Nr. S. 12. Januar 1868, Wenn ein Bück deinen Geist erhebt und dir eine edle und kräftige Gesinnung einflößt, so suche keine andere Regel, um das Werk zu beurtheilen: es ist gut und von geschickter Hand verfaßt. Jean Paul. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) „Also," sagte die Fremde, die mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit der geschwätzigen Wirthin zugehört hatte, „ist er seit achtzehn Monaten hier." ,,yab' ich das gesagt? Ich wußte es gar nicht mehr. Jetzt erfuhren wir erst, warum die Gräfin so sehr auf die Rückkehr gedrungen hatte; sie wollte ihn verheirathen." „Ah!" „Mit Fräulein d'ÄPremont, das merkten wir bald. Die beiden Familien waren immer beisammen, die Gräfin behielt Fräulein Paulinc ganze Wochen im Schloß, und wenn sich zwei junge Leute so oft sehen, da bleibt die Liebe nicht aus. Zudem war Fräulein Pauliue reizend und Jedermann sagte, er könne gar nicht besser wählen." „Aber," rief die junge Crcoliu lebhaft, „er hat sie doch nicht geheirathet!" „Was, nicht geheirathet! Ja freilich, schon vor einem Jahr!" „Geheirathet! sagen Sie," rief Luch von ihrem Stuhl aufspringend und erblassend. „Geheirathet, Angesichts aller Welt," antwortete Frau Goulard ganz betroffen über die Wirkung, die ihre Erzählung hervorbrachte. „Was ist denn daran zu verwundern?" Aber die Fremde ging, ohne etwas zu erwidern, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, Frau Goulard erschrack fast vor ihren heftigen Bewegungen und funkelnden Blicken, sie beeilte sich daher unter dem Vorwand, man habe ihr gerufen, das Zimmer zu verlassen. „Es ist klar am Tag," sagte sie zu sich selbst, „da steckt etwas dahinter, warum hab' ich Närrin auch Plaudern muffen." IV. Luch hatte das Fortgehen ihrer Wirthin gar nicht bemerkt, sie schien in einer ent setzlichcn Aufregung. Manchmal hielt sie die Hände vor die Stirne, als fürchte sie den Verstand zu verlieren, dann legte sie dieselbe auf's Herz, wie wenn sie einen furchtbaren Schmerz empfände. „Vcrhcirathct!" rief sie immer wieder, „vcrhcirathet, welche Niederträchtigkeit! Er ist also weit entfernt, mich zu erwarten, er glaubt, für mich sei er todt, er denkt: „Weine, arme betrogene Frau, weine und traurc dein ganzes Leben hindurch, was liegt ,mir daran, ich bin glücklich! Aber du sollst mich wiedersehen, Graf Vüricourt, und natt der Gewissensbisse soll wenigstens die Züchtigung nicht ausbleiben. O ich Thörin, vic ich noch auf seine Liebe baute! Aber ich will mich rächen, und die Rache soll der Schmach gleich kommen, ich will sie Alle mit Schande bedecken!" Dann sank sie niedergedrückt von Schmerz auf einen Stuhl, ohne nur in Thränen eine Erleichterung zu finden. Mela, die ab- und zugehend, von tzcr Erzählung der Wirthin kein Wort verloren hatte, näherte sich jetzt ihrer Herrin nutz sagte: „Arme Herrin! Sie den Undankbaren vergessen und in unser schönes Land Zurückkehrn, ich Frankreich schon satt haben." — 10 Aber Lucy schien sie nicht zu hören. „Ich habe immer gesagt," fuhr die Mulattin fort, „die Reise nichts Gutes bringen, — wenn Herrin will, ich sogleich einpacken und morgen fort." „Laß mich," sagte die Crcolin in einem Ton, daß Mcla erschreckt zurückwich. — Dann fügte sie sanfter hinzu: „Ich leide furchtbar, gute Mela, quäle mich nicht auch noch." — Die Mulattin entfernte sich und drückte nur noch durch Blicke den Antheil aus, den sie an dem Kummer ihrer Herrin nahm. Gegen