Nr. 1. 5. Januar 1868. Der Siege göttlichster ist das Vergebe». Iea» Paul. LLM AM Rache «md Liebe. Nacb dem Französtsckm von B>na S ch. Während der langen Kämpfe zwischen England und Frankreich znr Zeit der Republik und unter dem Kaiserreich war eine Reise nach den Antillen, so häufig und gefahrlos in unsern Tagen, nicht ohne große Schwierigkeit. Aber wenn auch der Seehandel mit Gefahren verbunden war, so führte er doch um so schneller z« Glück und Reichthum. Die Kolonialwaaren standen so hoch im Preis, daß zwei, drei glückliche Fahrten genügten, den Seeleuten ein bescheidenes Auskommen für den Nest ihrer Tage zu sichern, oder — was sie meistens vorzogen — ihnen einige Monate lang ein lustiges Leben zu gestatten. Trotz der Wachsamkeit der Engländer fehlte es daher nicht an kühnen Männern, die ihr Glück versuchten. Im August 1807 schickte sich der Dreimaster Maria-Hilf an, die Nhcde von Basse-Terre, der Hauptstadt von der Insel Quadeloupe, zu verlassen. Das Sprachrohr in der Hand ertheilte der Capitän Borschel die vor der Abfahrt nöthigen Befehle, als ein kleiner Nachen auf sie zukam, der bei den vereinigten Anstrengungen von vier kräftigen Ruderern schnell über das Wasser dahinglitt, und in welchem zwei Frauen und ein Kind saßen. Als der Capitän sie gewahrte, drückte er durch einen energischen Fluch sein lebhaftes Mißfallen über" ihre Ankunft aus: »Hol' der Henker diesen Eigensinn! Sie wird es bitter bereuen, wenn cS zu spät ist; wäre ich doch schon zehn Meilen weit in See!" Indessen trotz seinem Aerger half er doch den neuen Passagieren an Bord. Zuerst stieg eine farbige Frau aus, deren ergrautes Haar mit einem bunten Tuch zusammen- gefaßt war. Sobald sie an Bord gekommen, streckte sie die Hände nach dem kleinen Knaben aus, den ihr einer der Schiffer emporrichte und den die kurze Luftfahrt sehr z» amüsircn schien. Nachdem die Dame, die zuletzt den Kahn verließ, die Schiffer reichlich belohnt hatte, reichte sie Herrn Borschel die Hand zum Aussteigen, und dieser nahm sich so viel als möglich zusammen, seine üble Laune zu verbergen. Ja Frankreich hätte man die junge Reisende für fünfundzwanzig Jahre halten können; wer aber weiß, wie schnell man in diesem südlichen Klima altert, der hätte gefunden, daß sie noch nicht so alt sein konnte. Ihre feinen regelmäßigen Züge und ihre unmuthige Gestalt verriethen, daß sie sehr schön gewesen sein mußte, aber Krankheit oder Kummer hatten ihr den Reiz der ersten Jugend genommen. Obwohk die Bewegungen der jungen Frau von der den Crevlinen eigenen Nachlässigkeit zeugten, bemerkte man doch bald, daß sie in besonderen Fällen großer Energie fähig wäre. Wenn sie ihr wunderbar schönes Auge, das meist halb geschloffen war, einmal aufschlug, verrieth dieser Blick heftige Leidenschaftlichkeit. Der Capitän hatte in diesem Augenblick nicht Zeit, sich viel mit den neuen Ankömmlingen zu beschäftigen, erst nach einer Stunde, nachdem alle Anordnungen getroffen waren, näherte er sich der jungen Frau, die auf dem Verdeck spazieren ging, während die Mulattin das Kind einschläferte. Sie ging sogleich mit einem liebenswürdigen Lächeln ihm entgegen, so daß der Capitän, statt der Vorwürfe, die er ihr nmche« wollte, nur sagte: „Sie haben es also durchaus gewollt, gnädige Frau!* „Ja, Herr Capitän, zweifelten Sie an meinem Entschluß?* „Oh,* brummte dieser zwischen den Zähnen, den alten Volksspruch verkehrend: „Frauenwille — Teufclswille." „Was sagen Sie?" — fragte die junge Crcolin. „Daß Sie sich an das erinnern sollen, was ich Ihnen gesagt habe; Sie kennen die Gefahren, ich will keine Schuld haben.