Nr. S. 2. Februar ^1863 Angsbnrger Thu nnr das Rechte in deinen Sachen, Das Andre wird sich von selber machen. Göth e. Rache und Liebe. (Fortsetzung.) VIII. Äm andern Tag begab sich Pantine in aller Frühe zu der besprochenen Unter» redung in die Wohnung des Pfarrers. „Mein Kind," sagte dieser ernst, „ich habe Sie hiehcr kommen lassen, um ungestört mit Ihnen sprechen zu können. Ich kenne Ihre Scelenstärke, die nicht in eitler Philosophie, sondern in der Demuth des Herzens ihren Grund hat; so hören Sie denn, welche Prüfung Gott Ihnen auferlegt." „Sie wollten mir von Georg sprechen," unterbrach ihn Pauline angstvoll, „liebt er mich etwa nicht mehr?" „Im Gegentheil, Sie müssen an diese Liebe nicht anders mehr denken, als um für ihn die Verzeihung des Himmels zu erflehen." „Was sagen Sie da! — Wie können Sie einer Frau die Liebe zu ihrem Gatten verbieten!" „Wenn Sie aber erfahren, daß er durch ein Verbrechen sich Ihrer Liebe unwürdig gemacht hat." „Ich würde nicht daran glauben/" „Aber wenn man Ihnen die Beweise lieferte?" „So würde ich," sagte die junge Frau in steigender Aufregung," mit ihm weinen und beten, denn dann bedürfte er meiner Liebe um so mehr." „Wie aber, wenn gerade auf Sie die Folgen des Fehlers zurückfielen, wenn er Ihnen die traurigste Ansnahmsstellung damit bereitet hätte?" „Es ist immer besser, ich bin die Beleidigte, denn nirgends kann er mehr Nachsicht finden." Das war es nicht, was der Pfarrer erreichen wollte, denn in dem Augenblick war eS ihm nicht darum zu thun, Verzeihen von Beleidigungen einzuschärfen. Er erwiderte daher: „Wenn wir auch den Schuldigen nicht hasten sollen, so müssen wir doch die -Schuld verabscheuen und das Mitleid nicht in strafbare Schwäche ausarten lasten." „Um des Himmels willen, so reden Sie doch, ich höre." „Nun, arme Frau, Herr Vericourt hat Sie betrogen." „Er liebt eine Andere?" rief Pauline. „Er war nicht frei, Ihre Hand anzunehmen; während seines Aufenthaltes in den Antillen hat er eine andere Verbindung eingegangen." Pauline begriff den ganzen Ernst der Anklage noch nicht „Oh, das war sehr Unrecht!" sagte sie. „Wie muß das arme Mädchen gcltten haben, sich in ihrer Neigung getäuscht zu sehen. Aber Sie sagten, gegen mich habe Georg gefehlt, ich finde, daß die verlassene Fremde sich am meisten zu beklagen hat." 34 „Armes Kind," entgegnete der Greis ganz ergriffen bei dem letzten Schlag, den er führen mußte, „sie hat freilich das Recht, sich zu beklagen, denn das Band, das Herr von Väricourt geknüpft, ist nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen geheiligt. — Mögen alle himmlischen Mächte Ihnen beistchen: — Der Graf ist ihr Gemahl!" Ein erdrückter Schrei entwand sich Paulinens Brust, sie sank in den Stuhl zurück, und war nahe daran, die Besinnung zu verlieren; ihre Augen erweiterten sich übermäßig und ein convulsivisches Zittern befiel sie. „Muth, Muth, meine Tochter," sagte der Pfarrer, „mit Gottes Hilfe werden Sie diesen Schmerz überwinden, die Wunde wird vernarben." Nach der ersten schmerzlichen Betäubung begann Pauline: „Aber Georg ist ja verloren, wenn die Wahrheit an den Tag kömmt!" Herr Beauprö mußte dieses edle Selbstvergessen bewundern, die dem Opfer vor Allem die Gefahr für den Schuldigen in Erinnerung brachte, ohne an das eigene für immer verlorene Glück zu denken; dann sagte er tief betrübt: „Leider ist es nur zu wahr, der Augenblick der Strafe ist für den Grafen