Nr. 15 . 12. April 1868. Augsburgee Hoffen ist in Rücksicht der Standhaftigkeit gefährlicher, als man wohl denkt. Nicht nur nimmt sich die Hoffnung den weitesten Spielraum heraus, und will das Oceau-Beckcn der Zeit gern als Triukschale der Stunde an die Lippsn setzen; sondern auch durch ihre Süßlichkeit entkräftet sie zu scharfem Widerstände, und erschwert das entscheidende Verzicht- leisten. Wollt ihr doch Hoffnungen haben: gut, so haltet sie für frohe Träume! Jean Paul. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. I. Das Kreuz am See. Ein lang gezogener kräftiger Ruf hallte durch den heißen Sommcrnachmittag, dessecr tiefblauer sonniger Himmel sich in dem dunklen See so tief und vertieft abspiegelte, als wäre es ihm selbst ein wohliges Gefühl, mit seiner Schwüle unterzutauchen in dem kühlen regungslosen Gewässer. Der See — damals noch namenlos — ist jetzt der Königssee geheißen und mit Recht, denn er ist das Kronjuwcl in dem Fclscndiademe der Alpen. Der Ruf kam in der Richtung vom Tcufelshorn her, wo jetzt durch Tannenwald und Steingctrümmer der Landthalerbach sich herunterstürzt zu der einsamen Fischunkel- Alm: die rothgraue riesige Sagcrcckerwand gegenüber gab »niederhaltend den Ruf zurück — sonst war es still und. lautlos: nur ein Seeadler, vielleicht in seinem Horst aufgestört, strich mit langsam mächtigen Flügelschlägen über die Schrofen und Berggrate hin, der Watzmannschartc zu. Der den Ruf ausgestoßen, mochte aber eine Antwort erwartet haben und wiederholte ihn deßhalb, stärker und nachyallendcr als zuvor; zugleich ward am Saume der Waldregion ein Mann sichtbar, der unter den Bäumen hervortrat, dann auf dem schmalen Rasenstreifen über der Felswand stehen blieb, und einen scharf prüfenden Blick über die Höhen hin und in die Thaltiefen hinunter streifen ließ, als gelte es, die verlorene Spur einer entflohenen Beute »nieder zu entdecken. Daß er eben vom Waidwerke kam, war an dem Wurfspieß zu erkennen, dessen eingerifsene Eisenspitze hoch über die ansehnliche Gestalt des Mannes hinausragte, nicht minder an dem starken Bogen, der gurr über den Rücken geworfen war, während voin Gürtel des grobfaltigen Lodenwammses ein hölzerner Köcher niederhing, mit einem Stück rauher Thicrhaut überspannt und mit kurzen Fcderpfeilen besteckt. Dennoch schien es wieder nicht eine Jagdbeute zu sein, wornach der Mann ausblickte, denn über die Schulter lag ihm ein noch blutender, also frisch erlegter Stein- bock, dessen mächtiges Gehörne hoch über der Ledcrkappe dcS Jägers emporsah, daß eS schier dazu zu gehören schien, als Wehr und sonderbare Zier. Unter der von einem Eisenrande eingefaßten Haube fielen lange Strahlen schlichten Haares über Nacken und 114 Schultern herab, aber gebleicht und stark von den Jahren gelichtet. Dem hicnach mutmaßlichen hohen Alter des Mannes widersprach aber wieder die rasche Behendigkeit, mit welcher er nach kurzer vergeblicher Umschau, trotz der beträchtlichen Last auf seinen Schultern den steilen Felsweg hcrniedcrsticg, der eher einem durch Bcrgwasser und Gewittergüsse eingerissencn und ausgespülten Rinnsale glich als einem wirklichen gebahnten Pfade. Mit hoch gehaltenem Nacken und straffen Kniekehlen kam er von Absatz zu Absatz herunter und schien es weder zu fühlen noch zu beachten, wenn sein Fuß auf dem lockern Gerölle ausglitt oder das scharfe Gestein die groben Schuhe schürfte, welche aus starkem Leder kunstlos geschnitten und mit groben Riemen um Sohlen, Fcrscu und Knöchel festgebunden waren. Es war nicht, als ob er von seinem Tagwerke heinikchrc, sondern als hätte er, dasselbe rüstig zu beginnen, eben den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt. Die Schnelligkeit deS Steigens hinderte aber nicht, daß er manchmal einen Blick in die Thalenge und auf den