Nr. 4 . 20. Januar 1868. Angsburgee Wer eine große Seele hat, trägt die Sanftmuth auf dem Gesicht. Herder. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VI. Lucy war vom Schlöffe Vöricourt in der äußersten Aufregung zurück gekommen. In ihrer Liebe wie in ihrem Stolz bitter gekränkt, war ihr nichts erspart geblieben, was ihren Zorn nähren konnte. „Er hat nicht einmal mit seiner Mutter von mir gesprochen," sagte sie bei sich selbst; „vielleicht dachte er schon an falschen Verrath, während er mir von seinem Schmerz über die unvermeidliche Trennung redete. Und die, die mich so mit Schmach überhäuften, kann ich jetzt mit einem Wort zu Grunde richten — oh, sie sollen mir meine Thränen theuer bezahlen." Wie bei allen nervösen Frauen, die im Augenblick der Aufregung oft eine ungewöhnliche Kraft zeigen, folgte derselben bald eine völlige Abspannung. Auf die theil- ^ nehmenden Fragen Mela's machte sie eine abwehrende Bewegung, sie fühlte ein unabweisbares Bedürfniß nach Ruhe und sank bald in einen Lehnstuhl, wo man sie hätte schlafend glauben können; ohne die convulsivischen Zuckungen, die ihren Körper von Zeit zu Zeit erschütterten. Der kleine Georg spielte im Nebenzimmer, um die Mutter nicht zu stören, da ertönte die Stimme der Frau Goulard: „Ja wohl, die gnädige Frau ist zu Hause, kommen Sie nur mit mir." In demselben Augenblick öffnete sie die Thüre und ein Greis, dessen Kleidung einen Geistlichen verrieth, trat in's Zimmer. „Herr Bcauprs, unser Pfarrer, möchte gerne mit Ihnen sprechen, gnädige Frau." Lucy verneigte sich kalt. Nachdem die Wirthin, wiewohl ungerne, sich zurückgezogen hatte, begann der Pfarrer: „Wenn ich mich in die unglückliche Geschichte mische, die mich hieher führt, so geschieht dies auf dringendes Bitten der Gräfin V6ricourt, in deren Haus ich seit dreißig Jahren ein - und ausgehe." Die Crcolin machte abermals eine stumme Verbeugung. „Vor Allem," fuhr der Pfarrer fort, „drücke ich Ihnen das aufrichtige Bedauern der Gräfin aus, wenn sie im Verlaufe Ihrer Unterredung einen verletzenden Ausdruck gebraucht hat." „„Ich bin der Frau Gräfin für diese Rücksicht sehr verbunden, obwohl ich vermuthe, welchem Beweggrund sie entspringt."" „Und jetzt wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie zu thun gedenken." „„Das kann Ihnen die Gräfin sagen, sie weiß es von mir selbst."" „O nein, es ist nicht möglich, daß Sie ein solches Vorhaben ausführen, Sie sagten nur so in der ersten Aufwallung eines gerechten Zornes, Ihr Herz mißbilligt es gewiß schon jetzt." O 26 „»Da haben Sie sich von meinem Herzen eine viel zu Vortheilhafte Meinung gemacht. Nein, nein, ich bekenne meine schlimme Natur, ich kann nicht Böses mit Gutem vergelten." " „Der unglückliche Georg hat schwer gegen Sie gefehlt, aber bedenken Sie die Folgen einer solchen Bekanntmachung. Ziehen Sie als Frau und Christin nicht ein großmüthiges Verzeihen vor?" „„Und meine Pflichten als Gattin und Mutter, soll ich die bei Seite setzen? — Soll ein Mann die Existenz einer vordem so glücklichen Fran ohne Gewissensbisse vernichten, soll er der heiligsten Bande spotten können, soll die Verzeihung seines Opfers ihm noch Straflosigkeit zusichern? Das hieße Gesetz und Moral umgehen."" „Glauben Sie ja nicht," fuhr der Pfarrer fort, „daß