Abend brach ein heftiges Gewitter- aus; Lucy, die es in der drückenden Zimmcrluft nicht aushielt, blieb demungeachtet aus dem Balkon. Sie fühlte nicht, wie der Regen ihr in's Gesicht schlug - der Sturm in ihrem Innern machte sie fühllos gegen den Aufruhr in der Natur. Erst als Frau Goulard Licht brachte und sie beschwor, sich doch nicht so der Gefahr auszusetzen, und beim Donnern am offenen Fenster zu bleiben, ließ sie sich willenlos in's Zimmer zurückführen. „Befehlen die gnädige Frau sonst nichts mehr?" fragte die Wirthin. „Nein!" -- Frau Goulard, die gerne noch Manches erfahren hätte, wandte sich jetzt an Mela. „Ach, und der herzige Kleine! Wie alt ist er denn?" „Drei Jahre," sagte das Kind ganz stolz. „Und wie heißt Du denn?" „Georg." Frau Goulard warf einen Blick auf die Fremde und fürchtete schon, ihr Mißfallen erregt zu haben, aber diese war in Gedanken versunken und sagte nur zur Wirthin, die sich zum Gehen anschickte: „Können Sie mir für morgen einen Wagen verschaffen?" „Doch nicht um abzureisen?" „Nein, nur um mich in der Gegend umzusehen." Die Wirthin versprach es und ging. Mela, die ihre Herrin nicht bewegen konnte, zu Bette zu gehen, war endlich auf einem Stuhl eingeschlafen. Nur die arme Lucy wachte, all' ihre Gefühle concentrirten sich in dem einen bittern Gedanken: du bist vergessen von dem, den du so sehr geliebt. Hie und da floß eine brennende heiße Thräne über ihre Wangen, die sie aber sogleich unmuthig abtrocknete. „Mögen Andere weinen," sagte sie, „ich — ich will mich rächen, er soll meine verrathene Liebe, seine gebrochenen Schwüre theuer bezahlen; Leid um Leid, und Gott weiß, wie viel ich gelitten, während er nur seiner neuen Liebe lebte. Aber die Stunde der Vergeltung hat geschlagen; du wirst aus deinen süßen Träumen erwachen müssen, Graf Vtzricourt, und dich des Vergangenen erinnern. Du hast mein Herz zerrissen, mich zur Verzweiflung getrieben, jetzt will auch ich ohne Erbarmen sein." Dann Plötzlich wechselten ihre Empfindungen, vom Zorn ging sie in bitteren Schmerz über, sie weinte über ihr verlorenes Glück, über ihr verlassenes Kind. Sie neigte den Kopf auf den steinernen Rand des Balcons und hoffte, die Kälte werde ihre Fieberhitze etwas lindern. Lange blieb sie so dem Schmerz ganz hingegeben, bis die Mulattin erwachte und sich so trostlos zeigte, sie noch auf zu sehen, daß Lucy eher um sie zu beruhigen, als um selbst Ruhe zu finden, sich zu Bette begab. Am andern Morgen meldete Frau Goulard, daß der Wagen bereit sei. Es entging der neugierigen Wirthin nicht, daß die Fremde, als sie den Knaben beim Abschied küßte, schwere Thränen in den Augen hatte; und als sie ihr beim Einsteigen noch eine vergnügte Promenade wünschte, glaubte sie zu hören, daß die Dame als Ziel derselben das Schloß Vöricourt nannte. Es ist nicht zu beschreiben, welcher Sturm von Empfindung in Lucy während der einstündigen Fahrt tobten. Doch begriff sie die Nothwendigkeit, ruhig zu scheinen. Sie suchte sich also zu beherrschen, nur Gott allein sah, was in ihr vorging, und Ihn flehte 11 sie um Beistand an. Als der Wagen vor dem Schlöffe hielt, fragte sie einen Bedienten, ob der Graf zu Hause sei. „Nein, gnädige Frau," war die Antwort, „es ist nur die Mutter des Herrn Grafen zu Hause." „So melden Sie ihr, daß eine Dame, die ihr sehr Wichtiges mitzutheilen habe, sie zu sprechen wünsche." Der Diener ging und kam bald mit der Antwort zurück, die Dame