Nr. 1«. - 19. April 1868. Arrgsburger Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen Ein arg Gemüth, das heil'ges Zeugniß vorbringt. Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange, Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul. O, wie der Falschheit Außenseite glänzt! Shakespeare, Kaufmann von Venedig A. l. 3. SancL Jarthelmä. ' Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. > (Fortsetzung.) — In dem kleinen Rasen-Eiland, das, wohl allgemach aus dem herabgeschwemmten Geröll der Eisbäche entstanden, in einer Einbuchtung des Watzmanns wie eingebettet liegt, war es indessen nicht minder still; das Bild, das sich dort entrollte, war noch ruhiger und auch anmutiger, als daö am obern Ende die beiden Männer unter dem Uebcrhange des Kaunsteins geboten hatten. In sanfter Senkung stieg das reich begrünte Gelände gegen den See hinab, der mit wohlgefälligem Plätschern um den Kies des seichten Ufers zu spielen schien, in leicht vorspringendem Bogen schweifte es tief in den See hinein, daß die Fahrbahn zwischen ihm und der gerade gegenüber sich aufthürmenden Seewand nur eine unbeträchtliche Breite hatte. Es war unmöglich, daß ein Nachen hindurch oder vorüber konnte, ohne bemerkt zu werden: es bedurfte sogar nicht einmal besonders scharfer Sinne, um die Gesichtszüge der vorüber Fahrenden zu erkennen und jedes Wort zu vernehmen, das sie etwa miteinander sprachen. In dem hohen glänzenden Grase lagen und wanderten Kühe weidend hin und her, kleine nicht eben ansehnliche Thiere mit kurzem stumpfem Gehörn, aber munter und kräftig und von schöner tiefbrauner Farbe, die durch den gleichmäßigen weißen Stern am Kopf und den sich fortsetzenden Rückenstreifen noch mehr hervorgehoben wurde. Dazwischen liefen Lämmer und Schafe herum und in dem Hain von Buchen und Ulmen, der in einiger Entfernung den Weideplatz wie eine Umzäunung abgrenzte, sprangen einige Ziegen zwischen den Stämmen herum, und suchten sich Blatt und Blütendolde der Zaunrübe herabzureißen, die hie und da sich wie zierliches Gewinde und Behäng aus dem untern Buschwerk emporgearbeitet und am Gezweige festgcrankt hatte. Etwa in der Mitte des Platzes, aus einer kleinen Anhöhe, erhob sich eine hölzerne Hütte, geräumig genug, bei einbrechendem Unwetter dem Almvieh ein Obdach zu geben, aber mit einfachster Kunst aus übereinandergelegten Balken erbaut und im Giebel mit ^ solchen gedeckt. Die Ritzen und Fugen waren mit Moos und Rinde verstopft, das Dach ^ durch Steinblöckc festgehalten, welche das Gebälk in die Fugen einschweren mußten. An der vordem Seite ließ die offen stehende Thüre ein kleines abgesondertes Gemach erkennen, worin ein feuergcschwärztcs, oben abgeplattetes Felsstück die Stelle des Herdes, ein Paar Stücke eines Baumstamms jene von Tisch und Bank vertraten: in der Ecke war aus Heu und Blättern ein Lager aufgeschüttet und von einer darüber gebreiteten Wilddecke zusammen- » l 122 gehalten. Aus Lindenholz gehöhlte Schüsseln und anderes Geschirr mit Weidenruthen umflochten hing an den Wanden. Vor der Thüre seitwärts stand hoch aufgerichtet ein schlicht behauenes mächtiges Holzkrcuz, vom Wetter versilbert und von der Luft gebräunt, von der Gewalt der Stürme etwas gebeugt, als wolle es dem hinzu Tretenden sich freundlich entgegen neigen An der Giebelsäule des Hauses, unter einem kleinen Schutzdache aus Binscngeflccht hing eine Glocke der allerältcsten Gestalt, einer umgestürzten ehernen Schale ähnlich, und nur durch den daran hängenden Schwengel von einer solchen unterschieden. Die Bewohnerin des Hauses saß unfern desselben im Grase, an einer Stelle, wo sie nicht nur den ganzen Platz mit der