Nr. 18. 3. Mai 1868. Augsburger Sonntags-Blatt. Eine Bresche ist jeder Tag, Die viele Menschen erstürmen, Wer auch in die Lücke fallen mag, Die Todten sich niemals thürmeu. Göthe. Sanct Marthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Siehe da — ein Ueberbleibsel aus der zerstörten Römerstadt, unter deren Trümmern wir stehen! Vermuthlich war es ein römischer Kaufmann, der sich hier Villa und Garten gegründet hatte, sich des erhandelten Reichthums zu erfreuen und die Tage seines Lebens zu vergeuden in flüchtiger Weltlust! Dieses Gebilde ist trotz der Zertrümmerung unschwer an dem geflügelten Hute zu erkennen: es ist Merkurius, welchen die Heiden in ihrer Verblendung als den Gott des Handels verehrten! ... Es ist kunstvolle Arbeit, und auch ohne dieß wohl werth, daß Ihr dem Bilde ein Plätzlein gebt in einer Ecke des Hofs ... es soll Euch ein Denkzeichen sein, eine stete Mahnung an die Vergänglichkeit! Sehet an dieß Gebilde — es ist zertrümmert, ist vergangen! Wo ist der Bildner, der eS geschaffen? Wo sind die Menschen, wo ist die ganze Welt, für die er es geschaffen? Dahin! Vergangen! Verweht wie der Wind, der über die Erde fährt und ist seine Spur nicht zu finden! Und so vergeht Alles, was irdisch ist! So werden verschwinden und vergangen sein alle Bilder und Zeichen bis auf das Eine, das allsiegende Kreuz unseres Heilands und Herrn! — Und wohl dem," fuhr er fort, das Auge fester auf Chriembert gerichtet, der noch trotziger und starrer da stand, als wolle er zeigen, daß es ihm nicht in den Sinn komme, den freien Nacken zu beugen, „wohl ihm, der sich willig unter dasselbe schmiegt und freudig, denn er wird inne werden, daß das Joch süß ist und die Bürde leicht — wer ihm aber zu widerstreben vermeint, dem wird der Herr den Sinn brechen, denn er hat die Gewalt dazu und die aus den Wolken weithin über den Erdball reichende Hand! Sprich, Jukunde, mein Sohn," redete er den ihm zunächst stehenden Knaben an, „sage, wessen Angedenken wir heute feiern im Kreise der christlichen Gemeinschaft?" „Das Andenken von Sanct Bartholomäus, dem Sendboten und Blutzeugen," erwiderte der Knabe. „Und Sanct Bartholomäus," fuhr der Mönch in steigender Betonung fort, „hatte sich auch vom Herrn abgewendet in dem Hochmuth seines Herzens! — Er war es, der im Stolze gesprochen: „Was kann wohl des Guten kommen von Nazareth?!" Aber es kam über ihn die Stunde, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, und wo er es bekennen mußte, daß der Mensch keinen dauernden Stab und kein anderes Heil hat, als den Herrn! Und der erst getrotzt, ward der geschmeidigste Diener des Herrn und der ihn gcläugnet, bekannte ihn unter den Qualen des Todes und unter den Messern seiner Peiniger und Henker, die ihn schunden, rief er mit Frohlocken zu ihm ..." 138 Plötzlich hielt der Eifernde mitten im Fluß der Rede ein und lauschte — von der ^ Höhe des Hügels herab tönte es wie Saitenspiel, Flötenklingen und fröhlicher Gesang, befremdlich stimmend zu der feierlichen Ruhe der Nacht und den ernsten Worten des Predigers. Die Töne zogen von den Trümmern des Castells herab und schienen den schlangelnden Bergweg entlang immer näher zu kommen: ehe der Pater, dessen Blicke sich unwillig und strafend in der Richtung der Töne erhoben, die Frage ausgesprochen, trat Eigel erklärend und wie entschuldigend vor und sagte: „Das sind die longobardischcn Ede- lingc, würdiger Vater, welche Herzog Dict und seinen Söhnen das Geleit gegeben, heraus aus dem Walchenland! Sie haben ein Gelage gehalten droben in der alten Burg und mögen jetzt abziehen, weil sie wahrscheinlich von der Höhe aus den Jagdzug des heimkehrenden Herzogs gewahr geworden ..." Der Mönch erwiderte nichts; seinen