möchte die Frau Gräfin im Salon erwarten. Er führte die Fremde in ein weites Gemach, dessen Meubel so alt wie das Schloß zu sein schienen und dem Zimmer ein düsteres Ansehen gaben. Eine Stickrahme, eine Farbenschachtel, daneben ein angefangenes Bouquet, verriethen die Anwesenheit einer Frau; Lucy wandte sich weg, der Anblick that ihr wehe. Da bemerkte sie am andern Ende des Zimmers zwei Bilder in Lebensgröße, einen jungen Mann und eine junge Frau. Die Züge des ersteren waren ihr wohl bekannt, es war Graf Väricourt und sein Anblick erweckte die widerstreitendsten Gefühle in ihr. Vielleicht dachte sie einen Augenblick nur an vergangene glückliche Zeiten, doch der Gedanke währte nur kurz, sie wandte den Blick auf das Portrait der schönen Pauline d'Apremont, die ihr jede Hoffnung auf Glück geraubt. Wie frisch und unmuthig sie war im Glanz der ersten Jugend. Diese reine, weiße Stirne hatte noch kein Gedanke des Haffes getrübt, dieser reizende Mund hatte nur Worte der Liebe und des Wohlwollens gesprochen, welch' bezauberndes Ganze von Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit! Und doch mit welch' bitterem Hasse betrachtete Lucy das Bild! — Sie war so in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie die Ankunft der Gräfin gar nicht bemerkte, die sie erstaunt ansah und endlich sagte: „ „Wie man mir gesagt hat, haben Sie mir Wichtiges mitzutheilen, ich bin bereit, zu hören."" Bei diesen Worten schob sie der Dame einen Armstuhl hin. — So groß auch Lucy's innere Bewegung war, so begann sie doch eben so ruhig und kalt, als ihre Fragestellerin: „Vielleicht ist es auch nichts Neues für Sie, Frau Gräfin, doch werde ich Ihre Erinnerungen auffrischen, wenn ich Ihnen sage, Laß es Bezug auf den Aufenthalt Ihres Sohnes in den Antillen hat." — Die Creolin heftete einen durchdringenden Blick auf die Gräfin; doch, sei es Selbstbeherrschung oder Unkenntniß, ihre Züge verriethen nur Erstaunen. Lucy fuhr fort: „Ihr Sohn hat Ihnen gewiß von Herrn Ravieres, einem reichen Colonisten in Basse-Terre gesprochen, der ihm in seinen verwickelten Angelegenheiten vielfach behülflich war." „„In der That, ich erinnere mich dieses Namens." " „Dieser Mann war mein Vormund " Die Gräfin verneigte sich etwas hochmüthig. „Ich sehe mit Bedauern," fuhr Lucy fort, „daß das unerklärliche Schweigen Ihres Herrn Sohnes meine Aufgabe weitläufiger macht, als ich gedacht, und ich muß auf die Einzelnheiten unserer ersten Begegnung zurückkommen. Mein Vormund war der intime Freund feines verstorbenen Onkels und konnte ihm daher in Allem die beste Auskunft geben, und gefällig und gastfrei wie er war, bot er ihm, in Erinnerung seines alten Freundes, sein Haus zum Aufenthalt während seiner Anwesenheit in Basse-Terre an." Lucy hielt einen Augenblick inne, die Züge der Gräfin verriethen keinerlei Bewegung. Tann fuhr Lucy fort: „Ich war damals siebzehn Jahre alt, und ich darf es ohne Eitelkeit sagen: ich war schön. Der Kummer hat diese Vorzüge so völlig zerstört, daß ich deren erwähne, damit Sie um so eher die Liebe begreifen, die ich Ihrem Sohne einflößte." „„Eine Liebe, auf die Ihr dienstfertiger Vormund wahrscheinlich rechnete."" Die blassen Wangen der Creolin färbten sich bei diesen Worten, doch antwortete sie ruhig: „Mein Vormund liebte mich mit der Zärtlichkeit eines Vaters; er bemerkte zu 12 seinem größten Leidwesen meine Neigung für einen Fremden und er verfehlte nicht, Herrn