weidenden Heerde mit Einem Blicke zu übersehen vermochte, sondern wo auch das ganze mächtige See-Becken nach beiden Richtungen hin vor ihr ausgebreitet lag. Die Sennin trug ein langes dunkles Gewand, das unter der Brust gegürtet und um den Leib noch einmal aufgeschlagen war, daß es wie ein Doppelrock aussah. Arme und Schultern waren unbedeckt; dunkle Erzhaften hielten zu beiden Seiten das Kleid befestigt, das in ihrer sitzenden Stellung die nackten Füße beinahe völlig verhüllte und kaum entdecken ließ, daß sie mit einer Art Sandalen, an denen ein kleiner pantoffelartiger Vorschuh sich befand, gegen das Ungemach der rauhen Wege geschützt waren. Ein weißes, in's Viereck gebundenes Tuch, das zu beiden Seilen breit hcrnieder- fiel, schützte den Kopf mehr gegen die stark ausfallenden Sonnenstrahlen, als es denselben verbarg: das Gesicht darunter war schmal und fein geformt, von jener tiefen Färbung, wie sie den Südländern eigen ist und von welcher der rosige Anhauch der Wangen, das frische Roth der Lippen, die dunklen Bogen der Augenbrauen und das schimmernd schwarze, in schweren Locken niedcrringelnde Haar sich desto lebhafter und belebender abhoben. Die Gestalt war edel und von anmuthiger Geschmeidigkeit wie die des Rehs im Gehölz oder der Gemse auf den Fclsklippen darüber — der Ausdruck der Züge war sanft und sinnig bescheiden, wie das Edelweiß der Berge. Die ganze Erscheinung stimmte vollkommen heimisch zu der gesummten Umgebung, und doch war etwas Ungewohntes an ihr, als wär' es eine aus einem andern Himmelsstriche eingeführte Pflanze, welche, wenn auch festgewurzelt und eingewöhnt in dem neuen Boden, doch das Gepräge ihrer Abstammung, die Erinnerung an die alte Heimat, nicht verläugnet. Das Mädchen hatte einen Flachs-Nocken an langem Stäbe neben sich in die Erde gesteckt und ließ an dem rasch sich abspinnenden Faden die Spindel munter durch die Grashalme hüpfen: dennoch schienen ihre Gedanken nicht ganz bei ihrer Beschäftigung zu sein — die Spindel bewegte sich allmählig immer langsamer, bis sie mit einem letzten Wirbel in's Gras taumelte; die Hand der Spinnerin folgte herabsinkend nach, und der Blick blieb auf der schimmernden Secfläche haften. Ein Nachen kam vom obern Theile des Sees eilfertig herangcrudert nach der Almende hin und der Seewand gegenüber. „Der wilde Markulf . . ." flüsterte das Mädchen vor sich hin, indeß ein unmuthiges Lächeln den feinen Mund umspielte. „ ... Er kommt von der Waidfahrt zurück. Ich sah ihp schon früh Morgens hineinwärts rudern — da hielt er nicht an und hatt' es so eilig, daß er keinen Ruf, wie er sonst wohl Pflegt, herüber senden konnte zum Gruß . . . Freilich, da war er nicht allein: jetzt wird er wohl nicht vorüberfahren, und wird ein Weilchen anlegen ... Ich will ihm einen Becher Milch bereit setzen," fuhr sie fort, und schien sich erheben zu wollen, hielt aber im nämlichen Augenblick stockend inne, und blickte schärfer nach Fährmann und Fahrzeug hinaus. „Er wendet den Kahn noch nicht — er will mich necken, der Wildfang, weil ich ihm zugehört, wie er jüngst . . . Dort, wo der matte Wasserstellen im See das Fclsenhorn verräth, das darunter lauert, dort muß er wenden, wenn er nicht an dem Gestein festfahren, . . . wenn er hieher lenken will ..." Sie verstummte, ihr Athem ging etwas kürzer und ein leichtes Roth glitt über 123 Nacken und Stirne — der Nachen draußen im See wendete nicht: ohne Ruf, ohne Wink ruderte der Fährmann in das untere große Seebecken hinaus. „Mag er fahren, wie er will!" rief sie und kehrte mit nicht ganz ungekünstelter Ruhe zu ihrer Arbeit zurück. „Kümmert mich's? Ich werde Keinem rufen, der nicht selber gerne als