Nr. L. 19. Januar 1868. Augsbnr^er Was das Leben gab, ertrage Und verschmerze, was es nahm. Schulze. Rache und Liebe. V. Georgs Mutter war auf dem Platze geblieben, wo Lucy sie blaß und niedergeschmettert verlassen hatte; sie fragte sich, ob sie wache oder träume? Doch nein, sie hört noch den fortrollenden Wagen, es ist Wirklichkeit, sie kann nicht daran zweifeln. — Sie überdenkt die Folgen der eben gehörten Drohung: dieser Sohn, auf den sie so stolz ist, wird verfolgt, festgenommen werden, ein schmählicher Prozeß wird ihm gemacht, eine entehrende Strafe zuerkannt werden; nach dreihundertjährigcm Glanz soll der Name V6ricourt entehrt, geschändet werden, und ihr Sohn, ihr Georg soll es sein, der den edlen Stamm besudelt. Welche Freude für die Neider! welcher Triumph für die Feinde! Wenn aber Georg nicht schuldig ist? wenn das Ganze ein Gewebe von Lügen wäre? Aber was konnte die Fremde für eine Absicht haben? was konnte ihr die Lüge nützen? Wozu hätte sie ihr Land verlassen und die beschwerliche Reise unternommen, um Rechte geltend zu machen, deren Unächtheit sie kennen mußte? Dann erinnerte sie sich der Veränderung im Wesen Georgs, seiner langen Weigerung, Pauline zu heirathcn, obgleich er sie liebte. Und jetzt noch, woher die tiefe Traurigkeit, die oft der ausgelassensten Freude folgte; warum stieß er oft seine junge Gattin unfreundlich zurück und überhäufte sie dann wieder mit Beweisen von Zärtlichkeit. Umsonst will die Gräfin sich dieser peinlichen Logik entziehen, sie empfindet einen Schmerz, gegen den die Trauer um den todt geglaubten Sohn nichts war; sie muß vielleicht noch beklagen, daß er bei dem Schifsbruch nicht umgekommen ist. Mitten unter diesen schmerzlichen Erwägungen wurde sie von fröhlichem Gelächter unterbrochen, die Thüre ging auf und Pauline trat herein. „Liebe Mama, sehen Sie nur, wie ich aussehe," sagte sie und breitete ihr mit Schmutz bedecktes Rcitkleid aus. — „Sie sind doch nicht böse, daß wir nicht schon gestern gekommen sind? Es war uns bei dem furchtbaren Gewitter wahrhaftig nicht möglich.^ „„Nein doch, nein,"" sagte die Gräfin, die kaum gehört hatte, was ihre Schwiegertochter gesagt, „„seid Ihr zu Pferd gekommen?"" „Ja, ich wollte lieber mit Georg reiten, als mich von meinem Bruder nach Hause fahren lassen, und sehen Sie nur, wie ich zugerichtet bin." „„Wo ist Georg?"" — fragte Frau von Vöricourt. „Er sieht nach den Pferden, denke ich. Wir waren so vergnügt, Georg war so liebenswürdig! Wie er mich zu zerstreuen suchte während des Gewitters, weil er weiß, daß ich mich fürchte. Ich kann aber auch nicht sagen, wie sehr ich ihn liebe, meinen guten, meinen vortrefflichen Georg." „„Wo ist mein Sohn?"" fragte die Gräfin neuerdings. Die junge Frau sah sie erstaunt an. „Sie sind blaß, Mama," sagte sie, „find Sie unwohl?" „„Nein, mein Kind, nur etwas Migräne, aber ich möchte mit Georg sprechen.'" 18 Jetzt trat Georg in's Zimmer und auch er schien ausnahmsweise sehr heiter zu sein. Er küßte seiner Mutter die Hand und fragte, wie es ihr ginge. „Die Mama ist leidend," sagte Pauline. „Wirklich, ich finde Deine Züge etwas angegriffen." „„Ziehe den Vorhang vor, Pauline, die Helle thut mir wehe."" Die junge Frau beeilte sich, dem Wunsche nachzukommen, und die Gräfin benützte den Augenblick ihrem Sohne zu sagen: „Ich muß mit Dir sprechen, folge mir sogleich «s- in mein Zimmer." Sie ging und Pauline fragte ganz betroffen: „Was hat denn die Mama, ich habe sie noch nie so gesehen; sie muß sehr leidend sein." „Ich weiß nicht," sagte Georg, den die bevorstehende Unterredung beschäftigte; „aber kleide Dich doch um, meine Liebe!" „Ach ja, ich hatte ganz darauf vergessen! Ich war so heiter, als ich