Nr. V. 16. Februar 1868. Augsburger Und wenn was umzuthun wäre, Das würde wobt auch gethan. Ich frage dich bei Wort und Ehre, Wo fangen wir's an? Gvthe Rache und Liebe. XI. (Schluß dieses Kapitels.) Der junge Beamte war den verschiedenen Gemüthsbewegungen der Creolin aufmerksam gefolgt, und sagte dann mit erheuchelter Theilnahme: „Ich begreife, wie peinlich es Ihnen ist, eine solche Angabe zu machen, aber Sie sind es sich und der ganzen Gesellschaft schuldig." „Ich habe Nichts anzugeben, mein Herr." „Wie, — es wäre nicht wahr, daß Sie die Gemahlin des Grafen von Vöri- court sind?" „Nein, mein Herr." „Wissen Sie denn, gnädige Frau, wohin die öffentliche Meinung gehen wird, wenn man erfährt, daß Sie eine gesetzliche Verbindung läugnen?" Die junge Frau zuckte gleichgültig die Achseln. „Man wird sagen, daß dann andere Beziehungen vorhanden gewesen sein müssen!" „Eine solche Voraussetzung ist eine Niederträchtigkeit." „Sie werden damit Niemand überzeugen, wenn Sie jetzt aus übertriebener Groß- muth Ihre Rechte nicht bekennen, opfern Sie Ihren Ruf." Luch schien sichtlich ergriffen. „Was beschließen Sie?" drängte der Beamte. Ein furchtbarer Kampf ging in ihrer Brust vor. Soll sie dem Manne, der sie verrathen, auch noch ihren Ruf zum Opfer bringen!? „Ich erwarte eine Antwort," wiederholte der Beamte. „Ich habe Ihnen keine zu geben; in wenigen Tagen verlasse ich Frankreich." „Da Sie auf Ihrem Schweigen beharren, so muß ich annehmen, daß Sie wirklich keine Rechte haben, und Sie im Interesse der Familie Vericourt bitten, diese Gerüchte förmlich zu widerlegen." „Sie scheinen sich der Ehre der Familie Vsricourt allzusehr anzunehmen," sagte Luch mit bitterem Unwillen, „überlasten Sie es ihr selbst, mich zu belangen." Die Zuversicht, mit der die Fremde sprach, bestärkte den Anwalt in seiner Meinung, daß sie den Grafen nur schonen wolle. Er machte sie daher noch einmal auf das Gefährliche dieser Sophismen aufmerksam, aber Luch cntgcgncte: „Wenn ich des Rathes .bedarf, so suche ich ihn bei solchen, die Alter und Erfahrung haben, aber ich verschmähe aufgedrungene Rathschläge." Mit diesen Worten erhob sie sich und machte eine leichte Verbeugung, so daß der Etaatsanwalt die Unterredung als beendigt ansehen mußte. „Ich sehe, daß ich Sie 50 nicht überzeugen kann," sagte er, „und ich wünsche nur, daß Sie diese übertriebene Groß. muth nie bereuen möchten." Damit verabschiedete er sich kalt, ohne sein Mißvergnügen ganz verbergen z« können. XII. Sobald Luch allein war, sank sie in ihren Stuhl zurück und verbarg ihr Gesicht in die Hände. „Es ist geschehen," sagte sie leise, „mein Schicksal ist erfüllt." So blieb sie einige Zeit in sich versunken, als ein leichtes Geräusch sie aus ihren Träumen schreckte. Georg stand neben ihr. „Oh Luch!" rief er, „wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen!" „Ich verlange keine, mein Herr," sagte sie lebhaft, „nicht um Ihretwillen habe ich mich selbst verläugnet, Gott allein habe ich meine Rache zum Opfer gebracht." „O, wüßten Sie, was mein Herz empfand, als Sie diesem Manne eine so edle, großmüthige Lüge sagten." „Vielleicht," sagte Lucy traurig, „hab' ich mich hierin über meine Pflicht getäuscht, dann mag mir Gott verzeihen." „O fürchten Sie nichts für Ihr Kind, in meiner Liebe zu ihm will ich meinem Dank, meiner Hochachtung für seine Mutter Ausdruck geben. Aber