Gast einspricht — das ist nicht Brauch auf der Walchen-Almend! . . . Wird wohl Unglück auf der Jagd gehabt haben, der unwirsche Gesell und grollt im Unmuth jetzt auch mit mir und meinem Milchbecher . . . mag er! Glückliche Fahrt! Er wird warten dürfen, bis er die Thüre zur Sennhütte wieder geöffnet findet!" Beruhigter spann sie weiter, aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, nicht manchmal flüchtig in den See hinaus zu schauen, wo der Nachen schon in verschwindender Kleinheit sich in dem eintönigen Graubraun der Felswände verlor: darüber ward sie gewahr, daß der Himmel sich mit jenem röthlichen Anhauch zu bedecken begann, welcher dem Sinken der Abendsonne vorhergeht. „Schau," sagte sie leise und erhob sich, „der Kaunstein fängt schon zu glühen an — die Dämmerung wird geschwind da sein. Das ist die Zeit, yio die frommen Schwestern drüben an der Salzburg das Zeichen geben zur Bespcr . . . hört es auch Niemand in der Wildniß, ich will auch zum Abendgebet läuten, für Alles, was da lebt in der Einsamkeit und für mich selbst — es wird nur die wirren Gedanken verjagen, die nicht aus dem Sinne wollen ..." Sie trat an die Hütte und zog die Schnur der Glocke, bald begann sie zu schwingen und ihre nicht starken, aber wohl klingenden Schläge hallten feierlich durch das wie athemloS lauschende Fclsthal. Sie war darüber nicht gewahr geworden, daß der alte Chricmbcrt aus dem Gehölz heran gekommen war und eine Weile beobachtend stehen blieb; dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er neben ihr stand und ihr in den Arm siel, der den Glockeustrang zog. Mit einem gellenden Schlage brach das Läuten ab. „Was schaffst Du für Zauber und NeidingSwcrk, verfluchte Walchendirne!" rief er mit funkelnden Blicken, während sie, ruhig aber entschieden sich von seiner Hand losmachend, einen Schritt zurück trat und die befremdeten dunklen Augen fragend zu ihm aufschlug. „Ihr seid's, Vater Chriembert?" sagte sie. „Was habt Ihr im Sinne, daß Ihr mich so anfaßt und im Gebete stört?" „Das überlaste mir, zu fragen!" rief der Alte entgegen. „Du, sage mir, was Du im Sinne hast! Wenn Du gebetet hättest — wenn Du nicht Unrechtes gethan, warum bist Du so erschrocken und starrst mich so an mit den unheimlichen schwarzen Augen?" — „Ich bin nicht erschrocken," erwiderte sie mit lächelnder Anmuth, „aber ich bin verwundert . . . bin ich auch nur eine Walchendirne, wie Ihr gesagt — es ist nicht Sitle in der Roms-An und ich bin es nicht gewohnt, so rauh überfallen zu werden und gescholten, wie man bei uns Walchcn eine Magd nicht schilt!" „Willst Du mich noch Sitte lehren?" brauste der Alte auf. „Ich bin ein Greis geworden nach meinem Sinn und Brauch, und werde beide nimmer ändern — vollends nicht um Deinetwillen! Ich habe Dich belauscht . . . bekenne, was Du für bösen Zauber gewirkt!" „Zauber!" sagte das Mädchen kopfschüttelnd, indem es mit noch schönerem Lächeln nach dem Kreuze deutete, das sich hinter ihr erhob. „Zauberei — in der Nähe dieses Zeichens?" „Weiß ich, wo Deine Macht steckt?" rief der Jäger. „Wohl in dem Klang der wunderlichen Schale, die Du da aufgehangen hast? Was ist das Anderes, als — Alrunenkunst? ..." Das Mädchen lächelte stärker, wie Jemand, der seine Uebcrlcgcnhcit über einen Andern fühlt und doch schonend genug ist, das nicht zu zeigen. „Das ist ein römisch Kllinod," sagte sie, „das sich in unserem Haus fortgeerbt hat von Vater auf Sohn — cs ist eine Glocke und kein Zaubermittcl . . . Darum laßt die Walchendirn , Vater Chricmbert, und geht Eure Wege!" Der Alte stand unschlüssig. „Willst mich fortwcisen?" sagte er dann. „Willst mir gebieten, die Hörige einem Freien?" Ueber