Nr. S 1. März 1868. Augsburger Wie die immer wieder angeblasene Kohle endlich zur Asche verglüht, also verglüht auch das Gefühl der Zucht in der zu lang oder zu oft ausgehaltenen Gluth deS SchamrölhenS. Maria Mnioch. Nacht und Nebel (Aus dem Leben eines Schiffskapitäns.) Von Heinrich v. Litirow. Die See ging hohl. Die Brigg Aretusa, ein starker Kauffahrer unter österreichischer Flagge, kämpfte in einer Dezembernacht mit wenigen Segeln gegen die Wuth der erzürnten Elemente. Der Wachhabende stand auf der Commandotreppe am Hintertheil, in seinen Mantel gehüllt und starrte in die dunkle Nacht, deren tiefe Finsterniß nur zuweilen von einem Blitze der phosphoreszirenden Wellen erleuchtet war. Ein feuchter kalter Wind aus Südost, der schon zwei Tage gewüthet hatte, heulte in ungleichen Stößen durch's Takelwerk und peitschte den Schaum der am Schiffe zerschellenden Wogen hoch über Deck. Todtenstille herrschte an Bord und nur das Gekrach der Masten und des Steuerruders unterbrach zuweilen das eintönige Gemurmcl des tosenden Meeres. — Ein dichter Nebel hatte seinen Schleier über die Masten gelegt, so daß man kaum das Licht wahrnehmen konnte, das die Laterne am Bugsprit spärlich verbreitete. Der Steuer- mann in seiner Jacke mit Kapuze lehnte an den Specken des Steuerruders; sein Auge blickte unverrückt auf die Compaßscheibe am Wachhause, dessen Fenster von der inneren Wärme angelaufen, er zuweilen mit dem Acrmel seiner Jacke wieder klarer zu machen suchte. „Wie viel Uhr ist's?" fragte endlich der Wachhabende auf der Treppe, ohne sein Antlitz auch nur für einen Moment einwärts zu biegen. „Fünf Minuten fehlen auf vier Uhr, Herr Wullicr," antwortete der Steuermann, nachdem er sich gebückt und auf die Sanduhr gesehen hatte, die unter der Welle des Rades vor Wind und Wetter gesichert stand. „Noch drei Stunden Nacht," seufzte der Offizier, „und gar kein Anschein, daß sich das Wetter ändern will, bevor es Tag wird. Wenn wir nur schon aus diesem langweiligen Gewässer wären, im Kanal von Nhodus finden wir sicher guten Wind." „Ich habe es gestern dem Herrn Kapitän prophezeit," meinte der Steuermann, — „als wir an der Rhede von Kos so gleichgültig vorübersegclten, und er zuversichtlich auf guten Wind hoffte. Wären wir dort nicht besser und ruhiger vor Anker als hier unter Segel, ohne einen Faden zu gewinnen? Und noch dazu mit der Angst, auf so einen griechischen Kammerdiener zu stoßen, der uns von Kopf bis zu Fuß entkleidet. Mich wundert's, daß wir noch keinen zu Gesicht bekommen haben, sonst sind sie hier zu Hause — aber wahrscheinlich war das Wetter auch ihnen zu scharf, um aus ihren Höhlen zu kriechen. Zu meiner Zeit —" „Ist Jedermann wach am Verdeck?" rief jetzt der Wachhabende, ohne weiter dem Geplauder des Steuermanns Aufmerksamkeit zu schenken. — „Jedermann wach," ertönte es zurück von drei verschiedenen Stimmen der drei Posten, die an den beiden Bordseiten und am Bug aufgestellt waren, um Alles zu beobachten, was in der See bemerkt werden konnte. 66 Und tiefe Stille folgte wieder für geraume Zeit; der Wind ließ allmählig nach, die Nebelhülle lichtete sich und eben war man im Begriffe, die Neffen loszubinden, die man Abends vorher genommen hatte, und die Bramsegel aufzuhissen, als Wullier auf seiner Treppe sich plötzlich bewegte, starr seine Augen gegen den Vordertheil richtete, endlich seinen Mantel abwarf und von der Treppe hinab gegen vorwärts im Schiffe eilte. „Augen aufgemacht und nicht geschlafen!" rief er dem wachhabenden Matrosen am Steucrborde zu, indem er ihn zugleich so derb auf die Schulter schlug, daß dieser unwillkürlich mit der Hand nach der so unsanft berührten Stelle fuhr. „Ich schlafe nicht, Herr, aber luvwärts gibt's nichts Neues " „So?" — fragte Wullier