Nr. 1L 15. März 1868 Augsbnrger 4 - Ohne Seelenruhe wird nichts Großes. Wo kleine Leidenschaften an den Menschen zerren, kann er nur abgebrochene kleine Dinge thun. Selbst wo starke Leidenschaft große Dinge bewirkt, ist eine Art von Stille in der Seele. F H. Jacobi. Dem Gedächtnis; König Max SL. von Bayern. -j- 10. März 1864. In dumpfen- Schlägen dröhnt es noch vom Thurm Dem Volke kündend, was es jüngst verlor Und noch umhüllt der schwarze Trauerflor Des Baycrnlandes ruhmbedeckt' Panier- Da hebt schon wieder sich, inmitten Blumenzier' Ein Katafalk, und von dem hohen Chor Des Doms erbraust der Orgel Feierton Zum ke-guii-m für König Max, den Sohn Des greisen Vaters, Den des Schicksals Sturm Zur Gruft der großen Ahnen jüngst berief Und Der, wie Max, für uns zu früh entschlief. Zwei Särge mehr in diesem dunklen Raum Und von zwei rühm- und thatenreichm Leben, Von Gott zur Wohlfahrt uns'res Land's gegeben. Zwei todte Herzen und — ein Hcrrschertraum! Der Sarkophag umschließt die theure Hülle, In Der ein Baterhcrz dem Volk' geschlagen Das, bis man Es zu Grabe hat getragen Bemüht war, Seine Sendung zu erfüllen Und Das wir stets in tiefem Schmerz beklagen. Ja — um zwei Fürsten weint Bavaria heute Und um zwei Herzen, nun des Todes Beute! Nach Maxens Gruft, der Stadt am Isarstrande Worin der König schläft den Todesschlummer In der Er ausruht von der Krone Kummer, Wallfahrtet heut' im Geist das Bayernland. Die Thräne fließt — ein schuldiger Tribut — Ihm, Der so viel des Großen that hienicden Dem Seiner Kinder Wohl Sein höchstes Glück, Und Der mit Seinem Volke hielt den Frieden. Nun ruht sie aus die todte Königshand, Die voll des Segens, durch ein großes Leben Dem Land sein Glück, dem Volk sein Recht gegeben. 82 Doch, khrcn wir auch hoch Sein groß' Vermächtnis Und so, wie Er's verdient hat und gewollt. In Bruderliebe, fester Eintracht Gold, Des theuren Herrschers rühmliches Gedächtniß?! — Ach — blickt um euch und klagt euch reuig an. Daß ihr nicht würd'gcr Seines Worts geworden; Er schuf dem Volke eine Segensbahn Ihr säet Zwietracht in der That — in Worten; Er wollte stets mit Seinem Volke Frieden Und ihr Pflegt feindlich euch die Stirn' zu bieten, Unwürdig euch zu schmähen aller Orten! Schon Pocht Verrath an eures Hauses Thor Und was in ihm Jahrhunderte gehalten, Will blindlings er in Neues umgestalten. Er schielt sogar zu eurem Thron empor Und webt zum eig'nen Sterbkleid' sich den Flor. Anstatt daß Ihr euch fest in Ein's gestaltet, Seid ihr bemüht, euch frevelnd zu entzweien, Statt daß ihr hoch der Eintracht Banner haltet, Versucht ihr euch im Kampfe der Parteien Und hoffet Segen, wenn die Feindschaft waltet. Die Liebe stirbt, weil nie der Haß veraltet! Blickt auf den Sarg der stillen Königsgruft Wo euer Max bei eurem Ludwig ruht Verschließt das Ohr nicht, wenn Er zu euch ruft: „Bewahrt den Frieden als das höchste Gut! Seid Brüder, selbst wenn sich die Meinung theilt Verschmäht den Unrath aller gift'gcn Reden, In dieser Zeit ist Einigkeit von Nöthen, Sie ist gar ernst und das Verhängniß eilt!" O hört dieß' Wort, verschließt das Herz ihm nicht, Geht, Hand in Hand, nur auf des Friedens Wegen Versöhnt, vereint, dem schönen Ziel entgegen! So zeigt ihr euch des besten Lohnes werth, So haltet ihr Ihm, Der uns Allen theuer, Dem König Max die würd'ge Todtenfcicr Und Segen ruht auf eurem Heimathhcerd; Im Bürgerglück beruht des Landes Kraft, In ihm nur keimt des großen Zicl's Gedeihen Und Bürgcrunglück bringt die Leidenschaft. O laßt zu Maxens Sarg den Schwur uns senden: „Wir steh'n zum Thron in aller Zeiten Lauf!" Des Schicksals Gang halt zwar der Mensch mcht auf Doch kann er ihn, vereint, zum Bessern wenden! B. Nödel. 