gekommen: seine verlassene Frau ist mit ihrem Kinde hier angekommen und will ihre Rechte geltend machen." „Aber das wäre ja Georgs Verderben, nein, das kann sie unmöglich, oder sie hat ihn nie geliebt." „Hüten Sie sich," unterbrach sie der Pfarrer, „daß Ihr Mitleid für den Strafbaren, denn ein anderes Gefühl darf für ihn nicht mehr in Ihrem Herzen bleiben, Sie nicht ungerecht mache. Bedenken Sie, was die Fremde gelitten!" Und er erzählte ihr seine Unterredung mit Lucy, während Pauline einen Strom von Thränen vergoß. „Mein Kopf ist in Fieber," sagte sie, „ich bin unfähig, zu handeln. Sagen Sie mir, was ich zu thun habe." „Wir sind übereingekommen, die Gräfin und ich, daß Sie vor der Hand noch im Schlosse bleiben, aber Sie werden begreifen, daß der Graf für Sie nicht mehr existirt, sein Verfahren läßt keine Entschuldigung zu, also hören Sie keine an. Was die Zukunft betrifft, so hängt diese ganz von des Grafen Frau ab, sie hat Euer Aller Schicksal in Händen. Ihrer Familie kann man für den Augenblick die traurige Wahrheit noch verschweigen, es würde die entsetzliche Lage des Grafen nur noch verschlimmern und möglicher Weise ein Unglück herbeiführen." Die arme Frau willigte in Alles; sie, die bis jetzt nur dem Glück gelebt, sah sich mit einem Mal in ihrer Liebe wie in ihrer Ehre bedroht, sie war für immer von ihrem Gemahl getrennt und mußte auch noch für ihn zittern. Sie erkannte die Größe seines Fehlers, aber wenn auch Alles ihn verdammte, hatte sie das Recht, ihn zu verdammen, der zu Liebe er seinen Schwur gebrochen? — Und hatte nicht sie ihn zuerst geliebt und so Theil an seiner Pflichtvergessenheit genommen? Es war freilich nur die Liebe, die sie in ihren Augen als mitschuldig erscheinen ließ, denn hätte sie von seiner Heirath gewußt, wäre er ihr niemals gefährlich geworden. Sie folgte dem Pfarrer in die Kirche und betete da lange mit Inbrunst. Als sie endlich ging, gewahrte sie hinter ihr eine junge Frau in tiefer Andacht versunken, neben ihr hatte eine Mulattin einen kleinen Knaben auf dem Schooß. Pauline war wie auf der Stelle gebannt, als sie dem Blick der Fremden begegnete. Diese erkannte ihrerseits in Pauline leicht das Original von dem Portrait auf dem Schlöffe, wenn auch die Züge jetzt statt des süßen Lächelns tiefe Trostlosigkeit verriethen. Wie sollte man die Gefühle schildern, die in dem Blick lagen, den die beiden Frauen wechselten? — Von Seite der Creolin die furchtbarste Eifersucht, fast Haß, obwohl sie sich des Mitleids nicht erwehren konnte, als sie sah, welche Spuren das Unglück bereits aufgedrückt; Pauline dagegen, wenn sie auch die feinen Züge der Creolin bewundern mußte, betrachtete doch mit Abneigung und einer Art Entsetzen die Frau, die sie plötzlich in einen Abgrund von Elend gestürzt und die mit einem Wort Georg in's Verderben bringen konnte. » 35 Der Eindruck war für Dcide unvergeßlich, welche von ihnen war wohl mehr zir bedauern?! Pauline fühlte ihre Sinne schwinden, auf ihre Kammerfrau gestützt, verließ sie die Kirche. IX. Im Schloß angekommen, wollte sich Pauline sogleich auf ihr Zimmer begeben, als ein Diener ihr meldete, daß der Graf wiederholt nach ihr gefragt habe, und hinzusetzte, ob er ihn von ihrer Ankunft benachrichtigen solle. „Nein, es ist nicht nöthig," sagte sie lebhaft. Aber in demselben Augenblick kam Georg und bat sie, ihr in den Salon zu folgen. „Pauline," begann er, indem er sie mit der bittersten