werden Sie ihn mir überlasten?" Nach kurzer Unentschiedenheit sagte sie fest: „Ja, Herr Graf, Georg soll in Frankreich bleiben. Nichts in der Welt könnte mich zu diesem Opfer bewegen, wenn ich nicht fühlte, daß meine Tage gezählt sind; ich bin für solches Leid nicht stark genug. Bald, Herr Graf, soll Ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen." „Oh, reden Sie nicht so, Lucy, der Gedanke, Ihren Tod verschuldet zu haben, ist mir fürchterlich." „Sie haben mein Leben so elend gemacht, daß ich den Tod als eine Wohlthat begrüße. Vor meiner Abreise sende ich Ihnen meinen Sohn, und wenn es wahr ist, daß Sie Ihr Unrecht bereuen, so machen Sie wenigstens mein Kind glücklich." „Ich gehe," sagte der Graf ganz niedergebeugt; „aber bevor wir uns wohl für immer trennen, soll ich nicht ein Wort der Verzeihung hören?" Lucy schüttelte den Kopf. „Ich flehe darum." „Ich bin leidend, Graf, und Sie sind ohne Rücksicht, haben Sie nicht mehr erlangt, als Sie hoffen durften?" „Es ist wahr, aber Ihre Großmuth vermehrt noch meine Reue und meinen Schmerz. O könnte ich mit meinem Blute die Vergangenheit zurück erkaufen!" „Ich will es glauben," erwiderte Lucy bitter lächelnd, „denn ganz taub können Sie gegen Ihre Gewissensbisse doch nicht sein." „Nur ein Wort könnte sie lindern." „Nein, nein," rief Lucy heftig, „ich kann Ihnen nicht verzeihen. Sie haben mich gezwungen, den geheiligten Namen als Gattin zu verläugnen, vor dem Manne zu er- röthen, der mir seinen beleidigenden Argwohn nicht verbarg, Sie haben einer schwachen Frau mit Selbstmord gedroht, wenn sie nicht moralisch sich selbst morde und so Ihr Leben in dieser und jener Welt erkaufe — suchen Sie Verzeihung bei Gott, für solche Verbrechen bedarf es einer göttlichen Barmherzigkeit." Georg stand da, wie ein Bild der Demüthigung und Verzweiflung. „O Lucy," rief er, „Sie sind gerächt!" Die Augen Lucy's glänzten fieberhaft, ihre Wangen waren tief geröthet, sie kämpfte mühsam eine nervöse Krisis nieder. „Sie leiden," rief Georg, sie erschrocken ansehend, „erlauben Sie, daß ich bleibe oder Jemand rufe." 51 „Nein, Mela ist nicht da, ich bedarf nur der Ruhe, gehen Sie." „So sehr bin ich Ihnen verhaßt, — daß Sie meinen Anblick nicht ertragen können, bis ..." „Alles ist zwischen uns zu Ende; der Georg, den ich so sehr geliebt, ist todt. Sie find der Gemahl der Fräulein d'Apremont. So gehen Sie doch," fuhr sie mit neu erwachter Eifersucht fort, „beruhigen Sie Ihre Gemahlin, sagen Sie ihr, wie Sie mich zum Schweigen gebracht, daß es jetzt an mir ist, zu erröthen, daß sie jetzt Gräfin Bsricourt ist und die Fremde nur eines jener verlorenen Geschöpfe, die sich ihre Schande bezahlen lassen wollen. O Herr Graf, Ihr Unwille ist nicht am Platz, es war dies die Anschauung Ihrer eigenen Mutter." „Gnade! Mitleid!" flehte der unglückliche Mann. „Warum sind Sie auch geblieben, ich fühlte, daß meine Seele voll Bitterkeit war, und hieß Sie gehen." „Ich hätte Sie gerne ruhiger verlassen, Luch." „Die Ruhe des Grabes — nicht wahr? Mein Herz kann nur vergessen, wenn es aufhört, zu schlagen." „Nein, ich ertrage diese Qual nicht länger!" rief jetzt Georg. „Lucy, bevor eine Stunde um ist, mache ich unsere Ehe bekannt. Zweifelst Du daran," fuhr er fort, als er die ungläubige Bewegung der Creolin sah. Sie faßte ihn am Arm und sagte ernst: „Auf Ihre Ehre, ist es wahr, daß Sie Ihr Glück Ihren Gewissensbissen opfern wollten." „Auf Ehre, ja." „So ist doch nicht jedes edle Gefühl in Ihnen erstarken," begann sie nach kurzem Schweigen, „und wenn ich auch das Opfer nicht annehme, so danke ich Ihnen doch für die gute Regung, die Sie zu dem Anerbieten bewog. Aber eS ist zu spät, lassen wir es, wie es ist." Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, einen schmerzlichen Blick auf den Grafen zurückwerfend, der nicht wagte, sie aufzuhalten. Georg schloß den Knaben, der erstaun: dem ganzen Auftritt zugesehen, in die Arme und eilte aus dem Gemach. Xlll. Als Herr von Vericourt in's Schloß zurückkam, fand er den Pfarrer, seine Mutter und seine Frau in großer Bangigkeit seiner Rückkehr harrend. Jedes suchte in seinen Augen zu lesen, keines wagte zu fragen; seine Blässe, seine Niedergeschlagenheit ließ sie nichts Gutes ahnen. „Also haben Sie nichts ausgerichtet?" fragte endlich der Pfarrer. „Sie hat mir Schweigen zugesagt." Ein Schrei der Freude entfuhr Pauline, die Gräfin athmete auf und sagte: „Aber warum dann diese Traurigkeit? Du hast mich ganz erschreckt." „Warum, Mutter? Weil ich mich noch nie so elend gefühlt." Dann erzählte er seine Unterredung und wie er zuletzt sich selbst habe angeben wollen. „Ist es möglich, die Thorheit so weit zu treiben!" rief die Gräfin. „Sie hat es abgelehnt, die edle Frau!" sagte der Pfarrer. „Gott sei mein Zeuge, daß ich ihrem Kinde eine Mutter sein will," betheuerte Pauline. „Zwei Engel," murmelte Georg, „und ich!" Es wurde nun berathen, unter welchem Vorwand er in's Ausland reisen sollte, um den Gerüchten, die in Umlauf waren, keine neue Nahrung zu geben. Als der Pfarrer das Schloß verließ, wollte er der unglücklichen Lucy noch Lebewohl sagen. Er fand sie sehr leidend. „Wissen Sie auch," sagte sie unter Anderem, daß ich meinen Sohn hier lasse? Das überrascht Sie vielleicht, aber ich habe die feste Ueberzeugung, nicht lange mehr in meiner Heimath zu leben, vielleicht kehre ich nicht lebend zurück; mein armes Kind wäre somit auf der gefährlichen Reise ganz Fremden überlasten." „Gönnen Sie sich doch vorerst einige Erholung," mahnte der Pfarrer, „und w^nn Sie den Knaben bis zum Augenblick Ihrer Einschiffung noch bei sich behalten wollen, so bin ich mit Freuden crbötig, ihn von der Hafenstadt abzuholen." „O danke," sagte Luch gerührt! „Welches Opfer in Ihrem Alter!" „Sie müssen mir aber auch versprechen, sich zu pflegen." „Ich hoffe, nicht mehr lange zum Leben verurtheilt zu sein. Ach, Sie misten nicht, welche Trauer in meinem Herzen wohnt!" „Aber es bleibt Ihnen doch die Befriedigung, die man bei jeder edlen großmüthigen That empfindet." „Nein, mein Herr, zum Ucbermaaß meines Jammers muß ich noch errathen über den Beweggrund der Handlung, die Sie edel und großmüthig nennen." — Nach einigem Zögern fügte sie bei: „Glauben Sie, Fräulein d'Apremont hätte an meiner Stelle eben so gehandelt." „Ich glaube ja, Pauline ist edel und gut. Auch sie hat ja viel zu verzeihen." „Doch nicht so viel, wie ich." Herr Beauprö verabschiedete sich und wiederholte noch sein Versprechen bezüglich des kleinen Georgs. Am andern Morgen fuhr eine Post-Chaise aus dem „Weißen Hirsch", Frau Goulard und die ganze Dienerschaft begleiteten sie unter vielen Danksagungen, denn die Freigebigkeit der fremden Dame hatte alle Erwartungen übertreffen. Die Nachbarslcute