83 Nacht und Nebel (Schluß.) Die Brise war schwach, das Meer noch immer etwas bewegt, aber die heiter aufgehende Sonne versprach einen heiteren Muttertag. Wullier hatte indeß mit dem Kapitän durch die Kajütenluckc gesprochen. AnS de« Steucrkurs der Schebeke war zu entnehmen, daß sie nach Kap Cato zu segeln im Sinne habe, welches auch bei günstigem Winde vor Nacht zu erreichen nicht möglich war. „Ich danke Euch, lieber Wullier, für den guten Gedanken, den Euch der Himmel eingegeben hat," flüsterte der Kapitän aus seiner Kajüte, „nur stehe er uns noch ferner mit seinem Schutze bei, um ihn zu Ende zu führen, obwohl ich nicht recht begreife» kann, wie das Ganze ausgehen wird." „Sorgt Euch nicht," cntgcgncte Wullier, „in Nordwest steigen Wolken auf, die Nacht wird finster werden und uns günstigen Wind bringen, dann kappen wir da< Schlepptau und vor dem Wind mit hoher See segelt die „Aretusa" wie ein Delfin. — Aber horch! man brüllt schon wieder etwas durch's Sprachrohr, bleibt ruhig, ich will hören, was es gibt." Wullier eilte an den Bugsprit, um die Befehle des Piraten zu vernehmen. „Wirf den Cadaver, den Du noch auf dem Schisse hast, über Bord, wie auch alle Betten, Hängematten und Effekten der übrigen Verstorbenen!" ertönte es aus dem Sprachrohr des Piraten. Die Pantomime der Bejahung von Seite Wullier's war mit einigen Zuckungen deS armen Steuermannes verbunden, der den SchrcckenSbefchl vernommen hatte und sich schon eine Beute des Todes glaubte. Ich soll also in's Meer, dachte er bei sich, bloß ui» meine Todtcnrolle recht natürlich zu spielen? Schon war er im Begriffe, sich auf die Beine zu machen und durch sein Aufstehen Alles zu verrathen, als Wullier zu ihm hin- trat, sich in seiner Nähe etwas zu thun machte und ihn beschwor, sich ruhig zu verhalten. „Ruhig/ murmelte Jener in die Planken des Verdeckes hinein, „ruhig? wenn Sie mich über Bord werfen wollen? Sagen Sie dem Piraten, daß ich sterbend, aber noch nicht todt sei — da Sie keinen Mord begehen wollen — oder werfen Sie einen Ander» über Bord, einen der wenigstens unpäßlich ist, aber mich nicht, so frisch und gesund." „Sei unbesorgt," erwiderte Wullier, der trotz seiner kritischen Lage sich des Lachens nicht enthalten konnte. „Das Schicksal Aller ist nun in Deiner Hand, Du kannst Alle- durch Deinen Mangel an Muth verderben. Ich gebe Dir ein Tau um den Leib, binde ein Ende an die Gallerie des HinterverdeckeS und kaum bist Du in die See geworfen, so ziehst Du Dich unter den Spiegel, klammerst Dich unter dem Heckbalkcn fest und kriechst bei der Hinteren Lugpforte wieder herein. Von der Schebeke aus kann Dich Niemand sehen, da Du durch das Schiff gedeckt bist. Wir segeln kaum zwei Knoten, und somit hast Du auch von der Schnelligkeit des Schiffes nichts zu fürchten. Bist Du nun einverstanden?" „Nun, wenn es sein muß, so will ich mich in des Himmels Namen darein fügen," seufzte der Steuermann, „nur sorgen Sie für ein gesundes Tau und halten Sie e- kurz, sonst gehe ich zu tief beim Wurf." Wullier kitte unter Deck, um einige Gcräthschaften, Kleider u. s. w. herauszubringen, und sie im Angesicht des Piraten, der mit seinem Fernrohr beständig am Hintcr- thcil der Schebeke stand und auf die Brigg lugte, über Bord zu werfen. Die sämmtlichen Effekten wurden neben und auf den Schcintodten geworfen