Vöricourt sogleich mitzutheilen, daß er sich dieser Verbindung ernstlich widersetzen werde." „„Wie lächerlich,"" sagte die Gräfin, „„ein Herr Ravieres sollte sich der Verbindung eines Vsricourt mit seiner Mündel widersetzen!"" „Was Sie auch davon halten mögen, Frau Gräfin, Ihr Sohn war in Verzweiflung, als ihm mein Vormund das Haus verbot, und that Alles, ihn pon seinem Entschluß abzubringen." „„Und Ihr Vormund ließ sich erweichen?"" fragte die Gräfin spöttisch. „Er that es," erwiderte die Fremde bitter, „nicht für Ihren Sohn, sondern für mich arme Thörin, die ich seine Schwüre von ewiger Liebe für Ernst nahm." „„Sagte Ihnen mein Sohn denn nicht; Fräulein, daß er eine Mutter habe, die nie in eine solche Verbindung willigen würde?"" „Er sagte mir, seine Mutter liebe ihn zärtlich und wolle ihn gewiß nicht unglücklich sehen." „„Er wußte aber doch, daß ich schon eine andere Hcirath für ihn beschlossen hatte."" „Dann war sein Verfahren nur um so strafbarer." „„Ich läugne nicht, daß er leichtsinnig gehandelt hat, aber leider ist dies in seinem Alter ein gewöhnlicher Fehler, und Ihr Vormund war sehr unklug, Sie der Gefahr auszusetzen. Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein? — Ich kann das Ende Ihrer Geschichte jetzt leicht errathen. Mein Sohn — und glauben Sie mir, ich tadle es strenge — hat Ihre Uncrfahrenheit und Ihre Liebe mißbraucht und Sie verführt; das ist ein Unglück, ein großes Unglück, weil es sich nicht ändern läßt. Aber deßhalb muß ich mich auch wundern, Sie hier zu sehen. Eine Verführungs - Geschichte ist ein abgedroschener Gegenstand; man ist der armen Mädchen müde, die ihre Schande zur Schau stellen, in der Hoffnung, sich dieselbe möglichst gut bezahlen zu lassen oder ihre Verführer zu bewegen, sie zu heirathen. Ich halte Sie einer solchen Berechnung zwar nicht fähig, aber Sie müssen doch gewußt haben, daß mein Sohn vcrheirathet ist."" Luch hatte die Gräfin ausreden lassen, ohne sie zu unterbrechen. Gott weiß, welche Gefühle des Hasses und der Rache in ihr tobten. Als die Gräfin schwieg, erwiderte sie: „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, mein Vormund liebte mich zu sehr, um nicht vorsichtig zu sein; ich hatte nie etwas gemein mit jenen traurigen Heldincn, deren Unglück Niemand rührt. Sie thun auch ihren: Sohne Unrecht, wenn Sie ihm so unedle Absichten unterschieben. Wie auch sein Betragen seitdem gewesen sein mag, ich bin gewiß, daß er es damals ehrlich meinte, als mein Vormund, durch unsere Bitten besiegt, ihm meine Hand gewährte. Er betheuerte, daß seine Mutter sich gewiß mit einer Heirath aussöhnen werde, die ihn so glücklich mache." „ „Aber Ihr mußtet Alle wissen, daß diese Verbindung nicht ohne meine Zustimmung stattfinden konnte." " „Sie irren sich, die Vollmachten, die Ihr Sohn in Händen hatte, um Sie in Bafse-Terre zu vertreten, waren genügend." „„Aber wohin soll das führen?" " fragte die Gräfin niit etwas erregter Stimme. „Ihnen zu sagen, daß ich allein die rechtmäßige Frau des Grafen Bvricourt bin." „„Unmöglich!"" rief die Gräfin, „„daS ist eine infame Lüge."" „Halten Sie ein, Gräfin, keine Beleidigungen mehr, erregen Sie nicht noch mehr meinen Zorn, es ist Ihnen schon zu gut gelungen." „„Die Beweise, die Beweise,"" rief die Gräfin außer sich. „Fragen Sie Ihren Sohn, und Sie werden die ersten in seinem Gewissen finden, was die übrigen betrifft, werde ich sie an geeignetem Ort zur