Georg ohne Gewissensbisse ein so verdammenswerthcs Verbrechen begangen hat." „„Oh,"" sagte Luch bitter, „„nur kommen sie zn spät, wie das Bedauern seiner Mutter."" „Wenn die Strafe den Schuldigen allein träfe", entgegnete Herr BeauprS traurig, „würde ich keine weiteren Vorstellungen wagen, aber die Schande füllt auf eine ganze Familie zurück, deren Namen stets geachtet war." „„Ich kann für diesen Namen keine Rücksichten haben, die Herr VSricourt selbst nicht gehabt hat."" „Aber es ist auch der Name Ihres Sohnes." „„Die Schmach wird nicht auf ihn fallen; sobald meine Heirath bekannt ist, verlasse ich dieses Land für immer."" „Ueberdieß," sagte Herr Beauprtz säst schüchtern, „bereiten Sie einer andern ganz schuldlosen Frau ein elendes Loos." „„Zögen Sie vor, daß sie an die Giltigkeit dieser scandalösen Ehe fortglaubte?"" „Von heute an," erwiderte der Priester ernst, „ist zwischen Herrn Vüricourt und Fräulein d'Apremont eine ewige Scheidewand. Aber nachdem sie die Nothwendigkeit der Trennung erkannt, lassen Sie ihr wenigstens den unwissentlichen Fehler beweinen, ohne daß die Blicke der bösen Welt auf sie gerichtet sind." „„Fräulein dÄpremont,"" sagte die Crcolin bitter, „„mag hierin handeln, wie ihr Gewissen ihr vorschreibt, es steht mir kein Recht zu, sie zu leiten."" „Aber Sie müssen doch zugeben, daß sie kein solches Loos verdient hat." „„Oh sie, sie ist geliebt,"" rief Luch, ihr Gesicht in beide Hände verbergend. Das war jener Seelenschrei, der unsere innersten Gedanken verräth. Aber sogleich über ihre Schwäche erröthend, fügte sie bei: „„Ich bin selbst so unglücklich, mein Herr, daß mir kein Mitgefühl für das Unglück Anderer bleibt. Wenn Sie wüßten, welche Qualen mein Herz gelitten! Seit länger als einem Jahr beweinte ich den Tod meines Gatten, da hörte ich, daß Georg nicht nur am Leben, sondern im Begriff sei, eine neue Ehe einzugehen. Anfangs glaubte ich an eine Verwechslung, als ich aber nicht mehr zweifeln konnte, daß er dem Schiffbruch entkommen, verwarf ich wenigstens den Gedanken an eine Heirath als eine Verläumdung, mein Herz empörte sich, daran zu glauben. — Selbst sein Schweigen suchte ich zu entschuldigen, und hoffte jeden Tag ihn zurückkehren zu sehen. Endlich konnte ich diese Marter nicht länger ertragen, trotz der Bitten meiner Freunde und der Gefahren der Reise während der Kriegszeit, reiste ich ab, ich mußte Gewißheit haben. Vielleicht, dachte ich, komme ich im schlimmsten Falle noch rechtzeitig genug, ein Verbrechen zu verhindern. Aber kaum angekommen, höre ich, daß er verhei- rathel ist, vcrheirathet seit einem Jahr, während ich noch seinen Tod beweinte! Und man wage es jetzt, mir von Mitleid, von Vergessen, von Verzeihen zu sprechen. Nein, Herr, ich habe zu viel gelitten, und leide noch schrecklich."" Mit diesen Worten sank sie in einen Lehnstnhl und brach in Schluchzen aus. — Der würdige Priester war tief erschüttert; er versuchte es, den einzigen Trost zu spenden. 