Nr. 1S. 22. März 1868. Der Schöpfung ew'ger Mittelpunkt Ist in des Menschen Herzen, Aus welchem durch die Welten funkt Ein Strahl von Lust und Schmerzen. ^ . Rückcrt. Eine Mntterthräne. Der Mutter Bedürfniß ist es, ihre Kinder durch's ganze Leben so recht fest mit dem Mutterherzcn verbunden zu halten. Selbst wenn der Sohn an Lcibcsgröße der Mutter über den Kopf gewachsen, für's Herzgefühl und die Zuthunlichkcit ist s gleich viel; «uch im spätern Leben sucht die Mutter ihr erwachsenes Kind zu besitzen, wie an seinem ersten Lebenstag, wo sein Augenstern zum ersten Mal sich ihr erschlossen und Liebe zündend in ihr Herz geschienen. Die Mutter nämlich behält ihr Recht auf das Herz des Kindes; „es gehört mir," sagt sie und sie weist ein Document auf, woran kein Advokat Etwas umwerfen kann: das Muttcrherz und drinnen die ticfgegrabcnc Flammenschrift der Mutterliebe. Nun kommt aber für den Jüngling eine Zeit, wo sein Pflichtgefühl, der Mutter zu gehören, nicht so stark ist, als der Mutter Rechtsanspruch, ihren Sohn zu besitzen. Es ist halt die Zeit, wo der Flaumbart sprießt, der Blick in die verlockende Welt sich erweitert, wo es dem Menschen am elterlichen Herd zu enge und zu dumpfig wird und wo seine Füße unter den Tisch der Wohnstube so recht nicht mehr passen wollen. Da gibt's denn ein Hin- und Herncigen zwischen Sohnes- und Mutterherzcn, ein Anziehen und ein Abstoßen, Verstockung und Rcugefühl. Viel Harm wird gesät, manche Thräne geweint, mancher Vorsatz gemacht und gebrochen, mancher Ansatz zu scharfer Predigt von der Mutter probirt und doch vor überfließendem Wchgefühl auf halbem Wege inne gehalten. Zuweilen auch sammelt und ballt sich der gesteigerte Anmuth zu Hagelschauern zusammen und es prasselt nieder auf den Sohn — in kalten spitzen Worten; aber genutzt hat es Nichts, dagegen viel geschadet; denn aus falscher Scham verstack sich der Sohn, weil er tief gekränkt worden. Da bedarj's denn mitten im Schmerze darüber, daß der Sohn sich vom Mutterherzcn losgerissen, der Klugheit, um den Riß nicht weiter zu machen; da bcdarf's aller Milde, und doch aller Gemessenheit, alles Ernstes und doch aller Innigkeit im Muttergesühl, im Mutterblick und im Mutterwort, um des Sohnes Herz, das in gefährlicher Schwankung sich bewegt, zu ergreifen und wieder in seinem alten Schwerpunkt, der Gottes- und Mutterliebe, zu befestigen. Ein ungeschickter Griff, ein mißlungener Plan, wodurch des Sohnes Widerspruch gereizt wird, kann die Heilung für immer verderben, so daß die Flegelei sich einnistet, die Entfernung vom Vaterhausc zunimmt und die theure Menschensecle in fremder Leute Händen zu Grunde geht. Wie eine Mutter in so kritischem Zeitpunkte das Rechte gesunden, das will ich Dir in Kürze berichten. Es ist sicher passirt und noch nicht lange her, und ich erzähle es Dir, Mutter, nicht damit Du es gerade so nachmachst, denn das würde vielleicht fehlschlagen, zumal wenn Dein Sohn auch die Zeitung läse, sondern damit Du Dich darnach richtest, d. h. nach der Geschichte Sinn und Gehalt. In einer großen Stadt am Niederrhcin ist ein großes Fabrikgeschäft. Der Eigenthümer desselben, Rüdger Rasfgut, wäscht sich in Gold die Hände und erwirbt besten 90 jeden Tag mehr. Nur einen einzigen Sohn hal er, der einst Geschäft und Fabrik erben wird. Der heißt Emil. Der Vater ist nicht ungläubig, auch nicht unkirchlich; aber er weiß, daß er Geld hat und hält was d'rauf, fast mehr, als gut ist. Er ist halt wie mancher Mann vom