Reue betrachtete, „Du weißt Alles?!" — „Ja." „Und hast Du kein Wort der Verzeihung für mich?" „Du hast meine ganze Zukunft vernichtet; dennoch wünsche ich, Gott möge Dir verzeihen, wie ich Dir verzeihe." „Das thust Du als Christin, aber hat sich Dein Herz schon ganz von mir abgewendet?" „Könntest Du wünschen, daß es anders sei, daß ich durch diese strafbare Liebe meine Leiden noch erhöhte?" „Ja, und solltest Du mich der abscheulichsten Selbstsucht anklagen, der Gedanke, daß ich Dir gleichgültig bin, ist mir unerträglich. Pauline, laß Dein Herz mein Richter sein, wenn mein Fehler groß ist, so ist es auch meine Liebe, Du weißt nicht, wie viel ich gekämpft und gelitten habe." „Nein, ich will nichts wissen, laß mir wenigstens die Vergangenheit, daß ich ohne Schuldbewußtsein jener glücklichen Zeit gedenken kann, wo ich Dich lieben durfte." Pauline wußte selbst nicht, wie viel Liebe diese Worte in sich schloßen, erst die Blicke Georg'S verriethen ihr dies. „Geh," sagte er, „es steht nicht in Deiner Macht, mir Deine Liebe zu entziehen; wenn ich nur die eine Gewißheit habe, daß Dein Herz mir noch gehört, so trotze ich dem Schicksal; Pauline, sage mir, daß meine Stimme noch einen Widerhall in Deiner Seele findet!" Jetzt gedachte Pauline der Mahnung des Pfarrers und im Gefühl der eigenen Schwäche sagte sie mit erheuchelter Strenge: „Ist das der geeignete Augenblick, von Liebe zu sprechen, wenn Sie jede Stunde zur Rechenschaft gezogen werden können für ein so großes Vergehen!" „O, nur um Deinetwillen beklage ich es." „Nun denn, wenn es wahr ist, daß Sie wenigstens thcilwcise das an mir verübte Unrecht gut machen möchten, so bitte ich nur um das Eine: daß Sie mich nie mehr allein sprechen, so lange ich noch dieses Haus bewohne; ich müßte sonst sogleich ein anderes Asyl suchen." „Ich werde mich Ihrem Willen fügen," erwiderte der Graf, das Gesicht in die Hände verbergend, „aber gedenken Sie manchmal eines Unglücklichen, dessen Leiden seinem Verbrechen gleich kommen." „Mitgefühl und Gebet sind die einzigen Beziehungen, die fortan zwischen uns bestehen können, sie sollen Ihnen nie fehlen." Damit verließ die junge Frau das Zimmer und Georg wagte es nicht, sie zurück zu halten. Es war schon Abend, als der Pfarrer einen neuen Versuch machte, mit der Fremden zu sprechen. Aber diese hatte so bestimmt erklärt, sogleich das Haus zu verlassen, wenn Frau Goulard uoch einmal einen Besuch ohne Erlaubniß einführe, daß die Wirthin ein solches Wagniß nicht unternehmen wollte, und Herrn Beauprs nur anmeldete, / 36 worauf Lucy ihn bitten ließ, ihr künftig das Bedauern zu ersparen, ihn nicht empfangen zu können. Als Mcla den Auftrag ausgerichtet hatte, sagte die Wirthin zu ihr: „Ihre gnädige Frau thut sehr Unrecht daran, den Herrn Pfarrer so fortzuschicken, er ist ein so braver Mann." „Herrin schon ihre Gründe haben," meinte die Mulattin. „Ich weiß wohl, was sie will, ist schwer zu bekommen," versetzte die Wirthin schlau lächelnd. „Was bekommen?" fragte Mela. „Mein Gott, glauben Sie denn, daß man fünfzig Jahr in der Welt lebt, ohne zu wissen, was darin vorgeht. Ähre Herrschaft ist doch nicht zum Spazierengehen nach Frankreich gekommen, wozu sonst die vielen Fragen über die Familie Vöricourt." „Herrin das nicht leiden können, daß man sich in ihre Sachen mengen." „Ich bin nicht neugierig, aber mau hat doch seine Augen im Kopf. Ihre Herrin ist eine sehr achtungswerthe Dame, daran