Secspiegcl hinunter schickte, ob nicht auf demselben, da sonst alles ruhig blieb, ein Fahrzeug sichtbar werden wollte. Die Wasserfläche war weit hinaus zu übersehen, denn damals hatte noch kein Felsdamm den jetzigen Oberste von dem Hauptgcwässtr getrennt und das Auge glitt ungehindert auf der Flut dahin bis an das anmuthige grünberaste Fleckchen Ebene, welches am Fuße des Watzmann sich wie ein freundliches Eiland ausbreitet, während ihm gegenüber die Seewand sich als Bollwerk vordrängt, als wolle sie dem Ankommenden wehren, in das untere langgestreckte Seebecken zu gelangen, das dahinter in seiner ganzen.furchtbaren Herrlichkeit sich auflhut. Einigemale hielt der Waidmann in seiner Näherung an, denn ohne durch seinen Ruf veranlaßt zu sein, zog manchmal ein eigenthümliches Getöse durch die Luft, das sich bald wie das dumpfe Rollen sich reibender Massen anhörte, bald wie das tropfenartige Gericsel abbröckelnden Gesteins. Der Jäger blickte staunend über sich im Luflkrcise herum ^ dann sah er zum Boden nieder und prüfte, ob allenfalls sein Tritt das Geröll gelockert habe und in die Tiefe poltern machte. Dann richtete sich sein Auge wieder nach oben und blieb an dem gegenüberliegenden Berge hangen, dessen riesige Spitze so hoch über alle andern Zacken und Höhen'um ihn her emporragte, daß selbst das Fclscnhaupt des furchtbaren Watzmann davor wie gebeugt und niedrig erschien. Die Spitze war wunderlich gestaltet und lief zuletzt aus allerlei Zacken in ein ungeheures Horn zusammen, dessen Schneide, nach vorne übcrgebeugt, weit in die Luft hinein ragte und so, getragen von der einwärts gekrümmten, fast höhlenartigen Wand, einen grauenhaften Ueber- hang bildete. „Der Kaunstcin," sagte der Jäger vor sich hin, „hat wieder einmal seinen bösen Tag! Die Kobolde und Schwarz-Elfen mögen wieder ihr Wesen treiben!" Dabei hob rr die rechte Hand in die Höhe, daß sie geschlossen erschien und nur der Zeigefinger und der kleine Finger ausgestreckt waren. So hielt er die Hand gegen die unheimliche Bergwand hin und murmelte: „Zurück von mir ... ich weise den Zauber ab — alles Neidingswerk falle auf Euch selber zurück!" Gelassen und wie beruhigt setzte er dann seinen Weg fort. Sein Herannahen wie sein Rufen waren indessen nicht so unbeachtet geblieben, als es den Anschein hatte. In der Ebene, wo der Landthalerbach sich in den See ergießt, war das Gestade nicht felsig und fest, wie jetzt, sondern zog sich in langen Streifen von Schilf und Geröhricht bis gegen den ansteigenden Rasen und den Tanncnforst der Fischunkel hin. Das Wasser stand seicht und in sehr langsam zunehmender Tiefe über dem weichen schlammigen Grunde, aus welchem dichte Rohrstcngel mit ihren schwarzbraunen Rohrkolben sich erhoben und im Winde schaukelnd die starren Blätter an einander rauschen ließen. Dazwischen stieg die schmucke Scefeder empor und schwenkte träumerisch den grauen Bart. In dem Geröhricht lag ein großer Nachen, der in seiner roh bchaucnen Gestalt noch voll- 115 kommen erkennen ließ, daß er vor nicht langer Zeit nichts Anderes gewesen, als ein riesiger Eichbaum, dessen Stamm nur etwas zugerundet, unten abgeplattet und oben ausgehöhlt worden war, um als unscheinbares aber tüchtiges Fahrzeug zu dienen. An dem Nachen war ein junger Mann in voller Thätigkeit und bemühte sich, denselben vom Gestade, auf das er theilweise herausgezogen war, loszumachen und in's Wasser zu bringen. Er war in einfaches grob Harnes Wamms gekleidet, an dessen Gürtel ein starkes Messer steckte, dem ein GemShorn zum Griffe diente. Die Beinkleider, wie das Gewand, von Haften und Fibeln zusammen gehalten, reichten nur wenig über die Kniee herab; die Füße waren bloß aus festgebundenen Sandalen bedeckt, auf dem Scheitel saß ein breitrandiger Hut aus Wcidengeflccht, auf den kräftigen