27 den seine Stellung erlaubte: die Hinweisung auf eine bessere Welt. Aber Lucy's Seele war zu sehr von Bitterkeit erfüllt, nur ergebenen Gemüthern kann man von der himmlischen Vergeltung sprechen, sie wollte Rache. Jetzt versuchte er nur noch, Georg weniger strafbar erscheinen zu lassen. „Hören Sie wenigstens, durch welchen Zusammenfluß unseliger Umstände Ihr Gemahl so weit kam: Seit vierzehn Tagen hatte Georg Ihr Land verlassen, als ein furchtbarer Sturm losbrach, das Schiff „Heinrich" konnte bald nicht länger gegen die Elemente kämpfen, und die Mannschaft sah ihrem Untergang uni so gewisser entgegen, als das Schiff anfing, von allen Seiten Wasser zu schöpfen und ein Versinken unvermeidlich war. Einige Unglückliche, darunter auch Ihr Gatte, suchten durch Schwimmen die nahe Küste zu erreichen; von zwölfen gelang es nur zweien, die andern fanden ihr Grab in den Wellen. O gnädige Frau, hätten Sie Georg die Schilderung seiner Leiden machen hören! alle Uebel schienen in dieser Filiale der Hölle vereinigt zu sein, und dort mußte er Wochen, Monate zubringen. Solche Qualen hätten den Stärksten niedergedrückt, wie viel mehr einen Mann, dem Entbehrungen neu waren. Als daher nach sechs Monaten unsäglicher Leiden Herr von Vsricourt zurückkam, erkannte ihn seine eigene Mutter nicht." Luch war bewegt. Der Pfarrer fügte noch Alles bei, was Georg seiner Mutter zu seiner Entschuldigung gesagt hatte; einen Augenblick gab er sich der Hoffnung hin, die Sache seines Clienten gewonnen zu haben, als er aber den Namen Pauline d'Apre- mont ausgesprochen, erwachte all' ihr Haß wieder und er konnte weiter nichts erreichen, als das Versprechen, vor drei Tagen keinen entscheidenden-Schritt zn thun. VII. Trotz der vorgerückten Tageszeit begab sich Herr Beauprö wieder nach Schloß Vsricourt, um seine Freunde von dem freilich nur sehr geringen Erfolg seines Besuches in Kenntniß zu setzen. Es war ihm bei seiner tiefen Mcnschcnkcnntniß leicht gewesen, zu errathen, daß Luch ihren Gemahl noch immer liebe, aber er nahm sich vor, das Geheimniß vor Georg sorgfältig zn bewahren, denn Hoffnungen an diese noch bestehende Neigung zu knüpfen, wäre thöricht gewesen, ihr Entschluß sich zu rächen, stand zu fest, und das bittere Gefühl verschmähter Liebe machte ihn vielleicht um so unerschütterlicher. — Als er auf dem Schlöffe ankam, war es fast Nacht, die erste Person, die ihm entgegen kam, war Pauline. „Ach, lieber Herr Beauprs," sagte sie, „wie froh bin ich, daß Sie kommen, vielleicht können Sie mir erklären, was hier vorgeht; die Mama ist unwohl und will sich nicht von mir pflegen lassen; Georg hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und will mich nicht sehen. Es muß irgend eine unangenehme Nachricht eingetroffen sein, aber warum theilen sie mir dieselbe nicht auch mit, soll ich nicht Theil an ihren Sorgen haben?" Als der Greis in trübem Schweigen verharrte, fuhr Pauline fort: „Georg hat allerdings schon öfter solche Anfälle von Melancholie gehabt, es war dies bis jetzt mein einziger Kummer, aber dann war immer die Mauia um so liebenswürdiger mit mir, während heute auch sie mich zurückstößt. Ich kann mich doch nicht erinnern, Veranlassung dazu gegeben zu haben." „Ich werde ausführlicher mit Ihnen reden müssen, mein Kind," sagte endlich der Pfarrer, „und bitte Sie daher, morgen früh zu mir zu kommen." „So hab' ich also doch gefehlt," fragte sie ängstlich. „Niemand ist ohne Fehler, deßhalb müssen wir lie Prüfungen, die Gott uns schickt, mit Ergebung tragen. Aber fragen sie mich jetzt nicht weiter, ich kann Ihnen im Augenblick nur so viel sagen, daß weder Georg noch seine Mutter Ihnen zürnen." 