ist nicht zu zweifeln, aber die Männer sind so schlimm, ich kenne sie, war ich nicht auch jung? Zudem muß man sagen, daß nicht leicht Einer dem Herrn Georg gleich kömmt, was ist zu wundern, wenn Ihre Herrin in ihm einen vollkommenen Cavalicr sah." Die Mulattin war so betroffen, die Wirthin so gut unterrichtet zu sehen, daß sie gar nicht zu antworten vermochte, die geschwätzige Frau Goulard konnte daher fortfahren: „Mein armer Goulard hat es immer gesagt, daß Reisen für junge Leute gefährlich ist; denn gewiß, Hütte Herr Georg die Reise nicht unternommen, so hätte er nicht Schissbruch gelitten und hätte auch Ihrer Herrin keine thörichten Versprechungen gemacht. Unter uns gesagt, bcläuft sich daS Ncucgeld hoch?" — Als sie aber die erstaunte Miene der Mulattin sah, fügte sie erläuternd bei: „Sie kennen vielleicht den Ausdruck nicht, sehen Sie, das ist so: Herr Väricourt wird Ihrer Herrin die Ehe versprochen haben; aber Versprechen und Halten sind zweierlei, besonders in Liebcssachen, Ihre Herrin wird sich aber sicher gestellt und in einem schriftlichen Versprechen eine bedeutende Summe verlangt haben, falls der Herr Graf sich anders besinnt, und obwohl die Vericourts meine ehemalige Herrschaft sind, so muß ich doch sagen, sie haben Unrecht, denn Versprechen macht Halten." Ucbcrraschung und Zorn hatten Anfangs die Mulattin sprachlos gemacht, endlich schrie sie im höchsten Unwillen: „Geld, die Herrin wollen Geld! wer das sagen, der lügen niederträchtig." „Nun, so sind Sie nur nicht böse, man kann sich irren, ich wünsche es für Ihre Dame." Aber die Mulattin ließ sich damit nicht beruhigen. Die Wirthin hatte mit Scharf- sicht das rechte Mittel getroffen, sie zum Reden zu bringen. Die gröbsten persönlichen Schmähungen hätte sie gelassen hingenommen, aber jetzt war sie in ihren theuersten Gefühlen verletzt. „Herr Georg werden jetzt zittern," rief sie außer sich, „aber nicht für Geld, für seine Ehre." Die Wirthin sah sie ungläubig an. — „Herrin den Betrüger schon strafen," fuhr sie fort, vor Zorn erblassend, „und auch seine Frau . . . werden schon sehen." „Seine Frau, was kann denn das unschuldige Kind dafür, wenn ihr Mann sein Wort nicht gehalten hat." „Aber wenn sie nicht die Frau sein?", platzte endlich die Amme heraus. „Ei was Tausend, als ob wir nicht Alle der Trauung beigewohnt hätten!" — lachte die Wirthin. „DaS sein nichts." „Eine Trauung von Herrn Bcauprä, unscreni Pfarrer, daS wäre nichts?" Die Mulattin behauptete es durch Zeichen. „Die Anhänglichkeit an Ihre Herrschaft macht Sie unvernünftig, ich glaube wohl, 37 daß Sie Herrn Georgs Frau nicht leiden können, aber deßhalb ist sie doch seine Frau." „Werden schon sehen, werden schon sehen!" „Es ist ein ernsthaftes Ding um die Ehe bei uns, Niemand lann damit Scherz treiben, vielleicht daß man es bei Ihnen, wo eS noch viele Wilde gibt, nicht so genau nimmt." — Mela preßte die Lippen zusammen, das Schweigen kostete ihr eine große Anstrengung. Aber die neugierige Wirthin wollte durchaus das Geheimniß herauskriegen und fuhr daher fort: „Wir armen Frauen sind immer das Opfer, besonders wenn wir ein zärtliches Herz haben; mir geht das Unglück Ihrer Herrin wirklich nahe, aber was kann man machen, Herr Georg ist nun einmal vcrhcirathct." „Werden schon sehen," murmelte Mela wiederum zornig drohend. „Pah, was soll man denn sehen?" fragte Frau Goulard etwas verächtlich. „Ob ein Mann zwei Frauen