Zöglingen winkend, eilte er raschen Schrittes stromaufwärts, wo starke Bäume als Pfeiler in das Bette der Salzach eingerammt waren, und ein schwankendes Balkenlager als Brücke trugen, unter welcher der Fluß, wie des Zwangs unwillig dahin schoß. Sie waren kaum im Dunkel des jenseitigen Ufers verschwunden, als der fröhliche Zug bereits von Fackeln beschienen, auf den Terassen zwischen den Trümmern und Büschen der römischen Siedelungen sichtbar wurde — laut und in ungebändigter Lebenslust: es hatte den Anschein, als wäre ein Theil der Bewohner der alten fröhlichen Römer-Colonic aus Gruft und Asche zurückgekommen, noch einmal eine bacchische Nacht zu feiern, wie sie einst so oft das nächtlich schlafende Echo der Berge geweckt. Die Gesellschaft im Vorgarten des Eigelhofs trat vom Gehege etwas zurück: die Nacht und der noch dichtere Schatten einer Lindcnkrone, die sich in der Ecke erhob und ausbreitete, ließ sie die Vorüberziehenden beobachten, ohne selbst erblickt zu werden. Dem Zuge voran schritten einige halbnackte Gesellen mit Cymbeln und Handpaukcn, die sie in ausgelassenen Sprüngen einher tanzend^ schüttelten, schwangen und schlugen; Musiker folgten, mit Kränzen von Eichenlaub im Haar, auf Flöten oder zweiteiligen Zinken blasend, oder in den Saiten weitgebauchter Lauten spielend, während eine Schaar Sänger, mit Rosen und kostbaren Blumen bekränzt, ein übermüthiges Weiulied sangen, des Inhalts, daß die alten fröhlichen Götter die Erde verlassend in den Olymp zurückgekehrt seien, und daß nur zwei derselben bei den Menschen, ihren verwaisten Lieblingen zurückgeblieben, die Herrin der Liebe und der Gott des Weins. Ein Jüngling, dem beginnenden Mannesalter nahe, eine hohe Gestalt mit schönem, von sinnigem Ernst überflogenen Angesicht schritt hinterher, im Mantel und Leibrock der Bajoaren, auf der Brust ein gesticktes Schildlein von weiß und blauen Rauten, das die fürstliche Abstammung erkennen ließ. Es war Grimwalt, Herzog Theodos ältester Sohn. Die nach ihm kommenden Jünglinge und Männer waren alle in weiße Gewänder gekleidet, weit bis über die Knie herabfallend und mit breitem Purpursaum besetzt; weite weiße Beinkleider mit bunten Streifen umwickelt, reichten bis zu den Knöcheln herab, während im Gürtel ein reich mit Steinen besetzter Dolch blitzte und ein kurzes breites Schwert an zierlichem Kettlein davon nicderhing. Es waren hohe wohlgebaute Gestalten mit kühnen Köpfen und rothwangigen Gesichtern voll lachenden Uebermuths, blauen Augen und rothen Haaren und Bärten Das Haar war ihnen am Hintcrhaupte ganz kurz geschoren, während es von Stirne und Schläfen in langen, langen Locken und Strähnen bis aus den Bart und mit diesem bis auf Brust und Lenden herabfiel — ein glänzender Reif hielt es an der Stirne zusammen, daß es nicht in wirrer Unordnung ,> durcheinander fiel. „Das sind die Fremden, die Langbärte," flüsterte Eigel seinem Gaste zu. „Der Lachende dort mit dem wie ein Stern funkelnden Stirnband ist Prinz AnSbrand, ihr künftiger König, dem Herzog Diet zu Thron und Krön verhelfen gegen seinen widerspenstigen Ohm ..., der männliche Recke hinter ihm ist Aistulf, sein Schwertträger und 139 ^ Bannerführer und der hübsche blasse Jüngling,, den er am Arme führt, ist Dietwalt, I unseres Herzogs jüngster Sohn . . ., der ist weniger besonnen und ernst, wie sein voranschreitender Bruder und es will verlauten, als sei er zu lang verweilt an dem ausgelassenen Langobarden-Hofe zu Pavia . . . Aber komm jetzt hinein in's Haus, Freund. Chriembert: es wird Zeit sein, uns auf den Weg zu machen, wenn Du Dein Gastgeschenk heut' noch übergeben willst. . ." ^ Sie gingen, die Thüre des Gehöftes schloß sich; bald darauf traten die Männer