Nr. 6 . 9. Februar 1868. „Sag nur, warum du in manchem Falle So ganz untröstlich bist?" Die Menschen bemühen sich alle Umzuthun, was gethan ist. Göth e Rache und Liebe. (Fortsetzung.) X. Noch einmal wollte Herr Beauprs versuchen, das Herz der Creolin zu erweichen. Er ging abermals in den „Weißen Hirsch" und schrieb ein Paar Zeilen, worin er dringend um eine Unterredung bat. „Ich will warten, gnädige Frau," schrieb er, „so lange es Ihnen gefällt, aber ich gehe nicht, bis ich Sie gesprochen habe." — Luch willigte ein. Wiewohl höchst ungern. „Mein Herr," begann sie, „Sie mißbrauchen die Achtung, die ich vor Ihrem Stande und Ihrem hohen Alter habe." „Verzeihen Sie den Unglücklichen, wenn sie lästig sind, gnädige Frau." „Aber wenn alles Bitten vergebens ist." „Wissen Sie nicht, wie schwer man eine letzte Hoffnung aufgibt?" „Oh, nur zu gut weiß ich cS," erwiderte Lucy, über ihr eigenes Schicksal nachdenkend. „Man klammert sich daran wie der Schiffbrüchige an das Brett, das seine elende Existenz um einige Stunden fristen soll, dann kommt der schreckliche Augenblick, der auch diese letzte Stütze raubt — man fühlt das Herz im Leibe erstarren! — Ich kenne das, mein Herr, Ihre Schützlinge haben es mich gelehrt." „Ich erkenne, wie gerecht Ihre Entrüstung ist, aber je größer die Beleidigung, desto edler wäre das Verzeihen, Gott selbst hat dies Gebot uns eingeschärft." „Nein, ich habe zu Viel gelitten, ich will Sühne haben. Nur aus Rücksicht für Sie habe ich einen Aufschub von drei Tagen gewährt, will Herr Vericourt dieselben zur Flucht beuützen, so mag er es thun, nach zwei Tagen erkläre ich meine Heirath." „Ach, der Graf mag fliehen oder nicht, die Schande lastet auf ihn und seiner Familie. „Ohne Zweifel." „Aber Sie können das nicht wollen." „Gewiß, ich will es, Gott hat mich zum Werkzeug gemacht, sein Verbrechen zu strafen." „Dieser entschiedene Ton ließ keine Hoffnung mehr aufkommen. Mit betrübtem Herzen kehrte Herr Beauprs in's Schloß zurück. „Sie müssen fliehen, Graf," sagte er, „es ist noch immer besser, wenn Sie während des scandalösen Prozesses nicht hier sind." Auch die Gräfin drang in ihn, aber Georg bestund darauf, zu bleiben. — „Nein," sagte er, „wenn ich weder Pauline noch meine Ehre retten kann, so fliehe ich nicht feige, um mich der Strafe zu entziehen." „Nun, so mag Gott mir gnädig sein und mich sterben lassen," seufzte die Gräfin. Nach einigem Schweigen fügte sie bei: „Wie wäre es, wenn ich selbst zu dieser Frau 42 ginge. Ach, um meinen Sohn zu retten, wollte ich mich demüthigen und sie auf den Knieen um Verzeihung bitten." Herr Beauprs schüttelte traurig den Kopf. Trotz allem guten Willen war sie bei ihrem stolzen, reizbaren Charakter zur Rolle einer Bittenden nicht geeignet, überdieß sah Lucy in ihr die erste Ursache ihres Unglücks. „Mutter," sagte Georg, dessen Züge sich plötzlich belebten, „ich selbst will zu Lucy gehen." „Du, das ist unmöglich, nicht wahr, Herr Beaupre, das kann nicht sein?" Der Pfarrer gedachte der Liebe, die Lucy noch immer für ihren Gemahl empfand, und freute sich innerlich dieses Entschlusses, obwohl er deren Gefühle nicht verrathen wollte. Er sagte daher nur: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, vielleicht hat Gott ihm den Gedanken als letztes Rettungsmittel eingegeben." Bevor wir dieser Unterredung folgen, wollen wir uns umsehen, ob Frau Goulard ihrem Vorsatz, zu schweigen, treu geblieben ist. Gewiß hatte sie den besten Willen dazu gehabt, ein ihrer ehemaligen Herrschaft so fatales Geheimniß zu bewahren, sie that es auch einen ganzen Abend, aber zum Unglück traf sie