kam, und jetzt ist mir's ganz schwer um's Herz; ich komme gleich wieder, Georg, laß mich jetzt nicht allein. Aber was hast Du denn, Du antwortest mir nicht." „Das Unwohlsein meiner Mutter beunruhigt mich." „Sie ist so Plötzlich fort." Diese Worte erinnerten Georg, daß die Gräfin ihn erwarte. Er verließ seine Frau und eilte zu seiner Mutter, die ihm ungeduldig entgegen ging. „Endlich!" sagte sie, „das hat lange gewährt. Und doch waren es kaum fünf Minuten;" dann fuhr sie ohne Umschweife fort: „Georg, kannst Du Deines Aufenthaltes in den Antillen ohne Furcht und Reue gedenken?" Bei dieser plötzlichen Frage erblaßte der Graf, er seufzte und verbarg das Gesicht in die Hände. „Georg, so rede doch," drängte die Gräfin in höchster Aufregung. „Ach," sagte er leise, „der gefeuchtete Augenblick ist gekommen, und wenn Gott damit zögerte, so war es nur, um die Strafe desto empfindlicher zu machen." . „Es ist also wahr," schrie die Gräfin laut auf, „mein Sohn ist ein Ehrloser!" „Mutter!" „O warum konnte ich nicht sterben, bevor dieser Tag anbrach." „Mitleid, Mutter, ich bin ohnedieß schon so unglücklich." „Mitleid?" — rief die Gräfin außer sich, „Du findest es weder bei Deiner verlassenen Frau, noch bei Deiner Mutter, die Du mit Schande bedeckt hast, und wolltest Du etwa das des unglücklichen Mädchens anflehen, auf die unsere Schmach theilweise zurückfällt?" „Höre mich, Mutter!" rief Georg. „Du hast den mackellosen Namen Deiner Ahnen befleckt. — Fluch und Schande über Dich!" Mit diesen Worten sank sie ganz erschöpft in ihren Lchnstuhl. Georg, ein wahres Bild der Verzweiflung, kniete vor ihr nieder. „Höre mich," flehte er, „ehe Du mir fluchst. Ich bin strafbar gewesen, sehr strafbar, aber gerade Du, Mutter, solltest am ersten mit Nachsicht urtheilen " Die Gräfin machte eine verneinende Bewegung, während ihr Sohn fortfuhr: „Als ich nach einem einjährigen Aufcnthait in den Antillen eine Verbindung einging, von der ich wußte, daß Sie sie nie billigen würden, war ich von einer Leidenschaft beherrscht, die um so größer war, als man mir Hindernisse in den Weg legte. Ich überredete mich, Ihre Zärtlichkeit werde mir Verzeihung angedcihen lassen und schmeichelte mir, dieselbe ^ um so eher zu erlangen, wenn ich meiner Sache selbst das Wort redete, deßhalb zögerte ' ich immer, Ihnen meine Heirath brieflich mitzutheilen. Zudem muß ich der armen Lucy Gerechtigkeit widerfahren lasten, sie war schön, reich und gebildeter als alle Frauen ihres Landes, und außer ihrer Geburt hätten Sie gewiß keinen Tadel an ihr finden können. 19 Ich liebte sie, liebte sie leidenschaftlich, doch sollte ich nie ein reines Glück genießen, mein > unseliges Geheimniß lastete mir schwer auf dem Herzen, besonders nachdem mir Luch einen Sohn geschenkt, fühlte ich das Gewicht einer verletzten heiligen Pflicht erst recht. Ihre Briefe, die zur Rückkehr mahnten, wurden immer häufiger; Sie sprachen von Ihrer erschütterten Gesundheit, von Ihrer Befürchtung, mich nicht mehr zu sehen. Ich konnte meiner Frau, die erst von einer schweren Krankheit genas, die weite Reise nicht zumuthcn; eben so wenig wagte ich auf dem Vorschlag zu bestehen, allein zu reisen. — Aber als sie sah, in welcher beständigen Angst mich die Nachrichten über Ihre Gesundheit versetzten, als sie meine Verzweiflung sah bei dem Gedanken, daß mir eines Tages die Nachricht von Ihrem Tode zukommen könnte, da gab sie nach. Ich versprach ihr, nicht länger in Frankreich zu bleiben, als bis ich Sie mit unserer Verbindung ausgesöhnt und bewogen Hütte, sie als Tochter aufzunehmen. Gott weiß, kein strafbarer Gedanke kam mir damals in den Sinn. Ich reiste ab; Sie kennen die Geschichte unseres Schiffbruchs, das elende Leben, das ich während sechs Monate führte, Gott täglich, nicht mehr um Errettung bittend, die ich für unmöglich hielt, sondern um den Tod, der meinen Leiden ein Ziel setzen sollte. Endlich auf ein Kauffahrteischiff aufgenommen, sah ich mein Vaterland wieder, ich sah Sie wieder, Mutter!" „Ach ja, das war ein schöner Tag," sagte die Gräfin, „und ich Thörin glaubte jetzt allem Unglück Trotz bieten zu können." Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Georg fort: „Werden Sie begreifen, was mir noch zu sagen übrig bleibt? Ich glaube nicht, denn ich selbst begreife es nicht. Aber es ist nur zu wahr: so sehr hatten meine Leiden mein ganzes Wesen verändert, daß ich all' die Wünsche vergessen hatte, mit denen ich Baffe-Tcrrc verließ. Ich wollte nichts anderes mehr, als ein ruhiges Leben mit Ihnen in meinem Vaterland. Bei meiner Ankunft waren Sie noch leidend durch den Kummer über meinen vcrmeint- . Ucheu Tod; Sie sprachen mir sogleich von dem Heiraths-Project mit Pauline, ich wollte Sie in diesem Augenblick nicht betrüben, indem ich Ihnen das unübersteigliche Hinderniß mittheilte und wollte zuwarten. — Indessen wäre es an der Zeit gewesen, Luch von meiner glücklichen Rettung in Kenntniß zu setzen; ich wollte ihr schreiben, doch da hätte ich beifügen müssen, daß ich noch nichts gethan, Ihre Einwilligung zu unserer Verbindung zu gewinnen. Neun Monate waren seit meiner Abreise von Baffe-Terre verflossen; sie mußte von unserem Schiffbruch gehört haben. Der heftigste Schmerz ist vorüber, dachte ich, wäre es nicht bester, ihr meine wunderbare Rettung ganz zu verschweigen, da sie in mir doch den Mann nicht mehr fände, den sie geliebt. Der Krieg entbrannte aus'S Neue, wie hätte ich sie holen können? — Erlassen Sie mir, Ihnen all' die elenden Scheingründe aufzuführen, welche mich leiteten, und bei denen ich selbst er- röthe. Ich frage mich oft, wie es möglich ist, daß Physische Leiden den Menschen so abstumpfen! Ja, ich fürchtete mich, noch einmal eine Reise zu unternehmen, die mir so unheilvoll geworden war; ich beschönigte meine Feigheit durch die Vorspiegelung, daß ich meine Frau und mein Kind solchen Gefahren nicht aussetzen dürfe. Bald gesellte sich zu dieser Gedanken-Ausgeburt meiner unsäglichen Leiden ein anderer Beweggrund" —Georg hielt inne, es ward ihm schwer, fortzufahren. „Ich weiß, Mutter," begann er wieder, „daß ich sehr gefehit habe, aber gerade Sie sind mir am ehesten Nachsicht schuldig, da Sie, obgleich unfreiwillig, am meisten Schuld an meinem Fehltritt tragen. Jeden Tag rühmten Sie mir Paulinens Schön- ^ hcit, ihre Anmuth, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Sorgfalt, mit der sie mich pflegte, als ' ' ich nur langsam wieder zum Leben zurückkam, bis ich endlich gewahrte, daß mein Herz, das ich für alle zärtlicheren Gefühle schon erstürben glaubte, für Fräulein d'Apremont nicht unempfindlich geblieben sei. Damals hätte ich fliehen sollen, Alles machte es mir zur Pflicht: meine Ehre, mein Verhältniß zu Lucy, wie Paulinens naive Liebe, die ich nur zu leicht durchschaute. Aber ich blieb, ich unglücklicher Thor, ich hielt mich für 20 stärker, als ich war. Erinnern Sie sich, Mutter, wie sehr Sie in mich drangen, Pau- line zu heirathen, die ich schon innig liebte, Sie stellten mir diese Heirath als den höchste» Wunsch Aller vor und mein Herz war nur zu geneigt, Ihnen zu willfahren." „Die Vorwürfe meines Gewissens," fuhr Georg fort, „beschwichtigte ich damit, daß Lucy mich längst für todt halten mußte, was lag daran, daß wir noch weiter getrennt würden? Ich war fest überzeugt, daß sie nie mehr etwas von mir hören würde, da sie sehr zurückgezogen lebte, und auch ich wollte