sonnenbraunen Nacken siel daraus das reiche dunkle Haar in kunstlosen Locken herab. Bogen, Köcher und Wurfspieß, welche im Kahne lagen, ließen erkennen, daß der Jüngling ebenfalls aus's Waidwerk ausgezogen war und die Aehnlichkcit der Gcsichtszüge wie der ganzen Haltung verrieth, daß er m dem alten Jäger gehörte und daß er es war, dem dessen suchender Zuruf gegolten. Trotz allen Eifers und aller Mühe, womit der Jüngling die kräftigen Arme an das Fahrzeug stemmte, wollte dasselbe nicht von der Stelle weichen: es schien wie verwachsen mit dem lehmigen Boden, und erst als er in den nahen Wald gesprungen, und dort ein dürres Tannenstämmchen abgebrochen hatte, um es als Hcbelstange unter den Nachen zu setzen, gelang eS ihm mit angestemmtem Rücken ihn in die Flut zu schieben, daß die Wellen aufschwankten und das Geröhricht rauschte. Darüber war viele Zeit verloren gegangen und ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm, daß es unmöglich war, noch vor der Ankunft des Alten den hohen See zu erreichen, denn das Stcinbock- Gehörne ward schon in nächster Nähe über dem letzten Felscnvorsprung des Bergpfades sichtbar. Mit einer Bewegung, in welcher die Hast des Unmuths nicht zu verkennen war, ergriff er Bogen und Köcher, die schon im Nachen gelegen, und warf sie in das Ufer- graS zurück; dann setzte er sich auf den Rand des Schiffs und zog ein aus groben Bastfüden geflochtenes Fischernetz daraus hervor, dessen hie und da losgegangene Enden er so sorgfältig zusammenknüpfte, als habe er seit geraumer Zeit nichts Anderes gethan, und sei fo vertieft darin, daß er den Alten nicht gewahr geworden, auch als derselbe schon beinahe hinter ihm gestanden. „Bist Du auf eine Taubwurzel getreten," rief ihn dieser jetzt rauhen Tones an, „oder ist meine Stimme so matt geworden, daß man sie nicht mehr vernimmt? Was lässest Du mich rufen, Markulf, und antwortest nicht?" Der Jüngling hatte sich zu ihm gewendet als sei er von seiner Ankunft überrascht, aber er kam mit der Verstellung so schlecht zu Stande, daß sie auch einem minder scharfen Blicke durchdringbar gewesen wäre, als den der alte Jäger unter den grauen Augenbraucnbnscheln hervor auf ihn richtete. Er kehrte sich ab, um auszuweichen und breitete das Netz auf dem Schiffboden zurecht. „Ich habe mancherlei Laut gehört, Vater," sagte er, „aber ich habe Deinen Ruf d'runter nicht erkannt ... es regt sich allerlei, wenn man in der Einsamkeit sitzt zwischen Berg und See und im Kaunstein hat es auch wieder gerollt und gedröhnt, als wenn im Winter das Eis und die Kälte einen Eichstamm sprengen, daß er krachend auseinander berstet!" „Was schwatzest Du mir für Mährlein vor?" rief der Alte, indem er den Steinbock von den Schultern schwang und in den Nachen warf, daß derselbe tiefer tauchend schwankte, und ringsum das Wasser emporspritzte. „Siehst Du nicht, wie hoch der Schatten schon am Watzmann hinauf kriecht? Es geht gegen Abend und Du mußtest wissen, daß ich nun bald heimkehren würde . . . Was hattest Du's dann so eilig, den Kahn in den See zu bringen und fortzurudern, eh' ich eingetroffen? Meintest wohl, ich würde zum erstenmal im Lebcu von der Jagd mit leeren Händen heimkommen oder meine Schultern seien stark genug, einen Steinbock noch über ein paar Jöcher mehr zu tragen? — Steig' iu den Nachen," fuhr er fort, als Markulf nichts cutgegncte, „und 116 rudere nach Hause. Sorge, daß das Thier noch ausgeweidet wird, und spanne das Wildfcll über die Querhölzer, es ist dicht und soll eine gute Decke abgeben, denk' ich... Zuvor aber halte im untern See an, wirf das Netz aus und siehe, daß Du eine Anzahl schöner Salmlinge sängst. Wo der Bach durch die Kesselschlucht herunter kommt, haben die größten und schönsten ihren Stand, sie geh'n dem frischen Quellwasser zu und