Nr. L4. 5. April 1868, Sonntllll Gedenkt man, wie viele Menschen man gesehen, gekannt, nnd gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zu Muthe! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne nns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen. Goethe. Jer Hlocken Hrauersang über dem Grabe König Ludwig k. von Bayern. Ein Trancrlicd der Glocken Mund Singt um des Mittags zwölfte Stund', Ein Trauerlicd so ernst und bang, Wie's selten durch die Lüfte klang. Im ganzen weiten Bayerland, Vom Rhein bis an den Donaustrand, Auf Bcrgeshöh'n, im Thales Grund Ertönet laut die Traucrkund. Sagt an ihr Glocken all von Erz, Was euch so rührt das kalte Herz, Daß klagend laut der eh'rne Mund Euch überquillt zur zwölften Stund'? — Seht ihr nicht, wie der Lenz erwacht. Der Winter weicht nach langer Nacht? Fühlt ihr nicht lau die Lüfte weh'n In Thales Grund, auf Berges Höh'n? >— »Des Lenzes Lüfte lind und lau, „Wohl säuseln sie durch Feld nnd Au; „Wohl zieht der Lenz von Süden her „Mit seinen Vögeln über's Meer: — „Doch Bayerns Frühling ist vorbei, „Dahin, dahin sein schönster Mai: „Dahin ist ja der Sonne Glanz, „Die ihn erweckt' im Blüthcnkranz. „Zwar weilt der Frühling ewig nicht „Bei uns mit seinem Sonnenlicht; „Doch wie er geht, so kommt er auch „Gar bald zurück nach altem Brauch: — „Dein Ludwig aber, Bayerland! „Vom Himmel dir zum Heil gesandt, — „Er war! — Er kommt nicht mehr zurück! „Nicht labt dich huldreich .mehr Sein Blick! „Doch halt! — noch lebt ja für und für „Des Baycrlandcs schönste Zier „In tausend Herzen liebentflammt, „Die, Wiltclsbach sind angestammt; „In tausend Herzen brennt die Gluth, „Aus tausenh Wunden fließt das Blnt, „Die tief und klaffend schlug der Schmerz „Um ein gebroch'ncs Vatcrherz. — „Die Sterne droben ziehen auf „Am Himmel hoch nach ihrem Lauf, „Ein Pcrlcnschmuck der dunklen Nacht „Voll Herrlichkeit, voll Wnndcrpracht. „Und wie sie droben glänzend zieh'», „Im Meeresgrund sie wicdcrglüh'n: „Ein Schimmer dort, ein Schimmer hier, „Ein zwiefach funkelnd Stcrnrevicr. 106 „Doch kommt der Morgen hell und klar „Dann schwindet fort der Sterne Schaar; „Man weiß dann nicht, wer wohl zuvor „Zu sich beschick der Brüder-Chor: „Wie droben cin's erbleicht, zur Stund' „Ein Licht erlischt im Meeresgrund: — „Zuletzt ist nirgends eine Spur „Im Meer von ihnen, im Azur. Nicht also, Ludwig, zog Dein Glanz „Vorbei am Aug' des Bayerlands. „Nein, nein! Der Sonne glich Dein Licht, „Die, fern auch, durch das Dunkel bricht: „Denn wenn sie Abends geht zur Ruh', „Und Nacht nun deckt die Erde zu, „Dann sendet Licht sie vom Azur „In Mond und Sternen auf die Flur. „Dein Sonnenglanz hat's Land erfreut, „Hat es beglückt, hat es erneut. „Gebettet still in Grabes Grund „Du ruhest nun zur letzten Stund: — „Die Werke doch, die Deine Hand „Schuf überall im Bayerland, „Die Segenspenden, die sie trug „Allübcrallhin mild und klug. „Die Augen, die getrocknet hat „Die Rechte Dein durch Schutz und That, „Die Herzen denen Deine Mild' „Gleich Balsam stillt' die Schmerzen wild: — „Das, freu Dich! sind die Sterne traut, „Die zeugen von der Sonne laut, „Die ihnen in der tiefsten Nacht „Ein leuchtend Licht hat überbracht. „Drum wie aus Tempeln nah' und fern, „Bon Dir erbaut dem höchsten Herrn, „Sich schwinget, Weihrauchwolken gleich, „Gebet empor an Liebe reich; „So auch aus tausend Herzen schlicht „Der Bitte heißes Flehen bricht, „Zum Vaterhcrzeu, Vatcrsthron, „Daß herrlich werde Dir Dein