heirathcn können," sagte Mela außer sich. Endlich, dachte die Wirthin, ist das große Wort gefallen, dann rief sie mit erkünstelter Ucberraschung: „Was sagen Sie mir! Sollte das wahr sein?" Aber Mela bereute schon die unklugen Worte, die ihr entschlüpft waren. Aergerlich über sich und die listige Wirthin, die ihr Geheimniß entrissen, ging sie fort, ohne mehr ein Wort zu sagen. Frau Goulard dagegen war höchst befriedigt über daS Gelingen ihres Planes. Die schlaue Wirthin hatte bald vermuthet, daß Lucy's Fragen über die Familie Vüricourt einen andern Zweck hätten, als bloße Neugierde; ihr Besuch auf dem Schloß und noch mehr die Unterredung mit dem Pfarrer bestätigten ihr dies. — Wir wollen annehmen, daß häusliche Geschäfte sie in das anstoßende Zimmer führten, wo sie von dem Gespräch wenigstens so viel vernehmen konnte, daß Herr BcauprS immer im Ton der Bitte, die Dame dagegen immer im Ton des Unwillens sprach; einen Augenblick dachte sie an ein Ehevcrsprechen, bald aber kam sie der Wahrheit auf die Spur, denn sie kannte den Stolz ihrer ehemaligen Herrschaft zu gut, als daß sie glauben konnte, sie ließe sich um des Geldes willen zum Bitten herab. Jetzt hatte sie die Gewißheit, daß jeden Augenblick Schmach und Schande über die Vvricourts hereinbrechen konnte; da sie aber im Grunde nicht böse war, so nahm sie sich fest vor, zu schweigen. Wir werden in der Folge sehen, wie sie in ihrem Vorhaben bcharrte. (Fortsetzung folgt.) Das Auge. ES ist oft bemerkt worden, daß das edelste der -menschlichen Sinneswerkzenge, daS Auge, eine gehcimnißvolle und fast Furcht erregende Wirkung auf die übrige lebende Schöpfung äußert. Die giftige Schlange fühlt sich durch den starren und unverwandten Blick des wüthigen Ziegenhirteu gleichsam entwaffnet, und daS grimmige Thier, welches einige Augenblicke vorher mit lechzender Zunge und mit glühenden Blicken sich zum Angriff rüstete, streckt nun seinen Körper auseinander und wagt nicht mehr, von der Stelle zu weichen. Tiger und Löwen, welche in dem engen Raume eines eisernen Käfigs verschlossen und von den sie bedienenden Wärtern vor jeder Mahlzeit durch gewaltsame Entreißung des ihnen dargereichten Futters in grenzenlose Wuth verseht werden, würden in solchen Augenblicken Jedermaun ohne Unterschied anfallen; der mit ihnen vertraute Wärter dringt nur unter lärmenden Vorbereitungen in das Behältniß des hochcrbittcrten Thieres, faßt es aber zugleich mit so durchdringenden Blicken, daß das betrogene Ungcthüm zu Boden fällt und durch die gewöhnlichen Liebkosungen dem Könige der Schöpfung huldigt. Der Muth der amerikanischen Wölfe hört von dem Augenblicke auf, da sie der Mensch starr anblickt. Ich bin nicht nur überzeugt, daß ein unerschrockener Mann, wann er anders nicht der angreifende Theil, in äußerst wenigen Ausnahmen vor den Angriffen der 38 im freien Zustande befindlichen reißenden Thiere vollkommen gesichert ist, sondern auch, daß sie ihm jedesmal ausweichen werden, sobald sie noch Raum genug besitzen, um ihm aus dem Wege zu gehen. Ich nähme mich häufig versuchsweise mit verschlossenem Auge deni Rennthierc, ohne es zu verscheuchen, während es bei dem leisesten Blinzeln von meiner Seite mit Windesschnelle davonjagte. — Im zoologischen Garten in London suchte ich, so oft ich hinkam, die Löwen auf, deren sich über ein Dutzend dort befindet. Mit einem derselben unterhielt ich mich besonders gerne, d. h. nur mit den