dieses Schloß nie mehr verlassen. — Lucy war auch reich, sie brauchte mein Vermögen nicht, weder für sich noch für ihr Kind. Glauben Sie jedoch nicht, daß ich mein Verbrechen beschönigen will, ich will Ihnen nur darthun, wie ich durch diese Sophismen mein Gewissen einschläferte und der schrecklichen Versuchung erlag. Sie werden wissen, wie ich noch am Vorabend der Vermählung völlig abbrechen wollte. Ich war die ganze Nacht wie unsinnig auf dem Feld herumgeirrt, die Gewissensbisse verfolgten mich, ich war mir selbst zum Abscheu, und faßte endlich den Entschluß, Alles zu gestehen. Bei den ersten Worten unterbrachen Sie mich zornig; Sie thaten daran nicht klug; Ihren Bitten hätte ich vielleicht nachgegeben, Ihre Vorwürfe bestärkten meinen Entschluß. Wir wären so Alle gerettet gewesen, da erschien Pauline. Bei ihrem cngclgleichen Lächeln, bei ihren Liebe und Glück athmenden Worten * wankte mein Vorsatz. Es schien mir grausam, dieses liebende Herz zu brechen. Ich kämpfte nicht weiter, ich schloß die Augen wie Einer, der am Rand eines Abgrundes einschläft, mit der festen Ueberzeugung, bei der ersten Bewegung hinabzustürzen. Aber welche Last ist es, um ein böses Gewissen! Wie viele ruhelose Tage und schlaflose Nächte verbrachte ich, in denen mir Lucy meinen Meineid vorwarf, wie oft hab' ich den Abgrund ermessen, in den die Wahrheit mich einst stürzen müßte! Ich weiß nicht, ob diese Strafe mir noch vorbehalten ist, aber zwanzigmal hab' ich sie schon im Geist erduldet! Doch wie haben Sie mein schreckliches Geheimniß errathen? Mutter, haben Sie die Gewissensqual auf meiner Stirne gelesen?" „Errathen? Unglücklicher! Deine Frau selbst hat mir Alles gesagt, Deine Frau, die nur auf Rache denkt." „Lucy!" rief Georg, mit Blitzesschnelle aufspringend, „Lucy ist in Frankreich, sie war hier?" „Leider, und ich, die ich von ihren Rechten nichts wußte, reizte sie noch, indem ich sie als Aveuturicre behandelte, die eine Liebelei mit Dir ausbeuten wollte. Wie konnte ich auch meinen Sohn für so strafbar halten? Du selbst mußtest es mir sagen, bis ' ich es glaubte." Georg war in einem Zustande völliger Betäubung. Lucy wußte also um seinen Verrath und wollte die Rache niemand Anderem überlassen. Diese Frau, die er einst so zärtlich geliebt, und die mit so viel Liebe an ihm gehangen, war jetzt seine erbittertste Feindin. Was sollte aus der armen Pauline werden, auf die ein Theil der Schande zurückfällt. Er ließ sich alle Einzclnhcitcn der Unterredung noch einmal erzählen, und das Verzweifelte der Lage wurde ihm immer klarer. „Womit könnte man doch diese Frau zum Schweigen bringen?" fragte endlich die Gräfin. Georg senkte den Kopf, er kannte die junge Creolin zu gut; wenn sie auch hingebend und aufopfernd war, so erwachte doch die ihrem Lande eigene Leidenschaftlichkeit, wenn sie sich in ihren Gefühlen verletzt sah, und konnte sie als Gattin und Mutter tiefer gekränkt werden? Nach dem zwischen Lucy und Frau von Vöricourt Vorgefallenen war diese nicht die geeignete Person, eine friedliche Lösung anzubahnen, sie wandte sich daher an eine Mittelsperson, deren Stand und Charakter dazu passend schien. (Fortsetzung folgt.sf Das Weihnachts - Geschenk. In weichen, weißen Flocken siel der Schnee aus schweren, grauen Wolken nieder auf die schweigende Erde, sie liebevoll einhüllend vor der starren Kälte des Winters. — Die Nacht war früh, sehr früh herabgesunken, bereits bedeckte sie mehrere Stunden mit ihrem weiten, sternlosen Mantel Stadt und Land. Neberall waren die Thürmcr beschäftigt, mit kräftigen Armen die Stränge der Glocken in Bewegung zu setzen, damit ihre eherne Stimme verkünde, daß inmitten der öden Winternacht ein reiches Frühlingsleben