28 Pauline beruhigte sich bei dieser Versicherung und der Pfarrer begab sich zur Gräfin und ihrem Sohn. „Nun, wie stehts," fragten Beide zugleich in größter Spannung, „was haben Sie ausgerichtet?" „Nichts als einen Aufschub von drei Tagen." „Also keine Hoffnung, dieses unglückliche Weib zu rühren!" rief die Gräfin. Nach einigem Schweigen setzte sie hinzu: „Wäre es nicht möglich, die Ehe für ungültig erklären zu lassen, vielleicht wegen irgend eines Formfehlers?" „Wenn Sie solche Dinge beabsichtigen, so suchen Sie anderswo Rath, gnädige Frau," erwiderte der Pfarrer streng, „ich habe mich wohl zum Anwalt für den Schuldigen aufgeworfen, aber ich werde die Hand nicht dazu bieten, sein Opfer zu unterdrücken. Diese Frau hat heilige Rechte und schon der Versuch, sie ihr zu rauben, wäre eine Infamie." „Meine Heirath mit Luch hat in aller Form Rechtens stattgefunden," sagte Georg, „und was auch kommen mag, ich will mich auf solche Weise demselben nicht entziehen." „Aber was können wir denn anders thun?" „Gott bitten, Gräfin, daß er das Herz der schwergekränkten Frau rühre. Für jetzt bleibt mir noch eine schwere Pflicht zu erfüllen. Fräulein d'Aprcmont von ihrem Unglück zu unterrichten." „Oh, noch nicht, jetzt noch nicht!" rief der Graf schmerzlich. „Warum sollte ich zögern?" erwiderte der Priester, „muß sie nicht die unselige Wahrheit erfahren? Außerdem gebieten mir die Verpflichtungen meines AmteS, dieß ohne Aufschub zu thun, ich kann nicht zugeben, daß diese reine Seele ein von nun »n strafbares Gefühl beflecke. Ueberdieß verlangt sie von mir Aufschluß über das, was hier vorgeht, und so hart auch der Schlag sein mag, so hoffe ich, er soll sein Heilmittel in sich tragen." „O ja," sagte der Graf höchst aufgeregt, „Sie werden Alles thun, ihr Herz von mir abzuwenden." „Ich hoffe, es soll dies keine große Anstrengung kosten, Fräulein d'Aprcmont wird selbst fühlen, daß Sie ihrer Liebe unwürdig sind." „Mein Herr, mißbrauchen Sie meine unselige Lage nicht!" „Nein," entgegnete der Priester mit Würde, „ich habe lange meinen Unwillen niedergehalten, aber endlich fließt er über. Wie, in dem Augenblick, wo Sie mit blutigen Thränen das elende Loos beweinen sollten, das Sie zwei unschuldigen Frauen bereitet haben, wagen Sie es, zu bedauern, daß wenigstens die Eine minder unglücklich ist, indem sie Ihnen ihre Liebe entzieht?" Bei diesem Vorwurf senkte der Gräf beschämt das Haupt. „Ich fühle ja mein Unrecht," sagte er niedergeschlagen, „aber Sie kennen das Gefühl nicht, dessen Einfluß mich so ganz beherrschte." „Wenn es einen so verdammenswürdigen üben kann, so danke ich Gott aus ganzem Herzen dafür," sagte Herr Beauprs. Dann wandte er sich zur Gräfin und fuhr fort: „Ich laste Fräulein d'Aprcmont noch eine Zeit lang unter Ihrem Dach, weil ich die Nothwendigkeit einsehe, alles Aufsehen zu vermeiden; denn trotz meiner geringen Hoffnungen will ich doch noch alles versuchen, ein Aergerniß zu verhindern." Der Pfarrer ging und ließ die Gräfin und ihren Sohn in einer Unruhe zurück, die an Verzweiflung gränzte. (Fortsetzung folgt.) 