Geltung bringen." „„Was gedenken Sie zu thun,"" fragte die alte Dame in höchster Angst. „Wie, Gräfin, Sie errathen es nicht? Ich werde das Verfahren des Grafen 13 VSricourt aller Welt kund thun — und für mich und mein Kind meine Rechte geltend machen." „„Aber kennen Sie denn die Folgen einer solchen Anklage nicht?"" „Oh," erwiderte die Creolin mit einem vernichtenden Blick, „ich kenne sie, obgleich der Gegenstand nicht so abgedroschen ist." Frau von Väricourt sank erschöpft auf ihren Stuhl zurück; bald aber rief sie zuversichtlich: „„Nein, ich kann es nicht glauben, Sie sind Gattin, Mutter, Sie werden nicht ohne Mitleid sein."" „Mitleid! hatten Sie Mitleid mit mir, als Sie mich für ein betrogenes Mädchen hielten? Hatte Ihr Sohn Mitleid, als er mich zur ewigen Trauer um seinen Tod verurtheilte, als er Frau und Kind feige verließ und ein neues Bündniß einging? — Und ich sollte Mitleid haben! Nein, Ihnen Gräfin, gebührt eine Demüthigung für Ihren Stolz, Ihrem Sohn eine Züchtigung für sein Verbrechen und mir Rache für Alles was ich gelitten. Oh, es soll Jedem sein Recht widerfahren." Frau von Vnricourt blieb sprachlos und regungslos vor der Frau, die sie den Augenblick zuvor so tief gekränkt hatte. Lucy, die ebenfalls in heftigster Erregung war, schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie kalt und ruhig fort: „Wollen Sie diesen meinen Entschluß dem Herrn Grafen Vtzricourt gefälligst mittheilen." Damit stund sie auf, und schickte sich zum Gehen an. — Jetzt erwachte die Gräfin aus ihrer Betäubung, sie hielt sie zurück und rief: „„Sie haben mich nur erschrecken wollen, nicht wahr, Sie können unmöglich gegen den Vater Ihres Kindes Klage stellen."" „Ich bin dazu fest einschlössen." „ „Wollen Sie Gold?" " fuhr die Gräfin fort, „„ich gebe Ihnen Alles, was ich besitze." " Die Fremde sah die Gräfin mit bitterem Unwillen an. „Es soll mir also keinerlei Kränkung erspart bleiben," erwiderte sie. „Behalten Sie Ihr Gold, ich brauche es nicht, ich habe mir keine Schande bezahlen zu lassen, und es soll Sie von der Ihrigen nicht loskaufen." Und ohne länger auf die Gräfin zu hören, eilte Lucy dem Wagen zu. (Fortsetzung folgt.) Rothschild und Dienstmann. Der Baron Rothschild in Paris, welcher gern zu Fuß ausgeht wie ein anderer Sterblicher, hatte kürzlich einen weiten Gang unternommen und gerieth schließlich in daS Stadtviertel hinter dem Pantheon, das ihm gänzlich unbekannt war, so daß er sich bald völlig verirrte. Anfangs sah er sich einigermaßen unruhig um, er erblickte aber weder eine Droschke, noch einen Omnibus, ja kaum einige wenige Fußgänger, sein Mißmuth über diesen Zufall schwand, als er überlegte, welch amüsante Zerstrcung ihm dieses kleine Abenteuer bieten könne, und er begann ganz vergnügt weiter zu schweifen und gleichsam auf Entdeckungsreisen auszugehen, denn dieses Stadtviertel von Paris war für ihn eine ebenso unbekannte Gegend wie Amerika vor der Landung des Columbus für die Europäer. Plötzlich bemerkt er den Laden eines Trödlers, tritt hinzu, beschaut sich das bunte Gewirr von den verschiedenartigsten Gegenständen und entdeckt mitten unter diesem Wust einen alterthümlichen Barometer aus der Zeit Ludwigs des Sechzehnten, der zwar keine Spur mehr von seiner ursprünglichen Vergoldung zeigte, aber trozdem im Schnizwerk noch voll- kommen wohl erhalten war. Der Baron ist ein eifriger Liebhaber und Kenner von dergleichen Kuriositäten, und