angebrochen, daß Weihnachten, das beseligende Fest, eingekehrt, der Stern der Liebe aufgegangen über Hütten und Paläste. Auch in der Provinzialstadt A. . . . erklang der volle Accord der Glocken von allen Thürmen, Hütten und Paläste schmückten sich verschieden und doch cinmüthig, denn überall begegnete man sich ja in einem Gefühl. Aus allen Fenstern, sie mochten verhüllt sein durch schwere Scidengardinen, geschlossen durch einfache Läden, stahl sich ein Heller, freundlicher Schimmer, der Kunde gab, daß in den Zimmern Lust und Freude herrsche, daß überall das Gcburtsfcst des Heilandes gefeiert werde, in allen Häusern ein Christbaum entzündet sei. In allen Häusern? Die Unterstube eines stattlichen, in einer der besten Straßen belegenen Hauses war behaglich erwärmt, jedem Luftzug der Einzug verwehrt durch dichte Vorhänge und Portieren. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, elegante Meubles füllten das Zimmer, duftende Blnmen auf Etageren und Blumentischen zauberten, der Winterkälte spottend, den milden Hauch des Frühlings. Die auf dem Tische brennende Lampe beleuchtete silbernes Theegeschirr; es zeugte Alles von Comfort und Wohlhabenheit; nichts aber erinnerte daran, daß heute Weihnachtsfest sei. Keine Bcscheerung war ausgebreitet, kein Tanncnbaum angezündet, denn es, war kein Kind da, das jubelnd die Gaben der Eltern empfangen hätte — das Weihnachtsfest war für die Bewohnerin dieses Zimmers kein Fest der Freude, sondern des Schmerzes. Die Frau, welche allein in jenem Zimmer am Tische saß, war noch jung, vielleicht zu Anfang der dreißiger Jahre. Gott hatte sie in dem ersten Jahre ihrer Ehe des hohen Mutterglückes gewürdigt, sie hatte ein holdes Kind an ihre Brust gedrückt; aber schon nach wenigen Wochen hatte der Herr seinen Engel wieder zu sich gerufen in die himmlische Heimat. Mit unendlichem Schmerze hatte sie das -Kind forttragen sehen, war sie zurückgeblieben in dem Hause, welches fortan still blieb — ein Nest ohne Vogel, ein Garten ohne Blumen! Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Die Gatten, welche sich unter beschränkten Verhältnissen die Hände gereicht zum Bunde für das Leben, sahen ihre irdischen Güter sich mehren, sie wurden wohlhabend, reich; sie liebten einander; aber sie waren nicht glücklich. Es war still um sie, die Räume ihres Hauses widerhallten nicht von der schönsten Musik, dem Tone fröhlicher Kinderstimmen. Er umgab seine Gattin mit allem, was das Leben verschönern kann, und sie war dankbar, machte ihn nicht zum Zeugen ihres tiefen Schmerzes, ließ ihn nicht ahnen, welche Leere sie fühlte, wenn er seinen Bcrussgeschäften nachgehend, sie einsam zurückließ in dem öden, reichgcschmückten Hause. Auch heute war er gegangen, mit dem Versprechen, ihr ein schönes WeihnachtS- Geschenk mitzubringen, und sie hatte dazu gelächelt und ihm scherzend eingeschärft, es ja nicht zu vergessen. „Er ist so gut," hatte sie dann zu sich gesagt, „er soll es nicht wissen, wie wenig Freude ich habe an diesem Luxus, diesen Kostbarkeiten, mit welchen feine Liebe mich so verschwenderisch umgibt. Ich sehne mich, ein warmes Kindcrherz an das meine zu drücken, meine Hand streckt sich aus, die kleine Hand zu erfassen, mein Ohr lauscht, ob es nicht liebliches Kindergeplauder vernehme. Ich möchte beschenken und muß mich beschenken lasten, ich möchte arbeiten und sorgen für Andere und muß für mich sorgen lasten. Ich kann keine Bcscheerung ausbreiten, keine grüne Tanne mit Lich- lern und Näschereien schmücken; es umflattern sie ja keine munteren Vögel; der Baum würde sich wundern, weßhalb man ihn seiner schönen Waldesheimat entrissen und ihn hierhergebracht, wo keine Weihnachtsfrcude." Stundenlang