Lohn. — „Wenn Morgens auf der grünen Au „Ein Blümchen steht benetzt von Thau: „„Ein Sternlein wohl, man weiß sich Rath, „„Die Thräne hier vergossen hat". „Du Sonnenblume voller Glanz, „Du Sonne Selbst des Vaterlands! „Aus wie viel Sternen mag der Quell „Der DankeS-Thränen brechen hell, „Aus wie viel Augen licht und klar „Sich schleichen still ein Thränenpaar, — „Als schönster Schmuck, als schönste Zier „Das stille Grab benetzen Dir? „Wie zahllos sind, die Du beglückt, „Die Du beschirmt, die Du erquickt, „So mögen's auch die Thränen sein, „Die Dir befeuchten Deinen Schrein. „Kein Wunder, traun! wenn schmerzerfüllt, „Von tiefstem Leid das Herz durchwühlt, „Ein ganzes Volk umsteht das Grab, „In das Du, Ludwig! stiegst hinab: — „Ein Vaterherz in Dir ja schlug, „Voll Liebe brach's im letzten Zug; „Ein Vat eräug' so mild, so klar „Ward Dir im letzten Blicke starr. „Doch, Heil dir! treues Bayerland, „Daß dieser Fürst die Ruhe fand „In deiner Mitte, deinem Schooß': „Dem Himmel Dank für dieses Loos! „Heil Dir auch, edles Königsherz I „Kein treuer Volk mit ticf'rem Schmerz' „Könnt' Deines Grabes haben Acht, „An Deinem Sarge halten Wacht. „Vergessen Dein, das kann es nicht, „Du hcimgegang'nes Sonnenlicht! „Die Wunde brennt, der Schmerz ist wild, „Zu tief gedrückt in's Herz Dein Bild. „Wenn längst verstummt ist unser Mund, „Dein treues Volk Dein Lob macht kund: — „So lange Sterne droben zich'n, „Die Herzen Dir in Lieb' erglüh'n." —> „Du aber, edler Königsgeist, „Des Volk's, das Du geliebt zumeist, „Gedenke betend; bet' für's Land „Am Rhein- und Main- und Donaustrand»! „Bet' innig warm, in Liebe fest: „Viel Wetter dräu'n von Ost und West, „Vom rauhen Nord, vom warmen Süd „Ein Wetterleuchten flammend glüht." >» 107 Pfeffer s Leiden. Aus dem Lagebuche eines jungen Arztes. Pfeffer hatte seine Studienjahre in angestrengter Thätigkeit verlebt; er war der Atzneikunde mit vollster Liebe ergeben und so eben aus dem Staats - Examen glänzend hervorgegangen. Somit hätte er also glücklich und zufrieden sein sollen. Aber ei» junger praktischer Arzt ist eines der unglückseligsten Wesen. Warum? Die Menschen wollen nur von erprobten Aerzten geheilt oder auch nicht geheilt werden, und bedenken selten, daß zur Erprobung auch Gelegenheit gehört. Mancher junge Arzt ist am Krankenbette weit aufmerksamer, bedachter, sorgsamer, als ein alter, der hin und wieder einen schlaffen Schlendrian für Gewandtheit der Erfahrung, und ein rasches Urtheil für Scharfblick gelten läßt. Da legt sich denn oft solch' ein junger Arzt, wenn er sich an alten und neuen medizinischen Zeitschriften müde gelesen hat — wobei er ängstlich auf jedes Geräusch aufhorcht, ob nicht etwa ein Hülfesuchendcr sich an seine Thür verirrt — endlich, nach langem, vergeblichem Harren in's Fenster, und unglücklicher Weise rennt ein Arzt nach dem andern geschäftig an demselben vorbei, fährt ein Wagen nach dem andern, i» welchem ehrwürdige Gebieter über Leben und Tod gravitätisch sitzen, eilig vorüber. Der arme Mann am Fenster denkt in dem Momente nicht an die glänzenden Einkünfte seiner Collegen, nicht an ihre bedeutende Stellung, als Leibärzte vornehmer Herren und Damen — er beneidet sie eigentlich nur um den kranken Taglöhner, zu dem sie eben miß» muthig die vier Treppen hinaufklettern, und denkt: Wie freudig würde ich zehn Mal des Tages zu dem Manne hinaufspringen, wenn er mich zu seinem Arzt auser- wählt hätte! So ging es unserem Pfeffer. Seit vier Wochen war