Geschäft, der denkt: Haben ist besser, als Kriegen, und Kriegen ist auch gut, wenn das Haben dadurch vermehrt wird. Seine Frau dagegen ist tief religiös und fromm; auch sie freut sich über'S Haben, denn sie weiß gut, wo sie ihre Ersparnisse als Kapitalien für den Himmel anlegt; auf's Mehrkricgen ist sie gerate nicht sehr erpicht, weil sie genug hat. Der Emil mußt' mit dem fünfzehnten Jahre in's Geschäft und Fabrikwcsen hinein. Der Alte Pflegte oft zu sagen: „Erstens muß cS von Natur d'rin sitzen und zweitens muß es frühzeitig hineingebracht werden — der Handel, die Spekulation und das Geschäft, sonst gcht's heut zu Tage nicht." So wurde der Emil denn gleich mit jungen Jahren in die Bücher, in die Kaste, in die Robstoffc, in die Ballen, in die Aktien hineingesteckt, und der Alte sagte nach kurzer Zeit, indem er sich froh die Hände rieb: „Gott sei Dank, — der Junge ist nicht aus der Art geschlagen". Emil war auf bestem Wege, ein junger perfekter und feiner Kaufmann zu werden. Die Mutter hatte nur halben Spaß daran, sie hätte lieber was ganz Anderes aus ihrem Kinde gemacht, zumal da es der Erst- und Einziggcborene war. Aber weil er das Letztere gerade war, darum sagte der Vater: „Mein Name soll nicht ausstcrben, und mein Geschäft auch nicht." Und der Emil ward, was er wurde. Die Mutter hatte in jungen Jahren einen großen Einfluß auf Emil's Gemüth gehabt. Emil hatte auf ihrem Schooßc recht kindlich beten gelernt, an ihrer Hand war er fromin geworden, an ihres Gesichtes Ja- und Neinwinken war ihm der Unterschied von Gut und Böse klar geworden. Aus der Kinderstube war er jetzt in's Comptoir verpflanzt — natürlich, ganz verschiedenes Erdreich. Die Umgebung war eine andere, — seine Gedanken stacken zwischen dem Papier und den Maschinen; seine Gefühle gingen in Ebbe und Fluch, je nachdem die Aktien stiegen oder sielen. Kein halbes Jahr verging, da war das Kind vollständig abgestreift, und nach zwei Jahren gcrirt er sich schon wie ein großer Mann. Der KaufmannSgcist war über ihn gekommen. Da wird das Herz leicht trocken und zum Blcchkastcn, und wenn dann noch Etwas darin tickt und pocht, dann ist es doch wie das Geräusch knöcherner Würfel, die in einem blccherncn Becken gerüttelt. Das stieg dem jungen Kaufmann auch in den Kopf, daß er von aller Welt stark rcspektirt wurde, und wenn ein von der Fabrik und dem Geschäft Abhängiger an Zahltagen mit tiefem Bückling ihn anredete: „Guten Morgen" oder „guten Tag, Herr Nasfgut," dann schmeichelte ihm das ungeheuer, und der sechzehnjährige Herr Naffgut jun. machte dann ein Gesicht, als ob er das schon feit Jahr und Tag gewohnt gewesen. In einer großen Stadt gibt es aber der Kaufleute und Kaufleutchcn gar viele; es sind meist feine Herren und Herrchen, wenigstens mit äußcrm Firniß, und wenn die Schreibstube und das Gcschäftslokal zugemacht ist, dann gcbährdcn sich Manche, als ob das Pläsir und der Jubel die Hauptsache im Menschenleben wäre. An den jungen lebens- frischcn, gutmüthigen Emil hängten sich allmälig wie Kletten auf der Straße und dem Spaziergangc andere Bcrufsgenosscn, meistens „kleinere Leute," di: fremdes Brod aßen, auch einige Ladenjünger, deren ganzes Verdienst in feiner Leinwand und einer künstlich verknoteten Halsbinde bestand. Diese hofirtcn dem Emil als jungen, gescheidtcn Kaufmann und — aber das sagten sie nicht ausdrücklich dabei — als dcreinstigcn Erben eines ansehnlichen Geschäfts und Vermögens, dessen Börse auch jetzt schon vom