Nr. ir. 26. April 1865. Angsbnrger Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch für den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins ertrage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage, Und mit erfrischendem Windeswebcn Kräuselnd bewege das stockende Leben. Schiller. SancL Jarihelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) II. Unter den Trümmern. Herrlich verglühte der Abend des nächsten Tages über dem weiten, flachen Grunde, der von Gebirgen umrahmt, sich zwischen Säle und Salzach, den stürmischen Berg- flüssen erstreckt. Weites grünes Weideland wechselte mit braunen Moorstrichen, in denen Bäche blitzten und breite Wassertümpel schimmerten; zwischcnhin zogen Gebüsche und Streifen dunkelgrünen Waldes — darüber im wcitgcschlungenen Kranze trugen der breite Staufen, der hohe Göhl, der wundersame Untersbcrg und der eingebrochene Watzmann die einsamen Häupter stolz empor in den bläulich rothen Abendduft. Wo die Salzach sausend zwischen zwei nahegcrücktcn Hügeln sich hindurch drängt, stieg das rechte Gestade nach kurzer Ebene bald aufwärts, den Abhang hinan, in übereinander aufsteigenden, bald schmäleren, bald breiteren Einschnitten und Abplattungen, deren Regelmäßigkeit allein schon hinreichte, ihre künstliche Entstehung zu bezeugen; es hätte hiezu der Trümmer verfallenen Maucrwcrks nicht bedurft, welche, überall zerstreut, von einem reichen bewegten Leben Künde gaben, das einst hier gehaust, aber vom Strome der Zeit hinweggcspült war, wie auf überschwemmtem Lande, aus dem Stcingcröll emporragend, hie und da nur noch ein karger Strauch oder ein verkümmernder Baum von der Pracht und dem Segen der Fluren erzählt, die einst unter dem Werke der Verwüstung gegrünt. Der Boden war überall mit üppigem Grase, mit Gestrüpp und raiskcndcm Gewächs bedeckt, das an geborstenen, halb eingesunkenen Wänden, über Säulentrümmcrn und Tropfsteinen Halt genug fand, einzuwurzeln und aufzuklimmen. Wo es der Raum gestattete, waren Tannen und Ulmen emporgewachsen, durch Stämme und Kronen beweisend, daß mehr als ein Jahrhundert vorübergegangen, ohne daß eine Menschenhand ihrem Wachsthume gewehrt und ihnen den gewählten Standort streitig gemacht hatte. Ganz oben vom Gipfel des Hügels schauten als krönender Abschluß die Reste halbverfallener viereckiger Thürme und riesenhafter Wehrmauern hernieder, als wäre es noch ihre Pflicht, den Heerwcg zu bewachen, der längs des Stromes dahinzog, eine kümmerlich erhaltene, mühevoll steinige Bahn. Am Wege stand ein einfaches ländliches Gehöft, umgeben von einem Gehege starker oben zugespitzter Pfähle, unter sich durch dichtgeschloffencs Weidengeflccht verbunden. Das Haus, nur aus einem Erdgeschoße bestehend, war schlicht aber fest aus behauenen Balken 130 gezimmert und lehnte sich etwas zurückgestellt an den aufsteigenden Hügel; seitwärts standen kleinere Gebäude, deren Eines der steinerne Unterbau so wie die daraus aufsteigende Rauchsäule als Backofen bezeichnete, während aus dem offenen Dachgiebcl eines andern Vorräthe von Futter und Getreide hcrvorsahen und in ihm Scheune und Stall erkennen ließen. Tauben saßen auf der Firstsäule, Hühner pickten und scharrten am Boden umher, seitwärts auf einem umgestürzten Architrav waren abgesägte und ausgehöhlte Baumstücke gereiht, die einfache Herberge summenden Bienenvolks, nnd gegenüber in einer durch aufgeschichtetes Brennholz gebildeten Lücke schlief auf die mächtigen Pfoten gekauert, ein gelber zottiger Wolfshund. Der Raum vor dem Wohnhausc war umgearbeitetes Land, in Felder und Beete getheilt, in denen Rüben und Kohlhäupter standen unter Salbei, Raute und anderem Gewächs, das in Haushalt und Küche Verwendung und Nutzen hat. Zwei Frauen waren eifrig beschäftigt, ein Stück des