er approbirt und vereidct, vier Wochen schon prangte an seiner Hausthür das weiße Porzellan - Schild mit den großen goldenen Worten: „Doctor Pfeffer, praktischer Arzt, Operateur und Geburtshelfer," daneben der glänzend polirte Klingelzug — und noch immer hatte kein Mensch von diesen einladenden Worten Notiz genommen, noch war dieser Klingelzug von keiner ängstlichen Hand zur Nachtzeit ergriffen und hastig gezogen worden. Die zehnte Abendstunde des neunundzwanzigsten Tages seiner ärztlichen Laufbahn, bei der er leider nichts zu laufen hatte, war vorüber, verdrießlich ging Pfeffer zu Bett und versuchte einzuschlafen. Es wollte ihm bei seiner aufgeregten Stimmung schwer gelingen. Endlich versank er in einen Halbschlummer — da — war's Wahrheit oder Täuschung? — Pfeffer dachte nicht so lange nach, als es Zeit braucht, diese Worte niederzuschreiben — er hatte klingeln gehört und war mit einem Sprunge aus dem B^tt und am Fenster. Aber er sah nichts und hörte nur aus der Ferne das höhnische Gelächter einiger Buben, die sich ein Späßchen daraus gemacht hatten, an der Klingel zu ziehen. Das Fenster ward wieder zugeschlagen, wobei eine Scheibe zersprang, die Luft zog frei durch die Lücke ein. Pfeffer ging, wie ein Philosoph, mit gemessenen Schritten zu Bette und stellte Betrachtungen an über getäuschte Hoffnungen. Wieder begann Morpheus einige Mohnkörner über ihn auszustreuen da — zog eS von Neuem an der Klingel. Diesmal erhob sich der junge Doctor langsam, wie es der Würde eines Arztes geziemte. Werde ich abermals gefoppt? dachte er stirnrunzelnd. Doch er stand auf. — Da klingelte es schon wieder. — Halt! ich will mich doch wenigstens nicht auslachen lassen! — Er drängte sich an den Fensterpfciler und schaute von der Seite, ohne von unten bemerkt werden zu können, durch die zerbrochene Scheibe. Da erblickte er einen Strohhut, der sich vvm Monde romantisch beleuchtet vor der Hausthür hin und her bewegte. Nun war das Fenster auch bald geöffnet. — „Bcrchrtester Herr Doctor!" — klang eine bittende Mädchenstimme von der Straße herauf — „nch- 108 men Sie es nur nicht übel, daß ich Sie so spät incommodire!" — „Keineswegs, mein ^ Fräulein! Soll ich mitkommen? Ich bin den Augenblick bei Ihnen!"-„Ach nein, vcrehrtester Herr Doctor, ich bin ja nur das Kammermädchen von der Frau Gräfin , hier aus dem Hause; ich habe mit meinem Geliebten, dem Kammerhusaren des Grafen Olszewski eine kleine Promenade im Mondscheine gemacht, und da haben wir uns etwas verspätet. Nun bin ich so frei gewesen, bei Ihnen zu klingeln, und wollte Sie bitten, ^ es ja nicht übel zu nehmen und mir den Hausschlüssel herunterzuwerfen, und ich werde Ihnen denselben morgen in aller Frühe mit dem schönsten Danke wieder zustellen. — Aber Sie sind doch nicht böse, verchrtcstcr Herr Doctor!" Der verehrteste Herr Doctor konnte vor Aerger kein Wort antworten, holte den Hausschlüssel herbei, warf ihn zum Fenster hinunter, daß er auf den Strohhut der nachtwandelnden Kammerzofe siel, schlug das Fenster wieder klirrend zu und sprang in's Bett. Jetzt schien es mit seinem Schlaf vorbei zu sein, er warf sich hin und her, dachte an alle seine lustigen Bekannten, dachte an die längsten Krankengeschichten in den neuesten medicinischen Journalen, doch nichts wollte wirken; endlich las er sogar den „Bayerischen Staatsbürger," der inzwischen für immerdar entschlafen ist, und schließlich noch die „Schwäbische Eilpost," welche dem Staatsbürger nacheilt, doch