des andern Morgens ihren Zunft- Genossen, den Wirth zum „Goldenen Löwen." „Sie haben ja jetzt eine vornehme Dame, die von den Antillen kömmt, zu Gast Geben Sie Acht, den Leuten, die so weit her sind, ist nicht zu trauen, solche Gäste seh' ich immer lieber vor meiner Thüre vorüber gehen." Frau Goulard fühlte die Zornesröthe in's Gesicht treten, sie antwortete aber gelassen: „Sie möchten Recht haben, Herr Bvnard, denn Sie können aus Erfahrung sprechen. Die Geschichte mit dem angeblichen Lord, der voriges Jahr bei Ihnen logirte, und sich wie er sagte, vor der Regierung verbarg, war ärgerlich genug, denn eines Tages konnten Sie ihn selbst nicht mehr finden, er war fort und hatte vergessen, die Zeche zu zahlen. Aber sorgen Sie sich nicht, ich weiß um die Angelegenheiten, die die Dame hieher führten." „So, sie hat Sie zur Vertrauten gemacht," spottete der Wirth, von der Anspielung auf den Lord unangenehm berührt. „Wundert Sie das?" „Mich? — nicht im Geringsten, ich bin auch überzeugt, daß Niemand von dem Geheimniß etwas erfährt." „Und warum?" „Eh" lachte der Wirth laut auf, „weil Sie selbst nichts wissen." „So, weil ich nichts sagen will, meint man, ich weiß nichts." „Ich behaupte es sogar." „Das ist zu arg; aber ich merke, Sie wollen mich reden machen, nichts sollen Sie erfahren, nur das Eine sage ich: In kürzester Zeit wird ein Ereigniß eintreten, das die ganze Stadt in Aufregung bringen wird, dann erinnern Sie sich des Gesagten." Und mit ihrer Standhaftigkeit sehr zufrieden, ging Frau Goulard von bannen. — Eine Stunde später erzählte man sich die abenteuerlichsten Gerüchte über die fremde Dame. Frau Goulard wurde förmlich mit Besuchen bestürmt, noch eine Zeit lang hielt sie sich tapfer, aber endlich erlag sie dem erheuchelten Mißtrauen ihrer Fragestellcrincn, und bald war die Nachricht von des Grafen Heirath mit Lucy in der ganzen Stadt bekannt. Die Zeit der Revolution war noch nicht so ferne, daß nicht in der Bevölkerung ein gewisser Haß gegen die Adeligen zurückgeblieben wäre, besonders gegen die Vvricourt's, die der großen Katastrophe so glücklich entgangen waren. Mit wahrem Vergnügen hörte man daher von dem scandalösen Ereigniß, das den Stolz dieser Familie brechen mußte. Das Gerücht kam endlich auch dem Staatsanwalt zu Ohren, einem jungen Beamten, der darin mit Freuden die Möglichkeit zu einem glänzenden Debüt erblickte. Einen ganzen Tag erwartete er die Anzeige, die, wie man ihm sagte, die Fremde zu machen gedenke; als sie nicht kam, sagte er sich, daß die Dame ohne Zweifel eine Scheu habe. 43 ihre Rechte geltend zu machen, und daß es an ihm sei, sie aufzumuntern. Freilich, wenn er wieder bedachte, aus welch' trüber Quelle die Angaben flößen, war er wieder zweifelnd, was er thun solle, ein voreiliger Schritt mußte ihn ja lächerlich machen. Lassen wir den jungen Beamten in seiner Unschlüssigkeit und kehren wir zu Luch zurück. XI. Au dem tiefen Seelenleiden, das an der unglücklichen Luch nagt, hat sich auch ein körperliches Unwohlsein gesellt. Umsonst hat sie den Fauteuil an's Fenster geschoben, aus der engen, schmutzigen Gasse dringt nur eine schwere, unreine Luft herein, es liegt wie eine ungeheure Last auf ihrer Brust und sie möchte rufen: Luft, Luft! Wer gibt ihr ihre schöne Heimath wieder? Wer den Frieden und das Glück ihrer Jugend? Ach, sie sind auf immer entschwunden, wie jene Tage in den Schooß der Zeiten. — In wenigen Stunden ist die Frist um, die sie auf Herrn BeauprL's Bitten gewährt hat, sie wird vor aller Welt die Anerkennung ihrer Ehe verlangen und die Nichtigkeit jener der Fräulein d'Apremont