das Gesicht der Sennin flog eine augenblickliche Wallung des Unmuths. — „Eine Hörige?" sagte sie dann. „Ja, ich bin's — weil Eure wilden Vorfahren die Meinigcn, die in diesen Bergen seit Jahrhunderten sich angesiedelt und aus der Wildniß ein blühendes Land geschaffen hatten, überfallen, verdrängt und vernichtet haben! — Ja, ich bin eine Hörige — aber nicht die Eure! Ich bin es nicht an diesem Orte! Hier steh' ich auf der Walchen-Atmende, auf Grund und Boden derer von der Roms- Au, die mich zu ihrer Sennin bestellt haben und darum biet' ich's Euch, daß Ihr nicht den Frieden der Gemarkung stört oder ich sorge, daß Ihr der Gemeinde dafür büßt... auch für den freien Barschalken gibt es ein Gesetz!" „Verstelle Dich, wie Du willst!" entgegnctc der Alte nach kleiner Pause in etwas milderem Tone. „Ich weiß doch, was ich von Dir zu denken und zu glauben habe... aber gib meinen Sohn los: laß meinen Markulf frei und ich will nicht weiter fragen noch wissen, was Du treibst!" „Was kümmert mich Euer Sohn?" fragte das Mädchen rasch und erglühend. „Ich will nichts von ihm! Er hat beim Waidgang in der Sennhütte in der Walchcn Almende gastlich eingesprochen, wie mancher anderer Jäger und Bergfahrer . , . Ver- bietet es ihm, so es Euch gefällt, so der Sohn des freien Barschalkcn sich gebieten läßt!" „Er wird und muß!" rief zürnend der Alte. „Noch ist er nicht mündig — ist noch in meinem Haus . . . aber wohl weiß ich, daß Warnung und Gebot nicht nützt, wenn Du ihn nicht frei gibst aus der Gewalt, in die Du ihn gezogen!" Das Mädchen hatte sich wieder gefaßt. „Das thu' ich nicht und hab' ich nie gethan!" sagte sie ernst. „Markulf, Euer Sohn, dünkt mich ein wackerer Gesell, dem ich alles Gute gönne und wünsche — weiter haben wir nichts miteinander zu schaffen, unsere Wege führen nicht zusammen!" „Wer der glatten Rede trauen dürfte!" entgegnete Chricmbert, indem er sie forschend betrachtete. „Das ist es. Deines Stamme Erbtheil, womit Du zu verlocken weißt . . . wenn es Dein Ernst ist, was Du sagst, so schwör' es mir zu in meine Hand . . . Gelobe mir, daß Du ihn fürder nicht an Dich locken willst!" „Ich thue, was ich für Recht halte und hab' cs immer gethan, ..." sagte das Mädchen fest und entschieden. „Wollt' ich Euren Sohn au mich locken, cS wär' ein Unrecht, — das unterlasse ich, auch ohne Gelöbniß und Schwur!" „Du weigerst cs?" rief Chricmbert, Plötzlich wieder in ernstem Zorne aufbrausend, „weil Du Dich nicht binden, weil Du ihn nicht lassen willst! Wohlan, so gelob' ich Dir Hinwider bei Donar und seinem heiligen Hammer — ich will ihn von Dir los machen, gelte cs, was es wolle! Ich will ihn eh' todt zu meinen Füßen sehen, als lebend in Deinen Armen! . . . " „Auch Ihr mögt thun, was Euch recht bedünkt," sagte sie, „ich trotze nicht, aber ich fürchte Euch nicht ... Ich bin eine Christin . . . hier ist mein Schuh ... der Herr wird mit Placida sein ..." „Dein Schutz?" brüllte der Alte und seine Augen rollten und glühten im Abglanze jener besinnungslosen Wuth, die nach der Sage furchtbarem Bericht den Berserker fortgerissen zu grauenvoller That. „Also ist hier Dein Zauber verborgen? Das sollst Du mir nicht umsonst verrathen haben und so wahr dieß Zeichen unter meinen Händen fällt..." Er hatte das Beil vom Gürtel gerissen und drang, es hoch übcr'm Haupte schwingend, auf das Kreuz ein. Placida erwiderte nichts; sie regte sich nicht — in ihrer ganzen Höhe aufgerichtet stand sie vor dem Stamm mit befehlendem Blick und gebieterisch 125 ausgestreckter Hand. Von dem Glctschcrhorn des KaunsteinS siel rother Widerschein auf sie herüber, als wäre es ein Zauberlicht, womit eine höhere Macht sie umgab... Geblendet ließ der Alte das Beil sinken und eilte davon. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der weiblichen Haarmoden. In den frühesten Zeiten trugen die Frauen das Haar schlicht, bis der ihnen angeborene Trieb, sich zu schmücken, sie zu der Fertigkeit brachte, dasselbe auf mannichfaltige Weise zu ordnen nnd zu flechten. Lange Zeit bedeckte man den Kopf nur mit einem Schleier; die Griechinnen und Römerinnen hielten ihr Haar durch goldene und silberne Nadeln zusammen, durchflochtcn es mit goldenen Kettchen oder umwanden dasselbe mit rothen und weißen Binden. Auch puderte man den Kopf mit Goldstaub. Die rothblonden Haare der Alemannen bildeten eine so wesentliche Schönheit des weiblichen Geschlechts, daß Brünetten, welche nicht so glücklich waren, ihrem Haar durch Tinktur eine solche Farbe beizubringen, dasselbe lieber abschnitten und eine blonde Perrücke trugen. Diese Sitte war so allgemein geworden, daß die Dichter voll Begeisterung von den (oft falschen) rothen oder blonden Locken ihrer Herzensköniginnen sangen. Die römischen Schönen wechseln mit diesen erborgten Zöpfen mehrere Male des Tages; sie hatten besondere für die Morgentoilette, andere für die übrige Tageszeit und für hohe Festlichkeiten. Dieser Gebrauch erhielt sich sehr lange unangefochten, bis im Jahre 692 das Konzil in Konstantinopel alle diejenigen mit dem Kirchenbann bedrohte, welche falsche Haare tragen würden. Doch behauptete trotz alledem der falsche Haarschmuck seine Herrschaft. Petrus Lombardus nennt ihn noch im zwölften Jahrhundert eine „gräuliche Entstellung", eine „verdammcnswerthc Unverschämtheit". Alexander Alesius (ft 1215) und Bernhard de Vienne erklärten ihn für eine Todsünde, und der heilige Panlin versicherte, der Herr werde die Frauen, die dergleichen trügen, demüthigen, indem er sie zu Kahlköpfen machen werde. So vielen Anfeindungen gaben die Damen endlich Gehör und adoptirten wieder den Schleier, der bis auf die Schultern reichte und alles Haar verhüllte; Königinnen und Prinzessinnen trugen darüber ein Diadem, Wittwen dagegen eine Kopfbinde, welche die Stirn bedeckte, auch über Wangen und Gesicht herab hing und Hals und Brust verhüllte. Hierauf folgte die Mode der „Schlapphütc", die sehr breit und mit Perlen reich besetzt waren. Unter Ludwig dem Schönen (ft 1314) und seinen Nachfolgern kam bei den Damen ein Kopftuch in Flor, das die Gestalt eines enormen Zuckerhutes hatte, von dessen Kegel ein Gazeschleier niederwalltc, wobei das Haar noch immer sichtbar blieb. Jsabella von Baicrn, Gemahlin Karls VI trug Bonnets, wie die späteren zweistutzigen Hüte der Männer geformt; von den stark aufgebogenen Enden hing ebenfalls ein langer Kreppschleicr mit Franzen bis auf den Gürtel herab. Weil sie ungeachtet der kriegerischen Unfälle diesen Luxus nicht aufgab, ward sie nolvns volens eingesperrt. Diese Kopfgebäudc wurden unter Karl VIII. um einige Stockwerke niedriger, bis sie unter Ludwig dem VIII. gänzlich verschwanden, um einer einfachen „Schwanzkappc" oder Capuchon Platz zu machen. Aus einer Klcidervcrordnung zu schließen, die der Rath zu Brcslau 1453 publicirte, müssen die damals üblichen Hauben den Thürmen ähnlich gewesen sein; denn es heißt: Itvm : Die Frauen sollen ablegen die großen ungewöhnlichen Hauben, und nicht größer als eine halbe Elle lang tragen, welcherlei sie tragen wollen, und sollen keine Pcrlins (Berliner) Hauben tragen; welche dawider handelt, soll eine Mark Strafe erlegen." Unter Franz I. fingen die Damen an sich zu frisiren, und trugen einen spani- 126 schen Toque; unter Heinrich dem IV. kam der Gebrauch des Puders auf. Im Jahre 1784, als die politischen