steckten die Köpfe aus den Fenstern und kaum war der Wagen um die Ecke, so ging es an ein Fragen: „Nun, Frau Goulard, die fremde Dame reist fort, wie steht es mit Ihrer Prophezeiung?" — „Frau Goulard hat geträumt." „Es wird eben so eine Aventuriere gewesen sein." „Was, eine Aventuriere!" rief Frau Goulard, „sie zahlte wie eine Prinzessin. — Zudem wäre in diesem Fall der Herr Pfarrer so oft zu ihr gekommen? Noch gestern war er zwei Stunden da." „Vielleicht hat sie eine gewichtige Sünde zu beichten gehabt." „Die Vericourts werden sie gut bezahlt haben, damit sie schweigt." „Unsinn!" rief die Wirthin, „läßt sich eine so ungeheuer reiche Frau zahlen? — Ihre Dienerin erzählte mir, sie hätte in ihrem Lande ein prächtiges Besitzthum und vierhundert Schwarze." „Mir scheint," sagte ein Witzbold, „sie gebe diese Schwarzen alle gerne für Einen Weißen." Dieser Einfall erregte allgemeines Lachen und die Unterhaltung ging in diesem Ton noch eine Zeit lang fort. Acht Tage lieferte das Ereigniß Stoff zu Vermuthungen, dann mußte man wohl davon ablassen. (Fortsetzung folgt.) Die Hörmaschine. Eine wahr? Begebenheit. Ein Bauernsohn von Longhrea in Irland, mit Namen Casey, war vor mehreren Jahren die Geißel der Dubliner Poststraße. Er verdankte seine Ausbildung dem famo- sen Wcglagerer Foeney, und das Beispiel seines Meisters befolgend, nahm er so manchem Landedclmann die Börse ab, bevor dieser noch „was ist das?" herausbringen konnte. In einer schönen, mondhellen Nacht, als Casey und seine Genossen auf die Landkutsche von Galway warteten, sahen sie einen ansehnlichen Familienwagen des Weges kommen. 53 ^ „Nun zieht Euch zurück, meine Burschen," sprach Casey, „und seht zu, wie ich diese Leute traktircn werde." — Und ohne eine andere Waffe, als einen gewöhnlichen Spazicrstock, schritt er vorwärts und hielt die Pferde an. „Wer seid Ihr, Herr?" — schrie der wohlbeleibte Kutscher mit drohender Stimme und Geberde. „Ein gewisser Casey," antwortete der Straßenränder. „Ach, Herr Casey! Sehr erfreut. Eure Bekanntschaft zu machen," — stöhnte der Kutscher, halb todt vor Angst, und hielt nun selbst die Pferde zurück „Alle Wetter, was gibt es?" — rief eine kreischende Stimme aus dem Innern des Wagens. „Ich muß Euer Gnaden höflichst bitten, mir Dero Börse, Ohrringe und sonstigen Kostbarkeiten zu überliefern," sagte Casey und trat mit einer Verbeugung an den Kntschcnschlag. „Was will der Kerl von mir?" — kreischte die alte Dame und fuhr mit einem metallenen Instrumente dicht vor das Antlitz des Räubers. Dieser war durch das uner- wartete Manöver ganz außer Fassung gebracht und fand den ersten Augenblick keine Worte, um seine Bitte zu wiederholen. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, meine Kutsche anzuhalten?" schrie die erzürnte Dame, und zielte beständig nach seinem Gesichte. „Ich bitt Euer Gnaden tausendmal um Vergebung," sagte Casey, „es war nur ein Irrthum — belieben Euer Gnaden wieder fortzufahren." „Ich sollte Euch arretiren lasten," versetzte die alte Dame. „Erbarmen, Erbarmen!" schrie Casey und warf sich auf seine Kniee in den Straßenkoth. „Fahre zu, Jonas!" rief die lebhafte alte Dame. Der Kutscher hieb auf sciue Pferde, und Casey blieb zurück mitten auf der Straße, in knieendcr Stellung. -> „Das hast Du Pfiffig gemacht," — sagte einer der Gesellen zu Casey, als dieser zurückkam. „Wo sind