Gartens frisch umzugraben, Unkraut auszuziehen und die Pflanzen von Raupen und anderem Ungeziefer zu befreien. Die Eine war eine starke sehnige Gestalt mit grauem Haar und verblühtem Angesicht, die Andere fein und von jugendlich aumuthigen Formen: Beide hatten Arme und Schultern unbedeckt, ein grobes Linncnhemd und ein Rock von dunkler Wolle mit rothem Endbesatz bildete die ganze schlichte Kleidung der Bäuerinnen. Der alte Chriembert kam den Weg heran und blieb, als er die Frauen gewahrte, an der Umzäunung stehen. „Heda," rief er, die Arme auf die Pfähle gestützt, „laßt einen Augenblick die Schaufel rasten, Ihr Weiber, und sagt an, wo ich Eigel, den Barschalken finde, der weiland seßhaft gewesen, draußen im Chiemgau?" „Ihr seid am rechten Ort, Landsmann," sagte die Aeltcre, „hier haust der Mann, den Ihr sucht — weiland Eigcl geheißen, wie wir noch ungläubige Heiden waren — jetzt heißt er Florianus . . . Aber kommt nur herein, Mann: der Herr ist im Hause, und Du, Leutbirg, geh' und sieh' nach, ob Wolf fest an der Kette liegt, daß er den Fremden nicht zu Schanden reißt!" Ein Mann, in ein Wamms aus rauh gegerbtem Leder gekleidet, war während dieser Reden unter der Hausthüre erschienen, eine gedrungene untersetzte Gestalt mit kurzem Nacken und starkknochigen Armen, die er gähnend über dem Kopfe reckte und streckte, wie Einer, der eben aus dem Schlafe wach geworden — es war das Recht des Hausherrn, daß er ruhte, wenn Alles thätig war, und daß er außer Krieg und Jagd, oder allenfalls dem Schmicdehandwerk keine Arbeit verrichtete, oder höchstens draußen im Felde den Pflug führte und die Saat bestellte. „Hoho," rief der Mann mit kräftiger, rauh klingender Stimme, indem er sich das dichte schwarze Haar aus der Stirne strich, „das ist kein Fremder, wie mir schwant! Die Stimme habe ich schon gehört, und wenn ich nicht noch schlaftrunken bin, so ist das Chriembert von der Schönau, mein alter Zehntgenoß und Waffenbruder!" „Der ist eS, Alter," entgegnete Chriembert eintretend, „ich will Dein Gast sein auf ein paar Tage — ich hoffe, Du hast die jungen Zeiten nicht vergessen, wo wir unter Einer Decke am Wachtfeuer lagen und uns Blut-Runen" in die Arme schnitten auf ewige Freundschaft; ich komme zu dem alten Eigel, den Neuen mit dem wunderlichen Namen kenn' ich nicht!" „Tritt herein," sagte Eigel, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, „thu' meinem Hause die Ehre an . . . beim Donner ... bei meinem Namenpatron will ich sagen, ... es ist noch kein besserer Gast über seine Schwelle gegangen! Welch' Abenteuer hat Dich zu mir verschlagen? Komm herein — Ihr Weiber aber rüstet ein tüchtig Lager und sorgt für Imbiß und Willkommentrunk ..." „Du kannst es errathen, Blutbruder," erwiderte Chriembert und trat mit Eigcl in's Haus. „Ist nicht Herzog Dict von Bajoarien, weiland unser Anführer und Fcld- hauptmann auf seiner Rückreise aus dem Lande der Walchen nach Piding gekommen?" 131 „Freilich wohl," sagte Eigel lachend, „aber nicht nach Piding — den Namen gibt es nicht mehr: seit der Herzog den frommen Bischof Chrodbert vom Rhein gerufen und ihm die alte römische Trümmerstadt geschenkt hat, damit er sie und das Land und uns Alle zu guten Christen mache, seitdem ist sie die Salzburg geheißen . . „Mag sein!" brummte Chriembcrt. „Kann mir das Alles nicht mehr merken! Da droben, auf dem Jmberg, steht noch der heilige Hain des Pid, des Kriegsgottes, zu dem wir einst gebetet haben . . . weißt Du es noch, Eigel? Ich wenigstens kann es nicht vergessen, und habe immer die alten Namen und Dinge im Kopf! D'rum will ich auch den Herzog einmal wieder sehen und ihm ein Gastgeschenk bringen . . . Sieh' her," fuhr er fort, indem er ein längliches Fäßchen vom Rücken nahm, „ein weidlich Gericht von