an der Rückseite wieder heraus und schritten zwischen den Trümmern einen etwas beschwerlicheren aber kürzeren Pfad an der Anhöhe dahin und der Brücke zu. Als der Zug der Langobarden an dem Gehöfte vorüber war, hielt Prinz Dietwalt seinen Gefährten, den wälschen Fürsten unmerklich am Arme zurück und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Lachend ließ dieser seinen Arm los und schritt mit allen klebrigen voran: Niemand ward es gewahr, daß Dietwalt mit einem Begleiter allein zurück- blieb. Als Musik und Fackelschein über der Brücke verklungen und erloschen waren, trat der Prinz aus dem Weggebüsche, hinter dem er sich verborgen halte, hervor und näherte sich dem Gehege. Er glaubte allein zu sein: es hätte auch ein scharfes nacht- gewohntes Auge dazu gehört, in der Finsterniß ein paar Gestalten zu unterscheiden, welche ihn offenbar beobachteten und wie an seine Sohlen geheftet, stille standen, sobald er anhielt, und ihm folgten, wie er weiter schritt. „Geh' zur Seite," raunte der Prinz seinem Begleiter zu, „aber bleib' in der Nähe und harre meines Rufs ... als wir heut Morgen an diesem Hofe vorbeizogen, habe ich ein schönes Dirnlein gewahrt; ich will versuchen, ob ich nicht vermag, sie herauszulocken . . . ^ „Ich kenne sie," — lachte der Knecht, „es ist Leutbirg, des Barschalken Florianus Töchterlein — ein holdselig Kind, schlank und helläugig wie ein Falke!" „Und ebenso scheu!" entgegnete Dietwalt. „Ich rief und lachte ihr zu, aber sie ^ huschte in's Haus, wie ein aufgeschreckter Vogel! Das gefällt mir eben, laß sehen, ob ^ sie nicht kirre zu machen ist — es sind schon wildere gezähmt worden, sollt' ich meinen ..." Er versuchte, das Thor im Gehege zu öffnen; es wich nicht und über seinem Rütteln begann der wachende Wolfshund zu knurren. „Ihr werdet Lärmen machen," flüsterte der Knecht. „Das schadet nicht," entgegnete Dietwalt, „vielleicht meldet sie sich doch, um nach dem Störenfried zu sehen: mehr will ich für's Erste nicht erreichen . . ." Inzwischen war die Ejne der spähenden Gestalten unbemerkt völlig herangekommen: wie der Prinz wieder an das Gehege faßte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Erschrocken prallte er zurück, die Hand am Schwertknauf, zur Abwehr eines Angriffs bereit. „Was ist hier?" rief er. „Wer verlegt mir den Weg? ... Ein Weib?" fuhr er dann wieder näher tretend fort, nachdem er die vor ihm stehende Gestalt schärfer in's Auge gefaßt. „Wer seid Ihr?" „Ja — ein Weib . . . " erwiderte eine tief und voll tönende, aber vor leideu- ' schaftlicher Erregung bebende Stimme. „Kennt Prinz Dietwald dieses Weib nicht mehr? Muß es ihm seinen Namen nennen?" „Amalaswiuth ..." stammelte betroffen der Prinz; während die Gestalt den , dunklen Mantel, der sie umhüllt halte, vollends fallen ließ — über dem weißen lango- > bardischen Unterkleide ward ein eng anliegendes Gewand von dunkelrother Farbe sichtbar, am Saume und rings an Hals und Aermeln mit weißem Schwanenflaum besetzt. Rothblonde Locken ringelten um eine finster gesaltene marmorweiße Stirn, die Augen flackerten blau und unheimlich wie Irrlichter. i „Ich bin's," sagte sie bebend. „Hast Du meinen Namen doch nicht vergessen, wie 140 Deine Eide? Dachtest Du, mir heimlich zu entschlüpfen? Dachtest Du, ich würde Dich ziehen lasten? War ich Dir nicht einmal der letzten Rede mehr werth, daß Du vor mich hingetreten wärst, mir Stirn gegen Stirn zu sagen... fahr' wohl, Amalaswinth... ich bin Deiner überdrüssig." „Was suchst Du hier?" erwiderte, sich rasch ermannend, der Prinz. „Ich wollte Dir und mir den unvermeidlichen Abschied ersparen. . ." „So?" höhnte sie grimmig. „Wolltest Du das? Und warum war der Abschied unvermeidlich, Du zärtlich