ironisch, indem er ihn am Ohre nahm. „Was ist denn das dort? Vielleicht ein Wirthshaus, von dem Du träumst! Nun, kommt's Dir noch nicht vor, wie ein Schiff?" — Und indem er ihn wieder am Ohre zerrte, „siehst Du noch nicht klarer, blinde Nekrutenseele? Und der andere Schurke am Vordertheile hat auch nichts gesehen! Ich muß für Euch auch gucken, nicht wahr? Und Ihr steckt Eure Augen in die Taschen, damit sie Euch vor Schlaf nicht in's Wasser fallen?" Bei den letzten Worten dieser Anrede war er schon am Vorderkastcll und gab seinen Worten noch mehr Nachdruck durch die Faust, die bald da, bald dort niederfiel, und die, wie er oft selbst in seiner Gutmüthigkcit zu sagen pflegte, die Unterscheidungszeichen seiner Ncde schreibe, um dadurch den Matrosen den tiefen Sinn derselben klarer zu machen. „Ich will Euch schon dem Kapitän empfehlen," fuhr er fort, „wenn er aufs Verdeck kommt; einstweilen marsch hinauf Beide in den Maslkorb, und wenn Ihr dort auch schlaft, so bleibt mir wenigstens der Trost, daß Ihr über Bord stürzt und ich Euch auf eine gute Art los werde." Die Brigg „Aretusa" war ein wohlbemanntes, auf dalmatinischer Wcrfte gebautes Schiff, aber immer ein Kauffahrcr. Diese mögen noch so gut bemannt sein, so verläßt sie, wenn sie allein segeln, ohne daß ein Kriegsschiff sie begleitet, dennoch nie die Furcht vor den Piraten. Die Mündung im Norden des Kanals von Nhodus, bekannt wegen seiner Ungcwitter, war zugleich wegen Sccräuberei eine der gefährlichsten Stellen des insclrcichen Archipel, und bildete vor wenigen Jahren noch ganz die Scylla und CharybdiS der armen Kauffahrcr, die kaum der mühevollen Fahrt zwischen den zahlreichen Inseln der Cykladen und Sporaden entgangen, hier wieder neue Beweggründe finden, besorgt zu sein, und mit Sehnsucht nach der offenen See jenseits Nhodus blickten, wo ihre Schifffahrt weniger gefahrvoll war und in jeder Beziehung ruhig sich bis an die Küste von Alcxandrien erstreckte. In solchen Momenten der begründeten Angst vor den stark bemannten unternehmenden Piratcnschisfen war für die Seeleute eine Inselgruppe und Windstille das, was zu Land in unsicheren Gegenden dem Reisenden ein Wald und eine sternlose finstere Nacht ist. Die Windstille gab den Seeräubern die Sicherheit, daß ihre Beute nicht entfliehen konnte; die Fclfengruppe war ihr Versteck, hinter dem sie, aller Buchten und Höfen kundig, lauerten, angriffen und verschwanden, ohne eine Spur der Richtung ihrer Flucht zurückzulassen. In den gefährlichsten Zeiten, die — dem Hunmel sei es gedankt — nun längst vorüber, aber noch nicht vergessen sind, passirtcn also Kauffahrcr beinahe nie jene Gegenden, ohne Bedeckung eines Kriegsschiffes, und wenn dennoch ein kühner Kapitän es wagte, sie allein zn durchsegeln, so wählte er hiezu immer günstigen, frischen Wind, oder vertraute der Kraft seines Schiffes im Kampf mit Wind und Wetter, denen lange zu widerstehen die leichten Ruderbänke nicht geeignet waren. Kapitän S . . ., der die „Aretusa" kommandirte, war keineswegs ein Mann ohne Muth und ohne Kenntnisse zur See. Er hatte ersteren zu öftermalen schon lobcnswerth bewiesen, letztere sich auf seinen häufigen Reisen in fast allen Theilen der Welt erworben. Aber wie dann der Matrose mit seiner reifsten Erfahrung dennoch Lehrling blieb bis an'S Ende seines Lebens, so hatte er sich auch diesmal geirrt und in der sicherm Ueberzeugung eines Wetterwechsels eine Fahrt unternommen, die nur unter den günstig, stcn Umständen hätte gewagt werden sollen. Nun war man aber in Mitte der Unter- nehmung, der Weg zurück zu lang und so gefährlich, als jener vorwärts; das einzige Mittel war also das im Leben so oft wirksame Rezept: perlor 6t obelura — der große Wahlspruch des Seefahrers, der ohne Vergleich mehr als