hatte die einsame Frau in ihren Betrachtungen gesessen, die Nacht war gekommen, der Diener hatte die Lampe angezündet, den Theetisch geordnet, sie hatte es kaum bemerkt. Jetzt erzitterte der Festgruß von den Thürmen, weckte sie aus ihrem Hinbrüten, drang in ihr Herz, wie eine Mahnung zu hoffen, daß auch ihr noch Glück beschicken sei. Tritte erschallten vor der Thür, sie öffnete sich und ihr Mann trat herein. Sorgfältig trug er ein Bündel, legte es vorsichtig auf den Tisch nieder und sagte mit seltsam bewegter Stimme: „Da bringe ich Dir ein Wcihnachts-Geschenk, das Gott mir bescheert. Ich wollte Dir einen Schmuck kaufen, den ich gestern am Schaufenster eines Juweliers gesehen; im Begriff, in den Laden zu treten, höre ich ein leises Wimmern, das aus diesem schon halb mit Schnee überdeckten Bündel kam, ich öffne es, sende darin ein fast erstarrtes Kind und eile damit hieher. Ich vergaß darüber den Schmuck zu kaufen, wirst Du mir zürnen?" Er öffnete bei diesen Worten das Bündel und die erstaunte Frau erblickte ein kleines Mädchen, ungefähr von demselben Alter, wie das ihrige war, als der Tod es von ihr gefordert. Erweckt von der Wärme, welche Plötzlich auf das von der Kälte erstarrte Gesicht einströmte, öffnete das mutterlose Kind die Augen und streckte weinend die Arme aus nach der kinderlosen Mutter. Sie nahm es aus den Armen ihres Gatten, betrachtete es lange und innig, ein warmer Quell der Liebe öffnete sich in ihrem Herzen für das hilflose Wesen und mit heißen Thränen sprach sie: „Du bringst mir ein Weihnachtsgeschenk, kostbarer als Diamanten. Du hast es gefunden; aber unser Kind dort oben, Christus, der Kinderfreund, haben es gesandt, damit Las verwaiste Kind Eltern, die verwaisten Eltern ein Kind haben. So sei es denn unser und Gott gebe seinen Segen!" „Amen," sagte der Mann und Amen klangen die Glocken, welche so eben im letzten Pulse verhallten. Obgleich ihr Dienerinnen zu Gebote standen, ließ es sich die hochbeglückte Mutter nicht nehmen, das ihr geschenkte Kleinod selbst aus den umhüllenden Tüchern zu befreien, es zu erwärmen und ihm Milch einzuflößen. In den Tüchern, welche ohne jedes Zeichen, fand sich ein Zettel, auf dem die Worte standen: „Das Kind ist getauft und heißt Marie." Es war dies das einzige sehr schwache Zeichen, welches als Anhaltepunkt für Nachforschungen über des Kindes Herkunft dienen konnte; die Adoptiv-Eltern bedurften desselben nicht; sie wollten nicht forschen und fragen, sie wollten behalten, was ihnen bescheert. Das Kind blieb das ihre. Fortan ging kein Wcihnachtsfcst wieder so still vorüber, Marie, von Jahr zu Jahr sich lieblicher entfaltend, jubelte um den Tannenbaum und erfuhr niemals, daß die, welche ihn für sie schmückten, nicht wirklich ihre Eltern, daß sie selbst ein Weihnachts-Geschenk sei. Das Jahr 1868 als Säkular-Jahr. Dasselbe ist ein solches für eine ungewöhnlich große Anzahl welthistorischer Begebenheiten. Achtzehn Jahrhunderte sind in ihm seit dem Tode des Tyrannen Nero und dem Aussterben des Cäsarischcn Geschlechts verflossen (68 n. Chr. Geb.); sechzehn nach der Stiftung der großen germanischen Völkerbünde an der Ober-Donau, der Weser und dem Ober-Rhein (268); fünfzehn seit dem Erscheinen der Ostgothen unter Her« manrich am Dnieper, und der Westgothen unter Athanarich au der Donau (368). 23 Vicrzehnhundert und fünfzig Jahre sind verflossen, seit die Westgothen (unter Wallia) zuerst in Spanien erschienen (418), und gerade vicrzehnhundert, daß sie, unter ihrem tapferen König Eurich, die Römer aus demselben gänzlich vertrieben (468). Fünzig Jahre weniger, daß Justin 4, den Thron von Konstantinopel besteigend, im Orient eine neue Kaiser-Dynastie begründete (518); und gerade dreizehn Jahrhunderte, daß Alboin, König der Langobarden, in Italien einrückte und dort die Gründung des longobardischen Reiches begann (458). 