Ideen bereits zu gähren ansingen, mischten sich auch die Damen darein und trugen „Disconto-Kassen-Hüte" bis unter der Republick und dem Kaiserreich wieder die griechischen Moden vorherrschend wurden. Auch die Mode ä In Giraffe, welche hierauf eine Zeit lang die Damcnscheitcl negirte und verunstaltete, ist zu Grabe getragen worden. Möchte ihr noch so manche Ausgeburt der Jetztzeit dahin nachfolgen, und nur das wirklich Schöne Mode werden! Eine Bärengeschichte. Der „Warschauer-Zeitung" hat man über einen gezähmten Bären folgenden Bären aufgebunden: In einem Kloster Podoliens wurde ein in den dortigen Wäldern ganz jung einge- fangener Bär gehalten. Das Bich war sehr zutraulich und gelehrig, und wuchs bei der guten Klosterkost und dem faulen Leben recht hübsch kräftig heran. Die Kost sollte ihm nzm auch ferner gewährt werden, das faule Leben war aber den frommen Vätern ein-Gräuel, und man sann darauf, Petz seiner Individualität angemessen zu beschäftigen und ihm eine Rolle zuzutheilen. Die Gelehrigkeit des Bären versprach guten Erfolg. Nun war das Wafferschlcppen von dem ganz in einem entfernten Winkel befindlichen Brunnen nach der Küche und namentlich nach dem Waschhaus, welches gleichzeitig zum Brauhaus diente, die schwerste Arbeit und dem Bruder Koch und den Brüden, Brau- und Küchengehilfen ein wahrer Gräuel. Petz wurde erkoren, diesen wichtigen Posten von nun an zu versehen. Ihm wurde ein Stock mit zwei Eimern daran auf den Rücken gehängt und die nöthigen Unterweisungen ertheilt. Bald hatte er die Sache kapirt, und Petz schleppte nun regelmäßig Master vom Brunnen in ein großes Faß, bis dieses voll war. Dann legte er sich schlafen. Wurde auch die Thätigkeit des großen Waschkestcls als solcher selten genug in Anspruch genommen, so mußte er zur Bereitung des eigenen, sehr trinkbaren Gebräues, oft genug herhalten und das große Wastcrfaß nahm Petzens Dienste, die von den betreffenden Brudern in vollem Maaße anerkannt und geschätzt wurden, zur Genüge in Anspruch. Der Bär vollführte bald die ihm übertragenen Obliegenheiten mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß jede Aufsicht unnöthig wurde. Er verdiente sich in der That sein Brod sauer genug. So ging die Sache eine ganze Zeit lang sehr schön, bis er sich in Folge besonderer Freiheiten, die sich einige seiner frommen Freunde herausnahmen, mit diesen entzweite. Eines Tages hatte er nach seiner Meinung bereits eine genügende Menge Wasser herangeschleppt. Das Faß wollte und wollte sich indeß nicht füllen. Er schleppte und schleppte, aber immer ohne Erfolg. Das Wasser im Faß wollte nicht steigen; das machte unsern Petz mißtrauisch, und als wiederholte Gänge nichts fruchteten, stellt er sich hinter der Thür auf die Lauer. Sowie Petz zur Thür hinaus ist, springen lachend einige junge Mönche aus ihren, Versteck hervor, öffnen rasch den Hahn, um das Danaidenfaß auf das alte Niveau zu bringen, und so den treuen Wasserträger um den Erfolg seiner sauren Mühe zu betrügen. Hiemit war der Bär aber keineswegs zufrieden, der, Plötzlich seine braune Schnauze zur Thür hineinsteckend, den Schabernack, den man ihm spielte, recht gut begriff. Ein wüthendes Gebrumme ausstoßcnd, schleuderte er den dicken buchenen Knüppel, der ihm als Wasserträger diente, mit furchtbarer Kraft mitten unter die fidele Schaar, die erschreckt Fersengeld gab. 127 Vor Ingrimm schrecklich brummend, verfolgte Petz seine Peiniger, die sich jedoch glücklich retteten und die Thür verrammelten; da ihm die Schuldigen entgangen waren, tobte er durch's Kloster, einen neuen Gegenstand seiner Rache suchend. In wilder Hast suchte sich Alles vor dem wüthenden Thier zu