29 Max kehrt wieder! And'rer Schmuck zur letzten Ehre Sei der Kranz der Lorbecrrciser -- Eine wchmuthstrübc Zähre Weinet um den todten Kaiser! Wo ist Einer, dem nicht schwer Heut' das Herz im Jammer bebte Ob der blut'gen Wiederkehr Dessen, der vergebens strebte? O, des Purpurs schweres Rauschen Lockte wie Sirenensünge; Seinem Kaiscrtraum ru lauschen Mied er gern das Hofgeprängc; Doch die Träume täuschten ihn Und es ward das scgeusbarc Diadem ein Scheingewiun An der Bucht zu Miramarc! Als vom heimathlichen Sterne Er, ein Meteor, geschieden, Fand in transatlant'schcr Ferne Max nur einen blut'gen Frieden, Haschte von des Purpurs Gluth Nur mehr einen matten Funken, Bis an seinem Kaiserblut Sich die Geier satt getrunken. Wien, 18. Jan. 1868. Laßt uns seine Bahre zimmern, Wer wird uns die Thräne wehren, Denn ihr Glänzen uud ihr Schimmern Soll den todten Helden ehren! Eine Thräne, jammerblcich. Legt nun als die schönste Gabe, Tief erschüttert, Oesterreich Nieder auf des Kaisers Grabe! Nur die Asche kehrte wieder, Aus der Mörder Hand gerettet, Und die blut'gen Kaiscrgliedcr Sind in unsrer Gruft gebettet! Laßt zu einer Krone reihen Jene Perlen, jene feuchten, Laßt unS ihm die Thränen weihen. Daß sie bis in's Jenseits leuchten. Daß ihn auf der Todtcnbahrc Dreifach hier die Kroucnspangcn: Martcrkronc, Reichstiarc Und der Thräncnkranz umfangen; Beugte ihn das Diadem, Statt ihn kaiserlich zu schmücken — Wird der Wehmuth Kron-Eblcm Sanft den todten Kaiser drücken! des Kaisers Maximilian.) (Zur Beisetzung Ein Nachtstück, nach der Natur gezeichnet. Am Ende eines Dorfes in Ostpreußen steht ein kleines, niedriges, einsames Haus aus Holz, wie es die Losleutc fast immer bewohnen, wie überhaupt die mchrsten Bauernhäuser wenig anders gebaut sind. Vier Zimmer mit einem kleinen Fenster und je einer fast dunkeln Kammer daran, in der Mitte des Hauses der weite Schornstein mit Durchgang, zwei kleine Hausflure mit Leitern nach dem Boden, das ist der ganze Grundriß des Hauses, mit getrennten Wohnungen für vier und mehr Familien; denn selten bewohnt Eine ein Zimmer mit Kammer allein. Nur besonders Glückliche können die Miethe von 7 bis 10 Thalern für eine solche Wohnung allein erschwingen. Der Stakelzaun vor dem Häuschen, der im Sommer das winzig kleine Gürtchen schützte, ist längst verbrannt. Wir arbeiten uns durch den hohen, losen Schnee. Die eingeklinkte Hausthür öffnet sich schwer, da eingestühmte Schnccmassen ein Hinderniß bieten. Leise treten wir in die Stube rechts, die eine bis zum Herbste gut gestellte Losmannsfamilie allein bewohnt. Ein Schnee- streifen hat noch durch die Ritzen der Stubenthür den Eingang gefunden, und zeichnet auf dem Lehmcstrich einen weißen Strich. Die gcweißtcu Wände sind mit Eiskristallen bedeckt, das Fenster so dicht befroren, daß im Zimmerchen nur ein Halbdunkel herrscht. Der Kamin zum Kochen an der Wand am Schornsteine hat keine Thüren mehr; sie sind verbrannt. Lange nicht benutzt, ist er voll Stroh gestopft, um dem Winde und dem Schnee den Eingang zu wehren. Am Tische rechts in der Ecke sitzt ein junges, eingehülltes Weib, gedankenlos, mit den Händen einen Zipfel ihres Tuches über ein kleines 30 Mädchen deckend, welches die Füßchen auf die Klumpen gestellt, sich in ihren Schooß geworfen. Auf der Ofenbank, am eiskalten Ofen, liegt aus Gewohnheit ein schlafender Knabe, mit einem zerrissenen Sacke bedeckt. Von dem dürftigen Bette links