jeder andere Erdenpilger Gelegenheit hat, die tiefe Wahrheit und die praktische Gediegenheit dieser sinnreichen Worte zu prüfen, die auf eines jeden Schiffes Wimpel in goldenen Lettern als Wahlspruch des Handwerkes glänzen sollten. llerlsr ot obäuru — ertrage und halte aus! Kapitän S . . . kannte diese Worte auch, tröstete sich aber immer bei deren Anwendung auf's Leben mit Wullier'S guter Gesellschaft, der, seit Jahren sein guter Reisegefährte, ihm oft mit seiner Seelenruhe und seinen guten Einfällen an die Hand gegangen war, gut und anspruchlos sein Scherflein beitrug, und damit oft zum besten AuS- gang führte. Die Lage, in der man sich befand, war aber schon am Abende vorher nicht dir angenehmste gewesen: der Betrug des Wetters, auf das man sich verlosten hatte, war deutlich ausgesprochen, die Unsicherheit der Gegend bekannt und große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß mit diesem Südostwinde die Piratenschiffe gegen Norden ziehen würden, und somit ein Begegnen fast unvermeidlich sein dürfte, aber nichts desto weniger ging der Kapitän ruhig zu Bette. Er wußte ja, daß Wullier die Nachtwache habe und da war sein Schlummer ungestört. Wullier hatte Vollmacht zu thun, was er für gut hielt. Wullier wechselte Stcuercours, so oft es ihm beliebte. Wullier setzte Segel aus, ließ Segel reffen oder bergen, ohne es zu melden, mit einem Worte: Wullier that, waS er wollte, weil Kapitän S . . . die Erfahrung gemacht hatte, daß Alles, WaS Jener thun wollte, zum gesellschaftlichen Besten geschah. Diese hohe, gegründete Meinung dcS Kapitän war natürlich bald auf die Mannschaft übergegangen. Das sämmtliche Schiffs» Volk wußte bald, wen es an Wullier besaß; der Name Wullier, sein abgekürzter Zuname mit dem ihn der Kapitän freundschaftlich zu tituliren Pflegte, war bald vorn Steuermann bis zum Schiffsjungen bekannt und Alles hieß ihn Herrn Wullier. Niemand beurtheilt den Seemann oder Marine-Offizier besser, als der Matrose, der unter seinen Befehlen arbeiten muß. Wie die Pferde in der Regel gleich beim ersten Druck des Schenkels, bei der leisesten Bewegung des Zügels ihren Reiter kennen, sich füge» und gehorchen, oder eigensinnig und stutzig werden, so kennt der gemeine Matrose in den ersten Wochen seinen Offizier, und beurtheilt seinen Herrn am richtigsten aus der Art und Weise, mit der er von ihm geleitet wird. Zweckloses, ängstliches Manövriren, das den armen Matrosen ermüdet, ohne irgend einen Vortheil zu gewähren, erzeugt Kleingeisterei, die endlich aus Mangel an Geistesgegenwart in entscheidenden Momenten doch wieder der Erfahrung der Mannschaft, ihrer Uebung vertraut und so den Zügel schießen lasten muß, wo der Führer am unentbehrlichsten, am nothwendigsten wäre. Die Stunden, in denen Wullier die Wache hatte, waren Stunden der Lust für die Mannschaft, und oft schon hatte es sich ereignet, daß kleine Streitigkeiten zwischen den beiden Wachabtheilungen entstanden, weil jede mit ihm die Stunden seiner Wache zubringen wollte. Wullier war nachsichtig und mild, dort wo Nachsicht und Milde von den Umständen gestattet werden durfte; dafür verlangte er den strengsten Dienst, die größte Wachsamkeit in Augenblicken der Gefahr und ließ sich bei entdeckter Nachlässigkeit, wie eben in der heutigen Nacht, nicht selten verleiten, mit den Schuldigen derb, ja handgreiflich zu verfahren. So unerlaubt diese Handlungsweise war, so wurde sie meistens nur den Anfängern im Dienst zu Theil, und die persönliche Kränkung, die das Individuum dadurch erlitt, war durch das Andenken an so manche andere Beweise von Hcv- zensgüte, die Wullier ihnen zukommen ließ, wieder gemildert und vergessen. (Fortsetzung folgt.) 