retten und verbarrikadirtc sich förmlich in den Gebäuden. ^ Man versuchte nun mit vieler Mühe und den zärtlichsten Schmeicheluamen, Petz auf friedlichere Gedanken zu bringen. Aber vergebens! Brauchte seine natürliche, lang verhaltene Wildheit einen Ausbiuch, hielt er sammt» liche Mönche für milschuldig an dem Komplott oder fürchtete er endlich eine harte Strafe? — Nichts konnte ihn besänftigen. Endlich, nachdem er lange genug herumgetobt hat, zieht er sich nach dem Zimmer» Hof zurück, klettert auf einen Haufen Holz und setzt sich dort in Vertheidigungs-Zustand. Man hütete sich indeß, ihn anzugreifen und ließ ihn ruhig in seiner Beste sitzen. Was aber alle Schmcichelnamen nicht vermochten, bewirkte der Hunger. Als der Magen gar zu arg knurrte, kroch er zu Kreuz, stieg gemüthlich herunter und ließ sich ruhig ergreifen und an die Kette legen. '(Die Erfindung der Knhp ockenimpfung.) „Ich bin geschützt vor Mcn» schenblattern", sagte eine Bäuerin (1768) zum Chirurgen Ludlow, Jenners Lehrherrn, „denn ich habe die Kuhpocken überstanden; das wissen wir Melkerinnen aus uralten Zeiten". Des Weibes Rede wurde dem Lehrlinge zur «immer schweigenden Mahnung, die Wahrheit dieser Volksbeobachtung zu ergründen und zur praktischen Anwendung zu brngen. Im Jahre 1776 beginnt er seine Untersuchungen in den Maiereicn von Gloucestcrsl-ire. Reichliche naturhistorische und vergleichend-anatomische Kenntnisse befähigten ihn zur Lösung der gestellten Aufgabe. Nach mehr denn zwanzigjähriger Forschung, nach langsam reifendem Entschlüsse -— denn noch 1789 impfte er den eigenen Sohn mit Mcnschenblattern, nach Beseitigung aller immer wieder aufsteigenden Zweifel und Bedenken schreitet er zu der segensreichen That. In seinem Geburtsorte Berkeley, einem Flecken der Grafschaft Gloucefter impfte er am ewig denkwürdigen Ick. Mai 1796 den achtjährigen James Philipps von dem Milchmädchen Sara Rilms, welche sich beim Melken einer pockenkranken Kuh an ihrer von Kornähren geritzten Hand angesteckt hatte. Glücklich war der Erfolg. Die Geschichte nennt den genannten Tag den Geburtstag der Schutzpockenimpfung. Nach zwei Monaten, den 1. Juli, wurde zur Gegenprobe des Experiments der Knabe mit ächtem Blatternstoffe geimpft, die gleiche Impfung später- wiederholt: in keinem Falle kamen die Blattern. Die günstigen Resultate dieser und der im folgenden Jahre fortgesetzten Impfungen veröffentlicht Jcnner in einer eigenen, weltberühmt gewordenen Schrift, im Jahre 1798 bringt er sie nach London. Groß ist das Aufsehen, welches sie erregt. Sein Genius spendet der Menschheit das uralte Volksmittel zur bleibenden Wohlthat für alle Zeiten. Keine Entdeckung fand jemals eine. lebendigere Theilnahme und eifrigere Nachahmung. Nach kaum einem Jahre waren über 19,000 Menschen in London vaccinirt. Unter denselben waren über 5000 an der öffentlichen Impfanstalt (.Iknnviiau 8uc>Ll>^) mit ächten Mcnschenpocken inokulier und — in der That Alle wurden für dieselben unempfänglich gefunden. Mit Blitzesschnelle wuchs das Interesse für Jenners Jmpfmcthode; daß alle Vaccinirten bei den Pockenepidemieen verschont bleiben, alle Nichtvaccinirten von den Blattern befallen werden, bestätigte die tägliche Erfahrung. Dies entsprach selbst dem schlichten Verstände des Volkes. Daher die Impfung der Kuhpockcn sich mit unglaublicher Schnelligkeit überall ausbreitete: nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Erde, wohin dieses Welttheiles Civilisation vorgedrungen war, fanden ihre großen Segnungen baldigsten Eingang. Die erste Impfung in Deutschland vollzog zu Wien am 30. April 1799 de Ferro an seinen Töchtern und 128 bald darauf dc Carro an