in der Ecke, welches die ganze Familie aufnehmen muß, wollen wir schweigen. Es ist nicht in Ordnung gebracht. Wahrscheinlich hat las kleine Mädchen, die Wärme in demselben suchend, es nur eben verlassen, um von der Mutter Brod zu verlangen. Unter dem Bette gähnt schwarz ein viereckiges tiefes Loch. Zur Aufnahme von Kartoffeln bestimmt, blieb es dieses Jahr leer, und der Holzdeckel desselben ist längst verbrannt. Die kleine Blechlampe auf dem Ofen ist bestäubt und befrorcn, da lange schon kein Oel da war, die Abende zu erhellen. Eine peinliche Stille herrscht in dem Zimmer, nur von dem leisen Weinen des kleinen, hungrigen Mädchens unterbrochen, von dem Knistern der Scheiben, die der Frost sprengt. Unter schweren, langsamen Schritten hört man draußen den Schnee knarren. — Die Frau lauscht. „Marickc, weine nicht, der Vater kommt; er bringt Geld und Brod, er war ja schon acht Tage auf Arbeit aus." Der Vater tritt ein, eine große, kräftige, aber von Elend und Ermüdung gebeugte Gestalt. Die Klumpest, ja die über die Beinkleider gezogenen wollenen Socken voll Schnee, den langen Stock mit der Eiscnspitzc in der Hand, den Reise- oder jetzt besser Bettelsack auf dem Rücken, die Pelzmütze mit einem Tuche gegen den Schncesturm festgebunden. Die Augen der Frau sind fragend auf ihn gerichtet. Stumm nickt er mit dem Kopfe und legt eine Krähe und einige kleine Vogel auf den Tisch. „Sie sind erfroren, koche sie." — „Womit? Ich habe kein Holz, an Salz nicht zu denken." „Borge bei den Nachbarcn." „Hat keiner. Die Nachbaren auf der anderen Seite sind seit Tagen fort betteln; der Nachbar nebenan erkrankte in der Stadt und starb im Lazareth." „Es ist hier so kalt als draußen; holtest Du oder der Junge kein Sprock?" — „Der Schnee ist zu tief; wir kamen seit Tagen nicht mehr durch. Beim letzte« Gange hat sich Karl, dort liegt er, die Füße abgefroren." Eine traurige Pause trat ein, dann fragte die Frau: „Vater, Du warst auf Arbeit an der Eisenbahn; bringst Du kein Geld mit?" „Man schickte mich von der Stadt auf die nächste Station; ein schwerer Marsch mit hungrigem Magen; und von da — nach Hause, da keine Karren da wären." „Und gingst Du nicht zur Narpe-Entwässcrung, Vater?" „Da habe ich gearbeitet, schwer gearbeitet, uud erhielt fünf Silbergroschcn den Tag. Davon wurde ich allein bei den theuren Preisen nicht satt; vielweniger war für Euch beizulegen. Da ging ich fort und -- bettelte mich nach Hause." „Vater, wir — mußten es auch, um nicht zu verhungern; jetzt ist der Schnee zn tief, wir zu schwach. Seit zwei Tagen kommen wir nicht mehr fort. Jetzt — hungern wir. Suchtest Du aber nicht bei Bauern zu dreschen? Die hätten Dir doch das Essen und für uns 1 Sgr und 4 Ps. gegeben?" „Habe versucht, Mutter; aber cS hat beinahe keiner mehr zu dreschen, die Scheunen sind leer." — „Vater, der Exekutor war hier wegen rückständiger Klassensteuer. Er fand nichts zu nehmen. Vater, was thun wir, damit die Kinder und wir nicht verhungern?