68 Der blinde Fönia. Ein Sängergruß aus Altbahern am 18. Februar 1868. Ein Wunder ist geschehen, So selten Wunder sind; Die blinden Könige sehen, Die sehenden sind blind. In Deutschlands Gartenbeeten Manch' edle Blume blüht: Was Sehende zertreten, Der blinde König sieht. Er sieht in diesen Tagen Klar seines Volks Gemüth, Sieht tausend Herzen schlagen. Die ganz für ihn erglüht — In dieser Zeiten Jammer, Wo Alles wankt und bricht, Die schönste „Silberkammer" Wohl unter'm Sonnenlicht. Er sieht des Volkes Liebe, Die Sehende nicht sehn; Wenn ihm sonst nichts verbliebe, Die wird ihm nie vergeh'«. Er sieht die deutsche Treue, Die Sehenden nichts werth, An seinem Volk aufs Neue, Aufs Glänzendste bewährt. Er sieht, erprobt im Werke, Ein jetzt gar selt'nes Kraut: Er sieht Charakterstärke, Auf die man Throne baut. Nicht feile Seelen schleichen Hinab jetzt gegen Wien, Nein, Männer fest wie Eichen Zum blinden König zieh'u. Zwar solche Eichen ständen In Deutschland viel umher: Wenn sich nur Blinde fänden, Die sähen so, wie er! Er sah sein Land zwar rauben Im ungerechten Krieg: Er sieht im festen Glauben Auch seiner Sache Sieg. Sein Recht ist ja verflochten Mit Gottes ewigem Recht: Wird dieses ausgesochten, Wird seines auch gerächt. Mag jetzt Gewalt sich brüsten Als Herrscherin der Welt: Nicht ewig darf verwüsten Sie Deutschlands Gartenfeld. Der Herr wird auf sich richten Und dieses Regiment Zerschmettern und vernichten. Das nur Gewaltthat kennt. — Du blinder König im Osten! Jetzt triumphirt Gewalt; Doch Liebe wird nicht rosten, Die ein Jahrtausend alt. Die Liebe weiß zu tragen Still und mit Mannesmuth, Bis sie empor darf schlagen In Heller Flammengluth. Sie hat in alten Zeiten Sich treu bewährt und groß, Sie wird auch Dich geleiten Zurück zum Ahnenschloß. Die Liebe weiß zu warten Mit ungebroch'ner Kraft, Bis Gott erscheint im Garten Und wieder Ordnung schafft. Dann blüht Deutschland aufs Neu« Zum Segen wird der Fluch, Und von der deutschen Treue Gilt neu der alte Spruch. — Im Osten ist erklungen Des Hochrufs voller Schall' Im Westen ward gesungen Dieß Lied als Wiederhol!. Nimm aus dem treuefesten Liebwertben Bayerland, Fürst! diesen Gruß, den besten. Den ich im Herzen fand! -rr-r. 69 Timm Thode Die Schauerthat in Groß-Campen, die dem Namen Timm Thode in der Criminal- Geschichte zu einer entsetzlichen Berühmtheit verholfen hat, kam am 31. vor. Mts. vor dem Schwurgericht in Jtzehoe zum gerichtlichen Abschluß. Timm Thode, der im Jahre 1866 an einem Tag seinen Vater, seine Mutter, seine vier Brüder, seine Schwester und ein Dienstmädchen erschlagen und dann — um das Verbrechen zu verhüllen — das elterliche Haus angezündet hatte, ist erst 23 Jahre alt, und macht den Eindruck eines Bauers, wie man sie in den holsteinischen Marschen häufiger antrifft. Er sieht sehr wohl aus. Der untere Theil des Gesichts springt etwas hervor, die Lippen sind wülstig aufgeworfen, die Augen spotten in ihrem glitzernden Leuchten, wenn er sich einmal dem Znschauerraum zuwendet, der classischen äußern Unbefangenheit, welche er an den Tag legt. Den Hergang des Verbrechens erzählt Timm Thode selbst, ohne dabei die geringste Erregtheit zu verrathen, folgendermaßen: Er habe mit seinen Brüdern Johann, Martin und Cornils auf unfreundlichem Fuße gestanden; auch das Verhältniß mit seinem Vater sei nicht günstig gewesen. Mit den Uebrigen, meinte er, wär' eS „gegangen." Im Frühjahr 1866 faßte er den Entschluß, seine Familie zu todten, um dem fortwährenden Streit ein Ende zu machen; dann den Hof, welcher ihm nach dem Tode seiner Angehörigen zufallen würde, zu verkaufen, und somit in alleinigen Besitz eines bedeutenden Vermögens zu gelangen. Am 6. August hatte er schon eine fünf Fuß lange Handspeiche bereit gelegt, um die Brüder zu erschlagen. „Een bi een woll ick se in dc Schün locken, um se denn