auch dies fruchtete nichts. Nun löschte er das Licht wieder aus und legte sich rcsignircnd auf sein Kopfkissen. Da — o ihr neckischen Geister der Nacht! — klingelte es wieder, aber ganz leise, wie von einer schüchternen, furchtsamen Hand. Gibt es noch mehr in Liebe und Mondschein schwärmende Kammerzofen hier im Hause? — war sein erster Gedanke. Sein zweiter: es läge doch wohl in der Möglichkeit, daß sich endlich das Geschick und ein Kranker seiner erbarmt hätten. Bevor er Zeit gewonnen, einen dritten zu fassen, war er aus dem Bette und am Fenster. „Was wünschen Sie?" — Wohnt nicht hier ein Doctor?" — „Zu dienen!" — „Erbarmen Sie sich und kommen Sie mit mir! Meine Mutter liegt in den heftigste« » Krämpfcn!" — Mitkommen — heftigste Krämpfe — diese Worte elektrisirten unsern Doctor. — „Bald, bald!" rief er, und wäre in einer Minute angekleidet gewesen, wenn das Sprichwort: „Eile mit Weile" nicht gar zu wahr und nicht die Hastigkeit die Mutter der Verwirrung wäre. So kam es, daß er erst den einen Stiefel, dann die Weste verkehrt anzog, und außerdem noch einige Kleinigkeiten an die unrechte Stelle brachte und endlich, als er nach dem Hut griff, in der Hast einen Todtenschädcl erfaßte, der ihn im fahle« Mondlicht grinsend anstierte. Aergerlich schleuderte er das Knochenhaupt von sich und lief ohne Bedeckung davon. Die Treppe flog er hinab, schon stand er an der Hausthür, schon hatte er die Klinge ergriffen und drückte, da fiel ihm erst ein, daß die Thür verschlossen und sein Schlüssel in den Händen der in Liebe und Mondschein schwärmenden Kammerzofe sei. Jetzt war es mit seiner Geduld Matthäi am letzten! O Schicksal! O Glücksund Unglücksnacht! — rief er und er hätte heulen mögen vor Wuth. Wie Simson au dem Pfosten des Philister-Gebäudes, rüttelte er an dem Schlosse der Thür, doch das eiserne Schloß knarrte nur und rührte sich nicht. „Kommen Sie bald, Herr Doctor? Haben Sie Erbarmen, eilen Sie!" jammerte draußen eine zarte Stimme, daß dem Doctor das Herz aufging in Mitgefühl, und immer knarrte und rasselte die Thüre und wollte nicht aufgehen. Nach langen vergeblichen Versuchen sah er endlich ein, daß mau nicht mit dem Kopf durch die Thür rennen kann, und entschloß sich, — da ihm nichts Anderes übrig blieb, — das Schlafgemach des von Liebe und Mondschein träumenden Kammermädchens aufzusuchen, um seinen Hausschlüssel wieder zu fordern. Das Haus, in welchem er wohnte, hatte drei Stockwerke, die sämmtlich bewohnt waren; in jedem Stockwerke befand sich eine Reihe von Thüren, von diesen sollte er nun 109 ^ die Einzelne herausfinden, hinter welcher die verwünschte Kammerzofe schlief, die er als eine böse Fee, als die Quelle all' seines Unheils betrachtete. Er stieg die Treppe hin- , auf; ging an der Wand herum, wie betäubt vor Aerger, und sing nun an der ersten Thür, auf die er stieß, erst leise, dann immer nachdrücklicher zu pochen an. Niemand ließ sich vernehmen. Er legte sein Ohr an's Schlüsselloch, Alles war still darin. End- ^ lich legte er die Hand auf die Klinge, sie gab nach, die Thür sprang auf, er blickte in'S Zimmer, da grinste ihn vom Fußboden, vom fahlen Mondschein beleuchtet, ein Todten- köpf entgegen! Alle! --Nein, das ist zu toll! Er Hatte in der Verwirrung fünf Minuten lang an seine eigene Stubenthür gepocht! Er ließ die Thür offen und tappte weiter. Endlich gelangte er an eine Thür, durch die ein vernehmbares Husten drang. Krankhafte Zustände haben für jeden Arzt eine besondere