die Leber des Stcinbocks ist ein Köder, der ihnen weidlich gefällt ..." „Wozu, Vater?" sagte Markulf. „Der Fischkasten daheim ist gefüllt auf lange Zeit — ich habe erst vor wenigen Tagen nachgesch'n ..." „Falle mir nicht in's Wort, Knabe," unterbrach ihn der Alte streng, „die Fische sind zum Gastgeschenk bestimmt für einen gar edlen und vornehmen Mann, dem ich das Beste vermeine; darum thue ohne Widerrede, was ich Dir sage — ich will den Berg- weg einschlagen, über den Watzmann hin und einem Bären nachstreben, den ich vor ein paar Tagen aufgespürt habe — „Der Weg übcr's Joch ist mühselig und weit," entgegnete der Sohn, „Du wirst müde sein, Vater. . . Das Fischen ist leichtere Arbeit, nimm Du sie Vater, und laß' den Bären mir ..." „Den Bären?" antwortete lachend der Alte. „Als ob ich nicht wüßte, um was rs Dir bei diesem Tausche zu thun wäre! Die Seefahrt ist es, die Dir nicht behagt... trotz seiner Weite und Mühseligkeit zögest Du den Landweg vor, weil er über die grüne Weide führt — dort drüben am Fuße d^s Watzmann, wo die Almend-Hütte steht und die schwarze Walchendirne als Sennin haust! Die ist es, die Dich auf den Landweg lockt, aber eben darum sollst Du nicht hin, sondern sollst daran vorüber fahren und auf meine Salmen denken!" „Es soll geschehen, wie Du es willst, Vater . . sagte der Sohn, um Vieles gefaßter. „Wär' es aber auch, wie Du sagst, ich fände kein Unrecht darin ... die Maid ist wacker und wohl berufen ..." „Aber eine Fremde." eiferte der Alte, „eine Tochter der weibischen Nomslinge, die im Lande zurückgeblieben sind und sich drüben in der Roms-Au eingenistet haben! Der alte Chricmbert ist ein freier Barschalk, der als eigener Herr auf seinem Gehöft in der Schönau haust und Niemand über sich hat als den Herzog! Ich will nichts wissen von diesem Walchenvolk! Mein Sohn soll nicht verkehren mit den balbfrcicn Leuten, die nur aus Gunst und Gnade auf ihren verliehenen Hufen sitzen ..." Ueber Markulf's Angesicht flog dunkle Nöthe, aber er war in den Kahn gestiegen und beugte sich, sie zu verbergen, auf die weidcngeflochtcncn Ringe nieder, in welche die Nudcr eingesteckt waren . . . Plötzlich aber sprang er auf, griff nach seinem Geschoß, und hatte im Augenblick den Bogen gespannt und den Pfeil aufgelegt — in geringer Entfernung war es aus dem Gcröhricht emporgerauscht, und ein Paar wilde Schwäne zogen mit wciß-schimmerndem Gefieder über den See gegen die grüne Weide hin: allein so schnell Markulf sich zum Zielen und Losschnellen der Sehne erhoben, ebenso rasch war der Alte hinzuspringend ihm in den Arm gefallen und hatte ihn znrückgcrisscn, daß der abgeschossene Pfeil in ganz anderer Richtung in die Höhe stieg und dann gerade abfallend im Wasser des Sees versank. „Hat Dich der Tollwnrm gestochen?" rief der Alte unwillig, „daß Du nach einem Schwane zielst? Weißt Du nicht, daß er ein heiliges Thier ist? Daß es die Walkhren sind und die Wind- und Wasser-Frauen, die in dieser Gestalt an den See kommen, um sich zu baden?" „Ich weiß wohl, Vater," sagte Markulf, „aber Du vergißest, daß die alten Götter nicht mehr sind. Es gibt keine Walkhren mehr Und keine Schwanen-Jungfrauen . . . der Christcnbischof draußen in der alten Nömcrstadt hat sie alle zu Teufeln gemacht und hat sie gebannt, daß sie uns nichts mehr zu Leide thun können!" „Waö kümmert mich der Bischof und sein Bann?" erwiderte Marknlf. „Er ist nicht bei mir, wenn ich einsam mich herumschlage mit dem Gcbirg und den Geistern, 117 die in seinen Schrecken Hansen! Er sollte einmal mitgehen und einen Sturm ansehen auf dem Funtensee oder ein Gewitter über dem steinernen Meer, und er sollte wohl lernen, an die Walkyren glauben!" „Aber es ist auch des Herzogs Gebot, daß wir Christen sein sollen und sollen nicht mehr an die alten Götzen glauben! Du