und zugleich ein Strick gereicht, dessen Ende er sich, unter den aufgcthürmten Gcräthschaften verborgen, um de» Leib band. Wullier flößte seinen Leuten unter Deck noch Muth und Vertrauen ein durch die in Eile mitgetheilte Erzählung seines neuen Schnippchens, das er dem Piraten schlug und durch das er sich um so sicherer irre zu führen hoffte, als er damit seine 4 84 früheren Aussagen bestätigte, ließ die Hintere Lugpfortc öffnen, und eilte wieder geschäftig mit einigen Effekten beladen auf's Verdeck. Nun wurde das andere Ende des Strickes, den der Steuermann um den Leib hatte, am Hintcrtheil des Schiffes festgemacht, ein Stück nach dem andern über Bord geworfen und endlich der Leichnam des lebendigen Todten auf die Schultern geladen und gegen das Hintervcrdeck geschleppt. „Werfen Sie mich nicht an's Steuerruder oder an den Spiegel," flüsterte der Pseudotodte, „sonst schlag ich mir ein Loch in den Kopf, und wäre dann wirklich todt oder gezwungen, zu schreien —" nun plump, fiel der wohlbeleibte Mann über Bord, tauchte eine Weile unter Wasser, kam aber bald wieder auf die Oberfläche, kroch an seinem Tau bis an's Schiff und schwang sich hier bei der Lugpforte wieder hinein. Im unteren Schiffsraum empfing man ihn mit herzlichem Händedruck, reichte ihm ein Glas Rum als niederschlagendes Getränk nach überstandener Todesangst und ließ ihn nun von seiner tragi-komischen Lage erzählen. Indeß war es Mittag geworden — trotz der allgemeinen Gemüthsbewegung stellte sich der gewöhnliche Seeappctit ein, der heute mit Zwieback allein gestillt werden mußte, da Niemand die Küche auf dem Verdeck besorgen durfte. Wullier zählte die Stunden bis zu Sonnenuntergang, und freute sich über die immer heraufziehenden Gewitterwolken in Nordwcst, auf denen er den Regenbogen der Rettung zu sehen glaubte. Die ohnehin schwache Brise, die unter Tags geweht hatte, ließ gänzlich nach, um zwei Uhr Nachmittags war schon die Sonne hinter dichte Wolken getreten und über die See hatte sich eine vollkommene Windstille gelagert. Gänzliche Windstille in den Wintcrmonatcu ist in der See gewöhnlich der sichere Vorbote eines Sturmes. Diese unnatürliche Ruhe der Luft, dazu die meist von vorhergegangenen Stürmen noch bewegte hohle See, die am Horizont sich meist zu gleicher Zeit erhebenden Wolken, die von verschiedenen Winden getrieben, sich nach und nach zusammenziehen, um dann vereint alle unter den Befehlen eines ausgesprochenen Orkans zu mar- schiren — Alles das gibt einer Windstille den widerlichen Anschein von Hinterlist und Tücke, die auf den alten Matrosen selbst einen unangenehmen Eindruck hervorbringt. — Die Elemente lauern gleichsam und sammeln Kräfte, um dann mit verdoppelter Wuth zu rasen und zu stürmen. Die Piratcn-Schebeke bemannte die Ruder; durch die schwere Brigg im Schlepptau und durch die aus Nordwest fluthcnde See verhindert, bewegten sich aber beide Schiffe kaum vorwärts. Wullier saß am Hintcrtheil seines Schiffes und blickte bald auf die sich immer und immer thürmendcn Wolken, bald auf die Sanduhr, bald auf die in langen Wogen rollende See, die ihm so ganz den Anschein bot, als wolle sie den Piraten auf seiner Schebeke einwiegen, um während seines Schlafes die armen Seefahrer zu befreien. Kein Segel war an dem bereits im Dämmerlicht eingehüllten Horizont zu erspähen und die Todtenstille, die überall herrschte, schien Wullier geschaffen, um die Nettungspläne für die bevorstehende Nacht zu überdenken und alle möglichen Fälle zu erwägen. „Wie