Salmlingen aus dem Wildsee, frisch gefangen und so schön, wie selten! — Es ist ein lecker' Esten und ich weiß, daß es dem Herrn vor Zeiten besonders wohl gemundet hat! Die Fische soll er haben und Du mußt mich zu ihm führen!" „Soll geschehen," war Eigel's Antwort, „wirst Dich aber bis spät in den Abend gedulden müssen, der Herzog mit seinen Falknern ist in's Ried hinausgeritten zur Reiher- beize... Hoho," unterbrach er sich, durch niedrige Fenster hinausrufcnd, „Raynhild ... Leutbirg... hört Ihr nicht, Ihr Weiber? Nehmt das Fäßlein da — 'sind seltene Fische drinnen . . . bindet's an ein Seil und laßt es hinab in den Ziehbrunnen, daß sie frisch und munter bleiben!" Die Wohnstube des Eigelhofs bot nicht viel der Gemächlichkeit, noch der Zier. Die Wände oder das Gebälk waren thcilweise von den Jahren angedunkelt, thcilweise vom Rauch geschwärzt, dem von der Feuerstätte in der Ecke, die zugleich als Ofen und als Küche dienen mußte, nach allen Seiten hinzuziehen gestattet war. Ein langer ungeschlachter Tisch mit Querfüßcn und eine Reihe von Bänken und Stühlen von nicht minder kunstlosem Gefüge umgaben denselben - an den Wänden auf einfachen Holzgesimsen standen einige Krüge und Schüsseln, darüber war die Ausrüstung des Mannes für Jagd und Krieg, Schild und Eiscnhaube, Spieß und Schwert, Kolben und Streitaxt sammt Halsbcrge und Kettenhemde aufgehangen. In der Ecke hing ein schlichtes Kreuzbild, zum Zeichen, daß das Haus ein christliches sei und befremdlich genug waren an dem Gebälk über'm Herd allerlei Runen und Zeichen mit Kohle angeschrieben, die, wie das geschlossene Fünfeck, damit nicht wohl zusammenstimmten. Eine Thüre seitwärts führte in's Schlafgcmach, eine andere über einige Stufen hinab in ein unterirdisches kellerartigcs Gelaß, wo Rocken und Webstuhl erkennen ließen, daß es die eigentliche Werkstätte des Fleißes der weiblichen Hausgenossinncn sei. Ein etwas erhöhter, mit schwarzem Bärenfell belegter Sitz am Ende der Tafel bezeichnete den Ehrenplatz des Herrn und Hausvaters. „Nimm den Hochsitz ein," sagte Eigel zu Chricmbert, „dem Gast gebührt die Ehre!" Dieser gehorchte, der Wirth lagerte sich ihm zur Seite und bald trat die Hausfrau ein, eine blendend weiß gescheuerte Platte aus Lindenholz in den Händen, worauf eine kalte gebratene Schwcinskeule lag, zum Theile bereits in bequeme Stücke zerlegt, die gleich mit den Fingern ergriffen und genossen werden konnten. Der Wirth des Hauses nahm einen Bissen, tauchte ihn in das auf dem Tische stehende Salzfaß und reichte ihn dem Gast, indem er zugleich das breite Schnitzmesser vom Gürtel nahm und mit Gewalt in die Tischplatte stieß, zum Zeichen, daß der Gast nun im Schutze des Hauses und seines Herrn stehe. Unmittelbar hinter der Hausfrau erschien die Tochter, schnell in ein reines Helles Obergcwand gekleidet, rasch von Staub und Schweiß der Gartenarbeit gereinigt, mit lichten Armen und klarem Angesicht. Sie trug ein mächtiges Stierhorn, am Rande mit blankem Silber beschlagen, wohl erkennbar als ein Werthstück und Ehrenbesitz des Hauses, der nur bei besonderem Anlaß hervorgeholt wurde. Es war Pflicht und Auszeichnung der Frauen, zumal der Töchter, den Ehrenbecher zu kredenzen, und bei Mahl und Gelag 132 üls anmuthige Schenkinnen zu dienen: ihnen lag es ob, das Trinkhorn mit angemessenem Spruch und Reim zu begleiten. Lentbirg trat zu dem Gaste, reichte ihm das Horn mit sittig niedergeschlagenem Blick und sagte: „Die Schwalb' und em Gast bringt Glück in's Haus. „D'rum tbut Bescheid und trinket daraus!" „Trink', alter Z-Hntgenoß," rief Eigel, „und laß' es Dir munden! Das ist rother Wein vom Schloß Teriol, den ich unlängst selber mit heimgebracht von einer Saumfahrt über den Dauern — es ist ein edel Getränk. Habe auch die Rebe mitgebracht