bist ja auch getauft worden, Vater!" „So haben sie mir gesagt!" cntgegncte mit fast spöttischem Lächeln der alte Waidmann und schüttelte das graue Haar. „Ich weiß aber nicht, was das bedeuten soll und begehre nicht, es zu wissen! Der Herzog Diet hat befohlen, ich soll mich vor dem Manne im weißen Gewände beugen, und mir Wasser aus's Haupt gießen lassen . . . ich hab' es gethan, weil es Befehl des Herzogs war — aber die paar Tropfen haben, des alten Chricmbcrts starren Sinn nicht wcggewaschen oder geschmeidig gemacht! In unserer Bergwildniß fragt Niemand, was ich glaube . . . Wie es damit einmal nach. mir werden wird — das weiß und sorg' ich nicht, aber so lang ich lebe, will ich bei den alten Göttern aushalten, die bei mir ausgehalten haben, mein ganzes langes Leben durch — ich will mit ihnen heimfahren und auch zu ihnen!" Der Jüngling erwiderte nichts; er hatte den Schwänen nachgesehen, die Plötzlich von der erst genommenen Richtung abweichend, im Fluge umkehrten und nun hoch über den Köpfen der Männer wieder nach der Wand des Kaunstcins hin schwirrten. Eine Feder flatterte herab und siel wie hingcstrcut zu den Füßen des Jünglings nieder. — Dieser bückte sich, sie aufzuheben. „So will ich wenigstens ein Denkzcichcn haben," sagte er, „und mir den Flaum auf den Hut stecken ..." Ehe er sein Vorhaben auszuführen vermochte, hatte der Alte den Fuß darauf gesetzt und daS zarte Gefieder in Wasser und Schlamm untergetreten. „Du sollst nicht!" rief er entrüstet. „Lächle nicht und schüttle den Kopf nicht, — spring in den Kahn, stoße ab und danke mir lieber, daß ich Dich warne und vor der Gefahr bewahre! In dem Schwanenkleid und seinem Gefieder sitzt der Zauber . . . hat die Walkyre es abgelegt und ein Mann findet das Gewand und nimmt es zu sich, so muß sie ihm Unterthan sein und gehorchen, bis es ihr gelingt, das Schwancnhcmd wieder zu gewinnen und mit ihm zu entfliehen ... Ist aber ein Mensch thöricht oder unvorsichtig genug, auch. nur ein Fedcrchcn aus dem Gefieder am eigenen Leib zu tragen, so ist er dafür ihr verfallen auf ewig . . . Stoß' ab, sag' ich Dir und folge meinem Wort ... ich habe Dich gelehrt, wie man die Waffen braucht zu Kampf und Waidwerk: Du wirst auch da. Wohl fahren, wenn Du thust, was ich begehre und wenn Dir ein solch' gespenstig Weib in Weg kommt ... sie sind leicht zu erkennen, denn wenn sie auch Menschengestalt haben, sind sie doch gebannt, daß sie immer etwas voin Schwan an sich tragen müssen und wär' es nur ein einziges Fcderchcn . . . Kommt eine Solche Dir in den Weg, so schaue nicht nach ihr, Markulf, mein Sohn: geh' fürbaß und weise den Zauber ab, sonst bist Du verloren ..." Der Jüngling hatte schweigend mit ungläubigem Lächeln zugehört und indessen die Ruder am Kahne völlig zu recht gemacht. „Es wird mir Keine in den Weg kommen," sagte er halblaut und machte den ersten Rudcrzug. „Das walte Dein gutes Glück," rief der Alte, „Du bist ein ungläubiger Thor» der über die Gefahr lacht, weil er sie nicht kennt! Wolle' ich Dir erzählen, was ich noch in diesen Tagen geschaut, Du würdest wohl anders reden... So fahre denn zu und bringe mir ein tüchtig Netz voll Salmen heim! Und wenn Du um die Secwand herum fährst in den untern See, so sich' zu, daß Du Dich rechts haltst, nicht zu weit links, gegen die Atmend hin... es gibt Untiefen dort, an denen Du stranden könntest... Markulf hörte die letzten Worte nicht mehr: einige kräftige Züge hatten genügt, ihn aus dem Bereich der Rede des Alten zu bringen; dieser aber blieb stehen und folgte mit demÄikgen', bis der Nachen die vorspringende Secwand erreicht hatte, und um dieselbe vorbeugend verschwunden war. Glossen lnpsie- er dann das im Gürtel steckende breite 118 Beil, wie um zu erproben, daß es leicht und handlich zu haben sei, wenn eS