Augen. Blickte ich ihn freundlich und sehnsüchtig an, so kam er so nahe, als es die Schranken seines KäsigS erlaubten, mit Geberden, als ob er mich liebkosen wolle; warf ich ihm aber durchdringende und finstere Blicke zu, so ging er nach dem Hintergründe, sich unterwegs wiederholt nach mir umschauend ob ich in meinem Trotze verharre. Aendcrte ich den Blick, dann kehrte er wieder zurück; bcharrte ich aber in meinem scheinbaren Grimme, dann suchte er sich im hintersten Winkel seines Lagers zu verbergen und stieß ein dumpfes stöhnendes Brüllen auS der Tiefe seiner Brust hervor, als ob er seinen besten Freund verloren hätte. Rabbi Maier und sein Weib. Un einem Sabbathtage saß der große Gelehrte Rabbi Maier auf seinem Lehrstuhle in der Schule und unterrichtete das Volk. Während dieser Zeit waren seine beiden Söhne, junge hoffnungsvolle und kerngesunde Menschen, eines plötzlichen Todes gestorben. Das Weib des Rabbi trug die beiden Leichen auf die Platform des Hauses, legte sie auf ein Bett und bedeckte sie mit weißen Linnen. Am Abende kam Rabbi Maier nach Hause. „Wo sind meine Söhne?" fragte er, „damit ich ihnen meinen Segen ertheile." „Sie sind in die Schule gegangen," erwiderte sein Weib. „Ich habe sie dort gesucht, ich habe mich nach allen Seiten umgesehen, aber meine Söhne nirgends erblickt." Da es Abend ward und der Sabbath mittlerweile zu Ende ging, verrichtete Rabbi Maier das übliche Gebet, trank einen Schluck Wein und fragte von Neuem: „Wo sind meine Söhne? Ich will, daß sie von dem gesegneten Weine trinken." „Wahrscheinlich sind sie nicht weit von hier," erwiderte die Mutter. Und sie reichte ihrem Manne zu essen. Nachdem er gegessen und das Nachtischgebet verrichtet hatte, sagte sein Weib zu ihm: „Erlaube mir, daß ich an Dich eine Frage richte." „Sprich, Geliebte," erwiderte er. „Vor einigen Tagen hat mir Jemand einen werthvollcn Schmuck anvertraut, den er heute von mir wieder zurückfordert. Muß ich ihm denselben zurückstellen?" „Eine solche Frage," erwiderte der Rabbi, „hätte mein Weib an mich zu richten nicht nöthig gehabt; — willst Du denn von mir ermächtigt werden, den Schmuck zu behalten?" „Weit entfernt," antwortete sie, „aber nur wollte ich es nicht thun, ohne Dich früher davon zu unterrichten." Mit diesen Worten führte sie ihren Mann hinaus auf die Platform zu den beiden Betten und nahm die weißen Decken herab. „Meine Kinder," rief der Vater entsetzt aus, „meine Kinder todt!" Die Mutter wandte sich weinend ab. Dann ergriff sie ihren Mann bei der Hand und sagte: „Rabbi! hast Du mich nicht gelehrt, daß man ohne Murren das zurückgeben soll, was einem anvertraut wurde? Siehst Du, der Herr hat sie uns gegeben, der Herr hat sie uns gcuommcu, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!" „Gebenedeit sei der Name des Herrn!" wiederholte der Rabbi und begab sich beruhigt in sein Zimmex zurück. 39 (Der Chignon.) Damen, die Chignons tragen, werden mit Vergnügen hören, daß die Angabe, das Haar dazu werde von den Leichen der in Hospitälern und sonstigen öffentlichen Anstalten sterbenden Personen genommen, nicht auf Wahrheit beruht. Sobald der Tod eintritt, wird das Haar spröde und läßt sich nicht mehr locken und flechten. — Marseille ist der Hauptplatz für den Handel mit menschlichen Haaren, und mehr als 40,000 Pfund dieses Artikels werden dort alljährig, hauptsächlich aus Italien, und speciell aus Sicilien, Neapel und dem Kirchenstaate, zum