und habe sie angepflanzt zum Versuch, ob die Sonne von Salzburg kräftig genug sei, so köstlichen Most gar zu kochen!" Der Gast hatte sich erhoben; er hielt das Trinkhorn hoch empor und neigte es über, dgß einige Tropfen auf den gedielten Boden nicderträufelten. Er sprach: „Donar sei der erste Trunk gewelkt — „Auf's Glück des Hauses trink' ich Bescheid!" Dann setzte er das Horn an den Mund, leerte es reichlich in Einem kräftigen Zug zur Hälfte und gab es dem Hausherrn hinüber, der es vollends ausschlürfte, dann auf die Hand umstürzte, daß der letzte Tropfen auf dem Nagel des Daumens sitzen blieb. Rasch hatte die Tochter das Horn wieder gefüllt und es auf dem Gestell befestigt, daS, aus den Ständern und Fängen eines Adlers geformt, zu solchem Dienst auf der Tafel bereit stand. Dann zogen die Frauen sich zurück und bald wurden die Laute ihrer Thätigkeit draußen im Garten wieder hörbar, während die Männer sich in's Gespräch vertieften, der gemeinsam verlebten Jugend gedenkend, in der Erinnerung noch einmal sich erfreuend an den in Waid- und Kriegs-Werk überstandenen Führlichkeiten und Abenteuern. Sie erzählten einander, wie sie seither gelebt und gewirthschaftct; Chriembcrt rühmte das Töchterlein des Wirths und sein unmuthig Gebühren und meinte, der Eidam, der sie ihm entführe, werde nicht lange auf sich warten lassen, Eigel dagegen fragte nach des Gastes Sohn und erfuhr, wie er vom Vater zurückgelassen worden, zu Wach' und Wehr für das einsame Gehöft in der noch einsameren Schönau. Zuruf von außen unterbrach das Gespräch; die Frauen hatten inzwischen wieder fort gegraben und die Tochter kam rufend an's Fenster, sie hätten beim Graben einen seltsamen Fund gemacht, der Vater solle heraus kommen mit dem Gast, es sei noch eben hell genug, das sonderbare Gebild zu beschauen. Die Männer folgten und betrachteten verwundert das Gefundene — das Bruchstück einer erzenen Figur, dicht mit Moder und Grünspan bedeckt, Oberkörper und Kopf eines schönen Jünglings vorstellend, welch' Letztem eine hutartige Mütze bedeckte, mit einem Flügelpaar geschmückt. Während das Erzstück von Hand zu Hand wanderte, von manchem Ausruf des Staunens, mancher Frage nach dessen Bedeutung begleitet, tönte feierlich frommer Gesang durch die stärker einbrechende Dämmerung. „Was bedeutet das?" rief Chriembcrt verwundert und horchend. „Das sind die Mönche mit den Knaben," sagte Eigel, „sie haben drüben über der Salzach die Zellen, die im Felsen eingehauen und ausgehöhlt sind, bezogen und den Grundstein gelegt zu einer neuen Kirche. Da wohnen sie nun und haben ein Häuflein Knaben um sich gesammelt, die sie erziehen und unterrichten . . . Vermuthlich ist einer von den Vätern mit den Knaben lustwandeln gegangen. Sie pflegen das öfter so zu halten, und mögen sich heut verspätet haben, den ungewöhnlich schönen Abend zu genießen — ist es doch fast schon dunkel und unter den Sternen ist der Heerwagcn schon hoch herauf gerückt, schier über die Firstsäule meipcs Hauses . . ." Während der Rede waren die Knaben schon herangekommen, alle in lange dunkle, mönchartige Gewänder gehüllt, auö denen die runden vollen Kinderköpfe anmuthig heraussahen; sie schritten munter einher und wie ein Lustgesang, in den sich die Freude der 133 jungen Gemüther ergoß, tönte das feierlich getragene Kyric von ihren Lippen. Ein Mönch in schwarzer Kutte war ihnen als Führer und Begleiter zur Seite. „Was ist das?" fragte Chricmbert flüsternd. „Sie sind geschoren — sind eS hörige Knaben?" „Nicht doch," entgegnctc Eigel ebenso, „es sind die Söhne der frciesten und besten Männer darunter — es drängen sich gar Viele zu der Aufnahme: aber sie sollen einmal christliche Priester und Sendboten werden und darum tragen sie jetzt schon Haar und Gewand wie