kam während des Winters um. Mr. Topper wurde zwar, wie gesagt, freigesprochen, aber von der botanischen Gesellschaft auf ewig damit bestraft, daß sie für krcnvkoravru gyUittilis der Pflanze dc» «fstciellen Namen „Popperonis p68tii6ru^ beilegte. Einem deutschen Aestdichter. Pfui, schäme dich in deine matte Seele, Don alberner Begcist'rung aufgebläht! Du hast im Angesicht der Nationen Dein Vaterland geschmäht. Nicht eher schien es dir der Achtung würdig, Als bis ein Deutscher Bruderblut vergoß, Bis zwischen uns und dem vcrrath'nen Oesterreich Ein blut'ger Grcnzstrom floß? Was wir an Richelieu und am vierzehnten , Französischen Ludwig Haffen, Preisest du, Weil's nun der cig'ne Bruder that am Bruder? Hannover knirscht dazu. *) Emanucl Geibel hat nämlich dem König von Preußen bei seiner Anwesenkelt ln >äbeck zum Kaffee ein Gedicht überreichen lasten, in welchem sich folgende, aller historischen Wahrheit. Hohn sprechende Stelle befindet: „Im engen Bett schlich unser Leben Vereinzelt, wie der Bach im Sand: Da hast Du, was gebrach, gegeben, Der Glauben an ein Vaterland. Das schöne Recht, uns selbst zu achten. Das uns des Auslands Hohn verschlang, Hast Du im Donner Deiner Schlachten Uns hcimgckauft, — o habe Dank!" dem Schluß: „Und sci's als letzter Wunsch gesprochen, Daß noch dereinst Dein Aug' es sieht. Wie über's Reich ununterbrochen Vom Fels zum Meer Dein Adler zieht." macht der „N. k." folgende treffende Bemerkung: „Würde der zuletzt ausgesproebcne Wunsch in Erfüllung gehen, und es dann eine bayerische Labinets - Lasse nickt mehr geben, «uS der unseres Wissens Herr Geibel noch Pension bezieht, dann hat er sich jedenfalls Anspruch darauf erworben, daß sie ihm der König von Preußen zahlt." 311 Noch hadern wir so grimmig wie nur jemals; (Wann einte wohl dir Herzen List und Raub?) ' Ob einem Trugbild nur von Einheit ziehst du Die Leier durch den Staub. Du stammst von Deutschen nicht! Ein Deutscher spräche: Soll deutsche Treu nicht länger mehr bestch'n Und Ehrlichkeit, dann soll auch deutsche Einheit Zum Teufel geh n! Im September 1868 . ^nima Lavsricg. Ein Haus aus Citronenschalen. Es ist noch nicht lange her, daß man in Paris damit angefangen, die massenhaft weggeworfenen Citronenschalen zu sammeln und auf industrielle Weise zu verwerthen. Eine Frau ist es, die damit den Anfang machte und dadurch ein bedeutendes Vermögen erwarb. Ihr Gatte war Destillateur und arbeitete für Conditoren und Parfümisteu. Seine junge Gattin sah ihn oft an der Retorte, und da sie viel Intelligenz besitzt, eignete sie sich schnell manche Kunstgriffe an und lernte auch auf die praktischeste Weise die Elemente der Chemie, so daß sie zuweilen ihren Gatten am Dcstillirkolbcn ersetzen konnte. Da starb ihr Mann plötzlich und ließ die zwanzigjährige Wittwe in bedrängter Lage zurück. Indem nun die junge Frau darüber Nachdachte, auf welche Art sie ein Stück Brod redlich verdienen könnte, fiel ihr ein, daß ihr Gatte einst, als er sie an einem Sonntag in einer Restauration mit Austern regalirte und dieselben mit dem Safte der Citronen würzte, gesagt hatte: „Ein intelligenter Mensch könnte mit den Citronenschalen, die täglich aus den Mist geworfen werden, sich ein Vermögen erwerben." Ihr Entschluß war schnell gefaßt. Sie nahm einen Korb und ging nach der Nuc Montorgcnil, einer Straße, wo die meisten Austern verspeist und folglich die meisten Citronen consumirt werden. Die Kellner der Restaurationen und Kaffeehäuser, welche jeden Morgen die junge hübsche Frau im Kehricht wühlen sahen, versprachen ihr, als sie die Ursache ihrer Morgenbcsuche erfuhren, den Borralh der Schalen sorgfältig aufzubewahren. Das gleiche Versprechen gaben ihr die Theaterkehrer in Bezug auf Orangenschalen, und nach kurzer Zeit war die tägliche Ernte so reich, daß die Wittwe mehrere Sammler und Saunn- lerinncn von Citronen- und Orangenschalen in Die-'st nehmen mußte. Kurz, ehe drei Jahre vergingen, hatte sie ein großes Atelier, wo über zwanzig Mädchen mit dem Zubereiten, Trocknen, Verpacken und Versenden der Schalen beschäftigt waren, und ein Jahr später hatte sie sich in einer der belebtesten Straßen von Paris ein großes, mehr als hundert Parteien beherbergendes Zinshaus erworben, von welchem die mit den Verhältnissen der Frau bekannten Nachbarn sagten: „sie habe sich dasselbe aus Citroncn- schalen erbaut." Gegenwärtig hat sie sich von ihrem Geschäfte zurückgezogen und lebt ausschließlich nur von dem Erträgnisse ihres Hauses und ihren Renten. Außer diesem in Paris nunmehr von Hunderten von Personen ausgeübten Gewerbe gibt es aber auch noch viele andere, oft noch geringfügiger scheinende Beschäftigungen, und nichts desto weniger fristen Tausende von Familien damit ihr Leben, ja, kommen dadurch gleich der obcngcnanntcn Frau zu Reichthum und Ansehen. Da gibt es Leute, welche dafür sorgen, daß kein .-(igarrenstunipf, kein abgenagter Knochen, keine Austerschale auf die Straße geworfen werde, ohne aufgerafft und verwendet zu werden. Einige lesen die Stauiolplättchen aus dem Kehricht auf, die als Umhüllung von Lyoncr Würsten, Brctagner Kuchen und Chokoladetafeln oder als Kappen zu Chainpagncrflaschen gedient. Sobald eine beträchtliche Mäste dieser Plättchcn aufgctricben ist, wird sie an einen Fabrikanten verkauft, der sie uinschmelzcn und malzen läßt und wieder zu den eben genannten Zwecken an den Mann bringt. Der Flaschcustöpselfang bildet ebenfalls einen nicht un- 312 beträchtlichen ErwcrbSzweig. Die Flascheustöpselfänger gehen nach dem eine Stunde unterhalb der Seine gelegenen ASniercS, wo die große Kloake der Weltstadt mündet. Ein Netz vor der Mündung dieser Kloake fängt die Stöpsel auf, die 14 Sons das Hundert, oder 7 Franks das Tausend verkauft weiden. Da diese Pfropfen mehr oder minder abgenutzt sind, oder in Folge der Schwimmparlhie, die sie gemacht, just nicht durch Reinheit glänzen, werden sie wieder frisch zugestutzt und häufigen Waschungen ausgesetzt. Wie die Stöpsel, so erleben auch die Waschschmämme in Paris ihre Metamorphosen. Wer einen Gang durch Paris macht, wird in allen Stadtlhcilen junge Mädchen sehen, die unter den Hofthüren in geflochtenen Körben Schwämme feil bieten, und zwar zu >incm spotlwohlfcilcn Preise. Woher kommt es nun, daß diese jungen Krämerincn so wohlfeil die Waare verkaufen können, die sehr hübsch aussieht und so stark nach Chlor riecht, als wäre sie eben aus dein Meeresgrunde geholt worden? Es kommt ganz einfach davon her, daß diese schwämme zuweilen „schier dreißig Jahre alt sind und manchen Sturm erlebt haben," daß sie, nachdem sie ini Dienste der Reinlichkeit sich abgenutzt, zerschnitten, sorgfältig gesäubert und geputzt worden und durch einen im Kern verborgenen feinen Bindfaden wieder die Bccherform erhalte» haben. Der unerfahrene Käufer wird durch den billigen Preis angelockt; kaum aber hat er sich einige Male bedient, so reißt der Faden und der Schwamm fallt auseinander. Der letztere Fall ist zwar nicht ehrlich, und kann daher nicht zur Nachahmung empfohlen werden. Im Ganzen aber wird dadurch bewiesen, daß keine Sache so geringfügig ist, um nicht zu irgend etwas zu dienen oder aber, sich damit auf ehrliche Weise das Dasein zu fristen. (Was ein Vogelnest werth ist.) Der Thüringische Thierschutz-Verein bringt folgende Ansprache: „Lieber Landmann! dein Junge nimmt aus Langeweile ein Vogelnest, Grasmücken-, Spazen-, Nothschwauznest oder ein anderes, gleichviel, von welchem der obengeiiaunten Vögclchcn, sei es mit Eiern oder mit Zungen aus Es sollen davon 5 im Neste sei». Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt etwa 50 Stück Raupen und anderes Geschmeiß zur Aezung, die ihm die alten aus der Nachbarschaft zutragen Macht täglich 250 Stück. Die Aezung däuert durchschnittlich 4—5 Wochen, wir wollen sagen 30 Tage, thut für die Aezung 7500 Stück. Jedes Stück Raupe frißt täglich sein eigenes Gewicht au Blättern und Blüthen. Gesetzt, sie braucht bis sie aus- gcfrcssen hat, auch 30 Tage, und frißt täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht abgegeben hatte, so frißt sie in 30 Tagen 30 Dbstfrüchte in der Blüthe, und die 7500 Raupen in Compagnie 225,000 Stück solcher Blüthen. Hute dein Junge das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hättest du und deine Nachbarn um 225.000 Stück Acpsel, Birnen, Pflaumen, Kirschen u. s. w. mehr gcerntet. Wenn jedoch die Raupe, wie sie es manchmal aus Liebhaberei thut, 10, 20, 30 Blüthen des Tages frißt, oder wenn wegen des abgefressenen Laubes die Blüthen keine Nahrung mehr haben und welk abfallen, so beziffert sich dein und deiner Nachbarn Verlust noch viel höher, du kannst dann leicht berechnen, was ein Vogelnest für einen Werth hat. „Wie, Faullcnzer, du schläfst noch und die Sonne steht schon zwei Stunden lang am Himmel," rief ein Vater seinem Siebenschläfer von einem Sohne zu. „Ach," rief der erwachende Junge, indem er sich die Augen rieb, „was kann ich dafür, wenn die Sonne aufgeht, ehe es noch Tag ist!" Frage: Wer ist der beste Clavierstimmer? Antwort: ihzstjnv miivA MÜ yv.wgy ar zu« ^uorzociM Druck, Verlag und Redaktion deS literarischen JustitutS von Dr. M. HuMer. Nr. HO. 4. Octbr. 1868. Das größte will man nicht erreichen, Man beneidet nur seines Gleichen; Der schlimmste Neidhart ist in der Welt, Der Jeden für seines Gleichen hält. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. m. Die verhängnißvollen Sechstel und das Testament. Wenn Unglück auch an Unglück sich will ketten, Vertrau' auf Gatt, er wird gewiß dich r.tt.n. Der Postwagen hielt am Thore zu Berlin. Die Accis - Beamten fielen über das Gepäck der Reisenden her. „Was enthält dieser Koffer?" fragte einer von ihnen barsch. „Colonialwaaren vielleicht? Kaffee, Zucker? Denn verteufelt schwer ist er zu heben." „O nichts, nichts von dem Allen, mein Herr!" versetzte sehr höflich der Besitzer dcS Koffers, der Candidat Olcarius — „es sind blos 400 Thaler in alten Sechsteln und etwas Wäsche darin." „Was? alte Sechstel!" wiederholte der Mauthbcamtc hastig. „Aufgeschlossen! — Schnell! schnell?" Olcarius gehorchte und sah mit Erstaunen, wie seine ehemaligen Grützcsäcke mit den Sechsteln herausgenommen und auf einen Hansen geworfen wurden. „Mit Verlaub, mein Herr!" sagte er betreten, „müssen denn die Sechstel versteuert werden?" „Das nicht! aber consiscirt sind sie!" „Con — fis — cirt?" „Ja! haben Sie denn nicht die Cabinets-Ordre Sr. Majestät des Königs gelesen, welche die alten Sechstel außer Cours setzt?" „Davon ist mir kein Sterbenswort bekannt," cntgcgncte der Candidat, „aber wenn die alten Sechstel in dem preußischen Land außer Cours gesetzt sind, so will ich sie wieder mit mir nach Langcnsalza nehmen, dort haben sie noch immer ihre volle Geltung." Der Accis-Beamtc lachte höhnisch. „Bekümmern sich der Herr nur nicht weiter um die Sechstel," meinte er. „Dieselben sind durch die königliche Verfügung den verbotenen Waaren gleichgestellt worden. Sie haben sie einzuschmuggeln versucht und daher werden sie mit vollem Rechte consiscirt." Olcarius ward bleich wie der Tod. „Aber mein lieber Herr —" sprach er mit zitternder Stimme — „die Sechstel sind ja nicht mein Eigenthum, sie gehören vielmehr zweien Waisen an, die außer ihrer Unschuld nichts weiter in der Welt besitzen. Ich bin der Neffe des kürzlich hier verstorbenen Gerichts - Assessors Zang und von Obrigkeit wegen aufgefordert worden,, der Publikation des Testaments beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit haben mich die Inhaberinnen der fraglichen Sechstel gebeten, ihnen dafür hier Kammerscheine einzukaufen. Sie sehen hieraus, daß ich demnach für das Geld verantwortlich bin und dafür zu hasten habe." »Ha, das kann der Erbe des steinreichen Gerichts-Assessors auch recht gut," lautete 314 die Antwort. «Die lumpigen paar alten Sechstel sind jedenfalls nur eine Bagatelle gegen das, was der Herr von hier mit fortnehmen wird. Gratulire recht sehr zu der Erbschaft." Der Mauthbcamte wendete dem Candidaten den Rücken zu und sing an, die Sechstel- stücke in das Wachthaus zu schaffen. Die ferneren Vorstellungen des Reisenden beantwortete er dadurch, daß er einen in der Nähe stehenden Lastträger herbeirief und demselben auftrug, das Gepäck des Candidaten in's Gasthaus zum «goldenen Schlüssel" zu bringen. „Sie werden mir," wendete er sich hierauf an Olearius — «für diese Empfehlung gewiß Dank wissen, denn der Gasthof ist gut und nicht zu theuer." Mechanisch folgte Olearius dem rüstig voranschreitenden Gepäckträger, eine stille Verzweiflung hatte sich seiner Seele bemächtigt. Wie Berlin aussah, welche Straßen und Plätze er betrat, gewahrte er nicht. Einmal nur erhob er Augen und Hände gen Himmel, laut seufzend: ,O Welt voller Ungerechtigkeit und Bosheit!" Das Kammergcricht war versammelt. Des Candidaten Papiere, Paß und Taufschein — wurden cxaminirt; er selbst und die anderen Vorgeladenen standen crwartungs- rll da. Der Verstorbene begann, wie üblich, sein Testament im Namen des dreieinigen Gottes, welchem er seinen Geist befahl, den Leib wollte er Prunklos zwar, doch anständig zur Erde bestattet wissen, was auch bereits geschehen war. Seiner alten Wäscherin, die dem alten Hagestolzen seit langen Jahren die Wäsche besorgt hatte, vermachte er 12 Thaler, welche derselben in eben so vielen monatlichen Zahlungen verabfolgt werden sollten. Ein vicljähriger vertrauter Freund bekam ein Legat von 25 Thalern und die Charits zu Berlin als Universal-Erbe die ganze übrige Vcrlassenschast, welche allein an baarcm Gelde und ausgclichcnen Capitalien über 80,000 Thaler betrug. Die beiden Erstbcdachten machten ob der geringfügigen Erbschaft ellenlange Gesichter; die Administration der CharitS hingegen pries laut des Seligen frommen Sinn, und dem Candidaten, dessen Namen noch nicht im Testamente vorgekommen war, drohte die volle Brust zu zerspringen. „Endlich" — schloß der Erblasser in «einem Testamente — „soll dem Candidaten Gottfried Olearius in Langcnsalza der, mit seiner Adresse versehene und versiegelte Papiersack eingehändigt werden!" Der fragliche Sack wanderte aus einer Hand in die andere, bis er in diejenige des Candidaten gelangte, welcher die kleine Bürde vor Zittern kaum zu halten vermochte. „Ocffncn Sie" — gebot der Vorsitzende — „damit wir, im Falle, daß der Sack Wechselkurse oder StaatSpapicre enthielte, hinsichtlich des Erbstcmpels das Nöthige besorgen können." Das Siegel knackte unter Gottfrieds bebenden Fingern. Indem er den Sack ausschüttete, gedachte er unwillkürlich an den Sägcspähnkasten der alten Base und des darin gemachten reichen Fundes. Statt dessen aber kamen jetzt zwölf goldgerändcrtc, zierlich beschriebene Jahrwünsche zum Vorschein, welche Olearius von seinem vierzehnten Jahre bis zum lctztvcrgangencn Neujahre dem reichen Oheim gewidmet und zugesandt hatte. Eilf davon hatte der Verblichene ausgelöst mit eben so vielen Dukaten, der zwölfte dagegen war unter der Jüngerzahl gleichsam der Judas Zscharioth — denn wenigstens fühlte sich der arme Olearius jetzt wie verrathen und verkauft. Die Beisitzer des GcrichtS sahen theils betroffen sich unter einander an, theils bedauerten sie den Getäuschten, von dessen Angesicht jede Spur von Farbe gewichen war, dessen Augenpaar gebrochen und rrstarrt auf seinen nur zu wohlbekannten Schriftzügen haftete. Endlich raffte Olearius all' seinen Muth zusammen. Bevor er aber die Lippen zum Sprechen öffnete, mußte er erst durch mehrmaliges Schlucken, den ganz ausgedörrten Gaumen nässen. „Der Selige" — hob er leise und mit dem Ausdruck des tiefsten SrclcuschmerzrS sn, — „war meinrr Mutter einziger Bruder — und im Leben nie habe» wir lh» mit einem Worte beleidigt." „Lebt Ihre Frau Mutter noch?" fragte der Testaments-Vollstrecker. Olcarius schüttelte das gebeugte Haupt. „Dann ist das Testament gültig und kann in keiner Weise angefochten werden" — fuhr jener fort. „Der Herr da ist 'weder ^soenckont noch Desovnckunt von dem vusunato, und darum konnte der Letztere nach freiem Belieben mit seiner Verlassenschaft gebühren. Ueberdicß hat er dieselbe einer pin oau8a zugewendet und schon aus diese» Grunde ist das Testament rechtskräftig. Wir bedauern den Herrn, können ihm aber nicht helfen." „Lurban — wenn ich's opfere" — murmelte Olcarius mit des Heilands Worte» über die Pharisäer bitter in sich hinein. Als aber die andern Anwesenden Worte auf» richtigen Bedauerns an den Acrmsten richteten, erhob dieser etwas getrösteter das Auge gen Himmel und die gefalteten Hände mit dem wcrthlosen Vermächtnisse des Oheim» gegen die volle Brust gepreßt, sprach er in sanfter Ergebung: „Herr, dein Wille geschehe, Amen!" Dann wankte die gebeugte Gestalt aus dem Zimmer. Noch hatte OlcariuS besten Schwelle nicht überschritten, als aus den Papieren des Sackes etwas herunter fiel. Ein Aufwärter hob den dahin gerollten Gegenstand auf. Es war ein holländischer Dukaten, den jener, da der in sich versunkene Candidat auf die an ihn crgangene Aufforderung ihn nicht in Empfang nahm, demselben in die Westentasche steckte. Am Nachmittag desselben Tages stand Olcarius an dem frischen Grabe deS harte» Oheims. „Da liegt er," sprach er grollend. „Bald wird ein prächtiger Leichenstcin der Nachwelt verkünden, waS Großes und Rühmliches er der leidenden Menschheit bewiesen. Aber verschwiegen bleibt, daß der gepriesene Wohlthäter seine leibliche Schwester der bittersten Armuth preisgegeben, seinen einzigen Blutsverwandten verstoßen, enterbt — ja noch mehr, auf das Entsetzlichste verhöhnt und gemißhandelt hat Und wenn er mir nur wenigstens den zweihundcrtslcn Theil seines Reichthums vermacht hätte! Dann würde die Eharitä noch immer mehr als 80,000 Thaler erhalten haben, ich aber hätte den beiden armen Waisen die geraubten 400 Thaler wieder erstatten können." Der Schmerz übermannte ihn, und die Hände zum Himmel emporhebend, rief er aus: „O Mutter! Mutter! Auf welche Weise magst Du Deinen Bruder drüben in der Ewigkeit empfangen haben?" Nach einer stummen Pause, in der er etwas ruhiger geworden war, hob er wieder an: „Da hat mir mein wackerer Wirth den Rath ertheilt, einen Advokaten anzunehmen und mein Gesuch um Wiedcrhcrauögabc der geraubten Sechstel vor den Finanzminister zu bringen. Aber welcher Advokat wird sich eines Mittellosen annehmen wollen?" Er griff in die Westentasche und zog den Dukaten hervor, welcher aus dem letzt- geschricbencn Jahrwunsche gefallen war. „Ich wollte ihn dem Oheim in's Grab stecken" — sprach er — „wenn ich aber wüßte, daß er der Dietrich würde, um mir das Herz eines Advokaten zu erschließen, so wollte ich selbst für die kleine Gabe dem Verblichene» noch großen Dank wissen." Eist nach mehreren Tagen supplicirte Olcarius, einen Rcchtsbcistand zur Seite, vor dem mächtigen Finanzminister, und zwar der Candidat aus stumme Weise durch seine Jammergestalt, der Advokat dagegen in einer wohl überdachten Rede. Letztere beantwortete das Staats-Organ ziemlich barsch: „Will der Herr etwa" — sprach er hitzig — „das erst erlassene königliche Gesetz bereits wieder durchlöchern? Der Gerechtigkeit eine Nase drehen? Nichts damit! Die Sechstel sind und bleiben consiscirt. Dies mein erster und letzter Bescheid." Nach diesen Worten wendcle der Minister sich ab und zwang so die Bittsteller zum Rückzüge. Auf demselben begriffen, sprach der Advokat zu seinem Clienten: „Das Gewissen dieses Finanzministers ist vergriffen und abgenutzt wie einer Ihrer alten Sechstel. Ein Mittel 316 nur noch steht dem Herrn Supplicanten offen: Der brüte Weg an den König! Schlägt auch dieses fehl, so weiß ich ihm leinen Rath mehr, und hat eS dann bei dem Decima sein Bewenden." (Fortsetzung folgt.) Ueber das Erdbeben auf der Westküste von Südamerika liegen jetzt eine Menge Berichte von verschiedenen Punkten vor, die leider bestätigen, daß die ersten telegraphischen Mittheilungen nicht übertrieben waren. Das Erdbeben selbst hat sich, den vorliegenden Berichten nach zu schließen, auf Ecuador uud Peru beschränkt, allein die Zerstörungen, welche das aufgetriebene Meer verursachte, reichten bis über halb Chili, so daß man die Ausdehnung der furchtbaren Naturerscheinung von Nord nach Süd auf mindestens 46 — 48 Breitegrade veranschlagen kann. Nach Berichten aus Valparaiso vom 17. August wurde der blühende Hafenort Talcahuano am 14ten von drei Erdstößen berührt; bei dem zweiten wurde die See hoch emporgehoben und über die Stadt hinwcggetriebcn. Die Einwohner hatten sich auf die benachbarten Hügel geflüchtet, sie fanden bei ihrer Rückkehr die halbe Stadt weggeschwemmt, die andere Hälfte von den Wellen unbrauchbar gemacht. Der Schaden wird auf 300,000 Dollars angeschlagen, 4 Menschen verloren das Leben. In Toms ereignete sich dasselbe; da aber dieser Ort höher liegt, so war der Schaden nicht so groß. Auch Valparaiso erfuhr eine übcrfluthcnde See, doch ohne wesentliche Zerstörung, dagegen litt der Hafen Con- stitucion sehr, alle Schiffe wurden an und auf die Küste getrieben, die Stadt selbst blieb leidlich verschont. Schreiben aus Lima vom 22. und 28. August bestätigen die Angaben der bisher mitgetheilten Berichte, vor Allem die furchtbare Mccrfluth, die auf der ganzen Westküste von Südamerika mehr Verwüstung angerichtet hat, als das Erdbeben selbst, denn alle Hafenorte in einer Küstcnausdehnung von 1200 geographischen Meilen sind mehr oder weniger zerstört oder unbrauchbar gemacht und, wie ein Briefsteller, allerdings in übermäßiger Entmuthigung, sagt, alle Kultur, die in dreihundert Jahren geschaffen, liegt für ein halbes Jahrtausend vernichtet. Das Entsetzen über diese Katastrophe wird vor neuer Anfiedlung eine Zeit lang zurückschrecken, aber der Mensch, den die Lavaströme des Vesuv und Aetna so wenig von der Fortsetzung des Anbaues abhielten, wie die Dammbrüche an den niederländischen und friesischen Küsten, wird sein Werk nicht aufgeben, und in Jahrzehnten zu ersetzen wissen, was in seinen Anfängen Jahrhunderte erforderte. — Die Flotte der Vereinigten Staaten notirt als verloren das Magazinschiff Fredonia mit 6 Kanonen; der Näderdampfer Wateree mit 14 Kanonen und die peruanische Dampf- Corvette „Amerika" wurden aus's Land geworfen; der amerikanische Kauffahrcr Rosa Rivera, das englische Schiff Chanarcillo und die französische Barke Eduards gingen im Hafen von Arica zu Grunde. Die Stadt Arequip a (40,000 Einwohner) ist nicht mehr, Arica, der bedeutsamste Hafenort von Peru, deßgleichen. Jenes, aus Granit und Lavablöcken gebaut, fiel unter den wiederholten Erdstößen, dieses wurde von den Mcerwogen hinwcggespült, die sich zu Bergeshöhe erhoben, und auf halbe Wegstunde dann über das Land der Küste hereinbrachen. Moqucgua, Jguiquc, Sama, Locumba, Nasca, Jlo, Chala, Mcxillones, Pisagua und eine Menge kleinerer Städte, zahlreiche Dörfer, Pflanzungen und Fabriken wurden in Ruinen gelegt, so daß alles, was nicht thatsächlich niedergeworfen ist, abgebrochen werden muß, um zu neuer Wohnung und neuem Betriebe zu dienen. Verschont blieben Cuzco und Puno und alle größeren Jndianerstätten. Der Verlust an Menschenleben läßt sich noch nicht genau feststellen, doch schätzt man denselben auf der ganze» Unglücksstälte über 30,000 Personen, und den Verlust und Schaden an Eigenthum auf 300 Millionen Dollars. Die eigentliche Quelle des Erdbebens ist noch nicht ermittelt, die Bewegung desselben war von Norden nach Süden. Von Jquique liegen nach der Angabe gcflüchtetcr Augenzeugen drei Viertel in Ruinen, viele Leben gingen verloren, Hunger und Durst droht die tleberlebenden aufzureiben. Der Schaden der deutschen Firma Gildemeister und Comp. allein wird auf 300,000 Dollars ange'chlagen Das Erdbeben dauerte daselbst beinahe 5 Minuten , die See drang drei Viertel englische Meilen in's Land. A rica, das 7000 Einwohner zählte, hat kein wohnbarcs Haus mehr; so furchtbar war der Drang der hereinbrechenden Mcerfluth, daß die Kanonen der Slrandbattericn weit in's Land geworfen wurden, wo sie jetzt im Sande begraben liegen. Der Dampfer Fredouia ging mit aller Mannschaft bis auf zwei unter, die Brigg Chanarcillo verlor acht, die Barke Amerika 42 Mann, während der auf den Strand geschleuderte Dampfer Watcrce nur ein Leben zu beklagen hatte. Eisenbahnschwellen und Wagen, Maschinen, Kanonen, Karren, Hausgeräth, Kindcrzeug, Kisten und Kasten, todtes Bich und verstümmelte Körper bedecken in wilder Unordnung die Straßen. In Tacna sieht es nicht besser aus. Zu dem Erdbeben gesellte sich die Fcucrsbrunst, die verzehrte, was jenes niedergeworfen. Eine wunderbare Rettung erfuhr der Dampfer Santiago von der Pacific - Dampf- schifffahrts - Gesellschaft, der sich am 13tcn in dem Hafen von Chala befand. „Wir ankerten sicher in der Bay," schreibt der Capitän, „als wir plötzlich einen Stoß fühlten, als ob wir auf einen Felsen getrieben wären. Bestürzt kamen die Passagiere zu mir, um nach der Ursache zu fragen; da spürten wir eine neue Erschütterung, die das ganze Schiff schwanken und beben machte, als wäre es aus Gummi, Alle verloren das Gleichgewicht und sielen auf das Deck. Ich wollte unserem Agenten ein Gläschen Brandy und Wasser mischen, um ihn zu stärken, da rissen unsere Ankerketten wie Zwirnfäden, das Wasser drängte seewärts und riß uns mit sich fort. Da wir noch Dampf hatten, so suchte ich denselben zu benutzen, um die hohe See zu gewinnen; aber im nächsten Augenblicke faßte uns eine unermeßliche Woge, schleuderte uns widerstandslos nach der Küste, trug uns über eine Klippe hinweg und setzte uns in den jenseitigen Kanal. Von hier aus gelang es uns, fortzukommen. Briefe aus Guayagnil vom 26. August bestätigen, daß ein Erdbeben am 16ten die Städte Jbara, Atuntaqui, Jmantad u. s. w in Trümmer legte. An der Stelle von Cotocachi ist jetzt ein See; die Bewohner dieser Stadt, sowie die von Jbara und Oto- vale sind fast ohne Ausnahme umgekommen. Quito ist ziemlich verschont, aber die benachbarten Orte Pcrncho, Puellaro und Cachiguanjo sind fast ganz vernichtet. Man schätzt die Zahl der Umgekommenen in dieser Gegend auf 20,000. Am 19len spürte man zu Quito abermals Erdstöße in Unterbrechung von einigen Stunden. Einige schrieben sie dem Vulkan Agualongo, andere dem Cayambe zu. Zu Guayaquil bemerkte mau die Erdstöße vom 13. bis 16. August. Ueber Kindergärten. * Wir haben in der Postzeitung wie wohl öfter doch bisher vergeblich die Bitte gestellt, man möchte uns von fach- und fachkundige Hand gütigst einen einläßlichen Bericht über diese moderne Einrichtung zukommen lassen; wir gestatten uns auf diesem Wege noch einmal darum zu bitten. Wir gestehen offen, daß die Hände in denen sich diese Einrichtung bisher befunden und von denen sie ausgegangen, nicht gerade Vertrauen einflößen und es liegt am Tage, daß diese Kindergärten wenigstens dazu benützt werden können, die heranwachsende Generation noch vor der Dressur in der Anociless nclio»! in dieselben Hände zu bekommen, aber ignorirt dürfen diese Einrichtungen durchaus nicht werden und etwaigen schädlichen Tendenzen, wird gewiß nur dadurch am 318 besten entgegengewirkt, daß man gewissen Kindergärten andere entgegensetzt. Wir gestatten uns daher in Nachstehendem eine fenilletonartige Schilderung, wie sie eben durch die Blätter läuft auch hiehcr zu setzen, woraus man Prinzip und Methode einigermassen ersehen kann. Es ist ein Auszug aus einem Aufsätze, den eine berühmte Kindergärtnerin in Kiel (Frau O. S — r.) veröffentlicht hat. „ — — Wir werden in unserm ganzen Benehmen gegenüber den Kindern, so schreibt dieselbe von dem Gedanken geleitet, daß nur gute Kräfte in dem Menschen niedergelegt sind, *) in deren richtigen und harmonischen Zusammenwirken seine Bestimmung ruht; daß die in die Erscheinung tretenden Fehler und Gebrechen nur die Folge einer einseitigen Entwicklung sind. So erkenne ich in der sogenannten Ungezogenheit, dem ausgetretenen Uebcrmuth, nur einen Ucberschuß Einer Kraft; schon das Wort bezeichnet es: Uebcrmuth. Die physische Kraft ist der geistigen überwachsen; man gebe ihr eine gute Richtung und Gedanken. Zugleich rufe ich gerne eine entwickelte gute Eigenschaft in dem Kinde mir zu Hülfe auf gegen seine Fehler, vorzüglich aber den eigenen Willen indem ich das Gute lebendig in ihm mache. So gelang es mir in Kurzem, einen äußerst wilden, unbändigen Knaben, dem eine ruhige Beschäftigung oder ein geordnetes Spiel eine Unmöglichkeit schien zu bändigen. Sein treues, leicht sich färbendes Gesicht verrieth mir bald ein zu weckendes Rechts- und Ehrgefühl in ihm. Ich stellte ihn an, mir zu helfen Recht und Ordnung herzustellen, indem ich ihm zeigte, wie ihre Abwesenheit das Ganze störe; ich ließ ihn die im Garten sich verfliegenden Kinder herbeiholen, oder mit Sorge tragen, daß sie an ihren Plätzen blieben, vorzüglich durch eigenes gutes Beispiel; daß die Beschäftigungsmittcl eingehalten und gut aus- und eingepackt wurden; ich ließ ihn beim Kommen uud beim Fortgehen vorausgehen, mit dem Auftrage, als Vorbild guten Betragens zu dienen, und e.r war wahrhaft wunderbar, wie Plötzlich das ganze Wesen dieses Knaben gczügclt war. Mit wahrhafter Begeisterung hielt er sich im Zaume und diese Begeisterung übertrug er zugleich auf mich; meinen Augen lauschte er wirklich ab, was ich von ihm wünschte. Ich bin öfters gefragt worden, welcher Zauber die Kinder so rasch an mich fcßle und sie zum Gehorsam zwinge, ohne daß ich sie in Furcht und Strenge hal c? Mein unerschütterlicher Glaube an das Gute in ihnen ist es! und indem ich es ihnen zum eigenen Gefühl und zur Erscheinung bringe, werden sie mir dankbar und liebreich." „Ein einziger Knabe machte mir wirklich einen Monat Sorge: er schien wirklich Freude daran zu finden, andere Kinder zu quälen; er stach und kniff sie heimlich, wenn sie ganz ruhig und unbekümmert dasaßen. Dabei war ihm wie ein böses Gewissen in'S Gesicht geschrieben und mir ging er möglichst aus dem Wege. Natürlich konnte ich solche Uebclthatcn an andern Kindern nicht ohne Vorwürfe hingehen lassen, ich wußte aber wohl, daß diese nur die andern Kinder beschützten, aber den häßlichen Trieb in ihm nicht aufhoben, nur sein verstecktes Wesen noch begünstigten. Ich suchte mir baldigst über die Ursache seines Wesens klar zu werden. Ich bemerkte, daß er für sein Alter sehr unentwickelt, geistig ganz zurückgeblieben war; die Körperkraft hatte sich auch einseitig entwickelt und wirkte nun ohne Gemüth und ohne Verstand; die Strafen aber, die sein Wesen ihm zuzogen, hatten ihn nur Hinterlist gelehrt. Meine Aufgabe war nun, sein Gemüth zu erwärmen und Verstand in ihm zu erwecken; ich zog ihn in meine Nähe, ich heftete,mein Auge auf ihn, wenn ich etwas erklärte, wenn ich Bilder hcrumzeigte, wies ich sie ihm zuerst, ich fragte ihn zuerst bei den Bewegungsspielen, ob er mit unter den Darstellenden sein wolle; das gab ihm, der wahrscheinlich schon lange an Strafen und Zurücksetzungen gewöhnt war, den Eindruck einer Bevorzugung von meiner Seite und frischte zugleich immer seine Aufmerksamkeit an. Es währte nicht lange, daß er mich nicht mehr mied, sondern mich innigst liebte uud, indem sein Gemüth warm wurde und zugleich Interesse in ihm rege. hörten von selbst jene kleine Bosheiten auf. Sein Gesicht klärte sich förmlich auf." *) Schon mit diesem Principe werden wir uns Iisiuement nicht verständigen können. D. R. 31S »Ich hatte noch ein kleines Mädchen mit einem häßlichen Ausdruck im Gcsichtchcn; eS war der einer entschieden rohen Sinnlichkeit; dabei war sie heftig, leidenschaftlich in allen Aeußerungen und zeigte für jeden Gegenstand entweder eine ungcbändigte Neigung oder Abneigung. Auf das Essen hatte sie eine wahrhaft wilde Gier; wenn ihr das Frühstück einfiel und es wurde ihr verweigert, wollte sie sich oder ein anderes Kind beißen. Ihr Wesen war durch eine sehr lebendige und ungezügelte Phantasie veranlaßt, und es galt, diese in eine angemessene Bahn zu lenken, indem künstlerische Elemente in ihr geweckt wurden; ich fand und regte besonders Lust und Talent zum Bauen in ihr an, wie zu ähnlichen kleinen Beschäftigungen; sie wird später mit Geschick zeichnen. Vorzüglich suchte ich sie zu eigenen Erfindungen aufzumuntern, indem ich zugleich den Schönheitssinn in ihr erregte. So wurde ihre Phantasie gebildet und gefesselt, indem sie doch zugleich den Raum gewann, sich frisch auszuleben. Die Entwicklung der geordneten Produktionskraft und des ästhetischen Gefühls ist der Weg zum moralischen Menschen. Das kleine Mädchen wurde gesitteter in ihrem ganzen Wesen und auch ihre Züge gewannen einen edleren Ausdruck. Auch bei einem Knaben habe ich Rohhcit, wenn auch in anderer Form, durch künstlerische Einwirkung bezwungen. Er fand nur Vergnügen im Schreien und Toben; ich bemühte mich, auch in ihm das ästhetische Gefühl zu wecken durch Gesang, durch Bauen, symetrische Figuren u. s. w., indem ich ihn überall auf das Schöne aufmcrtsam machte, und so währte es nicht lange, daß ihm das Schreien und alles rohe Durcheinander zuwider wurde. Und zur Anregung der einen Kinder dienen die Darstellungen der andern: das von einem Kinde geleistete wirkt am lebendigsten wieder auf ein Kind. So gelingt es mir.immer mehr, bei einem sehr gedankenlosen Knaben, indem ich bei allen Beschäftigungen seine Aufmersamkcit auf die phantasiereichsten Kinder lenke, Phantasie in ihm selbst zu wecken. Zugleich litt er an Vertrauen zu sich selbst; aber das Beispiel au andern Kindern, daß sie etwas leisten können, gibt ihm mehr Muth und Willenskraft," „Es haben nur ein paar Falle stattgefunden, wo ich mit wirklicher Strenge verfahren bin. Ein noch ziemlich kleiner Knabe, energisch in seinen Formen wie in allen Bcwcg- ungcn, ging immerfort seinen eigenen Weg im Kindergarten, keine unserer Beschäftigungen rührte ihn; ich richtete aber auch keine unmittelbare Aufforderung an ihn, bis er Zeit gehabt halte sich zu gewöhnen und sein Widerstand Eigensinn wurde. Da hielt ich ihn einmal bei einer besonderen Widersetzlichkeit so lange in einer Ecke gefangen, bis er sich bereit erklärte, zu thuu was ich von ihm verlangte, was erst nach unzähligen abschlägigen Antworten geschah. Von diesem Augenblicke an hat dieser Knabe nie wieder eine Spur von Ungehorsam gezeigt; er ist der eifrigste von allen und noch dazu liebt er mich unbeschreiblich seit jener Scene. Solche Charakter gewinnt man nur, indem man sich stärker, zeigt, als sie selbst sind; aber man hüte sich, zu früh, wenn ihr Widerstand noch in ihrer ursprünglichen Natur begründet ist, mit Strenge einzuschreiten; dann wird man nie einen wohlthätigen Einfluß auf sie üben, denn sie haben den Eindruck einer Ungerechtigkeit empfangen. Ein anderer Fall, wo ich Strenge anwenden mußte, war bei einem Knaben ganz entgegengesetzter Art; es war eine entschiedene Künstlernatur, der es so schwer wird, mit ihrer reichen Phantasie sich an Gesetz und Ordnung zu knüpfen. Ich überließ ihn erst einige Zeit seinen eigenen Ideen, und cS war wirklich reizend, ihn in seiner ganzen Unmittclbarkcir anzuschauen: er nimmt gerne an Spielen Theil, die irgend eine künstlerische Form haben, aber unwillkührlich trifft er überall Abänderungen, es ist ihm gar nicht möglich, sich ganz in fremden Gedanken zu bewegen, er muß überall eigene hinzufügen, die fremden dienen ihm nur zur Unterhaltung, nur zur Anregung eigener. Hier laste ich ihn stets gewähren: doch seine Freiheit muß genau ihre Grenzen haben, da nämlich, wo den Gehorsam nicht Gedanken ersetzen, sondern Laune und Eigenwille eintritt. Äch wartete aber wohl ab, bis ich der Liebe dieses Kindes ganz sicher war, ehe ich mit Strenge gegen seine Launen einschritt: indem er mich aber liebte, war er auch von meiner Liebe noch durch die Strenge überzeugt, und so fühlte er dabei keine rauhe Hand." 320 „Ich führe die Kinder auch selbst, so weit ihre Einsicht reicht, mit ein in das Verständniß eines für das andere, ich zeige ihnen die Schwäche des einen und laste sie in ihrem Gefühle Milde mit mir üben und zeige ihnen die Kräfte anderer, und laste sie meine Ansprüche mit erkennen. Auch wehre ich ihnen nicht, wie es in Schulen gewöhnlich der Fall ist, daß eins das andere unterstütze, sondern fordere sie dazu auf; die ganze Welt besteht ja aus den Unterstützungen, die Einer dem Andern leistet; sie fordern sich aber selbst auf, auf eigenen Füßen zu stehen, und nehmen gegenseitig Antheil an ihren Leistungen. So regen sie sich zur Thätigkeit an. Indem fast alles gemeinschaftliche Angelegenheit wird, verbreitet sich über den Kindergarten immer mehr Gemüthlichkeit und sie ist größtentheils mit der Zauber, den er über die Kinder übt. Es ist wunderbar zu schauen, welche Veränderung in das freie Spiel der Kinder tritt. Im Anfang, in ihrer freien Zeit toben sie nur wüst und vereinzelt umher, jedes eigener Laune folgend; bald aber kommen Gedanken in ihre Spiele und sie vereinigen sich, sie geben den Egoismus auf, um zu einem Ganzen zu gelangen. Wie der Egoismus den Kindern überhaupt bei dieser Gemeinsamkeit verschwindet, davon habe ich schöne Beispiele erlebt, wie denn von von Tag zu Tag mehr sittliches Streben in ihnen rege wird. So gibt es auch keine Verheimlichung eines Vergehens bei uns, indem keine Furcht die Kleinen mir fern hält; sie kommen und klagen mir es gleichsam, wenn sie etwas begangen, damit ihnen das Herz wieder leicht werde, indem ich es ihnen verzeihe und ihnen Muth zu sich selbst zurückgebe, indem ich für die Zukunft an ihren guten Willen appellire. Es ist wirklich rührend, wie schon nach wenigen Tagen die Kinder mir am Morgen mit der freudigen Versicherung entgegenkommen: sie wollen gut sein. Alle Talente, alle Bildung gelten mir nirgends als Zweck, sondern als Mittel zur Sittlichkeit. Dieses Gefühl athmet auch in meinen Kindern." An Cmanuel Geibel Als Frauendicbter unbezwungen Hast du manch' schönes Li d vollbracht, Dock was zu Lübeck du Ä sungen, Das hast du nimmer ernst bedacht. Und jetzt? — dem da so hochentzückt Dein Geist ein Morgenlied ersann, Dem du die Krone aufgedrückt. Ich frage, kanntest du den Mann? Du konntest Männer einst verführen Mit dichterischem Sehnsuchtslaut lach einem Helden, heimzuführen Germania, die hohe Braut. Hast jenen Märztag du vergessen, Und Badens Boden blut'groth, Den Hohn, zu dem man sich vermesse«, , Ob eines Volkes Zorn und Noth? Und unter einem Eichenbaum, Da schlumm're leise sie und leiser Und träume einen Morgentraum, Von ihrem Heiland, Herrn und Kaiser. Was er der Freiheit zugefügt. Er, deines Reiches Auferbaucr, O sieb, wie sie geschlagen liegt Wehklagend in der tiefsten Trauer. Ha, welch' ein Traumbild! Auserwählt, Weil er als Bester sich erwiesen, Umdrängt äst' Volk ibn ungezählt Um seinen Retter zu begrüßen. Nickt weiter mehr! Es ist bewahrt, Und unvcrgcßbar ist's geblieben! Doch dir, du Dichter neuer Art Sei noch ein Dcnkspruch aufgeschrieben: Und daß die Freiheit dann errungen, Daß Haß und Knechtschaft dann entweiche, So hast prophetisch du gesungen Manch hohes Lied vom deutschen Reiche. Schon mancher Schwächling, schlecht und recht, Hat sich zum Sklaven dienst vermiet hct, Doch jener ist der schlimmste Knecht, Der seine Ketten selber schmiedet. V-r. Drus, Derlaa und Redattto» de- literarischen Jnstitnts von Dr. M. Huttler. Nr. 41 . 11. Octbr. 1868, Augsburger Die Eitclkecit ist fehlcrbaft, Sobald du niä't aus ihr Durch wahre Bildung ziehst die bcssre Eigenschaft: Unmuthiger Ordnung schöne Zier. Johannes Schrott. Leberrsschicksale eines Candidaten der Theologie. IV. Beim alten Fritz. Da steh' ich jetzt mit Beben Ein armer Candidat, Und such' bei meinem König Trost, Hülfe, Recht und Gnad'. Niedergeschlagen schritt auf tiefsandigem Pfade durch schweigsames Kiefern-Dickicht Herr Gottfried Olcarius, seinen Paß, seine Testimonia, sein Magister-Diplom und eine Bittschrift an des Königs Majestät in der weiten Rocktasche. Sein Gemüthszustand harmonirte vollkommen mit der Außenwelt um ihn her, beide freuden- und hoffnungslos. Zuweilen überholte ihn eine Hofkutsche und hüllte den einsamen Wanderer in eine erstickende Staubwolke ein, welche die schwarze Kleidung allmählig in diejenige eines Müllers umwandelte. Staub und nichts als Staub trank der trockene Mund hinein und fast noch bei lebendigem Leibe hätte Olearius zu Staub werden können, was doch sonst den Menschenkindern erst nach ihrem Ableben zu widerfahren Pflegt. Vier Meilen weit reichte die unermeßliche Streusandbüchse, welche zwischen Berlin und Potzdam liegt und immer gebeugter ward die Haltung des Candidaten, bis mit dem Ende des Waldes auch, die Landschaft urplötzlich eine andere heitere Gestalt annahm. Olearius erhob das auf die Brust gesenkte Haupt und sah das Ziel seiner Reise — Potsdam — im Thale vor sich liegen. Aber er freute sich dessen nicht; vielmehr entglitt seiner bangen Brust ein schwerer Seufzer. Dann suchte er sich unter den letzten Bäumen des Waldes einen heraus, der in mäßiger Höhe einen kurzen Abstumpf besaß. An Letzterem hing er seinen Frack auf, band das weiße Halstuch ab und — „Was will der Herr da machen?" rief plötzlich eine rauhe Männerstimme und ein Jägersmann, die Büchse über die Schulter gehangen, trat aus dem nahen Dickicht hervor. „Ist der Herr etwa gesonnen, sich aufzuhängen, so wisse man, daß hier königlicher Forst und der Selbstmord bei langwieriger Zuchthausstrafe verboten ist." „Darf ich in diesem Anputze mich wohl vor des Königs Majestät zeigen?" versetzte Olearius trübe, indem er auf den reichlichen Staub in des Halstuches Falten und auf dem Rocke deutete. „Ah so, das ist etwas Anderes," erwiderte der Jäger beschämt, seinen ungerechten Verdacht wieder gut zu machen, begann er mit seinein hölzernen Ladestock dicnslbcflisscn den aufgehängten Frack auszuklopfen. Doch verließ er den Candidaten nicht eher, als bis derselbe den Forst eine ziemliche Strecke im Rücken gelassen hatte. „Aufhängen! Selbstmord!" murmelte Olcarius dumpf vor sich hin, als er wieder allein war, und tiefes Entsetzen durchbcbte seinen Körper. „Dieser vermeinte Jägersmann — war er vielleicht ein verkleideter Teufel, der mit den zwei Worten das bereit stehende Pulverfaß in Brand zu setzen gedenkt, im Falle, daß selbst bei dem Könige mir keine Gerechtigkeit zu Theil werden sollte? Aufhängen! Selbstmord! hat je der Gedanke daran nur im Entferntesten in meiner Seele gelegen? Und nun erfüllt er dieselbe plötzlich ganz gegen meinen Willen. O, mein Herr und Gott!" er blieb stehen und faltete seine Hände; „laß mich nicht über mein Vermögen versucht werden, sondern laß die Versuchung so ein Ende gewinnen, daß ich sie ertragen kann." Gefaßter wandelte er in Potsdam ein. Die reizenden Aussichten von der Havel- brücke aus waren für ihn nicht da; sein Blick haftete lediglich auf des nahen Schlaffes Zinnen, in welchem der Mann wohnte, von welchem er die Entscheidung über sein Schicksal erwartete. Vor Friedrich den Zweiten sollte er hintreten — vor den Helden, den König, den Sieger in drei blutigen Kriegen und über halb Europa, vor ihn, den großen Geist, welchem gegenüber ganz andere Männer, als er, gezittert hatten! Aber das Glück schien den Candidaten begünstigen zu wollen. Vor dem Schlosse angelangt, sah er den Monarchen sofort, welcher seine Soldaten exercieren ließ. Es war um die Mittagsstunde. Der König wurde von einem Schwärme hoher Offiziere umringt, in deren Kreis der Candidat um keinen Preis sich gewagt hätte. Aber doch sah er auf's Neue die Wahrheit bestätigt, daß die Furcht vor einem Dinge oft das Schlimmste sei. Denn der gcfürchtete, große König sah aus, wie jeder andere Mensch, ja er ging sogar einfacher gekleidet und weniger besternt als seine Generale neben ihm. Seine Stimme hallte nicht wie Posaunenton, und nicht erzitterte die Erde unter seinen Tritten. Aber, aber die Macht, die in der kleinen Hand dieses einzelnen Menschen lag! Dieser Gedanke war es, welcher den Supplicantcn abhielt, sich dem Monarchen selbst dann zu nähern, nachdem dieser seine Soldaten entlasten und sich in den angrenzenden Lustgarten begeben hatte. Olearius, in größter Unentschloffenheit, warf seine Papiere aus einer Hand in die andere. Dies und die Leidensgcstalt des Aermsten gewahrten bald vier Offiziere, welche noch auf dem Schloßplätze zurückgeblieben waren. Bekannt ist's, daß in den damaligen Zeiten der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, der Soldatcnstand gar zu gern auf Unkosten des Priestcrstandes sich lustig machte, welcher dafür nicht ermangelte, die Spötter gehörig abzukanzeln. Wohl mochte es nicht die Nächstenliebe sein, welche die Offiziere nach des Candidaten Anliegen forschen ließ, als sie aber den Thatbestand erfahren hatten, gedachten sie mit einem Schlage zwei Fliegen zugleich zu treffen; sich einen köstlichen Spaß, dem Supplicantcn dagegen sein Recht zu verschaffen. Unter dem Vorgeben, daß der große König heute absonderlich bei gnädiger Laune sei, ermunterten die Offiziere den Candidaten, in den Garten zu treten und daselbst den König aufzusuchen. Und als Olearius zauderte, diesem Vorschlage Folge zu leisten, ergriffen zwei Herren ihn bei den Armen und führten ihn fast gewaltsam in den Garten hinein. Sie fanden den König über der Betrachtung einer Pflanze, und von einigen Gärtnern umgeben. Die Offiziere geboten Olearius, im Garten stehen zu bleiben, und daselbst den König zu erwarten, welcher ihnen den Rücken zukehrte. Hierauf kommandirten sie mit halblauter Summe den bangenden Supplicantcn: „Den Hut herunter, unter den linken Arm! Den rechten Fuß vor! Den Kopf in die Höhe! Die Briefe aus der Tasche «nd mit der rechten Hand hochgehalten! So steht!" Der arme Candidat gehorchte willenlos, obgleich er dunkel begriff, daß man seinen Spott mit ihm treibe. Aber die Furcht vor den mit Orden und Sternen besäeteu Offizieren ließ keinen Versuch der Widersetzlichkeit emporkeimen. Nachdem Olearius also, einer Vogelscheuche gleich, seine Stellung genommen, entfernten sich die Herren unter mühsam verbissenem Lachen, sich öfters umsehend, ob ihr «euer Rekrute seinen Platz auch standhaft behauptet, dieser aber sah nichts, d enn er hielt Las Auge starr in die Wolken gerichtet. 