beweisen. Mit einem Schlag werden ihre Feinde vernichtet fein! — Wie kommt es denn, daß sie bei dem Gedanken an Georg's Strafe ein unbestimmtes Entsetzen fühlt? Umsonst will sie gegen diese Schwäche kämpfen, sie wünscht, ihr schuldbeladener Gemahl möge sich durch die Flucht retten. Der Zufall wollte, daß dieser Tag der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung war. Welch furchtbare Veränderung in dieser kurzen Zeit, wer hätte ihr damals eine solche Zukunft prophezeit! Wie glücklich schien Georg, wie feurig schwur er ihr ewige Liebe zu, und mit welcher Hingebung legte sie ihr Geschick in seine Hände. Sie dachte an die Glückwünsche, die sie empfing, an die sanften Vorwürfe, die sie ihrem Vormund machte, daß er die allgemeine Freude nicht theile; nicht als ob Herr Raviercs die Aufrichtigkeit des Grafen bezweifelte, er bedauerte nur, daß er sich von seiner lieben Mündel trennen mußte. Wie viel bittere Thränen sind diesen kurzen Augenblicken der Freude gefolgt! Plötzlich sprang der kleine Georg, der im Nebenzimmer gespielt hatte, in'S Zimmer und rief: „Mama, ein fremder Herr." Lucy erhob die Augen — — ihr Gemahl stand vor ihr. Eine tödtliche Blässe überzog das Gesicht der Crcolin, sie legte die Hand auf's Herz, um dessen Schläge zu hemmen, sie wollte aufstehen, aber ein heftiges Zittern zwang sie, in den Stuhl zurück zu sinken. Umsonst will sie gegen diese Verletzung ihres Asyls Verwahrung einlegen, die Worte ersterben ihr auf den Lippen, ihre Augen nur drücken aus, was in ihrer Seele vorgeht. Fast nicht weniger ergriffen betrachtete sie der Graf mit schmerzlicher Ueberraschung. Auf diesem, jüngst von Schönheit und Jugend strahlendem Gesichte, kann der Unglückliche alle Qualen lesen, die er verursacht, und eS däucht ihm, daß er unmöglich Verzeihung erlangen kann. „Mein Herr," begann sie endlich mit kaum vernehmlicher Stimme, „was wollen Sie hier?" „Ich bin gekommen, für meine Mutter zu bitten ..." „Ihre Mutter ist mir nichts, und auch Sie sind mir nichts mehr, Graf, denn Sie habe» alle Bande zwischen uns zerrissen, also lassen Sie mich!" „Stoße mich nicht zurück, Lucy, ohne mich gehört zu haben, im Namen unseres KindcS bitte ich!" „Des Kindes, das Sie verlassen haben!" sagte Lucy mit vernichtender Verachtung. „Ich will nichts hören, nichts gewähren." „Ich versuche nicht mich zu rechtfertigen," stammelte Georg, „wie sollten Sie die unselige Veränderung begreifen, die meine langen Leiden in mir hervorgebracht. Ohne alle Energie, scheute ich den Kampf gegen meine Mutter, um Sie ihr als Tochter vorführen zu können; ich fühle, wie verächtlich dies war, und erröthe darüber, aber glauben Sie mir, ich war damals nicht mehr ich selbst." 44 „Und als Sie Fräulein d'Aprcmont an den Altar führten, war es auch in diesem Zustand der Entkräftung und Hinfälligkeit," unterbrach ihn Lucy mit bitterem Spott. „Nein," sagte Georg mit gesenktem Blick, „eine strafbare Liebe hatte sich in mein Herz geschlichen, mein Verbrechen ist ohne Entschuldigung." „Warum ohne Entschuldigung? Suchen Sie dieselbe doch in ihrer Schönheit, in ihrer Geburt, die wenigstens sie würdig machte, Ihren Namen zu tragen. Zudem konnten Sie sich ja schmeicheln, daß Ihre verlassene Gattin Ihren Verlust nicht überlebt habe, und Sie sonach frei wären, eine andere Verbindung einzugehen. Leider hat der Kummer nur meine Gesundheit zerstört und diese Schönheit, die Sie einst so zu fesseln schien, aber ich habe nicht sterben können. Glauben Sie mir, Niemand beklagt dies mehr, als ich." „Du bist grausam, Lucy," sagte der Graf, „aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen. Dennoch