* „Sie scheinen keine große Zuversicht auf die heilige Patronin ihres Schiffes zu haben," sagte die junge Dame lächelnd, „da hab' ich schon mehr Vertrauen. Uebrigcus," fügte sie mit einem Blick auf die Stückpforten bei, „scheint mir, daß es den Herren Engländern nicht so leicht werden soll, uns zu fangen, wenigstens würden wir unsere Freiheit theuer verkaufen." „Wie tapfer Sir sind!* spottete der Capitän. „Die Wahrheit zu sagen, liegt mir nichts daran, Ihnen Beweise davon zu gebe«, aber das verspreche ich Ihnen, daß Sie im Fall eines Unglücks nicht von Klagen und Jammergeschrei belästigt sein sollen. Glauben Sie mir, Herr Borschel, ich habe die Reise nicht leichtsinnig unternommen; ich habe lange überlegt, nicht meinetwegen, sondern meines Kindes wegen; nachdem ich gefunden, daß sein Interesse mehr noch als das meine dieselbe gebietet, war mein Entschluß gefaßt. Ich glaube, Ihnen diese Gründe mittheilen zu sollen, damit Sie mich nicht für unbesonnen halten." „Wenn diese Gründe Ihnen genügen, so muffen sie es mir wohl auch, obwohl ich bezweifle, daß Sie eine solche Reise rechtfertigen?" „Oh, die Männer," sagte die junge Dame mit Bitterkeit, „die kennen keine ander« als materielle Interessen." „Wir ziehen eben den gesunden Verstand zu Rathe." „Und wir das Herz, wollten Sie sagen.* „Eigentlich wollte ich etwas Anderes sagen." „Lassen wir daS," sagte die Dame etwas stolz, „Sie werden mir nie Recht geben, also sprechen wir nicht mehr davon." Mit diesen Worten machte sie eine leichte Verbeugung und ging zur Wärterin, die endlich das Kind in Schlaf gebracht hatte. „Fürchtest Du nicht, gute Mela," sagte die Fremde, die wir künftig Luch nenne« wollen, „daß die Abendluft Georg schaden möchte?" „Ich gehen schon, aber Herrin auch nicht bleiben auf dem Deck." „Nur noch einige Augenblicke, die Kühle ist so angenehm." Als Mela ging, beugte sich die junge Frau über das Kind und drückte einen Kuß auf seine Stirne. Nachdem sie allein war — deun die Paar Matrose« waren keme s lästigen Zeugen — wandte sie den Blick traurig der Heimath zu und ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Brust. Ein unbestimmtes Borgefühl sagte ihr, daß sie ihr schönes Vaterland nicht mehr sehen werde. Und welch' bittere Schmerzen harrten vielleicht ihrer in diesem Frankreich! Aber wenigstens wird sie ihr Schicksal erfahren; ist nicht Alles dieser entsetzlichen Ungewißheit vorzuziehen? Was waren die Gefahren, von denen ihr der Capitän Borschel sprach gegen das, waö sie vielleicht fürchten mußte? Vielleicht eine Gnade von Gott, um nicht viel Schrecklicheres zu erleben. Mit solchen Gedanken beschäftigt, umgeben von dem großartigen Naturschauspiel, faltete sie unwillkürlich die Hände und flüsterte leise: „Mein Gott, steh' mir bei mit Deiner Gnade in der schweren Prüfung, die ich vielleicht zu bestehen habe; gib mir Kraft gegen das Unglück zu kämpfen, und wenn es unabänderlich ist, gib mir Ergebung es zu tragen." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie inne hielt. Der Ausdruck ihrer Züge verrieth, daß die Ergebung keine Tugend sei, deren Ausübung ihr eben leicht würde. Dann ging sie, wie um ihren Gedanken zu entfliehen, mit langen Schritten auf und ab. Einige Augenblicke nachher kam Mela zurück, um ihre Herrin wiederholt zu mahnen, sich zur Ruhe zu begeben. Die alte Mulattin war Lucy's Amme gewesen, und ein wahrer Typus der Hingebung und Anhänglichkeit, die man manchmal bei den Schwarzen findet, es war zugleich die Treue einer Mutter und einer Sclavin, die vor keinem Opfer zurückgcbcbt wäre. Mit derselben Sorgfalt pflegte sie jetzt Georg, wie einst Lucy, deren volles Vertrauen sie besaß; sie kannte die Beweggründe ihrer Reise nach Frankreich und gerne hätte sie diese um den Preis ihres Lebens vereitelt. Aber vergebens hatte sie ihre Gebieterin fußfällig angefleht; sobald sie ihre Anstrengungen erfolglos sah, unterwarf sie sich mit jenem der Sclavcrci eigenen passiven Gehorsam und verlangte die einzige Gnade, von ihren Lieblingen nicht getrennt zu werden. N. Der Widerwille, womit Capitän Borschel Lucy gleichsam gezwungen an Bord aufl genommen hatte, verschwand schon in den ersten Tagen der Reise. Er hatte gefürchtet/ die an allen Conifort gewöhnte reiche Creolin werde sich schlecht in einen längeren Aufenthalt auf einem Handelsschiff finden, wo, wie bekannt, jede Bequemlichkeit der Nothwendigkeit zum Opfer gebracht wird, so viele Waaren als möglich unterzubringen. Es bedurfte auch eines förmlichen Befehls von Seite seines RhedcrS, um ihn zur Aufnahme der Dame zu bewegen; als er aber sah, mit welcher Geduld sie alle Unannehmlichkeiten des Scclebcns ertrug, erklärte er, sie sei würdig, die Frau eines Seemannes zu sein, «in Compliment, das in dem Munde des Capitänö ein non plus ultra von Galanterie war. Lucy brachte fast alle Abende auf dem Verdeck zu und suchte im Gespräch den Capitän öfter über Frankreich auszufragen. Dieser aber konnte nicht begreifen, wie man Interesse für eine andere als eine Hafenstadt haben könne, und nur wenn er von dem schönen, stolzen Bordeaux sprach, da konnte er nicht genug erzählen. Je mehr man sich dem Ziele der Reise näherte, desto unruhiger und erregter wurde Lucy, sie schien die Ankunft gar nicht erwarten zu können. Das Wetter war beständig schön gewesen und alles ließ auf eine glückliche Ankunft hoffen. „Noch acht Tage solchen Wind und wir sind am Ziel," sagte Herr Borschel ganz vergnügt; „dann will ich die ganze Kriegs- daucr über nicht mehr in See gehen, damit meine arme Frau sich nicht mehr so sehr um mich sorgen muß. Doch haben wir noch nicht völlig gewonnenes Spiel, je mehr wir uns der Küste nähern, desto gräßcr wird die Gefahr." Drei Tage später traf Lucy eines Morgens den Capitän mit dem Fernglas in der Hand eifrig nach einem Punkt am Horizont spähend. „Was betrachten Sie so aufmerksam," fragte sie, „gibt es etwa ein Gewitter?" 4 „Wollte Gott!" murmelte der Capitän, dann fügte er laut hinzu: „Nein, wir »erden ganz schönes Wetter bekommen.* Die Crcolin heftete ihre großen schwarzen Augen neugierig auf den Seemann und nahm dann das Fernglas, das er ihr lächelnd überließ. Nach vergeblichen Versuchen sich dessen zu bedienen, legte sie es ärgerlich bei Seite und sagte: „Sie verbergen mir, eine Gefahr; theilen Sie mir dieselbe lieber mit, denn meine Phantasie vergrößert sie nur noch.* „Darf ich denn nicht einmal mehr durch mein Fernglas schauen, ohne daß ich einen Vorwand erfinden müßte?* „Oh, ich laste mich nicht mit leeren Worten abspeisen, da Sie mich aber zum Warten verdammen, gut, so werde ich warten.* Sie setzte sich an ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Steuerruders und der Capitän ging nachdenklich auf und ab. Nach einiger Zeit griff er wieder nach dem Glase, sah scharf auf denselben Punkt hin und trat dann auf Lucy zu mit den Worten: „So hören Sie denn: Ich sehe da unten eine englische Fregatte, von der ich etwas weiter weg sein möchte.