323 Mit klopfendem Herzen mochte Olcarius einige Sekunden in dieser himmelstürmende« Situation verharrt haben, als er plötzlich Tritte knistern hörte und ein Gärtner auf ihn zutrat, der vom Könige — der die lebendige Bildsäule lächelnd erblickt hatte — abgesandt worden war, um die Papiere, die der Candidat so herausfordernd nach oben hielt, i« Empfang zu nehmen. Mit denselben begab sich der Monarch in einen andern Gang des Gartens, indem der Magister festgebannt stehen blieb. Nach einer Weile kehrte der König zurück und winkte den Bittsteller zu sich heran. Als schreite er über Eier hinweg, näherte sich Olearius dem Monarchen, vor dem er in demüthigster Stellung mit angsterfüllter Seele stehen blieb. „Mein lieber Magister," sprach der König huldvoll, „man hat ihm Unrecht gethan, wie ich aus seiner Supplik ersehe. Man hätte die Säcke mit den alten Sechsteln blos versiegeln und ihm bedeuten sollen, dieselben wieder mit heim zu nehmen. Sei er aber ruhig, er soll seine Sechstel mit Interessen wieder bekommen. Was wird er denn in Berlin anfangen? Um eine Prcdigcrstclle sich bewerben oder sich mit Jnformire« beschäftigen?" Diese Worte, die wie Sphärengcsang in den Ohren des Candidateu klangen, verwirrten denselben so, daß er vor freudiger Bestürzung kaum die Fragen beantworten uud seinen tiefgefühltesten untcrthänigsten Dank stammeln konnte. Der König unterhielt sich nun noch eine Zeit lang mit ihm, fragte, wo und was er studirt habe und schloß dann mit den Worten: „Doch nun muß ich fort, denn sie warten mit dem Essen —" und ging in's Schloß hinein. Ganz überwältigt von dem Eindruck, den die Leutseligkeit und Huld des großen Monarchen auf ihn gemacht, verharrte Olcarius, nachdem der König schon längst verschwunden war, noch immer auf derselben Stelle, mit sich selbst nicht im Klaren, ob das Alles, was er so eben vernommen, Traum oder Wirklichkeit sei. Nach und nach aber kehrte sein klares Bewußtsein wieder und nun fielen ihm auch des KönigS Abschiedsworte wieder ein: sie warten mit dem Essen. Essen! Dieser Gedanke erinnerte den armen Supplicanten daran, daß er ja auch einen Magen besitze und nun schon seit 24 Stunden so gut wie nichts zu sich ge» nommen habe. Keinen Dreier mehr in der Tasche und einen Weg von vier Meilen vor sich, bis die Möglichkeit vorhanden war, wieder zu einem Imbiß zu gelangen, das war eine sehr niederschlagende Aussicht. Verlangend sah er sich nach dem Naben um, welcher ihm, wie vor Zeiten dem Propheten Elias, Brod zutragen sollte, aber es wollte keiner kommen. Ergeben in sei« Geschick zog er seinen Leibriemen ein paar Zoll enger zu und war eben im Begriff, seine müde Körpermaschine in Bewegung zu setzen, als plötzlich ganz in seiner Nähe eine Stimme laut fragte: „Wo ist der Mann, welcher mit dem Könige gesprochen?" „Hier!" meldete sich Olearius und folgte dem Kammerdiener in's Schloß nach, w» für ihn in einem Prächtigen Zimmer ein Tisch gedeckt und mit delikatesten Speisen, dcrc« Mehrzahl er nicht einmal mit Namen hätte nennen können, besetzt war. Daß er de« köstlichen Gerichten alle Ehre anthat, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und auch den Wein verschmähte er nicht, den ihm der Kammerdiener fleißig einschenkte, und noch fleißiger nöthigte, Bescheid zu thun. „Ach, wenn Lieschen und Agathe jetzt bei mir wären," — dachte er im Stillen — „genug hätten wir alle Drei, und sie hätten dann doch auch einmal bei einem Könige gespeist." Nachdem er sich gesättigt hatte, brachte der Kammerdiener noch einen Tellev mit Gebackenem, mit Aepfcln und Birnen. Olcarius packte die ganze Geschichte in ei« Papier und schob es in eine seiner ungeheuern Rocktaschen. Kanin war er hiemit z« Ende, so trat avch schon ein Sekretär deS Königs zu ihm, welcher ihm sein Diplom, 324 sein Sittcnzeugniß, den Paß, ein Billet an die Beamten der Mauth in Berlin und 5 Friedrichsd'or einhändigte. Dann führte er den Beschenkten vor das Schloß, wo ei» sechsspänniger Proviantwagcn hielt, und gebot dessen Führer, den Candidaten nach Berlin zu bringen, aber ja kein Trinkgeld von ihm anzunehmen. In der Hauptstadt angelangt, begab sich Olcarius sofort auf die Mauth, wo das königliche Handbillet sehr lange Gesichter hervorbrachte und die Veranlassung wurde, daß der Candidat für die confiscirten Sechstel 400 Thaler in guten vollgültigen Münzsorten ausbezahlt erhielt, für welche er sich sofort Kammerscheine erkaufte und dann am nächste» Morgen, von heißer Sehnsucht nach der Geliebten gequält, mit der Post abzureisen beschloß. Als der Magister am folgenden Tage nach seiner Rechnung im Hotel frug, erhielt er den Bescheid, es wäre schon Alles berichtigt. Wohl ahnend, wer auch da seine offene Hand im Spiele gehabt, dankte unser Candidat im Stillen Gott und dem Könige für ihre Güte und Gnade, und verließ dann eine Stadt, wo ihn im Anfang das Unglück zu vernichten gedroht, und wo nun zum Schlüsse sich doch noch Alles zu seinem Besten gelenkt hatte. (Fortsetzung folgt.) Die Spektralanalyse und ihre Anwendung auf das Sonnenlicht. Zu den kürzlich mitgetheilten Nachrichten über die Schicksale der deutschen Expedition zur Beobachtung der Sonnenfinstcrniß am 18. August fügen wir als Ergänzung hinzu, waS ein Artikel der Elberf. Ztg. über den wissenschaftlichen Zweck und das muthmaßliche Ergebniß jener Beobachtung beibringt. Der Artikel beginnt mit einer Belehrung über die sogenannte Spektralanalyse. Jedermann weiß, daß, wenn man farbloses Lichte z. B. das Tageslicht, durch ein Glasstück gehen läßt, welches gegen einander geneigt, Flächen hat, Farben sichtbar werden, und zwar die sogenannten Negenbogenfarbcn. Vermittelst eines optischen Apparats, den man Spektroskop nennt, ist es möglich, einen einfachen farblosen Lichtstrahl in eine Skala der sämmtlichen Regenbogenfarben zu zerlegen. Man gewahrt alsdann in dem Apparat einen farbigen Streif, der in derselben Reihenfolge wie der Regenbogen die Farben Roth, Orangegelb, Grün, Hellblau, Dunkelblau, Violett zeigt, und den man Spektrum nennt. Außer den Farben sehen wir aber in dem Spektroskop noch eine andere Erscheinung. Wir bemerken nämlich, daß das Spektrum von schwarzen senkrechten Linien durchbrochen ist Schon Wollaston hatte im Jahre 1802 zwei der stärksten dieser Linien beoachtet. Später zeigte Fraunhofer, daß 600 vorhanden seien; nach ihm nennt man die Linien noch jetzt die Fraunhofer'schen L inien. Mit unsern jetzigen Mitteln hat man deren bereits 3000 gezählt. Die Frauenhofcr'schen Linien gehören znr Natur des Sonnenlichtes, während sie in dem Spektrum einer andern weißen Lichtquelle nicht zu finden sind. Jeder irdische, weißglühende, feste oder flüssige Körper gibt ein Licht, welches, in einem Spektroskop zerlegt, ein sogenanntes kontinuirlicheS Spektrum zeigt, das alle Farben von Roth bis Violett ohne die geringste Unterbrechung oder Qucrlinie enthält. Anders verhalten sich dagegen die leuchtenden gasförmigen Körper, d. h. die Flammen. Läßt man z. B. in einer Alkoholflammc etwas Kochsalz verbrennen und betrachtet dann das Spektrum dieser Kochsalzflamme durch ein Spektroskop, so bemerkt man keine kontinuirliche Reihenfolge von Farben, sondern nur zwei senkrechte, dicht bei einanderliegende gelbe Linien (durch ein schwächeres Spektroskop nur eine Linie). Nimmt man statt des Kochsalzes ein anderes Salz, z. B. ein Strontiansalz, so sieht man mehrere Linien, und zwar hauptsächlich rothe und noch einige schwächere in anderen Farben. Enthält die^Strontianflamme auch noch Kochsalz, so bemerkt man außer den Linien des StrontianS auch noch an ihrer ganz bestimmten Stelle die beiden Linien des Kochsalzes. Ebenso hat jedes andere Salz, in einer Flamme verbrannt, sein bestimmtes, auS Farbenlinicn bestehendes Spektrum; so geben z. B. Kalkverbindungen verschiedene orangefarbene, grüne 325 und rothe Linien, Kupfer eine große Menge Heller Linien in allen Farben über das ganze Spektrum vertheilt. Alle diese Linien treten immer an ganz bestimmten Stellen und i« denselben Distanzen von einander auf. Sind verschiedene Salze in der Flamme, so sind auch ihre verschiedenen Spektren gleichzeitig sichtbar, und zwar jedes vollständig in seinen bestimmten, ihm ungehörigen Linien. Man sieht also leicht ein, daß man auf diese Erscheinungen ein Verfahren gründen kann, um sofort die Bestandtheile einer Verbindung angeben zu können, die fähig sind, ein solches Linienspektrum zu liefern. Dieses Verfahren, von Bunsen und Kirchhofs erfunden und von ihnen Spektral-Analyse genannt, besitzt eine außerordentliche Empfindlichkeit. Man kann dadurch noch Quantitäten eines Stoffes nachweisen, die so gering sind, daß keine chemische Analyse sie je gefunden haben würde. So läßt sich z. B. noch der fünfzchnmillionste Theil eines Lothes Kochsalz nachweisen. Wenn man etwas Kochsalz in einem Zimmer verpufft, so zeigt jede Flamme in dem Zimmer in ihrem Spektrum die charakteristischen gelben Linien. Man fand auch durch die Spektral-Analyse, daß Lithium, ein Alkali'Metall, welches man für äußerst selten hielt, fast allgemein auf der Erde verbreitet ist, wenn es auch in so kleinen Quantitäten vorkommt, daß es bisher der chemischen Untersuchung entging, z. B. in der Cigarrenasche. Ja, Bunsen entdeckte durch dieses Verfahren zwei neue Elemente, Cäsum und Rubidium, deren Dasein man vorher wegen ihres äußerst geringen Vorkommens nicht ahnte. Die Flamme gab von ihrem Dasein Kenntniß, und es gelang dann auch, sie aus Mineralwasser, und zwar aus einer sehr großen Menge desselben, in geringer Quantität darzustellen. Ebenso bat man das Thallium auf diese Weise entdeckt. Wie hängen nun diese Entdeckungen mit den Frauenhofcr'schen Linien im Sonnenspektrum zusammen? Betrachten wir das Spektrum eines mit Flammen brennenden Körpers, z. B. von Kochsalz für sich, ohne Hinzulaffung eines andern Lichts in dem Spektralapparat, so sehen wir, wie bemerkt, zwei dicke gelbe Linien. Lassen wir nun Sonnenlicht hinzutreten, so verschwinden die gelben Linien, aber genau an ihrer Stelle treten in dem gelben Theil des Sonncnspcktrums zwei Frauenhofer'sche Linien dunkler als sonst hervor. Bei den Spektren vieler anderen Salze sehen wir dieselbe Erscheinung; ihren sämmtlichen farbigen Linien entsprechen im Sonnenspektrum genau an denselben Stellen Frauenhofer'sche Linien, die, wenn beide Spektra, das der Sonne und das des betreffenden Salzes, zusammen betrachtet werden, schärfer hervortreten. Machen wir ferner folgenden Versuch: wir bringen einen irdischen festen Körper, z. B. ein Stück Kreide, in einem sogenannten Knallgasgebläse in heftiges Glühen, so erhalten wir eines der stärksten künstlich darstellbaren Lichter. Dieses Licht, durch das Prisma zerlegt, zeigt uns ein Farbenspektrum ohne Linien. Setzen wir aber diesem Lichte ehe es ins Prisma fällt, eine Flamme, in welcher Kochsalz enthalten ist, in den Weg, so können wir, genau an derselben Stelle, wo im Sonnenspektrum sich zwei dunkle Linien befinden würden, dieselben dunklen Linien an diesem vorher linienloscn Spektrum bemerken. Dasselbe geschieht, wenn wir irgend ein anderes Salz in einer Flamme dem Lichte deS Knallgasgcbläses in den Weg setzen. Wir sehen dann immer auf dem vorher linienloscn Farbenspektrum, genau an den Stellen, wo daS Spektrum der betreffenden Flamme farbige Linien zeigen würde, jetzt dunkle Linien. Und so müssen denn auch Frauenhofer'sche Linien in dem Sonnenspektrum entstanden sein. Wir stellen uns demnach die Sonne als einen weißglühenden, festen oder flüssigen Körper vor, umgeben von einer Atmosphäre, die bei der überaus hohen Temperatur der Sonne Stoffe in Gasform enthält, welche auf unserer Erde in gewöhnlichem Zustande nur fest oder flüssig vorkommen. Diese gasförmigen Körper sind glühend, also flanuncnförmig, würden also für sich auS farbigen Linien bestehende Spektra erzeugen. Hinter diesen linienartigen Spektren befindet sich aber das kontinuirliche Sonnenspektrum, und deshalb erscheinen uns die Linien nicht mehr farbig, sondern dunkel, als Frauenhofer'sche Linien. Die Stoffe also, deren Flammen uns Spektra in farbigen Linien zeigen, denen im Sonnenspektrum Frauenhofer'sche Linien ganz genau entsprechen, müssen in der Sonncn-Atmosphäre enthalte« 326 sein. Man könnte glauben, eS sei bei Vergleichung der farbigen Linien der Flammenspektra mit den Fraunhofer'schen Linien des Sonnenspektrums, bei deren großer Anzahl, manche Täuschung möglich; aber die Fraunhofer'schen Linien haben so charakteristische Stellungen zu einander, deren Distanz genau gemessen werden kann, und unterscheiden sich selbst von einander so sehr durch ihre Dicke, daß bei jener Vergleichung eine Täuschung nicht wohl möglich ist. Die große Anzahl der Linien erklärt sich daraus, daß manche Spektra aus sehr vielen Linien, z. B. das des Eisens aus 60 , zusammengesetzt sind, die mit 60 Frauen- hofer'schen Linien vollkommen korrcspondiren. Aber auch viele unbekannte Stoffe müsse» in der Sonne enthalten sein, deren Spektra wir nicht kennen. Es steht fest, daß Eisen, Zink, Kupfer, Barium, Natrium, Magnesium, Calcium und mehrere andere in der Sonne enthalten sind. Andere Körper, wie Silicium, Lithium, Arsen, Strontium, Antimon, Blei, Zinn, Gold, Silber, sind nicht darin enthalten. So wahrscheinlich nun aber auch diese ganze von Kirchhofs aufgestellte Theorie war, so blieb sie dennoch bisher nur Hypothese. Denn zur Feststellung naturwissenschaftlicher Wahrheiten gehört der direkte Beweis durch das Experiment. Ein solcher konnte nur dann geliefert werden, wenn eS mögljch wurde, das Licht der Sonncn-Almosphäre ohne Hinzutritt des Lichtes des festen Sonnenkörpers zu beobachten, und deshalb wartete man mit Sehnsucht auf die totale Sonncnsinsterniß vom 18 . August d. I. Bei einer totalen Verfinsterung der Sonne ist die Sonnenscheibe ganz bedeckt und nur die nächste Umgebung derselben dem Auge sichtbar. Liefert diese oder auch nur ein Theil derselben ein aus hellen Linien bestehendes Spektrum, so hörte die Anschauung von Kirchhofs auf, bloße Hypothese zu fein. Hr. Herschel hat nun telc- graphirt daß er wirklich helle Linien in dem Spektrum einer Protuberanz (einer glühenden Hervorragung) beobachtet und somit den direkten Beweis erhalten hat, daß wenigstens die Protubcranzen gasförmig und in ihren Bestandtheilen bestimmbare Körper sind. Bestätigt sich Dieß, so ist damit einer der größten Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwisscn- schaft gemacht worden. Die öffentliche Meinung. Ich bin der mächtigste Regent Auf weitem Erdenrunde. Denn Alles ist mir Unterthan Und hängt an meinem Munde. Ich bin auch Papst, unfehlbar ist, WaS ich der Welt verkünde. An mir zu Intel», mich zu schmäh'n Gilt für die größte Sünde; Mein Urtheil gilt als Richterspruch Dem Thoren wie dem Weisen; Auf mich beruft sich Jeder, der Zu schwach ist zum Beweisen. Ich bin Gott selbst, um meine Gunst Sich Könige bemühen, Anbetend liegt die ganze Welt Stets vor mir auf den Knieen. Doch merk'S, ich bin auch ein Tyrann, Und knechte streng die Geister, Ich dulde keinen Widerspruch, Auch nicht vom größten Meister. Und Millionen Häupter sich Vor mir respektvoll senken. Die willig meine Sklaven sind. Nicht fähig, selbst zu denken. Valentin Niedel. (Die Trappisten als Opernsänger.) Der „Salut Public" von Lyo» berichtet einen unmuthigen Zug klösterlichen Stilllebens. Unter einer größeren Reise- Gesellschaft, welche eines Tages die Gastfreundschaft der Grande-Chartreuse in den weiten Räumen deS Kloster - Refectoriums in Anspruch nahm, befand sich auch der Baritonist Meric von der großen Oper. Leider regnete es in Strömen, und man braucht, wie Manche es erfahren haben, noch kein Feinschmecker zu sein, um den Küchenzettel von La Trapp etwas mager zu finden. Um die solchen Umständen angemessene Stimmung in etwas zu heben, machte man dem Gesangskünstler den Vorschlag, etwas zum Besten z« 327 geben. Derselbe war wohl damit einverstanden, doch forderte eS der Anstand, die Zu» stimmung der Gastfreunde zu erhalten. Hr. Meric wandte sich an den Pater Speise- meister, der die Verantwortung ablehnte. Man appellirte an den Pater Provincial mit gleichem Erfolg. Vom Pater Provincial abgewiesen, ließ sich Hr. Meric zum Pater Coadjutvr führen, doch auch da fanden seine Bitten taube Ohren. Es blieb nur noch die höchste Instanz, der Pater General übrig. Nun wohlan, sagte Meric, so führe man mich zum Pater General. Dieser vernahm das sonderbare Begehren mit lächelnder Miene. „Sie sind also Opernsänger," erwiederte er ihm. „Ja, Ew. Hochwürden." „Auch wir sind hier Opernsänger. Opera heißt die Werke. Alle Nächte von 12 bis 3 Uhr versammeln wir uns im Chor, um die Opera Gottes zu singen, d. h. die Werke seiner Größe und seiner Barmherzigkeit. Wir haben auch unser Orchester: der Wind, der im Walde stürmt, das Brausen des Stromes, den Donner der Lawinen. Auch an Zuhörern fehlt es nicht, es sind die Engel, die unser Gebet zum Throne Gottes empor- tragen. Gehen Sie, mein Sohn, singen Sie nur zu, ich gestatte es Ihnen, ich kenne keinen Punkt unserer Regel, der es verböte." (Das niesende Standbild.) Von dem kürzlich in einem Irrenhause verstorbenen Schauspieler Dotter, der sowohl in Wiener und Berliner Thcatcrkreisen, als auch in Stuttgart sehr bekannt war und Reminiszenzen aus seinem Leben meisterhaft zu erzählen wußte, erzählt man sich einen ergötzlichen Schabernack, den er einem Collegen spielte, in nachfolgender Weise: Er war mit einem gegenwärtig in Magdeburg als Weinhändler lebenden ehemaligen Bassisten engagirt, und eines Abends spielte dieser den Komthur im „Don Juan." Nun ist aber der genannte Bassist ein leidenschaftlicher Schimpfer, und aus diese Leidenschaft hatte Dotter einen schwarzen Plan gebaut In der Kirchhofsscene, wo der Komthur, hoch zu Roß, den Marschallsslab in der Hand als „steinernes Gebilde" erscheint, kam der Plan zur Ausführung. Dotter, eine Dose mit Nieswurz in der Hand, stellte sich da auf, wo sein Kunstcollege vorüber mußte, um sein steinernes Roß zu besteigen; als Letzterer nun den mit größtem Behagen eine Prise zur Nase führenden Dotter erblickte, griff er ebenfalls in dessen Dose, versorgte seine Nase reichlich und nahm dann seinen Platz ein. Jetzt erscheint Lcporello, wendet sich mit seiner Einladung an das Steinbild, stutzt aber nicht wenig, als er im krampfhaft verzerrten Gesichte dessen Kampf mit den Wirkungen der Nieswurz wahrnimmt. Der Reiz wird immer größer, die Anstrengungen, einen Ausbruch zurückzuhalten, immer verzweifelter, endlich aber ist die Wirkung des Reizmittels so überwältigend, daß das Steinbild zum anfänglichen Erstaunen, späteren hohen Gaudium des Publikums in ein ununterbrochenes „Hatschis! Hatschi!" ausbricht. Der Vorhang muß unter unauslöschlichem Gelächter der Zuschauer fallen. Der Director versucht umsonst den wüthenden Komthur wegen des Vorfalles zur Rede zu stellen; einzelne Flüche, von fortwährenden „Hatschis" unterbrochen, sind die ganze Antwort, die er erhält. Inzwischen hat Dotter den Inhalt seiner Dose fortgcfchüttet und mit unschuldigem Tabak vertauscht, der denn auch, auf die Anklage des wüthenden Bassisten von der Direction und Sachverständigen untersucht, als unfähig, ein solches Niesen zu erzeugen, befunden wird. Erst lange Zeit später hat Dotter diesen von ihm gern erzählten Streich seinem Collcgcn offenbart und dessen Verzeihung erhalten. Dieser gerieth aber noch nach Jahren in Wuth, wenn ihm ein College „Helf Gott!" zurief. (Heidelberg. — Geld herbei!) Ein unglücklicher Vater, welcher seinem in Heidelberg studierenden Sohne nie genug Geld schicken konnte, fand es schließlich begreiflich, daß Heidelberg ein theures Pflaster sei, da, die Buchstaben versetzt, Heidelberg nicht» Anderes heißt, als: „Geld herbei!' 328 (Wetterpropheten.) Billiger, wie alle künstlichen Wetteranzeigcr, gibt der Blutegel einen trefflichen Barometer ab, wie dies Jedermann prüfen kann. Man wirst einen oder mehrere dieser Thiere in eine gläserne mit Wasser gefüllte Flasche und wird finden, daß der Egel bei Veränderung der Atmossphärc seine Lage verändert. Bei heilerem, schönen Wetter bleibt er auf dem Boden der Flasche ohne Bewegung und in einer Schncckenlinic gekrümmt liegen. Wenn es regnen will, steigt er einige Stunden vorher bis zur Oberfläche des Wassers in die Höhe und bleibt daselbst so lange liegen, bis sich das Wetter anläßt, wieder schön zu werden. Wenn es windig werden will, durchläuft er das Gefäß mit großer Geschwindigkeit und hört nicht eher auf, bis der Wind zu wehen angefangen hat. — Wenn ein Donnerwetter einfallen will, so befindet sich der Blutegel mehrere Tage hindurch beständig außer dem Wasser, ist unruhig, und erleidet heftige Convulsionen und Zuckungen. Den Winter hindurch bleibt er beständig auf dem Grunde der Flasche in einer Schneckcnlinie gekrümmt. Bei Regen und Schnee nimmt er seinen Sitz an der Mündung der Flasche. — Diesen nur der Wettcranzcige wegen eingesperrten Egeln darf man im Sommer wöchentlich nur einmal frisches Wasser geben. Im Winter bedürfen sie alle 14 Tage einer Veränderung des Wassers. (Zur Geschichte der Wurst.) Schon bei den alten Griechen nnd Römern ist die Wurst eine beliebte Speise gewesen. Aus der griechischen Benennung der Wurst, welches Wort an nllium, Knoblauch, erinnert, scheint hervorzugehen, daß die Alten Knoblauchwürste fabricirt haben. Auch bei den Römern erzählt Martial und Seneca vom I><>l»Iiii'iii8 oder Wursthändlcr. Die Blutwurst scheint zuerst zur Zeit des morgen- ländischen Kaisers Leo IV. (886 — 911) das Licht der Welt erblickt zu haben. Genannter Kaiser eriuß nämlich gegen dieses harmlose Fabrikat folgenden, wahrhaft blutmürstigen Erlaß: „Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Menschen geradezu so toll geworden sind, theils des Gewinnes, theils der Leckerei wegen, Blut in eßbare Speisen zu verwandeln! Es ist uns zu Ohren gekommen, daß man Blut in Eingeweide, wie in Säcke, einpackt, und so als ein gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Wir können nicht länger ausstehen und zugeben, daß die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung blos aus Schlemmerei sreßlnstigcr Menschen geschändet werde. Wer Blut zur Speise umschafft, er mag nun dergleichen kaufen oder verkaufen, der werde hart gegeißelt und zum Zeichen der Ehrlosigkeit bis auf die Haut geschoren. Auch die Obrigkeit der Städte sind wir nicht gesonnen, frei ausgehen zu lassen; denn hätten sie ihr Amt mit mehr Wachsamkeit geführt, so wäre eine solche Unthat nie begangen worden. Sie sollen (jetzt kommt die Moral) ihre Nachlässigkeit mit 10 Pfund Goldes büßen." — Da noch heute die Blutwurst nicht ausgcstorben ist, scheint doch dieses furchtbare Edikt den allcrunterthänigsten Unterthanen sehr — „Wurscht" gewesen zu sein! Charade. (Dreisilbig.) Durchsichtig sind die Ersten, wie das Zweite, Und dennoch von einander so verschieden; Die beiden Ersten biet' ich dir im Zweiten, Als Labsal sind sie uns von Gott bcschiedcn. Doch wenn das Zweite leichten Schaden nahm. Das dir wohl gar von lieben Händen kam, So magst du ohne Zaudern und Verweilen, Ihn mit dem Ganzen wieder sorglich heilen. Auflösung der Charade in Nr. 38: „Saumseligkeit." Druck, »«lau »üb Rebalttoa be« Itterarischeu Institut« von vr. M. Huttl». Nr. 4S 18. Octbr. 1868, Augsbrrrger Mnn schilt dich rechts, man schilt dich links — So bleibe in der Mitten. Der bat nicht recht geschafft, gekämpst. Der nicht auch was gelitten. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. v. Ein Schmerz für's ganze Leben. Weh! weh! daß ich es sehen muß Du blickst so scheu! Verlegen machet dich mein Gruß, Du brächest die Treu? — Wer den Zustand eines Liebenden kennt, wird begreifen, mit welcher Sehnsucht und Ungeduld Olearius das Ziel seiner Reise, Langensalza, herbeiwünschte, auch dieser Wunsch erfüllte sich endlich und Olearius eilte mit schnellen Füßen dem Hause zu, wo sein theuerstes Erdengut weilte. Wie freudig gedachte er Lieschen zu überraschen! Wie freudig von ihr empfangen zu werden! Was hatte er für Sie und Agathen erduldet, gelitten, gewagt! Mußte sein Lohn nicht desto süßer werden? Die Linke in der Rocktasche, bei den Kammerscheinen und seinem eigenen kleinen Schatze, sowie zwei Paar goldenen Ohrringen, die er für die Mädchen in Berlin gekauft hatte, klinkte er die Stubenthüre des Parterres leise auf. Ha! da saß Lieschen am gewohnten Platze und liebreizender als je. Mit etwas größerem Feuer, als es einem ehrsamen Theologen eigentlich geziemte, stürzte Olearius auf die Jungfrau zu, umfing das höcklich betroffene Kind und wollte einen Kuß auf den rosigen Mund drücken. Allein Lieschen wendete rasch das Köpfchen bei Seite, streckte wie abwehrend die Hände aus und sprach erröthcnd und verlegen zugleich: „Ach, Herr Magister, wie haben Sie mich erschreckt!" Ueber diesen mehr als kühlen Empfang bestürzt, starrte Olearius seine Braut sprachlos an und gewahrte jetzt, wie zwei große goldene Ohrreifen mit köstlichen Perlen in deren Ohren funkelten, wie die Trauerkleider bald einer anlockenden, Putzreichen Kleidung Platz gemacht hatten. Eben öffnete er den Mund, nach der Ursache dieser unverhofften Verwandlung zu fragen, als die Thüre hastig aufgerissen wurde und durch dieselbe ein bildschöner Mann mit klirrenden Sporen hcrcineiltc, und ohne den Candidaten im Mindesten zu beachten, Lieschen umarmte Diese zwar wiederholte die vorige Pantomime des Sträubens, erröthete noch höher als vorhin, und begleitete ihre Abwehr mit den Worten: „Pfui doch, Herr Lieutenant!" Ein Menschenkenner jedoch würde den wahren Sinn dieser Rede, laut ihrer keineswegs unwilligen Betonung, also übersetzt haben: „Aber, liebster Lieutenant, nimm dich doch ein Bischen in Acht, siehst du denn nicht, daß noch ein unberufener Dritter uns beobachtet?" Wirklich verstand auch der Lieutenant den Wink sofort. Einen grimmigen Blick auf den versteinert dastehenden Störenfried werfend, hob er spöttisch zu Lieschen an: „Sage mir doch, mein süßes Lieb, was Du mit diesem Menschen hier anfangen willst?" Und abermals zwang Lieschen ihre Stirn in finstere Falten, und wiederholte: 330 „Pfui doch, gnädiger Herr! Es ist ja unser Hausgenosse, Herr Magister Olearius, der meiner Schwester Agathe in der Woche einigemal Unterricht ertheilt." „O er soll heute, morgen, die ganze Woche Ferien haben!" — lachte der Lieutenant — «gewiß wird er mir Dank dafür wissen." Diese Worte waren begleitet von einer Bewegung mit der Hand, welche den Can- didaten gehen hieß. Dieser aber schien plötzlich in eine Bildsäule verwandelt worden zu sein. Unbeweglich, mit dem Ausdrucke des tiefsten Entsetzens, starrte sein Auge auf Lieschen hin, welche, unfähig den Blick zu ertragen, sich auf ihre Arbeit niederbückte. „Hat der Herr mich verstanden?" fragte der Lieutenant ernst und trat auf die schwarze Bildsäule zu — „oder soll ich noch deutlicher reden?" Er zeigte auf die Thüre. Und vernichtet schlich Olearius durch dieselbe davon. Wohl war es ein gewaltiger Schreck gewesen, als die Mauthbeamtcn die Sechstel- säcke in Beschlag genommen hatten. Wohl hatte ein tiefes Weh des Magisters Brust durchschnitten, als er vom Oheim sich enterbt und verhöhnt gesehen. Wohl hatte sein Herz in tausend Aengsten gepocht, als er in Potsdam die Bittschrift emporgehalten. Was war aber dies Alles gegen den namenlos unsäglichen Schmerz, der jetzt in seinem Innern wüthete, als er sich von der Heißgeliebten, für welche er freudig sein Leben hingegeben hätte, verleugnet sah? Das Herz drohte ihm unter den gewaltsamen Schlägen zu zerspringen. Vernichtet, fast von Sinnen, wankte er hinauf in sein stilles Kämmerlein. Zerschmettert sank er in seinen alten Lehnstuhl, sein Haupt, sein armes müdes Haupt barg er in die Hände, und nur der eine Gedanke stieg wie ein flehender Seufzer zum Himmel empor: „O Mutter, Mutter, nimm dein armes Kind zu dir!" Plötzlich fiel ein heißer Tropfen in seinen Nacken. Mechanisch wendete sich sein Antlitz um und Agathe, seine Schülerin, barg weinend das Ihrige an dem Seinen. Und sie weinte immer lauter und schmerzlicher ob der Schwester, der Verblendeten. Und ihre Thränen wirkten wie milder Thau auf die gebrochene Seele des Candidatcn, und die heißen Tropfen schmolzen die starre Rinde, die sein Herz umfangen gehalten. Unaufhaltsam brachen Ströme aus seinen brennenden Augen, erst bitter und schmerzlich, nach und nach aber lindernd und beruhigend. «Hier, Agathe," sprach Olearius, nachdem er sich wieder etwas gefaßt hatte, seine Taschen leerend — „hier hast Du, was ich Euch Beiden zugedacht. Diese verfaulten Kirschen — diese teigig gewordenen Birnen von der königlichen Tafel — wollten sie mir nicht voraus deuten, daß all' meine freudigen Hoffnungen gleich wie sie verderben würden? Da, nimm diese Kammerscheine! Die Häifte gehört Dir — hebe sie sorgfältig auf — Du wirst ihrer einst gar sehr bedürfen, wenn Deine Schwester aus ihrem Rosen- traume schrecklich erwacht sein wird. Aber sage mir, wer ist die buntschillernde Schlange, die sich zwischen mir und Lieschen eingcschlichen hat?" „Er ist ein preußischer Werbe-Offizier" — berichtete Agathe — „heißt Herr von Rosenthal und kam bald nach Ihrer Abreise hier an, wo er sich sofort an meine leichtgläubige Schwester andrängte, und ihr nun alle möglichen Luftschlösser vormacht, die eines Tages gewiß in ein elendes Nichts zerfließen werden. Ach, wie sehr habe ich sie schon gebeten, von dem schlechten Menschen abzulassen, der ein Spieler von Profession ist und schon viele Mädchen unglücklich gemacht haben soll. Aber tauben Ohren nur habe ich immer gepredigt. Lieschen ist verblendet und taumelt mit offenen Augen freudig in ihr Verderben." „Ja, ja," sagte Olearius gedankenvoll, „sie gleicht der Mücke, die Tausende ihrer Schwestern von den verzehrenden Flammen des Lichtes verbrannt und in Todeszuckungen liegen sieht, und sich nichts desto weniger in das verderbende Element hineinstürzt. Flehen wir zu Gott, daß er seine Engel sende, sie zu behüten, sonst ist sie rettungslos verloren." Nachdem Agathe ihren Lehrer wieder verlassen hatte, und der Abend mit seinem traurigen Dunkel hereingebrochen war, begann der Kampf von Neuem. Olearius ranz mit sich selbst, unterlag, weinte, betete, rang abermals, um immer wieder zu unterliegen. Lieschen wollte sich nicht aus seinem Herzen reißen lasten, obgleich sie dasselbe gebrochen hatte. Erst nachdem er in einem langen Briefe an Lieschen sein Herz ausgeschüttet, wurde er etwas ruhiger. Mit sanften, eindringlichen Worten hatte er sie auf all' die Gefahren aufmerksam gemacht, denen sie durch die vertraute Bekanntschaft entgegen gehe. Von seiner Neigung und seinen Hoffnungen schweigend, hatte er blos ihr Wohl in's Auge gefaßt und in diesem Sinne als bloßer Freund ermähnt und gewarnt. Dieses Schreiben ließ er am andern Morgen Lieschen durch ihre Schwester zukommen, mußte aber mit tiefem Schmerze erfahren, wie auch dieser wohlgemeinte Schritt keine Wirkung auf die Bethörte hervorbrachte, welche geflissentlich jedem Zusammentreffen mit ihrem vorigen Bräutigam auswich. Von nun an ward diesem das Haus, in welchem der Lieutenant mehr als in dem seinigen war, zur Hölle, welche er daher am frühen Morgen floh und die er erst am Spätabends wieder betrat. Agathe litt doppelt; sie trauerte über die Verblendung ihrer Schwester, wie über das Dahinsiechen ihres thenren Lehrers, der sich aufzureiben drohte. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Zucht des japauesischen Seidenspinners (Domdvx-Xams-ms^u.) (Bamberg.) Wie allgemein bekannt, ist der Maulbeerspinner (komb^x mari) seit mehreren Jahren von einer Seuche heimgesucht, die abwechslungsweise mehr oder minder verheerend auftritt und das Ergebniß der Seidenzucht in neuerer Zeit sehr bedeutend beeinträchtigt. Die eigentliche Ursache dieser Krankheit konnte ungeachtet aller Bemühungen bis jetzt nicht ermittelt werden. Sie wurde theils in der Beschaffenheit des FuttcrS, theils in der Behandlung der Raupen, dann in dem ungeeigneten Zustande der Lokalitäten gesucht, welche zur Raupenzucht benutzt worden sind. Allein vielfache Erfahrungen haben gelehrt, daß keine der angeführten Ursachen der ausschließliche Grund der Raupcnseuche sein kann, weil bei anscheinend ganz gleichen Verhältnissen an einem Orte die Seuche geherrscht hat, während ein anderer Ort davon verschont geblieben ist. Der äußerst betrübende Einfluß, welchen diese Krankheit auf den Seidenbau ausübte, hat nun die Veranlassung gegeben, daß seit einigen Jahren auch mit anderen Seidenspinnern Zuchtversuche angestellt wurden. Unter diesen befand sich namentlich auch der Uomd^x-Vamu-mayu oder Vama-mni, welcher auf Eichen lebt und in Japan bereits seit längerer Zeit zur Seidengewinnung kultivirt wird. Von diesem Seidenspinner gelangten im Jahr 1861 nach Frankreich, im I. 1863 nach Holland und im I. 1864 nach Preußen und Oesterreich Eier aus Japan, mit denen an mehreren Orten Zuchtversuche mit theilweise glänzendem Erfolge angestellt wurden. Im I. 1865 gelang es dem Pros. Dr. Hoffmann (einem geb. Bayern) in Leyden, eine ansehnliche Quantität frischer Eier des Xama-ma^u direkt aus Japan zu erhalten, welche an verschiedene Interessenten in den Niederlanden und in Deutschland vertheilt wurden, und von denen durch Vermittlung des Naturalienkabinet-Jnspektors und Lyceal-Profestors I)r. Haupt in Bamberg auch eine Partie hieher kam. Auf Veranlassung eines von demselben im Gartenbau-Verein Bamberg gehaltenen Vortrages wurden noch im nämlichen Jahre Zuchtversuche angestellt, und ein Züchter hatte das Glück, seine Be- rnühungen von so günstigem Erfolge begleitet zu sehen, daß der im I. 1865 empfangene japanesische Same sich bereits in der vierten Generation fortpflanzte und die schönsten und kräftigsten Exemplare an Raupen und Cocons lieferte. Auf diese glücklichen Zuchtversuche in Bamberg ist bereits im Kreisamtsblatt für Obcrfrankcn Nr. 55 vom 27. Juni 1868 durch das landwirthschaftliche Kreiskomits, sowie in mehreren naturwissenschaftlichen Zeitschriften (u. a. im „Zoologischen Garten", Frankfurt Jahrg. 1867, Heft 12, S. 481; in der „HstlsoIirM voor LntomoioAie v. I. IX. 1866; im „Lotos", Prag 1367, 332 S. 179; in der „Gaea", Köln und Leipzig LL68, 4. Heft; im „Jahresberichte des Mannheimer Vereins für Naturkunde" 1868; in den Mittheilungen der Bernischen natur- forschcndcn Gesellschaft 1868; in den „Verhandlungen der k. k. zoologischen Gesellschaft zu Wien" 1867; in den „Mittheilungen der k. k. Mährisch-Schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Länderkunde in Brunn" 1867, S. 368 u. s. w.) hingewiesen worden. Nach diesem Erfolge kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß sich der japanesische Eichenspinner Hmu-mazm auch in Europa und namentlich in Deutschland vollkommen akklimatisiren und mit dem günstigsten Resultate züchten lasse- Wenn nun erwogen wird, welche große Summe Geldes für Seide aus dem ZollvcreinS- gcbiete in's Ausland geht, und wenn man in Betracht zieht, in welcher Kraft und Fülle das Futter bei uns vorhanden ist, welches dem 1'umu-mazm zur Nahrung dient, so liegt hierin gewiß die dringendste Aufforderung, der Zucht dieses Seidenspinners allen möglichen Vorschub zu leisten und dessen Verbreitung mit allen Mitteln um so mehr anzustreben, als dieselbe von einem unberechenbaren volkswirthschaftlichcn Nutzen sein würde; denn durch das Urtheil von compctentcn Sachverständigen ist bereits erwiesen, daß die iu Bamberg gezogenen Cocons des luma-mazm sehr seidenreich sind und eine Seide*) enthalten, welche dem Gespinnste des Ikomllvx mori an Glanz, Weichheit, Elasticität und Festigkeit durchaus nicht nachsteht und dasselbe in der Stärke sogar übertrifft, indem zum Abhaspeln der Seide des Uma-ma^u 2 Cocons genügen, während bei dem Maulbecrspinner drei Cocons genommen werden müssen. Behufs allmählicher Ausbreitung der Zucht des Eichenspinncrs wäre vor allem nöthig, auf Erzeugung einer möglichst großen Anzahl von Eiern Bedacht zu nehmen. Zu diesem Zwecke sollten namentlich von Seite der Seidenbau-, landwirthschaftlichen und industriellen Vereine Eier in größeren Quantitäten acquirirt und je nach dem Umfange der Räumlichkeiten, welche zu den Zuchtversuchen benützt werden könnten, in größeren oder kleineren Partien an die Mitglieder, welche zu den Zuchtversuchen sich bereit erklären oder an sonstige Zuchtlicbhaber vertheilt werden. Sodann müßten solche Zuchtlicbhaber, welchen bereits günstige Erfolge zur Seite stehen und von denen daher eine gründliche Beobachtung und sichere Behandlung mit Grund erwartet werden kann, veranlaßt und in den Stand gesetzt werden, mehrfache Zuchtversuche in größerem Maßstabe zu unternehmen, um nicht bloß das Einfachste und zuverlässigste Verfahren für die Binnenzucht zu ermitteln und zu erproben, sondern auch die Bedingungen festzustellen unter welchen die Freizucht sicher durchzuführen ist. Wir möchten hiermit nicht blos die gedachten Vereine und sonstige Interessenten, sondern auch die Regierungen auf einen Gegenstand aufmerksam gemacht haben, welcher in unserer au Noth nicht minder als an Luxus reichen Zeit besonders bcachtenswerth scheint, und verweisen deshalb Alle, welche sich über die Natur und Behandlung des Eichenspinncrs näher unterrichten wollen, auf die jüngst erschienene Schrift des oben erwähnten erprobten Züchters. Inhalts derselben können Eier bester Qualität von akklimatistrtcn Raupen im Preise von 4 Gulden zu 100 Stück durch den Gartenbauverein in Bamberg bezogen werden. Das Südamerikanische Erdbeben l Neuerer Bericht aus New-Dork.) Das schreckliche Erdbeben in Süd-Amerika scheint sich von Fort Conception an der südlichen Küste von Chili bis nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors, welche direkt unter dem Acquator liegt, erstreckt zu haben. Man schätzt die Länge der Küste, welche von dem Erdbeben heimgesucht worden war, auf ungefähr 2000 Meilen. Es ist noch nicht bekannt, wie weit sich die Erderschüttcrungen in's Innere des Landes erstrecken, man nimmt aber an, daß dieselben bis an den Fuß der Cordilleren reichten. Peru, Ecuador *) Der Bamberger Gartenbauverein hatte bei der Weltausstellung zu Paris Proben hievou ausgestellt, welche die vollste Anerkennung von Sachverständigen fanden. 333 und Chili scheinen, so weit man erfahren hat, am meisten durch die Katastrophe gelitten zu haben. Von Bolivia und der Argentinischen Republik sind noch keine Nachrichten eingelaufen und Seeleute, welche in Peruvianischen Häfen eingelaufen sind, berichten von ungeheuren unterseeischen Wallungen, von welchen ihre Schiffe auf hoher See umhergc- schleudert wurden. In der Nacht vom 12. August hörten die Bewohner von Talcahuano ein unheimliches Acchzen, vom Süden herkommend. Die Erde zitterte ein wenig, aber bald war Alles wieder ruhig. Der nächste Tag verging, ohne daß ein weiteres Zittern verspürt oder Acchzen vernommen wurde. Früh am Abend des 14ten wiederholten sich die Erscheinungen vom vorherigen Tag und hörten wieder auf wie vorher. Endlich um neun Uhr Abends erhob sich das Getöse von Neuem und nahm aber jetzt einen viel strengeren Charakter an. Das Acchzen vom vorhergehenden Tag war nun zu einem donnerähnlichen Rollen angewachsen, welches im Innern der Erde sich von Süden nach Norden hin zu ziehen schien. In diesem Augenblick erschütterte ein Erdstoß die Gebäude, daß Holz- und Mauer- werk herabstürzten und die Bewohner schreiend und klagend auf die Straßen liefen. Während sich die ganze Einwohnerschaft in die Vorstädte flüchtete, und den Bergen zulief, trat die See durch das sich hebende Land getrieben zurück, und stand für einen Augenblick wie eine Waflermauer in die Höhe, um in der nächsten Sekunde zurückzukehren und das Land mit seinen Fluthen zu überschwemmen. Die halbe Stadt wurde hinweggerisscn und die andere Hälfte fast unbewohnbar gemacht. Vier Menschenleben waren dabei zu beklagen, und für 300,000 fl. Werth-Eigenthum wurde zerstört. Tome, eine andere Stadt, wurde auf ähnliche Weise heimgesucht, aber wahrscheinlich ihrer höheren Lage wegen nicht so stark beschädigt, wie Talcahuano. Der Ha^n von Constitutiou erlitt nur wenig Schaden. Es wurden einige Schiffe an das Ufer geschleudert, die jedoch kein erhebliches Unheil an Häusern anrichteten. Eine hohe See tobte gegen Valpareiso, aber ohne Schaden zu thun. Die unterirdischen Erschütterungen, welche am 12ten Chili erschreckten, aber dieses Land am folgenden Tage verschont hatten, erhoben sich am Nachmittag des Dreizehnten und erschütterten die Grundfesten von Peru. Um fünf Uhr Nachmittags wurde dasselbe ahnungsvolle Tosen, welches die Ohren der Einwohner von Talcahuano betäubt hatte, von den Bewohnern Jqnigucs, einer Stadt am südlichen Seeufer von Peru, vernommen; von da eilte es nördlich und brachte in einigen Minuten die ganze Bevölkerung des westlichen Peru auf die Beine. Die Bürger, welche einsahen, was zu erwarten stand, verließen ihre Häuser unmittelbar bevor der Boden unter ihnen zu wanken anfing. Dann als der Stoß an Heftigkeit zunahm, erhoben sich herzzerreißende Schreie und Hülferufe. Die Wände von Gebäuden krachten schwer, das Pflaster borst auf den Straßen und die Steine flogen hoch in die Lüfte. Kamine stürzten ein und Thürme fielen zusammen; niedrige Gebäude, welche nicht fest genug waren, den Stößen zu widerstehen, kamen krachend auf die Erde. Das Getöse der fallende» Steine und das Gejammer der Menschen übertönte selbst das Rollen des unterirdischen Donners. „Kinder jammern, .Mütter irren, Thiere wimmern unter Trümmern Alles rennet, rettet, flüchtet rc. ec/ Staubwolken erblindeten und erstickten die verwirrte Beenge, welche vergebens nach einem Ausweg suchte. Das zeitweilige Acchzen derer, die unter den Trümmern eingestürzter Häuser lagen, gab kund, daß nicht Alle gerettet worden waren, sondern daß der Tod in allen Ecken auf seine Opfer lauere. Das Unglück brach gerade um die Stunde herein, wo die meisten Leute von ihrer Arbeit heimgekehrt waren. Sobald die Anzeichen eines Erdbebens verspürt wurden, entstand ein allgemeiner Andrang, in's Freie zu gelangen, was Einige auch unversehrt 334 erreichten,' aber Manche auch nicht. Die Straßen boten ein schreckliches Schauspiel dar. Alle Gebäude der Stadt zitterten wie vom Fiebcrschütteln Befallene. Dann hoben und senkten sie sich und einige brachen mit lautem Getöse zusammen. Die Erde öffnete sich stellenweise in langen, fast gleichen Streifen; mit Oeffnungen von drei bis vier Zoll Breite. Das Gefühl war gerade wie von einem unter der Erde hinrollenden Gegenstände. Aus den Oeffnungen drang trockener Staub, gefolgt von erstickendem Gase. Bald bedeckte eine dicke Staubwolke die Stadt, das Tageslicht ausschließend, zwischen der Staubwolke und der Erde war nur das erstickende Gas, welches Alle erstickt haben würde, wenn es länger angedauert hätte. Die Erschütterungen waren drei an der Zahl, wovon eine immer stärker war als die vorhergehende. Sobald als die Erschütterungen aufhörten, verzog sich der Staub und das Gas, und es wurde wieder helle. Darauf folgten kurz aufeinander Stöße, welche von unterirdischen Explosionen herzurühren schienen. Aus allen Theilen der Stadt flüchteten sich die Bewohner nach den Bergen; hinweg von der gefahrdrohenden Nähe der Häuser, welche jeden Augenblick zusammenfallen konnten. Die Menschen taumelten wie Betrunkene von einer Seite auf die andere, während einige von den fallenden Trümmern erschlagen oder verletzt wurden. Biete hatten Kinder auf den Armen. Andere schleppten Wertsachen mit, und Viele, die sie umgebenden Schrecken vergessend, benutzten die Confusion, sich durch Wegtragen von Kostbarkeiten rc. zu bereichern. Draußen auf der See thürmten sich die Wasser zu einem Anlauf, der vollständige Zerstörung der Stadt herbeiführen sollte. Aufgehoben durch die fürchterlichen Convulsionen, zeigten sich dieselben als eine ungeheure Welle von 40 bis 50 Fuß Höhe und stürmten gegen die Bucht. Der Anblick war zugleich grauenhaft und erhaben. Als sie gegen das Ufer donnerte, riß sie Schiffe aus ihren Ankergründen, indem sie dieselben abriß, als wären eS Papicrschnüre. Mit zwanzig bis dreißig Kriegs- und Kaufsartheischiffen auf ihrem Gipfel stürzte sich diese mächtige Woge auf das Festland. Halb Arica nebst Vorstädten wurde darunter begraben. Was noch gestanden hatte, wurde von diesem Element verschlungen; so daß auch nicht die Spur eines Hauses als ein Erinnerungszeichen zurückblieb. Fünfhundert Menschen fanden den Tod in den Trümmern der eingestürzten Gebäude und den Fluthen der erregten See. Unter den öffentlichen Gebäuden war das Zollhaus mit einem Waaren-Vorrath im Werthe von 4,000,000 Dollars. Das Vorrathsschiff der Vereinigten Staaten („Fre- donia") ging mit 1,800,000 st. Werth-Waaren unter und verlor seine ganze Mannschaft von 30 Personen. Der BundcSdampfcr „Wateree" wurde, ohne große Beschädigungen zu erleiden, eine halbe Meile weit aus's Land geschleudert; und ist nicht mehr flott zu machen. Andere Schiffe aller Nationen sind auf ähnliche und andere Art zerstört worden. Das Steigen des See zu Jquique kostete 600 Menschen das Leben und zerstörte die Stadt. Eine deutsche Firma verlor 400,000 fl. Fünfzehn bis zwanzig Städte und Ortschaften wurden mehr oder weniger verheert. Die Bürger von Jquique haben kein Trinkwasser, da sie auf den Gebrauch von destillir- tem Master beschränkt waren und ihre Destillationswerke nun zerstört sind. In Chala wurde der meiste Schaden durch das Master angerichtet. Viele Gebäude waren beschädigt aber keines eingefallen. Die Woge riß beim Zurücktreten das Zollhaus und viele andere Gebäude mit sich und ließ ihre Spur auf einer Strecke von über 1000 Fuß hinter der Linie des gewöhnlichen Wasterstandes zurück. Arequipa, eine Stadt von 119,000 Einwohner, ist gänzlich zerstört. Die Stadt ist schon 300 Jahre alt, und war eine der schönsten Peru's. Es wird behauptet, daß 500 Jahre die Stadt nicht wieder so herstellen könnten, wie sie vor der Katastrophe war. 335 In Lima war der Schaden vergleichsweise gering und kamen die Einwohner meistens mit dem Schrecken davon. Der ganze Verlust an Menschenleben durch diese Erdbeben vom 13ten bis zum 17ten wurde auf 30 — 60 Tausend geschätzt. Der ganze Verlust an Eigenthum war auf 300,000,000 fl. veranschlagt. Ueber 400,000 Menschen sind obdachlos. Fünfzig große Städte und über 200 Dörfer und kleinere Ortschaften sind irr Schutt verwandelt. Die ausgedehnten Mineral-Regionen von Huancavelica, Peru, sind gänzlich verheert; und der Ackerbau zerstört. Fabrik- und andere Produktions-Geschäfte haben einen noch nie dagewesenen Stoß erlitten. Tausende von Tausenden Werth an Waaren sind fortgeschwemmt und sonst zerstört und die meisten Kaufleute sind bankerott. Miseelleri. Ein Haydn'sches Quartett hat viel Ähnlichkeit mit einem Gespräch von vier Personen, erzählte kürzlich ein alter Junggeselle und leidenschaftlicher Verehrer des großen Meisters. Die erste Violine klingt wie die Worte eines beredten geistreichen Mannes in seinen besten Jahren, der ein Thema aus's Tapet gebracht hat und sich darüber gründlich ausspricht. Die zweite Violine ist ein Freund des ersteren, und gibt sich die größte Mühe, durch Zustimmen die Worte des Freundes zu unterstützen, denkt niemals an seine eigene Meinung aus Selbstaufopferung, und fördert ebenso wenig eine Idee zu Tage. Der Alto ist ein würdiger, gebildeter, alter Herr. Er macht die Rede der ersten Violine durch lrcffende lakonische Bemerkungen pikant, ohne je die Harmonie zu stören. Der Baß aber ist eine ehrbare alte Dame, die viel Neigung zum Schnattern verräth, niemals etwas von Wichtigkeit sagt, aber jeden Moment benutzt, ein Wort mitzureden; nichts desto weniger erhöht sie den Reiz der Unterhaltung, denn während sie ihrer Zunge freien Lauf läßt, haben die Anderen Zeit, Athem für künftige Bemerkungen zu schöpfen. (Griseldis.) Dieses Halm'sche Drama wurde an einem Stadttheatcr zum ersten Male gegeben. Ein etwas zerstreuter Schauspieler hatte dem nahenden Timarchen ent- gegenzurufen: „Hier naht der Timarch mit den Tectosagen!" — Bei der Aufführung verließ den Unglücklichen in der Mitte dieses kurzen Satzes das Gedächtniß. Den Todesschweiß auf der Stirne, nahte er rückwärts dem Souffleurkasten, nachdem er die ersten paar Worte: „Hier naht der Timarch" — mit großem Pathos herausgestoßen hatte. Der Souffleur schrie fast, um das Ohr des Schauspielers zu erreichen, wiederholt: „mit den Tectosagen! mit den Tectosagen!" — so faßt sich denn der Schauspieler, setzt noch- mal zum ganzen Satze an und brüllt unerschrocken in das Publikum hinunter: „Hier naht der Timarch mit Respekt zu sagen!" (Scheibenschießen.) Ein Hauptmann, welcher seine Compagnie nach der Scheibe schießen ließ und — in Feindes Lande — zu diesem Zwecke die Scheibe an ein altes Scheunthor hatte befestigen lasten, wurde über einen seiner Leute sehr entrüstet, weil er stets nicht nur die Scheibe, sondern sogar das Scheunthor fehlte. Nachdem alle Anweisungen und Mühen verschwendet waren, und der Rekrut immer wieder das Scheunthor fehlte, bedrohte ihn der Capitain mit harter Strafe. Der Rekrut, ein Wende, darüber sehr betreten, sagte darauf: „Sei nur nich' böse, mei Herr Hauptmann, komm' sich doch Feinde nich' alle zu Scheunthor 'raus, komm sich o welche hintenrum, die trefft ich!" « 336 (Für Volksredner.) Ein kleiner Knirps stand unlängst in Prag auf einem Faste und redete gewaltig zum Volke; seine Zunge war ein Schwert. Das Volk hing an seinem Munde; da trennten ein Paar kräftige Ellbogen die Menge, man sah eine Frau aus dem Volke auftauchen, einen Augenblick später einen Arm und dann fielen die Worte: „Willst Du, daß man Dich einsperrt? — Gleich gehst Du mit nach Haus!" und eine gewaltige Ohrfeige fiel zugleich wie Blitz und Donner auf den Redner nieder. Im Triumph führte die wackere Frau ihren Mann davon. (Ein wirksames Aufgebot.) „Juten Dach, Herr Pastor," sagte kürzlich in Berlin ein bei dem protestantischen Prediger T. daselbst eintretender Maurer. „Juten Tach, ick wollte mir fern trauen lasten mit die hier." Bei diesen Worten zeigte er auf seine kirschrothwangige Begleiterin. Der Prediger fragte: „Wo sind Sie denn aufgeboten?" — „Ufjebotcn? Jar nich, ich nich!" — „Dann kann ich Sie auch noch nicht trauen; zuerst muß Ihre Absicht, getraut zu werden, öfsxitlich bekannt gemacht sein," gab ihm der Prediger zur Antwort. „Ja, det is och jeschehen, Herr Pastor," sagte nun lachenden Mundes der Maurer. „Vorjestcrn hab ik es meiner ölten Tante unterm Siegel der jrößten Verschwiejenheit jesagt, na und nun werden Se wohl jloben, daß es allerweile in ganz Berlin bekannt is!" Der Kaiser Nikolaus von Rußland wünschte für seine Gallerte die Einnahme von Warschau von dem berühmten Horace Vernet malen zu lasten. Letzterer von ihm befragt, ob es ihm, als Franzose, nicht unangenehm sei, seinen Pinsel einer Darstellung zu leihen, die an Polens Niederlage erinnere, antwortete: „Nein, Sire; ich habe ja auch schon Christus am Kreuze gemalt." Im siebenjährigen Kriege ließ Friedrich der Zweite Achtgroschenstücke von sehr geringem Gehalt schlagen. Zu dieser Finanzoperation bediente er sich des jüdischen Banquiers Ephraim in Berlin. Einen witzigen Kopf veranlaßte Dies zu folgendem Epigramm: „Von außen schön, von innen schlimm, Von außen Friedrich, von innen Ephraim." (Das Früh aüfsteh en.) Der Unterschied zwischen dem Aufstehen um 6 und' um 8 Uhr früh beträgt in 40 Jahren 29,200 Stunden oder 3 Jähre, 129 Tage und 16 Stunden, oder 8 Stunden des Tags 10 Jahre lang, so daß das Aufstehen um 6 Uhr in Hinsicht der Geschäfte eben so gut ist, als lebte man 10 Jahre länger. (Ein kleiner, aber merkwürdiger Zufall.) In den Worten „Uvvolution krun^aise^ bilden 15 Buchstaben in anderer Ordnung die Worte: „11n eor86 I» Lniru!^ (Ein Korse (Napoleons wird sie enden) und übrig bleibt das königliche vvto. Ein Bauer fuhr in die Stadt und sah über einer Apotheke einen gemalten Elephanten und darunter mit goldenen Buchstaben die Worte: Elephanten - Apotheke. — „Nu, das ist zu arg," murmelte er vor sich hin, „wir in unserem Dorfe haben gar keine Apotheke und da in der Stadt haben sie gar eine für Elephanten. Ein Dummkopf wollte einen Mann von Geist wegen der Größe seiner Ohren chikaniren. „Ich bekenne," antwortete dieser, „daß meine Ohren für einen Mann freilich zu groß sind, aber ihr werdet doch wohl zugeben, daß die Eurigen für einen Esel zu Lein gerathen sind." (Im Krankenzimmer.) Doktor: Wie geht's? Patient: Ach, mich sticht's überall, außen und innen, als ob ich ein umgekehrtes Stachelschwein wäre und nebenbei einen Igel verschluckt hätte. Druck, Verlas und Redaktion des literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 43 25. Octvr. 