hab' ich nicht ganz an Deiner Verzeihung verzweifeln können. Du warst immer die beste, hochherzigste Frau, die ich gekannt, ich appellire an dieses Gefühl." „Sie irren sich, wenn es so war, haben Haß und Unwille diese Eigenschaften völlig verdrängt." „Unmöglich, so können Sie sich nicht geändert haben. Doch hören Sie wenigsten- die Vorschläge, die ich Ihnen mache. Ich nehme im Ausland Dienst, vor meiner Abreise vermache ich unserem kleinen Georg rechtsgiltig mein ganzes Vermögen, er soll in Frankreich bleiben und bei meiner Mutter erzogen werden. Sie können seinetwegen gewiß ruhig sein, meine Mutter wird in ihm die einzige Erinnerung an ihren Sohn sehen, denn ich kehre nie mehr zurück." „Das heißt, mein Sohn soll auS Gnaden bekommen, was ihm von Rechtswegen gebührt. Nein, Herr Graf. mein Vermögen genügt ihm; was ich will, ist die Anerkennung des Namens, der ihm zukömmt. Fliehen Sie, ich will so lange noch warten." „Ist das Ihr letztes Wort?" „Ja, und es ist unerschütterlich." „Wohlan, so hören Sie auch das meine: Ich will keinen entehrten Namen tragen, und werde nicht fliehen, aber an dem Tage, an dem meine Schmach offenkundig wird, werde ich ein Leben endigen, das ehrlos geworden, mag Gott mich alsdann in Gnaden aufnehmen." Lucy bebte zusammen. In diesem Augenblick hörte man im Gang eine Männerstimme: „Ich finde mich schon zurecht. Freund, die erste Thüre rechts, nicht wahr?" — Kaum hatte sie noch Zeit, in das anstoßende Zimmer zu treten, als ein Diener die Thüre öffnete und einen fremden Herrn einführte. Es war ein junger Mann, dessen ernste Haltung fast erkünstelt schien, er grüßte mit einer gewissen Beschützermiene, und nahm dann unaufgefordert einen Stuhl. Die Ucbcrraschung ließ Anfangs Lucy nicht zu Wort kommen; sie erwartete auch, der Fremde werde sogleich den Grund seines Hierseins erklären, als dieser aber schwieg, und erst nach Worten zu suchen schien, sagte sie mit kaum verhehlter Ungeduld: „Darf ich fragen, was Sie hicher führt, mein Herr? Ich habe allen Grund zu glauben, daß Ihre Gegenwart auf einem Mißverständlich beruht." „Ich bin hier Staatsanwalt, gnädige Frau." Die junge Frau machte ein Zeichen des Erstaunens: „Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" Jetzt war der Beamte seinerseits überrascht, er hob aber mit einer gewissen Emphase an: „Auf den ehrenvollen Posten, den ich begleite, berufen die Unschuld zu beschützen, das Laster zu entlarven, wie hoch auch der Rang sein mag, hinter welchen es sich verbirgt, mit einem Wort, dem Rechte zum Sieg zu verhelfen, habe ich nicht erst Ihre Aufforderung'abwarten wollen, — um Ihnen den Schutz anzubieten, den Ihre Lage erheischt." 45 Und sehr zufrieden mit seiner Rede, erwartete er nun, die Fremde werde ihre lebhafte Dankbarkeit beweisen, als Lucy etwas stolz antwortete: „Und worin sollte dieser Schutz bestehen?" „Die Absicht, mit welcher Sie in dieses Land kamen, ist kein Geheimniß mehr, gnädige Frau; man weiß, daß Sie heilige Rechte, die unwürdiger Weise verläugnet worden sind, geltend machen wollen. Aber welches auch die sociale Stellung des Schuldigen sein mag, eS soll Ihnen Gerechtigkeit werden." Das Erstaunen der Creolin wuchs bei jedem Wort. Wer konnte diesem Manne ihr Geheimniß verrathen haben, da sie doch so gewissenhaft die Frist des Schweigens beobachtet hatte? Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Wie können Sie mir eine solche Absicht unterbreiten, mein Herr?" „Aber die ganze Stadt spricht ja davon, und Sie werden begreifen, daß ich mir daher die nöthigen Aufklärungen bei Ihnen erholen wollte. Es liegt mir daran, zu bc» «eisen, daß keine Rücksicht auf Rang und Vermögen mich als Beamten abhalten könnten, dem Verbrechen die verdiente Strafe zuzuerkennen, wenn ich gleich als Mensch dasselbe beklage. Nur müßten Sie mir die Beweise vorlegen, auf die sich Ihre Ansprüche stützen." — Der dienstfertige Anwalt hätte noch lange reden können, ohne daß Lucy ihn gehört hätte, so sehr war sie in ihre Gedanken versunken. Der Augenblick war also gekommen, wo sie mit einem Wort bluiige Rache nehmen konnte. Georg, die Gräfin und Pauline, alle drei werden in das Unglück hin-ingczogen, und ist es nicht gerecht? Haben nicht alle drei an dem Verbrechen Theil? Sie denkt an die Lage des Grafen, der jedes WoA der Unterredung mitanhören muß, mit welcher Seclenangst muß er die Antwort erwarten, von der sein Schicksal abhängt. Wie mußte er leiden! Bei diesem Gedanken fühlte sie selbst eine unaussprechliche Beklemmung. Sollte sie diese qualvolle Ungewißheit in noch schrecklichere Gewißheit verwandeln, die ihn, wie er sagte, zum Selbstmord treiben würde? Würde Gott sie nicht zur Rechenschaft ziehen für ein Leben, das sie ihrer Rache geopfert? Doch nein, ihre Sache ist gerecht, Gott will seinen Meineid strafen. Woher denn aber dieser Aufruhr in ihrem Herzen? Sollte sie so feige sein, den schuldigen Gemahl noch zu lieben? Ja! ihr Herz ist zerrissen bei dem Gedanken an die bevorstehende Strafe Georgs, trotz seines Fehlers ist er ihr noch theuer. Einen Augenblick noch kämpfen Haß und Eifersucht gegen diese zärtlicheren Gefühle — da tritt der kleine Georg in's Zimmer und eilt in die Arme seiner Mutter, die er mit schmeichelnden Blicken ansieht, gleich, als wolle er für den unglücklichen Vater bitten, ihöar es Zufall, der den unschuldigen Für» sprecher gesandt, oder hat der Himmel Herrn Väriconrt dieses letzte NettungSmittel eingegeben? Die junge Frau preßte den Knaben an ihr Herz und eine heiße Thräne fiel auf seine Stirne. Einen Augenblick blieb sie unbeweglich mit geschlossenen Augen, dann küßte sie den Knaben abermals und schob ihn sanft bei Seite. — Ein großer Entschluß war zwischen diesen beiden Küssen gefaßt, ein großes Opfer vollbracht worden. (Fortsetzung folgt.) Der Seeteufel In der Besprechung von William Elliotts „Larolinu Sports dz? I,anä snä >Vat6r« sagt das „Athenäum": Leichtgläubige Reisende und lügnerische Schriftsteller haben über diesen monströsen und wunderbaren Bewohner des Meeres an der Küste von Carolina so viele Fabeln erzählt, daß es Leuten, die keine Neigung zur Erforschung der Natur haben, und unter gewöhnlichen Umständen die Tiefe gern im Besitze ihrer Geheimnisse lassen, angenehm sein wird, kennen zu lernen, was ein zuverlässiger Zeuge von diesem sonderbaren Geschöpfe sagt — ein Zeuge, der die technischen Ausdrückt der Wissen» 46 schüft vermeidend, es so schildert, daß seine Iagdbrüder darüber Aufklärung erhalten und zugleich Freude darin finden können. Mit Ausnahme einer wichtigen und zweier vergleichsweise unwichtigen Beziehungen wird der Seeteufel ziemlich genau beschrieben in James E. De Kay's „Xoolo^v ol' und wahrlich das Gemälde Herrn Dc Kay's ist nicht verlockend. Ein ungeheuer breitrückiger, breitköpfiger, langschwänziger Fisch, ist er seines großen Gewichts wegen selbst mehr noch als ob seiner Muskelkraft ein gefährlicher Gegner. Herr De Kay schreibt ihm die folgenden Dimensionen zu: Länge bis zur Basis des Schwanzes 10 Fuß; bis zum Ende des Schwanzes 16 Fuß; Breite über die Lappen der Brusttheile 17 Fuß. Herr Elliott aber tödtete einen, welcher 18 Fuß über dem Rücken maß und 3 bis 4 Fuß dick war. Die