1150 Jahre sind es her, daß Winfried oder Bonifazius, der Apostel der Deutschen durch englische und irländische Missionarien unter fränkischem Schutz das Christenthum in Deutschland ausbreitete, und Prinz Pelayo zu Gijon das erste kleine christliche Reich in Spanien, Asturien geheißen, stiftete (718). Eilf Säkula verrannen im Zeiten- strome, seit Pipin's des Kurzen großer Sohn Karl der Große den Thron des Frankenreichs bestieg, und eine neue Aera in der Weltgeschichte vorbereitete (768); und gerade ein Jahrtausend, daß von den seefahrenden Normannen die Faröer- und die Shctlands-Jnseln entdeckt und im oströmischen Reiche durch Basilius I. ein neues Kaisergeschlecht, das „makedonische", zum Throne gelagte (868), den es, allerdings mit einigen Unterbrechungen, bis zum Jahre 1056 inne hielt. Achthundertfünfzig Jahre sind es her, daß der Normanne Kanuth der Große die Throne von England und Dänemark vereinigte und daß zu Jerusalem durch Hugo von Pajcns, der später so mächtige Tcmpelhcrrn-Orden gestiftet wurde. Am 30. Mai 1168, also vor sieben hundert Jahren, siegten bei Legnano die verbündeten oberitalienischen Städte über den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, und vor sechshundert Jahren legte eben dieses Kaisers Urenkel (Konradin von Schwaben) zu Neapel sein Haupt auf den Henkerblock (am 29. Oktober 1268), nachdem er zuvor (am 23. August) gegen den Usurpator Karl v. Aujou, Bruder König Ludwigs lX. (des Heiligen), der vorn Papst Klemens IV. die Belehuung mit Sizilien und Neapel erhalten hatte, die Schlacht von Tagliacozzo verloren hatte. Bon diesem blutigen, historisch hochwichtigen Tage datirt der Untergang des ruhmreichen Hauses der Hohenstausen, die Zerstückelung der beiden Herzogthümer Franken und Schwaben und der Anfang der Landeshoheit der deutschen Reichsstünde, der Landstände und des Faustrcchts. Ein halbes Jahrtausend verrann, seit Hongwu, ein Chinese von geringer Herkunft, der mongolischen Zwingherrfchaft über China ein Ende machte und, den Thron besteigend, die Myng-Dynastie begründete (1368). Vierhund ertfünfzig Jahre sind es her, daß das für das abendländische Kirchenregiment so wichtige Konzilium zu Kostniz geschloffen wurde, und daß die ersten Zigeuner in Europa erschienen (1418); vierhunderst Jahre aber, seit Mathias Corvinus den Thron Ungarns bestieg, die Portugiesen die Küste von Ober-Guinea in Afrika entdeckten. 'Gerade dreihundertfünfzig Jahre sind seit dem Auftreten Ulrich Zwingli's in Zürich und dem Reichstage zu Augsburg verflossen (1518); dreihundert aber seit der Hinrichtung der edlen niederländischen Grafen von Egmont und Hoorn und dem Tode des Don Carlos von Spanien (1568). Ein Vicrteljahrtausend verrann, seit zu Breslau der Dichter der zweiten „schlesischen" Dichtcrschulc, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, geboren ward; seit der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg, nach dem Tode des Herzogs Albrecht Friedrich, den erblichen Besitz des Hcrzogthums Preußen für sich und seine Nachkommen von der Krone Polens erhielt und damit die Herrschaft der bran- denburgischcn Hohmzollern Mx Ostpreußen begründete und so die Errichtung des Königreichs Preußen vorbereitete; sowie daß zu Prag jener entsetzliche Krieg seinen Anfang nahm, welcher durch dreißig Jahre hindurch alle Gauen Deutschlands mit Blut und Verheerung erfüllte und die Zerrissenheit des großen Vaterlandes permanent machte (1618). Zweihundert Jahre sind es her, daß Portugal von Spanien als unabhängig