Vater mit reichlichem Taschengeld gespickt war. Emil labte sich und andere gern, wcnn's ihm Lobsprüche eintrug; darum war's nicht außergewöhnlich, daß er, wenn der Spaziergang schwül und die Zunge trocken wurde, mit seinen Freunden in einem Kaffeehaus oder einem Conditorladcn einsprach. Die leisen Wünsche und Winke der Kameraden waren häufig der Grund; aber Emil'S Börse blieb fast jedesmal für dergleichen gemeinschaftliche Unternehmungen die finanzielle Grundlage. Entschädigt wurde er jedoch durch 91 Schmeichelnden und unterhaltendes Gespräch, worin er im Scherze Mancherlei erfuhr, was er — die Sache ernstlich genommen — noch nicht sobald hätte zu erfahren gebraucht. Seine Neigung für's Theater wurde geweckt und genährt. Man lobce mit stürmischem Beifall sein Urtheil über die Künstler, noch mehr aber über die Künstlerinnen, und wenn er obendrein noch eine oder zwei Flaschen ponirte, dann sagte man entzückt, der Umgang mit Emil sei doch so bildend und unterhaltend, daß man unter keinen Umständen auf diesen geistigen Genuß verzichten möchte. Durch solche Schmeicheleien verblendet, warf sich Emil denn auch als Kenner und Liebhaber des Theaters auf; er war schon so weit, daß er für den Fuß einer Tänzerin schwärmen konnte. Er that wenigstens so. Die Hauptsache, im Mindesten für seine Genossen, blieb das Zechgelage, wo Emils Freigebigkeit aus purer Eitelkeit keine Grenze fand. Der Vater mochte vielleicht von den großen Verschwendungen Nichts wissen; daß der Sohn bis zum späten Abend, ja bis auf die Schwelle der Nacht ausblieb, und zuweilen mit übermäßiger Heiterkeit wiederkehrte, dagegen hatte er so viel nicht einzuwenden; nur wenn's zu arg war, z. B. wenn Emil nicht ganz mehr das Gleichgewicht halten konnte, dann schüttelte er höchstens den Kopf, und sprach ein ungesalzenes Wort, welches der Emil überhörte, traten aber der Mutter bei solchen Gelegenheiten die Thränen in die Augen, dann beschwichtigte der Vater sie mit den Ausdrücken: „Nun, Lenchcn, ehe ich zur Vernunft kam, bin ich auch einmal jung gewesen; junger Wein muß brausen, sonst klärt er sich nimmer und bleibt Spülwasser nach wie vor." Wollte aber die Mutter noch hingegen eine Einrede thun, dann wurde der Vater selbst ärgerlich und sagt wohl knapp: „Ihr Fraulcut' kreischt auch um jede Kleinigkeit." Damit war der Mutter für den Augenblick wohl der Mund geschlossen, aber des Herzens Wunde nicht. Es war ihr, als ob ihr der Emil von Tag zu Tag mehr abhanden käme, und sie wollte ihn doch einmal so ganz gut und christlich haben. Am meisten stach es ihr in'S Herz, daß Emil im Hause nicht mehr so zutraulich, heiter und freundlich war, als sonst; vergeblich spähte sie nach jenem zuthunlichen kindlichen Blick, in dem für die Mutter die Liebessprache des Herzens liegt. Draußen bei den Genossen konnte er doch lustig und heiter sein, und während die Pfropfen flogen, auch seinen an- gcborneu Witz in zählendem Sprudel schäumen lassen. Warum zu Haus die Mißmuthsfalten auf der Stirn, warum die Fältchcn an den Mundwinkeln, die bekannten kleinen tückischen Schlangen? Das Alles schnitt der Mutter in'S Herz, denn sie meinte, und sie hatte Recht, des Kindes beste Stimmung gehöre ihr. Der Mutter ist es am allcrhärtesten, wenn ihr Kind frühzeitig alt und selbstständig werden will; dann hört das Kind fast auf, ihr Kind zu sein! Sie möchte am liebsten, daß ihr Sohn kindlich bliebe, und auch darin hat sie Recht, denn der Muttcrschooß bleibt der beste Hafenplatz, wo das Kindeshcr; sich vor Anker legen kann. Aber der Unmuth und der Harm und das Herzeleid rinnt zuletzt im Muttcrherzen so dick zusammen, daß es sich ausschütten muß. Anfangs hatte sie möglichst sanft aus der Ferne gewinkt, dann zugeredet, zuletzt in allem Ernste gesprochen; Emil aber hatte geschwiegen oder abgewehrt, zuweilen auch störrisch gesagt: „Ein Haushuhn wolle er nicht werden, und Ausspannung komme einem jungen Manne zu." Als sie aber einmal spitz gefragt, ob er ihr denn absolut wehe thun wolle, da hat der zwanzigjährige Sohn spitz geantwortet, ob sie ihm denn absolut kein Vergnügen gönne. Es blieb, wie es war, oder vielmehr, es ward allmählich schlimmer. Zudem merkte sie mit Schrecken, daß sein Herz für die Religion erkaltete. Natürlich, unter all' seinen Freunden war kein Einziger, der, wenn er überhaupt noch zuweilen in die Kirche ging, ein Gebetbuch mitnahm. In frühern Jahren war er oft und gern mit ihr in die Himmclfahrts-Kirche gegangen, aus eigenem Dränge trat er häufig zum Tische des Herrn! Jetzt war er schon zufrieden, wenn er blos an Sonntagen spät eine Schnappmcffe bekam; aus Gewohnheit that er's vielleicht, oder auch aus letzter Rücksicht auf die Mutter. — 92 Kaum aber beugte er noch bei der Wandlung das Knie, um so weniger das Herz, mit den Fingern strich er den schwarzen Gedankenstrich über der Lippe, musterte die enge« karrirtcn Hosen oder steckte die Hände nachlässig vornehm zwischen die Knüpfe des Pale- tot's. Diese religiöse Gleichgültigkeit war der Mutter am allerhältesten; jugendlicher Ucbcrmuth hätte viel leichter bei ihr Gnade gefunden, wenn des Herzens Kern wäre unberührt geblieben. Die Wurzel dieser verkehrten Lebensstimmuug sah sie im Umgänge mit dem Schwärme seiner Kameraden. (Fortsetzung folgt.) Eine Pariser Dame über die Civil Ehe. Den Unterschied des Eindrucks, welchen die Civiltrauung macht, von jenem der kirchlichen Trauung, beschreibt nach eigener Erfahrung eine Pariser Dame, wie folgt: Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Heirath auf dem Stadthaus ziemlich wichtig ist, aber ist eS für ein feines Gefühl möglich, diese Wichtigkeit ernst zu nehmen? Ich habe die Sache kennen gelernt, ich habe, wie Jedermann, diese mühsame Förmlichkeit erfüllt, und ich kann nicht ohne eine Art Demüthigung daran denken. Kaum aus dem Wage» gestiegen, bemerkte ich rechts eine schmutzige Treppe; die Mauern waren mit Anschläge« in allen Farben beklebt, und davor stand ein Mann mit braunen Beinkleidern, ohne Hut, eine Feder hinter dem Ohr, und rollte eine Cigarette zwischen seinen mit Tinte befleckten Fingern. Links öffnete sich eine Thür, und ich bemerkte einen niedrigen und finsteren Saal, in welchem ein Dutzend Tambours von der Nationalgarde schwarze Pfeifen rauchten. Mein erster Gedanke, als ich in die Kaserne eintrat, war, daß ich wohl daran gethan hatte, kein weißes Kleid anzuziehen. Wir stiegen die Treppe hinaus und ich sah nun einen langen, schwach erleuchteten, unreinlichen Korridor mit einer Menge Glasthüren, auf welchen geschrieben stand: Beerdigungen — Expropriationen — Todesfälle — Reklamationen — Geburten u. s.-w. und endlich: Heirathen. — Dort nu» traten wir ein.mit einem Knaben, welcher eine Tintcnflasche trug; es herrschte hier eine dicke, schwere, unangenehm warme Luft, welche Einem übel machte. Ein Man» in blauer Livrse, welcher ungefähr so aussah, wie die Tambours, die ich unten gesehen hatte, kam auf uns zu, um sich zu entschuldigen, daß er uns nicht gleich in den Salon des Herr» Bürgermeisters (das ist der Wartcsaal für die erste Klaffe) geführt habe. Ich lief so schnell, wie nach einem Wagen, wenn es anfängt zu regnen, dahin. Dieser Salon Ketzern: Bürgermeisters hatte aber einen Anstrich von Provinzialismus und Spießbürgertum, der mich sehr heiter stimmte. Ich betrachtete zunächst die Uhr, sodann ein Barometer und eine Bibliothek, welche da hingestellt zu sein schien, um eine Thür zu verbergen; und über der Bibliothek stand das Bildniß des Kaisers in Gyps. — In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit einer grünen Decke, worauf mehrere Tintenflecke waren. Zwei Individuen brachten endlich zwei Register, und als sie sie aufgcschlagc» hatten, schrieben sie etwas hinein. Sie fragten uns nach unseren Namen, Alter, Vornamen, und fuhren dann fort zu schreiben, und i^' hörte, wie der Eine zum Ander» leise sagte: Scmicolou — zwischen den beiden Ehegait n. Eine neue Zeile u. s. w. — Als sie fertig waren, sing der Eine, welcher durch die Nase sprach, an, mit lauter Stimme etwas vorzulesen, wovon ich aber gar nichts weiter verstand, als unsere Name«. Er reichte uns eine Feder, und wir unterzeichneten. — Die Uhr des Herrn Bürgermeisters schlug gerade zwei, und ich hatte eben um zwei meine Näherin zu mir bestellt, um eine Aenderung an meinem Schnürleib vornehmen zu lassen. „Sind wir fertig?" fragte ich Georg, welcher zu meinem großen Erstaunen ganz bleich war. „Noch nicht, liebe Freundin,- antwortete er; „wir werden jetzt in den Heirathssaal eintreten:" — Wir kamen nun in einen großen leeren Saal mit nackten Mauern; i« -V) 93 Hintergründe stand die Büste des Kaisers; hinter einigen Fauteuils standen mehrere staubige Bänke. Ich war sehr schlecht gelaunt bei diesem Anblick; Mama und meine Tanten waren aber sehr heiter gestimmt, die Herren dagegen erschienen mir Alle sehr ernst, und ich bemerkte deutlich, wie Georg neben mir zitterte. Endlich trat der Bürgermeister mit seinem langen schwarzen Talare und der Schärpe durch eine kleine Thür ein. -- Dieser Mann machte einen ganz ansehnlichen Eindruck, und man sagt, er habe sich bereitem bedeutendes Vermögen erworben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieser kleine Herr durch eine Handlung, die er in größter Hast vollzog, mich für ewig binden könne. Außerdem hatte dieser Bürgermeister eine fatale Aehnlichkeit mit meinem Klavierstimmer. Ich biß mir auf die Lippen, um nicht laut aufzulachen. Nachdem der Herr Bürgermeister uns gegrüßt hatte, schnob er sich aus und begann würdig die kleine Ceremonie. Er sagte in Eile mehrere Stellen des Kodex her, indem er jedesmal die Nummern der Paragraphe nannte, und ich verstand so viel, daß man mich mit Gendarmen bedrohte, wenn ich nicht den Befehlen meines Ehegatten gehorchen, wenn ich ihm nicht überall folgen würde, wohin er mich führt. Zwanzig Mal war ich auf dem Punkt, den Herrn Bürgermeister zu unterbrechen und ihm zu sagen: „Erlauben Sie, mein Herr, Ihre Worte sind keineswegs höflich, auch kann das Gesetz nicht so lauten," aber ich hielt mich zurück aus Furcht, den Magistrat zu beleidigen. Er fügte noch einige Worte über die Pflichten der Ehegatten bei, über die Unterschrift rc. „Herr Georg ***, Sie schwören, Fräulein *** zur Gattin zu nehmen?" sagte der Bürgermeister endlich, sich verneigend. Mein Mann verbeugte sich und antwortete: ..Ja."- „Fräulein Bertha * * fuhr die hohe Behörde sich gegen mich wendend, fort, „Sie schwören zum Gatten zu nehmen rc. :c." — Ich verbeugte mich und sagte: „Ja," natürlich, darum bin ich ja hicher gekommen. Das war Alles; ich war vcrheiralhet, wie es schien. Mein Vater und mein Mann > drückten sich die Hände, wie Leute, welche sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben, ihre Augen waren feucht. Mir dagegen war es unmöglich, ihre Bewegung zu theilen. Am nächsten Morgen brach der große Tag an. Als ich eben erwacht war, öffnete ich die Thür, welche in den Salon führt, und sah meine Kleider auf dem Sopha ausgebreitet, der Schleier lag daneben, meine Schuhe, mein Haarputz in einer weißen Schachtel — nichts fehlte. Ich stürzte ein großes Glas Wasser hinunter. Ich war unruhig und glücklich, ich zitterte. Mir war, wie dem Soldaten, der am Morgen der Schlacht das Vorgefühl hat, dekorirt zu werden. — Ich dachte weder an meine Vergangenheit, noch an meine Zukunft; ich war ausschließlich in Anspruch genommen von -- der Idee dieser Feierlichkeit, dieses Sakramentes, des feierlichsten von allen, deS Gelöbnisses, das ich vor Gott mache» wollte, und dabei dachte ich daran, welche große Menschenmenge in die Kirche kommen würde, blos um mich zu sehen. Wir frühstückten sehr zeitig. Es schien mir, als ob die Domestiken mich mit mehr Sorgfalt bedienten und - mit größerem Respekt umgabcü; ich erinnere mich noch, daß Marie zu mir sagte: „Madame, der Friseur ist da." siKadame!? Ausgezeichnetes Mädchen! Ich habe eS - ihr nie wieder vergessen. Es war mir unmöglich zn essen. Ich hatte eine trockene Kehle und fühlte im ganzen Körper ein Zittern vor Ungeduld, wie wenn man sehr durstig ist und wartet bis der Zucker im Wasser geschmolzen ist. Ich hörte schon den Ton der Orgel, und die Trauung meiner Freundin Emma ging mir durch den Kopf. Ich kleidete mich an. ^ Als ich damit fertig war, ging ich in den Salon, um mich freier bewegen z« - können. Mein Vater und Georg standen da, schon in lebhaftem Gespräch. „Sind die Wagen schon da?" „Ja, gewiß . . ." „Und das Heiraths-Document — ich habe den Trauring. — „Oh, mein Gott, wo ist mein Beichtschein? — Ah, ich habe ihn i» z Wagen gelassen u. s. w." Wir stiegen in den Wagen; ich merkte, daß alle Welt mich anblickte, und sah um den Wagenschlaz Gruppen von Neugierigen. Was ich empfand, kann ich nicht beschreiben, es war köstlich. ^ Der Eintritt in die Kirche, wird mir unvergeßlich bleiben. Wir verweilten einen Augenblick unter dem rothen Teppich. Die große Orgel spielte einen Triumphmarsch, tausend lächelnde Gesichter sahen sich nach mir um und im Hintergründe des Schiffes standen zwei vergoldete Fautcuils, auf die wir uns vor Gott niedersetzen sollten. Meine Freunde, meine Eltern, meine Feinde und meine Bekannten, Alle grüßten uns mit freundlichem Nicken und ich sah — denn man sieht Alles in diesen feierlichen Tagen — daß man mich nicht übel fand. Angekommen an meinem Fautcuil, verbeugte ich mich und machte mein Kreuz. — Die Orgel verstummte mit ihren Triumph-Gesängen und ich hörte zur Seite meine arme Mutter Thränen vergießen. O, ich verstehe, was das Herz einer Mutter bei einer solchen Feierlichkeit empfinden muß! Die Geistlichkeit erschien in pomphaftem Aufzuge; ich blickte auf Georg, er schien verwirrt. Die Rede des Priesters war ein Meisterstück. Er sprach von unseren beiden Familien, „wo Glaube und Frömmigkeit erblich sind, wie die Ehre." Man hätte eine Fliege könne» summen hören, so horchte Alles mit Spannung auf