Anziehungskraft. So klopfte denn Pfeffer leise an die Thür. Ein Mops fing an zu bellen, ein Paar auS dem Schlummer aufgeschreckter Katzen zu miauen und ein gewaltiges Husten tönte grell dazwischen. „Wer klopft?", rief eine weibliche Stimme. Der Toctor stotterte in der größten Angst und Verlegenheit: „Schläft vielleicht i« diesem Zimmer das Kammermädchen der Frau Gräfin?" Von Neuem donnerte ein gewaltiges Husten durch das Zimmer und dazwischen ertönten die Worte: „Welche Unverschämtheit! Um diese Zeit nach der Dirne zu fragen! Zch werde sogleich meinen Kutscher wecken, damit er Ihm den Weg weise." Vergebens versuchte der Doctor dieses traurige Mißverständniß aufzuklären; er konnte den reißenden Strom der gräflichen Rede nicht hemmen. Da klapperten ein Paar Pantoffeln in der Nähe, und von der oberen Trepp« herunter stieg die von Liebe und Mondschein angehauchte Kammerzofe. Sie hatte dcu Lärm gehört und geglaubt, die gnädige Frau rufe nach ihr. „Ein Dieb! ein Dieb!" schrie das Mädchen, als sie den Doctor an der Thür ihrer ^ Herrin erblickte, und wollte fliehen. Der Doctor eilte ihr nach, aber das Mädchen schrie Zeter Mordio. Da ertönte vom Hofe empor eine derbe Baßstimme: „Was geht denn dort oben vor? — was ist das für ein Spektakel?" „Johann, kommt herauf!" schrie die Gnädige aus der Stube. — „Er packt mich!" jammerte das Kammermädchen. — Der Doctor rang mit Angst und Wuth. „So hören Sie mich doch an!" rief er zähneknirschend; doch das Mädchen schrie nur und wollte nicht hören. Jetzt ertönten feste Männertritte auf der Treppe, und um nicht schließlich noch unter die Fäuste eines Kutschers zu gerathen, ließ er die Zofe los und eilte nach seinem Zimmer. Der Kutscher kam herauf. „Was ist denn hier los?" ,;Ach!" schrie das Kammermädchen, „er hat mich gepackt!" — „Er wollte ja aber zu Dir, freche Dirne!" schrie die Gnädige hinaus. „Aber wer denn?" fragte der Kutscher, „es ist ja Niemand hier." „Wie? Er ist fort? — Mein Gott, am Ende war's ein Geist!" — Ach, der Geist des selige» Tapezicrs-Gesellen, der vor Gram gestorben sein soll, weil ich ihm einen Korb gab. Ach! nun verfolgt er mich." Jetzt trat der Doctor mit Licht aus seiner Thüre. Da er wohl einsah, daß es bei der tragi-komischen Wendung der Dinge das Beste wäre, den Schein anzunehmen, als wüßte er nichts von dem Vorgänge, so stellte er sich selbst verwundert, forderte aber sogleich den Schlüssel von dem Gespenster sehenden Kammermädchen, indem er den Zufall pries, der sie ihm enlgegenführtcj da er zu einer Kranken aus dem Hause müßte. „Den Schlüssel," sagte das Mädchen, „habe ich Ihnen, Herr Doctor, mit Dank auf Ihre Thürschwelle gelegt, weit ich mir wohl dachte, daß Sie ihn in der Nacht noch brauchen könnten." Der Doctor griff nach der Schwelle, hob von da den Hausschlüssel ohne Dank auf. 110 Hiß die Zähne zusammen, warf einen seltsamen Blick auf die Zofe und — flog die Treppe hinunter. Hastig schloß und riß er die Hausthür auf; — es stand Niemand mehr da. Er blickte um sich und sah eben einen in seiner Nähe wohnenden Collegen mit einem Mädchen rasch vorübcreilen und hört dabei noch die Worte des Mädchens: „Ich habe mich da drüben an der Thüre des Doctors, der mich hartherzig warten ließ und endlich gar nicht kam, so lange aufgehalten —'was wird meine arme Mutter machen?" Sehr, sehr langsam stieg der Doctor die Treppe hinauf und Wochen vergingen, ehe er den Gruß der Zofe erwiederte, die niemals ahnte, wie schweres Leid sie ihm