vorsorgendcs Gemüth? Sag' mir Deine Gründe, Mann, wenn Du nicht willst, daß ich unter die Mannen Deines Vaters trete, und ihnen die Mähre verkünde von Dictwalt, dem Bajoaren - Prinzen, der ein Verräther war und zehnfachen Meineid schwur!" „Wahnsinnige!" entgegnete Dictwalt noch kälter. „Mäßige diese Wuth! Sie ist es, die mein Herz von Dir abgewendet ... ich will nicht wie Jener in der alten Heidenfabel an einen Fels geschmiedet sein und dem nimmer satten Geier Deiner Leidenschaft stündlich die Brust zum Zerfleischen bieten! Deine fürchterliche Wildheit ..." „Fürchtest Du mich schon?" rief sie auflachend. „Zu frühe, mein feiner Prinz, zu früh' . . . erst lerne mich kennen und dann beginne, und laß' in Deinem schuldbewußten Gemüth Grauen vor mir erwachen! Wisse denn, Dictwalt, wenn Du es noch nicht gewußt, da wo die Sonne den glühenden Wein reift, sind auch die Herzen der Frauen lautere Glut ... wir können nur lieben oder hassen! Noch — noch lieb' ich Dich! Hüte Dich, daß die Liebe nicht vollends erlischt und über ihrer Asche der Haß frei und festellos auflodert ..." Der Prinz machte eine Bewegung, sich zu entfernen; sie griff nach seiner Hand und hielt ihn gefaßt. (Fortsetzung folgt.) Cine Heldin. Das vor Kurzem erschienene Tagebuch der Königin Victoria ist ohne Zweifel einer der schlagendsten Beweise, wie sehr in unserer Zeit die öffentliche Meinung in ihren gröbsten Verirrungen durch die schlichte, einfache Wahrheit auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. Es ist ein höchst seltsames Buch, aus welchem die Freunde und die Feinde der englischen Königin viel lernen können; — es ist mehr als ein einfaches Tagebuch einer glücklichen Gattin und glücklichen Mutter — es ist ein Stück constitutionell- parlamentarischer Geschichte der Neuzeit; man kann daraus ersehen, was eigentlich ein König von England ist . . . wahrlich kein bcneidenswerthes Loos und ein geistreicher Diplomat hat das rechte Wort für dieses merkwürdige Werk gefunden: O'est I'Iiistoliu en robs cks eliambre. (Es ist die Geschichte im Schlafrocke.) In ihrem Tagebuche schreibt Ihre Majestät am 21. October 1842: „Soeben theilt man mir die mich tief bewegende Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Wer von unseren Lesern hat wohl je von dieser Grace Darling gehört, deren Tod die Königin von England so tief erschütterte? Denkt man nicht gleich an irgend eine hocharistokratische Lady, die vielleicht mit der Königin erzogen worden, oder die sie genau gekannt hat? — Nichts von dem — Grace Darling war ein armes Fischermädchen, und gewiß cine der größten Heldinnen unserer Zeit. Am 6. December 1838 sah man das Dampfboot „Forfarshire" mit verzweifelter Energie gegen die Strömung kämpfen, welche eS gegen die steilen Felsen der Farne- Jnseln zog. Es war ein Schiff von dreihundert Tonnen, welches von Hüll nach Dundee ging und dreiundsechzig Mann an Bord hatte — den Capitän und seine Frau, zwanzig Matrosen und einundvierzig Passagiere. — Im Augenblicke, wo das Schiff sich in Sicht von Flamboroug-Head befunden, hatte man ein Leck neben der Maschine entdeckt, und fast zu gleicher Zeit hatte sich der Wind nach N.