Länge und die Dünne des Schwanzes stehen in auffallendem Gegensatz zu der Breite und Dicke seines Leibes und zum Abstand zwischen seinen Augen, die in Herrn De Kay's Exemplar 4 Fuß von einander waren. Zu den anderen hervorragenden und unterscheidenden Eigenthümlichkeiten des Körperbaues dieses Geschöpfes gehören die Klappen oder Flügel, durch die es im Stande ist, sich über das Wasser zu erheben und Luftsprünge auf der Oberfläche zu machen; dann das ungeheure Maul, in welches es einen Schwärm Sccgarnellcn in einem Schluck mit vollkommener Glcichmüthigkeit aufnimmt; ferner seine Hörner oder Fühler, die etwa drei Fuß lang und an den Enden merkwürdig gegliedert sind, so daß sie den Fingern einer geballten menschlichen Hand gleichen Seine Farbe ist gewöhnlich weiß und wechselt unterhalb ab uiit großen dunklen Flecken. — So viel von seinem allgemeinen Aussehen; es dürfte genügen, um zu zeigen, daß. wenn man seinen gewaltigen Rücken gerade unter der Oberfläche des Meeres sieht oder wenn man es entdeckt, wie es die Gräte der Wogen mit seinen vier Fuß auseinander stehenden Augen überschaut, oder wenn es in einem Anfall von Mnthmillen seine Luftsprüngc aus dem Wasser herans macht, ein furchtsamer Fischer, der nichts von den Gewohnheiten des Thiers kennt, keine Neigung verspürt, in seiner Nähe zu verweilen. Auch würde ihn seine Vertrautheit mit den kleinen Kniffen und Pfiffen nicht völlig aussöhnen mit der Nähe der langen gegliederten Fühler, die so liebevoll hartnäckig festhalten, was sie zufälliger Weise einmal gepackt haben. Dem teuflischen Gebrauch, welchen dieses abstoßende Geschöpf von solchen mächtigen Waffen macht, verdankt es hauptsächlich seinen Namen, und um diesem Namen dir volle Bedeutung und noch etwas darüber hinaus zu geben, Pflegt eS öfter ein eigenthümliches Spiel mit den Booten der Matrosen und dem Takclwerk der Fischer zu spielen. Man erzählt sich eben so furchtbare als possierlich; Geschichten von dem Unheil, welches der Seeteufel auf diese Weise angerichtet hat. — Schiffe sind von ihrem Ankerplatz weggeschleppt und meilenweit in das Meer aus den Häfen weggeführt worden, ohne daß man sah, durch welche Kraft. — Herr De Kay, der ein fast wörtlich mit einem von Catesby berichteten Fall übereinstimmendes Beispiel gibt, sagt: „Ein glaubhafter Augenzeuge erzählte mir einen derartigen Fall, welcher sich im Hafen von Charleston zugetragen hat. Man sah, daß ein vor Anker liegender Schooner sich plötzlich mit großer Raschheit quer über den Hafen bewegte, fortgetrieben von irgend einer unbekannten u«d geheimnißvollen Kraft. Bei Annäherung an die gegenüberliegende Küste änderte sich sein Lauf so plötzlich, daß das Schiff sich beinahe auf die Seite legte, dann aber mit seiner früheren Geschwindigkeit über den Hafen fuhr, und diese Scene wiederholte sich, als e- sich der Küste wieder näherte. Diese gehcimnißvollen Flüge über den Hafen wurden mehrmals in Gegenwart von Hunderten von Zuschauern wiederholt und hörten plötzlich auf." Die bewegende Kraft war ein Seeteufel, der den Anker des Schooners ergriffen und dann das Schiff ungefähr in der geschilderten Weise fortgeschleppt hatte. — Sicherlich hat der Fisch, der sich so betragen kann, keinen ungehörigen Namen erhalten. Von dem Schrecken, welchen diese ungeheuren Plagegeister des Meeres den Bootsleuten von Port Royal Sound verursachten, ehe die benachbarten Pflanzer den Seeteufelfang zu ihrem gewöhnlichen Jagdvergnügen machten, gibt Herr Elliott eine amüsante Erzäh- lung, die er in seiner Kindheit von einem alten Neger gehört hatte, welche bei einer gewissen Gelegenheit