diese ..." Kopfschüttelnd hörte der Alte zu und gewahrte, wie die ganze Familie beim Herankommen des Mönches näher an die Umzäunung trat und wie der freie Mann und Barschalk, einst sein Blutbruder und Kampfgenoß Kopf und Nacken vor demselben beugte, während die Frauen kniend die gefalteten Hände in demüthiger Verehrung empor hoben. Der Mönch blieb steh'n und überblickte die Gruppe: er mochte mit Verwunderung des alten Jägers gewahr werden, der allein unachtsam und aufrecht stand. Es war ein schlanker hochgewachsener Mann, mit röthlichcm Bottbart, frisch gefärbtem Angesicht und klugen feurigen Augen. „Der Herr segne Euch," sagte er mit fremdklingender Betonung, welche wie die Farbe seines Haares an die irdische Heimat mahnte, der er entstammte, „er schütze Euch diese Nacht und gebe nicht zu, daß der Engel des Verderbens Euch schade. Amen! ... Ihr seid noch so spät fleißig gewesen," fuhr er dann in freundlich ermunterndem Tone fort, „und wie es scheint, zur guten Stunde, denn Ihr habt wohl einen seltenen Fund gemacht?" Er deutete auf die Erzfigur, welche Eigel noch in den Händen gehalten hatte und ihm nun überreichte. (Fortsetzung folgt.) Das Gloria des Teufels. -2) Nicht sehr lange vor dem Auftreten der reichen Fuggcr lebte in der kunstsinnigen Reichsstadt Augsburg ein Meistcrsänger, Namens Peter Umlauf, der neben seinem Liederschätze — eine seltene Beigabe —- auch des Geldes und Gutes im Ueberflussc besaß. Der Alte machte gar kein Hehl von seinen Reichthümern, sondern that sich vielmehr ein Ziemliches darauf zu Gute, indem er mit großer Ruhmredigkeit von seinen Kunstfahrtcn erzählte, und welche Fürsten und Machthaber alle, geistliche wie weltliche, ihn mit Kleinodien beschenkt hätten. Es fanden sich indeß welche, die bezweifelten, daß er seinen ungewöhnlichen Wohlstand allein dem Gesänge danke, zumal nicht unbekannt war, wie er auch mit den tieferen Wissenschaften sich befasse und in der Sterndeuterei, sowie im Gebrauche des Erdspiegels und der Wünschelruthe wohl erfahren sei. Mißgünstige Menschen sprachen sogar von einem Bunde mit den bösen Geistern, ein Verdacht, welcher in jenen Zeiten Manchen traf, der in die Geheimnisse der Natur besser eingeweiht war, als die unwissende Menge. So viel hatte seine Richtigkeit, daß fromme Gesinnung nicht die hervorragende Eigenschaft unseres Künstlers war. Man sah ihn äußerst selten in der Messe und mit Noth des Jahres einmal am Tische des Herrn, Wir haben diese launige Erzählung den gegenwärtig zur Subscription aufliegenden ,gesammelten Schriften" Ädalb. Müller's entnommen, um durch dieses Probestück unsere Leser zetzt schon aus diese demnächst erscheinenden Schriften aufmerksam zu machen. Die einfache und doch fesselnde Darstellung, der natürliche Humor, mit dem diese Erzählung gewürzt ist, ist sicherlich geeignet, einen günstigen Maßstab zur Beurtbeilung aller Erzählungen dieser reichhaltigen Sammlung an die Hand zu geben. Sie enthalten Sagen und Legenden aus Südveutschland, Fromme Lieder, Fliegende Blätter, Miscellen. Bestellungen sind in derM. W äsn er'sehen Buchhandlung zu Regensburg oder auch in jeder beliebigen Buchhandlung Bayerns zu bewerkstelligen. Preis 1 fl. 45 kr. Die Red. 134 «nd eben so wenig zeichnete er sich durch Freigebigkeit an die Klöster und Bruderschaften L aus, weßhalb er bei den Strenggläubigen eben nicht im besten Gerüche stand. ' Meister Peter hatte eine Tochter — das einzige Kind — welche gerade das Widerspiel des Vaters war, und wenn dieser durch Schroffheit und Hochmuth die Herzen abstieß, zog Lisbeth durch mildes und bescheidenes Wesen alle an. Zufolge ihres Liebreizes und ckugendsamen Wandels hätte sie Freier die Menge gefunden, wenn auch im ^ Hintergründe nicht die reiche Mitgäbe gestanden wäre. Der Alte aber erkannte nicht, 5 welch' kostbare Perle er an seiner Tochter besaß, sondern grollte mit dem Himmel, daß er ihm keinen Sohn beschicken, auf welchen er seine Kunst hätte vererben können; denn er war auf seinen Ruhm nicht minder stolz, als auf seinen Mammon? Als nun Lis- beth mehr und mehr heranwuchs, kam er auf den Einfall, durch sie dennoch der Stammvater eines Sängergcschlechtes zu werden, und ließ derohalben kund thun, daß er dem- - jenigen seiner Tochter Hand benebst einer Aussteuer von zwanzigtausend ungarischen Gulden gebe, so das schönste Minnelied dichte und absinge. In öffentlichem Wettkampfe -sollte der Preis nach dem Ausspruche der bestellten Kunstrichter erworben werden. — Ungerührt von den Bitten und Thränen der Tochter und den Vorstellungen seiner Freunde sandte Meister Peter das Ladschreiben im ganzen Reiche herum und fügte, um das Maß voll zu machen, mündlich den frevelhaften Schwur bei: „Er werde sein Wort halten, wenn auch der böse Feind selber unter den Bewerbern sich einsinke." Das Plakat des Augsburger Meisters zündete wie ein Blitzstrahl in der deutschen Iunggcscllenwelt, und wer nur immer „Herz und Schmerz" zusammenreimen und ein Tänzchen auf der Zither klimpern konnte, quälte sich mit dem Versuche, ein Lied auszuhecken und in Noten zu setzen. Sämmtliche Geigenmacher zwischen Rhein und Oder waren nicht im Stande, so viele Harfen, Lauten und Fideln beizuschaffen, als die Nachfrage verlangte. In der Vaterstadt Lisbeth's griff erklärlicher Maßen der poetische Schwindet am Allgemeinsten um sich und verrückte den gesetztesten Männern den Kops. Alles, was noch nicht beweibt war, summte, pfiff und trillerte den lieben langen Tag über vor sich hin, zu Hause und auf der Straße, und ganz Augsburg schien dem Ohre verwandelt in einen von tausenderlei Singvögeln bevölkerten Zauberwald. Solche Macht haben Liebe, Habsucht, Selbstdünkcl und Ehrgeiz über den Menschen. Der Preis war aber auch gar zu anlockend, und manches hungernde Dichterlein sah im Geiste bereits sein ärmliches Dachstübchen von der strahlenden Schöne der Goldbraut erhellt. § Einer nur nahm nicht Theil an dem Jubel und den Hoffnungen, welche die Aus- schreibung hervorgerufen hatte, und das war der ehrsame Geschlechter Herr Dietrich Lang enmantel. Der junge Mann hatte seit geraumer Zeit sein Auge auf Lisbeth geworfen und, von ihr gleichfalls gerne gesehen, war er eben daran, förmlich um ihre Hand anzuhalten, als ihm des Vaters wunderliche Grille einen bösen Strich durch die Rechnung machte. Den starrsinnigen Alten von seinem Vorhaben zurückbringen zu , wollen, wäre verlorene Mühe gewesen, und eben so wenig durfte sich Junker Dietrich irgend Hoffnung machen, den Preis im Wettgesange zu erringen; denn so gut er auch im Rathe das Wort und auf dem Schlachtfelde das Schwert zu führen vermochte, —> in der edlen Musika war er ein erbärmlicher Stümper und kaum vermögend, ein einfaches Trinklicdlein genießbar vorzutragen. Schon war der Vorabend des zum Wettspiele festgesetzten Tages gekommen, und noch wußte der liebessieche Junker nicht, wo aus oder an. Rathlos irrte er in den Straßen der Stadt herum und kam endlich, geleitet von seinem guten Engel, vor Sanct ' Ulrichs Münster. Er trat ein, um bei Gott Tröst zu suchen, wie ein frommer Christ ^ thun soll. Eben verklangen die letzten Glockcnschläge des Angelus im Thurme, und Dietrich fand sich zu dieser späten Stunde allein in den weiten, dunkelnden Hallen. Er fiel an den Stufen des Altares auf die Kniee und betete lange nnd inbrünstig. Als er sich wieder erhob, sah er zu seiner Verwunderung das Grabmal des heiligen Ulrich von einem blendenden Silberscheine übergössen, und ob dem Steine schwebte in wallender Lichtwolke die ehrwürdige Gestalt eines greisen