-O. gedreht und heulte mit solcher Wuth, daß die Pumpen unfähig wurden, des einströmenden Wassers Herr zu werden. — Wenige Minuten später zeigt eine sich zischend erhebende Dampfsäule an, daß das Wasser in die Kessel gedrungen ist und beinahe augenblicklich nachher beginnt ein peitschender Regen mit solcher Macht das Deck zu bespülen, daß es fast unmöglich ist, sich daraus aufrecht zu erhalten. — Wenige Minuten darnach spülte eine Welle den Steuermann über Bord, das Schiff ist aller Leitung beraubt, das Unwetter nimmt von Sekunde zu Sekunde zu und gegen vier Uhr Morgens stößt es mit einem fürchterlichen Gekrach auf einen der hervorragenden Felsen der Farne-Jnseln. — Mehrere Matrosen stürzen in einen Kahn und zwei Passagiere finden den Tod in den Wellen, indem sie ihnen nachwollen; doch als wenn diese schreckliche Empörung ler Natur noch nicht genügte, um das lecke Schiff zum Untergänge zu bringen, erhebt sich plötzlich ein Windstoß, wie man einen gleichen wohl nie an der englischen Küste beobachtet, ergreift das Schiff, hebt es fußhoch aus dem Wasser und schleudert es mit solcher alles vernichtenden Kraft auf den Felsen, daß es berstet, die eine Hälfie in die Fluth zurückgcspült wird und verschwindet und die andere auf dem Felsen bleibt, den ewig hin- und herwogendcn Wellen ausgesetzt und aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Augenblicken das Loos der anderen Hälfte theilend. Eine Meile von den Felsen entfernt, auf welchem der „Forfarshire" den Untergang gefunden hat, erhebt sich der auf den Seekarten bekannte Felsen Longstone. Dieser Felsen ist für die Schiffsahrt so gefährlich, daß die Regierung einen Leuchtthurm hat errichten lassen, um die Schiffer vor diesen unheilbringenden Gründen zu warnen. Ein Mann, seine Frau und seine Tochter bewohnen diesen Leuchtthurm. Der Mann, William Darling, ist ein alter Steuermann der königl. Marine, — seine Tochter Grace ist zweiundzwanzig Zahre alt. Das Bildniß dieses Mädchens, welches in England wohlbekannt ist, stellt ein reizendes, junges Mädchen dar, groß und von graziösem Wuchs, — ein seltsam regelmäßiges Gesicht, von blonden Haaren eingerahmt und von großen, blauen, träumerischen Augen wie beleuchtet! Beim Anbruch des Tages hat William Darling die Schiffbrüchigen auf dem Felsen bemerkt, hat ihre Lage erkannt . . . und erkannt, daß sie verloren sind. Er ruft sein Weib und sein Kind: „Laßt uns beten Ihr Frauen", sagte er, „dort drüben hält unser Herr ein strenges Gericht!" — „Kann man nicht mit dem Kahne hin", ruft Grace, „und die Armen retten?" — „Das hieße Gott versuchen", erwiderte der Nater, „hier kann kein Mensch helfen, man hätte kaum zehn Ruderschläge gemacht, so wäre unser elender Kahn-Kiel nach oben — horch, welch ein Sturm — welch Wetter — es ist wie am jüngsten Gericht!" — Grace läßt das Haupt sinken, fallet die Hände und bleibt einige Augenblicke in stummes Nachdenken versunken: dann verläßt sie, ohne ein Wort gesprochen zu haben, das Zimmer. — Wenige Augenblicke später stößt die Mutter einen grellen-Schrei aus: „William, das Mädchen bindet den Kahn los . . . sie will hinüber!" — Der Vater stürzt hinunter und kommt gerade zur rechten Zeit an die kleine Bucht, als Grace vom Ufer abstoßen will. Er springt in den Kahn, er will sie an ihrem Vorhaben verhindern, doch sie beugt sich bis an sein Ohr und sagt: „Vater, ich würde keine einzige Nacht mehr schlafen können, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, die Unglücklichen zu retten; . . . und Du auch nicht, Vater." — „Aber es ist ja unmöglich, Mädchen!" — „Wenn Gott helfen will, ist nichts unmöglich, Vater!" Und damit hat sie sich der Stange bemächtigt, und mit einem kräftigen Stoße ist das Boot vom Ufer. Der alte Mann will noch einige Einwendungen machen; doch plötzlich gibt er auch die auf. „Wie Gott will", sagt er, „es ist ein elendes Leben in jenem Thurme,. . . und für die alte Frau muß die Regierung sorgen, wenn wir im Magen der Fische liegen!" Und mit ge- 142 übter Hand ergriff er ein Ruder, während Grace schon mit aller ihrer Kraft das ihre über das Wasser streifen läßt. Und Gott hat das Liebeswerk des armen Mädchens mit gnädigen Augen angesehen. Während die Mutter weinend auf den Knieen liegt und verzweifelt die Hände