in der Nähe von Hilton Hcad Brach auf den Haifischfang ausgegangen war. Ein Seeteufel, der entweder die Haifisch-Leine mit seinen Fühlern ergriff, oder dem zufälliger Weise der Haken in den Leib eingedrungen war, schleppte nämlich das Boot dieses Mannes von dem Ankerplatz weg und zog es mit solcher Geschwindigkeit in das Meer hinaus, daß die auf dem Fahrzeug befindlichen Leute sich vor Schrecken auf ihr Gesicht niederwarfen und ihren nahen Tod für unvermeidlich hielten. „Nachdem ich," sagte der Erzähler, welchem die Erinnerung an seine Gefahr einen schreckerfüllten Gesichtsausdruck gab, „lange Zeit in Erwartung des Todes in dieser Stellung gelegen, gewann ich endlich einigen Muth, warf einen verstohlenen Blick über den Dahlbord, und sah Eisen schwimmen — der Anker flog wie die Kieselsteine, die man spielend über und durch das Wasser wirft, auf dem Meeresspiegel dahin, während das Boot, mit dem Hintcrtheil Voraus, der See zulief! Endlich schnitten wir, als das Thier uns beinahe in's Meer hinaus gebracht hatte, den Anker loS." Ein zweites Beispiel einer solchen durch dieselbe Kraft bewirkten Fortbewegung gibt Herr Elliott in folgenden Worten: „Es liegt viel Angenehmes in der Erregung heftiger Bewegung! so dachte Doctor Johnson. Wahrscheinlich aber würde Jones vorsichtiger Weise beigefügt haben: „so lauge wir die Bewegung in unserer Macht haben." Erst nach Bcrfluß einiger Minuten hatte er die Geistesgegenwart, oder vielmehr Kraft, ans^scincr liegenden Stellung langsam sich zu erheben und seinen Sitz am Hintcrtheil des Schiffes einzunehmen, wo er indessen bald sich beruhigte und die ganze Wonne seiner Lage genoß. Der Wind fächelte sein Gesicht, sein Haar floß in rechten Winkeln von seinem Kopf herab, und das Wasser schäumte wüthend um den Schiffsschnabel, da das Boot, fortgetrieben durch die mehr als tritonische Kraft, mit der Geschwindigkeit eines Pfeils durch die Gewässer schoß. Und nun näherte er sich seiner Heimat und freute sich, zu sehen, daß mehrere seiner Freunde am Ufcrrande versammelt waren, um ihn bei seiner Rückkehr zu begrüßen. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie JoneS aufrecht im Hintcrtheil des Boots sitzen sahen, das ohne die Hilfe von. Rudern, Ruderern, Segel oder Dampf, und ohne irgend eine andere sichtbare Triebkraft durch die Gewässer zu fliegen schien. Erstaunen war ihre erste Gemüthsbewegung — Freude ihre zweite, und endlich erhoben sie ein wahres Triumphgcschrei, denn sie glaubten: Jones müsse wirklich das Problem ewiger Bewegung gelöst und das por- potuum mobile; erfunden haben. Er rief sie um Beistand an: „Bemannt mir ein Boot, meine Freunde; eilt und rettet mich!" Seine Stimme, zitternd vor Aufregung, oder durch die Entfernung völlig unhörbar gemacht, erreichte ihre Ohren nie. Er schwenkte seinen Hut und rief abermals; sie schwenkten gleichfalls die Hüte und antworteten mit einem neuen Triumphgcschrei, allein kein Boot stieß ab, keine Rettung kam. Was war zu thun? Es blieb dem armen Mann nichts anderes übrig, als es zu machen, wie es mancher Politiker vor ihm gemacht hatte, still zu liegen und irgend eine günstige Wendung der Dinge abzuwarten. „Diese heftigen Bewegungen," dachte er, „müssen ein Ende nehmen, und selbst der Seeteufel muß müde werden. Die Friction, die mir so oft Mühe und Kummer gemacht, wird nun mein Freund." Endlich machte der Fisch wirklich eine Pause, aber erst als das Boot ganz aus dem Hafen Hinausgetrieben war, und auf den Gewässern des weiten atlantischen Oceans schwamm. Jetzt verließ unser Waidmann seine Stellung im Hiiuerthcil des Schiffs, wo sein Gewicht nothwendig gewesen, um das Gleichgewicht zu erhalten, und schnitt mit seinem Federmesser die Leine ab, welche ihn an seinen furchtbaren Geführten band. Die Ruder waren mittlerweile über Bord gerathen und verloren, das Segel indessen noch vorhanden, um ihn nach Hause fortzubewegen. Erst spät in der Nacht kam er an, erschöpft von Aufregung und körperlicher Anstrengung, und erklärte seinen besorgten Freunden das Geheimniß seiner Fahrt, die zum Glück für ihn nicht auf dem Prinzip einer ewigen Bewegung beruhte." 