Bischofs. Solch' unaussprechliche Milde- und Güte hatte Dietrich nie zuvor in einem menschlichen Antlitze geschaut, und er fühlte augenblicklich alle Furcht beschwichtiget. „Mein Sohn!" begann die Erscheinung mit sanfter und dennoch klangvoller Stimme, „wisse, nur eine dünne Erdrinde trennt die Wohnungen der Menschen von den Grüften der Hölle, und die da unten hören leise. So hat denn der Satan den vermessenen Eid jenes Rabenvaters vernommen und sich aufgemacht, um den Preis zu ringen. Aber Gott, die ewige Gerechtigkeit, duldet nicht, daß eine schuldlose Seele zu Grunde gehe." Beim Schlüsse dieser Rede erhob sich der Heilige in seiner Wolke gegen den Altar hin, öffnete das auf dem Pulle liegende Meßbuch und riß ein Blatt heraus, welches er zusammenrollte und dem Junker darreichte, mit den Worten: „Morgen erscheint unter den Wettkämpfern auch Derjenige, dessen christgläubige Herzen nur mit Grauen gedenken. Der Herr wird dir die Augen öffnen, daß du ihn trotz seiner gleißenden Vermummung erkennest. Halte dich in seiner Nähe, folge achtsam seinem Gesänge, und wenn du gewahrst, daß er zu Ende kommen will, so lege ihm behende dieses Blatt unter und sei des Erfolges gewärtig." Sprach's und verschwand. Der Junker, welchem neuer Lcbcnsmuth durch die Adern strömte- warf sich noch einmal vor dem Altare nieder und verließ sodann nach kurzem, aber heißem Dankgebete die Kirche. Zu Hause angelangt, fand er, daß die Rolle, welche ihm der Heilige gegeben, den englischen Lobgcsang enthielt, wie ihn der Priester in der Messe mit den Worten: „Oloria in sxoslsis Dno" zu intoniren pflegt. Am folgenden Tage glich die gute Stadt Augsburg einem Bienenstöcke, so wimmelte es auf den Straßen und Plätzen allüberall von Fremden. Die Meister und Pfuscher aus ganz Dculschiand halten sich cingcstclll, und noch ungleich größer war die Zahl der Neugierigen, die das Fest herbeigezogen. — Zur bestimmten Stunde ergoß sich der Schwärm in die geräumige Halle des Umlauf'schen Hauses, welche auf's zweckmäßigste zum Schauplätze hergerichtet war. Weit gegen die Mitte des Saales vorgeschoben, stand der mit schwerem Goldbrokat bchangene Singcstuhl, eine Art Katheder, welchen die vortragenden Sänger zu besteigen hatten. Diesem zur Rechten und Linken, aber tiefer im Hintcrgrnnde, erhoben sich zwei Estraden, die eine bestimmt für Meister Peter und seine Tochter, die andere für die drei Mcrker, welche das Preisgericht bildeten. — Stuhl und Estraden umgaben in weitem Halbkreise die Bänke der Prciswerber. Jeder derselben hatte eine Pergamentrolle in der Hand, auf welcher seine Composition verzeichnet war, und einen Diener hinter sich, der das Instrument seines Herrn im Arme hielt. Eine Schranke, quer durch den Saal gezogen, schloß die eigentlichen Festgästc von dem bloß zuhörenden Publikum ab. Nachdem Alles Platz genommen, überschaute Meister Peter die glänzende Versammlung mit der Miene befriedigten Stolzes, die für einige Augenblicke in den Ausdruck des Spottes überging, als er in der Reihe der Sänger auch Dietrich gewahrte. Die Neigung des Junkers zu seiner Tochter war ihm nicht unbekannt, aber eben so gut wußte er, welch' ein ungeschickter Poet jener sei. — Ganz andere Gefühle durchzuckten Lisbeths Herz, als ihr Blick diesen Mitwerber traf, und sie hielt mit Mühe die Thränen zurück, welche ihr in die vom Kummer getrübten Augen traten. Meister Peter gab jetzt das Zeichen zum Beginne. Man hatte ausgemacht, daß die Künstler nach dem Loose auftreten sollten. Der Erste, welcher den Singstuhl einnahm, ließ sich in der Weise Nosenblüth's hören; Andere folgten in der fröhlichen Lobwcise Hans Berchlcr's von Straßburg, im güld'nen Ton, in der geblümten Paradicswcisc und dergleichen. -Es waren einige gute Sänger darunter, aber begeisterten Beifall wußte keiner hcrvorzulocken. Die Merkcr horchten aufmerksam den Vortrügen und notirten sogleich auf ihren Tafeln, wenn ein Verstoß in der Form gegen die Gesetze der Tabulatur oder im Inhalte gegen die Erzählung der Bibel und der Heiligen-Geschichte vorfiel. 