* Ein leichtes Zucken glitt über die Züge der Creolin, indessen verrieth ihre Stimme keine Furcht, als sie sagte: „Und glauben Sie, daß man uns auch gesehen hat?* „„Noch nicht, aber das wird nicht ausbleiben und bald werden wir erfahren, was sie vor hat.** „Und wenn sie uns angreift, was gedenken Sie zu thun?* „ „Ich habe keine Wahl, mein Gott — alle Segel aufspannen und mich auf die Fittige von „Maria-Hilf* verlassen. Mein Dreimaster ist ein vortrefflicher Segler und wir können noch entwischen; uns aber in einen Kampf einzulassen — daran ist nicht zu denken.*" Der Capitän rief jetzt alle seine Leute auf's Verdeck und Lucy, die nicht im Wege ein wollte, ging in die Cajütte hinab, der Mulattin ihre tödtliche Angst noch verbergend. Nach einer Stunde kam sie wieder herauf und wandte sich an einen der Matrosen, von dem sie eher die Wahrheit zu erfahren hoffte, als vom Capitän: „Glaubt Ihr, Freund, daß sie uns gesehen haben?" fragte sie. „„Ob sie uns gesehen haben, die Meerschweine! sie glauben uns schon zu packen.** „Und hofft Ihr nicht, daß wir noch entrinnen können?" Der Matrose schüttelte zweifelnd den Kopf. „ „Wie können wir so schnell wie sie fahren, die wir alle Flanken voll Kaffee und Zucker gestopft haben.** „So müssen wir uns also darauf gefaßt machen, gekapert zu werden?" „„Gekapert!"* rief der Matrose, „„ich hoffe wohl, der Capitän wird sich zuerst ein Bischen wehren. Ich für meinen Theil möchte lieber auf dem Meeresgrund liegen, als auf ihren alten Gerippen zu Grunde gehen.*" Bald konnte auch ein ungeübtes Auge gewahr werden, daß die Fregatte immer näher kam. Obwohl man sich noch nicht auf Kanonenschußweite nahe war, merkte Borschcl doch schon die Absicht des Feindes: er wollte die schöne Beute unbeschädigt haben und gedachte sie zu entern. Da griff er zu einem verzweifelten Mittel: er ließ den größten Theil der Ladung in's Meer werfen, theils um schneller zu segeln, theils um im schlimmsten Fall dem Feind die Beute zu schmälern. Mit etwas bewegter Stimme gab er den Befehl, der jedem Matrosen seinen Antheil am Gewinn rauben sollte, aber nicht das leiseste Murren ließ sich vernehmen, mit der größten Schnelligkeit ging Iedec an's Werk; ihre Lage war auch wirklich verzweifelt genug. Jetzt erst segelte der Dreimaster „Maria Hilf* wirklich dahin, als habe er Flügel, wie der Capitän sagte. Bald gewann er einen bedeutenden Vorsprung vor der englische» Fregatte, aber diese hatte bis jetzt ihre ganze Schnelligkeit noch nicht entfaltet. Nach »irrigen Augenblicken ängstlicher Beobachtung wurde es dem Capitän klar, daß sie wieder näher komme. Noch ein Opfer blieb zu bringen übrig, mit schwerem Herzen ging er daran, die Kanonen mußten den Weg der Kaufmanns - Waaren nehmen. „Die Kanonen in's Meer!" rief er mit einer Stentorstimme; „es muß sein, Freunde!" setzte er hinzu, „sie hindern unsere Flucht und nützen unserer Vertheidigung doch nichts." Man gehorchte schweigend. Als Lucy vermuthete, der Capitän könne sich von der Wirkung dieses letzten Mittels überzeugt haben, fragte sie anscheinend ruhig: „Was halten Sie von unserer Lage?" „„Gewiß ist sie nicht glänzend, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf."" „Die Gefahr ist also nicht ganz unvermeidlich? Verstehen Sie mich wohl, ich will die Wahrheit hören, keinen eitlen Trost." „„Auf Ehre, ich habe noch einige Hoffnung."" „Ich glaube Ihnen und danke Ihnen," sagte Lucy sich entfernend. m. Zwei Stunden hatte dieser Wettlauf schon gedauert und noch war die englische Fregatte dem Dreimaster nicht auf