anerkannt, zu Aachen zwischen Frankreich (Ludwig XIV.) und den Niederlanden Frieden ge- 24 schloffen und Kanada von den Franzosen kolonisirt und Quebeck durch Champlain ge- ^ gründet wurde; sowie daß der berühmte niederländische Maler Philipp Wouvermann zu Haarlcm starb (1668). Anderthalb Säcula sind verflossen seit dem Frieden von Paffarowitz (am 21. Juli 1718), durch welchen Oesterreich zwar Temcsvar, das nördliche Serbien und die westliche Walachei gewann, Venedig aber Morca an die Türken verlor; seit der ra Stiftung der Quadrupel - Alliancc zwischen England, Frankreich, Oesterreich und Holland, gegen Spanien, am 2. August, und dem großen Seesiege der Engländer über die Spanier am sicilianischen Cap Paffaro, am 22. desselben Monats; endlich seit dem Einfall König Karl's XII. von Schweden in Norwegen und seinem rätselhaften Tode bei Friedrichshall, am 1. Dezember 1718. Gerade hundert Jahre sind verflossen seit dem Tode des Kunsthistorikers Johann Joachim Winkclmann, resp. am 1. und 18. März und 8. Juni 1848. Desgleichen seit folgenden merkwürdigen weltgeschichtlichen Begebenheiten: Seit dem Verkaufe der Insel Korsika an Frankreich (am 5. Jänner 1768); dem Erlaß der parmcsanischcn „pragmatischen Sanktion" zur Beschränkung der Macht des Papstes (16. Jänner); seit der Konföderation des polnischen Adels zu Bar, zum Behufe der Vernichtung der Rechte der polnischen Dissidenten (am 29. Februar); seit der dänischen Anerkennung Hamburgs als freie Reichsstadt (am 27. Mai); seit dem Zusammentritte des ersten nordamcrikanischen Volks-Konvcntcs zu Boston, zum Behufe der Präcisirung und Vertheidigung der Kolonien gegen die Eingriffe des englischen Mutterlandes (am 22. und 23. Juni), und endlich seit dem AuSbruche eines neuen, bis 1774 währenden, russisch-türkischen Krieges (im Oktober 1768). Ein halbes Jahrhundert endlich verrann seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Königreich Württemberg (1. Jänner 1818); seit dem Tode König Karl'S XIII. von Schweden und der Thronbesteigung Bcrnadotte's als „Karl XIV." (am 5. Februar); seit der Begründung der Freiheit Chile's durch den Sieg des chilenischen Generals St. ^ Martin über die Spanier (am 5. April); seit der Eröffnung des ersten polnischen Reichstages durch Alexander I. (am 27. April); seit der Emanation des Königreichs Bayern und des Großhcrzogthums Baden, resp. am 26. Mai und 22. August; seit dem Erlaß einer Synodal-Verfassung in Preußen (am 29. August); seit dem Zusammentritte des wichtigen europäischen Monarchen- und Minister-Kongresses zu Aachen (am 9. Oktober bis 15. November); und endlich seit der Aufhebung der Universitäten Erfurt, Münster, Duisburg und Padcrborn und dagegen Stiftung der Universität zu Bonn (letztere am 18. Oktober 1818); sowie endlich seit der Aussendung der größcrn britischen Expedition zur Erforschung der Nordpol-Regionen und einer nördlichen Durchfahrt von dem Stillen nach dem Eismeer. (Obstraupenvertilgung.) Die Amerikaner binden an eine Stange einen Lappen, tauchen diesen in Erdöl und berühren damit diz Raupcnncstcr, wodurch die Raupen angeblich getödtct werden. Versuche wären zn empfehlen. (Heupressen.) Ein Landwirth mit nur irgend erheblichem Wiesenbesitz sollte eine Heupresse haben, mittelst welcher er sein Heu ein ganzes Jahr hindurch in gleicher Ernährungskraft erhalten, in einem viel kleineren Raume aufbewahren und jede Verschleppung desselben schnell entdecken könnte. _ ^Mein Liebling ist Jelängerjelieber," sagte ein Landgeistlicher zu dem Schulzen, den er im Pfarrgarten herumführte. Der alte Treuherz cntgegnete: „Das spürt man in Ihren Predigten." Druck, »erlua u»d «kdaltio» d«S Uterarilcheu Institut« »ou vr. W. HuMcr.