en na enander dodtslagen!" sagte er. Diese Absicht wurde nicht ausgeführt, da es ihm nicht gelingt, den Plan in gedachter Weise zu vollbringen. Am Dienstag den 7. August fuhren die Eltern aus dem Hause, um einen Besuch bei Bekannten abzustatten. Timm Thode weiß es zu veranlassen, seinen mit der Arbeit beschäftigten Brüdern Martin, Cornils und Reimers einzeln nachzugehen, und erschlägt dann hinterrücks mit der fünf Fuß langen, am untern Ende dicken „Handspake" die Brüder nach einander. Martin fällt zuerst unter des Bruders mörderischer Hand, dann Reimer und Cornils. Den Johann schlägt er über den Kopf. Dieser taumelt hin und her, und ruft den Bruder an. Der Mörder schwingt auf's Neue die Handspeiche, und schlägt ihn dann todt. Nun mußte der Vater, welcher inzwischen mit der Mutter heimgekommen war, beseitigt werden. Timm weiß ihn durch die Aussage, die Ochsen seien ausgebrochen, zu veranlassen, vor die Hausthür zu treten, und „links" vor der Hofstelle erschlägt er ihn. In einer Karre bringt er den Leichnam des Vaters nach Hause, und vertilgt die etwaigen Blutspurcn durch Ausgrabung der Erde, welche er mit auf die Karre wirft. Zwei wachsame Hunde sind auf dem Hofe des Joh. Thode. Diese könnten dem Mörder gefährlich werden; deßhalb muß er dieselben beseitigen. Die Hunde sind ihm zugethan. Er lockt sie an sich heran, schlingt einen Strick um den Hals des ersten und hängt diesen auf. Darauf ruft er den andern Hund. Das Thier folgt dem Rufe. Mit seinem Rasiermesser sucht er demselben den Hals abzuschneiden. Es gelingt ihm nicht ganz, und heulend enteilt der Hund den Händen des Mörders. Die Mutter erscheint mit brennendem Licht an der Thür, und fragt nach der Ursache des Lärmens. „Es ist nichts," behauptete Timm. Nun erfolgt die Erzählung des entsetzlichen Kampfes in der kleinen Stube zwischen Schwester und Bruder. Von einem Schlag der Axt betäubt, liegt die Mutter auf dem Boden. Die Schwester springt aus dem Bett, um die Mutter zu retten. Mit einem Messer sticht er auf die Schwester los, und schlägt sie dann mit der Axt todt. Die Mutter „günste" noch; er erschlägt auch diese. Endlich eilt er in die Mädchenkammer, fühlt im Finstern nach dem Kopfende des Bettes, schlägt mit der Axt zweimal zu, ünd der letzte Mord ist geschehen. Lautlos stirbt das Mädchen. „Da har ick se all todt!" sind seine eigenen Worte. Dann steckt er die Scheune in Brand, um die That zu verdecken, und legt die Leichname sb, daß dieselben beim Aus- bruch der Feuersbrunst zerstört werden mußten. Hierauf legt er sich so lang abwartend 70 auf das Bett, bis das Feuer den gewünschten Umfang genommen hatte. Die ErzSh- ^ lung der Schauerthat aus des Mörders eigenem Munde macht auf die Zuhörer den entsetzlichsten Eindruck. Der Vertheidiger weiß nichts zu sagen, als sein innerstes Bedauern über die That auszusprechen. Der Gerichtshof beschloß darauf, ohne Hinzuziehung der Geschworenen, das Urtheil zu fällen. Nach demselben wird Timm Thode wegen des Verbrechens wiederholter Brandstiftung und achtfachen Mords zum Tode ver- ^ urtheilt. Der Angeklagte hört mit unerschütterlicher Ruhe sein Urtheil an, und auf die letzte Frage des Präsidenten: ob er noch irgend etwas zu bemerken habe, antwortete er in seinem Plattdeutsch: „Ne — nix." Ein Dampfmeusch. Die Welt schreitet mit Sicbcnmeilenstiefeln fort. Nachdem die Alchymisten sich Jahrhunderte lang vergebens abgemüht, auf chemischem Wege einen Homunkulus herzustellen, ist es jetzt einem einfachen Mechaniker in Ncwark, N. I. Zaddock Deddrick, gelungen, einen Dampfmenschen zu erfinden, der abermals eine „Revolution" in dem Verkehrs- und Transportations - Wesen hervorbringen wird, sofern er so construirt ist, daß er nicht nur in jeder gewünschten Richtung und mit beliebiger