so beschloß er sofort, den Barometer zu kaufen. Der Preis dafür betrug zehn Francs und ganz erfreut über eine so wohlfeile Aquisition, greift Rothschild in die Tasche um zu bezahlen — aber o weh! in der Eile und Zerstreuung hat er zu Hause seine Börse liegen lasten. „Nun, das schadet nichts, ich nehme auf alle Fälle diesen Barometer," sagte er zu der Trödlerin; „schicken Sie ihn mir zu, ich bin Baron Rothschild, man wird ihnen das Geld in meinem Hotel einhändigen." „Den Namen und die Adresse kenne ich nicht, mein Herr," entgegncte die Trödlerin, „und überdies schicke ich niemals den Leuten Sachen zu, die nicht vorher bezahlt worden sind." Jetzt stand der Baron völlig verblüfft da, denn er hatte sich's nicht träumen lassen, daß Jemand seinen Namen nicht einmal kenne, aber da er einmal bei guter Laune war, so amusirte ihn dies nur um so mehr, und er stand eben im Begriff, der Frau einige. Aufklärungen über seine Stellung zu geben, als er auf der andern Seite der Straße einen Dienstmann vorübergehen sah. Er winkte denselben herbei und frug ihn lächelnd: „Weißt Du vielleicht etwas von dem Baron Rothschild?" „Na das ist aber eine komische Frage, das ist ja unser Geldkönig. Warum fragen Sie aber danach?" setzte der Mensch etwas patzig hinzu, da er glaubte, man wolle ihn vielleicht mystifiziren. „Weil Diadame hier ihm soeben einen Credit von zehn Franks versagt hat," sagte Rothschild aus die Trödlerin zeigend. „Ist das wirklich wahr, Madame DucloS?" rief der Dienstmann im höchsten Grad erstaunt. „Ja, sehen Sie, Monsieur Pierre, man kann doch eben nicht alle Welt kennen," erwiederte die Trödlerin ganz verlegen. „Sie kenne ich aber, und wenn Sie mir dafür garantiren wollen. . .?" Bei diesen Worten unterbrach der Baron die Frau durch ein so herzliches Gelächter, "daß er sich eine ganze Weile kaum beruhigen konnte. „Nun gut, Monsieur Pierre," sagte er dann noch immer lachend, „wenn Sie dann die Bürgschaft für mich übernehmen wollen, so gehen Sie einmal vor allen Dingen mir einen Wagen zu holen, und dann tragen Sie diesen Barometer in meine Wohnung." Der Packträger ließ sich dieß nicht zweimal sagen, er grüßte den Baron sehr respektvoll, schaffte ihm rasch den anständigsten Wagen, den er auftreiben konnte, und eilte dann mit dem Barometer in das Hotel des Geldfürsten, wo er für das „übernommene Risiko," wie Rothschild sagte, reich belohnt wurde. (Das amerikanische Haus.) Dds amerikanische Haus wird in einem Artikel der „Südd. Pr." über New-Vork folgendermaßen geschildert: Das normale amerikanische Haus ist in drei Fensterbreiten abgetheilt; seine Einrichtung ist folgende: Es hat ein Untergeschoß, dessen Sohle 2 — 3 Fuß unter der Straßenflüche liegt, darunter geräumige, unter das Trottoir reichende und dort mit verschließbaren Klappen versehene Keller, darüber ein Erdgeschoß (Hochparterre) und zwei, selten drei Stockwerke. Der Eingang zum Untergeschoß befindet sich in einer kleinen Halle unter der Platte, welche die Aufgangsstiege und den Haupteingang des Hanfes verbindet; in der fünften und den anliegenden Avenues, auch sonst nicht selten, sind die Straßenstiegen und das Portal des Hauses aus weisem Marmor. Ein Durchgang läuft von vorn nach hinten durch das Untergeschoß, vorn liegt zwei Fenster breit der Speisesaal, hinten die Küche, zwischen beiden ein zu mancherlei Zwecken verwandter Raum. Das Erdgeschoß hat eine geräumige Flur, die sich in der