geht's über Deck?" flüsterte jetzt aus der Kapitänlucke eine Stimme, die Wullier für jene des Kapitäns erkannte. „Windstille und hohle See aus Nordwest," antwortete Wullier, in seinen Rettungsplänen gestört. „Was macht die Schebeke?" lispelte der Stcucrmcister. „Der geht's schlechter als uns," erwiderte Wullier, „sie rudern sich zu Tode, um morgen früh — nichts zu sehen — nicht einmal ein verpestetes Schiff. Haben Sie unsern Punkt genau auf der Karte?" „Sehr genau," antwortete der Kapitän, — „wir stehen fast in der Mitte zwischen Nekro und Kap Korio." „Dann kommt Nordwest sehr erwünscht," meinte Wullier, „und er wird uns sicher nicht fehlen, verlassen Sie sich darauf; und haben wir einmal Sejenii uud Kap Aluopi. 85 passirt, so springt der Wind am Kanal von Rhodus nach West und wir sind geborgen. Sorgen Sie nur dafür, daß Jedermann wach bleibt heute Nacht, um bei der Hand zu sein. wann's nöthig wird." „Das immer und immer zunehmende Dunkel der hereinbrechenden Nacht gestattete auch mehr Freiheit am Bord des Kauffahrers, man kroch nach und nach auf'S Verdeck, theilte sich die verschiedenen Pläne mit, fügte gute Gedanken hinzu und freute sich über den Nebel der allmählig immer dichter und dichter sich niedersenkte, so daß man die Schebeke nur etwa noch im Schattenriß erspähen konnte. „Höhe von der Brigg," tönte es wieder aus dem Sprachrohr des Priraten herüber. Wullier eilte vor, um das Zeichen der Aufmerksamkeit zu erwidern. „Zünde Deine Laterne am Bugsprit an und sorge, daß sie helle brenne," lautete der Befehl. „Soll sogleich geschehen," lautete die Antwort Wulliers, ließ eine Laterne bringe» und befestigte sie unter dem Klüverbaum. „Das ist unangenehm," meinte der Kapitän, „daß der Grieche auch daran gedacht hat, nun wird er uns, wenn der Nebel nicht sehr dicht wird, nicht außer Auge laste» und jedes unser Manövers bemerken können." „Macht gar nichts," antwortete Wullier, „lasten Sie eine zweite große Laterne am Hinterdeck bereiten, wenn wir das Schlepptau abgekappt haben, so lasten wir eine Weile hindurch das Vordere recht licht brennen; wenn wir dann so weit genug zurückgeblieben sein werden, wenden wir das Schiff, löschen die Laterne am Klüverbaum aus und hissen die andere auf der Gaffel beiläufig iu dieselbe Höhe, wie die erste, so wird er im Nebel unsern Spiegel für den Gallion halten, unser Licht auf der Gaffel für jenes am Bugsprit und glauben, daß wir noch im Schlepptau wären, wenn wir mit allen Segeln vor dem Winde nicht mehr eingeholt werden können." Indeß war es Nacht geworden, die See aus Nordwest ging schon bedeutend hoch und der Wind aus derselben Himmelsgegend wuchs von Stunde zu Stunde an Kraft. Die Schebeke hatte Anfangs alle Segel ausgesetzt, um so knapp als möglich am Wind zu steuern und sich luvwärts vom Kap Korio zu erhalten, aber der zunehmende frische Wind, die bewegte See und die Brigg im Schlepptau zwangen die Piraten, ein Segel nach dem andern zu streichen, so daß sie gegen neun Uhr Abends nur mit ganz gerafftem Marsegel und einem Nef im Topsegel mühsam vorwärts steuerten, — dabei noch stark im Abtrift verloren. „Ich wette, die Schebeke wird jetzt durch den Wind wenden," sagte Wullier, der in der letzten Zeit das Vorderkastell der Brigg nicht mehr Verlusten hatte, „warten wir noch das Manöver ab und in der nächsten Stunde sind wir flott. Wirklich wand die Schebeke, um nicht zu weit luvwärts getrieben zu werden. Während dieses Manövers kam die Brigg wieder mehr in die Nähe und der Pirat konnte sich überzeugen von der Genauigkeit, mit der man folgte. Als die Schebeke umgelegt und nun weiter segelte, wurde an's Schlepptau an Bord der Brigg ein anderes Tau angeknüpft, um sich so etwas entfernter vom Piraten zu halten und mit mehr Freiheit manövriren zu können. Wullier stellte seine Mannschaft an die Brassen, Fallen und Toppcnanz, die Ruderpinne wurde luvwärts gelegt und bei der ersten Seitenbewegnng der Brigg der Klüver still aufgehißt. Nacht und Nebel begünstigten das Unternehmen, das, ohne eine Silbe zu sprechen, zu Ende geführt wurde; die Brigg — von den Wellen in die Flanken getrieben — fiel schnell ab, und als sie das Hintertheil gegen die Schebeke gestellt hatten, wurden die Segel alle in Kreuz aufgehißt, in die Shottcn gehöhlt, die Laterne auf die Gaffel gehißt und die Ruderpinne in die Mitte gestellt; der Wind stand in allen Segeln und die „Arebusa" theilte mit verjüngter Kraft die schäumenden Wogen. In wenigen Augenblicken waren die Letscgclsparren an Steuer und Backbord hinausgestoßen, und Flügeln ähnlich, blähten sich die Segel zu beiden Seiten und setzten die Brigg in eine 86 Fährt von neun Knoten. Der zunehmende Wind, der mit seinen ersten Stößen Fuß faßte, hatte auf der Schebeke viel zu thun gegeben und Niemand hatte in den ersten Momenten seine Aufmerksamkeit auf die Prise gerichtet. Neues Leben war dagegen auf der Brigg in die Mannschaft gekommen; jeder arbeitete nach Leibeskräften, begeistert durch die Idee der unfehlbaren Rettung. Wullier stand am Hullertheil und lugte nach der Schebeke aus, von der kein Schatten mehr zu sehen war, als plötzlich ein Blitz die Gegend beleuchtete, in der sie stehen mußte und gleich darauf der Donner eines Kanonenschusses ertönte. „Man salutirt," sagte Wullier lächelnd, „sollen wir danken, Kapitän?" — und ein allgemeines Gelächter bemeistertc sich der umstehenden Mannschaft. „Spottet nicht," meinte dieser, „noch sind wir nicht im Hafen. Glaubt Ihr wirklich, Wullier, daß nichts mehr zu fürchten sei?" „Wenn sich die Schebeke in eine Seemöve verwandelte," erwiderte Wullier, „so holt sie dennoch die Aretusa nicht mehr ein/' Die Laterne war herabgenommcn, der Steuermann wieder an sein Ruder getreten, obwohl zuweilen seine Blicke von der Wiederkehr abschweiften und er sich auf die Fußspitzen stellte, um rückwärts zu schauen. Wullier bestieg in seinen Mantel gehüllt wieder ruhig die Treppe des Hinterdeckes. „Wollen Sie schlafen gehen, Kapitän?" fragte Wullier endlich, — „es muß bald Mitternacht sein und hier gibl's nichts mehr zu thun." „Ich danke Euch, lieber Wullier, ich bin zu bewegt, als daß ich schlafetz könnte, ich bleibe bei Euch über Deck, um noch eiii wenig zu plaudern." „Nun, so schicken wir wenigstens die Mannschaft in die Hängematten, damit sie ein wenig ausruhen nach all' der Arbeit." Der halben Mannschaft wurde gestattet, unter Deck zur Ruhe zu gehen; allein Keiner benutzte die Erlaubniß. Alles wollre Wullier nahe bleiben, der seiner stillen Gemüthsart zufolge schwieg und sich wenig um die Aufmerksamkeit und Liebe der Mannschaft bekümmerte. So graute der nächste Morgen; alle aufgeregten pochenden Herzen waren ruhig geworden; nur der Steuermann traute dem Glück noch immer nicht, und wandte sich oft zurück, um sich zu überzeugen, ob der Pirate verschwunden sei. Der Nebel zertheilte sich mit dem dämmernden Tage, der Mont Lavola von Rhvdus schimmerte am Horizonte als Vorbote des nahen Hafens. Wenige Stunden darauf lag die Brigg nächst dem Thore de Cavalieri vor Anker und der Kapitän stieg in sein Boot, um die Meldung des Vorfalles am Bord des österreichischen Kriegsschiffes zu machen, dessen Flagge ihm zugleich Schutz zur weiteren Reise gewähren konnte. „Nun," sagte der Steuermann, als der Anker geworfen war, und er seinen Posten verlosten durfte, zu den umstehenden Matrosen, „es ist doch ein angenehmes Gefühl, durch Muth und Geistesgegenwart der Netter eines Schiffes zu sein. Wenn ich nicht an Bvrd gewesen wäre," fügte er hinzu und schlug mit der flachen Hand auf seine Brust, „wie stünde es jetzt mit Tuch, Ihr armen Schlucker!" (Der Mohr der Königin.) Einst fuhr die Königin Thcrese mit großem Gefolge nach Starnbcrg und nahm auf der „Post" Quartier. Der Posthalterin machte es Sorgen, die vielen Leute nach Rang und Klaffe zu beherbergen, und kaum glaubte sie fertig zu sein, siel ihr ein, dem Mohr noch kein Zimmer angewiesen zu haben, und in Ermanglung dieses sollte die HauSmagd ihr Bett und Zimmer für diesen Abend dem Mohren überlasten. Kaum wurde Letzterer dieß bedeutet, rief sie empört über dieses Ansinnen: „Vor drei Tagen habe ich erst frisch überzogen, und jetzt soll ich den rußigen Kerl hinein legen lasten?!" — Diese naive Weigerung kam zu Ohren der Königin, die herzlich lachen mußte, die Magd rufen ließ und sie mit einem Ducaten beschenkte. 2. 87 Zwei Heimfahrten. (An den große» Todten von E. F. Sturm, Professor in Nizza. AnS der A. Z.) I. Ins schöne Land, wo die Orangen glühen, Zog Dich. den Jüngling, einst ein hehreS Streben. Wo Goethe durchdrang zu dem vollren Leben, Entflohn der engen Heimalh Sorg' und Mühen, Da sollt' auch Dir ein schönres Sein erblühen, Da lerntest Du der Kunst geheimes Weben < Und schwurst: „Ich will das heil'ge Banner beben, Zum Schönen will auch ich mein Volk erziehen I" Und heimgekehrt hast Du den Schwur gehalten! Der Maler schafft unsterbliche Gestalten, Es heben sich die stolzen Tempelhallen, Darin der Schönheit Jünger jubelnd wallen; Es fließt der Dichtkunst ewig klarer Bronnen: Ein ganzes Volk hast Du der Kunst gewonnen! II. Und wieder kehrst Du heim vom wälschen Lande, Wo hoch die Lorbeer» und Cypresscn ragen, i Doch, ach! das Herz das einst so hoch geschlagen, Es brach, es fiel dem grimmen Tod zum Pfande; Und Dir entgegen von dem Jsarstraude Vernimmt man Weinen uur und dumpfes Klagen, Der Künste Banner, einst so hoch getragen, Es geht gesenkt, mit schwarzem Trauerbande. Doch sürchte nicht! Die Saat die Du gestreuet, Sie keimet mächtig fort durch alle Zeiten: Die Musen, denen Du Dein Volk geweihet, Sie werden es zum hohen Ziel geleiten. Solange deutsche Kunst und Ehre glänzet, Wird auch Dein Bild, o Wittelsbach, bekränzet! (Von König Ludwigs Leutseligkeit.) Vor ungefähr 20 Jahren reiste König Ludwig l. in Begleitung des königlichen Prinzen Adalbert von München nach Bcrchtesgaden über Wasserburg, wo während des Pferdcwechsels der Stadtmagistrat seine Begrüßung machte. König Ludwig war sehr guter Laune, sprach aus dem Wagen mit jedem Einzelnen auf die herablassendste Weise. Als er aber den wohlbeleibten Brauer Andre Ponschab bemerkte, richtete er sogleich die Frage an ihn: „Wie viel Mäßl — 10 bis 12, 10 bis 12!" — Als Ponschab antwortete: „Majestät, ich halte mehr auf das Essen," rcplicirte König Ludwig: „Ja, ja, 12 Mäßl!" Nahe am Wagen- schlag stand Chirurg Hvlzner in Landwehr-Uniform als Hauptmann; diesen frug der König: „Waren Sie schon bei'm Militär, weil Sie so eine gerade Haltung haben?" — „Nein, Majestät!" — „Was führen Sie für ein Gewerb?" — „Ich bin Chirurg." — „Ah, das ist gut, da können Sie die Wunden, die Sie mit Ihrem Schwert hauen, sogleich wieder heilen!" Inzwischen war die Umspannung vollendet und der König harrte etwas ungeduldig aus seinen Gefährten, den Prinzen Adalbert, der sich im Gastzimmer gut zu unterhalten schien. Endlich kam dieser und entschuldigte sich bei seinem Barer über sein zu langes Verbleiben, worauf ihn der König frug: »Hast Du Wein getrunken?" — „Nein, Bier, Papa!" 2. 