1868. An rechte Stimmen und an rechte Worte Gewöhne sich dein lauschend Ohr, Bewache des Gclwrcs Doppclpforte, Da du nicht schließen kannst das Thor. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. VI. Eine neue Prüfung. Der Herr prüft die Seinen Und sieht, ob sie stark sind. In dieser unheilvollen Zeit war es, wo Olearius einen Brief folgenden Inhalts erhielt: „Mein lieber Magister! Sein lobenswcrthcs, gottergebenes Benehmen bei Eröffnung des Testaments Seines Oheims hat Ihm die Herzen aller damals Anwesenden gewonnen und ist Ursache geworden, daß ich Ihn bei der Gräfin Koblenz in Tiefgau empfohlen habe, welche für ihren eilfjährigen Enkel einen Hofmeister sucht. Hochdicselbc ist zwar als ein Teufel verschrieen; allein ist Jemand geeignet, es mit ihr aufzunehmen, so ist Er's oder Keiner! Die Gräfin zahlt jährlich 50 Thaler Gehalt, gibt Ihm freie Wohnung, Wäsche und den Kammerdiener-Tisch, will auch, falls Er einschlüge, zum Neujahr sich nicht lumpen lasten. Ist Ihm dieser Auftrag genehm, so hat Er nichts weiter zu thun, als baldigst nach Tiefgau abzureisen, wo sich das Weitere schon finden wird. Sein wohl asfcctionirter H. von Dcubert, königl. preußischer Gerichts-Präsident." „In Gottes Namen!" sprach nach dem Lesen dieses Schreibens Olearius. — „Bester dort im Fegefeuer, als hier in der Hölle!" Er packte ein. Was er an Geld von Lieschen zur Reise nach Berlin erhalten, berichtigte er von dem Ucberreste seines kleinen Schatzes und händigte es Agathen ein, welche untröstlich war und das Geld durchaus nicht annehmen wollte. Noch ermähnte er das Kind, treu der Tugend und in den Versuchungen standhaft zu bleiben, dann ging er. Unten im Hause blieb er vor Lieschens Thüre eine Minute lang unentschlossen stehen, dann klopfte er an, das letzte Lebewohl ihr zu sagen. Es war von innen zugeriegelt, und keine Antwort ertönte, als er die Riegel bewegte. Er fuhr sich über die Augen, sein Herz klopfte fast hörbar und ein Gefühl, als sei er mit einem zweischneidigen Schwerte durchstochen, zog durch seine Seele, bald aber faßte er sich wieder und die Linke krampfhaft auf die Brust pressend, gleichsam als wollte er das laute Pochen da drinnen ersticken, ging er mit festem Schritte davon. Ein halbes Jahr war seit jenem schmerzensreichen Abschiedstage verflossen. Olearius war Informator des jungen Grafen geworden, und obgleich er mit ruhiger Würde und bewunderungswürdiger Geduld alle Launen seines verzogenen Schülers und dessen hoch- geborener Großmutter über sich ergehen ließ, war es ihm doch oftmals, als sei es unmöglich, diese mit jedem Tage sich erneuernden Qualen länger zu ertragen, und nur 338 li die Frage: „Wenn Du Deine jetzige Stellung aufgibst, was dann?" bewog ihn immer ^ und immer wieder, mit himmlischer Geduld und Sanftmuth auf seinem Posten zu verharren. Eines Abends, im Februar 1767, stieg er aus der Bedientenstube, wo er sein Abendbrod eingenommen hatte, hinauf nach seinem Zimmer, welches an dasjenige der alten Gräfin stieß und auch dem jungen Grafen zum gewöhnlichen Aufenthaltsorte diente. , Die Hand auf den Drücker des Schlosses legend, fuhr er plötzlich mit einem lauten i Schmerzensrufe zurück und durch das Schlüsselloch drang das schadenfrohe Lachen seines ? boshaften Zöglings, welcher die Abwesenheit des Hofmeisters dazu benutzt hatte, um mit ! beharrlicher Dauer die Flamme einer Kerze unter die Thürklinge zu halten, und solche ! auf diese Weife bis zum Glühen zu erhitzen. Selbst eine himmlische Geduld findet zu- , weilen ein plötzliches Ende. Dies war bei dem geplagten Magister der Fall, welcher, , als er seine Haut an der glühenden Klinge kleben sah, in gerechtem Zorne in das ' Zimmer drang und dem lachenden, jugendlichen Satan mit der verbrannten Hand ein ^ Paar tüchtige Maulschellen applicirte. Ueber diese unerhörte Frechheit des bürgerlichen Magisters und Dieners, stand der > junge Graf einige Secunden wie versteinert, sodann sprang er unter einem Zetergeschrei zur Großmutter in's Zimmer, hochdcrselben sein Leid zu klagen und den Thäter zur gebührenden Strafe zu ziehen. Olearius, von dem Auftritte betäubt, vernahm wie im - Traume, daß die alte Gräfin den Stuhl hastig zurückschob, und unter abgebrochenen Ausrufungen, wie: „Nicht möglich? — Ha, der Unverschämte! Hör' ich recht?" — mit ihrem Enkel herein zu Olearius rauschte. Den nahenden Sturm zu beschwören, hob Olearius an: „Hören Sie mich erst an, gnädige Frau —" Er konnte nicht weiter fortfahren, denn die dürre, knöcherne Hand der alten Dame schloß ihm den sprechenden Mund, dessen Zähne unter dem empfangenen Schlage zu bluten anfingen. Zu gleicher Zeit aber stach ihm der racheschnaubcndc Junker mit einer Haarnadel, welche der Gräfin entfallen war, in die Wade. Es kann nur als ein Akt der Nothwehr angesehen werden, wenn Olearius seine Hand auch und zwar erst in das ' Antlitz der Angreifenden, und dann in das diamantenbesctzte Ha^band derselben auS- ? streckte, welches letztere er so fest anzog, daß seine braunroth werdende Besitzerin dadurch > zum Widerstände unfähig gemacht und gezwungen wurde, dem voranschreitendcn Magister willig nachzufolgen, welcher die Gräfin in ihr Zimmer zurückversetzte und darauf die Thüre verriegelte. Den Wadenbohrer faßte er bei seinem Zopfe, legte ihn über einen Stuhl und maß ihm dann die Länge eines Lineals nach allen Dimensionen, an einem ^ dazu wie geschaffenen Körpertheile ab. „Bube!" sprach er dabei, keuchend vor Aufregung und Anstrengung, „wirst Du mir folgen? Sonst schlage ich Dich, so lange ich nur I den Arm rühren kann." i Das half. Der Graf wurde mäuschenstill und kauerte sich, vor Angst und Schmerz ^ bebend, in eine Ecke. Desto lauter aber wurde es nun vor der verriegelten Thüre, gegen ! welche die, von der Gräfin zu Hilfe gerufene Dienstmannschaft Sturm zu laufen begann. So leicht aber wollte Olearius, den die verbrannte Hand, die blutenden Zähne und die » zerstochene Wade immer heftiger zu schmerzen begannen, das Feld nicht räumen. ' „So wie es irgend Jemand wagt, in mein Zimmer zu dringen" — schrie er mit ^ entschlossener Stimme den draußen Tobenden zu — „so ersteche ich erst den jungen Herrn und dann mich selbst." Diese entschiedene Erklärung hatte ein schnelles Einstellen jeglicher weiteren Feind- I seligkeiten zur Folge. Als der junge Graf in seinem Bette lag und schlief, da setzte sich - Olearius auf den Rand des Scinigen, stützte den Kopf in die hohle Hand und sagte gedankenvoll: s „Was wird nun werden? Gottfried! Gottfried! Du hast dich heute vom Zorne hinreißen lassen und weißt doch, daß der Zorn eine Ausgeburt der Hölle ist. Wenig- , stens in's Zuchthaus oder auf die Festung kommst du zur Strafe, daß du deine Hand ^ 339 gegen eine so hohe Person erhoben, — ja, sie sogar körperlich angegriffen hast. Nun^ wie Gott will" — sprach er gefaßt, indem er sich entkleidete — „in seiner Hand steht mein Geschick, er wird es lenken in seiner Weisheit, wie es mir zum Besten frommt. Auf ihn will ich bauen und nicht verzagen." Am andern Morgen begann die Capitulation zwischen dem Hofmeister und dessen Belagerungs-Corps. Olearius, um nur einigermaßen leidlich aus dem bösen Handel zu kommen, blieb seiner Rolle treu und schüchterte die ihn Blockirenden durch Drohungen dermaßen ein, daß man ihm endlich freien Abzug versprach. Als der Candidat jedoch, dem gegebenen Ehrenworte trauend, die Thüre öffnete, den Gefangenen auslieferte und sich anschickte, den Platz zu räumen, sah er sich Plötzlich von drei Husaren umringt, welche mit gespanntem Hahnen auf der Pistole ihn nöthigten, sich in eine bcreitgehaltene Kutsche zu setzen, in welcher sie ihn nach der nächsten Garnisonsstadt brachten. Hier wurde er vor den Obristen des Regiments, einem nahen Anverwandten der Gräfin geführt, welcher ihm die Alternative stellte; entweder als Rekrut in sein Regiment einzutreten, oder dem Peinlichen Gerichtsverfahren übergeben, um dann wahrscheinlich zu langwieriger Gefängnißstrafe verurtheilt zu werden. Der arme Candidat wußte nicht, welches von diesen beiden Uebeln das schlimmere sei. Der Obrist aber ließ ihm nicht lange Zeit, sich zu besinnen, sondern verlangte kurzen und bündigen Entscheid. ,Jn Gottes Namen denn" — seufzte Olearius, — „wenn es denn sein muß, so werde aus einem Streiter Gottes ein königlicher Kriegsknecht." Mit Thränen in den Augen zog er seinen alten, ihm so lieb gewordenen Frack aus, und bekam dafür einen Dollmann. Hierauf mußte er zur Fahne schwören, und nun war er königlich preußischer Soldat geworden und wurde als solcher in die Liste cinregistrirt. (Fortsetzung folgt.) Die Taufhandlung in der russisch-griechischen Kirche. Eine griechisch-russische Taufe ist eine viel umständlichere und eindrucksvollere Feierlichkeit, als der sakramentale Ritus, durch welchen Kinder, Mitglieder z. B. der anglikanischen Kirche werden. Obwohl sie in einem einzigen Akt vorgenommen wird, besteht sie doch aus vier abgesonderten Ceremonien: „1. der Absagung und dem Glaubensbekenntniß; 2. dem wirklichen Sakrament der Taufe; 3. der Salbung, und 4. der Waschung, mit dem Abschneiden des Haares." Das Absagungsverfahren ist sehr eigenthümlich, und für Beobachter, welche keine innere Theilnahme für die hl. Handlung empfinden, sondern sie blos als eine äußerliche Ceremonie betrachten, dürsten einige Bestandtheile derselben etwas sehr läppisches haben. Die Taufhandlung wird von dem Priester eröffnet, wenn er noch nicht in seinem vollen Ornat ist, und bloß seinen Chorrock an hat; er nähert sich dem Kindlein (welches, man vergesse das nicht, vollkommen nackt ist, obgleich eingewickelt in seine verschiedenen Tücher und seine Seidendecke), bläst ihm in's Gesicht, und bekreuzigt es dreimal über Augenbraunen, Lippen und Brust. (Die Geistlichkeit macht das Zeichen des Kreuzes dadurch, daß sie die Spitze des Daumens mit denen des Ring- und Mittelfingers vereinigt, die Laien dadurch, daß sie den Daumen mit dem Mittel- und Zeigefinger in Verbindung bringen, und die Hand so bewegen, daß sie ein Kreuz in der Luft bildet, nicht aber so, als ob eine Linie gezogen wäre; die Bewegung gleicht mehr einem sanften Schlag.) Dann legt er seine Hand auf den Kopf des Kindes, und liest über demselben ein Gebet, welchem die Beschwörung oder die Tcufelaustreibung folgt, worin dem Bösen mit allen seinen Engeln und Legionen befohlen wird, von dem Kindlein zu weichen' Ein zweites Gebet ist an Gott den Allmächtigen, den Herrn der Heerschaaren, gerichtet, auf das er das Kind vor allem geistigen und leiblichen Schaden bewahre, und ihm den * Sieg gewähre über alle bösen Geister. Dann haucht er auf die Augenbraunen, die Lippen und Brust des Täuflings, und spricht dreimal: „Möge jeder böse und unreine Geist der sich in Deinem Herzen verborgen, und Wohnung darin genommen hat, von Dir weichen." Die weitere Taufhandlung hat Ähnlichkeit mit der in der englischen Kirche üblichen. » Die nämlichen Fragen, oder vielmehr Fragen zu demselben Zweck, werden an die Pathen gestellt, aber dreimal wiederholt. Wenn der Priester fragt: „Entsagst du rc.," so wenden sowohl er als die Pathen, die Amme und das Kindlein dcm Taufstein den Rücken, d. h. sie richten ! ihre Blicke gegen Westen, wo die Sonne untergeht, und von wannen kein Licht kommt, sondern ! im Gegentheil Dunkelheit und Schatten, die Sinnbilder des Fürsten der Finsterniß, und ist die letzte Antwort erfolgt: „Ich habe ihm entsagt," so spricht der Priester: „dann schlag' und spei nach ihm," und geht selbst mit dem Beispiel voran, indem er einen leichten Schlag führt und die Gcbcrdc des Anspeiens eines ungesehenen Feindes macht, ! als ein Zeichen des Abscheues und des Hasses gegen ihn. Dann drehen sie sich wieder gegen das Bild des Gekreuzigten (oder nach Osten, wenn die Taufe in der Kirche vor- ^ genommen wird), worauf die Fragen in Betreff des Glaubens der Pathen gestellt werden, ^ und der Vorleser dreimal für sie das Nicäische Glaubensbekenntniß wiederholt. Vor jeder Wiederholung werden wiederum Fragen an die Pathen gestellt. Priester: „Hast Du Christus bekannt?" Pathe: „Ich habe ihn bekannt." Priester: „Und glaubst Du an ihn?" Pathe: Ich glaube an ihn als König und Gott." Am Ende der letzten Wiederholung des Glaubensbekenntnißcs wird die Ermahnung beigefügt: „Fallet nieder und betet ihn an", worauf die Pathen antworten: „Ich bete an den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, die im Wesen einige und nntheilbare Dreifaltigkeit," und gleichzeitig niederfallen. „Gelobt sei Gott," ruft der Priester aus, „der da wünscht die Errettung , aller Menschen, und daß sie alle kommen mögen zur Erkenntniß seiner Wahrheit. Jetzt und fürdcrhin und immerdar. Amen." f Nach einem kurzen Gebet verlassen die Eltern das Zimmer, und ziehen sich gemeiniglich ! in's Schlafgcmach zurück, um Gottes Segen zu erflehen für das Kindlcin; sie dürfen bei der eigentlichen Taufhandlung nicht anwesend sein, da man annimmt, daß sie ihr Kind gänzlich den Pathen übergeben haben. Diese Sitte wird streng beobachtet; selbst in dem Hofzcrcmoniell, das in Betreff der im Kaiserhause vorkommenden Taufen in den Zeitungen veröffentlicht wird, findet sich stets die Klausel: „Anmerkung. Se. kais. Maj. (oder Se. k. Hoheit) werden dann die Kapelle verlassen und sich in ein inneres Gemach zurückziehen." Die wirkliche Taufe besteht aus drei vollständigen Untertauchungen des Kindleins, - dessen physische Kraft angedeutet wird durch die Art und Weise, in welcher es eine ! Behandlung auszuhalten vermag, die unstreitig der körperlichen Gesundheit zarter Säuglinge schädlich ist. Nachdem der Priester zuerst seine weiten Aermel aufgerollt, und dann dem ' Vorleser empfohlen hat, sie außerhalb des Wassers zu erhalten, ergreift er das Kind und taucht es drei Mal nacheinander in das reinigende Element. Während dieser Theil der s Taufhandlung verrichtet wird, spricht der Geistliche: „Der Diener Gottes (Alexis) ist getauft im Namen des Vaters, Amen. Und des Sohnes , Amen. Und des heiligen ^ Geistes, Amen," indem jeder dieser einzelnen Namen gleichzeitig ausgesprochen wird mit einer der drei Untertauchungen, die mit solcher Raschheit ausgeführt werden, daß, selbst wenn dem Täufling der volle Gebrauch seiner Lungen gestattet wäre, er zwischen der ^ ersten und der dritten Tauchung keine Zeit zum Athmen oder Schreien finden könnte. I So lange er in den Händen des Priesters ist, wird jede Vorsichtsmaßregel zur Sicherung des Stillschweigens ergriffen. „Er verstopft (sagt Frau Romanoff in ihren Llcvtolws ok tlle Uitös nnci Lustoms o5 tlls Oreco-Uussian Lllurell) die Ohren des Täuflings mit seinem Daumen und seinem kleinen Finger; hält dessen Äugen zu mit dem Ring- und Zeigefinger der rechten Hand, und bedeckt mit der flachen Hand dessen Mund und Nase; mit der linken hält er den Leib desselben, und taucht ihn mit abwärts gewendetem Gesicht unter. Nicht scder Priester hat die Fertigkeit, diese schwierige Aufgabe gut auszuführen. Man erzählt mir (was jedoch selten vorkommt), daß einige gerade in dem Augenblick ertrunken seien, in welchem man sie zu Christen gemacht hatte. Wahrscheinlich aber sind diese Kinder sehr schwach, vielleicht sogar dem Tode schon nahe gewesen, da ein Priester kaum der Aufgabe sich unterziehen würde, wenn er sich "derselben nicht gewachsen fühlte. Nach ausführlicher Schilderung der vier verschiedenen Ceremonien bemerkt Frau Nomanoff etwas spöttisch: „Solcher Art ist die Taufhandlung der griechisch-russischen Kirche, werde sie nun im Hause oder in der Kirche vorgenommen: im letzteren Fall bietet sie gemeiniglich ein ebenso sonderbares als unterhaltendes Schauspiel, trotz der Feierlichkeit der Sache selbst, besonders wenn die Pfarrei eine große ist. Beinahe überall in großen Landstädten findet nämlich der Markt am Sonnabend statt, meist aber dauert er bis Sonntag Mittag, und den größten Zusammenlauf von Bauern kann man früh Morgen am Sabbath sehen. Die Gelegenheit zwei Bögel mit einem Stein zu tödtcn, d. h. ein Knäblein taufen zu lassen und zu Markt zu gehen, um entweder zu kaufen oder zu verkaufen, macht, daß die Taufpathen fast ansschließlich am Sonntag in die Stadt kommen, und daß nach der Messe vierzig bis fünfzig Kinder von ihren Babuschkas herbeigebracht werden. Diese setzen sich dann an der westlichen Thür auf eine Bank in der Kirche, oder, wenn es an Raum fehlt, auf den Boden, während die Messe vor sich geht. Das Geschrei der Kinder und die Trostesworte, mit welchen die Babuschkas sie zu beschwichtigen suchen, üben nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf der Messe und das Abhalten der Predigt. Am Schlüsse der Feierlichkeit, nachdem Alles abgemacht ist, eine Reihe von Arbeiter- und Baucrnfrauen ihren Kirchgang gehalten haben, und während vielleicht das Begräbniß irgend eines armen Dorfbewohners noch nicht ganz zu Ende gekommen, wird der Taufstein aus seinem Winkel hervorgeholt, und in die Mitte der Kirche vor die Hauptthore gestellt. Die Borlescr beschäftigten sich sodann damit, die Pathen in einem Drcivicrtelkreis um den Taufstein zu ordnen, indem zwischen diesem und den Hauptthoren ein offener Platz gelassen wird, so daß Niemand denselben den Rücken 'zukehrt. Sie stehen paarweise, jedes Paar mit seinem besondern Täufling und dessen Babuschka. Ein Name für alle Knaben, welche sich auf der einen, und für alle Mädchen, die sich auf der andern Seite befinden, wird je nach dem Datum des Sonntags aus dem Kalender ausgewählt, ohne vorgängige Berathung mit den Pathen, ob der Knabe einen Bruder oder eine Schwester gleichen Namens habe, und daher ereignet es sich häufig, daß in einerund derselben Familie mehrere Johannes, Peter und Prascowas sind. Ein besonders eifriger Pathe oder Babuschka erkundigt sich indeß sorgfältig, welcher Name beigelegt werden solle, und bittet, wenn bereits eines der Familienglieder ihn führt, um einen andern. Man kann beim Anhauchen unmöglich ein Lächeln unterdrücken, wenn man sieht, wie der Priester mit gespitzten Lippen jedem Kind ins Gesicht bläst, und dies hundertundzwanzig Mal thun muß (zu geschweigen von Wasser und Teufel), wenn 40 Kinder vorhanden sind. Die Raschheit und Geschicklichkeit, womit die Untertauchungen vorgenommen werden, die genaue Ähnlichkeit des Ausdrucks in jedem der kleinen Gesichter und die Stellung der Arme beim Hervortauchen aus dem Wasser, wo der Täufling einen Augenblick lang gegen Osten gehalten wird, ist ebenfalls sehr auffallend. Ein gesundes Kind wirft stets seinen Kopf, zurück, nach Luft schnappend; seine Augen und sein Mund sind offen, seine Arme unbewußt nach Osten ausgestreckt, und es schreit sofort laut, sobald es ein wenig Athem schöpfen kann. Ein schwächliches Kind hängt schweigend Kopf und Glieder, und es fehlt ihm der fast intelligente Kampf, welcher das kräftige Kind kennzeichnet. 342 Zur Geschichte der Eisenbahnen « Die großen Erfindungen, die der Menschheit zur Wohlthat gereichen, haben sich stets ihren Weg durch die abschreckendsten Hindernisse und die gröbsten Vorurtheile hindurch zu erkämpfen gehabt. In einem vor ein paar Jahren erschienenen Schriftchen: „Der Elektrische Telegraph als deutsche Erfindung/ in welchem Dr. W. Sömmering dieselbe für seinen Vater, Samuel Thomas v. Sömmering, in Anspruch nimmt und nachweist, wird erzählt, wie der „große" Napoleon, als ihm die Sache vorgelegt und praktisch auseinandergesetzt wurde, wegwerfend geäußert habe: „6'öst uns ickss ^ermanique!" (Das ist so eine deutsche Träumerei!). Die Legung und Sicherung des Verbindungsseiles schien dem Soldatenkaiser zu schwierig — und darum wies er die ganze gewaltige Erfindung dumm-hochmüthig von der Hand. Wie derselbe große Napoleon über die Dampfkraft absprach, ist bekannt. Er war in solchen Dingen so klein , wie die kleinsten Geister. Heute, wo Telegraph und Dampfkraft den Weltverkehr vermitteln, werden manche mit fast ungläubigem Erstaunen auf die Schilderung der Hindernisse zurückblicken, die man ihrer Anwendung zuerst in den Weg gelegt hat. Eine jetzt veröffentlichte Schrift, welche das Leben von zwei der größten Ingenieure Englands *) schildert, gibt darüber mancherlei traurig-komische Aufschlüsse. Die heftigste Opposition gegen die Einführung von Eisenbahnen erfolgte anfänglich im englischen Parlament — unter den versammelten Vertretern der sog. „Erbweisheit" und des „Gesammt- ! Verstandes." Dreimal verwarf das Parlament den Antrag auf Legung der Stockton- ! und Darlington- Linie, die eine der ersten in England war, ehe sich dasselbe zur ! Billigung dieses als „toll und unpraktisch" bezeichneten Projektes endlich herbeiließ. Es j handelte sich damals vorerst nur um Benutzung der Bahn für Kohlen- und Waarenfracht. l Groß war die Aufregung in Darlington, als die Dampfmaschine „Nr. l", die ohne einen ! Zug fuhr, in einem angestellten Wettrennen mit der alten Postkutsche diese letztere um ^ 100 Ellen schlug! Der „Personcnzug" war von den ersten Erfindern überhaupt kaum j in Aussicht genommen worden. Noch im Jahre 1811, als man die Liverpool- und i Manchestcrlinie projektirte, hielt man die Beibringung von Passagieren nur für ein ganz ! untergeordnetes Item in der Spekulation. Im Jahre 1825 glaubte noch Sir John ^ Harrow rathen zu können, man solle den Passagierverkehr möglichst im Hintergrund halten, um nicht die Feindseligkeit der Kutscher, Wirthe u. s. w. aufzuregen und dadurch das Unternehmen von vornherein zu ruiniren; „denn," sagte er, „wozu all diesen Haß aufstören, um vielleicht im Jahr ein paar hundert Passagiere zu haben?" Fast bis zu Thätlichkeiten verstieg sich die Opposition u. a. auf Lord Derby's Gütern, dessen Feldhüter, dem ächten Tory-Jnstinkt folgend, gegen dir Landvermcsser gewaltsam einzuschreiten drohten. Wenig hätte gefehlt, so hätte man die Eisenbahn dort, in der einen Hand die Schaufel, in der anderen die Waffe, bauen müssen. , Die beleidigendste Behandlung mußte Stephenson erdulden, als er vor dem Parla- ments-Ausschuß befragt wurde. „Sie werden,,, sagte Hr. W. Brougham zu ihm, „durch Ihre Idee, eine Maschine zwanzig englische Meilen in der Stunde fahren zu lassen, die Sache der Verdammung weihen und sich selbst als einen für's Narrenhaus reifen Menschen hinstellen!" Sir Astley Cooper erklärte sich gegen die ganze Idee, Eisenbahnen zu errichten, als eine „abenteuerliche" und „absurde." „Ei, meine Herren," rief er aus, „wenn solche Dinge geschehen sollen, so werden Sie in einigen Jahren auch den Adel zerstört haben!" Dies schien ihm nämlich das größte Unglück, das passiren könne. Ein andermal nahm ein Dutzend Advokaten den Ingenieur vor dem Parlaments-Ausschuß in's Verhör. Einer derselben fragte: „Herr, sind Sie irrsinnig?" Ein anderer: „Sind Sie vielleicht ein Ausländer?" („Foreigner" war damals noch ein bösartiges Schimpfwort.) Lord Derby selbst (zu jener Zeit „Mr. Stanley") forderte die UnterhauSmitglieder auf. *) Leben von Georg und Robert Stephenson. Bon Samuel Smiles. 343 „diese närrische und extravagante Spekulation nicht zu dulden." Was der edle Lord wohl heute zu seiner damaligen Eselei denken mag? In Liverpool setzte ein anderer Wohlwciser — der später zum Rcgierungs-Jnspektor der Post-Dampfschiffe ernannt wurde! — sein Wort dafür ein, daß, wenn je eine Lokomotive mehr als 10 (engl.) Meilen in der Stunde fahren sollte, er sich. anheischig mache, „ein geschmortes Maschinenrad zum Frühstück essen zu wollen." „Ungeheurer Witz! bei'm Jupiter!" wird wohl mancher englische Garde-Lieutenant ausgerufen haben. Nur ein Enthusiast oder ein Fanatiker, meinte die konservative „Quarterly Review", könne den absurden Gedanken hegen, daß eine Lokomotive zweimal so schnell als eine Kutsche fahren würde. „Wir könnten" hieß es in dem Aussatz, „eben so wohl erwarten, daß sich die Leute auf einer Congreve'schen Rakete in die Luft feuern ließen, als daß sie sich der Gnade einer solchen Maschine anveriraueu würden " Heute reisen die Leute auf dieser Congreve'schen Rakete einigermaßen häufig. Im Jahre 1866 fuhren auf den englischen Eisenbahnen 313,699,268, sage dreihundert und dreizehn Millionen, scchsmalhundert neunundneunzig Tausend, zweihundertachtundscchzig Personen. Die „Rakete" Platzt freilich manchmal — in neuester Zeit etwas gar zu häufig; gleichwohl sind die Unfälle, im Durchschnitte genommen, verhältnißmäßig gering. Ein Witzbold, in welchem offenbar die irische Ader stark schlägt, hat berechnet, daß die Aussicht, gehängt zu werden (von der doch Jedermann glaubt, daß sie ihn gar nicht betreffe) dreißigmal so groß sei, wie die, auf der Eisenbahn getödtet zu werden. Dieselbe Autorität hat mit noch treffenderer irischer Logik berechnet, daß, wenn ein Mann ewig leben könnte, und er täglich eine Eisenbahnfahrt zu machen hätte, der Ausnahmsfall, bei dieser Gelegenheit getödtet zu werden, ihn möglicherweise einmal in je 50,000 Jahren treffen könnte. Diese drolligen Berechnungen mögen immerhin zu einer gewissen Beruhigung dienen. Wie lebendig es z. B. in London mit den Eisenbahnen zugeht, kann man auch folgenden Ziffern entnehmen. An der Cannon-Strcet-Station gehen lägtich 527 Züge aus und ein. An der Claphamer Zweigbahn etwa 700; an den verschiedenen anderen Stationen der Haupstadt täglich 4000. Mit der Eisenbahn kamen im verflossenen Jahre 6,000,000 Gallonen Milch — oder was als Milch ausgegeben wird, hier an; ferner sechs Zhntcl der in London verzehrten Quantität Fische; 5000 Tonnen Welschhühner; 172,000 Stück Hornvieh und 1,147,000 Stück Schafe. Wäre es nach den Tories vom Derby-Schlage und ihrem Anhang gegangen, so wären diese Vierfüßler gewiß nicht gereist. Wohl hätten sich aber die Menschen selbst, gegenüber einer großen Erfindung, als das erwiesen, was man gewöhnlich einen „Schafskopf" nennt. Der edle Krieger. HWahre Begebenheit aus dem Jahre 1866.) Der 27. Juni des Jahres 1866 entstieg den fernen Bergen, fröhliche Klänge begrüßten ihn und wehten die Fahnen durch die Morgenluft. Das Regiment Gorizutti marschirte gegen Neustadt an der Meltau, um dem bei Nachod anrückenden Feinde zu begegnen und mit ihm den Waffentanz zu tanzen. Vor dem Kloster der Barmherzigen zu Neustadt wurde kurze Rast gemacht. In bunten Gruppen lagerten die Krieger und trieben ihre Scherze, als ging's zum Hochzeitstanzc. Auch drinnen im Kloster herrschte reges Leben. Die Brüder machten Lagerstätten zurccht für Verwundete, die der heiße Kampf ihnen senden werde. „Wo ist der Herr P Prior?" scholl mitten durch die Geschäftigkeit die Stimme eines bärtigen Kriegers. — „Was ist Ihr Begehr?" fragte der nächststehcnde Bruder. — „Hier eine Karte vom Herrn Regiments - Kaplan." — Der Frater nahm sie ihm aus der Hand und verschwand. Nach wenigen Minuten standen barmherzige Brüder an der Pforte und reichten den daselbst lagernden Offizieren Wein und Brod. — „Ah, das stärkt, das erquickt!" rief Hauptmann A. P—ka, indem 344 rr sich den Schnurbart strich. „Schönen Dank dem Herrn Prior; sagen Sie ihm, Bruder, es kann vielleicht das letzte Frühstück sein, das wir noch genießen; denn bald werdet Ihr und.wir die Kugeln pfeifen hören. Macht Euch gefaßt, Bruder, auf ungebetene Geiste." — „O, Herr Hauptmann, tapfere Krieger sind bei uns stets willkommene Gäste. Wir wünschen Ihnen Sieg und gesunde Glieder, sollte es aber anders ausfallen, so werden wir Sie mit offenen Armen empfangen. Gott schütze Sie, meine Herren." — So der Bruder und verschwand. Das Signalhorn rief zum Aufbruch. Fort ging es gegen Nachod, wo der Feind in großen Schaaren anrückte. Bald hörte man das Knattern der Büchsen, bald den Donner der Kanonen. In Kurzem wälzte sich die Schlacht über die Gefilde bei Nachod und Neustadt. Alle Herzen pochten. Alles wartete auf die Nachricht: Die Preußen sind geschlagen. Aber leider, gar bald kam der hinkende Bote mit der Kunde: Die Oestcrreicher sind geschlagen, und schon — es war nach wenigen Stunden seit dem Frühstücke beim Kloster — bewegten sich lange Züge mit Verwundeten gegen Neustadt zum Kloster der Barmherzigen hin. — „Da, Bruder, seht, da bin ich wieder," rief eine Stimme von der Tragbahre her, „habe mein Frühstück schon bekommen." Es war die Stimme des Hauptmauncs A. P—ka, der mit zerschossenem Unterschenkel auf der Tragbahre lag. „Nun, Bruder, ein gutes Lager für mich und zwar auf längere Zeit. Ihr habt mir heute Früh so guten Wein eingeschenkt, nun will ich lauge Zeit Euer Gast bleiben." — „Willkommen, Herr Hauptmann, Sie sollen sich über unsere Gastfreundschaft zu beklagen nicht Ursache haben," antwortete ihm der Bruder und wies die Soldaten au, wohin sie den Haüptmann tragen sollten. Sogleich eilten Aerzte, Barmherzige mit ihren Krankenwärtern wie Bienen unter den Blcs- sirten herum, nur jedem ein möglichst gutes Lager zu bereiten und jedem die nöthige Hilfe zu leisten. Auch am Bette des Hauptmanus P—ka standen die Aerzte und untersuchten seine Wunden. „Nun, wie finden Sie mich, Herr Doctor?" fragte rasch der Hauplmauu. — „Herr Haüptmann, Sie sind Kriegsmann, und da Sie vor Kurzem bereit waren, Ihr Leben für das Vaterland zu opfern, so werden Sie auch meine Aeußerung mit dem ruhigen Muthe eines Mannes hinnehmen." — „Nur heraus mit der Farbe, Doctor, wie stcht's?" — „Es stehen Ihnen.zwei, Wege offen, entweder Ihr Bein zu behalten, einem raschen oder schmerzlich langsamen Tode entgegenzusehen, oder das Bein zu opfern, um Ihr Leben zu erhalten!" — „Bein weg, Leben erhalten? — Weg damit! Ich habe nicht für mich allein zu sorgen, , ich habe noch einen alten Vater, der von einer geringen Pension als Lieutenant kaum leben kaun, mit ihm will ich meine Beine und meine Pension theilen. „Eines ihm, eines mir." Doch schicken Sie mir erst den Pater, damit ich nicht, wenn es unglücklich ausfiele, mit dem Beine die Seele verliere." — Der edle Mann empfing zur Erbauung Aller die heiligen Sakramente. — Eben schlug es Mitternacht, als die Aerzte an ihr Werk gingen, es in Kurzem vollendeten und dem alten Vater den braven Sohn retteten. Welch' eine Scene, als nach wenigen Tagen der alte Vater, der seinen Sohn, den Zeitungsberichten zufolge, unter den Gefallenen gelesen, bereits zu den Todten gezählt hatte, von den barmherzigen Brüdern benachrichtigt, im Kloster angekommen, ihn unter den Lebenden und auf dem Wege glücklicher Genesung fand. Die Beschreibung dieses Wiedersehens erlasse mir der Leser. Aber ergriffen von so edler Gesinnung rufe ich: „Ehre dem edlen Krieger, Ehre dem guten Sohne, Ehre dem Major ucl Iionoi'68 A. P—ka." . Frage: Wer ist das gescheiteste Frauenzimmer? 'Mgaom lpnaaeq om hioq ost q.riai unnoh jcsoU m; ;oia Antwort: os lpou asq uuec» ^ushpunW u; ojoiamzijoaeh^ asq jnv vnvavK Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. 44 . 1. Novbr. 1868. Augsburger Da kein Mensck weiß, was er verlässt, was kommt darauf an, frühzeitig zu verlassen ? In Bereitschaft sein ist Alles. Shakespeare, Hamlet A. V. 2. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Zweite Abtheilung. VII. Noch einmal der alte Fritz. Und jedes Heer, mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang, Geschmückt mit grünen Reisern, Zog heim zu seinen Häusern. Zwei Jahre sind seitdem verstrichen. Aus dem hagern, schüchternen Candidaten war mit der Zeit ein stattlicher Kriegsmann geworden, und wenn Olearius sich auch von all' den Rohheiten fern hielt, die nun einmal nicht ganz von dem Soldatenstande zu trennen sind, und wenn er auch eine größere Ehre darein setzte, seine Zeit,.die nicht vom Dienste in Anspruch genommen war, zur Erholung und Veredlung seiner Seele anzuwenden, statt wie die meisten seiner Kameraden im Wirthshause die Paar Groschen zu verjubeln, so ließ er sich nichts desto weniger nie das Geringste zn schulden kommen, was ihn hätte straffällig machen können, und war deßhalb auch bei all' seinen Vorgesetzten als ein braver, ordentlicher Soldat beliebt und geachtet. Um diese Zeit war es, daß dah Ncgimcnt, bei welchem er diente, seinen Standort wechselte und nach Berlin versetzt wurde, wenige Tage später war große Parade vor dem Könige. Olearius, welcher Dank seiner guten Conservirung und Körpcrlünge zum Flügelmanne avaneirt war, hatte sich so herausgeputzt und saß so stramm und fest in seinem Sattel, daß selbst der Obrist, als er bei der Inspektion an ihm vorbeiritt, beifällig mit dem Kopfe nickte und halblaut zu seinem Adjutanten sagte: „Kapitaler Kerl das, sitzt wie angegossen, hätte nie geglaubt, daß aus einem Pastor so ein Muster von einem Soldaten sich hcrausschnitzen ließ." Olearius, welcher diese Worte gehört hatte, dachte innerlich: „O, wenn du wüßtest, welche Freude mir dieser Stand macht und du sehen könntest, wie sehr mir das Herz blutet, denkt es der Vergangenheit, du wärest vielleicht ^weniger freigebig mit deinem Lob." Keine Miene aber verrieth, was in der Seele des armen Candidaten vorging, denn unverändert blieb seine Haltung, und als eine heiße Thräne auS seinen Augen sich stehlen wollte, zerdrückte er sie gewaltsam mit den Wimpern. Plötzlich schmetterten die Trompeten. Der König, begleitet von einer glänzenden mit Orden nnd Sternen bedeckten Suite hoher Offiziere, kam herangesprengt. Nachdem er langsam an der Fronte heruntcrgcritteu war, hielt er sein Pferd an und befahl den Vorbeimarsch des Regiments. Alsbald ertönten die Commandorufe. Die Züge schwenkten ab und unter den rauschenden Klängen eines kriegerischen Marsches dcfilirte das Regiment in geschlossener prachtvoller Haltung an seinem Monarchen vorbei. Jeder Zug, wenn er an dem Könige vorübcrkam, ließ ein lautschallendes, begeistertes „Hurrah" 346 ertönen, welchen Gruß der König mit einem gnädigen Winken seiner Hand erwiederte. Schon war das militärische Schauspiel beinahe beendet. Der letzte Zug, bei welchem Olearius sich befand, ritt eben an dem Monarchen vorüber und ließ sein vorschriftsmäßiges „Hurrah" ertönen, da scheuchte Plötzlich das Pferd des Candidatcn vor einem weißen Steine, der im Wege lag, und den die in demselben Augenblicke zwischen den Wolken durchbrechenden Sonnenstrahlen mit glänzendem Lichte erhellte, zurück, bäumte sich hoch auf, und ehe es Olearius gelingen konnte, mit fester Hand die Zügel zu ergreifen, stürzte das Roß hintenüber und begrub, mit seiner ganzen Wucht auf den unglücklichen Reiter fallend, denselben tief im Sande. Sogleich commandirte der König selbst „Halt!" und befahl einigen Husaren abzusteigen und ihren armen Kameraden von der Last des Pferdes zu befreien. Mit vieler Mühe gelang dies endlich, denn der Gaul hatte einen Fuß gebrochen und konnte nicht zum Stehen gebracht werden. Ein anwesender Chirurg untersuchte sodann den bewußtlos daliegenden Candidatcn und constatirte, daß zwar kein Glied gebrochen sei, daß man aber nicht wissen könne, ob nicht eine innerliche Verletzung stattgefunden habe. Mittlerweile hatte der König den Obristen zu sich herangewinkt: „Wie heißt der Mann?" fragte er. „Gottfried Oehlig, genannt Olearius, Majestät." „Olearius?" fragte der Monarch erstaunt. „War der Husar früher nicht Candidat der Theologie?" „Zu Befehl, Majestät!" „Und wie kommt der in den Soldatenrock, ist er freiwillig eingetreten?" „Halten zu Gnaden, Majestät" — erwiderte der Obrist, der Candidat Olearius hatte sich thätlich an seiner Brodherrschaft, der Gräfin von Koblenz und deren Enkel vergriffen, es blieb ihm nur die Wahl zwischen Festung oder Soldat, und so wählte er denn Letzteres." „So! Hm! Schon gut!" machte der Monarch, indem sich seine Stirne in leichte Falten zusammenzog, — „sorg Er mir dafür, daß der Mann in gute Pflege genommen wird, und laß Er mir zeitweise sein Befinden rapportircn. Mit seinem Ncgimcnte bin ich zufrieden, sag' Er das seinen Soldaten, Adieu!" Während der König mit seinem Gefolge davonritt und das Regiment in die Kaserne zurückkehrte, wurde Olearius auf eine Tragbahre gelegt, nach dem Krankenhaus gebracht und dort alle möglichen Wiederbelcbungs-Vcrsuche mit ihm vorgenommen. Endlich, nach ungefähr einer halben Stunde, schlug er die Augen wieder auf und schaute mit unstätcn Blicken um sich. Der Oberarzt trat nun zu ihm heran, und indem er seinen Puls faßte, fragte er freundlich: „Wie befindet Er sich?" Einige Sekunden lang starrte Olearius den Doktor lautlos an. Dann aber schien sein Bewußtsein nach und nach wiederzukehren, und mit der freien Hand langsam nach seinem Kopse und über die Stirne fahrend, stieß er einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus. „Thut Ihm der Kopf weh?" fragte der Oberarzt. Olearius nickte und schloß dann wieder die Augen, regungslos daliegend wie vorher. „Er hat eine Gehirnerschütterung davon getragen" — sagte der Oberarzt zu seinen Collegcn — „wir dürfen ihn diesem apathischen Zustande nicht überlasten, sonst ist er verloren. Sie Alle, meine Herren, misten, daß Se. Majestät sich persönlich um den Mann interessirt, also hoffe ich, daß Jeder an diesem Krankenlager seine Pflicht erfüllen wird." Nach diesen Worten ordnete er das Nöthige an und verließ sodann den Saal„ um dem Obristen über den Thatbestand Bericht zu erstatten. Wochen und Monate vergingen, Olearius schwankte immer zwischen Leben und, Sterben. In seiner Fieberhitze phantasirtc er stets nur von Lieschen und ein Physiologe 347 konnte hier wohl den wunden Fleck seiner Seele erkennen. Endlich aber trug seine kräftige Natur doch den Sieg davon, sein Kopf wurde wieder klar, seine Gedanken ordneten sich mehr und mehr und mit schnellen Schritten eilte er seiner vollständigen Genesung entgegen. Mit der Besserung seines körperlichen Zustandes stellte sich jetzt aber ein tiefer Seelenschmerz ein, wenn er bedachte, wie er aus dieser ihm so liebgewordencn Nutze nun bald herausgerissen und in das lärmende, seinem ganzen Wesen so sehr widerstreitende Soldatenlcbeu wieder zurückkehren müsse. Doch Woche auf Woche verging. Niemand schien sich um den nun gänzlich hergestellten Candidatcn mehr zu kümmern. Freundlich, wie von allem Anfange an, war das Benehmen der Angestellten und Doctoren des Krankenhauses, und jeder seiner leisesten Wünsche wurde mit zuvorkommender Aufmerksamkeit vollzogen. War es ein Wunder, daß Olearius nach und nach fast vergaß, daß er Soldat sei und sich ganz den so lange schmerzlich entbehrten Wissenschaften hingab! Da, eines Morgens, trat eine Ordonnanz in's Zimmer, fragte nach dem Husaren Oehlig, und als man denselben rief, wurde ihm erklärt, daß er sogleich seine Uniform anzuziehen und zu folgen hätte. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf diese Nachricht den armen Candida- tcn, alle seine Traumbilder, die er sich in letzterer Zeit mehr und mehr zur Wirklichkeit neugeformt hatte, zerstoben in Nichts vor der fürchterlichen Wirklichkeit und zernichtet wankte er nach seinem Platze. „Ade, du süße Stätte der Ruhe und des Friedens" — seufzte er, — „Ade, du Traum einer schöneren Zukunft, ich bin verdammt, den Kelch des Leidens bis zur Hefe zu leeren, für mich blüht auf dieser Welt kein Glück mehr." Er strich die Thräne, die unwillkürlich in sein Auge getreten war, verstohlen hinweg, und seinen Dollmann anziehend, und sich so gut wie möglich herausputzend, sprach er gefaßt: „Wie Gott will!" und folgte gelüsten der rüstig voranschreitenden Ordonnanz. Doch, wie erstaunte Olearius, als sein Begleiter nicht nach der Kaserne seine Schritte lenkte, sondern geraden Weges auf das königliche Schloß zusteuerte. Eine dunkle Ahnung wollte in dem Candidatcn aufsteigen, daß das Geschick seines Lebens eine andere Wendung nehmen könnte, doch hatte er nicht den Muth, den ihn führenden, grimmig dareiuschaucnden Kricgsmann anzusprechen, und so betrat er denn zwischen Angst und Hoffnung schwebend, den königlichen Palast, woselbst die Ordonnanz ihn einem Kammerdiener übergab, der ihn in ein prächtiges Vorzimmer geleitete, und ihn daselbst einige Augenblicke warten hieß. Wenige Minuten später erschien derselbe wieder, öffnete eine Thüre und sagte zu dem regungslos auf demselben Flecke noch weilenden Candidatcn: „Se. Majestät befiehlt Ihm, einzutreten;" schob den mehr schwankenden als gehenden Magister in das Zimmer und schloß dann hinter ihm die Thüre. Olearius befand sich in dem Arbeitszimmer des Monarchen, und vor ihm stand der große König, auf seinen Krückstock gestützt, und betrachtete lächelnd den in höchster Verwirrung hart an der Thüre sich bückenden, und unartikulirtc Töne ausstoßeuden Candidatcn, dessen kriegerisches Kleid gar nicht zu seinem Benehmen paßte und der so ganz aus seiner Rolle gefallen war. „Na, na, laß' Ec's nur gut sein," hob nach einer kleinen Pause der König freundlich an, „steh' Er gerade, wie sich's für einen Soldaten paßt, und geb' Er mir kurz und bündig Antwort auf das, was ich Ihn fragen werde. Sag' Er mir, steckt Er gern in diesem Rock?" — Olearius wußte nicht, was er auf diese Frage antworten sollte; lügen wollte er nicht, und die Wahrheit zu sagen, fürchtete er sich, denn er wußte wohl, daß Friedrich der Große den Soldatenstand höher als Alles Andere hielt. Er suchic deßhalb vergeblich nach Worten und seine Angst und Verwirrung wurde immer größer. 348 Der König, der wohl merkte, wo ihn der Schuh drückte, fing an laut zu lachen, und indem er sich in einen Lchnstuhl niederließ, sagte er launig und wohlwollend: „Na, komm Er ein paar Schritte nähcr, und erzähl' Er mir, was Ihn bewogen hat, die Theologie an den Nagel zn hängen, und dafür das Schwert zu ergreifen. Er braucht sich vor mir nicht zu geniren, wir kennen uns ja nicht erst seit heute, und Er weiß wohl, daß ich immer sein wohlaffcctionirter König war. Darum heraus mit der Sprache und frisch von der Leber weg." Durch diese huldvolle Ansprache crmuthigt, wagte es Olearius, seinen Thürposten aufzugeben und etwas weiter in das Zimmer zu treten. Aber noch immer wollte ihm nicht die rechte Courage kommen und noch viel weniger gelang es ihm, in zusammenhängender Rede sein trauriges Schicksal dem König vor Augen zu führen. Als der Monarch sah, wie der arme Candidat vergeblich nach Athem haschte und wie ihm jedes Wort in der Kehle stecken zu bleiben drohte, klopfte er Plötzlich mit seinem Krückstöcke auf die Erde und sagte dann mit gutmüthigem Spotte: „Höre Er, mir will es scheinen, daß es Ihm unmöglich ist, vor lauter Zittern und Zagen etwas ordentliches herauszubringen. Er quatscht da ein Zeug zusammen, woraus der Teufel klug werden mag. Fang' Er die Sache einmal anders an. Nehme Er von mir gar keine Notiz, sondern stell' Er sich vor. Er wäre in seiner Kammer und klage dem lieben Herrgott sein Leid, vor dem wird Er sich hoffentlich doch nicht geniren, pro- bire Er es einmal, vielleicht gcht's dann besser." Und es ging bester. Olearius nahm seine ganze Kraft zusammen, und wenn auch im Anfange hie und da noch stockend, kam seine Rede doch bald in Fluß, und er berichtete mit einfachen, klaren Worten alles, waö ihm seit der ersten Audienz, die er bei dem Könige gehabt, widerfahren. Er erzählte, wie er mit froher Seele nach Langcnsalza zurückgekehrt, wo er Liebe und Glück zu finden gehofft, und so furchtbar getäuscht sich gesehen; wie er dann die Stelle als Informator bei der Gräfin Koblenz angenommen, und wie er durch die barbarische, schmähliche Behandlung daselbst auf's Acußerste. getrieben, und sich so weit vergessen, Hand an seine Herrschaft zn legen. Er machte auch kein Hehl daraus, daß nux die Furcht vor entehrender Strafe ihn vermocht habe, Soldat zu werden, und daß er die Stunde für die glücklichste seines Lebens halten würde, in welcher es ihm vergönnt sei, die strahlende Uniform aus und seinen abgetragenen, ihm aber über Alles in der Welt theueren Frack wieder anziehen zu dürfen. Ruhig und mit großer Aufmerksamkeit hatte der König ihn ^angehört. Als Olearius geendet, trat der Monarch auf ihn zu und indem er ihn sachte irnf die Schulter klopfte, sagte er freundlich: „Er ist ein braver Kerl. Er hat alle Schicksale, die Gott über Ihn verhängt, ruhig und in Demuth getragen, das gefällt mir. Ich habe mich nach Ihm erkundigt und nur Gutes von Ihm gehört, seine Lcidensschule soll ein Ende haben. Hier" — bei diesen Worten nahm der König ein zusammengefaltetes Papier von seinem Schreibtische — „hier ist sein Dccret als zweiter Hofpredigcr. Bleibe Er in Demuth und Einfalt vor seinem Herrgott wie bisher, und es wird -Ihm gut gehen. Und dann noch eins: Schaff' Er sich bald eine brave Frau in's Haus, damit Er das leichtsinnige Weibsbild, die Lisbeth, vergißt, und wenn Er Kinder kriegt, so denkt Er an mich, bei seinem ersten Buben will ich Pathe stehen. Und nun Gott befohlen, Herr Hofpredigcr; doch halt, da hat Er auch noch Etwas zu seiner Einrichtung," -— dabei drückte er dem lautlos und versteinert dastehenden Candidatcn eine Rolle in die Hand, zog dann die Glocke und befahl dem eintretenden Kammcrherrn, dem neuen Hofpredigcr seine Wohnung anweisen zu lassen. Wie Olearius auS des KönigS Gemach, durch die Vorsäle, die Treppen hinunter und nach seiner neuen Wohnung, die sich im linken Schloßflügel befand, kam, wußte er 349 uicht. Ihm war's, als wäre Alles nur ein Traum, und als müßte er jeden Augenblick! zu einer furchtbaren Wirklichkeit wieder erwachen. Aber diesmal war es doch kein Traum gewesen, Olearius war und blieb Hofprcdigcr des Königs, und erhielt noch am nämlichen Tage seine Entlassung aus dem Negimcnte. O wie jauchzte jetzt sein Herz hoch auf. Aller Schmerz, alle Leiden waren vergessen. Kaum sah er sich allein, so sank er auf die Kniee und ein heißes, inniges Dankgcbet stieg aus seinen Herzen zu dem Allmächtigen empor, der so große Gnade ihm erwiesen. Acht Tage darauf trat er sein neues Amt an, und der König mit dem gesammten Hofstaate hörte die Predigt mit an, die der neue Pastor, erfüllt von der Weihe des Augenblicks und voll der Erinnerung an die Vergangenheit, mit einem solchen Feuer, mit solch' innigster Ueberzeugung sprach, daß viele Herzen erschüttert und manches Auge naß wurde. Zu Mittag wurde er dann zur Tafel in's Schloß geladen, wo sein einfaches, bescheidenes Wesen ihm bald aller Herzen gewann. Als die Tafel aufgehoben wurde, und der König die Gesellschaft verabschiedete, wandte er sich plötzlich auch zu OleariuS, und sagte, scherzend mit dem Finger drohend: „Herr Hofprediger, vergeh' Er nicht, ich möchte bald Pathe stch'n" — und verschwand dann, den von allen Seiten von lachenden Gesichtern umringten Prediger, dem die helle Muth in's Antlitz stieg, in größter Verlegenheit stehen lastend. (Fortsetzung folgt.) Werder und Werndl. Bei der jetzigen Bcwaffnungöfrage in Bayern erhielten sich von verschiedenen Konkurrenten nur zwei: Werder und Werndl; andere Modelle, wie Peabody und Norris, waren lange Rivalen, mußten aber — das erstere, weil es bei gleicher Einfachheit und Dauer in Schnelligkeit nicht konkurrircn konnte, das letztere, weil bei den Versuchen das einzige vorhandene Gewehr zersprang, den erstgenannten nachstehen. ES möchte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß wir einem Abschlüsse der seit 20 Jahren dauernden Waffcn-Revolution nahestehen; denn es ist fast undenkbar, daß die Technik noch wesentlich vollkommenere Kriegswaffcn zu Tage fördere, es wird wohl kein gänzlicher Stillstand eintreten, allein die Hauptfrage dürfte gelöst sein, indem Muster von Einladern vorliegen, die allen Anforderungen an eine militärische Waffe genügen. Trcfffühigkeit, rasante Flugbahn, Handlichkeit und Dauer anlangend, verdienen wohl unter allen jetzt bekannten Systemen die von Werder und Werndl den Vorrang, und dieselben wurden auch auf das Eingehendste von den maßgebenden Kommissionen in Bayern geprüft. Diese beiden Waffen in Vergleich gezogen, scheint es unzweifelhaft, daß die Erfindung unseres bayerischen Landmanncs Werder die des Ocstcrrcichers Werndl überflügelt. An Solidität, Trcfffähigkcit und Handlichkeit sind wohl beide Waffen gleich; allein in der Schnelligkeit des Ladens und Feuerns wird das Werdcr'schc Gewehr seinem Rivalen in der Minute um 1 bis 2 Schuß zuvorkommen Sehr geübte Schützen machten mit ersterem beim Laden aus der Patrontasche in der Minute 18 Schuß mit 18 Treffern auf 200 Schritte Entfernung in eine 9' hohe und 4/ breite, also 36 Q' große Scheibe, während beim Wcrndl-Gc- wchr 16 Schuß das Maximum waren; außerdem hat das Werder-Gewehr den Vortheil einer leichteren Fabrikation und eines sehr einfachen, bewnndcrnswerthen Mechanismus, indem das ganze Schloß in wenigen Sekunden, ohne ein Werkzeug nöthig zu haben, Zerlegt werden kann. Die Theile haben so wenig Friktion und sind so solid, daß von einem baldigen Zerstören keine Rede sein kann. Unter allen Systemen hat dieses den besten Auswerfen (eine Vorrichtung, welche die aus Kupfer oder Messing gefertigte Patronenhülse beim Ocffncn des Verschlusses von selbst und ohne Zeitverlust aus dem L entfernt), da er doppelarmig ist und viel sicherer fungirt, als der einarmige von W^ü^"e 350 Das Werder'sche Gewehr wird sich im Gebrauche gewiß weniger abnützen, als das von Werndl, obwohl auch dieses nur als eine sehr gute Kriegswaffe bezeichnet werden kann. Beide Systeme sind Stiftgewchre, und die Zündmasse liegt in der Patrone (Einheitspatrone). Die Schnelligkeit des Werder'schen Gewehres