Theil auch, jedoch in gerin» geren Quantitäten, aus Spanien und einzelnen französischen Departements, eingeführt. Von den Provinzen Frankreichs liefern die Bretagne und die Auvergne die stärkste Zufuhr; die Käufer gehen dort an den Markttagen umher und lassen die Mädchen, die ihr Haar verkaufen wollen, auf ein Weinfaß steigen und ihre Frisur lösen, worauf um das Herabwallende Haar ein eifriges Bieten erfolgt. Da ein gewöhnlicher Chignon nicht mehr als 3'/2 Unze wiegt, so würde die Zufuhr für den Markt in Marseille allein für 180,000 Kopfzierden hinreichen. Ein großer Theil des dort importirren Haares wird in der Stadt verarbeitet und dann wieder nach Spanien und Algier cxportirt. Die Friseure von Marseille, die alle mehr oder weniger sich mit der Fabrikation und dem Handel mit Chignons befassen, zählen gegen 400 Mann, und vier große Fabriken bringen jährlich 55,000 Chignons allein für heimische Consumption in den Handel, wovon 30,000 in's Innere geschickt, die übrigen 25,000 in Marseille und dessen Vorstädten verbraucht werden. Ein einziges Pariser HauS in der Passage des Petits Pcres setzt jährlich im Detailverkauf nicht weniger als 15,000 Chignons ab. Die Preise wechseln zwischen 12 — 70 Francs, obwohl es auch einzelne Chignons 250 FrancS per Stück gibt. Am theuersten werden die rothen bezahlt, die meist aus Schottland kommen. Von Frankreich wurden nach England im vorigen Jahre 11,954 Stück und außer diesen noch für 7000 Francs Haare zu Chignons ausgeführt, welche letztere in England zurccht gemacht wurden. Der Gesammtwerth der französischen Ein- und Ausfuhr von Chignons iu Haaren im vorigen Jahre belicf sich aus 1,206,500 Francs. Die besten Kunden waren England und Amerika. (Eine Legende der Neger.) Jedes Volk hat seine Legenden, selbst den Negern am Senegal fehlt es nicht daran. Eine derselben erzählt die Schöpfung des Menschen- Geschlechts in folgender Art: Nach ihrer Angabe nahm Gott, als er die ersten Menschen erschaffen wollte, Thon, knetete denselben, bildete daraus die Form eines Menschen, die er in einen Ofen stellte, um sie dort zu brennen, und ihr dann, wenn der Körper fertig hergestellt sei, eine Seele zu geben. Die irdene Statue, welche den Wirkungen des Feuers zu kurze Zeit ausgesetzt gewesen war, kam blaß aus dem Ofen. Gott hatte den Weißen erschaffen, den Europäer, das unvollendete Geschöpf, welches der göttliche Künstler als seiner ganz unwürdig w fgab. Den zweiten Versuch des menschlichen Wesens ließ er länger im Ofen und zog ihn dann heraus; seine Farbe war dunkler, aber sie war noch nicht die Vollkommenheit; Gott hatte nur den Mauren erschaffen. Gott nahm nun sein Werk zum dritten Male auf, und dann ging auS dem Brenn- Ofen der Neger, d. h. die Vollkommenheit, hervor. Gott ließ dann die drei erschaffenen Wesen — den Mauren und den Neger — einschlafen und während ihres Schlafs stellte er eine Börse und ein Pferd neben sie. — Der Erste, welcher erwachte, war der Weiße; er sah das Pferd und die Börse und nahm das Geld. Der Maure öffnete als der Zweite die Augen; er bemächtigte sich des Pferdes, sprang auf den Rücken desselben und eroberte die Wüste. 