136 Jetzt kam die Reihe an Nummer Siebzehn, und in dem Aufgerufenen, welcher mit langen Schritten dem Singstuhlc zueilte, erkannte Junker Dietrich kraft der ihm verheißenen höheren Eingebung alsogleich seinen Mann, obfchon derselbe äußerlich durchaus nichts Auffallendes zeigte; denn der Teufel ist nicht so dumm, daß er etwa durch eine rothe Hahnenfeder und einen feuerfarbencn Mantel sich selber den Aushängeschild der Hölle ankleben sollte. Der Fremde begann seinen Vortrag mit einem Präludium auf der Laute, die er meisterhaft handhabte. Hierauf ließ er ein Lied folgen, welches die schöne Helena und die Freuden des Venusberges zum Gegenstände hatte. Schon bei den ersten Tönen seiner glockenreinen Tcnorstimme gaben sich alle Mitbewerber verloren, und gleichwohl konnten sie dem Entzücken nicht widerstehen, welches diese zauberischen Weisen in der Versammlung hervorriefen. Besonders hingerissen zeigte sich Junker Dietrich. Er hatte seinen Platz verlassen, und rückte dem Sänger mit jeder Strophe näher und näher, bis er zuletzt dicht hinter ihm stand. Es schien, als wolle er das Liederbuch, welches der Fremde vor sich auf dem Pulte liegen hatte, mit den Augen verschlingen, in solch' gespannter Aufmerksamkeit folgte er dem Gesänge Note für Note und Wort für Wort. Eben wollte jener mit einer glänzenden Schlußstrophe sein Lied beendigen, als Dietrich's flinke Hand ihm das Blatt aus dem Mcßbuchc einschob. Da hätte man sehen sollen — denn beschreiben läßt sich so etwas nicht — welche Veränderung urplötzlich mit dem Fremden vorging. Der Siegesstolz in seinen Zügen wich im Nu der Grimasse des höchsten Entsetzens; seine Gesichtsfarbe, erst die eines Mannes von blühender Gesundheit, wurde giftiges Gelb, sein einschmeichelnder Gesang das Brüllen einer wilden Bestie. Er wollte das Blatt hinwegschleudcrn und vermochte es nicht; er wollte vom Stuhle aufspringen, aber eine unsichtbare Macht hielt ihn stramm darnieder, und dieselbe Gewalt zwang ihn auch, das Gloria anzustimmen. Er that es mit einem Geheule, welches den Zuhörern die Haare zu Berge trieb und das Blut in den Adern starren machte. Keiner hatte Lust, das Ende dieser höllischen Hymne abzuwarten, und kopfüber stürzte Alles dem Ausgange zu. Durch ein ganzes Stadtviertel verfolgten die schauderhaften Laute die Flüchtlinge. Der alte Umlauf war nun innc geworden, welchen Gast er durch seinen Frevel sich in's Haus geladen. Er ging, um den Nest seiner Tage der Buße zu widmen, als Laienbruder in ein Kloster, nachdem er seine Schätze theils seiner Tochter, theils der Kirche, seine Lieder aber insgesammt dem Feuer übergeben. Von daher rührt es, daß von diesem berühmten Meister keine Zeile auf uns gekommen, was die Gelehrten heute noch beklagen. Lisbcth, als sie sich von der Krankheit erholt, welche ihr der Schrecken zugezogen hatte, reichte ihrem Retter die Hand, und das war zweifelsohne das beste Ende vom Liede. (Theurer Wein.) Der älteste Rheinwein in der „Rose" des Rathskellers zu Bremen soll aus dem Jahre 1624 stammen. Eine jüngere Sorte ist vom Jahre 1668. Dieser Rheinwein kostet, wenn nur 6 Oxhoft zu 300 Thaler Gold eingekauft wurden, mit Zins und Zinses^ins, Lekkage und Ersatz mit 10 Procent seit 192 Jahren, das Oxhoft 5752 Millionen Thaler; die Flasche 22 Millionen Thaler; ein Glas (8 auf die Flasche) 2'/-^ Millionen, und jeder Tropfen (1000 Tropfen auf ein Glas gerechnet) 2750 Thaler. Druck, Derlae und Redaktion des lilerarischen Instituts von Dr. M. Huttler.