dem erwarteten Bären belieben sollte, den Kampf in nächster Nähe aufzunehmen; dann legte er den Spieß gemächlich über die Schultern, und schritt links am Felshange des Gestades hin, auf schmalem Steinpfad, in allerlei Windungen, oft hoch über dem Wasser schwebend, gleich einem an's Gestein sich anklammernden Vogel, bald hernieder steigend bis an dessen Rand, wo derselbe thurmtief und senkrecht abstürzt in die unheimlich grün darüber wallende Flut. — (Fortsetzung folgt.) (Aus der alten Zeit.) In deutschen Blättern kursirt jetzt folgende Anekdote: Das erste Ruhekissen des verstorbenen Königs Ludwig I. war sonderbarer Natur. Der selige König wurde bekanntlich am 25. August 1766 in Straßburg im „Zweibrücker- Hos" geboren. Sein Vater war der Prinz Maximilian von Zweibrückcn, und der König Ludwig XVl. von Frankreich wollte selbst einer der Pathen des Sohnes des Prinzen Maximilians sein. Die überlebenden Zeitgenossen dieser Taufe erzählten in dieser Beziehung eine originelle Anekdote, welche Herr Piton in seinem Werke „8tra8bour§ illustre^ erwähnt. Als Prinz Maximilian einige Tage nach der Geburt seines Sohnes sein Regiment musterte, war er sehr erstaunt, die Grenadiere des Infanterie-Regiments Elsaß ohne Backen- und Schnurrbärte zu sehen, welche die Zierde ihrer Gesichter gewesen waren. Wer hatte denn, ohne Einwilligung des Prinzcn-Obcrsten, eine solche Licenz zu ertheilen gewagt? Der Prinz gericth in Aufregung wegen dieser Insubordination, als zwei Unteroffiziere des Regiments vortraten und ihrem Oberst ein kleines Kiffen überreichten, welches, anstatt mit Federn oder Roßhaaren, mit den Schnurr- und Backenbärten der Grenadiere des Corps gepolstert war. Der Prinz lachte sehr über diese Huldigung, sichtlich einzig in ihrer Art. So jasticf denn Ludwig I. in seiner Kindheit auf einem mit militärischen Schnurr- und Backenbärten gefüllten Kopfkissen. Trotzdem hat er nie eine rechte Neigung für das Militär bekommen. (Ludwig I. als Philhellene.) Von Rom aus machte König Ludwig 1836 einen Abstecher nach Athen zu feinem Sohne Otto, dem Opfer der väterlichen Vorliebe für die Classicität. Die Akropolis besuchte er fast täglich, und selten verließ er diesen Gipfelpunkt des Hellenenthums, ohne einen Stein, als Bruchstück eines der ehemaligen Zierden derselben, mitzunehmen. — Die ganze Sammlung warf bei der Abreise der Kammerdiener weg. König Ludwig unterhielt sich in seiner Weise gern mit den deutschen Soldaten, die in Bayern für Griechenland angeworben worden waren, aber er wollte keine Klagen hören. Einem dickbäuchigen Feldwebel, der in Athen auf die Frage: „Wie es gehe?" antwortete: „Schlecht, Jhro Majestät!" sagte der König: „Fehlt halt das Münchener Bier. Mir geht es auch nicht zum besten, hab' wenig Dank vom Landtag daheim." Als etliche Soldaten über das Essen klagten, bemerkte der König und dies ist sehr charakteristisch: „Ich kann nicht begreifen, warum ihr klagt; auf meine Tafel in München kommen Oliven als Seltenheit, und hier ißt sie der gemeine Soldat!" * (Wer hat den schlechtesten Hut?) Zur Eröffnungs - Feier des internationalen Casino's in Nizza hatte sich auch König Ludwig I. eingesunken. Er war bekanntlich gewohnt, frühzeitig zu Bette zu gehen, und als er sich deßhalb um zehn Uhr entfernen wollte, konnte man seinen Hut, der im Trouble des Empfanges verlegt worden war, lange nicht finden. Der König ging ungeduldig hin und her und rief: „Meinen Hut, meine» Hut!" Alles suchte bestürzt nach dem Hute des KönigS und in der komischen Verwirrung, die hiedurch entstand, erblickte König Ludwig seinen Flügcladjutan- U9 ten: „Laroche!" rief er, „Laroche, sucheu Sie doch auch meinen Hut! er ist ja leicht finden, eS ist der schlechteste, der allerschlechteste!" (Ein verkannter Dichter.) Von dem verstorbenen König