Schußweite nahe gekommen, so daß ihre Salven ihn noch immer nicht erreichten. Jede neue Ladung wurde daher nur mit Hohnlachen begrüßt. „Schlecht gezielt, ihr Herren!" — „Nicht so sehr, sie machen ja den Fischen den Krieg." — „Sie wollen sich nur ein wenig einüben." — „Verwünschte Goddcm! Wären unsere Kanonen nur nicht auf dem Meeresgrund — wir wollten euch antworten, wie sich's gehört." — So ging es fort, denn das Seemannslebcn ist ein Leben voller Gefahren und macht gegen dieselben stumpf. Der Tag verging, ohne daß Jemand das Verdeck verließ. Natürlich nahm auch Lucy den lebhaftesten Antheil an dieser entsetzlichen Jagd, aber sie blieb immer ruhig und gefaßt und Capitän Borschel konnte ihr seine Bewunderung nicht versagen. Endlich kam die längst ersehnte Nacht und hüllte Alles in tiefes Dunkel. Die Mannschaft auf Maria-Hilf athmete wieder auf. Alles begab sich zur Ruhe und Lucy schickte noch ein inniges Dankgcbet zum Himmel. Am andern Morgen war keine Spur von der englischen Fregatte mehr zu sehen, und der Capitän rief Lucy schon von Weitem zu: „Morgen laufen wir im Hafen von Bordeaux ein; leider werden wir mit dem Ausladen schnell fertig sein!" Wie immer geschieht nach der Gefahr, bereute jetzt der Capitän die Opfer, die er gebracht, doch tröstete er sich bald bei dem Gedanken, seine Frau und seine Kinder wieder zu sehen. In seiner Herzensfreude gewahrte er es kaum, als die junge Creolin sich von ihm verabschiedete, während er die Seinen in die Arme schloß. „Wie glücklich er ist!" sagte sie zu sich selbst, „seine Ankunft macht die Deinigen glücklich Mich erwartet Niemand; was werde ich in diesem Lande erfahren müssen!" Auf Mela's dringendes Bitten gönnte sich Lucy in Bordeaux einige Tage Ruhe. Nur ein Gedanke beschäftigte sie und von demselben hing ihre ganze Zukunft ab. In dieser Stimmung war es begreiflich, daß sie nicht aufgelegt war» sich durch den Augene schein zu überzeugen, ob Capitän Borschel seine Geburtsstadt allzu sehr gepriesen. Si- vcrließ ihr Hotel nicht, bis sie in den Wagen stieg, der sie mit möglichster Eile nach dem Ziel ihrer Reise führen sollte. Vier Tage nach ihrer Landung war sie in Digne; es war Nachmittag und die Hitze unerträglich. Der Postillon fragte Lucy, wo sie abzusteigen gedenke, im Weißen Hirsch oder im Goldenen Löwen. Ersterer meinte er, sei bei Weitem vorzuziehen wegen seiner vortrefflichen Küche, was gar nicht zu verwundern sei, da die Wirthin lange Zeit Köchin im Schloß Vericourt gewesen war. Er hätte noch beifügen können, daß, so oft er Fremde hinführe, die Wirthin ihm Gelegenheit gebe, ihre Kochkunst zu Prüfen; aber er unterließ cS, vielleicht weil er sein Urtheil nicht für maßgebend hielt. — Wie dem auch sei, die Fremde, die Anfangs ganz gleichgültig über die Wahl war, wollte plötzlich in den „Weißen Hirsch," zur großen Freude unseres Postillons. Frau Goulard, die dicke Wirthin, eilte den Reisenden entgegen, und führte sie in ihr bestes Zimmer; der Postillon rühmte die Freigebigkeit der Fremden und erzählte wir er Mühe gehabt, sie für den „Weißen Hirsch" zu bestimmen. „Schön, schön," sagte Frau Goulard, „geh' nur in die Küche und laste Dir's schmecken. Du weißt schon, ich bin nicht undankbar." Während Mela sich mit dem Ordnen des Gepäckes beschäftigte, und der kleine Georg vor Ermüdung eingeschlafen war, sing Lucy ein Gespräch niit der dienstfertigen Wirthin an; sie befragte sie über die Gegend und welche Gesellschaft sie wohl finden könnte, wenn sie gedächte, sich hier niederzulasten. Jetzt war