- Ich hörte einmal von 600,000 Thalern Unterstützungs - Geldern, die bei der Regierung liegen sollen." — „Mutter, ich hörte auch, aber jetzt ist's stille davon. Wenn's das Wetter erlaubt, gehen wir Alle betteln. Die Kraft ist erschöpft; arbeiten kann ich auch nicht mehr, wenn's selbst Arbeit gäbe." 31 „Vater, ehe es dahin kommen nmß, — warst Du bei dem großen benachbarten Grundbesitzer nach Arbeit?" — „Ach Gott ja, aber er hat ja keine; kaum Getreide genug, um seinen eigenen Leuten Deputat geben zu können. Da bekam ich das Brod" er nimmt es aus dem Bettelsack — „es ist gefroren, aber eßt; ich aß dort warme Suppe, ich halte schon eine Weile aus. — Der Bettelstab ist eine schwere Arbeit. - Und nur auf den Gütern gibt's noch Essen und Brod. Die Bauern haben selbst nichts. Sie haben die Höfe geschlossen, um nicht die Notleidenden mit Worten abweisen zu mr ssen." — Die Familie versank in düsteres Schweigen, in Gedanken au den Bettelstab. -s- * Ein trauriges Bild aus dem Leben! Nicht ein bestimmtes Bild, aber 30,000 bis 40,000 solcher oder ähnlicher Scenen spielen jetzt leider ungefähr täglich im Regierungs- Bezirk Gumbinnen allein!!! Helft!!! Napoleon 8. in Orgon. „Da könnt ihr ihn noch sehen Den alten, stolzen Aar, Da seht ihr ihn noch stehen, Der Herr der Erde war. „Sie haben ihn verstoßen. Besiegt von deutscher Macht, Ihn, der so vielen Großen Demüthigung gebracht." So hört man Viele sagen, Die ihn gefangen sah'n Nach solchen Siegestagen, Nach solcher Siegesbahn. Erblaßt sind seine Wangen, Das stolze Haupt gebeugt. Man sieht nicht Sterne prangen, Die einst die Brust gezeigt. Er hört die Weiber höhnen: „Verflucht! du Bluttyran! Du spielst mit unsern Söhnen, Ihr Blut in Strömen rann." Die Faust geballt umdrängen Selbst Greise sein Gefährt: „Du ließest Länder sengen, Die deine Hand verheert. Wir mußten alle darben Am harten Bettelstab. Und uns're Söhne starben: Du grubst ihr frühes Grab." Indem die Menge höhnet. Zu seinem Spott vereint: Vor Schmerz der Kaiser stöhnet —7 Der große Kaiser — weint! - ll. X. «. *) Es ist historisches Faktum, daß Napoleon l. bei seiner Abführung nach Elba, als er das Städtchen Orgon passirte und von der Menge ans's Gröbste insnltirt wurde, Thräne» vergossen hat nnd nur durch die begleitenden Offiziere vor wettern Exzessen des Pöbels bewahrt blieb. (Dichter nnd Schuster.) Zur Zeit des Königs Jakob l. von Mayorka lebte in Perpignan ein berühmter Troubadour, dessen Lieder weit und breit bekannt waren; besonders galt ein Lied, zu dem er auch eine reizende Musik geschrieben hatte, als ein Meisterwerk. Die ganze Stadt kannte es, und wo man hinkam, hörte man nichts, als dieses Liebchen, was natürlich den Dichter mit großer Freude erfüllte. Als er eines Tages durch die Straßen ritt, vernahm er einen gräßlichen Gesang, der sein Ohr malträtirte. Es war ein Schuster, der so gräulich sang, und das Lied, das er so verstümmelte, war das bekannte Meisterwerk des Troubadours. Dieser stieg vom Pferde, setzte sich zu dem Schuster und bemühte sich, ihm einen bessern Ton beizubringen. Doch vergebens! ! 32 Der Schuster kümmerte sich wenig um die guten Lehren des Troubadours und verballhornte das Lied nach wie vor. Der Troubadour wurde hierüber zornig, zerriß wüthend ein Paar Schuhe, die der Schuster zum Verkaufe ausgehängt hatte, setzte sich zu Pferde und ritt eiligst davon. Hierüber entstand ein Prozeß. Der Schuster verklagte den Sänger vor dem Könige, der diesen vor sich citiren ließ Der Sänger war weil entfernt, seine That zu läugnen, sondern meinte, er habe nur Repressalien geübt. „Ist