Schnelligkeit läuft, sondern auch noch als Locomotive für eine Last dient, zu deren Fortbewegung sonst drei starke Zugpferde erforderlich wären. Der „Newark Advertiser" gibt uns über dieses jüngste Erzeugniß des nimmer rastenden Menschengeistes folgende Einzelnheiten: Der Dampfmensch steht sieben Fuß und neun Zoll „in seinen Schuhen" und sämmtliche Dimensionen seines Körpers sind vollkommen proportiouirt, so daß er an den bekannten Riesen Daniel Lambert erinnert, wie denn auch Deddricks Arbeiter die Figur blos den langen Daniel nennen. Der Rumpf ist nichts Anderes als eine Dampfmaschine von drei Pferdekraft, nach Art der bei den Dampfspritzen gebräuchlichen, mit einem Gewicht von 500 Pfund. Die Beine, auf denen der Rumpf ruht, sind wunderbar komplicirt; >> mittelst ihrer macht die Figur Schritte mit der größten Natürlichkeit und überraschender Leichtigkeit; sobald der Körper auf dem vorgesetzten Fuße weiter rückt, hebt sich der andere mittelst einer Feder vom Boden, und wird durch den Dampf vorwärts bewegt. Bei jedem Schritt rückt die Figur zwei Fuß vor und jede Umdrehung der Maschine gibt vier Schritte; da nun die Maschine in einer Minute mehr als 1000 Umdrehungen machen kann, so würde der Dampfmensch nach diesem Verhältniß in einer Minute etwas über eine Meile zurücklegen; um aber ganz sicher zu gehen, namentlich auf unebenem Boden, will Herr Deddrick die Maschine bloß 500 Umdrehungen in der Minute machen lassen, so daß sein „Mann" eine halbe Meile in der Minute macht — immer noch eine ganz anständige Geschwindigkeit. Sofort wird der Bursche vor eine gewöhnliche Kutsche gespannt, deren Laune dazu dient, ihn in seiner vertikalen Stellung zu unterstützen; diese Laune besteht aus zwei eisernen Stangen, die in der gewöhnlichen Weise an der Kutsche befestigt und in einen eisernen Reif eingehängt sind, der die Figur wie ein Gürtel umschließt. Die nöthigen Kohlen werden unter dem Rücksitze der Kutsche, das erforderliche Wasser in einem Kessel unter dem Vorsitz untergebracht; der Vorrath von beiden ist auf einen halben bis ganzen Tag berechnet. Natürlich würde das Daher- sausen eines solchen Riesen eine Verwirrung unter dem Vieh, namentlich den Pferden, verursachen, allein Herr Deddrick hilft diesem Ucbelstande dadurch möglichst ab, daß er der Figur ein ganz menschliches Aussehen gibt, und sie wird stets Rock, Hose und Weste nach der neuesten Facon tragen. So oft das Feuer geschärt werden muß, hält der Kutscher, steigt ab, knöpft dem „Daniel" die Weste auf, öffnet eine an der Stelle des Herzens befindliche Thür, schaufelt die nöthige Quantität Kohlen hinein, knöpft die Weste wieder zu und fährt weiter. Für alle Vorkommnisse, plötzliches Anhalten, Sperren, Bergauffahren re. ist vollkommen gesorgt; alle diese Manöver werden durch einen ein- 71 fachen Druck an einer Feder regulirt. Zur Verdeckung der verschiedenen Schrauben trägt die Figur einen Tornister mit gerolltem Mantel; das schwarze Haar und der schwarze Schnurrbart kontrastiren unmuthig mit dem Gesicht „wie Milch und Blut;" der au- Blechplatten zusammengesetzte „Kalabreser" dient zugleich — wie ja bei vielen anderen Menschen auch — als Rauchfang. Der Dampfmensch kostet bis 2000 Dollars. — Herr Deddrick hofft aber in nicht ferner Zeit ein brauchbares Exemplar, für das auf ein Jahr garantirt wird, für 300 Dollars herstellen zu können. Fällt dieser erste Versuch befriedigend aus, so wird der erfindungsreiche Meister sich an die Construktion eines wirklichen, nicht blos figürlichen „Dampfrosses" machen, das die Arbeiten von zwölf gewöhnlichen Pferden verrichten wird. Ueber die Spinne« Ein aufmerksamer Blick in das Treiben der mannigfaltigen Kerbthierwelt lehrt sogleich, daß die Spinne den nützlichsten Geschöpfen angehört. Hier