Frau Goulard im Fahrwasser, sie kannte einige Familien aus der Nachbarschaft, die oft bei Döricourts auf Besuch waren, und sie überlegte schon, wie ein solcher Entschluß den Aufenthalt der Dame bei ihr verlängern müsse. Sie sagte daher: „Gewiß hätte sich die gnädige Frau an Niemand Geeigneteren wenden können; ich weiß mehrere Landhäuser, die für Sie ganz paffend wären." „Ich bin noch nicht fest entschlossen," erwiderte Lucy, „aber ich sehe vorzüglich darauf, eine meinem Geschmack entsprechende Gesellschaft zu finden." „Ganz natürlich, und es läßt sich leicht errathen, welcher Art diese sein müßte. Da ist einmal das Schloß Assas, vor der Revolution waren die Herren reich, aber jetzt sind sie sehr herabgekommen, dann die d'Apremont, sie haben auch viel verloren, machen aber immer noch ein Haus, die werden der gnädigen Frau gewiß zusagen!" Die Fremde hörte mit schlecht verhehlter Ungeduld zu und fragte mit einiger Aufregung: „Und wer ist sonst noch da?" „Weit über alle steht an Ade! und Reichthum die Familie Vtzricourt, meine ehemalige Herrschaft." „Ich glaubte, die Familie sei ausgestorbcn," sagte die Dame mit zitternder Stimme. „AuSgestorben? nein, Gott sei Dank, und hoffentlich wird sie es auch nicht so bald." „Ich hörte doch ..." „Ach ja, ich begreife jetzt, was den Irrthum veranlaßte, und wenn es die gnädige Frau nicht langweilt ..." „Fahren Sie fort," sagte Lucy kurz. „Die Frau Gräfin Vöriconrt hatte einen sehr reichen Onkel in . . . in . . . ich weiß den Namen nicht mehr, das thut nichts zur Sache, aber es war sehr weit und man mußte lauge auf dem Meer fahren. Da kam ein Brief, der Onkel sei todt und sie sei die Erbin seines Vermögens, es solle jemand Vertrauter kommen und die Erbschaft schlichten. Die Frau Gräfin ist aber sehr mißtrauisch und so schickte sie ihren einzigen Sohn Georg, und wenn sie auch beim Abschied weinte, so tröstete sie sich doch bald mit dem Gedanken, es sei für sein Glück. Es verging ein Jahr, zwei Jahre, Herr Georg schrieb immer, seine Geschäfte seien nicht beendigt; seine Mutter ward über sein Ausbleiben ärgerlich und schrieb, er solle trotzdem kommen, da hörte man lange gar nichts mehr. Die Frau Gräfin war von einem Humor — nicht zum Aushalten, so daß ich mich entschloß, den armen Goulard zu hciraihen. Sechs Monate später erfuhr man, daß sich der junge Herr auf dem Schiffe „Heinrich" einschiffen wolle. Wie kann man auch nur den Namen eines Christeumcnscheu so einem schwimmenden Haus geben!" „Und weiter?" sagte Lucy ungeduldig. „Da war nun große Freude eine Zeit lang, aber Herr Georg kam iwmrr nicht, nud die Mutter vermuthete schon, er sei ziicht abgereist, als eines Tages — ich war zufällig auf dem Schloß — die Krau Gräfin, die eben beim Frühstück war, einen Schrei ausstieß und ohnmächtig zu Boden siel, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend. Schnell holte man den Arzt, aber sie konnte nach acht Tagen das Bett noch nicht verlassen. — Bald erfuhren wir die Ursache; die Frau Gräfin hatte in dem Blatt die Nachricht gelesen, daß der „Heinrich," der vor drei Monaten von . . ., ich weiß den verwünschten Namen nicht, abgesegelt war, mit Mann und Maus zu Grunde gegangen sei. Das war ein Jammer, man fürchtete, die Gräfin möchte den Verstand verlieren, denn sie glaubte Schuld an seinem Tode zu sein. Da kam eines Morgens Herr Beaupro, unser , Pfarrer, mit wichtiger Miene und ließ sich melden, obwohl es erst sieben Uhr war. Er theilte der Gräfin behutsam die freudige Nachricht mit, daß der junge Herr nicht gestorben, sondern sich mit einem andern Matrosen gerettet habe, daß es ihnen sehr schlecht gegangen, haß er aber jetzt schon in Marseille sei und bald kommen werde. — Welche Freude, als sie des andern Tags ihren Sohn umarmte! Aber wie sah er aus! Bleich, abgemagert zum Erschrecken, aber wir waren doch Alle glücklich." (Fortsetzung folgt.) Ein Bild des Elendes. (Aus dem Acrlcktssale.) Aus Prag, 30. December, wird geschrieben. Es ist in der That erschreckend, z« welchen Verbrechen die bittere Noth den Menschen mitunter verleitet. Die Schlußverhandlung, welche heute beim hiesigen Landesgericht durchgeführt wurde, zeigte, daß die Noth auch das natürlichste aller Gefühle, das der Mutterliebe, zu ersticken vermag. Antonia Chwatlina ist die 33jährigc Gattin eines Schusters in Kaiserkuchcl, Bezirk Bömisch- Brod. Ihr Mann konnte wegen eines Augenübels sein Gewerbe nicht ausüben und vergriff sich an einigen Federbettstücken seines 'Nachbars. Um sich der gerichtlichen Verfolgung zu entziehen, verließ er die Gegend und versetzte damit seine Familie in eine trostlose Lage. DaS arme Weib, welches gerade damals (um Jacobi d. I.) die Wohnung räumen mußte, war nicht im Stande, im ganzen Dorfe ein neues Quartier zu finden. Die Unglückliche war genöthigt, auf dein Gemcindeplatze unter einer Pappel aus Brettern eine Bude aufzustellen und in dieser fünf volle Wochen mit ihren drei Kindern zuzubringen. Das tägliche Brod erwarb sie, indem sie als Taglohnerin 30 kr. ohne Kost erhielt. Mittlerweile war heftiges Regcnwettcr eingetreten, und die Chwatlina übersiedelte i mit ihren Kindern in eine im Baue begriffene Baeakc, aus welcher sie aber bald vcr- I wiesen wurde, so daß sie abermals unter freiem Himmel ihr Lager aufschlagen mußte. In dieser verzweifelten Lage entschlüpften ihr oft die Worte, sie würde sich oder ihre» ! Kindern, bald der Toni, bald wieder dem Franz und bald dem kleinen Wenzel das Leben nehmen. Manchmal forderte sie auch die Toni auf, den zweijährigen Wenzel ins Wasser zu werfen, ohne daß sie jedoch jetzt bestimmt angibt, ob sie es ernstlich meinte oder nicht- Das unschuldige Kind nahm den Befehl der Mutter nicht für baare Münze; auch war ihm, wie es selbst sagt, um des liebe Brüderchen leid. Als aber die Mutter eines Abends / ihren Auftrag unter Androhung von Schlägen wiederholte, da ergriff das neunjährige . Töchterchen Angst. Am nächsten Morgen, den 15. Qctobcr d. I., bereitete die kleine ^ Toni das aus einigen Erdäpfeln bestehende Frühstück und schickte der Mutter, welche ! schon zeitlich früh aufs Feld mußte, ihren Antheil durch den Franz, ihren 8 Jahre alten ^ Bruder. Darauf nahm sie den kleinen Wenzel auf den Arm, trug ihn zu einem beim Walde befindlichen Wasscrtümpel und warf ihn unter Thränen hinein; sie stand so lange am Ufer, bis das Kind keine Bewegung mehr machte. Als Franz der bedauernswerthcn Mutter die Nachricht von Toni'S That hinterbrachte, wollte die Arme daran nicht glauben. Die Sache wurde selbstverständlich bald ruchbar uud Antonic Chwatlina gefänglich ' eingezogen; der gerichtsärztliche Befund lautete dahin, daß der kleine Wenzel in Folge 8 Ertrinkens starb und bei seiner körperlichen Beschaffenheit nicht im Stande war, sich selbst zu retten. Die gerichtliche Untersuchung hatte theils nach dem Geständniße der Jnhaftir- ten, theils nach den damit übereinstimmenden Zeugenaussagen das voranstchende Ergebniß; Antonie Chwatlina wurde des Verbrechens des bestellten Mordes angeklagt. Der erst neun Jahre zählenden Toni