im Feuern ist so groß, daß eS in einem Zeitraume von 90 Sekunden so viele Schüsse abzugeben erlaubt, wie ein Rcpe- tirgewehr; nach 120 Sekunden — also 2 Minuten — ist es dem letzteren schon voraus. Nur in den ersten 40 Sekunden hat ein Repetirgewehr vermöge seines Magazins ein schnelleres Feuer, nämlich 14 Schuß; dann aber muß das Magazin wieder gefüllt werden, was Zeit raubt, oder als Einlader dienen, wobei die Manipulation langsamer ist als bei anderen Einladern. Die Komplizirtheit und schwierige Behandlung machen es überhaupt nicht rathsam, Repctirgcwehre bei Armeen einzuführen. Der Erfinder des Werder- Gewehres wußte in eben so sinnreicher als einfacher Weise die Bewegung des HahneS mit zur Bewegung des Vcrschlußstückes zu benützcn; auch steht der Auswerfcr in seiner Funktion mit dem Vcrschlußstücke in Verbindung. In dem Augenblicke, in dem das Vcrschlußstück sich öffnet, fällt es auf den Auswerfcr, der dann die Patronenhülse herausschleudert. Will man das Gewehr in der Ruhrast geladen behalten, so ist eine Entzündung unmöglich, indem durch eine sinnreiche Vorrichtung das Verschlußstück mit dem Zündstift so weit gesenkt werden kann, daß der letztere nicht auf den explosibeln Theil der Patrone zu wirken im Stande ist; will man das Gewehr wieder schußfcrtig machen, genügt ein Druck auf den Hahn. DaS Werder-Gewehr kann mit vier Griffen geladen und abgefeuert werden; die Handgriffe sind: 1) Einführen der Patrone, 2) Spannen des Hahnes, 3) Losschießen und' 4) Oeffncn des Verschlusses, was im Herunternehmen aus dem Anschlage ohne Zeitverlust geschehen kann; Hiebei wird nach vorwärts die entladene Patroninbülse ausgeworfen. Das Werndlgewehr besitzt ein Rückschluß mit einem gewöhnlichen Hahn, der, anstatt am forderen Ende ansgefraiSt, mit einem Schnabel versehen ist, der auf den Zündstift paßt. Die Handgriffe hiebci sind: 1) Spannen des Hahnes, 2) Ocffnen des um eine Achse sich drehenden, sehr soliden und massiven Vcrschlußstückes, 3) Einführen der Patrone, 4) Schließen des Verschlusses und 5) Losschießen. Mit dem Ocffnen des Verschlusses wird die Patronenhülse hcrausgeschncllt. Diese Manipulationen beweisen, daß das Wcrndlgcrwchr eine Bewegung mehr hat, abgesehen davon, daß bei sämmtlichen Bewegungen die Hand einen weiteren Weg machen muß, als beim Werdergewehr, folglich auch bei ersterem müder wird. Als Patrone wird in Bayern eine modifizirte Boxerpatrone mit Kupferhülse und Mittclzündung gewählt. (Einer Mittheilung des Würzb. Abdbl. zufolge käme eine solche Patrone auf 2Vg kr. zu stehen.) Gräfin Derwentwater. Die Englische Korrespondenz brachte im Laufe dieses Monats mehrere, eine Gräfin Derwentwater betreffende Mittheilungen, die wir in Folgendem je unter dem Datum, unter welchem sie gebracht wurden, zusammenstellen: „London, 1. Okt. Eine ältliche, offenbar etwas exzentrische Dame, in eine österreichische Militäruniform gekleidet und mit einem Schwerte umgürtet, die Gräfin Amelia von Derwentwater, ist mit einer zahlreichen Dienerschaft auf dem zerfallenen Schlöffe ihrer Vorfahren in der Nähe von Dilston eingetroffen, hat von demselben Besitz ergriffen, in den zerfallenen Gemächern die Familicn- porträts aufgehangen und auf der Zinne die Familienflagge aufgesteckt. Dadurch gerieth sie mit den Behörden des Grcenwichcr Hospitals in Konflikt, welches einen Theil seiner Einkünfte aus den Liegenschaften des wegen Hochvcrraths enthaupteten Grafen von Derwentwater bezicht, undder Rcntmeister des Hospitals stattete ihr einen Besuch ab, um ihr mitzutheilen, daß das Schloß Eigenthum des Hospitals sei. Die Gräfin, welche den Besucher höflich empsiing, erklärte, und na 351 sie handle auf Rath ihres Rechts-Beistandes und wolle einer gerichtlichen Entscheidung entgegensehen. Sollte übrigens die Angelegenheit wirklich vor die Gerichte kommen, so kann es doch nur Eine Entscheidunggeben, denn die Peerage der Nadcliffe's ist nicht ausgestorben, sondern aufgehoben. Der unglückliche James Radcliffe, Carl of Derwentwater, wurde nach der Rebellion von 1615 des Verraths angeklagt, seines Adcltitels verlustig erklärt und auf Towcr Hill enthauptet. Sein Bruder und einziger Erbe starb einige 30 Jahre später unter der Hand des Henkers, aber nicht als Carl of Derwentwater. sondern als Charles Radcliffe Esqu. Die ungeheuren Bcsitzthümer der Familie wurden von der Krone dem Greenwicher Hospital zugesprochen, und die excentrische „Gräfin" hat nicht mehr Aussichten, als mancher andere Abcnteuerer, der sich für den Besitzer dieses oder jenes adeligen Gutes hält, obwohl das ErbschaftSgericht ihm jedes Anrecht auf dasselbe abgesprochen hat. — 6. Okt. Die „Gräfin Derwentwater" hat sich des Schlosses ihrer Ahnen bei Dilston nicht lange erfreuen können. Auf Befehl der Admiralität, mit welcher ihre Besitzergreifung sie in Konflikt gebracht hatte, wurde sie, trotz ihrer Protestationcn, von einigen kräftigen Männern aus dem Schlöffe auf einem Stuhle hinausgetragen und nebst ihren Habsclig- keiten auf dem Wicsenplatz vor demselben ausgesetzt. Doch hat der Muth die alte Dame noch nicht verlassen. Sie blieb „Herr der Situation", indem sie auf dem Wicsenplatze ein aus Kisten, Regenschirmen und Tischen fabrizirtes Lager bezog. — 8. Okt. Die alte Dame, welche sich Gräfin von Derwentwater nennt, steht von der Belagerung von Dilston Castlc nicht ab. Trotz der kalten Herbstnächte kampirt sie noch immer Angesichts der Ruine zu Seiten der Heerstraße, während die Wächter des Gesetzes ihr gegenüber lagern, um eine neue Ueberrumpelung zu verhindern. Die ganze Geschichte wäre gründlich komisch, wenn die arme Frau durch ihr Kampircn auf freiem Felde nicht in ihrer Gesundheit ernstlich bedroht wäre. Freundliche Nachbarn vcrproviantiren sie zwar mit Thee, Zucker, Fleisch, Brod und sonstigen Lebensbedürfnissen, sogar ein Kamin wurde in ihr nothdürftig verwahrtes Zelt geschafft, damit sie sich wärmen könne. Trotzdem wird ihre Lage mit der Zeit bedenklich, und bisher war alles freundliche Zureden nicht im Stande, sie zum Aufgeben ihres tollen Beginnens zu bewegen. — 20. Okt. Die wiederholt genannte „Gräfin von Derwentwater" wäre vielleicht bei dem Frostwctter, das sich plötzlich eingestellt hat, elendiglich zu Grunde gegangen, hätten nicht wohlwollende Familien aus der Nachbarschaft sich zusammengcthan und ihr ein niedliches, aus Brettern gefügtes Haus anfertigen und auf dem Punkte aufstellen lasten, von dem aus sie die Beste beobachtet. Die arme Dame nahm das Geschenk freundlich an und hat sich in dem Häuschen seitdem nach Umständen wohnlich eingerichtet. Aber auch die Gegenpartei ist nicht faul und zimmert sich ebenfalls jetzt ein Haus, dem der Gräfin gegenüber. So werden wohl die Beiden vermuthlich bis zum Frühjahrcaushalten. Aufsuchen von Wasserquellen Der „Landwirth" bringt folgende interessante Mittheilung: Vor einigen Jahren sollte hier auf dem Vorwerke Canthcn wegen Wassermangel ein dritter Brunnen gegraben werden, und wurde wegen Mangel an Vertrauen zu einem bereits versuchten „Recept zur Auffindung von Wasser", um nicht möglicher Weise erfolglos 50 Fuß tief zu graben, der Abbö Richard hieher berufen. Dieser gab mehrere Punkte an, wo Wasser in genügender Menge vorhanden sein solle, von denen der dem Gehöft am nächsten gelegene gewählt und gebohrt wurde. Die Angabe des Abbe) bestätigte sich als vollkommen richtig, es fand sich in der Tiefe von 54 Fuß reichliches gutes Wasser; aber das Recept hatte dasselbe ebenso auch genau angegeben. Ich fühle mich deßhalb verpflichtet, um Vielen, welche an Wassermangel leiden, vergebliche Versuche oder die kostbaren Ausgaben, den Herrn Abbe kommen, zu lasten. zu ersparen, jenes auf ganz bestimmten Gesetzen beruhende Recept zu veröffentlichen: „Man gräbt bei trockenem Wetter und trockenem Boden ein Loch von 1 Fuß Tiefe. Zu dies setzt man einen neuen irdenen Topf, in welchem man zuvor 5 Loth ungelöschten Kalk, 5 Loth Grünspan, 5 Loth weißen Weirauch gethan. Alles fein pulverifirt und mit 1 Loth Schafwolle (kurze Wolle von den Hoden) zugedeckt und das Ganze gewogen hat. Dann schulte man die Erde darüber hin. Hat der Topf 24 Stunden in der Erde gestanden (ohne Regen), so hebe man ihn heraus, schütte den Boden schnell von der Wolle und wiege den Topf, sobald er gereinigt ist. Hat nun das Gewicht abgenommen, so ist kein Wasser an dieser Stelle, hat eS aber zugenommen 2 Loth, so liegt das Wasser 75 Fuß tief, 4 „ ditto 50 „ , 6 . ditto 37>/r - . . 8 „ ditto 25 „ - „ 10 , ditto 12'/2 - ° Herbftstimmung. «') Fühlst du den Wurm nicht an dem Apfel nagen. Der dir als Herz am Baum des Lebens hängt? Ein Klopfen, meinst du, seis, was in dir drängt. Indeß ein Bohren nur dies sachte Schlagen. Wie anders war eS in den Frühlingstagen, Wo weder reif die Frucht war, noch versengt; Pocht' auch die Brust von manchem Drang beengt, Es war nicht Schmerz, es war nur süßes Zagen. Des Frühlings Triebe sind schon längst entschwunden, Der Herbstwurm ist im Herzen eingekehrt, Und nagt mit kleinem Munde große Wunden. Er treibt sein Werk im Stillen ungewchrt Und ruht nicht, bis er Sättigung gesunden Und dich zu Staub und Moder hat verzehrt. (Eine Schauspieler-Rechnung.) Zur Zeit des Burlesken - Unfuges auf dem Wiener Burgtheatcr, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, waren Prügel nud Fußtritte gesuchte Artikel, denn der Empfänger wurde dafür besonders belohnt, ein Beweis also, daß Beides auf die Gefühlsnerven einen wirklichen Eindruck ausübte. Nachstehende noch erhaltene Rechnung aus jener Zeit dient zum Beweis: „Diese Woche sechs Arien gesungen 6 fl. 7 kr. Einmal in die Luft geflogen 1 st. Einmal in's Wasser gesprungen 1 fl. Einmal begossen worden 34 kr. Zwei Ohrfeigen bekommen Ist. 8 kr. Einen Fußtritt bekommen 34 kr., worüber dankbarlichst quittirt N. N." ") Aus: „Bienen" Lyrisches, Didaktisches »nd Epigrammatisches von Johannes Schrott. Augsburg, Verlag des littcr. Jnstit. und der K.anzfcldcr'schcn Buchhandlung. Druck, Verlag und Redaktion des lilerarischen JnsUtutÜ vsn Vr. M. Huttler. Nr. 4». 8. Novbr. 1868 Ls hört die Wahrheit Jeder, Geboren unter jedem Himmel, dem Des Lebens Quelle durch den Busen rein lind ungehindert fließt. G öth c. Die Gestorbenen. So lang uns nahe sind geliebte Wesen, Mit uns durch Blick und Mund und Herz verbunden. Wie fließen sanft und unvermerkt die Stunden! So bleib' es, glauben wir, wie es gewesen. Doch, was ist so geliebt und auserlesen. Das nicht zuletzt uns wie ein Traum entschwunden? Dann thun sich auf im Herzen solche Wunden, Von denen wir nie glauben zu genesen. Indeß ist uns doch ein Gewinn geblieben: Des Schmerzes bittre Wurzel hat im Sande Des Grabschutts einer Blume Glanz getrieben. Und was uns dämmernd lag am fernsten Rande, Wird durch die uns vorangcgang'nen Lieben Zum lichten stillvertrauten Vaterlandc. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. vm. Gesühnte Schuld. Die Zeit heilt alle Wunden, Die Zeit heilt jeden Schmerz. Es war ein halbes Jahr später, da fuhr eines Tages eine Post-Chaise durch die Straßen Langensalza's und hielt vor dem Gasthause zur goldenen Krone. Dienstfertig .eilte der Wirth herbei, öffnete den Wagenschlag und führte den einzigen Insassen der Kutsche unter vielen Bücklingen in das Gastzimmer. Hier entledigte sich der Reisende seiner Ueberkleider und des um den Hals geschlungenen Tuches, und als er dann das nun freie Gesicht dem Wirthe zukehrte, schlug dieser vor Erstaunen die Hände zusammen und sagte voll Verwunderung: „Ja, ist es denn möglich? Sind Sie's denn wirklich? Herr Candidat Olearius?" „Ja, ja, ich bin's schon, mein lieber Herr Keiner, bin's leibhaftig. Aber jetzt nicht mehr der arme, hungernde Candidat, sondern der Hofprediger Sr. Majestät des Königs von Preußen." „Hof — Prediger?" Das Wort blieb dem Herrn Wirth fast im Hals stecken und fast wagte er es nicht, die ihm freundlichst dargereichte Hand zu fassen, so perplex hatte die Ueberraschung und der Respekt ihn gemacht. Dann aber eilte er hinaus und 354 befahl, daß man das beste Zimmer für den Herrn Hofprediger Herrichten solle und stieg, trotz seiner Korpulenz, in eigener Person in den Keller hinab, um zu Ehren seines Gastes eine Flasche seines besten Weines aus seinem Mutterfäßchcn zu zapfen. Als sie dann beisammen im Hintcrstübchcn saßen, und Olearius dem gespannt zuhörenden Gasthaltcr seine Schicksale erzählt, und dieser ein über das andere Mal vor Verwunderung und Erstaunen die Hände übcr'm Kopf zusammengeschlagen hatte, da sagte er darauf: „Und nun, Herr Kerner, nun berichtet auch Ihr mir, wie es inzwischen hier gegangen, und wie es den beiden Waisen geht, die ich vor nun beinahe vier Jahren verlassen und von deren Existenz ich seit jener Zeit nichts mehr vernommen habe." „Ach, mein lieber Herr Oberhofredigcr —" „Hof-, nicht Obcrhofprediger," fiel ihm Olearius bescheiden in's Wort. „Na, na, was nicht ist, kann ja noch werden," — meinte der Wirth schmunzelnd, indem er sein Glas hob und anstieß — „also mein lieber Herr Hofprcdigcr, sehen Sie, das ist eine traurige Geschichte, und der Lisbcth hat's alle Welt prophezeit, wie es kommen würde, und auch gekommen ist. Aber sie war verblendet und wollte ihr Unglück nicht erkennen, bis sie darin war und sich an der Sache nichts mehr ändern ließ Als Sie fort von hier waren, da machte sie gar kein Geheimniß mehr aus ihrem Verhältniß zu dem Herrn Lieutenant, und wenn Unsereins den Kopf schüttelte und sie warnte und bat, vorsichtig zu sein, da bekam er höchstens die kurze, schnippige Antwort: sie sei des Herrn Lieutenant Braut und er werde sie ehelichen, und im Ucbrigcn hätte Jeder vor seiner eigenen Thüre zu kehren genug, und brauche seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. So kam es denn, daß man sie nach und nach gewähren ließ, obgleich alle rechtschaffenen Leute sich von ihr zurückzogen und sogar ihre Schwester Agathe das Haus verließ und zu meiner Base, der alten Silbermcicrn, zog, die wie Sie wissen, den kleinen Kramladen auf dem Markte hat, und die das brave, gute Kind mit offenen - Ärmcn aufnahm. Die Lisbcth aber trieb ihr Wesen mit dem Werbe-Offizier fort, und nach ein paar Monaten munkelten die Leute schon, es wäre bei ihr nicht mehr Alles richtig. Da eines Morgens erhielt der Herr Lieutenant Plötzlich Ordre, zu seinem Negimente einzurücken, und nun hätten Sie den Scandal sehen sollen. Auf dem Marktplätze sammelten sich die Soldaten und Rekruten, und der Herr Lieutenant sprengte gerade auf seinem Schimmel daher, und befahl den Abmarsch, da stürzte die Lisbcth plötzlich mit fliegenden Haaren und offenen Gewändern auf ihn zu, griff seinem Pferde in die Zügel und rief mit herzzerreißender Stimme: „Arthur, Arthur, Du darfst nicht allein fort, Du mußt mich mitnehmen, denk' an die Schwüre, die Du mir geleistet, denk' an das Kind, das ich unter dem Herzen trage." Der Herr Lieutenant versuchte zwar, sie zu beruhigen, aber sie hörte auf Nichts, sondern schrie in Einem fort: „Du mußt mich mitnehmen, ich lasse Dich nicht, ich bin Dein Weib vor Gott, wie Du tausendmal es mir gelobt." Da sie wie wahnsinnig sich geberdete, sich an ihn hing, und ihn vom Pferde herabzureißen drohte, so befahl der Offizier endlich einigen seiner Leute, die Unglückliche von ihm loszumachen, und verließ dann, verfolgt von den Verwünschungen der Umstehenden und dem Jammergeschrei der in convulsivischcn Zuckungen auf der Erde sich krümmenden Lisbcth, im Galopp die Stadt. Die unglückliche Person wurde darauf von ein paar Frauen nach ihrer Wohnung gebracht, und hier stellten sich bald unzweideutige Anzeigen einer baldigen Niederkunft ein. Agathe, das treue Herz, wich nicht von der Schwester Seite, die im fürchterlichsten Fiebcrwahnsinnc sich und ihren Verführer verfluchte. Nach einigen Tagen genaß Lisbcth eines Knäblcins, aber Mutter und Kind überlebten die Geburt nur einige Stunden. Draußen auf dem Gottesacker hat man sie zusammen in ein Grab gelegt und Agathe hat ein einfaches Kreuzlcin darauf setzen lassen und Pflegt mit liebender Hand die Blumen, die sie gepflanzt und die dio stille Stätte zieren, welche ein gebrochenes, armes Menschenherz birgt. Das, Herr Hos- 355 Prediger," — so schloß der Wirth — „ist die kurze, aber traurige Geschichte, die sich seit Ihrer Abwesenheit hier zugetragen." Stumm saß Olcarius da. Ein brennender, namenloser Schmerz erfüllte fein Inneres, und heiße, schwere Tropfen perlten auf seinen Wangen. Obgleich darauf vorbereitet, zu hören, daß Lischen gefallen und unglücklich durch diese unselige Liebe geworden sei, ein solch' trauriges Ende hatte er doch nicht erwartet. Plötzlich stand er auf, ergriff Hut und Stock, und dem ihn verwundert anstarrenden Wirthe die Hand drückend, verließ er mit schnellen Schritten das Haus. Unbekümmert um die ihn von allen Seiten begaffenden Kleinstädter, schritt er geraden Weges nach dem Friedhofe. Bald hatte er das Grab mit dem schmucklosen Kreuze gefunden, und überwältigt von seinem Gefühle, sank er auf die Kniee und barg weinend sein Haupt in die duftenden Blumen. Lebendig stieg die Vergangenheit wieder vor seiner Seele auf. Er gedachte sich wieder zurück, in sein ärmliches Stäbchen, bei der Wittwe Harnapp, und wie selig er damals in seiner stillen, heiligen Liebe zu Lischen gewesen. „O mein Gott!" — seufzte er, — „mußte es denn so kommen? Und doch ist es bester so," — sprach er dann gefaßter, „besser für sie und mich, daß es so gekommen. Ihr Herz war gebrochen, ihr Dasein vergiftet, und wie eine welke, geknickte Blume hätte sie ihr freudenloses Leben dahin schleppen mästen. Ja, ja, es ist besser so, denn nun hat sie Frieden und ich kann ohne Groll das heilige Andenken meiner ersten Liebe in meinem Herzen bewahren." Noch einen schmerzlichen Blick warf er auf das Grab, dann erhob er sich, um die Stätte des ewigen Friedens zu verlassen. Da, in demselben Momente, als er sich zum Gehen umwandte, prallte er plötzlich entsetzt zurück. Vor ihm, kaum drei Schritte entfernt, stand eine hohe, schöne Mädchengestalt und streckte ihm, Thränen in den treuen Augen, voll inniger Liebe die Hand entgegen. Olcarius aber, vor Schrecken fast gelähmt, hielt die eine Hand vor die Augen, wehrte mit der andern die auf ihn zuschreitende Gestalt ab und rief mit bebender Stimme: „Zurück, zurück, Phantom! Geist meines Lieschens, habe Erbarmen mit dem Frieden meiner Seele! — Im Namen der dreieinigen Gottheit beschwöre ich Dich, verschwinde!" Aber die Gestalt verschwand nicht, sondern eine weiche, warme Hand legte sich auf des zitternden Hofpredigers Arm, und eine süße, klagende Stimme fragte: „O kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Olcarius? Ich bin's ja — Agathe, Ihre frühere Schülerin." Der Klang dieser Stimme brachte den Prediger wieder zu sich selbst. Er ließ die Hand sinken und blickte mit Erstaunen und Bewunderung auf das Mädchen nieder, das ihn, sich zutraulich an ihn anschmiegend, mit glänzenden Augen betrachtete. „Agathe und nicht Elisabeth?" sprach nach einigen Sekunden Olcarius, halb wie von einem Traum befangen, „Leben, warmes, fröhliches Leben, kein Phantom! O wie schön und groß Du geworden bist" — sagte er dann, seine Rechte leicht auf ihr gold- lockiges Haupt legend, — „und so ähnlich ihr, der Unglücklichen, die dort in der kühlen Erde ruht. Der Himmel segne Dich, mein treues Kind, für das, was Du an den Verführten, Verblendeten gethan." „Ach, Herr Olcarius," — schluchzte Agathe, indem sie weinend ihr Köpfchen an seine Brust barg, — „sie war und blieb ja doch immer meine Schwester und ich meine immer, ich selbst trüge große Schuld, daß es so gekommen ist, ich hätte sie nicht verlassen, hätte nicht aus dem Hause gehen sollen. O meine arme, arme Lisbeth!" „Beruhige Dich, mein Kind," — sagte sanft Olcarius, — es mußte so kommen, wie es gekommen ist, denn also stand es verzeichnet im Buche der Geschicke. Der Herr wird Gnade haben mit einer armen Seele, die nicht aus Lust zum Bösen, sondern aus Unkenntniß desselben, vom Pfade der Tugend abirrte." 356 Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und da es schon im Spätherbstc war, so wurde es nach dem Schwinden der Sonne empfindlich kühl. Olearins fühlte, wie das Mädchen in seinem Arme vor Frost zitterte und besorgt ermähnte er sie, die Todcsstätte zu verlassen und heimzukehren. Willig gehorchte Agathe, und beide verließen in Gedanken versunken den Kirchhof, und Ichritten nach der Stadt. Mittlerweile hatte sich in dieser schon das Gerücht verbreitet, der Candidat Olearins sei zurückgekehrt und zwar als Hofprcdigcr des Königs von Preußen. Von allen Seiten drängten sich daher, sobald er die Stadt wieder betreten hatte, frühere Bekannte und Freunde herzu, um ihn zu bewillkommen. Mit Mühe gelang es ihm endlich, sich auf dem Marktplatze von der ihn umringenden Menge loszumachen und mit Agathe in das Haus der Pflegemutter derselben, der Frau Silbermaier, einzutreten. Die alte Frau empfing ihn mit herzlicher, ungeschminkter Freude, und rief ein über das andere Mal, indem sie die Hände zusammenschlug: „Na, was Sie groß und schön geworden sind, ist das ein Staat! Und Hofprediger sind Sie auch geworden? O du meine Güte! Und gar bei dem großen Friedrich! Ach, das Glück, das Glück!" Geschäftig eilte sie dann in die Küche, um ein gutes Adendessen bereit zu machen, und wie sehr sich auch Olearius dagegen sträubte, er mußte Theil daran nehmen, wollte er die gute Alte nicht tief betrüben und beleidigen. Spät in der Nacht erst machte er sich auf den Heimweg und mancherlei Gedanken durchkreuzten seinen Kopf, als er durch die stillen Straßen seinem Gasthofe zuschritt. Vor seinen Augen schwebte ein süßes Bild. Doch nicht der bleiche Schatten der Todten war es, der seine Phantasie beschäftigte, sondern die holde Gestalt Agathens, die wie ein lichter Stern das Dunkel seiner Seele durchstrahlte. „Sollte sie mich lieben?" — sprach er leise für sich hin. — „Oder ist es nur Mitleid mit dem geprüften früheren Lehrer, das sie bewegt, so freundlich, so liebevoll mir entgegen zu kommen? — Er rief sich jedes Wort, das sie gesprochen, in's Gedächtniß zurück. Er erinnerte sich daran, wie ihr, als er seine Lcidcnsschicksale erzählt hatte, die hellen Thränen in den Augen gestanden, und wie herzlich und innig sie ihm gute Nacht gewünscht. Schneller pochte sein Herz, und als er, in seiner Wohnung angekommen, sich zur Ruhe begeb n hatte, da umfingen ihn goldene Träume einer glücklichen, Wonnereichen Zukunft, an der Seite eines geliebten Weibes, und leise entschwebten die Gedanken seiner Seele, im Schlafe seinem Munde: „Agathe, süßes, theures Mädchen!" (Fortsetzung folgt.) Am Tage Aller-Seelen in der Kapuzinergruft in Wien, Es ist ein frommer und heiliger Brauch, daß am Tage Aller-Seelen den Erinnerungen an die Hingeschiedenen eine Wehmuthsthräne nachgeweint wird. Mit Blumen und Kränzen werden die Grabeshügel der theueren Hingeschiedenen geschmückt, und die Ruhestätte der Todten gleicht dann einem Blumengarten, welche die Pietät mit ihren schönsten Gaben geziert hat. An diesem heiligen Tage strömt die Bevölkerung Wiens au die stille Gruft der Kapuziner. Dort am Sarge des unvergeßlichen Kaisers Joseph,werden der Erinnerung die wehmuthsvollstcn Monumente von Alt und Jung, von Groß und Klein geweiht. Sei es uns heute gestattet, das düstere, schmcrzenreiche Bild seiner Sterbestunde zu malen; wir glauben dadurch eine Pflicht der Pietät und der Gerechtigkeit zu erfüllen. Der Kampf mit dem Leben war ausgekämpft, alle Schmerzen waren überwunden. Mit heiter strahlendem Angesicht lag Joseph auf seinem Lager; kein Wort des Unmuthes oder der Klage kam über seine Lippen. Er tröstete die Weinenden und hatte für jeden ein Wort der Beruhigung und der Liebe. Er schrieb noch in den letzten Tagen mit eigener zitternder Hand Abschicdsbricfe an seine Schwester, au den Fürsten Kaunitz und 357 an einige Damen seines näheren Umgangs, Briefe voll rührender Innigkeit und Zartheit, und unterzeichnete noch am 17. Februar achtzig Mal seinen Namen. - Aber jetzt fühlte er, daß seine Kräfte zu Ende waren, und als am Abend dieses Tages seine Freunde Lasch und Roscnbcrg zu ihm kamen, um die Nacht bei ihm zu wachen, winkte er sie mit der Hand dicht zu sich heran an sein Lager. Es geht zu Ende, meine Freunde," sagte er leise. „Die Lampe hat kein Oel mehr sie wird bald erlöschen. Still! Weinet nicht! Sagt mir heiter das letzte Lebewohl!" „Heiter?" fragte Lasch traurig, „heiter, wenn wir Sie niemals wieder sehen sollen?" Der Kaiser blickte sinnend zur Decke empor, „Wir werden uns wiedersehen," sagte er nach einer langen Pause. „Nicht hier auf Erden, aber im Jenseits. O, ich glaube an ein Jenseits, ich hoffe auf ein Jenseits! Muß es denn nicht ein Dasein geben, wo ich einigen Ersatz finde für Alles, was ich hier auf Erden gelitten?" „Und eine Strafe für Diejenigen, welche Ew. Majestät Leiden gemacht?" sagte Rosenberg düster. „Ich habe Allen verziehen," sagte der Kaiser lächelnd. „Kein Groll und kein Wermuth ist mehr in meinem Herzen; ich bin ganz resignirt! Ich hatte die gute Absicht und den redlichen Willen, mein Volk glücklich zu machen, ich zürne ihm nicht, daß es nicht annehmen wollte, was ich ihm geboten habe. Ich wünschte, man schrieb auf mein Grab: „Hier ruht ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Entwürfe scheitern zu sehen." — Ach, meine Freunde, der Dichter hatte nicht Recht, wenn er sagt: du trdno uu osrvueil Is PU88NA6 68t terriblb" Ich vermisse den Thron nicht, und fühle mich ganz ruhig, nur ein wenig gekränkt durch so viel Lebensplage, so wenig Glückliche und so viel Undankbare gemacht zu haben. Allein das ist das gewöhnliche Schicksal der Männer auf dem Throne!" „Das Schicksal der großen Männer, die ihrer Zeit vorangehen," sagte Lascy , „das Schicksal Aller, die Großes wollen. Großes erstreben und den Völkern neue Ideen des Glücks, der Aufklärung und der Gcistesfreiheit bringen. Sie muffen Alle sterben als Märtyrer der Dummheit, des Uebclwollens und der Kleinlichkeit." „Ja, ein Märtyrer bin ich," sagte Joseph mit einem sanften Lächeln, „aber sie werden aus meinen Gebeinen keine Reliquien machen." „Aber die Liebe zu Eurer Majestät werden wir als heilige Reliquie in unserem Herzen tragen!" rief Graf Rosenberg weinend. „Sie sollen nicht weinen," sagte Joseph. Haben wir nicht schöne Tage der Treue und Freundschaft mit einander durchlebt? Wollen sie mir nicht auch jetzt noch Ihre Freundschaft beweisen, indem Sie mir ein heiteres Angesicht zeigen? Sie vor allen Dingen, Rosenberg, Sie, welche mir heute die letzte Freudenbotschaft gebracht, das letzte Freudeulächeln auf meinem Antlitz gesehen haben, als Sie mir meldeten, daß meine geliebte Nichte Elisabeth meinem Franz eine Tochter geschenkt hat. O, es ist schön, eine Freude mit in sein Grab zu nehmen und sterbend eine neue Hoffnung aufblühen zu sehen! Elisabeth wird dereinst Eure Kaiserin sein, liebt sie; Ihr, meine alten Getreuen, liebt sie um meinetwillen, denn ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind! Man hat mir seit einigen Stunden schon keine Nachricht von ihr gebracht. Es geht ihr gut, nicht wahr?" Die beiden Freunde antworteten nicht und senkten die Augen nieder. „Lascy!" rief der Kaiser, und jetzt fuhr wieder ein Ausdruck menschlichen Leidens durch die vorher so verklärten Züge. „Lasch, warum weinen Sie? Sie schweigen? Mein Gott, Sie schweigen ? Rosenberg, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, wie steht es mit der Erzherzogin Elisabeth, mit meiner Tochter?" Er richtete sich halb empor und schaute in athcmloser Angst auf den Grafen hin. Dieser wagte es nicht, den Blicken des Kaisers zu begegnen. 358 „Die Erzherzogin Elisabeth ist sehr krank," sagte er leise. „Die Entbindung hat sie sehr angegriffen." „Ach, sie ist todt! rief der Kaiser, „nicht wahr, sie ist todt?" Niemand antwortete, nur die Thränen, welche in Lascy's und Nosenberg's Augen standen, gaben die Antwort. Josef stieß einen lauten Schmerzcnsschrei aus, und seine Arme zum Himmel streckend, rief er: „O Gott, Dein Wille geschehe! Aber was ich leide, ist unbeschreiblich! Ich meinte, ich wäre bereit, alle Todespein zu ertragen, die es Gott gefallen möchte, mir zu senden: aber dieses fürchterliche Unglück übersteigt Alles, was ich jemals gelitten hatte. Er sank zurück auf sein Lager und lag still und starr da eine lange, lange Zeit. Dann auf einmal richtete er sich wieder empor und seine Stimme war wieder kräftig und voll, und sein Auge hatte wieder Feuer und Glanz, und sein Ganzes zeigte wieder den Kaiser und den Herrscher, der vor allen Dingen sich selbst beherrscht. „Man soll die Erzherzogin mit allen Ehren, wie sie diese edle und erhabene Fürstin verdient, bestatten," sagte er. „Ihnen übertrage ich die Sorge, Rosen- berg, daß das Lcichenbcgängniß mit allem Pomp geschehe. Morgen soll die Leiche in der Hofkapelle ausgestellt werden, aber dann soll man sich beeilen, sie zur ewigen Ruhe in die Kaisergruft hinabzusenken, damit in der Hofkapclle Platz werde für meine eigene Leiche!" DaS war der letzte Befehl, den der Kaiser ertheilte, von nun an war er nur noch ein armer, sterbender Mensch, und nur Gott und seinem Volke galten seine letzten Gedanken. Er ließ seinen Beichtvater an sein Lager rufen und bat, ihm etwas aus dem Gesangbuche vorzulesen, ein Sterbegcbet. Mit gefalteten Händen hörte er zu, die großen Augen gen Himmel gewandt, aber plötzlich schien es, als wenn eine freudige Begeisterung über ihn komme und er begann laut die Worte des Gebetes mitzusprechen. „So bleiben nun Glaube, Hoffnung und Liebe!" betete der Geistliche. Der Kaiser wiederholte die drei letzten Worte. Er sprach das Wort Glaube mit tiefer Zuversicht, das Wort Hoffnung leise und schüchtern, das Wort Liebe aber rief er mit einer wahren freudigen Inbrunst. (Ramshorn, S. 449.) Dann wieder ward er ganz still. Die Gebete verstummten. Der Kaiser lag mit gefalteten Händen bleich und unbeweglich da. Einmal hörte man ihn leise sagen: „Herr, der Du mein Herz kennst, Dich rufe ich zum Zeugen an, daß ich Alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen anderen Absichten, als zum Wohl und zum Besten meiner Unterthanen meinte. Dein Wille geschehe!" — (Hübncr.H. S. 502.) Dann wieder ward er still, ganz still. — Weinend, mit gefalteten Händen stand der Erzherzog Franz, Lasch und Rosenbcrg an seinem Lager. Der Kaiser sah sie mit seinen großen gebrochenen Augen an, aber er kannte sie nicht mehr. Alsdann wieder blitzte der Geist mit einem letzten Scheidegruß in seinen Augen auf und mit fester Stimme sagte er: „Ich glaube, meine Pflicht als Mensch und Regent erfüllt zu haben!" Dann wandte er sein Antlitz zur Seite. Wieder herrschte eine tiefe Stille. Auf einmal ward diese Stille unterbrochen von einem langen, schweren Seufzer. Es war der Todesscufzcr Josef des Zweiten. Ei« Lokomotivführer. Wenn Jemand einen beschwerlichen und furchtbar verantwortlichen Dienst hat, so ist es ein Lokomotivführer. Das geflügelte Wort, das unter ihnen umläuft: „Wir stehen mit dem einen Fuße im Zuchthaus, mit dem andern im Grabe," hat eine gewisse Wahrheit. Den gerechten Anforderungen, welche deutsche Lokomotivführer in einer kürzlich gehaltenen General-Versammlung erhoben haben, wird das Publikum zur Seite stehen. — In dieser Versammlung erzählte ein Mitglied folgendes Erlebniß: „Es war im Mai des Jahres 1856, als ich einen Schnellzug von X. nach Z. zu fahren hatte. Als ich in die Nähe der Zucker-Fabrik Y. kam, überzeugte ich mich von der richtigen Stellung der hier befindlichen Weiche; da aber die beiden Wcichensignal- Tafeln dicht hinter einander in ganz gleicher Höhe standen, so konnte ich nur die erstere sehen, da die zweite, von der ersten verdeckt, meinem Gesichtskreise vollständig entzogen war. Es beunruhigte mich dieser Zustand auch nicht; denn da die zweite Weiche in einen todten Strang führte, so sollte dieselbe nach der mir bekannten Instruktion für den Weichensteller stets verschlossen sein und nur behufs Einsetzens und Herausziehend von Wagen geöffnet werden. Wie groß aber war mein Schreck, als ich, näher gekommen, bemerkte, daß die linke Weichcnzunge (denn nur hierin konnte ich die Stellung dieser Weiche beurtheilen) nicht anliege und die Weiche daher geöffnet sei. Bei der großen Schnelligkeit des Zuges und der geringen Entfernung der Maschine bis zur Weiche war an ein Halten des Zuges nicht mehr zu denken und es mußte derselbe den 20 bis ZO Fuß hohen Damm hinabstürzen, wenn es mir nicht gelang, den Wärter auf die unrichtige Stellung der Weiche und der damit verbundenen Gefahr aufmerksam zu machen. So schnell als möglich nahm ich den Steuerungshcbel bei geöffnetem Regulator nach rückwärts, griff zur Dampfpfeife, um eincstheils den Wcichwärter, anderntheils das Zugpersonal durch schnell aufeinander folgende Töne auf die ungeheuere Gefahr aufmerksam zu machen. Der Wärter, welcher das Pfeifen hörte, meinte, es sei dem Zuge etwas passirt, und wendete, ohne die unrichtige Stellung seiner Weiche zu bemerken, demselben seine ganze Aufmerksamkeit zu. Immer näher kam der Zug, und nur einen Moment, und Alles, was sich im Zuge befand, war rettungslos verloren. Da, in der größten Verzweiflung, sprang ich auf den auf dem Führerstande befindlichen Radkasten, riß meine Mütze vorn Kopfe, winkte mit derselben dem Wärter zu und rief in der Verzweiflung, so laut es meine Stimme erlaubte: „Weiche herum, Weiche herum!" Alles vergebens, der Wärter wachte zwar eine Bewegung, wurde aber, da ich auf der rechten Seite der Maschine, der Wärter hingegen znr linken Seite deS Geleises stand, durch die Maschine selbst meinem Sehkreise entzogen, und als die Puffcrbohlc auch die Enden der Wcichcn- zungcn verdeckte, und diese noch immer offen stand, faßte ich den Entschluß, sobald die vordere Maschincnachse die Schienen verlassen würde, mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgelcise hin zu retten. Wie groß aber war meine Ucbcrraschung, als ich den Moment gekommen wähnte und nun wahrnahm, daß der Zug nicht in das erwähnte Ncbengelcise gegangen, sondern auf dem Hauptgelcise geblieben war! Eö war dem Weichenwärter gelungen, die Weiche noch umzustellen, ehe die Vorderachse der Maschine in dieselbe hineingelaufen war, und so das Hinabstürzen des Zuges zu verhindern. — Alles hier Beschriebene war das Werk einiger Sekunden und Niemand wird im Stande sein, sich einen Begriff von dieser Situation zu machen. Der Schreck, die Angst, welche sich ini vorliegenden Falle bis zur höchsten Verzweiflung steigerte, dann wieder die plötzliche Freude (wenn diese Bezeichnung eine richtige ist) über die glückliche Rettung des Zuges und so vieler Menschenleben brachten in mir einen unbeschreiblichen Gcmüths- zustand hervor. Nur so viel sei gesagt: ich brach zusammen, gab dem noch immer nach rückwärts liegenden Steuerungshcbel einen Stoß, daß derselbe nach vorn flog, setzte mich auf den Radkasten und ein Strom von Thränen entquoll meinen Augen. Das Bewußtsein, viele Menschenleben gerettet zu haben, war meine Belohnung; von der Bahnverwaltung erhielt ich nicht die geringste Anerkennung. Trotz meiner recht kräftigen Körpcrconstitution konnte ich den ganzen Tag hindurch einer gewissen Aufregung nicht Herr werden. Selbst als ich mich in mein Bett gelegt Hatte, vor welchem ein kleines Tischchen mit Lampe stand, und mich mit Lesen beschäftigte, sah ich im Geiste die schrecklichsten Bilder an mir vorüberziehen; ich sah die vorn Damme hinuntergestürzte Lokomotive und die über dieselbe hinwcggeschleudertcn und zertrümmerten Personenwagen, ich sah Todte und Verwundete in großer Anzahl umherliegen, ich hörte das Wehklagen der letztem, kurz, ich konnte trotz aller Bemühungen nicht zur Ruhe gelangen. Nachdem ich die Lampe ausgelöscht und noch eine geraume Zeit wach im Bette 360 gelegen hatte, überwältigte mich die Müdigkeit und ich schlief ein. Plötzlich aber erwachte ich wieder, hörte um mich herum einen Höllenlärm, und als ich vollständig zur Besinnung gekommen war, sah ich, daß ich mich nicht mehr in meinem Bette befand, sondern mitten im Zimmer lag und ringsum die Trümmer des zerbroäienen NachttischchcnS und der Lampe. Ich hatte geträumt, ich befände mich auf der Maschine, der Zug gehe den Damm hinunter, und meinem Vorsätze getreu, hatte ich mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgeleise zu retten versucht ..." Dein Wenn du noch eine Mutter hast. So danke Gott und sei zufrieden; Nicht allen auf dem Erdenrund Äst dieses hohe Glück beschicken. Wenn du noch eine Mutter hast. So sollst du sie mit Liebe Pflegen, Daß sie dereinst ihr müdes Haupt Äm Frieden kann zur Ruhe legen. Mutter. Sie lehrte dir den frommen Spruch Sie lehrte dir zuerst das Reden; Sie faltete die Hände dein Und lehrte dich zum Vater beten. Sie lenkte deinen Kindessinn, Sie wachte über deine Äugend; Der Mutter danke es allein. Wenn du noch gehst den Weg der Tugend. Denn was du bist, bist du durch sie Sie ist dein Sein, sie ist dein Werden; Sie ist dein allergrößtes Gut, Und ist dein größter Schatz auf Erden Des Vaters Wort ist ernst und streng, Die gute Mutter wilden's wieder; Des Vaters Segen baut das Haus, Der Fluch der Mutter reißt es nieder. Sie hat vorn ersten Tage an Für dich gelebt mit bangen Sorgen; Sie brachte Abends dich zur Ruh Und weckte küssend dich am Morgen. Und warst du krank, sie pflegte dein. Den sie mit tiefem Schmerz geboren; Und gaben Alle Dich schon auf — Die Mutter gab dich nicht verloren. Wie oft hat nicht die zarte Hand Auf deinem lockigen Haupt gelegen; Wie oft hat nicht ihr frommes Herz Gesicht für dich uni Gottes Segen! Und hattest du die Lieb' verkannt. Belohnt mit Undank ihre Treue: Die Mutter hat dir stets verzieh'«, Mit Liebe dich umfaßt aus'S Neue. Und hätte selbst das Muttcrhcrz Für dich gesorget noch so wenig; Das Wen'gc selbst vergiltst du nie. Und wärest du der reichste König! Die größten Opfer sind gering Für das, was sie für dich gegeben; Und hätte sie vergessen dich, So schenkte sie dir doch das Leben. Und hast du keine Mutter nichr, Und kannst du sie nicht mehr beglücken, So kannst du doch ihr frühes Grab Mit frischen Blumenkränzen schmücken. Ein Muttergrab ein heilig' Grab! Für dich die ewige heil'ge Stelle. O wende dich an diesen Ort, Wenn dich umtobt des Lebens Welle! Frage: Welcher Rath thut Einem oft die besten Dienste? Antwort: „-h,vaaoF" ao(§ Druck, Verlas ünd Redaktion des iiterarilchen Instituts vvu Lr. M. Huttier. Nr. 46 . 15. Novbr. 1868 ta „Warum zauderst du so mit deinen Schritten?" Nur ungern mag ich ruhn, Will ich aber was Gutes thun, Muß ich erst um Erlaubniß bitten. Nöthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. ix. Schluß. .... und willst Du die Meine werden, So will ich Dich tragen mit starkem Arm, Auf des Lebens dornigten Pfaden. Der nächste Tag verging in Abstattung und Empfangnahme von Besuchen. Olcarius wurde dabei von Personen heimgesucht, die er sonst kaum dem Namen nach gekannt, und die es früher oftmals kaum der Mühe werth gehalten, den höflichen Gruß des armen Candidaten zu erwiedern. Jetzt freilich war das anders, denn jetzt hatte man ja nicht mehr den, in abgeschabtem Fracke für einige Groschen Stunden gebenden, unbedeutenden Magister, sondern den Hofprcdiger des Königs von Preußen, und wie man sich zuraunte, den erklärten Liebling desselben vor sich, und da war es natürlich eine Ehre, sich der früheren herzlichen Freundschaft erinnern und versichern zu können: man habe es ja immer gesagt und prophezeit, der Herr Olcarius würde es noch einmal zu etwas Großem bringen. Herzlich Gott dankend, als es dunkel geworden und der lästige Schwärm der aufdringlichen Bekannten und Unbekannten sich verlaufen, verließ der Hofprcdiger aus Furcht, noch einmal aufgehalten zu werden, fast wie ein Dieb so heimlich, seine Wohnung, um sich zu Agathen zu begeben, und in süßem Geplauder mit ihr den Abend zu verbringen. Als er das trauliche Hinterstübchen betrat, wo Agathe gerade im Begriffe war, ein Kapitel aus der Bibel zu beenden, das sie jeden Abend der alten Frau vorzulesen Pflegte, erinnerte diese sich plötzlich, daß sie noch einen wichtigen Gang zu machen habe, und ehe die darüber bestürzten jungen Leute Einwand erheben konnten, hatte sie schon ihre altcr- thümlich hohe Haube aufgesetzt und verließ, „gute Unterhaltung" wünschend, mit gutmüthigem schlauen Lächeln die Stube. Verlegen saßen sich die beiden Zurückgebliebenen ein paar Minuten gegenüber. — Vergeblich suchte Olcarius nach Worten, eine Unterhaltung einzuleiten, aber so oft er auch den Mund öffnete, es wurde kein Laut hörbar, und fast schien es, als blieben ihm alle Töi e in der Kehle stecken. Agathe ihrerseits strich sich schon zum hundertsten Male die frisch gebügelte Schürze znrccht, und ein über das andere Mal flog ein glühendes Roth über ihre rosigen Wangen. Endlich ermannte sich der Hofprediger, und indem er auf eine feine Stickerei, die auf dem Arbcitstischchcn Agathcns lag, deutete, fragte er mit halblauter, merklich bewegter Stimme: „Das haben wohl Sie gemacht, Fräulein Agathe? Ach, es ist so wunderhübsch!" Betroffen blickte das Mädchen auf. ES war das erste Mal, daß Olcarius „Sie" zu ihr gesagt hatte. Bläffe und Nöthe wechselte in ihrem Gesichte, ihre Brust hob sich krampfhaft und wie gebannt und geistesabwesend starrten ihre Augen den auf's heftigste erschrockenen jungen Mann an. Dann aber Plötzlich schien ihr das Bewußtsein wieder 362 zurückzukehren, ein krampfhaftes, schmerzliches Schluchzen entrang sich ihrer Brust, und das schöne Haupt in die zarten Händchen bergend, brach sie in bitterliches Weinen aus. ' Unfähig, sich länger zu halten, sprang Olearius auf, umfaßte die Liebliche, und die nicht Widerstrebende an sich ziehend, und die kostbaren Perlen aus den blauen Augen küssend, rief er, nicht länger im Stande, sein Gefühl zu verbergen: „Agathe, ja, ja, Du liebst mich! O, sag' an, theures Mädchen, willst Du mein Weib werden? Willst Du vertrauungsvoll Dein ferneres Geschick in meine Hände i legen? Ich will Dich wahren und schützen vor aller Unbill des Lebens und Dich lieben Iren und innig bis zum letzten Athemzuge." Agathe jedoch erwiederte nichts, sondern barg ihr Köpfchen an seine Brust. Als er aber leise ihr Haupt emporhob, um die Antwort in den schönen Augen zu lesen, da traf nhn aus denselben ein solcher Strahl reinster, überglücklichster Liebe, daß er voll seligen Entzückens das theure Mädchen in seine Arme schloß, Und einen glühenden Kuß auf die ; rosigen Lippen drückend, den Bund zweier reinen Herzen besiegelte. ^ In demselben Augenblicke öffnete sich leise die Stubenthüre, und Frau Silbermaier . auf die Schwelle tretend, klatschte freudig in die Hände und rief: j „Bravo! — bravo Kinderchen, — das habt ihr gut gemacht, gratulire, gratulire ! von Herzen." r Erschrocken fuhren die Beiden auseinander und Agathe wollte hochcrröthcnd entfliehen. i Olearius aber ergriff ihre Hand, und die leise sich Sträubende mit sanfter Gewalt > zurückhaltend, neigte er leicht das Haupt und sagte: „Segnen Sie uns, ehrwürdige Frau, denn wir haben uns so eben vor dem Herrn verlobt und den Schwur der ewigen Treue abgelegt." ^ Mit Thränen in den Augen hob die alte Frau die Hände, und sie auf die Häupter - der beiden Liebenden legend, sprach sie mit sanfter, gerührter Stimme: „Gott segne Euch, Ihr guten, edlen Menschen. Möget Ihr so glücklich werden, ! als Ihr es verdient." ! Ein fröhliches Mahl vereinte auch heute die Glücklichen, und als die Frau Silber- inaier um Mitternacht endlich an's Schlafengehen mahnte, da wußten sie nicht, wo die ' Zeit hingekommen sei, denn ihnen waren die Stunden gleich Minuten verflogen. Noch einen herzlichen Kuß drückte Olearius auf die schwellenden Lippen seines seligen Bräut- chcns, dann schob ihn die gutmüthig scheltende Alte zur Thür hinaus und überließ es ihm, seine glühende Stirne von der frischen Nachtluft abkühlen zu lassen. Am Sonntage darauf wurden der Hofprediger Gottfried OlcariuS und Agathe Wcintraut zum ersten Male von der Kanzel herab als Verlobte verkündigt, und vier Wochen später fand die Trauung in der alten Stadtkirche statt. Ganz Langcnsalza nahm Theil an Agathens Wonne, und wenn auch vielfach beneidet, gönnte mau ihr doch von Herzen ihr Glück, und von allen Seiten regnete eö Glückwünsche und Geschenke auf sie nieder. Nach Beendigung der kirchlichen Feier vereinigte der Hochzcitsschmaus sämmtliche Honoratioren der Stadt in der Krone. Als aber nach Tische die Pfropfen knallten und -er Wein die Zungen anfing zu beleben, führte Olearius sein kleines Weibchen heimlich aus dem Saale, hieß sie ihr bräutlich Gewand mit einem einfachen Kleidchen vertauschen, und hob dann die glücklich Lächelnde in die schon im Hofe harrende Postkutsche. Mit einem herzlichen Händedruck schieden sie von dem Wirthe und der guten Frau Silber- maicr, der die hellen Thränen über die vollen Backen rannen, dann stieß der Schwager jn's Horn, und dahin rollte das junge Ehepaar seiner neuen Heimath, Berlin zu. * Unsere Erzählung ist hiermit zu Ende. Doch wollen wir der wißbegierigen schöne» Leserin noch verrathen, daß der große König nach Verlauf eines Jahres, bei einer gewissen Feierlichkeit, in der Schloß-Kapelle zugegen war und dem Vater des neuen Weltbürgers als Pathengcschenk ein Dekret überreichte, welches ihn an Stelle des pensionirten 363 Collegcn zum Oberhofprediger ernannte. Auch erfuhr Olearius später, daß den gewissenlosen Verführer Lieschens schon hier auf Erden seine wohlverdiente Strafe ereilt habe, indem er, da es sich herausgestellt hatte, daß er schon Jahre lang Defrandation an den ihm anvertrauten Casscn verübt, infam cassirt, und nach Erstehung einer mehrjährigen Festungsstrafe aus dem Heerverband ausgestoßen und ihm die preußischen Lande verboten wurden. Er verschwand spurlos und niemals wieder hat man von ihm etwas gehört. Auf Lieschens Grab aber ließ der Oberhofprediger einen schönen Stein setzen und dem Andenken an die arme, so früh Verblichene, errichteten die beiden Glücklichen «ine« heiligen Altar in der Tiefe ihrer Seelen. Ein Herbst-Abend. Nebelschleier umhüllt Erde dein Angesicht, Kalt wie Schweiß auf der Stirn eines Verscheidenden Träufts vom Himmel, vom Dache, Träufts von Baum und von Felsenwand. Uhu hör' ich nur schrei'n, Naben und Elsterbrut, Trüb' wie Todcsgestöhn seufzet und ächzt der Wald. Mußt du sterben Natur, die Reich uns Blüthen und Frucht gebar? Plötzlich, eh' noch des Tag's Leuchte geschieden ganz. Dringt, obsiegend, das Licht nieder in's dunkle Thal: Glutroth brennt das Gewölk', zu Tausendmalen vom Licht getheilt. Ha! welch' Wunder geschah während der trüben Zeit, Wo nur Raben gehaust, Nebel die Welt umhüllt? Goldgelb glänzt das Gebüsch nun. Purpurn pranget der Buchenwald! Neues Leben entquoll doch nicht dem Erdenschooß, Daß schon Frühling uns nah', eh' noch der Winter floh; Doch dies Farbengcmisch mahnt Freundlich uns an den fernen Lenz. So wohl blickt noch im Tod auf mit entzücktem Aug', Wem aufleuchtet ein Strahl aus dem verheißnen Land. Friedvoll hebt er die Brust ihm, Nochmal färbt er die Wang' ihm roth! — A. Rirdl. 