angethan! — Cardillae, der Goldschmied von Paris. Nach dem Französischen. Im Herbste des Jahres 1680 ereigneten sich in Paris sonderbare Thatsachen. Im Quartier de l'Arsenal, in der Gegend des Hotels St. Paul und der Nur Petit-Musc, wurden wiederholt junge Männer, Söhne reicher Bürger, ermordet aufgefunden. Die Wunden, die man an ihnen vorfand, waren immer derselben Art; eS mußte gut gezielt worden sein, denn jede war töbtlich und mit einem Dolche in der Nähe des Herzens beigebracht. Die gesummte Polizei von Paris wurde aufgeboten. Man suchte und lauerte, konnte aber nicht dem ersten Buchstaben dieses gchcimnißvollen Räthsels auf die Spur kommen. Ein bizarrer Umstand begleitete jeden dieser Morde, die in dem abgelegenen Theile von Paris stattfanden. Es hatte den Anschein, daß die Mörder nur Jene auf's Korn nahmen, welche Schmuck trugen. Und daß die Pariser zu allen Zeiten Liebhaber von Schmuckgegenständen waren, beweist Mercier in seinem „Tableau de Paris" durch folgende Anspielung: „Man hat Tabatieren für jede Jahreszeit, die für den Wintergebrauch ist schwer, die für den Sommer ist leicht. Man hat die Passion so weit getrieben, daß man die Dosen alle Tage wechselte, und daß man nach der Tabatiere den Geschmack des Mannes beurtheilte. Man brauchte, um als Mann von Geschmack und Geist zu gelten, weder eine Bibliothek, noch eine Gemälde-Sammlung zu besitzen, wenn man nur 300 Dosen und eben so viel Ringe hatte. Der Handel mit Bijouterien war ein enormer, denn es war damals Modesache, -recht viel Geschmeide einzukaufen. Bei manchen Privaten fand man ein förmliches Magazin von Juwelen, so daß man sich in ein Goldschmiedgewölbe versetzt glaubte. — Darin lag der Stolz und die Eitelkeit der Reichen. Männer von diesem Kaliber waren es nun, welche im Quartier de l'Arscnal ermordet vorgefunden wurden. Und da diese von den Mördern immer ausgeraubt wurden, so kann man wohl denken, daß es damals eine große Gefahr war, Schmuck öffentlich zur Schau zu tragen. Zu jener Zeit lebte in dem genannten Quartier ein Juwelier, Namens Cardillae, der einen weitverbreiteten Ruf besaß. Niemand wußte mit mehr Geschmack einen Diamanten, einen Smaragd, oder einen Rubin zu fasten. Rens Cardillae, der für sein Handwerk fanatisch schwärmte, war ein Mann von strenger, ernster Erscheinung. Er war breitschulterig und außerordentlich muskulös gebaut, und besaß in seinem fünfzigsten Lebensjahre noch die volle Frische der Jugend. Sein volles, rothes und gelocktes Haar, sein ausdrucksvolles, markiges Gesicht, charakterisierten den Mann vollends. Er war von seinem Metier so eingenommen, daß er zu sterben glaubte, wenn er -sich von einem Edelsteine trennen mußte. N1 Wir sagten, daß seine Schmucksachen in Paris ein großes Rennomse besaßen, und daß man ein Geschenk nur dann als vollendet und besonders wcrthvoll betrachtete, wenn rS von Cardillac gekauft war. Und sonderbarer Weise wurden bloß jene Leute von den Mördern angegriffen, welche seine Schmuckwaaren trugen. Der Polizei-Lieutenant von Paris, d'Argenson, war über diese nächtlichen Attentate außer sich. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, um auf die Spur zu kommen, und beorderte schließlich einen der geschicktesten Agenten jener Zeit, Namen Degrais, auf die Lauer. Aber Degrais stattete einen merkwürdigen Bericht ab. — Er hatte gelauert und den Mörder in dem Augenblicke überrascht, als er über das ermordete Opfer herfiel, um ihn zu berauben. Schon glaubte der Polizist den Mörder erfaßt zu haben, aber dieser entwand sich wie ein Aal den Händen des Agenten und verschwand rasch wie ein Blitz zwischen den Mauern einer Ruine, die sich in jener öden Gegend befand. Degrais galt für den wüthigsten und listigsten Agenten, gleichwohl wagte er nicht, dem Mörder zu folgen, er meinte, der Teufel in Person habe sich zum Chef jener Brigantenbande gemacht. Und seitdem wagten selbst die Häscher nicht die Nachtrondc zu machen, bevor sie sich nicht mit Weihwasser besprengt hatten, obschon sie überdies sämmtlich geweihte Amulette trugen. Wer war aber wirklich der Urheber aller dieser Morde? — Es war, wie man nachträglich erfuhr, keine Bande — sondern eine einzige Person. ES war Rens Cardillac, der Juwelier, der seine Käufer ermordete, um zu den Juwelen wieder zu gelangen, die er ihnen früher verkauft hatte. Ich weiß nicht, wer einmal den Spruch gethan, daß Edelsteine auf gewisse Naturen einen so dämonischen Zauber ausüben, wie Faust's Schmuckkästchen auf Gretchcn. Es schien dies wenigstens bei Cardillac der Fall gewesen zu sein. Cardillac hatte in seiner Wohnung eine antike Statue des heiligen Paul. Mittelst eines eigenen Mechanismus drehte sich diese Statue von selbst und eröffnete hiedurch eine Passage in einen unterirdischen Gang, der in einem verfallenen Gemäuer endete. Hier zwischen den Ruinen wartete Cardillac auf die Opfer, die er überfiel,' ermordete und beraubte. Sobald nun die Wache in Sicht kam, die den Mörder schon erwischt zu haben glaubte, verschwand dieser im Gemäuer durch eine, geheime Oeffnung und kehrte auf diese Weise durch den unterirdischen Gang wieder in seine Wohnung zurück, ohne daß auch nur die Nachbarn eine Ahnung von der Abwesenheit Cardillac's gehabt hätten. Ob vorstehende Erzählung wahr sei, kann freilich nicht verbürgt werden, da sie in den Annalen von Paris nirgends zu lesen ist. Aber die hundert Vorstellungen im Ambigu-Theater, in welchem Lemaitre die Rolle des Mörders Cardillac's spielt, haben diesem Manne eine solche Popularität in Paris verschafft, daß es Leute gibt, die noch gegenwärtig an der Ecke der Nue dc la Cerisaie den Punkt bezeichnen zu können glauben, durch welchen der Mörder in den geheimen Schlupfwinkel entschlüpft war. (Glück im Spiele -— und Verderben im Leben.) Der Bahnwächter auf einer kleinen Eisenbahnstation im Vcnetianischen hatte das „Glück," in der ersten heurigen Ziehung der Zahlcnlotteric in Venedig einen Tcrno mit 1500 Lire (zu 40 Saldi) zu gewinnen. Freudig erhob der stets gutmüthige, in den bescheidensten Verhältnissen lebende Mann den Gewinnst, diese unverhoffte Neujahrsbeschcerung, und kehrte, nach einem Schluck guten Weines, am Abende heim. In seinem Wächtcrhause zündete er zu allererst ein tüchtiges Kaminfeuer an und breitete dann die Banknoten auf dem Tische aus, um sie nochmals zu zählen. Sein dreijähriges Söhnchen guckte ihm dabei neugierig zu. Plötzlich ertönt das Signal eines herannahenden LastenzugcS, der pflichttreue Wächter vegab 112 sich allsogleich auf seinen Posten, von dem er erst nach Vorüberfahrcn des Trains zurückkehrte. Welcher Schreck aber ergriff ihn bei dem Anblicke, der sich ihm nun bot! Sein Söhnchen stand am Kamine und unterhielt sich damit, die Banknoten in's Feuer zu werfen, so daß die Flamme hoch aufloderte. Das Kind wußte ja nicht, was eS that. Das bedachte jedoch in der ersten Zornes- und Schmerzesaufwallung der unglückliche Vater nicht — einem Rasenden