konnte natürlich ihre That nicht angerechnet werden. Am 31. December wurde die Angeklagte C h w a t l i n a des bestellten Meuchelmordes schuldig erklärt und zum Tode verurtheilt. (Der Weinstock. Eine Parabel.) Als Dionysos noch ein Knabe war, machte er durch Hellas eine Reise nach Naxos. Der Weg war lang, der Knabe wurde müde und er setzte sich auf einen Stein, um auszuruhen. Als er seinen Blick zu Boden warf, erblickte er ein kleines Kraut, das er so schön fand, daß er es mitnahm, um es in seiner Heimat anzupflanzen. Da jedoch die Sonue sehr heiß brannte, fürchtete er, daß das Kraut in seiner Hand verderbe. Als er aber auf dem Wege einen hohlen Knochen von einem Vogel fand, steckte er das Kraut hinein und ging weiter. In der Hand des jungen Heros begann nun das Kraut in einer Weise zu wachsen, daß es den Knochen nach allen Richtungen ausdehnte. In der Furcht, daß der Knochen gesprengt würde, nahm Dionysos das Bein von einem Löwen, das größer war, als des Vogels und steckte die Pflanze sammt dem Gehäuse hinein. Die Pflanze wuchs auch da in einer Weise, daß sie das Löwenbein nach der Breite und der Länge ausdehnte. Zum Glücke hatte aber Dionysos ein Eselsbein gefunden, das noch größer war als der Löwenknochcn, und jenes benützte er, um die Pflanze zu verwahren. Sä kam er denn nach Naxos. Hier wollte er die Pflanze in den Boden stecken, als er bemerttc, daß ihre Äeste durch das Bein des Vogels, des Löwen und des Esels durchgedrungen seien, und daß man die Pflanze, ohne sie zu verletzen, nicht aus dem Gehäuse nehmen könne. So pflanzte er denn das Ganze in den Boden. Die Pflanze wuchs überraschend schnell, und Dionysos bemerkte zu seiner Freude, daß sie wunderbare Beeren trug. Diese preßte er aus und so entstand der erste Wein. den er den Menschen zu trinken gab. Aber Dionysos erlebte daran folgendes Zeichen: Wenn die Menschen den Wein zu trinken ansingen, wurden sie lustig und sangen wie die Vögel. — Hatten sie etwas mehr getrunken, wurden sie kühn und muthig wie die Löwen. — Hatten sie aber lauge getrunken, so ließen sie die Köpfe hängen und wurden dumm, wie die Esel. Unser „Sonntagsblatt" ist häufig der Gegenstand diametral entgegengesetzter I Wünsche gewesen. Während die Einen, namentlich Herren auf dem Lande, mit demselben recht zufrieden waren und dies in häufigen Briefen an uns aussprachen, wünscht eine andere Partei, daß man das Sonntagsblatt ganz eingehen lassen und dafür ^ eine wissenschaftlich-belletristische Beilage geben zolle; eine zweite Partei findet den Inhalt als nicht auf der Höhe der Postzeitung stehend; eine dritte wünscht mehr religiösen Stoff, Erbauliches u. s. w. Wo findet Verlag und Redaktion den Leitfaden aus diesen Gewirr sich ' widerstreitender Anschauungen und Wünsche? Indem wir von den uns richtig scheinende« I Erwägungen ausgehen: 1) daß netzendem ernsten, politischen und wissenschaftlichen Stoffe auch der Unterb" .> tungslectüre unbedingt Rechnung getragen werden müsse; > > 2) daß das für die Unterhaltung bestimmte Extrablatt so eingerichtet sein müsse, daß j man es von der Zeitung trennen und am Jahresschlüsse eigens binden lassen könne s 3) daß das Sonntagsblatt als Aunexum einer politischen Zeitung nicht die Aus- t gäbe habe, mit den verschiedenen religiösen Sonntagsblättern in irgend eine Csncuv- j, renz zu treten; i lassen wir es vorderhand und bis auf Weiteres beim Alten, fund werden dem Inhalte alle I erdenkliche Sorgfalt zuwenden s Druck, Lerlai »»d riedaMo» dei lttnartichei! InstMitS 0r. M. HlUUer,