nun die Ringe und die Börsen?" fragte ein Zweiter. „Die Weiber werden verdammt kriegerisch in dieser Gegend," sagte Casey. „Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich dießmal um's Leben gekommen. — Die alte Hexe kriegte ein Terzcrol hervor, mit einer so großen Mündung, daß ich Anfangs glaubre, es sei eine Haubitze." „Und wer sagte Dir, daß das Ding geladen war?" fragte Einer von der Bande. „Geladen oder nicht geladen, es schien mir jedenfalls gefährlich," versetzte Casey. Aber bei diesen Worten brachen die Bursche in ein unmäßiges Gelächter aus, warfen ihre Hüte in die Luft, wälzten sich vor Lust im Grase herum und sagten ihrem eingeschüchterten Führer sodann, daß die Alte Niemand Anderer gewesen sei, als Mistreß Anastia Malony, die taube Ofsiziers-Wittwc, welche sich einer Hörmaschine zu bedienen Pflege. „Hm!" sagte Casey, „sollte dem wirklich so sein, so bleibt mir nichts übrig, als diese Gegend für immer zu verlosten. Meine Reputation ist compromittirt. — Was werden die Leute denken, wenn eS heißt, Casey von Longhrca habe sich vor der „Hörmaschine," eines alten Weibes entsetzt.— Der Teufel hole die Maschinen!" Sonderbare Leute. In einem neuerdings unter obigem Titel erschienenen Werke des Franzosen Loredan Larchey finden wir eine Anzahl neuerer, zum Theil komischer Beiträge für die Absonder- lichkciten gewisser in der Geschichte und Literatur bekannter Persönlichkeiten. Wir wollen einige davon mittheilen. Der Marschall Castellane, vor noch nicht langer Zeit gestorben, war einer der rauhesten Haudegen der französischen Armee und in Lyon, wo er commandirte, mehr gefürchtet, als geliebt. Seine Regimenter galten, als sie aus der Krim zurückkehrten, allgemein für die abgehärtesten und geübtesten. Die Bevölkerung von Lyon und namentlich des Stadttheils Croix-Roufse ist eine sehr leicht erregbare und zu Thätlichkeiten geneigte. Als nun der Marschall verlangte, daß sämmtliche Offiziere stets in Uniform gehen sollten, machte man ihn darauf aufmerksam, wie gefährlich dies sei, falls ein Offizier gerade in jenem Stadttheil etwas zu thun habe. Am andern Tage durchstrich Castellane in voller Marschalls-Uniform ganz allein langsam die übelberufensten Straßen des Quartiers Croix-Roufse. Niemand that ihm etwas zu Leide und der Befehl blieb bestehen. — Ein andermal hinterbrachte man ihm, daß ein Barbier in Lyon zu einem seiner Kunden, den er rasirte, gesagt habe: „Ja, wenn ich Castellane so hätte, wie ich Dich hier habe, so wär's um ihn geschehen!" Der Marschall begab sich sofort in den Laden des Barbiers, der ihn natürlich sehr genau kannte. „Rasircn Sie mich!" sagte er. „Schnell! Ich bin neugierig, zu erfahren, wie Sie mir den Hals abschneiden werden!" — Natürlich passirtc ihm nichts weiter, als daß er ein wenig geschunden wurde, und auch das hatte der Barbier ohne Absicht gethan. Die Bälle, die er gab, waren sehr schön und sehr besucht, aber Punkt 12 Uhr mußten sie beendet sein. Darin war er unerbittlich und die Kronleuchter erloschen vor den Augen der tanzlustigen Herren und Damen. An die letzteren vertheilte er während des Balles kleine Foulards und Stangen fein präparirten Zuckers. Diese Stangen waren verschieden groß, je nach dem Rang, den die Männer der Damen in der ofsiciellen Rangliste einnahmen! Malherbe, einer der bedeutendsten französischen Dichter aus dem sicbenzchnten Jahrhundert, hatte immer kalte Füße und zog so viel wollene Strümpfe an, daß er zuletzt Spielmarken benutzen mußte, um sich nicht zu verzählen. Jedesmal, wenn er auf den linken Fuß einen Strumpf zog, legte er eine Marke in ein Näpfchen, bis der Fuß genug bestrumpft war; wenn er sich dann zum rechten wandte, nahm er nach jedem neuen Strumpf eine Marke heraus. Später ließ er jedes Paar »ach dem Alphabet bezeichnen, ABC u. s. f. Er soll nach seiner eigenen Versicherung bis zu L, also bis zu eilf Paar Strümpfen gekommen sein, und bildete aus diese Weise ein wandelndes Thermometer, als man die quecksilbernen noch nicht kannte. „Es scheint heut kälter zu sein, wie gestern," sagte z. B. ein Cavalier Heinrichs IV. oder der Maria Mcdicis. „Nein," antwortete ihm der Andere. „Malherbe trägt heute F, gestern trug er G." — Mal- herbe besaß keine eigene Wohnung. Mehr aus Absonderlichkeit als aus Geiz, wohnte er in einem meublirten Zimmer. Hatte er viel Besuch, waren die sieben oder acht Stroh- stühle besetzt und klopft es an die Thür, so rief er hinaus: „Warten Sie! Es ist kein Stuhl frei!" Er arbeitete schrecklich langsam. Zwei Tage lang überlegte er, ob ein einziges Wort paffend sei oder nicht. Wenn man hundert Verse oder zwei Seiten „wahre Prosa" geschrieben habe, müsse man sich zehn Jahre ausruhen — das war seine Ansicht. Als dem Präsidenten von Verdun seine Frau gestorben war, richtete Malherbe eine Ode an sie. Er brauchte drei Jahre dazu. Inzwischen hatte der Präsident es eiliger gehabt und sich längst wieder verheiratet; die junge Frau empfing also die Lobrede ihrer Vorgängerin. F o urnier-Vern euil, ein Pariser Journalist, wohnte um's Jahr 1830 in einem ausrangirtcn Omnibus, und in diesem Omnibus befand sich zugleich das RcdactionS- Bureau eines von ihm herausgegebenen Journals. Der General Marey-Monge, erst vor einigen Jahren gestorben, besaß eine Liebhaberei für Hieb- und Stoßwaffen und eine glänzende Sammlung derselben. Auch verfertigte er fortdauernd neue Modelle, um die „blanke Waffe" auf den Gipfel nie geahn-- 55 ter Vollkommenheit zu erheben. Als er in der Bibel gelesen hatte, daß JoaS einem Häuptling, während er ihn verrätherisch küßte, mit seinem Säbel den Bauch aufgeschlitzt, ohne den Arm zu bewegen, ruhte Marey nicht, bis er eine Waffe erfunden, mit der sich dasselbe Kunststück ausführen ließe, ohne daß der Betreffende, dessen Bart man nach orientalischer Weise mit der linken Hand vorher faßte, etwas von einer Bewegung des Verräthers merkte. Der Marquis de St. Erica kam täglich zu Tortoni, um dort sein Eis zu nehmen, aber er that es auf sonderbare Weise. Er setzte sich vor das Cafö und bestellte ein Vanille- und ein Erdbeer-Eis. Dann zog er die Stiesel aus und goß ein wie alle Mal das Vanille-Eis in den rechten, das Erdbeer-Eis in den linken Stiefel. Hatte er sich zufällig daher geirrt, so schüttete er das Eis wieder aus dem Stiefel, bestellte zwei neue Portionen und wiederholte dieselbe Manipulation, aber in der richtigen Weise. Im Uebrigen war er leidlich vernünftig. Der Sohn des großen Conde, des Siegers von Nocroy, gewöhnlich nur „der Prinz" genannt, wurde von der fixen Idee ergriffen, daß er todt sei. In Folge dessen verweigerte er jede Nahrung. Um ihn zu retten, gingen die Aerzte auf diesen Unsinn ein und erklärten ihn für vollkommen todt. Aber, sagten sie, es gäbe gewisse