die Stimme des Geistlichen. Einen Augenblick darauf wendete er sich gegen mich, und gab mir mit großer Zartheit zu verstehen, daß ich einen der ersten Offiziere der Armee hcirathe. — „Der Himmel," sagte er, „lächelt dem Krieger, welcher dem Dienste des Vaterlandes einen von Gott gesegneten Degen weihet, und welcher, sich in's Handgemenge stürzcud> sich die Hand auf's Herz legen und dem Feinde das Kriegsgeschrei entgcgenrufen kann: Zch glaube!" Welche Größe lag in dieser heiligen Beredsamkeit! Ein leiser Schauer durchrieselte die Versammlung. Aber das war noch nicht Alles. Der fromme Pfarrer wendete sich darauf an Georg und sagte mit einer ebenso sanften als begeisterten Stimme: „MVin Herr, Sie nehmen znr Lebensgefährtin ein junges Fräulein, fromm anfcr- zogen durch eine christliche Mutter, welche alle Tugenden des Herzens, alle Vorzüge des Geistes mit ihr getheilt hat." — Mama schluchzte. „Sie wird ihren Gatten zu lieben wissen, wie sie ihren Vater geliebt hat, diesen zärtlichen Vater, welcher von der Wiege an ihr die Gefühle des Edelsinns und der Selbstoerläugnung keimen ließ, welcher —" Papa lächelte unwillkürlich. — „Dieser Vater, besten Namen die Armen kennen, und welcher im Hause des Herrn seinen Platz auf der Bank der Auserwählten hat" — Papa ist Kirchenvorstcher — „und Sie, mein Herr, Sie werden, o ich weiß es gewiß! mit aller Reinheit, aller Aufrichtigkeit" — ich fühlte meine Augen feucht werden — „und ohne die vergänglichen Reize zu vergessen, werden Sie dem Himmel tausendmal für die viel kostbareren und dauerhafteren Eigenschaften danken, welche der Engel, den Gott Ihnen gibt, im Herzen und im Geiste birgt." Die hellen Thränen rollten mir über die Wangen; niemals hatte mir unsere heilige Religion größer, erhabener, überzeugender geschienen. Als der geistliche Herr diese letzten Worte aussprach, leuchtete ein Sonnenstrahl auf seinem ehrwürdigen Haupte: das war kein Mensch mehr, es schien mir, als wäre es Gott selbst, welcher durch seinen Mund sprach. O ihr Narren, die ihr euch von den Altären entfernt und nicht die Entzückung eines Herzens kennt, welches sich in Gott vertieft. Wir erhoben uns und standen einer vor dem andern wie das göttliche Ehepaar iu dem Gemälde Raphaels. Wir wechselten die Ringe und der geistliche Herr sprach mit gewichtiger Stimme lateinische Worte, deren Sinn ich nicht verstand, — die mich aber unendlich rührten, denn die weiße, feine, durchsichtige Hand des Prälaten schien mich zu segnen. Während dessen verbreitete das bläuliche Naüchgefäß in der Hand der Chor- Knaben einen frommen Wohlgcruch. Welch' ein Tag, großer Gott! Alles was nachher geschah, verwirrte sich in meinem Gedächtniß. Ich war geblendet, entzückt! Bald naheten sich mir eine Menge Leute, um mich zu beglückwünschen. Die Sa- 95 kristei war voll, man drängte sich um mich herum und ich antwortete auf alle Komplimente mit einem freundlichen Gruß. Ach, — ich hatte das Bewußtsein, daß sich etwas Feierliches vor Gott und Menschen vollzogen hatte, ich hatte das Bewußtsein, einen ewigen Bund geschlossen zu haben ... ich war verheirathct. Mir fiel der gestrige Akt auf dem Nathhausc ein. Ich verglich den Bürgermeister mit dem Herrn Pfarrer, die banalen Worte des ersteren mit der feurigen Beredsamkeit des verehrten Geistlichen. Welcher Unterschied. Hier der Himmel — dort die Erde, dort die platte Prosa eines Geschäftsmannes, hier die himmlische Poesie! (Der Phil Hellene Ludwig I.) Von Nom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu seinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellencnthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" Das „Kemptcner Tag- und Anzeigeblatt" brachte vor Kurzem folgendes originelle Inserat: „Zur Notiz! Ich Joseph Mayer, Seifenhändler anS Haldewang, stelle au die Herren Gastgeber im Bezirke Kempten das Ersuchen, mir, da ich mich vor starkem Trinken nicht zu > schützen weiß, ein volles Jahr, die Speisen ausgenommen, nicht mehr als eine Maaß, jedoch bei einer Uebernachthaltung IV- Maaß Bier zu verab eichen. Hiemit warne »ch zugleich, mir bei diesem eigenen Gebote bei Vermeidung gerichtlicher Belangung nicht üble Reden zu sagen, indem mir außer meinem starken Trinken nichts unrechtes nachgewiesen werden kann und ich übrigens den besten Leumund besitze. Nur um meine Haushaltung von diesem bösen Uebel zn befreien, habe ich mir selbst Vorstehendes zur Aufgabe gemacht, um niir Wege der Besserung zu suchen. Bemerke schließlich noch, daß ich Gegenwärtiges jederzeit ändern kann und werde es in diesem Falle durch das Tagblatt wieder veröffentlichen." (Ein Tiroler Faschingsschcrz.) Aus dem Oberland erzählt die „Volks- und Schützen-Ztg." nachstehendes Faschingsstückchen: Ein Wirth in** besitzt nicht blos einige Häuser nebst dazu gehörigen Grundstücken, oder wie man zu sagen pflegt, mehrere „Heimathe", sondern auch ein Paar staatlicher Waden, die er höher schätzt, als Haus und Hof. Geld und Gut, denkt sich vielleicht der Mann, kann jeder Narr besitzen, aber ein so prachtvolles Wirthsgcstell kau» selbst der Pfarrer von Cincinnati nicht ausweisen. Da gab es denn in dem Hause des erwähnten Wirthes schon manch' kühnes Messen der zwischen Knöchel und Knie gelegenen Gegenden, und manche Wette ging zu Gunsten des Wadenköuigs verloren. Vor Kurzem kehrte nun wieder ein wohlbestellter Mann unter jenem Wirthsschilde ein; das geistreiche Gespräch drehte sich bald uin die beiden Säulen des Herkules, und eine Wette, bei welcher der Wirth cjue Heimath aus's Spiel setzte, ward in Gegenwart zweier Zeugen eingegangen. Mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit wurden die in Frage stehenden Waden gemessen, das Urtheil fiel zn Ungunsten des Wirthes aus; die Heimath war verloren. Die verlorene Heimath wäre jedoch noch leicht zu verschmerzen, da der geschlagene Mann noch mehrere „Heimatheu" besitzt; aber die Person des Siegers macht das Unglück viel größer, als es erscheinen mag, denn der Ge- ^ winner der Wette ist ein — Schneider. 96 (Wer einem Andern eine Grube gräbt -c.) In einem deutschen Garnisonsstädtchen tzat sich vor einigen Tagen ein Vorfall zugetragen, welcher die Wahrheit des alten Sprüch- «ortes: „Wer Andern eine Grube trägt, fällt selbst hinein", wieder einmal und zwar in höchst ergötzlicher Weise bestätigt. Einem erst kürzlich in das betreffende Städtchen, dessen Name nichts zur Sache thut, versetzten Ossicier fiel es bei Jnspicirung des Festuugsrayons höchst mißliebig auf, daß die in demselben belegenen Rasenplätze vom Publikum zum Bleichen der Wäsche benutzt wurden. Er gab daher gemessene Ordre, daß hinfüro alle zu diesemBehufe ausgetheilten Erlaubnißscbeine zurückzuziehen seien. Nichtsdestoweniger fand der besagte Ossi- rier, als er einige Tage später mit seinen Mannschaften zum Exerciren ausrückte, den betreffenden Platz vollständig mit Wäsche aller Art bedeckt. Aufgebracht über diese der Disciplin Hohn sprechende s>>eo,e-i 1»