Hausmitte in das Treppcngehäuse und einem Durchgang spaltet, hinten sich in die Noth- stiege und den Ausgang zum Hofe theilt. Ueber dem Speisesaal liegt der Parlor, das Empfangs- und Unterhaltungszimmer für alle Bewohner des Hauses; über der Küche das Familienzimmer; der Zwischenraum dient zu Schlafstätten u. s. w. Die obern Geschosse sind ebenso eingerichtet, An großes Zimmer vorn und hinten, und da die Stiege in der Mitte des Gebäudes liegt, so wird über den Eingängen auf Vorder- und Rückseite Raum für zwei kleinere Zimmer gewonnen. In dem Mittelraum des ersten Stockes ist eine 15 V Abtheilung für ein Badezimmer und WaterclosetS eingerichtet. Aus diesem Grunde springt Erdgeschoß und erster Stock in der Regel nach dem Hofe zu um 8 bis 10 Fuß vor und bildet durch die platte Bedachung eine Art Balkon für den zweiten Stock. Jedes Zimmer ist mit Gasbeleuchtung versehen und hat laufendes warmes und kaltes Wasser. Die Wasserleitung ist nämlich so eingerichtet, daß ein Arm derselben iu einen am Herde ange- ^ brachten großen Behälter mündet, wo das Wasser durch das gewöhnliche Küchcnfeuer erhitzt und durch den nachwirkenden Druck der Leitung nach den geöffneten Röhren im obern > Hause getrieben wird. Da die amerikanische Küche drei Mahlzeiten vorschreibt: Morgens Kaffee oder Thee mit warmen Fleisch- und Eierspeisen, Mittags ein Paar Fleisch- oder ähnliche Gerichte, Abends ein Hauptcsscn mit den unerläßlichen Pies (Pasteten, Kuchen u. s. w.) so fehlt es selten an warmem Wasser, um dem Bedürfniß aller Bewohner nach warmen Bädern :c. zu genügen. Der Bodenraum ist zu Kammern und zu einer Oberlicht-Anlage für die Stiegen benutzt. Auf demselben Raume mehr und zweckmäßiger einzurichten, möchte dem erfindungsreichsten Baumeister nicht gelingen. Alle Bauten sind massiv, in vielen Städten rein aus Backstein, anderwärts mit Quader untermischt, hin und wieder, wie in New-Aork und Philadelphia, aus geschliffenem Granit und Marmor. Die Fußböden der Zimmer dürfen in keincni anständigen Hause ohne durchgehende Teppiche sein. Die Heizung geschieht meist durch Kamine. Obgleich der Winter anhaltend und streng ist — der Maimonat Pflegt in New-Aork und dem ganzen Norden noch empfindliche Kälte zu bringen, und in den Wintermonaten bleibt sogar der Hafen von Baltimore nicht ganz frei vom Eis — und obgleich man nur Steinkohlen brennt, zieht man doch die luftigen Kamine den Oefcn vor. Sorge für Luft und Wasser sind die beiden lobenswerthesten Vorzüge der neueren amerikanischen Städte-Anlage. Jede Stadt, und wäre sie noch so jung, denkt vor Allem an Wasserleitung und neben den breiten Straßen an freie Plätze. (Die beiden Geizhälse.) Ein Geizhals, der in Koufa wohnte, erfuhr, daß in Bassora ein größerer Knauser, als er, existire, der ihm in der Oekonomic Unterricht geben könne. Er machte sich daher auf den Weg, um von diesem großen Meister eine Lection im Geize zu nehmen, und erschien als demüthigcr Zögling vor seinem Lehrer. „Sei willkommen," begrüßte ihn der Geizhals von Bassora, „und um gleich mit dem Zcitersparniß anzufangen, wollen wir uns sofort auf den Weg machen, um unsere Einkäufe zu besorgen." Sie begaben sich zum Bäcker. „Hast Du gutes Brod?" frugen sie. „Gewiß, meine Herren, ich habe gutes, frisches Brod, das Euch schmecken wird wie Butter." „Du hörst es," sagte der Geizige von Bassora zu dem von Koufa, „das beste Brod wird mit Butter verglichen. Jedenfalls ist