ringt, kämpfen Vater und Tochter mit den entfesselten Elementen; er starr und düster wie das Fatnm — sie mit Hellem, lichten Gottvertraucn. Und es gelingt ihnen; neun Leben sind von ihnen gerettet — der Rest von dreiundsechzig — und nach unendlichen, übermenschlichen Anstrengungen bringen sie die Geretteten, die sie fast leblos an den Zacken des Felsens angeklammert gefunden hatten, nach dem sicheren Leuchtthurm zurück. — Am nächsten Tage fing Grace an Blut zu speien. Ein einziger Bcwunderungsruf ertönte durch ganz England; der Name Grace Darling bekam eine Popularität, wie ihn wohl nie der eines unbekannten Mädchens gehabt. Man eröffnete eine Subscription, die in wenigen Tagen 750 Pfund Sterling eintrug. — Die Königin ließ sich das Fischermädchen vorstellen und versprach ihr, stets für sie zu sorgen; die Herzogin von Northumberland nahm sie mit sich nach Alnwik und entließ sie mit Geschmeiden überladen. Die Poeten feierten sie in allen Blättern und nach einigen Monaten waren zwei Romane fertig, deren Heldin sie war: Iwroine ol tlio kürns l^Ianck« und maici c>s tlik; Iulss." — Ja sogar ein Riva! Barnums bot ihr bedeutende Summen, damit sie sich auf dem Theater zeige; und einige von jenen tristen Originalen, welche auf der Jagd nach Celebrität sind und deren England so viele zählt, boten ihr mit ächt englischer Delikateste an . . . sie zu heirathen. Doch Grace Darling, von Tag zu Tag mehr leidend, zog sich, von dieser Berühmtheit mehr als unangenehm berührt, täglich mehr in sich selbst zurück, sie schlug alle An- erbietungen aus, um ihre Eltern nicht verlassen zu müssen, sie verließ fast nie mehr ihren Leuchtthurm, außer des Sonntags, um zur Kirche zu gehen . . . bald unterließ sie auch dies — und am 21 October 1842 schrieb die Königin Victoria in ihr Tagebuch: „Soeben theilt man mir die mich tief erschütternde Nachricht des Todes der armen Grace Darling mit." Sie starb an der Schwindsucht in ihrem 26. Jahre; sie ist selbst in England längst vergessen, nur in einigen Matrosenschenken an der Küste findet man noch eine schlechte Lithographie, welche das Bildniß der Retterin der Schiffbrüchigen des Forfarshire darstellt. (Anekdoten über König Ludwig 1.) In einer Serie von Artikeln der „A. Allg. Ztg.", die das Andenken des verstorbenen Königs feiern, finden sich auch folgende anekdotische Züge: „Beim Congrcßspiel zu Wien hatte Vater Max, wie es hieß, eine Million in die Schanze geschlagen; seine Minister bezogen bei 30,000 fl., ja der Minister-Präsident durch Binirung der Aemter bis zu 70,000 fl. Kürz nach seinem Regierungsantritt setzte Ludwig l das Maximum eines Miuistergehalts auf 12,000 fl. fest. Wie staunten die Höflinge, als plötzlich aller überflüssige Luxus abgeschafft, ja nicht einmal die reiche Garderobe des vorigen Herrn unter die Kammerdiener vertheilt, sondern versteigert wurde! Sie hatten unter der alten Herrschaft sich Häuser gebaut, als sie aber dem neuen Fürsten ihre Dienste antrugen, dankte dieser mit den Worten: „Anziehen kann ich mich selbst, und ausziehen will ich mich nicht lasten." Er wollte auch nicht von fremder Hand barbirt sein, sondern konnte ähnlich wie Kaiser Joseph II. sagen: „Ich barbire den König!" Dasselbe Rasirmesser hielt vierzig Jahre die Schneide. Er bedurfte keiner ausländischen Tücher, sondern alle Bedürfnisse des Hofes sollten im Jn- lande befriedigt, und die einheimische Industrie gehoben werden. Noch mehr haßte er das Fremde, wenn cS französische Firma trug. Als nämlich einige Hoflieferanten in Deputation bei der neuen Majestät ihr Gesuch um Fortdauer der bisherigen Aufträge mit Klagen über die schwere Zeit im Leichenbitterton vorbrachten, wog der König in der 143 einen Hand