364 Ei« Brief Maria Theresia s aus dem Jahre 1778. „Jedermann in Europa weiß, welche Rechnung «an auf den König von Preußen und seine Worte machen kann. Frankreich hat es bei vielen Gelegenheiten erfahren, und überhaupt ist kein Fürst in Europa seinen Perfidien entgangen. Und ein solcher König will sich zum Dictator nnd Protector von Deutschland auswerfen! Indessen noch merkwürdiger ist, daß nicht alle Mächte zusammenhalten, um ein solches Unheil abzuwehren, das früher oder später auf alle zurückfallen muß! Seit 37 Jahren ist dieser Mann durch seine despotische Militär-Monarchie, durch seine Gewaltthätigkeiten das Unglück Europa's. Er hat sich losgesagt von allen anerkannten Principien des Rechtes nnd der Wahrheit; er spottet jeglichen Vertrages und jeglicher Allianz. Wir sind die nächst ihm Blosgcstellten, und mau verläßt uns! Wir werden uns vielleicht noch dieses Mal herausziehen, sei es wohl oder übel." „Aber ich rede nicht für Oesterreich. Was ich sage, betrifft alle Mächte Europa's. Die Zukunft liegt nicht lachend vor mir. Ich werde es ja nicht mehr erleben; aber meine Kinder und Enkel und meine guten Völker werden es nur zu sehr erfahren. Wir fühlen ja doch jetzt schon den grundsatzlosen, aber kraftvollen Despotismus dieser Militär-Monarchie, die keine andere Richtschnur ihres Handels kennt, als ihren Vortheil. Wenn man dieses preußische Princip noch immer mehr Boden gewinnen läßt, welche Aussicht bietet sich da für diejenigen, die einst nach uns kommen werden? Denn dieses System ist — darüber darf man sich nicht täuschen — in stetem Wachsthum." „Man wolle sich doch durch die Schmeicheleien der Preußischen Politik nicht irre führen lassen. Der König macht sie, um seinen Zweck zu erreichen, aber nach Erreichung desselben thut er immer gerade das Gegentheil und hält nie sein Wort. So handelt er gegen alle, nur nicht gegen die eine Macht, die er fürchtet. Es ist Rußland." Der Brief schließt mit folgenden prophetischen Worten: „Es handelt sich um alle heiligen Güter, um unsere eigenen Interessen. Wir werden überrannt und zu Boden gestoßen werden der eine nach dem anderen, wenn wir nicht im festen Bunde entgegentreten." Also Maria Theresia vor neunzig Jahren! Der «eue Wein. „Die Erde gibt den Saft, Die Lüfte geben Kraft, Die Sonne gibt den Geist; Gar schön der Wein beweist, Was er empfing für Leben. Weil er's kann wiedergeben " (M-ses). (Vorn Rhein, Ende Oktobers.) In unsern Weinbauenden Rhein- und Moselgegenden versteht man bekanntlich unter „Herbst" nicht allein die Jahreszeit dieses Namens, sondern spezieller gerade die Weinlese, und unter „Herbsten" demgemäß das Lesen undNach- hauseschaffen der Trauben. In diesem Sinne spricht der Winzer von einem guten oder schlechten rc. Herbst, und wenn wir in gleicher Anschauung heute sagen, daß der Herbst beinahe überall beendet sei, so kann Dieses keinem Mißverständnisse unterliegen. Ja unsere rebenumfponnenen Berge waren in den letzten Wochen sehr belebt, und unsere Winzer machten äußerst vergnügte Gesichter. Vor etwa zwei Monaten waren die Hoffnungen auf die Quantität sehr gering, denn auf das dürre Erdreich schaute mit ewig heiterer Miene der „unbewölkte Zeus", und aller Herzen Sehnsucht ging dahin, daß nun Jupiter Pluvius einmal das Szepter ergreifen möchte, um den vertrockneten Fluren sowohl, als auch den gar unscheinbar gebliebenen Beeren des Wcinstocks eine gründliche Erquickung 365 zu gewähren. Wohl uns! die Wünsche sind erhört worden. Spät kam er — doch er kam, nämlich der Regen, und seine segnende Kraft hat er auf wunderbare Weise bewährt. Die wohlgekochten, aber schlecht entwickelten Beeren sind durch den Regen aufgequollen, die harten und dicken Häute sind weich und dünn geworden, so daß die gewonnene Quantität fast durchschnittlich um die Hälfte die früheren Erwartungen übertrifft. An der untern Mosel, wo wir mehrmals in der Lese waren, hörten wir von vielen Seiten, daß Winzer, welche 2-4—6 rc. Fuder erwartet hatten, thachtsälich 3—6—9 rc. Fuder herbsteten. Der dadurch hervorgerufene Fäffermangel machte sich empfindlich bcmerklich, und während der Lese sahen wir die Winzer noch nach Fässern umherlaufen, die sie nunmehr mit 13—15 Thlr. per Stück bezahlen mußten, während sie früher zu 8—9 Thlr. per Stück zu kaufen waren. Einen wcitern Uebelstand hat diese unerwartete Fülle an vielen Orten für die kleinern Winzer, welche gewohnt sind, ihren Herbst gleich ungekeltert an größere Winzer und Produzenten zu verkaufen, hervorgerufen. Da diese letztem ihre Fässer meist von eigenem Gewächs voll erhalten, neue Fässer aber sehr theuer und fast nicht zu haben sind, so ist die Kauflust gering, und der kleine Mann muß seine ganze Ernte nicht selten für einen Spottpreis losschlagen, wsil ihm dieselbe sonst gänzlich zu verderben droht. An der untern Mosel wurde die Ohm im Faß meist zu 20 Thlrn. verkauft. Alles schaart sich um den jungen Helden, wie die Frauen Gevatterincn und Nachbarinen um die Wiege eines jungen Kindes, seine geistigen Anlagen zu erforschen und prophetisch seine Zukunft zu deuten. Da wird mit sachverständiger Kennermiene probirt, geschlürft, hin und her erwogen und Urtheil gesprochen. Auch die Mvstwaagc, welche den Zuckergehalt nach seinem spezifischen Gewichte angeben soll, wird erwartungsvoll in Anwendung gebracht. Diese Waage ist aber insofern ein unzuverlässiger Maßstab, als der Most neben dem Zuckerstoff bekanntlich noch Weinstein und sonstige gallertartige Substanzen enthält, welche in gleicher Weise wie der Zucker auf die Mostwage einwirken. Es kommt nicht selten vor, daß die Mostwaage bei dem Produkt aus geringeren Thallagen ein günstigeres Resultat zeigt, als bei demjenigen aus besseren Berglagen, ohne daß die Meine Dem entsprechend sich entwickelten. Das Warum ist leicht erklärlich, die Traube im Thalboden nähert sich vielmehr und eher dem Zustande der Fäulniß als die Bergtraube und enthält eine größere Menge jener schleimartigen Stoffe aufgelöst, welche beim Keltern sich mit auspressen und sogleich dem Zuckergehalt bei Anwendung der Mostwaage sich geltend machen. Für den rechten Winzer und Weiukcnner bleibt indessen die Zunge das beste Maß, die Güte des Weines zu schätzen und auch schon prophetisch gleichsam vorherzusagcn, sobald der Most in das fedcrweise Stadium gekommen ist. Noch anschaulicher beweist die Kraft des jungen Helden die oft überraschende Wirkung, welche er auf Körper und Geist des Menschen ausübt, der sich aus besonderer Zuneigung mit ihm in intimere Verbindung gesetzt hat. Bereits hört man schon interessante Fakta über solche Wirkungen erzählen die den in früheren Jahren nach guten Weinernten vorgekommenen sich würdig anreihen. Schon Horaz sagt, daß der Wein den Armen Hörner mache, daß sie sich vor nichts fürchteten; wir aber möchten fast, in Anbetracht der mancherlei Stöße, annehmen, daß der junge Wein selbst mit Hörnern auf die Welt komme. Gehen wir in diesen Tagen durch einen Weinort, so umweht uns überall ein eigenthümlicher lieblicher Weingeruch von der aus den Fässern und Kellern entweichenden Kohlensäure; und in den Kellern selbst hören wir es brodeln und gähren, daß es eine Lust, aber nicht selten auch gefährlich ist, sich in den unterirdischen Gewölben dem jungen Helden zu nähern. Darum warnt der Dichter: .Es nahe keiner seiner Kammer, Wenn er sich ungeduldig drängt Und jedes Band und jede Klammer Mit jugendlichen Kräften sprengt. Denn unsichtbare Wächter stellen, So lang er träumt, sich um ihn her, 306 Wir wissen indessen: Und wer betritt die heil'gen Schwellen, Den trifft ihr luftumwund'ner Speer." (Novalis.) „Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch'u Wein." Und dieses Mal dürfen wir mit Gewißheit auf einen recht guten rechnen. Doch lasse« wir ihn sich entwickeln in der engen Wiege im unterirdischen Geschosse, wo er, nach des Dichters Worten, von Festen und Siegen träumt und sich manches luftige Schloß baut, bis er seine Schwingen entfaltet, im Krystallgewande erscheint und iu ungezählten Strahle» sein inneres Leben in die Welt sprüht. Duell - Geschichten. „Die Romantik des Ducllircns" heißt ein vor Kurzem erschienenes zweibändiges Werk von Andrew Steinmetz. Gegen den Titel müssen wir uns erklären, denn von Romantik ist beim Duell, davon abgesehen, daß beide Theile ihr Leben auf's Spiel setzen, nichts zu spüren. Der Zweikampf hat seine sehr bestimmten und sehr prosaischen Gesetze, die leider nicht vom natürlichen Rcchtsgefühl eingegeben sind. Duellanten sprechen immer von Ehre, und doch kommen unter zehn Duellen neun vor, bei denen zwischen den Kämpfcnden die größte Ungleichheit besteht. Selbst der nicht übergewissenhafte Alexander Dumas, der sich mit Gaillardet wegen der Urheberschaft des schändlichen Drama's: „Der Thurm von Nesles" schlug, die Jeder für sich in Anspruch nahm, konnte das Duell,in dieser Beziehung nicht vertheidigen. Er wurde als Zeuge in einem Zweikampf vernommen, bei dem Bcauvallon, einer der besten Pistolenschützen, den Journalisten Dnjarier erschossen hatte. Der Richter fragte ihn, ob er es für ehrlich halte, daß Jemand, der auf dreißig Schritte ein Ei treffe, sich mit einem Andern schlage, der kaum wisse, wie man ein Pistol abdrücke; er antwortete: „Ja. Wenn man sich auf die Mensur stellt, so verschwinden alle Fragen des Edelmuths und des Zartgefühls, die an und für sich sehr schöne Dinge sind, vor der Frage der Existenz, die wir auf's Spiel setzen und die um loi! im Handumdrehen verloren gehen kann." Die Untersuchung ergab übrigens, daß das Duell nicht blos ein ungleiches, sondern ein unehrliches, ein Mord gewesen sei. Man sollte Pistolen gebrauchen, welche keiner der beiden Theile kannte, und Dujarier kannte die Waffen wirklich nicht. Um so genauer kannte sie Bcauvallon, denn sie gehörten seinem Schwager Gravier de Cassagnac, der sie ihm zu diesem Duell lieh, und noch am Morgen des Zwcikampfes hatte sich Bcauvallon mit diesen Pistolen eine Stunde lang eingeschossen. Das Gericht verurtheilte ihn zu acht Jahren Gefängniß. Die Blüthezeit des Duells war das vorige Jahrhundert. — Unser englischer Historiograph bemerkt, daß man sich damals so oft geschossen habe, wie man jetzt Cricket spiele. Staatsmänner und Parlaments-Redner stellten sich gelegentlich auf die Mensur. Fox schlug sich mit Adam, doch schoß er nicht, weil er, wie er ausdrücklich betheuerte, mit seinem Gegner gar keinen Streit habe. Als er an die Reihe kam, zur Scheibe zu dienen, rief ihm sein Sekundant Fitzgcrald zu: „Fox, Sie müssen eine Seitenstellung annehmen," — „Wozu?" fragte der tapfere Redner. „Ich bin von der Seite eben so dick wie von vorn." Die Folge war, daß er getroffen wurde. Pitt wurde wegen beleidigender Ausdrücke, die im Parlament gefallen waren, von Tierney gefordert und schlug sich auf der Putney-Haide. Sir Francis Burdett und Paul trafen sich bei Wimbledon und stellten ihre verwundete Ehre her, indem sie sich gegenseitig in's Bein schössen. — Zwei Jahre später verschaffte sich Cauning von Lord Castlereagh auf ähnliche Weise Genugthuung. Nicht so ungefährlich wie diese Conflikte wurde ein Streit zwischen O'Connell und D'Estcrrc zum Austrag gebracht. Der große Agitator hatte eine gewisse öffentliche Körperschaft mit gewohnter Derbheit als die „bettclhafte Corporation von Dublin" bezeichnet. D'Estcrrc war ein Mitglied derselben und forderte die übliche Genugthuung. Sie trafen sich in Bishop's Court, einer Besitzung des Lords Ponsonby. Se. Herrlichkeit hatte den Duellanten seinen Park zur Verfügung gestellt, wie man es heute bei einem Feste zu einem wohlthätigen Zwecke thut. D'Esterre feuerte zuerst und fehlte. O'Connell durchschoß seinem Gegner beide Schenkel. Längs der ganzen Straße herrschte ein allgemeiner Jubel, als man den Agitator unverletzt zurückkehren sah. D'Estcrrc starb am Abend des dritten Tages. Dieser Ausgang war seiner Partei unbegreiflich, denn er war ein sicherer Schütze und konnte seinen stämmigen Gegner eigentlich gar nicht fehlen. O'Connell wurde von dem Schicksal seines Feindes tief gerührt. Er ging mit seinem Sekundanten in die Kirche und leistete einen feierlichen Schwur, niemals wieder eine Herausforderung annehmen zu wollen. Der Wittwe des unglücklichen D'Esterre bot er eine Pension, welche so viel betrug, als ihr Mann verdient hatte, aber die Körperschaft, zu welcher der Verstorbene gehört hatte, setzte der Dame dieselbe Summe jährlich aus und O'Conncll's Anerbieten wurde zurückgewiesen. Später übernahm Morgan O'Connell die Zweikämpfe, welche die zügellose Zunge seines Vaters hervorrief, und bekam sehr viel zu thun. Unter Anderem schlug er sich mit Lord Alvanley und wurde am Tage darauf von dem jetzigen Premier-Minister Disracli gefordert. Der Herzog von Wellington hatte hinsichtlich des Duells ganz und gar die hergebrachten Ansichten seines Standes und Berufes. Als das zehnte Regiment in Dublin so unbeliebt geworden war, daß seine Versetzung beantragt wurde, entschied der Herzog, daß es bleiben solle. „Ich halte es nicht für unmöglich," schrieb er, „daß es zu einigen Duellen kommt, aber das ist ja ohne alle Bedeutung." Nach diesen Ansichten selbst zu handeln, war er jederzeit bereit. 1829 forderte er Graf Winchelsea auf, „ihm für sein Benehmen die Genugthuung zu geben, die ein Gentleman zu verlangen das Recht habe und die ein Gentleman niemals verweigere." Der Grund des Zwistes war ein politischer und stand mit der Emanzipation der Katholiken in Verbindung. . Die Gegner trafen sich auf den Feldern von Battersea, wurden aber durch gewöhnliche Leute sehr belästigt. — Wohl zwanzig Gärtner und Tagelöhner hatten sich versammelt, welche die Gesetze des vornehmen Duells nicht kannten, und die Duellanten wiederholt beschworen, die Sache mit den Fäusten auszumachen. Unseren Zeiten näher treffen wir Sir Robert Perl, der Dr. Lusington und Joseph Hume fordert, weiter Roebuck mit dem Beinamen „der Zerreißcr," den er sich selbst beigelegt hat und den er zu verdienen suchte, als er Herrn Black und Lord Powerscourt aus ein Gericht Kugeln einlud. Noch 1840 erschoß Lord Cardigan den Rittmeister Tuckett auf dem Anger von Wimbledon. Als Peer wurde der edle Lord vor das Oberhaus gestellt und bei der Umfrage antwortete ein Lord nach dem andern: „Auf meine Ehre, nicht schuldig." Blos der Herzog von Cleveland machte einen Zusatz und sagte: „Nicht schuldig vor dem Gesetz." Lord Cardigan gab dann noch einen Beweis im Großen, wie er fremdes und eigenes Leben verachte. Bei der Belagerung von Scbastopol sollte er eine russische Batterie nehmen. Er erstürmte sie, um sofort mit seinen sechshundert leichten Reitern sich auf eine feindliche Uhlancmnasse zu werfen, die von Artillerie unterstützt wurde. Dieser unsinnige Angriff kostete mehr als dreihundert Reitern das Leben. (Schluß folgt). 368 Am Grabe eines Mädchens. Im LcbenSmorgen sterbe noch als Knabe, Wen lieb die Götter haben, spricht der Weise; So ist wohl die geliebt im Engelkrcisc, Die, Jungfrau noch,- verschlungen wird vom Grabe. Es schickt der Himmel manche schöne Gabe, Die dieser Erde wär' zu Trost und Preise, Und nimmt sie wieder ungeahntcrwcisc. Damit wir nichts, er aber Alles habe. Der Himmel nimmt, doch kaun er nicht berauben. Er wollte nur mit weiser Huld vermehren An lichte Engelwesen unsern Glauben. Die Reine, die nichts durfte hier verfehlen. Mahnt nun, uns von der Erde zu entstauben, Und inniger das Ewige zu begehren. Johannes Schrott. Shakespeare spielte einst den König in einem seiner Stücke und stand nahe an der Loge der Königin. Er hatte seinen Dienern so eben Befehle gegeben, als Elisabeth, «m zu sehen, ob er aus seiner Rolle fallen werde, ihr Taschentuch auf die Bühne fallen ließ. Shakespeare ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern sagte augenblicklich: „Ehe dieß geschieht, hebt erst das Taschentuch Unserer Schwester auf." Die Königin belachte und beklatschte den glücklichen Einfall und die Geistesgegenwart Shakespeares. (Prüfet Alles und das Beste behaltet) Ein hanakischcr Bauer fing einen gewaltigen Hecht, der in seiner Todesangst am Sandufcr ungcmcin herumschlug, und den solid möblirten Rachen bald öffnete, bald schloß. Der Jäger der Domäne kam dazu, begleitet von seinem Vorstehhunde. „Ah," rief er, „was habt Ihr da für einen Prächtigen Fisch gefangen. Beißt er?" „Versuchen Sie es und stecken Sie ihm den Finger in's Maul," grinste der frotzelnde Bauer. „Bin nicht so dumm. Ich will es mit der Ruthe meines Nero versuchen. — Nero herein!" Der Jäger that wirklich, wie er es vvrhergcsagt. Der Hecht schließt den Nachen, der Hund beginnt zu heulen und läuft, vom Schmerz geängstigt, eine Strecke herum und dann gerade zum Jägerhaus hin.- „Rufen Sie doch Ihren Hund zurück," schrie der verblüffte Hanake. „An Euch ist es, den Hecht zurückzurufen." Weder Hund noch Hecht kamen aber mehr zurück. Frage: Welcher Hof ist der größte nach der Zahl seiner mit Kreuzen Dekorirten? An welchem Hof ist der Aermste hoffähig? An welchem Hof halten sich keine Fürsten auf? Und welcher Hof hat oft nicht einmal eine Wache, obwohl dies nothwendiger wäre, als bei so manchem andern Hof? Antwort: »'sohqsmH" Drsck, Derlaa nnd Redalltvi, dt« lilrr-rilche» JvfttlM« »o» Dr. M. Huttler. Nr. 4?. ZZ, Novbr. 1868 Augsburger Richt ein Tyrann, ein christlicher Monarch Sind wir und unsre Leidenschaft der Gnade So unterworfen, wie in unsern Kerkern Verbrecher, angefeffclt. , Shakespeare, Heinrich V. A. I. Z. Maximilian s Ende. Queretaro. Blätter aus meinem Tagebuch in Mexiko. Von Felix, Prinzen zu Salm-Salm. " Nebst einem Auszug aus dem Tagebuchs der Prinzessin Agnes zu Salm-Saim. Zwei Bände. (Stuttgart, A. jdröncr.) Mit mehreren Porträts, Planen" u. s. w. Prinz Felix Salm-Salm scheint etwas von der Natur eines mittelalterlichen Lanz- kiechts in sich zu haben. „Ich war mit Leib und Seele Soldat", sagt er. De» amerikanischen Bürgerkrieg hatte er als Oberst, dann als Brigadegencral der Republik mitgemacht; allein dort im Heer zu bleiben entsprach nicht seinen Wünschen, obschon es ihm an „Anerkennung seiner im Feld geleisteten Dienste" nicht fehlte. Er nennt ganz unbefangen als seinen hauptsächlichen Grund: das Leben dort zu Lande habe ihm nicht besonders zugesagt, weil man sich von „Jugendcindrücken und, wenn man will, von Vorurthcilcn" nicht freimachen könne. Zum angenehmen Daseyn in Friedcnszeiten Mochte er also eines Hofes und adeliger Genossen bedürfen. Er ging mit guten Empfehlungen nach Mexiko; doch der österreichische Gesandte Graf'Thun verhinderte nach Kräften die gewünschte Anstellung im Heere Maximilian's. „Ihm und seinem Verwandten^ dem General Thun, welcher das österreichische Korps befehligte, ist es zuzuschreiben, daß nicht ein einziger Preuße in dasselbe ausgenommen wurde." Der Preußische Gesandte Baron Magnus setzte es endlich durch, daß der Prinz (1. Juli 1866) zum Obersten im Generalstab ernannt ward. Von allen unbefangenen Beurtheilen! ist das Unternehmen dcS Erzherzogs Maximilian im Voraus als hoffnungslos bezeichnet worden. Um eine Herrschaft über Mexiko zu begründen, Hütte der Erzherzog einen Märaktcr von.Stahl, eine tiefe Mknschcnkcnntpiß, die rascheste Entschlossenheit im Handchi und die kälteste Rücksichtslosigkeit besitzen müssen. Das waren aber gerade die Eigenschaften, die ihm fehlten, und für welche seine Persönliche, Tapferkeit einen sehr geringen; seine Milde und Liebenswürdigkeit, sein redlicher Wille gar keinen Ersatz bieten/ konnten. Dazu war er ein Fremder, was ein romanisches Volk um so weniger verzeiht, je niedriger es aus der Stufe geistiger Entwickelung steht. Der „Fremdling" war den Gegnern ein Ziel unzerstörbaren Hasses und den eigenen Anhängern nur ein' Werkzeug ihres Interesses und Ehrgeizes ; und früher oder später das Verderben unvermeidlich über den Kaiser zu bringen, dazu genügte schon der einx Umstand, daß das Kaiserthum die Schöpfung eines Bonaparte war. Wenn es auch in Mexiko an ehrlichen Männern nicht fehlte, die dem Kaiserthum deßhalb beitratxn, weil sie die endliche Herstellung geordneter Zustünde von ihm hofften, so hätte doch der Erzherzog, wenn er jenen klaren Blick besaß, ohne den die Durchführung einer so schweren Aufgabe überhaupt unmöglich war, sich darüber nicht täuschen dürfen, daß sein Recht wie seine Macht nur , auf den französischen Bajonnettcn beruhte, und daß diese nicht um Mexiko's noch um seinetwillen, sondern allein um napoleonischer Zwecke willen verwendet wurden. Aber er täuschte sich und täuschte sich gern: Er begab sich in eine Stellung, deren Klippen und Abgründe er nicht ermessen hatte, zu Land und Leuten, die er nicht kannte, auf Männer vertrauend, die ihm keine Bürgschaft zu gewähre». 370 i« Stande warm, auf eine Partei sich stützend, deren Wesen und Ziele ihm im tiefsten Herzen widerstrebten. Prinz Salm gibt uns flüchtige, leider zu flüchtige Zeichnungen von den Männern, die seine Helfer und Vertheidiger sein sollten. „General Don Leonard» Marqucz ist ein kleiner, sehr lebhafter Mann, mit schwarzem Haar und schwarze», .sehr stechenden Augen. "Er trägt einen vollen, schwarzen Bart, um eine entstellende Schußwunde in der Wange zu verbergen. Er hat sich durch seine schändliche Grausamkeit, den Namen dcS Alba von Mexiko erworben. Zu früheren Zeiten schon das Haupt der alten Kirchenpartei, war er auf sehr vertrautem Fuße mit allen Geistlichen und Klosterbrudern. Obwohl sehr tapfer, war er doch als General von geringer Bedeutung, da er von strategischen Bewegungen gar keinen Begriff hatte. Sein Haupttalent bestand im , Orgaisisiren." seinen Charakter malt auch noch folgender Vorgang bei Gelegenheit eines ^ von den Kaiserlichen gewonnenen Treffens: „General Marquez wollte die Gefangene» ^ erschießen lassen; allein der Kaiser widersetzte sich diesem Befehl auf das Entschiedenste. Trotzdem, sagt das Gericht, ließ der blutdürstige General sie in der folgenden Nacht heimlich erschioßen." Marquez verübte zuletzt, als es mit dem Kaiscrthum bergab ging, an Maximilian einen noch unwürdigeren Verrath als Lopez, „der Judas bon Queretaro". „Pater Fischer ist ein großer, stattlicher Mann von großem Verstand und eben so großem Ehrgeiz Er ging in bürgerlicher Tracht und war erst ganz kürzlich zum KabiuetSsckretär des Kaisers ernannt worden. Ueber sein Moral zirkulirten nicht eben sehr erbauliche Gerüchte, und es war bekannt, daß er an verschiedenen Orten Kinder besaß. Sein Einfluß auf den Kaiser war bedeutend. Ihm war cS hauptsächlich, nächst Marqucz und Miramon, zuzuschreiben, daß der Kaiser sich, zur großen Bestürzung des Marschalls Bazaine und deS von Napoleon abgesandten Grafen Castelnau, entschloß, nicht abzudanken, sonder» in Mexiko zu bleiben. Marquez und Miramon versprachen dem Kaiser freilich hoch und theuer, daß ihn die Kirchenpartei mit Geld und Soldaten hinreichend unterstützen würde, und waren mit ihrem Ehrenwort sehr verschwenderisch; allein da der Kaiser den Werth dieser Versprechungen keineswegs überschätzte, so wußte Pater Fischer, der seinen großherzigen Charakter besser kannte, ihn dadurch festzuhalten, daß er ihm das traurige LooS seiner Anhänger nach seiner Abreise ausmalte. Pater Fischer meinte es gut mit dem Kaiser; allein bei ihm war das Interesse desselben dem der Kirche bei Weitem untergeordnet." „Don Miguel Miramon war einer der vorzüglichsten Generals,der Kirchen- parter^ind sogar schon in seinem 25. Jahre Präsident der Republik gewesen. Er war nun ein schöner Mann von einigen 30 Jahren, von mittlerer Größe, schöner Figur, eleganten Manieren, dunklem Haar. Er hatte viel Verstand, war außerordentlich ehr- ^ geizig und dabei tapfer und unternehmend, allein kein wissenschaftlich gebildeter Soldat »nd kein besonderer Strategiker " „Don TomäS Mejia war ein kleiner, gelber, merkwürdig häßlicher Indianer von etwa 45 Jahren, mit einem ungeheuer großen Mund und einem Paar struppigen schwarzen Haaren darüber. Er war ein durchaus ehrenwerther, zuverlässiger Mann, der dem Kaiser treu ergeben und ein tüchtiger Kavalcriegencral, der wegen seiner persönlichen Tollkühnheit berühmt war. Sobald es zum Angriff ging, nahm er stets einem seiner Leute eine Lanze ab und stürzte damit voran in den Feind. In früheren Jahren hatte er einmal den Liberalen Queretaro abgenommen. Als er in die Stadt eindrang, flüchteten die letzten Feinde in den ersten Stock des Rathhauscs. Mejla erschien an der Spitze einer Reiterabtheilung vor demselben, sprengte, die Lanze iu der Hand, die Treppe hinaus, ritt in den großen-RathhauSsaal und zwang die hieher gc- flüchtcten Feinde, sich zu ergeben. Dann ritt er an den Balkon heran und brachte seinen siegreichen Truppen ein Hurrah." „Don Ramon Mcndcz war ein kleiner, fetter Indianer mit hübschem Gesicht und schwarzbraunem Haar und Bart, der in seiner rothen mexikanischen Husarenjacke mit Generalsabzcichen sehr gut aussah. Er trug einen Sombrero (breitrandigen Hut) wie der Kaiser. Mendcz war ein außerordentlich guter Parteigänger, sehr tapfer »ud von seinen Soldaten vergöttert, allein leider zur Grausamkeit geneigt Er war dein 1 k i i. 371 Kaiser durchaus ergeben, aber ein entschiedener Feind von Miramon, dem er mißtraut^ und von dem er behauptete, daß er sich wenig um Kaiser und Kaiserreich kümmere, sondern nur ehrgeizige persönliche Zwecke verfolge; eine Ansicht, die ziemlich allgemein war, die aber bei Mendez vielleicht noch durch Eifersucht verstärkt werden mochte." Miramon und Meji'a wurden später mit Maximilian zusammen erschossen; Mendez hatte dasselbe Geschick schon einige Tage vorher getroffen. Zur Zeit als Prinz Salm in kaiserliche Dienste trat, war der Rückzug der Fianzosen nahe bevorstehend. Der Prinz erzählt uns ihren AuSmarsch aus der Stadt Mexiko recht anschaulich. „So kam der 6. Februar 1867 heran, der Tag, an welchem die Franzosen für immer Mexiko verlosten sollten. Es war einer jener klaren wunderschönen mexikanischen Morgen. Die ganze Bevölkerung der Hauptstadt war auf der Straße und in freudiger Aufregung: der Abzug der Fran- zo en war für alle ein freudiges Ercigniß, denn sie hatten sich bei allen Parteien verhaßt gemacht. Das Benehmen des Marschalls Bazaine brauche ich nicht zu charakterisiern; eS ist in vielen Schriften gewürdigt worden. Er mochte nach seinen Instruktionen gehandelt haben; allein er that es nicht nur in einer ihm eigenthümlichen brutalen Weise, sondern überschritt dieselben wahrscheinlich in manchen Punkten, je nachdem es seinem grenzenlosen Ehrgeiz und seiner Geldgier*) paßte. Die französischen Offiziere ahmten dem Marschall nach, und ihre Anmaßlichkeit und Habgier überschritt alle Begriffe. Was kümmerte sie Maximilian, oder die vorgeschützten zivilisatorischen Absichten ihres Kaisers! Sie verachteten die Mexikaner mit französischer Anmaßung, raubten so viel sie immer konnten, und beleidigten gröblich die Bewohner von Mexiko bei jeder Gelegenheit. Herrr» auf dem Trottoir, die ihnen nicht schnell genug aus dem Wege gingen, stießen sie auf das Pflaster hinunter, und Damen, die sich auf die Straße wagten, waren vor ihrer gemeinen Zudringlichkeit nicht sicher. Die mexikanischen Offiziere zogen es vor, meist in Zivil zu gehen, da sie ihre Uniformen nicht der Beschimpfung aussetzen wollten, daß ihre Begrüßung von den Franzosen nicht erwidert wurde. — Die mexikanischen schwarzäugigen Damen, den Rebozo (Schlciermchitille) leicht und kokett über Kopf und linke Schulter geworfen, füllten schon frühzeitig die zahlreichen Balköne. Der Ausmarsch began« um » Uhr. Kein freundlicher Zuruf, kein Äbschiedözeichen grüßte die verhaßten Bedrücker, und die Damen sahen unbeweglich und mit verächtlichem Lächeln auf die rechts und links umher kokettirenden Offiziere hinab. Das Volk herhielt sich durchaus still. Der Kaiser trat nicht aus Fenster: doch konnte er sich nicht v^agen, hinter der Gardine hervor, de» letzten Blick auf die Truppen seines treulosen Verbündeten zu werfen. Die Citadelle wurde erst am ander« Tage geräumt, damit die Besatzrtng Zeit hatte, vierzig dort stehende Kanonen unbrauchbar zu machen, und die Munition in's Master zu werfen. Sechs gezogene Geschütze und viertausend Granaten wurden sorgfältig begraben, damit die Liberale» sie sinken sollten; allein es wurde »errathen, und sie kamen in unsere Hände. Daß Marschall Bazaine dem General Porsiirio Dia; anbot, ihm die Stadt Mexiko zu überliefern kann ich in so weit bestätigen, als es mir von dem General selbst im November 1867 mitgetheilt wurde. Porfirio Diaz hatte das ehrlose Unternehmen abgelehnt, iude« er sagte, er hoffe die Stadt wohl selbst nehmen zu tönnen." (Fortsetzung folgt.) Die Erdbeben in Süd-Amerika. Die Bewohner der Westküste von Südamerika haben endlich die Beruhigung, glauben zu dürfen, daß die Erschütterungszeit nach mehr als andcrthalbnionatlichcr Das« *) Er uud der französische Geschäftsträger Dano benützten die gute Gelegenheit, um sehr reiche Mexikanerinnen zu heirathen. Um sich die Mitgift für alle Fälle gehörig zu sicher», trugen sie Sorge, ihre Gattiuen aus liberalen Familien zu wählen. vorüber ist, und daß sie, früheren Beobachtungen vertrauend, nun einer längeren Reihe von Zähren entgegensehen können, in welchen der Boden fester stehen wird unter ihren Füßen, und, was wichtiger ist, unter ihren Häusern. Der dreizehnte August brachte allerdings den ersten heftigen Stoß ; doch war die Erde schon im Anfange jenes Monats in bemerkbarer Erregung; die letzten Schwankungen verspürte man am 21. September, feit welchem Tage Ruhe eingetreten ist. Wenigstens in Petu; von Chili gilt auch die obige Bemerkung, daß das Vertrauen zurückgekehrt sei, nicht ganz, indem man in diesem Staate, welcher im August fast ganz verschont blieb, nach den letzten Berichten die Vorzeichen eines Erdbebens wahrzunehmen glaubte. Hoffentlich täuscht man sich. Von den August-Ereignissen erzählt ein Brief des Herrn Vicrau aus Lima, den Professor Dove der Ocffentlichkeit übergeben hat. Die große Mehrzahl der in demselben berichteten Thatsachen sind unseren Lesern längst bekannte Dinge. Als neu heben wir hervor, daß, während die gewaltigste Erschütterung in Peru am 13ten, in Ecuador aui löten und 16ten stattfand, das westliche Bolivien am 19. August, einem Tage, der in Peru ziemlich ruhig vorüberging, einen heftigen Stoß erlitt. Die Stadt Cosavilla ward gänzlich zerstört, eben so das Städtchen Curaguara de Carangas, südlich vom Titicaca-See. — Auch wird von Bergstürzen erzählt. Erwühnenswcrth ist eine Beobachtung an den Küsten Pcru's: „Dös nordamerikanische Kriegs - Dampfschiff „Powhatan" brachte am 27. August die NaMlcht, daß die Tiefe des Meeresgrundes in Folge des Erdbebens Vom 13ren an sämmtlichen jetzt gemessenen Stellen ganz bedeutend abgenommen habe; auf der Höhe von Sama fand mau durchschnittlich nur 6 — 7 Faden, wo stets 30 bis 40 Faden Tiefe gewesen waren. Weitere Messungen und deren Resultate an anderen Orten dieser Küste des Stillen Oceans sind noch abzuwarten, es sollen mit Nächstem von der Regierung von Peru zwei Commissionen entsandt werden, die eine zur Untersuchung der durch die Erdbeben vom 13. August bis 4. September hervorgebrachten Umgestaltungen auf dem Lande und besonders im Innern von Peru und Bolivia, und die andere zur Bestimmung etwa weiterer Veränderungen des Mecrgrundes längs der ecuadorischen, peruanischen und chilenischen Küsten." Nach amtlichen Berichten, welche am 26. August aus verschiedenen Theilen der ecuadorischen Provinz Jmbaburu nach Quito gesandt worden sind, waren die Cantonc Otavalo, Cotacachi und Zbarra wie von der Oberfläche verschwunden; vom Canton Zbarra existirt nur noch ein Kirchdorf, Pimam- piro, in der östlichen Cordillcre. Die Verwüstungen reichen bis an die Grenze von Neugranada, westlich vom Berge Cotacachi bis zu dem Orte Sau Lorenzo de Palacara, östlich bis Sau Pablo, welche in Ruinen liegt. Man glaubt, mit Sicherheit annehmen zu können, daß diese große Katastrophe von einem der niedrigsten Seitenkrater des großen Catacachi (auch Muyusurco genannt) ausgegangen sei; dieser Schlund ist in der Hacicnda von Ocampo gelegen. Der ganze Rest der Bewohner von Zbarra, die sich haben retten können, liegt in Caranqui in jämmerlichem Zustande, obschon Zbarra nicht so viel gelitten hat, als die Cantone von Otavalo und Cotacachi. Viele große patiicische Familien sind gänzlich ausgestorben, wir haben keinen Begriff, wie hoch sich die Anzahl der Todten versteigt. Der ganze Weg zwischen Otavalo und Zbarra ist mit Ruinen und Leichen besäet, außerordentlich viele Nisse des Erdreichs und große Strecken des Landes sind tief eingesunken, aber weit mehr noch, als hier, ist dies der Fall längs des westlichen Gebirgs- zuges von Majanda bis Sän Lorenzo; unterhalb der Abhänge des Cuicocha, außer ungeheuren Massen des herabgestürzten Geröllcs, befinden sich neue große Niste und Spalten, auch die alten haben sich erweitert. Die Wege sind völlig ungangbar Schreckliche Lawinen von Felsen und Geröllen sind von der Höhe des Cotacachi herabgckommen. Aus dem Berge Jmbaburu brach eine Art Strom hervor, aus lauter Schlamm bestehend, welcher sämmtliche Felder mit Morast überschwemmt hat, fast alles Vieh ist dort umgekommen; später folgte noch eine Ucberschwemmung Seitens des Flusses, welche bis heute fortschreitet. Zu Ocampo ergoß sich eine Masse bituminösen Schlammes. AuS den 373 Ortschaften Cotacachi (am Flusse des gleichnamigen Berges), Nrcuque, Tumbabiro, Sa- linas (wo die Salzwcrkc zu Grunde gegangen sind) u. s. w. haben sich nur wenige Personen retten können, man schätzt die Zahl der Todten hier auf 5000; die voy so .vielen Leichen ausgehauchten MiaSmen verpesten die Luft weithin, und befürchtet man in Folge besten gefährliche Krankheiten. Äm Mittelpunkte der Stadt Otavalo (wo bei dem Erdbeben gerade Messe war) sind etwa 7000 Leichen aüsgcgraben worden. Der Cotacachi oder Muyusurco hat einen kleinen Ausbruch gehabt, und zwar aus einem der unteren Scitenkratcr an seinem Fuße bei Otavalo, auch ist er oben an der N.-W.-Scite aufgcborsten und entsendete eine enorme Masse von Erde, Schlamm, Erdpech nach der Seite von Pinna zu. An seinem Ostabhange sind ungeheure Spalten und Gerölle. — In Nachrichten von-Neugranada und Panama findet sich von Erdbeben keine Spur. — Der englische Geschäftsträger in Lima berichtet über die vom Erdbeben betroffenen Orte Peru's: „An Lebensrnitteln ist in Arcguipa, Jslay, Arica und anderen Orten nunmehr . Ueberfluß, und Hanplbedürsniß ist jetzt Segeltuch zu Zelten und Holz zum Baue solider Wohnstätten vor Einbruch der Regenzeit. In Arcguipa kehren die Einwohner allmälig aus ihren Zelten zur Stadt zurück und gedenken dieselbe wieder aufzubauen. Doch dieses Unternehmen wird Angesichts der elenden Lage, in welcher die Familien sich jetzt sämmtlich befinden, für den Augenblick sehr schwierig, wenn nicht ganz unmöglich sein. Ucbcrdieß dürfte der Wiederaufbau Arequipa's ein ganzes Jckhrhnndcrt in Anspruch nehmen und einige vierzig Millionen Dollars kosten. Die Stöße hatten daselbst noch nicht gänzlich aufgehört; noch am Listen wurden deren drei, und zwar sehr heftige, verspürt. Daher sind auch Viele gesonnen, nicht nach der Stadt zurückzukehren, und haben sich bereits 7 bis 8000 Leute an die Küste oder in's Innere des Landes begeben — Ayacucho wurde gleichfalls von einem Erdbeben heimgesucht, doch ist der daselbst angerichtete Schaden im Vergleiche nur unbedeutend. In Arica war man mit Wegräumen der Trümmerhaufen in den am besten erhaltenen Straßen beschäftigt, und ein Theil der Bemannung der dort vor Anker liegenden drei Kriegsschiffe (ein englisches, ein amerikanisches und ein peruanisches) ging den Bewohnern bei dieser Arbeit zur Hand. Den Beobachtungen des Capitäns eines chilenischen Kriegsschiffe- zufolge war bei der Insel Juan Fernandcz (300 Meilen westlich von Valparaiso) um dieselbe Zeit die See ungewöhnlich bewegt, und wurde ein starkes unterseeisches Getöse gehört. Zm Ganzen genommen sind Handel und Industrie durch diese Unglücksfälle stark geschädigt worden, und es wird eine geraume Zeit verstreichen, ehe Südperu sich von diesem Schlage, der Eliigebornc und Fremde so hart getroffen, erholt haben wird.* Duell - Geschichten. Die einzige etwas stichhaltige Entschuldigung des Duells ist die, daß sie eine Schranke gegen die Rohheit sei. Wir selbst müssen dem Freiherr» von Bibra Recht geben, wenn er in einem seiner Romane sagt, daß die Lage eines gebildeten Mannes, der sich gemeinen und händelsüchtigen Menschen, die doch keine Genugthuung gäben, gegenüber befinde, eine schauderhafte sei; man sei in solchen Fällen vollkommen schutzlos. Doch ist die Schranke des Duells keine ausreichende. Man wird durch sie nicht gegen diejenige Rohheit geschützt, welche Genugthuung gibt und sogar auf Duelle ausgeht. Die Raufbolde vom Handwerk sind immer rohe Menschen und werden durch die Feigheit, die in allen steckt, besonders gefährlich. Sie suchen sich stets die schwächsten Gegner aus, um ohne alle Gefahr für sie selbst in den Ruf der Tapferkeit zu kommen. Sie sind ihres Ziel- auf dreißig Schritte sicher und schießen mit tödtlichem Erfolge zuerst, so daß sie nicht einmal zufällig getroffen werden können. In den Tagen Peter's des Großen kam das Duell in Rußland stark aus der Mode, weil jener Monarch eine Verordnung erließ, welche Leben mit dem Galgcu be- 374 drohte, der einen Anderen herausfordere, gleichviel ob da» Zusammentreffen stattfinde oder ' Nicht. General Saß und Fürst Dolgorucki fanden nichts desto weniger ein Mittel, ihre verwundete Ehre herzustellen. „Wir dürfen uns nicht schlagen, Fürst," sagte der General, „aber wir wollen uns auf jene Brüstung stellen, gegen die der Feind sein Feuer richtet, «nd dort so lange stehen bleiben, bis einer von uns getroffen wird." Diese scharfsinnige Auskunft wurde angenommen, und Beide begaben sich an die bezeichnete Stelle. Im -i Angesicht ihrer und der schwedischen Armee standen sie aufrecht da, mit einer Hand auf ! der Hüfte, und blickten sich wüthend an, bis der Fürst von einer Kanonenkugel in zwei j Stücke zerrissen wurde. Dieses Verfahren war wenigstens ehrlich, und ehrlich war auch der Apotheker, welcher seinem Gegner vorschlug, sich auf Pillen zu duelliren; einer mußte sterben, denn die eine Pille war vergiftet. Unehrlich war der Barbier, der sich mit einem Krämer auf Rasirmesser schlug und natürlich siegte. Er war ebenso im Vortheil, wi» der geübte Schütze über den Neuling. Es läßt sich nicht leugnen, daß Duelle zuweilen, wenn auch unabsichtlich, wohlthätige Folgen haben. In einem Duell bei Paris zwischen zwei unerfahrenen Personen wurde nach den beiden gleichzeitigen Schüssen ein lauter Schrei gehört. Die Duellanten waren unverletzt, aber einer hatte einen Wucherer erschossen, der auf der Straße vorüberging. In dem berühmten Duell zwischen Picrrot und Ärlequin feuerten Beide zugleich . und Jeder tödtcte den Sekundanten seines Gegners. Die Idee war vortrefflich, denn in > neun Fällen unter zehn sind cS die Sekundanten, welche die Duelle verursachen oder sie wenigstens nicht nachdrücklich zu verhindern suchen. Ein Herr, der mehr als einmal einer > Pistolcnmündung auf zwanzig Schritte gegenüber gestanden hatte, sagte: „Wenn die Sekundanten nur halb so dagegen wären, daß ihre Freunde auf einander schießen, als diese Freunde selbst sind, so hätten wir nicht viele Duelle, und wenn sie nur halb so dagegen wären, ihre Freunde fechten zu sehen, als selbst zu fechten, — dann hätten wir noch j weniger Duelle. ! In alten Zeiten würde dieseb Spott ein unverdienter gewesen sein, denn damals war es ganz gewöhnlich, daß auch die Sekundanten sich schlugen, so daß jedes Duell > ein Kampf zu Vieren war. Dadurch erklärt sich die folgende Anekdote. Ein Edelmann, j der eine Herausforderung erhalten hatte, bat einen Freund, sein Sekundant zu sein. — „Mein Theuerster," antwortete der Letztere, „ich habe in voriger Nacht fünfzehnhundert Guincen gewonnen und würd« heute Morgen beim Kampfe eine traurige Figur spielen. Wenn Sie aber zu dem Herrn gehen wollen, dem ich sie abgenommen habe und der nicht einen Pfennig mehr besitzt, so zweifle ich nicht, daß er sich wie eine wilde Katze schlagen wird." Zuweilen waren die Bedingungen so, daß Sekundanten unmöglich wurden. So wurden einmal zwei französische Edelleute in eine Miethskutsche gesetzt und ihre linken Hände zusammengebunden. Jeder hatte in der rechten Hand einen Dolch, und konnte beliebigen Gebrauch davon machen, während der Wagen zweimal um den Platz fuhr. Auch in dem Falle, wo zwei Engländer in ein Oxhoft krochen und sich mit Messern bearbeiteten, würden sich wohl keine Sekundanten gefunden haben, welche mit von der Gesellschaft gewesen wären. Im Allgemeinen war es aber höchst gefährlich, ohne Sekundanten zu kämpfen, weil den Ueberlebcndcn der Verdacht traf, schlechtes Spiel gespielt zu haben. Major Campbell wurde gehängt, weil er den Hauptmann Boyd von demselben Regiment in einem Zimmer neben dem Eßsaal erschossen hatte. Beide Pistolen waren abgefeuert worden, aber man hatte Boyd vor seinem Tode sagen hören: „Campbell, Sie überstürzten die Sache. Sie wissen, daß ich warten und Freunde zuziehen wollte." Diese Worte waren Campbell's Todesurthcil. In Frankreich und Nordamerika sind Duelle noch am häufigsten. Die französischen Journalisten werden wegen ihrer Aeußerungen häufig zur Rechenschaft gezogen, und Namentlich in der letzten Zeit sind eine Menge Duelle daraus hervorgegangen. I» Amerika haben die Duelle fast immer einen schlimmen AuSgang. Mag nun das Duel- liren für aristokratisch oder republikanisch gelten, genug, rS steht in großer Gunst. Vergebens haben einige Staaten, um der Unsitte ein Ende zu machen, festgestellt, daß der Neberlcbcnde in allen Fällen die Schulden seines Opfers bezahlen muß. Die Duellanten gehen über die Grenze und schlagen sich in einem andern Staate. Eines der wildeste» Duelle kam vor etwa dreißig Jahren in der Nähe von Philadelphia zwischen Dr. Smith und vr. JeffrieS vor. Die Entfernung betrug blo» acht Schritt, aber die ersten Schaffe sielen, ohne daß eine Verwundung vorkam. Die Sekundanten bemühten sich nun um eine Versöhnung, allein ohne Erfolg, da JeffrieS erklärte, daß nur einer von thue» lebend die Stelle verlassen dürfe. Man übergab ihnen die Pistolen zum zweiten Male, «nd als jetzt gefeuert wurde, zerschmetterte eine Kugel Smith's rechten Arm. Es entstand dadurch kein langer Aufenthalt, denn kaum war der Verwundete aus seiner Ohnmacht erwacht, so erklärte er, da er den Arm verlieren müsse, so wolle er lieber sterben. — Die Pistolen wurden zum dritten Mal geladen, und Smith nahm seine Waffe in die linke Hand. Bei diesem Kugclwcchsel wurde JeffrieS durch den Schenkel geschaffen und verlvr so viel Blut, daß er in Ohnmacht siel. Man mußte eine Pause von mehrere» Minuten machen, bi« er wieder zu sich kam, und nun verlangten Beide, daß die Entfernung verkürzt werde. Zum vierten Male stellten sie sich mit Blut bedeckt, in einer Entfernung von sechs Fuß auf. Sie schössen gleichzeitig u»d stürzten Beide zu Bodcu. Smith war auf der Stelle todt, denn die Kugel war ihm durch'- Herz gegangen. — JeffrieS war durch die Brust geschaffen und lebte noch vier Stunden. Noch vor hundert Jahren schützte nicht einmal da» geistliche Kleid. Bäte, Herausgeber der Morning-Post, machte seinem Titel eine- Mitglieds der streitenden Kirche Ehre, denn er schlug sich zwei Mal auf Degen und Pistole». Der Feldprcdigcr Hill wurde von einem Obersten erschaffen. In jener Zeit erschienen Handbücher für Duellanten, welche guten Rath gaben. „Die beste Zeit," sagt eines derselben, .ist die Morgenstunde und zwar im Sommer die sechste, im Herbst und Frühling die siebente, im Winter die achte. Ein vcrhcirathcter Mann wird eine späte Stunde wählen muffen, um seiner Fra» »nd seinen Kindern keine Unruhe zu machen. Wenn Jemand raucht, so soll er die Cigarre nicht ausgehen lasten Wird er verwundet, so muß er ruhig bleiben, und stirbt er, so soll er mit so viel Anstand als möglich Abschied nehmen." Diese Regeln beobachtete ein berühmter Duellant, al» er tödtlich verwundet wurde und beim Niederstürze» blas sagte: „Ich kann nicht begreifen, daß ich ihn nicht getroffen habe." Zum Schluß unserer Geschichten noch eine Anekdote. Ein berühmter Mathematiker- iu Cambridge hörte, daß einer seiner Schüler sich schießen walle, und ließ den junge» Mann kommen. .Wcßhalb wollen Sie sich schlagen?" fragte der Mathematiker. „Weit rr gesagt hat, daß ich gelogen habe," antwortete der Student. .Sehr schön, dann lassen Sie ihn i< beweisen. Beweist er e», dann haben Sie gelogen, beweist er e» nicht, dann lügt er. Wcßhalb wollen Sie einander todtschicßen? Laste» Sie ihn e< beweise». — tzuuä «rat lj«.-n>o„ztr>in Luft geflogen und in's Wasser zurückgefallen sei; wie ihm eine stürzende Schiffsplanke ! das Bein zerschmetterte, er aber trotzdem noch sechs Stunden umherschwamm, bis er von s einem französischen Schiff aufgenommen und dort amputirt worden sei. Solcher Erleb- > nisse wußte er viele zu berichten; auch bei dem Kampfe und der Vernichtung des französischen Kriegsschiffes „Vengeur" war er dabei. Trotz seiner hundert Jahre war der Alte noch sehr rüstig; er würde ohne Brille gelesen haben, wenn er überhaupt des Lesens ! kuudig gewesen wäre, er hatte alle seine Zähne noch und trotz seiner ruhmvollen Wun- ^ den marschirte er ohne Stock seine zwei Stunden täglich zu Fuß mit dem Stelzbein und > trank seine sechs Putten Ale und einen halben Liter Gin. Nun ist kürzlich der alte s Thomas Culliforth gestorben. Als man seine Papiere untersuchte, um vielleicht Material für die englische Geschichte zu entdecken, ergab sich etwas ganz Seltsames. Thomas i Culliforth war erst 67 Jahre alt gewesen; er ließ sich feiern und pflegen, aß Backwerk, ' trank 'Ale und rauchte unrer dem Namen seines Großvaters, dessen hiuterlaffeue Papiere ! er sich angeeignet hatte. O ihr guten Engländer! ! , _^ ' ) Das deutsche Element ist in verschiedenen Staaten der „Nordamerikanischen ! Union" in beträchtlichem Fortschreiten begriffen. So wird uns aus West-Wisconsin i geschrieben, dort finde eine solche Verdrängung der englischen Bevölkerung durch die ! deutsche statt, daß in amerikanischen Zeitungen verlangt werde, man solle deutsche Geist- ! liche dahin schicken, um die Kirchen zu benutzen, die von den aussterbcndcn englischen i Gemeinden gebaut wurden. Bei dem überhand nehmenden Wegziehen der englischen Bewohner würden diese Kirchen voraussichtlich nicht mehr anders benutzt werden können, als zu deutschem Gottesdienst. Ebenso bcachtcnswerth ist auch das Uebergcwccht, welches die römisch-katholische Kirche allmählig in den Vereinigten Staaten gewinnt., Sie bildet dort bereits die bei Weitem zahlreichste unter den Kirchen. In New-Nopk ^ Zg katho- > lische Kirchen, in St. Louis 30; in Cincinnati gab es vor 30 Jahren eine katholische ! Kirche, jetzt zählt man deren 21, für deren Aufbau 3 Millionen Dollars verwendet wurden, für die dazu gehörigen Klöster, Gchulen und Hospitäler l'/^ Million, Golum- ! bus, die Hauptstadt von Ohio, hatte vor 20 Jahren nur eine katholische Kirche, die sehr ^ arm war. Jetzt sind drei Pfarrkirchen da, eine prachtvolle Kathedrale wird erbaut, zwei s Klöster und ein großartiges Hospital, drei Schulen mit über 900 Schülern sind errichtet. ! Es gibt überhaupt in der Union keine einigermaßen bedeutende.Stadt mehr, in welcher ! nicht einige katholische Kirchen oder Kapellen sich befinden. ^ Frage: Warum hat der Perlachthürmer grüne Vorhänge vor den Fenstern? Antwort: 'invhffuirmh bunuhogx zuuj m guvmsizg mhi zimvE Dr»«, «erla» »»» «idoltt»» de« Mer-rüche» Jnsttt»!« »»» vr. M. Huttier. Nr. 48 . 29. Novbr. 1868 Augsbur^er Wenn gleich ein loses Maul mit Lästern auf dich tobet, So frage nichts darnach, dir wirst dadurch geziert; Man schätzt die Schmach nach dem, von dem sie hergerührt; Lobt mich ein guter Mann, so bin ich wohl gelobet. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) Es ist unbestreitbar, daß die Franzosen die Absicht hatten, dem Kaiser das Verbleiben in Mexiko möglichst zu verleiden und für den Fall, daß er dennoch beharrte, dafür zu sorgen, daß er sich nicht lange halten könne. Der napoleonische Plan eines mexikanischen Kaiserthums war von Haus aus auf die Voraussetzung gebaut, daH die amerikanische Rebellion siegreich sein werde. Prinz Salm geht ohne Zweifel zu weit, wenn er sagt, Napoleon habe eS mit der Gründung dieses Reiches gar nicht ernst gemeint, und als Beweis dafür den Umstand anführt, daß andernfalls der französische Herrscher die Conföderation der rebellischen Südstaaten kräftigst unterstützt haben würde. Napoleon that Dieß einfach deßhalb nicht, weil er das Wagniß zu kühn fand. Aber Recht hat der Prinz darin, daß die Unternehmung der Franzosen mehr eine Finanz- Operation als eine politische That sein sollte. Napoleon wollte die mexikanische Provinz Sonora gewinnen, und die Männer in seiner Umgebung, Morny und seine Genossen, wollten ungeheure Summen in die Tasche stecken. Es war den Meisten, "vielleicht mit Ausnahme Napoleon's und Maximilian's bekannt, daß die Spekulation auf die Millionen der Iccker'schen Forderung der eigentliche Ausgangspunkt des mexikanischen Abenteuers war. Wie der Beginn unwürdig, so der Fortgang schmachvoll. Maximilian mußte sich von seinen französischen Helfern die ärgsten Demüthigungen gefallen lassen; Marschall Bazaiue schrieb ihm unverschämte Briefe; die Franzosen mißhandelten auf's Aergste die Mexikaner der Kaiscrpartci und übten gegen die Republikaner die empörendste Grausamkeit. „Sie stahlen Alles, was sie nur konnten, und von den Anleihen flössen nur ncun- zehn Millionen in den Staatsschatz." Wohin die übrigen Millionen kamen, darüber hätten Morny, Rouher und andere Große des Bonapartismus wahrscheinlich gute Auskunft geben können. Jede Rücksicht schwand aber bis auf's Letzte, sobald der Sieg der Vereinigten Staaten über die Rebellion den Franzosen eine ungesäumte Heimkehr auferlegt hatte. Maximilian's Krone sollte das Gepäck auf ihrem Rückzug bilden. Es sollte ihm. klar gemacht werden, daß er ohne sie nichts sei. So weit ihre Wirksamkeit reichte, schnitten sie ihm nicht nur die Hilfsmittel ab, sondern bereiteten auch Alles zu seinem Verderben. Marschall Bazaine setzte jeder Organisation eines mexikanischen Heeres die erdenklichsten Schwierigkeiten entgegen; die Franzosen, die in demselben Dienst genommen hatten, bemühte er sich, zur Rückkehr in die Heimath zu verleiten, und wahrscheinlich von ihm angetrieben, thaten die Vertreter Oesterreichs und Belgiens ähnliche Schritte bei ihren Landsleuten. Die belgische Legion, bereits im Januar aufgelöst, hatte damals eine gezogene Batterie und ihre ausgezeichnet guten Gewehre dem französischen General Douai überliefern müssen, und Prinz Salm fand später diese Waffen in den Händen der feindlichen Truppen unter Porfirio Diaz wieder! Uebrigcns war es schon vor dem Erscheinen dieses Buches bekannte Sache, daß die Franzosen vor ihrem Abzug mit den Feinden Maximilian's unter Einer Decke spielten; sobald sie nicht mehr bleiben 378 konnten, erachtete Napoleon es für sein Interesse, der ganzen Kaiserposse ein Ende zu machen, damit sie ihm weiter leine Verlegenheiten schaffen könne. Als Maximilian von seinen Beschützern befreit war, faßte er den Plan, mit dem größeren Theil seiner Truppen nach den nördlichen Provinzen zu ziehen, um die feindlichen Abtheilungen einzeln zu vernichten. Der Plan war gut, allein er hätte mit entschlossenster Raschheit und Thatkraft ausgeführt werden müssen. Statt Dessen zeigte sich unentschiedenes Schwanken und Haltlosigkeit. Man wählte zum Mittelpunkt der Operationen die höchst ungünstig gelegene Stadt Queretaro, ließ sich dort mehr und mehr vom Feind einschließen und aushungern, und benutzte keine der günstigen Gelegenheiten, sich entweder nach Mexiko zurück oder an die Meeresküste durchzuschlagen; ja man versäumte sogar die Besetzung der Höhen umher, die die Stadt beherrschten. Ein europäisches Heer hätte Queretaro in drei Tagen genommen; die Mexikaner unter General Escobedo brauchten dazu drei Monate und die Beihilfe des Vcrraths. Maximilian war seit dem Tage, da er aus der Hauptstadt gezogen, von Denen, die er zurückgelassen, bereits gänzlich aufgegeben. Seine hingesendeten Befehle wurden nicht mehr beachtet; er verlangte, die in Mexiko zurückgebliebenen Truppen sollten ihm nachfolgen, seine Minister untersagten es. Er halte Marquez als seinen Stellvertreter hingesendet, und auch dieser, trotz seinem feierlich gegebenen Ehrenworte, schickte weder Truppen noch Geld; ja er verschmähte es sogar, dem Kaiser auch nur die geringste Mittheilung zukommen zu lasten, und benahm sich überhaupt so, als sei er von nun an allein der Beherrscher von Mexiko. Maximilian hatte am 13. Februar 1867 den Marsch nach Queretaro angetreten. Am Morgen des 5. Mai spielte der Verrath des Obersten Lopez die Stadt dem feindlichen General Escobedo in die Hände, und der Kaiser ward gesungen. In dieser langen Zeit von 12 Wochen war Fehler auf Fehler gehäuft worden. Mehr als ein siegreiches Gefecht mit den Truppen Escobedo's bot die beste Gelegenheit, sich durchzuschlagen; aber sie ward nicht bcnützl, trotz dem dringenden Mathe des Prinzen Salm. Und als Maximilian sich endlich zu dem unvermeidlich gewordenen Rückzug entschloß, verschob er ihn nicht nur von einem Tag zuni andern, sondern beging noch dazu den unverzeihlichen Fehler, seine Absicht nicht in das nothwendige Geheimniß zu hüllen. So gab er selbst durch unzeitige Mittheilung des Vorhabens dem Vcrräther Lopez die Möglichkeit, ihn den Feinden zu verkaufen. Gegen die Zusage einer bedeutenden Summe führte dieser persönlich am frühen Morgen die Feinde in den ihm anvertrauten Posten, das auf einem Hügel gelegene Kloster de la Santa Cruz. Der Entgelt, der einem solchen Dienst gebührte, ward ihm vollständig von den Mexikanern; sie haben ihm von dem vcsprochencn Vcrrätherlohn nicht einen Pfennig gezahlt. Uebrigcns weist Prinz Salm überzeugend nach, daß Lopez die Absicht hatte, wohl die Stadt, aber nicht den Kaiser dem Feinde zu überliefern; im Gegentheil wollte er ihm Zeit zur Flucht verschaffen. Gleich nach dem Eindringen der Republikaner schickte er seinen Mitschuldigen Oberstlieutenant Zablonski zum Kaiser, um ihn von dem Erfolg der Feinde zu benachrichtigen; hierauf eilte er selbst zum Prinzen Salm und forderte ihn auf, den Kaiser zu retten. Als sodann Maximilian mit dem Prinzen und drei andern Begleitern sein Quartier verließ, traf er sofort auf Lopez und den feindlichen Obersten Don Josö Rincon Gallardo; dieser erkannte den Kaiser; allein er wandte sich an seine Soldaten und sagte Lus pssmn sen paisanos. (Können passiren, sind Bürger.) „Die Soldaten traten zur Seite, und wir gingen an ihnen vorbei, — der Kaiser, Castillo, Pradillo und ich in voller Uniform und Sekretär Blasio! Der ganze Vorgang war so überraschend und auffallend, daß ich dem Kaiser erstaunt und fragend ins Gesicht sah. Er verstand meinen Blick und sagte: „Sehen Sie, es schadet niemals, wenn man Gutes thut. Die Mutter des feindlichen Offiziers, der uns passiren ließ, war sehr häufig bei der Kaiserin, die ihr viele Wohlthaten erwiesen hat. Thun Sie Gutes, Salm, wann immer Sie können. . . Gleich darauf kam Lopez zu Pferde und bewaffnet. Er drang in den Kaiser, sich in das Haus des Bankiers Rubio zu begeben, dort werde er sicher sein; 379 allein der Kaiser sagte: „Ich verstecke mich nicht", — und Lopez ritt wieder zurück. Plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, stand der Schecke des Kaisers an der Hand» seines mexikanischen Reitknechts vor uns, wie ich vermuthe, von Lopez selbst mitgebracht, der augenscheinlich nicht die Freiheit und das Leben des Kaisers in sein Verbrechen deS Verraths mit einschließen wollte. Während der Kaiser auf das Festungswerk Oorro cks tu Osmpana (Glockcnhügel!) flüchtete, traf Lopez noch einmal mit einem feindlichen Bataillon auf ihn; allein als die Offiziere desselben den Kaiser sahen, verkürzten sie ihren Schritt. So gelangte Maximilian unbehelligt auf den Hügel: allein da seine meisten Truppen zum Feinde übergingen, und es ganz unmöglich war, mit dem schwachen Neste durch Escobedo's Heer zu brechen, so blieb ihm nichts übrig, als sich zu ergeben. Der letzte Akt des Trauerspiels ist noch frisch in Aller Gedächtniß. Lopez hat am 31. Juli 1867 in Mexiko eine Flugschrift drucken lasten, um sich von dem Vorwarf des Verraths zu reinigen. Es ist ihm Das aber sehr übel bekommen. Wenige Tage nach dem Erscheinen der Flugschrift veröffentlichten 41 Stabsoffiziere deS kaiserlichen Heeres aus ihren: Gefängniß in Morclia eine Entgegnung, die die vollständigen Beweise für den geübten Verrath brachte. Auch Prinz Salm, obschon im Gefängniß zu Qucretaro und noch in Todesgefahr schwebend, unterließ nicht in einem Briefe vonr 4. Oktober 1867 dem schmählichen Menschen die Thatsachen vorzurücken, die Jeden von seiner Schuld überzeugen mußten. Aus diesem Brief erfahren wir unter Anderem, daß. Lopez das Eindringen der Republikaner dazu benutzte, vor Allem das Archiv des Kaisers und dessen silberne Waschtoilctte zu stehlen. Maximilian's Charakter tritt in dem Buche des Prinzen Salm auf das Günstigste hervor. Er war in der That eine wohlwollende, menschenfreundliche Natur, und hoch erhebt ihn die Ruhe, Milde, freundliche Gelassenheit, mit der er bis zum letzten Augenblick die Härte seines Geschickes trug. Er hatte sich in der kurzen Zeit seiner Herrschaft viele Liebe gewonnen, und selbst bei seinen Feinden erwarb er ungetrübte Hochachtung, die sich öfters bis zur Anhänglichkeit steigerte. Am Morgen seiner Hinrichtung sagte ein mcxicanischer Oberst zum Prinzen Salm: „Ich wollte, ich hätte Maximilian nie kennen gelernt! Ich war sein erbitterter Feind; aber durch seine heitere, erhabene Ruhe im Unglück und durch seine Liebenswürdigkeit gewann er mich ganz. Als ich ihn so eben sah, brach mir das Herz, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich in ein Nebenzimmer ging und weinte." Es waren eigentlich nur der Präsident Juarez und General Escobedo, die auf der Hinrichtung Maximilians bestanden; ersterer aus Gründen der Politik, der Letztere, weil Zwecke persönlichen Ehrgeizes ihn antrieben. Erst vor wenigen Monaten, als Miramon die Stadt Sän LuiS de Polosi, wo Juarez damals verweilte, überfiel und einnahm^ hatte Maximilian seinem General befohlen, wenn er Juarez gefangen nehme, ihn mit aller möglichen Milde zn. behandeln. Mit Maximilian ließ der General Escobedo, wie bekannt, auch Miramon und Mejia zur Gesellschaft erschießen. Der Letztere hatte einmal in früheren Zeiten Escobedo gefangen genommen, aber, als diesen das Kriegsgericht zum Tod vcrurthcilte, ihm die Mittel zur Flucht verschafft und Reisegeld gegeben. Escobedo lohnte ihm jetzt nach seiner Art. Die Freunde Maximilian's und deren waren nicht wenige, selbst im Lager der Republikaner, hatten die Zeit zwischen seiner Gefangennahme und Hinrichtung, zu benutzen gesucht, um ihm zum Entkommen zu verhelfen. Aber die wohlangelegten Plane mißlangen, und zwar durch die Schuld der diplomatischen Vertreter von Belgien und Oesterreich. Maximilian hatte, als er vor,s Kriegsgericht gestellt ward, von Mexico zwei Rechtsbeistände begehrt und auch die Gesandten und Geschäftsträger ersuchen lassen, sich in Querctaro eiiizufindcn. Die Anwälte kamen; von den diplomatischen Vertretern stellten sich die der beiden verwandten Höfe ein, also der belgische und der österreichische, Baron Lago, der preußische und italienische. Der französische Gesandte Dano blieb selbstverständlich aus. Baron Lago zeigte in seiner ganzen Wirksamkeit nichts, als eine grenzenlose Furcht vor dem Galgen. Der Prinz Salm und seine Gemahlin hatten die 380 mexikanischen Obersten Villanuova und PalacioS — Letzterer führte den Befehl im Gefängniß — gegen das Versprechen großer Geldsummen gewonnen. Der Kaiser stellte Wechsel aus; allein PalacioS wollte wenigstens fünftausend Dollars baare Anzahlung haben. Das Geld war nicht aufzutrcibcn; die Gesandten konnten oder wollten nichts geben. Nun sollten die Wechsel wenigstens von den Vertretern Oesterreichs und Belgiens mitunterzeichnet werden. Aber Herr v. Lago, der vorher es für unmöglich erklärt hatte, daß man den Kaiser erschieße, bekam jetzt Angst, dieses Schicksal möchte gar noch seine geheiligte diplomatische Persönlichkeit treffen, und verweigerte die Unterzeichnung. Noch in derselben Nacht verrieth PalacioS dem General Escobedo den Plan, und Alles war vorüber. Der Prinz Salm erscheint in diesen Aufzeichnungen als eine tapfere, treue Soldatcnnatur. Als eine wahre Heldengestalt tritt seine Gattin hervor, eine Amerikanerin aus der großen Republik. Man muß in dem Buche ihres Gemahls und in ihrem eigenen Aufzeichnungen lesen, welche Wagnisse sie unternahm, welche Gefahren sie kaltblütig bestand, um den Kaiser und ihren Gatten zu retten. Bald reiste sie nach Mexico zu Marquez, bald nach Sän Luis zu Juarez, bald zu den republikanischen Generalen, mitten durch die Feinde, meist allein und ohne anderen Schutz, als den ihres eigenen Muthes. So eilte sie hin und her, versuchte Unterhandlungen anzuknüpfen, drängte die feindlichen Häuptlinge mit fast unwiderstehlichen Bitten, mühte sich, unter den Feinden Werkzeuge für die Befreiung des Kaisers zu gewinnen. Hätte Maximilian ein halb Dutzend Männer gehabt, wie die Prinzessin Salm, er hätte gewiß ein besseres und schöneres Ende gefunden. (Fortsetzung folgt.) Mongkut, Köuig von Siam. Der Telegraph hat uns das Hinscheiden des ersten Königs von Siam gemeldet, und mit ihm ist jedenfalls der geistig am höchsten stehende, für abendländisches Wesen am meisten empfängliche Herrscher Asiens dahingegangen. War Mongkut auch der unbe- schränkte Gebieter, der über Leben und Tod seiner Siamcscn zu befehlen hatte, wie andere asiatische Despoten ebenfalls, blieben auch seinem Volke die Segnungen unserer Civilisation fern, so herrschte doch an dem üppigen Hofe zu Bangkok neben orientalischer Pracht ein reger Geist für die Wissenschaften, die in dem verstorbenen Fürsten einen eifrigen Förderer und Verehrer fanden. Kann man auch nicht behaupten, daß dem in einem budhistischcn Kloster aufgewachsenen Fürsten unsere Cultur ganz und gar zugängig geworden sei, blieb er, vermöge seiner asiatischen Abkunft und Umgebung, immer in einer gewissen Halbheit stecken, so hat er es doch an redlichem Willen, an eisernem Fleiß nicht fehlen lassen. Wo wäre der europäische Fürst, der so viele Sprachen redete, wie der jetzt verstorbene erste König von Siam sprach? Die Zeit, als er Mönch war, hat er vortrefflich benutzt. Er studirte nicht nur das Pali und die hl. Schriften, sondern lernte auch von französischen Missionären Lateinisch. Seitdem liebte er es sich Uox Liainoii- sium zu unterzeichnen. Später gaben ihm amerikanische Glaubensboten Unterricht im Englischen. Alle Sprachen Hintcrindicns, Cvchinchinesisch, Birmanisch, Peguanisch, Malayisch und auch Hindostanisch, waren ihm geläufig. Mongkut war am 18. Oct. 1804 geboren. Er war der Thronerbe als sein Vater i. I. 1825 starb, allein durch eine Weiberintrigue gelangte nicht er, sondern sein von einer Nebenfrau stammender Halbbruder Kromkluat auf den Thron, der nun in echt orientalischer Ueppigkeit ein Viertcijahrhundcrt über Siam herrschte. Diese Zeit benutzte Mongkut um in der Zurückgczogcnheit eines Klosters sich ganz den Wissenschaften hinzugeben; er wurde buddhistischer Mönch, drang tief in die Lehren seiner Religion ein, und versuchte gegen Mißbräuche derselben informatorisch aufzutreten. Ganz verschieden von dem Fanatismus der sonst uns wohl iiu Orient entgegentritt, zeichnete ihn in religiösen » 381 Dingen eine milde Duldsamkeit aus, die er sich bis an das Ende seiner Tage bewahrte. Er liebte es mit christlichen Geistlichen zu verkehren, und mit ihnen über die Grundsätze unserer Religion zu Philosophiren. Als ihn unser Landsmann, der Bremer Adolf Bastian, i. I. 1862 besuchte, begann er mit diesem sogleich ein Gespräch über die verschiedenen Formen, welche der Buddhismus angenommen habe, dabei bemerkend, daß der nepalesische Glaube an Adi-Buddha der christlichen Anschauung am nächsten komme. Neben theologischen Studien, die durch eine große Bibliothek unterstützt wurden, pflegte er sich mit Musik zu beschäftigen; er spielte Klavier, und besaß ein Laboratorium mit Physikalischen und chemischen Instrumenten. Auch verstand er vortrefflich zu photographircn. Aus dieser beschaulichen Zurückgezogenheit riß ihn das Jahr 1851. Er hatte es zu den höchsten geistlichen Würden gebracht und dachte nicht mehr daran, nochmals sich mit weltlichen Dingen befassen zu müssen. Da starb Kromkluat, der den Thron usurpirt hatte und Mongkut wurde sein Nachfolger. Am 18. März 1851 nahm er die Titel eines Königs von Siam an, die hochtönender und zahlreicher sind als selbst diejenigen des Kaisers von Oesterreich. Als die gewöhnlichsten darunter erwähnen wir Phra Maha Krasat (der erhabene Herr und Kaiser); Maha Chakrophatiraxa (der mächtige Kaiser des drehenden RadeS); Chao-Pendin (der Herr des Erdkreises); Phra-Chom-Klao-Ju-Hua (der heilige Scheitel, welcher gebietet); Chao xivit (der Herr des Lebens). Als Träger der Krone übte er nun unbegränzte Vollgemalt aus, er wurde göttlich verehrt, und seine Umgebung rutschte nur auf den Knieen zu ihm hin. Was ihn umgab war heilig, so gut wie die Nase Sr. Majestät, die in der Paliform Phra-Nasa heißt. Alle von ihm gebrauchten Gegenstände und die Möbel des Palastes empfingen vornehme Titel, selbst ein wesentliches Toilettenstück des'Schlafgemachs Mo-Long-Phra-Bangkhom in ur>um imßsi» ciominu8 lrullöus!). In der Vielweiberei machte König Mongkut keine Ausnahme von andern orientalischen Herrschern; außer zwei ihm rechtmäßig angetrauten Gattinnen (Akamahesi) besaß er noch 600 Concubinen. Anfangs noch der siamesischen Kleidung zugethan, liebte er es später sich in einer Art von gemischter Tracht zu zeigen. Ex trug eine schottische Mütze, Strümpfe und Pantoffeln, dazu einen Säbel und Stock mit golbcnem Knopf. Während seine Gemahlinnen Roben aus Paris bezogen, exercirlen seine Truppen nach europäischer Weise, trugen die Garde-Amazonen — eine alte siamesische Einrichtung —- vollständige schottische Hochlandstracht mit Kilt, Purse und Bonnct. Neben solchen Acußerlichkeiten, wohin wir auch die Porträte europäischer Potentaten, die den Palast des Königs zieren, rechnen müssen, suchte aber Mongkut das abenländische Wesen in der That zu erfassen, und daß es hierbei sich nicht um bloße Spielerei handelte, geht schon daraus hervor, daß er bis an das Ende seiner Tage den gelehrten Neigungen treu blieb. Die englischen Zeitungen las er regelmäßig, und seine Bibliothek, der ein besonderer Archivdirektor (Phra Alak) vorstand, wurde wirklich benutzt. Bastian sah in derselben Abzüge englisch abgefaßter Aktenstücke, die der König aus seiner Privatdruckcrei zur Cocrectur dahin geschickt hatte. Jährlich wurde im Palast ein Staatskalcnder verfaßt, der ganz Siam mit den wichtigsten Ereignissen bekannt machte, und der Redakteur dieses „Almanaque de Bangkok" war niemand geringeres als Se. Majestät König Monkut. Er baute auch Canäle, Festungen, besaß europäische Schiffe und verkehrte gern im philosophischen Gespräch mit dem Vorstand der katholischen Mission, Bischof Paillcgoix. Als dieser ausgezeichnete Mann, dem wir ein vortrefflliches Werk über Siam verdanken, und der auch die Correspondenz zwischen Mongkut und Pius IX. vermittelte, im Jahr 1862 zu Bangkok starb, schrieb der König sofort einen Condolenzbricf an die Missionäre, in welchem er bat zur Erhöhung der Leichenfeicrlichkeit seines verstorbenen Freundes beitragen zu dürfen „soviel die Bräuche der christlichen Religion dergleichen statthaft erscheinen lassen." Dankbar nahm man dieses Anerbieten an. Da der Begräbnißzng auf dem Menamstrome, der Hauptverkehrsstraße Bangkoks, sich bewegen mußte, so sandte Mongkut sein Palast- Dschunke zur Aufnahme der Leiche, ließ die königliche Flagge zum Trauerzeichen auf hal- 382 den Mast hissen, und begab sich selbst in einem Dampfer auf den Strom, um dem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Zum Andenken an diesen übersandten die Missionäre dem König einen Ring, welchen der Verstorbene getragen. Charakteristisch für ihn ist das Schreiben mit welchem er für diese Gabe dankte. Es ist datirt vom 9. Juli 1862, und lautet: „Der hochwürdige Bischof von Mallos ist 28 Jahre lang mein guter, inniger und aufrichtiger Freund gewesen. Der Inhalt Ihres Schreibens und das Geschenk haben mir große Freude bereitet. Diesen geweihten Ring — ich habe ihn gleich wieder erkannt — trug der Selige als er mich zum erstenmal besuchte. Er trug ihn am Finger, wenn er den Segen sprach über das christliche Volk. Mit Vergnügen vernehme ich den Wunsch, welchen sie mir ausdrücken: daß dieses Erinnerungszeichen an meinen seligen Freund auch für mich eine Quelle des Segens sein möge." Mongkut gab hiemit einen Beweis der höchsten Duldsamkeit gegenüber dem Bischof einer andern Kirche, wie er in ähnlicher Weise von den Beherrschern des Abendlandes uns nicht bekannt geworden ist. Auch die europäischen Kaufleute die sich in Bangkok niedergelassen haben, fanden in ihm einen eifrigen Beschützer. Zweimal schickte er Gesandtschaften nach Europa, so 1857 nach London, 1861 nach Paris und Rom. Während in Japan, China und andern Ländern Ostasiens die Europäer oft auf feindselige Gesinnungen stießen, ist ihnen in Siam niemals etwas in den Weg gelegt worden. Sie konnten unter Mongkuts Regierung Proselyten machen und Geld erwerben; auch hielt er redlich die abgeschlossenen Verträge und gicng solche willig ein mit jeder europäischen Macht die bei ihm anklopfte. So 1860 mit dem Zollverein. Bei alledem ist König Mongkut doch Siamese geblieben. Er wußte es selbst recht gut, und hatte es auch zu wiedcrholtenmalen ausgesprochen, daß er in der Halbheit stecke. Die Zustände in Siam waren verwildert und ließen sich Kicht ohne weiters reformircu. Sein Bock konnte er nicht ändern, und die hergebrachte Ordnung durste nicht angetastet werden. Die Sklaverei uud andere mißbräuchliche Einrichtungen blieben unter ihm nach wie vor. Aber Milde und Gerechtigkeit ließ er walten, soweit es der nothwendige Despotismus ihm gestattete. Ohne die Verehrung deS weißen Elephanten, die für einen so gebildeten Mann allerdings sonderbar erscheint, ohne 600 Kebsweiber, ohne Pracht und Luxus würde er kein König von Siam gewesen sein. Er trennte daher den Gelehrte» von diesem und war ganz Europäer wenn er sich in sein im floren inischcn Styl erbautes Sanssouci zurückzog, über welchem die Worte stehen: ko^al pleasure. König Mongkut wird immer als eine hervorragende Erscheinung unter den Monarchen des Orients gelten müssen, und wir bedauern nur, daß sein Wirken nicht auch auf das Volk von Einfluß werden konnte. (A. Z.) Rothschild. Rothschild heißen und sterben, ist das nicht ein Jammer? fragt der Chronikschreiber des „Gaulois." Rothschild! Klingt Euch der Name nicht in's Ohr, wie das Rollen der Goldstücke auf dem Zahlbrctt? War es wohl der Mühe werth, mit Hilfe von Millionen einen Thron zu errichten, dessen Fuß an die höchsten Kronen reichte, die größten Könige zu Höflingen zu machen, der reichste Finanzmaun der Welt zu sein, um schließlich wie ein Bettler an Gicht und Gelbsucht zu sterben? Wozu also die Millionen? Hätte Herr v. Rothschild noch das Vergnügen, mich zu hören — kein Zweifel, mit dem deutschen Accent, der seine Worte so sehr charaktcrisirte (mit uns f»i8 — hören Sie einmal! begann er fast regelmäßig) würde er mich unterbrechen: „Wozu die Millionen? Nun, um neue daraus zu gewinnen." Zeichnen wir einen Tag aus dem Leben des scchsundsicbenzigjährigcn Mannes: Um sieben Uhr Morgens, im Sommer wie im Winter, kam der Vorleser an sein Bett mit den Journalen. Die Kammcrberichtc im Mvnitcur wurden bis auf das letzte Wort 383 gelesen, daneben aber auch die Anekdoten und Lückenbüßer der kleinen Blätter, und wenn der Baron bei guter Laune war, so amüfirte er sich auch an den Scandalgeschichten vor und hinter den Coulissen. Alles das, während Felix, sein Kammerdiener, ihn ankleidete. Felix ist der Kammerdiener pur exaallenee, der gute Diener von ehemals, treu wie ein Pudel, ein echtes Freundesherz, dabei ein wenig tyrannisch, da man's ihm nicht übel nimmt. Was ist das für ein Ucberrock, Felix? „Der, welchen der Herr Baron heute anziehen werden." Aber der, den ich gestern trug, gefällt mir besser. „Mag sein, aber der Herr Baron wissen nicht, daß sich das Wetter geändert hat." Thut nichts, ich will lieber den anderen. „Der Herr Baron werden aber diesen anziehen." Und lachend zog Herr v. Rothschild den ihm von Felix gereichten Ucberrock an. Um 8 Uhr frühstückte der Baron. Alsdann empfing er seine Sekretäre, 7 bis 8 an der Zahl, und erst nachdem die ganze Geschäfts - Corrcspondenz, die sie ihm brachten, erledigt war, ging er an seine Privat-Corrcspondenz. Gegen 9'/^ Uhr empfing er gewöhnlich einige Antiquare und Kunsthändler. Er war ein großer Liebhaber von Raritäten und Kunstgegcnständen und soll u. A. eine ausgezeichnete Dosen-Sammlung hinterlassen haben. Gegen 11 Uhr begab er sich in die Bureaux, um dort die Wechsel- Agenten zu empfangen. Bisweilen besuchte er darauf eines der zahlreichen Comits's, zu denen er gehörte, stets fand er sich aber um 1 Uhr in dem an sein Bureau stoßenden Kabinet wieder ein, um dort mit seinen drei Söhnen zu frühstücken. Während des Essens beschäftigte er sich mit den häuslichen Angelegenheiten und empfing er auch Geschäftsbesuche; gegen drei Uhr machte er, gewöhnlich zu Wagen, eine Promenade, von der er nach einer Stunde zurückkehrte, um seine Privat-Corrcspondenz zu beenden, und die Geschäftsbriefe zu unterzeichnen, deren Inhalt er am Morgen angegeben hatte. Um fünf Uhr begann er im Jockey-Club seine unumgängliche Partie Whist, kehrte gegen sieben Uhr zum Diner zurück und beschloß den Abend in einem Theater. Regelmäßig legte er sich zwischen 11 und 12 Uhr schlafen. So war sein Leben geregelt, wie sein Hauptbuch; nur seine Thätigkeit kannte kein Maß, sei es in großen Dingen, sei es in Kleinigkeiten. Noch vor Kurzem konstatirte er in seinen Bureaux das übermäßig lange Ausbleiben seiner Beamten mit dem malerischen und zugleich melancholischen Ausruf: „Auf Ehrenwort, ich bin gar kein Bureau mehr, ich bin eine Wüste." Gegen seine Beamten war er grob und spröde, vertrug keine Einwendung und schrie, wenn man nur Miene machte, sich ihm zu widersetzen: Den Teufel auch! Hier bin ich Herr! War der Einwand richtig, so fügte er sich, aber erst später, ohne Schwierigkeit. Zu seinen Kraftausdrückcn gehörte auch der folgende: „Herr, fangen Sie noch ein halb Dutzend halbmal wieder an, so werfe ich Sie hinaus!" Das mag ein bischen zu stark sein, aber es zeichnet den Mann. Konnte man ihm aber auch mit Recht vorwerfen, gegen die Kleinen allzu grob zu sein, so muß man ihm doch die Ehre lassen, daß er sich auch bei den Großen darauf verstand. Man erinnere sich nur an die Erzählung von jener vornehmen Persönlichkeit, die in das Cabinet Rothschilds eindrang, während er noch beschäftigt war. Nehmen Sie einen Stuhl, sagte der Baron, ohne aufzusehen. Verzeihung, cntgcgnete der Besucher ein wenig verletzt, Sie haben wohl meinen Namen nicht gehört, ich bin der Baron von . . . Schon gut, erwiederte Rothschild, ohne die Augen von seinen Papieren abzuwenden, so nehmen Sie zwei Stühle. In diesen Worten spiegelt sich der ganze Mann. Vielleicht entsprang diese kurz angebundene Form aus einem bittern Widerwillen; man sagt, er habe eine recht gründliche Verachtung gegen das ganze Menschengeschlecht gehabt. Wie hätte es denn auch 384 anders sein sollen, gegenüber all' den Kriechereien, all' der Gemeinheit, zu deren ent« setztem Zuschauer ihn schon frühzeitig das Schicksal verdammt hatte! Ucberlaufen von niedrigen Speichelleckern, von zudringlichen Bettlern, bestürmt mit Anerbictungen von Weibern ohne Scham, von Börsenjobbern ohne Gewissen, mußte er da nicht herzlos wer- den und in allgemeiner Verachtung seiner ganzen Umgebung seinem Abscheu in wirklicher oder erheuchelter Grobheit Ausdruck geben? Man kann sich keine Idee von der Zahl der Briefe machen, welche mit Bitten um Hilfe jeder Art täglich bei ihm ankamen. Da schrieb zum Beispiel Jemand ganz einfach: „Die Natur hat Sie mit allen ihren Gaben begünstigt. Warum wollten Sie nun wich nicht in den Stand setzen, gemächlich zu leben, mich, der ich nichts habe? 60 000 Franks würden mir genügen. Wollen Sie mir nur die Rente von denselben zukommen lassen, so würden wir uns darüber wohl verständigen können u. s. w." Oder ein Erfinder schrieb: „Herr Baron! Auf der Spur einer epochemachenden Erfindung „wctterverkündender Pantoffeln (oder Regenschirm - Pfropfen- ziehcr, oder des unversenkbarcn Omnibus)" fehlt mir nur die Kleinigkeit von 25,000 Franks und ich rechne darauf u. s. w." Der Briefsteller schrieb auch wohl gar: „Wenn Sie morgen, Mittwoch um 5 Uhr Abends, nicht 100,000 Franks unter dem «nd dem Stein niedergelegt haben, so ... " Dergleichen Briefe erhielt der Baron 150 oder 200 jeden Morgen, und darin alle Ausgeburten der Narrheit, des Elends und der Verworfenheit. Der Eine kam mit Bitten, der Andere mit Drohungen; Dem sollte er die Ehre retten, Jenem sein verlorenes Vermögen wiedergeben; der Eine verlangte Mittel, um Paris zu verlassen, der Andere, um dahin zurückzukehren. Und nicht ein Brief kam abhanden; es war gar nicht zu fürchten, daß die Post je einen verlieren könnte, und die mit den unsinnigsten Adressen kamen erst recht an. Mehrmals liefen Briefe ein mit der Adresse: „Herrn Baron von Roi-de-Chine," und sie gingen nach der Nne Lafittc, denn Herr Vandal hatte begriffen. Und — kaum sollte man eS glauben — auf alle diese Briefe erfolgte Antwort. Ein besonderes Bureau, das Bureau für Arme, hatte diese gewaltige Corrcspondcnz zu besorgen und die Vertheilung der Almosen damit zu verbinden. Was diese betrifft, so war der Baron — das muß man sagen — sehr freigebig, und doch bin ich sicher, daß das erste Wort Derer, die sie — wie hoch auch der Betrag und wie gering ihr Anrecht -— empfingen, also lautete: „Wie? das ist Alles? Das war auch der Mühe werth! — Das Geld in Scheffeln messen können, und so knauserig gegen die Armuth! O, pfui, welch' Elend. Das ist Alles?" (Wortspiel.) Ein gewisser Lang in Breslau hatte ein sehr langes Verhältniß mit Fräulein Kurz daselbst. Ein anderer Jüngling, der Fräulein Kurz schon lang für sich selbst wünschte, flüsterte boshaft dem Vormund des Mädchens in's Ohr: seine Bekanntschaft mit Herrn Lang sei zwar noch sehr kurz, aber er sei schon lang der Meinung gewesen, daß Lang Fräulein Kurz noch lang hinziehen werde. Der Vormund nannte Beide im Zorne lang und kurz, wenn sie nicht über Lang und Kurz endlich die Sache kurz abmachten und Lang Kurz heirathete. Herr Lang meinte, er würde Kurz schon lang gcheirathct haben, wenn sein Vater ihn nicht zu kurz hielte. Der Vormund bewilligte Lang noch kurze Zeit, dann war Hochzeit und Kurz wurde Lang. Nachher aber beklagte sich Lang, er sei zu kurz gekommen, indem er Kurz genommen, denn der Vormund hatte das Vermögen seines Mündels schon lang verkürzt, so daß das Wenige, welches der Kurz blieb, kaum zur noth- dürftigsten Einrichtung der Wirthschaft Längs langte. Und so ist man denn jetzt neugierig, wie lang die Kurz mit Lang noch gut Hausen werde. Druck, Lerlaa und Redaktion des literartschen Instituts Son vr. M. Huttle^k Nr. 4S. 6. Decbr. 1868. Laß dich nur für kurze Zeit Zum Widerspruch verleiten. Weise fallen in Unwissenheit, Wann sie mit Unwissenden streiten. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) (Fragmente aus dem Tagebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) (Wir möchten das kürzlich im Buchhandel erschienene zweibändige Werk: „Querctaro" des Prinzen Salm warm cmplehlen und die Aufmerksamkeit der Leser besonders auf die „Tagbuchblätter" der Prin z e s s i n Salm lenken. Indem wir nun das Interessanteste aus diesen „Tagbuchblättern" hier mittheilen, glauben wir sowohl dem Buche als auch unserem geehrten Leserkreise gleichzeitig einen Dienst zu erweisen.) Der Kaiser war von den Liberalen in Queretaro belagert und mein Mann war bei ihm. Wir hatten seit langer Zeit nichts von ihnen gehört und die widersprechendsten Gerüchte cirkulirtcn in Mexiko. Ich wohnte damals nicht in dieser Sladt selbst, sondern im Hause des frühern mexikanischen Generalkonsuls in Hamburg, Herrn Friedrich Hübe, in Tacubaya, ein freundlicher Ort, einige Meilen von der Hauptstadt, in welchem viele reiche Mexikaner Landhäuser besitzen. Im März 18v7 hörten wir, daß General Marqucz mit 3000 Mann von Querctaro angekommen sei und ganz Mexiko war in der höchsten Aufregung. Da ich sehr begierig war, Nachrichten von meinem Manne zu erhalten, so bat ich Herrn Hübe, mich zu General Marqucz zu begleiten. Der General empfing mich sehr gnädig. Er war nun ein großer Mann und gefiel sich außerordentlich in dieser Rolle. Der Kaiser hatte ihn zu seinem Lugarteniente ernannt und er benahm sich und sprach von dem Kaiser, als sei dieser gewissermaßen sein Zögling und er selbst die Hauptperson in ganz Mexiko Mir gegenüber war er indessen sehr herablassend, und sein böses, braunes Gesicht legte sich in die freundlichsten Falten. Er hatte seinen Bart abgeschnitten, der sonst eine tiefe von einer Schußwunde herrührende Narbe in seiner Wange verdeckte, die ihn keineswegs verschönerte. Von meinem Mann sprach der General übrigens in sehr anerkennender Weise. Er nannte ihn einen der bravsten Offiziere in Querctaro und erzählte mir, daß er sich erst kürzlich dadurch ausgezeichnet, daß er mit einer Hand voll Leute sechs Geschütze genommen habe. Für dieses tapfere Benehmen habe er ihu dekorirt, und habe er ihn noch den Tag vor seinem Abmarsch zum General ernannt. Wir machten auch General Wdaurri einen Besuch, der mit Marqucz gekommen war und welcher es bestätigte, daß Alles in Querctaro trefflich stände und der ebenfalls von meinem Manne in den anerkennendsten wärmsten Ausdrücken sprach und sagte, daß er ihn wie seinen Sohn liebe. Die guten Nachrichten von der Armee des Kaisers verursachten großen Jubel in Mexiko, und Feste, Bälle und Feuerwerke jagten einander während der folgenden zehn Tage, in denen sich Marqucz, wie er sagte, den Instruktionen des Kaisers gemäß vor- 386 bereitete, Porfcrio Diaz entgegen zu ziehen, der mit einer liberalen Armee gegen Pueblv « marschirte. Die Vorbereitungen waren endlich vollendet und die kaiserlichen Truppen marschirteu von Mexiko ab; es blieben zur Bewachung der Stadt nur einige mexikanische Truppen zurück, deren Anzahl so ungenügend war, daß sie den Feind nicht abhalten konnten, bis Aber die Garitas hinaus sich der Stadt zu nähern. Kleine Scharmützel fanden täglich ^ in und um Tacubaya statt. Drei Tage nach dem Abmarsch der Armee verbreitete sich in Mexiko das Gerücht, daß Marqucz einen großen Sieg erfochten, Porfcrio Diaz vollständig geschlagen und dessen Armee zersprengt habe. Dies Gerücht hatte jedoch nicht lange Bestand, denn schon am nächsten Tage kam der kaiserliche Feldherr, nur von einem Dutzend Reiter begleitet, als Flüchtling in die Stadt, seiner geschlagenen Armee um zwölf Stunden vorauseilend. Er hatte am 8. April bei Sau Lorenzo eine schmähliche Niederlage erlitten und seine ganze Artillerie verloren. Wäre Porfcrio Diaz im Stande gewesen, einigermaßen gleichen Schritt mit seinen vor ihm fliehenden Feinden zu halten, so würde er, ohne Widerstand zu finden, in Mexiko haben einrücken können. Er erschien jedoch erst drei Tage später in der Nähe der Stadt, als sich unsere demoralisirte Armee wieder einigermaßen von ihrem Schrecken erholt hatte. Die Avantgarde der Liberalen zog bei unserm Hanse in Tacubaya vorüber und ich bewunderte ihre schönen Pferde und Uniformen, die sie meistens von unseren Truppen erbeutet hatten. Tacubaya und Chapultcpec wurden von den Liberalen ohne Widerstand besetzt und die Vorbereitungen zur Belagerung von Mexiko begonnen. In der folgenden Nacht träumte niir, daß ich meinen Mann dem Tode nahe sah. Der Kaiser beugte sich über ihn, hielt seine Hand und sagte traurig: „O, mein theurer Freund, Sie dürfen mich nicht allein lassen." Mein Mann rief laut meinen Namen; ^ rings um ihn wurde gefochten und überall sah ich Blut und alle Schrecken einer Schlacht. ^ Derselbe Traum wiederholte sich in der nächsten Nacht. Ich sah meinen Mann mit dem Tode ringen und hörte ihn meinen Namen rufen. Die Schlacht raste ringS um, Alles war in Finsterniß gehüllt und Blitze leuchteten dazwischen. Derselbe Traum wiederholte sich auch in der dritten Nacht und mein Mann rief lauter nach mir als früher. Tiefe dreimal wiederholten Träume machten mich um so unruhiger, als ich an Träume glaube, und ich kam zu dem Entschluß, nach Mexiko zu gehen, um dort mit dem preußischen Gesandten, Baron von Magnus, und den Befehlshabern der fremden s Truppen zu berathen, ob nichts geschehen könne, den Kaiser und meinen Mann zu retten, die mir in der größten Gefahr zu sein schienen. Als ich Herrn Hübe mittheilte, daß ich nach Mexiko gehen wolle, war er durchaus ! dagegen und ereiferte sich sehr. Er sagte, daß er Alles, was in seiner Macht stehe, ^ thun wolle, um mich von einer solchen Thorheit zurückzuhalten. Er sei für meine ^ Sicherheit verantwortlich; mein Mann habe mich ihm anvertraut und er werde nicht k leiden, daß ich eine solche offenbare Unbesonnenheit begehe. ^ Herr und Frau Hübe hatten mich in ihrem gastfreien Hause mit der größten ^ Freundlichkeit empfangen und mich mit einer Liebe und Theilnahme behandelt, als sei s ich ihre eigene Tochter; es that mir daher außerordentlich leid, irgend etwas zu thun, was ihnen so sehr mißfiel; allein es gibt Impulse, denen man eben nicht widerstehen ! kann, und gegen welche alle Vernunftgründe ohnmächtig sind. Es war mir, als ob ^ mich eine unwiderstehliche Gemalt antriebe, jder Stimme meines Herzens zu folgen, und ich kam zu dem unwiderruflichen Entschluß, meinen Vorsatz unter allen Umständen auszuführen, wenn ich auch für gut hielt, mir den Anschein zu geben, als ob Herrn Hube's Vorstellungen auf mich Eindruck gemacht hätten. Sowohl er als Frau Hübe trauten dem Frieden aber keineswegs und da sie befürchteten, daß ich mich während der Nacht davon machen möchte, so wurde das äußere Thor nicht allein wie gewöhnlich verschlossen, sondern Herr Hübe zog auch den Schlüssel ab und nahm ihn mit in sein Schlafzimmer. Das war allerdings ein Strich durch meine Rechnung; allein ich wußte, daß daS Haus Morgens sechs Uhr geöffnet wurde, um die auswärts schlafenden Stalllcute einzulassen und als dies wie gewöhnlich geschah, schlich ich mit meinem Kammermädchen Margarethe und meinem treuen vierfüßigcn Begleiter Jimmy zum Thore hinaus. Herr Hübe war jedoch auf der Lauer, trat Plötzlich hinter einer Ecke hervor und sagte in großer Erregung: „Nun, Prinzessin?" — „Guten Morgen, Herr Hübe", antwortete ich ganz kühl und ging den Weg nach dem Bahnhof. Herr Hübe schlug jedoch eine nähere Staße ein und als ich auf dem Bahnhof ankam, fand ich ihn bereits dort. „Wohin wollen Sie?,, fragte er. „Nach Mexiko, natürlich, wie ich Ihnen gesagt habe,,, antwortete ich, ohne jedoch etwas von meinen Träumen und Absich cn zu erwähnen, über welche er nur gelacht haben würde. Er stürmte nun aufs Neue mit Gründen und Vorstellungen gegen mich ein. Er sagte, daß ich getödtct werden könne, oder mich anderen Gefahren unter den rohen Soldaten aussetze und erschöpfte zwei Stunden lang Alles, was ihm sein gesunder Menschenverstand eingab, mich von meinem Vorhaben abzubringen; allein es versteht sich von selbst, daß er nicht den geringsten Eindruck auf mich machte, da ich einmal fest entschlossen war, meinen Willen zu haben. Ich dankte ihm herzlich für alle Freundlichkeit, die er mir erwiesen hatte und für die Mühe, die er sich meinetwegen gab, erklärte ihm aber mit aller Bestimmtheit, daß ich gehen wolle und muffe. Der gute alte Herr wurde ganz blaß und sagte weiter kein Wort, mich zurückzuhalten. Ich hatte nun mit Margarethe und Jimmy eine Legua nach Chapnltepec zu gehe». Die ganze Straße war mit feindlichen Offizieren und Soldaten bedeckt; allein sie hatten mich bei Herrn Hübe gesehen, der zur liberalen Pattei gehörte, und alle grüßten mich achtungsvoll und ließen mich ungehindert Passieren. Als ich in Chapnltepec ankam, fragte ich nach dem kommandirendcn Offizier, einem Obersten Leon, welcher zwei Jahre in Nordamerika gewesen war und ziemlich gut englisch redete. Er wurde aus einer Restauration geholt, wo er eben frühstückte, und empfing mich ganz außerordentlich höflich und liebenswürdig. Ich sagte ihm, daß ich wegen der Lage des Kaisers und meines Mannes in großer Sorge sei und daß ich nach Mexiko gehen wolle, um zu versuchen, ob die fremden Obersten vielleicht geneigt wären, sich Porferio Diaz zu ergeben, wenn derselbe sich verpflichtete, daß das Leben des Kaisers und der fremden Offiziere geschont werden sollte, wenn dieselben gefangen würden. Der Oberst sagte mir, daß Queretaro sich nicht viel länger würde halten können. Die Stadt sei auf das engste eingeschlossen und die Garnison dem Hungertode nahe. Er gab mir gern die erbetene Erlaubniß gegen das Versprechen, augenblicklich zurückzukehren, wenn ich die Meinung der fremden Befehlshaber gehört haben würde. Er gab mir seinen Arm und ging mit mir drei Viertel Leguas bis zu seinen äußersten Vorposten. Hier verließ er mich, und ich schritt, gefolgt von Margaretha und Jimmy, über das freie Feld auf die Garita zu, welche durch eine Batterie vertheidigt wurde. Der kaiserliche Offizier, der dort befehligte, kannte mich und ich hatte keine Schwierigkeiten. Die Soldaten legten Bretter über den Graben der Schanze und halfen uns über die Brustwehr. Ich ging sogleich zu Baron von MagnuS, den ich zu Hanse traf, der mich aber etwas kühl und steif empfing. Er hatte es nämlich übel genommen, daß ich gegen seine Ansicht in dem Hause des Herrn Hübe meinen Aufenthalt nahm, gegen den er, ich weiß nicht aus welchem Grunde, ziemlich eingenommen war. Ich that jedoch, als bemerke ich seine diplomatische Förmlichkeit «iht, und sagte 3L8 ihm, in welcher Absicht ich nach Mexiko gekommen sei, und daß ich die Obersten von Kodolitsch und Graf Khevenhüller zu sehen wünsche. Oberst Leon hatte von diesen beiden Herren mit großer Achtung gesprochen, da sie sich in der letzten Schlacht so brav benommen hatten, und sem Ehrenwort darauf gegeben, daß er dieselben frei nach Mexiko zurückkehren lasten werde, wenn sie zu einer Besprechung mit ihm nach Chapultepcc kommen würden. Die Manier des Baron von Magnus änderte sich augenblicklich, als er meinen Plan und die Schritte hörte, die ich bereits zu dessen Ausführung gethan hatte; er versprach sich viel davon, wenn ich mich dabei durch seine Rathschläge leiten lasten wollte, womit ich einverstanden war. Der Gesandte befahl seinen Wagen und ich fuhr zu Oberst von Kodolitsch, den ich nicht zu Hause, aber bei Graf Khevenhüller fand. Oberst von Kodolitsch war sogleich bereit, zu Oberst Leon hinauszugehen, doch nur unter der einzigen Bedingung, daß Baron Magnus mit der ganzen Unterhandlung nichts zu thun habe, da derselbe sehr geneigt sei, nur seinem eigenen Kopfe zu folgen. Ich sagte ihm indessen, daß ich bereits ein Abkommen mit dem Gesandten getroffen habe und nicht davon zurücktreten könne. Die Obersten versprachen mir hierauf, sobald als möglich mit ihren Offizieren und Soldaten zu reden und mich das Resultat wissen zu lassen. Baron Magnus brachte mich dann zu Frau von Machalowitsch, einer Mexikanerin, die einen österreichischen Offizier geheiratet hatte, bei der ich die Nacht blieb. II. Am nächsten Morgen sah ich die beiden Obersten. Graf Khevenhüller war für augenblickliche Ucbcrgabe. Er sagte, es sei klar, daß Margucz den Kaiser verrathe, und wenn er auch bereit sei, für diesen sein Leben hundert Mal einzusetzen, so sei er doch keineswegs Willens, sich und seine Soldaten für Herrn Marquez zu opfern. Kodolitsch war jedoch der Ansicht, daß man wegen einer Ucbcrgabe nicht unterhandeln dürfe, ehe man nicht zuverlässige Nachrichten von Queretaro habe und den bestimmten Willen des Kaisers kenne. Obwohl er bereit sei, die Bedingungen des Feindes anzuhören, — so könne er doch nicht mit Oberst Leon zusammen kommen, da General Marquez so eben einen Befehl erlassen habe, nach welchem jeder Offizier oder Soldat, der irgend wie mit dem Feind verhandle, augenblicklich erschossen werden solle. Ich ersuchte sie nun, mir eine schriftliche Vollmacht zu geben, — durch welche ich ermächtigt wurde, im Namen der frcniden Obersten und Truppen zu unterhandeln; sie hielten das aber gleichfalls für zu gefährlich und wollten, daß ich auf meine eigene Hand zu Porferio Diaz gehen und ihm folgende zwei Vorschläge machen sollte: der erste war, daß er mir oder einer andern Person erlaube, nach Queretaro zu reisen, um den Kaiser von dem Stand der Dinge in Mexiko zu unterrichten und seinen Willen einzuholen, zu welchem Zwecke ein Waffenstillstand für sieben Tage geschloffen werden solle. Sollte der feindliche General diesen Vorschlag nicht annehmen, so erböten sich die fremden Truppen, sich ihm unter der Bedingung zu ergeben, daß er schriftlich und mit seinem Ehrenwort das Leben des Kaisers und der fremden Truppen garantire, wenn diese mit Queretaro in die Hände der Liberalen fallen sollten. Da es mir thöricht schien, ohne irgend welche schriftliche Autorisation zu Porferio Diaz zu gehen, so ersuchte ich Baron Magnus, mir einige Zeilen zu geben, in welche» bestätigt würde, daß ich in der That von den fremden Obersten abgesandt sei; er lehnte das jedoch ab, sagte mir aber, daß er einen andern Weg wisse, welcher dem Zweck eben so gut entspreche, ohne Jemand in Gefahr zu bringen. Es Hütte sich, theilte er mir mit, — in Mexiko eine Frau Baz auf, deren Mann General im Stäbe von Porferio Diaz und welcher dazu bestimmt sei, Gouverneur vo» 389 Mexiko zu werden, wenn die Stadt genommen werden sollte. Diese Dame sei in beständiger Verbindung mit dem Feinde, und in der That dessen Spion in Mexiko. — Wenn man sich in dieser Angelegenheit an sie wende, so würde es ihr ein Leichtes sein, ihrem Manne mitzutheilen, daß ich ein Abgesandter des Ministers und der fremden Obersten sei. Der Baron und ich fuhren zu Frau Baz und nahmen den Kanzler des Gesandten, Herrn Schalter, mit, der vortrefflich spanisch spricht und als Dolmetscher dienen sollte, um der Dame Alles klar und deutlich auseinander zu setzen, so daß Versehen und Mißverständnisse möglichst vermieden wurden. Diese Frau Baz war eine berühmte Persönlichkeit, die in der liberalen Partei in großer Achtung stand, da sie derselben sehr wesentliche Dienste geleistet hatte. Schon zur Zeit, als die Franzosen noch im Lande waren, war sie unter den mannigfachsten Verkleidungen häufig im Lager des Feindes gewesen, und ihre Nachrichten und Warnungen waren immer so richtig und rechtzeitig gewesen, daß man sie bei den Liberalen nur den Schutzengel nannte. , Sie war eine Frau von etwas über dreißig Jahren, schlankem, nicht großem Wuchs, schmalem, länglichen Gesicht, schönen Zähnen, hoher, breiter Stirn und außerordentlich lebhaften, ausdrucksvollen Augen. Sie war sehr ruhig und anspruchslos in ihrem Wesen, allein aus ihrer ganzen Erscheinung leuchtete Energie und das Bewußtsein derselben. Baron Magnus erklärte ihr den Gegenstand unseres Besuchs und theilte ihr ebenfalls die Vorschläge mit, welche ich zu machen hatte; — auch erklärte er sich bereit, alle etwa entstehenden Kosten, für Reisen, Eskorten oder andere Zwecke, zu irgend welchem beliebigen Betrage übernehmen zu wollen. Frau Baz ging sofort auf meinen Plan ein und erbot sich, mich selbst zu Porfcrio Diaz zu begleiten und den Versuch machen zu wollen, ihn zur Annahme der vorgeschlagenen Bedingungen zu bewegen, doch könne sie erst am nächstem Tage gehen, da sie Nachrichten von ihrem Manne abwarten müsse. Da ich Oberst Leon versprochen hatte, in das feindliche Lager zurückzukehren, sobald ich die Ansicht der Obersten gehört haben würde, und befürchtete, daß mein langes Ausbleiben ihm Verdacht gegen mich einflößen möchte, so verließ ich einstweilen die Stadt und ging nach der Casa Sän Iago Collorado, wo ich den Obersten fand. Er sagte mir, daß er Porferio Diaz gesprochen, diesem meinen Plan mitgetheilt und daß dieser die Angelegenheit in die Hände des Obersten .... gelegt habe, dem ich die Bedingungen der fremden Obersten mittheilen sollte. Ich sagte zwar Oberst Leon, daß Frau Baz am nächsten Tage mit mir zu Porferio Diaz selbst gehen werde; allein trotzdem drang er darauf, daß ich den erwähnten Obersten sehe, und wir fuhren nach besten Hauptquartier in Tacubaya. Der Oberst erwartete mich; als ich ihm jedoch sagte, daß ich am nächsten Tage mi Frau Baz zurückkehren würde, gestattete er mir, wieder nach Mexiko zu gehen, wo ich vor Nacht einzutreffen versprochen hatte. * Es war Unterdessen dunkel geworden, und als ich, Margaretha und Jimmy an die Garita kamen und die Schildwache mir unerwartet ein „Wer da!" entgegen donnerte, machte ich in meiner Ueberraschung ein arges Versehen und rief mit Entschlossenheit „enemi^o!" (Feind) anstatt „ami^o!" (Freund). Die Schildwache antwortete ebenso entschlossen mit einem Schuß, dessen Kugel jedoch harmlos vorüberpfiff. Da ich eine wirksamere Wiederholung der Dosis fürchtete, so flüchtete ich mich hinter einen Bogen, der nahe dabei liegenden Wasserleitung, und Margaretha, die ebensowenig wie Jimmy ein Freund von Schießpulvcr war, kniete nieder und rief in ihrer Angst sämmtliche Heilige des Kalenders um Hilfe an. Um den Soldaten am Thor begreiflich zu machen, daß ich keineswegs ein enemiKO sei, rief ich mit lauter Stimme zu: ,.viva Maximilians!