40 Was den Neger anbetrifft, welcher schöner als seine Bruder, aber auch fauler war, so erwachte derselbe zuletzt und hatte Nichts. Deßhalb ist der arme Teufel zur Arbeit während der Ewigkeit verurtheilt, weil der erste Vater seiner Race die Dummheit begangen hat, eine Stunde zu lange zu schlafen. (Frauenarbeit.) Frau von Gayette - Georgens sagt in einer Erwiderung auf »in Gedicht Paul HeyscS, gegen die Bestrebungen, die Stellung der Frauen im Arbeits» und Staatsleben zu reformircn: „Nachdem man so viel auf der Erde über die Frauen gesprochen, dürfte es an der Zeit sein, die Emancipation der Männer in's Auge zu fassen; diese Emancipation von süffisanter politischer Freiheitsspielerei, von schleichender Rechlsverdrcherci, von träger Indifferenz bei den wichtigsten Zeitsragen, von schleppender Nonchalance im Geschäfte bei fetter Besoldung, von anmaßender Flegelei und specifischer Grobheit b;i Gelegenheiten, wo auf dem Posten gefällig und hülfreich zu sein Pflicht wäre, vom Wirthshaus-Schlendrianlebeu, vorn gedankenlosen Kartenspiel, vom Schulden» machen und so viel tausend Dingen mehr, von Vorurtheilen, faden Complimenten armseliger Ueberhebung u. s. w. Es fehlt aber an emancipirten Männern, die meisten lassen sich von den Frauen, die sie so gering halten, und denen sie die Fähigkeit deS Denkens absprechen: berücken, beschwatzen, bethören, kurz — regieren." (Zur Statistik der Orden.) Man zählt heute 148 Orden sür Verdienste im Civil und Militär, und zwar in Frankreich, Griechenland, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha, Mecklenburg, Oldenburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sonders- Hausen, in der Republik Sau Marino, Modena, im Fürsteuthum Monaco, in Montenegro, Tunis, in China und auf den Sandwichs-Jnseln je 1; in Dänemark, im Nassauischeu, iu Hessen-Darmstadt, Belgien, Parma und Persien je 2; in Hannover, Württemberg, im Badischen, in Toscana, in der Türkei und Mexico je 3; iu Italien, den päpstlichen Staaten, im König reiche Sachsen, >u Holland und"Kurhesserr je 4; in Schweden und Norwegen, dann in Sicilien »nd in Brasilien je 6; in Portugal und England je 7; iu Rußland 8, in Oesterreich 9, (in ! Spanien 10, in Preußen 11, in Bayern 18, darunter vier Franenorden. Deutschland steht demnach im großen und ganzen hier diesfalls obenan. Zn diesen Decorationen kommen noch zwei kirchliche Orden, die unter den Auspicken des heiligen Stuhles stehen. Die ältesten Orden sind: der militärische Calatrava Orden (1158 durch Sancho ü>. von Castilien gestiftet), St. Jago vom Schwerte (1170), Alcantara-Orden (1156), der dänische Danebrog-Orden (1219), die por- tugiesischenOrden des hl. Beuedict von Aviz (1162) und St. Jago (1167). Zu den jüngsten Orden gehören: der Stern von Indien und der türkische Osmanie-Orden (1861), der mexikanische Adlci'Orden, Kamehameha auf den Sandwichsinseln (1865). Unter den abgedachten Decorationen sind acht nur für Damen bestimmte, nämlich in Oesterreich der Sternkurez-Orden iu Bc' < a der Orden der heiligen Elisabeth, der Theresien-Orden, der St. Aunen-Ordcn des Damenstistes zu München und der gleichnamige Orden des Damenstiftes zu Würzburg; in Portugal der Orden St. Elisabeth; in Mexico der kaiserliche Orden des heiligen Karl; in Preußen der Louisen-Orden. Alle Republiken, mit Ausnahme von Sau Marino, kennen keine durch Ordens-Verleihuug begrüuoete persönliche Auszeichnung. „Wer da?" rief die Schildwache, während in der Nacht ein Dieb an einem Hause vor- beiging. Keine Antwort. — „Wer da, Spitzbube!" rief die Schildwache zum zweiten Male. — „Nun, wenn Ihr mich kennt, warum fragt Ihr denn noch," entgegnete der Dieb. »ad Uttn>ri(che» JustiwtS »oa vr. HxtUv.