das goldene Siegel und Uhrgehänge des einen Bittstellers und sprach mitten- drein: „Schwer! schwer!" Dann Plötzlich den Nebenmann beim Rock fassend: »Wie viel kostet dieses Tuch?" — „Sieben Gulden," stotterte der Verlegene. — „Schön! Meines kostet fünf!" erwiderte der König und ließ sie verblüfft stehen. König Ludwig I. hatte zwar im Allgemeinen ein gutes Gedächtniß für Personen, hielt aber doch einen ein Mal gefaßten Irrthum mit Beharrlichkeit fest. So war es in München allgemein bekannt, wie er stets die beiden Naturforscher, die unter seines königlichen Vaters Regierung Brasilien bereist hatten, Spix und Martius, mit einander verwechselte, und immer Einen für den Andern anredete. Spix starb; der König begegnete Martius, und das erste Wort der Begegnung war: „Ah, Spix! wie freut es mich, daß der . . . Martius todt ist und ich Sie nun doch nicht mehr mit ihm verwechseln kann!" — Als ich, erzählt Förster weiter, in den dreißiger Jahren im neuen Königsbau im Salon der Königin mit Malereien zu Wieland's Dichtungen beschäftigt war, zugleich mit Eugen Neureuther, der den Obcron illustrirte, kam der König eines Mittags herein, die Arbeiten ;n besichtigen. Neureuther war nicht zugegen; ich mußte den Cicerone machen. Bei dem Gastmahl des Chalifcn von Bagdad fiel ihm der reich gekleidete Großvezier als besonders dick anf. „Sagen Sie Neureuther," sprach er zu mir, „der Türke ist zu dick! Ein dicker Türke schickt sich nicht für den Salon der Königin." Neureuther änderte die Gestalt und gab ihr eine feine Taille. Vergebens! Der Türke war noch immer „viel zu dick!" Neureuther schnürte ihn nun zur Unmöglichkeit zusammen — Alles umsonst, er blieb „zu dick!" So löschte ihn Neureuther ganz aus. Aber auch das half noch nichts: der Türke war und blieb zu dick für den Salon der Königin, bis ich mir erlaubte, dem gnädigsten Herrn auf s Gerüst zu helfen und ihn von den: Thatbestand letzter Hand zu überzeuge», womit er sich alsdann vollkommen befriedigt erklärte. * (Der König und die Bcrsctzcrin.) Eines Tages ging ein ältlicher .Herr über den Promcnadeplatz in München und blieb wiederholt, nachdem er eine Strecke mit hastigem Schritt zurückgelegt hatte, stehe«, um sich die Häuser anzuschauen. Eine Vcr< setzerin dachte sich, dieser Herr suche das Versatzhaus und bot ihm, indem sie nach dem Ueberziehcr griff, den er nachlässig am Arme trug, ihre Dienste an. Lächelnd überließ ihr der Herr das Kleidungsstück zur näheren Untersuchung. „Auf dö! alt Schwart'n da kriag'ns frcili weni oder gar nix'n," meinte sie schließlich und gab das Kleidungsstück mit bedauernder Miene dem Herrn zurück, der sich sichtlich erheitert mit der Bemerkung entfernte, daß er daheim schon einen besseren Ueberziehcr habe Tags darauf kam der Herr desselben Wegs mit dem besseren Rock und die Versctzerin fand denselben ohne Bedenken für würdig, in's Versatzhaus zu wandern. Bald kam sie zurück und händigte dem Herrn 10 sl. nebst dem Pfandschein ein. Er nahm de« Pfandschein, schenkte aber die zehn blanken Gulden der dienstfertigen Versctzerin und ging schnellen Schrittes davon. Die Alte wußte nicht, wie ihr geschah, und hielt das Geld bedächtig in der Hand, bis ihr einige Colleginen die Aufklärung gaben, der „noblige Herr" sei der „Kini" gewesen. — Noch bevor König Ludwig I. die Residenz erreichte, sah er unfern dem eben im Neubau begriffenen Hause des Hofconditors den Hofschneidcr, winkte ihn heftig zu sich heran und hielt ihm deu Pfandschein hin: „Seh'n Sie, seh'n Sie selbst, 10 st. habe ich auf Ihren Rock bekommen, mit 80 fl. auf Ihrer Rechnung stehend. Wollen gewiß auch ein Haus bauen, wie der Conditor da; hält aber nicht lang, kann nicht halten, wird von Zucker gebaut, von meinem Zucker." 