88 Ludwig I. von Bayern. Durch Bayerns Gau'n tönt dumpfes Grabgeläute; Der alte König steigt in seine Gruft. Er sah noch Deutschlands blut'gc, wilde Kluft, Er, den des Friedens Glück so lang erfreute. Sein Name, traun, wird nicht des Todes Beute: Die Tempel ragend in des Himmelsluft, Der Künste Gärten voller Glanz und Duft Verkünden spät noch seinen Ruhm wie heute. O deutsches Volk, bespritzt mit Bruderblut! Wohl magst du Ludwig eine Thräne weinen; Sein Kömgsherz war dentschgesinnt und gut. Auf, zähle deine Fürsten! Hast du keinen, Den Gottes Geist gesalbt mit Königsmuth? Wann wird der große Retter uns erscheinen? Joseph Baicr. König Ludwig von Bayern trat eines Tages Unerwartet in das Atelier Kaulbach's. Der Meister hielt in diesem Augenblick die Hand eines reizenden Mädchens, welches ihm als Modell diente, in seinen beiden Händen.- Als die Schöne den König sah, entzog sie ihre Hand rasch den Händen Kaulbach's. — „Ei, Meister," sprach der König lächelnd, — „das ist doch das schönste Werk, — das jemals aus Ähren Händen gekommen ist!" (Treue Herzcnseinfalt.) Die ehemalige englische Schauspielerin Miß Mellon, nachhcrige Herzogin von St. AlbanS, erzählt in ihren sashionablen Gesellschaften gern folgende rührende Geschichte aus ihrer Jugend: Als ich noch ein armes kleines Mädchen war und für dreißig Schillinge die Woche sehr hart arbeiten mußte, ging ich während der Feiertage nach Liverpool, um in einem neuen Schauspiele mitzuwirken. Ich stellte ein Waiscnmädchen vor, das auf den äußersten Grad der Armuth reducirt war. Ein herzloser Geschäftsmann verfolgt das arme Kind wegen einer für seine Verhältnisse bedeutenden Schuld und beharrt darauf, es in's Gefängniß zu setzen, wenn nicht Einer für dasselbe Bürgschaft leiste. Das Mädchen erwidert: „Tann bin ich ohne Hoffnung, denn ich habe keinen Freund in der Welt." — „Was, es will Niemand für Dich bürgen, um Dich vom Gefängniß zu erretten?" ruft der strenge Gläubiger. — „Ich habe Ihnen gesagt, daß ich keinen einzigen Freund auf Erden besitze," erwiderte ich. Doch kaum hatte ich in weinendem Tone diese Worte hervorgebracht, als ich einen Matrosen von den hintersten Plätzen her über Bänke und Barrieren klettern, über das Orchester und dip Rampe wegsetzen und auf der Bühne neben mir erscheinen sah „Äa," rief dieser, „Sie sollen wenigstens einen Freund haben, armes Mädchen, der bis zu jedem Betrage für Sie Bürge werden will." Und dabei sprach sich in seinem rauhen, sonnverbrannten Gesicht die tiefste Bewegung aus. „Sie aber," fügte er, gegen den harten Gläubiger gewendet, drohend hinzu, „Sie werden meine Bürgschaft annehmen und das arme Ding gehen lassen, oder ich breche Ihnen, wenn Sie hinauskommen, alle Knochen im Leibe entzwei." Man kann sich die Aufregung denken, welche diese Scene im ganzen Hause hervorrief. Frage: Was für ein Unterschied ist zwischen einem Eisbär und einem Nettig? Antwort: -uouui b-mzß asq dzzä mßnv ssi aygsiZ LZ(§ Druck, Berlaa und Redaktion deS literarischen Instituts von Dr. Nc. HutUer.