also Butter besser als Brod. Nimm viel oder wenig, deßhalb wird sie nicht weniger schlecht. Es ist daher unter allen Umständen gerathen, Butter zu nehmen." Sie gingen daher zum Butterhändlcr und frugen ihn, ob er gute Butter habe. „Sehr gute," erwiderte er, „meine Butter ist schmackhaft, wie Olivenöl!" „Merke Dir," sagte nun der Lehrer zu seinem Zögling, „die beste Butter wird mit Olivenöl verglichen; Letzteres ist daher vorzuziehen." Und sofort begaben sie sich zum Oelhändler. „Hast Du gutes Oel?" „Von der besten Qualität. Es ist weiß und durchsichtig wie Wasser." „Merke Dir's also," sagte abermals der Lehrer zum Schüler, „nach dem, was wir gehört haben, ist Wasser das Allerbeste. Wohlan denn, ich habe zu Hause einen Bottich voll guten Wassers und ich lade Dich im Namen der Gastfreundschaft zu mir zu Tische." 16 Und als sie nach Hause kamen, bot er seinem Gaste nichts, als Wasser, nachdem *Z7 er ihm bewiesen hatte, daß Butter besser sei als Brod, Oel besser als Butter, usd Wasser besser als Oel. „Allah sei gelobt," sagte der Geizhals von Konfa beim Weggehen, „ich habe in der That gelernt, und meinen Weg nicht umsonst gemacht." (Der Elephant vor der Pflugschaar.) Die Engländer spannen gegenwärtig in Indien den Elephanten vor den Pslug. Sie haben aus dem schonen Thiere einen friedlichen Arbeiter gemacht. Mau fertigt in London uugemcin große und starke Pflüge an, wie sie der Kraft des Thieres angemessen sind, und schafft sie per Dampfboot über das mittelländische Meer durch den Canal Suez, das rothe Meer und den indischen Ocean nach ihren Bestimmungsorten. Jeden Morgen nimmt der Elephant seinen Führer beim Gürtel, setzt ihn sich auf den Rücken und geht auf's Feld. Zwei Arbeiter halten dort die beiden Pflugsterzen. So lauge die Sonne über dem Horizont steht, macht der Elephant seinen Weg und wirft hinter sich einen Haufen Erde oder vielmehr einen langen kleinen Hügel auf; er zieht auf diese Weise eine Furche von beinahe fünf Fuß Breite und drei Fuß Tiefe. Des Vögeleins Bitte Es ist bitterlich kalt, Und der Schnee liegt so hoch, Im Wald, auf der Flur Wo im Sommer ich flog. Wohl hab' ich mein Kleid Von Federn so dicht; Weil der Hunger mich quält, So wärmt es mich nicht, Kommt der Lenz erst zurück So dank' ich es Euch, Sing Lieder der Lust Auf dem sungen Gezweig. Und im Sommer erst gar! Kommt mein ehelich' Glück, So zahl' ich mit Zinsen Die Gabe zurück. Die Raupe am Blatt, Der Käfer am Ast, Jcy sitz' aus vem Zweig', Seh' ins Fenster binein, i?b nicht Jemand kommt Läßt kaum er sich sehen — Und erbarmet sich mein. Bin ein kleiner Gesell Und wenig genügt So ist er gefaßt. Doch noch ist es kalt Und Alles voll Schnee; Ihr Menschen habt Mittleid! Der Hunger thut weh! Wenn Ihr Brosamen gebt, So bin ich vergnügt. Eo. Mithelfen. Ein Gärtner kam zu seiner Herrschaft, welche im Winter in der Stadt wohnte. — „Nun, Heinrich, ist es schon grün bei Euch?" fragte der Herr. — „Ja, Herr," war die Antwort, „und das Vieh muß auch bald heraus." — „So? — Nun, liebe Frau, wird es auch für uns bald Zeit." Charade (Aus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer dem Ersten sich ergibt, Weder Liebcswerke übt, Noch des Zweiten Zierung liebt; D'rum auch muß es lassen gelten, Wenn, um weidlich ihn zn schelte Jedermann dreist ruft ihm zu: „Thor! das Ganze das bist du." weidlich ihn zn schelten, Druck, Dertaa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler.