Nr. 8 . 23. Februar 1868. Arrgsburger Sonntag Das Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche schöne Perle In seiner Diese ruht. Rache «nd Liebe. (Schluß.) XIV. Krank an Geist und Körper kam die Reisende nach Bordeaux. Ihre erste Sorge war eine Schiffsgelegenheit nach den Antillen. Sie hörte zu ihrem Vergnügen, daß Capitän Borschel, trotz des geringen Erfolges seiner letzten Reise, noch einmal sein Glück versuchen wolle. Lucy bat ihn schriftlich zu ihr zu kommen, was er sogleich that. — „Nun, gnädige Frau, Sie wollen Frankreich schon wieder verlassen? — Sind Sie wenigstens mit dem Resultat Ihrer Reise zufrieden?" „Ja, Capitän." „Ihrem Aussehen nach hätte ich's nicht geglaubt. Sie haben sich verändert!" „O, nur Ermüdung von der Reise. Wann gehen wir?" „Sobald die Ladung fertig ist; Sie wissen, das Ausladen war schnell geschehen," fügte er mit einem Seufzer bei. „Wollen Sie unterdessen Bordeaux sehen? Sie wissen vielleicht nicht, daß Bordeaux die schönste Stadt ist. Meine Frau soll Sie begleiten." „Ich danke Ihnen, Herr Borschel, wäre ich nicht unwohl, würde ich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen. Doch wird Bordeaux bei mir stets im guten Andenken sein, da es mich an einen der vortrefflichsten Männer erinnert," fügte sie, seine Empfindlichkeit bemerkend, hinzu. So lange sie noch in Bordeaux war, verließ sie den Gasthof nur, um in die Kirche zu gehen. Als sie Mela mittheilte, sie müsse mit dem Kinde in Frankreich zurückbleiben, war die arme Mulattin trostlos, es war mehr als ihr Leben, was ihre Herrin verlangte. Als aber diese beifügte: „Es muß sein, gute Mela, Georg bedarf Deiner," wagte sie nichts mehr dagegen einzuwenden. Als Herr Beauprs eintraf, den Knaben zu holen, fragte sie anscheinend ruhig, „was sich im Schloß Vsricourt zugetragen." „Es herrscht dort große Traurigkeit," antwortete der Pfarrer. „Herr Vsricourt ist von tiefer Reue erfüllt und erwartet nur meine Rückkehr mit dem Knaben, um seine Abreise festzusetzen." „Er mag sich damit nicht beeilen, bald wird sie nicht mehr nöthig sein. Meine Freunde können mir nichts Besseres wünschen, als das Grab," fuhr sie fort, den traurigen Blick des Pfarrers begegnend. Hierauf theilte sie ihm noch einige Bestimmungen mit für den Fall, daß sie Bafse- Terrc nicht mehr erreiche, und bat ihn, dem Kinde doch von seiner Mutter zu sprechen. „Ach," seufzte sie, „eine Andere wird seine ganze Zärtlichkeit haben, und gerade sie, die mich schon aus dem Herzen mcimk Gemahls verdrängt!" 58 Deim Abschied bewies sie großen Muth. Sie drückte den kleinen Georg lang an's Herz, ohne eine Thräne zu vergießen, während die arme Mulattin in Thränen gebadet vor ihr auf den Knieen lag und ihr Kleid küßte. „Ich empfehle Ihnen mein.Kind und auch diese arme Verlassene, Herr Pfarrer," sagte Luch mit gebrochener Stimme, „jetzt laßt uns gehen." An der Thüre wollte ihr die Kraft versagen, sie wankte und suchte nach einer Stütze, aber mit energischer Willensstärke kämpfte sie diese Schwäche nieder, sie stieg in den Wagen und fuhr an den Hafen, wo das Schiff „Maria-Hilf" nur mehr ihrer harrte, um abzusegeln. Noch im letzten Augenblick wandte sie sich an den Pfarrer und sagte: „Bei unserer Trennung habe ich Herrn Vsricourt meine Verzeihung verweigert; ich war seitdem bemüht, allen Haß aus meinem Herzen zu verdrängen. Bevor ich diese Reise unternehme, deren Ende ich schwerlich erlebe, habe ich meine Seele von jedem Necken reinigen wollen: sagen Sie Herrn Vericourt, daß ich ihm verzeihe." „Sie schreiben mir doch," bat der Pfarrer, der seine Thränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Ja," sagte Luch mit einem Lächeln, das einem in's Herz schnitt, „bald sollen Sie Nachricht von mir haben." Schmcrzcrfüllt machte sich Herr Beauprü eine Stunde später auf die Rückreise. — Als er dem Grafen die versöhnenden Worte hinterbrachte, sagte dieser finster: „Aber ich werde mir nie verzeihen!" Sobald sein Sohn im Schloß untergebracht war, trat er die Reise an. — „Theure Paulinc," sagte er beim Abschied. „Du verläßt meine Mutter nicht, nicht wahr?" „Niemals, ich schwöre es Dir, weder sie noch Dein Kind. Was auch die Zukunft bringen mag, mein Schicksal ist mit dem ihrigen verknüpft." XV. Mehrere Monate waren verflossen, Georg reiste in Deutschland und gab oft Nachricht, aber noch immer hatte Herr BcauprS nichts von der jungen Crcolin gehört. — Endlich erhielt er einen Brief aus Bordeaux; er war vom Capitän Borschel, der Pfarrer durchflog ihn hastig, er lautete: Mein Herr! Nach einer langen, diesmal sehr einträglichen Reise, komme ich nach Frankreich zurück und mein Erstes ist, das Versprechen zu lösen, welches ich der jungen Dame gab, die Sie mir an Bord brachten. Bald nach unserer Abfahrt bemerkte ich, daß ihre Gesundheit sehr angegriffen war, obgleich sie sich nie beklagte; wenn ich sie darum befragte, gab sie mir ausweichende Antworten. Eines Tages, als sie sich besonders unwohl fühlte und nicht auf's Verdeck kommen konnte, ließ sie mich rufen. Capitän, sagte sie, wie weit haben wir noch nach Basse-Terre? Ich antwortete, daß ich hoffte,"in acht Tagen dort zu landen. Dann werde ich, mein Vaterland nicht wieder sehen, entgegnctc sie, und als ich sie von dem Gedanken abbringen wollte, fügte sie bei: Das Leben ist mir so zur Last geworden, daß ich nicht dagegen murre, wenn Gott es abkürzt, für manchen Schmerz ist Sterben eine Wohlthat. Dann gab sie mir noch verschiedene Aufträge für ihren Verwalter in Baffe-Terre und bat mich, ihren Tod Ihnen bei meiner Rückkehr sogleich anzuzeigen. Leider täuschte sich die arme Frau nicht, sie sollte ihr Vaterland nicht wieder sehen. Ich wollte es gar nicht glauben, daß sie ihrem Ende schon so nahe sei, solche Ruhe und Freiheit des Geistes zeigte sie. Ihre letzten Augenblicke waren die einer Heiligen, sie betete beständig, oft hörte ich sie den Namvn Georg aussprechen, was mich nicht wunderte, da ihr Söhnchen so heißt. Wenn Sie in ihrer Familie eine Pauline kennen, so können Sie ihr sagen, daß sie auch von 59 ihr oft gesprochen hat. Ich schreibe Ihnen dies, weit ich weiß, daß solche Einzeln-- f heilen den Angehörigen wohl thun. Am Borabend ihres Todes stellte ste an mich noch die Bitte, ihre Leiche nach Basse-Terre zu bringen. „Ich möchte in meiner Heimath ruhen/ sagte sie. Ich versprach es feierlich und habe auch Wort gehalten. Bei meiner Ankunft ließ ich die Freunde der jungen Dame kommen, und übergab ihnen die Leiche. Ich bin fest überzeugt, daß die arme Frau an einem großen Kummer gestorben ^ ist; doch Sie kennen ohne Zweifel ihre Verhältnisse näher und ich bedarf dessen, . um gewiß zu sein, daß sie ein besseres Loos verdient hätte. — Empfangen Sie, mein Herr, bei dieser Gelegenheit die Versicherung wahrer Hochachtung, womit ich bin Ihr ergebenster Borschel, Capitän. Sobald Herr Beauprö den Brief gelesen, eilte er damit auf's Schloß. Er traf da Pauline und den kleinen Georg, dem sie ein Mährchen erzählte. Eine Zeit lang betrachtete er Beide schweigend, als Pauline seine ungewöhnliche Blässe bemerkend, ihn um die Ursache fragte. „Schenken Sie dem Kinde Ihre ganze Liebe, denn seine rechte Mutter ist todt/ sagte Herr Beaupre bewegt. Die junge Frau stieß einen Schrei schmerzlicher Ueberraschung aus, bald aber nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. „Also kann Georg wieder kommen,* — rief sie. „Pauline," sagte der Greis strenge, „ist es möglich, daß Ihr erster Gedanke ber dem Tod des Opfers die Rückkehr seines Mörders ist?" Pauline erröthete und verbarg ihre Beschämung und ihre Thränen, indem sie das Gesicht an den Kopf des Kindes lehnte. „Warum machen Sie die gute Mama weinen," sagte der Knabe zornig, „sie soll nicht weinen." Dann suchte er sie mit seinen Liebkosungen zu trösten. Dieser Auftritt erinnerte ^ Herrn Beauprv an die Worte der Creolin: „Sie wird die Liebe meines Kindes besitzen, wie sie mich schon aus dem Herzen meines Gemahls verdrängt hat." Ein Jahr später war große Freude im Schloß Vericourt, der Graf wurde noch für den Abend erwartet; sein letzter Brief, von einem Grenzstädtchen datirt, schloß also: „Am 17ten bin ich bei Euch, kaum fasse ich mein Glück und begreife nicht, wie Gott eS mir gewähren konnte." Der Tag schien Paulinen und der Gräfin endlos. Ihr ungeduldiges Warten verwandelte sich in schmerzliche Besorgniß, als sie den Pfarrer allein kommen sahen. So sehr sie sich sonst seiner Ankunft freuten, dießmal erfüllte bange Ahnung ihr Herz, und blaß und angstvoll riefen Beide zugleich. „Mein Sohn?" „Wo ist Georg?" Herr Beauprs sah mit Thränen im Auge zum Himmel und indem er die Hand des Knaben ergriff, sagte er: „Er nur wird ferner auf diese» Namen hören." Nur mehr wenige Stunden von Vericourt wurden die Pferde scheu, und der Postwagen stürzte über einen Abhang. Tödtlich verwundet, wollte der Graf noch zu seiner Mutter gebracht werden, aber er starb in Digne in den Armen des greifen Pfarrers, der seine Seele der himmlischen Barmherzigkeit empfahl. Wir versuchen es nicht, den Schmerz der beiden Frauen über Georg's plötzlichen Tod zu schildern. Wenn Gott ihn den irdischen Freuden, die er jetzt erhoffte, entrückt hat, so war es wohl, weil sein Verbrechen nicht hinlänglich gesühnt war. 60 Die Noth i« Ostpreußen. Den Hilfs - Comites in Deutschland, welche zusammengetreten sind, um die Noth in Ostpreußen zu lindern, hat das Provinzial-Comits in Königsberg seinen ersten Rechenschaftsbericht über seine Wirksamkeit zugehen lasten. Wir finden darin, daß sich die mildthätige Hand in allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes aufgethan hat und zur großen Freude gereicht es, daß gerade aus unserem Bayern eine große Anzahl von Gaben verzeichnet ist. Aus dem Berichte ergibt sich die beruhigende Versicherung, daß diese Gaben auch die ganz zweckentsprechende Verwendung sinken. Man sucht durch Verschaffung von Arbeit für Arbeitsfähige und Hingabe von Speisen und Lebensmitteln an Arbeitsunfähige der Noth vorzubeugen oder zu steuern. Die aus den verschiedenen Vereinen Deutschlands zugehenden Beiträge werden möglichst dorthin dirigirt, wo es am meisten Noth thut. Darunter steht in erster Reihe das Dorf Rudau. Dieses an und für sich arme Dorf bildet ausnahmsweise ein Ablagerungs-Depot für die von den umliegenden Gütern nach der Erndtezeit entlassenen, größtentheils halb- invaliden Jnstleute, Taglöhner, die sich dortselbst eine Wohnung, und nach Möglichkeit als gewöhnliche Arbeiter Beschäftigung suchen. Bei diesen herrscht schon seit Beginn des Winters ein totaler Mangel an Brennmaterial und Lebensrnitteln, die Leute, besonders die Frauen, sind gezwungen, mit den Kindern von Haus zu Haus betteln zu gehen, um nicht Hungers zu sterben, sie sind gezwungen. Holz zu stehlen, um nicht zu erfrieren. — Der arbeitsfähige Arbeiter kann bei der hohen Schncelage und der kurzen Tageszeit kaum so viel verdienen, daß er sich selbst arbeitsfähig erhalte, für die Existenz von Frau und Kind kann er schon gar nicht sorgen. Auf's Schwerste ist von dem allgemeinen Nothstände auch die Stadt Wehlau betroffen. Vierhundert Familien mit fast tausend Köpfen sind dort von den nothwendigsten Lebensmitteln entblößt. Die wohlhabenderen Einwohner der Stadt suchen zwar nach Kräften der Noth zu steuern, allein alles das reicht nicht anS, um den Hunger der Armen zu stillen, es ist nur ein Tropfen, der auf einen heißen Stein fällt. Man braucht Arbeits-Material, namentlich Flachs, Wolle rc., ». um selbe den Hunderten von Frauen, die solche begehren, zu schaffen und eine feste geheizte Arbeitsstätte einzurichten, man braucht Viktualien und Geld zur Errichtung einer Suppenanstalt. Ebenso hilfebedürftig ist die Gemeinde Ruß. Sie erlitt im Juni vorigen Jahres eine vierfache Ucberschwcmmung; die Leute dort, meist kleine Grundbesitzer, Schiffer und Losleute sind ganz erbärmlich daran, den ersteren ist das Heu fortgeschwemmt, aus dessen Verkauf sie das nöthige Getreide hätten kaufen können, den Schiffern mangelte es in dem verflossenen Jahre an den nöthigen Frachten, um das Erforderliche zum Unterhalte ihrer Familien während des Winters zu erwerben. Der Fischfang ist überhaupt in den letzten Jahren nicht lohnend gewesen und die Losleute, denen sonst der Holzhandel reichlichen Verdienst gab, haben für den Winter nichts ersparen können, da der Holzhandel im letzten Jahre ein sehr beschränkter war, der größere Theil derselben ist brodlos und wenn sich einer bei den Chausseebautcn wirklich etwas verdient, so kann er sich damit wohl selbst ernähren, aber bei der herrschenden Theuerung für Weib und Kind nur sehr wenig erübrigen. Dazu kommt noch, daß eine Menge von Knechten und Mägden brodlos geworden. Ueberall die schreiendste Noth und Mittellosigkeit der Gemeinden, derselben zu steuern. Schaaren von Kindern ziehen in dem kläglichsten Zustande hungernd und bettelnd müher. Die übermittelten Gaben werden dort zunächst zur Einrichtung von Suppenanstalten verwendet, damit die dürftigen Kinder dort zu essen bekommen und nicht mehr vom Hunger zum Bettel gezwungen sind. Mit diesem gras- sirenden Nothstände steht die herrschende Typhus-Epidemie im Zusammenhang. Viele ^ Arbeiter, die im Herbste an der Südbahn gearbeitet haben und jetzt brodlos herumirren, sind von dieser Krankheit heimgesucht und tritt dieselbe bei diesen kümmerlich genährten und entkräftigten Leuten intensiver auf. Es ist dringend geboten, daß für Aufnahme und Verpflegung solcher unglücklicher Arbeiter, welche Verdienst suchend, auf der Reise am 61 ^ Typhus erkrankten und nach einer größeren Krankenanstalt nicht mehr übergesiedelt werde« können, Sorge getragen werde! Im Städtchen Darkehmen steigerte sich die Noth schon im November dermaßen, daß die Aerzte dem Hungertyphus entgegen zu arbeiten mahnten, dem auch wirklich zwei Opfer unbestreitbar erlegen sind. Die dortige Gegend gehört sonst zu den fruchtbaren, aber die Kartoffeln sind meist ertränkt und verfault, daS Getreide ist bei fortwährendem Regen nicht gereift und die meisten Einwohner sind ^ Handwerker, meist mit großen Familien. Es wurden dort von 430 Unterstützungs- Bedürftigen die 60 Aermsten herausgegriffen, von denen aber nur täglich die Hälfte mit 30 an einem Tage gespeist werden konnte und die andere Hälfte auf Ueberhungern bis zum nächsten Tage gewiesen werden mußte. Eine schreckliche Noth herrscht im Kreise Labian, es sind zur Zeit 16,000 Menschen dort, die der Hilfe bedürfen! Um das Maß des Unglücks zum Ucberströmen zu bringen, hat der grimmigste Feind des Vorjahres, das Hochwaffer, sich wieder eingestellt. Der Winter mit seiuer beispiellosen Strenge, seiner Kälte von 25 Grad, hatte wenigstens noch das Gute, die Communi- kation auf dem Eise der Gräben, Kanäle und überstauten Wiesen zu ermöglichen, so daß auch noch die entferntesten Niederlagen mit Lebensmetteln versorgt werden konnten, denn es muß Jedes und Alles hingeschafft werden, gebaut ist absolut Nichts in jenen Gegenden. Da trat plötzlich Thauwetter ein und daS Wasser stieg in einer Nacht um 6 bis 7 Fuß. Mitten im Januar mußte abermals der schlechtverwahrte, unheizbare, zugige Boden die Zufluchtsstätte der Menschen werden >— und zugleich bedeckte sich bei dem sofort wieder eintretenden Frost die unabsehbare Waffermaffe mit einer dünnen Eiskruste, nicht stark genug, um die Fortbewegung auf ihr zu gestatten, zu stark, um das Fahren mit Booten zu ermöglichen, so daß alle Communikation vollständig unterbrochen war. — „Von Labian aus übersieht man ein unendliches Eismeer, mit den daraus hervorragenden Häusern: aber hinten, in der meilenweitcn Ferne, wohin das Auge nicht reicht und . leider auch nicht die helfende Hand, sondern nur der schaudernde Gedanke, da harren Tausende von Menschen, hungernd, frierend im hoffnungslosen Kampfe mit den Elementen. ..." So berichtet ein vom Provinzial-ComitS nach jenem Kreise gesandter Vertrauensmann und aus einem Briefe eines jungen Geistlichen in Lithauen entnehmen wir folgende entsetzliche Schilderung: Der Hungertyphus ist bereits da, am Sonntag habe ich Typhuskranke besucht, um ihnen das heilige Abendmahl zu geben. Solche Jammergestalten habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Schon die Stube war entsetzlich, — der Fußboden aufgeweicht — Du kennst es — die Wände naß und schwarz wie ein Schornstein, im ganzen Raum ein Tisch, ein Schaff voll Schmutz und Staub, em Rocken, eine Ofenbank und ein Bett in einer Ecke. Auf dem letzteren krümmte sich eine Jammergestalt, das leibhaftige Bild des Todes. Das einzige Stück Bett war das Kopf- kiffen, sonst nur Stroh und Lumpen, durch welche die spitzen Knochen durchschienen; das Auge halb gebrochen, die Lippen vermochten die Zähne nicht zu bedecken. — „Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir," wimmerte der Kranke mit Geisterstimme nach. Es war eine grauenhafte Scene, dazu angethan, Zeitlebens einem im Gedächtniß zu bleiben. Ich fragte die schmierige Mutter nach ihren Kindern, „da sind sie" antwortete sie, auf den Ofen zeigend, ich konnte jedoch nichts entdecken und fragte noch einmal. Da fing's sich auf das Rufen der Mutter hinter dem Ofen und in der zum Kochen eingerichteten Röhre an zu regen; zwei Jungen krochen hervor, einer uothdürftig mit einem Hemde bedeckt, halb lebendig, der andere halb bekleidet, zerlumpt und beide schwarz wie die Neger. . . . Solchen Thatsachen gegenüber wird sich die menschenfreundliche Gesinnung, die sich bisher in Bayern für unsere unglücklichen Brüder im Norden bekundet hat, auch fernerhin gewiß nicht verschließen und wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Summe des bisher Gegebenen in kurzer Zeit sich verdoppeln möge. Wir sagen: „in kurzer Zeit!" denn wer schnell hilft, hilft zwei Mal. 62 Die hungernde» Ostpreußen. Ihr habt die .Bruder' angerufen. Und bei dem Gotte, der uns schuf, Es hallt bis an der Berge Stufen, Ihr habt die Bruder angerufen. Nicht sei vergeblich euer Ruf! Uns faßt «in göttliches Erbarmen; Voll Liebe drücken wir und Schmerz Die frost- und hungerkranken Armen, Daß sie sich sättigen und erwärmen. An unser deutsches Christenhcrz. Wo bang die Noth zum Himmel kreischet, Wär's auch beim Feind, wir säumen nicht Doch seid denn ihr's, die uns zerfleischet? Ihr thatet ja nur, was erheischet Des heiligen Gehorsams Pflicht. Nur ihr, des Preußensiaates Wächter, Nehmt nicht in euren sünd'gen Mund Das hcil'ge Wort! Ihr Brüderschlächter, Des Rechtes und der Treu Berückter, Jhrmitdemwälschen Feind im Bund. — Im Bund, nicht um euch zu verthrid'gen. Rein, um den Bruder selbst, o Schmach, Mit schnödem Angriff zu belcid'gen. Ihn zu vernichten! Jbr Meineid'gen, Da jeder Odem Lüge sprach! Roch dampft von eurer Brudertreue Der böhmische Grund, die Frankenflur, kustozzr dampft . . . dock sonder Reue St>bt ihr nock da, — vielleicht auf neue Berbrüdcrungsthatcn sinnt ihr nur! Nehmt die Millionen, uns entrissen. Dazu so leicht sich hat bequemt Das faule modrige Gewissen, — (Ihr möchtet einst nock Freunde missen). Den ungerechten Mammon nehmt. *) Gebt ihn an sie, die, nothvcrnichtet, Noch schmachten in der Steuer Joch! So wird die Schuld — zwar nicht geschlichtet — Doch minder streng dereinst gerichtet, Und w.ir — verzeihen leichter doch! Xuim» kovaric». ») ruka» 18, S. (Wie man Nattern und Wilddiebe fängt.) Ich ging einmal mit einem Kameraden, der auf Alles was kriecht, eine besondere Passion hat, über die Felder spazieren. Plötzlich sahen wir eine große Natter, welche wie eine Rolle Kübeltabak geringelt im Grase lag, nach verfassungsmäßiger Entwickelung von vier Fuß Länge sich in ein Loch verkriechen. Flugs eilte mein Kamerad ihr zu und erwischte sie noch glücklich beim Schwänze, an dem er sie festhielt. Gib mir ein Messer, rief er mir zu, und als ich ihm mein Sackmesser gereicht hatte, schaute ich aus gehöriger Entfernung zu, was er denn mit der ecklen Natter anfangen werde. Da zog er denn mit der einen Hand die Natter langsam aus dem Loche, während er mit der andern Hand das Messer zum Schnitte bereit über dem Loche hielt, in welches das Thier sich verkriechen wollte. Endlich als er merkte, daß „das Trum" zu Ende gehe und der Kopf nicht mehr lange warten lasten würde, schnitt er den wurmigen Faden ab, so daß der Kopf noch in der Höhle stecken blieb. 63 Diese Geschichte gehört zwar weder in die hohe noch in die niedere Jagd, aber ein« Jagd bleibt's doch, eine Jagd, wozu mehr Muth gehört, als einem Hasen den Lauf abzuschießen. Ungefähr wie dieser Natter erging es nun im letzten Jahre einem Wilddiebe in H. Dieser Wilddieb war ohne Gewehr gerade so gefährlich, als mit demselben. Ging er ohne Gewehr in's Revier, so konnte man sicher annehmen, daß er ausgehe, einen Auer- Hahn zu „verhören," oder Fallen und Drahtschlingen zu legen, oder ein in die Fallt gerathenes Stück auszuiiehmen. Das Letztere war nun einmal der Fall. — In eine ehemalige, nunmehr fast ganz verschüttete Knappenhöhle, vulgo Stollen, hatte er einem Marder eine Falle gelegt und wollte nun nachsehen, ob der Marder auch wirklich darinnen stecke. Nichtig lag er in eingeklemmter Vcrendung in der engen Höhle. In dem Augenblicke, als der Wilddieb seine Beute herauszuziehen sich anschicken wollte, bemerkte er aber den Jagdeigenthümer und noch einen Jäger in der Ferne, glaubte jedoch von ihnen noch nicht bemerkt worden zu sein, und um den Augen der Unberufenen sich ganz zu entziehen, kroch er auf dem Bauche 4'/? Fuß weit (weiter ging's nicht) in die Höhle hinein, in welcher er neben dem glücklich gefangenen Marder die Gefahr vorüber gehen lasten wollte. So lag er dann bis an die Knöchel lebendig vergraben. Was er in dieser kritischen Lage sich dachte, ist nicht bekannt, gewiß ist, daß er sich von dem nichts träumen ließ, was bald nachher geschah. Die beiden Jäger hatten nämlich den Wilddieb „einfahren" gesehen und nach kurzem lkriegsrath ward das Manöver mit dem Wilddieb beschlossen, wozu übrigens keine weiteren Vorbereitungen getroffen wurden, als daß der eine der Jäger eine dicke, zähe Ruthe sich abschnitt. Sie pirschten nun den eingefahrenen Wilddieb, und als sie ihm nahe genug waren, packte der eine Jäger den Wilddieb bei den noch etwas vorstehenden Füße» und begann ihn sachte, sachte aus dem Loche zu ziehen, während der andere Jäger mit der geschwungenen Ruthe in der Hand einen gewissen Abschnitt im Längenmaße des Wilddiebs abwartete. Als nun so viel von demselben an's Tageslicht gezogen war, als zur Applikation von Prügeln gemeinhin nöthig ist, begann die Execu- tiou. — Der Eine hielt die Füße fest, damit der Wilddieb weder vor- noch rückwärts konnte und der Andere prügelte darauf los; der Wilddieb aber, der sich in dem engen Loch nicht rühren konnte, brüllte und fluchte in die Höhle hinein, daß der verendete Marder in der Falle sich hätte seiner erbarmen mögen. (Für Gärtner und Blumenzüchter.) Aus wahrem Zufall wurde im vergangenen Jahre gefunden, daß die Schale der gewöhnlichen rothen arabischen Bohne die Blüthen weißer Blumen in rothe, die der schwarzen arabischen Bohne in ganz dunkelbraune, und die der blauen arabischen Bohne in blaue verwandelt. Das Verfahren ist folgendes: man schält die Schalen ab, welches mit einem Messer, obgleich etwas mühsam, zu bewirken ist. Die Schalen werden getrocknet, zu Pulver gerieben und mit zwei Drittel Erde vermischt, in welche Mischung der Same der zu verwandelnden Blumen gesäct wird. Die Pflanzen werden nochmal in eine gleiche Mischung Erde gesetzt. Ob die fernere Generation ohne diese Erdmischung die neue Farbe constant bewahrt, kann ich in Folge der jungen Entdeckung nicht behaupten; dabei ist mir aber eingefallen, ob nicht auf diesem Wege die längst gesuchte blaue Georgine erzielt werden dürfte. Daß übrigens vor mehreren hundert Jahren ein ähnlicher Gedanke auftauchte, ist daraus erweislich: In einer der ältesten Gartenschriften, gewiß 200 Jahre alt, die mir vor langen Jahren zu Händen kam, las ich wie folgt: Man nehme eine arabische Bohne, schneide den Keim heraus, quelle die Bohne, stecke das Samenkorn von einer weißblüheudcn Nelke hinein, lege sie in Erde und die hervorwachsende Pflanze werde brennend rothe Blumen tragen. 64 (Das Bauchaufschlitzen in Japan.) Das „Harakiru"— Bauchaufschlitzen — der Japaner ist so einzig in seiner Art, daß wir nach dem preußischen Werke über Ost- Asien, welches seine Mittheilungen aus bester Quelle geschöpft hat, hierüber Einiges berichten müssen. Das Harakiru wird für alle Adeligen zur Nothwendigkeit, wenn ihnen Schande droht. Der Krieger entleibt sich, um nicht in Gefangenschaft zu gerathen, der Beamte, wenn sich unter seiner Verwaltung Ungehöriges zugetragen hat, gleichviel, ob mit oder ohne sein Verschulden; er rettet dadurch seinen Nachkommen Ehre, Vermögen und die erbliche Würde. Nur in zweifelhaften Fällen scheinen Männer von Rang das Urtheil des Taikun abzuwarten, und dann gilt es als Gnade, wenn das Harakiru befohlen wird. Es ist die Zuflucht des japanischen Edeln in jeder Calamität; die Knaben werden Jahre lang in der Kunst unterrichtet, sich mit Würde und Grazie den Leib aufzuschlitzen, wie man bei uns tanzen lernt. Vor Zeiten war es noch ungleich beliebter als jetzt Das vom Kaiser gebotene Harakiru wird mit großer Feierlichkeit vollzogen. Männer von Stande führen das für solchen Fall vorgeschriebene weiße Sterbeklcid auf allen Reisen mit sich, ebenso die weißen Zeltvorhänge, mit denen die Wohnung des Aufzuschlitzenden während der That von Außen bekleidet sein muß. Alle Verwandten und Freunde sind zu der Feierlichkeit geladen: man reicht Speisen und Getränke, und bringt einige Stunden in traulichem Gespräche zu. Dann trinkt das Schlachtopfer mit den Seinen die Abschiedsschaale, sagt feierlich Lebewohl, hört in ehrerbietiger Stellung noch einmal den Erlaß des Siogun vorlesen und ergreift dann das zum Harakiru bestimmte kleine Schwert bei der Klinge. Er umwickelt diese, um sie zu halten, in der Mitte mit seinem Gewände, und bringt sich, geneigten Hauptes auf der Matte sitzend, mit der Spitze einen Querschnitt in den Leib bei. Sein vertrautester Diener ist indeß hinter ihn getreten und schlägt mit einem Hiebe seinen Kopf herunter. Die Herzhaftesten sollen sich den Leib kreuzweise aufschlitzen und dann noch mit eigener Hand die Hals-Arterie durch- haucn. Das Kopfabschlagen durch Andere gilt als eine Neuerung unseres verweichlichten Jahrhunderts. Der lange Friede hat übrigens diese Sitte sehr gemildert; auch ist die Gesetzgebung eingeschritten. Denn früher mußten sich auch die Diener beim Tode ihres Herrn entleiben; jetzt ist dies durch kaiserliche Edicle verboten. (Ueberraschende Wirkung der tropischen Sonne.) Livingstone erzählt in seinem neuesten Riesenwerke, daß er am Wcstufer des Nhassa-Sees in Afrika beobachtete, wie die Steine am Tage so erhitzt wurden, daß selbst nach Sonnenuntergang Niemand darauf sich niedersetzen konnte. In Folge der raschen nächtlichen Abkühlung und Zusammenziehung der äußeren Schichten des Gesteins springen diese ab. Der Reisende hört dann deutlich im Lager den Donner der abgesprengten Felsen, wie in einem Steinbruche und wenn er sich die Mühe gibt, die einzelnen Stücke wieder zusammenzusetzen, so sieht er, daß ihre Bruchstücke genau an einander passen. Charade. Zweisilbig ist das erste Wort, Und dieses nennt die Millionen, Die frei nud gleich, die immerfort Bevölkern jene Regionen, Die finster, wie nicht leicht ein Ort, Und so uns nennt das zweite Wort. Sind beide Wörter ungetrennt, So zählen sie der Silben vier, Und bilden sie ein Wort, das nennt Bald einen Menschen, bald ein Thier. Druck, Derlag und Redaktion des Uteaarischeu Instituts von vk. M. Huttler.