Todte, die dennoch äßen, und zu diesem Zwecke verschrieben sie ihm einige berühmte Todte, die mit ihm speisen sollten, seinen Großvater und den Marschall von Luxembourg. Die erste derartige Mahlzeit fand in einem Souterrain des prinzlichen Schlaffes statt. Zwei Diener des Prinzen, Girard und Richard, stellten den Großvater und den Marschall vor. Ein dritter Diener spielte die Rolle des Marschalls Turenne, der ebenfalls als Schatten anwesend war. Auswärter in Leichentüchern bedienten die Todten und der Doctor Finot, der dieses seltsame Mahl belauscht und beschrieben hat, sagt, daß er beinahe geplatzt sei, denn die Gespräche der Todten seien über alle Maßen spaßhaft gewesen und er habe sich nur mit der allergrößten Mühe des lauten Auflachens erwehren können. (Die angebliche Vergiftung der Erzherzogin Charlotte.) Der Zustand der Geistesstörung der Gemahlin des Erzherzogs Maximilian wurde bekanntlich schon vor Monaten wiederholt einer stattgefundenen Vergiftung zugeschrieben. War die Behauptung von vornherein eine unglaubwürdige, so wird sie dies um so mehr durch die vor ganz kurzer Zeit erfolgte Erklärung des Leibarztes der unglücklichen Fürstin und seiner Gemahlin, Doctor Scmelender, der zwar die Möglichkeit einer Vergiftung nicht absolut verneint, es jedoch ganz überflüssig findet, eine solche anzunehmen, um die Geisteskrankheit der Erzherzogin zu erklären; so lange er im Verkehre mit derselben gewesen, habe er übrigens nie irgend etwas an ihr bemerkt, was im Entferntesten das Eintreten einer Geistesstörung hätte vermuthen lassen. Interessant ist, was derselbe Hiebei (in einem Schreiben an die Wiener Med. Pr.) über das Gift selbst mittheilt, das der Erzherzogin in Mexiko gegeben worden sein soll. Er schreibt: „Man spricht von einem Gifte, das je nach der Menge, die einem Menschen beigebracht wird, schneller oder langsamer den Verlust des Verstandes und später den Tod verursacht. Nach einer mir zur Benützung überlassenen Angabe aus einem handschriftlichen Hefte über Botanik des Frater Francisco de Ochva y Cadena im Franciskanerkloster zu Chiapas wäre dieses Gift das Camotillo. Das Wort Vandoux-Gift ist hier nicht bekannt. Das Camotillo - Gift soll von einem Strauche stammen, der an der Küste des Stillen Meeres wächst, von Chiapas bis Aca- pulco. Die Pflanze hat lorbecrartige Blätter; auS den Zweigen fließt beim Abschneiden ein Milchsaft, der auf Baumwolle gesammelt und getrocknet wird. In die Nase gesteckt, soll diese Baumwolle dann ein gutes Mittel gegen Kopfschmerz und Schnupfen sein. — An den Wurzeln der Pflanze hängen längliche Knollen (Cametes, daher der Name), welche ein sehr heftiges Gift enthalten, das hauptsächlich das Gehirn angreift. Die Be- 56 wohner jener Küste sollen einander oft damit vergiften; namentlich die Weiber von Tehuantepee ihre Liebhaber, wenn ihnen diese Grund zur Eifersucht geben. Ich folge meiner Quelle. „Sie schaben die Knollen, werfen das Geschabsel in eine Taste mit Master und geben diesem die nöthige Stärke. Tiefer Aufguß äußert seine Wirkung Monate, selbst ein Jahr, nachdem er genommen wurde, je nach der Menge des Giftes, die er enthielt. Er verursacht Verrücktheit und langsamen oder plötzlichen Tod. Man sagt, der Bischof von Arigoyen-Oaxaca sei auf diese Art vergiftet worden, denn er verlor den Verstand und starb bald darauf." Ueber nähere Erkenntniß einer stattgehabten Vergiftung wird nichts gesagt. Drei Gegengifte sind angeführt; Cordoncillo, Acrba de la Culebra und Coanenpili. Diese werden auch gegen Hundswuth, Schlangenbiß und eine große Zahl anderer Krankheiten gerühmt. Ueber ihre Anwendung fehlen alle Angaben. Diese Andeutungen sind gewiß sehr allgemein gehalten. Die Wirkungsweise des Giftes wäre höchst merkwürdig, und ehe sichere Angaben vorliegen, ist wohl ein Zweifel erlaubt. Kann ich, wie man mir verspricht, Gift und Gegengift erhalten, so will ich Sorge tra- gen, daß Beides in die rechten Hände gelange, um einer gründlichen Prüfung unterworfen zu werden " (Der Hauslöwe.) Kürzlich fanden wir m einem alten Manuscript unter dem Titel „Historischer Lustgarten Philippi Cammerarii" folgende Notiz, die als Anekdote zu dem in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei veröffentlichten Prachtwerke über die deutschen Reichskleinodien des Canonicus Dr. Fr. Bock hier eine Stelle finden möge. Es heißt daselbst wörtlich: „Es ist noch heutigen Tages bekannt, daß Kaiser Maximilianus der Andere einen trefflichen Hauslöwen gehabt, der wie ein Hund mit sich spielen und um- gehen lasten, auch Niemand kein Leid thät, den man von Jugend auf am kaiserlichen Hof erzogen, auch meistentheils mit Zugemüß und Brei und nicht mit Fleisch gcspeiset. Den hat der Kaiser so lieb gehabt, daß man ihn nach desselben tödtlichcn Abgang kaum von dem Sarg desselben hat hinweg bringe» können. Ich weiß mich aber zu erinnern, daß die Gesandten unserer Stadt Nürnberg oft erzählt haben, daß man Kaiser Karl's Krone, Mantel und andere Kleinodien, so lange Zeit hier in Verwahrung gehabt, nach Regensburg zu Kaiser Maximilians gebracht, damit sein Sohn Kaiser Rudolph gekrönt worden und das gemeltc kaiserliche Kleinodien vor Ihrer kaiserlichen Majestät in seinem Gemach aufgelegt wurden . . . ist der Löw neben dem Kaiser gestanden, umb die Krön, Scepter, Schwert, Reichsapfel und kaiserlichen Mantel herumgegangen und sich gleichsam verwundert. Da man sie aber wicdrum aufgehoben und verwahret, hat sich der Löw auf die Thruhe gelegt und dieselbe fleißig bewacht. Dergleichen zahmen Löwen hat Juan d'Austria, Kaiser Karl's natürlicher Sohn, gehabt, welcher einen unsterblichen vietorirm, wider die Türken erhalten. Dieser Löw ist gemeiniglich als ein Trabant neben ihm gelegen und gestanden." (Amerikanische Zündhölzchen.) Als ein Beispiel deS Umfanges, in welchem die Fabrikation eines scheinbar unbedeutenden Artikels in Amerika betrieben wird, kann die Herstellung der Zündhölzchen dienen, wie sie zu Frankfort, im Staate New-Uork betrieben wird. Einen Begriff von der Mäste der Streichhölzchen, die alljährlich dort erzeugt wird, kann man sich einigermaßen aus der der Thatsache bilden, daß 700,000 Fuß Fichtenholz zur Bereitung derselben, 400,000 Fuß Lindenholz für die Verpackungslisten, in denen man sie versendet, und 400 Fässer Schwefel, sowie 9600 Pfund Phosphor verbraucht werden. Zur Anfertigung der Büchsen braucht man jeden Tag 1900 Pfd. Pappendeckel und Papier, und die TagcSkosten der NegierungS - Stempelgcbühr betragen 1440 Dollars. Die Zahl der Arbeiter beläuft sich auf 300, und die Zahl der täglich gefertigten Strcichholzbüchsen, die natürlich auch täglich gefüllt werden, auf 144,000. Druck, «erlüg und Redaktion de» literarüchc» Institut» «o» »I. W. Huiiler,