144 (Eine singende Maus.) Von einer solchen gibt Professor K. Th. Liebe im „zoologischen Garten" Nachricht. „Ich habe jetzt", schreibt er dem Blatte, 8 Tage lang eine „singende Maus" im Käfig auf meinem Zimmer beobachtet. Es ist eine ganz gewöhnliche junge Hausmaus. Ihr Gesang hat mit der gewöhnlichen Stimme der Mäuse nichts gemein, sondern ist theils den hohen Trillern der Lerche, theils den gezogenen Flötentönen der Spros- er, theils den tiefen Trillern (Wassertriller) der Cauarienvögel zu vergleiche», zeichnet sich durch schöne Cadenzen aus und umfaßt zwei Octavcn. Derselbe entsteht einfach dadurch, daß die Luftröhre durch ein Band oder eine Membran verengt ist, Io daß das Thier beim Athmen, und zwar sowohl beim Ein- wie beim Ausathmen, pfeift. Daher fingt es um so schöner und ist der Gesang um so mannigfaltiger, je erregter das Thier ist; in der Todesangst (wenn eine Katze hinter ihm her ist) ertönt es am lautesten. Das Thier singt beim Fressen, beim Putzen rc. Wenn es ruht, hört man nur ein schnüffelndes Athmnngsgeräusch. Uebrigens glaube ich aber, nachdem ich die Maus tagelang beobachtet, daß der Gesang, namentlich die mehr zwitschernde Art des Singens, nicht rein unfreiwillig, sondern freiwillig modulirt und modificirt ist. Die Maus muß singen, aber sie kann, wenn sie sich behaglich fühlt, ihren Gesang ein wenig nach ihrem Geschmack abändern. Sobald sie stirbt, will ich mit dem Messer der Erscheinung nachgehen. Für jetzt-ist freilich die Aussicht auf ein baldiges Ende sehr schwach, denn das Thierchcn ist gesund und munter, obgleich es schon seit einem Vierteljahr in Gefangenschaft gehalten ist". (Eine gräßliche Blutrache.) Jn Dubuque am Mississippi hält sich ein junger Mann Namens Georg Porter auf, dessen Eltern, Brüder, Schwestern und Verwandte, sämmtlich in dem großen Indianer-Gemetzel vom Jahre 1861 im nördlichen Theile des Staates Minnesota ermordet wurden. Er ist also der einzige Ueberlebende, er war allein übrig geblieben, um damals diese schreckliche Nachricht zur nächsten Niederlassung zu tragen- In einer kurzen Stunde hatte er Alle verloren, welche er auf Erden liebte, und fortwährend vor Augen das Bild jenes gräßlichen Blutbades, dem er selbst nur durch ein Wunder entronnen, schwur er feierlich, sich zn rächen. Der Leser mag urtheilen, wie gut er seinen Schwur erfüllt hat, wenn wir heute melden, daß der junge Porter während sechs Jahren, ganz allein, nur unter dem Beistande seiner treuen Büchse, die Seelen von 108 Indianern in die glücklichen Jagd- gründe ihres Jenseits geschickt hat. Erträgt ein 12 Zoll langes Stück Rohr bei sich, in welches er jedesmal einen Kerb hineinschneiden wollte, wenn es ihm gelang, einen Indianer zu tödte». 108 solcher Einschnitte können nun in seinem Rohr nachgezählt werden, der letzte wurde am Weihuachtsfeste des Jahres 1866 geschnitten. Bei Nacht und bei Tag, durch Wald und Dickicht, über Gebirge und Prairien folgte er seinen Opfern; aber aus allen diesen gefährlichen Scenen ist Porter natürlich nicht unverletzt hervorgegangen, denn sein Körper ist mit 11 Streifschüssen und 33 Messerwundeu gekennzeichnet, ohne jedoch all diesen Gefahren erlegen zu sein. Wahrlich seine Eltern und Verwandten sind furchtbar gerächt! Charade (.Dreisilbig. > Den Fragewörtern angehört DaS Wörtlein stehend oben an. Schließt diesem sich das Wort noch an. Das nennt, was rettet, ziert und ehrt, Wenn droh'n Gefahren, einem Mann, Dann sch'n gebildet wir das Ganze, Ein Wort, so Name einer Pflanze, Die allenthalben wohl gedeiht, Doch stets nur würzt mit Bitterkeit. Auflösung der Charade in Nr. 16 „Bildersturm." Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von Dr. M. Huitler.