gleich faßte er das schreiende Knäblein und schleuderte es mit solcher Wucht gegen den Boden, daß es sofort mit zerschmetterter Hirnschale den Geist aushauchte. Auf das Schreien und den Lärm eilte die Mutter, ihr jüngstes Kind im Arme, herein, sah die Schauderscene und sank wie leblos zur Erde nieder — hiebet entsank ihr der Säugling, fiel und verschied sofort in Folge einer heftigen Gehirn- Erschütterung. Verzweifelnd rannte der Mann in die Nacht hinaus zur nächsten Stadt und stellte sich selbst, als dreifachen Mörder, dem Gerichte, denn er hielt auch seine Gattin für todt. Ohne Zögern verfügte sich eine Commission nach dem Bahnwärterhäuschen — ihr schloß sich ein zufällig auf der Durchreise befindlicher deutscher Arzt an. Man fand das Weib des Bahnwächtcrs ohnmächtig, doch den Bemühungen des menschenfreundlichen Arztes gelang es, sie wieder in's Leben zu rufen. Ob der Aermsten damit eine Wohlthat geschehen, das weiß nur Gott — sie steht jetzt allein in der weiten Welt, ihre Kinder sind todt und ihr Mann, deren unzurechnungsfähiger Mörder, ist wahnsinnig geworden. Der Bahnwächter befindet sich nun in der Irrenanstalt, die verlassene Frau aber hat durch die humane Fürsorge des obenerwähnten Doctors wenigstens in einem benachbarten Orte zeitweilig Unterkunft und Pflege gefunden. — Der Italiener pflegt einem Feinde zu sagen: „Ich wallte, daß Du einen Ambo gewännest" — nämlich, dann würde die gesteigerte Spiclwnth Dich verleiten. Dein Geld zu verlieren — dem unglückseligen Bahnwächtcr aber hat selbst das seltene Glück eines Tcrno zum Verderben gereicht. Bleibt darum nicht immer der beste Wahlsprnch: „Bete und arbeite!?" (Der samintenc Oberpalier.) In den dreißiger Jahren herrschte in München das regste Leben in der Kunstwelt. Wohin man auch kam, überall wurde gehämmert, gepinselt, gebaut; jener Franzose hatte so Unrecht nicht mir der Aeußerung: „München habe zweierlei Einwohner, solche, die bauen, und solche, die zusehen." König Ludwig war früh und spät auf den Bauplätzen, um sich von dem Fortgange der Arbeiten zu überzeugen; er trug mit Vorliebe einen schwarzen Sammtrock. Die Maurer, deren es Tausende in der Hauptstadt gab, nannten ihn unter sich nur den „snmmtcncn Oberpalier." Die Pläne von allen Neubauten in München, auch die von Privaten, mußten ihm vorgelegt werden; mitunter corrigirtc er auch hinein, wie er denn ein Mal eine schöne Zeichnung von Gärtner, die Fatzade des Staatsbibliothek-Gebäudes, mit Bleististstrichen total ruinirtc, und dcni Architekten, als der König ihm seine Ausstellungen daran andeutete, bei dem Anblick seiner Arbeit Thränen in die Augen kamen. Der König, der keinen Widerspruch duldete und seines Obcrbanraths Aergcr gar wohl bemerkte, schnitt diesem, als er seine Motive vertreten wollte, gleich das Wore ab: „Lieber Gärtner, Sie haben den Katarrh, da ist das viele Reden beschwerlich." Was der König angab, mußte nach seinen Intentionen ausgeführt werden, selbst, als Professor Wiedemann die Neitcrstatuc, welche auf dem OdconSplatze steht, modcllirte, nahm er dessen Geduld durch Aenderungen nicht wenig in Anspruch König Ludwig war ein schlechter Reiter, daher der Volkswitz sagte: die beiden Pagen vorn am Pferde seien gemacht worden, damit der König sicher sei vor dem Fallen. Eine dankbare Schülerin schrieb in das Stammbuch ihrers Lehrers, der Schade hieß: „durch Schade'» wird man klug!" Druck, Derloa und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huuler.