hat eine solche ihr Netz ausgearbeitet—und bestrickt soeben ein gefangenes, zappelndes Wesen, dort stürzt sich eine andere mörderisch auf ein anderes Thier, und wohin wir die Spinnen verfolgen—überall tödten und verzehren sie lebende Geschöpfe. Keineswegs aber dürfen wir sie deshalb hasten und verfolgen — denn alle diese vielen, ganz kleinen nnd kleinsten Wesen, die den Spinnen zur Beute fallen, sie sind fast sämmtlich für den Haushalt der Natur, oder auch für den Menschen unmittelbar schädlich. Während wir, in diese Betrachtungen versunken, dem künstlichen Weben einer großen Spinne zuschauen-langt plötzlich der alte Nachbar aus dem Nebcnhause um die Ecke, ergreift das dicke Thier, streicht es auf das Butterbrot» und verzehrt es — wohl bekomm'- ihm! Es gibt recht viele Menschen, die Spinnen zum Butterbrod für sehr schmackhaft halten. Andere suchen auf frische Wunden reine Spinnennetze und wollen danach augenblickliche Linderung des Schmerzes fühlen. Und noch andere sammeln die Spinnen als leckeres Futter ihrer Lieblinge, der Stubenvögcl auch wohl zur Heilung derselben,wenn sie erkrankt sind, sowie auch für kranke Hühner. Ein Franzose, Le Blond, hat die großen Kreuzspinnen sogar noch in umfassender Weise in den menschlichen Nutzen zu ziehen versucht, indem er in einem besonderen Zimmer deren viele Hunderte hielt, fütterte und aus ihren Gcspinn- sten sogar ein Paar Strümpfe und ein Paar Handschuhe für Ludwig XIV. machen ließ. Dergleichen Versuche sind später noch unzählige angestellt worden, haben indeß zu keinem bcachtcnswchrtcn Ergebniß geführt. Wie wir gesehen, sind die Spinnen ja aber auch außerdem, durch ihre mittelbare Thätigkeit, für uns von großer Wichtigkeit. Es gibt bei uns in Deutschland eine große Anzahl verschiedener Arten, deren nähere Betrachtung uns zu weit führen würde; wir müssen sie daher im Allgemeinen überblicken. Die meisten von ihnen bewohnen selbstgewcbte Netze, deren Fäden aus sechs bis neun, am Hintcrleibe befindlichen Oeffnungcn flüssig hervortreten, und von dem Thiere zu einem Ganzen vereinigt werden. Dies ist indessen noch nicht wunderbar genug, denn jeder dieser neun Fäden ist aus tausend Fädchen zusammengesetzt und doch erreichen erst Neunzig dieser neunmal tausendfachen Fädchen die Dicke eines Fadens der Seidenraupe und ihrer Achtzchntausend erst die eines Mcnschenhaarcs. Andere Spinnen haben keine Netze, sondern erhäschen ihre Beute im Sprunge. Alle Arten aber spinnen ihre Eier in kugelförmige Behälter und einige von ihnen tragen dieselben stets mit sich herum. Die Jungen kriechen oft im Herbst, meistens aber im Frühjahr auS und sorgen sogleich für sich selber. Den Winter bringen die Spinnen in Löchern und Verstecken zu und können mehrere Jahre alt werden. Die größte und schönste unserer deutschen Spinnen ist die bereits erwähnte Kreuzspinne, die in den Wäldern gewaltige Netze von einem Baum zum andern zieht. Am merkwürdigsten muß uns jedoch die Wasserspinne erscheinen. Sie läuft nämlich für gewöhnlich auf dem 72 Wasserspiegel umher, taucht aber auch hinab in die Fluth, und webt sich hier an den Wasser- pflanzen ein Häuschen von der Größe einer starken Haselnuß. In dasselbe trägt sie sodann von der Oberfläche herab, ein Luftbläschen nach dein andern, bis sie das g anze Gewölbe mit Luft gefüllt hat und nun mit ihrer Brüt behaglich im Trocknen sitzt, wo sie dann auch überwintert. Einige Leute halten die Spinnen für giftig, dies ist jedoch keineswegs der Fall, und ebenso hat der Biß aller unserer einheimischen auch durchaus keine nachteiligen Folgen. Der Biß der in Italien einheimischen über einen Zoll lang werdenden Tarantel bringt dagegen eine Geschwulst hervor. Der sonderbare Glaube des „Tarantelstichs, " dessen schrekliche Folgen