^ Zu meinem guten Glück befehligte ein Bekannter von mir am Thor, der alte Oberst Campos, der nun meine 390 Stimme erkannte, herauskam und ganz außer sich darüber war, daß einer seiner Soldaten aas mich gefeuert hatte. Als ich am nächsten Morgen zu Frau Baz kam, sagte sie mir, daß sie erst um zwei Ubr Nachricht von ihrem Manne haben könne und darauf warten müsse. Ich ging also zur festgesetzten Zeit abermals hin und erfuhr nun zu meinem Bedauern, daß General Baz am Abend vorher Befehl erhalten hatte, zu General Escobcdo zu reisen, und daß sie mich daher nicht begleiten könne. Sie versprach indessen, einen Boten an Porferio Diaz mit einem Briefe zu senden, in welchem sie bestätigte, daß ich in der That von dem preußischen Gesandten und den fremden Obersten abgesandt sei. Ich gab mir alle Mühe, sie zuni Mitgehen zu bewegen, allein sie wollte nicht. Ich hatte also allein zu gehen. Oberst Leon und der andere Oberst warteten mit einer Eskorte auf Frau Baz und mich, um uns nach dem Hauptquartier von Porferio Diaz zu bringen. Da ich aber seit drei Tagen meine Kleidung nicht gewechselt hatte, und nach dem Hauptquartier reiten mußte, welches mehrere Meilen von Tacubaya entfernt war, so ging ich zuerst nach dem Hause der Frau Hübe. Da ich ihr nicht sagte, was ich vorhabe, so war sie sehr böse auf mich, denn man hatte ihr die närrischsten Berichte über mein Thun und Treiben gemacht. So leid mir das Mißfallen der guten alten Dame auch that, so hielt ich es doch für bester, sie einstweilen glauben zu lasten, was ihr gefiel und ihr nur zu sagen, daß ich nach dem Hauptquartier gehe, worauf sie mir mittheilte, daß ich ihren Mann dort finden würde. Oberst Leon war so freundlich, mir seinen schönen mexikanischen Rappen zu leihen und ich kam bald nach Guadalupe, dem Dorfe, in welchem sich das Hauptquartier befand. Bei demselben warteten gewiß fünfzig Personen, die den liberalen General zu sehen wünschten und unter ihnen Herr Hübe, der mich mit einem sehr ernsthaften Gesichte empfing. Als ich ihm jedoch sagte, daß ich als Abgesandte der fremden Offiziere komme, um mit Porferio Diaz wegen der Uebergabe zu unierhandetn und ihn ersuchte, mein Dolmetscher zu sein, veränderte sich plötzlich sein ganzes Wesen und er pries mich weit über Verdienst. Ich sandte dem General meine Karte nnd wurde sogleich vorgelassen. Der General ist ein Mann von mittlerer Größe mit einem hübschen Gesicht und glänzend schwarzen, sehr intelligenten Augen. Er trug einen blauen Uniformrock mit gelben Metallknöpfen, blaue Beinkleider nnd hohe Stiefel. Er empfing mich sehr artig, gab mir die Hand und sagte, ihm sei van seinen Offizieren mitgetheilt worden, daß ich wegen der Uebergabe von Mexiko Bedingungen von den fremden Truppen zu überbringen habe, und daß er bereit sei, dieselben anzuhören. Ich fragte ihn, ob er nicht einen Brief von Frau Baz erhalten habe, was er bejahte; allein er wünschte mehr detaillirte Vorschläge zu hören. Herr Hübe sprach nun zu ihm mit großer Beredtsamkeit und viel Gefühl. Er beschwor den General, die vorgeschlagenen Bedingungen anzunehmen, was sogleich das Blutvergießen enden würde. Er wies auf alle Folgen und Vortheile hin, welche ein solches Verfahren mit sich bringen würde und der alte Herr war von dem, was er sagte, selbst so überzeugt und ergriffen, daß er Thränen in den Augen hatte. Dem General wollte der vorgeschlagene siebentägige Waffenstillstand gar nicht gefallen und — er traute mir nicht, wie ich später erfuhr. Er glaubte, ich wollte nur um jeden Preis nach Qucrctaro, um dem Kaiser Nachrichten von Mexiko zu bringen, welche einen Angriff gegen die Liberalen zur Folge haben möchten. Auch hatte er die vollständige Ueberzeugung, daß Marquez die gewonnene Frist zur Befestigung der Stadt anwenden würde. Der General antwortete daher, daß cS über die Grenzen seiner Macht hinaus läge, i» Bezug auf den Kaiser und die Truppen in Qucrctaro irgend welche Versprechungen zu machen. Er befehligte nur die Hälfte der Armee und könne nur allein in Bezug auf 391 Mexiko unterhandeln. Die Uebergabe der Stadt wolle er unter keinen Bedingungen an» nehmen; er sei sicher dieselbe zu bekommen und wolle nicht Marquez und andere Mexikaner entwischen lassen, die gehängt zu werden verdientem Wenn aber die fremden Truppen herauskommen und sich ergeben wollten, so wolle er ihnen Leben Freiheit und Alles bewilligen, was sie mit sich nehmen könnten, mit Ausnahme der Waffen. Er wollte sie auf Kosten der Regierung nach irgend einem ihnen beliebigen Hafen bringen lasten, von dem sie nach Europa zurückkehren sollten. Wenn ich indessen nach Queretaro gehen wolle, so wolle er mir einen Paß und einen Brief an Escobedo geben, dem er es überlasten müsse, ob er mir den Eintritt in diese Stadt gestatten wolle. Es war gegen vier Uhr Nachmittags und nachdem ich mit dem General eine Taste Kaffee getrunken hatte, stieg ich zu Pferde, um nach Mexiko zurückzukehren und zu hören, was die fremden Offiziere auf die Vorschlage von Diaz zu sagen hatten. Da die Garita, durch welche ich Mexiko verkästen hatte, mehrere Leguas von Gua» dalupe entfernt war, so beschloß ich, in die nächst gelegene einzureitcn, da es überdies Heller Tag und kein Mißverstandniß zu befürchten war. Eine Eskorte brachte mich bis an die äußersten Vorposten, und nachdem ich mein Taschentuch als Parlamentärflagge an meine Reitpeitsche befestigt hatte, ritt ich im Galopp nach der Garita zu. Als ich auf eine kleine Brücke in Front der Thorbattcrie und derselben so nahe kam, daß ich die Gesichter unserer Soldaten sehen konnte, feuerte der Postcu auf mich, was ich für einen Wink nahm zu halten. Ich hielt also in der Erwartung, daß man einen Korporal und einige Mann herauSschicken werde, um mich zu examiniren. Ich sah auch die Soldaten auf die Brustwehr kommen, und ehe ich noch darüber nachdenken konnte, was sie wohl beabsichtigten, erhielt ich eine volle Lage. Die Kugeln pfiffen mir um den Kopf und eine streifte mein Haar; andere schlugen in der Nähe meines Pferdes in die Erde. Ich war mehr ärgerlich als erschrocken, denn es war wirklich zu einfältig, auf eine einzelne Frau zu schließen, als ob ich im Stande gewesen wäre, die Batterie zu nehmen k Mein erster Gedanke war, auf die dummen Kerle loSzurciten und ihnen meine Reitpeitsche nm die Ohren zu schlagen; allein ich hörte hinter mir daS Klappern der Hufe der liberalen Eskorte, die auf die Schüsse mir zu Hilfe eilen wollte; sah die Soldaten in der Schanze in aller Eile laden, und wollte Niemand meinetwegen einer Gefahr aussetzen. Ich machte daher Kehrt; mein kleiner mexikanischer Rappe schoß dahin wie ein Pfeil und ich legte meinen Kopf auf seinen Hals. Die Elenden sandten mir in der That noch eine Salve nach, aber glücklicherweise wurden weder ich noch mein Pferd getroffen. Später hörte ich, daß die Schanze am Thore mit ganz rohen indianischen Rekruten besetzt gewesen war, welche wahrscheinlich keine Ahnung von der Bedeutung meines weißen Schnupftuches hatten, und daß ihr Offizier im Augenblick meiner Ankunft sich in einem naheliegenden Wirthshaus gütlich that. Es kam Marquez zu Ohren, daß man auf einen Parlamentär gefeuert habe, ohne daß er jedoch wußte, wer derselbe gewesen sei, und der nachlässige Offizier wurde in Arrest geschickt. Fünf oder sechs liberale Offiziere kamen mit 25 Mann mir entgegen; alle zeigten sich sehr besorgt und wollten kaum glauben, daß ich nicht verwundet sei. Da ich mich nicht nochmals einem Pelotonfeucr aussetzen wollte, so beschloß ich, in das Thor zu reiten, an welchem Oberst Campos befehligte, und General Porferio Diaz war so freundlich, mir eine Eskorte von zehn Mann mitzugeben. Ehe wir jedoch die mehrere Leguas entfernte Garita erreichten, übe, siel uns ein Gewitterregen, der mich bis auf die Haut durchnäßte, so daß ich es vorzog, nach Tacubaya zu gehen, wo ich von Frau Hübe nun mit offenen Armen empfangen wurde, da ihr Mann ihr erzählt hatte, auf welche Art von Abenteuer ich ausgegangen war. (Fortsetzung folgt.) 392 Der Wald. Die meteorologische Katastrophe, die einen Theil der Schweiz so schwer heimgesucht, hat veranlaßt, nach den Ursachen zu forschen, durch die jene Katastrophe herbeigeführt worden, und die Mittel aufzusuchen, durch die künftigen ähnlichen Verheerungen vorgebeugt werden kann. Ganz abzuwenden werden die Wasscrfluthen niemals sein. „Wenn man beobachtet" (schreibt Ingenieur Salis aus Chnr dem „Bund"), „wie die Wolken Tage, oft Wochen lang stetsfort in der Richtung von Südwcst hoch über die Spitzen der Alpen herflicgen, wie sie sich immer dichter und dichter drängen, bis sie wie ein schwebendes Meer erscheinen, zu dem der erfahrene Beobachter mit Sorge ausblickt, da darunter fast gleich endlos das Eis der Gletscher liegt, an dem das Dunstmeer sich jeden Augenblick zu einer Wasscrfluth kondensircn kann," so sind das Erscheinungen, gegen welche schützende Kunstbauten nicht aufgeführt werden können, und man begreift, wie frohbcwegt der Bewohner des Gebirges ist, wenn er durch einen Riß des Wolkenvorhangcs bemerkt, daß es „angeschneit," daß das Dunstmcer in Schnee sich verwandelt, von dem eine Ueberfluthung nicht zu befürchten ist. Nach solchen Katastrophen erkennt man recht den Nutzen der Wälder und es ist nur eine Seite dieses Nutzens, wenn Schiller dem Sohne Teils die Frage: „Vater, ist's wahr, daß auf dem Berge dorb Die Bäume bluten, wenn man einen Streich D'rauf führet mit der Axt? Die Bäume seien Gebannt, sagt man, und wer sie schädiget, Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe", «nd dem Vater die Antwort in den Mund legt: „Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit. Die Schlaglawinen hätten längst Den Flecken Altdorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte." Im Walde erzeugt sich eine Moosdecke, die in Verbindung mit der Erdkruste die Wirkung eines Schwammcs hat; der hemmt den Stoß des stürzenden Wassers, saugt es auf, und gibt es nur langsam wieder ab. In den Gebirgen ist der Wald aber auch Schutz gegen die Wuth der Stürme. Auf dem entwaldeten Gebirge mangelt es der Luft an der erforderlichen Feuchtigkeit dergestalt, daß auf der bayerischen Hochebene, wo vor 8 —10 Jahrhunderten noch Getreidebau in einem ganz flachgründigen kiesigen Boden möglich war, jetzt kein Halm mehr gedeihen kann. Auf dem Westerwald war der Bau landwirthschaftlicher Gewächse ganz unsicher geworden; seit nun zur Schutzwehr Waldstreifen angelegt sind, hat sich dies wesentlich gebessert. Katastrophen, wie wir sie in der Schweiz kennen gelernt, sind im Orient, sind in Griechenland, Spanien, seit den letzten Jahrzehnten auch im südlichen Frankreich, in Italien keine Seltenheit. Daß die schonungslose Entwaldung der Höhen der Grund davon sei, darüber herrscht unter Fachleuten nur eine Stimme. Der Bürgermeister eines Ortes erließ folgende Bekanntmachung: Es ist z» den diesseitigen Ohren gekommen, daß das Vieh in den Ställen mit brennende» Cigarren und Pfeifen gefüttert wird, was künftighin mit 30 kr. bestraft werden soll. Druck, Dtrlaz und R«:aet!,n d«S iiterarischen Instituts von vr. M. Huttler. Nr. 40 13. Decbr. 1868. Augsburger Soilnta Sckwelgen ist der sicherste Herold des Glücks. Derjenige fühlt sich nicht vollkommen glücklich, der sagen kann, wie sehr er es sei. Maximilian s Ende. (Fragmente aus dem Tagebnche der Prinzessin AgueS ,u Salm-Salm.) (Fortsetzung.) m. Am nächsten Tage war Charfreitag, 19. April, und kein Wagen, kein Pferd oder Maulthier durfte auf der Straße von Mexiko erscheinen. Da es jedoch dringend nöthig war, die Meinung von Baron Magnus und den Obersten einzuholen, so machte ich mich zu Fuß auf den Weg, was in der großen Sonnenhitze eine höchst anstrengende Tour war. Ich ging zuerst zu Baron Magnus und dann zu den Obersten, die mir sagte», daß sie sich auf die Anerbietungen des feindlichen Generals nicht einlassen könnten, ehe sie nicht den Willen des Kaisers vernommen hätten. Ich schlug dann vor, daß ich auf meine eigene Verantwortlichkeit nach Qncretaro gehen wolle; aber dem widersetzte sich Baron Magnus, der überhaupt nicht wollte, daß ich Mexiko nochmals verließ, und mich zu bewegen suchte, wenigstens einige Tage zu bleiben, während welcher vielleicht sichere Nachrichten von Qncretaro kommen würden. Da ich Porferio Diaz versprochen hatte, baldigst zurückzukehren, so fügte ich mich nur ungern der Ansicht des Barons. Derselbe schien zu besorgen, daß General Mcirquez von meinen Schritten Nachricht erhalten habe und mich auf dem Rückwege arrctiren tasten möchte. Als ich im Lager der Liberalen war, hatte mir Oberst Leon gesagt, daß er eine Anzahl fremder, kaiserlicher Gefangener unter seiner Obhut habe, welche bei San Lorenzo gefangen waren, und denen es an Allem fehlte und die sich in der traurigsten Lage befänden. Er sagte, wenn ich für diese Gefangenen in Mexiko etwas thun könne, so wollte er gerne gestatten, daß ich ihnen Kleidungsstücke und Geld überliefere. Ich sprach daher darüber mit Baron Magnus und den Obersten und wir sammelten unter uns hundert Dollars, die mir eingehändigt wurden. Es litt mich nicht länger in Mexiko und am 24. ging ich wieder zu Baron MagnuS und sagte ihm, daß ich nach Tacubaya gehen und Vorbereitungen zu meiner Reise nach Querctaro machen wolle, für welche ich mir seine Instruktionen erbat. Am Morgen des 25. sandte mir der Gesandte seine Equipage und ich fuhr nach der Garita Von hier ging ich nach der Casa Colorado, wo ich Oberst Leon sah, dem ich sagte, daß ich einiges Geld für die Gefangenen mitgebracht habe. Er brachte mich selbst nach dem Schloß von Chapultepec und ließ die Gefangenen rufen. Sie waren, ein Hauptmann, Rudolf Spornbcrger, und einige Korpora e und Gemeine, zusammen fünfzehn Mann. Sie hatten in der That nur nothdürftige Lumpen auf dem Körper und befanden sich in der allertraurigsten Lage. Ich gab dem Hauptmann fünfundzwanzig Dollars und jedem der übrigen Gefangenen fünf, über welche sie Jeder einzeln auf meiner Liste quittirten, die noch in meinem Besitze ist, zum Beweis, daß ich meinen Auftrag nicht vergessen habe. Von dort ging ich nach Tacubaya. Gleich bei meiner Ankunft bemerkte ich an der Art der liberalen Offiziere gegen mich, daß irgend Etwas nicht war, wie es sein sollte und als ich zu Hube's kam, fand ich sie alle in Thränen und in großer Angst. Ich weiß nicht genau, was während meiner Abwesenheit vorgefallen war; allein am 24. April erließ Porferio Diaz eine Ordre, in welcher gesagt wurde, daß alle Personen, die unter dem Vorwande von Unterhandlungen von Mexiko kommen würden, erschossen werden sollten, und da ich in dieser Lage war, so sahen mich Hube's bereits in meinem Sarge. Ich wollte augenblicklich zum General gehen, um meine lange Abwesenheit zu entschuldigen; allein Frau Hübe wollte mich nicht gehen lasten und hielt mich mehrere Stunden zurück. Es hielt darauf vor der Thüre ein vierspänniger Wagen und es erschien ein Offizier, der mir ankündigte, daß er den Befehl habe, mich augenblicklich in das Hauptquartier zu bringen. Der Jammer bei Hube's war groß; allein ich hatte Folge zu leisten und nachdem ich einige nothdürftige Kleidungsstücke zusammengepackt hatte, stieg ich mit Margaretha und Jmmy in den Wagen. Als ich beim Hauptquartier angekommen war, theilte mir ein Adjutant des Generals mit, daß ich augenblicklich Mexiko verlassen müsse. Er gab mir einen Paß und ersuchte mich, einen Hafen zu nennen, von welchem ich absegeln wolle und wohin ich durch eine Eskorte gebracht werden sollte Dieses ganze Arrangement paßte mir durchaus nicht und ich beschloß, daß nichts daraus werden sollte. Ich verlangte daher, den General Porferio Diaz zu sehen, da irgend ein Mißverständniß obwalten müsse, welches ich aufklären wolle. Der General wollte mich jctoch uicht sehen, und der Adjutant bestand darauf, daß ich abreisen solle. Ich erklärte ihm jedoch auf das Bestimmteste, daß ich freiwillig nicht gehen würde. Sie möchten mich in Fesseln legen oder erschießen, aber sie sollten mich nicht dazu bringen, das Land zu verlassen. Meine Entschlossenheit setzte sie in große Verlegenheit und sie wußten nicht, was sie machen sollten, denn ich blieb von 6 Uhr Nachmittags bis 12 Uhr Nachts im Hauptquartier und ging nicht von der Stelle. Endlich ließ ich es mir gefallen, daß man mich in einem Privathause bei einer mexikanischen Familie unterbrachte, die mich sehr freundlich behandelte; allein man stellte mir eine Wache vor die Thüre. Am 26. April Morgens kam wieder meine vierspännige Equipage vorgefahren und der Offizier, der mich cskortiren sollte, bestand auf meiner Abreise. Ich bewegte mich indessen nicht von der Stelle, und sandte General Porferio Diaz meine Empfehlung mit der Bitte, mich nach Querctaro gehen zu lassen; ich erhielt indessen eine abschlägige Antwort und blieb entschlossen wo ich war. Am Nachmittag kam Frau Hübe, brachte mir einige Kleider, und mit ihr kam General Baz, welcher von Querctaro zurückkehrte und der ein großer Freund der Hubc'schen Familie war. General Baz war ein ziemlich wohlbeleibter Herr mit einem angenehmen, wohlgenährten Gesicht, hellen, braunen Augen, schwarzem, lockigem Haar und hellerem Schnurr- bart und Kinnbart. Er war in seinen Manieren sehr elegant und gewandt und machte mir mehr den Eindruck eines Franzosen als Mexikaners. Er war viel in Europa gereist und außerordentlich liebenswürdig und angenehm, mit einer gewissen Würde in seinem Wesen. Trotzdem, daß er durch und durch Liberaler war, genoß er doch die Achtung und Liebe beider Parteien. Der General war sogleich bereit, zu Porferio Diaz zu gehen und sich zu erkundigen, was eigentlich der Grund seiner großen Strenge gegen mich sei. Wir erfuhren denn auch bald den Zusammenhang. Porferio sagte, ich hätte mein Wort gebrochen und versucht, seine Offiziere durch Geld und schöne Worte zu bestechen, welches ein großes Verbrechen sei. Ich sei eine zu gefährliche Person, als daß mau mich in Mexiko lassen könne. General Baz brachte indessen die Angelegenheit in Ordnung und rang Porferio Diaz die Erlaubniß für mich ab, nach Qucretaro gehen zu dürfen, doch wollte er mir keine Eskorte geben. Escobedo möge thun, was ihm gefiele, er möge mir erlauben, nach Quere- taro hineinzugehen, oder mich weiter senden. General Baz, der wirklich außerordentlich gütig war, that Alles, was nur immer möglich war, mir den Weg nach Qucretaro zu ebnen. Er gab mir nicht weniger als sieben und dreißig Empfehlungsbriefe an Hacienda-Befitzer, Postmeister, Gastwirthc und Offiziere. Herr Smith, ein Kaufmann und Direktor oder Obcraufseher der Eisenbahn, gab mir vier sehr gute Maulthiere und seinen Kutscher und dazu bekam ich noch eine sehr auffallend hellgelbe Kutsche, die wahrscheinlich schon seit der Eroberung als Fiacer in Tacubaya gedient hatte. Die Straße zwischen Mexiko und Qucretaro ist durch Räuber sehr unsicher gemacht und die vier Tage dauernde Reise eine ziemlich gefährliche. Mein gutes Glück ließ mich indessen nicht im Stich. Es war da ein Herr von der liberalen Partei, Herr Parra, der drei Tage gereist war, um Porferio zu sprechen, ohne daß er seine Absicht erreiche» konnte, und der nach Hause zurückkehren wollte. Er erbot sich, mich zu eskortiren, was ich um so lieber annahm, als er einen bewaffneten Diener zu Pferde bei sich hatte und auch einen Kutscher. Porferio hatte nichts dagcgegen einzuwenden, daß mich der Herr begleitete. Unter vielen Thränen nahm ich von Hubes Abschied und trat am 27. April meine Reise an. Margaretha und Jmmy begleiteten mich natürlich und auch mein kleiner, sieben- schüssiger Revolver, den ich stets bei mir trug. Die Empfehlungsbriefe, welche mir General Baz so freundlich gegeben hatte, waren von dem allerhöchsten Werth. Ich wurde überall mit der größten Freundlichkeit und Gastfreiheit empfangen und mit einer "tchiung und Aufmerksamkeit behandelt, als sei ich eine Königin. Für mich, meine Begleiter, Diener und Maulthiere wurde überall auf das Sorgfältigste gesorgt und Bezahlung wollte man nirgends annehmen, was unter den obwaltenden Umständen gar nicht unangenehm war, da ich nur drei Unzen in der Tasche hatte. Eines Morgens auf dieser Reise verließen wir Sän Francisco vor Sonnenaufgang. Nachdem wir eine kleine Strecke gefahren waren und die Sonne eben aufging, sah ich rechts am Wege einen Gegenstand an einem Baum, den die Strahlen der Sonne voll beleuchteten. Ich steckte den Kopf aus dem Wagen, um zu sehen, was eS sei und erkannte zu meinem Entsetzen einen liberalen Offizier in Uniform, mit Reitstiefeln an den Füßen und einer schwarzen Kappe über Kopf und Gesicht. Das Blut lief von dem Körper an die Erde hinunter, was bewies, daß er seinen Tod nicht allein durch Hängen gefunden hatte. Als ich mit Abscheu und Entsetzen meinen Kopf zurückzog und schnell zu der andern Seite des Wagens hinaussah, erblickte ich dort ebenfalls einen Baum, an dem ein anderer liberaler Offizier hing, dessen Anblick noch abschreckender war. Wie ich erfuhr, waren diese ein Oberstlieutenant und ein Major, welche ein Verbrechen gegen ein junges Mädchen begangen hatten, und die den außer sich gerathenden Vater, als er sein Kind zu rächen versuchte, niederwarfen, ihm die Zunge ausschnitten und endlich ermordeten. Nach mexikanischer Sitte waren sie auf der Stelle erschossen worden, wo sie das Verbrechen begangen hatten und zum warnenden Beispiel hier für einige Zeit an Bäume gehängt worden. Es dauerte lange, ehe ich den Eindruck los werden konnte, den diese scheußliche Szene auf mich machte, und ich schaudre noch jetzt, wenn ich daran denke. Wir langten endlich in Queretaro an. Von der Höhe der Cncsta China konnte man die ganze Stadt übersehen; aber man wurde ebenfalls von dort gesehen und meine glänzend gelbe Equipage mit vier Maulthiereu und Eskorte entging den Kaiserlichen nicht. bie mich, wir mir später der Kaiser sagte, für Juarez gehalten hatten. Als ich den Hügel , hinunter nach der Hacienda de Hercules fuhr, die Herrn Rubio gehörte, an den ich einen Empfehlungsbrief hatte, erwartete ich stets eine Kugel aus den Batterien der Stadt zu erhalten, denn wir waren überall in Schußweite. Das Hauptquartier des Generals Escobedo war auf der anderen, der Nordseite des Rio blanco, am Abhänge des Hügels La Cantera. Da ich Briefe an ihn abzugeben hatte und auch wissen wollte, woran ich war, so kleidete ich mich sogleich um und ritt f hinüber. Ein Pferd war leicht zu haben- allein ein Damensattel war nirgends aufzu» treiben, und so hatte ich als solchen einen gewöhnlichen, hölzernen mexikanischen Sattel zu reiten, was keineswegs angenehm war und auch feine Schwierigkeiten hatte. Der Herr, der mich von Mexiko begleitet hatte, war mir schon vorausgeeilt und meine Ankunft angemeldet. Als ich bei demselben ankam und General Escobedo meine Karte hineinschickte, trat aus einer Gruppe von dort versammelten Offizieren ein blonder Kapitän hervor, der mich als alte Bekannte aus den Vereinigten Staaten begrüßte, dessen ich mich aber nicht erinnerte. Es war ein Hauptmann Enkling, welcher Artillerie-Lieutenant in General Blcnker's Division gewesen war, und der einst, als ich dessen Lager besuchte, als Eskorte gedient haben wollte. Dieser junge Mensch hatte sich, wie ich später hörte, gerühmt, daß er mich sehr genau kenne, während ich mich nicht einmal seines Gesichtes erinnern konnte. Er benahm sich auch später in der verächtlichsten Weise und schien sowohl bei seinen Kameraden als bei seinem General in sehr geringer Achtung zu stehen, denn als er sich erbot, demselben als Dolmetsch zu dienen, lehnte es derselbe ziemlich kühl ab, und ließ zu diesem Ende einen Mexikaner rufen, der englisch verstand. Herr Enking stand bei der amerikanischen I,6§ion ok konor, und als Queretaro genommen wurde, brach er mit seinen Leuten in Privatwohnungen und vergriff sich an dem Privateigenthum von Offizieren, weßhalb er von General Escobedo mehrere Tage in Arrest geschickt wurde. Bei einer späteren Gelegenheit, als ich den General ersuchte, mir einen Offizier als Begleiter mitzugeben, ließ er diesen Hauptmann Enking holen, dessen Bemerkungen in Bezug auf mich mir mitgetheilt waren. Ich wies diese Begleitung mit Entrüstung zurück und drückte mein Erstaunen aus, daß der General mir die Gesellschaft eines solchen Menschen, den er als einen Schurken kenne, zumuthe. Hauptmann Enking zog sich sehr verwirrt zurück, und Escobedo entschuldigte sich. Er schien eine besondere Absicht gehabt zu haben, diesen Herrn mir gegenüberzustellen und zu erwarten, daß ich ihn refüsiren würde. General Escobedo empfing mich in einem sehr kleinen, ganz außerordintlich elenden Zelt, welches überall mit Stöcken gestützt und aus Brettern und Leinwand in sehr dürftiger Weise zusammengeflickt war. Es stand darin ein von rohen Bretter» zusammengeschlagener Tisch, und eine hölzerne Kiste diente als Sitz. Der General trug eine Uniform, ähnlich der von Porfcrio Diaz, nur daß etwas mehr Treffen und Knöpfe daran waren. Escobedo empfing mich sehr freundlich. Ich sagte ihm, ich hätte gehört, daß mein Mann verwundet sei, und bat ihn um Erlaubniß, in die Stadt zu gehen und ihn zu pflegen. Der General erwiderte, daß er nichts von einer Verwundung meines Mannes wisse und mir die gewünschte Erlaubniß nicht geben könne. Alles was er thun könne sei, mir einen Brief an Präsident Juarez nach^an Louis Potosi zu geben, der vielleicht meinen Wunsch erfüllen werde. Er äußerte, daß er meinen Mann sehr wohl kenne, machte mir viele Komplimente m Bezug auf ihn und sagte, derselbe sei ein außerordentlich tapferer und kühner Offizier, wie er zu seinem Schaden erfahre» habe. Er versprach, ihn freundlich zu behandeln. 397 wenn er in seine.Händc fallen sollte, und mir zu gestatten, ihn im Fall einer Verwundung zu Pflegen. Der General überließ es mir, ob ich mit der am andern Morgen nach Sän LuiS Potost abgehenden Diligence reisen, oder bis zum Abgang der nächsten bei Herrn Rubio bleiben wolle. Ich entschied mich für das erstere, da mein Bleiben vor Queretaro gar keinen Zweck hatte. Herr Parra, der mich von Mexiko begleitete, bot sich an, mich auch bis Sän Luis zu eskortiren; allein ich lehnte sein Anerbieten dankbar ab und ersuchte General Escobedo, nur einen seiner Offiziere mitzugeben, worin er freundlich willigte. Bis hieher sind wir der Prinzessin Schritt für Schritt gefolgt, und wir hoffen, dadurch die Geduld der geehrten Leser nicht ermüdet zu haben. Da wir aber unmöglich das ganze interessante Buch abdrucken können, so wollen wir jetzt von den „Fragmenten" Abschied nehmen und daraus nur noch kurz erwähnen, daß die Prinzessin, welche thatsächlich rastlos bemüht war, den unglücklichen Kaiser zu retten, sich äußerst wegwerfend über die Gesandten ausspricht. So schreibt sie wörtlich: „Die österreichische und belgische Regierung müssen am besten wissen, ob ihre Gesandten nach ihren Jnstruktioucn handelten, aber uns und selbst den Mexikanern erschien, deren Benehmen wunderbar, aber keineswegs bewunderungswürdig." Für das Folgende müssen wir aber der Prinzessin die volle Verantwortung überlassen. Sie erzählt nämlich, daß General Escobedo, welcher bekanntlich in Queretaro nach der Einnahme das Kommando führte, die Gesandten „Feiglinge" nannte, welche machen sollen, daß sie fortkommen. Darauf bemerkte die Prinzessin, daß dann der Kaiser vollkommen verlassen sei. „Was können solche alte Weiber einem Manne nützen" — brach Escobedo los — «schönes Bock, diese Gesandte! Zwei von ihnen sind schon davon gelaufen und haben ihre Bagage im Stich gelassen." Diese zwei furchtsamen Repräsentanten waren natürlich, wie uns die Prinzessin versichert, der österreichische und der belgische. Alle Offiziere Escobcdo's machten sich über sie lustig, und der General selbst sagte mir später in Mexiko, „daß, wenn einer von diesen. Feiglingen ihn ersucht hätt, den Kaiser sehen und von ihm Abschied nehmen zu dürfen, er es nicht verweigert haben würde." Aber die Herren machten nicht einmal den Versuch, und Baron Lago hatte so gänzlich den Kopf verloren, daß er das Codicill zum Testament des Kaisers ununterschriebcn mitnahm! — Ich habe natürlich — fährt die Prinzessin Salm fort — nicht das allergeringste Bedenken, zu sagen, daß ich das Benehmen dieses Herrn so erbärmlich als möglich fand; sollten Sie aber, oder sonst Jemand, daran zweifeln, daß General Escobedo sich so undiplomatisch über diese Diplomaten ausdrückte, dann berufe ich mich auf den General selbst, der nicht der Mann ist, zu verleugnen, was er sagte, und auf seinen ganzen Stab, der zugegen war, namentlich auf Oberst Darin. Zum Schlüsse sei noch einer Aeußerung Erwähnung gethan, die ein grelles Streiflicht auf die mexikanischen Zustände wirft. Die Prinzessin versuchte es, um den Kaiser zu retten, auch mit der Bestechung. Leider gebot man aber über keine Baarsummcn und die Wechsel schienen den Herren Mexikanern ein unsicheres Geschäft. Als nun die Prinzessin wieder mit dem Justizministcr der Liberalen, mit Herrn Jglesia, sprach, bemerkte dieser, er wisse sehr wohl, daß sie in Queretaro manche Schufte hätten, die zu bestechen wären, und er meinte auch, daß der Fluchtplan gelungen sein würde, wenn die Prinzessin baares Geld statt Papier gehabt Hütte. Uebrigens gestand auch Herr Jglesia, daß er im Innersten seines Herzens froh gewesen wäre, wenn Kaiser Maximilian glücklich entflohen wäre, und selbst der Präsident Juarez gab nicht undeutlich zu verstehen, daß ihm die Flucht des Kaisers nicht eben sehr unangenehm gewesen wäre. — (Ueber diesen Punkt werden wir uoch Einiges nachtragen. Die Red.) (Fortsetzung folgt.) Naturgeschichte der Thräne«. Im „Ausland" finden wir folgenden interessanten Artikel, „Chambers Journal" entnommen: Das Hauptelement, der vornehmste Bestandtheil, so zu sagen, eine Thräne ist Wasser; dieses Wasser enthält bei Auflösung einige Hundertstel einer Substanz, die man Hinaus nennt und einen kleinen Theil Salz, Natron, Phosphorsauren Kalk und phosphorsaures Natron. Das Salz und das Natron sind eS, welche den Thränen jenen eigenthümlichen Geschmack geben, der ihnen bei den griechischen Dichtern das Epitheton „Salz", bei den unsrigcn das Beiwort „bitter" verschafft hat; „Salz" ist indeß der richtigere Ausdruck der beiden Bezeichnungen. Wenn eine Thräne trocknet, verdunstet das Wasser und hinterläßt eine Ablagerung salziger Bestandtheile; diese amalgamircn sich, und werden, wenn man sie durch das Mikroskop betrachtet, zu langen, gekreuzten Linien, welche wie ganz kleine Fischgräten aussehen. Die Thränen werden von einer Drüse ausgeschieden, die man die „Thränendrüse" nennt, welche über dem Augapfel und unterhalb des oberen Augenlides an der der Schläfe nächsten Seite liegt. Sechs oder sieben ungemein feine Kanäle ziehen sich von derselben entlang und unter der Oberfläche des Augenlides hin und entladen ihren Inhalt ein wenig oberhalb des zarten Knorpels, welcher das Augenlid stützt. Diese Kanäle sind es, welche die Thränen in das Auge führen. Allein Thränen fließen nicht nur in gewissen Umständen, wie man vermuthen könnte — sie fließen unaufhörlich; den ganzes Tag und die ganze Nacht (obgleich weniger reichlich während des Schlafs) rinnen sie sanft aus ihren dünnen Schleusen, und verbreiten sich glänzend über die Oberfläche der Pupille und des Augapfels, nnd geben ihnen jenes leuchtende, schmelzartige und klare Aussehen, das eines des charakteristischen Zeichen der Gesundheit ist. Die unaufhörliche Bewegung und Zusammcnzichung der Augenlider bewirken die regelmäßige Verbreitung der Thränen, und das Fließen dieser Thränen muß auf die so eben erwähnte Weise beständig erneuert werden, weil Thränen nicht nur nach wenigen Sekunden verdunsten, sondern auch durch zwei kleine Abzugsröhren, „Thränenpunkte" genannt, die in dem Winkel des Auges nahe an der Nase liegen, hinweggcführt werden. Auf diese Art fließen alle Thränen, nachdem sie die Augenlider verlassen, in die Nüstern, und wenn sich der geneigte Leser hiervon überzeugen will, so braucht er, so unpoctisch es auch seyn mag, nur auf einen Menschen zu achten, der stark weint, und er wird bemerken, daß dieser stets genöthigt ist, einen zwicfältigen Gebrauch von seinem Taschentuche zu machen. Der Nutzen der Thränen für Thiere im allgemeinen, und insbesondere für diejenigen, welche vielem Staub ausgesetzt sind, wie z. B. Vögcl, die inmitten der Winde leben, ist leicht zu verstehen; denn das Auge würde bald voller Schmutz und trüb seyn, wie eine ungereinigte Fensterscheibe, hätte nicht die Natur für diesen freundlichen imincrsiießenden Strom gesorgt, um es zu waschen und zu erfrischen. Nur ganz wenig Flüssigkeit ist nothwendig, um das Auge stets klar und rein zu erhalten; allein hier müssen wir wiederum den wundervollen Mechanismus anstaunen, welcher in dem menschlichen Körper arbeitet, denn man kann beobachten, daß, wenn in Folge irgend eines Zufalls oder einer Verletzung der Augapfel mehr Wasser braucht, um sich zu reinigen, die Natur sich sogleich zu einem reichlichem Thränenfluß wendet. So z. B. füllen sich, wenn ein Staubkörnchen oder ein Insekt in daS Auge geräth, die Augenlider sogleich mit Thränen und fließen über, und diese Thränen mildern nicht nur den Schmerz sondern führen auch deu Gegenstand, wofern er klein genug ist, die beiden bereits erwähnten kleinen Leitungen hinab und hinweg. Das nemliche geschieht, wenn entweder Rauch, oder zu lebhaftes Licht, oder zu starke Kälte nachteilig auf das Gesicht einwirken — sogleich kommen Thränen uns zu Hülfe, nnd schützen das Auge vor Schaden. WaS nun die andern Thränen betrifft — ich meine diejenigen, welche ihren Grund in moralischen, nicht in physischen Ursachen haben — so ist die über dieselben zu gebende Erläuterung eine sehr prosaische und materielle. Thränen werden veranlaßt, entweder durch das plötzliche und rasche Fließen des Blutes nach dem Kopfe oder durch Ncrvcn- Errcgung. Sie sind sehr häufig bei Frauen und Kindern, deren Nerven-Organisation weniger stark ist als die der Männer. Unter Männern weinen diejenigen von sanguinischem und nervösem Temperament am meisten. Lymphatische Naturen hingegen und Leute von biliösem oder galligem Temperament weinen überhaupt selten: die erstcrn, weil sie gemeiniglich nur wenig Empfindlichkeit haben, und die letzteren, weil sie gewöhnlich eine feste Kontrolc über ihre Gefühle besitzen. Wenn man daher einen Mann von lym- phathischbiliöscm Temperament aus Gemüthsbewegung Thränen vergießen sieht, so kann man überzeugt sein, daß die innersten Nerven seines Herzens ergriffen sind, und man muß alle Achtung haben vor einem Mann, dessen Schmerz ein so heftiger ist. Hingegen ist es gut, wenn man seine Kaltblütigkeit bewahrt vor stark erregbaren und sehr phantastischen Leuten, welche weinen; ihre Thränui sind oft echt, in der Regel aber kosten sie ihnen nur wenig Anstrengung, und bei neun Fällen unter zehn sind sie vergessen, sobald sie vergasten sind. Sehr talentvolle Schauspieler können Thränen nach Belieben dadurch hervorrufen, daß sie sich in einen gewaltigen Erregunszustand hineinarbeiten. Frl. Rachcl z. B-, die kälteste und liebloseste Dame, die je die Bühne betreten, pflegte, wenn sie all' ihre Kräfte aufbot, so leidenschaftlich zu weinen, daß sie fünfzehnhundert Zuschauer ebenfalls zum Weinen bringen konnte (Das Goldfischchen, Goldkärpfchen, oiprinus »urutus I,.) stammt aus China. Das Fischchm stirbt leicht, wenn die Behandlung nicht die richtige ist. Liebhabern dieses schönen Thicrchens dürfte es willkommen und von Jnterest: sein, die darauf bezüglichen Regeln kennen zu lernen. — Master darf nicht zu wenig sein, für ein Stück enspricht das Quantum von ein Maß Wasser, und so nach Verhältniß mehr, je nach der Zahl der Fischchen. — Das Wasser, welches filtrirt wird, (durch reinen Sand und Kohlcnstückchen) muß immer dasselbe sein, entweder Bach - oder Fluß-, oder Brunnen- Wasser. — Im Sommer wird dasselbe alle Tage gewechselt, im Winter alle zwei Tage, was nicht zu übersehen ist. — Das Glasgefäß von angemessener Größe sei tief, der Boden mit glatten Kieselsteinchen bedeckt, an welche sich die Excrcmeute setzen, und wodurch das Wasser rein erhalten wird. — Beim Wechseln des Wassers darf man die Fischchen nicht in die bloße Hand nehmen, sondern muß sie mit einem kleinen Netz herausfangcn. — Das Gefäß darf man nicht in die Sonne, sondern muß es in den Schatten stellen, da die Thierchcn Schatten lieben; auch vermeide man starke Zimmcrwärme. — Mit Brodgerbe, gcrbcstoffhaltiger Nahrung darf man sie nicht füttern, sondern mit Oblaten, kleinen Amciseneiern, kleinen Fliegen, klein gehackten Eidottcrstückchen, kleinen Stückchen von Salatblättcrn, welch' letztere ihre Licblingsspeise sind. — Aber nur alle 3 — 4 Tage reiche man Nahrung, und immer nur sehr wenig, da die Fischchen sonst an Verstopfung und Brand zu Grunde gehen. In den Monaten November, Dezember, Januar und Februar dürfen sie gar nicht gefüttert werden, was hochwichtig ist und in der Kischnatur liegt. Von Monat März an beginnt die Fütterung und dauert bis zum November, (also acht Monate), die nur eine sehr mäßige sein darf, besonders im Anfange, weil der Magen sich nur nach und nach an das Futter gewöhnt. — Wer diese Regeln befolgt, erhält das Fischchen frisch und gesund, 10—12 Jahre, so alt wird es. (Theilung der Arbeit.) Ein Dank« fiel, als von der immensen Höhe einzelner Thürme gesprochen wurde, mit der Versicherung ein: „Das ist noch gar Nichts. Bei uns zu Hause steht ein Thurm, an dessen ganzer Höhe ein einzelner Mann unmöglich hinaussehen kann. Um die Spitze zu erschauen, thun sich immer zwei zusammen, und der Zweite säugt da an, wo dem Ersten das Gesicht ausgeht." Aus England. Britische Blätter berichten vom Cop Trevose (Cornwallis) folgende- Drama: Dort erhebt sich ein halbmondförmiger, auf seinem Gipfel ganz kahler Fels, dessen Wurzel nur zur Ebbezeit zugänglich ist, ihm gegenüber eine alte Ritterburg, gen. das rothe Schloß, bewohnt von einem sehr vermögenden Alten, dessen beiden ältesten Söhne wegen ihrer Verwegenheit und Wildheit gefürchtet waren. Schon seit Langem hegte die Zollbehörde Verdacht, daß hier großartig geschmuggelt werde, allein sie konnte nicht auf die Spur kommen. Ein Zollbeamter theilte diesen Verdacht einem im Schloß auf Besuch anwesenden Ingenieur mit, und diese beiden Männer besuchten nun den Halbmondfels, wobei der Jngenier mit seinem Spazierstock an die Steine klopfte, und mehrere Stellen hohlklingend fand. Abends im Schloß erzählte er ohne Arg den Vorfall, wobei der Schloßherr in großen Zorn gerieth, und unter anderm ausrief, es sei schändlich, die braven Schiffer der Umgegend verdächtigen zn Wollen, dieselben seien immer ehrliche Leute gewesen u- s. w. Der von da an nicht mehr gern gesehene Ingenieur reiste des andern Abends ab zum nächsten Bahnhof der ^Londoner Route und zwar zu Fuß und über die Felsenhöhe- Von dort sah er plötzlich ein grelles Licht uns dem Innern des Felsens strahlen. In demselben Augenblick stand aber auch Einer der vbenbezeichneten Söhne des Rothschlofses bewaffnet vor ihm, und hieß unter Todesdrohungcn ihn schwören, Niemanden etwas von diesem Vorfall zn sagen, und überhaupt diese Gegend für immer zu meiden. Der Ingenieur schwur und ging weiter. Bald darauf begegnete er dem jüngsten Sohne des Schloßherrn, dem Gegentheil seiner Brüder, einem sanften liebenswürdigen Menschen, der, unbekannt mit den Vorgängen im Schloß und auf dem Felsen, sich zum Begleiter bis an die Station anbot. Der Jngenier trug einen Paletot von ausfallend hellgelber Farbe und da der leichtgekleidete junge Mann fror, und noch einen ziemlichen Weg mach Hause hatte, hing er dieses Kleidungsstück demselben um, mit dem Auftrag, es des andern Tags nach London zu schicken. Dem Jüngling kam der unglückliche Gedanke, über den Felsen heimzukehren; kaum dort angelangt, fiel er mit zerschmettertem Schädel zu Bodcrl Sein älterer Bruder, im Wahn, den neugierigen und eidbrüchigen Ingenieur vor sich zu sehen, hatte den tödtlichen Schuß abgefeuert. Verzweiflungsvoll lief der Brudermörder uach erkanntem Irrthum zum Richter und bekannte Alles, darunter den vieljährigeu und äußerst einträglichen Schmuggelhaudel seiner Familie. Amerika. Die „Pacifischc Eisenbahn" geht mit raschenSchritten ihrer Vollendung entgegen. Das Riesenunternehmen, ein Schienengeleisc von 3060 englischen Meilen zulegen und eine Strecke fahrbar zu machen, die nicht viel geringer ist, als die Entfernung zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Coutinent, ist mit dein Schluffe des Bürgerkriegs aus den Uranfängen heraus so weit gefördert worden, daß vor Schluß des kommenden Jahres von der einen Meeresküste bis zur andern der Verkehr vermittelt werden kann. Von den weiten Länderstreckev, die der Schienenstrang durchschneidet, ist fast die Hälfte unangebautes Wüste- Land. Omaha City, eine neue Stadt, ist der Gränzpuukt der westlichen Civilisation, und die Hauptschwicrigkeiten des Unternehmens liegen auf der Strecke von 1781 Meilen, die Ohmaha City mit Sacramento verbindet. Ohne Bewohner sind die Landstriche rechts und links von dieser Linie allerdings nicht, aber die Bevölkerung besteht aus wilden Jndianerhorden, die das Vordringen des Dampfes in ihre Jagdgründe mit Wehr und Waffen zu hindern suchen, und General Sherman, der mit Unionstruppen eine Art Bahnpolizei in der Wildniß übt, viel zu schaffen machen. Trotz ihres Widerstandes indessen ist von Omaha aus eine Strecke von 1000 Meilen fast bis an das Mormonenland fahrbar; von Sacramento aus sind weitere 400 Meilen fertig geworden, uud es wird nicht lange mehr dauern, bis die Arbeiter von hüben und drüben zusammentreffe. Druck, Verlag und Redaction dcS Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nr. L L. 20. Decbr. 1868. Beacsitct wird das Lcben mrhr zuletzt; Der Sonne Scheiden und Musik am Schluß Bleibt, wie der letzte Schmach von Süßiakcitcn, Mehr im Gedächtniß, alS die frühern Zeiten. Shakespeare. Richard II. A. II. 2. Weihnachtslied. Es schweiget die Erde In Dunkel gehüllt, Es glänzen an: Himmel Die Sternlein so mild! Es wiegt sich in Schlummer Die nächtliche Flur, In goldenen Träumen Das All der Natur! Nur in Bethlehem wacht noch Das glückliche Paar, Auf dem Felde der Hirten Andächtige Schaar. Das Kiudlein schläft An Marias Brust Und es jauchzen die Himmel In Wonne und Lust; Und die Engelcin treten Am Himmel hervor Und singen im nächtlichen Himmlischen Chor; Und künden das Kindlein Den Hirten im Feld, Und Freude und Friede Der ganzen Welt. O du Freude, du Wonne Du selige Nacht, Die den Menschen Erlösung Und Friede gebracht! H. v. Ow. 402 Maximilian s Ende. » Gragmkute auS dem Togebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) III. (Schluß.) Ueber den Fluchtversuch des Kaisers Maximilian, welchen wir am Schlüsse des Vorigen Aufsatzes kurz berührt haben, tragen wir, da wenige Details davon in die Öffentlichkeit gedrungen sind, aus dem Tagebuch der Prinzessin Salm-Salm, noch die fol- gesdcn Enthüllungen nach: Schon lange hatte ich ihn (den Kaiser) von der Nothwendigkeit zu überzeugen gesucht, daß er wegen einer Flucht nicht mit untergeordneten Offizieren, sondern mit den Befehlshabern unterhandeln müsse. Einen derselben hatte ich bereits vollständig gewonnen, nämlich Oberst Billanucva, welcher den Oberbefehl über alle Wachen in der Siadt hatte. Vellanucva nahm den lebhaftesten Antheil an dem Schicksal des Kaisers uud betrachtete eS als ein Unglück für sein Vaterland, wenn dessen Regierung ihn erschießen lassen sollte. Aus diesem Grunde war er bereit, zur Flucht die Hand zu bieten. Er für seine Person lehnte Geld ab, obwohl er arm war und für seine Schwestern zu sorgen hatte, und vcr- liß sich auf den Kaiser, der ihn mit »ach Europa nehmen und für sein: Zukunft sorgen sollte. Oberst Villanucva sagte mir jedoch, daß er allein die Flucht nicht bewerkstelligen könne und daß Oberst PalaeioS gewonnen werden müsse, welcher den Oberbefehl im Gefängnisse selbst führte. Zu diesem Ende verlangte ich, daß der Kaiser 100,000 Dollars in der Bank des Herrn Rubio placiren solle, auf den man nach Ersordcrniß ziehen könne, Heun baar Geld, sagte ich dem Kaiser aus alter Erfahrung, sei durchaus nothwendig, wenn man mit Amerikanern unterhandeln wolle. Der Kaiser erwiderte, daß Geld die geringste Sorge sei, da sowohl Baron Magnus als die anderen Gesandten ihn versichert hatten, daß Summen zu jedem Betrage ganz zu seiner Verfügung stünden. Ich theilte uun dem Kaiser mit, daß ich Alles mit Villanucva abgemacht hätte, der ihn aus dem Gefängniß führen solle, wo eine Escorte von hundert Mann bereit sein werde, ihn nach der Sicrra Gorda und von dort nach der Küste zu bringen. Der Kaiser war mit dem Plane einverstanden, doch bestand er darauf, daß ich ihm zu Pferde mit klr. Bosch dicht auf dem Fuße folgen solle. Er befürchtete nämlich, daß man ihn verrathen und ermorden mochte, und glaubte, daß die Gegenwart einer Dame die Reiter von dem Begehen «incr solchen gräßlichen Handlung abhalten werde. Zch sagte uun dem Kaiser, daß ich es übernommen hätte, Oberst PatacioS zu gewinnen, welcher die Wachen im Kloster hatte und die ganze Nacht hindurch selbst vor dem Zunmcr des Kaisers auf- uud abspazierte, daß ich aber zu diesem Zwecke Geld haben müsse. Mit Entsetzen sah der Kaiser nun endlich seine Position im wahren Lichte und bedauerte lebhaft, daß er so viel Zeit vergeudet und nicht früher für Geld gesorgt hätte. Er hatte gar nichts und doch sagte er mir, er wolle sein A cußerstcs versuchen, die nöthigen Mittel anzuschassen. Als ich wieder zu ihm kam, fand ich ihn Verzweiflung, Er konnte das Geld zur Bestechung des Obersten nicht anschaffen; allein er bot mir zwei Wechsel, jeden zu hunderttausend Dollars, auf das kaiserliche Haus und die kaiserliche Familie in Wien an. Fünftausend DollarS w lle er mir jedoch bis spätestens neun Uhr Abends senden, da ich dieselben nothwendig haben mußte, um sie entweder Palacios für die Soldaten einzuhändigen, oder selbst au dieselben zu vertheilen. Ich hatte bis dahin Oberst Palacios noch keine Eröffnungen gemacht und es war zwischen mir und Villanucva das Uebercinkommen getroffen, daß ich das Gefängniß um acht Uhr verlassen, Palacios mich begleiten und ich denselben bis zehn Uhr festhalten sollte. Ich wohnte zu jener Zeit nicht in einem Hotel, sondern in einem Privathause, das der Frau Pepita Vinceutis, der Wittwe eines Herrn von unserer Partei, gehörte, der während der Belagerung gestorben war. General Echegarry wohnte in demselben Hause. Diese alte Dame war außerordentlich s « , 403 gütig gegen unsere Gefangenen und hatte die ganze Zeit hindurch für fünzchn derselben gesorgt. Ich hatte bis um acht Uhr bei dem Kaiser zu bleiben und mit ihm eine sehr lange und interessante Unterredung gehabt. Er eröffnete mir seine geheimen Sorgen und Bekümmernisse, weihte mich in die in seiner Familie obwaltenden Verhältnisse ein und offenbarte mir seine Pläne für die Zukunft, wenn er nach Europa kommen würde. Am Innigsten sprach er von seiner Mutter,, an welche er mir Grüße und andere Dinge auftrug für den Fall, daß ich allein nach Wien kommen sollte. Diese Unterhaltung machte mich sehr traurig und es erfüllte mich die bange Ahnung, daß ich den Kaiser jetzt zum lctzteumale sehe. Als es beinahe acht Uhr war, gab mir der Kaiser seinen Siegelring. Hatten meine Bemühungen mit Palacios Erfolg, dann sollte ihm der Oberst denselben noch am Abend zurückbringen. Ich verließ den Kaiser mit schwerem Herzen und wenig Hoffnung, denn vor mir lag eine sehr schwierige Aufgabe, welche ich mit sehr unzulänglichen Mitteln erfüllen sollte — mit zwei Blättchcn Papier, deren Bedeutung die Person, mit der ich zu thun halte, kaum verstand. Oberst Palacios war ein Indianer, der kaum lesen und schreiben konnte. Er war ein tapferer Soldat, hatte sich häufig ausgezeichnet und daS besondere Vertrauen seiner Vorgesetzten erworben, die ihn als eine Art von Provost Marschall gebrauchten, dem alle Hinrichtungen anvertraut wurden. Er halte eine junge Frau, die ihm erst kürzlich daS erste Kind geschenkt hatte, welches der Augapfel des Vaters war. Da er gar kein Vermögen besaß, so hoffte ich, daß der Gedanke, diesem Kinde jedenfalls eine sorgenfreie Zukunft zu sichern, ihn geneigt machen würde, meine Vorschläge anzunehmen. Der Oberst begleitete mich nach Hause und ich lud ihn in mein Parlor. Ich sing sogleich an, vorn Kaiser zu sprechen, um zu crfahrccn, wie er gegen ihn gesinnt sei und ob ich irgend eine Hoffnung auf Erfolg haben könne. Er sagte mir, er sei ein großer Feind dcS Kaisers gewesen, doch seil er so lange um ihn und Zeuge davon sei, wie gut und edel er sich in seinem Unglück benommen und seit er in seine treuen blauen Augen gesehen habe, fühle er für ihn die größte Theilnahme, wenn nicht Liebe und Bewunderung. Nach dieser einleitenden Uuterhaltnng, die etwa zwanzig Minuten währte, kam ich mit zitterndem Herzen zur Sache. Es war in der That ein Augenblick von der höchsten Spannung und Bedeutung, an welchem das Leben oder der Tod eines edlen und guten Mannes hing, der mich mit seiner Freundschaft beehrte und mein Kaiser war. Ich sagte, daß ich ihm eine Mittheilung zu machen habe, die sowohl für ihn als für mich von der allergrößten Wichtigkeit sei; doch ehe ich es thue, muffe er mir nicht nur sein Ehrenwort als Offizier und Gentleman geben, sondern bei dem Leben seines Weibes und seines Kindes schwören, daß er, was ich ihm sage, Niemand verrathen wolle, selbst wenn er auf meine Vorschläge nicht eingehe. Er gab mir das verlangte Ehrenwort und leistete in feierlicher Weise den Eid bei dem Leben seiner Frau und seines Kindes, die er Beide mehr liebte, als alles auf der Welt. Ich sagte ihm nun, ich wisse mit aller Bestimmtheit, daß der Kaiser zum Tode ver- urtheilt und sicher erschaffen würde, wenn er nicht entfliehe, was er als vollkommen richtig einräumte. Dann theilte ich ihm mit, daß ich durch andere Personen Alles zur Flucht vorbereitet habe, die in dieser Nacht stattfinden solle, wenn er darein willige, nur für zehn Minuten den Rücken zu wenden und seine Augen zu schließen. Ohne ihn könne nichts geschahen; wir seien gänzlich in seiner Hand und das Leben des Kaisers hänge ganz in seinem Willen. Das Dringende der Lage setze mich in die Nothwendigkeit, mit ihm ganz offen zu reden. Ich wisse, daß er arm sei. Er habe eine Frau und ein Kind, deren Zukunft in diesen Zeiten sehr unsicher sei. Nun biete sich ihm eine Gelegenheit, denselben ein gutes, lebenslängliches Auskommen zu sichern. Ich biete ihm hier einen W.chscl von 100,000 Dollars an, welche die kaiserliche Familie von Oesterreich in Wien bezahlen werde und 5000 Dollars in baarem Gelde werde ich sogleich für seine Soldaten erhalten und ihm übergeben. Was ich ihm vorschlage, sei nichts gegen seine Ehre, denn indem 404 er es annehme, diene er seinem Vatcrlande am Besten. Der Tod des Kaisers würde die ganze Welt gegen Mexiko bewaffnen, entfliehe aber der Kaiser, so würde er das Land verlassen und keine europäische Macht würde sich ferner in die Arrangirung seiner innern Angelegenheiten mischen. Ich redete vielmehr und er hörte mit Aufmerksamkeit zu. An der wechselnden Farbe in seinem Gesichte sah ich, daß er in sich einem harten Kampf kämpfte. Ich schwieg und er nahm das Wort. Er legte die Hand auf sein Herz und versicherte, daß er wirklich die größte Theilnahme für Maximilian fühle und daß er in der That glaube, es sei das Beste für Mexiko, ihn entfliehen zu lassen. Er könne jedoch über eine so wichtige Sache nicht in fünf Minuten entscheiden, allein wenn er darauf eingehe, wolle er doch den Wechsel nicht annehmen. Er nahm denselben jedoch in die Hand und betrachtete ihn mit Neugicrde. Der Indianer konnte wahrscheinlich nicht den Gedanken bemeistcrn, daß in solch kleinen! Stückchen Papier, worauf etwas gekritzelt war, ein sorgenfreies Leben für ein Weib und ein Kind enthalten sein sollte; ein Beutel mit Gold würde weit überzeugender geredet haben. Er reichte nur den Wechsel zurück und sagte — nein, er könne ihn nicht annehmen. Er wolle in der Nacht darüber nachdenken und mir morgen das Resultat sagen. Ich zeigte ihin den Siegelring des Kaisers, sagt« ihm, was derselbe meine und bat ihn, denselben dem Kaiser noch heute Abend zuzustellen. Er nahm den Ring und steckte ihn an seinen Finger. Nach einer Weile zog er ihn wieder ab und sagte, daß er ihn nicht annehmen könne. Er müsse Alles überlegen. Er verwirrte sich und sprach von seiner Ehre, von seiner Frau und seinem Kinde. „Nun, Oberst," sagte ich, „ich sehe, Sie haben sich noch nicht entschlossen. Denken sie darüber nach und erinnern Sie sich Ihres Ehrenwortes und Ihres SchwnrS. Sie wissen, cS kaun nichts ohne Sie geschehen und cS würde ganz zwecklos sein, mich zu verrathen." Oberst Villanueva, der natürlich sehr begierig war, das Resultat meiner Unterredung gleich zu kennen, erschien nach neun Uhr und etwas später kam Dr. Basch, jedoch ohne 5000 Dollars, um sich zu erkundigen, wie die Unterredung ausgefallen sei. Als Pa- lacioS gegangen war, sagte ich dem Doktor, daß die Flucht heute Nacht nicht stattfinden könne, ich morgen aber Bestimmtheit haben werde, und nicht ohne Hofsnug sei. Zugleich händigte ich dem Doctor den Siegelring des Kaisers ein. Palacios scheint über meine Vorschläge bis Mitternacht nachgedacht zu haben. Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt; er ging zu Escobedo und verrieth ihm Alles. Ehe ich am Morgen aufgestanden war, wurde mein Haus bereits bewacht. Es wurde einem Jeden gestattet hineinzugehen; allein ein Jeder, der es verließ, wurde verhaftet. Dieses Schicksal hatte der nichts Böses ahnende Dr. Basch, der vom Kaiser abgeschickt war, welcher sürchtcte, daß mau mir meine zwei Wechsel abschwindeln möchte, um sie zu Präsentiren, wenn er erschossen wäre. Um einen solchen Betrug unwirksam zu machen, sendete er mir solgendes, von seiner eigenen Hand geschriebene Papier, welches ich aks Autograph im Original am Schluß beigcbc. „Querc- taro 13. Jan. 1867. Die beiden Wechsel von cinhundcrttausend Pcsos, die ich heute ausgestellt habe für die Obersten Palacios und Villanueva, und die von dem Hanse und der kaiserlichen Familie von Oesterreich in Wien bezahlt werden sollen, sind nur giltig, an dem Tage, an welchem ich durch die oben erwähnten Obersten vollständig gerettet fein werde. Maximilian," Zwei Diener des Kaisers kamen mit der Botschaft, daß der Kaiser mich sogleich zu sprechen wünsche. Ich wußte bereits, daß Palacios sein Ehrenwort und Schwur gebrochen hatte, und daß Dr. Basch arrctirt war, denn ein Offizier von Escobedo's Stab theilte es mir in einer Note mit, die ich sogleich vernichtete." Die Prinzessin wurde wegen ihrer Mitwirkung an diesem Fluchtplan als Gefangene nach Sän LuiS Potosi gebracht. Dort machte sie noch die letzten Anstrengungen, die Begnadigung der bereits Berurtheiltcn von Juarcz zu erwirken. Sie erzählt: Der letzte Tag vor der Hinrichtung kam; am nächsten Morgen sollte der Kaiser erschossen werden. Obwohl ich wenig Hoffnung hatte, so wollte ich doch noch einen Per- 405 such machen, das Herz dcS Mannes zum Mitleid zu rühren, von dem das Leben der Kaisers abhiug, und dessen bleiches Gesicht, dessen melancholische, blaue Augen, die selbst auf einen Palacios Eindruck machten, mich fortwährend anblickten. Es war acht Uhr Abends, als ich zu Herrn Juarcz ging, der mich sogleich empfing. Er sah selbst blaß und leidend aus. Mit zitternden Lippen sprach ich für das Leben des Kaisers oder wenigstens für einen Aufschub. Der Präsident sagte, er könne keinen Aufschub bewilligen, um nicht die Agonie des Kaisers zu verlängern, der morgen früh sterben müsse. Als ich diese schrecklichen Worte hörte, wurde ich rasend vor Schmerz. An allen Gliedern zitternd und schluchzend siel ich auf die Kniee und bat mit Worten, die warm von meinem Herzen kamen, deren ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Der Präsident versuchte es, mich aufzuheben, allein ich umklammerte seine Kniee und wollte nicht ausstehen, ehe er mir das Leben des Kaisers bewilligt hätte; ich dachte, ich müsse es ihm abringen! Ich sah, daß der Präsident bewegt war, sowohl er als Jglcsia hatten Thränen in den Angeir. Er sagte mit leiser Stimme: „Es schmerzt mich, Madame, Sie so auf Ihren Knieen liegen zu sehen; allein wenn alle Könige und Königinnen Europa's an Ihrer Stelle wären, so könnte ich sein Leben nicht schonen. Ich nehme es nicht; es ist das Volk und das Gesetz, welche seinen Tod verlangten. Thäte ich nicht den Willen des Volkes, so würde dasselbe sein und auch mein Leben nehmen." „Oh," rief ich in meiner Verzweiflung, „muß denn Blut fließen, so nehmen Sie mein Leben, das eines nutzlosen Weibes, und schonen Sie das meines Mannes, der noch so viel Gutes in einem anderen Lande thun könnte." Alles war vergebens. Der Präsident erhob mich und wiederholte nochmals, daß das Leben meines Mannes geschont werden solle. Derselbe sei in der That sehr compromittirt und würde sicher zum Tode vcrurthcilt werden; allein, da er meine Handlungsweise und meine Aufopferung in der Sache des Kaisers und meines Gatten achte und bewundere und cS ihn schmerze, mir nicht Alles bewilligen zu können, um waS ich bitte, so wolle er doch thun, waS er könne, Das Leben meines Mannes solle nicht angetastet werden. Ich dankte ihm dafür und ging. Im Vorzimmer fand ich mehr als zweihundert Damen aus Sau Luis, die ebenfalls kamen, um für das Leben der drei Vcrurthcilten zu bitten. Sie wurden vorgelassen, allein ihre Bitte hatte nicht mehr Erfolg als die mcinigc. Später kam Frau Miramon, die ihre beiden kleinen Kinder an der Hand führte. Der Präsident konnte es ihr nicht abschlage», sie zu empfangen. Herr Jglcsia sagte mir, daß es eine herzzerreißende Scene gewesen sei, als die arme Frau und ihre unschuldigen Kleinen stammelnd um das Leben des Gatten und Vaters gebeten hätten. Der Präsident, sagte er, litt in jenem Augenblick unaussprechlich darüber, daß er sich in die grausame Nothwendigkeit versetzt sah, das Leben eines edlen Mannes wie Maximilian und das zweier „Brüdcr" zu nehmen, — allein er könne nicht anders. Fran Miramon fiel in Ohnmacht und mußte aus dem Zimmer getragen werden. Die ergreifenden Scenen, die der Präsident an diesem Tage erlebt halte, waren mehr, als er ertragen konnte. Er zog sich in sein Zimmer zurück und wollte drei Tage Niemand sehen. In jener Nacht konnte ich kein Auge schließen und war mit vielen Damen unserer Partei, in der Kirche im Gebet vereinigt. Im Laufe des Vormittags brachte der Telegraph die traurige Nachricht, daß die Exekution vollzogen worden sei, und Alles war vorüber .... 406 Der Weihnachtsabend Schon schied der letzte Sonnenstrahl Dom schneebedeckten Hügel, Schon senken sich über Berg und Thal Der Nacht schwarzdüstre Flügel. Sie nahet, sie nahet die heilige Nacht, Bald wird die Stunde erscheinen; Was hat euch das Christkindchcn mitgebracht? Ihr Kinder, ihr lieben, ihr Kleinen! In der heimlichen Stube, vom Christbaum erhellt. Sich schaarct der Kinder Gewimmel; Doch draußen ists still in der weiten Welt, Es glänzen die Sterne am Himmel. Wer weilt in stiller Abcndruh Auf freiem Feld noch so späte? ES eilt dem friedlichen Dorfe zu Die kleine Margarethe. Sie friert so sehr, kalt pfeifet der Wind, Kein Ofen winket der Armen. O eile zum Dorf arm Waisenkind, Vielleicht hat dort einer Erbarmen. Ins piUe Dörfchen tritt sie ein Und schwankt zur nächsten Schwelle; Die Fenster, sie geben so glänzenden Schein: Warum ist es heute so helle? Zum niedern Fenster tritt sie hin Und luegt*-) neugierig eine, Da sieht sie des Christbaums dunkles Grün In der Lichter hellflackcrndcm Scheine. Sie schauet der Eltern fröhlich Gesicht An der Kinder Freude sich labend; „Ich arme Waise ich wußte eS nicht, Heul ist ja der heilige Abend!" *) schaut. „O heut vorm Jahr, da wars nicht kalt Am liebenden Mutterherzen, Ein Bäumchcn brachte der Vater vom Wall» Und zündete an viele Kerzen. Ach Gott! ja Gott jetzt sind sie todt Die Eltern lieb und bieder! Ich bettle um ein Stückchen Brod Und singe keine Lieder." Jetzt pocht sie an der Thüre sacht Ein Almosen dort zu erbitten, Jetzt hat sie schüchtern aufgemacht. Ist leise hineingcschritten. Da lachen vom strahlenden Baume herab Viel Acpfcl mit rosigen Wangen, Hei, Nuß und Lebkuchen, wie viel es da gab k Wie schwer ist die Tanne behängen! Und sehnsüchtig blicket das Waisenkind Nach dem strahlenden herrlichen Baume; Von ihrem Aug' eine Thräne rinnt Und sie schaut es nur wie im Traume Arm Waisenkind, so mußt du dort In dunklem Winkel stehen; Die Kinder tummeln fröhlich fort Und du bleibst ungesehen! Und wieder schleicht sie zur Thüre geschwind „Ich Arme, hier darf ich nicht weilen! Ich bin ein verkästen Waisenkind, Darf der Fröhlichen Freude nicht theilen! Und sie eilet hinaus in die finstere Nacht Wo die Sterne dem Acrmstcn auch scheinen. Wo der Mond allein mit den Sternen noch wacht. Einsam zu den Sternen zu weinen. H. v. Ow. Der eigentliche Verräther Andreas Hofer's. Bekanntlich behauptete Freiherr v. Hormaier in seiner Geschichte des JahreS 1809, daß der edle Hofer von dem Pfarrer Donai in Schlanders verrathen wurde, — ohne übrigens hicfür irgend einen Beweis beigebracht zu haben. — Obwohl nun Donai dieser Beschuldigung mittelst einer Erklärung des französischen Generals Huard und einer energischen Vertheidigungsschrift entgegentrat, so gelang eS ihm nicht, — sich von dem rege gemachten Verdachte gänzlich zu reinigen, und mißmuthig verließ er Tyrol, kränkelte und fand, wie man sagt, aus Kränkung einen frühzeitigen Tod. Erst in l»r. Napp's Geschichte des JahreS 1809 wurde der Verrath Hofer's auf Grund der Aussagen der Gemeinde- 407 Mitbürger deS SandwirtheS in Passeicr — «nd namentlich der Kordonisten Peter Jlmer und Alois Non in St. Martin wahrheitsgetreu berichtigt und als Vcrräther Franz Nasfl unter nachfolgender Darstellung des Sachverhalts namhaft gemacht. Wie bekannt, suchte Hafer einen bergenden Versteck in der Alpenhüttc des Pfandler, Bauern am Brantacher Berg, — wo er durch Vertraute mit allem Möglichen versehen wurde. Bereits am 5. Jänner 1810 kam Franz Rasfl, ein übel beleumdeter, in seiner Wirthschaft verkommener Bauer und Nachbar des SandwirtheS, zu den vorgenannten beiden Kordonisten, und lud sie ein, gemeinschaftlich den auf Hofcr's Kopf gesetzten Preis von 1500 fl. mit ihm zu verdienen, da er besten Versteck wisse, und denselben bei dem General Huard anzeigen wolle. Jlmer widerrieth es ihm und wies ihn an den Landrichter Andreas Auer in St. Leonhard. Letzterer schenkte jedoch der Angabe Nasfl's keinen Glauben, zumal durch Hofcr's Freunbc Briefe des Sandwirthes in Umlauf gesetzt worden waren, wornach derselbe glücklich in Wien eingetroffen und geborgen wäre. Ungefähr vierzehn Tage darauf ging Nasfl mit einem Schlitten, angeblich um von seinem Alpcngadcn Heu zu holen, zur Pfandler Alpenhüttc und traf mit Hofer, welcher über diesen Besuch äußerst betroffen war. zusammen. — Hofer bot dem Vcrräther einen bedeutenden Geldbetrag, um sein Stillschweigen zu erkaufen, den übrigens Nasfl zurückgewiesen haben soll. Nach einigen Tagen verfügte sich Naffl neuerdings zum obgcnanntcn Landrichter — welcher ihn nun mit einem amtlichen Schreiben an den General Huard in Meran sendete. Vor seinem Aufbruchc dahin rühmte sich Naffl gegen Jlmer, daß er nun die 1500 Gulden so gut wie im Sacke habe. — Unverzüglich wurde Hofer gewarnt und zur schleunigsten Flucht ermähnt, allein er wollte an einen so niedrigen Verrath nicht glauben, und ließ sich erst nach längerem Widerstreben herbei, am folgenden Tage sein Versteck zu verlassen. Das war am 27. Jänner und leider schon zu spät. — Denn an diesem Tage war bereits eine starke französische Colonue von Nasfl geführt, aufgebrochen, und umzingelte am 28. Jänner um 4 Uhr Morgens die Sennhütte, überraschte Hofer im tiefen Schlafe und schleppte ihn unter empörenden Mißhandlungen nach Besten, und von dort weiter nach Mantua, wo der edle Volksheld bekanntlich am 20. Februar erschossen wurde. — Für die volle Wahrheit dieser Angaben ist erst in neuester Zeit ein neuer Zeuge ausgetreten, indem ein Pasteirer einem Scelsorgspricstcr weinend entdeckte, daß er an dem Verrathe des Sandwirthes unbcdachtsamer Weise Mitursache gewesen sei, denn er habe '— damals noch Gaisbube — dem Naffl den Versteck auf besten listige Fragen verrathen, und bald darauf sei der Sandwirth gefangen genommen worden. Es geht daraus mit ziemlicher Gewißheit hervor, daß Naffl den Gang zur Pfandler Alpenhüttc nur in der Absicht unternahm, — sich die volle Gewißheit über den durch die Mittheilung deS GaiSbuben ihm bekannt gewordenen Versteck Hofcrs zu verschaffen, und daß der Vcrräther durch längere Zeit mit allem Vorbedacht — sein schmachvolles Vorhaben betrieb. Die Pasteirer waren übrigens von der Schuld Naffl's schon vom Anbeginn derart überzeugt, daß derselbe bei der allgemeinen Verachtung, der zu Folge er sich nirgends mehr sehen lasten durste, es gerathen fand, nach Bayern auszuwandern, wo er nach einigen Jahren, allgemein mißachtet, in den kümmerlichsten Verhältnissen gestorben sein soll. (Gcm.-Ztg.) Miseelle«. (Anekdote anS dem Leben Königs Ludwig l. von Bayern.) König Ludwig schätzte sehr die dramatische Kunst, und sowohl die Künstler als die Künstlerinnen. Als die berühmte Schauspielerin Cramer fünfzig Jahre bei der Bühne war, bewilligte ihr der König ein Benefiz, wozu sie in dem Stücke „Die Jäger" von Jfsland, — eine ihrer besten Nolleu, — die Obersörstcrin, gab. Nach der Vorstellung, die übcrzahlrcich besucht war, gaben ihr ihre Collcgen ein kleines Fest in dem damals von Künstlern so 408 besuchten Gasthaus „zum grünen Baum" "an der Isar in München. König Ludwig erfuhr dieses und überraschte die Gesellschaft noch um 11 Uhr Nachts. Frau Cramer saß mit dem Nucken gegen die Thüre und konnte den eintretenden König nicht sehen; schnell ging er auf sie zu und hielt ihr mit beiden Handen die Augen zu und sprach mit seiner bekannten etwas stotternden Stimme: „Wer ist das?" — „Ach, das sind Sie wieder, L . . .," sprach unter Lachen Frau Cramer, „Sie kopiren den König Ludwig prächtig! ' — „So," rief erstaunt der König, — „Er kopirt mich, daS möcht' ich auch einmal hören; vorwärts L . kopiren Sie mich." — „Majestät, ich bitte es mir zu erlassen," erwiederte der erschrockene Komiker, doch der König ließ nicht ab, und nach langem Weigern endlich sprach er: „Ich wünsche es, und Ihr König befiehlt es." Der Schauspieler verbeugte sich, setzte sich au ein Sciicntischchen und rief — unter der angenommenen Manier König Ludwigs: „Kabinetsrath Niedl soll heraufkommen!" „Bravo!" — rief der König, „Er kopirl mich vortrefflich!" — „Majestät, wünschen?" fuhr der Künstler mit näselnder St mme fort. „Ah, bravo: Ausgezeichnet!" — rief wieder der König, „Er kopirt meinen Niedl eben so gut, ist ein vorzüglicher Menschen- darstellcr, wie Zffland sagt." — „Niedl," fuhr der Komiker in der Rolle fort, „Niedl, schicken Sie morgen aus meiner CabinctSkasse 200 Gulden dem Komiker L. . ., weil er so gut kopirt." — „Spitzbube!" rief der König lachend, „hören Sie auf, brachen mich nicht mehr zu kopiren, — doch dieses Mal sollen Sie für Ihre Gastrolle D „grünen Baum" daS Honorar ehalten, — von Ihrem wohlgeneigten König." Die gebräuchlichsten Redensarten der Völker sind oft ein Spiegelbild ihres Charakters. Der Russe sagt „Nilschewo", thut nichts! Der Türke „jok, jvk", ist mir glcichgiltig! Beide sind faul und trüge. Der Spanier sagt nins vr mono«, mehr oder weniger! Er ist zu schlaff zum Denken. Der Italiener meint: Ilii !o sn! Wer weiß! Wissen ist nicht meine Sache, er darf nur glauben. Der Grieche spricht: Es wird wohl noch gehen! und tröstet sich damit, wenn er still steht. Aber der Amerikaner sagt: Oo nlimrck! Vorwärts! — spricht fast niemals: ich glaube oder meine, sondern anlculat«;, ich rechne! Und dürfte diese Dreistigkeit wohl nur durch den Mangel an Dynastien zu entschuldigen sein, wodurch ihm daS Gefühl der Ehrfurcht vor anderen Menschen gänzlich abgeht, -ll! ringt! — sagt der zähe Engländer, es ist Alles in Ordnung, ich werde schon durchkommen! O'ast In müiiin cliORt;! — das ist dasselbe, meint der Franzose, — Tugend und Laster, v'ust In mama clinso! Wissen und nicht wissen desgleichen, ein Weib ist wie das andere. Alles o'nst In müm« cliosn! — Wir sind doch ^rniuln »ntio»! Am besten charaktcrisirt sich der Deutsche, der „seine liebe Noth hat," in der gangbarsten Kinder-Redensart: „Ich spiele nicht mehr mit!" Der Erwachsene machl's ebenso; — wenn ihm persönlich etwas nicht mehr paßt, läßt er das Ganze aus dem Auge. „Ich spiele nicht mehr mit," denkt er, und singt zur eigenen Beruhigung: „Was ist des Deutschen Vaterland?" Ein Advokat, der, wie man allgemein wußte, ein Feind der Geistlichen war, wollte in einer Gesellschaft einem Pfarrer Eins versetzen, indem er zu ihm sagte: „Sie, geistlicher Herr, sagen Sie uns gefälligst, wenn der Teufet und ein Geistlicher einen Prozeß miteinander hakten, wer würde wohl denselben gewinnen?" — „Ohne Zweifel der Teufel," sagte der Pfarrer, „denn der hat alle Advokaten auf seiner Seite. Frage: Welchen Thaler bringt man in kein Portemonnaie? Antwort: 'aszvhsurtjH UZE Druck, Verlag und Sted.ickien d,s Rterarijckcn Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nr. SS. 27. Decbr. 1868. Augsbrrrger Wehe Dem, der zu sterben gebt Und Keinem Liebe ges i-enkt bat Dem Decker, der zu Scherben geht Und keinen Durst'gen getränkr bat. Friedrich Rückert. Weihnachtsbilder. 1. Des Festes Ursprung. Wir befinden uns soeben mitten in der schönsten, wonnereichsten Festzeit des Jahres, in der lieben, frohen Weihnachtszeit. WeihnachtS-Gedanken erfülle» jetzt die großen und die kleinen Herzen, Weihnachtsbilder treten Einem jetzt allenthalben entgegen; möge man eS darum nicht verwunderlich finden, auch hier welchen zu begegnen. Sie sind v»n verschiedensten Orten geholt, von je nach Land und Sitte anders gestalteten Nahmen eingefaßt, aber Alle bestrahlt von dem hohen Glanz des Festes, dessen Gewalt sich überall geltend macht, wo Christen Den bekennen, dessen Ankunft in der Welt jenes feiert. Seit wann aber kennt die Christenheit solche Feier? Wir dürfen eS wohl als allgemein bekannt voraussetzen, daß das Weihnachtsfest nicht zu den ersten und ältesten der christlichen Feste gehört. Wie es aber gekommen, daß ein solches Hauptfest, das uns so natürlich und unentbehrlich geworden ist, dem wir so gern ei» leitendes Ansehen zugestehen, den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung entbehrlich scheinen konnte, DaS dürfen wir wohl als eine passende Einleitung unseren Weihnächtsbildern voranstellen. — Die älteste Urkunde, welche deS WcihnachtsfesteS am 25. Dezember ermähnt, ist ein wichtiges, chronographisches Sammelwerk aus Rom vorn Jahr 354, -— das diesen Tag zweimal, als geschichtliche Epoche wie als Festtag, anmerkt. Diese Sammlung enthält nämlich unter Anderem ein Verzeichnis der römischen Consuln vom Jahr 245 der Stadt bis 354 n. Chr., in welches zugleich einige wenige geschichtliche Angaben aufgenommen sind, namentlich folgende zu den Jahren: 1 v. Chr.: „Unter diesem Consulat (des Cäsar und Paulus) ist der Herr Christus geboren am 25. De,cmber, einem Freitag, dem 15. des Mondes." 2S. n. Chr.: „Unter diesen Consuln (den beiden Geminis) hat der Herr Jesus Christus gelitten, an einem Freitag, den 14. des Mondes." Ferner kommt dort ein Verzeichniß der in der römischen Kirche gefeierten Feste vor, und dieses fängt an: „25. Dezember; Christus geboren in Bethlehem in Judäa." Vom Abendland ging dann das Fest erst nach dem Orient über, der bis dahin die Geburt Christi gleichzeitig mit dem Fest seiner Taufe am 6. Januar gefeiert hatte; —- aus einer im Jahre 386 zu Antiochia gehaltenen Predigt des hl. Chrysostomus ersieht man, daß das Weihnachtsfest damals noch keine zehn Jahre dort bestand, aber schon mit allgemeinster Theilnahme, wenn auch nicht »hne Einwendung, gefeiert wurde. Es fehlt uns hier der Raum, zu diesen frühesten Zeugnissen von der Weihnachtsfeier noch solche Aeußerungen aus früherer Zeit, welche dieselbe geradezu verwerfen, hinzuzufügen, sondern wir gehe» gleich zu der schon oben angedeuteten Frage über, wie die Kirche des WcihnachtsfesteS so lange entbehren mochte. DaS erklärt sich aus der ccntralen Bedeutung ihrer anderen hohen Feste, Paschah und Pfingsten, — in denen sich ihr damals im Wesentlichen alle 410 Gaben dcs VatcrS, Sohncs und Geistes zusammenfaßten. Und was insbesondere den ^ Erlöser anging, so setzte man in der Auffassung seiner Person und seines Wortes die Erlösung vorzugsweise in seinen Tod — und feierte in den Festen nur die Vollendung seines Werkes durch Tod und Auferstehung Dazu kam, daß in den ersten Jahrhunderten der christlichen Acra unter dem Drucke der blutigen Verfolgungen, da das Trachten der Christen mehr „ein Suchen der zukünftigen Stadt" und ein Warten auf die Zukunft > des Herrn war, das irdische Leben überhaupt geringer gewürdigt und nicht sowohl der Eintritt in dasselbe als der selige Ausgang — gilt ja doch der Todestag der Märtyrer als deren eigentlicher Geburtstag — gefeiert wurde. Wenn aber die Gläubigen es bei > sich und in Anschlag ihrer eigenen Geburt so hielten, so mochten sie auch weniger veranlaßt sein, den Eintritt des Erlösers in das arme Leben, seine Geburt in Niedrigkeit zum Gegenstände der Feier zu machen. Das Aufhören der Verfolgungen aber, — der Sieg der Kirche im vierten Jahrhundert mußte hier nothwendig eine Aenderung mit sich bringen. Man gewöhnte sich, das irdische Leben, — das nun auch andere Aufgaben für das Gottesreich, als Uebung im Leiden — stellte, in selbstständigerem Werth und die Geburt in dasselbe nicht mehr so geringschätzig anzusehen, und die Gläubigen mußten selbstverständlich dann von der höheren Bedeutung des menschlichen Lebens überhaupt auf die höhere Würdigung der Geburt Christi geleitet werden. Dem zur Seite ging nun auch eine Fortentwicklung oder Erweiterung des dogmatischen Gedankens. Man würdigte die Geburt des Erlösers mehr aus seiner Person und seinem Werke selbst. Schon angesehene Kirchenlehrer des zweiten Jahrhunderts hatten, einer einseitigen Schätzung seines Todes zuvorkommend, in tieferer Erfassung des Werkes der Erlösung dieselbe in das gotlmenschliche, durch Tod und Auferstehung gekrönte Leben des Herrn gesetzt. Sobald sich diese Gedanken mehr Bahn brachen, — mußte auch die Feier der Geburt Christi bei weiterer Entwicklung der nun schon systcmatisirtcn Fcstorduung als nothwendiges und ^ zwar zeitlich erstes Glied sich dieser einfügen. Steht nun seit dem vierten Jahrhundert i die Feier dcs Wcihnachtsfestes am 25. Dezember fest, so mag außer den entwickelten ^ christlichen Motiven bei den Römern die heidnische Feier des 25. Dezembers, als Geburts- , tag der unbesiegten Sonne, „äiss nnlulis invioti", nicht ohne Einfluß auf die chrono- ! logische Bestimmung des Tages gewesen sein; ihre selbstständige Wurzel hatte aber auch diese in der Anknüpfung an „den Tag der Menschwerdung oder Verkündigung Mariä," den 25. März. Der 25. März aber ist nach dem Kalender des Julius Cäsar der Tag ^ der Frühlingsnachtgleichc. Auf diese hat man die Menschwerdung Christi gelegt, aber nicht sowohl wegen dieses Jabrpunktes, sondern um der Weltschöpfung willen, die an dem Tage ihren Anfang genommen haben sollte. Ebenso galt derselbe 25. März als der Todestog deS Herrn. Und so wurde der 2i. Dezember aus dem 25. März abgeleitet, d. h. der Anfang des Lebens Jesu sowohl rückwärts mit der Schöpfung der Welt, als i vorwärts mit dem Ausgang seines Lebens, — mit Tod und Auferstehung, chronologisch > zusammengeschaut. — (Der Einbürgerung des Weihnachtsfestes bei den neubekehrten § Germane» und Kelten mag endlich besonders der Umstand förderlich gewesen sein, daß > sich — gleichwie bei den Römern — auch hier ein heidnisches Naturfest, die Julfeier, ! vorfand, das fröhliche Bcgängniß der Wintersonnenwende, der wicdererwachendcn Natur > — ein Fest, dessen Symbolik auf die christliche leicht umzudeuten war. So baute sich ! denn auf den verwitternden Trümmern dcs Sonncnkultus, den die Bekehrung schwerlich ^ so vollständig auszurotten vermocht hätte, allmählich und ganz unmerklich die christliche > Weihnachtsfeier auf, und ehe das Volk es nur gewahr wurde, war dem ursprünglichen ! heidnischen Festgcdankcn ein anderer Begriff substituirt, vor dessen milder Lieblichkeit die s bachantische Feier dcs Julfcste» mehr und mehr verblaßte. (Ein letzter Abglanz der Freude über die „Wiederkehr dcs Lichtes" ist uns im Kerzenschimmer des WeihnachtsBaumes erhalten geblieb«.) 2. Der Christbaum. Wir Deutschen können uns keine Weihnachten denken, ohne den Christbaum, ohne den echt deutschen, lichterhellen, auf seiner Spitze mit dem goldenen Engel gekrönten Taunenbaum. Nichts Anderes kann ihn ersetzen, und darum leuchtet er auch, ist er nur irgendwie aufzutreibcn, wo Deutsche oder deutsche Art Weihnacht feiern, im Süden wie im Norden, am Hof der englischen Königin wie in der deutschen Kolonie von St. Petersburg; selbst unter dem Kriegstumult in der fernen Krim hat er vor Jahren sein friedlich Licht verbreitet. Die biblische, — christliche Deutung des Christbaums ist leicht. Lichter anzuzünden, war von jeher bei religiösen Freudenfeicrn gebräuchlich, — so beim jüdischen Feste der Tempclweihe und dem christlichen Osterfeste; besonders nahe lag es aber zur Weihnachtszeit, wo die Sonne nur spärlich den Tag erhellt. Aber vor allen sollen die Lichter, — welche da am grünen Baum in den dunkelsten Tagen des Mittewinters aufstrahlen, an jenes helle Licht erinnern, das die Hirten auf Bethlehem'- Gefilden umleuch- tctc, und die Freude darüber versinnbildlichen, daß Christus ist das Licht, welches in die Welt kommend, alle Menschen erleuchtet — und „einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben hat," — wie schon im alten Bunde geweissagt war: „Die Völker, im Finstern sitzend, sollten ein großes Licht sehen." An manchen Orten zündet man den Christbaum erst am Morgen des ersten Festtages an; auch Das hat seine Beziehung: Christus wird ja in der Schrift der „Aufgang aus der Höhe" genannt — und sein Evangelium „der Morgenstern, der in unsern Herzen aufgehen soll." Ein immergrünes Gewand trägt der Taunenbaum: „unverwelklich soll das Erbe der Frommen sein, unvergänglich der Kranz des christlichen Kämpfers," bleibend die Gnadengabe christlichen Glaubens, Liebens und Hoffens. Die Fülle von süßen, bunten, glänzenden Gaben am Weihnachtsbaume könnte eine Nachahmung sein jener Geschenke, welche die Magier aus dem Morgenland dem Jesuskinde brachten, allein richtiger deutet man sie auf den „mancherlei geistigen Segen," den Gott m seinem Sohn geschenkt. Zu Füßen des Baumes werden manchmal allerlei Thiere gestellt, zur Erinnerung an die Zierden der bcthlchcmischen Hirten oder auch an das Paradies, wie denn der Christbaum auch als Symbol des Lebensbaums im Paradies erscheint, der, durch die Sünde verloren (auch die Schlange sieht man manchmal um den Stamm sich ringeln), durch Christus wieder gewonnen werden soll. — Warum am Fest der Geburt des Christkindes der gabenreiche Christbaum der Mittelpunkt gerade der Kinderfreude ist, — braucht den auf Weihnachten sich rüstenden Elternherzen nicht gedeutet zu werden. Aber gerade mit dieser Kindcrbeschecrung werden wir aus der Frage nach Entstehung des Christbaums schon über den Kreis christlicher Sitte hinausgeführt. Schon die Römer beschenkten an den mit den um unsere Christzeit gefeierten Saturnalien verbundenen Sigillarien ihre Kinder mit Bildern und Töpfergeschirr, und wie sie am 25. Dezember den Geburtstag der unbesiegten Sonne feierten, so begingen die heidnischen Völker des nördlichen Europa um dieselbe Zeit die Winter-Sonnenwende durch den lichterreichen Tannenbaum. Diesen also, — unsern heidnischen Vorfahren und ihrem Juelfest verdanken wir unsern Christbaum, — und wieder finden wir hier jene schonende Hand, mit der die Bckchrer Deutschlands den neuen Glauben dem alten ver« knüpften, die sinnige Verbindung, in die sie das Naturjahr und seine religiöse Feier mit dem Kirchenjahr zu setzen wußten. Papst Gregor der Kroße hatte ausdrücklich zu solchem Verfahren aufgefordert. Sollte da- vom heidnischen Winterfest gefeierte Herannahen des Frühlings und der durch Christi Ankunft auf Erden angebrochene Weltfrühling so weit auseinander liegen? Noch führt im skandinavischen Norden das Wcihnachtsfcst den alten Namen, des Juelfcstes, und was mit der Beachtung der „heiligen zwölf Nächte," mit der Wanderung der drei Könige, mit dem Knecht Rupprecht zusammenhängt, es greift das Alles in vaterländische Urzeit zurück. Ja, noch weiter, nrch über die Grenzen germanischen Heidenthums hinaus könnten wir die Spuren unseres WcihnachtsbaumeS oder wenigstens seines Zusammenhangs mit andern gleichartigen Mysterien verfolgen. Wenu 412 auf einem iw ägyptischen Museum m Berlin befindlichen Gemälde der Sonnengott dem Könige Sesustasar an einem grünen Zweige das gehenkelte Kreuz reicht, das Sinnbild des höheren, deS ewigen Lebens; — wenn auf dem heiligen Baum des alten Indien wunderbare Vögel sitzen, Honig von ihm traust, wie von der Wcltesche deS Nordens, wir Zuckerwerk und Honigkuchen von unserem Weihnachtsbaum, können wir hier einem gcheimnißvollen Anklang des Eine» Gedankens aus dem Wege gehen? Am alterlosen Strom ragt jener indische Baum in die sonnigen Lüfte „seiu Anblick schon macht jung,- singen die heiligen Lieder von ihm. Und thut der Weihnachtsbaum Dies nicht auch? — Werden wir Alten nicht wieder jung in seinem Anschauen, nicht Kinder wieder, schon wenn wir ihn schmücken und dann, wenn der Jubel unserer Kleinen uns umrauscht. — Halten wir also den Baum fest, der aus so uralten Wurzeln — möchten wir sagen, in unser Volksleben hineingewachsen ist, — und möge uns allen sein lieblich Licht noch recht oft leuchten! Die sieben neuen Weltwunder Londons. Die Hauptstadt Englands ist als Mittelpunkt der Erdhalbkugel, welche das meiste feste Land enthält, auch zugleich der HauptschwingungSknoten des Weltverkehrs auf dem Master, und schon deßhalb mit mehr Einwohnern, als sämmtliche von Preußen anncktirte Länder enthalten, weder eine Hauptstadt, noch überhaupt eine Stadt. London! Aber was soll es denn sonst sein? Das ist schwer zu beantworten. Als Bauwerk genommen ist dieses London bis jetzt die beste Verwirklichung des Ideales einer Weltstadt, welche zugleich auch die von ihr verschlungenen Hunderte von ehemaligen Dörfern verschönert und gereinigt wiedergeboren hat, und deßhalb eine höhere Einheit der Gegensätze von Stadt und Land. Dagegen muß man Berlin eine Stadt in einseitigster, unangenehmster Bedeutung nennen. Sie verschlingt die Dörfer mit ihren Gärten und Feldern umher und zugleich auch alle gesunden Plätze mit Lust und Licht, Rasen, Bäumen und Blumen innerhalb und gibt ihnen alle Unannehmlichkeiten des Stadtlcbcns, ohne einen ein» zigen Ersatz für die verzehrte Ländlichkeit und Gesundheit zu bieten. Innerhalb der hundert englischen Quadratmeilen, welche London bedeckt, finden wir nicht nur unzählige Tausende von Billas, Häusern und Häuschen für je eine Familie mit Vor- und Hintcr- gärtchen, welche nur durch niedrige Wände oder lebendige Hecken getrennt, nicht selten mastenweise zusammenhängen und so für alle Bewohner ringsum den Gesundheits- und Schönheitswerth großer Gärten und Parks haben, sondern auch außerdem zusammenhängende ausgedehnte Parks innerhalb der Stadt, auf denen allein das ganze Berlin Platz haben würde. Diese Parks enthalten alle Wonnen und Schönheiten ländlicher, lachender Gesundheit mit Ausschluß alles Bäuerischen und sonstiger Unannehmlichkeiten des Dorf- lcbcnS. So kann man in London auch mit geringen Mitteln schöner wie auf dem Lande wohnen und doch zugleich auch alle Borzüge des kultivirtcstcn, weltstädtischen Lebens reicher und bequemer genießen, als irgendwo. Von jeder Gegend und Entfernung der Stadt sind fast immerwährend nach jedem anderen Theile zu Master und zu Lande, unter und über der Erde unzählige Tausende von wirklichen Dampfpfcrdckräften in regelmäßiger lebhafter Bewegung, wie das Blut in den Adern eines gesunden, tüchtigen Menschen, und erhalten durch alle Theile dieses Riescnkörpcrs hindurch einen so raschen und leichten Umlauf, daß jedes Blutkügelchen, jeder einzelne Mensch jederzeit Gelegenheit hat, dahin zu eilen, wo er sich am nützlichsten und angenehmsten machen und den meisten Vortheil davon beziehen kaun. Unter allen Weltwundern der alten und neuen Zeit bilden die Vcrkehrseinrichtungen Londons gewiß das größte. Die Tausende von Droschken und Omnibus verstehen sich von selbst; aber wie sie fahren und stiegen, besonders die zwci- rädcrigen Sichcrheitsdroschken, sich durcheinander hindurchwinden, ohne sich in vier-, fünf-, sechsreihigcm Gedränge gegenseitig zu zermalmen, und diese unzähligen Arten von genial, je für ihre Zwecke gebauten Wagen — dies Alles zusammen bildet ein alltägliches Wunder, über welches unsere deutschen Kutscher am meisten erstaunen würden. Auch die auf der Themse wie Schwalben umherfliegenden Dampf-OmnibuS setzen uns, wenn auch zum hundertsten Male gesehen, in Erstaunen. Doch sind sie ebenfalls etwas Altes und selbst mit den über der Stadt uud den Straßen immerwährend hin und her donnernden Eisenbahnzügen und ihren mehr als hundert Stationen in der Stadt ist der Welt weit uud breit längst bekannt. Sogar die große unterirdische Eisenbahn ist durch Beschreibungen und Abbildungen aus dem Bereiche interessanter Neuigkeiten verdrängt worden. Wer aber lange nicht in London gewesen und keine neuesten Schilderungen darüber gelesen, wird gewiß gestehen, daß das jetzt sich bildende und zum Theil schon vollendete unterirdische Gewinde von festgemauerten Dampfvcrkchrsstraßen unter den hundert Gcviertmcilen der Stadt zu den neuen Weltwundern erster Klaffe gerechnet werden muß. Wir wollen aber diese noch nicht vollendete Unterwelt nicht weiter schildern, sondern uns begnügen, eine Herzkammer derselben, eines der neuesten von Stein und Eisen gedichteten Ricsenmärchcns im Mittelpunkt der Stadt, etwas näher zu betrachten. Es ist her neue Schmithfild- Flcischmarkt, genau auf der Stelle des alten, unter welchem unterirdische Eisenbahnen von den verschiedensten Bahnhöfen her sich in riesigen Gewölben treffen und kreuzen und durch allcrqand hydraulische Hcbelmaschincn mit dieser neuen Welt in unmittelbarer Verbindung stehen. Dieser neue Smithfieldmarkt wird wahrscheinlich bereits feierlich eröffnet sein, ehe d cse Zeilen gedruckt sind. Er bildet ein großes, längliches Viereck von derselben Ausdehnung, wie der unterirdische Centralbahnhof gerade darunter und bedeckt beinahe drei Morgen in seinem würdigen römisch-dorischen Baustile, seinen Haupt- und Nebenstraßen, seinen Läden und zweistöckigen Gebäuden. In den Ecken des Platzes erheben sich fünfundzwanzig Fuß im Geviert hohe Glockenthürme mit kupfergedccktcn spitzigen hohen Domen. Die Hauptstraße, von siebenundfünfzig Fuß Breite, läuft, von sechs 18 Fuß breiten Qucrwegcn durchschnitten, in der Mitte dahin. Die dadurch gebildeten rechtwinkeligen Plätze sind mit 162 offenen Verkaufsstellen vou je 35 Fuß Länge nnd 15 Fuß Breite ausgefüllt und wie die Straßen dazwischen, durch luftigen, lichten Ueber- bau gegen Wind und Wetter geschützt; aber von allen Seiten ist der Lust der srciestc Zutritt und Abgang offen gelassen. Die Verkaufsstellen haben blos feste Hinterwände, da die beiden Seiten aus luftigen, durchbrochenen Eiscngittern bestehen und die vor der Front nur durch riesige Keulen und ganze Hammel an den Seiten und von oben herab sehr zweckmäßig und einladend in ihrer sonstige» Offenheit etwas beschränkt werden. Ueber jeder dieser Musterbuden befinden sich noch von mehr als tausend zierlichen Eiscnsäuleu getragene Räumlichkeiten für Privatzwccke, Buchführung, zur Noth auch Wohnung der Fleischhündlcr. Ueberall sieht man blanke Hähne, die, geöffnet, frisches Wasser sprudeln oder schmutziges ableiten. Innerhalb der vier Thürme kann man das beste Fleisch in allerhand appetitlicher Zurichtung genießen und hinterher trinken, lesen und rauchen. Der ganze ungeheure Marktplatz ist von der Mitte her aus einer Höhe von 54 Fuß durch ein von luftigen, leichten eisernen Bogen getragenes Dach geschützt; aber das Licht dringt von allen Seiten durch 92 7 Fuß hohe und breite zierliche eiserne Arabcs- kenvergitlcruiigcn im lustigen Wettspiele mit der Luft aus und ein. So hat der Engländer mit seinem praktischen Sinn der besten Fleischvertilger aller Nationen, für seine tägliche Hauptnahrung einen wahrhaften Niesentempcl geschaffen, den wir anständigerweise durchaus nicht mehr Markt nennen dürfen. Den soliden lebendigen Unterboden, aus welchem die Flcischmaffen gewissermaßen wie durch Zauberei hervorquellen, besuchen wir wohl ein andermal. Jetzt bewundern wir nur noch die solide Holzpflasterung unter unseren Füßen, den sehr praktischen Parquctboden, auf welchem die Füße viel elastischer treten und die hindurchsahrenden Wagen leichter und geräuschloser paffircn, als auf dem besten Steinpflaster. Das Knattern und Donnern draußen mildert sich hier z« einem molligen Gcmurmel ab und wird auch durch eiserne Thore abgehalten. Diese Thore sind zum Theil auch hübsche eiserne Gitterwerkc und sehen von Weitem fein wie Brabanter Spitzen aus. Dabei wiegt das eine doch dreihundert Centncr und kann nur durch Dampfkraft geöffnet und geschloffen werden. Und diese ganze großartige Wundcrwelt auf einer so wunderbaren Unterwelt ist doch nur ein Fleischmarkt, freilich die Hauptnahrungsquelle für drei Millionen der größten Carnivorcn unter den Menschen! Daß sich die ehemaligen engen und krummen Straßen, die hier aus- und einmünden, ebenfalls verschönert und erweitert haben, versteht sich von selbst. Eine derselben führt in das benachbarte andere neueste Wunderwerk des Verkehrs, an dessen Vollendung bis zu Weihnachten täglich, und sehr oft auch nächtlich, Tausende von Menschen- und Dampfpferdekräften arbeiten. Es ist der Holborn-Viadukt, der aus einer Tiefe von 30 Fuß unter der Oberfläche bis zu einer größeren Höhe über derselben, 1400 Fuß lang und über 80 Fuß breit, ausgemauert ward, um die beiden Hügel in der Hauptverkehrsstraße zwischen dem Nordwesten Londons und der City, Oxfordstrcet auf die massiveste Weise zu überbrücken, dir Straße auf die so gewonnene Ebene zu verlegen und daneben und darunter alte, krumme, enge Gaffen niederzureißen und als neue, weite, heitere Verbindungsmittel zwischen dem Süden und Norden wieder emporzuzaubern. Wie weit und tief das Zcrstörungswerk ging um auf einer neuen massiven Grundlage diese neue Welt aufzubauen, das geht für uns iu's Fabelhafte, wenn auch die Berliner meinen, sie hätten in ihren neuen, durchbrochenen Straßen Wunder gesehen und sogar gethan. In der norddeutschen Welthauptstadt gehören vielmehr der Durchb.uch in die neue Wilhelmstraße, die Düfte des Zwirn-, grünen und Kupfergrabens und besonders das Aroma der Panke während des vorigen Juli, vielleicht auch das seit acht Jahren leere Schillergitter, zu den Wundern des Unternehmungsgeistes. Die Londoner Bau- und Verkehrs-Titancn schonten selbst die Todten der Unterwelt' nicht, um Grund und Raum für dieses Riesenwerk des Hotdorn-VmSukcs zu gewinnen, und gruben namentlich einen seit Jahrhunderten fleißig bestellten Gottesacker aus, um unzählige Fuder von Gebeinen und ganze Armeen von zum Theil noch wohlcrhaltcnen Leichen außerhalb des immerwährend donnernden Verkehrs aufs Neue zu besserer Ruhe zu bestatten. Dabei machten die Liebhaber des Schauerlichen gar merkwürdige Studien und Erfahrungen. Viele Leichname kamen erwiesen nach zwei-, dreihundertjähriger Ruhe noch ganz wohlerhalten und nur lederartig getrocknet wieder auf die Oberwelt. Doch fand man auch vollständig gebleichte Skelette mit verrosteten Ketten an Händen und Füßen, also Gebeine, über die man gewiß, ohne Gefahr, Heiliges zu verletzen, sprechen und schreiben kann. Doch lassen wir die Todten ruhen. Auf ihrem neuen Kirchhofe, weit draußen unter nickenden Gräsern und Blumen, ruhen sie jedenfalls viel schöner, als in London, wo man übrigens die Entdeckung machte, daß sie den ganzen Erdboden rings umher mit Verwcsungsgasen vergiftet hatten, eine neue, ernste Mahnung, namentlich für unsere rasch anwachsenden Großstädte, die Kirchhöfe nach dem Muster Londons weit hinaus zu verlegen und die Todten per Eisenbahn etwa jeden Morgen in ihre, für sie ausschließlich bestimmte, schöne, ruhige Stadt unter Bäumen, Blumen und Vogelfang zu begraben. Es ist schwer, von der Großartigkeit dieses Brückenbaues in London eine Vorstellung zu geben; man mache sich deßhalb wenigstens ein allgemeines Bild davon, und denke sich diese Brücke aus ihren tiefsten Fundamenten beinahe hundert Fuß hoch aufsteigend, 1400 Fuß lang und 80 Fuß breit durch die volkreichste Straße hingemauert, über das Thal hinweg, dessen Abhänge auf je fünfzehn Fuß einen Fuß Gefälle haben. Um oben eine vollkommene Ebene zu erreichen, mußten an den tiefsten Stellen drei gewaltige Etagen über einander gemauert und gewölbt werden, und zwar mit Grundmauern, die acht Mauersteine dick sind. Innerhalb derselben zieht sich ein reiches Leben von Kellern, Gas-, Wasser-, Kloaken- und Telegraphenröhren in 11'/r 'Fuß hohen und 7 Fuß breiten sogenannten Unterwegen, durch welche diese Röhren laufen, und die dazu dienen, alle dieF 415 Verkehrsadern beaufsichtigen und repariren zu können, ohne daß das obere Maucrwcrk aufgerissen zu werden braucht. Oben über den Wölbungen mit gigantischen Logen, deren Konstruktion gerade von Architekten als wirkliches Wunder gewürdigt wird, zieht sich die ganze ebene, fünfzig Fuß breite Fahrstraßx mit fünfzehn Fuß breiten Fußwegen auf jeder Seite, welche durch zierliches Eiscngitterwcrk gegen die Gefahren der Fuhrwerke geschützt sind, und durch prachtvolle Gaskroncnlcuchter auch bei Nacht und Nebel mit besserem Tageslicht versehen werden, als es in London oft der Mittag zu liefern vermag. Beide Seiten dieser Brückcnstraße werden mit Bauwerken versehen, die wegen ihrer Schönheit und stattlichen Pracht mit Preisen gekrönt wurden. Ein solcher Bau gehört ohne Weiteres zu den sieben neuen Wunderwerken Londons, vielleicht auch der Verkehr darauf» der natürlich bedeutend steigen wird. Und doch fuhren auf dem alten Wege den Hügel auf und ab schon vor zwei Jahren, berechnet nach genauen Zahlungen an bestimmten Tagen, 300,000 Micthskutschen, 700,000 Lastwagen, 170,000 Equipagen, 280,000 Omnibus, 900,000 Chaisen und 700,000 Droschken, und 2,000,000 Menschen ritten zwischen 40,000,000 Fußgängern. Auf dem neuen Wege können sie sich getrost verdoppeln und finden bald über, bald unter demselben fast immerwährend Gelegenheit, mit Dampf nach allen Richtungen der Stadt und des Landes dahinzufliegen. Nur ein paar hundert Schritte südlich von diesem Wunderwerke streckt sich der massive Steg gegen die immerwährend hochfluthcndc und niedercbbende Themse in Form des 7000 Fuß langen, 40 Fuß hohen und über 100 Fuß breiten Bollwerks vom neuen Parlamentsgebäude an bis nach der City herunter am nördlichen Ufer der Themse entlang. Der Kampf, womit man der Themse diese 37 Morgen festen Landes im kostbarsten Theile der Stadt abtrotzte, war ein gewaltiger und fabelhaft kostspieliger; aber man siegte mit 70,000 Kubikfuß Granit, 30,000,000 Mauersteinen, 300,000 Scheffeln Cement und einer halben Million Kubikfuß anderweitigen massiven Massen. Ein Theil ist bereits eröffnet, so daß man sich schon eine Vorstellung machen kann, wie prachtvoll das ganze Werk aussehen wird. Die äußere granitne Mauer steigt acht Fuß dick aus einer Tiefe von sechSzehn Fuß unter dem Flußbette bis vierzig Fuß empor, so daß man-von oben die durch riesige Entwässcrungskanälc gereinigte Themse zwischen Bäumen und Ruheplätzen hervor weit unten mit den wie Schwalben umherschießcnden Dampfschiffen spielen sieht. Die obere Flüche ist nirgends geringer als hundert Fuß breit, wobei zwanzig Fuß auf jeder Seite für die Fußgänger, Parkanlagen, Ruheplätze und sonstige Schönheiten abgegrenzt sind. Auf dem glatten 60 Fuß breiten Fahrwege rollen Wagen und Equipagen aller Art leicht und lustig dahin, und Reiter beiderlei Geschlechts kokettircn auf ihren glänzenden Rossen zum oder vom täglichen Reit-Corso im Hydeparke. Man bewundert die Pyramidenungehcner Egyptens und die sieben Wunder der Welt; doch stecken in diesem Thcmscbollwcrk, dem Holborn-Viadukt, den unterirdischen Eisenbahnen, dem neuen Fleischmarktbrcnnpunkte und den zwölf Meilen langen neuen Auffangkloaken an beiden Ufern der Themse hinunter mehr und vernünftiger angelegte Kapitalien und Arbeitskräfte, als in sämmtlichen sieben Weltwundern. Diese Kloaken an und unter der Themse und unter ganzen Städten, so breit ausgehöhlt und gemauert, daß Wagen und Pferde darin fahren können, nehmen alle unreinen Flüssigkeiten aller Häuser auf den hundert Gcvicrtmcilen Londons auf, und führen sie mehrmals gleichsam treppauf, treppab weit hinunter aus dem Bereiche der Londoner Nasen und der Themse. Am Ende werden diese, für Felder und Fluren kostbaren Flüssigkeiten von einer neuesten Spekulation in Empfang genommen, erst unschädlich und dann um mehrere tausend Pcrzent werthvoller gemacht. Diese Erfindung mit Kalk und Alaun und noch drei anderen, bis jetzt geheim gehaltenen, aber ebenfalls billigen Stoffen, den reinen Dungwerth aus den Kloakenflüfsig- keitcn herauszufischen, hat wohl noch eine große Zukunft, wenn nicht inzwischen eine bessere und billigere Weise gefunden wird, diese für das Leben schädlichen, aber für Felder und Fluren fruchtbringenden Auswurfstoffe der Civilisation ohne den Umweg durch KlosetS und 416 Glossen auf eine anständige Art dahin zu bringen, wo sie hingehören. Bis jetzt tragen sie auch in sogenannten entwässerten Städten allgemein viel zur Vergiftung der Luft und noch «ehr des Wassers bei. Dieses Wasser in großen Städten ist nun erwiesen die Haupt- quelle aller möglichen Krankheiten, namentlich pestartiger Epidemien. Das Wasser der rnglichen Kompagnien ist, auch filtrirt, beinahe so schlecht wie das Berliner. Deßhalb hat man sich auch in London allen Ernstes bereits vorgenommen, sich das gesundeste und reinste Gebirgswasser, über 35 geographische Meilen weit her, aus den Urnen der Ber» gesnymphen von Wales als hinreichend für alle drei Millionen Menschen durch eine, sich allmälig herabsenkende Riesenröhrc herunter zu leiten. Die ganze Strecke bis London ist eine wellenförmig sich senkende Ebene, so daß das Wasser, seinem natürlichen Drucke folgend, ohne künstliche Dampfkraft in alle Höhen des hügeligen Londons gehoben werden kann. Endlich wird auch die Eisenbahn unter dem Meere zwischen Frankreich und England hin und dann vielleicht sogar der unterseeische Dampfschienenweg nach Amerika in Angriff genommen werden. Vorläufig aber haben wir an diesen wirklichen Wundern genug. Miseellen. (Ein interessanter Beitrag zur Statistik.) Einen solchen Beitrag hat «u Schneidermeister in Eutin geliefert. Er schreibt nämlich: Ich begann im Jahre 1857 die Stiche zu zählen, welche ich zur Anfertigung eines vollständigen Rockes für einen Mann machen mußte; die Zahl derselben stieg auf 40,000, und als Arbeitslohn erhielt ich 8 Mark, also für 5000 Stiche 1 Mark oder für 313 Stiche 1 Schilling. 1868 zählte ich wieder die Stiche an der Arbeit eines MannsrockeS und erhielt die Zahl 21,000. Jetzt erhalte ich für einen Rock 7 Mark Arbeitslohn, also muß ich 3000 Stiche für 1 Mark und l88 Stiche für 1 Sch. thun. Es wird jetzt also für 3000 Stiche bezahlt, was früher für 5000 bezahlt wurde; vaS gibt eine Steigerung von 66'1'z Proeeut. (Ein musikalisches Messer.) Im Louvrc zu Paris wird gegenwärtig ein Messer gezeigt, dessen Klinge von Stahl ist und woraus in lateinischer Sprache die Worte stehen: „Was wir speisen werden, möge der Dreicinige segnen. Amen." — Dabei befindet sich eine musikalische Compositio», aber nur der Baß, woraus ersichtlich, daß noch einige Messer mit den anderen Stimmen dazu gehörten, die aber nicht niehr vorhanden sind. Dem Charakter des Schlüssels und den quadratischen Noten, sowie dem Aussehen der Verzierungen nach, stammt es aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Die Arabesken sind in dem erhöhten Theile der Arbeit mit Gold eingelegt, vön größter Schönheit; — der Griff ist von Elfenbein. Es geht daraus hervor, daß man so bei Tafeln ein Lied von diesen Messern herabgcsungen hat, indem jeder Gast statt Noten auf Papier diese Messer vorgelegt erhielt. Die Gedanken und Gefühle, die in uns wohnen, sind die großen Ausglcicher aller menschlichen Dinge. Der Reiche gewöhnt sich an den Reichthum, so wie der Arme an die Armuth; die Häßlichkeit verschwindet, wenn man sie oft betrachtet, und der Dumme fühlt seine Gcistcsarmuth nicht. Frage: Welches Land ist bei großer Kälte am übelsten daran? Antwort: Ivh mo Üazg §, z;,cu "urvlnisz Druck, Lrrlog und Rednetion des 1'iterarischen Instituts von Itr. M. Huttler. Mgsbnrgcr Neunundzwanzigster Jahrgang. Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. K'. - M 'K' srMWr.-L