seinen Kindern. Im Jahre 1801 war daselbst das erste Schutzpockenimpfungsinstitut gegründet. Eine gleiche Anstalt wurde am 5. Dezember 1802 in Berlin unter der Leitung des „alten" Stein eröffnet, nachdem bereits Frankreich, Italien, die Schweiz mit gutem Beispiele vorausgegangen waren. Im Jahre 1800 und 1801 war die Knhpockenimpfung in den meisten Landern Europa's bis Konstantinopel, Bagdad und nach Rußland ausgebreitet. In letzterem Lande war die Kaiserin-Mutter ihr eine besondere Gönnerin. Bald genossen auch die übrigen Wclttheite ihre Früchte: 1800 kam die Vaccination nach Nordamerika, 1802 nach Ostindien, Java, Grönland, 1806 nach Kalifornien u. s. w. Welche drei Schlachten werden als die blutigsten unter allen aus europäischem Boden vorgekommenen bezeichnet? l) Die Schlacht in den Catalannischen Feldern bei Chalons an der Marne (die Marne, ehemals Matrona genannt, ist ein rechter Nebenfluß der Seine) im heutigen Frankreich zwischen dem Hunnen- könige Attila auf der einen und den verbündeten Römern (unter Aätius), Westgothen, Franken, Alanen und Sachsen auf der andern Seite. Sie ward im Jahre 451 n. Chr. geschlagen und fiel für die Hunnen ungünstig aus. 162,000 Todte deckten nach wenig Stunden die Wahlstatt. Vom Blute soll ein kleiner Bach angeschwollen sein. 2) Die Schlacht, welche die Franken unter Karl Martell den Arabern oder Mauren unter dem lhalifischen Statthalter Abdorrahman lieferten. Es geschah dies an einem Sonnabend im Oktober des Jahres 732 zwischen den französischen Städten Poitiers und Tours. Allein von den Arabern blieben 375,000 Mann auf dem Schlachtfelde, unter denen sich der besiegte Held Abdorrahman befand. 3) Die auf dem Lechselde stattgehabte Schlacht der Deutschen unter Kaiser Otto I. mit den Ungarn. Sie wurde am 10. August 955 geschlagen. Von dem aus mehr als 100,000 Mann bestehenden ungarischen Heere sollen, nach der Versicherung des Otto von Freisingen, nur sieben Mann ohne Nasen und Ohren als Hiobsboten nach Hause gekommen sein. Auch die Deutschen erlitten fürchterliche Verluste. Das Blut rann von der Wahlstatt. (Napoleon I>k. ehemals — Pflasterer.) Unmittelbar nach der Julischlacht vou 1848 ging eio junger Mann durch die Vorstadt St. Antvine, wo di^elben Leute, ine wenige Tage vorher das Pflaster zum Barrikadenbau aufgerissen, beschäftigt waren, die Pflastersteine wieder in Ordnung zu bringen und die Straßen von Paris wieder gangbar zu machen. Kaum befand er sich in der Mitte der Leute, als eine alte Frau plötzlich ausrief: „Der junge Herr da mit den gelben Handschuhen thäte auch bester, wenn er uns helfen würde, ldas Pflaster in Ordnung zu bringen." — „Sie haben Recht, meine gute Frau," war seine Antwort, „ich bin gekommen, um die Ordnung wieder herzustellen und das Pflaster an seinen alten Platz zu setzen." Damit übergab er seinem Bedienten seinen Spazicrstock und seine Handschuhe, nahm einen Pflasterstein, fügte denselben gehörig an Ort und Stelle ein und ging hierauf, eine erstaunte Menge hinter sich zurücklassend. Dieser Pflastertreter war Louis Napoleon Bonaparte, heutzutage Kaiser der Franzosen. Charade ( Dreisilbig.) O wie so gerne unterhält, Las Erste schauend stundenlang, Sich überall die Kinderwelt. Wie wird bei Zweitem angst und bang Auch manchem, den sonst Muth beseelt. Wie fand beklagten Untergang Des schönen Viel zu einer Zeit, Da mit der größten Heftigkeit Ach über's Erste, das so fein, So zart, das Zweite brach herein. — Das Ganze? man nun Frage stellt: Ein Faktum, das uns Zeugniß gibt, Was blinder Eifer dann verübt, Weun rohe Macht sich beigesellt. Druck, V-rlao und Ardakiion deS ltt-r.irischcn Instituts von 0r, W Huuier.