es wahr," sagte er, „daß ich der Verfasser dieses Liedes bin, und daß die ganze Stadt es nachsingt? Gut denn; nun seht, dieser Mensch hier hat sich vorgenommen, mein Lied gräßlich verstümmelt zu Gehör zu bringen; zum Beweise möge er es hier vortragen, und der König mag entscheiden, ob ich Unrecht habe." Der Schuster erhielt Befehl, das Lied zu singen. Das ganze Auditorium, der König mitinbcgriffeu, brach in ein lautes Gelächter aus über die wahrhaft höllischen Töne, die der Schuster ausstieß, und der König entschied, daß der Dichter die mitgenommenen Schuhe zu bezahlen habe, zugleich aber verbot er dem Schuster, je wieder das besagte Lied zu singen, „denn," begründete der König das Urtheil, „das Lied des Troubadours ist die Frucht seiner Wachen, und wollt Ihr nicht, daß er Eure Arbeit beschädige, so dürft Ihr auch nicht die scinige verstümmeln. Lasset ihn in Frieden, und ich verbiete ihm, Euch je wieder zu belästigen." Kläger und Geklagter waren mit diesem Urtheile einverstanden und entfernten sich zufrieden aus dem Saale. (Nur ein Hund!) Die „WienerVorstadt-Ztg." läßt sich aus Mödling vom 4. ds. nachstehende Geschichte schreiben, welche wohl würdig ist, in die nächste Auflage vonBrehm's „Thierleben" aufgenommen zu werden: „Im Dorfe N. lebte seit einiger Zeit ein junger, hübscher und in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen stehender Gutsbesitzer auf seiner eigenen Realität, der hier und in Wien in größter Achtung stand. Schon seit einiger Zeit bemerkte man Tieffinnigkcit an ihm so oft er aus Wien kam, und doch fuhr er am nächsten Tag nach seiner Ankunft von Wien wieder dorthin zurück. Niemand konnte in Erfahrung bringen, was die Ursache seiner Fahrten und seiner Traurigkeit war. Gestern Früh fuhr Hr. W. wieder nach Wien und kehrte Abends nach 11 Uhr mit seinem Viergespann nach Hause zurück. Hier angelangt, warf er dem Kutscher die Zügel und eine Fünfgulden-Note zu und sagte: „Die vier Pferde sind dein Eigenthum, lebe wohl!" — pfiff seinem Hund und ging in sein Zimmer. Der Kutscher, nichts Gutes ahnend, rief den anderen Stallburschen und folgte eiligst seinem Herrn. Als er im Vorzimmer anlangte, hörte er einen Schuß fallen — er trat in das Zimmer seines Herrn. Dieser saß bleich und verwirrt, eine Pistole in der Hand haltend, auf dem Sessel und starrte eine in ganz kleine Theile zerschnittene Photographie an. Der Schuß hatte seinem Kopfe gegolten, allein in eben dem Moment, als Hr. W. die Mündung der Pistole an die Stirne gesetzt hatte, um loszudrücken, war der treue Hund an ihn hinangesprungen, hatte die rechte Hand gefaßt — und der Schuß ging, statt in den Kopf des Unglücklichen, durch's Fenster in's Freie. Als der Diener eintrat, stand der Hund noch neben seinem Herrn und hielt die Hand mit der Pistole fest in seinem Munde, die er auch nicht losließ, bis der Diener diesem die Pistole aus der Hand genommen hatte. Dann sprang er freudig bellend im Zimmer auf und ab. Hr. W. liegt nun schwer erkrankt danieder". Jemand hatte in ein Fremdenbuch geschrieben: „Ich liebe bei allen Sachen den Kern." — Ein Anderer schrieb darunter: „Mit Dir ist gut Kirschen essen!" Auflösung der Charade in Nro. 2: ^ ___„Geizhals." _ Druck, Aerlaa und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler.