Nr. LS. 29. März 1868. Augsbnrger Laß Neid und Mißgunst sich verzehren, Das Gute werden sie nicht wehren. Denn Gott sei Dank! es ist ein alter Brauch: So weit die Sonne scheint, so weit erwärmt sie auch. Göthe. Eine Mutterthräne. (Fortsetzung und Schluß.) Die Atmosphäre, in der er außerhalb des Hauses athmete, taugte nicht; hier holte er sich die Blässe seiner Gesinnung, die Hohlheit seiner Ansichten, die Nervenschwäche seines Charakters. Geweint hatte sie bitterlich, als bei einer Durchsuchung von Emils Kleidungsstücken — wie das die Mütter so zu thun pflegen — allerlei Briefschaften, Bandschleifen und vertrocknete Vergißmeinnicht-Kränzchen heraus sielen. Mit pochendem Herzen und weich gestimmtem Gefühl wartete sie oft Abends auf seine Rückkunft. Der Kummer wob dann ihre Sorgen zu ängstlichen, schrecklichen Bildern zusammen! — Oft zitterte eine heiße, schwellende Thräne an ihren Wimpern, ihr Mund zuckte und sie preßte die Hand avs's Herz, als ob dort der Kummer sich knotenartig zusammenzöge. Dann betete sie heißbrünstig für ihr Kind; denn Duldung und Gebet, hatte ihr der Beichtvater gesagt, sei bereits die einzige Waffe, womit sie den bösen Geist bekämpfen könne. — Zur Erleichterung suchte sie eines Abends die süßen Erinnerungen aus alter Zeit wieder aufzufrischen. Einen Schrank öffnete sie leise, als ob das Schrillen der Riegel ihr durch's Herz ginge; eine Lade machte sie daran auf und holte daraus — ja was denn? Ein feines, aus kostbaren Spitzen und Seide gefertigtes Taufjäckchkn und ein Taufhäubchen mit unterlegtem, himmelblauem Seidcngrund. Darin war ihr Emil zum Bade der Wiedergeburt getragen worden. Wie glücklich war sie gewesen, als der Himmel ihr nach langem Hoffen das Kind geschenkt, um wie viel glücklicher noch, als sie den jungen Christen zum ersten Mal an ihre Mutterbrust geschloffen! Heißer quollen die Thränen aus ihren Augen, sie seufzte tief auf und krankhaft preßte sie diese Kleidung an ihren Mund und an die brennenden Augen. Da lag zu gleicher Zeit das Roscn- kränzchcn aus Silbcrperlcn, das die Großmutter dem kleinen, einzigen Enkel geschenkt, da er vier oder fünf Jahre alt, vor ihr gekniet und das Vater unser zum ersten Mal mit aller Andacht gelallt hatte; da lag auch das Roscnsträußchcn mit der weißen. Schleife, das am Tage seiner ersten Vermählung mit dem Heilande an seiner Brust — -doch die Mutter durfte diese Gedanken nicht wieder fortspinnen, es stieß ihr schon fast das Herz ab. O Mutterherz, das Blut, das Dir vom Kinde ausgepreßt wird, auch dieses Blut schreit zum Himmel um Rache! Aber die Mutter, sie kann nicht fluchen, ihren letzten Blutstropfen möchte sie opfern für das Herz ihres Herzens, für ihr Kind. Nasch schloß die Mutter die Lade, dann warf sie sich zur Erde nieder und mit ausgestreckten Armen betete sie den Gruß an die fünf heiligen Wunden — für ihr Kind. Ein wunderbarer Trost ward vom Himmel in ihr Herz gegossen, es war ihr wie Cent- nerlast vom Herzen weggenommen. Ihre Gefühle wurden ruhiger; denn das Herz schlug 98 sanft, und ihre Gedanken wurden licht. Es war bereits zehn Uhr. Da tönte die Haus- glocke; es war ihr Emil. Sonst gab der Hausknecht Einlaß, der spät bis in die Nacht ^ Wache halten mußte, und der Sohn ging dann, betäubt und verwirrt, mit ausgehöhltem Herzen und schwerem Kopfe, allein auf sein Zimmer. Die Muttergestalt war ihm in solchem Zustande nie vor die Augen getreten. Die Mutter faltete ihre Hände, dann war sie gefaßt; sie eilte hinunter und öffnete ihrem Sohne selber die Thüre — aber sie sagte Nichts. Verwirrt stand er einen Augenblick, dann faßte er an seine Stirn, mur- ^ melte Etwas, wie halb vor Entschuldigung, halb aus Aerger und schwankte lautlos, so rasch, als es gehen wollte, seinem Zimmer zu. Hatte das gefruchtet? Die Mutter wußte es nicht. Am andern Tage war er schweigsam, doch nicht gerade traurig. Die Mutter war liebevoll sanft wie gewöhnlich; mit Spannung wartete sie auf den kommenden Abend.- Der Sohn war wiederum ausgegangen. Der Mutter Gefühl wurde schmerzlich berührt, denn Nichts schmerzt mehr als gekränkte Liebe. Der Sohn hatte also die zarte Andeutung der Liebe, jenes zurückhaltende Flehen nicht verstehen wollen. Es schlug acht Uhr, neun Uhr; der Mutter Herz pulsirte in rascheren Schlägen. Es ward zehn Uhr; die Mutter seufzte, weinte, betete wie am Abend zuvor. Jetzt klingelte es wiederum, und die Uhr auf dem Thurm der Himmelfahrts-Kirche begann die elfte Stunde zu schlagen. Die Mutter machte sich stark; denn wenn eine Mutter sich faßt, danu ist sie stärker, als ein Mann. Mit ruhigem Antlitz, ohne daß eine Muskel ihres Gesichtes zuckte, stieg sie wieder die Treppe hinab, ging an die Hausthüre, öffnete, und iyr Emil ; stürzte herein. Scham übermalte glühroth sein Gcstcht; seine Hände krämpftcn sich, sein Mund öffnete sich halb. War es Aerger oder Reue, oder ein Gemisch von Beidem, was in seinem Herzen, in seinem Auge vorging? Die Mutter wußte es nicht; aber sie sagte Nichts. Das hatte er nicht erwartet, daß auch um elf Uhr noch seine Mutter ihm entgegentreten würde, und wahrscheinlich hatte er, als es nun einmal spät geworden, absichtlich der Begegnung ausweichen wollen; denn so spät war er noch nie heimgekehrt. Als er an ihr vorbei ging, glaubte sie, einen schmerzlichen Zug in seinem Gesichte zu erblicken; und wenn sie sich nicht gar zu sehr getäuscht, dann hatte er im Taumel still bei sich „Ach Gott! Wieder die Mutter!" geseufzt. Am folgenden Tage war die Mutter wiederum freundlich und herzlich, das Vorgegangene merkte man ihr nicht an; denn obwohl im weiblichen Herzen es mehr begründet liegt, daß es in Wort und Haltung und Bewegung sich spiegelt, so kann das Mutterherz doch auch schweigen wie das Grab. Emil aber war schweigsam, war verlegen, er konnte seine Mutter nicht anschauen; sein Gesicht wechselte die Farbe, so oft er mit ihr sprach, so oft er nur in ihrer Nähe war. Mit großer Zerstreuung versah er sein Geschäft; der Vater erstaunte über die kaufmännischen Sünden, die Emil beging; so legte dieser eine Zehn-Thalcr-Banknote als Zeichen in's Hauptbuch und ließ sogar einmal, als er auf einige Augenblicke aus dem Zimmer ging, den Schlüssel an der Kassa stecken. / Der Tag ging vorüber, cS wurde Abend. Es gewann den Anschein, als ob Emil heut' nicht ausgehen würde. Um sechs Uhr war Schluß des Comptoirs; dann hatte er sonst sofort Hut und Stock genommen. Heute trat er denn so still sinnend im Hause herum, suchte noch Arbeit, obwohl er keine mehr fand. Er sprach mit dem Papagei im Hausgange und bekam keine vernünftige Antwort. Er ging in den kleinen Blumengarten hinter dem Hause, er setzte sich in die Laube; aber höchst unruhig war und blieb er. Um sieben Uhr war er nicht mehr im Hause; Emil war ausgegangen. — Das Mutterherz wallte, es war tief innerer Harm und Verdruß. „Gehört er nicht mehr , mir?" dachte und sprach sie still bei sich, und weil sie sich selber auf diese Frage die Antwort schuldig blieb oder doch nur ein halbes Ja erwidern konnte, d'rum fühlte sie es wie Messerstiche in ihrer Brust. Das Mutterherz kann Viel ertragen, denn der Schmerz und das Weh ist seine eigentliche Sphäre, aber bluten kann es auch, wenn 09 f* gleich nach Innen. Jedoch ist es ein Kunststück für das Kind, die Mutter zu erbittern, so leicht gelingt's nicht; denn der Mutter Liebe ist überschwenglich reich. Wiederum suchte sie die Ruhe nicht; sie wachte, sie litt, sie betete. Die Stunden schlichen wiederum langsamer hin, eine noch kriechender und langsamer, als die andere. Neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr waren verstrichen; die Mutter bebte, sie zitterte. Das Maaß, es war gefüllt, ^ es war überfüllt, der Augenblick der Entscheidung war gekommen. „Gott hilf mir;" rief sie laut, während sie beide Hände an die Stirne drückte, und der Himmel half ihr, um sie stark, um sie standhaft zu machen. Auch zwölf Uhr war verstrichen, da klingelte es leise. Die Mutter schlich hinab und öffnete. Emil schaute ungestüm durch die Spalte der Thüre, sein Gesicht bekam einen Ausdruck, als ob er ein Gespenst gesehen; er war betäubter, wirrer, als an den Abenden zuvor, und doch war es, als ob starke Zugluft über den Nebel seines Herzens bliese, er dachte klar und fest. Wie ein Blitzstrahl hatte das Bewußtsein von dem, was er seiner Mutter gethan und was er jetzt vor ihr war, in seiner Seele gezündet. Er lehnte an die Hauslhüre, senkte den Kopf, wurde blaß wie eine Leiche und sann vor sich hin; dann machte er mit der Hand eine Bewegung, als ob er nach der Hand seiner Mutter suche. Halb hob er den Kopf; aber als sein Auge eben das Gesicht der Mutter gestreift, da schrack er auf's Neue zusammen, es wurde ihm furchtbar bang; er drängte sich an der Mutter vorbei und eilte stolpernd die Stiege hinauf seinem Zimmer zu. Daß nunmehr eine tief aus dem Herzen kommende , Neue am Eise seiner Seele brach und thaute, das ahnte, das wußte das treue Mutter- ^ herz. Mit schwankendem Schritte ging sie ihrem Sohne nach, die Stiege hinauf, über die Gänge aus sein Zimmer. Er hatte sich, angekleidet, wie er war, auf sein Bett geworfen, lähmender Schrecken und aufregender Sturm wechselten in seiner Seele; er wälzte sich hin und her, er schlug mit den flachen Händen seine Stirne: die Mutterliebe hatte ihn 'säst zur Verzweiflung gebracht. Als die Mutter auf sein Zimmer trat, ward er ruhig; kaum eine Fiber seines Körpers zuckte. Die Mutter sagte Nichts; aber der Himmel schenkte ihr trotz des Sturmes der Gefühle Licht und Kraft. Das Crucifix riß sie von der Wand, das seit jungen Tagen neben dem Bette ihres Sohnes hing, für besten Lcidcnssprache der Sohn aber lange Zeit taub gewesen; schweigend preßte sie es in seine Hände. Dann bog sie sich schweigend über ihren Sohn — der lag regungslos wie zuvor — und während sie einen innigen, langen Kuß auf seine Stirne drückte, sank darauf nieder eine Perle, kostbarer als Diamant, eine einzige Mutterthräne, voll und heiß. Und die Thräne hat gebrannt nicht blos auf der Stirne, sondern sie hat durch- gebrannt bis auf's Herz und hat einen Schmerzcnsbrand entzündet im Herzen und hat den Wust am Herzen erweicht und der Reueschmerz ist geworden zum Feuer, das die Seele mild durchstrahlte und wiederum anfing zu erwärmen. Schweigend ist die Mutter darauf vom Zimmer gegangen; sie hat den Sohn mit dem Gekreuzigten und der Thräne allein gelassen. An allen drei Abenden hatte sie kein Wort gesagt und — doch durch Schweigen die Hölle überwunden. Am andern Morgen ist sie frühzeitig wieder auf das » Zimmer ihres Sohnes gegangen, und als diesem die Thränen hervorbrachen wie ein heißer Strom, und er den Kopf abwandte vor Reue und Scham und doch die Arme ausbreitete mit erwachtem kindlichem Liebesdrang, wie um Abbitte zu thun dem gequälten und doch so treuen Mutlerherzcn, und als die Mutter da seinen Kopf an ihrem Herzen verbarg und Beide zusammen weinten — war's Wchmuth oder ticfinnige Freude? — und fragte: „Gehörst Du jetzt ganz wieder mir? dann weine nicht mehr!" — da hat der Sohn tief aus Herzensgrund ein „Ja, Mutter!" hervorgeschluchzt und dieses „Ja" ^ hat er bis auf die heutige Stunde der Mutier treu gehalten. Weil die Mutter ihn wiederum ganz an sich gefesselt, lebte er während der freien Zeit fast ausschließlich im herzlichen Verkehre, im trauten Gespräche mit ihr. Der Schatz des Kindesherzens brach wiederum auf: die lieblichen Bilder und Erinnerungen seiner gottcsfürchtigen Jugendzeit stiegen daraus hervor und umwoben die Seele mit neuem Himmel und neuer Lebenslust. Gerade damals hielt ein gelehrter Ordensmann, der berühmte Prediger L . . . allabendlich Predigten, deren bewältigende Kraft die Zuhörer so hinriß, daß jedesmal ein großer Strom von Menschen in den Hallen der umfangreichen Kirche die Kanzel umwogte. Was der Redner mit dem Schwerte der Wahrheit verwundet hatte, das heilte er wiederum durch den Balsam der Gnade. An manchen Gott abgewandten, verweltlichten Herzen wirkte sein Wort Wunder der Bekehrung. Die sanfte Ermahnung der Mutter hatte bald so viel erreicht, — denn sie hatte ja ihres Sohnes Herz in der Hand, — daß der Emil sich auch mitten in das Gedränge der überfüllten Kirche hineinstellte und aufmerksam am Munde des gottbegeisterten Redners hing. Der Taumel, der Leichtsinn war verschwunden! ein sinniges Nachdenken, eine gründliche Selbsterforschung war über ihn gekommen; seine innere Besonnenheit spiegelte sich in Haltung und Gebärde. Nach einiger Zeit — es war Samstag Nachmittag — bat er den Vater, ihm für den Nachmittag die Comptoir-Arbeit zu erlassen. Durch einige Straßen ging er, dann stand er vor der Pforte eines großen Hauses, dessen Aeußcres keineswegs einem Kloster glich. Nachdem er die Glocke gezogen, trat aber ein Qrdcns- Bruder mit schwarzer Tracht in die Pforte, nach einigen Worten der Verständigung ward er eingelassen und in die Kapelle geführt. Wie wohlthuend strahlte ihm der Schein des ewigen Lichts in dem halbdunkcln Bctzimmer entgegen, er kniete nieder auf die Bank — am Beichtstühle und beugte demüthig das Haupt. Bald trat der Pater L. . . in die Kapelle und was Beide während einer Stunde mit einander verhandelt, das mochte man leichtlich am folgenden Sonntag Morgen errathen, als Emil, in Andacht zerflossen, neben seiner Mutter an der Kommunionbank der Himmelfahrtskirche kniete. Seitdem ist Emil wieder ganz glücklich und seiner Mutter gegenüber ganz Kind geworden. Dagegen zeigt er im Verkehre mit Anderen und im Geschäft die ächte Männlichkeit; fester und gemessener ist er jetzt noch mehr, als früher. Wenn aber später zuweilen ein schwacher Augenblick wieder im Kommen war und der Sohn nach Schluß des Comptoirs auf Stock und Hut schielte, als ob er doch wieder einmal die Mutter lassen und die alten Kameradschaften aufsuchen wollte, dann hat die Mutter ihm nur leise in's Ohr gesagt: „Wem gehörst Du denn, Emil?" Und dann ist der Emil wieder schweigsam und still geworden, hat der Mutter darauf die Hand gedrückt und gesagt: „Ja Dir, Mutter, Dir!" — Und nie mehr hat die Mutter ihm so spät die Thüre aufmachen müssen. Der Salat Sixtus l Bekannt genug sind die Verdienste des oben genannten Papstes, welcher in schlimmer Zeit und unter bedrängten Verhältnissen nicht nur die Rcligionsangclegenhciten ordnete und förderte, sondern auch merkwürdige Bauten, Wasserleitungen u. dgl. ausführen ließ, den Räubereien steuerte, Gesetzbücher entwarf und überhaupt das Wohl des Kirchenstaates vielfältig hob und mehrte. Zahlreiche Biographen haben dem großen Manne Gerechtigkeit widerfahren lassen; doch ist, so viel uns erinnerlich, in keiner derselben die nachstehende Anekdote enthalten, obwohl sie bis zur Stunde in einem italienischen Sprichworte fortlebt. Sixtus hatte einen Jugendfreund, mit welchem er im herzlichsten Einvernehmen stand, als er noch ein armer Klosterbruder war; dieß Verhältniß dauerte fort, als der Eine Advokat geworden und der Andere auf der Stufenleiter der geistlichen Würden schon bis zum Kardinal emporgestiegen war. In der letzten: Zeit jedoch zog der Jurist, wahrscheinlich aus Bescheidenheit, sich mehr zurück. Aber erst als Sixtus den Thron bestiegen, löste sich das Band gänzlich, und der heilige Vater wußte zuletzt nicht einmal, daß sein Freund, dessen Name sich in keiner Chronik findet, in Rom selbst lebte, aber zur tiefsten Verarmung herabgesuuken war. 101 Noth und Kummer um seine Familie stürzten den unglücklichen Advokaten .endlich in eine Krankheit, deren Behandlung ärztliche Pflege bedurfte, weßhalb ein Heilkundiger gerufen wurde, welcher zufälliger Weise der Leibarzt des Papstes war; dieser würdige Herr intercsfirte sich lebhaft für den Leidenden, einen Mann von Bildung und edlem Charakter, und unterhielt sich mit ihm öfters stundenlang. Auf solche Weise kam der Arzt eines Tage« auch zur Kenntniß der früheren Geschicke seines Patienten und seiner ehemaligen Freundschaft mit Sixtus V. —Er beschloß sogleich, dem Papste davon Nachricht zu geben, da es ihn bei dem Charakter des Kirchenfürsteu wunderte, daß selber bloß des Standesnnterschicdes wegen so Plötzlich von einem langjährigen Freunde sich sollte losgesagt haben. — Ueberdieß hoffte er auf eine reichhaltige Hilfe für seinen Klienten. Am andern Morgen, als er seinen pflichtmüßigcn Besuch im Vatikan abstattete, brachte er durch eine geschickte Wendung das Gespräch auf seinen Schützling, dessen Lage er ergreifend schilderte und dabei zu verstehen gab, die Krankheit des Advokaten sei mehr Moralischer Art, nämlich Hcrzleid um den trostlosen Zustand seines Hauswesens und Geld als die sicherste Arznei zu betrachten. Zum großen Erstaunen des Doktors unterbrach der heilige Vater, welcher überhaupt kein Freund langer Gespräche war, plötzlich diesen Vortrag und verabschiedete den Hcilkünstler. Ziemlich irre gemacht in seiner Ansicht von dem Herzen des Fürsten erschien unser Aeskulap Tags darauf wieder im Kabinctc des Papstes, welcher ihn lächelnd empfing und ihm sagte: „Mein lieber Doktor, ich war ein großer Verehrer Eurer Kunst, die ich gerne selbst studirt haben würde, wenn mein Beruf mich nicht anderswo hingefordert hätte. Indeß pfusche ich von Zeit zn Zeit ein wenig in Euer Fach und habe dieß auch gestern gethan. Was für ein Medikament habt ihr dem Advokaten verordnet, von welchem Ihr mit mir gestern spracht?" „Heiliger Vater," versetzte der Arzt, „da sein Leiden physisch eben nicht viel Heil-' Mittel anspricht, so gebe ich ihm bloß eine Unze englisch Salz." „Englisch Salz?" entgegnete Sixtus, „sollten wir denn in Italien keine Ingredienzien haben, die für solche Uebel taugten? Seht, Doktor, ich habe bei diesem Patienten Eure Stelle vertreten und ihm einen Salat geschikt, der, wie ich glaube, ihm nicht übel bekommen wird. Was meint Ihr dazu Doktor?" „Einen Salat?" fragte der verdutzte Heilkünstlcr, — „mein Gott, wenn der nutzt, so ist es kein geringeres Wunder als alle, die wir Eurer ^Heiligkeit Energie im Kirchenstaate verdanken. Einen Salat!" Er schien sich von seinem Erstaunen nicht erholen zn können. Der Papst lachte recht herzlich über die Verlegenheit des Doktors und beurlaubte ihn mit den Worten: Diese Kundschaft müßt Ihr mir überlassen mein guter Freund; ich hab niir's in den Kopf gesetzt, den Mann zu kuriren, und mit Eurem Honorare würde es ohnedicß schmal ausfallen." Unser Arzt, kaum aus dem Vatikan entlassen, hatte nichts Angelegentlicheres zu thun, als zu dem Advokaten zu eilen, welchen er außer dem Bette, sehr heiter und in voller Genesung fand. „Mein Gott", rief er dem Nekonvalcszenten zu, „zeigt mir doch den gebenedeiten Salat, welcher dieses Mirakel gewirkt hat; das ist ein Panzer, welcher der Hcilknnst nicht entzogen werden