48 Ein sonderbarer Gast. In einer Bauernhütte des thüringischen Dorfes B. saß vor etwa 10 Jahren ein hochbetagteS Ehepaar in traulichem Gespräche beisammen, als die Thür aufging und ein nicht minder hochbetagtcr fremder Mann hcreintrat. Er sagte „Guten Abend!" zu den Beiden, die einander verwundert ansahen, als der Fremdling ohne alle Umstände in dem Großvaterstuhl am warmen Ofen Platz nahm, den der Eigenthümer so eben verlassen hatte. „Kennst du den Alten?" fragte die Frau ihren Mann. „Nein. Ist er Dir bekannt?" „Mir auch nicht." „Oho, schau' mich nur 'mal recht an!" tönte es vom Großvaterstuhl her. „Ei ja," sagte die Frau, nachdem sie den Graukopf eine Weile gemustert; „das Gesicht glaube ich zu kennen." „Nicht wahr? Freilich istS lange her, daß wir uns zulczt gesehen — seit Anno Achtzehnhundcrtzwölf." Die Frau machte große Augen, als sie die Jahreszahl hörte, und sah dem Alten schärfer in das Gesicht. „Wahrhaftig — der Melchior!" schreit sie Plötzlich auf. „Der Melchior? Dein erster Mann?" rief ihr jetziger Gatte aus. „Ich denke. Der ist lange todt?!" „Was Ihr Euch denkt!" versetzte Jener, indem er seinen weißen Schnurrbart drehte. „Aber ich hab's ja Schwarz auf Weiß vom Gericht!" stammelte die Frau. „Daß ich todt bin?" sagte Melchior ruhig. „Als ob daS Gerichtsich nie geirrt hätte!" „Weil du seit so und so viel Jahr und Tag Nichts von Dir hören ließest, hat eS Dich für todt erklärt." „Hm, soll man wohl von sich hören lassen," brummte der Verschollene, „wenn man da hinten in Sibirien steckt. „In Sibirien? Wie bist Du denn da hingekommen?" „Als K iegsgcfangener, nachdem ich Anno Zwölf mit den Franzosen nach Rußland mußte. Vor zwei Jahren wurde ich, weil ich dazu noch rüstig genug war, als russischer Fuhrknecht nach der Krim geschickt, wo die Franzosen mich wiederum gefangen nahmen und nach Frankreich schickten. Da blieb ich denn bis zur Auswechselung der Gefangenen, nnd sollte nun wieder nach Rußland zurückkehren Jetzt hatte ich aber daS ewige Schicken satt. „Ich bin ein deutsches Landeskind '' sagte ich, „und will nach Hause." Da bin ich denn zu Hause, und will Denjenigen scheu, der mich wieder von hier fortschickt. Auf einen Platz im Großvaterstuhl werde ich wohl in meinen vier Pfählen noch Anspruch machen können." „Na ja," sagte der andere Alte, „wenn Ihr sonst keine Ansprüche macht—" „Ein bischen Essen wird sich wohl auch noch finden." Jener nickte zustimmend. „Und ein Viertelpfund Knaster wöchentlich kostet ja auch nicht den Hals," meinte der Veteran. „Wenn mir dann die Kehle trocken wird, erzähle ich den Bauern im Kruge von meinen Kriegsthaten und Abenteuern; damit denke ich mir einen freien Trunk zu verdienen." DaS Ehepaar war damit einverstanden , und noch im vorigen Jahre behauptete der Heimgekchrte seinen Platz im Großvaterstuhl. Frage: Was ist ein Frauenzimmer, wenn sie bei Regen mit einem aufgcspann- ten Regenschirm und leeren Krug am Arm geht? Antwort: Das ist eine Ucbcrspanntc mit einem geleerten (Gelehrten) am Arm. Druck, Derlaa und Rsdaltion deS ttterarrschen Institut- von vr. M. Huttler.