nur durch einen Tanz (die Tarantella) geheilt werden können- ist nichts als müssige Erfindung. Die größte und .furchtbarste von allen ist.die Vogclspinne, welche über drei Zoll lang wird, in Erdlöchcrn und Baumritzcn lebt und von Kerbthieren aller Art und selbst kleinen Vögeln sich ernährt. Eine solche Spinne war einst mit einer Ladung Kampecheholz aus ihrem Vaterland Brasilien in einem Schiffe nach Stettin gekommen, wo sie einige Zeit mit jungen Vögeln gefüttert und am Leben erhalten wurde. Alle Spinnen können ungemcin lange hungern, worauf sie bei ihrer wartenden Lebensart auch angewiesen sind. So nützlich sie dem Naturfreunde auch im Freien erscheinen müssen, so widerwärtig sind sie der Hausfrau, die mit dem Staubbesen einen unablässigen Krieg gegen sie und ihre Gespinnste führt. Liebhaber dagegen wissen sich viel mit ihnen zu beschäftigen, sie so zu zähmen, daß sie auf ihren Ruf herbeikommen, und Andere locken sie sogar durch Musik heran, von der die Spinnen große Freunde sein sollen. Daß Napoleon I. einst durch eine Spinne vom Tode gerettet wurde, indem dieselbe in seine vergiftete Chokolade siel, ist den Lesern wohl bekannt. (Pferdefleisch.) In eines der besuchtesten Bierlokale am Alexanderplatz in Berlin kam am Dienstag ein alter Herr und verlangte ein Beefsteak. Als ihm dasselbe gebracht wurde, besah und beroch er es erst von allen Seiten, wobei er gar bedenkliche Miene machte. Ein zweiter Herr an demselben Tische, der eine Zeitlang dem „Alten" zugesehen, sagte jetzt: „Da sind Sie schön hineingefallen. Das ist ja Pferdefleisch." Mit Abscheu schob der alte Herr den Teller von sich und verlangte Butter und Käse. — „Bin wirklich neugierig, wie das Pferdefleisch schmecken mag", sagte der zweite Herr nach einer kleinen Pause, „Siejerlauben wohl." — „Sehr gern." — Hierauf band sich jener die Serviette um, griff nach Meffer und Gabel, nach Mostrich und vertilgte das ganze Beefsteak. Mit halbem Entsetzen sah der alte Herr dem Esser zu und fragte dann endlich: „Aber wiedersieht Ihnen das nicht?" — „Nein", sagte Nummer Zwei, sich den Mund abwischend, „ich habe mich nämlich geirrt, es war doch Rinder-Filet und zwar vom allerfeinsten. Es hak mir vortrefflich geschmeckt." — „Wie kommen Sie aber dazu, mir den Appetit zu verderben? Wer sind Sie denn? — „Ich bin Jemand, der es nicht verschmäht, ein gutes Beefsteak von Rinder-Filet zu essen, dessen Kasse aber dagegen Einspruch thut." -- Das verblüffte Gesicht des alten Herrn entzieht sich llcr Beschreibung. _ (Amerikanische Diebe.) Ein Mitglied der Firma A. und C. Kaufmann in New- Pork begab sich nach dem Zollhause. Während sich Herr Kaufmann daselbst besand, ward ihm ein Portemonnaie aus der Tasche gestohlen, welches jedoch nur zwei Postmarken enthielt. Zu seiner nicht geringen lleberrajchung erhielt nun der Bestohlcne vorgestern das leere Portemonnaie zurück, und zwar mit einem Schreiben begleitet, wovon das Folgende eine wörtliche Uebersetzung ist: „Mein Herr! Es^hat mir viel Mühe gemacht, Ihren Namen und Ihre Adresse auszumitteln. Ich möchte esie ersuchen, künftig etwas mehr Geld in der Tasche zu tragen als gestern, weil sonst mein Geschäft rninirt wäre. Für einen Gentleman von Ihrer Stellung und Ihren Mitteln ist's doch wahrhaftig eine Schande, mit einem nur zwei Post- Marken enthaltenden Portemonnaie in der Tasche auszugehen. Wenn ich wieder Gelegenheit habe, Ihre Tasche zu leeren, hoffe ich wenigstens einige größere Bills zu finden; andernfalls müßte ich Sie einem gewandten Einbrecher zur Berücksichtigung empfehlen. Ihr nicht sehr dankbarer Taschendieb. l>. 8. Die zwei Post-Marken habe ich dem Jungen für Ueber- Mittelung dieses Briefes gegeben." Druck, »«lau und Redaktion der lit»»ritchrn Instituts von vi. M. Hunln.