darf." Der Advokat führte den Doktor nun zu einem .Korbe in der Ecke; er schien mit Cichorie gefüllt — allein unter diesem Gewächse fand sich eine beträchtliche Anzahl vo» Zechinen und ein herzlicher Brief des Papstes, welcher dem Freunde Vorwürfe machte, daß er ihrer alten Zärtlichkeit vergessen, und ihm dabei eine bleibende Unterstützung zusicherte. Weinend umarmten sich die beiden Männer, gleich erfreut über die Schicksalsänderung des Advokaten, als über die neuerdings bewährte Hcrzensgüte des große« Kirchenhortcs. „Mit einer solchen Arznei", sagte bei seiner nächsten Visite der Doktor zum Papste 102 „würd' ich freilich mehr Kranke retten, als mit allen Bestandtheilen der lateinischen Küche; leider aber hat uns HippokrateS das Rezept dazu nicht überliefert." „Mein Freund", erwiederte SixtuS, „ich würde gerne dasselbe Mittel für alle Krankheiten anwenden; aber es ist doch nicht immer am rechten Platz, und der Vorrath davon kein unerschöpflicher." Die Geschichte des Advokaten wurde bald in Rom wie in ganz Italien verbreitet, und noch heut zu Tage pflegt man, wenn es sich um einen Fall handelt, wo Geldhilfe nöthig wäre, zu sagen: ,,6i vorrebdö I'insalukn cki 8islo V. (Hier bedürfte es dcS Salats SixtuS V.)". Der „Leichenschmaus" und seine Geschichte. Die uralte Sitte, nach der Beerdigung eines Verstorbenen sämmtliche Leidtragende in dem Trauerhause mit einem mehr oder weniger splendiden Schmause zu regaliren, ist noch jetzt, namentlich auf dem Lande ziemlich weit verbreitet. Nicht selten schließt das Mahl mit einem Räuschchen, und das Leid verwandelt sich in Freude. Ein solcher „Leichenschmaus" verletzt allerdings das Gefühl eines jeden Gebildeten, allein man vergesse nicht, daß er auf dem Lande meist durch die Umstände geboten wird. Die Leidtragenden haben in der Regel einen weiten Weg zurückzulegen, um dem Todten die letzte Ehre zu erzeigen, und so ist nach der Bestattung ein Genuß von Speise und Trank ein Bedürfniß, für dessen Befriedigung das Trauerhaus zu sorgen hat. Sodann wolle man erwägen, daß dieser Gebrauch ein Ueberrest aus der ältesten Zeit ist, dessen Existenz sich bei den meisten Völkern nachweisen läßt. Indem eigentlichen Volksstamme, beim Landmanne also, erhalten alte Sitten sich am längsten, weil seine im Ganzen einförmige Lebensweise Neuerungen nicht begünstigt. In den Städten verschwinüen sie dagegen schneller, und doch hat sich auch hier noch jener alte Gebrauch in mehr oder minder großem Umfange erhalten.— Man darf sich nicht wundern, daß eine solche Sitte schon früh entstand und Wurzel faßte. Je theurer und lieber ein Verblichener den Seiuigcn und seinen Freunden war, uix^so natürlicher regte sich auch das Verlangen, nach seiner Bestattung sich noch einmal sein^Leben gemeinsam zu erörtern. Und je zerstreuter anfangs die Menschen wohnten, je mehr sie darum die Gastlichkeit des Trauerhauscs in Anspruch nehmen mußten, und je geheiligter das Gastrecht war, um so mehr mußte die gemeinsame Trauer zur gemeinsamen Trauermahlzeit führen, wobei sich denn gar bald auch Prachtlicbe und Eitelkeit geltend zu machen suchten. So finden wir schon bei dem ältesten Volke, von dem wir genauere Nachrichten haben, bei dem israelitischen, solche Leichenmefsen erwähnt. Der Prophet Ieremias droht seinen Zeitgenossen, daß sie sterben würden, ohne beklagt zu werden, und ohne daß man Brod austheile, sie zu trösten bei einer Leiche. In gleicher Weise droht Hesekicl, daß Israels Volk keine Todteuklagc führen und nicht das Trauerbrod essen soll. Und von dem jüdischen König Archelaus, (zur Zeit der Geburt Christi) erzählt Ioscphus, daß er um seinen verstorbenen Vater Hcrodes zu ehren, das ganze Volk bewirthet habe. Auch bei den alten Griechen und Römern finden wir die Sitte des Leichenschmauses allgemein verbreitet. In späteren Zeiten machte sich, vornehmlich bei den Römern, der Luxus auch in dieser Beziehung gewaltig breit, und es gesellten sich, um das Andenken der Todten zu feiern, seit Julius Cäsars Zeit die grausamen Fcchterspiele hinzu, in denen oft Hunderte ihr Leben verloren. Ein eigentliches Todtenmahl fand aber schon Jahrhunderte lang vorher und zwar in doppelter Weise statt. Man bereitete zunächst für den Todten selbst ein Mahl, welches auf dem Scheiterhaufen (bekanntlich wurden die Leichname zu Asche verbrannt) oder in der Nähe desselben verbrannt wurde; oft rissen die hungrigen Bettler sich um diese Bissen, die in der Regel der elendeste Koch bereitet hatte. 103 Um einen solchen Koch zu bezeichnen sagte man: „Uortuis cosnain coquat" (d. h. „Er mag für die Todten kochen.") Sobald diese Ceremonien beendet, begaben sich die Leidtragenden nach dem Trauerhause um den Leichenschmaus einzunehmen ; man sprach von dem Abgeschiedenen, indem man seine Thaten, Verdienste und Tugenden rühmte. Reiche Leute bewirtheten außerdem eine große Volksmenge. Julius Cäsar ließ zu Ehren seiner verstorbenen Tochter ganz Rom zu Gaste laden und zu diesem Zwecke 22,000 Tische decken. Daß diese Sitte sich auch durch das Christenthum nicht verlor, ist natürlich, eben weil sie so sehr in der Natur des Menschen und seiner Verhältnisse lag. Die zum Christenthum übergetretenen Griechen und Römer setzten nur fort, was bisher bei ihnen gebräuchlich gewesen. Ebenso hegten die zum Christenthume bekehrten germanischen und slavischen Völkerschaften mit Vorliebe einen Gebrauch weiter, der auch bei ihnen längst heimisch gewesen. Derselbe hat sich denn auch bis auf nnserc Tage hier und da erhalten, wenn auch nicht mehr in dem früheren Uebermaß. Man kann denselben gutheißen, wenn sein ursprünglicher Zweck — dem Todten eine Stunde gemeinsamer Erinnerung zu weihen, im Auge behalten wird und die Feier nicht in ein wüstes Gelage ausartet. Das Klavier der unglücklichen Marie Antoinette. Ein Kanonier der National-Garde von Paris nahm mit seinen Gefährten am 20. August 1792 Besitz von den Tuilerien. In den Musiksaal gelangend, sah er,.wie eine Anzahl Sieger sich mit großem Eifer abmühte, das Klavier der Königin Marie Antoinette in den Garten hinab zu werfen. Bereits war das Instrument auf das Fenster gehoben, als der Bürgersoldat der Schaar ein „Haltet ein!" zurief. „So laß uns doch", antwortete man ihm; „die Gerechtigkeit des Volkes muß ihren Lauf haben! Warum sollen wir übrigens auch diesen Kasten schonen, da die übrigen Möbel bereits den Sprung hinab gemache haben? Es muß hier ausgeräumt werden; die Spiegel sind zerschlagen, die Gemälde zerschlitzt — warum sollte der vergoldete Kasten ein besseres Schicksal verdienen, da er doch dem Volk nichts nützen kann?" „Dieser Kasten", entgegnen der Kanonier, „birgt unsere patriotischen Lieder in sich, ich will ihn gleich veranlassen, sie hören zu lassen. Setzt ihn wieder herab, und wenn seine Töne verklungen sind, werdet Ihr ihn gewiß begnadigen." Und der Kanonier spielte auf dem königli^n Klavier „lsn irn," die Carmagnolc und die Marseillaise, und die entzückte Schaar siel singend ein. Nun durfte das Klavier, das die beliebten National-Mclodicn „sang", dessen Töne die Fanatiker zur Begeisterung hinrissen, nicht mehr leiden; die Schaar brachte demselben vielmehr ihre Huldigung dar. Es gelang dem Kanonier, die Anwesenden aus dem Saal zu treiben, und das Klavier war gerettet. Jener, der früher Stimmer des Klaviers der Königin gewesen, ward später Hauptmann und erstand dasselbe bei der Versteigerung des Mobiliars der Königin Hortcnsc, im Jahre 1814, mit Thränen in den Augen. (Knicker und König.) Es war Anfangs der dreißiger Jahre, an einem ziemlich kalten Wintcrmorgcn zwischen 10—11 Uhr, als ein Student in den den Hofgarten zu München umgebenden Arkaden mit einem Buche in der Hand rasch auf- und abging. Dies mochte einem sehr einfach gekleideten Herrn auffallen; denn er trat auf ihn zu und fragte, „was er denn da treibe?" Die Antwort lautete: „er studire." Als nun der Herr meinte, es wäre doch besser, wenn der Herr Studiosus solches Studircn zu Hause betreibe, als da im Freien bei der Kälte, bemerkte der Student: „In seinem Zimmer sei es noch kälter, denn das sei so klein, daß zum Bewegen kein Raum wäre, und zum Holz hätte er kein Geld." Da lächelte der Herr und sagte etwas sarkastisch: „Dazu lange es wohl nicht, weil eben Bier, Tabak rc. rc. zu theuer seien." Dem widersprach aber der Student und zeigte seine Legitimationskartc vor, die ihn als „Stadttheologen" 104 Namens Aloys Sch . . - bekundete. Er setzte hinzu, er sei der Sohn armer Taglöh- urrsleutc aus dem bayerischen Walde und habe sich, auf Untcrrichtcrthcilen angewiesen, bis jetzt vergeblich um Schüler umgesehen. Der Herr äußerte im Verlaufe des Gespräches, wobei er manche Nebcnfragc stellte zur Ergründung des Wissens des Musen- sohnes, warum er sich mit einem Bittgesuche nicht an den König gewandt habe? Als nun darauf der angehende Theologe rasch erwiderte: „Er habe gehört, von dem Knicker » sei nichts zu bekommen!" gab ihm der Herr die Zusicherung, er solle sich nur mit einem Bittgesuche an das königliche Cabinet wenden, das werde schon Erfolg haben, er sei etwas bei Hofe und wolle dann schon mit Jemand für ihn reden. Der „Waldler" folgte dem Rathe, wiewohl er sich nicht viel davon versprochen haben mochte; er wurde nach einiger Zeit durch Anschlag zu dem Univcrsitäts - Sccretür Müller citirt, der ihm eine Rolle mit 100 Fl. pro erstes Semester als Unterstützung aus der Cabinetskafse gegen Quittung behändigte. Aloys war nicht wenig erfreut ob solchen Fundes und bemerkte gegen den Sccretär: „Also hat der Hoflakei, oder was er war, doch Wort gehalten;" erzählte auch auf Befragen dem Secrctär den ganzen Hergang. Der horchte nicht wenig auf, und kamen ihm etliche Zweifel; schließlich zählte der der katholischen Gottesgclehrsamkeit Beflissene das Geld aus der versiegelten Rolle, und siehe, oben fanden sich auf einem Zettelein die zwei Worte geschrieben: „Vorn Knicker." Die Geschichte kam unter die gesammte Studentenschaft, Aloys erhielt seinen Spitznamen davon, alljährlich aber pro Semester 100 Fl. Unterstützung aus der Cabinetskafse bis zu seiner Ausweihung. _ Des Gymnasiasten Kourad Bitzclmaier klassische Ucbcrsctznngsprobcnr t. lautn kjus kuit Li'alia. (Ooru) Seine.Tonte war eine Graste. 2. bulsiaiu „ustoruiu postum luuut. Die Schulden der Majore büßen die Nachkommen. 3. kost llomuluin eexit ?i»ma kom^ilius. ^ Die römische Post lenkte Numa Pompilius. 4. bist inoilus j» rodus. f//anst Die Rebusse sind in der Mode. 5. Venil el inteavit cluliitati toolii >>arontis. Gr kam und trat seinem verzweifelten Pater das Dach ein. (Kindliche Logik.) „Karlchen, weißt Du nicht, daß, wenn ein Kind immer garstige Gesichter schneidet, der liebe Gott sie ihm einmal stehen läßt." — „Nicht wahr, Tante, wie Du klein warst, ist Dir auch einmal das Gesicht stehen geblieben." Charade (?lus zwei einsilbigen Wörtern.) Wer das Erste stets zu sein, Reich das Zweite zn besitzen. Hat des Glückes sich zu sreu'n, , Kann und wird auch vielfach nützen. — Sonderbar, daß allermeist . Jener, so das Ganze heißt, Nicht entfernt das Erste ist, Noch vom Zweiten überfließt. Auflösung der Charade in Nr. 10 „Achselträgcr." Drnck, Verlag und Redaktion deS literarischen Instituts von 0». M. Hnttler.