Ludwig I. von Bayern wird eine noch wenig bekannte Anekdote mitgetheilt. Einige Tage, nachdem König Max II 1853 den Maximilians-Orden für Kunst und Wissenschaft gestiftet, begegnete der alte Herr dem Ministerial-Rath Daxenbergcr, der unter dem Namen Karl Fcrnau einige Poesieen veröffentlicht hatte und Privat-Secretär des Königs gewesen war. „Ah, gratulire," redet er ihn an, „gratulire! Mein Sohn hat Ihnen den neuen Orden verliehen. Aber ich habe ihn nicht bekommen, und doch sind Ihre Gedichte um kein Haar bester, als die mcinigen — lauter Bavel!" Sprach's und ließ den verdutzten Kunstordcnsritter erbarmungslos stehen. (König Ludwig I. und ein vergessener Gelehrter.) Als im Jahre 1855 Dr. Ludwig Arndts, damals Professor und Rector an der Ludwig-Maximilians-Univer- sität in München, zur Stiftungsfeier die Rcctorsrede zu halten hatte, erwähnte er unter den Berühmtheiten der Universität in einer Note auch des im 17tcn Jahrhundert lebenden großen Mathematikers und Astronomen Chr. Scheiner, der unter Anderem zuerst die Sonnenflecken beobachtet hat, und sprach seine Verwunderung aus, daß derselbe in der von König Ludwig gegründeten bayerischen Ruhmeshalle keinen Platz gefunden habe. — Der König, der solche Publikationen immer aufmerksam las, war über diese Stelle sehr erregt; es griff ihm an's Herz, einen bayerischen Gelehrten von Verdienst und Namen in der That vergessen, ja gar nicht gekannt zu haben. Schon in den nächsten Tagen ließ er den Rector Arndts zu sich rufen und fragte ihn umständlichst nach den Werken und der Bedeutung Scheiner's. Glücklicherweise fand sich auch in einem alten Schweinslcder- Bandc nach der Sitte jener Zeit das Bild des berühmten Mannes in Kupfer gestochen, und nun trug König Ludwig Sorge, das Vcrsäumniß gut zu machen. Da Professor Arndts inzwischen einer Berufung nach Wien gefolgt war, so richtete er an diesen einen Brief, der sowohl dem hohen Briefsteller als dem Empfänger gleich sehr zur Ehre gereicht. Wir können ihn im Wortlaute mittheilen: » Herr Professor Arndts, die Feder ergreife ich, Sie in Kenntniß zu setzen, daß, was Ihre hier gehaltene letzte (leider letzte) Rede, Scheiner betreffend enthält, mied bestimmte, dessen marmornes Brustbild für Bayerns Rubmcshalle anzuordnen, und daß sie bereits da aufgestellt ist. Ein empfindlicher Verlust für Münchens Hochschule bleibt es, daß Sie nicht mehr an ihr lehren. Männer von Arndts Wissen und Gesinnung, solcher bedarf es. Sie nicht mehr ein Mitglied derselben nennen zu können, bedauert sehr Jbr wohlgeneigter München, 16. Mai 1856. Ludwig. (Wie man in China Tauben vor Raubvögeln bewahrt.) In der Nähe von Pecking werden große Mengen von Tauben gehalten. Wenn diese in großen Masten sich erbeben und herumschwärmen, so erschallen verschiedenartige ganz eigenthümliche Töne; auch sieht man sonderbarer Weise dieselben von keinem Raubvogel angegriffen, obschon deren viele sie verfolgen. Um nämlich die letzteren für die Tauben unschädlich zu machen, haben die Chinesen eine eigenthümliche Vorrichtung au diesen angebracht. Es werden ihnen kleine, aus Bambusrohr oder kleinen Kürbissen construirte Pfeifchen von verschiedener Größe angehängt, welche dann in Folge des Eindringens des Windes die verschiedenen Töne verursachen und die Raubvögel verscheuchen. Diese kleinen Pfeifchen, die kaum '/< Quentchen wiegen, werden mittelst starken Fäden an den Schwanzfedern angebunden, hauptsächlich jenen Tauben, die gewöhnlich an der Spitze des Schwarmes fliegen. Die Pfeifchen sind gefirnißt, um den Einflüssen der Feuchtigkeit und Trockenheit widerstehen zu können. Außer dem Nutzen, den diese Einrichtung bringt, haben die Chinesen auch große Freude an diesen oberirdischen Concerten. 120 (Wunderbare Rettung.) Die Zeitung für Pommern läßt sich aus Colberg folgende Wunderbare Geschichte schreiben: Am letzten Dienstag Nachmittags spielten mehrere Knaben -sn der beim Mühlenthor befindlichen Brücke iu der Nähe der Mühle des Hrn. W. hieselbst. Einer derselben, der Sohn eines Predigers M. in unserer Nähe, ist so kühn, sich bei diesem Spiele auf ein hölzernes Dach zu wagen, das zum Schutze eines an der dortigen Mühle befindlichen Mühlrades von zwanzig Fuß Durchmesser angebracht worden ist, welches letztere sich iu diesem Augen blicke in voller Thätigkeit befindet. Das Dach ist alt und morsch, und als der Knabe sich gerade über dem Mühlrade befindet, bricht er durch und fällt auf das in vollem Schwünge befindliche Mühlrad, fällt aber auf eine Stelle desselben, an der zufällig mehrere Schaufeln fehlen, stürzt 20 Fuß tief in das Innere des sausenden Rades hinab und kommt gerade in dem Momente auf der anderen Seite an, in welchem dieselbe schadhafte Stelle, durch die er in das Innere des Rades gelangt ist, sich hier von neuem ihm öffnet und er mit furchtbarer Gewalt, durch die Wasserschnelle des sich bewegenden und schäumende Wogen schlagenden Rades befreit,weit fortgeschleudert wird an eine dort befindliche Mauer. Hier sind, durch das Geschrei der Umstehenden aufmerksam gemacht, Personen aus der Mühle herbeigeeilt, welche mit Stangen, die sie dem Versinkenden entgegenreichen, bemüht sind, ihn herauszuziehen. Die Kraft des Knaben ist indessen nicht mehr stark genug, die Stange zu ergreife»; er sinkt und ist nur dadurch dem Tode des Ertrinkens entgangen, daß ein Landmann sich mit Hilfe einer Leiter ins Wasser begab und so den Knaben rettete (Revanche für Pavia.) In England stellte eine Dame bei jedem neuen Dienstboten, den sie bekam, eine Probe der Ehrlichkeit an, indem sie ein Geldstück in einer Weise irgendwo hinlegte, daß es als verloren oder vergessen angesehen werden konnte. Die meisten Dienstmädchen behielten das Geldstück, dann aber machte die Dame Lärm und überlieserte sie dem Gerichte. Manche davon kam nicht mehr aus der Verbrechersphäre, in welche sie dadurch gerieth. Eines dieser Mädchen heirathcte nachher einen Erzgauner und es wurde ein Rache- plan verabredet. Als die Dame wieder ein Mädchen suchte, ward ihr ein schlaues, in die Verschwörung eingeweihtes Geschöpf zugesendet, das sie auch nahm. Dieses Mädchen ließ das hingelegte Geld liegen, aber im Besuchzimmer der Dame, wohin immer Geschäftsleute kamen, eine Fünfzigpfundnote fallen. Die Dame hob sie aus und verwendete das Geld zu ihrem Nutzen; sie glaubte, ein Geschäftsmann habe diese Note verloren. Kaum hatte sie aber dieselbe ausgegeben, ward sie« verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt, denn die Note war gefälscht. Die Gauner konnten aber nicht stille sein und es kam endlich heraus, wie die Sache sich zugetragen. Ein Pariser Theaterblatt erzählt von dem jüngst verstorbenen französischen Dramen- Dichter Marc-Michel nachstehende Anekdote. Im Theater des Palais-Royal wurde ein Stück dieses Autors unbarmherzig ausgepfiffen. Das Unglück wollte, daß Marc-Michel, der der Aufführung beiwohnte, gerade neben einem Menschen stand, der den Hauptscandal machte, indem er auf seinem Hausschlüssel pfiff. Um sich zu rächen, bat er den Pfeifer um diesen Hausschlüssel, indem er ihm weißmachte, er wolle darauf noch einen weit stärkeren Lärm machen. Kaum aber hatte der Verfasser des unglücklichen Stücks den Schlüssel, so drängte er sich durch die Masse und verschwand. „Der Kerl soll wenigstens die Nacht auf der Straße bleiben," rief er triumphirend aus. Frage: Weßhalb sind die Diebe klüger, als die Aerzte. Antwort: -yhzj UMzz m q Kva, ^ussiim spsi ^tuhMsm oarquosiai osi uuoai zuM Auflösung der Charade in Nr. 13 „Freigeist." Druck, Berloa und R-d°lti°n de« Ut-r-rttch-n JustilutS von vr. M. Hutller.